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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Psalm 31,15-16 (Neujahr)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Psalm 31,15-16 (Neujahr), 1. Januar 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5004 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 3–11.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Psalm 31,15-16 (Neujahr)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 200</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Ps 31,15-16 (Neujahr), 1. Januar 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1642">KBA 1178</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-01-01">1. Januar 1914</date>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, den <date when="1914-01-01">1</date>., und <placeName ref="kbga-places-248">Laupen</placeName><note xml:id="n01">In <placeName ref="kbga-places-248">Laupen</placeName>, etwa 15 km westlich von <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>, war Barths Bruder
                     <persName ref="kbga-actors-27">Peter</persName> (1888–1941) Pfarrer.</note>, den <date when="1914-01-04">4. Januar 1914</date>
                    </dateline>
          <head type="event">Neujahr</head>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.31.15 Ps.31.16">Psalm 31,15–16</ref>
            <quote>Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: du bist mein Gott! Meine Zeit
                     stehet in deinen Händen.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>So haben wir wiederum ein altes Jahr beiseite gelegt und ein neues begonnen. Man
               könnte sagen: Jahresende und -anfang haben nichts Wichtiges auf sich. Sie sind eine
               zufällige menschliche Einrichtung ohne einen tieferen Sinn. In <placeName ref="kbga-places-297">Rußland</placeName><note xml:id="n02">Seit dem 7. Jahrhundert ist im byzantinischen Reich der 1.
                     September Jahresanfang (Stilus Byzantinus).</note> und bei den
                  Juden<note xml:id="n03">Jahreswechsel ursprünglich im Herbst (Laubhüttenfest),
                  später im Frühling.</note> wird ja das neue Jahr ebenso zufälligerweise mit einem
               anderen Tag begonnen als gerade mit dem 1. Januar. Und wenn in unserer Silvesternacht
               die Glocken die Mitternachtsstunde verkündigen, so vollzieht sich damit im Himmel und
               auf Erden nichts Besonderes. Die Zeit ist eben wieder ein wenig weiter gegangen, wie
               zu anderen Tages- und Nachtstunden auch. Das ist Alles ganz richtig. Die Zeit läuft
               ab in einer ewig gleichen ununterbrochenen Reihenfolge von Jahrtausenden, Jahren,
               Stunden, Sekunden. Wie eine endlose Perlenschnur gleitet sie dahin, sie kennt keinen
               Halt und keine Abschnitte. Aber wenn wir auf die Uhr sehen oder wenn der
               Stundenschlag der Uhr an unser Ohr dringt, dann werden wir damit eben an diesen
               Ablauf der Zeit erinnert. Unsere Zeiteinteilung könnte auch ganz eine andere sein,
               wir könnten unsere Stunden und Tage länger oder auch kürzer berechnen — wenn es auf
               den anderen Gestirnen, z. B. auf dem Planeten Mars, menschenähnliche Bewohner gibt,
               so ist das Eine ganz sicher, daß sie unter ganz anderen Zeitverhältnissen leben
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                als wir — unsere Uhren können auch falsch gehen, das alles ändert nichts an dem
               Einfachsten, woran uns unsere Uhren jedenfalls erinnern: es [ist] wieder Zeit
               vergangen, jetzt mehr, jetzt viel, jetzt sehr viel Zeit; jetzt das, was man eine
               Minute, jetzt das, was man eine Stunde, jetzt das, was man einen Tag, jetzt das, was
               man ein Jahr nennt. Vergangen, vorbei, dahinten! Diese Erinnerung ist doch wohl nicht
               unwichtig für einen Menschen, der das Leben ernst nimmt. Schon die Erinnerung: eine
               Stunde, ein Tag ist verflossen! wird ihm zu denken geben, geschweige denn, wenn die
               Glocken sagen: 365 Tage, ein Jahr vorbei! Je größer der verflossene Zeitraum, desto
               deutlicher, stärker, eindringlicher ist doch jene Erinnerung: die Zeit geht um! Die
               Menschen sind nicht zu beneiden, die diese Erinnerung auch am Silvester und Neujahr
               zu überhören, zu übertäuben oder zu verträumen vermögen, wie wir alle es leider oft
               genug beim Stundenschlag, beim Tagesschluß tun. Da wenigstens — freilich nicht nur
               da, sondern lieber stündlich und täglich, aber da wenigstens — sollten wir den
               Gedanken: die Zeit geht um! gründlich zu uns reden lassen. Was hat er uns denn zu
               sagen? Wenig scheinbar oder nichts. Etwas Unabänderliches, Notwendiges verkündigt er
               uns ja, etwas, woran wir nichts ändern können. Das Ticktack der Uhr ist eine Stimme,
               die man nicht aufs erste Anhören versteht. Wir tun aber gut, genau auf das zu hören,
               was sie uns zu sagen hat. Eine Reihe von <hi rend="italic">Fragen</hi> ruft sie uns in die
               Seele hinein: Was wird denn aus dir, Menschenkind, wenn die Zeit umgeht? Was bist du
               gewesen und geworden in den Zeiten, die nun verflossen sind? Was wird mit dir
               geschehen, und was wirst du tun in der Zukunft, die nun raschen Schrittes näherkommt?
