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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Römer 1,16 (VI)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Römer 1,16 (VI), 15. Februar 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5010 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 75–88.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Römer 1,16 (VI)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 75-88</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 206</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Röm 1,16 (VI), 15. Februar 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1645">KBA 1184</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-02-15">15. Februar 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <idno>206</idno>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, <date>den 15. Februar 1914</date>
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          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16">Römer 1,16</ref>
                            <span>
                                <idno>VI</idno>
                            </span>
              <quote>Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes,
                        selig zu machen Alle, die daran glauben.</quote>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Wir haben am letzten Sonntag viel Großes gehört von der seligmachenden Gotteskraft
               des Evangeliums. Gemeinschaft mit ihm, der das ewige Licht, die ewige Güte, der ewige
               Friede ist, bringt es uns. Er unser Vater und wir seine Kinder. Diese Gemeinschaft
               ist die Seligkeit im Diesseits und im Jenseits. Wem sie geschenkt ist, der wird in
               Kampf und Arbeit, durch Siege und Niederlagen hindurch nach und nach Meister über
               Versuchung, Sünde und Schuld. Der lernt es, trotzig und unverzagt zu sein auch in Not
               und Unheil, freudig auch unter Tränen. Der wird zu einem Helfer auch für Andere, die
               Leid tragen, und zu einem Streiter gegen Lüge und Unrecht, wo sie sich auch finden.
               Der erwartet schließlich auch den Tod nicht als ein unvermeidliches Unheil, sondern
               als die gute und willkommene Vollendung dessen, was er in der Kraft Gottes hat
               erleben und tun dürfen.</p>
        <p>Aber nun melden sich die Bedenken und Zweifel zum Wort: Ich spüre so nichts oder so
               wenig von der verheißenen Seligkeit. Ich höre wohl die Worte «Gemeinschaft mit Gott»
               — «er unser Vater», «wir seine Kinder», «Licht», «Güte», «Friede», und wie sie alle
               heißen, aber das, was die Worte bedeuten, wird mir nicht lebendig und wirksam, ich
               merke so nichts von einem Erfolg, einer Veränderung. Mein Leben, meine Tätigkeit,
               mein Verhältnis zu den Mitmenschen befriedigt mich nicht, genügt mir nicht. Ich fühle
               mich oft so vereinsamt innerlich, möchte am liebsten Alles stehen und gehen lassen.
               Der Überdruß übernimmt mich und wieder in anderen Augenblicken die Wehmut darüber,
               daß so Vieles nicht ganz anders ist. Und daß ich besonders stark sei im Kampf gegen
               Versuchung und Sünde, das will ich gerade auch nicht behaupten. Ich unterliege eben
               je und je wie Andere auch; daß es vorwärts
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                mit mir gehe, das glaube ich einfach nicht. Und ebensowenig habe ich etwas vom
               Evangelium in den bösen Zeiten. Es geht mir so schlecht, wie es Anderen auch geht,
               vielleicht noch schlechter. Es hat eben jedes seine Last zu tragen, ich habe nie
               etwas Anderes gemerkt, als daß die meinige schwer ist! Wo bleibt die Seligkeit, die
               versprochene? Ich merke nichts davon!</p>
        <p>Haben wir nicht auch schon so geseufzt und gemurrt gegen das Beste, was uns gegeben
               ist, meine Freunde? Wir wollen uns selber gleich noch etwas länger anhören: Ja und
               bei den Anderen nehme ich auch nichts wahr von solcher Seligkeit und ihren Früchten,
               seufzen und murren wir weiter. Es wäre ja schön, wenn die Leute hier zu anderen
               Menschen würden durch die Kraft des Evangeliums! Aber wo sieht man etwas davon? Sind
               sie nicht Einer wie der Andere, selbstsüchtig, streitlustig, unaufrichtig,
               gewalttätig, und die Frommen manchmal noch mehr als die Übrigen? Warum ist der und
               die nicht anders, die doch in die Kirche gehen, in der Bibel lesen, zu einem
               christlichen Verein gehören? Warum hat er das getan und jenes gesagt und dort sich
               nicht bewährt? Es scheint doch nicht weit her zu sein mit den Wirkungen des
               Evangeliums, den Leuten wenigstens um mich herum merke ich wenig an davon. Wo bleibt
               die versprochene Seligkeit?</p>
        <p>Wir können noch mehr hören, wenn wir die Bedenken und Zweifel einmal gründlich wollen
               zu Wort kommen lassen: das Evangelium wirkt und erreicht nichts! sagt man uns. Die
               Welt ist voll Torheit und Verkehrtheit und schlechtem Willen. Was für ein
               aufreibendes, brutales Treiben ist das Leben heutzutage geworden! Wem bedeuten denn
               geistige Fragen und geistige Güter noch etwas? Was man berechnen, kaufen und
               verkaufen kann, das gilt. Gottvertrauen? davon kommt man nicht vorwärts, und es
               probiert es auch niemand damit, die am meisten davon reden, können am besten rechnen,
               wenns drauf ankommt! Liebe? das mag gut sein für das Familienleben und für die
               Kirche, da draußen aber kommt es darauf an, wer am meisten Macht hat, und Macht hat,
               wer gescheit ist und Geld hat, nicht wer Gott hat! Oder wo spürt man in der Welt
               etwas von Liebe, wo? Die Seele? Ach, an die Seele
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                mögen ein paar Frauen denken und der Pfarrer und die Kinder in der Sonntagsschule,
               im Leben kommt doch die Seele nicht in Betracht. Was erreicht das Evangelium in der
               Welt? Nichts! Die Welt kümmert sich nicht darum, sie geht ihren Lauf, wie sie will.
