11. Januar 1914

Predigt: Römer 1,16 (I)

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Römer 1,16 (I)
Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes zum Heil Allen, die daran glauben.
Liebe Freunde!

Paulus wollte nach Rom kommen, um auch daselbst das Evangelium zu predigen. So schrieb er seinen Gesinnungsgenossen in der Weltstadt. Nicht etwas Kleines und nicht etwas Selbstverständliches war es, was er da vorhatte. Das war etwas Sonderbares, etwas Außerordentliches, ein ungemeines Wagnis. Das konnte für ihn höchst lächerlich, in Spott und Schande endigen, vielleicht aber auch, höchst bedenklich, in Leiden und Tod. Das war wie ein Zwerg, der einen Riesen zum Kampf herausfordert. Das war wie Columbus, der auf einem zerbrechlichen kleinen Fahrzeug auszog, einen neuen Erdteil zu entdecken. Das war etwas von jenem unbegreiflichen Glauben, der zum Berge spricht: hebe dich weg von hier und laß dich dort nieder [vgl. Lk. 17,6]!

Was hieß denn das: «Nach Rom kommen»? Das hieß: in ein Wesen hineinkommen, das, wenngleich nur eine Stadt, doch zugleich die ganze Welt war. Denn die ganze damalige Welt hatte hier ihre Seele, hier liefen die eisernen Drähte zusammen, an denen sie gelenkt wurde bis in ihre fernsten Teile, hier sammelte sich das Schönste und Wertvollste, was die vier Himmelsgegenden hervorzubringen hatten, hier fand sich die Weisheit und Lebenserfahrung aller Völker, hier freilich auch der Schmutz und Abschaum aus aller Herren Länder. Es gab nichts Kostbares, nichts Heiliges, nichts Edles, freilich auch nichts Gemeines und Abscheuliches in der damaligen Welt, was es nicht auch in Rom gegeben hätte. Unsere heutigen Großstädte: London, Paris, Berlin mögen an Ausdehnung und Bevölkerungszahl, an Pracht und Zweckmäßigkeit ihrer Bauten, an Lebhaftigkeit des Handels und Verkehrs das alte Rom übertreffen — es ist doch keine von ihnen in dem Sinn Weltstadt, wie es Rom zur Zeit des Paulus gewesen |13 ist: Weltstadt, d. h. Mittelpunkt und Vertreterin, Einheit und Inbegriff der damals bekannten Welt. Das war Rom. Rom kennen hieß die ganze Menschheit kennen. Rom bekämpfen hieß ein Feind des ganzen Menschengeschlechtes sein. Rom erobern hieß Herr der Welt werden. Wer durfte an so etwas denken? Rom war unüberwindbar. Rom war ewig. Rom war göttlich. Man darf sich nicht wundern, daß die römischen Kaiser sich Opfer und Anbetung darbringen ließen, als ob sie Götter wären. Kein Römer empfand das als Übermut, sie verehrten im Kaiser sich selbst als Gottheit, Roms Macht, Roms Weisheit, Roms Reichtum. Rom war die Welt, die Welt der Waffen, die Welt des Geldes, die Welt der Klugheit und der gescheiten Worte, die Welt, in der die Mehrheit und der Stärkere Recht hat. Warum sollte Rom nicht auch Gott sein, göttliche Ehre genießen in der Person seines Kaisers? Warum nicht?

