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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 26,17-29</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 26,17-29, 22. Februar 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5011 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 88–101.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 26,17-29</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 88-101</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 207</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 26,17-29, 22. Februar 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1649">KBA 1185</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-02-22">22. Februar 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <idno>207</idno>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-02-22">22. Februar 1914</date>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.17 Mt.26.29">Matthäus 26,17–29</ref>
                        </cit>
          </epigraph>
          <argument>
            <ab>
                            <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> der Verräter — das Abendmahl
            </ab>
                    </argument>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Wir gehen nun wieder der Passionszeit entgegen. Von allen christlichen Festzeiten
               bringt sie uns die ernstesten und wichtigsten Gedanken. In der Passionszeit werden
               wir vor das innerste Heiligtum des christlichen Glaubens und Lebens geführt. Passion
               heißt <hi rend="italic">Leiden</hi>. Um das Leiden und Sterben Jesu handelt es sich.
               Schuldlos hat er leiden müssen, er der Reine, Aufrichtige, Gerechte, Liebende, leiden
               unter brutalen Schicksalsmächten, unter menschlicher Bosheit und Torheit, unter der
               Gewalt des, allbezwingenden Todes. Ein sinnloser entsetzlicher Vorgang: das
               vollkommenste Leben, das wir uns denken können, das Licht Gottes in der Welt leidend,
               unterdrückt, zu Boden gestampft. Das Unerhörte dieses Ereignisses wollen wir uns
               wieder einmal lebendig vor die Seele treten lassen, mit einstimmen wollen wir wieder
               ein<pb xml:id="p089" ed="pga" break="no"/>mal in die alte Klage des Christenvolkes: O Lamm Gottes, unschuldig am Kreuzesstamm
                  geschlachtet!<note xml:id="n01">
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-75">Lied 117 (EKG 55) nach <persName ref="kbga-actors-1349">Nik. Decius</persName> (nach
                     1485 bis nach 1546), Strophe 1.</bibl>
                        </note> Durchdringen
               lassen wollen wir uns wieder einmal von der Erkenntnis, was das für eine Welt ist, in
               der Solches möglich wurde. Und vom Kreuze Christi aus sollen dann unsere Gedanken
               weiter wandern, und vor unsere Seele treten sollen uns mit voller Wucht das Leiden
               und Sterben, die Seufzer und Tränen, das Elend und Unrecht, von denen die ganze Welt
               erfüllt ist. Ist es nicht auch eine Passionsgeschichte, das Menschenleben im Großen
               und im Kleinen? Redet uns nicht jeder Tag von schmerzlichen, unabänderlichen
               Schicksalsfügungen? Von unterdrücktem Leben, von gelöschten Lichtern? Von der
               Wahrheit, die schweigen muß, vom Recht, das gebrochen und geknebelt wird, von der
               Liebe, die die bittersten Enttäuschungen durchmachen muß in dieser Welt?</p>
        <p>Zweierlei Licht fällt vom Kreuze Jesu auf das Leiden in unserem Leben. Entweder wir
               haben selber zu tragen und zu leiden, wir stehen unschuldig in Bangigkeiten, Nöten
               und Ungerechtigkeiten, und die Frage: Warum? verbrennt uns das Herz. Dann sagt uns
               der leidende Jesus: sieh, so ist es auch mir gegangen, so muß es gehen im Leben. Wir
               spüren dann, daß das Leiden nicht etwas Besonderes, Zufälliges ist, das nur uns
               widerfahren würde, sondern eine große allgemeine notwendige Grunderfahrung, Gott
               selber leidet. Gewaltig vergrößert und vertieft wird unser Schmerz durch dieses
               Bewußtsein. Oder aber wir sind am Leiden dieser Welt, an unserem eigenen und an dem
               der Anderen mitschuldig. Wir haben nicht nur gelitten, sondern selber das Höhere,
               Göttliche verleugnet, heruntergezogen und gekreuzigt. Wir haben die besseren Gedanken
               und Regungen in uns erstickt und sind trübe, armselige Wesen geworden. Wir haben