               Und was wirst du von dir selber halten, wie wirds dir sein, wenn es einmal nicht bloß
               von einem Tag oder Jahr, sondern von deiner Lebenszeit heißen wird: Vergangen,
               vorbei, dahinten!? Und dann weiter: Von was hängt das alles ab, was die Zeit, die
               abgelaufene Zeit uns gebracht hat an Ernstem und Frohem, an Bösem und Gutem — von wem
               hängt das ab, was die Zeit uns bringen wird? Auf was kommts schließlich an in unserem
               Leben? Was gilt? Wem sind wir unterworfen, und nach was haben wir uns zu rich<pb xml:id="p005" ed="pga" break="no"/>ten? Wer oder was ist die Macht über uns? Das sind die Fragen, die ein Jahreswechsel
               in uns aufweckt, mehr oder weniger deutlich und lebhaft, und auf die wir gut tun,
               Rede zu stehen.</p>
        <p>Es gibt Menschen, die antworten auf diese Frage: wir sind in den Händen einer <hi rend="italic">Schicksals</hi>macht. Man könnte auch sagen: in den Händen des Zufalls,
               es kommt auf dasselbe heraus. Sie meinen damit: eine unwiderstehliche, aber blinde
               Gewalt regiert über uns, lenkt uns so und so, rechts herum und links herum, legt uns
               jetzt ein Glück in den Weg und jetzt ein Unglück, wirft uns jetzt zu Boden und stellt
               uns jetzt wieder auf, läßt uns jetzt sündigen und jetzt Gutes tun — wir haben nichts
               dazu zu tun, wir führen nur aus, was das Schicksal über uns verfügt hat. Was mir das
               vergangene Jahr gebracht hat? nun, eben was es mußte, es kam so Eines nach dem
               Anderen, und man mußte es eben annehmen. Was mir das künftige Jahr bringen wird?
               wiederum was es muß, es wird sich eben wieder Eins nach dem Anderen einstellen,
               Angenehmes und Unangenehmes, und man muß es sich gefallen lassen. Nach was ich mich
               richten soll in Zukunft? Das kann ich jetzt noch nicht sagen, ich werde es eben von
               Schritt zu Schritt machen, wie sichs mir schickt, auch Gut und Böse ist ja ein
               Zufall, ein Schicksal, ist Natur, da gibts nichts zu wollen! Schicksal ist das Leben,
               Schicksal das Sterben, Schicksal mein eigenes Ergehen und Schicksal das meiner
               Mitmenschen. Nur sich über nichts aufregen! Wer gelassen seinen Weg geht und sich
               über nichts verwundert, der kommt am besten weg. So empfinden viele Menschen, wenn
               sie über das Vergehen der Zeit und ihrer Lebenszeit nachsinnen.</p>
        <p>Was soll man dazu sagen? Es tönt so weise und lebenserfahren, daß man fast nicht
               dagegen aufkommt. Besonders wohl viele Männer des praktischen Lebens, die für
               gewöhnlich nicht aus sich herausgehen, würden, wenn sie einmal über diese Dinge reden
               würden, ungefähr so reden. Aber wahr ist das darum doch nicht, und das wissen auch
               die, die so denken und reden, ganz genau. Wir werden nicht auskommen mit diesen
               Gedanken. Wir alle tun täglich Hunderterlei, was dazu nicht paßt: wir denken nach,
