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        <title type="volume" n="vol-50">Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik</title>
        <title type="content">Humor</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Humor, kein Datum</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/50016 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik, hrsg. v. Stoevesandt, Hinrich / Trowitzsch, Michael (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2014, S. 640.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik</title>
          <title type="text">Humor</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Stoevesandt, Hinrich</editor>
          <editor>Trowitzsch, Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2014</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, [III/2] §44? Humor, kein Datum. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1145">KBA 25011</ref>. </bibl>
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        <date type="creation">kein Datum</date>
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   <div type="paper">
    <pb xml:id="p631" ed="pga" rend="noPipe"/>
    <head>II. Die kleineren Fragmente<lb/>Humor</head>
    <div type="abstract">

     <p>Das mitten im Wort beginnende Fragment<note xml:id="n01"><idno type="kba-objects-identifier">KBA 25011</idno> (CD-ROM, Text Nr. 10).</note> stammt aus der ersten Fassung der
      Anthropologie. Es gehört zum § 43: «Der Mensch inmitten der Geschöpfwelt», den <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Wintersemester 1943/44 zu lesen begann und im
      Sommersemester 1944 abschloss. Dort befand es sich in dem im Übrigen nicht erhaltenen ersten
      Abschnitt: «Des Menschen Besonderheit».<note xml:id="n02">Der darauf folgende zweite Abschnitt
       ist in diesem Band wiedergegeben: s. oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p305#p305">S. 305–411</ref>. Die Angaben über das hier edierte
       Fragment wie über den § 43 überhaupt fußen auf der Vorlesungsmitschrift von <persName ref="kbga-actors-7758">Sophie Apolant</persName> (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p003#p003">S. 3</ref>).</note></p>
     <p><hi rend="italic">Neben den Anfang des Exkurses hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> notiert: «Humor»<note xml:id="n03">Tskr., S. 939 (oben auf derselben Seite
        in <persName ref="kbga-actors-223">Charlotte von Kirschbaums</persName> Handschrift
        wiederholt).</note>. Mit diesem Thema hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich auch im Zusammenhang seiner
       Ethik-Vorlesung von 1928/29 schon beschäftigt,<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-118"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Ethik II. Vorlesung Münster Wintersemester 1928/29, wiederholt in Bonn,
          Wintersemester 1930/31</hi>, hrsg. von D. Braun (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1978,
         <ref type="pub-" target="../volume/10/p444#p444">S. 444–447</ref></bibl>.</note> und dass diese Seiten aus dem sonst verlorenen Abschnitt
       aufgehoben wurden, könnte ein Indiz dafür sein, dass er es auch im Weiteren nicht völlig
       außer Acht lassen wollte; zu einer ausgearbeiteten Wiederaufnahme kam es jedoch
      nicht.</hi></p>
     <p><hi rend="italic">Die im vorliegenden Fragment unter diesen Gesichtspunkt gestellte
       Auseinandersetzung mit den theologischen Reaktionen auf die neueren philosophischen und
       naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zum Wesen des Menschen freilich nahm <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in die
       Druckfassung von § 44,2 auf – und unterließ es dort nicht, wenigstens eine kleine Reminiszenz
       an das von den theologischen «Apologeten» nicht oder nur ungenügend beachtete Thema «Humor»
        anzubringen.<note xml:id="n05">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, S. 96</bibl>, wo
        es eingeklammert – also den Gedankengang bewusst unterbrechend – heißt: «O daß keiner dieser
        Apologeten es für der Erwähnung würdig hielt, daß unter allen Wesen scheinbar nur der Mensch
        zu <hi rend="italic">lachen</hi> und zu <hi rend="italic">rauchen</hi>
      pflegt!!»</note></hi></p>
     <p><hi rend="italic">Bemerkenswert ist sicher, dass die Auseinandersetzung auch mit <bibl corresp="kbga-bibls-5088"><persName ref="kbga-actors-63">Emil Brunner</persName>s Buch «Der Mensch im Widerspruch»</bibl><note xml:id="n06"><bibl corresp="kbga-bibls-5088"><persName ref="kbga-actors-63">E.
          Brunner</persName>, <hi rend="italic">Der Mensch im Widerspruch. Die christliche Lehre vom
          wahren und vom wirklichen Menschen</hi>, Berlin 1937</bibl>.</note>, die implizit das <pb xml:id="p632" ed="pga"/> ganze Fragment durchzieht, in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2,
        S. 153–157</bibl>, explizit, gesondert am Ende des Abschnittes und ebenfalls ohne Bezug auf
       den dort fehlenden «Humor» erfolgt. Erstaunlich ist Letzteres vor allem deshalb, weil
       Brunners Buch für <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ausweislich der umfangreichen Spuren seiner Lektüre ein besonders
       plakatives Beispiel für solchen nicht vorhandenen «Humor» gewesen ist.<note xml:id="n07">Neben einem von <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName>, <bibl corresp="kbga-bibls-5088">a.a.O., S. 29</bibl>, angeführten <persName ref="kbga-actors-355">Scheler</persName>-Zitat: «So ist der
        Mensch das sich selbst und der Welt überlegene Wesen. Als solches Wesen ist er auch der
        Ironie und des Humors fähig, die stets eine Erhebung über das eigene Dasein einschließen»
         (<bibl corresp="kbga-bibls-5088">a.a.O., S. 29</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5089"><persName ref="kbga-actors-355">M. Scheler</persName>, <hi rend="italic">Die Stellung des
          Menschen im Kosmos</hi>, [Darmstadt 1928] Bonn 1991<hi rend="sup">12</hi>, S. 47</bibl>)
        notierte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, der den zweiten Satz in seinem
        Exemplar unterstrichen hatte, am Rand: «Brunner <hi rend="italic">nicht</hi>»!</note></hi></p>
    </div>
    <div>
     <head>Humor</head>
     <div>
      <div>
     <p>nisses zu ergeben scheint. Dass diese phänomenale Eigentümlichkeit:<note xml:id="n08">Das
       Folgende (bis zum Beginn des Exkurses) wurde weiter entfaltet im ursprünglichen § 44,2 (s.
       oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p412#p412">S. 412–558</ref>; dort bes. <ref type="pub" target="../volume/50/p514#p514">S. 514–547</ref>).</note> die <hi rend="italic">relative Eigenart</hi> schon der menschlichen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, physisch">Physis</term>, seine von dieser nicht zu
      trennende, aber auch nicht mit ihr zusammenfallende Psyche mit ihrem in der übrigen
      Kreaturwelt jedenfalls nicht manifesten Charakter der Geistigkeit und diese in ihrer durch
      ihre logische, metaphysische und besonders ethische Richtung sich kennzeichnenden <term key="Mensch, Eigenart / Individualität, geistig-historisch">Struktur</term>, dass als Letztes
      und Bezeichnendstes insbesondere die <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortlichkeit</term>,
      die Geschichtlichkeit, der <term key="Humanität, Leben in Entscheidungen">Entscheidungscharakter</term>, ja die <term key="Mensch, Gottesbezug">Gottbezogenheit</term>
      des menschlichen Wesens und der menschlichen <term key="Existenz, menschliche">Existenz</term>
      in diesen Versuchen mehr oder weniger richtig gesehen und mit mehr oder weniger Schärfe
      dargestellt worden ist,<note xml:id="n09">In <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2,
        S. 150–152</bibl>, problematisiert <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die im Satz enthaltene Begriffsreihe, sofern man
       darin allein entscheidende Merkmale der menschlichen Existenz zu sehen vermeint, und führt
       sie <bibl corresp="kbga-bibls-5089">a.a.O., S. 153</bibl>, zurück auf <bibl corresp="kbga-bibls-5088"><persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n06">Anm. 6</ref>),
        S. 45–104.259–281.424–478.554–557 (vgl. dort bes. S. 54f.62f.266–269.451f.555</bibl>).
       Diesen konkreten Bezug scheint er ausweislich der Mitschrift <persName ref="kbga-actors-7758">Sophie Apolants</persName>, die Literaturhinweise sonst des Öfteren notiert, im Kolleg
       nicht hergestellt zu haben; er hat ihm aber bei der Niederschrift des Typoskripts sicher vor
       Augen gestanden, wie sich an den vielen weiteren Anspielungen zeigt.</note> das ist <pb xml:id="p633" ed="pga"/> nicht zu verkennen. Und es ist auch die theologische Relevanz dieser
      phänomenalen Eigentümlichkeit des Menschen nicht in Abrede zu stellen, sofern der im Lichte
      des Wortes <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term> stehende und also der für die Theologie
      interessante Mensch ja zweifellos kein anderer ist als der, der sich laut seines
      Selbstverständnisses dieser Eigentümlichkeit zu erfreuen hat. Die Frage, was das im Lichte des
      Wortes Gottes zu bedeuten hat, wird uns bestimmt auch zu beschäftigen haben. Und alles, was
      hier zum Aufweis der Besonderheit des Menschen hinsichtlich seiner phänomenalen
      Eigentümlichkeit herausgearbeitet worden ist, wird uns dann wahrhaftig auch wichtig sein. Es
      stimmt schon, dass der Mensch im <term key="Kosmos">Kosmos</term> als Mensch das Alles ist und
      hat, was da als sein Sein und Haben, seine besonderen Eigenschaften und Zuständlichkeiten
      beschrieben und – immer im Rahmen seiner Wissenschaft von sich <term ref="kbga-keywords-5">selbst</term> – gegenüber dem Versuch seiner Nivellierung verteidigt worden ist.</p>
      </div>
      <div type="excursus">
     <p rend="margin-top">Eine einzige <hi rend="italic">Einschränkung</hi> soll dieser zunächst in globo
      auszusprechenden Anerkennung hinzugefügt sein: Muss man sich nicht allen Ernstes wundern, in
      allen jenen Lobreden auf des Menschen <term key="Mensch, Wesen">Wesen</term> und <term key="Menschenwürde">Würde</term> gar nie auf den doch eigentlich naheliegendsten Hinweis
      darauf zu stoßen, dass unter allen Geschöpfen allein der Mensch die Gabe des <term key="Humor"><hi rend="italic">Humors</hi></term> zu besitzen scheint: desjenigen Humors nämlich, in
      welchem er nicht etwa nur über Andere und Anderes, sondern vor allem und zuerst (und auch
      immer wieder zuletzt) über sich selbst zu lachen oder doch zu lächeln weiß? <pb ed="A" n="940"/> Humor ist das Flüssige in seinem Unterschied und Verhältnis zum Festen und
       Trockenen.<note xml:id="n10">Lat. <foreign xml:lang="lat">umor</foreign> / humor: «Feuchtigkeit». Nach <bibl corresp="kbga-bibls-98">DWb 10,
        Sp. 1905–1907</bibl>, ergab sich der heute im Deutschen übliche Wortgebrauch aus dem
       mittelalterlichen Bezug auf die flüssigen «Säfte» im Innern des Menschen, die man auch für
       dessen Gemütszustände und unterschiedlichen «Launen» verantwortlich machte. Daraus
       entwickelte sich die Verengung auf bloß «scherzhafte Stimmungen».</note> Als Element der
      menschlichen Eigentümlichkeit bezeichnet der Humor den Punkt, wo ihre Grenze dem
      Nicht-Menschlichen gegenüber ins Fließen kommt, sich nicht mehr fest, trocken und sicher
      behaupten lässt. Man spricht insofern mit Recht von einem unfreiwilligen Humor. Und eben er
      ist sogar der eigentliche und ursprüngliche, der sozusagen ontische Humor des menschlichen