               durch unser Verhalten: durch unsere Gleichgültigkeit oder durch unseren schlechten
               Willen auch Andere hinuntergedrückt und untengehalten. Unseretwegen vergießen sie
               unschuldig Tränen, unseretwegen müs<pb xml:id="p090" ed="pga" break="no"/>sen sie unschuldig Lasten tragen, die ihnen zu schwer sind, unseretwegen gehen sie
               enttäuscht und verbittert durchs Leben. Was hilft es uns, wenn wir uns [her]ausreden:
               ich bin nicht allein schuldig! Andere tragen auch ihren Teil bei zu den Ursachen des
               Leides, des Traurigen in der Welt. Ja, ist es denn nicht genug, wenn wir mitschuldig
               sind? Mitschuldig daran, daß Gott leiden muß in der Welt? Da sagt uns der leidende
               Jesus: sieh, so hat man es auch mir gemacht! Da sagt er uns, daß nicht nur das Kreuz
               etwas Allgemeines, Notwendiges ist, das durch das ganze Leben hindurchgeht, sondern
               auch die Sünde, die das Kreuz auf dem Gewissen hat. Jesus sagt uns: deine Sünden
               haben mich geschlagen!<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-songs-79" type="song">Lied 111: «Herzliebster Jesu» von <persName ref="kbga-actors-1366">J. Heermann</persName>
                     (1585–1647), Strophe 2 (EKG 60)</bibl>: <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l xml:space="preserve">Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen?</l>
                                    <l xml:space="preserve">Ach, meine Sünden haben dich geschlagen.</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note> und gibt uns so zu dem Bewußtsein der Not hinzu das Bewußtsein der
               Verantwortlichkeit dafür: du bist auch so Einer! Du hilfst auch, Leiden zu
               verursachen oder schwerer zu machen.</p>
        <p>Aber das ist doch nur das Eine an der Passionszeit, daß sie uns das Leiden Jesu und
               unser Leiden, das Leiden Gottes in der Welt mit Flammenschrift wieder in Erinnerung
               bringt samt dem, was dies Leiden verursacht hat. Das ist nur das Eine, daß sie uns
               zur Klage und Anklage aufruft angesichts der Not und der Sünde der Menschheit. Das
               Kreuz Christi redet uns von der <hi rend="italic">Versöhnung</hi>, vom Frieden, von der
               Überwindung des Leides. Von jenem entsetzlichen Bilde des unschuldig, unter der Sünde
               Anderer Leidenden geht zugleich das herrlichste Leuchten aus, das nur je ein Ereignis
               der Geschichte um sich verbreitet hat. Wie hoch und heilig, wie göttlich steht Jesus
               da, wenn wir nun nicht mehr auf sein Leiden achten und auf die Sünde, die es ihm
               bereitet hat, sondern auf die Art, [wie] er sein Leiden getragen und dadurch
               hindurchgegangen ist! Wie leuchtend hebt er sich ab von der Finsternis, die ihn
               umgab. Wie hat er sich selber in der Gewalt gehabt, so daß er keinen Schritt vom Wege
               seitab getan hat, auch nicht in der höchsten Not und Bedrängnis! Wie hat er in jenen
               <pb xml:id="p091" ed="pga"/>
                Tagen, wo Feigheit, Gemeinheit und Brutalität ihn von allen Seiten umgab, unentwegt
               das Böse durch das Gute überwunden [vgl.
                <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.21">Röm. 12,21</ref>]. Wie ist er Gott treu geblieben, gehorsam
               vertrauend, dem Gott, der ihn so unbegreifliche, so finstere Wege führte! Die Liebe,
               die Wahrheit, das Recht, das Gute, Göttliche, es triumphiert, es gewinnt es, es zeigt
               sich schöner und wirksamer als je, gerade wenn es leiden muß, wenn es scheinbar
               niedergetreten und ausgerottet wird. Das ist die wunderbare Botschaft des Kreuzes
               Christi.</p>
        <p>Sind wir selber traurig, bedrückt, niedergeschlagen von dem, was wir zu tragen haben,
               so sagt uns der leidende Jesus: sieh, du kannst auch hindurch- und emporkommen,
               Gottes Kraft ist gerade in Leid und unter Tränen mächtig. Das Leid ist das mächtige
               Mittel, durch das Gott an uns arbeitet zu unserem Heil. Aus dem Schmerz wird immer
               wieder die Freude geboren, aus der scheinbaren und vorübergehenden Niederlage wird
               der ewige Sieg. Und wenn wir nicht nur selber leiden, sondern auch selber leiden
               machen, selber mitschuldig sind, daß Andere in Kummer und Not sind — und das sind wir
