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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Römer 1,16 (III)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Römer 1,16 (III), 25. Januar 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5007 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 36–48.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Römer 1,16 (III)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 36-48</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 203</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Röm 1,16 (III), 25. Januar 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1646">KBA 1181</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-01-25">25. Januar 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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      <div type="sermon">
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        <head>
                        <idno>203</idno>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-01-25">25. Januar 1914</date>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16">Römer 1,16</ref>
                            <span>
                                <idno>III</idno>
                            </span>
              <quote>Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes zum
                        Heil Allen, die daran glauben.</quote>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Von Jesus wollen wir heute reden. Denn Jesus ist der Inhalt des Evangeliums, um das
               es sich für <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> handelte, als er dort furchtlos sein Kommen nach <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> ankündigte,
               und um das es sich auch für uns handelt, wenn wir mit ihm bekennen wollen: ich schäme
               mich des Evangeliums nicht. Wir sagten uns vor acht Tagen, daß wir uns nicht irgend
               etwas Falsches, Minderwertiges an die Stelle dieses wahren, echten Inhalts sollen
               schieben lassen: weder die christliche Kirche mit ihren Lehren und Einrichtungen von
               einst und von heutzutage, noch auch unsere eigenen, persönlichen, frommen Erfahrungen
               und Gefühle, das bißchen Religion, das wir in der Seele tragen. Von alledem, von
               unserem ganzen sogenannten Christentum im Großen und im Kleinen können wir ruhig
               sagen: ich schäme mich seiner! Denn da gibts wirklich mehr zu schämen als zu rühmen.
               Aber um alles das handelt es sich auch gar nicht, und wenn wir uns an diese Dinge
               anklammern und sagen: sie gefallen mir nicht! so ist das eine Ausrede, mit der wir
               nicht durchkommen werden. Das Evangelium, d. h. die frohe Botschaft Gottes, ist <hi rend="italic">Jesus</hi>. Das wollen wir uns heute vor Augen stellen.</p>
        
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p037" ed="pga"/> Was hat uns denn Jesus gebracht, was wollte er, und was war er, daß wir das so von
               ihm sagen können: er ist die frohe Botschaft Gottes an uns, auf ihn müssen wir hören,
               nach ihm uns richten, an ihm uns aufrichten? Wie kommt es, daß sein Name uns mehr
               bedeutet als alle anderen Namen?</p>
        <p>Man hat schon gesagt: was Jesus gelehrt hat, das haben vor ihm und nach ihm auch <hi rend="italic">andere fromme, vortreffliche Menschen</hi> gedacht und behauptet. Seine
               Gedanken waren nichts Neues, sie sind auch für uns nichts Außerordentliches, nichts,
               was wir nicht auch bei anderen Helden, Propheten, Lehrern der Menschheit finden
               könnten, oft sogar noch besser und schöner ausgedrückt als bei ihm. Und so mögen wir
               ihn zwar verehren als einen der Besten und Würdigsten, aber warum soll er uns
               notwendig mehr sein als alle Anderen, wieso sollten wir gerade von ihm Gottes
               Botschaft entgegennehmen? Man hat hingewiesen auf die alten Propheten Israels; wie
               gewaltig haben sie gezeugt von Gottes Reich, das zu uns kommen soll, und von der
               Buße, mit der die Menschen sich darauf vorbereiten müssen! Jesus hat darüber kaum
               viel mehr gesagt als die Besten unter jenen. Man hat von den Psalmen des Alten
               Testaments geredet und von den Psalmen der alten Babylonier, die man auf Tonscherben
               eingekratzt in den tausendjährigen Ruinenfeldern am <placeName ref="kbga-places-945">Euphrat</placeName> gefunden hat. Wundervolle
               Worte von Sündenerkenntnis, Gnade und Vergebung sind dort wie hier zu finden. Hält
               man z. B. die Geschichte vom verlorenen Sohn [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.11 Lk.15.32">Lk. 15,11–32</ref>] daneben, so fällt es schwer zu
               sagen, was denn nun eigentlich Jesus Neues gebracht habe gegenüber jenen Zeugen einer
               tiefen Frömmigkeit und Lebenserkenntnis.</p>
        <p>Im selben Jahrhundert, in dem Jesus lebte, gab es eine Philosophenschule, die Stoiker
               genannt, deren Lehre mit dem Evangelium auffallende Ähnlichkeiten aufwies. Sie
               redeten von einer über der Welt waltenden Gottesvernunft, durch die wir Menschen
               erzogen werden zur wahren, eigentlichen Menschlichkeit. Ihr muß man sich unterordnen.