      Wesens. Als freiwilliger oder noetischer Humor ist er ein notwendiges Element der menschlichen
      Wissenschaft vom <term ref="kbga-keywords-5">Menschen</term> und besteht darin, dass man sich
      in und mit der ernsten und klaren Erkenntnis der menschlichen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigentümlichkeit</term> auch des Fließens ihrer
      Grenzen, auch der Feuchtigkeit und also Unfestigkeit <pb xml:id="p634" ed="pga"/> dieser ganzen
      Wissenschaft bewusst wird, was dann allen Ernstes zum Lachen ist. Dass der Mensch schließlich
      auch eine humoristische Figur ist und dass er sich selbst auch als solche erkennen, sich
      selbst also auch humoristisch nehmen darf, das ist es, worauf hier ausdrücklich aufmerksam zu
      machen und was hier der vorhin angeführten Lehre von des Menschen <term key="Mensch, Besonderheit">Besonderheit</term> allen Ernstes entgegenzuhalten ist. |</p>
     <p>Was wäre der Mensch schon, wenn er seine <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> und
      also die ihm und nur ihm eigene Dimension, wenn er seine vielgerühmte Stellung an der Spitze
      und – kraft seiner Freiheit sogar oberhalb der Spitze der Tierwelt nicht auch in jener <term key="Humor">Flüssigkeit</term> bewähren und betätigen würde? Würde die ganze Pracht seiner
      Geistigkeit, seiner Personhaftigkeit, seiner <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungsfähigkeit</term> usw. ohne das echt sein? Wäre die Behauptung von seinem
      Vermögen, alle Erfahrung zu transzendieren,<note xml:id="n11">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5088"><persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n06">Anm. 6</ref>),
        S. 434</bibl>: «Nicht der Verstand, sondern der gottbezogene Geist unterscheidet Mensch und
       Tier. Auch das höchste Tier verrät nicht eine Spur von Geist, das heißt von Vermögen der
       Ideation, der Transzendierung des in der Erfahrung Gegebenen durch ein Unbedingtes,
       Normatives, Vollkommenes.»</note> glaubwürdig, wenn er nun gerade das nicht vermöchte,
      endlich und zuletzt und vor allem sich selbst als <term ref="kbga-keywords-1443">«Persönlichkeit»</term><note xml:id="n12">Dezidiert verwendet etwa von <bibl corresp="kbga-bibls-51"><persName ref="kbga-actors-311">R. Otto</persName>, <hi rend="italic">Naturalistische und religiöse Weltansicht</hi>, Tübingen 1909<hi rend="sup">2</hi>, S. 260</bibl>: «In dem aber der Mensch zu geistigem Leben und geistigem Besitz
       veranlagt ist, ist er es auch zur Persönlichkeit. Und mit diesem Worte wird alles umschlossen
       und bezeichnet, was die eigentümliche Würde des Menschwesens ausdrückt. Persönlichkeit das
       ist das Wort, bei dem wir innerlich zusammenzucken.» (von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinem Exemplar teils
       unterstrichen und am Rand mit einem Ausrufezeichen markiert). Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-51">a.a.O., S. 250f.</bibl> Auf <persName ref="kbga-actors-311">Otto</persName> und speziell auch auf die zitierten Sätze bezieht <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich auch in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, S. 94–96</bibl>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-51">a.a.O.,
        S. 109f</bibl>., wo er sich in einem kurzen Exkurs über die ‹Feierlichkeit› bzw.
       ‹Dunkelheit› der Begriffe «Persönlichkeit» und «Personhaftigkeit» äußert: «Es geschah doch
       wahrscheinlich ohne viel Sinn, daß gerade […] diese Begriffe eine Zeitlang so wichtig, oft
       geradezu zentral wichtig genommen worden sind.» (S. 109).</note> und die ganze von ihm so
      kühn vollbrachte <term ref="kbga-keywords-328">«Naturbeherrschung</term> als <term ref="kbga-keywords-1184">Kulturprozess</term>»<note xml:id="n13">In <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, S. 98</bibl>, verweist <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Anschluss an den dort
       ebenfalls aufgenommenen – jedoch nicht als Zitat gekennzeichneten – Begriff auf <bibl corresp="kbga-bibls-5090"><persName ref="kbga-actors-808">A. Titius</persName>, <hi rend="italic">Natur und Gott. Ein Versuch zur Verständigung zwischen Naturwissenschaft und
         Theologie</hi>, Göttingen 1926, S. 789</bibl>: «Die einzelnen Naturbereiche, die ganz ihren
       eignen Gesetzen folgen und sich gegeneinander spröde verhalten, sollen unter Wahrung dieser
       Autonomie doch nach Möglichkeit einander zugepaßt werden, so daß die Übergänge bequem und die
       Konfliktsmöglichkeiten tunlichst ausgeschaltet werden; diese letzte filigranartige Ausfeilung
       der Naturwirklichkeit zu möglichster Harmonie, welche erst die feste Grundlage einer
       intensiven Menschheitskultur bilden kann, herbeizuführen, bildet ja in der Tat ein wichtiges
       Ziel eben dieser Kultur, welches unter Mitwirkung der Naturerkenntnis von der Praxis in immer
       höherem Grade erreicht und erstrebt wird. Diese Naturbeherrschung im Kulturprozeß ist, wie
       gezeigt, ein integrierendes Glied im Ganzen der christlichen Auffassung von der Bestimmung
