der Gemeinde in der Welt. Wir werden auf die Frage nach dem Sinn dieses (großen? kleinen?) Intervalls
noch zurückkommen müssen. Wir fragen zunächst: wie verhalten sich jene erste und diese letzte
Zeit Jesu Christi zueinander?
Die Antwort wird am einsichtigsten, wenn wir davon ausgehen, dass sie in ihrer ganzen
Ungleichartigkeit zusammengehören, dass sie eigentlich ein einziges – nur eben durch das Intervall jener Zwischenzeit unterbrochenes
– Geschehen bilden, innerhalb dessen sie sich nur wie Anfang und Ziel unterscheiden. Die Parusie des Menschensohns wird darum schon in den Jesus-Logien der
synoptischen Evangelien als ein nahes und als ein fernes Ereignis
angezeigt: nahe, indem sie in der in der nächsten Zeit bevorstehenden
Auferweckung12 Jesu Christi von
den Toten
anheben – fern, indem sie sich erst am Ende der
Zeit der Gemeinde und der Welt vollenden und zugleich das Ziel und das Ende der Zeit überhaupt bilden wird. Wenn man sich das klar macht, so sieht man, dass die
Klage über das angebliche «Ausbleiben» der Parusie13 und der von daher gegen den ganzen neutestamentlichen Zeit|655begriff, ja gegen das ganze neutestamentliche Zeugnis als solches erhobene Einwand
gegenstandslos ist. Schon der zuvor ans Kreuz Geschlagene, dann aber von den Toten Auferweckte ist eben der «wiederkommende» Jesus
Christus. Und so ist der «Wiederkommende» kein Anderer als der zuvor ans Kreuz Geschlagene,
dann aber von den Toten Auferweckte.
Schon am Ostermorgen hebt also die Zeit an, die das
Neue Testament die letzte oder die Endzeit nennt – innerhalb derer die Zeit der Gemeinde in der Welt, die Zeit der
ganzen Kirchen- und Weltgeschichte post Christum nur eine Episode bildet! –, deren letzte Phase die Zeit
der Wiederkunft Christi, der Auferstehung aller Toten und des Gerichtes
sein wird. Das gemeinsame Merkmal dieser ganzen, in sich zusammengehörigen Endzeit besteht
darin, dass die in ihr lebende Menschheit – die Gemeinde ist ja nur der Ort, wo das erkannt und von wo aus das
der Welt verkündigt wird – 322 das Haupt
und den Herrn bekommen hat, hat und haben wird, auf dessen Heilandswerk und Herrschaft hin sie von ihrer Erschaffung, ja von ihrer ewigen Erwählung her bestimmt war, die aber ihren früheren
Geschlechtern (weil er ihnen zwar verheißen, aber in der Geschichte noch nicht erschienen war,
sein Werk noch nicht getan, seine Herrschaft noch nicht angetreten hatte, – bis das Alles
geschehen war) auch noch nicht bekannt sein, auch nicht bekannt gemacht werden konnte. Die
Endzeit ist die Zeit, in der der Menschheit der Grund, auf dem und
aus dem sie immer lebte, bekannt sein und bekannt gemacht werden kann: weil und indem das Wort
Fleisch geworden [vgl. Joh. 1,14], in
der Geschichte gesprochen, der Sohn Gottes im Fleisch für die Menschen gestorben, aber auch von den Toten auferweckt worden ist. Diese Endzeit beginnt mit dem
Tode Jesu Christi, genauer gesagt: mit dem allem
menschlichen Werk überlegenen und zuvorkommenden Gna|656denwerk der göttlichen Anerkennung und
Proklamation der Gültigkeit der in Jesu Christi Tod geschehenen Versöhnung der Welt mit Gott, vollzogen in der
Auferweckung Jesu Christi von den Toten und also
am Ostermorgen, den Jüngern offenbar in dessen Erscheinung in den 40 Tagen. Wieder
um eine Erscheinung desselben auferstandenen Jesus Christus wird es auch am Ziel dieser Endzeit gehen, wieder um die göttliche
Anerkennung und Proklamation der in ihm geschehenen Versöhnung und in dieser wieder um ein allem menschlichen Werk
überlegenes und zuvorkommendes Gnadenwerk.
Es wird aber – wir heben zunächst nur dieses Ungleichartige in der Gleichartigkeit hervor –
um die Erscheinung desselben auferstandenen Jesus in der Zeit eines einzigen
Augenblicks [vgl. 1.Kor. 15,52] gehen, in welchem zugleich alle Zeit mit allen ihren Inhalten zu ihrem
Ende kommen und das Sein aller Inhalte aller Zeiten in
der reinen Ewigkeit Gottes seinen Anfang nehmen wird. Es
wird in dieser seiner Erscheinung um dieselbe göttliche Anerkennung und Proklamation gehen,
nun aber als letztes Wort Gottes über die mit ihm versöhnte und als erstes Wort Gottes über
die durch dieses Ge323schehen erneuerte, verwandelte,
verherrlichte und als solche nicht mehr in der Zeit,
sondern in seiner reinen Ewigkeit mit ihm koexistierende
kommende Welt. Und es wird in dieser seiner Erscheinung und
also in dieser Anerkennung und Proklamation der in ihm geschehenen Versöhnung um deren Offenbarung in der ganzen und für die ganze Menschheit und Welt gehen. Die Gleichartigkeit in dieser Ungleichartigkeit ist
doch nicht zu verkennen. Das eine Urteil Gottes beginnt hier laut zu werden, um dort (im «jüngsten Gericht»!) in seiner ganzen Tragweite zu Ende gesprochen zu
werden. Der eine gute Same wird hier ausgestreut, um dort als Ernte
eingebracht zu werden [vgl. Mt. 13,24–30]. Die eine Selbstkundgebung Gottes, die eine Aktion seiner freien Liebe und
Gnade ist hier ein einzelnes Ereignis in der Welt, dort
aber das alle anderen abschließende und zugleich erleuchtende und richtende, ihren ewigen Sinn
im Verhältnis zum Willen Gottes enthüllende Weltereignis. Man kann Ostern ebensowohl die kleine, weil anhebende Wiederkunft, wie die Wiederkunft das große, weil vollendende Ostern nennen.