               alle — dann ruft uns der leidende und doch gerade im Leiden so große und überlegene
               Knecht Gottes zur Besinnung. Sieh, was du getan, was du verursacht, mit verursacht
               hast! sagt er uns. O kehr doch um! Tritt auf die rechte Seite, laß die Nebengedanken
               und Nebenabsichten und werde rein! laß das Hassen oder die Gleichgültigkeit und laß
               dich von der Liebe erfüllen! Eindringlichst redet das Kreuz Christi uns ins Gewissen,
               uns Mitschuldigen allen, redet uns davon, wie wir uns selbst und Andere verderben,
               redet uns von der überlegenen Güte Gottes, weckt Beschämung in uns und Sehnsucht nach
               Befreiung von der Schuld und schließlich die Kraft, von der Schuld wirklich frei zu
               werden. So versöhnt uns das Kreuz Christi mit Gott — mit dem Gott, der uns oft rauhe
               Wege führt und dessen Gedanken höher und vor Allem anders sind als unsere Gedanken
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.55.8 Jes.55.9">Jes. 55,8f.</ref>] — und mit
               dem Gott, der heilig ist und gerecht und vor dem wir nicht bestehen können mit einem
               beladenen und befleckten Gewissen.</p>
        
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p092" ed="pga"/> Von dieser versöhnenden, mit Gott versöhnenden Kraft des Leidens und Sterbens Jesu
               wollen wir heute und an den bevorstehenden Sonntagen bis Ostern reden hier in der
               Kirche. Aber nicht wahr, nicht nur davon reden und reden hören hier in der Kirche,
               sondern anwenden, in uns aufnehmen, Wirklichkeit werden lassen draußen im Leben. Gott
               helfe uns, daß uns die Passionszeit zu einer Zeit lebendiger Erfahrungen und heiliger
               Entschlüsse werde.</p>
        <p>Heute wollen wir zwei Bilder aus der Leidensgeschichte betrachten, die sich
               untereinander sehr unähnlich sind und die doch von allen vier Evangelisten
               unmittelbar nebeneinander gestellt wurden: <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> der Verräter, wie er erkannt und
               genannt wird als das, was er ist, und die Einsetzung des heiligen Abendmahls.
               Offenbar gehören sie doch zusammen, diese beiden Bilder.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName></hi> zuerst. Der merkwürdige traurige Mensch, der seinen Meister
               verraten hat. Es ist viel über ihn geredet und geschrieben worden. Und es ist ja
               begreiflich, daß man sich für ihn und für die Gründe seiner Tat besonders
               interessiert hat. Ich habe immer den Eindruck gehabt, <persName ref="kbga-actors-2301">Judas Ischarioth</persName> war im Grunde
               nicht schlechter als so manche Christen nach ihm. Vielleicht steckt in jedem von uns
               etwas von der Art des <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>, etwas, das überwunden werden muß und das wir vielleicht
               noch nicht überwunden haben. Vor zwei Jahren sagte ich am Ende einer Predigt, jeder
               von uns müsse dazu kommen, sich zu gestehen: Ich bin der <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>! Das ist damals nicht
               von Allen verstanden worden, und ich bin doch auch jetzt der Meinung, daß wir besser
               tun, ihn nicht als eine ganz besondere einzigartige Erscheinung des Bösen zu
               betrachten und zu verachten, sondern in ihm wie in einem Spiegel uns selbst zu
               beschauen und das, wozu eben auch wir fähig wären, auch wenn wir vielleicht davor
               bewahrt werden, es wirklich und völlig zu tun. Was ists denn, was er mit jedem von
               uns gemeinsam hat? <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> ist die Verkörperung des <hi rend="italic">schlechten
                  Willens</hi>, so möchte ich es heute ausdrücken. Wie man auch seine schändliche
               Tat erklären mag, sicher ist, daß es ihm nicht an Gelegenheit gefehlt hat, etwas
               Besseres kennenzulernen, er hatte das große Vorrecht, Jesu Ver<pb xml:id="p093" ed="pga" break="no"/>trauen und Liebe zu genießen, sein Leben und Lehren von Anfang an miterleben zu
               dürfen. Was für eine Fülle schöner, heiliger Eindrücke durfte er aufnehmen, wie
               mächtig mußte Gottes Stimme in seiner Seele ertönen, wie war es ihm leicht, fast
               selbstverständlich gemacht, sich von Gott erziehen zu lassen! Er aber wollte nicht.
