kein Datum

Humor

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II. Die kleineren Fragmente
Humor

Das mitten im Wort beginnende Fragment1 stammt aus der ersten Fassung der Anthropologie. Es gehört zum § 43: «Der Mensch inmitten der Geschöpfwelt», den Barth im Wintersemester 1943/44 zu lesen begann und im Sommersemester 1944 abschloss. Dort befand es sich in dem im Übrigen nicht erhaltenen ersten Abschnitt: «Des Menschen Besonderheit».2

Neben den Anfang des Exkurses hat Barth notiert: «Humor»3. Mit diesem Thema hatte Barth sich auch im Zusammenhang seiner Ethik-Vorlesung von 1928/29 schon beschäftigt,4 und dass diese Seiten aus dem sonst verlorenen Abschnitt aufgehoben wurden, könnte ein Indiz dafür sein, dass er es auch im Weiteren nicht völlig außer Acht lassen wollte; zu einer ausgearbeiteten Wiederaufnahme kam es jedoch nicht.

Die im vorliegenden Fragment unter diesen Gesichtspunkt gestellte Auseinandersetzung mit den theologischen Reaktionen auf die neueren philosophischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zum Wesen des Menschen freilich nahm Barth in die Druckfassung von § 44,2 auf – und unterließ es dort nicht, wenigstens eine kleine Reminiszenz an das von den theologischen «Apologeten» nicht oder nur ungenügend beachtete Thema «Humor» anzubringen.5

Bemerkenswert ist sicher, dass die Auseinandersetzung auch mit Emil Brunners Buch «Der Mensch im Widerspruch» 📖6, die implizit das |632 ganze Fragment durchzieht, in KD III/2, S. 153–157 📖, explizit, gesondert am Ende des Abschnittes und ebenfalls ohne Bezug auf den dort fehlenden «Humor» erfolgt. Erstaunlich ist Letzteres vor allem deshalb, weil Brunners Buch für Barth ausweislich der umfangreichen Spuren seiner Lektüre ein besonders plakatives Beispiel für solchen nicht vorhandenen «Humor» gewesen ist.7

Humor

nisses zu ergeben scheint. Dass diese phänomenale Eigentümlichkeit:8 die relative Eigenart schon der menschlichen Physis, seine von dieser nicht zu trennende, aber auch nicht mit ihr zusammenfallende Psyche mit ihrem in der übrigen Kreaturwelt jedenfalls nicht manifesten Charakter der Geistigkeit und diese in ihrer durch ihre logische, metaphysische und besonders ethische Richtung sich kennzeichnenden Struktur, dass als Letztes und Bezeichnendstes insbesondere die Verantwortlichkeit, die Geschichtlichkeit, der Entscheidungscharakter, ja die Gottbezogenheit des menschlichen Wesens und der menschlichen Existenz in diesen Versuchen mehr oder weniger richtig gesehen und mit mehr oder weniger Schärfe dargestellt worden ist,9 das ist |633 nicht zu verkennen. Und es ist auch die theologische Relevanz dieser phänomenalen Eigentümlichkeit des Menschen nicht in Abrede zu stellen, sofern der im Lichte des Wortes Gottes stehende und also der für die Theologie interessante Mensch ja zweifellos kein anderer ist als der, der sich laut seines Selbstverständnisses dieser Eigentümlichkeit zu erfreuen hat. Die Frage, was das im Lichte des Wortes Gottes zu bedeuten hat, wird uns bestimmt auch zu beschäftigen haben. Und alles, was hier zum Aufweis der Besonderheit des Menschen hinsichtlich seiner phänomenalen Eigentümlichkeit herausgearbeitet worden ist, wird uns dann wahrhaftig auch wichtig sein. Es stimmt schon, dass der Mensch im Kosmos als Mensch das Alles ist und hat, was da als sein Sein und Haben, seine besonderen Eigenschaften und Zuständlichkeiten beschrieben und – immer im Rahmen seiner Wissenschaft von sich selbst – gegenüber dem Versuch seiner Nivellierung verteidigt worden ist.