               Alle irdischen Dinge sind vergänglich und können uns darum nicht befriedigen. Man muß
               sich selber in die Gewalt bekommen, man muß auch das Leiden hinnehmen als
               <pb xml:id="p038" ed="pga"/>
                etwas uns von Gott Geschicktes, durch das er uns stählen will, man muß durch Gefahr,
               Begierde und Unheil getrost und gelassen hindurchschreiten, dann ist man den Göttern
               gleich. Auch das Mitleid, eine Gesinnung, die den Nächsten ungern leiden sieht, ja
               sogar die Feindesliebe haben diese stoischen Philosophen gelehrt. Man meint oft
               mitten in der Bergpredigt zu sein, wenn man ihre Reden liest. <persName ref="kbga-actors-1406">Seneca</persName> gehörte zu
               ihnen, der Lehrer des Tyrannen <persName ref="kbga-actors-1387">Nero</persName>, und sogar ein römischer Kaiser, der treffliche
               <persName ref="kbga-actors-1382">Marcus Aurelius</persName>. Man hat sich gefragt: warum soll Jesus für uns gelten und nicht z. B.
               diese Stoiker, die fast dieselben Wahrheiten über Gott und Welt und Menschen gelehrt
               haben?</p>
        <p>Aber auch Menschen und Gedanken aus neuerer Zeit, aus unserer eigenen Zeit hat man
               schon so neben Jesus und seine Gedanken gestellt und ist vielfach zu dem Ergebnis
               gekommen: Jesus in allen Ehren, aber wir haben Andere und Anderes, Jesus ist uns
               vielleicht einer neben Anderen, aber nicht die eine große Gottesbotschaft unseres
               Lebens. So ist z. B. <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> Vielen zum Führer zu einer Lebensauffassung geworden, nach
               der wir Gnade, Frieden, Freude, Liebe und Kraft, alles das, was das Evangelium uns
               verheißt, ebensogut in der Natur und in der Kunst finden könnten als eben im
               Evangelium. Wieder Andere haben die Wissenschaft auf den Thron erhoben, haben gesagt:
               die Erkenntnis der Dinge und ihrer Zusammenhänge, wie sie dem modernen Menschen
               möglich geworden ist, ist uns ein voller Ersatz für das, was euch Jesus ist. Und noch
               von Anderen kann man hören, die befreienden Lehren des Sozialismus könnten und müßten
               heutzutage an die Stelle Jesu und seines Evangeliums treten. Kampf gegen die
               Mammonsmacht, Solidarität aller Menschen, Friede auf Erden, Gerechtigkeit aller
               Ordnungen und Verhältnisse, das habe ja auch Jesus gewollt und erstrebt, nur daß man
               es heutzutage noch viel besser wisse, es mit noch viel besseren Mitteln anstrebe, als
               es ihm möglich gewesen sei. Und so sei Jesus eigentlich überflüssig geworden.</p>
        <p>So kann man es von den verschiedensten Seiten her fragen hören: Jesus hat doch nichts
               Neues gebracht, nichts, was nicht Andere auch schon gebracht hätten vor ihm oder doch
               ohne ihn.
