Im Querschnitt gesehen, werden die drei Kapitel der speziellen
theologischen Ethik folgenden Inhalt haben:
Wir werden (1.) jeweils zu zeigen haben, inwiefern das menschliche Handeln als unter das
göttliche Gebot gestellt jetzt von Gottes schöpferischem,
jetzt 1017 von seinem versöhnenden, jetzt
von seinem erlösenden Tun her gesehen in einem bestimmten
Lichte steht, inwiefern es gerade unter diesem und diesem Gesichtspunkt in besonderer Weise
von Gott in Anspruch genommen und insofern geheiligt ist. – Das Besondere der göttlichen
Inanspruchnahme des Menschen durch Gottes Gebot ist aber,
sofern wir dieses als das Gebot Gottes vom Werk der Schöpfung her verstehen, die von Gott gewollte Notwendigkeit des
menschlichen Lebens. Weil und sofern die menschliche |615 Existenz auf
Gottes Schöpfung und also auf Gottes Willen beruht, ist das dem Menschen Gebotene und also das
Gute zunächst und zuerst darin zu suchen, dass er das
ihm gegebene Leben als solches wirklich leben soll. Schon damit und darin, dass wir sind, hebt unsere göttliche Inanspruchnahme an – wohl verstanden: kraft
und laut der Gnade Jesu Christi –, und schon darin,
dass wir sind, will sie auch von uns erkannt sein. Wir sind nicht
anders als so, dass wir des Herrn sind: auch lebend und sterbend [vgl. Röm. 14,8], auch essend und trinkend nichts anderes,
nichts neben und außer dem, dass wir des Herrn sind. Indem wir leben, stehen wir auch schon
unter dem Gebot, ihm zu leben und eben damit wirklich zu leben. Er ist die Notwendigkeit
unseres Lebens. Unser Leben verstehen heißt: sein Gebot verstehen. Und sein Gebot verstehen heißt: unser Leben verstehen. – Ganz anders
stellt sich nun dieselbe Inanspruchnahme dar, wenn wir sie im Besonderen von der in Jesus
Christus geschehenen Versöhnung
als solcher her betrachten. Dieselbe Wirklichkeit, die dort das Gebot des Lebens ist, ist hier
das Gebot, die von Gott gewollte Notwendigkeit des Gesetzes. Nun steht das Gebot unserem Leben offenbar gegenüber.
Nun erkennen wir uns selbst ja in unserem Widerspruch zu Gott, als Sünder – freilich sofort in dem Widerspruch, dem Gott
seinerseits siegreich widersprochen hat, als die Sünder, deren Gott sich in seiner Gnade ihrem Sündigen zum Trotz erbarmt und angenommen hat. Nun
kann das Gebot, kann das Gute nicht mehr damit zusammenfallen, dass wir existieren dürfen und
also auch sollen, nun ist es uns gesetzt, 1018 entgegengesetzt, nun streitet
es gegen unser Leben, weil wir ja als Sünder leben. Nun ist das Gebot als die Kehrseite der
Gnade, die uns Sündern widerfährt, das
Gericht über uns, nun kommt alles darauf an,
es in dieser seiner Gegensätzlichkeit zu uns selbst zu verstehen, seinen Spruch und dessen
Gültigkeit unter keinen Umständen von den Gegebenheiten unserer Verkehrtheit aus in Zweifel zu
ziehen. Eben in seiner Strenge will nun das Gebot von denen, denen Gott als seinen Feinden gnädig ist, anerkannt, geliebt und gelobt
sein. – Und es ist noch einmal dieselbe Wirklichkeit der göttlichen Inanspruchnahme des
Menschen, vom Werk der Erlösung
her gesehen, das Gebot, die von Gott gewollte Notwendigkeit der Verheißung. Wir leben
nicht nur unser Leben als Gottes Geschöpfe, und wir stehen nicht nur unter dem Gesetz als Genossen des Bundes, |616 den Gott mit
den Sündern geschlossen, sondern wir haben als solche und
darüber hinaus die Verheißung, das heißt das Gebot als
Orientierung unseres Tuns in der Richtung auf unsere ewige Zukunft. Wir sind, indem wir von Gott in Anspruch genommen sind, geheiligt zu Erben seines Reiches [vgl. Jak. 2,5]. In und mit dem als Verheißung verstandenen Gebot wird uns
unsere Vollendung vorgehalten, zugesagt, ja im Voraus zugeeignet. Das eine Gebot Gottes hat auch diese Gestalt. Auch von daher, von der eschatologischen Grenze her, begegnet uns Gott als Gebieter.
