<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-5005">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Römer 1,16 (I)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Römer 1,16 (I), 11. Januar 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5005 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 12–24.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5005</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Römer 1,16 (I)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 12-24</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">5</biblScope>
        </bibl>
        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
        <bibl type="asp" xml:id="asp">
          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 201</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Röm 1,16 (I), 11. Januar 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1643">KBA 1179</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1914-01-11">11. Januar 1914</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:36+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:36+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="sermon">
        <pb xml:id="p012" ed="pga"/>
        <div type="opener">
        <head>
                        <idno>201</idno>
                    </head>
          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-01-11">11. Januar 1914</date>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16">Römer 1,16</ref>
                            <span>
                                <idno>I</idno>
                            </span>
            <quote>Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes zum
                        Heil Allen, die daran glauben.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>
                        <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> wollte <hi rend="italic">nach <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> kommen</hi>, um auch daselbst das Evangelium zu
               predigen. So schrieb er seinen Gesinnungsgenossen in der Weltstadt. Nicht etwas
               Kleines und nicht etwas Selbstverständliches war es, was er da vorhatte. Das war
               etwas Sonderbares, etwas Außerordentliches, ein ungemeines Wagnis. Das konnte für ihn
               höchst lächerlich, in Spott und Schande endigen, vielleicht aber auch, höchst
               bedenklich, in Leiden und Tod. Das war wie ein Zwerg, der einen Riesen zum Kampf
               herausfordert. Das war wie <persName ref="kbga-actors-6522">Columbus</persName>, der auf einem zerbrechlichen kleinen Fahrzeug
               auszog, einen neuen Erdteil zu entdecken. Das war etwas von jenem unbegreiflichen
               Glauben, der zum Berge spricht: hebe dich weg von hier und laß dich dort nieder [vgl.
                  <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.6">Lk. 17,6</ref>]!</p>
        <p>Was hieß denn das: «Nach <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> kommen»? Das hieß: in ein Wesen hineinkommen, das,
               wenngleich nur eine Stadt, doch zugleich die ganze Welt war. Denn die ganze damalige
               Welt hatte hier ihre Seele, hier liefen die eisernen Drähte zusammen, an denen sie
               gelenkt wurde bis in ihre fernsten Teile, hier sammelte sich das Schönste und
               Wertvollste, was die vier Himmelsgegenden hervorzubringen hatten, hier fand sich die
               Weisheit und Lebenserfahrung aller Völker, hier freilich auch der Schmutz und
               Abschaum aus aller Herren Länder. Es gab nichts Kostbares, nichts Heiliges, nichts
               Edles, freilich auch nichts Gemeines und Abscheuliches in der damaligen Welt, was es
               nicht auch in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> gegeben hätte. Unsere heutigen Großstädte: <placeName ref="kbga-places-40">London</placeName>, <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName>, <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>
               mögen an Ausdehnung und Bevölkerungszahl, an Pracht und Zweckmäßigkeit ihrer Bauten,
               an Lebhaftigkeit des Handels und Verkehrs das alte <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> übertreffen — es ist doch
               keine von ihnen in dem Sinn Weltstadt, wie es <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> zur Zeit des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gewesen
               <pb xml:id="p013" ed="pga"/>
                ist: Weltstadt, d. h. Mittelpunkt und Vertreterin, Einheit und Inbegriff der damals
               bekannten Welt. Das war <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName>. Rom kennen hieß die ganze Menschheit kennen. Rom
               bekämpfen hieß ein Feind des ganzen Menschengeschlechtes sein. <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> erobern hieß Herr
               der Welt werden. Wer durfte an so etwas denken? <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> war unüberwindbar. <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> war ewig.
               <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> war göttlich. Man darf sich nicht wundern, daß die römischen Kaiser sich Opfer
               und Anbetung darbringen ließen, als ob sie Götter wären. Kein Römer empfand das als
               Übermut, sie verehrten im Kaiser sich selbst als Gottheit, Roms Macht, Roms Weisheit,
               Roms Reichtum. Rom war die Welt, die Welt der Waffen, die Welt des Geldes, die Welt
               der Klugheit und der gescheiten Worte, die Welt, in der die Mehrheit und der Stärkere
               Recht hat. Warum sollte Rom nicht auch Gott sein, göttliche Ehre genießen in der
               Person seines Kaisers? Warum nicht?</p>
        <p>In dieses <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> wollte <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> kommen, in dieses geheimnisvolle, gespenstisch-große,
               ungeheuerlich übermütige Wesen hinein! Und das nicht als Einer, der gesonnen ist,
               dieses Treiben mitzumachen, der in <placeName ref="kbga-places-53">Roms</placeName> Glanz und Lust und Fülle selber emporkommen
               und satt werden wollte. Tausende und Abertausende kamen in dieser Absicht nach <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName>
               und dienten so diesem Wesen voll Herrlichkeit und Abscheulichkeit. Nicht so <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>.