               <pb xml:id="p039" ed="pga"/>
                Warum soll er uns mehr sein als sie? Warum gerade er, warum gerade seine Lehre? Auf
               diese Frage müssen wir antworten.</p>
        <p>Wir könnten so antworten, daß wir die Gedanken dieser Anderen einen nach dem anderen
                  <hi rend="italic">neben die Gedanken Jesu stellen</hi> und sie aufmerksam prüfend
               ansehen: stimmts? ists wirklich so ganz eins und dasselbe, so daß wir Jesus gar nicht
               mehr brauchten? Wir werden dann überall eine merkwürdige Beobachtung machen: Zuerst
               sehen wir überall die Ähnlichkeiten und Gleichheiten. In allen guten und reinen
               Menschenseelen zu allen Zeiten, in allen Ländern scheint göttliche Wahrheit
               aufzuleuchten, erhabene Gesetze, freundliche Trostworte, beseligende hohe Hoffnungen,
               Alles so hell und schön wie bei Jesus. Jesus wird ein Stern unter anderen Sternen,
               einer, den man unter Umständen auch übersehen, dem man Andere vorziehen kann. Aber
               wenn wir nun genau zusehen — das tun freilich viele Menschen nicht —, dann entdeckt
               man bald da, bald dort merkwürdige kleine Unterschiede. Da sagt Jesus ein Wort, das
               der Andere, mit dem man ihn vergleichen wollte, unmöglich hätte sagen können; da sagt
               umgekehrt dieser Andere etwas, von dem man spürt: das hätte nie über die Lippen Jesu
               gehen können; da drücken beide vielleicht den gleichen Gedanken auf eine bezeichnend
               verschiedene Weise aus. Zuerst beachtet man solche Unterschiede kaum zwischen Jesus
               und anderen Meistern, sie scheinen einem unbedeutend; plötzlich bekommt man eine
               Ahnung: es ist eine ganze Welt von Verschiedenheit hinter diesen kleinen
               Unterschieden verborgen, vielleicht, daß man es kaum mit Worten beschreiben kann, man
               spürt nur: das ist durchaus nicht eins und dasselbe, das ist etwas ganz Anderes hüben
               und drüben.</p>
        <p>Ein Beispiel: Unter den Sprüchen des chinesischen Weisen <persName ref="kbga-actors-3879">Kung-Tse</persName> findet sich einer,
               der lautet: Was ihr nicht wollt, daß euch die Leute tun sollen, das sollt ihr ihnen
               auch nicht tun!<note xml:id="n01">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1536">
                                <persName ref="kbga-actors-3879">Kung-Futse</persName>, <hi rend="italic">Gespräche</hi> (Lun Yü)
                        Buch XII (Yän Yüan), 2, <hi rend="italic">Sittlichkeit</hi> II: Ehrfurcht und Nächstenliebe (mit Dschung Gung).</bibl>
                        </note> Jesus sagt: Was ihr
               wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut
               <pb xml:id="p040" ed="pga"/>
                ihr ihnen auch [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.12">Mt. 7,12</ref>]!
               Was für eine Ähnlichkeit! Und doch was für ein weltweiter Unterschied: dort der kluge
               erfahrene Mann, der die Seinigen anweist, wie man möglichst geschickt und ungeplagt
               durchs Leben kommt, hier der Prophet der unbedingten Pflicht, der es jedem zur
               eisernen Regel macht: du bist nicht mehr als dein Nächster! du gehörst mit ihm
               zusammen! sein Wohl ist dein Wohl! Das ist zweierlei. Ein anderes Beispiel. <persName ref="kbga-actors-68">Buddha</persName>,
               der indische Religionsstifter, lehrte die Feindesliebe. Jesus auch. Voreiligerweise
               hat man gesagt: seht da: Jesus hat nichts Neues gebracht. Sieht man aber genauer zu,
               so entdeckt man: <persName ref="kbga-actors-68">Buddha</persName> empfiehlt die Feindesliebe, weil man so leichter und
               schneller und schöner zur Ruhe komme mit den Mitmenschen als durch Zank und
               Vergeltung. Jesus sagt: Gott läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt
               regnen über Gerechte und Ungerechte [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.45">Mt. 5,45</ref>]; 
               ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen
               ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.48">Mt. 5,48</ref>]. Dort wurzelt
               die Feindesliebe in dem Verlangen des lieben Ich nach dem, was ihm angenehm ist, hier
               in der Ehrfurcht vor dem reinen Bilde des ewigen Gottes. Das ist zweierlei. Oder wir
               wollen einen Gedanken vergleichen bei Jesus und jenen stoischen Philosophen des
               Altertums. Ich denke an jene wundervolle Einladung Jesu, daß wir nicht sorgen sollen,
               weil Gott uns in seiner Hand hält so gut als die Lilien auf dem Feld und die Vögel
               unter dem Himmel 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.26 Mt.6.28">Mt. 6,26–28</ref>]. 