Auch seine Verheißung auferlegt sich unserem Handeln als göttliche Notwendigkeit. Auch diese
Gestalt des Gebotes dürfte nicht fehlen und fehlt tatsächlich nicht. Auch sie darf nicht
übersehen werden. Wir würden auch das Gebot des Lebens und das des Gesetzes nicht kennen, wenn wir das Gebot der Verheißung etwa nicht kennen würden, wenn uns der
göttliche Anspruch darüber hinaus, dass er uns leben heißt und dass er uns beugt und zerbricht
vor ihm, nicht auch aufriefe zum Warten und Eilen8 [vgl. 2.Petr. 3,12], aufriefe dazu, seiner Zukunft eingedenk zu sein und nicht anders als in
diesem Gedenken zu handeln, wenn er nicht auch Ausrichtung auf das Ziel, auf die Vollendung,
auf das Vollkommene [vgl. 1.Kor.
13,10], auf das ewige Leben bedeuten würde.
An diese erste Frage nach dem jeweils besonderen Sinn des 1019
Gebotes wird sich dann (2.) in allen drei
Betrachtungskreisen anschließen müssen der Nachweis der jeweilig besonderen Form des
göttlichen Gebotes und seiner dadurch bedingten
besonderen Erkenntnis. – Es hat offenbar das im Licht der Schöpfung verstandene Gebot, das Gebot des Lebens also, die besondere Form des
Berufes als des Inbegriffs der
gottgewollten Notwendigkeit der konkreten Gestalt und der konkreten Bestimmung, in der ein
Jeder zu existieren hat. Wir haben nicht nach eigener Willkür irgend ein Leben zu leben,
sondern wir leben, von Gottes Wort her bestimmt, in der
Bezogenheit unseres Lebens zu dem der Mitmenschen
ein vermöge seiner besonderen Zwecke und Aufgaben sich selbst und jene Bezogenheit in
besonderer Weise verwirklichendes Leben. In dieser Bestimmtheit und |617 nur in ihr hat unsere Existenz schöpfungsmäßige Notwendigkeit und muss uns unser Leben
selbst zum göttlichen Gebot werden. Wir leben
es vor und mit Gott, indem und sofern wir es im Gehorsam gegen unsere Berufung leben. –
Verstehen wir dasselbe Gebot Gottes von der Versöhnung her und also als das Gebot
des Gesetzes, so werden wir sagen müssen, dass
seine Form und seine Erkenntnis für jeden, der es hört, bedingt ist durch die konkrete
Tatsache der Autorität bestimmter
Mitmenschen, die in irgend einem Sinn seine Vorgesetzten und ihm gegenüber Gottes Beauftragte
[vgl. Röm. 13,1] sind. Die Gebeugtheit
und Gebrochenheit, in der wir allein vor Gott existieren können – als Sünder unter sein Gericht
gestellt, aber durch seine Gnade gehalten –, hat darin
ihre notwendige Gestalt, dass niemand souverän leben wollen darf, dass unser Handeln vielmehr
nach allen Seiten begrenzt ist: nicht nur durch seine mit unserem Beruf gegebene Beziehung zum
Mitmenschen als solche, sondern auch durch die
Belehrung, die Weisung, den Widerspruch, die Befehlsgewalt, mit der bestimmte Mitmenschen uns
zu begegnen jeweils den Auftrag und die Vollmacht haben. Unser Handeln ist immer auch ein
Handeln in bestimmten Unterordnungen solchen Mitmenschen, der von ihnen ausgeübten Autorität
gegenüber. Wir können uns nicht unter die Autorität des Gesetzes Gottes beugen, ohne uns zu
1020 gleich auch zu beugen unter die Autorität solchen menschlichen
Gesetzes. Wir können nicht gut handeln, wenn wir etwa dem in dieser Bestimmtheit uns gesetzten
und beschränkenden und uns widersprechenden Gebot, wenn wir der Autorität unserer Vorgesetzten
die Achtung versagen sollten. – Bedenken wir endlich dasselbe Gebot Gottes von der Erlösung her, als Gebot der Verheißung, so ist seine Erkenntnis dadurch bestimmt, dass es die Form der Stimme