       der Menschheit [...].»</note> damit noch einmal ein wenig zu «transzendieren», dass er sich
      <pb xml:id="p635" ed="pga"/> gleichzeitig ganz ernst und nun doch auch wieder gar nicht ernst
      nimmt? Ohne das geht es doch nicht. Ohne das kann doch auch der größte Ernst in dieser Sache
      nicht ganz ernst sein. Wer wollte bestreiten, dass der Mensch sich selbst dadurch als Mensch
      sichtbar wird, dass er nach kurzem Vorstadium <pb ed="A" n="941"/> nicht mehr auf allen
      Vieren, sondern nur noch auf zwei Beinen geht und dafür von seinen Händen umso besseren
      Gebrauch zu machen versteht?<note xml:id="n14">Vgl. <persName ref="kbga-actors-808">Titius</persName>, <bibl corresp="kbga-bibls-5090">a.a.O., S. 637</bibl>: «Die eigenartige
       Vorzugsstellung des Menschen in der Welt ist zweifellos körperlich nicht nur durch seine
       Gehirnentwicklung, sondern ebenso sehr durch seinen geraden Gang und die damit gegebene
       Verwendung und Ausbildung der Hand gegeben.» (Der Satz ist im Exemplar <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> am Rand
       markiert; «Gehirnentwicklung», «geraden Gang» und «Hand» sind unterstrichen.)</note> Wer
      wollte bestreiten, dass es ihm zum weiteren Erweis seiner <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigentümlichkeit</term> möglich und notwendig ist,
      sich als <term ref="kbga-keywords-356">Seele</term> nicht nur, sondern als personhafte und
      verantwortliche <term key="Seele, Geist-Seele">Geist-Seele</term> zu betätigen?<note xml:id="n15">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5088"><persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> (Anm. 6), S. 374f.</bibl>: «Seele an und für sich ist das, was allem
       Lebendigen zukommt, was nicht besonders den Menschen als Menschen auszeichnet, Geist ist das
       Spezifisch-Menschliche. Das Verhältnis ist aber dadurch kompliziert, daß die Seele zugleich
       als das den Geist Fundierende mit diesem zur Einheit zusammengeschaut wird»; <bibl corresp="kbga-bibls-5088">S. 377</bibl>: «Darum muß der Geist – letzten Endes das Ich, die
       Person – die Seele zu ihrer geistigen Tätigkeit ‹erwecken›, an sich schläft sie. Losgelöst
       von der geistigen Aktivität versinkt die Seele in tierische und sogar pflanzliche Passivität
       […].»</note> Es dürfte aber gerade für den humanen Charakter dieser seiner <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigentümlichkeit</term> konstitutiv sein, dass er,
      indem er sie betätigt, der ganzen Relativität – seiner Relativität zur übrigen
      körperlich-organischen Welt im Allgemeinen und seiner Relativität zur Tierwelt im Besonderen –
      bewusst bleibe, dass ihm, indem er den Schritt über das Tier hinaus und zur Beherrschung des
      bloß Natürlichen mutig und entschlossen wagt, die ganze Fragwürdigkeit seiner Verwirklichung
      ebenso deutlich vor Augen stehe wie seine Möglichkeit und Notwendigkeit. <term ref="kbga-keywords-841">Geist</term>! <term ref="kbga-keywords-819">Vernunft</term>! <term ref="kbga-keywords-1443">Persönlichkeit</term>! <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungscharakter</term>! <term ref="kbga-keywords-911">Wissenschaft</term>, <term ref="kbga-keywords-1171">Kunst</term> und <term ref="kbga-keywords-457">Frömmigkeit</term>!
       <term ref="kbga-keywords-1184">Kultur</term>!<note xml:id="n16">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-51"><persName ref="kbga-actors-311">Otto</persName> (Anm. 12),
        S. 258</bibl>: «In <hi rend="italic">Wissenschaft</hi> und <hi rend="italic">Kunst</hi>, in
        <hi rend="italic">Sittlichkeit</hi> und <hi rend="italic">Frömmigkeit</hi> besitzt sich der
       Geist selber»; <bibl corresp="kbga-bibls-5088"><persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> (Anm. 6), S. 29f.</bibl>: «Der Mensch hat vermöge seines Geistes,
       seiner Vernunft, die Fähigkeit, Kultur zu schaffen. Das ist seine humanitas, das, was ihm
       allein unter allen lebenden Wesen eigen ist, […]. Der Mensch allein hat Wissenschaft […]; er
       allein hat Kunst […], Religion.»</note> Höchste Stufe und Zusammenfassung aller vorangehenden
       Entwick<pb xml:id="p636" ed="pga" break="no"/>lungsstufen!<note xml:id="n17">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-51">Otto (Anm. 12), S. 98</bibl>: «Was im niedersten Lebewesen
       ‹potentiell› beschlossen ist, das ist im höchsten, etwa im Menschen ‹aktuell› geworden oder
       verwirklicht […]. Vielmehr der Idee und dem Wesen nach ist jede höhere Stufe eine
       Entwicklung, eine völligere Entfaltung dessen, was auf niederer Stufe, und schließlich der
       Mensch die volle Verwirklichung dessen, was schon auf unterster Stufe in der Potenz gesetzt
       war.» Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-5088"><persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> (Anm. 6), S. 428f.</bibl>: «Innerhalb des christlichen Denkens bringt
       er [der Begriff ‹Mikrokosmos›] lediglich die Tatsache zum Ausdruck, daß je die höhere <hi rend="italic">Seinsstufe die untere in sich begreift</hi>, aber in ihr nicht enthalten ist.
