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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Römer 1,16 (II)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Römer 1,16 (II), 18. Januar 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5006 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 24–36.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Römer 1,16 (II)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 202</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Röm 1,16 (II), 18. Januar 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1644">KBA 1180</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-01-18">18. Januar 1914</date>
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                        <idno>202</idno>
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          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-01-18">18. Januar 1914</date>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16">Römer 1,16</ref>
                            <span>
                                <idno>II</idno>
                            </span>
            <quote>Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes zum
                        Heil Allen, die daran glauben.</quote>
            </cit>
            </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Vor acht Tagen redeten wir davon, daß wir unser Bestes, das Evangelium, nicht
               verstecken, uns seiner nicht schämen sollten. Wie ganz anders könnte es aussehen in
               der Welt, auf was für einer ganz anderen Stufe könnte die Menschheit stehen, wenn es
               nicht so viele allzu vorsichtige, scheue, zahme und lahme Christen gäbe, die alles
               Andere wollen, nur nicht zeigen, daß es ihnen mit ihrem Glauben ernst ist. Das wahre
               Hindernis in der Welt sind nicht die bösen und nicht die dummen Leute, wie man oft
               glaubt, sondern die zaghaften Christen, die sich des Evangeliums schämen. Wenn die
               Christen einmal aufwachen wollten aus dem Schlaf der Unentschiedenheit, wenn sie
               einmal aus sich herausgehen und das
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                Beste, was ihnen geschenkt ist, zeigen und anwenden wollten, wie Vieles würde anders
               werden, wie würden da die großen Nöte, unter denen heute sie selbst und die Anderen
               seufzen, eine um die andere gehoben werden können, wie würden da jene Anderen, die
               Bösen und die Dummen, einfach mitgerissen werden von dem Strom des überlegenen,
               kräftigen Lebens, das den Christen geschenkt ist! Das wäre der große, der wahre
               Fortschritt auf allen Gebieten, wenn die Christen einmal wirklich Christen sein
               wollten, statt ihr Bestes zu verstecken. Wir wollen heute davon reden, was denn unser
               Bestes, was das Evangelium eigentlich ist. Es fehlt meistens schon daran, daß wir
               Christen das gar nicht recht wissen. Wir verwechseln oft allerlei Anderes,
               Minderwertiges damit, aus alter Gewohnheit. Wir lassen uns vormachen: das und das ist
               das Evangelium, was es doch gar nicht ist. Wir vertauschen das Gold mit irgend einem
               Stück glänzendem Messing, und dann nach einiger Zeit machen wir die Entdeckung: das
               Evangelium ist nicht so viel wert, wie man mir sagte, das Evangelium ist nicht schön
               und segensreich, daß es sich lohnen würde, so recht ernst damit zu machen, sich so
               recht dazu zu stellen. Und wenn wir es auch aus einem gewissen Respekt und wiederum
               aus alter Gewohnheit nicht geradezu von uns weisen, so tun wir doch gerade das, wovon
               wir das letzte Mal geredet, wir schämen uns seiner. Wir tun nicht dergleichen, als ob
               diese Sache unsere Sache sei, wir drücken uns vornehm auf die Seite, wenn es gelten
               würde, Stellung zu nehmen für oder gegen, wir stellen uns abwartend neben das
               Evangelium, statt uns freudig und dankbar in das Evangelium hineinzustellen. Bei
               Vielen, die es so machen, ist es nicht böser Wille. Sie sind enttäuscht, sie hatten
               mehr erwartet von dieser Sache, sie haben schwere Mängel daran entdeckt. Darum
               schämen sie sich ihrer, wollen nicht dazu stehen. Nicht böser Wille, aber ein Irrtum
               liegt da vor. Sie wissen nicht mehr recht, um was es sich denn eigentlich handelt.
