kein Datum

Über [das] Sein des Menschen in Jesus Christus

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II. Die kleineren Fragmente
Über [das] Sein des Menschen in Jesus Christus

Diese beiden Teilfragmente1 – in Charlotte von Kirschbaums Handschrift als «Zurückgestellt aus IV, 1» gekennzeichnet2 – gehörten zum im Sommersemester 1951 vorgetragenen Abschnitt § 58,1: «Die Gnade Gottes in Jesus Christus».3 Da beim ersten Teil4 sowohl der Beginn als auch das Ende des nicht zum Druck gekommenen Stückes ausnahmsweise erhalten blieben, lässt sich dessen ursprünglicher Ort sehr genau angeben: KD IV/1, S. 95 📖, zwischen den im Druck durch eine Leerzeile getrennten Absätzen. Das zweite Teilstück, im Typoskript nur wenige Seiten vom ersten entfernt,5 wird seinen Ort am Ende dieses Abschnittes gehabt haben (KD IV/1, S. 98).6

Die Überschrift, die den Fragmenten von Barths Hand gegeben wurde: «ÜberSein des Menschen in Jesus Christus», könnte auch ein Hinweis auf den Grund sein, aus dem beide Teile «zurückgestellt» wurden, ist sie doch beinahe identisch mit der des zweiten Abschnitts von § 58: «Das Sein des Menschen in Jesus Christus».7 Im Blick auf diesen eigenen Abschnitt zum selben Thema werden Barth die hier vorliegenden kürzeren Ausführungen für den Druck entbehrlich erschienen sein.

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Über [das] Sein des Menschen in Jesus Christus

[I.]

Was ist er faktisch? Welches ist der Stand des in Jesus Christus begnadigten und also dem Nichts, der Gottesfeindschaft entrissenen, des in Jesus Christus in den Frieden mit Gott versetzten Menschen: des Menschen, der in Ihm und durch Ihn ein Mensch Gottes ist? Setzen wir jetzt voraus – ohne diese Voraussetzung hätten wir ja schon von der Versöhnung als dem göttlichen Souveränitätsakt kein Wort sagen können und können wir natürlich auch von dem durch Gott mit ihm versöhnten Menschen kein Wort sagen – setzen wir voraus, wir nähmen das Zeugnis der Bibel an, wir hörten es nicht als eine Theorie, sondern8 156 als verbindliche Ankündigung dessen, was wirklich Gott wirklich für uns selbst getan hat, was also zwischen Gott und uns selbst wirklich ist! Wir sähen, wir hätten gefunden, uns wäre begegnet, wir hätten erkannt, was Viele nicht gesehen zu haben scheinen, was die Welt, zu der wir im Übrigen auch gehören, noch nicht erkannt haben und dessen Erkenntnis sie sich mehr oder weniger ausdrücklich, mehr oder weniger wissend, was sie tut [vgl. Lk. 23,34], verweigern mag! Wir seien in der Lage, von der in Jesus Christus geschehenen Versöhnung nach ihrer objektiven und eben darum auch nach ihrer subjektiven Seite mit den biblischen Zeugen aus eigener Sicht, Erfahrung und Erkenntnis und also nicht als Unkundige zu reden! Was ist dann von dem Menschen zu sagen, der auf Grund jenes göttlichen Souveränitätsaktes der mit Gott versöhnte Mensch ist?

Zwei9 kritisch, aber auch positiv wichtige Abgrenzungen müssen hier vorausgehen.

