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        <title type="volume" n="vol-50">Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik</title>
        <title type="content">[Atomwaffen]</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: [Atomwaffen], kein Datum</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/50019 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik, hrsg. v. Stoevesandt, Hinrich / Trowitzsch, Michael (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2014, S. 680.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik</title>
          <title type="text">[Atomwaffen]</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Stoevesandt, Hinrich</editor>
          <editor>Trowitzsch, Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2014</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, [IV/3] [Atom-Waffen], kein Datum. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1153">KBA 25021</ref>. </bibl>
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        <date type="creation">kein Datum</date>
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   <div type="paper">
    <pb xml:id="p671" ed="pga" rend="noPipe"/>
    <head>II. Die kleineren Fragmente<lb/> [Atomwaffen]</head>
    <div type="abstract">

     <p>Der komplett erhaltene Exkurs<note xml:id="n01"><idno type="kba-objects-identifier">KBA
        25021</idno> (CD-ROM, Text Nr. 15).</note>, den <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Sommersemester 1958 im Kolleg vorgetragen hat, spiegelt sein damaliges
      großes Interesse am Thema, mit dem er sich sowohl im Kontext der schweizerischen wie der
      deutschen Diskussion um eine mögliche <term key="Atombewaffnung">Atombewaffnung</term> lebhaft
       auseinandersetzte.<note xml:id="n02">Zur Diskussion in der Schweiz vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4976"><persName ref="kbga-actors-1564">A. Ernst</persName> / <persName ref="kbga-actors-1744">W. Lüthi</persName> / <persName ref="kbga-actors-9304">G. Wagner</persName>, <hi rend="italic">Schweizerische
         Atombewaffnung?</hi>, Zollikon 1958</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-4977"><persName ref="kbga-actors-10381">E. Wildbolz</persName>,
         <hi rend="italic">Atomwaffen für die Schweiz?</hi> (Polis, 1), Zollikon 1958</bibl>. Die
       Diskussion im deutschen Protestantismus spiegelt sich in <bibl corresp="kbga-bibls-4978">KJ
        84 (1957), S. 72–97</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-4979">85 (1958), S. 17–74</bibl>; vgl.
       auch: <bibl corresp="kbga-bibls-4980"><hi rend="italic">Evangelische Stimmen zur
         Atomfrage</hi>, zusammengestellt im Auftrage der Kirchenkanzlei der Evangelischen Kirche in
        Deutschland von <persName ref="kbga-actors-3418">G. Niemeier</persName>, [Hannover]
        1958.</bibl> <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Engagement zeigt sich vor allem in seinen «Offenen Briefen»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-312">O.Br. 1945–1968,<ref type="pub-" target="../volume/15/p389#p389"> S. 389–392</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/15/p398#p398">398f</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/15/p440#p440">440–444</ref>.</bibl></note></p>
     <p>Das Stück stammt aus <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/3, § 72,1</bibl>:
       «Das Volk Gottes im Weltgeschehen»­<note xml:id="n03"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD
        IV/3, S. 780–872</bibl>.</note>. Es ist im Druck durch den in Petit
       gesetzten kürzeren Abschnitt auf S. 802 ersetzt worden. Die hier gewählte Überschrift findet
       sich auf einem dem Typoskript beigehefteten Blatt und stammt von <persName ref="kbga-actors-24">Markus Barth</persName>.</p>
    </div>
    <div>

     <head>[Atomwaffen]</head>
     <div type="excursus">
     <p>Zur Veranschaulichung des nun über das Verhältnis von <term ref="kbga-keywords-237">Schöpfung</term> und <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> in der <term ref="kbga-keywords-398">Weltgeschichte</term> Gesagten ein uns – die ganze <term ref="kbga-keywords-402">Menschheit</term> und damit wahrhaftig auch die christliche <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term> – heute sehr direkt angehendes <hi rend="italic">Beispiel</hi>: die Geschichte der modernen <term key="Physik"><hi rend="italic">Physik</hi></term> in ihrer Entwicklung von der <term key="Atom- / Kernforschung">Kern<hi rend="italic">forschung</hi></term> zur Erfindung der <term key="Atom- / Kernwaffen">Kern<hi rend="italic">waffen</hi></term> – hier natürlich nur in einigen Andeutungen zu erzählen,
      und ebenso natürlich unter Vorbehalt der Grenzen des Laien hinsichtlich der Fasslichkeit der
      zu berührenden Vorgänge. |</p>
     <p> Der Anfang dieser Geschichte fällt in die Zeit unmittelbar nach dem ersten <term ref="kbga-keywords-170">Weltkrieg</term>. Es ging um die neu aufgeworfene Frage der
      Teilbarkeit dessen, was mit der Wissenschaft der ganzen bekannten Ver<pb ed="A" n="972" break="no"/>gangenheit auch noch die des 19. Jahrhunderts für unteilbar gehalten hatte: der
      kleinsten <term key="Atome">Einheit</term> der bis dahin so genannten <term ref="kbga-keywords-1369">«Materie»</term>. Vor allem in <placeName ref="kbga-places-13">Cambridge</placeName>, in <placeName ref="kbga-places-112">Kopenhagen</placeName>, in
       <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName>, nicht von einem einzelnen Gelehrten,
      sondern von einer ganzen, <pb xml:id="p672" ed="pga"/> nur lose verbundenen, aber eifrig
      korrespondierenden und zusammenarbeitenden Gruppe von solchen, wurde jene Frage theoretisch
      und experimentell gestellt und immer wieder gestellt: mit dem auf vielen Wegen und Umwegen
      übereinstimmend erzielten Ergebnis: dass sich das vermeintlich <term key="Atome">Unspaltbare</term> als spaltbar erwies. Ein neues <term key="Welt, Weltbild">Weltbild</term>
      – durch <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-967">Albert Einsteins</persName></hi>
      <term key="Relativitätstheorie">Relativitätstheorie</term> schon vorbereitet – begann sich
      auch unter diesem Gesichtspunkt abzuzeichnen. Aber auch eine neue, bisher unbekannte Art und
      Ordnung von <hi rend="italic">Energien</hi>, bei jenen Spaltungsversuchen entfesselt, begann –
      alle bisher bekannten quantitativ und qualitativ weit hinter sich lassend – in den
      Gesichtskreis und in den Verfügungsbereich des Menschen zu treten. Es müssen für die führenden
      Männer und besonders für ihre Schüler und Studenten, die der Sache damals mit ihnen in allen
      Richtungen nachgingen, in ihrer Art begeisternde Jahre gewesen sein – die «heroische Zeit»
      dieses Zweiges der modernen <term key="Physik">Physik</term>, wie ein damals junger, in
       <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName> studierender Amerikaner namens <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-6078">Robert Oppenheimer</persName></hi> sie später
      genannt hat,<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-4981"><persName ref="kbga-actors-6078">J. R. Oppenheimer</persName>, <hi rend="italic">Wissenschaft und
         allgemeines Denken</hi>, übers. von H. Menien (Rowohlts deutsche Enzyklopädie, 6), Hamburg
        1955, S. 37</bibl>: «Das, was wir unter Atomphysik verstehen, was wir die Quantentheorie der
       Atomsysteme nennen, hatte um die Jahrhundertwende seinen Anfang genommen und seine Krönung
       und Ausgestaltung während der zwanziger Jahre erfahren. Es war eine heroische Zeit.»</note>
      «die schönen Jahre», wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2656">Robert
        Jungk</persName></hi> das einschlägige Kapitel seines Buches «Heller als tausend Sonnen»
      (1956) überschrieb.<note xml:id="n05"><bibl corresp="kbga-bibls-1594"><persName ref="kbga-actors-2656">R. Jungk</persName>, <hi rend="italic">Heller als tausend Sonnen.