               Sie halten irgend etwas ganz Ungenügendes oder Falsches für das Evangelium, und nun
               haben sie ganz natürlicher und begreiflicher Weise keine Freude daran. Und mit dem
               Falschen stellen sie dann auch das Wahre, mit dem Un<pb xml:id="p026" ed="pga" break="no"/>genügenden ihr Bestes auf die Seite. Wir müssen also vor Allem verstehen, wir müssen
               unterscheiden lernen, was denn die Sache, die Gottessache ist, für die wir Christen
               einstehen, uns einsetzen sollen.</p>
        <p>Eine der häufigsten Verwechslungen besteht darin, daß man aus alter Gewohnheit meint,
               das Evangelium sei dasselbe wie <hi rend="italic">die christliche Kirche</hi>, entweder
               die katholische oder die protestantische oder beide miteinander und dazu noch die
               Menge der übrigen christlichen Gemeinschaften und Richtungen. Es ist ja begreiflich
               genug: das Evangelium tritt einem wenigstens auf dem ersten Blick, hauptsächlich in
               diesen Formen entgegen. Die verschiedenen Kirchen sagen: hier, bei uns ist das
               Evangelium zu finden!, bei ihnen wird es ausgelegt und verkündigt und von Geschlecht
               zu Geschlecht überliefert. Nun hat es schon Manchen gegeben, der sich gesagt hat:
               dieses ganze christliche Kirchenwesen, heiße es nun, wie es wolle, gefällt mir nicht,
               es hat mir nichts zu bieten, ich sehe zu viel Schwaches und Unvollkommenes daran,
               oder auch zu viel Anstößiges, Häßliches sogar. Ich halte dieses Kirchenwesen für
               etwas Ungutes, Gefährliches. Wer weiß, hat auch der Eine oder Andere von uns im
               Stillen schon so oder ähnlich gedacht.</p>
        <p>Man kann z. B. darauf hinweisen, wie in vergangenen Jahrhunderten diese christlichen
               Kirchen die Welt mit Gezänk und Unfrieden erfüllt haben. Es ist schauderhaft zu
               lesen, mit was für unfruchtbaren, haarspaltenden Streitigkeiten ganz besonders die
               Theologen, die christlichen Gelehrten und Pfarrer, ihre Zeit zugebracht haben, statt
               sich des hungernden und dürstenden Volkes anzunehmen. Ein greuliches Kapitel aus der
               Kirchengeschichte ist z. B. das, wie innerhalb der protestantischen Kirchen die
               Lutheraner und die Reformierten einander geplagt und verfolgt haben. Da nannte man
               sich gegenseitig: Türken und Heiden und Juden, und wenn es beim bloßen Schimpfen
               geblieben wäre, so wäre es noch schön gewesen, es blieb aber nicht dabei. Ich habe zu
               Hause ein kleines Bild aus jener Zeit, da sieht man den Papst, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>,
               jeder die beiden anderen bei [den] Haaren ziehend, darüber die Überschrift:
               «Geistlicher Raufhandel». Es
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                hat unzählige solche Raufhändel gegeben in der christlichen Kirche, um Worte und
               Begriffe, um äußere Bräuche und Einrichtungen. Ist das das Evangelium? Man kann daran
               erinnern, wie die christliche Kirche sogar blutige Kriege entfesselt oder doch
               begünstigt hat. Von wem sind die Kreuzzüge ausgegangen, mit denen man Gott einen
               Dienst zu tun meinte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16.2">Joh. 16,2</ref>]? 