               Er kam weder als Soldat, noch als Händler, noch als Weisheitslehrer, noch als
               Zauberer, er kam nicht um sein Glück zu machen. Aber auch nicht als harmloser
               Wanderer, der sich die Welt zwischen den sieben Hügeln <placeName ref="kbga-places-53">Roms</placeName> einmal ansehen wollte, um
               dann wieder weiterzugehen, vielleicht voll Bewunderung, vielleicht voll Entsetzen,
               jedenfalls voll Interesse, aber doch im Innersten gleichgültig, als Einer, den es
               nichts angeht. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> kam nicht als Bummler und Zuschauer nach <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName>. Und erst recht
               nicht als geehrter und erwarteter Gast, dem zu Ehren man Triumphbogen baute, den das
               Volk begrüßte, wie es etwa seine siegreich heimkehrenden Feldherren begrüßte. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
               wußte: wenn er kommen würde, würde in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> kein Mensch den Kopf umkehren, nicht einmal
               ein Marktweib oder ein Straßenkehrer. Rom erwartete ihn durchaus nicht
               <pb xml:id="p014" ed="pga"/>
                und dachte nicht daran, ihn willkommen zu heißen. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> kam als Apostel. Und das
               hieß: <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> kam in das große <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> als der Gesandte eines noch Größeren. Ja, das wußte
               <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, das war seine innerste Überzeugung, ich habe und bringe etwas Besseres, als
               das ganze große <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> ist und hat. Das wußte er — aber was war denn die «innerste
               Überzeugung» dieses kleinen Juden gegenüber Rom, gegenüber der Welt, die in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> ihre
               Krone und ihr Zentrum hatte? Was war seine angebliche Gewißheit von einem
               angebrochenen Gottesreich neben der harten sicheren Tatsache der römischen
               Waffenmacht, Gedankenmacht, Geldmacht? Ein Hauch, ein Nebel, ein Seufzen im Winde. Er
               kam doch gar nicht in Betracht gegen <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName>?! Und nun kam er gar mit dem Anspruch, <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName>
               zu gewinnen für seine Überzeugung; predigen will er, das Unbegreifliche will er
               verkündigen, daß ein vor dreißig Jahren gekreuzigter Schwärmer der Herr sei über
               Alles, was Mensch heiße, von Gott auserwählt, Gottes Sohn, mehr, unendlich viel mehr
               als der Kaiser in aller seiner Pracht, daß der Gehorsam gegen diesen Einen mehr wert
               sei als alle Kostbarkeiten des Weltreiches, daß das Denken, wie dieser Eine dachte,
               die tiefere Weisheit sei als alle Philosophie und alle Geheimnisse der Völker. Was
               für ein Anspruch! Was für ein Wagnis! Hat er sichs auch überlegt? weiß er auch, was
               er tut, dieser <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>? Ja, er scheint es zu wissen, er zaudert keinen Augenblick, als
               er sein Kommen ankündigt, um das Evangelium, diese seine innerste Überzeugung, in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName>
               zu predigen; denn, sagt er: <hi rend="italic">ich schäme mich des Evangeliums nicht</hi>,
               denn es ist eine Kraft Gottes zum Heil Allen, die daran glauben.</p>
        <p>Wir wollen heute dieses «ich schäme mich nicht!» zum Gegenstand unserer
               Aufmerksamkeit machen. Es liegt noch allerlei Anderes in unserem Textwort, das wollen