               wir entscheiden uns so oder so, wir handeln, wir wählen nicht nur zwi<pb xml:id="p006" ed="pga" break="no"/>schen dem, was sich uns schickt, sondern auch zwischen dem, was unser Gewissen
               zuläßt oder nicht, auch der verdorbenste, stumpfste Mensch tut das zuweilen. Das
               alles sind Tatsachen, die nicht zu jenem Schicksals- oder Zufallsglauben passen,
               Tatsachen, aus denen wir sehen können: wir glauben selber heimlich noch an etwas
               Anderes. Wir müssen der Frage gründlich nachgehen: wer hat die Macht über uns?</p>
        <p>Andere sagen: nicht vom Schicksal hängen wir ab, aber von den <hi rend="italic">Menschen</hi> um uns her. Ein jeder ist das geworden, was er in seiner Umgebung
               werden mußte. Dem Einen hat man geholfen, und darum geht es ihm gut. Dem Anderen sind
               Alle zuwider gewesen, und darum hat er nicht emporkommen können. Der Eine ist bei
               rechtschaffenen Leuten aufgewachsen, und darum ist aus ihm selber etwas geworden. Der
               Andere hat immer schlechte Beispiele vor Augen gehabt, und darum ist er selber auf
               schlechte Wege gekommen. Der Eine hat Liebe und Freundlichkeit erfahren, und darum
               ist er selber bereit, solche zu erweisen und zu erwidern. Der Andere ist gehaßt und
               verstoßen worden, und darum ist er jetzt auch wieder ein Hasser und Streiter
               geworden. Niemand kann hinaus über das, was man aus einem gemacht hat. Und darum wird
               auch in der Zukunft ein jeder das sein, was man aus ihm machen wird. Wie wird es mir
               gehen im neuen Jahr? Nun, wie die Leute es wollen, wie meine Freunde und Feinde es
               mit mir meinen, ich kann es noch nicht sagen, es hängt von den Menschen ab. Wie werde
               ich mich verhalten im neuen Jahr? Nun, ich werde mich im Guten und im Bösen anpassen
               an das, was ich um mich her wahrnehme, an das, was am wenigsten Anstoß erregt und am
               meisten paßt bei denen, von denen ich abhängig bin. Ich lasse es drauf ankommen!</p>
        <p>Ich brauche kaum viel zu sagen zu dieser Lebensansicht. Wir spüren alle das
               Schwachmütige, das Unrichtige daran.<note xml:id="n04"><ref corresp="A">Mskr.</ref> irrtümlich: sein.</note>
               So ein Rohr im Winde bin ich nicht, denken wir, oder doch: ich will das nicht sein.
               Wir sehen dann doch oft genug das Gegenteil von dieser An<pb xml:id="p007" ed="pga" break="no"/>sicht: wie Menschen trotz Haß und Feindschaft emporkommen und etwas leisten, wie
               Menschen in schlimmster Umgebung doch zu rechten Leuten werden und solche bleiben,
               wie Menschen Neid und Mißgunst mit Liebe und Barmherzigkeit vergelten. Das alles
               kommt doch vor. Und besonders oft bekanntermaßen auch das Umgekehrte: daß alle
               Teilnahme, alles gute Beispiel, alle Liebe, die ein Mensch in seiner Umgebung
               erfährt, ihm nicht helfen können. Das sind Tatsachen, die uns auch diese Ansicht
               abweisen lassen: Menschen mögen manchmal großen Einfluß auf uns haben, aber sie
               machen unser Leben nicht, nicht einmal unser äußeres, geschweige denn unser inneres.
