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[Atomwaffen]

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II. Die kleineren Fragmente
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Der komplett erhaltene Exkurs1, den Barth im Sommersemester 1958 im Kolleg vorgetragen hat, spiegelt sein damaliges großes Interesse am Thema, mit dem er sich sowohl im Kontext der schweizerischen wie der deutschen Diskussion um eine mögliche Atombewaffnung lebhaft auseinandersetzte.2

Das Stück stammt aus KD IV/3, § 72,1 📖: «Das Volk Gottes im Weltgeschehen»­3. Es ist im Druck durch den in Petit gesetzten kürzeren Abschnitt auf S. 802 ersetzt worden. Die hier gewählte Überschrift findet sich auf einem dem Typoskript beigehefteten Blatt und stammt von Markus Barth.

[Atomwaffen]

Zur Veranschaulichung des nun über das Verhältnis von Schöpfung und Sünde in der Weltgeschichte Gesagten ein uns – die ganze Menschheit und damit wahrhaftig auch die christliche Gemeinde – heute sehr direkt angehendes Beispiel: die Geschichte der modernen Physik in ihrer Entwicklung von der Kernforschung zur Erfindung der Kernwaffen – hier natürlich nur in einigen Andeutungen zu erzählen, und ebenso natürlich unter Vorbehalt der Grenzen des Laien hinsichtlich der Fasslichkeit der zu berührenden Vorgänge. |

Der Anfang dieser Geschichte fällt in die Zeit unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg. Es ging um die neu aufgeworfene Frage der Teilbarkeit dessen, was mit der Wissenschaft der ganzen bekannten Ver972gangenheit auch noch die des 19. Jahrhunderts für unteilbar gehalten hatte: der kleinsten Einheit der bis dahin so genannten «Materie». Vor allem in Cambridge, in Kopenhagen, in Göttingen, nicht von einem einzelnen Gelehrten, sondern von einer ganzen, |672 nur lose verbundenen, aber eifrig korrespondierenden und zusammenarbeitenden Gruppe von solchen, wurde jene Frage theoretisch und experimentell gestellt und immer wieder gestellt: mit dem auf vielen Wegen und Umwegen übereinstimmend erzielten Ergebnis: dass sich das vermeintlich Unspaltbare als spaltbar erwies. Ein neues Weltbild – durch Albert Einsteins Relativitätstheorie schon vorbereitet – begann sich auch unter diesem Gesichtspunkt abzuzeichnen. Aber auch eine neue, bisher unbekannte Art und Ordnung von Energien, bei jenen Spaltungsversuchen entfesselt, begann – alle bisher bekannten quantitativ und qualitativ weit hinter sich lassend – in den Gesichtskreis und in den Verfügungsbereich des Menschen zu treten. Es müssen für die führenden Männer und besonders für ihre Schüler und Studenten, die der Sache damals mit ihnen in allen Richtungen nachgingen, in ihrer Art begeisternde Jahre gewesen sein – die «heroische Zeit» dieses Zweiges der modernen Physik, wie ein damals junger, in Göttingen studierender Amerikaner namens Robert Oppenheimer sie später genannt hat,4 «die schönen Jahre», wie Robert Jungk das einschlägige Kapitel seines Buches «Heller als tausend Sonnen» (1956) überschrieb.5 Es war nicht nur ein weiterer, sondern ein in seiner Eigenartigkeit fast exemplarischer, man möchte sagen: ein Schulfall dessen, was wir hier als das Zusammentreffen eines wunderbaren kosmischen Angebots mit einem ebenso wunderbar entwickelten menschlichen Vermögen, auf solche Angebote einzutreten, und so theologisch als Inbegriff der «guten Schöpfung Gottes» bezeichnet haben.6 Noch meldete sich deren Kombination mit dem Nichtigen erst als ferne Möglichkeit an: in der bei diesem und jenem Forscher gelegentlich aufsteigenden Sorge, es könnten jene neu entdeckten und in den Laboratorien bereits entfesselten und sichtbaren Energien, einmal praktisch eingesetzt und verwendet, nicht nur in den Dienst von friedlichen, sondern auch in den von sehr unfriedlichen Zwecken gestellt werden. Aber die |673 großen und kleinen Heroen jener heroischen Zeit waren zunächst mit der Sache, den Vorgängen selbst, zu beschäftigt, um sich die 973 Frage nach dem Zweck und Ziel ihrer Forschung überhaupt mehr als beiläufig zu stellen. Ob es sich bei dieser um die möglichen Folgen unbekümmerten Forschung um des Forschens willen nun nicht doch schon um eine Unstimmigkeit handelte, die jedenfalls vor einer nachträglichen Idealisierung schon jener Anfänge – als hätten sie in einer Art paradiesischer Unschuld stattgefunden – warnen müsste? |