Eine einzige Einschränkung soll dieser zunächst in globo auszusprechenden Anerkennung hinzugefügt sein: Muss man sich nicht allen Ernstes wundern, in allen jenen Lobreden auf des Menschen Wesen und Würde gar nie auf den doch eigentlich naheliegendsten Hinweis darauf zu stoßen, dass unter allen Geschöpfen allein der Mensch die Gabe des Humors zu besitzen scheint: desjenigen Humors nämlich, in welchem er nicht etwa nur über Andere und Anderes, sondern vor allem und zuerst (und auch immer wieder zuletzt) über sich selbst zu lachen oder doch zu lächeln weiß? 940 Humor ist das Flüssige in seinem Unterschied und Verhältnis zum Festen und Trockenen.10 Als Element der menschlichen Eigentümlichkeit bezeichnet der Humor den Punkt, wo ihre Grenze dem Nicht-Menschlichen gegenüber ins Fließen kommt, sich nicht mehr fest, trocken und sicher behaupten lässt. Man spricht insofern mit Recht von einem unfreiwilligen Humor. Und eben er ist sogar der eigentliche und ursprüngliche, der sozusagen ontische Humor des menschlichen Wesens. Als freiwilliger oder noetischer Humor ist er ein notwendiges Element der menschlichen Wissenschaft vom Menschen und besteht darin, dass man sich in und mit der ernsten und klaren Erkenntnis der menschlichen Eigentümlichkeit auch des Fließens ihrer Grenzen, auch der Feuchtigkeit und also Unfestigkeit |634 dieser ganzen Wissenschaft bewusst wird, was dann allen Ernstes zum Lachen ist. Dass der Mensch schließlich auch eine humoristische Figur ist und dass er sich selbst auch als solche erkennen, sich selbst also auch humoristisch nehmen darf, das ist es, worauf hier ausdrücklich aufmerksam zu machen und was hier der vorhin angeführten Lehre von des Menschen Besonderheit allen Ernstes entgegenzuhalten ist. |

Was wäre der Mensch schon, wenn er seine Humanität und also die ihm und nur ihm eigene Dimension, wenn er seine vielgerühmte Stellung an der Spitze und – kraft seiner Freiheit sogar oberhalb der Spitze der Tierwelt nicht auch in jener Flüssigkeit bewähren und betätigen würde? Würde die ganze Pracht seiner Geistigkeit, seiner Personhaftigkeit, seiner Entscheidungsfähigkeit usw. ohne das echt sein? Wäre die Behauptung von seinem Vermögen, alle Erfahrung zu transzendieren,11 glaubwürdig, wenn er nun gerade das nicht vermöchte, endlich und zuletzt und vor allem sich selbst als «Persönlichkeit»12 und die ganze von ihm so kühn vollbrachte «Naturbeherrschung als Kulturprozess»13 damit noch einmal ein wenig zu «transzendieren», dass er sich |635 gleichzeitig ganz ernst und nun doch auch wieder gar nicht ernst nimmt? Ohne das geht es doch nicht. Ohne das kann doch auch der größte Ernst in dieser Sache nicht ganz ernst sein. Wer wollte bestreiten, dass der Mensch sich selbst dadurch als Mensch sichtbar wird, dass er nach kurzem Vorstadium 941 nicht mehr auf allen Vieren, sondern nur noch auf zwei Beinen geht und dafür von seinen Händen umso besseren Gebrauch zu machen versteht?14 Wer wollte bestreiten, dass es ihm zum weiteren Erweis seiner Eigentümlichkeit möglich und notwendig ist, sich als Seele nicht nur, sondern als personhafte und verantwortliche Geist-Seele zu betätigen?15 Es dürfte aber gerade für den humanen Charakter dieser seiner Eigentümlichkeit konstitutiv sein, dass er, indem er sie betätigt, der ganzen Relativität – seiner Relativität zur übrigen körperlich-organischen Welt im Allgemeinen und seiner Relativität zur Tierwelt im Besonderen – bewusst bleibe, dass ihm, indem er den Schritt über das Tier hinaus und zur Beherrschung des bloß Natürlichen mutig und entschlossen wagt, die ganze Fragwürdigkeit seiner Verwirklichung ebenso deutlich vor Augen stehe wie seine Möglichkeit und Notwendigkeit. Geist! Vernunft! Persönlichkeit! Entscheidungscharakter! Wissenschaft, Kunst und Frömmigkeit! Kultur!16 Höchste Stufe und Zusammenfassung aller vorangehenden Entwick|636lungsstufen!17 Mikrokosmos im Makrokosmos,18 gegen ihn und über ihn! Gut, wer dürfte den Aufschwung, der da offenbar beschrieben wird, leugnen und gering schätzen? Wer müsste ihn nicht