Das je Eigenartige dieser beiden Zeiten in ihrer Beziehung zueinander
ergibt sich gerade aus dieser ihrer inneren Zusammengehörig|657keit. Man kann ihren Unterschied unter drei
Gesichtspunkten erfassen.
Einmal unter dem des schon berührten Unterschiedes des Vorläufigen und des Endgültigen. Die Osterzeit ist mit ihrem ganzen unbegreiflichen Inhalt und in
ihrer ganzen Kürze immerhin eine Zeit inmitten vorangehender und
nachfolgender Zeiten.
Es hat seinen Sinn, wenn es Act. 1,3
heißt, dass Jesus sich den Aposteln «nach seinen Leiden
durch viele Beweise (τεκμήρια) während 40 Tagen erzeigt
(ὀπτανόμενος) und zu ihnen vom Reiche Gottes geredet»
habe. Diese 40 Tage sind offenbar nicht nur denen der Versuchung in der Wüste (Lk. 4,1) in sachlich bedeutsamem Kontrast (als Tage der Herrlichkeit gegenüber den Tagen der Anfechtung)
gegenübergestellt, sondern sie haben auch ihre formale Bedeutsamkeit: indem sie 324 diese Ereignisse als in der Zeit geschehen charakterisieren. Die Apostel befanden sich als Zeugen der Erscheinung des Auferstandenen, obwohl und indem sie für sie
bereits die Anzeige des Reiches Gottes in seiner ganzen
Herrlichkeit, des neuen Himmels und der neuen Erde [vgl. 2.Petr. 3,13 u. ö.] bedeutete, noch in der
Zeit, in der noch dauernden
Folge von Tagen und Nächten, Nächten und Tagen.
Der Inhalt dieser Tage, die Gegenwart des von den Toten
auferstandenen Herrn und seiner Offenbarung des Reiches Gottes besagte freilich, dass die Geschichte der
Menschheit und so auch die ihr gegebene Zeit in
Wahrheit, wenn auch heimlich, schon zu ihrem Ziel und also auch zu ihrem Ende gekommen war.
Virtuell, in der Person des Gottessohnes und Menschensohnes, war das tatsächlich der Fall: war Gott in
diesem Einen mit der Welt, mit dem [in] ihm erwählten
und in seinem Tode von ihm vertretenen
Menschen, zu seinem Ziel gekommen – wie sollte es da noch eine weitere
Geschichte geben? wie sollte in und mit dieser Geschichte nicht Alles aufhören? Dass seine Erscheinung in einer Reihe von Tagen
geschah und also auch ein Ereignis in der Zeit war, besagte aber
faktisch, dass die Zeit für die übrige Menschheit, hier vertreten durch die Jüngerschaft, zunächst auch in und mit dem Geschehen dieses
Ereignisses selbst weiterging. Dass seine Erscheinung ein eine immerhin
nur kurze Zeit erfüllendes Ereignis war, besagte andererseits, dass
eine unendliche Geschichte und Zeit der übrigen Menschheit angesichts dieses Ereignisses nicht in Frage kommen konnte. Und dass die besondere Zeit dieser seiner Erscheinung für
die Jünger im Zeichen der Himmelfahrt zu ihrem |658
Ende kam, wie sie für sie mit dem Zeichen des leeren Grabes begonnen hatte – nach
welchem Ende sich für die Jünger, für die Menschheit und Welt, zunächst eine weitere
Zeitstrecke eröffnete, – das besagte schließlich (weil diese weitere Zeit und ihre Geschichte
angesichts jenes Ereignisses eine unendliche nicht mehr sein konnte, weil ihr Ziel in jenem
Ereignis schon erreicht war), dass jene Tage und ihr Inhalt ein Vorläufiges waren, das ein Endgültiges höchst konkret und real
anzeigte, aber eben doch erst anzeigte. Das Endgültige, das nicht nur virtuelle, sondern faktische Ziel aller – der in den 40
Tagen, auch der jenseits der 40 Tage fürs Erste noch weitergehenden – Zeit und Geschichte wird
sein: Jesu Christi Wiederkunft zur
Auferweckung aller Toten, zur Begründung der neuen
Welt in ihrer nur noch ewigen 325
Koexistenz mit Gott: nicht mehr ein Ereignis in einer weiteren Zeitstrecke (bringt sie doch
das Ende aller Zeit), auch noch nicht das Sein des
Menschen und der Welt in der reinen Ewigkeit Gottes (ist sie doch erst das Ereignis des
Übergangs zu diesem), wohl aber (als Übergang von der Zeit zur reinen Ewigkeit) das Ereignis im Nu, im Augenblick der letzten Posaune (1.Kor. 15,52). Dies wird sein: dasselbe
Ereignis in seiner Endgültigkeit, das in der Osterzeit
vorläufig geschehen war oder eben: angehoben hatte. Es konnte nicht
anders sein, als dass die neutestamentliche Gemeinde von
diesem Vorläufigen her als Empfänger der ihr und der Welt
damit gemachten Anzeige, auf jenes Endgültige warten, jenes Nu, jenes Augenblicks der letzten
Posaune, der Wiederkunft Jesu Christi gewärtig sein durfte und
musste.
Der zweite Gesichtspunkt, unter dem die Eigenart der beiden Zeiten
Jesu Christi zu würdigen ist, ist der der Unterscheidung des Verborgenen und des Offenbaren. Der Inhalt der Osterzeit war ein in doppelter Hinsicht verborgenes Geschehen.