In dieses Rom wollte Paulus kommen, in dieses geheimnisvolle, gespenstisch-große, ungeheuerlich übermütige Wesen hinein! Und das nicht als Einer, der gesonnen ist, dieses Treiben mitzumachen, der in Roms Glanz und Lust und Fülle selber emporkommen und satt werden wollte. Tausende und Abertausende kamen in dieser Absicht nach Rom und dienten so diesem Wesen voll Herrlichkeit und Abscheulichkeit. Nicht so Paulus. Er kam weder als Soldat, noch als Händler, noch als Weisheitslehrer, noch als Zauberer, er kam nicht um sein Glück zu machen. Aber auch nicht als harmloser Wanderer, der sich die Welt zwischen den sieben Hügeln Roms einmal ansehen wollte, um dann wieder weiterzugehen, vielleicht voll Bewunderung, vielleicht voll Entsetzen, jedenfalls voll Interesse, aber doch im Innersten gleichgültig, als Einer, den es nichts angeht. Paulus kam nicht als Bummler und Zuschauer nach Rom. Und erst recht nicht als geehrter und erwarteter Gast, dem zu Ehren man Triumphbogen baute, den das Volk begrüßte, wie es etwa seine siegreich heimkehrenden Feldherren begrüßte. Paulus wußte: wenn er kommen würde, würde in Rom kein Mensch den Kopf umkehren, nicht einmal ein Marktweib oder ein Straßenkehrer. Rom erwartete ihn durchaus nicht |14 und dachte nicht daran, ihn willkommen zu heißen. Paulus kam als Apostel. Und das hieß: Paulus kam in das große Rom als der Gesandte eines noch Größeren. Ja, das wußte Paulus, das war seine innerste Überzeugung, ich habe und bringe etwas Besseres, als das ganze große Rom ist und hat. Das wußte er — aber was war denn die «innerste Überzeugung» dieses kleinen Juden gegenüber Rom, gegenüber der Welt, die in Rom ihre Krone und ihr Zentrum hatte? Was war seine angebliche Gewißheit von einem angebrochenen Gottesreich neben der harten sicheren Tatsache der römischen Waffenmacht, Gedankenmacht, Geldmacht? Ein Hauch, ein Nebel, ein Seufzen im Winde. Er kam doch gar nicht in Betracht gegen Rom?! Und nun kam er gar mit dem Anspruch, Rom zu gewinnen für seine Überzeugung; predigen will er, das Unbegreifliche will er verkündigen, daß ein vor dreißig Jahren gekreuzigter Schwärmer der Herr sei über Alles, was Mensch heiße, von Gott auserwählt, Gottes Sohn, mehr, unendlich viel mehr als der Kaiser in aller seiner Pracht, daß der Gehorsam gegen diesen Einen mehr wert sei als alle Kostbarkeiten des Weltreiches, daß das Denken, wie dieser Eine dachte, die tiefere Weisheit sei als alle Philosophie und alle Geheimnisse der Völker. Was für ein Anspruch! Was für ein Wagnis! Hat er sichs auch überlegt? weiß er auch, was er tut, dieser Paulus? Ja, er scheint es zu wissen, er zaudert keinen Augenblick, als er sein Kommen ankündigt, um das Evangelium, diese seine innerste Überzeugung, in Rom zu predigen; denn, sagt er: ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes zum Heil Allen, die daran glauben.

Wir wollen heute dieses «ich schäme mich nicht!» zum Gegenstand unserer Aufmerksamkeit machen. Es liegt noch allerlei Anderes in unserem Textwort, das wollen wir dann an den nächsten Sonntagen besprechen. Der kleine Jude Paulus, der dem mächtigen, reichen, gescheiten Rom, der der ganzen Welt gegenübertritt und sich nicht schämt, ein Gläubiger, ein Apostel des Evangeliums zu sein — was hat uns dieses Bild zu sagen? Das stellt uns vor die Frage: wie stellen denn wir uns? Verstecken wir unser Bestes, oder wagen wir es, uns dazu zu bekennen?