               Etwas Ähnliches hätte wohl auch der eine oder der andere von jenen
               edlen heidnischen Denkern sagen oder schreiben können. Aber was bedeutete eine solche
               Gesinnung bei ihnen: man muß gelassen sein, schließlich läßt sich Alles ertragen und
               führt wohl auch noch zu einem guten Ende; bei Jesus bedeutete es: frei und fröhlich
               sein in Allem, weil man den Gott, von dem Alles kommt, kennt und innerlich mit ihm im
               Reinen ist. So tun sich die Unterschiede auf zwischen Jesus und den Anderen bei
               genauerem Zusehen. Wir spüren es den alten Propheten an: sie wußten, was Gottes
               Gerechtigkeit ist, auch Jesus wußte es, aber er wußte noch mehr als das: ihm war Gott
               nicht bloß Gerechtigkeit, sondern erbarmungsvolle, schöpferische Liebe. Wir spüren in
               den Psalmen ein tiefes
               <pb xml:id="p041" ed="pga"/>
                lauteres Sehnen nach Gott, Jesus hat kaum in schöneren Worten davon geredet, aber
               bei Jesus finden wir etwas, was wir bei den Psalmsängern, den israelitischen und den
               babylonischen, so nicht finden: Erfüllung der Sehnsucht, Gegenwart dessen, nach dem
               jene aus der Tiefe riefen.</p>
        <p>Und so geht es uns auch mit den Menschen und Gedanken der neueren Zeit, die man als
               Konkurrenten neben Jesus hat stellen wollen. Wir spüren da überall deutlich: ja, da
               handelt es sich um große, schöne, wichtige Dinge, die man zweifellos ernst nehmen,
               von denen man lernen, an denen man sich beteiligen kann und in vielen Fällen muß.
               Aber bei Jesus ist <hi rend="italic">mehr</hi> zu finden! Da ist das Evangelium von der
               Bildung, von der Wissenschaft. Es ist gut. Es <hi rend="italic">ist</hi> ein Evangelium.
               Man muß sich freuen über jeden Menschen, dem es ein Anliegen ist, zu lernen, zu
               wissen. Es gibt zu wenig solche Menschen. Die Wahrheit wird euch frei machen 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.32">Joh. 8,32</ref>]. Aber kann uns die
               Bildung, die Wissenschaft geben, was uns Jesus gibt? Wir entdecken auch da wieder:
               bei Jesus ist noch etwas drüber hinaus, und wenn wir genau zusehen, ist das Etwas
               sogar eine ganze Welt: Frieden des Herzens, Freudigkeit zum Leben, Kraft zum Kämpfen
               und zum Leiden, Ruhe zum Sterben, das lernt man nicht aus Büchern und in keiner
               Schule, auch nicht auf einem Seminar oder auf der Universität, das lernt man in der
               Erfahrung, und zwar in <hi rend="italic">der</hi> Erfahrung, die gemacht wird unter dem
               Einfluß des Bildes Jesu.</p>
        <p>Und so ist zweifellos auch in jener Lebensauffassung, die uns Kunst und Natur
               empfiehlt als die wahren Wege zu Gott und zu einem göttlichen Leben, zweifellos viel
               Wahres. Aber was fehlt ihr, wenn wir sie neben Jesus stellen? Es fehlt ihr jene
               Energie des Opfers, der rücksichtslosen Entsagung um des Höchsten willen, wie wir sie
               bei Jesus bewundern müssen. Es fehlt ihr die Klarheit über das Ziel, nach dem wir
               laufen müssen. Es fehlt ihr auch die Liebe, sie führt den Menschen wohl zu hohen
               Genüssen, zu erhebenden großen Momenten und Erlebnissen, aber sie führt ihn
               schließlich doch nicht über sich selbst hinaus zu den Mitmenschen, sie vergißt, daß
               wir nicht allein zum Himmel fahren dürfen, son<pb xml:id="p042" ed="pga" break="no"/>dern daß wir trachten müssen, wie wir unsere Brüder mit uns ziehen, wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>
               einmal gesagt hat.</p>
        <p>Man kann auch nicht sagen, wie man heutzutage oft hören kann, daß der Sozialismus
               Jesus und sein Evangelium ersetzen könne. Der Sozialismus ist eine sehr wichtige und
               notwendige Anwendung des Evangeliums, eine Anwendung, der man, wie ich überzeugt bin,