               wir dann an den nächsten Sonntagen besprechen. Der kleine Jude <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, der dem
               mächtigen, reichen, gescheiten Rom, der der ganzen Welt gegenübertritt und sich nicht
               schämt, ein Gläubiger, ein Apostel des Evangeliums zu sein — was hat uns dieses Bild
               zu sagen? Das stellt uns vor die Frage: wie stellen denn wir uns? Verstecken wir
               unser Bestes, oder wagen wir es, uns dazu zu bekennen?</p>
        
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p015" ed="pga"/> Vielleicht denken wir: ich habe keinen sonderlichen <hi rend="italic">Anlaß</hi> zum
               Bekennen meines Glaubens, heutzutage braucht man sich des Evangeliums nicht mehr zu
               schämen wie damals. Das ist richtig. Man kann heutzutage in die Kirche oder
               Versammlung gehen, man kann seine Kinder christlich taufen und erziehen lassen, ohne
               damit etwas Außerordentliches zu tun, ohne daß einem das Schwierigkeiten und
               Anfechtungen verursacht. Das Christentum ist ja eine anerkannte selbstverständliche
               Sache geworden. Aber halt, das Christentum in diesem Sinn ist nicht das Ganze, nur
               eine Außenseite davon sogar, es gibt Anlässe genug, wo es eine heiklere Sache wird,
               zu seinem Christentum zu stehen, Anlässe, wo man auch heutzutage wie einst <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> vor
               den Toren der Weltstadt <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> dasteht vor der peinlichen unausweichlichen Frage:
               Schämst du dich, ja oder nein?</p>
        <p>Vielleicht kommst du in eine Gesellschaft, wo über die Dinge, die dir heilig sind,
               gespottet oder doch leichtfertig geredet wird. Manchen jungen Menschen ist es ja so
               gegangen beim Militär, im Geschäft, im Wirtshaus. Was wirst du nun tun? Schweigen?
               oder gar mitmachen, obwohl du im Innersten eine Stimme hörst, die dir sagt: es ist
               nicht recht, es ist nicht recht! Schämst du dich? Jetzt fragt es sich, ob du zu
               deinem Christentum stehst oder nicht. — Vielleicht begegnest du einem Menschen, der
               auf falschem verderblichem Weg ist. Du weißt es besser, du weißt auch: der geht
               zugrunde, wenn er so weiterfährt. Aber um ihm zu helfen, müßtest du reden, du müßtest
               ihm deutlich zu erkennen geben, daß du anderer Ansicht bist. Und eine innere Stimme
               gebietet dir wiederum: hilf ihm! sag ihm, was er hören muß! Schämst du dich? jetzt
               kommts darauf an! — Vielleicht hast du Gelegenheit, irgendwo zu einem Vorteil zu
               gelangen. Jedermann macht es so, dir aber sagt dein Gewissen und deine bessere
               Einsicht: es sollte doch nicht sein! Nun müßtest du verzichten, den Vorteil fahren
               lassen, müßtest es wagen, den Anderen Unrecht zu geben dadurch, daß du still ihre
               Weise nicht mitmachst. Wirst du es wagen? wirst du dich nicht schämen? — Vielleicht
               kommst du vor die Notwendigkeit, Partei zu ergreifen zwischen Recht und Unrecht und
               darum dann
               <pb xml:id="p016" ed="pga"/>
                auch zwischen den Leuten, die Beides vertreten. Bis jetzt konntest du so behaglich
               von Weitem zusehen, wie die Leute ihre Meinungen hatten und darum stritten, und warst
               froh, daß es dich nichts anging, nun spürst du plötzlich: das geht nicht mehr —
               ehrlicherweise muß ich nun auch bekennen: hier auf dieser Seite stehe ich. Wirst du
               es wagen, offen zu werden, klar zu werden, herauszurücken mit dem, was in dir ist?