               Sie hat es immer getan und wird es immer tun. Es gibt ein kleines Bild im <placeName ref="kbga-places-5">Basler</placeName>
               Kunstmuseum von dem verstorbenen Schweizer Maler <persName ref="kbga-actors-1416">Albert Welti</persName>,<note xml:id="n01">
                            1862–1912.
                        </note> wenn ich nicht irre, da steht im Vordergrund das Kreuz Christi aufgerichtet,
               daneben ein Pfarrer, der mit aufgeregten Bewegungen darauf hinweist, und ein paar
               arme Seelen, die dazu emporblicken. Daneben vorbei aber braust ein gewaltiger Strom
               von Menschen, zu Fuß, zu Pferd, zu Wagen, auf Velos und Automobilen, sie überholen
               sich, stoßen sich zu Boden, zertreten einander, Alle voll blinder Hast, vorwärts zu
               kommen. Ein großes Geldstück rollt weit voraus, und ihm gilt die wilde Jagd. Keiner
               denkt daran, das Kreuz auch nur eines Blickes zu würdigen. Seht da, könnte man sagen,
               wieviel die angebliche Kraft Gottes im Evangelium unter den Menschen ausrichtet.
               Seligkeit? Nein, Ungerechtigkeit, stumpfe Gier, Gedankenlosigkeit, Konkurrenz aufs
               Messer, bittere Unzufriedenheit und stille, schwere Not. Diese verheißene Seligkeit
               ist ein schöner Traum. Schön, gewiß, aber Traum. Und Träume sind Schäume. Ich spüre
               nichts davon. Meine Nachbarn und Kollegen spüren auch nichts davon. Und im Handel und
               Wandel des Lebens ist offenbar auch nichts davon zu spüren. Was Wunder, wenn man sich
               des Evangeliums schämt trotz der Mahnung des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>. Es richtet ja nichts aus. Es
               bietet ja in Wahrheit nicht, was es verheißt.</p>
        <p>So etwa tönts, wenn der Zweifel redet. Vielleicht haben auch wir gelegentlich schon
               so gedacht und geredet. Es ist gut, wenn wir den Zweifel manchmal offen so reden <hi rend="italic">lassen</hi>, unseren eigenen und den Anderer. Mögen sie noch so bitter
               und erschreckend sein, es ist uns besser, wir hören sie, als daß wir uns Dinge
               einbilden und vormachen, an die vielleicht wir selber nur hier in der Kirche glauben,
               nicht aber daheim im Wohnzimmer oder in der
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                Fabrik oder auf der Straße unter den Kollegen. Wenn wir uns den Zweifel ungeschminkt
               und unverhüllt vor die Augen treten lassen, dann ist das wenigstens ein gutes Stück
               Aufrichtigkeit. Und den Aufrichtigen läßt es Gott gelingen [<ref type="can" subtype="bible" target="Spr.2.7">Spr. 2,7</ref>].</p>
        <p>Nun mag uns <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> selbst die Antwort geben auf die Einwände und Vorwürfe, die wir da
               gehört haben. Er sagt uns: das Evangelium ist eine Kraft Gottes zum Heil <hi rend="italic">Allen, die daran glauben</hi>. Wir dürfen uns nicht wundern: wenn wir
               nicht glauben, dann spüren wir freilich auch nichts von der Wirkung dieser Kraft,
               dann widerfährt uns begreiflicherweise nichts von jenen seligen Erlebnissen. Wenn die
               Menschen um uns her nicht glauben, dann werden wir freilich auch ihnen nichts
               Sonderliches anmerken von Wirkungen des Evangeliums. Wenn die Menschheit nicht
               glauben kann oder nicht glauben will, dann dürfen wir nicht darüber staunen, wenn so
               Vieles in ihrer Art, in ihren Gewohnheiten und Verhältnissen ein offener Hohn ist auf
               das Wort Seligkeit. Der <rs type="person" ref="kbga-actors-2">Pfarrer</rs>, den ich als Schüler über diesen Text predigen hörte,<note xml:id="n02">Vgl. Predigt 204
                     vom <date when="1914-02-01">1. Februar 1914</date>, <ref type="pub" target="../volume/05/p048#fn_n01">Anm. 1, S. 48</ref>.