vor allem selbst versuchen und betätigen wollen? Aber wer lachte da nicht, indem er ihn Andere und vor allem sich selbst nun wirklich versuchen und betätigen sieht? Wer hier nicht lachte, dem wäre doch wohl auf den Kopf zuzusagen, dass er wohl «darüber» geredet, aber nun doch nur darüber geredet hat,19 dass er nicht weiß, wovon er redet; denn wenn er es wüsste, dann würde er bei allem Ernst dieser Sache auch lachen, und zwar zuerst und vor allem über sich selbst lachen müssen. Und wie ist es, wenn es sich gar um des Menschen Besonderheit im geologischen und astronomischen Kosmos handelt? Wir werden jener «Panik»20 gegenüber seinen unend|637lichen (oder nach der neuesten Betrachtungsweise doch wieder endlichen, aber jedenfalls sehr erheblichen) Räumen und Zeiten gewiss kein Recht geben. Es ist wirklich schön, sich damit trösten und ermahnen zu dürfen, dass dieses Weltungeheuer «schlussendlich»21 doch nur unser, das von uns gemessene und in seiner Art und Gesetzlichkeit schon so erstaunlich 942 weitgehend erforschte Universum ist: uns «zu Füßen geworfen» [vgl. Ps. 8,7], wie man sich dann auch noch von der Bibel sagen lassen mag.22 Aber wer lachte da nicht, wer müsste nicht lachen, wenn er sich, diese sicher wahr, gut und schön entworfene Theorie auch nur einen Augenblick auf seine praktische Situation erweiternd, lebensmäßig anschaulich zu machen versucht? Es ist ja wirklich tief, aber auch merkwürdig schnell gedacht und gesagt, dass der Mensch als Subjekt in dem Maß wachse, als er als Objekt abnehme.23 Aber hat er damit aufgehört, auch dieses abnehmende Objekt und also an einem ziemlich kleinen Ort des ziemlich großen Raumes und auf einer ziemlich kleinen Strecke der ziemlich langen Zeit zu sein? Ist es ihm durch jene idealistische Erwägung etwa abgenommen, sich jedenfalls auch als dieses sehr geringfügige Objekt sehen und verstehen zu müssen? Kann und darf er das etwa unterlassen? Wäre es wirklich menschlich und nicht vielmehr höchst unmenschlich, das zu unterlassen? Sollte ein bisschen Respekt vor jener Unendlichkeit oder vor jener doch immerhin so beträchtlichen Endlichkeit des Himmels und der Erde und dann auch ein bisschen Erstaunen angesichts der Kühnheit, in der sich der Mensch seine |638 Überlegenheit ihnen gegenüber zu sichern weiß, nun nicht faktisch praktisch doch gar sehr am Platze sein? Kann man sich aber diesem Respekt und also diesem Erstaunen über sich selbst nicht einfach entziehen, wie kann man sich dann dem entziehen, über sich selbst lachen zu müssen – nicht trotzdem, sondern gerade indem man sich jenen Trost und jene Ermahnung wohlgefallen und also von jener Panik sich gänzlich befreien lässt? |

Das ist es, was wir der ganzen neueren Lehre von des Menschen Besonderheit als immanente Kritik, indem wir uns mit ihr auf einen Boden zu stellen versuchen und also unter Zurückstellung unseres eigentlichen Einwandes, entgegenzuhalten haben: Sie leidet an einer merkwürdigen Humorlosigkeit. Denn dementsprechend, dass sie den Menschen bei allem Großen, was sie von ihm zu sagen weiß, als ein Wesen dargestellt hat, das über seine Größe scheinbar nicht lachen kann, hat sie auch ihr Streit- und Friedensgespräch mit den Leuten von der Deszendenztheorie24 durchge943führt. Hemmungslos feierlich, mit einem Ingrimm, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre, haben offenbar schon diese den Menschen schlecht zu machen bzw. gänzlich in den zoologischen Garten zu verweisen gesucht. Hätten doch die theologischen Apologetiker25 das bessere Recht ihrer Sache damit durch die Tat bewiesen, dass sie die Menschlichkeit und die Größe des Menschen nun gerade nicht mit derselben hemmungslosen Feierlichkeit, sondern, wie es sich gehört, im Bewusstsein der Möglichkeit und Notwendigkeit, aber auch im Bewusstsein der Fragwürdigkeit dieses Unternehmens «unter Tränen lächelnd»26 aufzuzeigen versucht27! Hätten sie sich doch der Welt gerade darin nicht gleichgestellt, dass sie den Menschen in seiner Besonderheit und damit sich selbst mit ihren Argumenten dafür zwar ganz