Humor
II. Die kleineren Fragmente
Humor
Das mitten im Wort beginnende Fragment1 stammt aus der ersten Fassung der
Anthropologie. Es gehört zum § 43: «Der Mensch inmitten der Geschöpfwelt», den
Neben den Anfang des Exkurses hat Barth notiert: «Humor»3. Mit diesem Thema hatte Barth sich auch im Zusammenhang seiner Ethik-Vorlesung von 1928/29 schon beschäftigt,4 und dass diese Seiten aus dem sonst verlorenen Abschnitt aufgehoben wurden, könnte ein Indiz dafür sein, dass er es auch im Weiteren nicht völlig außer Acht lassen wollte; zu einer ausgearbeiteten Wiederaufnahme kam es jedoch nicht.
Die im vorliegenden Fragment unter diesen Gesichtspunkt gestellte Auseinandersetzung mit den theologischen Reaktionen auf die neueren philosophischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zum Wesen des Menschen freilich nahm Barth in die Druckfassung von § 44,2 auf – und unterließ es dort nicht, wenigstens eine kleine Reminiszenz an das von den theologischen «Apologeten» nicht oder nur ungenügend beachtete Thema «Humor» anzubringen.5
Bemerkenswert ist sicher, dass die Auseinandersetzung auch mit
Humor
nisses zu ergeben scheint. Dass diese phänomenale Eigentümlichkeit:8 die relative Eigenart schon der menschlichen Physis, seine von dieser nicht zu trennende, aber auch nicht mit ihr zusammenfallende Psyche mit ihrem in der übrigen Kreaturwelt jedenfalls nicht manifesten Charakter der Geistigkeit und diese in ihrer durch ihre logische, metaphysische und besonders ethische Richtung sich kennzeichnenden Struktur, dass als Letztes und Bezeichnendstes insbesondere die Verantwortlichkeit, die Geschichtlichkeit, der Entscheidungscharakter, ja die Gottbezogenheit des menschlichen Wesens und der menschlichen Existenz in diesen Versuchen mehr oder weniger richtig gesehen und mit mehr oder weniger Schärfe dargestellt worden ist,9 das ist |633 nicht zu verkennen. Und es ist auch die theologische Relevanz dieser phänomenalen Eigentümlichkeit des Menschen nicht in Abrede zu stellen, sofern der im Lichte des Wortes Gottes stehende und also der für die Theologie interessante Mensch ja zweifellos kein anderer ist als der, der sich laut seines Selbstverständnisses dieser Eigentümlichkeit zu erfreuen hat. Die Frage, was das im Lichte des Wortes Gottes zu bedeuten hat, wird uns bestimmt auch zu beschäftigen haben. Und alles, was hier zum Aufweis der Besonderheit des Menschen hinsichtlich seiner phänomenalen Eigentümlichkeit herausgearbeitet worden ist, wird uns dann wahrhaftig auch wichtig sein. Es stimmt schon, dass der Mensch im Kosmos als Mensch das Alles ist und hat, was da als sein Sein und Haben, seine besonderen Eigenschaften und Zuständlichkeiten beschrieben und – immer im Rahmen seiner Wissenschaft von sich selbst – gegenüber dem Versuch seiner Nivellierung verteidigt worden ist.
