Zur Veranschaulichung des nun über das Verhältnis von Schöpfung und Sünde in der Weltgeschichte Gesagten ein uns – die ganze Menschheit und damit wahrhaftig auch die christliche Gemeinde – heute sehr direkt angehendes Beispiel: die Geschichte der modernen Physik in ihrer Entwicklung von der Kernforschung zur Erfindung der Kernwaffen – hier natürlich nur in einigen Andeutungen zu erzählen,
und ebenso natürlich unter Vorbehalt der Grenzen des Laien hinsichtlich der Fasslichkeit der
zu berührenden Vorgänge. |
Der Anfang dieser Geschichte fällt in die Zeit unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg. Es ging um die neu aufgeworfene Frage der
Teilbarkeit dessen, was mit der Wissenschaft der ganzen bekannten Ver972gangenheit auch noch die des 19. Jahrhunderts für unteilbar gehalten hatte: der
kleinsten Einheit der bis dahin so genannten «Materie». Vor allem in Cambridge, in Kopenhagen, in
Göttingen, nicht von einem einzelnen Gelehrten,
sondern von einer ganzen, |672 nur lose verbundenen, aber eifrig
korrespondierenden und zusammenarbeitenden Gruppe von solchen, wurde jene Frage theoretisch
und experimentell gestellt und immer wieder gestellt: mit dem auf vielen Wegen und Umwegen
übereinstimmend erzielten Ergebnis: dass sich das vermeintlich Unspaltbare als spaltbar erwies. Ein neues Weltbild
– durch Albert Einsteins
Relativitätstheorie schon vorbereitet – begann sich
auch unter diesem Gesichtspunkt abzuzeichnen. Aber auch eine neue, bisher unbekannte Art und
Ordnung von Energien, bei jenen Spaltungsversuchen entfesselt, begann –
alle bisher bekannten quantitativ und qualitativ weit hinter sich lassend – in den
Gesichtskreis und in den Verfügungsbereich des Menschen zu treten. Es müssen für die führenden
Männer und besonders für ihre Schüler und Studenten, die der Sache damals mit ihnen in allen
Richtungen nachgingen, in ihrer Art begeisternde Jahre gewesen sein – die «heroische Zeit»
dieses Zweiges der modernen Physik, wie ein damals junger, in
Göttingen studierender Amerikaner namens Robert Oppenheimer sie später
genannt hat,4
«die schönen Jahre», wie Robert
Jungk das einschlägige Kapitel seines Buches «Heller als tausend Sonnen»
(1956) überschrieb.5 Es war nicht nur ein weiterer, sondern ein in
seiner Eigenartigkeit fast exemplarischer, man möchte sagen: ein Schulfall dessen, was wir
hier als das Zusammentreffen eines wunderbaren kosmischen Angebots mit einem ebenso wunderbar
entwickelten menschlichen Vermögen, auf solche Angebote einzutreten, und so theologisch als
Inbegriff der «guten Schöpfung Gottes»
bezeichnet haben.6 Noch meldete sich
deren Kombination mit dem Nichtigen erst als ferne
Möglichkeit an: in der bei diesem und jenem Forscher gelegentlich aufsteigenden Sorge, es
könnten jene neu entdeckten und in den Laboratorien bereits entfesselten und sichtbaren
Energien, einmal praktisch eingesetzt und verwendet, nicht nur in den Dienst von friedlichen,
sondern auch in den von sehr unfriedlichen Zwecken gestellt werden. Aber die |673 großen und kleinen Heroen jener heroischen Zeit waren zunächst mit der Sache, den
Vorgängen selbst, zu beschäftigt, um sich die 973 Frage nach dem Zweck und
Ziel ihrer Forschung überhaupt mehr als beiläufig zu stellen. Ob es sich bei dieser um die
möglichen Folgen unbekümmerten Forschung um des Forschens willen nun nicht doch schon um eine
Unstimmigkeit handelte, die jedenfalls vor einer nachträglichen
Idealisierung schon jener Anfänge – als hätten sie in einer Art paradiesischer Unschuld
stattgefunden – warnen müsste? |
