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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Römer 1,16 (V)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Römer 1,16 (V), 8. Februar 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5009 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 61–74.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Römer 1,16 (V)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 61-74</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 205</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Röm 1,16 (V), 8. Februar 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1648">KBA 1183</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-02-08">8. Februar 1914</date>
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                        <idno>205</idno>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-02-08">8. Februar 1914</date>
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          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16">Römer 1,16</ref>
                            <span>
                                <idno>V</idno>
                            </span>
            <quote>Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes zum
                        Heil Allen, die daran glauben.</quote>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>«Kraft Gottes zum Heil» oder «Kraft Gottes selig zu machen», wie es in der
               Übersetzung <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> heißt — dieser Gedanke unseres Textes soll uns heute
               beschäftigen. Aber was für ein großer, Himmel und Erde umspannender Gedanke ist das!
               Wie sollen wir das vollständig und von allen Seiten beschreiben, wie das Evangelium
               den Menschen eine Kraft Gottes zum Heil, zur Seligkeit geworden ist, wie es diese
               Wirkung immer wieder hat, auch bei uns hat und haben will? Wir müßten von all denen
               erzählen, die durch die Kraft des Evangeliums aus einem oberflächlichen, tändelnden
               Leben berufen worden sind zu einem Leben des Ernstes, der rechten tiefen Freudigkeit,
               der unerschöpflichen Aufgaben der Liebe und des dazu notwendigen Mutes. Von denen,
               die aus der Not des Gewissens befreit und stark gemacht worden sind gegen die Kräfte
               der Versuchung. Von denen, die in der Verwirrung der Welt das Eine Notwendige
               gefunden haben, den Frieden, der höher ist als alle Vernunft 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.7">Phil. 4,7</ref>]. Von denen, die mit Mut und
               Freude zum Dulden und Tragen beschenkt worden sind und die, ihrem Meister folgend, in
               Kreuz und Not die Herrlichkeit Gottes erlebt haben. Von denen, denen selbstlose Liebe
               zum Glück ihres
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                Lebens geworden, und von denen, die solche Liebe verspüren und empfangen durften,
               nicht nur äußerlich, sondern innerlich. Von denen, die aus träger grüblerischer
               Untätigkeit geweckt worden sind zu frohem, tätigem Gehorsam gegen den lebendigen
               Willen Gottes. Von denen, die nicht nur ruhig, sondern fröhlich gestorben sind in der
               Zuversicht, daß der Tod ihnen nicht Vernichtung, sondern Vollendung bringe. Von
               Männern und Frauen müßten wir erzählen, von Gottesmenschen, die einen leuchtenden
               Namen haben in der Geschichte, von unbekannten, aber treuen und lebendigen Seelen und
               von armen Sündern, die in elfter Stunde in den Weinberg gerufen wurden, vielleicht
               ohne daß jemand eine Ahnung davon hatte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.20.1 Mt.20.16">Mt. 20,1–16</ref>]. Von hohen heiligen Gedanken müßten
               wir reden, von Heldentaten und von stiller treuer Pflichterfüllung, von
               Lichtstrahlen, die in dunkle Seelen gefallen, und von Menschheitsnöten, die in der
               Kraft des Glaubens bekämpft und überwunden worden sind und noch werden. Es liegt ein
               unendlicher Reichtum in dieser Wahrheit, daß das Evangelium eine Kraft Gottes ist zum
               Heil, selig zu machen Alle, die daran glauben. Wir können heute diesen Reichtum nicht
               ausschöpfen, nur in den großen Hauptlinien und andeutend klar machen, was uns
               angeboten ist, was uns geschenkt wird im Evangelium. —</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Seligkeit!</hi> Wir denken schon beim Klang des Wortes unwillkürlich an
               einen Zustand reinen vollkommenen Glückes. Seligkeit ist die Freude, die durch nichts
               mehr gestört, die durch nichts überboten werden kann. Wir alle tragen die Ahnung
               eines solchen Zustandes, die Sehnsucht danach in uns herum. Aus dem Unvollkommenen
               blicken wir hinüber ins Vollkommene, aus dem ewig Ungenügenden in die ewige Fülle,
               die wir nie gesehen und erfahren haben und an die wir doch glauben, eigentlich ohne
               unseren Willen. Wir glauben doch daran, indem wir sie in gewissen Stunden der
               aufrichtigen Selbsterkenntnis schmerzlich vermissen! Aber wir kommen nicht weiter als
               bis zu einem traurigen «wenn!» und «wäre!» und «möchte!», vielleicht enden wir sogar
               damit, daß wir darauf verzichten, selig zu werden. Wenn wir es nur könnten! Aber wir
               können gerade darauf nicht verzichten. Mit unserer
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                Unbefriedigung, unseren Zweifeln an uns selbst und an den Anderen und dem Wert des
               ganzen Lebens, mit unserer Traurigkeit und Sorge und Angst bezeugen wir, daß wir im
               Grunde durchaus nicht darauf verzichten, selig zu werden. Wir kommen nie dazu, das
               Böse, das Dunkle, Schwere, Traurige in unserem Leben als natürlich hinzunehmen. Etwas
               in uns lehnt sich dagegen auf und ruft nach etwas Anderem, ruft nach Seligkeit.
