Über [das] Sein des Menschen in Jesus Christus
II. Die kleineren Fragmente
Über [das] Sein des Menschen in Jesus Christus
Diese beiden Teilfragmente1 – in
Die Überschrift, die den Fragmenten von
Über [das] Sein des Menschen in Jesus Christus
[I.]
Was ist er faktisch? Welches ist der Stand des in Jesus Christus
begnadigten und also dem Nichts, der Gottesfeindschaft entrissenen, des in Jesus
Christus in den Frieden mit Gott versetzten Menschen: des Menschen, der in Ihm und durch Ihn ein Mensch Gottes ist? Setzen wir jetzt voraus – ohne diese Voraussetzung
hätten wir ja schon von der Versöhnung als dem göttlichen
Souveränitätsakt kein Wort sagen können und können wir
natürlich auch von dem durch Gott mit ihm versöhnten Menschen kein Wort sagen – setzen wir
voraus, wir nähmen das Zeugnis der Bibel an, wir hörten
es nicht als eine Theorie, sondern8
156 als verbindliche Ankündigung dessen, was wirklich Gott wirklich für uns
selbst getan hat, was also zwischen Gott und uns selbst wirklich ist!
Wir sähen, wir hätten gefunden, uns wäre begegnet, wir hätten erkannt, was Viele nicht gesehen
zu haben scheinen, was die Welt, zu der wir im Übrigen
auch gehören, noch nicht erkannt haben und dessen Erkenntnis sie sich mehr oder weniger
ausdrücklich, mehr oder weniger wissend, was sie tut [vgl.
Zwei9 kritisch, aber auch positiv wichtige Abgrenzungen müssen hier vorausgehen.
(1) Dieser Mensch hat Jesus Christus vor Augen und blickt auf Ihn; er
hört Ihn als das Wort, das ihm erlaubt und gebietet, sich an ihn zu |643 halten, d. h. daran, dass die in Ihm geschehene Versöhnung ein für allemal auch seine eigene ist. Er gehorcht Ihm als diesem Wort.
Und in diesem Gehorsam lebt er von der in Ihm auch ihm
selber zugewendeten Gnade Gottes. Er findet in Ihm auch
sich selbst Gott zugekehrt und also als Gottes treuen Bundesgenossen. Er hat in Ihm radikal und endgültig Frieden mit Gott [
158 (2) Der mit Gott versöhnte Mensch kann nicht im Singularis existieren, sondern er existiert mit Vielen zusammen und in unauflöslicher Verbundenheit mit diesen. Versöhnt sein ist keine Privatangelegenheit. In der Wirklichkeit der von Jesus Christus gehaltenen und bewährten Bundestreue, des in ihm hergestellten Friedens mit Gott, des in ihm auf den Plan geführten neuen Menschen steht und lebt niemand für sich, als Monade ohne Fenster11. Das gilt für das, was jeder Mensch auf Grund der in Jesus Christus geschehenen Versöhnung immer schon ist, und gilt natürlich erst recht für alles eigene Erfahren und Erkennen dieser Wirklichkeit. Man kann ruhig sagen, dass Versöhntsein und partikulares Fürsichsein Begriffe sind, die sich gegenseitig ausschließen. Versöhntsein ist in jedem Sinn und in jeder Hinsicht eine gemeinschaftliche Angelegenheit. Versöhntsein ist ein im weiteren wie im engeren Umkreis solidarisches Sein.
Wir denken zuerst daran, dass das Objekt der in Jesus Christus geschehenen Versöhnung ja
kein einzelner Mensch als solcher, sondern der Kosmos ist [vgl.
Und nun entsteht ja neben dieser weiteren eben dadurch noch eine engere Solidarität versöhnter Menschen untereinander, dass es unter ihnen solche gibt –
und die mögen nun die Christen heißen –,
die Jesus Christus und die in ihm geschehene Versöhnung der Welt als solche 160 erfahren und erkennen – nämlich als ihre eigene
Versöhnung erfahren und erkennen dürfen – im Glauben an ihn, in
jener fruchtbaren Distanz ihm gegenüber, und gerade so in ihm ihre eigene, aber auch der ganzen Welt Versöhnung.