               Wer trägt die Verantwortlichkeit für die Schrecken des dreißigjährigen
               Krieges? Wer ist schuld an der unheilvollen inneren Zerrissenheit der alten
               Eidgenossenschaft? Ist das das Evangelium? Man kann daran erinnern, wie die
               christliche Kirche so oft ihre Zeit nicht verstanden hat, so oft eine Feindin der
               besseren Einsicht und des Fortschritts gewesen ist. Die christlichen Kirchen, und
               zwar die protestantischen so gut wie die katholischen, haben einen so abscheulichen
               und unmenschlichen Wahn wie den Hexenglauben und die daraus entspringenden
               Hexenverfolgungen nicht nur geduldet, sondern mitgemacht. Die christlichen Kirchen
               haben sich immer wieder zäh gewehrt auch gegen die sichersten Erkenntnisse der
               Wissenschaft, z. B. gegen die Tatsache, daß die Erde sich um die Sonne dreht und nicht
               umgekehrt. Wie bös ist [es] den großen Bahnbrechern der neueren Naturwissenschaft,
               einem <persName ref="kbga-actors-1346">Giordano Bruno</persName>, einem <persName ref="kbga-actors-1361">Galilei</persName> oder <persName ref="kbga-actors-1374">Kepler</persName>, gegangen in den Händen der
               Kirchenmänner! Die christlichen Kirchen haben zu so vielem Unrecht, zu so vieler Not
               alter und neuer Zeiten einfach geschwiegen, haben sie anerkannt als göttliche
               Notwendigkeiten — den Krieg z. B. oder die Sklaverei oder die Herrschaft des Geldes
               über die Menschen, an diesen Dingen sind sie kalt und gleichgültig vorbeigegangen,
               wie der Priester und der Levit im Gleichnis vom barmherzigen Samariter 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.30  Lk.10.42">Lk. 10,30ff.</ref>]. Die christlichen
               Kirchen haben leblos und unfruchtbar von alten Wahrheiten und alten Träumen geredet
               und nicht bemerkt, daß sie dabei den Menschen Steine statt Brot boten 
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.9">Mt. 7,9</ref>]. Ist das das Evangelium?
               Weiter kann man noch heute von den christlichen Kirchen aller Konfessionen sagen, daß
               wir Pfarrer unsere Sache so oft ungenügend und schlecht machen. Viele von uns sind zu
               altmodisch und Viele wohl auch zu modern, manchmal sind
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                wir langweilig, und manchmal stellen wir zu sehr unsere eigenen persönlichen
               Meinungen in den Vordergrund, manchmal reden wir zu sehr aus unserer Studierstube
               heraus, und manchmal greifen wir zu rauh und rücksichtslos ins praktische Leben
               hinein. Ist das das Evangelium? kann man da wiederum fragen.</p>
        <p>Und nun sagt sich Mancher: ich mag von dieser Sache, von diesem Kirchenwesen im
               Grunde nichts wissen. Ich will ja nicht gerade dagegen sein, weil es sich da um etwas
               Altehrwürdiges, Gewohntes handelt, aber dafür bin ich auch nicht, dafür einstehen,
               dafür mich interessieren, daran mitarbeiten mag ich nicht. Ich schäme mich des
               Evangeliums, ich lasse diese Sache links liegen! — Halt! sag das nicht, das
               Evangelium und das Kirchenwesen, das dir nicht gefällt, ist ganz zweierlei. Die
               Kirche ist nicht die große Gottessache, um die es sich handelt. Die Kirchen sind
               Menschenwerke, und zwar alle Kirchen. Die Kirchen haben es sich zur Aufgabe gemacht,
               diese Gottessache zu vertreten unter den Menschen, die Menschen zu sammeln und zu
               erziehen, damit sie dieser Gottessache leben möchten. Manchmal haben sie diesen Zweck
               erreicht, oft aber, sehr oft haben sie dabei dem Evangelium geschadet, haben sie
               ihrem eigenen Zweck zuwider gehandelt. Die Kirchen aller Farben, aller Zeiten und
               Bekenntnisse sind sehr, sehr mangelhafte Dienerinnen des Evangeliums. Es liegt gar
               kein Zweifel daran, daß Jesus unendlich oft im Laufe der letzten 1900 Jahre, wenn er
               auf die Erde gekommen wäre, zu seinen eifrigsten Bekennern und Predigern hätte sagen
               müssen: ich kenne euch nicht, weichet alle von mir, ihr Übeltäter 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.23">Mt. 7,23</ref>]! Sogar zu den größten Vertretern
               der christlichen Kirche, zu den Heiligen des Mittelalters, zu den Männern der
               Reformation hätte er in wichtigen Beziehungen sagen müssen: du denkst nicht, was
               göttlich, sondern was menschlich ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.23">Mt. 6,23</ref>]! Jesus hätte mit aller Schärfe gesagt: das ist