         Das Schicksal der Atomforscher</hi>, Bern 1956, S. 18–36</bibl>. Im Wesentlichen fußt das,
       was <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im hier wiedergegebenen Exkurs über die Geschichte der Atomforschung und ihrer
       Protagonisten ausführt, auf diesem Buch.</note> Es war nicht nur ein weiterer, sondern ein in
      seiner Eigenartigkeit fast exemplarischer, man möchte sagen: ein Schulfall dessen, was wir
      hier als das Zusammentreffen eines wunderbaren kosmischen Angebots mit einem ebenso wunderbar
      entwickelten menschlichen Vermögen, auf solche Angebote einzutreten, und so theologisch als
      Inbegriff der «guten Schöpfung <term key="Schöpfung, Gottes gute Sch.">Gottes»</term>
      bezeichnet haben.<note xml:id="n06">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/3, S. 799</bibl>:
       «Was ist die Weltgeschichte? Sie ist jedenfalls <hi rend="italic">auch</hi> – auch in ihrer
       offenkundigen Verwirrung (in ihr freilich nur eben schrecklich!) fortgehende Geschichte der
       guten, durch keine <foreign xml:lang="lat">confusio hominum</foreign> zu zerstörenden Schöpfung Gottes: Geschichte der dem
       Menschen in dem ihn umgebenden Kosmos gemachten Angebote und des Menschen Vermögens, diese
       Angebote als solche zu verstehen und von ihnen Gebrauch zu machen.»</note> Noch meldete sich
      deren Kombination mit dem <term key="Nichts / Nichtiges">Nichtigen</term> erst als ferne
      Möglichkeit an: in der bei diesem und jenem Forscher gelegentlich aufsteigenden Sorge, es
      könnten jene neu entdeckten und in den Laboratorien bereits entfesselten und sichtbaren
      Energien, einmal praktisch eingesetzt und verwendet, nicht nur in den Dienst von friedlichen,
      sondern auch in den von sehr unfriedlichen Zwecken gestellt werden. Aber die <pb xml:id="p673" ed="pga"/> großen und kleinen Heroen jener heroischen Zeit waren zunächst mit der Sache, den
      Vorgängen selbst, zu beschäftigt, um sich die <pb ed="A" n="973"/> Frage nach dem Zweck und
      Ziel ihrer Forschung überhaupt mehr als beiläufig zu stellen. Ob es sich bei dieser um die
      möglichen Folgen unbekümmerten Forschung um des Forschens willen nun nicht doch schon um eine
       <hi rend="italic">Unstimmigkeit</hi> handelte, die jedenfalls vor einer nachträglichen
      Idealisierung schon jener Anfänge – als hätten sie in einer Art paradiesischer Unschuld
      stattgefunden – warnen müsste? |</p>
     <p>Wie dem auch sei: die praktische Auswertung der gemachten Entdeckung schien zunächst als
      solche noch in weiter Ferne zu liegen. Und dann kam es zunächst zu einem wenn auch kurzen <hi rend="italic">Aufhalten</hi> einer unheilvollen Entwicklung gerade von der Seite, von der her
      sie nachher folgenschwer genug in Bewegung gesetzt wurde: von der Politik her. In <placeName ref="kbga-places-151"><hi rend="italic">Deutschland</hi></placeName> brach das Dritte <term key="Drittes Reich">Reich</term> aus, was für die <term key="Atom- / Kernphysik">Kernphysik</term> zunächst die wunderliche Folge hatte, dass ihr Unternehmen als solches mit
      der Theorie <persName ref="kbga-actors-967">Einsteins</persName> zusammen in den sinnlosen
      Verdacht geriet, «undeutscher», d. h. jüdischer Art und so des Ersatzes durch eine «deutsche
       <term key="Physik, «deutsche»">Physik»</term> bedürftig zu sein. Das lief nun praktisch auf
      eine Zerstörung besonders des zuvor ganz besonders blühenden Göttinger <term key="Göttingen, Atom- / Kernforschungszentrum">Forschungszentrums</term> hinaus und damit
      darauf, dass eine ganze Reihe teils damals schon prominenter, teils später prominent
      gewordener Physiker (unter ihnen z. B. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-10186">James Franck</persName></hi> und <persName ref="kbga-actors-6078">Oppenheimers</persName> späterer Gegenspieler <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-10378">Edward Teller</persName></hi>) nach <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-2">Amerika</placeName></hi> auszuwandern hatte<note xml:id="n07">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594"><persName ref="kbga-actors-2656">Jungk</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n05">Anm. 5</ref>),
        S. 39–47</bibl>.</note>, das bis dahin von der Sache noch wenig berührt war, nun aber zu
      ihrem vornehmlichsten Nutznießer werden sollte.<note xml:id="n08">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594">a.a.O., S. 56.116–118</bibl>.</note> Ideologisch unbeliebt und
      darum zunächst kaum gefördert war die <term key="Atom- / Kernphysik">Kernphysik</term> aber
      auch in der damaligen <term key="Sowjetunion"><hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-1425">Sowjetunion</placeName></hi></term>: hier
      natürlich wegen ihres offenkundigen Konfliktes mit dem dort als höchstes Dogma gültigen