15 Vielleicht denken wir: ich habe keinen sonderlichen Anlaß zum Bekennen meines Glaubens, heutzutage braucht man sich des Evangeliums nicht mehr zu schämen wie damals. Das ist richtig. Man kann heutzutage in die Kirche oder Versammlung gehen, man kann seine Kinder christlich taufen und erziehen lassen, ohne damit etwas Außerordentliches zu tun, ohne daß einem das Schwierigkeiten und Anfechtungen verursacht. Das Christentum ist ja eine anerkannte selbstverständliche Sache geworden. Aber halt, das Christentum in diesem Sinn ist nicht das Ganze, nur eine Außenseite davon sogar, es gibt Anlässe genug, wo es eine heiklere Sache wird, zu seinem Christentum zu stehen, Anlässe, wo man auch heutzutage wie einst Paulus vor den Toren der Weltstadt Rom dasteht vor der peinlichen unausweichlichen Frage: Schämst du dich, ja oder nein?

Vielleicht kommst du in eine Gesellschaft, wo über die Dinge, die dir heilig sind, gespottet oder doch leichtfertig geredet wird. Manchen jungen Menschen ist es ja so gegangen beim Militär, im Geschäft, im Wirtshaus. Was wirst du nun tun? Schweigen? oder gar mitmachen, obwohl du im Innersten eine Stimme hörst, die dir sagt: es ist nicht recht, es ist nicht recht! Schämst du dich? Jetzt fragt es sich, ob du zu deinem Christentum stehst oder nicht. — Vielleicht begegnest du einem Menschen, der auf falschem verderblichem Weg ist. Du weißt es besser, du weißt auch: der geht zugrunde, wenn er so weiterfährt. Aber um ihm zu helfen, müßtest du reden, du müßtest ihm deutlich zu erkennen geben, daß du anderer Ansicht bist. Und eine innere Stimme gebietet dir wiederum: hilf ihm! sag ihm, was er hören muß! Schämst du dich? jetzt kommts darauf an! — Vielleicht hast du Gelegenheit, irgendwo zu einem Vorteil zu gelangen. Jedermann macht es so, dir aber sagt dein Gewissen und deine bessere Einsicht: es sollte doch nicht sein! Nun müßtest du verzichten, den Vorteil fahren lassen, müßtest es wagen, den Anderen Unrecht zu geben dadurch, daß du still ihre Weise nicht mitmachst. Wirst du es wagen? wirst du dich nicht schämen? — Vielleicht kommst du vor die Notwendigkeit, Partei zu ergreifen zwischen Recht und Unrecht und darum dann |16 auch zwischen den Leuten, die Beides vertreten. Bis jetzt konntest du so behaglich von Weitem zusehen, wie die Leute ihre Meinungen hatten und darum stritten, und warst froh, daß es dich nichts anging, nun spürst du plötzlich: das geht nicht mehr — ehrlicherweise muß ich nun auch bekennen: hier auf dieser Seite stehe ich. Wirst du es wagen, offen zu werden, klar zu werden, herauszurücken mit dem, was in dir ist? Oder schämst du dich? Jetzt kommt es darauf an! — Es gibt hunderterlei solcher Fälle im Leben, wo es so darauf ankommt, ob wir uns schämen oder nicht. O nein, an Anlässen zum Bekennen unseres Glaubens fehlt es uns also wahrhaftig nicht, auch heutzutage nicht. Es vergeht gewiß kein Tag in unserem Leben, an dem nicht jene innere Stimme uns zuriefe: jetzt, jetzt muß es sich zeigen! wo wir vor der Frage stehen, ob wir uns des Evangeliums, des Besten, was wir haben und kennen, nun schämen wollen oder nicht.