               nicht meine Art, wenn er dabeigewesen wäre, als im 4. Jahrhundert in <placeName ref="kbga-places-38">Konstantinopel</placeName>
               in der <placeName ref="kbga-places-944">Sophia-Kirche</placeName> für den Tod des Ketzers <persName ref="kbga-actors-1341">Arius</persName> gebetet wurde, wenn er gesehen
               hätte, wie der Mönch <persName ref="kbga-actors-1376">Konrad von Marburg</persName> der edlen Fürstin <persName ref="kbga-actors-1351">Elisabeth von Thüringen</persName> die
               schwersten Selbstpeinigungen auferlegte zu ihrer
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               angeblichen willigen Heiligung, wie <persName ref="kbga-actors-1364">Papst Gregor der Große</persName><note resp="ak" type="digital" xml:id="nα" n="α">Richtig: <persName ref="kbga-actors-4707">Gregor VII.</persName> (um 1025–1085)</note> <persName ref="kbga-actors-1367">Kaiser Heinrich IV.</persName>
               zwang, drei Tage lang im Büßerhemd in Kälte und Schnee auf ihn zu warten, um ihn so
               recht die Überlegenheit der geistlichen Gewalt über die weltliche fühlen zu lassen,
               wenn er dabeigewesen wäre, als <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> wegen der verschiedenen Auslegung
               der Abendmahlsworte auf dem Schloß von <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> für immer auseinanderkamen, als <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>
               den <persName ref="kbga-actors-774">Servet</persName> verbrennen ließ, als der <persName ref="kbga-actors-1390">Papst Pius V.</persName> die Stadt <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> illuminieren und eine
               Denkmünze schlagen ließ zu Ehren der schändlichen Ermordung der Protestanten in <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName>
               in der <date from="1572-08-23" to="1572-08-24">Bartholomäusnacht</date>.</p>
        <p>Jesus würde von so Vielem, was Kirchenmänner und andere fromme Leute getan und gesagt
               haben, sich schaudernd abgewandt haben, er würde ihnen gesagt haben: das ist euer
               Kirchenwesen, das ist euer Christentum, aber das hat nichts, gar nichts zu tun mit
               meinem Evangelium, das mag katholisch und protestantisch, das mag kirchlich und
               christlich heißen, aber das ist das gerade Gegenteil von dem, was ich in der Welt
               wollte und in die Welt brachte. Das ist das alte, wüste weltliche Wesen in
               religiöser, in christlicher Form. Nennt euch immerhin Christen, ihr seid fern vom
               Reich Gottes, indem ihr solches tut. Und so würde Jesus sicher auch protestieren
               gegen so Vieles, was heutzutage in unseren christlichen Kirchen geschieht von uns
               Pfarrern und von euch Anderen, die wir uns Christen nennen. Was würde Jesus dazu
               sagen, wenn er uns hier predigen und beten hören würde, wenn er einer Sitzung unserer
               Kirchensynoden oder Kirchenpflegen beiwohnen würde, wenn er eins von unseren
               religiösen Blättern und Blättlein lesen müßte? Wir wollen doch ja nicht meinen, daß
               Jesus da einfach sagen würde: Ja, das, was ihr da treibt, das ist nun mein
               Evangelium, so habe ichs gemeint und gewollt, ihr seid meine rechten Nachfolger. O
               nein, in vielen Beziehungen, würde er sagen, ist das Evangelium bei euch eine lahme,
               tote, äußerliche Sache geworden, ihr seid hart, wo ich mild war, und mild, wo ich
               hart war, ihr seid hier nicht ernst und hier nicht liebevoll genug, in vielen
               Beziehungen sind ganz andere Leute meine wahren Nachfolger als ihr da in euren
               christlichen Kirchen und Anstalten und
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                Vereinen. Ihr müßt erst Buße tun und umkehren, wenn ihr die Meinigen sein wollt!</p>
        <p>Warum sage ich das Alles? Um zu zeigen: Kirche und Evangelium ist zweierlei. Und es
               ist töricht, wenn man am Kirchenwesen in Vergangenheit und Gegenwart etwas
               auszusetzen hat, vielleicht mit hohem Recht, darum zu denen zu treten, die sich des
               Evangeliums schämen. Man kann sich unter Umständen mit hohem Recht von uns Pfarrern,
               von den Christen, von den frommen Leuten abwenden, es ist da in der Tat und
               zweifellos Vieles zu sagen. Aber man sollte sich nicht von dem abwenden, der hinter
               der christlichen Kirche steht, dessen unvollkommene Dienerin sie ist, von Jesus.