unseres eigenen Gewissens hat. Darin konkretisiert sich unsere Bestimmung für das
Leben der zukünftigen Welt, die eschatologische Ausrichtung unserer Existenz und unseres
Handelns: dass dessen Bindung sich nicht erschöpft in seiner Begrenzung durch unseren Beruf und durch die uns begegnende Autorität der Vorgesetzten, dass sie vielmehr die Bindung
ist, mit der auch wir selber uns binden müssen. Erinnerung an das Vollkommene als das Maß des
Guten findet nämlich – in
relativer Selbständigkeit gegenüber unserem Beruf wie gegenüber jeder menschlichen Autorität – immer auch in uns selber statt. Es wird das Gebot
als |618
Verheißung, als das uns, den Erben des
Reiches Gottes gegebene Gebot darin
kräftig, dass wir aufgerufen sind – nicht als selber Wissende, wohl aber als Mitwissende, als
Teilnehmer am Wissen Gottes –, uns selber zu
begrenzen, uns selber zu bestimmen, in eigener Entscheidung zu handeln.
Auf diese Untersuchung der Form oder des Erkenntnisgrundes des Guten wird dann aber wieder
in allen drei Kreisen (3.) die Frage nach dem Inhalt des göttlichen Gebotes folgen müssen. Was will Gott, indem er uns für
sich in Anspruch nimmt? Wir werden an dieser Stelle in der Lage sein, auf einen bekannten Weg
einzubiegen, nämlich auf den von der reformatorischen Lehre vom dreifachen Gebrauch des Gesetzes,9 in welcher man, wenn man sie auf die drei dogmatischen Hauptbegriffe
bezieht, nicht nur die christlich verstandene Notwendigkeit, sondern auch den christlich
verstandenen Inhalt des Gesetzes mit großer Genauigkeit und Vollständigkeit beschrieben
findet. – Das vom Werk der Schöpfung her verstandene Gebot Gottes, das Gebot des Lebens, dem wir in den Grenzen unseres
Berufes unterworfen sind, ist inhaltlich das Gebot der Ordnung. Es gibt einen 1021 usus legis politicus.
Das Gebot Gottes bedeutet in diesem Sinn die äußere
Disziplinierung unseres Lebens als Zusammenleben. Indem wir nach und in unserem Beruf leben, anerkennen wir ja die Bezogenheit unseres Lebens
zu dem der Mitmenschen, anerkennen wir die Gemeinschaft als Notwendigkeit unseres eigenen
Daseins, anerkennen wir |619 eine Regel, die für mich ebenso wie für
den Mitmenschen, für den Mitmenschen ebenso wie für mich Geltung hat, die seinen wie meinen,
meinen wie seinen Zwecken und Bestrebungen in überlegener Würde vorangeht. Unser Handeln ist
gut, sofern es durch diese Regel gebunden ist. Nicht nur Lebensbegrenzung, sondern auch
Lebensordnung ist Lebensnotwendigkeit und als solche das Gebot Gottes des Schöpfers: die lex naturae, sofern wir unter dieser nicht ein uns von der Natur diktiertes oder in
unserer Natur zu entdeckendes, sondern das durch Gottes Wort unserer Natur diktierte und als solches
offenbarte Gesetz verstehen wollen. – Im Lichte der Versöhnung gesehen ist dasselbe Gebot das Gebot der Demut. Demut ist die Unterwerfung unter das uns widerstrebende
Gesetz Gottes und konkret: unter die Autorität der uns Vorgesetzten. Es gibt einen usus legis
paedagogicus. Und darin besteht er: dass
das Gebot uns dahin stellt, wo wir von rechtswegen hingehören. Es behaftet uns dabei, dass wir
Sünder sind, die allein von Gottes Gnade leben können, denen nur der Glaube übrig bleibt und die also der Buße
bedürfen. In diesem Sinn ist es immer wieder unsere Erziehung für Christus, durch den und in dem uns Gott zu sich