Ich bitte euch, erinnert euch nur daran, wie oft wir in solchen Fällen dann nach Ausreden suchen und solche auch wirklich finden, um es zu erklären und zu entschuldigen, daß wir uns des Evangeliums schämen, daß wir unser Bestes nicht zeigen, sondern es, so gut wir können, verstecken. Wir sagen etwa: ich bin nicht Pfarrer, ich überlasse es denen, von religiösen Sachen zu reden, die es studiert haben! So, meinst du? O, du brauchst gar nicht Pfarrer zu sein, um dich zu deinem Glauben zu bekennen, du brauchst gar nicht studiert zu haben zu diesem Zweck. Um deinen Freunden und Bekannten zu zeigen, daß du ein Christ bist und daß es dir damit Ernst ist, dazu brauchts nur ein einfaches, ungelehrtes Wort, sags nur, wie es dir ums Herz ist, sie werden dich schon verstehen. Oder wir sagen: ich mag mich doch den Leuten nicht aufdrängen, ich lasse sie gehen und bin zufrieden, wenn sie mich auch gehen lassen. Das ist schon recht, wenn du so friedlich und zurückhaltend gestimmt bist — aber das darf dir keine Ausrede werden, dich des Evangeliums zu schämen, das Bessere zurückzuhalten, das du weißt, deinen Mitmenschen hinlaufen und irren zu lassen, während du ihn vielleicht mit einem kräftigen Wort retten könntest. Aufzudrängen brauchst du dich |17 niemandem, vor der Gefahr brauchtest du nicht so Angst zu haben, aber du solltest nicht schweigen und zurückhalten, wenn du selber spürst: jetzt sollte ich einmal aus mir herausgehen. Darum handelt es sich. Oder wir sagen vielleicht: es ist nicht Mode, so eine bestimmte Meinung zu haben und zu vertreten, wir möchten nicht auffallen, nicht vor Anderen in einer besonderen Stellung uns befinden. Ich, gerade ich, soll etwas sagen oder tun? Und wenn dann Alle mich ansehen und hören, und nun soll ich dastehen und meine inneren Gedanken an den Tag treten lassen? Nur das nicht! So anspruchsvoll bin ich nicht! Nun, das ist schön, wenn ein Mensch so bescheiden von sich denkt. Aber denk einmal so, wohin würde man kommen, wenn man nie etwas Ausnahmsweises, Auffallendes tun wollte! Was für eine langweilige, was für eine trostlose Sache würde da das Leben. Gottlob, daß wir diesen Vorsatz gar nicht ausführen können, sogar wenn wir ihn fassen wollten; wir müssen manchmal hervortreten und etwas Ungewohntes, Außerordentliches tun, ob wirs wollen oder nicht. Wollen wir es dann nicht lieber freudig und bewußt tun, ganz besonders dann, wenn es sich um das Gute, um Gottes Wahrheit und Recht handelt? Die Mode soll uns doch keine Ausrede sein, unser Bestes zu verstecken! Die Mode ist ein Schein, der vorübergeht, und das sind arme haltlose Menschen, die sich nach ihr richten wollen. Alle diese Ausreden sind eben wirklich Ausreden, d. h. nicht wirkliche, sondern scheinbare Gründe, die wir vorbringen, um doch etwas zu sagen, wenn wir uns des Evangeliums schämen.

Die wahren Gründe sitzen tiefer. Man kann sie alle zusammenfassen in dem einen: wir fürchten uns. Wir getrauen uns nicht, hervorzutreten und offen durch Wort und Tat das zu sein, was wir in der verborgenen Tiefe unseres Herzens vielleicht gerne sein möchten. Wir denken, es wäre wohl schön, aber es geht nicht, ich kann nicht. Wir fürchten uns vor uns selbst, vor Allem. Wir spüren, um sich als Christ zu bekennen, dazu braucht es einen großen tiefen Ernst. Wir erschrecken vor dem Gedanken, daß wir einem Anderen sagen müßten: ich will mich zu Gott halten! und davor, ihm durch die Tat zu zeigen, daß das wirklich unsere Absicht ist. |18 Wir denken: was für Einer müßte ich sein, wenn ich so auftreten könnte, wir trauen uns die Fähigkeit nicht zu, wir zittern vor jener Stimme in unserem Inneren, die uns auffordert und sagt: du solltest es dennoch tun. Es kommt uns vor, wie wenn jene Stimme unser Feind wäre. Wir fliehen sie, wir verstopfen uns die Ohren vor ihr.