      klassischen <term key="Materialismus, klassischer">Materialismus</term>.<note xml:id="n09">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594">a.a.O., S. 269</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-4982">A. Heinemann-Grüder, <hi rend="italic">Die sowjetische Atombombe</hi> (Arbeitspapiere der
        Berghof-Stiftung für Konfliktforschung, 40), Berlin 1990, S. 2–11</bibl>, zu den
       ideologischen Differenzen vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4982">dort, S. 5</bibl>.</note> Die
      Wendung zum Schlimmen konnte aus diesen seltsamen Gründen gerade von den beiden größten
      politischen Gefahrenpunkten her fürs erste nicht eintreten. Diese Hindernisse verloren aber
      ihre Macht, indem die Regierungen in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>
      und in <placeName ref="kbga-places-297">Russland</placeName> sich, als es zum zweiten <term ref="kbga-keywords-1333">Weltkrieg</term> kam, doch anders zu besinnen begannen. Aus jener
      «deutschen <term key="Physik, «deutsche»">Physik»</term> ist zwar nie etwas Ordentliches
      geworden, wohl aber konnten sich die in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> zurückgebliebenen ernsthaften ­Vertreter dieser Wissenschaft – unter
      ihnen Männer wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-10379">Werner
        Heisenberg</persName></hi> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2684">C. Fr. von
        Weizsäcker</persName></hi> – dem Anspruch der <term key="Nationalsozialismus">nationalsozialistischen</term> Machthaber nicht einfach entziehen, sie mit der
      außergewöhnlichen <term ref="kbga-keywords-1403">Waffe</term> zu beliefern, über deren
      Möglichkeit sich unterdessen doch dies und das herumgesprochen hatte. Sie stellten sich dieser
      Aufgabe in dem für viele deutsche Akademiker jener <term key="Akademiker, deutsche im Dritten Reich">Zeit</term> bezeichnenden Ge<pb xml:id="p674" ed="pga" break="no"/>misch und Widerspruch eines anfänglichen <pb ed="A" n="974"/> Optimismus
      und einem dann bald überhandnehmenden Abscheu dem <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName>-Regime gegenüber, und überdies im Bewusstsein der furchtbaren
      Konsequenzen, die es auf alle Fälle haben musste, wenn ihnen die Erfüllung dieser Aufgabe
      gelingen sollte, und der unentrinnbaren Verantwortlichkeit, die dann auch – und vielleicht
      zuerst – auf sie selbst fallen musste. Sie haben sich von Anfang an nur zögernd, innerlich
      widerstrebend (äußerlich übrigens auch durch allerlei Materialmangel und durch die
      überhandnehmenden alliierten Bombardierungen empfindlich gestört) an die Arbeit gemacht. So
      kam es, dass sie auch am Ende des <term ref="kbga-keywords-1333">Krieges</term> noch fern
      davon waren, zu deren Ziel gekommen zu sein.<note xml:id="n10">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594"><persName ref="kbga-actors-2656">Jungk</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n05">Anm. 5</ref>),
        S. 99–111.170f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-4983">G. L. Weinberg, <hi rend="italic">Eine Welt in Waffen. Die globale Geschichte des Zweiten Weltkriegs</hi>, aus dem
        Amerikanischen übertragen von H. Dierlamm u. a., Stuttgart 1995, S. 609–611</bibl>.</note>
      Es haben aber umgekehrt die emigrierten Physiker – unwissend über die Haltung, die Situation
      und die Resultate ihrer Kollegen in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> –
      die anfangs ziemlich misstrauischen und zurückhaltenden <hi rend="italic">amerikanischen</hi>
      Politiker und Militärs aufs dringendste auf die den Alliierten von Seiten <persName ref="kbga-actors-185">Hitlers</persName> drohende neue Gefahr und auf die Notwendigkeit, ihr
      in angemessener Weise zu begegnen, aufmerksam gemacht. Sie taten es mit dem Erfolg, dass die
      Konstruktion und Fabrikation der <term ref="kbga-keywords-1403">Atombombe</term> in <term key="Amerika / Vereinigte Staaten"><placeName ref="kbga-places-62">Amerika</placeName></term>, nachdem der Widerstand einmal überwunden
      war, wie es scheint unter besonders maßgeblicher Anleitung von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-6078">R. Oppenheimer</persName></hi> mit dem dort üblichen Schwung und
      unter rücksichtslosestem Einsatz aller organisatorischen, finanziellen und technischen Mittel
      in großer Heimlichkeit in Angriff genommen<note xml:id="n11">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594"><persName ref="kbga-actors-2656">Jungk</persName> (<ref type="pub" target="fn_n05">Anm. 5</ref>),
        S. 88f.92–99.112–129</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-4983">Weinberg (<ref type="pub" target="fn_n10">Anm. 10</ref>),
        S. 611–614</bibl>.</note> – in unserer Sprache: dass die Verwirrung der guten <term key="Schöpfung, Gottes gute Sch.">Schöpfung</term> Gottes mit dem <term key="Nichts / Nichtiges">Nichtigen</term> zuerst dort vollendete, der übrigen Welt freilich