Und da kann es nun erst recht kein Alleinsein eines Einzelnen geben. Denn einmal bedeutet die
Freiheit solcher Erfahrung und Erkenntnis für die, denen sie zuteil wird, ein gemeinsames Herausgerufenwerden aus der Blindheit und Taubheit, in der sie
zuvor der übrigen Welt gleich waren; einmal wird solche Erfahrung und Erkenntnis sie also
inmitten der übrigen Menschen absondern und isolieren und eben damit unter sich zusammenführen
und zusammenschließen. Sodann gibt es ja solche Erfahrung und Erkenntnis für keinen Einzelnen
anders als in der Weise, dass sie ihm durch das Zeugnis Anderer, die
sie vor ihm hatten und neben ihm haben, vermittelt und auch immer wieder bestätigt wird. Und
endlich verbindet solche Erkenntnis und Erfahrung die, denen sie zuteil wird, notwendig und
sofort zur Inangriffnahme einer ihnen allen aufgetragenen, sie gemeinsam
verpflichtenden Aufgabe: sie sind jetzt unter sich vereinigt durch den Auftrag, ihre
eigene Versöhnung als die Versöhnung der Welt (die sie ja ursprünglich und eigentlich ist) eben der
Welt, die sie als solche noch nicht erfahren und erkannt hat, kund zu |647 geben und bekannt zu machen. Man muss wieder sagen: ein
Christ ist kein Christ, d. h. privates
Christentum ist überhaupt kein Christentum, für sich
persönlich versöhnt sein hätte mit der wirklichen in Jesus Christus geschehenen Versöhnung gar
nichts zu tun (wir erinnern uns an die unauflösliche Verbindung zwischen der Versöhnung und
dem Dienst der Versöhnung bei
[II.]
[ver]166hältnismäßig selten dazu gekommen ist, dass ernste
Christen sich bei solchen Abstraktionen behaften lassen, dem neuen Sein, dessen sie sich mit Recht rühmten, nun wirklich eine
Jesus Christus gegenüber selbständige Existenz in ihnen selbst zuschreiben wollten. Sondern
immer wieder – sogar vom römisch-katholischen Bereich ist
das zu sagen – hat sich die Grunderkenntnis (mindestens in Form von formalen Vorbehalten und
feierlichen Kommemorationen) gemeldet |648 und wenigstens teilweise
auch durchgesetzt: «per Jesum Christum Dominum nostrum»14 und nicht anders sind wir, was wir sind:
«Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide» [
Es würde also selbstverständlich auf lauter Illusionen hinauslaufen, wenn man das neue Sein
des mit Gott versöhnten Menschen 167 in der Menschheit oder vielleicht in einzelnen Gruppen oder auserlesenen Exemplaren der
Menschheit, oder in bestimmten Zügen ihrer geschichtlichen Entwicklung oder in den Werken ihrer Kultur,
ihrer Geistigkeit, ihrer Sittlichkeit, ihrer Rechtsbildung direkt wahrnehmen
und aufweisen zu können meinte. Wer an Jesus Christus glaubt, der wird freilich eben damit
auch an das neue Sein glauben, das in Ihm gerade der Welt, der Menschheit als solcher in
Gott geschenkt, in Ihm gerade ihr höchst real mitgeteilt und gegenwärtig ist. Er wird also an
der Menschenwelt auf keinen Fall verzweifeln können. Er weiß, was sie in ihrer ganzen
Zerrissenheit im Innersten zusammenhält.15 Er kennt das Erste und Letzte, was auch in ihr und für sie wahr ist und gilt. Er weiß
ja, was gerade über sie beschlossen und gerade für sie geschehen ist. Er weiß ja um ihre Versöhnung mit Gott. Von da aus kann er nicht vergessen, dass
sie in aller ihrer Verkehrtheit |649 und Jämmerlichkeit Gottes gute
Schöpfung ist. Und von da aus hofft er auch
für sie. Von da aus sieht er wohl auch immer wieder Indizien der Hoffnung, die Andere so nicht sehen können, weil sie den Grund aller Hoffnung auch
für die Welt nicht kennen, von da aus aber auch
notwendige Probleme und Aufgaben, an deren Bearbeitung und Lösung sich zu beteiligen gerade er
sich nicht weigern kann. Aber das Alles im Glauben, und zwar nicht in irgend einem Glauben an die Welt als solche, an das
Gute im Menschen, an den Wert seiner Errungenschaften,
an die Größe dieser und jener Personen, an diese und jene geschichtlichen Fortschritts- und Entwicklungsmöglichkeiten, sondern das
Alles im Glauben an Jesus Christus und an das neue Sein des Menschen, das in Ihm erschienen und wirksam ist. Verdrossen und müde wird er,
indem er von daher kommt und denkt, nicht werden, aber Illusionen über den Menschen und den
Lauf der Welt wird er sich, gerade indem er von daher
kommt und denkt, allerdings auch nicht machen können. Er wird nüchtern sein und seine Hoffnung
– eine im Unterschied zu allen Illusionen nicht zu enttäuschende Hoffnung! – nach