(1) Dieser Mensch hat Jesus Christus vor Augen und blickt auf Ihn; er hört Ihn als das Wort, das ihm erlaubt und gebietet, sich an ihn zu |643 halten, d. h. daran, dass die in Ihm geschehene Versöhnung ein für allemal auch seine eigene ist. Er gehorcht Ihm als diesem Wort. Und in diesem Gehorsam lebt er von der in Ihm auch ihm selber zugewendeten Gnade Gottes. Er findet in Ihm auch sich selbst Gott zugekehrt und also als Gottes treuen Bundesgenossen. Er hat in Ihm radikal und endgültig Frieden mit Gott [Röm. 5,1]. Aber er ist nicht selbst Jesus Christus. Er ist nicht der vom Vater hergegebene, von oben gekommene Sohn. Und die Versöhnung der Welt mit Gott geschah nicht in ihm: auch als seine eigene nicht in ihm! Er kann sich, indem er Frieden mit Gott haben darf, indem er sich als Gott zugekehrt und als Gottes treuen Bundesgenossen vorfinden darf, nicht seiner selbst rühmen. Er kann darum auch nicht an sich selbst glauben und auch nicht an seine Versöhnung, auch nicht an Gottes Gnade, sofern sie 157 Sache seines Sehens, seiner Erfahrung und Erkenntnis sein mag und faktisch ist. Gerade wer sie als solche wirklich sieht, erfährt und erkennt, wird sich nicht etwa dadurch von Anderen, von der Welt unterscheiden wollen, dass er in diesem erweiterten Sinn an sich selbst – sagen wir also: an sich selbst als ihren Empfänger, an seine Begnadigung, an seinen Gnadenstand, sein Leben aus der Gnade und dergleichen glaubt. Denn gerade darin besteht sein Leben aus der Gnade, das als solches unmöglich Gegenstand irgend eines Ruhms [vgl. 1.Kor. 1,31 u. ö.] oder gar des Glaubens werden kann: dass er von sich selbst weg, auf Jesus Christus blicken, sich an ihn halten und davon, dass er sich an ihn hält, leben darf. Er glaubt an Jesus Christus, «in Jesum Christum, Filium Dei unicum, Dominum nostrum»10. In diesem an, gerade an der in diesem «an» angezeigten fruchtbaren Distanz zwischen ihm und Jesus Christus liegt die ganze Kraft seines Versöhntseins. Und eben indem er an ihn glaubt, erfährt und erkennt er ihn als seinen Versöhner, sich selbst als den in ihm Versöhnten, bekommt sein menschliches Dasein die spezifisch christliche Dimension, unterscheidet er sich von der Welt, die noch nicht glaubt, und wird er in der Welt zum Zeugen der ihr widerfahrenen Versöhnung. Denn nur indem er an Jesus Christus glaubt, indem er sich Seiner rühmt, nur indem er das anerkennt und |644 allen Lobpreis, alle Dankbarkeit, alle Freudigkeit, auch alle Buße und Demut dem zuwendet, dass die Welt und er selbst dort, in Ihm, versöhnt ist, nur indem er auch die Anderen, die Brüder in der Gemeinde und die Menschen in der Welt, daraufhin ansieht und ihnen von der Voraussetzung aus begegnet, dass in Ihm alles Entscheidende und Nötige für ihn selbst wie für sie getan ist und in Geltung steht – nur darin und so nimmt er selbst teil an der von Gott auf den Plan geführten Existenz des neuen Menschen, ist er selbst ein neuer Mensch. Nur dann und nur so! müssen wir sagen. Nur in dieser fruchtbaren Distanz Jesu Christi ihm gegenüber ist es wahr, dass er – mit allen Konsequenzen, die das hat, – in Ihm ist. Alle Aufhebung dieser Distanz würde sein versöhntes Sein in Ihm nur bedecken und zerstören. Alles Mehr würde sofort ein Weniger sein: ein Heraustreten aus dem Frieden mit Gott, ein Zurückfallen in die Bundbrüchigkeit. Denn dass der Mensch den Bund hält, das ist für ihn genau insofern wahr, als Jesus Christus der Andere ist, der ihn in seiner Person gültig auch für ihn gehalten hat, und als er selbst sich eben daran hält, dass Er ihn gehalten hat.