ernst, aber auch wieder gar nicht ernst und gerade in dieser Dialektik rechtschaffen ernst nahmen! Hätten sie doch ein einziges Mal über sich selbst gelacht, indem sie sich selbst in der Person des von ihnen verteidigten und verherrlichten Menschen mitten aus dem zoologischen Garten und aus der Verlorenheit im Kosmos so gewaltig erhoben zu den Höhen des Geistes, der Persönlichkeit und der Verantwortlichkeit, der Gotteskindschaft, der |639 Menschenliebe und des Gottesreiches! Sie aber unternahmen es und lachten nicht. Dass die Freunde des Affenmenschen – den Blick starr auf ihre Schädelfragmente, auf ihre mikrozephalen und geimpften Schimpansen gerichtet28 – nichts zu lachen hatten, das ist schließlich begreiflich: sich selber, die kleine Tatsache, dass sie Menschen waren, ganz vergessend, konnten sie sich nur blutig ernst verhalten. Ihre Gegner aber, die christlichen Apologeten, die ja jene kleine Tatsache gerade nicht vergessen, sondern auf den Leuchter heben wollten, hätten, indem sie das taten, genug zu lachen gehabt. Und wie hätten sie dann, gleichsam im Anhang dazu, auch über die Darwinisten lachen können und dürfen! Wie wären sie und wie wäre dann ihr thema probandum, des Menschen Besonderheit, einleuchtend, überzeugend, in siegreicher Überlegenheit dagestanden! Welches 944 fröhlich-friedliche Cannae29 würden sie dann den immer noch finster grollenden Darwinisten beigebracht haben? Sie aber lachten auch nicht, sondern grollten religiös, wo jene gottlos grollten, idealistisch, wo jene materialistisch grollten, nahmen in der Person des Menschen sich selbst ganz undialektisch ernst (als wären auch sie Kinder dieser Welt [vgl. Lk. 16,8], als hätten auch sie sich selbst vergessen, als hätten auch sie es nur mit besseren Schädelfragmenten und mit einem Edelschimpansen zu tun, als sei ihnen die Größe des Menschen ebenso verborgen wie jenen!), unterließen es also, den Beweis des Geistes und der Kraft [vgl. 1.Kor. 2,4] zu führen, beraubten sich der schönen Möglichkeit, auch über ihre Gegner ein bisschen lachen zu dürfen, versetzten sich vielmehr in die Notwendigkeit, jene |640 so blutig ernst zu nehmen wie sich selbst, und ebenso, wie es jene ihrerseits taten, und konnten eben damit die ihnen offenbar vorschwebende Befreiung von dem biologischen Angsttraum und von der geologisch-astronomischen Panik nicht vollbringen. Ein Glück für uns, dass wenigstens der unfreiwillige Humor der ganzen Szene nicht völlig verborgen ist. Aber es bleibt doch schade, dass die köstliche Flüssigkeit nicht gleich auch noch an die Oberfläche treten durfte. Zur phänomenalen Eigentümlichkeit des Menschen, auf deren Herausstellung es auf Seiten der Theologen abgesehen war, gehört nun einmal als letzte Probe ihrer Echtheit auch dies, dass es ihm gegeben ist, sich nicht nur ernst nehmen zu müssen, sondern sich auch nicht ernst nehmen zu dürfen. Versteht der Mensch sich selbst unter Abstraktion von dieser köstlichen Gabe – wahrscheinlich darum, weil er es aus irgend einem Grunde versäumt, selber den gebotenen Gebrauch von ihr zu machen –, dann kann er sich gerade in seiner phänomenalen Eigentümlichkeit nur verworren und unvollkommen und vielleicht gar nicht verstehen. Was er sich unter dem Menschen vorstellt, das ist dann wahrscheinlich doch nur ein durch Impfung mit Menschenblut reichlich geläuterter Edelschimpanse30 – endgültig auf zwei Beinen gehend, vernunft- und geistbegabt,31 feueranzündend und ornamenteschnitzend,32 personhaft, verantwortlich und geschichtsfähig,33 voller Wissenschaft, Kunst und Religion,34 voller Anlagen für die höchsten Ideale, voller tierischen Ernstes mit einem Wort – aber leider 945 noch nicht der Mensch. Das ist es, was man jener Lehre von des Menschen Besonderheit schon auf ihrem eigenen Boden sehr ernst entgegenhalten muss: Die von ihr vorgetragene Wissenschaft des Menschen von sich selbst reichte so weit nicht, um auch nur seine phänomenale Eigentümlichkeit genau und vollständig sichtbar zu machen. Wenn sie doch gleich noch ein wenig treuherziger gewesen wäre!