      noch verborgene Tatsache wurde: die Herstellung eines Kriegsinstrumentes, neben dessen Wirkung
      die aller bisherigen, auch die der im zweiten <term ref="kbga-keywords-1333">Weltkrieg</term>
      eben verheerend genug in Anwendung gebrachten «gewöhnlichen» Bomben-Technik, weit in den
      Schatten treten sollte. |</p>
     <p>Kriegführung in Form von Vernichtung und Ausrottung ganzer Städte und halber Länder war der
      Prospekt, der sich jetzt eröffnete und von da ab immer weiter auftun sollte. Noch einmal
      schien es dann, als ob es fürs Erste praktisch <hi rend="italic">nicht</hi> zu solcher
      Kriegführung kommen sollte. Als die Amerikaner in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> einmarschierten, hatten sie es eiliger als mit viel Anderem damit,
      an den geeigneten Orten Nachforschungen über den dortigen Stand der Erfindung einzuziehen, und
      erfuhren nachträglich, dass die Deutschen den inzwischen in <placeName ref="kbga-places-62">Amerika</placeName> gemachten Fortschritten
      von ferne nichts Entsprechendes an die Seite gesetzt hatten – dass man sich also in <placeName ref="kbga-places-62">Amerika</placeName> in
      dieser Hinsicht umsonst so gewaltig vor ihnen gefürchtet hatte.<note xml:id="n12">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594"><persName ref="kbga-actors-2656">Jungk</persName> (<ref type="pub" target="fn_n05">Anm. 5</ref>),
        S. 162–176</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-4983">Weinberg (<ref type="pub" target="fn_n10">Anm. 1</ref>0),
       S. 610f.</bibl></note> Auch umsonst so gewaltig und schließlich erfolgreich angestrengt? –
      das war die weitere Frage. |</p>
     
     <p><pb xml:id="p675" ed="pga" rend="noPipe"/> Für eine Verwendung auf den europäischen Kriegsschauplätzen kam die <term ref="kbga-keywords-1403">Atombombe</term> nach der deutschen Kapitulation von 1945 nicht mehr in Betracht. Aber noch hatte ja <placeName ref="kbga-places-911"><hi rend="italic">Japan</hi></placeName> nicht kapituliert, setzte
      vielmehr den von einer pazifischen Insel zur anderen nach Westen vorstoßenden Amerikanern<note xml:id="n13">Das sogenannte «Inselspringen» der amerikanischen Truppen und ihrer Verbündeten
       vollzog sich bis Sommer 1944 vornehmlich in westlicher Richtung; nach der Einnahme <term key="Saipan"><placeName ref="kbga-places-1458">Saipans</placeName></term> und <term key="Guam"><placeName ref="kbga-places-1459">Guams</placeName></term> im Juli bzw. August 1944
       rückten sie jedoch von dort aus auch nordwärts Richtung <placeName ref="kbga-places-911">japanisches Festland</placeName> vor.</note>
      einen erbitterten und für diese sehr verlustreichen Widerstand entgegen.<note xml:id="n14">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594"><persName ref="kbga-actors-2656">Jungk</persName> (Anm. 5), S. 211</bibl>. Bei den Landungen auf
       <placeName ref="kbga-places-1460">Iwo <term key="Iwo Jima">Jima</term></placeName> im Februar/März und <term key="Okinawa"><placeName ref="kbga-places-1461">Okinawa</placeName></term>
       von April bis Juni 1945, den letzten Operationen vor einem eigentlichen Hauptangriff auf das
       japanische Festland, hatten die amerikanischen und alliierten Truppen die bis dahin
       schwersten Verluste während des Krieges zu beklagen gehabt: insgesamt über 100 000 Tote und
       Verwundete; diese Zahlen wurden als Hinweis darauf gedeutet, dass «die Kämpfe immer härter
       wurden, je näher die Alliierten dem japanischen Mutterland kamen»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4983">Weinberg (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>), S. 903–906.916–919, Zitat S. 919</bibl></note>
      Man weiß heute immerhin, dass es im Sommer jenes Jahres am äußersten Ende seiner Kraft war und
      geheime Verhandlungen mit dem Gegner bereits aufgenommen hatte. Es geschah also, was nun
      geschah, nicht bloß, wie man nachher gesagt hat, um noch schwerere amerikanische (man fügte
      dann der <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> halber gelegentlich hinzu: auch
      japanische) Menschenopfer zu verhüten: <anchor type="note" xml:id="fn-15"/>das hätte auch<note n="15" target="fn-15" type="textcritical" xml:id="n15"> Tskr., nachträglich eingefügt:
       «Japans Kapitulation hätte danach»; da der Rest des Satzes von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nicht sinngemäß
       verändert wurde, wurde diese Einfügung von den Hrsg. rückgängig gemacht.</note> durch eine
      geschicktere Diplomatie vermieden werden können.<note xml:id="n16">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594"><persName ref="kbga-actors-2656">Jungk</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n05">Anm. 5</ref>),
        S. 212</bibl>: «Die Übergabe Japans hätte nicht nur durch eine verschärfte Blockade,
       sondern, mit noch mehr Erfolgschancen, durch geschickte Diplomatie erreicht werden können.»
       Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594">a.a.O., S. 211–214</bibl>. Gerüchte über gewünschte
       Friedensverhandlungen nach der Kapitulation Deutschlands waren im Juni 1945 von der
       japanischen Regierung zurückgewiesen worden; nach dem Fall <placeName ref="kbga-places-1461">Okinawas</placeName> war eine «Kapitulation in
        <placeName ref="kbga-places-1310">Tokio</placeName> tatsächlich ein Diskussionsthema»; ein
       amerikanisches Ultimatum vom Juli 1945 – nach dem ersten Testabwurf einer Atombombe in <placeName ref="kbga-places-1462">New
       Mexico</placeName> – wurde jedoch ebenfalls zurückgewiesen. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4983">Weinberg
        (Anm. 10), S. 915f.923–926, Zitat S. 924</bibl>.</note> Es geschah vielmehr darum, weil
       <term key="Amerika / Vereinigte Staaten">Amerika</term> Eile hatte, dem russischen
      Verbündeten in jener Weltgegend in eindrucksvoller Weise zuvor zu kommen – und doch offenbar
      auch nach dem bekannten Gesetz, dass alle militärische Rüstung Höhepunkte erreichen kann, über
      die hinaus in einem gewissen Automatismus die militärische Tat des Ernstfalls folgen <hi rend="italic">muss</hi>. Der Beschluss <hi rend="italic">war</hi> nicht, <hi rend="italic">schien</hi> aber gewissen ausschlaggebenden Kreisen politisch-militärisch unvermeidlich,
      wurde gefasst und ausgeführt: vorerst eine oder zwei möglichst dicht bevöl<pb xml:id="p676" ed="pga" break="no"/>kerte japanische Städte mit dem neuen Kriegsinstrument anzugreifen. Das
      Resultat waren die Massentötungen, Massenverletzungen, Massenvergiftungen, Massenzerstörungen,
      die in wenigen Minuten im <date when="1945-08">August 1945</date> über <term key="Hiroshima"><placeName ref="kbga-places-1453">Hiroshima</placeName></term> und <term key="Nagasaki"><placeName ref="kbga-places-1454">Nagasaki</placeName></term> hereinbrachen. Unmittelbar nach dem Fall der zweiten <term ref="kbga-keywords-1403">Bombe</term> kapitulierte <placeName ref="kbga-places-911">Japan</placeName>.<note xml:id="n17">Am 6. August wurde die Atombombe auf <placeName ref="kbga-places-1453">Hiroshima</placeName> und am
       9. August auf <placeName ref="kbga-places-1454">Nagasaki</placeName> abgeworfen; unmittelbar danach, am 10. August, war bei einem Patt in
       einer einberufenen Kaiserlichen Konferenz die Stimme Kaiser <persName ref="kbga-actors-10382">Hirohitos</persName> ausschlaggebend dafür,
       dass die Bedingungen des Potsdamer Abkommens akzeptiert wurden und – nach weiteren,
       tagelangen Diskussionen – die Kapitulation am 15. August bekanntgemacht wurde; die formelle
       Zeremonie auf dem Schlachtschiff USS «Missouri» erfolgte am <date when="1945-09-02">2. September 1945</date>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4983">Weinberg (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>),
        S. 928–931</bibl>.</note> Es gab nun keine Feinde mehr, also – so mochte man denken – auch
      keine weitere Verwendung für die neuen Waffen, also auch keine Notwendigkeit, solche fernerhin
      herzustellen, wohl gar zu vervollkommnen. Es kam aber noch einmal ganz anders. Leider gab es
      nun eben – wir fragen hier nicht nach den Gründen – <hi rend="italic">doch</hi> einen neuen
      Feind: in Gestalt der eben noch mit <term key="Amerika / Vereinigte Staaten">Amerika</term>
      und seinen Alliierten Seite an Seite kämpfenden <term key="Sowjetunion">Sowjetunion</term>.
      Nur dass sich heimlich auch diese schon lange – und nach <placeName ref="kbga-places-1453">Hiroshima</placeName> mit erhöhter Intensität –
      ebenfalls, und auch sie nicht erfolglos, um die Herstellung und den Besitz derselben neuen
      Waffe bemüht hatte. Und nur dass sie in dem nun anhebenden <term key="Rüstungswettlauf, nuklearer">Nuklear-Rüstungswettlauf</term> – anfangs Amerika gegenüber
      im Nachteil – mit der Zeit aufzuholen wusste.<note xml:id="n18">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594"><persName ref="kbga-actors-2656">Jungk</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n05">Anm. 5</ref>), S. 266–271</bibl>. Der <orgName ref="kbga-actors-8562">Sowjetunion</orgName> gelang der erste Atombombentest im August
       1949.</note> |</p>
     <p> Amerika erfand und erprobte über die <term ref="kbga-keywords-1403">Atombombe</term> hinaus
      ein Instrument von – im Verhältnis zu dem über <term key="Hiroshima"><placeName ref="kbga-places-1453">Hiroshima</placeName></term>
      eingesetzten – tausendfacher Wirkungskraft,<note xml:id="n19">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594">a.a.O., S. 272</bibl>.</note> die auch nur experimentierend zu
      entfesseln man anfangs ernste Bedenken hatte, aber auch zu überwinden wusste: die <term key="Wasserstoffbombe">Wasserstoffbombe</term>.<note xml:id="n20">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594">a.a.O., S. 290–311</bibl>. Der erste Wasserstoffbombentest fand in
       der Nacht vom <date when="1952-10-31">31. Oktober</date> auf den <date when="1952-11-01">1. November 1952</date> auf der kleinen, zur Gruppe der <term key="Marshall-Inseln"><placeName ref="kbga-places-1466">Marshall-Inseln</placeName></term> gehörenden Insel Elugelab statt, von der nach der Explosion nichts
       mehr zu sehen war.</note> Aber die Sowjetunion erfand und erprobte prompt auch diese.<note xml:id="n21">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594">a.a.O., S. 312f</bibl>.; die Detonation der
       ersten sowjetischen Wasserstoffbombe erfolgte bereits im August 1953, also nicht einmal ein
       Jahr nach dem amerikanischen Test.</note> Wieder beide erfanden weiter (nicht ohne
      Nutzbarmachung einer deutschen Erbschaft <pb ed="A" n="976"/> aus den letzten <term ref="kbga-keywords-1333">Kriegsmonaten</term><note xml:id="n22">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594"><persName ref="kbga-actors-2656">Jungk</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n01">Anm. 5</ref>),
        S. 251</bibl>. Gemeint sind die in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs eingesetzten
       Raketen, die sich vornehmlich gegen Ziele in <placeName ref="kbga-places-18">England</placeName>, später auch <placeName ref="kbga-places-167">Belgien</placeName> und den <placeName ref="kbga-places-514">Niederlanden</placeName> richteten. Untrennbar mit der Entwicklung
       dieser Waffen in <term key="Peenemünde"><placeName ref="kbga-places-1467">Peenemünde</placeName></term> (Usedom) verbunden ist der Name des
       späteren Leiters des amerikanischen Raketen- und Weltraumprogramms, <persName ref="kbga-actors-10196">Wernher von Braun</persName>. Aber auch die <orgName ref="kbga-actors-8562">Sowjetunion</orgName> wusste sich 1945 die Dienste deutscher
       Raketeningenieure zur Entwicklung eigener solcher Waffen zu sichern.</note>) – und hier war
      und ist <placeName ref="kbga-places-297">Russland</placeName> scheinbar im <pb xml:id="p677" ed="pga"/> Vorsprung – die fernreichende <term key="Raketen">Rakete</term>, mit deren Hilfe
      die Gegner eines künftigen Krieges sich (leider gegenseitig!) das Allerschlimmste, die
      Auslöschung halber Kontinente nun, androhen und eines Tages antun können.<note xml:id="n23">Vor allem aus Kostengründen hatte sich die Sowjetunion vornehmlich der Aufrüstung im Bereich
       der Raketentechnik verschrieben, jedoch blieb sie damit im militärischen Bereich technisch
       durch die 1950er Jahre hindurch hinter den <placeName ref="kbga-places-62">USA</placeName>
       zurück (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4984">B. Stöver, <hi rend="italic">Der Kalte Krieg
         1947–1991. Geschichte eines radikalen Zeitalters</hi>, München 2007, S. 154f.</bibl>).