               Wir müssen eine bessere Auskunft haben über die Frage: von wem sind wir abhängig? auf
               wen kommt es an in unserem Leben?</p>
        <p>Da kommen Andere, sehr sicher und fröhlich und zuversichtlich treten sie auf, und die
               sagen: auf <hi rend="italic">mich selber</hi> kommt es an. Ich selber schaffe mir mein
               Leben. Ich selber sitze am Steuerruder und wende die Segel, jetzt nehme ich von
               dieser, jetzt von jener Seite Wind auf, und so fahre ich stolz und flott dahin, und
               es geht sehr gut. Man muß nur vor nichts Angst haben, man muß nur Alles probieren,
               sich nichts verdrießen und ärgern lassen, mit allen Leuten auszukommen und mit den
               Ellenbogen durch die Feindseligen hindurchzukommen suchen, dann kommts gut. Aus
               eigener Kraft ist jeder das geworden, was er ist, selber Schuld ist er, wenn es ihm
               nicht gelungen ist. Auch im Guten und im Bösen ist jeder Mensch sein eigenes Werk.
               Wer gut sein will, der kanns und tuts. Und unser Verhältnis zu den Mitmenschen ist
               unser eigenes Werk: wir brauchen bloß zu wollen, so stehen wir auf dem rechten Fuß
               mit Allen. Und so mußt dus nun halten auch in der Zukunft! lautet der Neujahrsrat von
               dieser Seite. Was man will, das kann man, die Zukunft ist das, was du aus ihr machen
               wirst. Das klingt nun wiederum gar klug und einleuchtend und annehmbar. Es ist eine
               Melodie, die man besonders heutzutage sehr oft hören kann. Und wer wird bezweifeln,
               daß sehr viel Richtiges und Schönes daran ist, und daß es Fälle gibt, wo man den
               Leuten am besten etwa in solchen Tönen zuspricht? Vielleicht sind auch solche unter
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                uns, die es am nötigsten hätten, daß man ihnen zum neuen Jahr etwas mehr
               Selbstvertrauen und Wagemut wünschen würde.</p>
        <p>Aber der Weisheit letzter Schluß ist diese amerikanische Lebensklugheit darum doch
               nicht. Sie ist gut für den Anfang, da muß man es oder müssen es doch sehr Viele in
               der Tat einmal probieren mit dem Grundsatz: Selbst ist der Mann! Vorwärts aus eigener
               Kraft und auf eigene Faust! weil sie sonst gar nie dazu kämen, mit dem Leben Ernst zu
               machen. Wahrscheinlich haben die Meisten von uns auch einmal eine solche Periode
               durchgemacht. Nachher wird man reifer. Und das Reifwerden muß sich gerade in dieser
               Hinsicht zeigen. Die Meisten von uns, die wir hier sind, werden wohl schon so weit
               gekommen sein auf irgend eine Weise, daß sie einsehen: ich wäre oft bös dran gewesen
               im vergangenen Jahr, und ich würde oft böse dran sein im zukünftigen, wenn ich
               angewiesen wäre auf mich selbst, auf mein eigenes Glück, meine eigene Gescheitheit,
               meinen eigenen guten Willen. Reif werden heißt: seiner Schranken sich bewußt werden.
               Wir lernen Fügungen und Verhältnisse kennen, wo die trotzige Losung: aus eigener
               Kraft! einfach versagt. Was soll sie am Bett eines Lungenkranken? Was soll der damit
               anfangen? Was soll sie gegenüber Übelständen, die nicht auf einem Einzelnen lasten
               und von ihm auch abgeschüttelt werden können, sondern die Übelstände ganzer Völker,
               ganzer Jahrhunderte, der ganzen Menschheit vielleicht sind! Was soll vor solchen
               großen offenen Wunden der Ruf: Wer wagt, gewinnt! Nur tapfer probiert! Lächerlich
               oberflächlich und nichtssagend kommt es einem vor! Und unsere Gescheitheit, auf die
               wir vertrauen und mit der wir schon durchzukommen hoffen! Merkwürdig, je reifer ein
               Mensch wird, je mehr er erfahren und nachgedacht hat, desto zurückhaltender wird er
               mit dieser Zuversicht. Oft genug hat ers merken müssen, wie unsere Gedanken so oft
               zwar gutgemeint und von außen betrachtet klug sind und sich dann doch als jämmerlich
               kurzsichtig und ungenügend erweisen. Und unser guter Wille? Vielleicht dauert es da
               am längsten, bis wir es verlernen, auf<note xml:id="n05"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: in.</note> unsere
               eigene Kraft zu bauen.