gezogen hat [vgl. Jer. 31,3]. Indem wir uns unterordnen, handeln wir ja als solche, die sich
etwas müssen sagen, vorschreiben, zurufen lassen hinsichtlich ihres Handelns. Wir anerkennen
dann, dass wir Widerspruch verdient und nötig haben und dass uns nur dadurch und gerade
dadurch geholfen ist, dass uns tatsächlich widersprochen wird. Wir anerkennen dann die fremde
Hoheit des Gesetzes in unserem Leben als unser Gericht und als unsere Rettung. Wir anerkennen dann, dass unser Heil daran hängt, in unserem Wollen und
Vollbringen, in unserem Besitz, in unserer Sicherheit, in unserem 1022 Selbst
beunruhigt, angegriffen und tödlich gefährdet zu werden und dass das Ergreifen unseres Heils
damit stattfinden muss, dass wir uns diese Beunruhigung gefallen lassen, dass wir ihr weichen.
Denn diese Enteignung, ja diese Tötung des alten Menschen – denn darauf zielt zuletzt diese
Beunruhigung – ist das, was Gott der Versöhner an uns tut;
und was er von uns will, indem er uns heiligt, ist dies,
dass wir ihn solches tun lassen. Das ist das Gebot der Demut, wie es im Alten und im Neuen Testament mit gleicher Kraft und auch im gleichen, eben in
diesem pädagogischen Sinn bezeugt wird. –
Auf das Werk der Erlösung
gesehen, ist dasselbe Gebot Gottes das Gebot der Dankbarkeit. |620 Indem wir das Gebot wirklich als Erben des Gottesreiches und also als Gebot der Verheißung hören, indem wir wirklich die Stimme
des Gewissens als Zeugnis
des kommenden Vollkommenen vernehmen, hören wir dies, dass wir dankbar sein dürfen und dankbar
sein sollen. Was sollten die hinsichtlich des Sinns und Inhalts ihres Tuns Anderes wissen,
denen Gott in ihrem Gewissen die Teilnahme an seinem Wissen im Voraus gewährt hat? Was kann der barmherzige Gott, der unsere Hoffnung ist, Anderes von uns
wollen als dies, dass wir ihm dankbar seien? Das ist der tertius usus legis, der usus
didacticus sive normativus. Eben als Empfänger des Heiligen Geistes als des Unterpfandes der Verheißung tritt der Mensch über alle
Ordnung und Demut
hinaus erst recht unter Gottes Gebot. Indem ihm sein Gewissen das künftige Vollkommene vergegenwärtigt, wird ihm in
Zuwendung zu seiner Zukunft mit Gott notwendig ein freies Handeln im Glauben und im Gehorsam. Damit gibt sich Gottes
Gebieten nicht zufrieden, unseren Gang zu ordnen, uns in jene Enge zu treiben und in dieser
Enge auch festzuhalten, solange wir leben. Sondern indem er das tut, spricht er uns ja an als
die zu seiner Verherrlichung Erwählten, fordert er uns
selbst als Dank für das, was er selbst für uns getan, als Dank dafür, dass er selbst sich uns
gegeben hat. Steht es nicht in unserer Macht, das Vollkommene zu ergreifen, wie wir von ihm
ergriffen sind, uns in Gottes Hand zu legen, wie er selbst uns in seine Hand genommen hat, so
kann und muss 1023 doch der Sinn unserer Existenz und unseres Handelns nach
alt und neutestamentlicher Erkenntnis das Opfer werden: das Zeugnis
des Opfers, das Gott von Ewigkeit her und in der Zeit für uns gebracht hat, die Bestätigung dessen und die
Demonstration dafür, dass wir gehört, gerade den eigentlichen Sinn seines Wortes und so auch seines Gebotes gehört haben. – Man könnte in dem, was auf dieser ganzen dritten, spezifisch
inhaltlichen Linie zu untersuchen und darzustellen ist, unter starkem Vorbehalt eine
Entsprechung zu dem sehen, was in anderen Ethiken als
«Pflichtenlehre»10
vorgetragen zu werden pflegt.