Es war verborgen, indem der Auferstandene ja nach der betonten Feststellung des Neuen Testamentes selbst nur seinen Jüngern, also nicht den Leuten vom Hohen Rat, nicht dem Pilatus, nicht dem Volk
von Jerusalem als Lebendiger erschien, um ihnen
als solcher das Reich Gottes zu verkündigen – weil dieses
Ereignis samt allen seinen Implikationen der noch nicht zum Glauben
berufenen Umwelt und Nachwelt nur durch das Medium des Zeugnisses der Jünger und der Gemeinde,
nur durch deren Verkündigung und nur durch den durch
ihren Dienst erweckten Glauben in seiner Wahrheit und Wirklichkeit als Ereignis bekannt,
präsent, aktuell, bedeutsam sein konnte.
659Diese Verborgenheit bedeutet kein Minus für diese
Anderen, an diesem Ereignis nicht direkt Beteiligten. «Selig sind die, welche nicht sehen und
doch glauben!» wird im Blick auf sie Joh. 20,29 dem Thomas gesagt, der zu denen
gehörte, denen es gegeben war, daraufhin zu glauben, dass sie gesehen – jenes Vorläufige
gesehen – hatten. Und so werden 1.Petr. 1,8 die Leser als solche angeredet, die Jesus Christus lieb haben, ohne ihn
gesehen zu haben, die an ihn glauben, ohne ihn jetzt zu schauen, und dennoch fröhlich sind in
unaussprechlicher, in schon verklärter (δεδοξασμένῃ) Freude, 326 indem sie das Ziel (τὸ τέλος) ihres Glaubens, die Errettung ihres Lebens, auch so
«davontragen» (κομιζόμενοι). Aber kein Zweifel: das
bedeutet, verglichen mit dem Glauben der Jünger in den
Ostertagen, ein Leben mit dem Auferstandenen
in dessen Verborgenheit, seiner nicht sichtbaren, nicht hörbaren, nicht
greifbaren, nur aus sich selbst14 dem Glauben – in der Erweckung des Glaubens vielmehr – sich erschließenden Präsenz, in dem ihnen von
ihm gesagten Worte.
Und ein verborgenes Geschehen war der Inhalt der Osterzeit doch auch für die, die deren unmittelbare Zeugen
waren, sofern sein Leben als Auferstandener ja dort erst das seinige
und nur so als das ihrige erkennbar, nur als ihr in ihm verborgenes (Kol. 3,3!) war,
nur in dieser Verschlossenheit in ihm als das Leben aller Menschen, das Leben der Welt, verkündigt werden konnte. Sein Leben und also ein Leben,
dem sie und dem auch alle durch den Dienst ihres Wortes zum Glauben Berufenen nur als selber
noch Sterbliche und faktisch (nach Paulus: jeden
Tag [1.Kor. 15,31]) Sterbende
gegenüberstehen, das sie nur eben von ihm erwarten konnten. Noch hatte
ja in den Ostertagen ihr Verwesliches die Unverweslichkeit, ihr Sterbliches die Unsterblichkeit nicht angezogen [vgl. 1.Kor. 15,53f.]. Noch waren im Blick auf ihre in ihm veränderte Situation auch sie, auch von den Ostertagen her, auch im Gehorsam gegen das Urteil des Heiligen
Geistes, wie es dort gesprochen und von ihnen vernommen
war, ganz und gar auf den Glauben, auf das
Sehen wie im Spiegel [vgl. 1.Kor. 13,12], angewiesen. Noch war es, indem sie in der noch dauernden Zeit und deren Ende –
ein Jeder vor allem seinem eigenen Ende – entgegen lebten, von ferne nicht, auch15 annähernd nicht an dem, dass sie «ihm gleich»
waren (1.Joh. 3,2).
660Wir sahen: auch diese Verborgenheit bedeutete kein
Minus. Dass in und mit Jesus Christus auch sie schon auferweckt, schon lebendig gemacht, schon
auferstanden waren, galt trotzdem. Der
Schluss von 1.Kor. 15 und von Röm. 8 und der Anfang von Eph. 1 konnten und
mussten auch unter diesen Umständen geschrieben werden. Aber kein Zweifel: dieser Stand der
Dinge auch in den 40 Tagen, auch in der Zeit jenseits der 40 Tage, das Verhältnis des Standes
auch der Zeugen der Auferstehung zu dem des
auferstandenen Jesus Christus selbst,
bedeutete: es war für sie auch die Zeit der 40 Tage die Zeit eines verborgenen Lebens aus und von der Gnade seiner Auferstehung und insofern: die Zeit
eines verborgenen Lebens auch des Auferstandenen selber.
327Das Offenbarsein dieses Verborgenen – also (a)
die direkte, die unmittelbare Gegenwart Jesu Christi vor den Augen und Ohren aller Menschen und (b) deren eigenes, wieder direktes und unmittelbares Leben mit ihm,
ihre Teilnahme an der «Gleichgestalt auch mit seiner Auferstehung» (Röm. 6,516), ihr Verwandeltsein in sein Bild (2.Kor. 3,18), ihre Gleichheit mit ihm (1.Joh. 3,2) – das Offenbarsein Jesu Christi in der
ganzen Welt und so auch in und an uns selber –
das wird sein: die Eigenart
der Zeit seiner Wiederkunft, das Ereignis
jenes Nu, jenes Augenblicks der letzten Posaune [vgl. 1.Kor. 15,52]. Indem er sich endgültig
offenbaren wird, wird er sich Allen und wird er sein Leben als ihr eigenes offenbaren, wird er einerseits die Verkündigung von ihm überflüssig machen, zum Verstummen bringen und ablösen durch
seine dann ganz allein maßgebliche und unfehlbar wirksame Selbstverkündigung – und
wird er andererseits das Geschenk des Glaubens überbieten
durch das des Schauens, das uns jetzt gewährte Sehen wie im Spiegel durch das Sehen von
Angesicht zu Angesicht [vgl. 1.Kor. 13,12]. Es werden dann Alle, ob sie von dem ihnen jetzt vorläufig Gegebenen
Kunde gehabt und Gebrauch gemacht haben oder nicht, ihn und in ihm sich selbst erkennen: so
wie sie von Gott in ihm jetzt schon erkannt sind [vgl. ebd.].