Wie dem auch sei: die praktische Auswertung der gemachten Entdeckung schien zunächst als solche noch in weiter Ferne zu liegen. Und dann kam es zunächst zu einem wenn auch kurzen Aufhalten einer unheilvollen Entwicklung gerade von der Seite, von der her sie nachher folgenschwer genug in Bewegung gesetzt wurde: von der Politik her. In Deutschland brach das Dritte Reich aus, was für die Kernphysik zunächst die wunderliche Folge hatte, dass ihr Unternehmen als solches mit der Theorie Einsteins zusammen in den sinnlosen Verdacht geriet, «undeutscher», d. h. jüdischer Art und so des Ersatzes durch eine «deutsche Physik» bedürftig zu sein. Das lief nun praktisch auf eine Zerstörung besonders des zuvor ganz besonders blühenden Göttinger Forschungszentrums hinaus und damit darauf, dass eine ganze Reihe teils damals schon prominenter, teils später prominent gewordener Physiker (unter ihnen z. B. James Franck und Oppenheimers späterer Gegenspieler Edward Teller) nach Amerika auszuwandern hatte7, das bis dahin von der Sache noch wenig berührt war, nun aber zu ihrem vornehmlichsten Nutznießer werden sollte.8 Ideologisch unbeliebt und darum zunächst kaum gefördert war die Kernphysik aber auch in der damaligen Sowjetunion: hier natürlich wegen ihres offenkundigen Konfliktes mit dem dort als höchstes Dogma gültigen klassischen Materialismus.9 Die Wendung zum Schlimmen konnte aus diesen seltsamen Gründen gerade von den beiden größten politischen Gefahrenpunkten her fürs erste nicht eintreten. Diese Hindernisse verloren aber ihre Macht, indem die Regierungen in Deutschland und in Russland sich, als es zum zweiten Weltkrieg kam, doch anders zu besinnen begannen. Aus jener «deutschen Physik» ist zwar nie etwas Ordentliches geworden, wohl aber konnten sich die in Deutschland zurückgebliebenen ernsthaften ­Vertreter dieser Wissenschaft – unter ihnen Männer wie Werner Heisenberg und C. Fr. von Weizsäcker – dem Anspruch der nationalsozialistischen Machthaber nicht einfach entziehen, sie mit der außergewöhnlichen Waffe zu beliefern, über deren Möglichkeit sich unterdessen doch dies und das herumgesprochen hatte. Sie stellten sich dieser Aufgabe in dem für viele deutsche Akademiker jener Zeit bezeichnenden Ge|674misch und Widerspruch eines anfänglichen 974 Optimismus und einem dann bald überhandnehmenden Abscheu dem Hitler-Regime gegenüber, und überdies im Bewusstsein der furchtbaren Konsequenzen, die es auf alle Fälle haben musste, wenn ihnen die Erfüllung dieser Aufgabe gelingen sollte, und der unentrinnbaren Verantwortlichkeit, die dann auch – und vielleicht zuerst – auf sie selbst fallen musste. Sie haben sich von Anfang an nur zögernd, innerlich widerstrebend (äußerlich übrigens auch durch allerlei Materialmangel und durch die überhandnehmenden alliierten Bombardierungen empfindlich gestört) an die Arbeit gemacht. So kam es, dass sie auch am Ende des Krieges noch fern davon waren, zu deren Ziel gekommen zu sein.10 Es haben aber umgekehrt die emigrierten Physiker – unwissend über die Haltung, die Situation und die Resultate ihrer Kollegen in Deutschland – die anfangs ziemlich misstrauischen und zurückhaltenden amerikanischen Politiker und Militärs aufs dringendste auf die den Alliierten von Seiten Hitlers drohende neue Gefahr und auf die Notwendigkeit, ihr in angemessener Weise zu begegnen, aufmerksam gemacht. Sie taten es mit dem Erfolg, dass die Konstruktion und Fabrikation der Atombombe in Amerika, nachdem der Widerstand einmal überwunden war, wie es scheint unter besonders maßgeblicher Anleitung von R. Oppenheimer mit dem dort üblichen Schwung und unter rücksichtslosestem Einsatz aller organisatorischen, finanziellen und technischen Mittel in großer Heimlichkeit in Angriff genommen11 – in unserer Sprache: dass die Verwirrung der guten Schöpfung Gottes mit dem Nichtigen zuerst dort vollendete, der übrigen Welt freilich noch verborgene Tatsache wurde: die Herstellung eines Kriegsinstrumentes, neben dessen Wirkung die aller bisherigen, auch die der im zweiten Weltkrieg eben verheerend genug in Anwendung gebrachten «gewöhnlichen» Bomben-Technik, weit in den Schatten treten sollte. |