               Dort, bei ihm, finden wir das reine, über menschliche Schwachheiten erhabene
               Evangelium. Es hat an dem, was man der Kirche und den Christen vorwerfen kann, keinen
               Anteil. Alles Schläfrige und wiederum alles Sündlich-Leidenschaftliche, was in diesen
               1900 Jahren seinen Namen getragen hat, ist nicht seine Art und stammt nicht von ihm.
               Man darf ihn nicht dafür verantwortlich machen. Ja, noch mehr: wir sehen deutlich,
               wie immer wieder in seinem Namen und in seinem Geist Männer aufgetreten sind, die
               gegen die einreißende Entstellung des Evangeliums protestiert und sich mit Erfolg
               gewehrt haben. Man kann wohl mit <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> in einem gewissen Sinn richtig sagen: Es ist
               die ganze Kirchengeschichte ein Mischmasch von Irrtum und Gewalt!<note xml:id="n01">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1535">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Zahme Xenien</hi>,
                        IX. Buch (aus <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> Nachlaß).</bibl>
                        </note> und doch ists auch wahr, daß in dieser Geschichte der rote Faden des rechten
               Christusgeistes nicht abgerissen ist. Es kam immer wieder zum Vorschein, daß das
               Evangelium noch etwas Anderes sei, als was Irrtum und Gewalt daraus gemacht
               hatten.</p>
        <p>Meine Freunde, wer ehrlich und guten Willens ist, der kann das auch heute noch sehen,
               der wird sich nicht durch die Fehler, die die Kirche und die Christen unzweifelhaft
               begangen haben und noch begehen, von Jesus abschrecken lassen. Laß jetzt einmal Alles
               beiseite, was du über Pfarrer, Kirchen und Gemeinschaften zu klagen hast, frage dich,
               wie du zu Jesus stehen willst, das ists,
               <pb xml:id="p031" ed="pga"/>
                worum es sich für dich handelt. Kannst du an Jesus vorbeigehen? Hast du an <hi rend="italic">ihm</hi> etwas auszusetzen oder zu vermissen? Kannst du von <hi rend="italic">ihm</hi> im Ernst behaupten: er hat mir nichts zu bieten? Nicht wahr, das alles
               kannst du im Grunde nicht. Du mußt selber gestehen: hier ist das Beste, was die
               Menschheit hervorgebracht, das Beste, was es auch für mich geben kann. Hier ist der,
               von dem wahrhaftig nicht nur die christliche Kirche, eine neue religiöse Lehre und
               Einrichtung ausgegangen ist, sondern viel mehr: ein Strom von neuen befreienden
               Gedanken, von gutem Willen, von Liebe und Wahrhaftigkeit, von Gotteskraft vor Allem.
               Was tuts, wenn die Menschen für ihn oft zu klein gewesen sind und noch sind, wenn sie
               darum das Große verkümmert haben und immer wieder verkümmern? Darauf kommt es für
               dich nicht an, sondern darauf, ob du auch aus jener Quelle trinken willst oder nicht.
               Kirche, Christentum, Religion, Frömmigkeit — wie das alles heißen mag, das sind nur
               Brücken zu jenem in Jesus offenbar gewordenen und der Menschheit mitgeteilten Leben.
               Halte dich nicht damit auf, die Brücke zu kritisieren, dich darüber zu ärgern, daß
               sie hier zu schmal und dort zu löchrig und dort etwas schief ist; das mag alles wahr
               sein, aber die Hauptsache ist, daß du hinüber kommst, zuerst, daß du hinüber willst.
