Predigt: Römer 1,16 (II)
Vor acht Tagen redeten wir davon, daß wir unser Bestes, das Evangelium, nicht verstecken, uns seiner nicht schämen sollten. Wie ganz anders könnte es aussehen in der Welt, auf was für einer ganz anderen Stufe könnte die Menschheit stehen, wenn es nicht so viele allzu vorsichtige, scheue, zahme und lahme Christen gäbe, die alles Andere wollen, nur nicht zeigen, daß es ihnen mit ihrem Glauben ernst ist. Das wahre Hindernis in der Welt sind nicht die bösen und nicht die dummen Leute, wie man oft glaubt, sondern die zaghaften Christen, die sich des Evangeliums schämen. Wenn die Christen einmal aufwachen wollten aus dem Schlaf der Unentschiedenheit, wenn sie einmal aus sich herausgehen und das |25 Beste, was ihnen geschenkt ist, zeigen und anwenden wollten, wie Vieles würde anders werden, wie würden da die großen Nöte, unter denen heute sie selbst und die Anderen seufzen, eine um die andere gehoben werden können, wie würden da jene Anderen, die Bösen und die Dummen, einfach mitgerissen werden von dem Strom des überlegenen, kräftigen Lebens, das den Christen geschenkt ist! Das wäre der große, der wahre Fortschritt auf allen Gebieten, wenn die Christen einmal wirklich Christen sein wollten, statt ihr Bestes zu verstecken. Wir wollen heute davon reden, was denn unser Bestes, was das Evangelium eigentlich ist. Es fehlt meistens schon daran, daß wir Christen das gar nicht recht wissen. Wir verwechseln oft allerlei Anderes, Minderwertiges damit, aus alter Gewohnheit. Wir lassen uns vormachen: das und das ist das Evangelium, was es doch gar nicht ist. Wir vertauschen das Gold mit irgend einem Stück glänzendem Messing, und dann nach einiger Zeit machen wir die Entdeckung: das Evangelium ist nicht so viel wert, wie man mir sagte, das Evangelium ist nicht schön und segensreich, daß es sich lohnen würde, so recht ernst damit zu machen, sich so recht dazu zu stellen. Und wenn wir es auch aus einem gewissen Respekt und wiederum aus alter Gewohnheit nicht geradezu von uns weisen, so tun wir doch gerade das, wovon wir das letzte Mal geredet, wir schämen uns seiner. Wir tun nicht dergleichen, als ob diese Sache unsere Sache sei, wir drücken uns vornehm auf die Seite, wenn es gelten würde, Stellung zu nehmen für oder gegen, wir stellen uns abwartend neben das Evangelium, statt uns freudig und dankbar in das Evangelium hineinzustellen. Bei Vielen, die es so machen, ist es nicht böser Wille. Sie sind enttäuscht, sie hatten mehr erwartet von dieser Sache, sie haben schwere Mängel daran entdeckt. Darum schämen sie sich ihrer, wollen nicht dazu stehen. Nicht böser Wille, aber ein Irrtum liegt da vor. Sie wissen nicht mehr recht, um was es sich denn eigentlich handelt. Sie halten irgend etwas ganz Ungenügendes oder Falsches für das Evangelium, und nun haben sie ganz natürlicher und begreiflicher Weise keine Freude daran. Und mit dem Falschen stellen sie dann auch das Wahre, mit dem Un|26genügenden ihr Bestes auf die Seite. Wir müssen also vor Allem verstehen, wir müssen unterscheiden lernen, was denn die Sache, die Gottessache ist, für die wir Christen einstehen, uns einsetzen sollen.