               <pb xml:id="p009" ed="pga"/>
                Wir lassen uns lieber sagen, daß wir uns geirrt, als daß wir uns auf einem
               verdrehten Weg bewegt haben. Und doch gehört auch das zur Reife eines Charakters, daß
               wir einsehen: o ich kann lang meinen und wollen, ich kann lange Vorsätze fassen und
               Anläufe nehmen, ich kann mich lange wehren gegen die Versuchung und mich einsetzen
               für allerlei gute Absichten — es sind aber immer auch noch andere Mächte in mir,
               Mächte, die mich nach unten ziehen und die so stark sind, daß ich aus mir allein
               nicht mit ihnen fertig werde. Wenn ich schon gesiegt habe über das Böse in mir, so
               war es nicht meine eigene Kraft, sondern ich wurde darüber hinweggetragen, und ich
               weiß, es kommt auch für die Zukunft auf etwas Anderes an.</p>
        <p>Seht, wir kommen von allen Seiten darauf: es ist noch etwas Anderes da. Weder sind
               wir vom <hi rend="italic">Schicksal</hi> abhängig, noch von den <hi rend="italic">Menschen</hi>, das schon gar nicht, aber auch <hi rend="italic">wir selbst</hi> sind
               nicht unsere Herren und Meister. Wir stoßen überall auf Unvollkommenheiten dieser
               Anschauungsweisen. Ich möchte nicht mit einer von ihnen ins neue Jahr hinübergehen.
               Da könnte man weder ruhig in die Vergangenheit noch ruhig in die Zukunft sehen. Es
               ist allerlei Richtiges an ihnen, aber nur, wenn wir nun auf einen viel höheren Berg
               steigen und sie von da aus betrachten.</p>
        <p>Der Psalmsänger sagt: <hi rend="italic">Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: du
                  bist mein Gott! meine Zeit stehet in deinen Händen</hi>. Das ist eine
               Neujahrslosung, die Stich hält. Wenn wir sie uns doch zu eigen machen wollten! Wenn
               wir doch merken wollten, wie wenig weit wir im Angesicht der Ewigkeit kommen mit
               jenen anderen Meinungen, die alle so ein eigenes Menschengeschmäcklein an sich
               tragen! Wenn wir doch sehen wollten, wie viel besser wir es haben können beim
               Evangelium als bei dem, [was] jene uns bieten! Wir wollen nicht in kleinlichen,
               vorläufigen, äußerlichen Wahrheiten stecken bleiben, wenn wir nach der Antwort suchen
               auf die Frage, die uns der Jahreswechsel stellt. Wir wollen uns nicht begnügen mit
               irgendeiner oberflächlichen Auskunft, so klug sie aussehen mag und so Viele ihr
               vielleicht zustimmen mögen. Wir wollen die tiefste Wahrheit erfassen, die Wahrheit,
               in der das Richtige von
               <pb xml:id="p010" ed="pga"/>
                allen jenen Meinungen enthalten und zusammengefaßt ist, und die doch jeder einzelnen
               unter ihnen und ihnen allen miteinander berghoch überlegen ist.</p>
        <p>Wir wollen das Letzte zuerst nehmen. Das wundervolle Wort: <hi rend="italic">Meine
                  Zeit stehet in deinen Händen</hi>. Da haben wir die rechte Antwort auf die
               Frage, was aus uns Menschenkindern werde im Wandel der Zeiten. Gott ist über uns, und
               wir stehen in Gottes Hand, so lautet die Antwort. Gott! Das ist etwas Anderes, als
               wenn wir sagen: ich bins, ich habs gemacht und werde es machen! Er hat das, was uns
               allen, auch den Besten und Klügsten fehlt, er ist <hi rend="italic">die vollkommene
                  Kraft</hi>. Er fängt nicht bloß an, sondern er führt durch und vollendet. Er hat
               nicht bloß einzelne Fähigkeiten und Möglichkeiten, sondern er wirkt und schafft
               Alles, was geschehen muß. Er hat keine Lücken und Mängel in seinem Tun, sondern er
               schafft ein Ganzes. Sein Wirken ist nicht ein allmählich erst Wachsendes, das dann
               eines Tages auch seinem Ende entgegengeht, sondern er wirkt von Ewigkeit zu Ewigkeit.