               Willst du? Oder kannst du im Ernst und mit guten ernsthaften Gründen sagen: ich will
               nicht! Jesus und sein Evangelium ist nichts für mich!? Ich schäme mich dieser
               Sache?!</p>
        <p>Doch nun müssen wir die Sache noch von einer anderen Seite aus betrachten. Nicht nur
               gegen die Kirchen, gegen die Christen, die das Evangelium zu vertreten behaupten,
               kann man mißtrauisch, kritisch, ablehnend sein, sondern auch gegen etwas viel
               Naheliegenderes, nämlich gegen sich selbst, gegen seine <hi rend="italic">eigene
                  Frömmigkeit</hi>, Tugend und Glaubensstärke. Man kann dazu kommen, daß man etwa so
               denkt: ach was, mein inneres Leben, meine Seele, das ist etwas so Schwaches, das ist
               ein so unsicher im Winde flackerndes Lichtlein, darauf mag und kann ich nicht
               vertrauen. Was ich in mir vorfinde an höherem Schwung, an Freudigkeit und Kraft zur
               Wahrheit und zum Guten, das ist eine sehr zweifelhafte
               <pb xml:id="p032" ed="pga"/>
                Sache, davon mag ich nicht viel Aufhebens machen, ich habe es zu oft erfahren, wie
               meine besten Vorsätze und Anläufe in nichts zusammengebrochen sind. Eigentlich ist
               meine ganze sogenannte Religion nicht viel wert, ich spüre ja doch, wie ich alle
               Augenblicke wieder durch die Verhältnisse, durch das Vorbild der Anderen, durch meine
               eigenen Gewohnheiten und Leidenschaften wieder aus der Bahn geworfen werde, in der
               ich eigentlich gehen sollte. Es gibt Menschen, die aus dieser Selbsterkenntnis heraus
               dazu gekommen sind, zu sagen: ich schäme mich des Evangeliums. Das Frommsein, das
               Glauben ist ihnen verleidet, weil sie gemerkt haben, wie oft man damit Bankerott
               macht: in der Versuchung, in der Angst, in der Not, wie da so ein Religiönchen, wie
               wir es gewöhnlich haben, zusammenstürzen kann wie ein Kartenhaus. Nun haben sie keine
               Freude mehr daran und keine Zuversicht mehr dazu; sie denken: was hats für einen
               Wert, dieses Flämmlein zu nähren und zu pflegen? Sie haben kein Interesse mehr daran,
               dafür einzustehen, sich dazu zu bekennen, sie denken: es wird wohl auch ohne das
               gehen. Sie haben nur immer die Enttäuschung in Erinnerung, daß sie in ihrem Glauben
               doch keinen Halt, keine Kraft, keinen Trost gefunden haben. Was sollen wir dazu
               sagen? Wir müssen vor Allem sagen: das ist besser und fruchtbarer, dieses Irrewerden
               an sich selber, als die Unzufriedenheit, die man etwa mit Recht gegenüber der Kirche
               und den Christen haben kann. Wir sind hier auf der höheren Stufe des Mißtrauens, wenn
               man so sagen kann. Das sind dann auch immer die gründlicheren Denker, die schärferen
               Gewissen, die reineren Herzen gewesen, die zuerst an ihrem eigenen Christentum
               gezweifelt haben und dann erst an dem anderer Leute. Solange einer bloß kritisiert an
               dem, was die Kirchen und Gemeinschaften, die Pfarrer als die sogenannten frommen
               Leute sagen und tun, solange braucht man ihn nicht sehr ernst zu nehmen. Wer in die
               Tiefe geht, kritisiert sich selber.</p>
        <p>Aber nun ists trotzdem wieder eine Verwechslung und nichts Anderes, wenn einer sagt:
               meine Religion genügt mir nicht, befriedigt mich nicht, bietet mir nichts, darum
               schäme ich mich des
               <pb xml:id="p033" ed="pga"/>
                Evangeliums, darum mag ich mich lieber nicht<note xml:id="n02"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: lieber nicht
                  mich.</note> zur Sache Gottes stellen und bekennen. Ja — das Evangelium und deine
               Religion ist nicht dasselbe, so wenig wie Evangelium und christliches Kirchenwesen