Eine der häufigsten Verwechslungen besteht darin, daß man aus alter Gewohnheit meint, das Evangelium sei dasselbe wie die christliche Kirche, entweder die katholische oder die protestantische oder beide miteinander und dazu noch die Menge der übrigen christlichen Gemeinschaften und Richtungen. Es ist ja begreiflich genug: das Evangelium tritt einem wenigstens auf dem ersten Blick, hauptsächlich in diesen Formen entgegen. Die verschiedenen Kirchen sagen: hier, bei uns ist das Evangelium zu finden!, bei ihnen wird es ausgelegt und verkündigt und von Geschlecht zu Geschlecht überliefert. Nun hat es schon Manchen gegeben, der sich gesagt hat: dieses ganze christliche Kirchenwesen, heiße es nun, wie es wolle, gefällt mir nicht, es hat mir nichts zu bieten, ich sehe zu viel Schwaches und Unvollkommenes daran, oder auch zu viel Anstößiges, Häßliches sogar. Ich halte dieses Kirchenwesen für etwas Ungutes, Gefährliches. Wer weiß, hat auch der Eine oder Andere von uns im Stillen schon so oder ähnlich gedacht.
Man kann z. B. darauf hinweisen, wie in vergangenen Jahrhunderten diese christlichen
Kirchen die Welt mit Gezänk und Unfrieden erfüllt haben. Es ist schauderhaft zu
lesen, mit was für unfruchtbaren, haarspaltenden Streitigkeiten ganz besonders die
Theologen, die christlichen Gelehrten und Pfarrer, ihre Zeit zugebracht haben, statt
sich des hungernden und dürstenden Volkes anzunehmen. Ein greuliches Kapitel aus der
Kirchengeschichte ist z. B. das, wie innerhalb der protestantischen Kirchen die
Lutheraner und die Reformierten einander geplagt und verfolgt haben. Da nannte man
sich gegenseitig: Türken und Heiden und Juden, und wenn es beim bloßen Schimpfen
geblieben wäre, so wäre es noch schön gewesen, es blieb aber nicht dabei. Ich habe zu
Hause ein kleines Bild aus jener Zeit, da sieht man den Papst,
Und nun sagt sich Mancher: ich mag von dieser Sache, von diesem Kirchenwesen im
Grunde nichts wissen. Ich will ja nicht gerade dagegen sein, weil es sich da um etwas
Altehrwürdiges, Gewohntes handelt, aber dafür bin ich auch nicht, dafür einstehen,
dafür mich interessieren, daran mitarbeiten mag ich nicht. Ich schäme mich des
Evangeliums, ich lasse diese Sache links liegen! — Halt! sag das nicht, das
Evangelium und das Kirchenwesen, das dir nicht gefällt, ist ganz zweierlei. Die
Kirche ist nicht die große Gottessache, um die es sich handelt. Die Kirchen sind
Menschenwerke, und zwar alle Kirchen. Die Kirchen haben es sich zur Aufgabe gemacht,
diese Gottessache zu vertreten unter den Menschen, die Menschen zu sammeln und zu
erziehen, damit sie dieser Gottessache leben möchten. Manchmal haben sie diesen Zweck
erreicht, oft aber, sehr oft haben sie dabei dem Evangelium geschadet, haben sie
ihrem eigenen Zweck zuwider gehandelt. Die Kirchen aller Farben, aller Zeiten und
Bekenntnisse sind sehr, sehr mangelhafte Dienerinnen des Evangeliums. Es liegt gar
kein Zweifel daran, daß Jesus unendlich oft im Laufe der letzten 1900 Jahre, wenn er
auf die Erde gekommen wäre, zu seinen eifrigsten Bekennern und Predigern hätte sagen
müssen: ich kenne euch nicht, weichet alle von mir, ihr Übeltäter
[
Jesus würde von so Vielem, was Kirchenmänner und andere fromme Leute getan und gesagt haben, sich schaudernd abgewandt haben, er würde ihnen gesagt haben: das ist euer Kirchenwesen, das ist euer Christentum, aber das hat nichts, gar nichts zu tun mit meinem Evangelium, das mag katholisch und protestantisch, das mag kirchlich und christlich heißen, aber das ist das gerade Gegenteil von dem, was ich in der Welt wollte und in die Welt brachte. Das ist das alte, wüste weltliche Wesen in religiöser, in christlicher Form. Nennt euch immerhin Christen, ihr seid fern vom Reich Gottes, indem ihr solches tut. Und so würde Jesus sicher auch protestieren gegen so Vieles, was heutzutage in unseren christlichen Kirchen geschieht von uns Pfarrern und von euch Anderen, die wir uns Christen