               Was die Zeit uns gebracht hat, <hi rend="italic">er</hi> hat es uns gebracht, was die
               Zeiten bringen mögen, es wird sein Wille sein. Seine Kraft kennt keine Ausnahmen und
               Unterbrechungen, sie ist immer und überall tätig. Sieh, wie ganz anders stehst du da,
               wenn du ihm — nicht nur gehörst, das tun wir alle — sondern auch gehören willst, dich
               ihm ergibst. Mit welcher Zuversicht darfst du in die Zukunft treten, wenn du ausruhst
               in seiner ewigen Kraft, wenn du dich von ihm immer wieder durchdringen lässest. Sieh,
               dann wirst du, was du aus eigener Kraft nicht wirst: ein Mensch, der trotzig und
               ungebeugt allen Schwierigkeiten, allen Leiden, allen Feinden gegenübersteht: ist Gott
               für uns, wer mag wider uns sein [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.31">Röm. 8,31</ref>]?</p>
        <p>Aber Gott ist etwas Anderes als das sogenannte Schicksal. Seine ewige Kraft ist nicht
               eine blindspielende Naturgewalt, da heißts nicht: was kommen muß, kommt, man muß sich
               drein schicken. Gott ist die <hi rend="italic">ewige Liebe</hi>. Die Weihnachtsbotschaft
               ist uns ja noch in naher Erinnerung mit all ihren Hinweisen auf Gottes gütige
               Absichten mit uns. Das Wort «Gott» soll uns kein fremder Klang sein, wenn wir von
               Weihnacht herkommen. Wohin strebt Gottes
               <pb xml:id="p011" ed="pga"/>
                ewige Kraft? Ist sie einem Zufall unterworfen, muß sie einem Naturgesetz gehorchen?
               Nein, sie geht ihren eigenen Weg, und was man Zufall und Natur nennt, das muß ihr
               dienen, sie strebt danach, mit uns Menschen eins zu werden. Wir sollen ihrer Art
               teilhaftig werden, Ewigkeit soll in unser zeitliches Leben hinein, Vollkommenheit in
               unser Stückwerk, Stärke in unsere Schwachheit. Gott ist selbstlos, er will sich
               selber uns schenken, er will unser Vater sein. Denkt, wie wir dastehen im Wechsel der
               Zeiten, wenn wir diese Liebe Gottes nicht bloß unbewußt erfahren — das geschieht
               freilich allen Menschen —, sondern bewußt, freudig, dankbar in uns aufnehmen, uns von
               ihr ziehen lassen. Spürst du nicht, daß dieser Zug des Vaters, von dem uns das
               Evangelium so klar redet, etwas Anderes ist als die blöde Rede vom Schicksal? Was ist
               Schicksal? ein rechtes künstliches Menschenbegrifflein. Aber der Vater, der uns lieb
               hat, das ist eine leuchtende gewisse Wahrheit, der man nicht mehr widerstreben kann,
               wenn man ihrer einmal sicher geworden ist.</p>
        <p>Und dieser Gott der Kraft und der Liebe ist nun zugleich die <hi rend="italic">Weisheit</hi>.</p>
        <p>Gegensatz: Menschenweisheit — über Schwierigkeiten hinweg — einfachstes und bestes
               Mittel — daran sich halten, statt Menschenräten folgen — nicht nur geleitet werden —
               wollen, was Gott will.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Zeit in Gottes Händen:</hi> Seine Herrlichkeit muß größer werden: Kraft
               — Liebe — Weisheit — Was ist unser Leben? — ein Dienst dazu — Alles kann helfen —
               auch Leiden — jeder seinen Beitrag — das deine Aufgabe und Gabe!</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Ich hoffe auf dich</hi> — Gott ist in Allem — nichts Widriges — bereit
               sein — auf das Licht warten — Trost — Kraft.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Du bist mein Gott</hi> — Was wir tun sollen? — ihm angehören und dienen
               — Christus unser Meister — Folge der Hoffnung — Gehorsam, Vertrauen — <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> —
               Kirchenpflege — Alte. Mit dem Herrn …</p>
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      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