Eben von da aus ergibt sich nun der dritte Gesichtspunkt zur
Unterscheidung der beiden Zeiten. Es ist der der Unterscheidung zwischen der nur partiellen Aktualität, in der Jesus Christus, in der die in ihm
vollbrachte Versöhnung der Welt mit Gott und damit einerseits: der ewige Grund der menschlichen Existenz und des ganzen Kosmos,
andererseits: die Realität der geschehenen Veränderung der mensch|661lichen, der Weltsituation jetzt erkannt wird – und der totalen Aktualität, in der Jesus Christus und in ihm das Alles einst, dann erkannt werden wird. Wir sahen: die Endzeit als Ganzes ist die Zeit, in der Jesus Christus in der Menschheit erkannt werden kann: darum kann, weil sie von seiner Erscheinung in der Geschichte, von der Fleischwerdung des Wortes [vgl. Joh. 1,14] herkommt. Sie ist die Zeit, in der er, ein konkretes
Element der mensch328lichen Geschichte geworden, in deren Raum
bekannt sein und bekannt gemacht werden kann. Mehr noch: in der er von der Osterzeit her wenigstens teilweise auch bekannt gemacht worden
ist und bis hin zu seiner Wiederkunft
wenigstens teilweise auch bekannt gemacht werden wird. Das Problem
unserer dritten Unterscheidung ist das des Verhältnisses zwischen diesem Können und dem ihm
entsprechenden Werden und Sein.
Denken wir zunächst speziell an die Osterzeit als
solche, so wird man sagen müssen, dass dieses Potential damals wenigstens insofern eine höchst
außerordentliche Aktualität hatte, als es sich damals jedenfalls
innerhalb des besonderen Kreises derer, unter denen der Auferstandene als solcher erschienen ist,
wenigstens extensiv als unbedingt wirksam erwiesen hat. Wird uns zwar auch in den
neutestamentlichen Berichten von dieser Zeit von Zögernden und Zweifelnden erzählt, so doch
von keinem Einzigen unter denen, die Zeugen ihrer Ereignisse waren, der nicht schließlich –
Thomas nach Joh. 20,24f[f]. als Letzter – durch das Faktum der
Gegenwart des lebendigen Herrn überwunden worden wäre, der ihn also damals nicht auch faktisch
als solchen erkannt hätte. Eine auch nur extensiv
totale Aktualität wird seiner Erkenntnis freilich schon dort nicht zugeschrieben: sind
es doch eben nur seine Jünger, denen er sich dort, wenn
auch ihnen in einer unwiderstehlichen Weise, zu erkennen gegeben hat.
Denkt man dann weiter an die Pfingstgeschichte und an
die ganze mit ihr angehende Geschichte der Apostel und
der durch ihr Wort begründeten und von ihrem Wort lebenden Gemeinde bis auf diesen Tag, dann darf und muss man freilich wieder und wieder von
einer Aktualität, dann kann und muss man aber offenbar – sowohl in
extensiver wie in intensiver Hinsicht – nur noch (oder eben erst!) von einer partiellen Aktualität jenes die Endzeit auszeichnenden Potentials reden. Es hat sich
wohl als mächtig erwiesen, es tut das noch |662 heute und wird das
auch fernerhin tun. Die Erscheinung des Versöhners der
Welt in der Geschichte ist nicht umsonst geschehen und
auch die Aussendung seiner Apostel in diese Welt hinein,
die Begründung, die Existenz 329 und Aktion der christlichen Gemeinde in der Welt ist
nicht vergeblich gewesen. Viele sind von Anfang an und Viele sind ja auch später und bis an
diesen Tag zum Glauben an Jesus Christus erweckt und also seiner
Erkenntnis teilhaftig geworden. «Der Herr tat täglich solche hinzu, die gerettet wurden» (Act. 2,47). Das ist die jenem Potential
wenigstens partiell entsprechende extensive Aktualität. Und wer wollte
im Blick auf das, was derselbe Herr in der Vergangenheit getan hat und auch in unserer
Gegenwart tut – wer, dem es etwa widerfahren wäre, dass er ihn selbst hinzugetan hat, wollte
bezweifeln, dass auch in Zukunft noch Viele seiner Erkenntnis teilhaftig werden mögen? Aber
diesen Vielen standen ja schon im Jerusalem der
Pfingstgeschichte, standen in der Zeit und in den Räumen
der Taten der Apostel und standen dann auch in der Zeit
der späteren Gemeinde in der Welt bis auf diesen Tag noch
viel mehr Andere gegenüber, die keineswegs «hinzugetan» wurden, die keineswegs zur Erkenntnis
Jesu Christi kamen: teils weil er ihnen faktisch nicht bekannt gemacht wurde, teils weil sie,
obwohl und indem er ihnen bekannt gemacht wurde, nicht zum Glauben
an ihn erweckt wurden, nicht zu seiner Erkenntnis vordringen konnten und wollten. Was war und
ist das kleine Häuflein der an ihn Glaubenden und ihn Erkennenden, das sich die Gemeinde
nennt17 – und was wird es auch
in Zukunft und bis ans Ende aller Tage sein: im
Verhältnis zu der erdrückenden Majorität all der Menschen, die seit der ersten Parusie Jesu Christi jenem mächtigen Potential zum Trotz gelebt haben,
leben und leben werden, «als wäre nichts geschehen»18? Darf und muss man also im Blick auf den Anfang und
die Mitte der mit der Erscheinung Jesu Christi in der Geschichte eröffneten Endzeit wohl von einer Aktualität, von einer |663 Verwirklichung der uns
Menschen damit gegebenen Möglichkeit seiner Erkenntnis reden, so kann sie doch schon in
extensiver Hinsicht schon im Blick auf den Anfang und so auch im Blick auf die ganze
Fortsetzung dieser Zeit nur eine partielle Aktualität genannt werden.