               </note> sagte damals: damit der Hunger eines Menschen gestillt werde, dazu genügt
               nicht, daß Brot da ist, auch nicht, daß es ihm gezeigt wird, auch nicht, daß die
               ausgezeichneten, nahrhaften Eigenschaften des Brotes ihm beschrieben und erklärt
               werden, auch nicht, daß man es ihm schenkt und es ihm schließlich sogar vor den Mund
               hält. Das kann Alles geschehen, und der Mensch kann dabei verhungern. Was vor Allem
               nötig ist, das ist, daß er den Mund auftut und ißt. Das ist höchst einfach,
               nichtwahr, wenn es sich um Brot und Essen handelt. Merkwürdig, daß wir es nicht
               verstehen, wenn es sich ums Evangelium handelt. Mit dem höchst einfachen Sätzlein des
               <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>: Allen, die daran glauben! sind im Grunde alle jene Einwände und Zweifel
               abgetan. Wer nicht glaubt, der spürt selbstverständlich nichts von der Kraft Gottes,
               nichts von der Seligkeit, die sie in uns schaffen will.</p>
        <p>Wir müssen einen Augenblick nachdenken darüber, in welchem Verhältnis wir denn
          eigentlich zu Gott stehen. Die beste Erklä<pb xml:id="p079" ed="pga" break="no"/>rung ist die, wenn wir sagen: im gleichen Verhältnis wie die Pflanzen zur Sonne.
               Alles Leben, Wachstum und Gedeihen verdanken sie dem Licht und der Wärme der Sonne,
               lehrt uns die Naturwissenschaft. Die erste kleine Entfaltung des Keimleins in der
               Erde wie die Weiterentwicklung des fünfzigjährigen Baumes, sie wären nicht denkbar
               ohne die milden Strahlen dieser großen Wohltäterin unserer sichtbaren Welt. Lange
               bevor es die Sonne zum ersten Mal gesehen, empfängt das zukünftige Pflänzlein sein
               Leben aus den Wirkungen der Sonne, und nachdem es schon jahrzehntelang ein mächtiges,
               stolzes, selbständiges Gebilde gewesen ist, lebt es doch immer noch und jeden
               Augenblick aus den Wirkungen der Sonne und müßte im Nu absterben, wenn ihm diese
               Wirkungen entzogen würden. So leben wir Menschen aus Gott. Kraft, Freude und Frieden
               sind in ihm zu Hause und nur in ihm. Er ist die Quelle alles Guten, der Ursprung von
               Allem, was wahr und schön ist. Aus ihm leben wir, wenn wir die ersten Regungen eines
               höheren seligen Lebens in uns verspüren, und aus ihm leben wir, wenn wir schon lange
               als tüchtige, ernste, freudige Menschen unseren Weg gehen. Auf keiner Stufe kann ein
               Mensch sagen: ich habs getan, mein Verdienst ist es, daß ich bin, was ich bin. Was
               ein Mensch ist, das ist immer ein Werk Gottes, der sich selber ihm geschenkt hat.
               Wenn Gott sich uns schenkt, wenn sein Licht und seine Wärme uns erreichen, an uns
               kommen, das ist das Evangelium. Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.10">1.Kor. 15,10</ref>]! müssen wir
               denken. Das müssen wir festhalten.</p>
        <p>Aber ganz töricht ist es, wenn wir meinen, wir könnten diesem Wirken Gottes in uns
               und an uns gleichsam unbeteiligt zusehen, wie man mit gekreuzten Armen etwa ein
               Schauspiel auf dem Theater verfolgt, es sei vollständig gleichgültig, wie wir uns nun
               zu dem, was Gott tut, stellen und verhalten. Das meinen offenbar die, welche über die
               Unwirksamkeit des Evangeliums seufzen oder murren, wie wir es am Anfang gehört haben.