               Seligkeit ist die innere Harmonie, der innere Wohlklang des Lebens, die Befriedigung
               und Erfüllung der guten Triebe und Anlagen unserer Seele, das Erreichen der Ziele,
               die irgend als schön und gut uns aufgegangen sind — eben damit aber auch die
               Auflösung der Schwierigkeiten, die Beseitigung der Hindernisse, des Störenden,
               Widrigen, das unsere Seele belastet, den inneren Wohlklang trübt, jene Ziele uns
               verdeckt, uns von ihnen absperrt. Seligkeit ist Leben in der Fülle und darum Leben in
               der Freiheit. Denken wir uns alles Gute und Große in seiner ungehinderten Entfaltung:
               Licht, Liebe, Recht, Wahrheit, schöpferische Tätigkeit — das ist nicht die Seligkeit
               selber, aber was wir uns von der Seligkeit denken können. Was sie ist, können wir nur
               fühlen, innerlich erfahren und erleben, wenn sie uns angeboten und geschenkt wird.
               Wir sind zur Seligkeit geschaffen, wir Menschen. Selig zu sein ist unsere wahre,
               unsere tiefste Bestimmung. Mögen wir noch so oft daran zweifeln, auf sie verzichten
               wollen, wir spüren doch in jenen Augenblicken der Erfahrung, des Erlebnisses, wo wir
               nur durch die Türspalte hineinsehen, daß sie das wahrhaftige Leben ist. Der Gedanke
               daran wird uns entweder zur höchsten Freude, nämlich eben damit, daß ein Anfang davon
               uns gegeben wird in unser Leben hinein, oder zur höchsten Qual, wenn wir meinen: das
               ist nichts für mich! wenn wir uns traurig abwenden und dann doch jeden Tag spüren:
               das Beste, das Eine, was not tut, fehlt mir! Aber übersehen, auf die Seite stellen
               können wir diesen Gedanken nicht, er meldet sich immer wieder an.</p>
        <p>Doch wir müssen viel mehr sagen von der Seligkeit. Wir haben sie jetzt in ein paar
               Worten beschrieben, wie wir sie uns denken können von uns aus gesehen, wie wir sie
               uns träumen, erhoffen,
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                ersehnen, als das, was wir unter Schmerzen vermissen und jetzt von Weitem zu
               erblicken meinen. Aber diese Seligkeit wäre nicht Seligkeit im Grunde. Seligkeit kann
               nicht so dem Zweifel, der Bangigkeit, dem Unglauben ausgesetzt sein. Seligkeit muß
               mehr sein als eine solche, wenn auch noch so tiefe und festgewurzelte Ahnung und
               Sehnsucht unseres Herzens. Selig sind wir, wenn das Vollkommene, die Fülle des
               Lebens, frei von allen Hindernissen und Beschränktheiten, vor uns steht als eine
               sichere unbedingte Tatsache, als etwas, was einfach da ist, gleichviel, ob wir gerade
               froh oder traurig sind, ob wir gerade siegen im Kampf um das Gute, oder ob wir in
               Angst und Not um diesen Sieg bangen müssen, gleichviel, ob unser Glaube gerade hohe
               Flammen schlägt, oder ob er bloß dem flehentlichen Augenauftun eines armen Kindes
               gleicht. Seligkeit ist, wenn wir das Vollkommene schauen mit unseren inneren Augen,
               aber so, daß wir nichts mehr hinzutun aus dem Eigenen. Nicht wir haben es erschaffen
               mit unseren Wünschen und Hoffnungen, darum können wir es aber auch nicht mehr
               verlieren. Wir gehen ganz auf in der Bewunderung und Verehrung des Übermächtigen,
               Großen, das da vor uns steht. Vor unserem Ich steht das große Du, und daß dieses Du
               dasteht als das Sicherste des Sicheren, das macht unsere Seligkeit aus, das macht uns
               ruhig, friedlich, freudig, das erfüllt uns mit der Gewißheit: nun lebe ich
               wahrhaft.</p>
        <p>Dieses große Du, das der Grund unserer Seligkeit ist, ist <hi rend="italic">Gott</hi>, ich
               brauche es wohl nicht mehr zu sagen. Gott ist ja die Wahrheit und Wirklichkeit des
               Vollkommenen. In ihm ist die Fülle des Lebens und die Freiheit von allem
               Beschränkten. Er ist alles Große und Schöne in ungehinderter Entfaltung. Er ist es,
               während wir es uns nur denken können, bloß in einzelnen Augenblicken einen
               Vorgeschmack davon bekommen. Ohne Gott können wir nicht selig werden. Er macht uns
               selig, indem er uns seine <hi rend="italic">Kraft spüren läßt</hi>, oder indem er sich uns
               offenbart. Wir redeten das letzte Mal davon: er gibt sich uns zu erkennen durch das
               Evangelium. Er stellt sich vor uns hin, daß wir ihn sehen müssen. Er kommt an uns
               heran in unser Leben auf die mannigfachste Weise und sagt