       Unabhängig von der tatsächlich damit gegebenen Bedrohung löste jedoch der erfolgreiche Start
       des «Sputnik 1»-Satelliten am <date when="1957-10-04">4. Oktober 1957</date> in der
       westlichen Welt und besonders in den USA einen Schock aus (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4984">a.a.O., S. 155</bibl>). Auf diesen erfolgreichen Satellitenstart
       und die deutlich spürbare Verunsicherung im Westen dürfte auch <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Bemerkung über den
       scheinbaren Vorsprung Russlands zurückzuführen sein.</note> Russische <term key="Unterseeboote">Unterseeboote</term> mit derselben Zweckbestimmung soll es übrigens auch
      schon geben.<note xml:id="n24">Bereits 1947 hatten die <orgName ref="kbga-actors-8455">Amerikaner</orgName> erstmals eine Rakete von
       einem U-Boot gestartet, 1955 war dies auch der <orgName ref="kbga-actors-8562">Sowjetunion</orgName> gelungen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4984">a.a.O.,
       S. 149</bibl>.</note> Wieder beide gehen ferner ernstlich mit dem Gedanken um, auch ihre
      beiderseitigen Verbündeten oder Vasallen – welche große oder kleine Armee möchte im Ernstfall
      ohne das bestehen können? – mit der neuen <term ref="kbga-keywords-1403">Waffe</term>
       auszurüsten.<note xml:id="n25">Im Zuge einer Überarbeitung der Militärdoktrin zur
       Verteidigung Westeuropas und um trotz der angestrebten Reduzierung der eigenen Streitkräfte
       dort eine glaubwürdige Abschreckung aufrechtzuerhalten, begannen die US-Streitkräfte Mitte
       der 1950er Jahre, sogenannte «taktische» Atomwaffen in den <orgName ref="kbga-actors-10383">NATO</orgName>-Mitgliedsstaaten zu
       stationieren, die allerdings weiter nur ihrer eigenen Verfügungsgewalt unterstanden.
       Besonders die bundesrepublikanische Regierung unter Kanzler <persName ref="kbga-actors-1423">Konrad Adenauer</persName> und Verteidigungsminister <persName ref="kbga-actors-10197">Franz-Josef Strauß</persName> war aus eigenem sicherheitspolitischen Kalkül heraus
       zeitweilig sehr daran interessiert, dass auch die neue Bundeswehr selbst mit Atomwaffen
       ausgerüstet werde und Verfügungsgewalt darüber bekomme; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5051"><persName ref="kbga-actors-1243">A. Schweitzer</persName>, <hi rend="italic">Zweiter
         Appell. Die Gefahr eines Atomkriegs</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Friede oder
         Atomkrieg</hi>, München 1958, S. 21–34, dort S. 28f.32f.</bibl> (zu dieser Broschüre vgl.
       unten, <ref type="pub" target="fn_n31">Anm. 31</ref>); vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-5052">T. Judt, <hi rend="italic">Die
         Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg</hi>, aus dem Engl. von M. Fienborg / H.
        Kober, München / Wien 2006, S. 282–284</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5053">M.
        Görtemaker, <hi rend="italic">Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung
         bis zur Gegenwart</hi>, München 1999, S. 343–347.</bibl></note> Und wieder beide – seit
      <date when="1953">1953</date> unter Zuzug von <term key="England / Großbritannien">England</term> – dessen Experimente
      begannen passenderweise auf der <term key="Weihnachtsinseln">«<placeName ref="kbga-places-1456">Weihnachtsinsel</placeName>»</term><note xml:id="n26">Seine erste Atombombe ließ <orgName ref="kbga-actors-8605">Großbritannien</orgName> bereits am <date when="1952-10-03">3. Oktober 1952</date> vor
       Trimouille-Island, zu den <term key="Montebello-Inseln"><placeName ref="kbga-places-1468">Montebello-Inseln</placeName></term> nordwestlich
       von Australien gehörend, detonieren; vor der <placeName ref="kbga-places-1456">Weihnachtsinsel</placeName> (heute: Kiribati) im Pazifik
       erfolgte am <date when="1957-11-08">8. November 1957</date> der erste britische
       Wasserstoffbombentest; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4984">Stöver (<ref type="pub" target="#fn_n23">Anm. 23</ref>),
        S. 156</bibl>.</note> – haben es <pb xml:id="p678" ed="pga"/> fertiggebracht, mit ihren bis
      jetzt über 150 Versuchsexplosionen besonders der <term key="Wasserstoffbombe">Wasserstoffbombe</term> große Teile der <term key="Erdatmosphäre">Erdatmosphäre</term> in
      einem Maß mit <term key="Radioaktivität">Radioaktivität</term> zu bereichern, auf dessen schon
      eingetretene und für die Zukunft von Generationen bestimmt zu erwartende Folgen alle
      Aufmerksamen und Unbefangenen unter den Biologen und Medizinern längst deutlich genug
      hingewiesen haben.<note xml:id="n27">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594"><persName ref="kbga-actors-2656">Jungk</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n05">Anm. 5</ref>),