158 (2) Der mit Gott versöhnte Mensch kann nicht im Singularis existieren, sondern er existiert mit Vielen zusammen und in unauflöslicher Verbundenheit mit diesen. Versöhnt sein ist keine Privatangelegenheit. In der Wirklichkeit der von Jesus Christus gehaltenen und bewährten Bundestreue, des in ihm hergestellten Friedens mit Gott, des in ihm auf den Plan geführten neuen Menschen steht und lebt niemand für sich, als Monade ohne Fenster11. Das gilt für das, was jeder Mensch auf Grund der in Jesus Christus geschehenen Versöhnung immer schon ist, und gilt natürlich erst recht für alles eigene Erfahren und Erkennen dieser Wirklichkeit. Man kann ruhig sagen, dass Versöhntsein und partikulares Fürsichsein Begriffe sind, die sich gegenseitig ausschließen. Versöhntsein ist in jedem Sinn und in jeder Hinsicht eine gemeinschaftliche Angelegenheit. Versöhntsein ist ein im weiteren wie im engeren Umkreis solidarisches Sein.

Wir denken zuerst daran, dass das Objekt der in Jesus Christus geschehenen Versöhnung ja kein einzelner Mensch als solcher, sondern der Kosmos ist [vgl. 2.Kor. 5,19]: die Menschenwelt, der Einzelne |645 immer nur als eines ihrer Glieder, als einer ihrer Repräsentanten, als ein Mensch unter und mit Mitmenschen – so dass seine Sache auch die ihrige, die ihrige auch die seine ist und bleibt. Ihnen miteinander ist das widerfahren, was Gott in Jesus Christus als das Werk ihrer Versöhnung, ihrer Umkehrung zu ihm hin getan hat, wie sie ja auch ohne Gottes Gnade miteinander Bundbrüchige, miteinander im selben Elend sind. Ein Mensch ist im Zusammenhang der Versöhnung, in ihrem Lichte gesehen, kein Mensch. Gerade in Jesus Christus – und eigentlich und ernsthaft nur in ihm – ereignet sich und offenbart sich die Zusammengehörigkeit der Menschen im Bösen wie im Guten. Im Bösen, sofern in ihm, in der Last, die er an Stelle aller Menschen auf sich genommen hat, alle Menschen miteinander zusammengefasst sind als fehlbar, angeklagt und verloren, zusammengefasst in ihrer ganzen hoffnungslosen Armut. Im Guten, sofern sie in ihm, wiederum zusammengefasst, alle miteinander von Gott ins Recht, an den ihnen zukommenden Ort, in die ihrem Verhältnis zu ihm angemessene Verfassung gesetzt und damit reich und herrlich gemacht sind. In ihm versöhnt sein ist12 im Blick auf dieses Gute wie auf jenes Böse ein Sein des 159 Menschen zusammen mit allen anderen Menschen. Jesus Christus ist ja für Jeden und für die sämtlichen in ihm mit Gott versöhnten Menschen Derselbe: ihrer aller Gerechtigkeit vor Gott, wie er auch ihrer aller Übertretungen auf sich genommen hat. Eben in ihm sind sie also auch zur Solidarität untereinander verbunden. Niemand kann das, was jeder Mensch in ihm ist, allein sein, und niemand kann das, was jeder Mensch ohne ihn und außer ihm ist, nicht sein wollen. Wie das, was er für einen Jeden ist, dasselbe ist, das er auch für alle Anderen ist, wie es also nach Kommunikation zwischen ihm und jenen ruft, so ist das, was ohne ihn allen fehlt, dasselbe, was ohne ihn auch jedem Einzelnen fehlt, so steht dieser auch von daher in Gemeinschaft mit allen Menschen. Man muss gerade auch dieses Letzte betonen: indem Jesus Christus der Heiland der Welt ist [Joh. 4,42], kann er auch des einzelnen Menschen Versöhner nur sein, sofern dieser an der Schuld und Not der ganzen Welt beteiligt ist. Wollte und könnte er das nicht – wollte und könnte er ein für seine Person Unschuldiger |646 und Seliger sein, dann würde das bedeuten, dass Jesus Christus sein Heiland nicht ist. Gerade wer seine eigene Versöhnung in ihm erfährt und erkennt, wird also bestimmt der Erste sein, sich zur Welt, zu allen anderen Menschen und darum gerade zu ihrer Schuld und Not, in der sie der Versöhnung und des Versöhners bedürftig sind, zu bekennen, und zwar rückhaltlos zu bekennen. Und merkwürdigerweise wird ihn gerade das von der Welt, die ihre in Jesus Christus geschehene Versöhnung noch nicht erkennt, am deutlichsten unterscheiden. Gerade von ihrer Solidarität in Schuld und Not will diese ja, sofern sie Jesus Christus nicht erkennt, bestimmt nichts wissen. Der ihn kennt, wird inmitten der Anderen immer derjenige sein, der weiß, dass er nicht besser ist als sie und dass er schon von daher ganz und gar zu ihnen gehört.