               nicht ausweichen kann. Wenn man mit Jesus Ernst macht, so kommt man, ob man will oder
               nicht, zu dem sozialen Grundgedanken der Gerechtigkeit, der Solidarität, des
               Friedens. Aber das heißt die Sache auf den Kopf gestellt, wenn man sagt: wir wollen
               zwar diese Gedanken, wir wollen den Sozialismus, aber nicht die Quelle, aus der er
               geflossen ist und fließen muß, wenn er etwas Echtes, Tiefes sein will. Tut man das,
               dann zeigt sich eben sofort der ungeheure Unterschied zwischen den Gedanken Jesu und
               diesen Gedanken. Ja, Jesus hat eine neue, gerechte Welt, das Reich Gottes,
               verkündigt, aber nur die kommen hinein, nur die werden es sehen, die reinen Herzens
               und guten Willens sind 
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.8">Mt. 5,8</ref>]. Das ist ein
                gewaltiges, ein entscheidendes Mehr auf Seiten der Gedanken
               Jesu: Wer eine bessere Welt haben will, muß ein besserer Mensch werden! Wir tun wohl
               daran, diesen Unterschied zu beachten.</p>
        <p>So geht es uns mit Allem, was wir neben Jesus und sein Evangelium stellen können. Wir
               sehen wohl viele ganz zweifellose Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen zwischen ihm
               und manchen anderen Menschen und menschlichen Gedanken, aber dann taucht bald da,
               bald dort der Unterschied zwischen ihm und den Anderen vor unseren Augen auf, und wir
               müssen gestehen: er ist größer als sie. Ich habe nur Beispiele genannt. Und ich hätte
               viel ausführlicher werden müssen, um auch nur diese Beispiele näher zu begründen. Die
               Hauptsache ist, daß wir uns den Grundsatz richtig aneignen: den Grundsatz:
               vergleichen zwischen Jesus und all dem Anderen, was ihn angeblich überflüssig machen
               soll. Wo dieser Vergleich gründlich gemacht wurde, da ist es den Menschen noch immer
               so gegangen, daß sie Jesus zuerst als einen Stern unter anderen angesehen und
               bewundert haben, dann aber sahen sie
               <pb xml:id="p043" ed="pga"/>
                schärfer hin, und da fing er an zu leuchten und größer zu werden, und sie merkten:
               er ist mehr als all die Anderen. Wie kann man sich täuschen über die Höhe der
               verschiedenen Schneeberge unserer <placeName ref="kbga-places-153">Alpen</placeName>, wenn man sie von uns aus beurteilt. Einer
               von ihnen wird wohl der höchste sein. Aber da braucht es mehr als eine bloße
               flüchtige Beobachtung, um das festzustellen. So braucht es auch Ernst und
               Aufmerksamkeit, um zur Erkenntnis zu kommen: Jesus ist mehr als andere Meister. Und
               doch ist diese Erkenntnis in der Hauptsache eigentlich nicht schwer.</p>
        <p>Aber wir wollen nun unsere Frage: was hat Jesus gebracht? noch von einer anderen
               Seite aus anfassen. Wir würden Jesus nicht gerecht werden, wenn wir dabei bleiben
               würden zu sagen: seine Lehre ist vollkommener als andere Religionslehren und
               Meinungen, er hat die Propheten und seine anderen Vorgänger überboten, die Wahrheit
               reiner, tiefer, vollständiger dargestellt als sie. Das alles ist wahr. Aber es ist
               nicht Alles, und es ist nicht einmal das Größte, das Entscheidende. Wir können ruhig
               zugeben, daß Vieles, sehr Vieles von dem, was Jesus gesagt hat, sich aufs engste
               berührt mit dem, was auch Andere vor und nach ihm gesagt haben. Äußerlich mag oft
               fast kein Unterschied da sein. Oberflächliche Menschen mögen recht haben von ihrem
               Standpunkt aus, wenn sie dabei bleiben: Nichts Neues, nichts Besonderes.</p>
        <p>Nach unserer Überzeugung hat Jesus neue, besondere Dinge gesagt. Aber nicht darin
               liegt schließlich seine einzigartige Bedeutung, daß er neue, besondere Dinge gesagt
               hat. Sondern die liegt <hi rend="italic">in der Art, wie Jesus alle Dinge gesagt hat</hi>.