Wie dem auch sei: die praktische Auswertung der gemachten Entdeckung schien zunächst als
solche noch in weiter Ferne zu liegen. Und dann kam es zunächst zu einem wenn auch kurzen Aufhalten einer unheilvollen Entwicklung gerade von der Seite, von der her
sie nachher folgenschwer genug in Bewegung gesetzt wurde: von der Politik her. In Deutschland brach das Dritte Reich aus, was für die Kernphysik zunächst die wunderliche Folge hatte, dass ihr Unternehmen als solches mit
der Theorie Einsteins zusammen in den sinnlosen
Verdacht geriet, «undeutscher», d. h. jüdischer Art und so des Ersatzes durch eine «deutsche
Physik» bedürftig zu sein. Das lief nun praktisch auf
eine Zerstörung besonders des zuvor ganz besonders blühenden Göttinger Forschungszentrums hinaus und damit
darauf, dass eine ganze Reihe teils damals schon prominenter, teils später prominent
gewordener Physiker (unter ihnen z. B. James Franck und Oppenheimers späterer Gegenspieler Edward Teller) nach Amerika auszuwandern hatte7, das bis dahin von der Sache noch wenig berührt war, nun aber zu
ihrem vornehmlichsten Nutznießer werden sollte.8 Ideologisch unbeliebt und
darum zunächst kaum gefördert war die Kernphysik aber
auch in der damaligen Sowjetunion: hier
natürlich wegen ihres offenkundigen Konfliktes mit dem dort als höchstes Dogma gültigen
klassischen Materialismus.9 Die
Wendung zum Schlimmen konnte aus diesen seltsamen Gründen gerade von den beiden größten
politischen Gefahrenpunkten her fürs erste nicht eintreten. Diese Hindernisse verloren aber
ihre Macht, indem die Regierungen in Deutschland
und in Russland sich, als es zum zweiten Weltkrieg kam, doch anders zu besinnen begannen. Aus jener
«deutschen Physik» ist zwar nie etwas Ordentliches
geworden, wohl aber konnten sich die in Deutschland zurückgebliebenen ernsthaften Vertreter dieser Wissenschaft – unter
ihnen Männer wie Werner
Heisenberg und C. Fr. von
Weizsäcker – dem Anspruch der nationalsozialistischen Machthaber nicht einfach entziehen, sie mit der
außergewöhnlichen Waffe zu beliefern, über deren
Möglichkeit sich unterdessen doch dies und das herumgesprochen hatte. Sie stellten sich dieser
Aufgabe in dem für viele deutsche Akademiker jener Zeit bezeichnenden Ge|674misch und Widerspruch eines anfänglichen 974 Optimismus
und einem dann bald überhandnehmenden Abscheu dem Hitler-Regime gegenüber, und überdies im Bewusstsein der furchtbaren
Konsequenzen, die es auf alle Fälle haben musste, wenn ihnen die Erfüllung dieser Aufgabe
gelingen sollte, und der unentrinnbaren Verantwortlichkeit, die dann auch – und vielleicht
zuerst – auf sie selbst fallen musste. Sie haben sich von Anfang an nur zögernd, innerlich
widerstrebend (äußerlich übrigens auch durch allerlei Materialmangel und durch die
überhandnehmenden alliierten Bombardierungen empfindlich gestört) an die Arbeit gemacht. So
kam es, dass sie auch am Ende des Krieges noch fern
davon waren, zu deren Ziel gekommen zu sein.10
Es haben aber umgekehrt die emigrierten Physiker – unwissend über die Haltung, die Situation
und die Resultate ihrer Kollegen in Deutschland –
die anfangs ziemlich misstrauischen und zurückhaltenden amerikanischen
Politiker und Militärs aufs dringendste auf die den Alliierten von Seiten Hitlers drohende neue Gefahr und auf die Notwendigkeit, ihr
in angemessener Weise zu begegnen, aufmerksam gemacht. Sie taten es mit dem Erfolg, dass die
Konstruktion und Fabrikation der Atombombe in Amerika, nachdem der Widerstand einmal überwunden