               Oder schämst du dich? Jetzt kommt es darauf an! — Es gibt hunderterlei solcher Fälle
               im Leben, wo es so darauf ankommt, ob wir uns schämen oder nicht. O nein, an Anlässen
               zum Bekennen unseres Glaubens fehlt es uns also wahrhaftig nicht, auch heutzutage
               nicht. Es vergeht gewiß kein Tag in unserem Leben, an dem nicht jene innere Stimme
               uns zuriefe: jetzt, jetzt muß es sich zeigen! wo wir vor der Frage stehen, ob wir uns
               des Evangeliums, des Besten, was wir haben und kennen, nun schämen wollen oder
               nicht.</p>
        <p>Ich bitte euch, erinnert euch nur daran, wie oft wir in solchen Fällen dann nach <hi rend="italic">Ausreden</hi> suchen und solche auch wirklich finden, um es zu erklären
               und zu entschuldigen, daß wir uns des Evangeliums schämen, daß wir unser Bestes nicht
               zeigen, sondern es, so gut wir können, verstecken. Wir sagen etwa: ich bin nicht
               Pfarrer, ich überlasse es denen, von religiösen Sachen zu reden, die es studiert
               haben! So, meinst du? O, du brauchst gar nicht Pfarrer zu sein, um dich zu deinem
               Glauben zu bekennen, du brauchst gar nicht studiert zu haben zu diesem Zweck. Um
               deinen Freunden und Bekannten zu zeigen, daß du ein Christ bist und daß es dir damit
               Ernst ist, dazu brauchts nur ein einfaches, ungelehrtes Wort, sags nur, wie es dir
               ums Herz ist, sie werden dich schon verstehen. Oder wir sagen: ich mag mich doch den
               Leuten nicht aufdrängen, ich lasse sie gehen und bin zufrieden, wenn sie mich auch
               gehen lassen. Das ist schon recht, wenn du so friedlich und zurückhaltend gestimmt
               bist — aber das darf dir keine Ausrede werden, dich des Evangeliums zu schämen, das
               Bessere zurückzuhalten, das du weißt, deinen Mitmenschen hinlaufen und irren zu
               lassen, während du ihn vielleicht mit einem kräftigen Wort retten könntest.
               Aufzudrängen brauchst du dich
               <pb xml:id="p017" ed="pga"/>
                niemandem, vor <hi rend="italic">der</hi> Gefahr brauchtest du nicht so Angst zu haben,
               aber du solltest nicht schweigen und zurückhalten, wenn du selber spürst: jetzt
               sollte ich einmal aus mir herausgehen. Darum handelt es sich. Oder wir sagen
               vielleicht: es ist nicht Mode, so eine bestimmte Meinung zu haben und zu vertreten,
               wir möchten nicht auffallen, nicht vor Anderen in einer besonderen Stellung uns
               befinden. Ich, gerade ich, soll etwas sagen oder tun? Und wenn dann Alle mich ansehen
               und hören, und nun soll ich dastehen und meine inneren Gedanken an den Tag treten
               lassen? Nur das nicht! So anspruchsvoll bin ich nicht! Nun, das ist schön, wenn ein
               Mensch so bescheiden von sich denkt. Aber denk einmal so, wohin würde man kommen,
               wenn man nie etwas Ausnahmsweises, Auffallendes tun wollte! Was für eine langweilige,
               was für eine trostlose Sache würde da das Leben. Gottlob, daß wir diesen Vorsatz gar
               nicht ausführen können, sogar wenn wir ihn fassen wollten; wir <hi rend="italic">müssen</hi> manchmal hervortreten und etwas Ungewohntes, Außerordentliches tun,
               ob wirs wollen oder nicht. Wollen wir es dann nicht lieber freudig und bewußt tun,
               ganz besonders dann, wenn es sich um das Gute, um Gottes Wahrheit und Recht handelt?
               Die Mode soll uns doch keine Ausrede sein, unser Bestes zu verstecken! Die Mode ist
               ein Schein, der vorübergeht, und das sind arme haltlose Menschen, die sich nach ihr
               richten wollen. Alle diese Ausreden sind eben wirklich Ausreden, d. h. nicht
               wirkliche, sondern scheinbare Gründe, die wir vorbringen, um doch etwas zu sagen,
               wenn wir uns des Evangeliums schämen.</p>
        <p>Die <hi rend="italic">wahren Gründe</hi> sitzen tiefer. Man kann sie alle zusammenfassen
               in dem einen: <hi rend="italic">wir fürchten uns</hi>. Wir getrauen uns nicht,
               hervorzutreten und offen durch Wort und Tat das zu sein, was wir in der verborgenen
               Tiefe unseres Herzens vielleicht gerne sein möchten. Wir denken, es wäre wohl schön,
               aber es geht nicht, ich kann nicht. Wir fürchten uns <hi rend="italic">vor uns