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                uns: ich bin da, ich lebe, ich, die Liebe, die Wahrheit, das Recht, ich, die
               Vollkommenheit. Gott ist beständig daran, uns seine Kraft spüren zu lassen, sich uns
               zu offenbaren. Er, der Vollkommene, Ewige, lebt nicht in Selbstgenügsamkeit und
               Abgeschiedenheit, er wirkt und schafft an uns, er ist tätig von Ewigkeit zu Ewigkeit,
               und sein Ziel ist, uns mitzuteilen, was er selber ist. Und indem er es uns mitteilt,
               empfangen wir es, werden wir selig, wie Gott selig ist.</p>
        <p>Nicht an Gott liegt es, wenn <hi rend="italic">nicht schon unser ganzes Leben erfüllt
                  ist</hi> von Seligkeit. Er will uns im Evangelium Alles schenken was er hat. Es
               liegt an uns. Wenn wir Gott immer anschauen, ihm immer und ununterbrochen still
               halten würden, wenn er zu uns redet, wenn er sich vor uns hinstellt, sich uns zeigen
               will, dann könnten wir schon jetzt ganz selig sein. Aber nun machen wir selber Lücken
               und Unterbrechungen. Wir sehen auf Anderes, Kleineres als ihn und halten es für
               wichtiger und notwendiger, als ihn zu haben. Wir lassen uns durch unbedeutende
               Freuden und Sorgen hindern an der Freude, ihn anblicken zu dürfen, und an der Sorge,
               diesen Anblick zu verlieren, der unsere einzige Freude und Sorge sein sollte. So ist
               unsere Seligkeit oft gehindert. Es folgen auf die Zeiten der Stärke und der
               Freudigkeit Zeiten des Nachlassens und der Angst, auf die Siege Niederlagen, auf das
               Triumphieren die Tränen der Sorge und des bösen Gewissens. Wir sind selig, aber <hi rend="italic">unter Furcht und Zittern</hi>, wir wissen, daß unser Unglaube oft genug
               wieder zwischenhinein tritt, uns am ruhigen, stillen Auf-Gott-Sehen hindert, nicht
               als ob ich es schon ergriffen hätte, ich jage ihm aber nach, ob ich es ergreifen
               möchte, nachdem ich vom Evangelium, von Jesus Christus ergriffen bin [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.3.12">Phil. 3,12</ref>].</p>
        <p>Denn das bleibt nun auch wahr: <hi rend="italic">wir sind schon selig</hi>, obwohl unsere
               Seligkeit oft und schwer gehindert ist durch uns selbst. Nachdem wir das Evangelium
               einmal mit einem herzlichen Ja gehört und in die Seele aufgenommen haben, nachdem wir
               Gottes einmal gewiß geworden sind durch seine Offenbarung, durch das, was er uns von
               sich selbst mitgeteilt, können wir nicht mehr unselig sein. Wir sind ganz anders dran
               als vorher, und wenn wir <milestone xml:id="m5" unit="page"/>
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                auch noch so oft Gott wieder aus den Augen verlieren sollten. Wir sind nicht mehr
               angewiesen auf das, was wir etwa von uns aus wünschen und erstreben könnten — wir
               sagten schon, daß dieses Dichten und Trachten unseres Herzens, und wenn es das beste
               wäre, uns die Seligkeit nicht geben kann — wir kennen jetzt etwas Besseres. Ein
               heller Schein, nicht aus uns selbst, sondern von außen, von oben, von Gott her, ist
               in unser Herz gefallen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.6">2.Kor. 4,6</ref>], 
               und dieser Schein bleibt auch, wenn es zeitweise wieder dunkel wird
               in uns. Gott hat uns zugesagt, daß wir zu ihm kommen, daß wir selig werden sollen,
               wir haben diese Zusage gehört, und sie bleibt auch, wenn wir töricht und verblendet
               zeitweise unsere Gedanken auf etwas Anderes richten als seine Gnade. Wir müssen dann
               in solchen Zeiten sofort spüren, was es heißt, seine Augen von Gott abwenden, was es
               heißt, durch eigene Schuld an der Seligkeit gehindert zu sein. Da stellen sich dann
               die Ängste ein und die Traurigkeiten, die Entgleisungen und schweren Verfehlungen,
               denen selbst die gottinnigsten Menschen nicht ganz entgangen sind. Da müssen wir
               diese unsere Schuld tragen und ihre Strafe dazu, und sie drückt uns schwerer als
               Alles, was uns plagte und drückte, bevor wir Gott und seine Liebe kannten. Und doch
               sind wir jetzt ganz anders dran als vorher. Wir wissen durch Alles hindurch, daß wir
               zu Gott gehören. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat diese Gewißheit einmal mit dem gewaltigen Worte
               ausgesprochen: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die da ist in Christus
               Jesus, unserem Herrn [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.39">Röm. 8,39</ref>]. 