Kriegführung in Form von Vernichtung und Ausrottung ganzer Städte und halber Länder war der Prospekt, der sich jetzt eröffnete und von da ab immer weiter auftun sollte. Noch einmal schien es dann, als ob es fürs Erste praktisch nicht zu solcher Kriegführung kommen sollte. Als die Amerikaner in Deutschland einmarschierten, hatten sie es eiliger als mit viel Anderem damit, an den geeigneten Orten Nachforschungen über den dortigen Stand der Erfindung einzuziehen, und erfuhren nachträglich, dass die Deutschen den inzwischen in Amerika gemachten Fortschritten von ferne nichts Entsprechendes an die Seite gesetzt hatten – dass man sich also in Amerika in dieser Hinsicht umsonst so gewaltig vor ihnen gefürchtet hatte.12 Auch umsonst so gewaltig und schließlich erfolgreich angestrengt? – das war die weitere Frage. |

675 Für eine Verwendung auf den europäischen Kriegsschauplätzen kam die Atombombe nach der deutschen Kapitulation von 1945 nicht mehr in Betracht. Aber noch hatte ja Japan nicht kapituliert, setzte vielmehr den von einer pazifischen Insel zur anderen nach Westen vorstoßenden Amerikanern13 einen erbitterten und für diese sehr verlustreichen Widerstand entgegen.14 Man weiß heute immerhin, dass es im Sommer jenes Jahres am äußersten Ende seiner Kraft war und geheime Verhandlungen mit dem Gegner bereits aufgenommen hatte. Es geschah also, was nun geschah, nicht bloß, wie man nachher gesagt hat, um noch schwerere amerikanische (man fügte dann der Humanität halber gelegentlich hinzu: auch japanische) Menschenopfer zu verhüten: 15-das hätte auch-15 durch eine geschicktere Diplomatie vermieden werden können.16 Es geschah vielmehr darum, weil Amerika Eile hatte, dem russischen Verbündeten in jener Weltgegend in eindrucksvoller Weise zuvor zu kommen – und doch offenbar auch nach dem bekannten Gesetz, dass alle militärische Rüstung Höhepunkte erreichen kann, über die hinaus in einem gewissen Automatismus die militärische Tat des Ernstfalls folgen muss. Der Beschluss war nicht, schien aber gewissen ausschlaggebenden Kreisen politisch-militärisch unvermeidlich, wurde gefasst und ausgeführt: vorerst eine oder zwei möglichst dicht bevöl|676kerte japanische Städte mit dem neuen Kriegsinstrument anzugreifen. Das Resultat waren die Massentötungen, Massenverletzungen, Massenvergiftungen, Massenzerstörungen, die in wenigen Minuten im August 1945 über Hiroshima und Nagasaki hereinbrachen. Unmittelbar nach dem Fall der zweiten Bombe kapitulierte Japan.17 Es gab nun keine Feinde mehr, also – so mochte man denken – auch keine weitere Verwendung für die neuen Waffen, also auch keine Notwendigkeit, solche fernerhin herzustellen, wohl gar zu vervollkommnen. Es kam aber noch einmal ganz anders. Leider gab es nun eben – wir fragen hier nicht nach den Gründen – doch einen neuen Feind: in Gestalt der eben noch mit Amerika und seinen Alliierten Seite an Seite kämpfenden Sowjetunion. Nur dass sich heimlich auch diese schon lange – und nach Hiroshima mit erhöhter Intensität – ebenfalls, und auch sie nicht erfolglos, um die Herstellung und den Besitz derselben neuen Waffe bemüht hatte. Und nur dass sie in dem nun anhebenden Nuklear-Rüstungswettlauf – anfangs Amerika gegenüber im Nachteil – mit der Zeit aufzuholen wusste.18 |