Was wird aus und mit all den Anderen?
Und diese Schranke besteht nun erst recht in intensiver Hinsicht. Was
müsste das denn heißen: an Jesus Christus glauben und ihn erkennen? Ein 330
klares, mehr oder weniger überzeugtes Wissen um seine Existenz als
Versöhner der Welt,
als Haupt der Kirche und als Erretter auch
der eigenen Seele? Das offenbar auch: eben das Bekenntnis zu diesem Wissen ist ja
die äußere, Anderen erkennbare Bedingung zur Taufe eines
Menschen, das äußere Merkmal seiner Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde. Aber an Jesus Christus glauben und ihn erkennen
heißt doch offenbar viel mehr als das: heißt offenbar Nachfolge, und zwar unbedingte Nachfolge Jesu Christi,
«Verwandlung in sein Bild» [vgl. Röm. 8,29], Gehorsam, und zwar völliger Gehorsam
gegenüber den Imperativen, die sich aus seinem Tod für
uns und aus seiner Auferstehung, aus der in ihm
erkennbaren ewigen Erwählung des Menschen und aus der in ihm
erkennbaren radikalen Veränderung der menschlichen Situation ergeben. Das müsste sich in den
Vielen, die er «hinzugetan» hat, heute «hinzutun» und noch «hinzutun» wird, darstellen. Das
hieße an ihn glauben und ihn erkennen. Was heißt es aber faktisch? Die Frage stellen, heißt
sie beantworten, wobei wir besser nicht an die vielen sogenannten Tauf- und Namenchristen,
nicht an die problematische Masse der Millionen und Abermillionen derer denken wollen, die
eine allzu summarische Statistik auf Grund einer allzu verlotterten kirchlichen Praxis in
alter und neuer Zeit als «Christen» in Anspruch genommen und also jenem kleinen Häuflein
zugerechnet hat. Gerade von denen, die etwa selber mit Ernst Christen sein möchten,19 wird doch keiner bestreiten wollen,
dass man auch im Blick auf ihn und seinesgleichen, im Blick auf Alle, die jenes Potential als
solches überhaupt erkennen, nur von einer partiellen Aktualität seiner
Erkenntnis reden kann. Es wäre nicht |664 Nüchternheit, sondern
defaitistischer Unglaube, wenn man mit einer solchen nicht rechnen wollte. Es war nicht nichts, was seit den Tagen der Apostel in der christlichen Gemeinde im Versuch,
an ihn zu glauben und ihn zu erkennen und also nicht nur um ihn zu wissen, sondern ihm
nachzufolgen, unter seinem Gericht und von seiner Gnade zu leben, gelitten, gestritten, getan und wohl auch
triumphierend ausgerichtet worden ist. Es war aber, wie gerade die Besten immer wieder bekannt
haben, immer und überall eine partielle und insofern doch uneigentliche
Aktualität der Erkenntnis Jesu Christi: dem der Menschheit und Christenheit vorgegebenen
Potential nicht von ferne entsprechend. Es ist bekannt, wie Paulus sich, von seiner eigenen apostolischen Person redend, Röm. 7,7–25 über die widerspruchsvolle
Teilhaftigkeit der christlichen Existenz geäußert
hat. Und das Neue Testament gibt uns auch sonst wie keinen
Anlass, mit einer Christenheit zu rechnen, die mehr sein könnte als eine «kleine Herde» [Lk. 12,32], so auch keinen, von einer auch
nur von ferne vollkommenen, auf der Höhe jenes Potentials und also ihrer Gabe und Aufgabe
stehenden Christenheit zu träumen.
Also: die Aktualisierung der der Menschheit in dieser Endzeit möglichen 331 Erkenntnis Jesu Christi ist, indem sie in
gewissen Grenzen stattgefunden hat, extensiv und intensiv immer eine bescheidene Sache
gewesen, und es besteht wirklich kein Grund, anzunehmen, dass das – nachdem es im Jerusalem der Pfingstgeschichte und im Leben des Apostels Paulus und dann herunter durch die ganze Kirchengeschichte bis auf unsere Tage nicht anders wurde – im weiteren Verlauf dieser
Zeit grundsätzlich anders werden möchte.
Eben die extensiv und intensiv totale Erkenntnis Jesu Christi wird
aber das Ereignis seiner Wiederkunft sein.