               dasselbe ist. Du mußt dir das Evangelium nicht unter der Hand vertauschen lassen
               gegen das bißchen Seele und inneres Leben, das du vielleicht besitzest. Du mußt nicht
               an deinen Glauben glauben. Und du mußt nicht, wenn du an deinem Glauben verzweifelst,
               das Evangelium über Bord werfen. Was wir so unsere Frömmigkeit nennen, das ist in der
               Tat fast immer etwas Beschränktes, Kleinliches, Mattes. Wie oft haben wir das Gefühl,
               sie sei bloß so ein spärlicher Rest in einem Winkel unserer Seele, etwas, von dem wir
               nicht so recht wissen, was es eigentlich ist. Auch wenn wir zu denen gehören, die
               viel darauf halten, wissen wir doch zu erzählen von Augenblicken, wo einem großen
               Aufschwung ein ebenso großer Fall folgte. Und wenn wir selbst es vielleicht nicht
               wissen, wenn wir in dem Wahn leben: o doch, mein inneres Leben ist etwas
               außerordentlich Schönes, ich habe so hohe Gedanken, so tiefe Gefühle, so schöne
               Neigungen — ach, wenn wir so denken, so ist das gerade der Beweis, daß es eben mit
               unserem Frommsein nichts ist. Du da in deinem Häuslein, mit deinen paar Erkenntnissen
               und Erfahrungen! Glaubst du wirklich nicht, daß die große Gotteswelt viel, viel
               reicher ist, als daß du sie erfassen und verstehen und erleben kannst, meinst du
               nicht auch, daß es Vieles, sehr Vieles gibt, für das dir die Augen und Ohren
               verschlossen sind, das dir nicht zugänglich ist? Spürst du denn gar nichts von der
               Unvollkommenheit, die uns notwendig anhaftet, uns Menschen, eben weil wir schließlich
               ein jedes nicht über uns selbst und unsere Art hinauskönnen? O wir denken so oft von
               uns selbst: meine schöne Seele! mein reines Gewissen, mein gutes Herz, mein starker
               Wille, mein hoher Verstand! und merken gar nicht, wie wir uns selbst im Grunde damit
               auslachen. Was soll denn alles dieses «mein», das wir da so rühmen? Gerade damit
               sagen wir doch, daß wir arme beschränkte Wesen sind. Da <milestone xml:id="m3" unit="page"/>
               <pb xml:id="p034" ed="pga"/>
                ist es uns ganz ausgezeichnet gesund, wenn wir nach solchen Rührungen und
               Selbstbewunderungen, bei denen wir nicht selten eine Träne zerdrücken im Auge über
               unsere eigene Güte, wenn wir da so recht in jene Enttäuschung über uns selbst
               hineinkommen, von der wir redeten, wenn wir irre werden an unserem bißchen Frommsein,
               wenn wir den Glauben verlieren an unseren Glauben. O wenn das das Evangelium wäre,
               dieses unser bißchen Frommsein, dann müßten wir uns wirklich des Evangeliums schämen,
               wir könnten nichts Besseres tun.</p>
        <p>Aber das Evangelium ist eben etwas ganz Anderes, du mußt es nicht in deinem kleinen
               persönlichen Seelenleben suchen. Das Evangelium ist, wir haben es schon vorhin
               gesehen, Jesus selbst, er, der ganz anders ist als du und ich. Bei ihm stand es nicht
               so wie bei uns: seine Seele war nicht ein flackerndes Lichtlein, von dem man nicht
               weiß, wann will es auslöschen, sondern eine ruhige, stetig leuchtende Flamme. Sein
               Zug nach vorwärts, nach oben war nicht eine zweifelhafte Sache, sondern das Sicherste
               in seinem ganzen Dasein, etwas, was nicht unterbrochen worden ist. Bei ihm gab es
               nichts, was ihn aus seiner Bahn hätte werfen können, weder die Welt mit ihren
               widrigen Umständen, noch die Menschen mit ihrer so oft alles Höhere erstickenden Art,
               noch Triebe und Leidenschaften, die aus seinem eigenen Inneren kamen. Jesus war
               Meister, es war etwas Königliches in seiner Art. An ihm können wir erst sehen, was