               Wie geht es einem Pflanzensamen, der vom Winde irgendwohin getragen wird, wo die
               Sonne kaum Zutritt hat, in einen Keller vielleicht oder in einen eingeschlossenen,
               schattigen Winkel? Wie geht es den
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                Pflanzensamen im hohen Norden, wo die Sonne während eines großen Teils des Jahres
               gar nicht über dem Horizont emporkommt? Nur gewisse kleine, unscheinbare, verkümmerte
               Gewächse können auch dort bestehen, aus dem Wenigen, was eben auch ihnen auf Umwegen
               an Sonnenwirkungen zukommt, aber es ist wenig genug, und dann gibt es einen Grad von
               Abgeschlossenheit der Sonne gegenüber, wo schlechterdings kein Leben mehr bestehen
               kann. Die Sonne scheint und sendet ununterbrochen ihre wohltätigen Strahlen, und
               Alles, was Leben heißt, ist durch diese Strahlen erweckt, aber wo sie nicht
               hinscheint, da kann sie auch kein Leben wecken. Wir Menschen sind keine solchen
               Pflanzensamen, die von Wind und Wetter oder von ungeschickter höherer Hand dahin
               geworfen werden, wo Gott uns nicht erreichen, nichts aus uns machen kann, das ist der
               Unterschied. Wir sind selber schuld und selber verantwortlich dafür, wenn Gottes
               gutes Werk in uns und an uns nicht zur Vollziehung kommt. Es gibt auch bei uns einen
               Zustand der Gottesferne und Gottesverschlossenheit, wo die Seligkeit, die uns
               geschenkt wäre, verkümmern und schließlich absterben muß. Dieser Zustand, an dem wir
               selber schuld sind, ist der Unglaube.</p>
        <p>Und was ist denn nun der Glaube? Ganz einfach, daß wir uns den Wirkungen Gottes nicht
               entziehen, daß wir ihm stillehalten. Daß wir nicht an den Nordpol laufen und dort
               erfrieren, sondern uns schön der hellen warmen Sonne aussetzen, [um uns] so zum Leben
               erwecken und im Leben fördern zu lassen. Das ist der Glaube, daß wir Gott machen
               lassen. Das Evangelium darf uns nicht bloß erreichen, es muß in uns eindringen. Wir
               dürfen Gottes Wort nicht bloß hören, wir müssen es annehmen. Eine ungeheuer einfache
               Sache, das ist uns allen schon in der Unterweisung gesagt worden. Das versteht sich
               ja eigentlich von selbst, daß es ohne Glauben keine Seligkeit gibt. Und doch leiden
               Unzählige daran, daß sie gerade dieses Einfachste, Allbekannte nicht verstehen, daß
               man nicht bloß hören oder lesen, sondern annehmen muß, um selig zu werden. Und nun
               jammern sie: ich spüre nichts, ich fühle nichts von dem Verheißenen! Es wird wohl
               nichts sein
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                damit! Arme Menschen, sie glauben nicht, sie müssen glauben lernen, um zum Seligsein
               zu kommen.</p>
        <p>Aber das könnte nun wie eine große Grausamkeit klingen, wenn man das so sagt: ihr
               müßt eben glauben, daran fehlts! Gewiß sind solche auch unter uns, die bei dieser
               Aufforderung im Stillen denken: Ach, immer die alte Geschichte! Glaube! Ich glaube
               ja! Oder ich bemühe mich doch zu glauben! Aber was ist denn eigentlich das: «Glaube»?
               Und wie soll mans machen, wenn man ihn nicht hat, um zum rechten Glauben zu kommen?
               Und niemand ist unter uns, der es nicht nötig hätte, den rechten Glauben immer wieder
               kennen und üben zu lernen, um im Glauben seiner Seligkeit immer aufs neue gewiß und
               froh zu werden.</p>
        <p>Wir müssen vor Allem kurz sagen: was Glaube <hi rend="italic">nicht</hi> ist, damit wir
               uns nicht in Sackgassen und auf Holzwege verirren, wo nichts zu finden ist. Glaube
               ist nicht irgendeine fromme <hi rend="italic">Gewohnheit</hi>, und wenn sie noch so gut
               wäre. Glaube ist nicht Kirchengehen und nicht Bibellesen und nicht noch so fleißiges
               Beten aus dem schönsten Buch, Glaube ist nicht Teilnahme an einem christlichen Verein
               und nicht Enthaltung von weltlichen Vergnügungen. Wer denkt, ich will solche Dinge
               tun, dann finde ich die Seligkeit, die Gemeinschaft mit Gott, der irrt sich. Man kann
               das Alles tun und unselig sein, leer und trostlos bleiben inwendig, auf verkehrte
               Wege kommen, in der Not des Lebens zusammenbrechen, ein feiger schlechter Streiter
               für das Gute sein. Solche Dinge hat <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> nicht gemeint, wenn er gesagt hat:
               Seligkeit Allen denen, die «glauben»!</p>
        <p>Glaube ist eben auch nicht eine fromme <hi rend="italic">Meinung</hi>, und wenn sie noch
               so hoch und schön und wahr wäre. Es kann uns geschehen, daß wir aus der Schule oder
               Unterweisung her bestimmte christliche Wahrheiten in uns tragen, das ist recht! Es
               kann uns geschehen, daß uns vielleicht in einer Predigt oder Rede oder durch ein Buch
               neue christliche Wahrheiten zur Überzeugung werden, wir begeistern uns dafür, wir
               denken: so ists, so will ichs auch ansehen! Das ist recht. Aber wir dürfen nicht
               meinen, das sei nun der Glaube, wenn wir solche christliche Wahrheit annehmen, uns
                  <milestone xml:id="m006" unit="page"/>
               <pb xml:id="p082" ed="pga"/>
                damit einverstanden erklären, und wenn es mit noch so viel Überzeugung, Sicherheit
               und Freude geschähe. Das ist ein besonders gefährlicher Irrtum: wenn wir nicht mehr
               haben als Meinungen und Ideen, seien es nun alte oder sogenannte moderne,
               neuzeitliche, dann scheitern wir sicher früher oder später, dann dürfen wir uns
               wiederum nicht wundern, wenn kein Erfolg, keine Wirkung da ist. Ein frommer Mann hat
               einmal gesagt: man kann so rechtgläubig sein wie der Teufel und doch verloren gehen!