Nicht das Resultat christlicher Mission und Evangelisation also, nicht das Resultat einer vertieften
kultischen und persönlichen christlichen Frömmigkeit oder
eines verschärften individuellen, sozialen und politischen christlichen Ethos und gewiss auch nicht das Resultat einer vielleicht
aufs höchste zu verbessernden christlichen Theologie! Auf
allen diesen Linien hat zwar die Gemeinde der Endzeit ihre Aufgabe und wird sie sich um partielle
Aktualisierungen fernerhin mit letztem Ernst, aber auch in illusionsloser Demut bemühen müssen. Die Verwirklichung der in jenen beiden
Dimensionen totalen und also eigentlichen Erkenntnis |665 Jesu Christi aber – die Aktualität dieser Erkenntnis, die
dem Potential seiner Menschwerdung, der in ihm geschehenen
Versöhnung und der in dieser vollzogenen Veränderung der
menschlichen, der ganzen Weltsituation entsprechen wird – sie wird wie die Menschwerdung, die
Versöhnung und diese Veränderung selbst als Letztes in der Zeit nicht von unten, sondern von oben, vom Himmel, von Gott her, nicht durch die
Kirche, nicht von den Christen und auch nicht von einer christianisierten und natürlich auch nicht in Kraft
der Ideen, Systeme und Unternehmungen der übrigen Menschheit, sondern von Jesus Christus selbst her Ereignis
werden. Diesem Ziel, dem Reiche Gottes, geht die Welt und geht in der Welt die Gemeinde zwar entgegen, sie wird es aber nicht anders erreichen, als indem es, indem
Jesus Christus selbst ihr in freier eigener Initiative entgegenkommt in derselben ihm vom
Vater geschenkten Herrlichkeit als Sieger über Sünde und Tod wie in den
Ostertagen. Nun aber nicht bloß in einem einzelnen,
sondern in einem alles Geschehen aller Zeiten post und ante Christum natum umfassenden und
abschließenden Weltereignis, in einer Zusammenfassung aller Dinge in und unter sich selbst als
dem Haupte (ἀνακεφαλαιώσασ τὰ πάντα, Eph. 1,10). Nun um die Schickung im Zusammenhang20, das Mysterium der Natur- und Weltgeschichte
zu enthüllen, im Lichte dessen, was er für Gottes Kreatur getan hat, darzustellen. Und nun um
auch die einzelnen Menschen, die Lebenden und die 332 Toten nicht bloß unter
sein Gericht und Urteil zu stellen, sondern um sie
selbst, indem er ihnen allen offenbar werden wird, ihrerseits vor ihren eigenen und vor Aller
Augen offenbar zu machen, sie in der Tiefe und Eigentlichkeit dessen, was sie gewesen sind, zu
richten, ihre in ihm geschehene Umkehrung zu ihrem Erschrecken und zu ihrer Freude in Gerechtigkeit und Barmherzigkeit an den Tag |666 zu bringen, das Rätsel und die
Rätsel ihrer Existenz zu ihrer Beschämung und zu ihrem Troste aufzulösen, in seiner Strenge
und Milde sie alle ganz, bis aufs letzte, zu durchleuchten und so seinem Vater darzubringen
als die, die sie waren und wurden, so ihrer aller ganzes Gewesensein in der Zeit zu überführen in ihr ewiges Sein vor Gott und mit Gott!
Dies wird sein die Vollendung seiner in seiner eigenen Auferstehung anhebenden Parusie: die Auferweckung aller
Toten, das Gericht und das ewige Leben. Dies ist das Ziel,
der Augenblick, dem die in der Osterzeit begonnene Endzeit entgegeneilt und dem die Gemeinde der Endzeit mit erhobenen Häuptern (Lk. 21,28) entgegensehen darf: «iterum venturus est, iudicare vivos
et mortuos»21, der Tag seiner nicht
nur partiellen, sondern totalen Erkenntnis.
Wir fassen das zu diesen drei Unterscheidungen und Beziehungen der beiden Zeiten Jesu Christi Gesagte – sie zielen ja alle auf denselben
Punkt – zusammen in der Erinnerung an einige unter sich sachlich eng benachbarte
neutestamentliche Texte.
Es heißt von Jesus Christus am Ende der Rede des Paulus vor Agrippa (der letzten Paulusrede der Apostelgeschichte) Act. 26,23: er sei von Mose und den Propheten
angezeigt worden als der, der als «Erster aus der Auferstehung» (πρῶτος ἐξ ἀναστάσεως) dem Volk Israel
und den Heiden «das Licht verkündigen» werde. «Auferstehung» ist hier offenbar verstanden als ein
allgemeines, von Gott gewolltes und beschlossenes, Israel und den Heiden zugedachtes radikales
und abschließendes Heilsgeschehen, verborgen in Gottes Willen und verborgen in der Zukunft,
ihnen also unbekannt, so dass ihnen dieses ihr Ziel jetzt nicht leuchtet, so dass sie, dieses
333 Gotteswillens und dieser ihrer Zukunft nicht gewahr, im Finstern
wandern. Paulus bezeugt Jesus Christus als den, der dieser Menschheit «das Licht verkündigt». Und Jesus Christus tut das durch seine Existenz
als «Erster aus der Auferstehung», d. h. als der, der mitten in der Zeit, die ihre, die menschliche Zeit ist, an diesem für sie
erst künftigen Geschehen schon Anteil haben sollte und faktisch gehabt hat. Er für sich
allein? Nein, er als der Erste von Vielen, denen durch seine Existenz als von den Toten Auferstandener ihre eigene Zukunft und eben damit
das ihnen schon jetzt gegebene Licht auf ihrem Weg [vgl. Ps. 119,105] verkündigt wird. Πρῶτος schließt Beides in sich: dass er als primus inter pares,
als der Erste unter seinesgleichen, zu ihnen gehört und dass er als der
in dieser Sache |667 Erste, als der ihnen dieses Licht Verkündigende mit dem Willen, dem Beschluss Gottes in einer besonderen Beziehung und insofern ihnen gegenüber, über ihnen steht. Im
selben Sinn heißt er 1.Kor. 15,20