Das ist das Eine. Das Andere ist, daß wir uns vor den Menschen fürchten. Wir denken: wie werden mich die befremdet und entsetzt anblicken, denen die Wahrheit neu und ungewohnt ist. Schon davor, uns verwundert ansehen zu lassen, haben wir einen heiligen Respekt; wenn es sein kann, suchen wir es zu vermeiden. Wir denken an die, die anderer Meinung sind: wie werden die — vielleicht lachen — vielleicht schelten — vielleicht widersprechen, es ist Alles unangenehm, und man sucht ihm auszuweichen. Wir denken an die, denen wir vielleicht zu nahe treten, wenn wir offen zu unserer Sache stehen. Man kann ja keine Überzeugung vertreten, ohne daß man Anderen zu nahe tritt, ohne daß Andere sich dadurch betrübt, beleidigt, vielleicht geschädigt fühlen. Was sagen wir dazu? Wie wirds werden, wenn sie sich nun zur Wehr setzen, sich rächen? Grund genug, sich dreimal in Acht zu nehmen, bevor man etwas sagt oder tut. Grund genug, die Menschen zu fürchten und sich nicht zu weit vorzuwagen.

Wir fürchten uns aber auch vor der Welt und ihren Ordnungen im Allgemeinen. Wir denken: die Ordnung der Welt lautet: man muß klug sein, man muß sich schicken in das, was nicht zu ändern ist, man muß mit denen gehen, die mächtig sind, oder mit der Mehrheit. Wer es anders macht, dem gehts übel, der kommt zwischen die Räder. Verdruß und Feindschaft und Unglück sind sein verdienter Lohn. Der Respekt vor dieser Weltordnung liegt uns tief im Blute. Bei jedem Anlaß, unser Innerstes zu zeigen, kommt uns ganz von selbst die Erwägung: halt, das könnte gefährlich sein! und wirkt wie eine Bremse auf unsere Freudigkeit zu bekennen und zu handeln, wie es Herz und Gewissen uns gebietet. So bringt es die Furcht, die dreifache Furcht vor uns selbst, vor den Menschen, vor der Welt, so oft dazu, daß wir uns des |19 Evangeliums schämen, daß wir das, was wir als wahr und recht eigentlich anerkennen, doch verstecken und verleugnen. Wir wollen ehrlich sein wenigstens und jene so viel besser klingenden Ausreden auf die Seite stellen. Wir wollen offen gestehen: wir fürchten uns, und darum schämen wir uns.

Was ist denn die Folge davon, wenn wir uns so schämen, unser Innerstes, Bestes zu zeigen, von Gottes Wahrheit und Recht durch Wort und Tat Bekenntnis abzulegen? Wir denken vielleicht, das macht nichts, ein Schaden kann daraus nicht entstehen, wohl aber bringt es uns Vorteile ein, wir haben dadurch Ruhe zwischen uns und den Anderen und Frieden mit der Welt überhaupt. Nun, da hat sich eben schon Mancher gewaltig geirrt in Beziehung auf die Folgen seines «sich Schämens».

Erstens wird uns ein solches Verhalten, und wenn wir noch so viele kluge Gründe dafür hätten, selber im Grunde unserer Seele nie befriedigen. Ein solches Verhalten bringt notwendig eine große Unruhe in uns hinein. Haben wir uns des Evangeliums geschämt, so müssen wir uns nachher unserer selbst schämen. Dem können wir nicht entgehen. Können wir ein gutes Gewissen haben, wenn um uns her Dinge geredet worden sind, gegen die sich alles Gute in uns auflehnte, und wir haben geschwiegen? Können wir ein gutes Gewissen haben, wenn neben uns einer zugrunde ging, und wir haben gesagt: ich mag mich nicht einmischen? Können wir ein gutes Gewissen haben, wenn wir eine schlechte Sitte, eine zweifelhafte Gewohnheit wahrnehmen in unserer Umgebung, und wir machen sie mit oder wehren uns doch nicht dagegen? Können wir ein gutes Gewissen haben, wenn wir die Freunde des Rechten und Wahren neben uns kämpfen und leiden, vielleicht unterliegen sehen, und wir wissen es: ja, das wäre eigentlich recht, aber ich schäme mich, ich mag mich nicht zeigen, mag nicht auch so Einer sein? Nein, das alles plagt uns innerlich, wir fühlen uns wie in zwei Teile zerrissen in solchen Augenblicken und Zeiten, wir möchten uns selber verachten, bittere Worte gegen uns selbst brauchen. Ein Gefühl tiefster Unbefriedigung erfüllt uns. Da haben wir nun den Dank dafür, daß wir uns vor unserem eigenen bes|20seren Ich flüchteten und versteckten, nun müssen wir wiederum uns selber geringschätzen, möchten die Hände vor die Augen halten, um uns selbst nicht zu sehen, wir Feiglinge, wir Verräter, wir Charakterlosen!