       […] Dieser wichtige Gedanke der <hi rend="italic">unumkehrbaren Stufenordnung</hi> des
       Seienden kommt schon in der biblischen Schöpfungsgeschichte zum Ausdruck. Die
       Grunderkenntnis, daß alles, das Tote und das Lebendige, das Höhere und das Niedere,
       gleicherweise Kreatur, Geschaffenes, Abhängiges ist, schließt die andere nicht aus, daß
       dieses Geschaffene ein stufenweise gegliedertes Ganze sei, dessen Spitze der Mensch, die
       vernunft- oder geistbegabte Kreatur ist.»</note>
      <term key="Kosmos, Mikrokosmos">Mikrokosmos</term> im <term key="Kosmos, Makrokosmos">Makrokosmos</term>,<note xml:id="n18">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-51"><persName ref="kbga-actors-311">Otto</persName> (Anm. 12), S. 260f.</bibl>: «Je mehr wir Person
       werden, desto klarer, fester und unzerfließlicher heben wir uns mit unserem geistigen Leben
       und Besitztum heraus aus allem Strome natürlichen Geschehens. […] Ein Mikrokosmos setzt sich
       gegen den Makrokosmos, und eine Einheit, eine Monas geht hervor, von der es nun auch Sinn
       hat, nach Dauer und Unvergänglichkeit zu fragen […].»</note> gegen ihn und über ihn! Gut, wer
      dürfte den Aufschwung, der da offenbar beschrieben wird, leugnen und gering schätzen? Wer
      müsste ihn nicht vor allem selbst versuchen und betätigen wollen? Aber wer lachte da nicht,
      indem er ihn Andere und vor allem sich selbst nun wirklich versuchen und betätigen sieht? Wer
      hier nicht <term key="Humor">lachte</term>, dem wäre doch wohl auf den Kopf zuzusagen, dass er
      wohl «<hi rend="italic">darüber</hi>» geredet, aber nun doch nur darüber <hi rend="italic">geredet</hi> hat,<note xml:id="n19">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5088"><persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> (Anm. 6), S. 438</bibl>: «Noch immer wie zu Thales’
       Zeiten ist es der Mensch, der mit seinem Geist den Kosmos umspannt und darüber nachdenkt. In
       der Tat: ‹darüber›; denn die Welt ist unter ihm, […].» Angesichts der Art und Weise, wie
       <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier immer wieder Begrifflichkeiten vor allem Brunners aufgreift, ist nicht
       auszuschließen, dass auch das hervorgehobene «geredet» noch eine Anspielung enthält; vgl.
        <bibl corresp="kbga-bibls-5088">a.a.O., S. 10</bibl>: «Der Mensch […] ist aber auch der
       humanus, das nicht bloß Zeichen gebende, sondern <hi rend="italic">redende</hi> […] Wesen.»
       Das hervorgehobene «redende» ist von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinem Exemplar unterstrichen.</note> dass er
      nicht weiß, wovon er redet; denn wenn er es wüsste, dann würde er bei allem Ernst dieser Sache
      auch lachen, und zwar zuerst und vor allem über sich selbst lachen müssen. Und wie ist es,
      wenn es sich gar um des Menschen Besonderheit im geologischen und astronomischen <term key="Kosmos">Kosmos</term> handelt? Wir werden jener «Panik»<note xml:id="n20">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5088">a.a.O., S. 438</bibl>: «Die Anschauung der kosmischen
       Unendlichkeit des Raumes und der Zeit […] ist […] für den modernen Menschen ein schweres
       Glaubenshindernis und mächtiger Zweifelsgrund. Und doch handelt es sich hier um nichts
       anderes als um ein Phänomen der Panik, eine Art kosmisches Schwindelgefühl, das uns die klare
       Besinnung raubt.» Und, <bibl corresp="kbga-bibls-5088">a.a.O., S. 446</bibl>: «Zum wirklichen
       Menschen gehört einerseits die überkosmische Schöpfungsbestimmung und andererseits das
       Versinken im Kosmos und in der kosmischen Angst. […] Der wirkliche Mensch im Kosmos ist der
       an den Kosmos preisgegebene. Das Weltgrauen ist kein neues Gefühl, sondern so alt wie die
       Menschheit. […] Die ganze Mythologie ist mit dieser kosmischen Panik durchsetzt, aus ihr
       geboren.» Die Worte «kosmischen Panik» sind im Exemplar <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> unterstrichen.</note>
      gegenüber seinen unend<pb xml:id="p637" ed="pga" break="no"/>lichen (oder nach der neuesten
      Betrachtungsweise doch wieder endlichen, aber jedenfalls sehr erheblichen) Räumen und Zeiten
      gewiss kein Recht geben. Es ist wirklich schön, sich damit trösten und ermahnen zu dürfen,
      dass dieses Weltungeheuer «schlussendlich»<note xml:id="n21">Ein von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auch sonst in
       dieser Form verwendeter Helvetismus; vgl. aus einem Brief <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an <persName ref="kbga-actors-431">Ernst Wolf</persName> vom <date when="1961-07-28">28.7.1961</date>:
       «‹schlussendlich›, wie man hier sagt» (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9261</idno>;
        <bibl corresp="kbga-bibls-1378"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Briefe 1961–1968</hi>, hrsg. von
        J. Fangmeier / H. Stoevesandt [Gesamtausgabe, Abt. V], Zürich 1979<hi rend="sup">2</hi>,
        <ref type="pub-" target="../volume/06/p018#p018">S. 18</ref></bibl>).</note> doch nur unser, das von uns gemessene und in seiner Art und
      Gesetzlichkeit schon so erstaunlich <pb ed="A" n="942"/> weitgehend erforschte Universum ist:
      uns «zu Füßen geworfen» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.8.7">Ps. 8,7</ref>],