Sachfußnoten

1
KBA 25011 (CD-ROM, Text Nr. 10).↩
2
Der darauf folgende zweite Abschnitt ist in diesem Band wiedergegeben: s. oben, S. 305–411. Die Angaben über das hier edierte Fragment wie über den § 43 überhaupt fußen auf der Vorlesungsmitschrift von Sophie Apolant (s. oben, S. 3).↩
3
Tskr., S. 939 (oben auf derselben Seite in Charlotte von Kirschbaums Handschrift wiederholt).↩
4
K. Barth, Ethik II. Vorlesung Münster Wintersemester 1928/29, wiederholt in Bonn, Wintersemester 1930/31, hrsg. von D. Braun (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1978, S. 444–447 📖.↩
5
Vgl. KD III/2, S. 96 📖, wo es eingeklammert – also den Gedankengang bewusst unterbrechend – heißt: «O daß keiner dieser Apologeten es für der Erwähnung würdig hielt, daß unter allen Wesen scheinbar nur der Mensch zu lachen und zu rauchen pflegt!!»↩
6
E. Brunner, Der Mensch im Widerspruch. Die christliche Lehre vom wahren und vom wirklichen Menschen, Berlin 1937 📖.↩
7
Neben einem von Brunner, a.a.O., S. 29 📖, angeführten Scheler-Zitat: «So ist der Mensch das sich selbst und der Welt überlegene Wesen. Als solches Wesen ist er auch der Ironie und des Humors fähig, die stets eine Erhebung über das eigene Dasein einschließen» (a.a.O., S. 29; vgl. M. Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosmos, [Darmstadt 1928] Bonn 199112, S. 47 📖) notierte Barth, der den zweiten Satz in seinem Exemplar unterstrichen hatte, am Rand: «Brunner nicht»!↩
8
Das Folgende (bis zum Beginn des Exkurses) wurde weiter entfaltet im ursprünglichen § 44,2 (s. oben, S. 412–558; dort bes. S. 514–547).↩
9
In KD III/2, S. 150–152 📖, problematisiert Barth die im Satz enthaltene Begriffsreihe, sofern man darin allein entscheidende Merkmale der menschlichen Existenz zu sehen vermeint, und führt sie a.a.O., S. 153 📖, zurück auf Brunner (Anm. 6), S. 45–104.259–281.424–478.554–557 (vgl. dort bes. S. 54f.62f.266–269.451f.555 📖). Diesen konkreten Bezug scheint er ausweislich der Mitschrift Sophie Apolants, die Literaturhinweise sonst des Öfteren notiert, im Kolleg nicht hergestellt zu haben; er hat ihm aber bei der Niederschrift des Typoskripts sicher vor Augen gestanden, wie sich an den vielen weiteren Anspielungen zeigt.↩
10
Lat. umor / humor: «Feuchtigkeit». Nach DWb 10, Sp. 1905–1907 📖, ergab sich der heute im Deutschen übliche Wortgebrauch aus dem mittelalterlichen Bezug auf die flüssigen «Säfte» im Innern des Menschen, die man auch für dessen Gemütszustände und unterschiedlichen «Launen» verantwortlich machte. Daraus entwickelte sich die Verengung auf bloß «scherzhafte Stimmungen».↩
11
Vgl. Brunner (Anm. 6), S. 434 📖: «Nicht der Verstand, sondern der gottbezogene Geist unterscheidet Mensch und Tier. Auch das höchste Tier verrät nicht eine Spur von Geist, das heißt von Vermögen der Ideation, der Transzendierung des in der Erfahrung Gegebenen durch ein Unbedingtes, Normatives, Vollkommenes.»↩
12