               selbst</hi>, vor Allem. Wir spüren, um sich als Christ zu bekennen, dazu braucht es
               einen großen tiefen Ernst. Wir erschrecken vor dem Gedanken, daß wir einem Anderen
               sagen müßten: ich will mich zu Gott halten! und davor, ihm durch die Tat zu zeigen,
               daß das wirklich unsere Absicht ist. <milestone xml:id="m2" unit="page"/>
               <pb xml:id="p018" ed="pga"/>
                Wir denken: was für Einer müßte ich sein, wenn ich so auftreten könnte, wir trauen
               uns die Fähigkeit nicht zu, wir zittern vor jener Stimme in unserem Inneren, die uns
               auffordert und sagt: du solltest es dennoch tun. Es kommt uns vor, wie wenn jene
               Stimme unser Feind wäre. Wir fliehen sie, wir verstopfen uns die Ohren vor ihr.</p>
        <p>Das ist das Eine. Das Andere ist, daß wir uns vor <hi rend="italic">den Menschen</hi>
               fürchten. Wir denken: wie werden mich die befremdet und entsetzt anblicken, denen die
               Wahrheit neu und ungewohnt ist. Schon davor, uns verwundert ansehen zu lassen, haben
               wir einen heiligen Respekt; wenn es sein kann, suchen wir es zu vermeiden. Wir denken
               an die, die anderer Meinung sind: wie werden die — vielleicht lachen — vielleicht
               schelten — vielleicht widersprechen, es ist Alles unangenehm, und man sucht ihm
               auszuweichen. Wir denken an die, denen wir vielleicht zu nahe treten, wenn wir offen
               zu unserer Sache stehen. Man kann ja keine Überzeugung vertreten, ohne daß man
               Anderen zu nahe tritt, ohne daß Andere sich dadurch betrübt, beleidigt, vielleicht
               geschädigt fühlen. Was sagen wir dazu? Wie wirds werden, wenn sie sich nun zur Wehr
               setzen, sich rächen? Grund genug, sich dreimal in Acht zu nehmen, bevor man etwas
               sagt oder tut. Grund genug, die Menschen zu fürchten und sich nicht zu weit
               vorzuwagen.</p>
        <p>Wir fürchten uns aber auch vor <hi rend="italic">der Welt</hi> und ihren Ordnungen im
               Allgemeinen. Wir denken: die Ordnung der Welt lautet: man muß klug sein, man muß sich
               schicken in das, was nicht zu ändern ist, man muß mit denen gehen, die mächtig sind,
               oder mit der Mehrheit. Wer es anders macht, dem gehts übel, der kommt zwischen die
               Räder. Verdruß und Feindschaft und Unglück sind sein verdienter Lohn. Der Respekt vor
               dieser Weltordnung liegt uns tief im Blute. Bei jedem Anlaß, unser Innerstes zu
               zeigen, kommt uns ganz von selbst die Erwägung: halt, das könnte gefährlich sein! und
               wirkt wie eine Bremse auf unsere Freudigkeit zu bekennen und zu handeln, wie es Herz
               und Gewissen uns gebietet. So bringt es die Furcht, die dreifache Furcht vor uns
               selbst, vor den Menschen, vor der Welt, so oft dazu, daß wir uns des
               <pb xml:id="p019" ed="pga"/>
                Evangeliums schämen, daß wir das, was wir als wahr und recht eigentlich anerkennen,
               doch verstecken und verleugnen. Wir wollen ehrlich sein wenigstens und jene so viel
               besser klingenden Ausreden auf die Seite stellen. Wir wollen offen gestehen: wir
               fürchten uns, und darum schämen wir uns.</p>
        <p>Was ist denn <hi rend="italic">die Folge</hi> davon, wenn wir uns so schämen, unser
               Innerstes, Bestes zu zeigen, von Gottes Wahrheit und Recht durch Wort und Tat
               Bekenntnis abzulegen? Wir denken vielleicht, das macht nichts, ein Schaden kann
               daraus nicht entstehen, wohl aber bringt es uns Vorteile ein, wir haben dadurch Ruhe
               zwischen uns und den Anderen und Frieden mit der Welt überhaupt. Nun, da hat sich
               eben schon Mancher gewaltig geirrt in Beziehung auf die Folgen seines «sich
               Schämens».</p>
        <p>Erstens wird uns ein solches Verhalten, und wenn wir noch so viele kluge Gründe dafür
               hätten, <hi rend="italic">selber</hi> im Grunde unserer Seele <hi rend="italic">nie
                  befriedigen</hi>. Ein solches Verhalten bringt notwendig eine große Unruhe in uns
               hinein. Haben wir uns des Evangeliums geschämt, so müssen wir uns nachher unserer
               selbst schämen. Dem können wir nicht entgehen. Können wir ein gutes Gewissen haben,
               wenn um uns her Dinge geredet worden sind, gegen die sich alles Gute in uns