      wie man sich dann auch noch von der <term ref="kbga-keywords-110">Bibel</term> sagen lassen
       mag.<note xml:id="n22">Auch dieses ‹Trösten› und ‹Ermahnen› spielt wohl auf <persName ref="kbga-actors-63">Emil Brunner</persName> an; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5088">Brunner (<ref type="pub" target="#fn_n06">Anm. 6</ref>), S. 438</bibl>: «Denn es ist ja der Mensch, der dieses Universum mißt, es
       ist der Mensch, der seine Gesetze erforscht, es ist des Menschen Welt, die ihm so unheimlich
       geworden ist. […] die Welt ist unter ihm, als ‹Objekt›, ‹zu Füßen geworfen›.»</note> Aber wer
      lachte da nicht, wer müsste nicht <term key="Humor">lachen</term>, wenn er sich, diese sicher
      wahr, gut und schön entworfene Theorie auch nur einen Augenblick auf seine praktische
      Situation erweiternd, lebensmäßig anschaulich zu machen versucht? Es ist ja wirklich tief,
      aber auch merkwürdig schnell gedacht und gesagt, dass der Mensch als Subjekt in dem Maß
      wachse, als er als Objekt abnehme.<note xml:id="n23">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5088">ebd.</bibl>: «In demselben Maß, in dem der
       Mensch als <hi rend="italic">Objekt</hi>, als Weltstück an vergleichsweiser Größe abnimmt,
       weil sein Kosmos sich ausdehnt, nimmt er als <hi rend="italic">Subjekt</hi> zu.»</note> Aber
      hat er damit aufgehört, auch dieses abnehmende Objekt und also an einem ziemlich kleinen Ort
      des ziemlich großen <term key="Kosmos">Raumes</term> und auf einer ziemlich kleinen Strecke
      der ziemlich langen Zeit zu sein? Ist es ihm durch jene <term ref="kbga-keywords-1379">idealistische</term> Erwägung etwa abgenommen, sich jedenfalls auch als dieses sehr
      geringfügige Objekt sehen und verstehen zu müssen? Kann und darf er das etwa unterlassen? Wäre
      es wirklich menschlich und nicht vielmehr höchst unmenschlich, das zu unterlassen? Sollte ein
      bisschen Respekt vor jener Unendlichkeit oder vor jener doch immerhin so beträchtlichen
      Endlichkeit des <term key="Kosmos, Himmel und Erde">Himmels</term> und der Erde und dann auch
      ein bisschen Erstaunen angesichts der Kühnheit, in der sich der Mensch seine <pb xml:id="p638" ed="pga"/> Überlegenheit ihnen gegenüber zu sichern weiß, nun nicht faktisch praktisch doch
      gar sehr am Platze sein? Kann man sich aber diesem Respekt und also diesem Erstaunen über sich
      selbst nicht einfach entziehen, wie kann man sich dann dem entziehen, über sich selbst <term key="Humor">lachen</term> zu müssen – nicht trotzdem, sondern gerade indem man sich jenen
      Trost und jene Ermahnung wohlgefallen und also von jener Panik sich gänzlich befreien
      lässt? |</p>
     <p>Das ist es, was wir der ganzen neueren Lehre von des Menschen <term key="Mensch, Besonderheit">Besonderheit</term> als <hi rend="italic">immanente</hi> Kritik,
      indem wir uns mit ihr auf einen Boden zu stellen versuchen und also unter Zurückstellung
      unseres eigentlichen Einwandes, entgegenzuhalten haben: Sie leidet an einer merkwürdigen
      Humorlosigkeit. Denn dementsprechend, dass sie den Menschen bei allem Großen, was sie von ihm
      zu sagen weiß, als ein Wesen dargestellt hat, das über seine Größe scheinbar nicht lachen
      kann, hat sie auch ihr Streit- und Friedensgespräch mit den Leuten von der <term key="Darwinismus / Deszendenztheorie">Deszendenztheorie</term><note xml:id="n24">In <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, S. 93</bibl>, beruft sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auf <bibl corresp="kbga-bibls-5091"><persName ref="kbga-actors-3022">O.
         Zöckler</persName>, Art. «Mensch», in: RE<hi rend="sup">3</hi> 12, S. 616–629</bibl>, und
       nennt <persName ref="kbga-actors-10372">Jean-Baptiste de Lamarck </persName>(1744–1829), <persName ref="kbga-actors-6535">Lorenz
        Oken</persName> (1779–1851), <persName ref="kbga-actors-2013">Charles Darwin</persName>
       (1809–1882) als Begründer der Deszendenztheorie und <persName ref="kbga-actors-150">Ernst
        Haeckel</persName> (1834–1919) als ihren Hauptvertreter in der Zeit der Abfassung des
       Artikels.</note> durchge<pb ed="A" n="943" break="no"/>führt. Hemmungslos feierlich, mit
      einem Ingrimm, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre, haben offenbar schon diese den
      Menschen schlecht zu machen bzw. gänzlich in den zoologischen Garten zu verweisen gesucht.
      Hätten doch die theologischen Apologetiker<note xml:id="n25">Gemeint sind vor allem <persName ref="kbga-actors-311">Rudolf Otto</persName> und <persName ref="kbga-actors-808">Arthur
        Titius</persName> (vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, S. 94–99</bibl>).</note>
      das bessere Recht ihrer Sache damit durch die Tat bewiesen, dass sie die <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> und die Größe des <term ref="kbga-keywords-1601">Menschen</term> nun gerade nicht mit derselben hemmungslosen
      Feierlichkeit, sondern, wie es sich gehört, im Bewusstsein der <hi rend="italic">Möglichkeit</hi> und <hi rend="italic">Notwendigkeit</hi>, aber auch im Bewusstsein der <hi rend="italic">Fragwürdigkeit</hi> dieses Unternehmens «unter Tränen lächelnd»<note xml:id="n26">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3613"><persName ref="kbga-actors-240">H.