nennen. Was würde Jesus dazu sagen, wenn er uns hier predigen und beten hören würde, wenn er einer Sitzung unserer Kirchensynoden oder Kirchenpflegen beiwohnen würde, wenn er eins von unseren religiösen Blättern und Blättlein lesen müßte? Wir wollen doch ja nicht meinen, daß Jesus da einfach sagen würde: Ja, das, was ihr da treibt, das ist nun mein Evangelium, so habe ichs gemeint und gewollt, ihr seid meine rechten Nachfolger. O nein, in vielen Beziehungen, würde er sagen, ist das Evangelium bei euch eine lahme, tote, äußerliche Sache geworden, ihr seid hart, wo ich mild war, und mild, wo ich hart war, ihr seid hier nicht ernst und hier nicht liebevoll genug, in vielen Beziehungen sind ganz andere Leute meine wahren Nachfolger als ihr da in euren christlichen Kirchen und Anstalten und |30 Vereinen. Ihr müßt erst Buße tun und umkehren, wenn ihr die Meinigen sein wollt!
Warum sage ich das Alles? Um zu zeigen: Kirche und Evangelium ist zweierlei. Und es
ist töricht, wenn man am Kirchenwesen in Vergangenheit und Gegenwart etwas
auszusetzen hat, vielleicht mit hohem Recht, darum zu denen zu treten, die sich des
Evangeliums schämen. Man kann sich unter Umständen mit hohem Recht von uns Pfarrern,
von den Christen, von den frommen Leuten abwenden, es ist da in der Tat und
zweifellos Vieles zu sagen. Aber man sollte sich nicht von dem abwenden, der hinter
der christlichen Kirche steht, dessen unvollkommene Dienerin sie ist, von Jesus.
Dort, bei ihm, finden wir das reine, über menschliche Schwachheiten erhabene
Evangelium. Es hat an dem, was man der Kirche und den Christen vorwerfen kann, keinen
Anteil. Alles Schläfrige und wiederum alles Sündlich-Leidenschaftliche, was in diesen
1900 Jahren seinen Namen getragen hat, ist nicht seine Art und stammt nicht von ihm.
Man darf ihn nicht dafür verantwortlich machen. Ja, noch mehr: wir sehen deutlich,
wie immer wieder in seinem Namen und in seinem Geist Männer aufgetreten sind, die
gegen die einreißende Entstellung des Evangeliums protestiert und sich mit Erfolg
gewehrt haben. Man kann wohl mit
Meine Freunde, wer ehrlich und guten Willens ist, der kann das auch heute noch sehen, der wird sich nicht durch die Fehler, die die Kirche und die Christen unzweifelhaft begangen haben und noch begehen, von Jesus abschrecken lassen. Laß jetzt einmal Alles beiseite, was du über Pfarrer, Kirchen und Gemeinschaften zu klagen hast, frage dich, wie du zu Jesus stehen willst, das ists, |31 worum es sich für dich handelt. Kannst du an Jesus vorbeigehen? Hast du an ihm etwas auszusetzen oder zu vermissen? Kannst du von ihm im Ernst behaupten: er hat mir nichts zu bieten? Nicht wahr, das alles kannst du im Grunde nicht. Du mußt selber gestehen: hier ist das Beste, was die Menschheit hervorgebracht, das Beste, was es auch für mich geben kann. Hier ist der, von dem wahrhaftig nicht nur die christliche Kirche, eine neue religiöse Lehre und Einrichtung ausgegangen ist, sondern viel mehr: ein Strom von neuen befreienden Gedanken, von gutem Willen, von Liebe und Wahrhaftigkeit, von Gotteskraft vor Allem. Was tuts, wenn die Menschen für ihn oft zu klein gewesen sind und noch sind, wenn sie darum das Große verkümmert haben und immer wieder verkümmern? Darauf kommt es für dich nicht an, sondern darauf, ob du auch aus jener Quelle trinken willst oder nicht. Kirche, Christentum, Religion, Frömmigkeit — wie das alles heißen mag, das sind nur Brücken zu jenem in Jesus offenbar gewordenen und der Menschheit mitgeteilten Leben. Halte dich nicht damit auf, die Brücke zu kritisieren, dich darüber zu ärgern, daß sie hier zu schmal und dort zu löchrig und dort etwas schief ist; das mag alles wahr sein, aber die Hauptsache ist, daß du hinüber kommst, zuerst, daß du hinüber willst. Willst du? Oder kannst du im Ernst und mit guten ernsthaften Gründen sagen: ich will nicht! Jesus und sein Evangelium ist nichts für mich!? Ich schäme mich dieser Sache?!