Dezidiert verwendet etwa von R. Otto, Naturalistische und religiöse Weltansicht, Tübingen 19092, S. 260 📖: «In dem aber der Mensch zu geistigem Leben und geistigem Besitz veranlagt ist, ist er es auch zur Persönlichkeit. Und mit diesem Worte wird alles umschlossen und bezeichnet, was die eigentümliche Würde des Menschwesens ausdrückt. Persönlichkeit das ist das Wort, bei dem wir innerlich zusammenzucken.» (von Barth in seinem Exemplar teils unterstrichen und am Rand mit einem Ausrufezeichen markiert). Vgl. auch a.a.O., S. 250f. Auf Otto und speziell auch auf die zitierten Sätze bezieht Barth sich auch in KD III/2, S. 94–96 📖. Vgl. a.a.O., S. 109f., wo er sich in einem kurzen Exkurs über die ‹Feierlichkeit› bzw. ‹Dunkelheit› der Begriffe «Persönlichkeit» und «Personhaftigkeit» äußert: «Es geschah doch wahrscheinlich ohne viel Sinn, daß gerade […] diese Begriffe eine Zeitlang so wichtig, oft geradezu zentral wichtig genommen worden sind.» (S. 109).↩
13
In KD III/2, S. 98 📖, verweist Barth im Anschluss an den dort ebenfalls aufgenommenen – jedoch nicht als Zitat gekennzeichneten – Begriff auf A. Titius, Natur und Gott. Ein Versuch zur Verständigung zwischen Naturwissenschaft und Theologie, Göttingen 1926, S. 789 📖: «Die einzelnen Naturbereiche, die ganz ihren eignen Gesetzen folgen und sich gegeneinander spröde verhalten, sollen unter Wahrung dieser Autonomie doch nach Möglichkeit einander zugepaßt werden, so daß die Übergänge bequem und die Konfliktsmöglichkeiten tunlichst ausgeschaltet werden; diese letzte filigranartige Ausfeilung der Naturwirklichkeit zu möglichster Harmonie, welche erst die feste Grundlage einer intensiven Menschheitskultur bilden kann, herbeizuführen, bildet ja in der Tat ein wichtiges Ziel eben dieser Kultur, welches unter Mitwirkung der Naturerkenntnis von der Praxis in immer höherem Grade erreicht und erstrebt wird. Diese Naturbeherrschung im Kulturprozeß ist, wie gezeigt, ein integrierendes Glied im Ganzen der christlichen Auffassung von der Bestimmung der Menschheit [...].»↩
14
Vgl. Titius, a.a.O., S. 637 📖: «Die eigenartige Vorzugsstellung des Menschen in der Welt ist zweifellos körperlich nicht nur durch seine Gehirnentwicklung, sondern ebenso sehr durch seinen geraden Gang und die damit gegebene Verwendung und Ausbildung der Hand gegeben.» (Der Satz ist im Exemplar Barths am Rand markiert; «Gehirnentwicklung», «geraden Gang» und «Hand» sind unterstrichen.)↩
15
Vgl. Brunner (Anm. 6), S. 374f. 📖: «Seele an und für sich ist das, was allem Lebendigen zukommt, was nicht besonders den Menschen als Menschen auszeichnet, Geist ist das Spezifisch-Menschliche. Das Verhältnis ist aber dadurch kompliziert, daß die Seele zugleich als das den Geist Fundierende mit diesem zur Einheit zusammengeschaut wird»; S. 377: «Darum muß der Geist – letzten Endes das Ich, die Person – die Seele zu ihrer geistigen Tätigkeit ‹erwecken›, an sich schläft sie. Losgelöst von der geistigen Aktivität versinkt die Seele in tierische und sogar pflanzliche Passivität […].»↩
16
Vgl. Otto (Anm. 12), S. 258 📖: «In Wissenschaft und Kunst, in Sittlichkeit und Frömmigkeit besitzt sich der Geist selber»; Brunner (Anm. 6), S. 29f. 📖: «Der Mensch hat vermöge seines Geistes, seiner Vernunft, die Fähigkeit, Kultur zu schaffen. Das ist seine humanitas, das, was ihm allein unter allen lebenden Wesen eigen ist, […]. Der Mensch allein hat Wissenschaft […]; er allein hat Kunst […], Religion.»↩
17