               Bei Jesus standen alle Gedanken in einer ganz einzigartigen unmittelbaren Beziehung
               zu Gott. Jesus schöpfte immer aus dem Tiefsten, und er zielte immer auf das Letzte,
               Höchste, wenn er redete. Bei uns ist diese Beziehung zu Gott nicht da oder nur sehr
               unvollkommen da, und darum ist es bei uns etwas ganz Anderes. Darum kommen wir, wenn
               wir denken und reden, so oft auf etwas Halbes, Unvollständiges hinaus, auf Dinge, die
               halbwegs wahr sind, im Übrigen aber ein Gemisch von Unklarheit, Entstellung und
               Irrtum. Wir haben den Halt nicht an Gott, wenn wir denken und reden. Wir
               <pb xml:id="p044" ed="pga"/>
                schöpfen nicht so aus der Tiefe und können darum dann auch nicht so hoch denken wie
               Jesus.</p>
        <p>Jesus glaubte unbedingt an Gottes <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi>. Tun wir das nicht
               auch? Ach doch ja, wir glauben ja auch wohl, daß Gott wirklich ist, aber sehr oft tun
               wir doch so, als ob wir es eigentlich nicht glaubten, wir wagen es durchaus nicht,
               vorauszusetzen, daß es wahr sei, wir denken und reden so, als ob Gottes Dasein
               eigentlich ein wenig zweifelhaft wäre. Bei Jesus war Gott das
               Allerselbstverständlichste, die Voraussetzung und Grundlage von Allem. Jesus hat nie
               daran gedacht, zu beweisen, daß es einen Gott gebe, oder auch nur zu beweisen, daß
               Gott so sei, wie er ihn beschrieb. Jesus erzählt einfach, z. B. in seinen
               Gleichnissen: Selbstverständlich macht es Gott so und so wie der Vater des verlorenen
               Sohnes [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.11 Lk.15.32">Lk. 15,11–32</ref>], 
               wie der Herr jener Arbeiter im Weinberge [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.20.1 Mt.20.16">Mt. 20,1–16</ref>], wie der Hausherr,
               der die Bettler und Lumpen zu Tisch ladet [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.22.1 Mt.22.14">Mt. 22,1–14</ref>]. Alles doch höchst merkwürdige,
               gewagte Behauptungen von Gott, Jesus aber stellt sie ganz natürlich hin, es <hi rend="italic">ist</hi> einfach so. Dieser Glaube an Gottes Wirklichkeit, der so sicher
               ist wie der Glaube an das eigene Leben, der zittert auch in Jesu Worten. Der macht
               sie so einzigartig.</p>
        <p>Mehr noch: Jesus glaubt an Gottes <hi rend="italic">Gegenwart</hi>. Das tun wir auch nicht
               oder nur höchst unvollkommen. Für uns ist die Welt oft so gottesleer, vielleicht fast
               immer. Es fällt uns doch gar nicht ein, an Gottes Gegenwart zu glauben, wenn wir
               nachher aus der Kirche heimgehen und über die Ereignisse der letzten Woche reden. Da
               ist Gott schon wieder weit weg, vielleicht bleibt er hier in der leeren kalten
               Kirche. Gott ist nicht gegenwärtig, wenn wir in der Fabrik sind, wenn wir über ein
               gutes oder schlechtes Geschäft nachsinnen, wenn wir unsere kleinen Freudlein und
               Zörnlein haben. Bewahre, was sollte Gott damit zu tun haben? Was versteht er denn
               davon? So denken wir. Daher unser halbes, karges, ungenügendes Denken und Reden.
               Jesus lebte in Gottes Gegenwart. Gott war für ihn überall da. Die Blume auf dem Feld
               und die Spatzen auf der Straße [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.26 Mt.6.28">Mt. 6,26–28</ref>] redeten ihm von Gott, sogar die Frau,
               die Brotteig knetet 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.33">Mt. 13,33</ref>], der Händler,
               <pb xml:id="p045" ed="pga"/>
                der seinen Perlen nachläuft [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.45 Mt.13.46">Mt. 13,45f.</ref>], sogar ein so schwieriger Geselle wie jener ungetreue Haushalter
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.1 Lk.16.8">Lk. 16,1–8</ref>] — in
               den gewöhnlichsten, unerfreulichsten Erscheinungen des Lebens hört und sieht er Gott.
               Und darum weiß er auch: Gott hört und sieht mich; er redet zu den Menschen nicht
               anders, als er zu Gott selbst reden würde, er fühlt sich bei jedem Wort und jedem
               Schritt begleitet und umgeben von Gott. Nichts Natürliches — und <hi rend="italic">wie</hi> natürlich ist es für Jesus! 