Doch nun müssen wir die Sache noch von einer anderen Seite aus betrachten. Nicht nur gegen die Kirchen, gegen die Christen, die das Evangelium zu vertreten behaupten, kann man mißtrauisch, kritisch, ablehnend sein, sondern auch gegen etwas viel Naheliegenderes, nämlich gegen sich selbst, gegen seine eigene Frömmigkeit, Tugend und Glaubensstärke. Man kann dazu kommen, daß man etwa so denkt: ach was, mein inneres Leben, meine Seele, das ist etwas so Schwaches, das ist ein so unsicher im Winde flackerndes Lichtlein, darauf mag und kann ich nicht vertrauen. Was ich in mir vorfinde an höherem Schwung, an Freudigkeit und Kraft zur Wahrheit und zum Guten, das ist eine sehr zweifelhafte |32 Sache, davon mag ich nicht viel Aufhebens machen, ich habe es zu oft erfahren, wie meine besten Vorsätze und Anläufe in nichts zusammengebrochen sind. Eigentlich ist meine ganze sogenannte Religion nicht viel wert, ich spüre ja doch, wie ich alle Augenblicke wieder durch die Verhältnisse, durch das Vorbild der Anderen, durch meine eigenen Gewohnheiten und Leidenschaften wieder aus der Bahn geworfen werde, in der ich eigentlich gehen sollte. Es gibt Menschen, die aus dieser Selbsterkenntnis heraus dazu gekommen sind, zu sagen: ich schäme mich des Evangeliums. Das Frommsein, das Glauben ist ihnen verleidet, weil sie gemerkt haben, wie oft man damit Bankerott macht: in der Versuchung, in der Angst, in der Not, wie da so ein Religiönchen, wie wir es gewöhnlich haben, zusammenstürzen kann wie ein Kartenhaus. Nun haben sie keine Freude mehr daran und keine Zuversicht mehr dazu; sie denken: was hats für einen Wert, dieses Flämmlein zu nähren und zu pflegen? Sie haben kein Interesse mehr daran, dafür einzustehen, sich dazu zu bekennen, sie denken: es wird wohl auch ohne das gehen. Sie haben nur immer die Enttäuschung in Erinnerung, daß sie in ihrem Glauben doch keinen Halt, keine Kraft, keinen Trost gefunden haben. Was sollen wir dazu sagen? Wir müssen vor Allem sagen: das ist besser und fruchtbarer, dieses Irrewerden an sich selber, als die Unzufriedenheit, die man etwa mit Recht gegenüber der Kirche und den Christen haben kann. Wir sind hier auf der höheren Stufe des Mißtrauens, wenn man so sagen kann. Das sind dann auch immer die gründlicheren Denker, die schärferen Gewissen, die reineren Herzen gewesen, die zuerst an ihrem eigenen Christentum gezweifelt haben und dann erst an dem anderer Leute. Solange einer bloß kritisiert an dem, was die Kirchen und Gemeinschaften, die Pfarrer als die sogenannten frommen Leute sagen und tun, solange braucht man ihn nicht sehr ernst zu nehmen. Wer in die Tiefe geht, kritisiert sich selber.