Vgl. Otto (Anm. 12), S. 98 📖: «Was im niedersten Lebewesen ‹potentiell› beschlossen ist, das ist im höchsten, etwa im Menschen ‹aktuell› geworden oder verwirklicht […]. Vielmehr der Idee und dem Wesen nach ist jede höhere Stufe eine Entwicklung, eine völligere Entfaltung dessen, was auf niederer Stufe, und schließlich der Mensch die volle Verwirklichung dessen, was schon auf unterster Stufe in der Potenz gesetzt war.» Vgl. auch Brunner (Anm. 6), S. 428f. 📖: «Innerhalb des christlichen Denkens bringt er [der Begriff ‹Mikrokosmos›] lediglich die Tatsache zum Ausdruck, daß je die höhere Seinsstufe die untere in sich begreift, aber in ihr nicht enthalten ist. […] Dieser wichtige Gedanke der unumkehrbaren Stufenordnung des Seienden kommt schon in der biblischen Schöpfungsgeschichte zum Ausdruck. Die Grunderkenntnis, daß alles, das Tote und das Lebendige, das Höhere und das Niedere, gleicherweise Kreatur, Geschaffenes, Abhängiges ist, schließt die andere nicht aus, daß dieses Geschaffene ein stufenweise gegliedertes Ganze sei, dessen Spitze der Mensch, die vernunft- oder geistbegabte Kreatur ist.»↩
18
Vgl. Otto (Anm. 12), S. 260f. 📖: «Je mehr wir Person werden, desto klarer, fester und unzerfließlicher heben wir uns mit unserem geistigen Leben und Besitztum heraus aus allem Strome natürlichen Geschehens. […] Ein Mikrokosmos setzt sich gegen den Makrokosmos, und eine Einheit, eine Monas geht hervor, von der es nun auch Sinn hat, nach Dauer und Unvergänglichkeit zu fragen […].»↩
19
Vgl. Brunner (Anm. 6), S. 438 📖: «Noch immer wie zu Thales’ Zeiten ist es der Mensch, der mit seinem Geist den Kosmos umspannt und darüber nachdenkt. In der Tat: ‹darüber›; denn die Welt ist unter ihm, […].» Angesichts der Art und Weise, wie Barth hier immer wieder Begrifflichkeiten vor allem Brunners aufgreift, ist nicht auszuschließen, dass auch das hervorgehobene «geredet» noch eine Anspielung enthält; vgl. a.a.O., S. 10: «Der Mensch […] ist aber auch der humanus, das nicht bloß Zeichen gebende, sondern redende […] Wesen.» Das hervorgehobene «redende» ist von Barth in seinem Exemplar unterstrichen.↩
20
Vgl. a.a.O., S. 438 📖: «Die Anschauung der kosmischen Unendlichkeit des Raumes und der Zeit […] ist […] für den modernen Menschen ein schweres Glaubenshindernis und mächtiger Zweifelsgrund. Und doch handelt es sich hier um nichts anderes als um ein Phänomen der Panik, eine Art kosmisches Schwindelgefühl, das uns die klare Besinnung raubt.» Und, a.a.O., S. 446: «Zum wirklichen Menschen gehört einerseits die überkosmische Schöpfungsbestimmung und andererseits das Versinken im Kosmos und in der kosmischen Angst. […] Der wirkliche Mensch im Kosmos ist der an den Kosmos preisgegebene. Das Weltgrauen ist kein neues Gefühl, sondern so alt wie die Menschheit. […] Die ganze Mythologie ist mit dieser kosmischen Panik durchsetzt, aus ihr geboren.» Die Worte «kosmischen Panik» sind im Exemplar Barths unterstrichen.↩
21
Ein von Barth auch sonst in dieser Form verwendeter Helvetismus; vgl. aus einem Brief Barths an Ernst Wolf vom 28.7.1961: «‹schlussendlich›, wie man hier sagt» (KBA 9261; K. Barth, Briefe 1961–1968, hrsg. von J. Fangmeier / H. Stoevesandt [Gesamtausgabe, Abt. V], Zürich 19792, S. 18 📖).↩
22
Auch dieses ‹Trösten› und ‹Ermahnen› spielt wohl auf Emil Brunner an; vgl. Brunner (Anm. 6), S. 438 📖: «Denn es ist ja der Mensch, der dieses Universum mißt, es ist der Mensch, der seine Gesetze erforscht, es ist des Menschen Welt, die ihm so unheimlich geworden ist. […] die Welt ist unter ihm, als ‹Objekt›, ‹zu Füßen geworfen›.»↩