               Jawohl, man kann noch so feine und tüchtige und christliche Ansichten haben und fest
               darauf halten und doch an die Sünde verkauft, in der Not haltlos, vor dem Tod
               hoffnungslos sein. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat auch nicht an Lehren und Meinungen gedacht, als er
               schrieb: Allen, die daran glauben!</p>
        <p>Und Glaube ist nicht ein frommes <hi rend="italic">Gefühl</hi>. Es ist etwas sehr Schönes
               um die religiösen Gefühle: Andacht, Erbauung, Liebe zu Gott und zu Jesus,
               Sündengefühl und Gnadengefühl, Gefühl der Gegenwart Gottes. Aber ich sage: hüten wir
               uns vor diesen Gefühlen, solange wir nicht der Seligkeit gewiß und froh werden können
               auch ohne sie. Glaube ist etwas Anderes als ein solches Gefühl. Man kann mit den
               andächtigsten Gefühlen etwa ein religiöses Lied mitsingen, so recht mit Inbrunst und
               aus dem Herzen, und doch unendlich weit weg von der ernsten Wahrheit Gottes sein. Man
               kann die zärtlichsten Gedanken hegen und aussprechen für den Heiland und dabei ein
               kleinlicher, zänkischer, beschränkter Mensch sein, dem Heiland ganz ungleich. Man
               kann große Erfahrungen gemacht haben von Sünde und Gnade, und es war doch nicht Ernst
               damit, man hat trotz aller Gefühle von beiden nichts erlebt. Es gibt viel Blendwerk
               auf diesem Gebiet. Es hat Menschen gegeben, die waren scheinbar sehr weit im Glauben,
               allen Anderen voran, ein großes, stolzes Gebäude war ihr inneres Leben, sicher
               meinten sie darin zu wohnen für immer. Als aber ein Platzregen fiel und kam ein
               Gewässer und wehten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und tat einen
               großen Fall [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.27">Mt. 7,27</ref>]. Was
               sie hatten, war nicht Glaube, es waren nur Gefühle. Wir werden gut tun, zwischen
               beiden scharf zu unterscheiden und auf
               <pb xml:id="p083" ed="pga"/>
                unsere Gefühle nicht zu viel Gewicht zu legen, denn sie sind menschlich. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat
               auch nicht unsere Gefühle gemeint, wenn er sagte: … Allen denen, die glauben!</p>
        <p>Es ist sehr viel gewonnen, liebe Freunde, wenn wir einmal deutlich einsehen, was <hi rend="italic">nicht</hi> Glaube ist: <hi rend="italic">nicht</hi> fromme Gewohnheit, <hi rend="italic">nicht</hi> fromme Meinungen, <hi rend="italic">nicht</hi> fromme Gefühle. Die
               böse Enttäuschung wird uns dann erspart, daß wir sagen müssen: ich glaube doch, ich
               bemühe mich zu glauben, aber ich sehe keine Wirkung, ich spüre nichts von Seligkeit.