        S. 317–319</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5054"><persName ref="kbga-actors-1243">A.
         Schweitzer</persName>, <hi rend="italic">Erster Appell. Verzicht auf
         Versuchsexplosionen</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Friede</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n25">Anm. 25</ref>),
        S. 7–19.</bibl></note> Die Anzahl der auf beiden Seiten bereits hergestellten und vorläufig
      zu künftigem Gebrauch magazinierten Bomben soll nach vorsichtiger Schätzung rund 50 000
      betragen – eine Zahl, von der ein Bruchteil genügen würde, allem Leben auf dieser schönen
      Erde, eventuell dieser Erde überhaupt, ein Ende zu machen: Alles zur notwendigen Verteidigung
      der westlichen <term key="Freiheit, westliche">Freiheit</term> oder zu der des östlichen <term key="Freiheit, des östlichen Sozialismus">Sozialismus</term>! |</p>
     <p> Der <term key="Atom- / Kernphysik">Wissenschaft</term>, mit deren stillen Bemühungen und
      Triumphen das Ganze einst so lieblich begonnen hatte, hat sich diese Geschichte längst
      entzogen: es wäre denn, man dächte an diejenigen ihrer Vertreter, die es aus Gründen ihrer
      politischen Ideologie oder um ihres Brotes oder Renommés willen für richtig und möglich
      halten, sich weiterhin mit der technischen Fortentwicklung jener Instrumente oder mit der
      propagandistischen <term key="Atombombe, propagandistische Verharmlosung ihres Gebrauchs">Verharmlosung</term> der Folgen ihres Gebrauchs<note xml:id="n28">Beispiele bei <bibl corresp="kbga-bibls-5054"><persName ref="kbga-actors-1243">Schweitzer</persName>, <hi rend="italic">Erster Appell</hi> (<ref type="pub" target="fn_n27">Anm. 27</ref>),
        S. 10–13</bibl>.</note> zu beschäftigen. Der internationale Protest von über 9200 aufrechten
      Gelehrten aller Länder gegen alle jene Weiterungen,<note xml:id="n29">Gemeint ist die im
       Januar 1958 von <persName ref="kbga-actors-3436">Linus Pauling</persName> (1901–1994; 1954
       mit dem Nobelpreis für Chemie und 1963 für seinen Einsatz gegen weitere Atomwaffentests mit
       dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet) dem <orgName ref="kbga-actors-5649">UNO</orgName>-Generalsekretär <persName ref="kbga-actors-10384">Dag Hammarskjöld</persName> überreichte Petition, die im Namen von 9235
       Wissenschaftlern aus aller Welt ein internationales Abkommen zur Beendigung weiterer Tests
       verlangte. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5054">a.a.O., S. 16</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5055">W. Kraushaar, <hi rend="italic">Die Protest-Chronik 1949–1959.
         Eine illustrierte Geschichte von Bewegung, Widerstand und Utopie</hi>, Bd. III: <hi rend="italic">1957–1959</hi>, Hamburg 1996, S. 1773.</bibl></note> der Aufruf der 18
      deutschen Physiker gegen die <term key="Aufrüstung, atomare">Atomaufrüstung</term> in <term key="Deutschland, Westdeutschland"><placeName ref="kbga-places-1457">Westdeutschland</placeName></term>,<note xml:id="n30">Abdruck: <bibl corresp="kbga-bibls-4980"><hi rend="italic">Evangelische Stimmen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n02">Anm. 2</ref>), S. 105f.; KJ
        84 (1957), S. 85f.</bibl></note> die Stimme des einsamen Warners <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1243">Albert Schweitzer</persName></hi><note xml:id="n31">Drei Ende April
       1958 zuerst über Radio Oslo verbreitete «Appelle» Schweitzers erschienen gesammelt in: <bibl corresp="kbga-bibls-5056"><persName ref="kbga-actors-1243">Schweitzer</persName>, <hi rend="italic">Friede</hi> (Anm. 25)</bibl>.</note> sollen nicht vergessen sein. Wer hat sie
      gehört oder, wenn gehört, ernst genommen? Wem ist durch diese ganze Entwicklung der Atem und
      die Lust zu weiterem Diskutieren von «Ermessensfragen» vergangen?<note xml:id="n32">Anspielung
       auf die westdeutschen Debatten um Westintegration, Wiederbewaffnung und den politischen
       Auftrag der Kirche, die in den 1950er Jahren die <orgName ref="kbga-actors-9623">Evangelische
        Kirche in Deutschland</orgName> mehrfach an den Rand einer Spaltung brachten. Gegen die aus
       dem linken Spektrum des deutschen Protestantismus, besonders aus den Kreisen um die
       Kirchlichen Bruderschaften erhobenen Forderungen nach eindeutiger Positionierung der <orgName ref="kbga-actors-9623">EKD</orgName> (bis hin zum Ausrufen des status confessionis)
       insbesondere gegen die Wiederbewaffnung führten vor allem konservativ-lutherische Theologen
       die Unterscheidung von «Glaubensfragen und Ermessensfragen» an. Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-5002">KJ 82 (1955), S. 7</bibl>:
       «Nur die Kernfrage […] sei nochmals berührt: daß die Kirche, wenn sie sich als Gesamtheit
       äußert, zwischen den Weisungen ihrer Botschaft und zwischen sachlichen Ermessensfragen
       unterscheiden muß. In der Botschaft von Jesus Christus sind alle Glieder der Gemeinde
       gemeinsam angesprochen; […] In den sachlichen Ermessensfragen dagegen entscheiden sie
       unterschiedlich […]. Die gleiche Schwärmerei liegt vor, wenn man die in Christus gegebene
       Einheit der Gemeinde auch in einer Einheit jener sachlichen Entscheidungen manifestiert sehen
       will, welche die Christen als Einzelne zu fällen haben. Dann kann es, ja dann <hi rend="italic">muß</hi> es zur Häresie werden, wenn eine Gruppe von Christen etwa die
       sachliche Entscheidungsfrage ‹Wiederbewaffnung› in einem anderen Sinn beantwortet, als
       irgendwelche kirchlichen Gremien es gefordert haben.» (<persName ref="kbga-actors-1929">Helmut Thielicke</persName>). Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-328">JK 17 (1956), S. 520f.</bibl>: «Auch in der Demokratie übt
       die Staatsregierung ein stellvertretendes Amt. Es trägt nicht jeder Staatsbürger die gleiche
       Verantwortung. Es ist nicht der einzelne Wähler die Obrigkeit. Dieser Tatbestand ist von
       unendlichem Gewicht für die Wehrdienstfrage. […] Daraus geht hervor, daß streng zu
       unterscheiden ist zwischen Glaubensfragen und Ermessensfragen. Beide sind sie natürlich
       Gewissensfragen. Aber während man in Glaubensfragen im Namen Gottes, des Vaters unsers Herrn
       Jesu Christi reden kann und muss, […], ist das bei Ermessensfragen anders. Hier geht es um
       Einschätzung der jeweiligen Situation und um die Wahl der besten Mittel, ihr zu begegnen.»