               Ob es Eigenliebe war oder Geldliebe oder eine verwerfliche Leidenschaft, die er nicht
               aufgeben und doch in Jesu Gegenwart auch nicht fortsetzen konnte — wir wissen es
               nicht. Kurzum, er wollte nicht. Und das Nicht-Wollen war so stark in ihm, daß er
               sogar zum Verräter, zum Mörder an Jesus wurde.</p>
        <p>Aber wir wollen nicht von <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> reden, sondern von <hi rend="italic">Jesus</hi>. Wie hat
               er leiden müssen unter diesem Menschen. Sicher nicht erst an diesem letzten Tage,
               sondern längst, immer vielleicht. Sicher nicht bloß darum, weil er ihm dieses
               Schlimme tat, sondern, weil er ihm überhaupt anspürte: er ist anders als ich, und er
               will nichts von mir annehmen, er will sich nicht herüberziehen lassen, er wehrt sich
               still aber entschlossen gegen meinen Einfluß, Alles, was ich tue und sage, ist für
               ihn verloren, er ist gegen mich, wenn er [auch] lange vor der Welt mein Jünger ist.
               Ein beständiger Schmerz mußte dieser Mensch für Jesus sein. Jesus wollte ja nichts
               als Licht und Liebe verbreiten, Samen auswerfen, Kraft ausströmen. Jesu Glück war es,
               mit vollen Händen zu geben, zu schenken, was in ihm war, Freude, Frieden, Einsicht
               und guten Willen zu pflanzen. Und nun ein solcher eiserner Damm schlechten Willens in
               seiner nächsten Nähe, unter seinen Wander- und Tischgenossen. Jesus konnte mit
               offenkundigen Sündern freundschaftlich verkehren, wenn er nur spürte, sie lassen mich
               an sich herankommen, sie lassen mit sich reden, sie sehnen sich im Grunde nach etwas
               Anderem. Jesus konnte über schwere Vergehen und Verbrechen sogar hinwegsehen bei den
               Leuten, wenn er nur fühlte oder ahnte: ihre Seele ist vielleicht besser als ihr
               Leben. Jesus hat sogar bis ganz zuletzt auch die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht
               aufgegeben, ist auch ihnen immer wieder nachgegangen, so strenge, oft höhnische Worte
               er auch gegen sie brauchte. Aber was sollte er tun, wenn er den einfachen, harten
               schlechten Willen
               <pb xml:id="p094" ed="pga"/>
                spüren mußte, weniger äußerlich als innerlich wie bei <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>? Nicht nur bei <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>
               mußte er ihn spüren, auch bei den Anderen, bei der stumpfen, schwankenden Volksmasse,
               bei seinen Gegnern, aber auch bei seinen Jüngern, die Getreuesten nicht ausgenommen.
               Aber bei <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> war diese Gesinnung gleichsam verkörpert Person geworden. Der
               schlechte Wille war das Kreuz im Leben Jesu, lange bevor er den Gang nach <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>
               antreten mußte.</p>
        <p>Wir kennen diese Gesinnung auch, meine Freunde. Erstens stoßen wir auf sie, wenn wir
               einander gegenseitig kennenlernen. Ich denke, wir kennen das, wie man oft mit einem
               Anderen reden und verkehren und bis zu einem gewissen Grad ihm nahetreten kann, dann
               aber sehen wir plötzlich: halt, bis hierher und nicht weiter! Von da an kann er mich
               nicht mehr verstehen, nein, er will nicht. Es ist da ein verborgener Widerstand in
               seiner Seele, der eine weitere Annäherung nicht zuläßt. Sind wir nicht auf allen
               Seiten von solchen Schranken umgeben, fühlen wir nicht, wie fast überall der gute
               Wille nur bis zu einem gewissen Grad geht, dann aber aufhört und übergeht in ein
               bestimmtes: Ich will nicht! Zweitens stoßen wir auf den schlechten Willen, wenn wir
               uns selbst kennenlernen. O ja, und erst wenn wir uns selbst kennen, jene Abgründe und
               Schranken in uns, über die wir nicht hinwegkommen und nicht hinwegwollen, erst dann
               verstehen wir, was es mit dem schlechten Willen bei den Anderen auf sich hat.
               Manchmal heißt der schlechte Wille Trägheit und manchmal Leidenschaft, manchmal Trotz
               und manchmal Leichtsinn, oft ist von allen vieren etwas darin, aber immer ist es im
               Grunde dasselbe: wir wissen wohl, was gut und richtig wäre, aber es soll eben nicht
               sein, daß wir es zugeben, daß wir uns danach einrichten.</p>
        <p>Wie hat sich nun Jesus zu dieser Tatsache gestellt, zu <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>, dem Unglücksmenschen?
               Wir müssen vor Allem sagen, daß er sich <hi rend="italic">nicht darüber getäuscht
               hat</hi>, daß er den schlechten Willen als eine Tatsache gesehen und anerkannt hat.