Und nun entsteht ja neben dieser weiteren eben dadurch noch eine engere Solidarität versöhnter Menschen untereinander, dass es unter ihnen solche gibt – und die mögen nun die Christen heißen –, die Jesus Christus und die in ihm geschehene Versöhnung der Welt als solche 160 erfahren und erkennen – nämlich als ihre eigene Versöhnung erfahren und erkennen dürfen – im Glauben an ihn, in jener fruchtbaren Distanz ihm gegenüber, und gerade so in ihm ihre eigene, aber auch der ganzen Welt Versöhnung. Und da kann es nun erst recht kein Alleinsein eines Einzelnen geben. Denn einmal bedeutet die Freiheit solcher Erfahrung und Erkenntnis für die, denen sie zuteil wird, ein gemeinsames Herausgerufenwerden aus der Blindheit und Taubheit, in der sie zuvor der übrigen Welt gleich waren; einmal wird solche Erfahrung und Erkenntnis sie also inmitten der übrigen Menschen absondern und isolieren und eben damit unter sich zusammenführen und zusammenschließen. Sodann gibt es ja solche Erfahrung und Erkenntnis für keinen Einzelnen anders als in der Weise, dass sie ihm durch das Zeugnis Anderer, die sie vor ihm hatten und neben ihm haben, vermittelt und auch immer wieder bestätigt wird. Und endlich verbindet solche Erkenntnis und Erfahrung die, denen sie zuteil wird, notwendig und sofort zur Inangriffnahme einer ihnen allen aufgetragenen, sie gemeinsam verpflichtenden Aufgabe: sie sind jetzt unter sich vereinigt durch den Auftrag, ihre eigene Versöhnung als die Versöhnung der Welt (die sie ja ursprünglich und eigentlich ist) eben der Welt, die sie als solche noch nicht erfahren und erkannt hat, kund zu |647 geben und bekannt zu machen. Man muss wieder sagen: ein Christ ist kein Christ, d. h. privates Christentum ist überhaupt kein Christentum, für sich persönlich versöhnt sein hätte mit der wirklichen in Jesus Christus geschehenen Versöhnung gar nichts zu tun (wir erinnern uns an die unauflösliche Verbindung zwischen der Versöhnung und dem Dienst der Versöhnung bei Paulus [vgl. 2.Kor. 5,18])! Gerade der, der an den Sohn Gottes glauben darf und also nicht verloren ist, sondern das ewige Leben hat [Joh. 3,16 Joh. 3,16], gerade der Christ existiert – nicht erst nachträglich, nicht nur fakultativ, nicht nur äußerlich, sondern von Haus aus notwendig und schlechthin im Innersten seiner christlichen Existenz – in der Gemeinde, ist von Natur, in selbstverständlicher Dankbarkeit und Verantwortlichkeit ihr Glied: so und nur so auch in Christus, ein Glied seines13 161 Leibes. Ein abstraktes «Christus pro me» ist auch als solches ohnmächtig. Es kann nur als Konsequenz aus dem ihm vorgeordneten «Christus pro nobis» echt sein, in welchem der Einzelne mit dem Volke Gottes zusammengeschlossen ist. Und dann also erst recht – das zuerst Genannte bleibt ja nicht etwa zurück, sondern tritt nun erst recht in Kraft – gerade als Christ auch mit der Welt, in seiner Versöhnung die ihrige bezeugend, in seiner Erfahrung und Erkenntnis die ihrige gewissermaßen vorwegnehmend, in seinem Glauben vorläufig stellvertretend für sie glaubend – und in dem allem: ihre Schuld und Not auch als seine eigene erkennend und bekennend. – Das ist das Zweite, was über das Sein des versöhnten Menschen abgrenzend zu bemerken ist.