        (<persName ref="kbga-actors-6029">Walter Künneth</persName>).</note> Wer ist dafür zu
      gewinnen, sich – <pb xml:id="p679" ed="pga"/> nicht vor dem Atomtod, aber vor der <term key="Sünde, Atomsünde">Atomsünde</term><note xml:id="n33">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/3, S. 802</bibl>: «Das allgemeine Grauen vor dem unverkennbar anklopfenden Atom<hi rend="italic">tod</hi> ist Eines und genügt offenbar nicht, diesen Kreislauf aufzuhalten.
       Etwas Anderes wäre die Erkenntnis der confusio hominum als solcher, in diesem Fall: die
       Erkenntnis der Atom<hi rend="italic">sünde</hi>.»</note> mehr zu fürchten als vor den Russen?
      Der Fortschritt dem umfassendsten Mord, der dann gleich auch umfassendster Selbstmord sein
      wird, entgegen scheint unaufhaltsam. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-6078">R.
        Oppenheimer</persName></hi>, genannt «der Vater der Atombombe»,<note xml:id="n34">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594"><persName ref="kbga-actors-2656">Jungk</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n05">Anm. 5</ref>), S. 237</bibl>: «<persName ref="kbga-actors-6078">Robert Oppenheimer</persName> […], bisher nur einem kleinen Kreis von wissenschaftlichen
       Kollegen und einigen wenigen Politikern bekannt, war nun plötzlich Gegenstand der
       Massenbewunderung. Als angeblicher ‹Vater der Atombombe› – eine allzu vereinfachende
       Bezeichnung, die er selbst stets ablehnte – wurde der Gelehrte gefeiert wie ein siegreicher
       Feldherr.»</note> wurde, als er sich jenen <pb xml:id="p680" ed="pga"/> Weiterungen spät, aber
      schließlich doch, ebenfalls entgegenstellte, mit dem im Westen üblichen Verdacht östlicher
      Sympathien und Beziehungen in die Wüste ge<pb ed="A" n="977" break="no"/>schickt.<note xml:id="n35">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1594">a.a.O., S. 324–339</bibl>.</note>
      <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2684">C. Fr. von Weizsäcker</persName></hi>
      doziert heute nicht mehr <term key="Physik">Physik</term>, sondern – <term ref="kbga-keywords-1046">Philosophie</term> in <placeName ref="kbga-places-90">Hamburg</placeName>.<note xml:id="n36"><persName ref="kbga-actors-2684">Carl Friedrich von Weizsäcker</persName>, der sich schon seit 1945
       aufgrund seiner eigenen Verstrickung in das deutsche Atomwaffenprogramm stärker mit
       verantwortungsethischen Fragen beschäftigt und politisch engagiert hatte – er war einer der
       Initiatoren des Aufrufs der 18 deutschen Physiker (s. oben, <ref type="pub" target="#fn_n30">Anm. 30</ref>) – übernahm 1957 einen Lehrstuhl für Philosophie in <placeName ref="kbga-places-90">Hamburg</placeName>.</note> Von einem immerhin auch möglichen
      «friedlichen Gebrauch der <term key="Atom- / Kernenergie">Atomenergie</term>» («<foreign xml:lang="eng">peaceful use
      of atomics</foreign>») ist zwar immer wieder die Rede, und Pläne und Versuche in dieser Richtung sind
      tatsächlich im Gange, entsprechende Einrichtungen (sogenannte <term key="Atom- / Kernkraftwerke">Atommeiler</term>) da und dort bereits vorhanden.<note xml:id="n37">Erste Kernkraftwerke waren in der <orgName ref="kbga-actors-8562"><placeName ref="kbga-places-1425">Sowjetunion</placeName></orgName> 1954, in <placeName ref="kbga-places-876">Großbritannien</placeName>
       1955 und in den <placeName ref="kbga-places-62">USA</placeName> 1957 in Betrieb genommen
       worden, in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> im Oktober 1957 der
       Forschungsreaktor in Garching bei <placeName ref="kbga-places-43">München</placeName>.</note>
      Aber wie ist diese – übrigens offenbar selbst nicht unproblematische – positive Möglichkeit
      überdeckt von der Verwirklichung der anderen, in der jene Energie nur eben – und in welch
      schlechthin fürchterlicher Form – in den Dienst des <term key="Nichts / Nichtiges">Nichtigen</term> und der Vernichtung gestellt worden ist! Auch eine «Kettenreaktion»! möchte
      man angesichts dieser ganzen Geschichte sagen: die scheinbar unwiderstehliche Kettenreaktion
      der <foreign xml:lang="lat">confusio <term key="confusio hominum">hominum</term></foreign><note xml:id="n38">«<foreign xml:lang="lat">Hominum confusione et Dei providentia (Helvetia regitur)</foreign>» – zu
       dieser von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gern benutzten Wendung vgl.
        <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/3, S. 794–802</bibl> (in der Vorlesung wohl diesem Exkurs
       unmittelbar vorangehend); vgl. auch – mit weiteren Belegen – <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p301#fn_n81">S. 301, Anm. 81</ref></bibl>.</note>.</p>
      </div>

    </div>
   </div>
  </body>
 </text>
</TEI>