               «Einer unter euch wird mich verraten!» Es gehört zu dem Größten des Leidens Jesu, daß
               er nicht mit geschlossenen, sondern mit offenen Augen gelitten hat. Und er wollte,
               daß auch seinen Jüngern die Augen aufgingen, daß
               <pb xml:id="p095" ed="pga"/>
                sie zum Bewußtsein kämen, um was es sich handle. Die erschrockene Frage, die sich
               ihnen allen auf die Lippen drängt: Herr, bin ichs? zeigt, wie es sie erschütterte,
               als ihnen halbwegs die Augen aufgingen. Es war doch schon etwas Heilsames in der
               Erschütterung, die Jesus ihnen da bereitete. Sie lernten sich selber und einander
               gegenseitig kennen in dem Augenblick, wo es ihnen so unwillkürlich allen herausfuhr:
               Herr, bin ichs! Wie mußten sie ernüchtert sein, nachdem einmal jeder sich offen das
               Schlimmste zugetraut hatte! Es ist ein Gewinn, meine Freunde, wenn es auch ein
               trauriger Gewinn zu sein scheint, wenn wir einsehen: ich bin meiner selbst und ich
               bin so vieler, der meisten Anderen nicht sicher. Es ist viel schlechter Wille in der
               Welt und in mir, viele Stellen, wo bis jetzt alle Wahrheit, alles Licht, alle Liebe
               Gottes sozusagen nutzlos gewesen sind.</p>
        <p>Merkwürdig ist nun aber doch, daß Jesus es einfach <hi rend="italic">anerkennt und
                  hinnimmt</hi>, daß er unter der Gesinnung des <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> und ihren Folgen <hi rend="italic">leiden muß</hi>. Er sagt: einer von euch wird mich verraten!, ohne daß ihm auch
               nur der Gedanke kam, ihn etwa daran zu verhindern. Er weiß: des Menschen Sohn gehet
               dahin, und weiß, wer daran Schuld sein wird, aber er rührt nicht einen Finger, um
               etwas daran zu ändern. Wir müssen sehr tief nachdenken, um zu verstehen, warum Jesus
               es so macht. Wir werden ja viel öfters in den Fall kommen, es anders zu machen: wenn
               wir den bösen Willen am Werk sehen in uns selbst oder in Anderen, dann müssen wir uns
               ihm entgegenstellen, dann dürfen wir ihn nicht walten lassen, sondern haben die
               Aufgabe, ihn niederzukämpfen, zu überwinden. Aber es gibt auch für uns Fälle, wo wir
               das nicht können und auch nicht sollen, wo wir dem Bösen seinen Lauf lassen müssen,
               damit es sich vollende und schließlich in sich selbst zusammenbreche. Freilich, nie
               dem Bösen in uns selbst, aber dem Bösen, das wir um uns in der Welt und den Menschen
               wahrnehmen. Der Vater im Gleichnis zahlt dem verlorenen Sohn sein Vermögen aus und
               läßt ihn ziehen, obwohl er weiß, es wird ihm zum Verderben sein [vgl. 
               <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.12 Lk.15.13">Lk. 15,12f.</ref>]. So müssen wir es oft
               hinnehmen, daß wir unter dem Schlechten einfach leiden müssen, daß
               <pb xml:id="p096" ed="pga"/>
                wir einsehen müssen: mit Gegenwehr werde ich das Böse nur noch steigern und
               verhärten, lasse ich es dagegen gewähren, und wenn es mir noch so weh tut, dann wird
               es zwar gewaltig überhandnehmen und mich vielleicht fast erdrücken, schließlich aber
               wird es ja sicher nicht das letzte Wort behalten. So hat Jesus dort den schlechten
               Willen in <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> sich auswirken lassen, obwohl er ihm den Tod brachte. Er wußte: diese
               Gesinnung muß einmal zur Entfaltung kommen, zur gemeinen ruchlosen Tat, geschieht es
               jetzt nicht, so würde es später geschehen. Ist es aber einmal geschehen, so hat diese
               Gesinnung sich für immer selbst gerichtet, wie die Biene ihren Stachel verliert, wenn
               sie einmal gestochen hat. Und so mag es denn geschehen! mag denn das Übel seinen Lauf
               nehmen. Fast zu groß könnte uns das Verhalten Jesu in diesem Punkt erscheinen. Aber
               ich denke, daß wir uns darüber wenigstens nicht täuschen werden, auch wenn wir
               wahrscheinlich ganz anders gehandelt hätten: es war Stärke und nicht Schwäche, ruhige
               Überlegung und nicht kleinliche Furcht, wie Jesus es dort gemacht hat. Wir müssen
               bloß hinzunehmen, was aus unserer Geschichte ganz deutlich hervorgeht, daß Jesus