[II.]

[ver]166hältnismäßig selten dazu gekommen ist, dass ernste Christen sich bei solchen Abstraktionen behaften lassen, dem neuen Sein, dessen sie sich mit Recht rühmten, nun wirklich eine Jesus Christus gegenüber selbständige Existenz in ihnen selbst zuschreiben wollten. Sondern immer wieder – sogar vom römisch-katholischen Bereich ist das zu sagen – hat sich die Grunderkenntnis (mindestens in Form von formalen Vorbehalten und feierlichen Kommemorationen) gemeldet |648 und wenigstens teilweise auch durchgesetzt: «per Jesum Christum Dominum nostrum»14 und nicht anders sind wir, was wir sind: «Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide» [Ps. 100,3]. Wir haben nur eben dies allen katholischen, mystischen, pietistischen, romantisch-spekulativen Undeutlichkeiten und drohenden Verwechslungen gegenüber grundsätzlich ins Licht zu stellen: dass eine Abstraktion des dem Menschen geschenkten neuen Seins von dem Sein, das in Jesus Christus das seinige ist (das er haben darf, indem er Ihn hat) nicht möglich ist. Dort, in Ihm, in Diesem und in Ihm allein ist das Sein des neuen Menschen das unsrige, ist es von Gott als das unsrige geschaffen und uns geschenkt, ist es also gerade als unser eigenes wahrzunehmen, zu suchen, zu finden und zu haben. Kein Mensch hat es anders, als indem es auch für ihn, auch als das seinige, dort, in Ihm, in Diesem und in Ihm allein verborgen, verschlossen, aufbewahrt ist, keiner anders als in der fruchtbaren Distanz gegenüber diesem Anderen, Fremden, vom ihm selbst Verschiedenen, von Gott auch zu ihm Gesandten, auch für ihn Dahingegebenen, keiner anders als in der Begegnung und immer wieder im Gegenüber mit Ihm.

Es würde also selbstverständlich auf lauter Illusionen hinauslaufen, wenn man das neue Sein des mit Gott versöhnten Menschen 167 in der Menschheit oder vielleicht in einzelnen Gruppen oder auserlesenen Exemplaren der Menschheit, oder in bestimmten Zügen ihrer geschichtlichen Entwicklung oder in den Werken ihrer Kultur, ihrer Geistigkeit, ihrer Sittlichkeit, ihrer Rechtsbildung direkt wahrnehmen und aufweisen zu können meinte. Wer an Jesus Christus glaubt, der wird freilich eben damit auch an das neue Sein glauben, das in Ihm gerade der Welt, der Menschheit als solcher in Gott geschenkt, in Ihm gerade ihr höchst real mitgeteilt und gegenwärtig ist. Er wird also an der Menschenwelt auf keinen Fall verzweifeln können. Er weiß, was sie in ihrer ganzen Zerrissenheit im Innersten zusammenhält.15 Er kennt das Erste und Letzte, was auch in ihr und für sie wahr ist und gilt. Er weiß ja, was gerade über sie beschlossen und gerade für sie geschehen ist. Er weiß ja um ihre Versöhnung mit Gott. Von da aus kann er nicht vergessen, dass sie in aller ihrer Verkehrtheit |649 und Jämmerlichkeit Gottes gute Schöpfung ist. Und von da aus hofft er auch für sie. Von da aus sieht er wohl auch immer wieder Indizien der Hoffnung, die Andere so nicht sehen können, weil sie den Grund aller Hoffnung auch für die Welt nicht kennen, von da aus aber auch notwendige Probleme und Aufgaben, an deren Bearbeitung und Lösung sich zu beteiligen gerade er sich nicht weigern kann. Aber das Alles im Glauben, und zwar nicht in irgend einem Glauben an die Welt als solche, an das Gute im Menschen, an den Wert seiner Errungenschaften, an die Größe dieser und jener Personen, an diese und jene geschichtlichen Fortschritts- und Entwicklungsmöglichkeiten, sondern das Alles im Glauben an Jesus Christus und an das neue Sein des Menschen, das in Ihm erschienen und wirksam ist. Verdrossen und müde wird er, indem er von daher kommt und denkt, nicht werden, aber Illusionen über den Menschen und den Lauf der Welt wird er sich, gerade indem er von daher kommt und denkt, allerdings auch nicht machen können. Er wird nüchtern sein und seine Hoffnung – eine im Unterschied zu allen Illusionen nicht zu enttäuschende Hoffnung! – nach 1.Petr. 1,13 wirklich völlig auf die Gnade und also auf das Offenbarwerden Jesu Christi setzen.