621 Es wird dann aber endlich (4.) darum gehen, zu verstehen, in
welchem Sinn das in solcher Weise unter Gottes Gebot gestellte menschliche Handeln tatsächlich
gut zu nennen ist, kraft seines Verhältnisses zu Gottes Gebot tatsächlich gut ist. Des Menschen Heiligung durch das
Gebot ist ebenso wie seine Rechtfertigung
Gnade, und zwar Gnade allein, aber wirkliche und wirksame
Gnade: kein bloßer Schein, kein göttlicher Selbstbetrug und auch kein Betrug des Menschen,
sondern siegreiche Wahrheit. Wem Gott gnädig ist, wem er Vergebung der Sünden, die in Jesus Christus
Ereignis gewordene Rechtfertigung vor ihm zuspricht und wen er eben damit in Jesus Christus
für sich in Anspruch nimmt, wem er das Evangelium und das
Gesetz durch sein Wort und seinen Geist zugute kommen lässt, der
handelt als solcher nicht böse und auch nicht indifferent, der handelt gut. Der Satz will in
seinem genauen Sinn auf das vorsichtigste erwogen sein, aber er ist nicht zu vermeiden. Die
Heiligung des Menschen durch Gott wäre wie seine Rechtfertigung eine ohnmächtige Angelegenheit, wenn dieser Satz nicht gelten würde.
Es muss und wird also zu zeigen sein, dass und inwiefern in der Kraft desselben Aktes der
Heiligung, in welchem dem Menschen das Gebot offenbart und als Forderung vorgehalten wird, auch die
Erfüllung dieses Gebotes stattfindet. Auch hier dürfte ein bekannter Weg der einfachste und
zugleich der beste sein. Hier wird nämlich die paulinische Trias des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung
[1.Kor. 13,13] (in der
römisch-katholischen Ethik bekannt unter dem
Namen der drei 1024 «theologischen Tugenden»11) zu Worte kommen müssen. Alle drei Begriffe
zeichnen sich dadurch aus, dass sie zugleich ein wirkliches Sein, Verhalten und Tun des
Menschen und nun doch ein solches beschreiben, das in keinem Sinn eine Leistung des Menschen,
sondern – so gewiss der Mensch damit steht und fällt, dass er glaubt, liebt und hofft, so
gewiss er aufgerufen ist, dies zu tun, und zwar recht zu tun – im strengsten Sinn ein Werk, ja
das Werk des erwählenden Gottes am Menschen ist:
πίστις Gottes Sich-selbst-treu-Bleiben, ἀγάπη Gottes freier guter Wille, als der, der er ist und bleibt,
den Seinen, wer und wie sie auch seien, sich selbst und alle seine |622 Güter nicht zu entziehen, sondern zu schenken, ἐλπίς
desselben Gottes vollkommener Trost als der Seinen ewiges Ziel, dem sie in ihrer zeitlichen
Existenz entgegengehen. Dass Gott in der ganzen Fülle
seines Wesens und Werkes unser Gott ist, das ist der objektive Sinn dieser drei Begriffe, und
dass wir in Jesus Christus dieses Gottes Menschen sind und sein sollen, das ist ihr