Aber nun ists trotzdem wieder eine Verwechslung und nichts Anderes, wenn einer sagt: meine Religion genügt mir nicht, befriedigt mich nicht, bietet mir nichts, darum schäme ich mich des |33 Evangeliums, darum mag ich mich lieber nicht2 zur Sache Gottes stellen und bekennen. Ja — das Evangelium und deine Religion ist nicht dasselbe, so wenig wie Evangelium und christliches Kirchenwesen dasselbe ist. Du mußt dir das Evangelium nicht unter der Hand vertauschen lassen gegen das bißchen Seele und inneres Leben, das du vielleicht besitzest. Du mußt nicht an deinen Glauben glauben. Und du mußt nicht, wenn du an deinem Glauben verzweifelst, das Evangelium über Bord werfen. Was wir so unsere Frömmigkeit nennen, das ist in der Tat fast immer etwas Beschränktes, Kleinliches, Mattes. Wie oft haben wir das Gefühl, sie sei bloß so ein spärlicher Rest in einem Winkel unserer Seele, etwas, von dem wir nicht so recht wissen, was es eigentlich ist. Auch wenn wir zu denen gehören, die viel darauf halten, wissen wir doch zu erzählen von Augenblicken, wo einem großen Aufschwung ein ebenso großer Fall folgte. Und wenn wir selbst es vielleicht nicht wissen, wenn wir in dem Wahn leben: o doch, mein inneres Leben ist etwas außerordentlich Schönes, ich habe so hohe Gedanken, so tiefe Gefühle, so schöne Neigungen — ach, wenn wir so denken, so ist das gerade der Beweis, daß es eben mit unserem Frommsein nichts ist. Du da in deinem Häuslein, mit deinen paar Erkenntnissen und Erfahrungen! Glaubst du wirklich nicht, daß die große Gotteswelt viel, viel reicher ist, als daß du sie erfassen und verstehen und erleben kannst, meinst du nicht auch, daß es Vieles, sehr Vieles gibt, für das dir die Augen und Ohren verschlossen sind, das dir nicht zugänglich ist? Spürst du denn gar nichts von der Unvollkommenheit, die uns notwendig anhaftet, uns Menschen, eben weil wir schließlich ein jedes nicht über uns selbst und unsere Art hinauskönnen? O wir denken so oft von uns selbst: meine schöne Seele! mein reines Gewissen, mein gutes Herz, mein starker Wille, mein hoher Verstand! und merken gar nicht, wie wir uns selbst im Grunde damit auslachen. Was soll denn alles dieses «mein», das wir da so rühmen? Gerade damit sagen wir doch, daß wir arme beschränkte Wesen sind. Da |34 ist es uns ganz ausgezeichnet gesund, wenn wir nach solchen Rührungen und Selbstbewunderungen, bei denen wir nicht selten eine Träne zerdrücken im Auge über unsere eigene Güte, wenn wir da so recht in jene Enttäuschung über uns selbst hineinkommen, von der wir redeten, wenn wir irre werden an unserem bißchen Frommsein, wenn wir den Glauben verlieren an unseren Glauben. O wenn das das Evangelium wäre, dieses unser bißchen Frommsein, dann müßten wir uns wirklich des Evangeliums schämen, wir könnten nichts Besseres tun.