Amerika erfand und erprobte über die Atombombe hinaus ein Instrument von – im Verhältnis zu dem über Hiroshima eingesetzten – tausendfacher Wirkungskraft,19 die auch nur experimentierend zu entfesseln man anfangs ernste Bedenken hatte, aber auch zu überwinden wusste: die Wasserstoffbombe.20 Aber die Sowjetunion erfand und erprobte prompt auch diese.21 Wieder beide erfanden weiter (nicht ohne Nutzbarmachung einer deutschen Erbschaft 976 aus den letzten Kriegsmonaten22) – und hier war und ist Russland scheinbar im |677 Vorsprung – die fernreichende Rakete, mit deren Hilfe die Gegner eines künftigen Krieges sich (leider gegenseitig!) das Allerschlimmste, die Auslöschung halber Kontinente nun, androhen und eines Tages antun können.23 Russische Unterseeboote mit derselben Zweckbestimmung soll es übrigens auch schon geben.24 Wieder beide gehen ferner ernstlich mit dem Gedanken um, auch ihre beiderseitigen Verbündeten oder Vasallen – welche große oder kleine Armee möchte im Ernstfall ohne das bestehen können? – mit der neuen Waffe auszurüsten.25 Und wieder beide – seit 1953 unter Zuzug von England – dessen Experimente begannen passenderweise auf der «Weihnachtsinsel»26 – haben es |678 fertiggebracht, mit ihren bis jetzt über 150 Versuchsexplosionen besonders der Wasserstoffbombe große Teile der Erdatmosphäre in einem Maß mit Radioaktivität zu bereichern, auf dessen schon eingetretene und für die Zukunft von Generationen bestimmt zu erwartende Folgen alle Aufmerksamen und Unbefangenen unter den Biologen und Medizinern längst deutlich genug hingewiesen haben.27 Die Anzahl der auf beiden Seiten bereits hergestellten und vorläufig zu künftigem Gebrauch magazinierten Bomben soll nach vorsichtiger Schätzung rund 50 000 betragen – eine Zahl, von der ein Bruchteil genügen würde, allem Leben auf dieser schönen Erde, eventuell dieser Erde überhaupt, ein Ende zu machen: Alles zur notwendigen Verteidigung der westlichen Freiheit oder zu der des östlichen Sozialismus! |

Der Wissenschaft, mit deren stillen Bemühungen und Triumphen das Ganze einst so lieblich begonnen hatte, hat sich diese Geschichte längst entzogen: es wäre denn, man dächte an diejenigen ihrer Vertreter, die es aus Gründen ihrer politischen Ideologie oder um ihres Brotes oder Renommés willen für richtig und möglich halten, sich weiterhin mit der technischen Fortentwicklung jener Instrumente oder mit der propagandistischen Verharmlosung der Folgen ihres Gebrauchs28 zu beschäftigen. Der internationale Protest von über 9200 aufrechten Gelehrten aller Länder gegen alle jene Weiterungen,29 der Aufruf der 18 deutschen Physiker gegen die Atomaufrüstung in Westdeutschland,30 die Stimme des einsamen Warners Albert Schweitzer31 sollen nicht vergessen sein. Wer hat sie gehört oder, wenn gehört, ernst genommen? Wem ist durch diese ganze Entwicklung der Atem und die Lust zu weiterem Diskutieren von «Ermessensfragen» vergangen?32 Wer ist dafür zu gewinnen, sich – |679 nicht vor dem Atomtod, aber vor der Atomsünde33 mehr zu fürchten als vor den Russen? Der Fortschritt dem umfassendsten Mord, der dann gleich auch umfassendster Selbstmord sein wird, entgegen scheint unaufhaltsam. R. Oppenheimer, genannt «der Vater der Atombombe»,34 wurde, als er sich jenen |680 Weiterungen spät, aber schließlich doch, ebenfalls entgegenstellte, mit dem im Westen üblichen Verdacht östlicher Sympathien und Beziehungen in die Wüste ge977schickt.35 C. Fr. von Weizsäcker doziert heute nicht mehr Physik, sondern – Philosophie in Hamburg.36 Von einem immerhin auch möglichen «friedlichen Gebrauch der Atomenergie» («peaceful use of atomics») ist zwar immer wieder die Rede, und Pläne und Versuche in dieser Richtung sind tatsächlich im Gange, entsprechende Einrichtungen (sogenannte Atommeiler) da und dort bereits vorhanden.37 Aber wie ist diese – übrigens offenbar selbst nicht unproblematische – positive Möglichkeit überdeckt von der Verwirklichung der anderen, in der jene Energie nur eben – und in welch schlechthin fürchterlicher Form – in den Dienst des Nichtigen und der Vernichtung gestellt worden ist! Auch eine «Kettenreaktion»! möchte man angesichts dieser ganzen Geschichte sagen: die scheinbar unwiderstehliche Kettenreaktion der confusio hominum38.