Was für die Welt gilt, muss aber in gleicher, oder besser: in noch größerer Strenge auch für die Christen selbst, ihr menschliches 168 Dasein und Wirken gelten; für den christlichen Bereich in der Menschheit, für die Kirche, ihre Geschichte, ihre Existenz und ihren Dienst als die Gemeinde Jesu Christi. Es würde wirklich auch da auf schwerste Illusionen hinauslaufen, wenn man das Sein des neuen Menschen in irgend einer Abstraktion suchen und finden wollte: etwa im Seelengrund16 (in der «Personmitte»17) oder auch in den indi|650viduellen und kollektiven Erlebnissen und Verrichtungen der christlich Frommen, oder in der Funktion und Auswirkung der kirchlichen Ämter, Institutionen, Sakramente, oder in der Autorität und dem Einfluss kirchlicher Kundgebungen. Am «christlichen» Wesen wird weder die Welt noch auch nur die Christenheit und Kirche selbst genesen.18 Das Sein der Christen und der Kirche ist Eines, das Sein des neuen Menschen ein Anderes. Es liegt der Christenheit immer wieder nahe, sich hier der Verwechslungen schuldig zu machen. Sie mag sich mit dem Anspruch und Anschein, das neue Sein zu haben und darzustellen, vorübergehend eine gewisse Herrlichkeit nach außen oder mindestens eine gewisse Stärkung ihres Selbstbewusstseins der Welt gegenüber verschaffen. Auf die Länge kann sie sich gerade damit nur ihrer Sache unsicher |651 und nach außen unglaubwürdig machen. Noch schlimmer: auf die Länge könnte sie sich damit nur zu einer Gestalt des Anti-Christ entwickeln. Gerade in ihr muss es doch klar sein, dass die Ehre des neuen Seins nur die ihres Herrn und Hauptes und also nicht eine solche sein kann, die sie in dieser oder jener Form sich selbst zuschreiben dürfte. Gerade sie kann es doch nur im Glauben an ihn haben wollen. Gerade sie wird also in der fruchtbaren Distanz ihm gegenüber verharren müssen: um sich nun gerade so ihrer allerdings höchst besonderen Teilnahme an dem bewusst sein zu dürfen, was in Jesus Christus der Welt geschenkt ist. Sie sieht und hört ihn ja als den, in welchem die Umkehrung des Menschen zu Gott hin gültig für Alle vollzogen ist. Sie existiert in der Dankbarkeit und in der Verpflichtung, die dieses Sehen und Hören nach sich zieht, und vor allem: im Dienste des Zeugnisses von diesem Geschehen der noch blinden und tauben Welt gegenüber. Das Alles vom Ihm her und zu Ihm hin und also Alles in größter Demut, in rückhaltloser Anerkennung der Menschlichkeit auch ihres Daseins und Werkes, 169 der menschlichen Problematik, der auch sie unterworfen ist, der menschlichen Bedürftigkeit, in der sie der Welt gleich ist und die sich ihr sogar unverhältnismäßig viel stärker aufdrängen muss als der ganzen übrigen Welt. Sie wird um ihre eigene Teilnahme an dem, was der Welt in Ihm geschenkt ist, gerade dann ganz gewiss und freudig wissen, sie wird sich in dieser Sache gerade dann durch niemand und nichts irre machen lassen, wenn sie, was sie ist, tut und hat, nur von Ihm her und zu Ihm hin sein, tun und haben und also sich eben der Anerkennung ihrer eigenen Bedürftigkeit für keinen Moment und in keiner Hinsicht entziehen will. Nicht die in sich selbst reiche oder nach solchem Reichtum begierige, sondern die arme und ihrer Armut frohe Kirche ist die starke Kirche, die in der Welt leiden und trotzen, geduldig und mutig sein, stehen und immer wieder auferstehen kann, indem sie ihres in ihrem Herrn verborgenen, verschlossenen und aufbewahrten Seins bewusst und eben so wahrhaft reich ist.