die ἀπαρχή τῶν κεκοιμημένων und 1.Kor. 15,23 die ἀπαρχή in der Ordnung, der Folge (dem τάγμα)
der Auferstehung. Der Ausdruck ist derselbe, der Röm. 8,23 auf den den Christen
geschenkten Heiligen Geist angewendet wird, der dort als
das ihnen schon in der Gegenwart mitgeteilte Unterpfand der künftigen Offenbarung ihrer Gotteskindschaft
beschrieben ist. Auch ἀπαρχή besagt, auf Jesus Christus
bezogen, dass er, eine Vorfrucht der künftigen ganzen Ernte, als der inmitten unzähliger
anderer «Entschlafener» eine
Auferweckte allen Anderen Zeuge, Verkündiger –
aber der Ausdruck ist stärker als Act. 26,23: lebendig gegenwärtige Bürgschaft dessen ist, was in ihm auch ihnen in aller Form und Gewissheit
verheißen und zugesagt ist. Und nun taucht Röm. 8,29 erst der eigentlich bezeichnende Begriff auf: er ist der πρωτότοκος, und zwar ὲν
πολλοῖς ἀδελφοῖς. Dieser Zusatz bestätigt: als primus inter pares, als Erster unter
seinesgleichen, ist er ihnen, was er ist. Aber der Zusammenhang, in dem der Ausdruck
auftaucht, bestätigt auch seine hervorgehobene Stellung unter ihnen: diese Vielen sind darum
seine Brüder, weil sie in Gottes ewigem Ratschluss (als
προωρισθέντες) dazu erwählt sind, seinem Bilde – dem
Bilde des Sohnes Gottes – gleichgestaltet 334 zu werden: seinem Tod nicht nur, wie Paulus es Röm. 6,5 und
Phil. 3,10 gesagt hat, sondern, wie
ja auch dort sofort hinzugefügt wird: seinem Leben als Auferstandener und ewig Lebender. Ihnen als
seinen Brüdern und also den zur Gleichgestaltung mit ihm Bestimmten ist auch das bestimmt: in
ihm ihre Zukunft zu haben, im Blick auf seine Auferstehung ihrer eigenen entgegenzugehen. Dass das die Meinung von Röm. 8,29 ist, bestätigen Apok. 1,5 und vor allem Kol. 1,18, wo Jesus Christus ausdrücklich als
ἀρχή (hier vermutlich für ἀπαρχή), πρωτότοκος
ἐκ νεκρῶν genannt wird. Kol. 1,18 ist darum besonders interessant,
weil Jesus Christus dort wenige Verse vorher (v 15) der πρωτότοκος
πάσης
κτίσεως heißt, in welchem das
himmlische und das irdische, das sichtbare und das unsichtbare All (τὰ πάντα) schon geschaffen wurde, der (v 17) vor dem All war und der das All zu
einem Ganzen gestaltet hat (συνέστηκεν). Wieder wird hier
also (wie im Zusammenhang von Röm. 8,29) auf die allem geschöpflichen Sein und seiner Zeit vorangehende göttliche
Wahl und Entschließung verwiesen und erscheint Jesus Christus als deren eigentlicher, alle
übrigen in sich begründender und in sich schließender Gegenstand. Eben er – der
Anfang und das Ende aller Dinge greifen in dieser Stelle in dem einen Namen Jesus Christus
mächtig ineinander – ist nun auch der «Erstgeborene aus den Toten». Eben als solcher wird er Apok. 1,5, hier offenbar vorwärts, auf das
letzte Ende blickend, der «Herrscher über alle Könige der Erde» genannt. |
Was besagt in diesen Stellen das Wort «Erstgeborener»? Zunächst
gewiss dasselbe wie πρῶτος und ἀπαρχή in den zuerst genannten Stellen. Aus der Mitte aller, die starben und noch
sterben werden, ist dieser Eine – selbst ganz und gar einer der Ihrigen – als Lebender
hervorgegangen: ihnen zum Verkün|668diger, Zeugen und
Bürgen ihrer eigenen künftigen Auferstehung. Aber der Begriff bedeutet sicher eine Präzisierung: Der «Erstgeborene»
ist ja kein «Einziggeborener» (μονογενής; Joh. 1,14 etc.). «Einziggeborener» ist Jesus Christus als Sohn Gottes
des Vaters; von ihm dahingegeben und in die Welt gesandt, 335 als sein
fleischgewordenes Wort aber ist er der «Erstgeborene», d. h. der
Älteste jener «vielen Brüder» (Röm. 8,29). Als solcher, an der Spitze dieser Vielen, ihnen voran und mit ihnen
zusammen, ist er im Anfang aller Dinge der Gegenstand der ewigen göttlichen Wahl und Entschließung und wird er an
deren Ende als der «Herrscher über alle Könige der Erde» offenbar werden. Alsact solcher ist
er nun auch der «Erstgeborene aus den Toten». Ihm als solchem wird (das
ist die eine mögliche Deutung des Begriffs) in seiner Auferweckung sein Anteil an dem allen Söhnen gemeinsam zustehenden ewigen Erbe
zugesprochen und ausgehändigt: nach israelitischem Recht das22 Doppelte des Anteils, den jeder seiner jüngeren Brüder zu
erwarten hat. Eben damit, dass ihm, dem Ältesten, dieser ihm zukommende Anteil ausgehändigt
wird, wird aber seinen jüngeren Brüdern von dem ihnen zustehenden Anteil nicht nur Kenntnis
gegeben, sondern auch für dessen künftigen Empfang in aller Form Gewähr geleistet. Die
Anschauung von Act. 26,23: Jesus
Christus als der «Erste aus der Auferstehung», der als solcher die Anzeige und Gewähr der
künftigen Auferweckung auch der Anderen ist, wäre
dann – worauf ja auch der Begriff τάγμα
1.Kor. 15,23 hinweisen kann – eine
Anschauung rechtlicher Natur. Der Begriff πρωτότοκος erinnert aber auch an ein Element der israelitischen Opfersprache: mit den Erstlingen, die der Israelit seinem
Gott aus seinem Stall und von seinem Feld darbringt, bezeugt er, dass er Alles, was als sein
Eigentum lebt und wächst, als in Wahrheit Gottes Eigentum und Leihgabe betrachtet. Und
umgekehrt: nimmt Gott diese Erstlinge gnädig an, so bezeugt er damit sein Wohlgefallen an
allen dem Opfernden gehörenden Früchten und Lebewesen, verheißt er ihm seinen Segen für sein ganzes Leben und Wirken. Indem dieser jene
Pflicht erfüllt, empfängt er also auch diese Verheißung.