         Kutter</persName>, <hi rend="italic">Reden an die deutsche Nation</hi>, Jena 1916,
        S. 113</bibl>: «Wir sind so dumm-ernst! So wichtigtuerisch-tiefsinnig. So
       geheimnisvoll-blöd. So gespreizt unnatürlich. O, so närrisch, so närrisch! So unfreiwillig
       komisch. – Und über uns beugt sich ein in Tränen lächelndes Angesicht!» Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-3613">a.a.O., S. 98.225.</bibl></note> aufzuzeigen versucht<note xml:id="n27">Tskr.: «versucht hätten»; Streichung durch die Hrsg.</note>! Hätten sie sich
      doch der Welt gerade darin nicht gleichgestellt, dass sie den Menschen in seiner <term key="Mensch, Besonderheit">Besonderheit</term> und damit sich selbst mit ihren Argumenten
      dafür zwar ganz ernst, aber auch wieder gar nicht ernst und gerade in dieser <term ref="kbga-keywords-665">Dialektik</term> rechtschaffen ernst nahmen! Hätten sie doch ein
      einziges Mal über sich selbst <term key="Humor">gelacht</term>, indem sie sich selbst in der
      Person des von ihnen verteidigten und verherrlichten Menschen mitten aus dem zoologischen
      Garten und aus der Verlorenheit im <term key="Kosmos">Kosmos</term> so gewaltig erhoben zu den
      Höhen des <term ref="kbga-keywords-841">Geistes</term>, der <term ref="kbga-keywords-1443">Persönlichkeit</term> und der <term key="Verantwortlichkeit">Verantwortlichkeit</term>, der
       <term key="Mensch, Gotteskindschaft">Gotteskindschaft</term>, der <pb xml:id="p639" ed="pga"/> <term ref="kbga-keywords-851">Menschenliebe</term> und des <term ref="kbga-keywords-434">Gottesreiches</term>! Sie aber unternahmen es und lachten nicht. Dass die Freunde des <term key="Affenmensch">Affenmenschen</term> – den Blick starr auf ihre Schädelfragmente, auf ihre
      mikrozephalen und geimpften <term key="Schimpanse">Schimpansen</term> gerichtet<note xml:id="n28">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-51"><persName ref="kbga-actors-311">Otto</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n12">Anm. 12</ref>), S. 77</bibl>: «Und ihre Triumphe feiert die [Deszendenz-] Lehre
       in <persName ref="kbga-actors-4012">Dubois</persName>’ behaupteter Auffindung von Überresten des ‹<foreign xml:lang="lat">Pithecanthropus erectus</foreign>›, des
       aufrechtgehenden Affenmenschen, auf Java, 1891–92, des lange gesuchten <hi rend="italic"><foreign xml:lang="eng">missing link</foreign></hi> zwischen Tierheit und Menschheit, und in den neuesten Beweisen für
       ‹Blutsverwandtschaft› von Mensch und Affe durch die Versuche mit Bluttransfusion. <persName ref="kbga-actors-10374">Friedenthal</persName>
       nämlich hat ältere Versuche, Blut des einen Tieres auf ein anderes, des Tieres einer Spezies
       auf das einer anderen, […], endlich auch von Tieren auf Menschen, wieder aufgenommen.» – Der
       von <persName ref="kbga-actors-10373">Eugène Dubois</persName> (1848–1940) entdeckte «Java-Mensch» wird heute dem <foreign xml:lang="lat">homo erectus</foreign>
       zugerechnet. Vgl. schon <bibl corresp="kbga-bibls-5091"><persName ref="kbga-actors-3022">Zöckler</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n24">Anm. 24</ref>), S. 619,53–55</bibl>: «Die postulierten Affenmenschen
       (Pithekanthropen) sind bis jetzt so wenig lebend als in fossilem Zustande aufgefunden
       worden.» – <persName ref="kbga-actors-10374">Hans Friedenthal</persName> (1870–1942), bis 1933 in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> lehrender Anthropologe, erbrachte in seinen frühen Studien den Nachweis
       der serologischen Blutsverwandtschaft zwischen Menschen und Primaten; 1942 verübte er
       angesichts seiner bevorstehenden Deportation Selbstmord. In <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD
        III/2</bibl>, S. 94, spricht <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> von
       «Friedenthals (ohne störende Folgen mit Menschenblut geimpften!) Schimpansen».</note> –
      nichts zu lachen hatten, das ist schließlich begreiflich: sich selber, die kleine Tatsache,
      dass sie Menschen waren, ganz vergessend, konnten sie sich nur blutig ernst verhalten. Ihre
      Gegner aber, die christlichen Apologeten, die ja jene kleine Tatsache gerade nicht vergessen,
      sondern auf den Leuchter heben wollten, hätten, indem sie das taten, genug zu lachen gehabt.
      Und wie hätten sie dann, gleichsam im Anhang dazu, auch über die <term key="Darwinismus / Deszendenztheorie">Darwinisten</term> lachen können und dürfen! Wie wären
      sie und wie wäre dann ihr thema probandum, des Menschen <term key="Mensch, Besonderheit">Besonderheit</term>, einleuchtend, überzeugend, in siegreicher Überlegenheit dagestanden!