               Wenn wir das nicht bloß mit ihm sagen, sondern mit ihm erleben, dann
               sind wir selig schon jetzt im Kampf und in der Müdigkeit und in den Verirrungen
               unseres unvollkommenen irdischen Lebens.</p>
        <p>Aber vielleicht haben wir zu schnell zu viel gesagt, wenn wir das so behaupten: Wer
               einmal Gottes Kraft gespürt im Evangelium, der ist und bleibt selig in Allem und
               durch Alles hindurch. Vielleicht haben wir uns zu viel angemaßt, indem wir uns so
               ohne weiteres mit <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> auf jene Höhe stellen, wo man bekennt: wir wissen, daß
               denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum besten dienen [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">Röm. 8,28</ref>]. 
               Das ist so bald gesagt, aber es ist eine Höhe,
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                auf der uns schwindeln kann. Sogar wenn wir schon fest und sicher dort oben stehen
               würden, würden wir gut tun, uns zu sagen: wer steht, der sehe zu, daß er nicht falle
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.10.12">1.Kor. 10,12</ref>]! Wir
               müssen von den <hi rend="italic">Feinden</hi> reden, von denen unserer Seligkeit Gefahr
               droht, und davon, wie wir wirklich trotz dieser Feinde und im Sieg über sie selig
               sein und bleiben können.</p>
        <p>Die <hi rend="italic">Versuchung</hi> ist ein Feind. Die Versuchung ist die Gelegenheit,
               das Höhere, Bessere in uns zu verleugnen, töricht, boshaft, beschränkt, niedrig zu
               denken, zu reden, zu handeln. Solche Gelegenheiten lauern beständig auf uns, Tag und
               Nacht, Sonntag und Werktag. Kennen wir Gott nicht, steht er nicht als eine lebendige
               sichere Tatsache vor unseren Augen, so wie er im Evangelium sich uns darbietet, sind
               wir auf uns selbst angewiesen, auf unser bißchen Idealismus, wie man das nennt, d. h.
               auf unsere Überzeugung, unseren Eifer für das Gute, dann stehts bös mit uns: es ist
               unendlich viel wahrscheinlicher, daß wir das Böse tun als das Gute, denn wenn auch
               etwas in uns sich gegen das Böse auflehnt, so ist es uns eben doch viel natürlicher,
               selbstverständlicher, vorteilhafter, näher zur Hand liegend als das Gute, das uns so
               schwer und oft so unnütz erscheint. Ohne Gott gibt es keinen bewußten freudigen Sieg
               über die Versuchung.</p>
        <p>Anders, wenn wir Gott kennen und haben. O ja, auch dann gibt es schwere Niederlagen
               und unendlich viele halbe, unbefriedigende Siege. Wie können wir Christen doch oft so
               schwer und tief fallen, wie können wir so lahm sein in unseren Entscheidungen
               zwischen gut und böse! Und doch ists etwas Anderes. Für den Gottlosen ist jede
               Versuchung, der er erliegt, ein Gewichtstein, der ihn nach unten zieht, eine
               Erfahrung der Scheidemauer, die ihn von der Seligkeit trennt. Indem er das Böse tut,
               das ihm natürlich ist, wird es ihm immer natürlicher, tiefer und tiefer gerät er in
               die Unreinheit, in den Unfrieden hinein. Ein Gottesmensch tut auch Sünde und tut sehr
               oft das Gute auch unvollkommen, aber die Last, die er damit sich selber auferlegt,
               wird ihn doch nicht zu Boden drücken, sondern wenn er wacht und betet, wird sie ihn
               gerade wieder dazu bringen, Gott aufs Neue anzuschauen, seine
               <pb xml:id="p068" ed="pga"/>
                Kraft auf sich wirken zu lassen und so aufs Neue der Seligkeit teilhaftig zu werden.