Textkritische Fußnoten

-15
Tskr., nachträglich eingefügt: «Japans Kapitulation hätte danach»; da der Rest des Satzes von Barth nicht sinngemäß verändert wurde, wurde diese Einfügung von den Hrsg. rückgängig gemacht.↩

Sachfußnoten

1
KBA 25021 (CD-ROM, Text Nr. 15).↩
2
Zur Diskussion in der Schweiz vgl. A. Ernst / W. Lüthi / G. Wagner, Schweizerische Atombewaffnung?, Zollikon 1958 📖; E. Wildbolz, Atomwaffen für die Schweiz? (Polis, 1), Zollikon 1958 📖. Die Diskussion im deutschen Protestantismus spiegelt sich in KJ 84 (1957), S. 72–97 📖; 85 (1958), S. 17–74 📖; vgl. auch: Evangelische Stimmen zur Atomfrage, zusammengestellt im Auftrage der Kirchenkanzlei der Evangelischen Kirche in Deutschland von G. Niemeier, [Hannover] 1958. 📖 Barths Engagement zeigt sich vor allem in seinen «Offenen Briefen»; vgl. O.Br. 1945–1968, S. 389–392.398f.440–444. 📖↩
3
KD IV/3, S. 780–872 📖.↩
4
J. R. Oppenheimer, Wissenschaft und allgemeines Denken, übers. von H. Menien (Rowohlts deutsche Enzyklopädie, 6), Hamburg 1955, S. 37 📖: «Das, was wir unter Atomphysik verstehen, was wir die Quantentheorie der Atomsysteme nennen, hatte um die Jahrhundertwende seinen Anfang genommen und seine Krönung und Ausgestaltung während der zwanziger Jahre erfahren. Es war eine heroische Zeit.»↩
5
R. Jungk, Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher, Bern 1956, S. 18–36 📖. Im Wesentlichen fußt das, was Barth im hier wiedergegebenen Exkurs über die Geschichte der Atomforschung und ihrer Protagonisten ausführt, auf diesem Buch.↩
6
Vgl. KD IV/3, S. 799 📖: «Was ist die Weltgeschichte? Sie ist jedenfalls auch – auch in ihrer offenkundigen Verwirrung (in ihr freilich nur eben schrecklich!) fortgehende Geschichte der guten, durch keine confusio hominum zu zerstörenden Schöpfung Gottes: Geschichte der dem Menschen in dem ihn umgebenden Kosmos gemachten Angebote und des Menschen Vermögens, diese Angebote als solche zu verstehen und von ihnen Gebrauch zu machen.»↩
7
Vgl. Jungk (Anm. 5), S. 39–47 📖.↩
8
Vgl. a.a.O., S. 56.116–118 📖.↩
9
Vgl. a.a.O., S. 269 📖; A. Heinemann-Grüder, Die sowjetische Atombombe (Arbeitspapiere der Berghof-Stiftung für Konfliktforschung, 40), Berlin 1990, S. 2–11 📖, zu den ideologischen Differenzen vgl. dort, S. 5.↩
10
Vgl. Jungk (Anm. 5), S. 99–111.170f. 📖; G. L. Weinberg, Eine Welt in Waffen. Die globale Geschichte des Zweiten Weltkriegs, aus dem Amerikanischen übertragen von H. Dierlamm u. a., Stuttgart 1995, S. 609–611 📖.↩
11
Vgl. Jungk (Anm. 5), S. 88f.92–99.112–129 📖; Weinberg (Anm. 10), S. 611–614 📖.↩
12
Vgl. Jungk (Anm. 5), S. 162–176 📖; Weinberg (Anm. 10), S. 610f. 📖↩
13
Das sogenannte «Inselspringen» der amerikanischen Truppen und ihrer Verbündeten vollzog sich bis Sommer 1944 vornehmlich in westlicher Richtung; nach der Einnahme Saipans und Guams im Juli bzw. August 1944 rückten sie jedoch von dort aus auch nordwärts Richtung japanisches Festland vor.↩
14
Vgl. Jungk (Anm. 5), S. 211 📖. Bei den Landungen auf Iwo Jima im Februar/März und Okinawa von April bis Juni 1945, den letzten Operationen vor einem eigentlichen Hauptangriff auf das japanische Festland, hatten die amerikanischen und alliierten Truppen die bis dahin schwersten Verluste während des Krieges zu beklagen gehabt: insgesamt über 100 000 Tote und Verwundete; diese Zahlen wurden als Hinweis darauf gedeutet, dass «die Kämpfe immer härter wurden, je näher die Alliierten dem japanischen Mutterland kamen»; vgl. Weinberg (Anm. 10), S. 903–906.916–919, Zitat S. 919 📖↩