               Und wenn wir unter den Menschen und in den Verhältnissen so Vieles wahrnehmen, was
               weit, weit weg ist von der verheißenen Seligkeit, dann werden wir nicht dem
               Evangelium die Schuld geben, wir werden sagen: es fehlt eben am rechten Glauben, man
               hält so Vieles für Glauben, was es gar nicht ist, sondern kraftloses und darum
               machtloses Menschengemächte.</p>
        <p>Wenn wir wissen wollen, was Glaube ist, müssen wir uns vor Allem daran erinnern, was
               denn das <hi rend="italic">Evangelium</hi> ist, an das wir glauben sollen, um selig zu
               werden. Wir sagten seinerzeit, das Evangelium sei nichts Anderes als die einfache
               Botschaft Jesu von der Liebe zu Gott und dem Nächsten, von der Buße und vom kommenden
               Gottesreich und dazu sein Leben und Sterben, in dem er diese Botschaft bewährt hat.
               Und was heißt nun <hi rend="italic">glauben?</hi> Wenn der Weg Jesu unser Weg wird, wenn
               wir uns einstellen auf die Richtung, in der Jesus gegangen ist, wenn wir mit ihm
               leben wollen, unter dem bestimmenden Einfluß des guten heiligen Geistes, der von ihm
               ausgeht bis heute. Das Beste und Größte, was wir kennen, muß auch das Stärkste in uns
               werden. Das Beste und Größte, was wir kennen, ist aber sicher Jesus. Also muß er und
               sein Geist das Stärkste in unserer Seele und in unserem Verhalten, in unserem inneren
               und äußeren Leben werden. Unter seiner Macht stehen, das heißt für uns glauben. Alles
               Andere ist neben diesem Einen, was not tut, vollständig Nebensache. Es ist notwendig,
               daß wir das erkennen, denn wenn das nicht geschieht, so wird uns gar leicht durch die
               Nebensachen die Hauptsache verdunkelt und verhüllt. Haben wir dieses Eine, stehen wir
               fest auf
               <pb xml:id="p084" ed="pga"/>
                dieser Hauptsache: Jesu Weg unser Weg! dann haben wir auch die Seligkeit, darauf
               können wir uns verlassen.</p>
        <p>Nun die Frage: wie kommt man zu dieser Hauptsache, zu diesem Glauben, der selig
               macht? Man kann da nicht einfach ein Rezept geben zur Antwort, das sagte ich früher
               schon einmal. Die Menschen sind eben gar mannigfaltig, und keiner kommt ganz auf
               dieselbe Weise dazu wie der Andere. Ich will nur einige Punkte nennen, auf die wir
               Achtung geben müssen, ein jedes mit der Frage: trifft das nicht vielleicht für mich
               zu? Erstlich entsteht der Glaube, der rechte Glaube immer da, wo man die Fähigkeit
               hat, <hi rend="italic">aufmerksam</hi> zu sein. Ich meine: daß wir, wenn Gott an uns
               herankommt mit dem Evangelium auf irgend eine Weise, still und ruhig sehen und hören
               sollen. Sehr oft fehlt es uns daran, wir sind zu unruhig, zu geräuschvoll, es ist
               zuviel Hin und Her in unserer Seele, obwohl wir vielleicht nicht ferne wären vom
               Reich Gottes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.34">Mk. 12,34</ref>]. 
               Es gibt Menschen, die haben den Kopf so voll von ihren eigenen Sachen, daß
               Gottes Sache unmöglich daneben Platz hat. Es gibt Andere, die verderben sichs damit,
               daß sie, sowie Gott an sie herankommt, beginnen, viel und aufgeregt zu reden. Wenn
               man ihnen nur zurufen könnte: schweig jetzt einmal stille! so kann Gott ja nicht mit
               dir reden, wenn du ihm beständig mit deinen Meinungen und Ansichten ins Wort fällst.
               Wieder Andere fangen im Augenblick, wo sie gespannt auf Gottes Willen und Werk sehen
               sollten, an, in den Spiegel zu gucken, im Augenblick, wo Gott sie aufs Höchste
               interessieren sollte, interessiert ihre eigene kleine Person sie aus irgend einem
               Grunde noch viel mehr. Wie oft haben wir es so gemacht, wo wir dem rechten,
               lebendigen, seligmachenden Glauben ganz nahe waren. Dann kamen wir aber nicht dazu.
               Denn Glaube entsteht nur da, wo man aufmerksam sein kann. Glauben heißt auf Gott
               merken. Wenn wir uns doch nicht so zerstreuen würden — und ich meine jetzt damit
               nicht die sogenannten weltlichen Zerstreuungen, sondern die inneren Zerstreuungen,
               die viel gefährlicher sind, das beständige Denken an unser kleines Persönlein mit
               seinen Kümmern und Neigungen.