Eine einzige Einschränkung soll dieser zunächst in globo auszusprechenden Anerkennung hinzugefügt sein: Muss man sich nicht allen Ernstes wundern, in allen jenen Lobreden auf des Menschen Wesen und Würde gar nie auf den doch eigentlich naheliegendsten Hinweis darauf zu stoßen, dass unter allen Geschöpfen allein der Mensch die Gabe des Humors zu besitzen scheint: desjenigen Humors nämlich, in welchem er nicht etwa nur über Andere und Anderes, sondern vor allem und zuerst (und auch immer wieder zuletzt) über sich selbst zu lachen oder doch zu lächeln weiß? 940 Humor ist das Flüssige in seinem Unterschied und Verhältnis zum Festen und Trockenen.10 Als Element der menschlichen Eigentümlichkeit bezeichnet der Humor den Punkt, wo ihre Grenze dem Nicht-Menschlichen gegenüber ins Fließen kommt, sich nicht mehr fest, trocken und sicher behaupten lässt. Man spricht insofern mit Recht von einem unfreiwilligen Humor. Und eben er ist sogar der eigentliche und ursprüngliche, der sozusagen ontische Humor des menschlichen Wesens. Als freiwilliger oder noetischer Humor ist er ein notwendiges Element der menschlichen Wissenschaft vom Menschen und besteht darin, dass man sich in und mit der ernsten und klaren Erkenntnis der menschlichen Eigentümlichkeit auch des Fließens ihrer Grenzen, auch der Feuchtigkeit und also Unfestigkeit |634 dieser ganzen Wissenschaft bewusst wird, was dann allen Ernstes zum Lachen ist. Dass der Mensch schließlich auch eine humoristische Figur ist und dass er sich selbst auch als solche erkennen, sich selbst also auch humoristisch nehmen darf, das ist es, worauf hier ausdrücklich aufmerksam zu machen und was hier der vorhin angeführten Lehre von des Menschen Besonderheit allen Ernstes entgegenzuhalten ist. |
Was wäre der Mensch schon, wenn er seine Humanität und
also die ihm und nur ihm eigene Dimension, wenn er seine vielgerühmte Stellung an der Spitze
und – kraft seiner Freiheit sogar oberhalb der Spitze der Tierwelt nicht auch in jener Flüssigkeit bewähren und betätigen würde? Würde die ganze Pracht seiner
Geistigkeit, seiner Personhaftigkeit, seiner Entscheidungsfähigkeit usw. ohne das echt sein? Wäre die Behauptung von seinem
Vermögen, alle Erfahrung zu transzendieren,11 glaubwürdig, wenn er nun gerade das nicht vermöchte,
endlich und zuletzt und vor allem sich selbst als «Persönlichkeit»12 und die ganze von ihm so
kühn vollbrachte «Naturbeherrschung als Kulturprozess»13 damit noch einmal ein wenig zu «transzendieren», dass er sich
|635 gleichzeitig ganz ernst und nun doch auch wieder gar nicht ernst
nimmt? Ohne das geht es doch nicht. Ohne das kann doch auch der größte Ernst in dieser Sache
nicht ganz ernst sein. Wer wollte bestreiten, dass der Mensch sich selbst dadurch als Mensch
sichtbar wird, dass er nach kurzem Vorstadium 941 nicht mehr auf allen
Vieren, sondern nur noch auf zwei Beinen geht und dafür von seinen Händen umso besseren
Gebrauch zu machen versteht?14 Wer
wollte bestreiten, dass es ihm zum weiteren Erweis seiner Eigentümlichkeit möglich und notwendig ist,
sich als Seele nicht nur, sondern als personhafte und
verantwortliche Geist-Seele zu betätigen?15 Es dürfte aber gerade für den humanen Charakter dieser seiner Eigentümlichkeit konstitutiv sein, dass er,
indem er sie betätigt, der ganzen Relativität – seiner Relativität zur übrigen
körperlich-organischen Welt im Allgemeinen und seiner Relativität zur Tierwelt im Besonderen –
bewusst bleibe, dass ihm, indem er den Schritt über das Tier hinaus und zur Beherrschung des
bloß Natürlichen mutig und entschlossen wagt, die ganze Fragwürdigkeit seiner Verwirklichung
ebenso deutlich vor Augen stehe wie seine Möglichkeit und Notwendigkeit. Geist! Vernunft! Persönlichkeit! Entscheidungscharakter! Wissenschaft, Kunst und Frömmigkeit!
Kultur!16 Höchste Stufe und Zusammenfassung aller vorangehenden
Entwick|636lungsstufen!17
Mikrokosmos im Makrokosmos,18 gegen ihn und über ihn! Gut, wer
dürfte den Aufschwung, der da offenbar beschrieben wird, leugnen und gering schätzen? Wer
müsste ihn nicht vor allem selbst versuchen und betätigen wollen? Aber wer lachte da nicht,
indem er ihn Andere und vor allem sich selbst nun wirklich versuchen und betätigen sieht? Wer
hier nicht lachte, dem wäre doch wohl auf den Kopf zuzusagen, dass er
wohl «darüber» geredet, aber nun doch nur darüber geredet hat,19 dass er
nicht weiß, wovon er redet; denn wenn er es wüsste, dann würde er bei allem Ernst dieser Sache
auch lachen, und zwar zuerst und vor allem über sich selbst lachen müssen. Und wie ist es,
wenn es sich gar um des Menschen Besonderheit im geologischen und astronomischen Kosmos handelt? Wir werden jener «Panik»20
gegenüber seinen unend|637lichen (oder nach der neuesten
Betrachtungsweise doch wieder endlichen, aber jedenfalls sehr erheblichen) Räumen und Zeiten
gewiss kein Recht geben. Es ist wirklich schön, sich damit trösten und ermahnen zu dürfen,
dass dieses Weltungeheuer «schlussendlich»21 doch nur unser, das von uns gemessene und in seiner Art und
Gesetzlichkeit schon so erstaunlich 942 weitgehend erforschte Universum ist:
uns «zu Füßen geworfen» [vgl.