               In der Niedergeschlagenheit, in der Reue, die seinem Fall folgt, erlebt er, was der
               Andere nicht erlebt, auch wenn er vielleicht nicht schwerer gefallen ist, er lernt
               aus der Tiefe zu Gott rufen. Und indem er ruft, erhört ihn Gott. Und er ist durch den
               Fall nicht weg von Gott, sondern näher zu ihm hin gekommen. Denn er ist nun reicher
               an schmerzlicher Selbsterkenntnis; inniger, demütiger, völliger wird er sich von nun
               an an Gott anschließen und ihm allein vertrauen. Eben damit aber geht er auch fester,
               gewappneter der nächsten Versuchung entgegen. Er kennt einen Gott, zu dem er flehen
               kann: führe mich nicht in Versuchung [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.13">Mt. 6,13</ref>], laß mich nicht umkommen darin; und siegreicher
               oder doch ehrenvoller wird er aus den neuen Kämpfen hervorgehen. So bewährt sich die
               Seligkeit in der Versuchung, sie wird größer durch sie.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Die Not und die Sorge</hi> sind Feinde der Seligkeit. Menschen,
               die Gott nicht kennen, müssen es schon diese zwei dunklen Wolken über ihrem Leben
               unmöglich machen, selig zu sein. Der Druck gegenwärtigen und zukünftigen Leides, der
               doch über uns allen liegt, in stärkerem oder schwächerem Maße, er ist doch
               unvereinbar mit der Ruhe, der Freudigkeit, dem Frieden der Seligkeit. Ist Schmerz
               nicht das Gegenteil von Freude, Kummer das Gegenteil von Ruhe, Kampf und Not das
               Gegenteil von Frieden? Es gibt keine Seligkeit. Ja so scheint es, so müssen wir
               urteilen, solange wir Gott nicht angeschaut, uns nicht in Bewunderung und Verehrung
               ihm übergeben haben. So sehen die Dinge aus für eine gottlose Welt, für gottlose
               Menschen. Anders, wenn wir Gott kennen und liebhaben gelernt haben. O ja, auch für
               einen solchen Menschen wird das Leid, das da ist, und die Angst vor dem, das kommen
               könnte, zunächst etwas Bitteres sein. Es ist noch kein Gottesmensch dagewesen, der
               nicht trotz seiner innigen Verbindung mit Gott Stunden tiefen Seufzens durchgemacht
               hätte wie jeder Andere. <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName> hat einmal in großer Bedrängnis gebetet: Es ist genug,
               Herr! so nimm nun meine Seele [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.19.4">1.Kön. 19,4</ref>]! 
               Und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hat in ähnlicher Lage das Lied gedichtet, das mit
          den Worten an<pb xml:id="p069" ed="pga" break="no"/>fängt: Herr, nun heb den Wagen selbst!<note xml:id="n01">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1538">
                                <persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Ein geistlich lied um hilf und
                           bystand in kriegsgefar (1529)</hi>, in: <hi rend="italic">Huldreich Zwingli’s Werke</hi>, hrsg. v. M. Schuler
                        und J. Schultheß, Bd. II Abt. 2,
                           Zürich
                        1832, S. 275f.</bibl>
                        </note> Aber was unterscheidet das Kreuz des Gottesfreundes von dem, das der
               Gottesfremde tragen muß? Daß doch jener auch im Leid der Seligkeit nicht verlustig
               gehen kann. Er kann sich wohl dadurch beugen, nicht aber zerschmettern, vernichten
               lassen. Er wird ins Wanken gebracht, aber nicht aus der Bahn gebracht. Er hat in
               allem Elend einen Halt, den nämlich, daß das, was ihn drückt, nicht ein plumper
               Quaderstein ist, von fremder Schicksalsmacht in sein Leben geschleudert, sondern eben
               ein Kreuz, das vom Vater kommt. Und er weiß: das Kreuz verbirgt eine Herrlichkeit!