subjektiver Sinn. – Es ist, im Blick auf das Werk der Schöpfung gesagt, der Glaube die Erfüllung des uns von Gott gegebenen Gebotes des Lebens und also die schlechthin
umfassende und radikale Realisierung der menschlichen Lebensnotwendigkeit. Gott ist ja
unsere Lebensnotwendigkeit: Gott als der Schöpfer unserer
Existenz, als ihr creator ex nihilo, ohne den sie nur nihil sein könnte. Unserer
Lebensnotwendigkeit Genüge tun heißt Gottes Willen tun: ein Jeder nach und in seinem Beruf und unter der Ordnung seines Schöpfers. Eben das geschieht aber allein damit, dass wir an ihn
glauben, nämlich seinem Wort glauben daraufhin, dass er es uns gesagt hat. Glauben heißt Ja
sagen dazu, dass Gott der Herr unseres Lebens ist und dass also
das kein Leben wäre, das nicht Leben unter seinem Gebot wäre, dass aber eben das Leben unter
seinem Gebot wirklich auch im vollsten Sinn unser Leben, unsere Existenz ist. Mit seinem Gebot
setzt Gott, so gewiss er sich selbst treu ist, sich in derselben Treue auch für uns ein als das Leben unseres Lebens. Indem wir ihm glauben, verlassen
wir uns darauf, dass wir mit ihm leben, und haben wir die Zuversicht, unser Leben leben zu
dürfen und zu können 1025 als dieses nach und in unserem Beruf durch Gottes
Schöpfung geordnete Leben. Dieses Ja unsererseits ist das Wunder des Glaubens. Ohne Glauben könnten und würden wir nur
rebellieren, schweifen und zigeunern. Ohne Glauben hätte unser Leben keine Notwendigkeit,
hätten wir keinen Beruf, stünden wir unter keiner Ordnung. Ohne Glauben würden wir uns
denn auch nur fürchten und schließlich verzweifeln können. Wo kein Glaube ist, da ist
tatsächlich immer heimlich oder offen die Furcht und die Verzweiflung. Indem Gott sich für uns
entscheidet, indem er uns heiligt und also in Anspruch
nimmt durch sein Gebot, indem sich dieses Gebot an uns vollstreckt, gibt er uns als
unaussprechliche Gabe eben das, was er damit von uns fordert. Indem wir nehmen, was er gibt,
glauben wir. So ist sein Gebot als das Gebot des Schöpfers
zuhöchst und zuletzt und alles umfassend das Glaubensgebot und unser Gehorsam zuletzt |623 und zuhöchst und alles umfassend der Glaubensgehorsam. – Und es ist, wenn wir jetzt von der Versöhnung her denken, die Liebe des
Gesetzes Erfüllung [Röm 13,10]. Gott begnadigt uns, indem er uns das
Gesetz entgegenstellt als den Felsen, an dem wir
scheitern müssen [vgl. Röm. 9,32],
indem er uns menschlicher Autorität, die in seinem Namen
ausgeübt wird, unterwirft, indem er uns in die Demut
treibt. Aber diese unsere Erniedrigung ist nicht Selbstzweck. Damit ist ja das Gesetz noch
nicht erfüllt, dass wir Sünder sind, die allein von Gnade leben. In dieser uns von ihm bereiteten Not will Gott von
uns geliebt sein als der, der uns zuerst geliebt hat [vgl.