               auflehnte, und wir haben geschwiegen? Können wir ein gutes Gewissen haben, wenn neben
               uns einer zugrunde ging, und wir haben gesagt: ich mag mich nicht einmischen? Können
               wir ein gutes Gewissen haben, wenn wir eine schlechte Sitte, eine zweifelhafte
               Gewohnheit wahrnehmen in unserer Umgebung, und wir machen sie mit oder wehren uns
               doch nicht dagegen? Können wir ein gutes Gewissen haben, wenn wir die Freunde des
               Rechten und Wahren neben uns kämpfen und leiden, vielleicht unterliegen sehen, und
               wir wissen es: ja, das wäre eigentlich recht, aber ich schäme mich, ich mag mich
               nicht zeigen, mag nicht auch so Einer sein? Nein, das alles plagt uns innerlich, wir
               fühlen uns wie in zwei Teile zerrissen in solchen Augenblicken und Zeiten, wir
               möchten uns selber verachten, bittere Worte gegen uns selbst brauchen. Ein Gefühl
               tiefster Unbefriedigung erfüllt uns. Da haben wir nun den Dank dafür, daß wir uns vor
               unserem eigenen bes<pb xml:id="p020" ed="pga" break="no"/>seren Ich flüchteten und versteckten, nun müssen wir wiederum uns selber
               geringschätzen, möchten die Hände vor die Augen halten, um uns selbst nicht zu sehen,
               wir Feiglinge, wir Verräter, wir Charakterlosen!</p>
        <p>Geht es uns etwa bei den <hi rend="italic">Menschen</hi> besser, denen zulieb wir uns so
               oft des Evangeliums schämen? Wir sollten doch nur das nicht meinen, daß sie uns
               anerkennen und liebhaben werden, wenn wir ihnen zu Ehren unsere Überzeugung versteckt
               haben. Die, welche dich am meisten auslachen und plagen und dir zuwider sind wegen
               deiner Überzeugung, die sind die Ersten, die heimlich oder offen alle jene
               Bezeichnungen: Charakterloser, Feigling … auf dich anwenden werden. Die Leute sind
               darin sehr merkwürdig. Sie toben und poltern gegen den, der zu einer ihnen
               unangenehmen Sache steht, schließlich aber imponiert er ihnen doch mehr, wenn er
               tapfer dazu steht, als wenn er sie verleugnet. Sie verachten ihn darum, weil er
               nachgegeben hat, und sie trauen ihm erst noch nicht, sie denken im Stillen erst noch:
               er ist doch nicht ganz sicher, er schweigt nur äußerlich, er hilft uns nur zum
               Schein! Verlaß dich darauf, solange du auch nur ganz im Stillen hängst an dem, was
               gut und recht ist, du magst es äußerlich verleugnen, soviel du willst, man wird es
               dir anspüren, und der Dank der Leute für deine Verleugnung wird sein, daß sie von dir
               sagen, wie die Knechte und Mägde des Hohenpriesters von <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>: Wahrlich, du bist
               auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.73">Mt. 26,73</ref>]! Was hast du nun davon? Verachtet im Geheimen
               und erst noch offen beargwöhnt!</p>
        <p>Die schwerste Folge solches Nachgebens, solches Verzichts auf ein offenes Bekenntnis
               zum Guten haben wir noch nicht genannt: er trennt uns <hi rend="italic">von Gott</hi>. Mit
               der Welt werden wir verbunden, wenn wir uns des Evangeliums schämen, es ist so recht
               Weltart, die wir damit annehmen, und ihrer Ordnung unterwerfen wir uns damit. Aber
               der Friede mit der Welt ist der Unfriede mit Gott. Denn was heißt das, wenn wir für
               das Gute nicht einzustehen, gegen das Böse nichts zu sagen wagen, wenn wir stumm und
               verlegen und mit heimlicher Unruhe mitschwimmen im allgemeinen Strom? Das
               <pb xml:id="p021" ed="pga"/>
                heißt einfach und unzweideutig, daß wir Feinde Gottes sein, daß wir mitschuldig sein
               wollen an der Sünde der Welt. Zwischen Gott und der Sünde gibt es keine Neutralität,
               da kann man nicht sagen: ich wills noch abwarten, ich will mirs noch offenlassen; da
               kann man nicht klug und vornehm auf der Seite stehen und zusehen. Man kann nur für
               Gott eintreten, sein Werkzeug werden, sich von ihm brauchen lassen, wie der Apostel
               <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> es getan hat, und das ist für uns wie für ihn immer ein gewaltiges Wagnis, mit
               weltlichen Augen angesehen, etwas höchst Sonderbares und Unsicheres. Tun wir das,