               keinen Augenblick daran gezweifelt hat, daß der schlechte Wille des <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> es
               schließlich und endgültig <hi rend="italic">nicht gewinnen werde</hi>. Jesus überschaut
               mit weitem kühnen Blick das Leiden, das ihm jetzt beschieden ist, und gegen das er
               nichts machen kann noch will. Jenseits des Leidens ist die Herrlichkeit, an der ein
               <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> nichts ändern kann. Ach nein, traurig wenden sich jetzt Jesu Gedanken — nicht
               zu seinem eigenen Geschick — aber zu dem, der daran schuldig sein wird. Nicht Jesus
               ist zu bedauern, der leiden muß, sondern <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>, der ihn leiden macht. Des Menschen
               Sohn geht zwar dahin, wie geschrieben steht, wehe aber dem Menschen, durch welchen
               des Menschen Sohn verraten wird. Seht da, wie wir uns halten müssen, wenn uns Unrecht
               geschieht im Leben. Warum uns beklagen darüber? Uns geschieht nichts Schlimmes! Wohl
               aber denen, die uns Unrecht tun. Wenn wir leiden unter ihnen, wollen wir denken, daß
               sie selber noch viel mehr darunter leiden. Der schlechte Wille richtet sich immer
               selbst. Er kann es nicht gewinnen. Wir dürfen
               <pb xml:id="p097" ed="pga"/>
                getrost über ihn hinwegsehen, auch wenn er noch so stark ist und scheinbar noch so
               viel ausrichtet um uns her. Schließlich wird er sicher nicht Meister bleiben. Und
               wenn wir nun selber die sind, die Unrecht tun, unter denen Andere leiden müssen? O
               dann wird es eine furchtbar ernste Mahnung, dieses Wort: Es wäre ihm besser, wenn er
               nie geboren wäre! Dann wendet sich Alles, was wir gehört, gegen uns, statt daß wir
               uns damit trösten könnten. Wir können wohl trotzen und protzen: ich will nicht! ich
               will mich nicht überzeugen, gewinnen, bekehren, verändern lassen! Wir können wohl
               Andere leiden machen mit unserem schlechten Willen, können vielleicht darüber
               triumphieren: so, nun habe ich etwas getan, jetzt habe ichs zu merken gegeben, was
               ich kann, wenns darauf ankommt. O wir Armseligen! Mit jedem Wort strafen wir uns
               selber. Was wir den Anderen antun können mit unserem schlechten Willen, das hat nicht
               viel zu sagen, das geht vorüber, wohl aber ruinieren wir uns selber damit, bringen
               uns immer mehr in ein unglückliches verlogenes Verhältnis zu uns selbst, das uns
               schließlich zum Ekel und zur Qual werden muß. Wir müssen daran denken, wie <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>
               geendigt hat: er hat sein Leben von sich geworfen, noch bevor seine böse Saat völlig
               aufgegangen war. So böse Früchte trug sein schlechter Wille — nicht für Jesus aber
               für ihn selbst. Nicht jeder schlechte Wille endigt genau dort wie <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>. Aber denken
               wir daran, daß wir auf dem Wege des <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> sind, wenn wir dabei bleiben: ich will
               nicht! obwohl wir das Bessere einsehen. Vor Gottes Urteil kommt es einmal nicht
               darauf an, ob wir bis zum bösen Ziel gelangt sind, der böse Weg genügt, um uns zum
               Gericht zu werden. Jesus aber wird es auch über unser Trotzen und Protzen hinweg
               gewinnen, darauf können wir uns verlassen.</p>
        <p>So also stellte sich Jesus, als ihm der schlechte Wille in der Person des <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>
               gegenübertrat: er sah ihn und wollte ihn sehen als eine lebendige Tatsache — er ließ
               ihn sich auswirken und vollenden — aber er zweifelte auch keinen Augenblick an seinem
               sicheren Zusammenbruch. So litt Jesus unter dem schlechten Willen, und zugleich
               siegte er über ihn.</p>
        <milestone xml:id="m007" unit="page"/>
        
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p098" ed="pga"/> Und nun wollen wir das zweite Bild unseres Textes unmittelbar daneben halten, die
                  <hi rend="italic">Einsetzung des heiligen Abendmahles</hi>. «Laß dich nicht vom
               Bösen überwinden, sondern überwinde du das Böse mit dem Guten!» 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.21">Röm. 12,21</ref>]. 