Aber das Evangelium ist eben etwas ganz Anderes, du mußt es nicht in deinem kleinen persönlichen Seelenleben suchen. Das Evangelium ist, wir haben es schon vorhin gesehen, Jesus selbst, er, der ganz anders ist als du und ich. Bei ihm stand es nicht so wie bei uns: seine Seele war nicht ein flackerndes Lichtlein, von dem man nicht weiß, wann will es auslöschen, sondern eine ruhige, stetig leuchtende Flamme. Sein Zug nach vorwärts, nach oben war nicht eine zweifelhafte Sache, sondern das Sicherste in seinem ganzen Dasein, etwas, was nicht unterbrochen worden ist. Bei ihm gab es nichts, was ihn aus seiner Bahn hätte werfen können, weder die Welt mit ihren widrigen Umständen, noch die Menschen mit ihrer so oft alles Höhere erstickenden Art, noch Triebe und Leidenschaften, die aus seinem eigenen Inneren kamen. Jesus war Meister, es war etwas Königliches in seiner Art. An ihm können wir erst sehen, was Frommsein eigentlich ist, aus uns selbst wüßten wir es wahrhaftig nicht: sein Seelenleben war nichts Beschränktes mit allerlei kleinlichem «Ich» und «Mein» wie bei uns, es war eine große starke Einheit, in der alles Edle, Menschliche zusammengefaßt war. Die «Ich» und die «Mein», die bei uns eine so große Rolle spielen, auch wenn wir noch so schöne Seelen, noch so fromme Leute sind, die verschwanden bei ihm völlig in seinem großen Gehorsam gegen Gott. Bei ihm trat der liebe Gott an die Stelle, die bei uns das liebe Ich einnimmt. Das war das große Geheimnis seines Seelenlebens, über das wir nicht genug nachdenken können.
Nun sieh, dieses mit Gott einige Menschenleben, das ist das |35 Evangelium. Tun wir recht daran, dieses einzigartige Menschenleben auf die Seite zu stellen, zu tun, als ob es nicht da wäre oder als ob es uns nichts anginge? Tun wir recht, uns seiner zu schämen, statt dankbar zu bekennen: da, da finde ich das Gute, das Beste, das ich in mir selbst nicht finde, das ich aus mir selbst nicht herausziehen, in mir selbst nicht vernehmen kann, so wenig ich es in all dem, was man Christentum nennt, finden und vernehmen könnte? Wollen wir nicht dankbar bekennen: gottlob, da in Jesus sehe ich das, was mir das ganze Christentum und meine ganze persönliche Religion nicht bieten kann, da sehe ich Leben, aus der Tiefe und in die Höhe, reines Leben, heiliges Leben? Sieh, dieses Leben sehen und erkennen, daran Freude haben, darauf seine Zuversicht setzen, das in unser kleines Leben einströmen lassen, das heißt Glauben. Glauben heißt annehmen, was Jesus getan hat und gewesen ist. Wer das tut, der glaubt an das Evangelium. Ist es nicht töricht, sich des Evangeliums zu schämen? Laß du dich vom wahren Evangelium beschämen, das ist viel besser. Das widerfährt uns allerdings im Glauben. Wir fühlen uns neben Jesus gedemütigt, gerichtet sogar. Aber was tut uns das? Indem er uns demütigt, erhebt er uns. Indem er uns das Vertrauen zu uns selbst nimmt, schenkt er es uns wieder in einer höheren Weise. Laß dich nicht beirren dadurch, daß du einsiehst, daß du aus dir selber nichts bist. Es handelt sich darum, ob du dich von Gott in Jesus beschenken lassen willst. Schämst du dich dieses Geschenkes? Oder willst du es haben und willst du dann auch freudig bekennen und dazu stehen, daß du ein von Gott Beschenkter bist?
Meine Freunde, wir haben heute erst angefangen, zu reden von dem, was der Inhalt des Evangeliums, von dem, was Jesus ist. Wir werden in der nächsten Predigt hier weiterfahren. Heute haben wir eigentlich nur zwei Mißverständnisse beseitigt, die Meinung, als ob uns die Unvollkommenheit der Kirche und des Christentums hindern könne, freudige und tapfere Bekenner des Evangeliums zu sein, und die andere Meinung, als ob die Schwachheit unseres persönlichen Seelenlebens, unsere Religion diese unerfreuliche Wirkung haben dürfe. Beides ist nicht wahr. Das Evange|36lium ist nicht das Christentum und was drin und dran hängt. Und das Evangelium ist auch nicht unser bißchen Frommsein. Dieser Dinge mögen und sollen wir uns schämen, wir haben Anlaß dazu. Das Evangelium ist Jesus. Und wer ihn kennt, schämt sich seiner nicht, sondern er wagt es mit ihm. Das hat noch keiner bereut.