               dann gehören wir aber auch zu Gott, dann spüren wir seine Liebe, dann läßt er uns
               seines ewigen, unerschöpflichen, vollkommenen Lebens teilhaftig werden.</p>
        <p>Die andere Möglichkeit ist, daß wir uns Gott verschließen, daß wir uns zu denen
               stellen, die sagen: wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.14">Lk. 19,14</ref>]! Täuschen wir uns nicht: es ist
               nicht etwas Harmloses, sich des Evangeliums zu schämen. Tun wir das, dann sind wir
               nicht mehr neutral, nicht mehr vornehm unbeteiligt, dann stehen wir selbst bei den
               Widerspenstigen. Auch die Furcht, die Furcht vor sich selbst, vor den Menschen, vor
               der Welt ist eben Widerspenstigkeit, Feindschaft gegen Gott im Grunde, und nicht
               etwas Milderes, das wir auch leichter nehmen könnten. Die Zaghaftigkeit, die uns von
               Gott gegebene bessere Einsicht auch zu zeigen, leuchten zu lassen vor den Leuten,
               diese Zaghaftigkeit ist Trotz gegen Gott, wir müssen da wiederum ganz ehrlich sein.
               Sie ist unter Umständen der schlimmere, strafwürdigere Trotz als die Auflehnung eines
               unverständigen, leidenschaftlichen Menschen, der nicht gehorcht, weil er es nicht
               besser weiß. Ihm kann ein Diebstahl, ein Mord sogar eine leichte Sünde sein, die Gott
               zu vergeben gern bereit ist; dir kann ein Stillschweigen, ein Kopfnicken, ein
               Mitmachen bei einer kleinen ungöttlichen Sache, wo du hättest bekennen sollen, zur
               schweren Schuld werden, von der du nicht so bald wieder frei wirst. Wem viel gegeben
               ist, von dem wird viel gefordert [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.12.48">Lk. 12,48</ref>]. Wem Einsicht gegeben ist, von dem wird Bekenntnis gefordert.
               Hüten wir uns vor der schweren Schuld, die wir auf uns laden, vor der tiefen
               <pb xml:id="p022" ed="pga"/>
                Trennungsspalte zwischen uns und Gott, die wir aufreißen, vor dem dichten
               gefährlichen Nebel, den wir auf unsere Seele sich lagern lassen, indem wir uns dessen
               schämen, indem wir das verleugnen, was uns von Gott gegeben ist, des Evangeliums!</p>
        <p>Es ist uns viel gegeben, meine Freunde. Keiner von uns ist ganz ohne Evangelium. Wir
               alle kommen von der Weihnacht her und haben das Evangelium, die gute frohe Botschaft
               von Gottes Liebe wieder einmal in unsere Herzen aufnehmen dürfen. Wir haben zusammen
               ein neues Jahr antreten dürfen, und der Wechsel der Zeiten hat uns erinnert an den,
               der über unserem Leben wacht und waltet von Ewigkeit zu Ewigkeit. Es ist viel
               christliche Einsicht unter uns, viel Bekanntschaft mit Gottes gutem, heiligem Willen.
               Es fehlt nicht an Solchen, die in aller Stille aufgewacht sind aus dem Schlaf der
               Gleichgültigkeit und eines bloß äußerlichen Christentums, die beginnen zu verstehen,
               was Gott insbesondere von unserem heutigen Geschlecht erwartet und fordert. Es fehlt
               auch nicht an Solchen unter uns, die schon ernsthafte und tiefgehende Erfahrungen mit
               Gott gemacht, die gute befreiende Vorsätze gefaßt haben. Aber, was uns allen fehlt,
               das ist das offene Bekenntnis zu Gott, das ist das freudige Zeigen seiner
               unvergleichlichen Gabe, das ist die Entschiedenheit des christlichen Glaubens und
               Lebens. Wir sind zu vorsichtig, zu klug, zu zurückhaltend in unserem Christentum. Wir
               müßten das göttliche Leben, das uns anvertraut ist, viel gewaltiger hervorbrechen
               lassen, wir, die Einzelnen, und wir, die ganze Gemeinde, als eine christliche
               Gemeinde. Wir schämen uns so oft des Evangeliums, wir verstecken unser Bestes. O,
               wenn wir doch erkennen wollten, daß darauf kein Segen liegen kann! Wenn wir uns
               aufraffen wollten, um wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> diese falsche Scham von uns abzuschütteln und frank
               und frei durch unser Wort und unser Leben zu bekennen: ich habs gewagt! mein Gott,
               ich bin entschieden! ich weiß, wo ich hingehöre!</p>
        <p>Wir fragen vielleicht: <hi rend="italic">was sollen wir denn tun</hi>, um uns zum
               Evangelium zu bekennen? Ich will jetzt keine ausführlichen Regeln darüber aufstellen.