Der Ausdruck πρωτότοκος ἐκ νεκρῶν würde bei dieser Deutung
mehr als bei jener ersten auf den zuvor geschehenen stellvertretenden Tod Jesu Christi als solchen zurückblicken: Wurde der Erstling Christus für alle Menschen in den Tod gegeben, 336so ist er im Erweis des göttlichen Wohlgefallens an seinem Gehorsam, wieder als
ihrer aller Repräsentant, eine lebendige Verheißung für sie alle, von den Toten erweckt
worden. Und man könnte endlich auch daran denken, dass im Alten Testament (etwa Ex. 4,22) das
Volk Israel als solches
Gottes «Erstgeborener» unter den Völkern genannt wird, das er nun in der Person Jesu Christi, seine ihm zugewendete
Verheißung erfüllend und zugleich als Verheißung für alle
anderen Völker, dem Totenreich, dem es ohne seine erwählende
Gnade mit allen anderen Völkern verfallen wäre, entrissen
hat. – Man sieht, dass alle diese Stellen und speziell der Begriff πρωτότοκος in allen möglichen Deutungen (die erste dürfte doch die naheliegendste
sein) auf denselben Sach|669verhalt hinweisen: die
Auferweckung Jesu Christi in ihrer Vereinzelung
ist, indem sie diesem Einen, dem zum Haupt und Stellvertreter aller Anderen Erwählten, widerfährt, die Kundgabe nicht nur, die
Gewährleistung nicht nur, sondern das reale Anheben (und als solches
dann auch die Kundgabe und Gewährleistung) der
Auferweckung, die Gott ihnen allen zugedacht hat,
und die der seinigen, da sie in ihm schon angehoben hat, in der Notwendigkeit der
Vollstreckung eines und desselben göttlichen Gnadenaktes folgen wird.
Soviel über die Verschiedenheit der beiden Zeiten Jesu Christi, von der man ja nicht reden kann, ohne immer
wieder auf ihre Zusammengehörigkeit, ja Einheit zurückverwiesen zu werden.
Wir nähern uns dem Ende unserer Untersuchung des Zusammenhangs
zwischen der Gottestat des im Gehorsam des Sohnes für
uns erlittenen Todes Jesu Christi und der Gottestat seiner Auferweckung von den Toten durch die Gnade des Vaters in der Macht des Heiligen Geistes. Wir sahen: dieser Zusammenhang ist ein differenzierter. Ausgehend von dem Osterereignis
und also von dem darin durch den Heiligen Geist
vollzogenen und ausgesprochenen Gottesurteil über das Karfreitagsgeschehen hatten wir freilich zunächst auf die Gleichzeitigkeit jener beiden Gottestaten zu achten. Eben im Osterereignis koinzidieren
sie ja: eben der Auferstandene ist ja kein
Anderer als der für uns 337
Gekreuzigte in lebendiger, seinem Tode, dem Tode überhaupt und als
solchem trotzender Gegenwart und Aktion. Und eben der Gekreuzigte ist ja kein Anderer als der
Auferstandene: kein Gewesener und Verwesender, sondern der für Gott Lebende und als solcher zu
jeder Zeit Redende und Handelnde. Aber gerade im Blick auf diesen Einen, der «gestern und heute derselbe» [Hebr. 13,8] ist: am Kreuz gestorben, als solcher den Jüngern in den 40 Tagen als Lebendiger erschienen, um mit ihnen «vom Reiche Gottes zu reden» >[Act. 1,3] – auf ihn, den in der Kraft jenes Urteils Gottes auch aus seiner Verborgenheit zur Rechten Gottes weiter
redenden und regierenden Herrn der Gemeinde in der Welt –
gerade im Blick auf diesen Einen konnte uns nun auch die Ungleichzeitigkeit seines Seins nicht entgehen: die Unterscheidung, in der er eben
nicht nur dieser: «gestern und heute derselbe», sondern auch «in Ewigkeit» ist, nicht nur der Gekommene und als solcher
Gegenwärtige, sondern auch der Kommende und als solcher erst zu
Erwartende – die Unterscheidung der Zeit des in ihm anhebenden und der Zeit des in ihm zu vollenden|670den Reiches Gottes. Wir sahen: diese Unterscheidung ist nicht willkürlich.
Sie geht von Jesus Christus selber aus. Das eine in ihm vollzogene und gesprochene Urteil
Gottes nötigt uns zu ihrer Anerkennung. Eben der «gestern und
heute derselbe» ist, der als der Gekreuzigte Lebendige, verkündigt sich selbst als derselbe
auch «in Ewigkeit», auch als der Künftige am Ende,
vielmehr: sich selber als das Ziel und Ende aller Tage, als den Anhebenden und Fortwirkenden
nicht nur, sondern auch als den Vollender, als den, der zur Rechten Gottes, des allmächtigen
Vaters, sitzt, nicht nur, sondern auch als den, der von
dannen wiederkommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.23 Wir versuchten es, uns deutlich zu machen, wie seine eine
Parusie diesen doppelten Aspekt hat, wie er
in diesen zwei verschiedenen Zeiten in verschiedener Gestalt, Form und Erscheinung der Eine
ist, und wie sich das auch in einer verschiedenen Sicht der in ihm, durch sein Werk als Versöhner der Welt mit
Gott veränderten menschlichen Situation spiegelt. Der Zusammenhang
zwischen seinem Tod und seiner Auferweckung hat
sich uns also nicht aufgelöst. Im Gegenteil: gerade von der Einheit des Gekreuzigten und Auferstandenen mussten wir ja immer wieder ausgehen, auf sie immer wieder
zurückkommen. Er hat sich uns aber tatsächlich als ein