Geht es uns etwa bei den Menschen besser, denen zulieb wir uns so oft des Evangeliums schämen? Wir sollten doch nur das nicht meinen, daß sie uns anerkennen und liebhaben werden, wenn wir ihnen zu Ehren unsere Überzeugung versteckt haben. Die, welche dich am meisten auslachen und plagen und dir zuwider sind wegen deiner Überzeugung, die sind die Ersten, die heimlich oder offen alle jene Bezeichnungen: Charakterloser, Feigling … auf dich anwenden werden. Die Leute sind darin sehr merkwürdig. Sie toben und poltern gegen den, der zu einer ihnen unangenehmen Sache steht, schließlich aber imponiert er ihnen doch mehr, wenn er tapfer dazu steht, als wenn er sie verleugnet. Sie verachten ihn darum, weil er nachgegeben hat, und sie trauen ihm erst noch nicht, sie denken im Stillen erst noch: er ist doch nicht ganz sicher, er schweigt nur äußerlich, er hilft uns nur zum Schein! Verlaß dich darauf, solange du auch nur ganz im Stillen hängst an dem, was gut und recht ist, du magst es äußerlich verleugnen, soviel du willst, man wird es dir anspüren, und der Dank der Leute für deine Verleugnung wird sein, daß sie von dir sagen, wie die Knechte und Mägde des Hohenpriesters von Petrus: Wahrlich, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich [Mt. 26,73]! Was hast du nun davon? Verachtet im Geheimen und erst noch offen beargwöhnt!

Die schwerste Folge solches Nachgebens, solches Verzichts auf ein offenes Bekenntnis zum Guten haben wir noch nicht genannt: er trennt uns von Gott. Mit der Welt werden wir verbunden, wenn wir uns des Evangeliums schämen, es ist so recht Weltart, die wir damit annehmen, und ihrer Ordnung unterwerfen wir uns damit. Aber der Friede mit der Welt ist der Unfriede mit Gott. Denn was heißt das, wenn wir für das Gute nicht einzustehen, gegen das Böse nichts zu sagen wagen, wenn wir stumm und verlegen und mit heimlicher Unruhe mitschwimmen im allgemeinen Strom? Das |21 heißt einfach und unzweideutig, daß wir Feinde Gottes sein, daß wir mitschuldig sein wollen an der Sünde der Welt. Zwischen Gott und der Sünde gibt es keine Neutralität, da kann man nicht sagen: ich wills noch abwarten, ich will mirs noch offenlassen; da kann man nicht klug und vornehm auf der Seite stehen und zusehen. Man kann nur für Gott eintreten, sein Werkzeug werden, sich von ihm brauchen lassen, wie der Apostel Paulus es getan hat, und das ist für uns wie für ihn immer ein gewaltiges Wagnis, mit weltlichen Augen angesehen, etwas höchst Sonderbares und Unsicheres. Tun wir das, dann gehören wir aber auch zu Gott, dann spüren wir seine Liebe, dann läßt er uns seines ewigen, unerschöpflichen, vollkommenen Lebens teilhaftig werden.