          Wie klingt es nach in seinen Worten:</p>
        <q rend="block">
          <lg>
            <l xml:space="preserve">Gott ist gegenwärtig,</l>
            <l xml:space="preserve">lasset uns anbeten</l>
            <l xml:space="preserve">und in Ehrfurcht vor ihn treten!<note xml:id="n02"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-11">Lied 174 (EKG 128) von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (1697–1769), Strophe 1.</bibl></note></l>
          </lg>
        </q>
        <p>
          Wir können uns ja eigentlich nur schämen, wenn wir das singen und sagen, weil es
               bei uns so gar nicht zutrifft. Für Jesus war es das Selbstverständliche. Können wir
               uns wundern über die einzigartige Kraft seiner Worte?</p>
        <p>Und Jesus glaubte an Gottes <hi rend="italic">Lebendigkeit</hi>. Für uns ist Gott so oft
               ein toter Gott. Ein Kirchengott oder Kapellengott.<note xml:id="n03">«Kapelle» heißen
                  in aargauischen Dörfern pietistische Gemeinschaftsversammlungen, meist mit eigenen
                  Predigern außerhalb der Landeskirche.</note> Ein Gott von allerlei
               Umständlichkeiten und Feierlichkeiten. Man braucht ihn, wenn man taufen oder sich
               trauen läßt, ferner an der Ostern. Gott ist ungefähr dasselbe wie allerlei schöne
               Bräuche, vielleicht überhaupt was Brauch ist, nur ja nichts darüber, nur ja nichts
               Ungewohntes, nichts, zu dem wir Gott die Erlaubnis nicht gegeben haben. Im besten
               Fall ist Gott noch ein Bibelgott. Dort redet er und ist zu hören. Sonst nirgends. O,
               wenn wir ihn nur wenigstens dort hören würden! Und nun haltet euch vor Augen, wie
               Jesus von Gott gedacht hat: das gerade Gegenteil: der lebendige Gott. Wie oft hat man
               Jesus angeklagt, er sei ein Feind des Gesetzes, der alten offenbarten Gotteswahrheit.
               Da hat er unmißverständlich gezeigt, daß Gott sich nicht fangen läßt unter
               Buchstaben, auch nicht unter die ältesten, heiligsten Buchstaben. Gott ist
               <pb xml:id="p046" ed="pga"/>
                Geist [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.24">Joh. 4,24</ref>]. Gott steht
               über den Gesetzen, nicht umgekehrt. Man hat Jesus der Anmaßung beschuldigt: wer gibt
               dir Vollmacht, solches zu tun 
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.21.23">Mt. 21,23</ref>]? 
               Arme Leute, sie verstanden den nicht und konnten ihn nicht
               verstehen, dem die Vollmacht Gottes lebendig im Herzen und Gewissen brannte, sie
               warteten auf ein Stück Papier, die Bureaumenschen. Man hat Jesu Güte nicht
               verstanden, z. B. sein Verhalten gegen die Zöllner, gegen schlechte Frauen, gegen
               Gesunkene und Gefallene aller Art. Warum hält ers mit denen, statt mit den rechten
               Leuten? Ach, was hat die Stufenleiter einer Gesellschaft mit dem lebendigen Gott zu
               tun? Gott kehrt sich gar nicht daran, er wirft sie um, er kümmert sich gar nicht um
               eine Einteilung von gut und schlecht. Auch Gottes Güte läßt sich nicht einfangen
               durch euren Brauch und eure Vorschriften.</p>
        <p>Und wieder hat man sich darüber gewundert, daß Jesus doch auch gar so viel von den
               Menschen verlangte. Es ist wahr, Ungeheures verlangte Jesus im Namen Gottes. Der
               lebendige Gott läßt sich durch kein menschliches Gesetz binden, und wäre es das
               heiligste, er fordert mehr als <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> und die Propheten, er verlangt nicht nur ein
               braves, korrektes Leben, sondern ein reines Herz. Wer brav ist und alle guten Werke
               tut und hat kein reines Herz, der ist ein Heuchler! so urteilte Jesus. Ein ungeheuer
               hartes Urteil. Zu hart! kann man denken. Vor einigen Jahren hat sogar ein gelehrter
               deutscher Theologieprofessor die Pharisäer in Schutz genommen: sie seien nicht so
               schlimm gewesen, Jesus sei auch gar streng und scharf mit ihnen umgegangen. Es ist
               wahr: das ist entsetzlich hart: dieses Entweder — Oder: entweder ein reines Herz —