               auch wenn er es durchaus nicht immer, vielleicht nur in den seltensten Fällen
               versteht. Er kann beten:</p>
        <q rend="block">
          <lg>
            <l xml:space="preserve">Wenn ich auch gar nichts fühle</l>
            <l xml:space="preserve">von deiner Macht,</l>
            <l xml:space="preserve">du bringst mich doch zum Ziele</l>
            <l xml:space="preserve">auch durch die Nacht!<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-songs-33" type="song">Anfang der 3. Strophe des Liedes «So nimm denn meine Hände …» von <persName ref="kbga-actors-1365">J. v. Hausmann</persName> (1826–1901).</bibl></note></l>
          </lg>
        </q>
        <p>Und mit diesem Vertrauen, das sich einfach an Gottes Verheißung seiner Güte hält und
               sonst an gar nichts, geht es wirklich durch das dunkle Tal, durch die Nacht des
               Leides hindurch. Und was erfährt er dabei: Nicht nur, daß das Leid sein Innerstes,
               sein Höchstes nicht treffen und zerstören kann; im Gegenteil: äußerlich getroffen,
               verwundet, geängstet, betrübt, vielleicht bis zum Tode betrübt, ist er innerlich voll
               wachsender Freude, voll zunehmenden Friedens. Während ihm äußerlich genommen wird,
               was alle Welt als das Glück preist und was ihm selber früher unentbehrlich schien,
               wird er innerlich reifer, überlegener, stärker, freier zum Dienst Gottes und der
               Brüder. Er lernt bei Gott seine einzige Zuflucht sehen, und je mehr er es tut, desto
               mehr verwandeln sich unter seinen Händen die Steine in Gold, die schweren unbegreif<pb xml:id="p070" ed="pga" break="no"/>lichen dunklen Führungen und Schickungen seines Lebens in leuchtende Erfahrungen der
               schöpferischen und fördernden Gottesgnade. So steht die Seligkeit da in Not und
               Sorge, die Seligkeit, die durch Gottes Kraft in uns geschaffen wird. Sie trägt, sie
               überwindet, sie lehrt uns, unser Kreuz auf uns nehmen und im Kreuz noch höhere,
               reinere Seligkeit finden.</p>
        <p>Die <hi rend="italic">Not der Brüder</hi>, das <hi rend="italic">Unrecht in der
                  Welt</hi>, die <hi rend="italic">verkehrten Wege der Mitmenschen</hi> sind Feinde
               der Seligkeit. Jawohl, wenn wir auch sehr oft nicht daran denken, wenn wir auch sehr
               oft meinen: ich kann selig sein, ohne mich durch diese Dinge anfechten und kränken zu
               lassen, wenn wir uns auch sehr oft eine Religion wünschen, in der es sich immer nur
               um die Bedürfnisse und Erfahrungen unserer eigenen kleinen Seele handelt, als ob uns
               die Brüder, die Mitmenschen, die Welt punkto Seligkeit nichts angingen. Wir müssen da
               gründlich umdenken lernen, wenn wir es noch nicht getan haben. Wir dürfen nicht mehr,
               wie wir es so oft tun, trennen zwischen unserer eigenen Seligkeit und der Seligkeit
               der Anderen, der Nahen und der Fernen, mit denen wir nun einmal äußerlich und
               innerlich verbunden sind und zusammengehören. Immer wieder müssen wir uns nun der
               großen Wahrheit stellen: Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12.26">1.Kor. 12,26</ref>]. Sieh einmal:
               da bist du, und du sagst mir vielleicht: ich bin selig, ich kenne und liebe Gott, ich
               habe Freude, Frieden, Ruhe und volles Genüge in ihm. So, aber nun höre: da sind neben
               dir so und so viele, die sind, gewiß auch durch ihre persönliche Schuld, aber
               jedenfalls auch durch die Verhältnisse, in denen sie leben, verhindert daran, dahin
               zu kommen, wo du jetzt stehst: Ungenügendes oder knappes Einkommen, schlechte
               Wohnungen, üble Sitten und Gewohnheiten halten sie wie umklammert, sie können nicht
               aus dem Treiben und Hasten des Irdischen hinaus, sie können nicht zum Aufatmen, zu
               einer rechten höheren Freude kommen, sie sind mühselig und beladen, zum größten Teil
               durch die Schuld Anderer. Was sagst du dazu? Willst du dich rasch darüber wegtrösten,
               ich bin darum doch selig und bleibe es? Da sind Tausende und Abertausende, die gehen
               auf Irrwegen, die leben in dumpfen
               <pb xml:id="p071" ed="pga"/>
                Lüsten, dumpfen Schmerzen dahin, und weder in der Freude noch im Leid werden sie
               Gott finden, wenn sie auf ihrem Wege weitergehen! Willst du wirklich sagen: ich bin
               doch selig! was gehen mich diese an? Da ist eine ganze Welt voll von grober und
               feiner Selbstsucht und Gewalttat; keine Märchen- und Phantasiewelt, mit der man
               Kinder erschreckt, sondern unsere wirkliche gegenwärtige Welt meine ich. Und diese
               Welt mit ihrer Art und ihrem Geist, ihren Gesetzen und Ordnungen hält Unzählige so
               umschnürt, daß die Seligkeit, über die du dich freust, für sie unmöglich ist, wenn
               nicht ein Wunder geschieht. Willst du wirklich sagen: ich bin zufrieden! ich bin mit