               Dieses Wort des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
               könnten wir zwischen die beiden Geschichten schreiben, um zu verstehen, wie sie
               untereinander zusammenhängen. Es könnte uns nicht wundern, wenn Jesus nach dem, was
               vorangegangen war, tief entmutigt und entsetzt gewesen wäre: über diese Gesinnung,
               diese Tat und ihre Folgen. Wie können wir Anderen oft so entmutigt sein, wenn wir mit
               dem schlechten Willen irgendwo wieder einmal zusammengestoßen sind. Das drückt so
               nieder. Das macht Einen so freudlos und hoffnungslos. Aber nun sehen wir, daß Jesus
               wirklich <hi rend="italic">gesiegt</hi> hat, indem er litt. Wir sehen es an dem, was er
               nun tat. Er läßt den einen Verlorenen seinen traurigen Weg gehen und sammelt die
               übrigen Getreuen, um ihnen aufs nachdrücklichste zu bezeugen, daß die Liebe Gottes,
               von der er sich getrieben fühlte, stärker sei als aller schlechter Wille. Ja, er
               verheißt ihnen, daß nun gerade das, was der schlechte Wille böse zu machen gedachte,
               zu etwas Gutem werden muß. Er heißt sie ihren Blick von der Vergangenheit ab und über
               die schlimme Gegenwart hinweg in die Zukunft Gottes lenken — und er sagt ihnen: die
               schlimme Gegenwart ist der Weg in die Zukunft Gottes. Es ist ein Wunder, wenn man es
               recht ansieht, wie Jesus da in einer kurzen Stunde zuerst vor der eisernen Mauer des
               schlechten Willens seines einen Jüngers steht, an dem alle seine Liebe und Güte
               wirkungslos abgeprallt war — und dann wendet er sich mit ungebrochener Freudigkeit
               den Übrigen zu und verspricht ihnen: was jetzt geschehen wird durch die Macht des
               Bösen, das geschieht doch noch zum Heil, wenn ihr es annehmen wollt. Daß mein Leib
               gekreuzigt, mein Blut vergossen werden wird, das soll und kann euch zugute kommen.
               Nehmet und esset! Trinket alle daraus! sagt er, indem er ihnen Brot und Wein reicht,
               und bedeutet ihnen damit: ich habe für euch gelebt, ich sterbe für euch, nun nehmet,
               nehmet, so werdet ihr leben! Was für einen Glauben braucht es, was für ein
               unerschütterliches Vertrauen nach der schmerzlichen Erfah<pb xml:id="p099" ed="pga" break="no"/>rung von vorher, so zu denken und zu reden! Wer bürgte ihm dafür, daß nicht auch bei
               den Anderen Alles scheitern würde an der eisernen Mauer des schlechten Willens, der
               ja auch in ihnen steckte, wer bürgte ihm dafür, daß sie wirklich essen und trinken
               würden, wie er es meinte, annehmen, was er war und wollte, wer bürgte ihm dafür, daß
               sein guter Same auch da [nicht] verloren war? Aber er fragt nicht so, er streut
               einfach seinen Samen aus auf Hoffnung. Er glaubt einfach fest daran: Aus dem, was
               <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> verschuldet, muß ein Segen kommen, und so bietet er noch einmal an, was er zu
               bieten hatte, sich selber: nehmet, esset! Werdet gehorsam! Lasset euch leiten!</p>
        <p>Ist es nicht ein rechtes versöhnendes Siegeszeichen, dieses letzte Mahl Jesu mit
               seinen Jüngern, und was er dabei gesagt hat? Er hat ja recht behalten: Unzähligen
               Menschen ist sein Leiden und Sterben zu einer Lebensmacht geworden, sie mußten vor
               dem Kreuze gehorsam werden. Soll er nicht auch bei uns recht behalten? Vielleicht
               gehören wir zu denen, die unter fremdem schlechtem Willen zu leiden haben. O, dann
               wollen wir uns nicht müde machen lassen, guten Samen auszustreuen. Sieh da, wie Jesus
               den Verräter muß ziehen lassen und dann freudig fortfährt: nehmet, esset, trinket
               alle daraus, wie er Leben und Sündenvergebung anbietet, unbeirrt, unenttäuscht,
               sicher seiner Sache. So müssen wir es auch machen. So helfen wir die Welt [zu]
               erobern und sie zu einem Reiche des guten Willens zu machen. Aber vielleicht gehören
               wir zu denen, die selber Andere leiden machen durch unseren schlechten Willen. Wir
               sind trotzig, bös und töricht gewesen und müssen es einsehen: ich war auf dem Wege
               des <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>! Was soll uns dann das Siegeszeichen des Abendmahls? O, dann hat es uns
               erst recht viel zu sagen, Gott sei Dank, daß es für uns noch nicht zu spät ist wie
               für <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>. Dann wollen wir aber der Einladung Jesu folgen: essen und trinken, d. h.