16
Vgl. Jungk (Anm. 5), S. 212 📖: «Die Übergabe Japans hätte nicht nur durch eine verschärfte Blockade, sondern, mit noch mehr Erfolgschancen, durch geschickte Diplomatie erreicht werden können.» Vgl. a.a.O., S. 211–214. Gerüchte über gewünschte Friedensverhandlungen nach der Kapitulation Deutschlands waren im Juni 1945 von der japanischen Regierung zurückgewiesen worden; nach dem Fall Okinawas war eine «Kapitulation in Tokio tatsächlich ein Diskussionsthema»; ein amerikanisches Ultimatum vom Juli 1945 – nach dem ersten Testabwurf einer Atombombe in New Mexico – wurde jedoch ebenfalls zurückgewiesen. Vgl. Weinberg (Anm. 10), S. 915f.923–926, Zitat S. 924 📖.↩
17
Am 6. August wurde die Atombombe auf Hiroshima und am 9. August auf Nagasaki abgeworfen; unmittelbar danach, am 10. August, war bei einem Patt in einer einberufenen Kaiserlichen Konferenz die Stimme Kaiser Hirohitos ausschlaggebend dafür, dass die Bedingungen des Potsdamer Abkommens akzeptiert wurden und – nach weiteren, tagelangen Diskussionen – die Kapitulation am 15. August bekanntgemacht wurde; die formelle Zeremonie auf dem Schlachtschiff USS «Missouri» erfolgte am 2. September 1945. Vgl. Weinberg (Anm. 10), S. 928–931 📖.↩
18
Vgl. Jungk (Anm. 5), S. 266–271 📖. Der Sowjetunion gelang der erste Atombombentest im August 1949.↩
19
Vgl. a.a.O., S. 272 📖.↩
20
Vgl. a.a.O., S. 290–311 📖. Der erste Wasserstoffbombentest fand in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 1952 auf der kleinen, zur Gruppe der Marshall-Inseln gehörenden Insel Elugelab statt, von der nach der Explosion nichts mehr zu sehen war.↩
21
Vgl. a.a.O., S. 312f 📖.; die Detonation der ersten sowjetischen Wasserstoffbombe erfolgte bereits im August 1953, also nicht einmal ein Jahr nach dem amerikanischen Test.↩
22
Vgl. Jungk (Anm. 5), S. 251 📖. Gemeint sind die in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs eingesetzten Raketen, die sich vornehmlich gegen Ziele in England, später auch Belgien und den Niederlanden richteten. Untrennbar mit der Entwicklung dieser Waffen in Peenemünde (Usedom) verbunden ist der Name des späteren Leiters des amerikanischen Raketen- und Weltraumprogramms, Wernher von Braun. Aber auch die Sowjetunion wusste sich 1945 die Dienste deutscher Raketeningenieure zur Entwicklung eigener solcher Waffen zu sichern.↩
23
Vor allem aus Kostengründen hatte sich die Sowjetunion vornehmlich der Aufrüstung im Bereich der Raketentechnik verschrieben, jedoch blieb sie damit im militärischen Bereich technisch durch die 1950er Jahre hindurch hinter den USA zurück (vgl. B. Stöver, Der Kalte Krieg 1947–1991. Geschichte eines radikalen Zeitalters, München 2007, S. 154f. 📖). Unabhängig von der tatsächlich damit gegebenen Bedrohung löste jedoch der erfolgreiche Start des «Sputnik 1»-Satelliten am 4. Oktober 1957 in der westlichen Welt und besonders in den USA einen Schock aus (vgl. a.a.O., S. 155). Auf diesen erfolgreichen Satellitenstart und die deutlich spürbare Verunsicherung im Westen dürfte auch Barths Bemerkung über den scheinbaren Vorsprung Russlands zurückzuführen sein.↩