Die andere Möglichkeit ist, daß wir uns Gott verschließen, daß wir uns zu denen stellen, die sagen: wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche [Lk. 19,14]! Täuschen wir uns nicht: es ist nicht etwas Harmloses, sich des Evangeliums zu schämen. Tun wir das, dann sind wir nicht mehr neutral, nicht mehr vornehm unbeteiligt, dann stehen wir selbst bei den Widerspenstigen. Auch die Furcht, die Furcht vor sich selbst, vor den Menschen, vor der Welt ist eben Widerspenstigkeit, Feindschaft gegen Gott im Grunde, und nicht etwas Milderes, das wir auch leichter nehmen könnten. Die Zaghaftigkeit, die uns von Gott gegebene bessere Einsicht auch zu zeigen, leuchten zu lassen vor den Leuten, diese Zaghaftigkeit ist Trotz gegen Gott, wir müssen da wiederum ganz ehrlich sein. Sie ist unter Umständen der schlimmere, strafwürdigere Trotz als die Auflehnung eines unverständigen, leidenschaftlichen Menschen, der nicht gehorcht, weil er es nicht besser weiß. Ihm kann ein Diebstahl, ein Mord sogar eine leichte Sünde sein, die Gott zu vergeben gern bereit ist; dir kann ein Stillschweigen, ein Kopfnicken, ein Mitmachen bei einer kleinen ungöttlichen Sache, wo du hättest bekennen sollen, zur schweren Schuld werden, von der du nicht so bald wieder frei wirst. Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert [Lk. 12,48]. Wem Einsicht gegeben ist, von dem wird Bekenntnis gefordert. Hüten wir uns vor der schweren Schuld, die wir auf uns laden, vor der tiefen |22 Trennungsspalte zwischen uns und Gott, die wir aufreißen, vor dem dichten gefährlichen Nebel, den wir auf unsere Seele sich lagern lassen, indem wir uns dessen schämen, indem wir das verleugnen, was uns von Gott gegeben ist, des Evangeliums!

Es ist uns viel gegeben, meine Freunde. Keiner von uns ist ganz ohne Evangelium. Wir alle kommen von der Weihnacht her und haben das Evangelium, die gute frohe Botschaft von Gottes Liebe wieder einmal in unsere Herzen aufnehmen dürfen. Wir haben zusammen ein neues Jahr antreten dürfen, und der Wechsel der Zeiten hat uns erinnert an den, der über unserem Leben wacht und waltet von Ewigkeit zu Ewigkeit. Es ist viel christliche Einsicht unter uns, viel Bekanntschaft mit Gottes gutem, heiligem Willen. Es fehlt nicht an Solchen, die in aller Stille aufgewacht sind aus dem Schlaf der Gleichgültigkeit und eines bloß äußerlichen Christentums, die beginnen zu verstehen, was Gott insbesondere von unserem heutigen Geschlecht erwartet und fordert. Es fehlt auch nicht an Solchen unter uns, die schon ernsthafte und tiefgehende Erfahrungen mit Gott gemacht, die gute befreiende Vorsätze gefaßt haben. Aber, was uns allen fehlt, das ist das offene Bekenntnis zu Gott, das ist das freudige Zeigen seiner unvergleichlichen Gabe, das ist die Entschiedenheit des christlichen Glaubens und Lebens. Wir sind zu vorsichtig, zu klug, zu zurückhaltend in unserem Christentum. Wir müßten das göttliche Leben, das uns anvertraut ist, viel gewaltiger hervorbrechen lassen, wir, die Einzelnen, und wir, die ganze Gemeinde, als eine christliche Gemeinde. Wir schämen uns so oft des Evangeliums, wir verstecken unser Bestes. O, wenn wir doch erkennen wollten, daß darauf kein Segen liegen kann! Wenn wir uns aufraffen wollten, um wie Paulus diese falsche Scham von uns abzuschütteln und frank und frei durch unser Wort und unser Leben zu bekennen: ich habs gewagt! mein Gott, ich bin entschieden! ich weiß, wo ich hingehöre!