               Gott in Ordnung! würden nur Alle es so machen wie ich? O du! Sieh, wenn du wirklich
               meinst, das sei Seligkeit, dieser stille, schöne, zufriedene Genuß an Gott, den du
               dir da leistest und dem du den Gedanken an Alles, was da neben dir und da draußen
               geht, möglichst fernhalten möchtest, dann täuschest du dich. Erinnere dich daran:
               Seligkeit gibt es nur bei Gott und von Gott. Gott aber hat die Menschen — alle
               Menschen — und die Welt — die ganze Welt — lieb. Darum hat er uns ja seinen Sohn
               gegeben.</p>
        <p>Wenn die Seligkeit darin besteht, daß wir mit Gott einig werden, dann müssen wir auch
               in dieser großen Liebe zu den Menschen, zu der Welt mit ihm einig werden. Und wenn
               wir nun sehen, wie die Menschen, die Welt bluten aus tausend Wunden, wenn wir die
               Tränen derer sehen, die Unrecht leiden unter der Sonne, die müde werden und
               zusammenbrechen unter verkehrten, gottlosen Verhältnissen, wenn wir die Dummheit und
               den Haß täglich am Werk sehen, um neues Unrecht, neue Leiden zu schaffen, dann dürfen
               wir nicht daran vorbeigehen, als ginge es uns nichts an. Eine Seligkeit, die das tut,
               mag irgend etwas Schönes sein, aber sie ist nicht Seligkeit, sie hat nichts mit Gott
               zu tun. Nur das ist die Seligkeit, die von Gott kommt, die alle jene Dinge wirklich
               und ernsthaft kennt als einen Feind, eine Beunruhigung, der die Not und das Unrecht
               in der Welt eine Frage, ein Zweifel, ein Rätsel ist. Brennen müssen sie uns in der
               Seele, die Fragen: habe ich es nicht noch viel zu gut neben so vielen Anderen? Tue
               ich
               <pb xml:id="p072" ed="pga"/>
                nicht viel zu wenig, daß etwas von dieser Not, diesem Unrecht beseitigt werde? Bin
               ich nicht vielleicht sogar an meinem Teil mitschuldig an so manchem Leid, so mancher
               Härte und Grausamkeit, unter der Andere seufzen? Es kommt zunächst nicht so sehr auf
               die Antworten an bei diesen Fragen, aber kennen müssen wir sie, zu schaffen machen
               müssen sie uns, Gewissensfragen müssen sie uns sein. Es muß uns die Frage auftauchen:
               ist nicht meine eigene Seligkeit bedroht durch alle diese Dinge? <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat einmal
               das furchtbare Wort ausgesprochen: Ich will von Christus geschieden sein, wenn meine
               Brüder aus <placeName ref="kbga-places-34">Israel</placeName> verloren sein sollen 
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.3">Röm. 9,3</ref>]. Das kann uns zeigen, in welcher Schärfe uns die
               Unseligkeit so vieler Anderer, die Unseligkeit der Welt zur Frage, zur quälenden
               Frage werden muß.</p>
        <p>Aber freilich, wenn sie uns das geworden ist, dann darf und muß die Seligkeit auch
               hier triumphieren. Der Zweifel, das Rätsel, die Frage bleibt auch hier nicht das
               Letzte. Auch hier heißt es zuletzt: nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.39">Röm. 8,39</ref>]. Der Gottlose
               ist diesen Dingen gegenüber völlig hoffnungslos, tatlos. Was will er tun? Gerade die
               Besten von denen, die den lebendigen Gott nicht kannten, sind gegenüber der Not und
               dem Unrecht in der Welt, die so übermächtig groß sind, dazu gekommen, daß sie es
               aufgaben, überhaupt an etwas Gutes zu glauben. Ohne Gott kann man nur die Waffen
               strecken vor den widrigen Mächten der Welt, vielleicht vergessen wollen, wie die Welt
               tatsächlich ist, vielleicht, sehr wahrscheinlich sogar mitmachen, was die Welt macht.
               Anders wiederum, wenn wir Gott wirklich kennen und lieb haben. Dann werden wir zu
               einer ganz bestimmten Stellung zu der Not und dem Unrecht in der Welt getrieben.
               Vielleicht, daß wir selber irgendwo Hand anlegen und helfen können. Das ist das
               Erste. Sehr oft könnten wir durch die entschlossene Ausführung eines guten Gedankens
               eine Not wirklich lindern, ein Unrecht wirklich beseitigen, vielleicht viel öfter,
               als wir denken. Nur dürfen wir, wenn wir so persönlich und direkt irgendwo helfen,
               nicht dabei das Gefühl haben: jetzt kann ich mich wieder für eine Weile beruhigen,
               ich habe etwas getan. Ich warne vor
               <pb xml:id="p073" ed="pga"/>
                diesem Gefühl. Dann stimmts nicht. Es muß uns ums Helfen zu tun sein.</p>
        <p>Vielleicht sehen wir: nein, die kleine Hilfe, die ich leisten kann, hilft im Grunde
               nichts, ist ein Tropfen auf einen heißen Stein. Wenn wir das einmal gemerkt haben,
               dann wird sich unsere Aufmerksamkeit der Hilfe im Großen in irgend einer Form
               zuwenden müssen, der Hilfe, bei der wir bloß als Einer unter Vielen mitwirken können.