23
Vgl. ebd. 📖: «In demselben Maß, in dem der Mensch als Objekt, als Weltstück an vergleichsweiser Größe abnimmt, weil sein Kosmos sich ausdehnt, nimmt er als Subjekt zu.»↩
24
In KD III/2, S. 93 📖, beruft sich Barth auf O. Zöckler, Art. «Mensch», in: RE3 12, S. 616–629 📖, und nennt Jean-Baptiste de Lamarck(1744–1829), Lorenz Oken (1779–1851), Charles Darwin (1809–1882) als Begründer der Deszendenztheorie und Ernst Haeckel (1834–1919) als ihren Hauptvertreter in der Zeit der Abfassung des Artikels.↩
25
Gemeint sind vor allem Rudolf Otto und Arthur Titius (vgl. auch KD III/2, S. 94–99 📖).↩
26
Vgl. H. Kutter, Reden an die deutsche Nation, Jena 1916, S. 113 📖: «Wir sind so dumm-ernst! So wichtigtuerisch-tiefsinnig. So geheimnisvoll-blöd. So gespreizt unnatürlich. O, so närrisch, so närrisch! So unfreiwillig komisch. – Und über uns beugt sich ein in Tränen lächelndes Angesicht!» Vgl. auch a.a.O., S. 98.225.↩
27
Tskr.: «versucht hätten»; Streichung durch die Hrsg.↩
28
Vgl. Otto (Anm. 12), S. 77 📖: «Und ihre Triumphe feiert die [Deszendenz-] Lehre in Dubois’ behaupteter Auffindung von Überresten des ‹Pithecanthropus erectus›, des aufrechtgehenden Affenmenschen, auf Java, 1891–92, des lange gesuchten missing link zwischen Tierheit und Menschheit, und in den neuesten Beweisen für ‹Blutsverwandtschaft› von Mensch und Affe durch die Versuche mit Bluttransfusion. Friedenthal nämlich hat ältere Versuche, Blut des einen Tieres auf ein anderes, des Tieres einer Spezies auf das einer anderen, […], endlich auch von Tieren auf Menschen, wieder aufgenommen.» – Der von Eugène Dubois (1848–1940) entdeckte «Java-Mensch» wird heute dem homo erectus zugerechnet. Vgl. schon Zöckler (Anm. 24), S. 619,53–55 📖: «Die postulierten Affenmenschen (Pithekanthropen) sind bis jetzt so wenig lebend als in fossilem Zustande aufgefunden worden.» – Hans Friedenthal (1870–1942), bis 1933 in Berlin lehrender Anthropologe, erbrachte in seinen frühen Studien den Nachweis der serologischen Blutsverwandtschaft zwischen Menschen und Primaten; 1942 verübte er angesichts seiner bevorstehenden Deportation Selbstmord. In KD III/2 📖, S. 94, spricht Barth von «Friedenthals (ohne störende Folgen mit Menschenblut geimpften!) Schimpansen».↩
29
«Cannae» steht redensartlich für eine vernichtende Niederlage, wie sie dem zahlenmäßig überlegenen römischen Heer durch die Karthager unter Hannibal 216 v. Chr. im Zweiten Punischen Krieg bei Cannae (Apulien) bereitet wurde.↩
30
Vgl. oben, Anm. 28.↩
31
Vgl. oben, Anm. 17.↩
32
Vgl. Titius (Anm. 13), S. 640f. 📖: «Neben andern Momenten ist es insbesondere der Schutz der Bekleidung und Behausung sowie die Verwendung des Feuers, die es dem Menschen möglich machen, selbst die arktische Zone zu ertragen; diese Dinge weisen aber […] auf eine Psyche hin, die von der des Tieres grundsätzlich verschieden ist. […] Diese Kultur ist von ihren ersten rohen Anfängen an nicht nur materielle, sondern auch geistige; […] er [der Mensch] begnügt sich nicht nur mit dem rohen gebrauchsfähigen Werkzeug, sondern er verziert es mit Ornamenten, […].» (i. Orig. fälschlich: «Oramenten»; von Barth am Rand verbessert und – wie auch im vorhergehenden Satz «Verwendung des Feuers» – unterstrichen).↩
33
Vgl. oben, Anm. 9 und 12.↩
34
Vgl. oben, Anm. 16.↩