               oder ein Heuchler, trotz aller Bravheit und aller guten Werke. Das paßt nicht zu den
               Gesetzen und Bräuchen, mit denen wir einander das Leben sauer machen, und mit denen
               wir uns zugleich entschuldigen und verstecken vor dem, was wir eigentlich tun und
               sein müßten. Aber das paßt zum lebendigen Gott, wie Jesus ihn kannte: die höchste
               Freiheit, die alles menschliche Zeug hinter sich läßt, ist zugleich die höchste
               Strenge, die höchste Anforderung an unser menschliches Wesen. </p>
       
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p047" ed="pga"/> Seht, meine Freunde, in diesem Sinn, in diesem Gottessinn hat Jesus von den Dingen
               geredet, so war Alles, was er sagte, unmittelbar verknüpft mit dem wirklichen,
               gegenwärtigen, lebendigen Gott. Wollen wir noch lange fragen, was das Einzigartige am
               Evangelium ist? Wir können nun sofort die Antwort darauf geben: das Einzigartige ist
               der Mensch, der so reden konnte. Wir können seine Worte nicht lesen oder hören, ohne
               sofort vor das Wunder seiner Person geführt zu werden. Wir können Jesu Lehre niemals
               würdigen und verstehen, ohne uns zugleich in die Betrachtung Jesu selbst zu
               vertiefen. Nicht die Lehre ist das Größte an Jesus, sondern die Tatsache, daß er so
               lehren konnte, daß er so eins war mit Gott, um so reden zu können. Das muß uns
               auffallen und zu denken geben. Darauf müssen wir achten, wenn wir diese Lehre in
               ihrem vollen Inhalt, in ihrer vollen Kraft verstehen wollen. Jesus und seine Worte
               sind unzertrennlich verbunden. Man dürfte nie über das Eine ohne das Andere
               verhandeln wollen. Jesus predigte das Evangelium, und er war es zugleich.</p>
        <p>Was brachte Jesus? Die wundervolle Verkündigung von Gottes Reich und seiner
               Gerechtigkeit, von der Vaterliebe und von der Bruderliebe, von der Seligkeit und von
               der Wahrhaftigkeit. Es kann ja keine Rede davon sein, daß diese Gedanken jemals
               überboten oder überflüssig gemacht werden könnten, wenn man sie vorurteilslos
               überdenkt. Aber Gott sei Dank, Jesus brachte mehr als diese Gedanken, Jesus brachte
               sich selbst, in dem die Verkündigung Gestalt annahm. Er lebte das, was er sagte, er
               verkörperte seine Botschaft, er war selber der Inbegriff seines Evangeliums. Er lebte
               in Gott, von dem er redete. Und das alles, ich betone es nochmals, so natürlich und
               selbstverständlich. Das ganz Außerordentliche, von dem er redete, das wir sonst
               vielleicht als eine törichte Phantasie oder Theorie beiseite schieben könnten, es war
               in ihm einfach Tatsache: er stand zu Gott so, wie er schilderte, daß die Menschen
               stehen müssen. Diese Tatsache hat den Menschen mehr Eindruck gemacht als seine
               Schilderungen.</p>
        <p>Verstehen wir nun, daß Jesus der Inhalt des Evangeliums ist — sein muß? Wir kennen ja
          keine andere solche Tatsache von Ein<pb xml:id="p048" ed="pga" break="no"/>heit mit Gott wie diese. Auf diese Tatsache müssen wir darum hinsehen. In dieser
               Tatsache des Lebens Jesu, zu dem auch sein Sterben gehört, sagt uns Gott: ich hab es
               mit euch,<note xml:id="n04">Die Wendung «es haben mit jemandem» bezeichnet eine — für
                  andere überraschende — Zuwendung zu einem Menschen.</note> ihr Menschen, ihr
               gehört zu mir, und ich will euch alles Gute schenken. Das ist die frohe Botschaft
               Gottes an uns. Die frohe Botschaft in Christus.</p>
        <p>Am nächsten Sonntag wollen wir davon reden, wie uns diese Botschaft zu einer Kraft
               wird für unser Leben. Für heute wollen wir heimgehen und darüber nachdenken, wie
               wunderbar das ist, daß ein Mensch wie wir sagen konnte: Ich und der Vater sind eins
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.10.30">Joh. 10,30</ref>] — und es war
               Wahrheit!</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