               <pb xml:id="p085" ed="pga"/>
                Auf die Seite damit, laß jetzt einmal Gott zu dir reden, dann bist du unterwegs zum
               Glauben!</p>
        <p>Das zweite, worauf wir achten müssen, ist das, daß der Glaube immer nur da entsteht,
               wo man die Fähigkeit hat, sich zu <hi rend="italic">freuen</hi>. Glaube ist Freude,
               freudiges Vertrauen auf Gott, freudige Hoffnung auf seine Güte, freudige Liebe zu den
               Mitmenschen. Warum können wir das nicht? Warum hat ein Psalmwort wie etwa das: die
               Freude am Herrn ist meine Stärke! [vgl. 
               <ref type="can" subtype="bible" target="Neh.8.10">Neh. 8,10</ref>] einen so matten Widerhall in unserer Seele?
               Wiederum steht uns etwas im Wege, nämlich daß wir an etwas Anderem zu viel Freude
               haben. Ich meine nicht die Freude an der Welt, wie ihr vielleicht denkt. Nein, das
               wahrhafte Hindernis ist die Freude, die wir an uns selbst, die wir jedes an sich
               selbst haben. Wir wollen es doch ja nicht leugnen, daß wir uns ein jeder sich selbst
               ziemlich stark bewundern. Das zeigt sich beispielsweise darin, daß wir immer Alles am
               besten zu wissen meinen. Wie wunderselten sind wir zweifelhaft, fast immer stehen wir
               fest und patzig da mit unserer Meinung, und da können nun die Anderen daran klopfen
               und rütteln wie an einer verschlossenen Tür, wir wissen zum vornherein: ich weiß, wie
               es ist! Es zeigt sich auch daran, daß wir immer Recht behalten wollen, wir sind im
               Stande, [im] Dorf auf und ab zu laufen unter Umständen, nur um zuletzt triumphieren
               zu können: Gäll jetz,<note xml:id="n03">Etwa: Siehst du wohl!</note> wer hat Recht
               gehabt? Das sind Zeichen davon, daß wir große Freude und Bewunderung vor uns selbst
               haben, — solange diese Freude in uns groß ist, können wir nicht zum Glauben kommen,
               denn Glaube ist Freude an Gott. Zur Freude an Gott kommen wir aber nur, wenn uns die
               Freude an uns selbst verleidet ist, wenn wir an uns selbst starke Zweifel bekommen
               haben, wenn wir nicht mehr so sicher und stattlich tun in Allem, wenn wir nicht mehr
               immer Recht haben. Die Freude an uns selbst steht der Freude an Gott im Wege. Auf die
               Seite damit, laß die Freude an Gott in dir aufkommen, sonst darfst du dich nicht
               wundern, wenn du von Seligkeit nichts verspürst.</p>
       
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p086" ed="pga"/> Drittens aber kann der Glaube nur da entstehen, wo man die Fähigkeit hat, zu <hi rend="italic">gehorchen</hi>. Das Evangelium stellt Forderungen an uns, es will uns in
               Bewegung setzen, es muß etwas geschehen. Glauben heißt sich nach Jesus richten, und
               da muß vielleicht Allerlei fallen, was uns bis dahin sehr lieb war: allerlei Trägheit
               und Torheit, allerlei Lieblosigkeit und Tyrannei. Und neue, ganz neue Dinge wollen da
               in dein Leben hinein: Reinheit, Opferfreudigkeit, Willigkeit zum Vergeben, Liebe zu
               unerträglichen Mitmenschen, nimmer ermüdende Treue. O wie Vieles sollte da hinaus,
               wie Vieles hinein! Wir hören, wie Gott uns mit aller Deutlichkeit sagt: ich will! und
               nun sollten wir antworten: ja, ich will auch, und sollten danach tun. O wie schwer
               ist das! Wie leicht kanns nun sein, daß auch da wieder das liebe Ich im Wege steht
               und ganz breit sagt: ich will aber nicht! Oder vielleicht verlangt es Ausnahmen: Ich
               will Jesus nachfolgen, aber in dem und dem Punkt will ich es anders halten, ich muß
               da Rücksicht nehmen auf mein Glüst, oder auf meine Interessen, oder auf die Leute,
               ich will, aber ich will nicht ganz, ich will eine Auswahl treffen. O weh, wenn wir
               nicht gehorchen können, dann kann kein Glaube in uns entstehen. Was da entsteht, das
               wird immer nur etwas Scheinhaftes, Halbes sein, etwas, das uns allerdings den Segen
               des Evangeliums nicht in unser Leben bringen wird. Fehlt es vielleicht da, lieber
               Freund, wenn du dich beklagst: ich merke nichts von Seligkeit, fehlts da, daß du auf
               das große «Ich will» Gottes im Evangelium mit deinem kleinen «Ich will nicht» oder
               «Ich will nur halb» antwortest? Sieh, dann kommen wir auch hier auf das Gleiche: dein
               Ich steht dir im Wege, darum kannst du nicht glauben. Und weil du nicht glauben