24
Bereits 1947 hatten die Amerikaner erstmals eine Rakete von einem U-Boot gestartet, 1955 war dies auch der Sowjetunion gelungen; vgl. a.a.O., S. 149 📖.↩
25
Im Zuge einer Überarbeitung der Militärdoktrin zur Verteidigung Westeuropas und um trotz der angestrebten Reduzierung der eigenen Streitkräfte dort eine glaubwürdige Abschreckung aufrechtzuerhalten, begannen die US-Streitkräfte Mitte der 1950er Jahre, sogenannte «taktische» Atomwaffen in den NATO-Mitgliedsstaaten zu stationieren, die allerdings weiter nur ihrer eigenen Verfügungsgewalt unterstanden. Besonders die bundesrepublikanische Regierung unter Kanzler Konrad Adenauer und Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß war aus eigenem sicherheitspolitischen Kalkül heraus zeitweilig sehr daran interessiert, dass auch die neue Bundeswehr selbst mit Atomwaffen ausgerüstet werde und Verfügungsgewalt darüber bekomme; vgl. A. Schweitzer, Zweiter Appell. Die Gefahr eines Atomkriegs, in: ders., Friede oder Atomkrieg, München 1958, S. 21–34, dort S. 28f.32f. 📖 (zu dieser Broschüre vgl. unten, Anm. 31); vgl. auch T. Judt, Die Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg, aus dem Engl. von M. Fienborg / H. Kober, München / Wien 2006, S. 282–284 📖; M. Görtemaker, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart, München 1999, S. 343–347. 📖↩
26
Seine erste Atombombe ließ Großbritannien bereits am 3. Oktober 1952 vor Trimouille-Island, zu den Montebello-Inseln nordwestlich von Australien gehörend, detonieren; vor der Weihnachtsinsel (heute: Kiribati) im Pazifik erfolgte am 8. November 1957 der erste britische Wasserstoffbombentest; vgl. Stöver (Anm. 23), S. 156 📖.↩
27
Vgl. Jungk (Anm. 5), S. 317–319 📖; A. Schweitzer, Erster Appell. Verzicht auf Versuchsexplosionen, in: ders., Friede (Anm. 25), S. 7–19. 📖↩
28
Beispiele bei Schweitzer, Erster Appell (Anm. 27), S. 10–13 📖.↩
29
Gemeint ist die im Januar 1958 von Linus Pauling (1901–1994; 1954 mit dem Nobelpreis für Chemie und 1963 für seinen Einsatz gegen weitere Atomwaffentests mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet) dem UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld überreichte Petition, die im Namen von 9235 Wissenschaftlern aus aller Welt ein internationales Abkommen zur Beendigung weiterer Tests verlangte. Vgl. a.a.O., S. 16 📖; W. Kraushaar, Die Protest-Chronik 1949–1959. Eine illustrierte Geschichte von Bewegung, Widerstand und Utopie, Bd. III: 1957–1959, Hamburg 1996, S. 1773. 📖↩
30
Abdruck: Evangelische Stimmen (Anm. 2), S. 105f.; KJ 84 (1957), S. 85f. 📖↩
31
Drei Ende April 1958 zuerst über Radio Oslo verbreitete «Appelle» Schweitzers erschienen gesammelt in: Schweitzer, Friede (Anm. 25) 📖.↩
32