Die Frage: ob das nun nicht doch eine Einschränkung und Abschwächung dessen bedeuten möchte, was wir zuvor über das wahre und wirkliche Sein des mit Gott versöhnten Menschen gesagt haben, muss mit einigem Nachdruck an die so Fragenden zurückgegeben werden. Sie werden ja sicher den Glauben an Jesus Christus auch für sich in Anspruch nehmen. Wie aber kann ein Mensch, der an Ihn glaubt, auch nur auf den Gedanken kommen, gerade sein wahres und wirkliches Sein als neuer Mensch anderswo als in Ihm zu suchen und zu finden? Wie auf das Misstrauen, es könnte eine Minderung und Beschränkung seines eigenen neuen Seins bedeuten, wenn es so sein sollte, dass es ganz und ausschließlich in Ihm wahr und wirklich, gerade in Ihm und nur so auch das seinige ist? Wie auf den ausgefal|652lenen Wunsch, seiner auch noch anders, besser, intimer, eigentlicher, mächtiger als in Ihm ansichtig und habhaft zu werden: in irgend einem Besitz der Menschheit oder doch der Christenheit, in irgend welchen Gegebenheiten der Weltgeschichte oder doch der Kirchengeschichte oder doch der christlichen Lebensgeschichte? Wie kann, wer an Jesus Christus glaubt, auch nur

Sachfußnoten

1
KBA 25019 (CD-ROM, Text Nr. 13).↩
2
Tskr., S. 155.↩
3
KD IV/1, S. 83–98 📖.↩
4
Tskr., S. 155–161.↩
5
Tskr., S. 166–169.↩
6
So die Vermutung von Hans-Anton Drewes (Begleitheft, S. 10 [Anhang, S. 690]).↩
7
KD IV/1, S. 98–133 📖.↩
8
Bis zu diesem Seitenwechsel ist der Text im Typoskript durchgestrichen, um dem Setzer zu signalisieren, dass er nicht mit gedruckt werden soll.↩
9
Von hier bis zum Ende des ersten Teiles befindet sich am Rand eine schwach erkennbare, eventuell wieder radierte rote Markierung, die darauf hindeuten könnte, dass Barth dieses Stück, bevor es «zurückgestellt» wurde und obwohl es nicht in Rot getippt ist, in Petit drucken lassen wollte.↩
10
Aus dem zweiten Artikel des Symbolum Apostolicum 📖; vgl. BSLK, S. 20,9f 📖. (dort: «filium ejus unicum»).↩
11
Vgl. oben, S. 522, Anm. 109.↩
12
Tskr.: «ist ein» (nach einer Änderung Barths weiter hinten im Satz irrtümlich stehen geblieben).↩
13
Der noch folgende Text dieses Teiles ist als Hinweis für den Setzer wiederum durchgestrichen (s. oben, Anm. 8).↩
14
Vgl. Röm. 5,21; 7,25; Jud. 1,25 (nach Vulgata); die Wendung ist häufig Teil der Schlussformel in Gebeten der römischen Messe.↩
15
Vgl. J. W. von Goethe, Faust I, V. 382f. (Nacht) 📖:
Daß icherkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält.
↩
16
Der in der deutschen Mystik zentrale Begriff «Seelengrund» geht wohl auf Johannes Tauler (um 1300–1361) zurück; vgl. V. Leppin, Art. «Tauler, Johannes», in: TRE 32, S. 745–748, dort S. 746,6–14. 📖↩
17
Der heute gewöhnliche und häufig verwendete Ausdruck «Personmitte» scheint sich erst Mitte des 20. Jahrhunderts etabliert zu haben, stammt wohl aus dem Umfeld bzw. der Rezeption der Psychologie Carl Gustav Jungs und stellt einen der Versuche dar, den bei Jung zentralen, aber aus der Sicht seiner Kritiker nicht umfassend genug bestimmten Begriff des «Selbst» zu umschreiben.