               kannst, spürst du die Seligkeit nicht, die Gott durch das Evangelium auch dir
               schenken will. Räum das Ich aus dem Wege! Sag zu dir selber: ich <hi rend="italic">will</hi> jetzt gehorsam werden, ich will jetzt Gott über Alles stellen, und
               wenns mir noch so bitter wäre, und was gilts, dann wirst du bald nicht mehr darüber
               zu klagen haben, daß das Evangelium dich enttäusche.</p>
        <p>Wenn wir einmal damit angefangen haben, besser, reiner, höher
               <pb xml:id="p087" ed="pga"/>
                zu glauben, dann bekommen wir ganz andere Lebensansichten. Wir lernen <hi rend="italic">uns selber</hi> kennen. Wir geben den Hochmut auf und merken: Gott muß mich noch
               erziehen, und ich darf mich gar nicht wundern, wenn ich noch weit weg bin von einer
               vollkommenen fertigen Seligkeit, wenn ich noch durch allerlei Tiefen und Untiefen
               hindurchgehen muß. Aber mit dem Hochmut können wir dann auch die Verzweiflung
               aufgeben, jenen Gedanken: es ist doch Alles nichts und wird nichts! Nein, denken wir:
               Gott erzieht mich jetzt, und es wird schon besser werden, wenn ich [mich] nur
               erziehen lasse. Das heißt Glaube: wenn man in Gottes Schule geht, nicht als ein
               unwilliger, sondern als ein williger Schüler. Da sieht man dann auch <hi rend="italic">die
                  Anderen</hi> anders an: da hört jenes Klagen und Schimpfen über «die Leute» auf,
               wir sehen wohl, wieviel ihnen allen mangelt zur Vollkommenheit, aber wir denken:
               gerade wie uns auch! Wir nehmen an: die werden nun auch von Gott aufgenommen. An ihm
               fehlts sicher nicht. Das Evangelium ist stark genug. Wenn es nur angenommen wird. Und
               so sehen wir in <hi rend="italic">die Welt</hi> hinaus, in der so viel Törichtes und
               Gottwidriges sich breitmachen darf. Das beweist uns nun nicht mehr wie vorher: seht
               da, es hilft doch Alles nichts, es beweist uns nur, wie unerzogen die Menschheit noch
               ist, auf einer wie tiefen Stufe wir zur Zeit noch stehen. Aber daß es höhere Stufen
               gibt und daß die Menschheit sie ersteigen kann und wird, das glauben wir getrosten
               Mutes, so sehr wir selbst uns auf der Reise fühlen aus der Tiefe in die Höhe. Lassen
               wir das Evangelium wirken, lassen wir den starken Glaubensgehorsam in uns, unter uns
               triumphieren, dann wird all jenes Törichte und Gottwidrige sich nicht mehr lange
               breitmachen dürfen. Und dräut der Winter noch so sehr …<note xml:id="n04">Anfang des
                  Frühlingsgedichtes <bibl corresp="kbga-bibls-1539">
                                <hi rend="italic">Hoffnung</hi> von <persName ref="kbga-actors-1362">Emanuel Geibel</persName>
                           (1815/1894)</bibl>: <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l xml:space="preserve">Und dräut der Winter noch so sehr</l>
                                    <l xml:space="preserve">Mit trotzigen Gebärden,</l>
                                    <l xml:space="preserve">Und streut er Eis und Schnee umher,</l>
                                    <l xml:space="preserve">Es muß doch Frühling werden.</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note>
            </p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Glauben</hi> wir, so <hi rend="italic">haben</hi> wir! Glauben wir dem
               Evangelium, so haben wir Alles, was es uns verheißt. Wo der Glaube ist, da sinken
               <pb xml:id="p088" ed="pga"/>
                die Zweifel und Einwände in sich selbst zusammen, haben keinen Halt noch Boden.
               <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat diesen Glauben gehabt, darum schrieb er so zuversichtlich: ich schäme mich
               des Evangeliums nicht, schrieb von der Gotteskraft zur Seligkeit, als ob es nicht
               anders sein könne. Es kann nicht anders sein, wo der Glaube ist. Wir wollen Abschied
               nehmen von seinem Wort. Auch wir haben uns des Evangeliums nicht zu schämen. Aber
               unseres Glaubens sehr oft und sehr stark. Man merkt so wenig von Seligkeit unter uns.
               Wollen wir nicht, daß es anders werde, daß wir eine Gemeinde von lebendigen, in Gott
               lebendigen Menschen werden? — Dann wollen wir darum bitten wie jener Mann darum
               gebeten hat:</p>
       

          <p>Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.9.24">Mk. 9,24</ref>]!</p>
        </div>
        <div type="closer">     
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