      Welches <pb ed="A" n="944"/> fröhlich-friedliche <term key="Cannae">Cannae</term><note xml:id="n29">«Cannae» steht redensartlich für eine vernichtende Niederlage, wie sie dem
       zahlenmäßig überlegenen römischen Heer durch die Karthager unter <persName ref="kbga-actors-10375">Hannibal</persName> 216 v. Chr. im
       Zweiten Punischen <term key="Zweiter Punischer Krieg">Krieg</term> bei <placeName ref="kbga-places-1451">Cannae</placeName> (Apulien)
       bereitet wurde.</note> würden sie dann den immer noch finster grollenden Darwinisten
      beigebracht haben? Sie aber lachten <hi rend="italic">auch</hi> nicht, sondern grollten
      religiös, wo jene gottlos grollten, idealistisch, wo jene materialistisch grollten, nahmen in
      der Person des Menschen sich selbst ganz undialektisch ernst (als wären auch sie Kinder dieser
      Welt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.8">Lk. 16,8</ref>], als hätten auch
      sie sich selbst vergessen, als hätten auch sie es nur mit besseren Schädelfragmenten und mit
      einem <term key="Schimpanse">Edelschimpansen</term> zu tun, als sei ihnen die Größe des
      Menschen ebenso verborgen wie jenen!), unterließen es also, den Beweis des <term ref="kbga-keywords-179">Geistes</term> und der Kraft [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.4">1.Kor. 2,4</ref>] zu führen, beraubten sich der schönen Möglichkeit, auch
      über ihre Gegner ein bisschen lachen zu dürfen, versetzten sich vielmehr in die Notwendigkeit,
      jene <pb xml:id="p640" ed="pga"/> so blutig ernst zu nehmen wie sich selbst, und ebenso, wie es
      jene ihrerseits taten, und konnten eben damit die ihnen offenbar vorschwebende Befreiung von
      dem biologischen Angsttraum und von der geologisch-astronomischen Panik nicht vollbringen. Ein
      Glück für uns, dass wenigstens der unfreiwillige <term key="Humor">Humor</term> der ganzen
      Szene nicht völlig verborgen ist. Aber es bleibt doch schade, dass die köstliche Flüssigkeit
      nicht gleich auch noch an die Oberfläche treten durfte. Zur phänomenalen Eigentümlichkeit des
       <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Menschen</term>, auf deren Herausstellung es
      auf Seiten der Theologen abgesehen war, gehört nun einmal als letzte Probe ihrer Echtheit auch
      dies, dass es ihm gegeben ist, sich nicht nur <hi rend="italic">ernst</hi> nehmen zu müssen,
      sondern sich auch <hi rend="italic">nicht</hi> ernst nehmen zu dürfen. Versteht der Mensch
      sich selbst unter Abstraktion von dieser köstlichen Gabe – wahrscheinlich darum, weil er es
      aus irgend einem Grunde versäumt, selber den gebotenen Gebrauch von ihr zu machen –, dann kann
      er sich gerade in seiner phänomenalen <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigentümlichkeit</term> nur verworren und unvollkommen und vielleicht gar nicht verstehen.
      Was er sich unter dem Menschen vorstellt, das ist dann wahrscheinlich doch nur ein durch
      Impfung mit Menschenblut reichlich geläuterter <term key="Schimpanse">Edelschimpanse</term><note xml:id="n30">Vgl. oben, <ref type="pub" target="#fn_n28">Anm. 28</ref>.</note> – endgültig auf zwei Beinen gehend, <term ref="kbga-keywords-819">vernunft</term>- und <term ref="kbga-keywords-841">geistbegabt</term>,<note xml:id="n31">Vgl. oben, <ref type="pub" target="#fn_n17">Anm. 17</ref>.</note> feueranzündend und
       ornamenteschnitzend,<note xml:id="n32">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5090"><persName ref="kbga-actors-808">Titius</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n13">Anm. 13</ref>), S. 640f.</bibl>: «Neben andern Momenten
       ist es insbesondere der Schutz der Bekleidung und Behausung sowie die Verwendung des Feuers,
       die es dem Menschen möglich machen, selbst die arktische Zone zu ertragen; diese Dinge weisen
       aber […] auf eine Psyche hin, die von der des Tieres grundsätzlich verschieden ist. […] Diese
       Kultur ist von ihren ersten rohen Anfängen an nicht nur materielle, sondern auch geistige;
       […] er [der Mensch] begnügt sich nicht nur mit dem rohen gebrauchsfähigen Werkzeug, sondern
       er verziert es mit Ornamenten, […].» (i. Orig. fälschlich: «Oramenten»; von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am Rand verbessert und – wie auch im vorhergehenden
       Satz «Verwendung des Feuers» – unterstrichen).</note> personhaft, <term ref="kbga-keywords-305">verantwortlich</term> und <term ref="kbga-keywords-398">geschichtsfähig</term>,<note xml:id="n33">Vgl. oben, <ref type="pub" target="#fn_n09">Anm. 9</ref> und <ref type="pub" target="#fn_n12">12</ref>.</note> voller <term ref="kbga-keywords-911">Wissenschaft</term>, <term ref="kbga-keywords-1171">Kunst</term> und
       <term key="Religion">Religion</term>,<note xml:id="n34">Vgl. oben, <ref type="pub" target="#fn_n16">Anm. 16</ref>.</note> voller Anlagen für die höchsten Ideale, voller
      tierischen Ernstes mit einem Wort – aber leider <pb ed="A" n="945"/> noch nicht der Mensch.
      Das ist es, was man jener Lehre von des Menschen <term key="Mensch, Besonderheit">Besonderheit</term> schon auf ihrem eigenen Boden sehr ernst entgegenhalten muss: Die von
      ihr vorgetragene Wissenschaft des Menschen von sich <term ref="kbga-keywords-5">selbst</term>
      reichte so weit nicht, um auch nur seine phänomenale <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Eigentümlichkeit</term> genau und vollständig
      sichtbar zu machen. Wenn sie doch gleich noch ein wenig treuherziger gewesen wäre!</p>
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 </text>
</TEI>