war, wie es scheint unter besonders maßgeblicher Anleitung von R. Oppenheimer mit dem dort üblichen Schwung und
unter rücksichtslosestem Einsatz aller organisatorischen, finanziellen und technischen Mittel
in großer Heimlichkeit in Angriff genommen11 – in unserer Sprache: dass die Verwirrung der guten Schöpfung Gottes mit dem Nichtigen zuerst dort vollendete, der übrigen Welt freilich
noch verborgene Tatsache wurde: die Herstellung eines Kriegsinstrumentes, neben dessen Wirkung
die aller bisherigen, auch die der im zweiten Weltkrieg
eben verheerend genug in Anwendung gebrachten «gewöhnlichen» Bomben-Technik, weit in den
Schatten treten sollte. |
Kriegführung in Form von Vernichtung und Ausrottung ganzer Städte und halber Länder war der
Prospekt, der sich jetzt eröffnete und von da ab immer weiter auftun sollte. Noch einmal
schien es dann, als ob es fürs Erste praktisch nicht zu solcher
Kriegführung kommen sollte. Als die Amerikaner in Deutschland einmarschierten, hatten sie es eiliger als mit viel Anderem damit,
an den geeigneten Orten Nachforschungen über den dortigen Stand der Erfindung einzuziehen, und
erfuhren nachträglich, dass die Deutschen den inzwischen in Amerika gemachten Fortschritten
von ferne nichts Entsprechendes an die Seite gesetzt hatten – dass man sich also in Amerika in
dieser Hinsicht umsonst so gewaltig vor ihnen gefürchtet hatte.12 Auch umsonst so gewaltig und schließlich erfolgreich angestrengt? –
das war die weitere Frage. |
675 Für eine Verwendung auf den europäischen Kriegsschauplätzen kam die Atombombe nach der deutschen Kapitulation von 1945 nicht mehr in Betracht. Aber noch hatte ja Japan nicht kapituliert, setzte
vielmehr den von einer pazifischen Insel zur anderen nach Westen vorstoßenden Amerikanern13
einen erbitterten und für diese sehr verlustreichen Widerstand entgegen.14
Man weiß heute immerhin, dass es im Sommer jenes Jahres am äußersten Ende seiner Kraft war und
geheime Verhandlungen mit dem Gegner bereits aufgenommen hatte. Es geschah also, was nun
geschah, nicht bloß, wie man nachher gesagt hat, um noch schwerere amerikanische (man fügte
dann der Humanität halber gelegentlich hinzu: auch
japanische) Menschenopfer zu verhüten: 15-das hätte auch-15 durch eine
geschicktere Diplomatie vermieden werden können.16 Es geschah vielmehr darum, weil
Amerika Eile hatte, dem russischen
Verbündeten in jener Weltgegend in eindrucksvoller Weise zuvor zu kommen – und doch offenbar
auch nach dem bekannten Gesetz, dass alle militärische Rüstung Höhepunkte erreichen kann, über
die hinaus in einem gewissen Automatismus die militärische Tat des Ernstfalls folgen muss. Der Beschluss war nicht, schien aber gewissen ausschlaggebenden Kreisen politisch-militärisch unvermeidlich,
wurde gefasst und ausgeführt: vorerst eine oder zwei möglichst dicht bevöl|676kerte japanische Städte mit dem neuen Kriegsinstrument anzugreifen. Das
Resultat waren die Massentötungen, Massenverletzungen, Massenvergiftungen, Massenzerstörungen,
die in wenigen Minuten im August 1945 über Hiroshima und Nagasaki hereinbrachen. Unmittelbar nach dem Fall der zweiten Bombe kapitulierte Japan.17 Es gab nun keine Feinde mehr, also – so mochte man denken – auch
keine weitere Verwendung für die neuen Waffen, also auch keine Notwendigkeit, solche fernerhin
herzustellen, wohl gar zu vervollkommnen. Es kam aber noch einmal ganz anders. Leider gab es
nun eben – wir fragen hier nicht nach den Gründen – doch einen neuen
Feind: in Gestalt der eben noch mit Amerika
und seinen Alliierten Seite an Seite kämpfenden Sowjetunion.