               Frommsein eigentlich ist, aus uns selbst wüßten wir es wahrhaftig nicht: sein
               Seelenleben war nichts Beschränktes mit allerlei kleinlichem «Ich» und «Mein» wie bei
               uns, es war eine große starke Einheit, in der alles Edle, Menschliche zusammengefaßt
               war. Die «Ich» und die «Mein», die bei uns eine so große Rolle spielen, auch wenn wir
               noch so schöne Seelen, noch so fromme Leute sind, die verschwanden bei ihm völlig in
               seinem großen Gehorsam gegen Gott. Bei ihm trat der liebe Gott an die Stelle, die bei
               uns das liebe Ich einnimmt. Das war das große Geheimnis seines Seelenlebens, über das
               wir nicht genug nachdenken können.</p>
        <p>Nun sieh, dieses mit Gott einige Menschenleben, das ist das
               <pb xml:id="p035" ed="pga"/>
                Evangelium. Tun wir recht daran, dieses einzigartige Menschenleben auf die Seite zu
               stellen, zu tun, als ob es nicht da wäre oder als ob es uns nichts anginge? Tun wir
               recht, uns seiner zu schämen, statt dankbar zu bekennen: da, da finde ich das Gute,
               das Beste, das ich in mir selbst nicht finde, das ich aus mir selbst nicht
               herausziehen, in mir selbst nicht vernehmen kann, so wenig ich es in all dem, was man
               Christentum nennt, finden und vernehmen könnte? Wollen wir nicht dankbar bekennen:
               gottlob, da in Jesus sehe ich das, was mir das ganze Christentum und meine ganze
               persönliche Religion nicht bieten kann, da sehe ich Leben, aus der Tiefe und in die
               Höhe, reines Leben, heiliges Leben? Sieh, dieses Leben sehen und erkennen, daran
               Freude haben, darauf seine Zuversicht setzen, das in unser kleines Leben einströmen
               lassen, das heißt Glauben. Glauben heißt annehmen, was Jesus getan hat und gewesen
               ist. Wer das tut, der glaubt an das Evangelium. Ist es nicht töricht, sich des
               Evangeliums zu schämen? Laß du dich vom wahren Evangelium beschämen, das ist viel
               besser. Das widerfährt uns allerdings im Glauben. Wir fühlen uns neben Jesus
               gedemütigt, gerichtet sogar. Aber was tut uns das? Indem er uns demütigt, erhebt er
               uns. Indem er uns das Vertrauen zu uns selbst nimmt, schenkt er es uns wieder in
               einer höheren Weise. Laß dich nicht beirren dadurch, daß du einsiehst, daß du aus dir
               selber nichts bist. Es handelt sich darum, ob du dich von Gott in Jesus beschenken
               lassen willst. Schämst du dich dieses Geschenkes? Oder willst du es haben und willst
               du dann auch freudig bekennen und dazu stehen, daß du ein von Gott Beschenkter
               bist?</p>
        <p>Meine Freunde, wir haben heute erst angefangen, zu reden von dem, was der Inhalt des
               Evangeliums, von dem, was Jesus ist. Wir werden in der nächsten Predigt hier
               weiterfahren. Heute haben wir eigentlich nur zwei Mißverständnisse beseitigt, die
               Meinung, als ob uns die Unvollkommenheit der Kirche und des Christentums hindern
               könne, freudige und tapfere Bekenner des Evangeliums zu sein, und die andere Meinung,
               als ob die Schwachheit unseres persönlichen Seelenlebens, unsere Religion diese
               unerfreuliche Wirkung haben dürfe. Beides ist nicht wahr. Das Evange<pb xml:id="p036" ed="pga" break="no"/>lium ist nicht das Christentum und was drin und dran hängt. Und das Evangelium ist
               auch nicht unser bißchen Frommsein. Dieser Dinge mögen und sollen wir uns schämen,
               wir haben Anlaß dazu. Das Evangelium ist Jesus. Und wer <hi rend="italic">ihn</hi> kennt,
               schämt sich seiner nicht, sondern er wagt es mit ihm. Das hat noch keiner bereut.</p>
      </div>
      <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