Wir fragen vielleicht: was sollen wir denn tun, um uns zum Evangelium zu bekennen? Ich will jetzt keine ausführlichen Regeln darüber aufstellen. Wo einmal die Erkenntnis und der ernstliche |23 Wille da ist: ich muß treuer, aufrichtiger, konsequenter zu meinem Führer stehen, da finden sich die Mittel und Wege dazu von selber. Nur soviel möchte ich sagen. Nicht einem Christentum der vielen frommen Worte möchte ich zugut reden. Gott bewahre uns davor! Fromm schwatzen und bekennen ist ganz zweierlei. Auch alles Marktschreierische, Aufdringliche wollen wir lieber beiseite lassen. Es ist z. B. nicht nötig und nicht gut, einander beim Rockknopf zu fassen mit der Frage: bist du auch bekehrt? Wir wollen diese Frage in der Stille des Herzens jeder an sich selbst richten. Wir wollen auch ums Himmels willen das Reich Gottes nicht verwechseln mit unserem christlichen Kirchen- und Vereinswesen, noch mit anderen guten und notwendigen Bestrebungen. Es kann sich beim Bekennen des Evangeliums auch um diese Dinge handeln, aber doch nicht in erster Linie. Vielleicht müssen wir ganz schlicht damit anfangen, daß wir irgendwo nicht mitlachen, wo törichterweise gelacht wird, nicht mitschimpfen, wo törichterweise geschimpft wird, nicht mitschwatzen, wo törichterweise geschwatzt wird. Das scheint wenig. Es ist in Wirklichkeit schon sehr viel. Es ist ein deutlicher Protest und eben damit ein deutliches Bekenntnis. Dein Schweigen bezeugt dann: du stehst zu deiner Sache, zu Gottes Sache. Ein andermal mußt du vielleicht bekennen, indem du bei etwas recht deutlich nicht mitmachst, sondern wegbleibst, eine Gesellschaft oder einen Anlaß meidest, wo man dich erwartet, wo du aber nichts Gutes zu erwarten hast. Ein leerer Stuhl kann unter Umständen ein überaus beredtes und wirksames Bekenntnis sein. Wieder ein anderes Mal brauchts dann vielleicht etwas mehr: ein energisches, entschiedenes Wort — ich meine nicht ein frommes Wort, aber ein Wort, aus dem man erkennt, wie du gesinnt bist — wohl dir, wenn du dich nicht genierst, ein solches Wort zu sprechen. Und wenn du es einmal gewagt hast, etwas zu sagen, dann wirst du es das nächste Mal auch wagen, etwas zu tun im rechten Sinn. Das Eis wird brechen, du wirst dich nicht mehr so fürchten. Du wirst es riskieren, dich wie Paulus dorthin zu stellen, wo es zwar nicht angenehm ist, wo du aber nach Pflicht und Recht hingehörst. So wirst du nach und nach aus einem |24 schüchternen, lahmen, nach links und rechts schielenden Gläubigen auch zu einem Apostel des Evangeliums. Wir wollen uns freuen darauf, das einmal zu werden. Und es soll uns nicht schwerfallen, damit den Anfang zu machen, lieber heute als morgen, können wir doch so gut wie Paulus immer wieder die Erfahrung machen, daß es keine eitle und wertlose Sache ist, für die wir einstehen, daß es wirklich unser Bestes, das Beste in der Welt ist, das wir zeigen und nicht verstecken sollen, daß das Evangelium tatsächlich eine Kraft Gottes ist, selig zu machen Alle, die daran glauben. Gott stärke uns in dieser Erfahrung, dann werden wir auch zu offenen, freudigen, entschiedenen Bekennern dieser Erfahrung werden.

Amen.