Hans Trüb (1889–1949) etwa, ehemaliger Schüler Jungs und Psychologe in Zürich, gelangte – erkennbar unter dem Einfluss Martin Bubers – zu folgender Definition: «Zum Unterschied von Jung gehen wir von der Erwartung aus, daß der Schlüssel zum zentralen und ganzheitlichen Verständnis des Menschen in seinem partnerischen Verhältnis zum Gegenüber zu finden sei: nämlich daß der Mensch nur zu sich selbst kommt und er selbst wird, insofern als er von einer transzendenten Stelle her angerufen ist und darauf antwortet. In Anruf und Antwort wird seine Personmitte, die wir – in anderer Verwendung des Terminus als bei Jung – als ‹Selbst› bezeichnen, aktualisiert, und erst in dieser Aktualität des Selbst verwirklicht er, der Mensch, seine ‹Individuation›» (H. Trüb, Heilung aus der Begegnung. Eine Auseinandersetzung mit der Psychologie C. G. Jungs, mit einem Geleitwort von M. Buber, aus dem Nachlaß hrsg. von E. Michel / A. Shorowitz, Stuttgart 1951, S. 39; vgl. auch S. 19.26 📖). Über Martin Buber, mit dem Trüb befreundet war, kam er auch in Kontakt mit Emil Brunner; im Hause Trübs trafen sich Brunner und Buber am 17. Juni 1928 zu einer «Aussprache» über «Das menschliche Handeln und seine Problematik» (vgl. M. Buber / E. Brunner, Das menschliche Handeln und seine Problematik, in: Freiburger Rundbrief. Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung. Neue Folge, Jg. 6 [1999], S. 23–53 📖; vgl. dazu B. Casper, Zur Einführung in eine Aussprache zwischen Martin Buber und Emil Brunner, in: a.a.O., S. 23 📖).

Vom lutherischen Dogmatiker Peter Brunner (1900–1981) findet sich im KBA ein persönlich gewidmeter, von Barth mit Korrekturen und Unterstreichungen versehener Sonderdruck eines Textes, in dem er denselben Ausdruck pointiert im Rahmen seiner Ausführungen zur Taufe aufnahm, die er auf einer Tagung des «Ökumenischen Arbeitskreises Evangelischer und Katholischer Theologen» im Oktober 1950 vorgetragen hatte (P. Brunner, Die evangelisch-lutherische Lehre von der Taufe. Eine kontroverstheologische Anfrage an das Dogma und die Dogmatik der römisch-katholischen Kirche, in: MThZ 2 [1951], S. 77–101 📖): «Der Glaube ist also auf die Sache gesehen primär ein Akt des Pneuma im Menschen, freilich in der Personmitte des Menschen. Man darf den Glauben als Akt des Pneuma in der Personmitte des Menschen nicht ohne weiteres in eins setzen mit selbstbewußten Akten der menschlichen Person. […] Glaube als actio spiritus sancti ist sehr wohl an die Personmitte des Menschen gebunden, aber […] nicht an das der Reaktion fähige Selbstbewußtsein gebunden. Die Person ist weiter und umfassender als das Selbst» (a.a.O., S. 96f.). Bezogen auf die Kindertaufe hieß es a.a.O., S. 97, weiter: «Der bei dem Kind in der Taufe erweckte Glaube ist nichts anderes als die fides als reine actio spiritus sancti in der Personmitte des Kindes.»↩

18
Anspielung auf das 1861 von Emanuel Geibel verfasste Gedicht «Deutschlands Beruf», das mit den häufig – und beinahe ebenso häufig falsch – zitierten Worten schließt: «Und es mag am deutschen Wesen / Einmal noch die Welt genesen.» Vgl. Büchmann, S. 213 📖.↩