Was für die Welt gilt, muss aber in gleicher, oder besser: in noch größerer Strenge auch für die Christen selbst, ihr menschliches 168 Dasein und Wirken gelten; für den christlichen Bereich in der Menschheit, für die Kirche, ihre Geschichte, ihre Existenz und ihren Dienst als die Gemeinde Jesu Christi. Es würde wirklich auch da auf schwerste Illusionen hinauslaufen, wenn man das Sein des neuen Menschen in irgend einer Abstraktion suchen und finden wollte: etwa im Seelengrund16 (in der «Personmitte»17) oder auch in den indi|650viduellen und kollektiven Erlebnissen und Verrichtungen der christlich Frommen, oder in der Funktion und Auswirkung der kirchlichen Ämter, Institutionen, Sakramente, oder in der Autorität und dem Einfluss kirchlicher Kundgebungen. Am «christlichen» Wesen wird weder die Welt noch auch nur die Christenheit und Kirche selbst genesen.18 Das Sein der Christen und der Kirche ist Eines, das Sein des neuen Menschen ein Anderes. Es liegt der Christenheit immer wieder nahe, sich hier der Verwechslungen schuldig zu machen. Sie mag sich mit dem Anspruch und Anschein, das neue Sein zu haben und darzustellen, vorübergehend eine gewisse Herrlichkeit nach außen oder mindestens eine gewisse Stärkung ihres Selbstbewusstseins der Welt gegenüber verschaffen. Auf die Länge kann sie sich gerade damit nur ihrer Sache unsicher |651 und nach außen unglaubwürdig machen. Noch schlimmer: auf die Länge könnte sie sich damit nur zu einer Gestalt des Anti-Christ entwickeln. Gerade in ihr muss es doch klar sein, dass die Ehre des neuen Seins nur die ihres Herrn und Hauptes und also nicht eine solche sein kann, die sie in dieser oder jener Form sich selbst zuschreiben dürfte. Gerade sie kann es doch nur im Glauben an ihn haben wollen. Gerade sie wird also in der fruchtbaren Distanz ihm gegenüber verharren müssen: um sich nun gerade so ihrer allerdings höchst besonderen Teilnahme an dem bewusst sein zu dürfen, was in Jesus Christus der Welt geschenkt ist. Sie sieht und hört ihn ja als den, in welchem die Umkehrung des Menschen zu Gott hin gültig für Alle vollzogen ist. Sie existiert in der Dankbarkeit und in der Verpflichtung, die dieses Sehen und Hören nach sich zieht, und vor allem: im Dienste des Zeugnisses von diesem Geschehen der noch blinden und tauben Welt gegenüber. Das Alles vom Ihm her und zu Ihm hin und also Alles in größter Demut, in rückhaltloser Anerkennung der Menschlichkeit auch ihres Daseins und Werkes, 169 der menschlichen Problematik, der auch sie unterworfen ist, der menschlichen Bedürftigkeit, in der sie der Welt gleich ist und die sich ihr sogar unverhältnismäßig viel stärker aufdrängen muss als der ganzen übrigen Welt. Sie wird um ihre eigene Teilnahme an dem, was der Welt in Ihm geschenkt ist, gerade dann ganz gewiss und freudig wissen, sie wird sich in dieser Sache gerade dann durch niemand und nichts irre machen lassen, wenn sie, was sie ist, tut und hat, nur von Ihm her und zu Ihm hin sein, tun und haben und also sich eben der Anerkennung ihrer eigenen Bedürftigkeit für keinen Moment und in keiner Hinsicht entziehen will. Nicht die in sich selbst reiche oder nach solchem Reichtum begierige, sondern die arme und ihrer Armut frohe Kirche ist die starke Kirche, die in der Welt leiden und trotzen, geduldig und mutig sein, stehen und immer wieder auferstehen kann, indem sie ihres in ihrem Herrn verborgenen, verschlossenen und aufbewahrten Seins bewusst und eben so wahrhaft reich ist.
Die Frage: ob das nun nicht doch eine Einschränkung und Abschwächung dessen bedeuten möchte, was wir zuvor über das wahre und wirkliche Sein des mit Gott versöhnten Menschen gesagt haben, muss mit einigem Nachdruck an die so Fragenden zurückgegeben werden. Sie werden ja sicher den Glauben an Jesus Christus auch für sich in Anspruch nehmen. Wie aber kann ein Mensch, der an Ihn glaubt, auch nur auf den Gedanken kommen, gerade sein wahres und wirkliches Sein als neuer Mensch anderswo als in Ihm zu suchen und zu finden? Wie auf das Misstrauen, es könnte eine Minderung und Beschränkung seines eigenen neuen Seins bedeuten, wenn es so sein sollte, dass es ganz und ausschließlich in Ihm wahr und wirklich, gerade in Ihm und nur so auch das seinige ist? Wie auf den ausgefal|652lenen Wunsch, seiner auch noch anders, besser, intimer, eigentlicher, mächtiger als in Ihm ansichtig und habhaft zu werden: in irgend einem Besitz der Menschheit oder doch der Christenheit, in irgend welchen Gegebenheiten der Weltgeschichte oder doch der Kirchengeschichte oder doch der christlichen Lebensgeschichte? Wie kann, wer an Jesus Christus glaubt, auch nur