               annehmen, was Jesus uns geben will von sich selber: seinen Geist und Sinn, sein Leben
               und seine Kraft. Hineinlassen in die Seele! das heißts dann. Da muß Jesus den
               schlechten Willen in uns zerbrechen, jenen
               <pb xml:id="p100" ed="pga"/>
                blinden stumpfen Widerstand, muß guten Willen an die Stelle pflanzen.</p>
        <q rend="block">
          <lg>
            <l xml:space="preserve">Blick empor zum Kreuzesstamme!</l>
            <l xml:space="preserve">Kehre wieder, fürchte nicht,</l>
            <l xml:space="preserve">daß der Gnädige dich verdamme,</l>
            <l xml:space="preserve">Dem sein Herz vor Liebe bricht!<note xml:id="n03">Aus <bibl corresp="kbga-songs-176" type="song">Lied 222: «Kehre wieder, kehre wieder …» von <persName ref="kbga-actors-1254">K. J. Ph. Spitta</persName> (1801–1859), Strophe 3.</bibl></note></l>
          </lg>
        </q>
        <p>Das Bild des Abendmahls zeigt uns, wie Jesus den schlechten Willen durch seinen guten
               Willen überwunden hat. Das ist noch mehr, als was uns jenes erste Bild zu zeigen
               hatte. Dieses Bild soll uns nicht aus der Seele weichen, gleichviel, ob wir in diesem
               Augenblick mehr Jesus gleichen, der von <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> verraten worden ist, oder <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>, der
               Jesus verraten hat. Meistens ist etwas von Beiden zugleich in uns. Die Passionszeit
               verkündigt uns aber die Versöhnung in beider Hinsicht: in der Not, die wir erleiden
               müssen, und in der Not, an der wir schuld sind. Wir wollen Beides annehmen, liebe
               Freunde, wir haben es bitter nötig: tragen zu lernen, was wir tragen sollen, und frei
               zu werden von dem, was uns beschmutzt und Anderen zur Qual wird. Möchte diese Zeit
               uns allen etwas davon bringen: von Tragkraft und von Freiheit!</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-1383">C. F. Meyer</persName></hi>, unser Schweizer Dichter, hat in einem wundervollen
               Lied von der Passionszeit und von der rechten Art, sie zu feiern, geredet, und mit
               seinen Worten wollen wir heute schließen: <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">Jetzt, da die Zeit sich nähert deiner Leiden,</l>
                                <l xml:space="preserve">Laß mich von allen Eitelkeiten scheiden</l>
                                <l xml:space="preserve">Und laß mich deine Schmerzen nur betrachten,</l>
                                <l xml:space="preserve">Die dich umnachten.</l>
                                <l><lb/></l>
                                <l xml:space="preserve">Du bist für mich gestorben, und das Leben,</l>
                                <l xml:space="preserve">Das ewge, hast du mir dafür gegeben.</l>
                                <l xml:space="preserve">Laß mich dein totes Angesicht beschauen</l>
                                <l xml:space="preserve">Und dir vertrauen.</l>
                                <l><lb/></l>
                                <l xml:space="preserve"><pb rend="noPipe" xml:id="p101" ed="pga"/>Laß mich zu deinem heilgen Kreuze eilen</l>
                                <l xml:space="preserve">Und laß mich deine herben Schmerzen teilen!</l>
                                <l xml:space="preserve">Du bist für mich geopfert, heilges Wesen!</l>
                                <l xml:space="preserve">Laß mich genesen!<note xml:id="n04"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-227"><persName ref="kbga-actors-1383">Conrad Ferdinand Meyer</persName>, 1825–1898. Das Lied ist z. B. abgedruckt in: EKG, Ausgabe für die Evangelische Kirche in Bremen, Nr. 419</bibl>.</note></l>
                            </lg>
                        </q>
            </p>
          </div>
          <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