               Aus diesem Gedanken heraus sind unsere wohltätigen Anstalten und Vereine entstanden
               und haben ja schon so manchen Schaden geheilt oder doch gelindert. Und noch
               wirksamere Arbeit zur Hilfe im Großen, zur Verbesserung der Verhältnisse im
               Allgemeinen tun die Genossenschaftsbewegung und die Arbeiterbewegung. Beide gehen
               unaufhaltsam ihren Gang, und wem die Nöte der Menschheit wirklich zu einer
               Gewissensfrage geworden sind, der muß einfach auch an diesen Dingen seine Freude
               haben. Aber freilich muß auch hier gewarnt werden vor der bequemen Entschuldigung:
               ich zahle hier einen Franken und dort drei, ich bin hier Mitglied und dort im
               Vorstand, ich hoffe auf bessere Zeiten und helfe dazu, daß sie kommen, aber im
               Übrigen gehen mich die Anderen nichts an. Was es allemal braucht, bei der Hilfe im
               Kleinen wie im Großen, das ist wirkliche Liebe. Wer diese Liebe hat, der ist und
               bleibt selig, mit Gott verbunden, mitten in dieser bösen Welt. Oft genug können wir
               ja überhaupt nicht helfen, weder im Kleinen noch im Großen. Es bleibt uns dann nur
               übrig, wenigstens zu protestieren gegen das Unrecht, wenigstens nicht mitzumachen,
               deutlich zu zeigen: ich bin nicht dabei. Und wenn vielleicht sogar das nicht geht,
               wenn wir schweigen und zusehen müssen, dann können wir wenigstens leiden, können die
               ganze Bitterkeit des Leides und Unrechts, unter dem Andere seufzen, auch auf unsere
               Seele nehmen, bis eines Tages aus dieser Bitterkeit Worte und Taten der Liebe werden
               dürfen. Nur eins dürfen wir nicht: nicht zufrieden werden, nicht annehmen, uns nicht
               beruhigen bei dem, wogegen die Liebe in uns sich auflehnen muß. Nehmen wir diese
               Stellung ein, dann sind und blei<pb xml:id="p074" ed="pga" break="no"/>ben wir selig, mit Gott verbunden. Ein Gottesmensch kann nicht anders, als diese
               Stellung einnehmen.</p>
        <p>Sollen wir noch mehr Feinde der Seligkeit aufzählen? Es gibt noch mehr. Einen, einen
               ganz großen, müssen wir wenigstens nennen, den <hi rend="italic">Tod</hi>. Wie scheint er
               so recht das Gegenteil von Licht, Freude, Leben, von Seligkeit zu sein! Wie sind wir
               ihm gegenüber so rat- und hoffnungslos ohne Gott! Und wie wird uns mit Gott der
               Gedanke an ihn zuerst erträglich und dann zu einem Mittel, ja zum höchsten Mittel,
               unsere Seligkeit zu erfahren und zu vollenden! Ein ganzes weites Feld von neuen
               Gedanken tut sich uns da auf. Wir können es in der Stille, jeder für sich,
               abschreiten.</p>
        <p>Was wollten wir zeigen mit alledem? Gottes Kraft schenkt uns im Evangelium etwas, das
               bleibt und hält durch Alles hindurch. Es bleibt doch dabei. Wir könnten nichts
               finden, wo wir sagen müßten: da versagt nun die Seligkeit, da hat sie ein Ende. Nein,
               sie gewinnt es, muß es gewinnen. Sie ist allen Feinden überlegen, sie zwingt alle
               Feinde in ihren Dienst. Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.39">Röm. 8,39</ref>]. So etwas
               Überlegenes, absolut Siegreiches kommt durch das Evangelium in unser Leben. Es kommt,
               wenn wir uns von Gottes Kraft berühren lassen, wenn wir ihn anschauen, ihm gehorsam
               werden. Kraft Gottes zum Heil <hi rend="italic">Allen, die daran glauben</hi>. Von
               diesem Gehorsam des Glaubens wollen wir in der nächsten und letzten Predigt über
               unser Pauluswort etwas hören. Gott wolle es uns zu einem Gotteswort, einem Lebenswort
               werden lassen!</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
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</TEI>