               Wo einmal die Erkenntnis und der ernstliche
               <pb xml:id="p023" ed="pga"/>
                Wille da ist: ich muß treuer, aufrichtiger, konsequenter zu meinem Führer stehen, da
               finden sich die Mittel und Wege dazu von selber. Nur soviel möchte ich sagen. Nicht
               einem Christentum der vielen frommen Worte möchte ich zugut reden. Gott bewahre uns
               davor! Fromm schwatzen und bekennen ist ganz zweierlei. Auch alles
               Marktschreierische, Aufdringliche wollen wir lieber beiseite lassen. Es ist z. B.
               nicht nötig und nicht gut, einander beim Rockknopf zu fassen mit der Frage: bist du
               auch bekehrt? Wir wollen diese Frage in der Stille des Herzens jeder an sich selbst
               richten. Wir wollen auch ums Himmels willen das Reich Gottes nicht verwechseln mit
               unserem christlichen Kirchen- und Vereinswesen, noch mit anderen guten und
               notwendigen Bestrebungen. Es kann sich beim Bekennen des Evangeliums auch um diese
               Dinge handeln, aber doch nicht in erster Linie. Vielleicht müssen wir ganz schlicht
               damit anfangen, daß wir irgendwo nicht mitlachen, wo törichterweise gelacht wird,
               nicht mitschimpfen, wo törichterweise geschimpft wird, nicht mitschwatzen, wo
               törichterweise geschwatzt wird. Das scheint wenig. Es ist in Wirklichkeit schon sehr
               viel. Es ist ein deutlicher Protest und eben damit ein deutliches Bekenntnis. Dein
               Schweigen bezeugt dann: du stehst zu deiner Sache, zu Gottes Sache. Ein andermal mußt
               du vielleicht bekennen, indem du bei etwas recht deutlich nicht mitmachst, sondern
               wegbleibst, eine Gesellschaft oder einen Anlaß meidest, wo man dich erwartet, wo du
               aber nichts Gutes zu erwarten hast. Ein leerer Stuhl kann unter Umständen ein überaus
               beredtes und wirksames Bekenntnis sein. Wieder ein anderes Mal brauchts dann
               vielleicht etwas mehr: ein energisches, entschiedenes Wort — ich meine nicht ein
               frommes Wort, aber ein Wort, aus dem man erkennt, wie du gesinnt bist — wohl dir,
               wenn du dich nicht genierst, ein solches Wort zu sprechen. Und wenn du es einmal
               gewagt hast, etwas zu sagen, dann wirst du es das nächste Mal auch wagen, etwas zu
               tun im rechten Sinn. Das Eis wird brechen, du wirst dich nicht mehr so fürchten. Du
               wirst es riskieren, dich wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> dorthin zu stellen, wo es zwar nicht angenehm
               ist, wo du aber nach Pflicht und Recht hingehörst. So wirst du nach und nach aus
               einem
               <pb xml:id="p024" ed="pga"/>
                schüchternen, lahmen, nach links und rechts schielenden Gläubigen auch zu einem
               Apostel des Evangeliums. Wir wollen uns freuen darauf, das einmal zu werden. Und es
               soll uns nicht schwerfallen, damit den Anfang zu machen, lieber heute als morgen,
               können wir doch so gut wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> immer wieder die Erfahrung machen, daß es keine
               eitle und wertlose Sache ist, für die wir einstehen, daß es wirklich unser Bestes,
               das Beste in der Welt ist, das wir zeigen und nicht verstecken sollen, daß das
               Evangelium tatsächlich eine Kraft Gottes ist, selig zu machen Alle, die daran
               glauben. Gott stärke uns in dieser Erfahrung, dann werden wir auch zu offenen,
               freudigen, entschiedenen Bekennern dieser Erfahrung werden.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