1.Joh. 4,19]. In dieser uns von ihm
bereiteten Not selber verbirgt sich ja die Liebe, mit der er uns zuerst geliebt hat. Wirklich
vollzogen ist ja unsere Erniedrigung dann und erst dann, wenn wir ihn wiederlieben. Und
konkret wie das Gebot, das uns so streng an unseren Platz
stellt, muss und wird auch seine Erfüllung sein. Noch einmal ist jetzt der Mitmensch – den wir in der Menschheit Jesu Christi als den Träger der Liebe Gottes, als den barmherzigen Samariter
[vgl. Lk. 10,33–37] erkennen dürfen
– das konkrete Gegenüber, das von uns um Gottes willen, zu Gottes Ehre und an Gottes Stelle, zur Bewährung unserer Liebe zu ihm geliebt sein will und
geliebt werden darf. Das Gesetz wäre nicht erfüllt für uns
durch die Liebe Jesu Christi und es hätte sein richtendes
Amt an uns noch nicht versehen, 1026 solange die Liebe Christi uns nicht «drängen» [2.Kor. 5,14] würde, ihn in seinen Brüdern, die damit auch die
unsrigen sind, wiederzulieben. Mit seiner Erfüllung des Gesetzes als der unsrigen wäre es
nichts, wenn wir im Wahn, Gott gleich zu sein, meinen sollten, dem Nächsten das Gesetz
unsererseits richtend vorhalten zu sollen. Wir würden damit nur zeigen, dass wir selbst noch
unter einem fremden und nicht unter dem erfüllten Gesetz
Gottes stehen, dass unser Widerspruch gegen Gott noch nicht gebrochen, unsere Liebe zu ihm noch nicht erwacht sei. Aber dass dies
geschieht, dass wir also in der Lage sind, unseren Nächsten zu lieben, statt ihn zu richten, dieses konkrete Ja zu Gott ist wiederum Gottes Wunder
an uns. Indem sich Gott für uns entscheidet, indem er uns wirklich und kräftig unter sein
Gebot stellt, geschieht dieses Wunder. Wieder gibt uns dann Gott als unaussprechliche Gabe
eben das, was er von uns fordert. Unsere Sache ist es, diese Gabe anzunehmen. So ist sein
Gebot als das Gebot des uns mit sich selbst versöhnenden
Gottes zuletzt |624 und umfassend das Liebesgebot und unser Gehorsam das Handeln, in welchem wir als die von ihm Geliebten
ihn und darum den Nächsten wiederlieben. – Und so ist
endlich in der Ordnung der Erlösung, im Blick auf die eschatologische Grenze unserer Existenz, die Hoffnung die Erfüllung des Gebotes. Ist es wahr, dass Gott durch die Stimme
unseres Gewissens unsere Dankbarkeit fordert, unsere Freiheit in Anspruch
nimmt, so bekommt unser Handeln über alles vorläufige Mitwissen um Gottes Willen, über alles zeugnishafte Danken hinaus die
positive Ausrichtung auf das kommende Vollkommene seines Reiches. Der Glaube hält sich an Gott, die Liebe feiert ihn, die Hoffnung sucht ihn, indem sie über alles Gegenwärtige hinaus mehr, indem sie das
Ganze, Alles, von ihm erwartet, und zwar gewiss und getröstet von ihm erwartet. Insofern leben
auch der Glaube und die Liebe ganz in der Hoffnung. Sie wäre Träumerei und Schwärmerei, wenn
sie bloß die Unruhe unseres Gemüts und Geistes wäre. Sie ist aber die Erfüllung des Gebotes der Ver1027heißung, sie ist die vollzogene Danksagung Gott
gegenüber, sofern sie nicht unsere, sondern die Unruhe des Heiligen Geistes ist, der in uns auf Jesus Christus wartet als auf die
Wirklichkeit des kommenden Reiches, der uns in dieser
Erwartung in alle Wahrheit leitet [Joh. 16,13] und in welchem – da er das Unterpfand unseres Erbes [Eph. 1,14] ist – das ewig Zukünftige auch schon
zeitliche Gegenwart ist. Wunder ist auch dieses Ja zu Gott, mit dem wir den Gott suchen, der
uns schon gefunden hat12. Indem Gott sich für uns
entscheidet, indem er uns heiligt durch sein Gebot,
empfangen wir noch einmal (aber es ist ja immer dieselbe!) die unaussprechliche Gabe dessen,
was er von uns fordert. Wir hoffen daraufhin, dass er sich selber zu unserer unbeweglichen und
unwiderleglichen Hoffnung gemacht hat. Dass wir hoffen dürfen und sollen, das ist, in dieser
Ordnung gesehen, zuletzt und umfassend das Gebot Gottes,
und das ist zuletzt und umfassend unser Gehorsam: dass wir
leben als solche, die eine Hoffnung, diese Hoffnung haben. – So sind Glaube, Liebe und Hoffnung das Gute des menschlichen Handelns. Und
so muss die |625 Antwort der theologischen Ethik auf die ethische Frage
abschließend in diesen drei Worten bestehen. Cum grano salis verstanden wäre das, was auf
dieser vierten Linie zu bedenken ist, die «Tugendlehre» der theologischen Ethik.