Nur dass sich heimlich auch diese schon lange – und nach Hiroshima mit erhöhter Intensität –
ebenfalls, und auch sie nicht erfolglos, um die Herstellung und den Besitz derselben neuen
Waffe bemüht hatte. Und nur dass sie in dem nun anhebenden Nuklear-Rüstungswettlauf – anfangs Amerika gegenüber
im Nachteil – mit der Zeit aufzuholen wusste.18 |
Amerika erfand und erprobte über die Atombombe hinaus
ein Instrument von – im Verhältnis zu dem über Hiroshima
eingesetzten – tausendfacher Wirkungskraft,19 die auch nur experimentierend zu
entfesseln man anfangs ernste Bedenken hatte, aber auch zu überwinden wusste: die Wasserstoffbombe.20 Aber die Sowjetunion erfand und erprobte prompt auch diese.21 Wieder beide erfanden weiter (nicht ohne
Nutzbarmachung einer deutschen Erbschaft 976 aus den letzten Kriegsmonaten22) – und hier war
und ist Russland scheinbar im |677 Vorsprung – die fernreichende Rakete, mit deren Hilfe
die Gegner eines künftigen Krieges sich (leider gegenseitig!) das Allerschlimmste, die
Auslöschung halber Kontinente nun, androhen und eines Tages antun können.23 Russische Unterseeboote mit derselben Zweckbestimmung soll es übrigens auch
schon geben.24 Wieder beide gehen ferner ernstlich mit dem Gedanken um, auch ihre
beiderseitigen Verbündeten oder Vasallen – welche große oder kleine Armee möchte im Ernstfall
ohne das bestehen können? – mit der neuen Waffe
auszurüsten.25 Und wieder beide – seit
1953 unter Zuzug von England – dessen Experimente
begannen passenderweise auf der «Weihnachtsinsel»26 – haben es |678 fertiggebracht, mit ihren bis
jetzt über 150 Versuchsexplosionen besonders der Wasserstoffbombe große Teile der Erdatmosphäre in
einem Maß mit Radioaktivität zu bereichern, auf dessen schon
eingetretene und für die Zukunft von Generationen bestimmt zu erwartende Folgen alle
Aufmerksamen und Unbefangenen unter den Biologen und Medizinern längst deutlich genug
hingewiesen haben.27 Die Anzahl der auf beiden Seiten bereits hergestellten und vorläufig
zu künftigem Gebrauch magazinierten Bomben soll nach vorsichtiger Schätzung rund 50 000
betragen – eine Zahl, von der ein Bruchteil genügen würde, allem Leben auf dieser schönen
Erde, eventuell dieser Erde überhaupt, ein Ende zu machen: Alles zur notwendigen Verteidigung
der westlichen Freiheit oder zu der des östlichen Sozialismus! |
Der Wissenschaft, mit deren stillen Bemühungen und
Triumphen das Ganze einst so lieblich begonnen hatte, hat sich diese Geschichte längst
entzogen: es wäre denn, man dächte an diejenigen ihrer Vertreter, die es aus Gründen ihrer
politischen Ideologie oder um ihres Brotes oder Renommés willen für richtig und möglich
halten, sich weiterhin mit der technischen Fortentwicklung jener Instrumente oder mit der
propagandistischen Verharmlosung der Folgen ihres Gebrauchs28 zu beschäftigen. Der internationale Protest von über 9200 aufrechten
Gelehrten aller Länder gegen alle jene Weiterungen,29 der Aufruf der 18
deutschen Physiker gegen die Atomaufrüstung in Westdeutschland,30 die Stimme des einsamen Warners Albert Schweitzer31 sollen nicht vergessen sein. Wer hat sie
gehört oder, wenn gehört, ernst genommen? Wem ist durch diese ganze Entwicklung der Atem und
die Lust zu weiterem Diskutieren von «Ermessensfragen» vergangen?32 Wer ist dafür zu
gewinnen, sich – |679 nicht vor dem Atomtod, aber vor der Atomsünde33 mehr zu fürchten als vor den Russen?
Der Fortschritt dem umfassendsten Mord, der dann gleich auch umfassendster Selbstmord sein
wird, entgegen scheint unaufhaltsam. R.
Oppenheimer, genannt «der Vater der Atombombe»,34 wurde, als er sich jenen |680 Weiterungen spät, aber
schließlich doch, ebenfalls entgegenstellte, mit dem im Westen üblichen Verdacht östlicher
Sympathien und Beziehungen in die Wüste ge977schickt.35
C. Fr. von Weizsäcker
doziert heute nicht mehr Physik, sondern – Philosophie in Hamburg.36 Von einem immerhin auch möglichen
«friedlichen Gebrauch der Atomenergie» («peaceful use
of atomics») ist zwar immer wieder die Rede, und Pläne und Versuche in dieser Richtung sind
tatsächlich im Gange, entsprechende Einrichtungen (sogenannte Atommeiler) da und dort bereits vorhanden.37
Aber wie ist diese – übrigens offenbar selbst nicht unproblematische – positive Möglichkeit
überdeckt von der Verwirklichung der anderen, in der jene Energie nur eben – und in welch
schlechthin fürchterlicher Form – in den Dienst des Nichtigen und der Vernichtung gestellt worden ist! Auch eine «Kettenreaktion»! möchte
man angesichts dieser ganzen Geschichte sagen: die scheinbar unwiderstehliche Kettenreaktion
der confusio hominum38.