Das ist es, was wir der ganzen neueren Lehre von des Menschen Besonderheit als immanente Kritik,
indem wir uns mit ihr auf einen Boden zu stellen versuchen und also unter Zurückstellung
unseres eigentlichen Einwandes, entgegenzuhalten haben: Sie leidet an einer merkwürdigen
Humorlosigkeit. Denn dementsprechend, dass sie den Menschen bei allem Großen, was sie von ihm
zu sagen weiß, als ein Wesen dargestellt hat, das über seine Größe scheinbar nicht lachen
kann, hat sie auch ihr Streit- und Friedensgespräch mit den Leuten von der Deszendenztheorie24 durchge943führt. Hemmungslos feierlich, mit
einem Ingrimm, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre, haben offenbar schon diese den
Menschen schlecht zu machen bzw. gänzlich in den zoologischen Garten zu verweisen gesucht.
Hätten doch die theologischen Apologetiker25
das bessere Recht ihrer Sache damit durch die Tat bewiesen, dass sie die Menschlichkeit und die Größe des Menschen nun gerade nicht mit derselben hemmungslosen
Feierlichkeit, sondern, wie es sich gehört, im Bewusstsein der Möglichkeit und Notwendigkeit, aber auch im Bewusstsein der Fragwürdigkeit dieses Unternehmens «unter Tränen lächelnd»26 aufzuzeigen versucht27! Hätten sie sich
doch der Welt gerade darin nicht gleichgestellt, dass sie den Menschen in seiner Besonderheit und damit sich selbst mit ihren Argumenten
dafür zwar ganz ernst, aber auch wieder gar nicht ernst und gerade in dieser Dialektik rechtschaffen ernst nahmen! Hätten sie doch ein
einziges Mal über sich selbst gelacht, indem sie sich selbst in der
Person des von ihnen verteidigten und verherrlichten Menschen mitten aus dem zoologischen
Garten und aus der Verlorenheit im Kosmos so gewaltig erhoben zu den
Höhen des Geistes, der Persönlichkeit und der Verantwortlichkeit, der
Gotteskindschaft, der |639 Menschenliebe und des Gottesreiches! Sie aber unternahmen es und lachten nicht. Dass die Freunde des Affenmenschen – den Blick starr auf ihre Schädelfragmente, auf ihre
mikrozephalen und geimpften Schimpansen gerichtet28 –
nichts zu lachen hatten, das ist schließlich begreiflich: sich selber, die kleine Tatsache,
dass sie Menschen waren, ganz vergessend, konnten sie sich nur blutig ernst verhalten. Ihre
Gegner aber, die christlichen Apologeten, die ja jene kleine Tatsache gerade nicht vergessen,
sondern auf den Leuchter heben wollten, hätten, indem sie das taten, genug zu lachen gehabt.
Und wie hätten sie dann, gleichsam im Anhang dazu, auch über die Darwinisten lachen können und dürfen! Wie wären
sie und wie wäre dann ihr thema probandum, des Menschen Besonderheit, einleuchtend, überzeugend, in siegreicher Überlegenheit dagestanden!
Welches 944 fröhlich-friedliche Cannae29 würden sie dann den immer noch finster grollenden Darwinisten
beigebracht haben? Sie aber lachten auch nicht, sondern grollten
religiös, wo jene gottlos grollten, idealistisch, wo jene materialistisch grollten, nahmen in
der Person des Menschen sich selbst ganz undialektisch ernst (als wären auch sie Kinder dieser
Welt [vgl.