Anspielung auf die westdeutschen Debatten um Westintegration, Wiederbewaffnung und den politischen Auftrag der Kirche, die in den 1950er Jahren die Evangelische Kirche in Deutschland mehrfach an den Rand einer Spaltung brachten. Gegen die aus dem linken Spektrum des deutschen Protestantismus, besonders aus den Kreisen um die Kirchlichen Bruderschaften erhobenen Forderungen nach eindeutiger Positionierung der EKD (bis hin zum Ausrufen des status confessionis) insbesondere gegen die Wiederbewaffnung führten vor allem konservativ-lutherische Theologen die Unterscheidung von «Glaubensfragen und Ermessensfragen» an. Vgl. etwa KJ 82 (1955), S. 7 📖: «Nur die Kernfrage […] sei nochmals berührt: daß die Kirche, wenn sie sich als Gesamtheit äußert, zwischen den Weisungen ihrer Botschaft und zwischen sachlichen Ermessensfragen unterscheiden muß. In der Botschaft von Jesus Christus sind alle Glieder der Gemeinde gemeinsam angesprochen; […] In den sachlichen Ermessensfragen dagegen entscheiden sie unterschiedlich […]. Die gleiche Schwärmerei liegt vor, wenn man die in Christus gegebene Einheit der Gemeinde auch in einer Einheit jener sachlichen Entscheidungen manifestiert sehen will, welche die Christen als Einzelne zu fällen haben. Dann kann es, ja dann muß es zur Häresie werden, wenn eine Gruppe von Christen etwa die sachliche Entscheidungsfrage ‹Wiederbewaffnung› in einem anderen Sinn beantwortet, als irgendwelche kirchlichen Gremien es gefordert haben.» (Helmut Thielicke). Vgl. auch JK 17 (1956), S. 520f. 📖: «Auch in der Demokratie übt die Staatsregierung ein stellvertretendes Amt. Es trägt nicht jeder Staatsbürger die gleiche Verantwortung. Es ist nicht der einzelne Wähler die Obrigkeit. Dieser Tatbestand ist von unendlichem Gewicht für die Wehrdienstfrage. […] Daraus geht hervor, daß streng zu unterscheiden ist zwischen Glaubensfragen und Ermessensfragen. Beide sind sie natürlich Gewissensfragen. Aber während man in Glaubensfragen im Namen Gottes, des Vaters unsers Herrn Jesu Christi reden kann und muss, […], ist das bei Ermessensfragen anders. Hier geht es um Einschätzung der jeweiligen Situation und um die Wahl der besten Mittel, ihr zu begegnen.» (Walter Künneth).↩
33
Vgl. KD IV/3, S. 802 📖: «Das allgemeine Grauen vor dem unverkennbar anklopfenden Atomtod ist Eines und genügt offenbar nicht, diesen Kreislauf aufzuhalten. Etwas Anderes wäre die Erkenntnis der confusio hominum als solcher, in diesem Fall: die Erkenntnis der Atomsünde.»↩
34
Vgl. Jungk (Anm. 5), S. 237 📖: «Robert Oppenheimer […], bisher nur einem kleinen Kreis von wissenschaftlichen Kollegen und einigen wenigen Politikern bekannt, war nun plötzlich Gegenstand der Massenbewunderung. Als angeblicher ‹Vater der Atombombe› – eine allzu vereinfachende Bezeichnung, die er selbst stets ablehnte – wurde der Gelehrte gefeiert wie ein siegreicher Feldherr.»↩
35
Vgl. a.a.O., S. 324–339 📖.↩
36
Carl Friedrich von Weizsäcker, der sich schon seit 1945 aufgrund seiner eigenen Verstrickung in das deutsche Atomwaffenprogramm stärker mit verantwortungsethischen Fragen beschäftigt und politisch engagiert hatte – er war einer der Initiatoren des Aufrufs der 18 deutschen Physiker (s. oben, Anm. 30) – übernahm 1957 einen Lehrstuhl für Philosophie in Hamburg.↩
37
Erste Kernkraftwerke waren in der Sowjetunion 1954, in Großbritannien 1955 und in den USA 1957 in Betrieb genommen worden, in Deutschland im Oktober 1957 der Forschungsreaktor in Garching bei München.↩
38
«Hominum confusione et Dei providentia (Helvetia regitur)» – zu dieser von Barth gern benutzten Wendung vgl. KD IV/3, S. 794–802 📖 (in der Vorlesung wohl diesem Exkurs unmittelbar vorangehend); vgl. auch – mit weiteren Belegen – V.u.kl.A. 1930–1933, S. 301, Anm. 81 📖.↩