[Gottes Ewigkeit und der zeitliche Weg unserer Gotteserkenntnis]
II. Die kleineren Fragmente
[Gottes Ewigkeit und der zeitliche Weg unserer Gotteserkenntnis]
Dieses Fragment1 stammt vermutlich aus der ursprünglich
ausführlicheren Einleitung von § 31,3: «Gottes Ewigkeit und Herrlichkeit»2; es wurde für den Druck durch den kurzen hinführenden Absatz KD
II/1, S. 685
[Gottes Ewigkeit und der zeitliche Weg unserer Gotteserkenntnis]
610Es bestünde kein logisches Hindernis, anstelle der vielen Nennungen und Betrachtungen nur eine einzige zu vollziehen, alle anderen dieser ein- und unterzuordnen. Es besteht aber ein sachliches Hindernis, das Wesen Gottes zu systematisieren, d. h. auf den Nenner eines einzigen Begriffs zu bringen. Gott selbst widersteht diesem Versuch. Wirkliche Erkenntnis des wirklichen Gottes wäre das Unternehmen, ihn von einer seiner Vollkommenheiten her ganz übersehen zu wollen, so wie er sich selber übersieht, gerade nicht. Erkenntnis Gottes vollzieht sich, indem wir uns mit ihm, geführt von ihm selbst, auf den Weg begeben, 3-um mit ihm auf dem Wege zu bleiben-3. Der Weg unserer Erkenntnis Gottes ist, so gewiss er der Weg unserer Erkenntnis ist, ein zeitlicher Weg, d. h. ein Weg, der irgendwo anfangen und anderswo endigen und wieder anderswo in einer gewissen Folge begangen werden muss. Dass er im Gehorsam gegen Gott begangen wird, daran hängt es, ob er der Weg wirklicher Erkenntnis Gottes ist. Gott aber ist, wie wir nun |611 noch im Besonderen hören sollen, ewig. Weil Gottes Ewigkeit die Zeit und also den Anfang, die Folge und das Ende nicht aus-, sondern einschließt, darum dürfen und müssen wir es wagen, einen solchen Weg zu gehen und also in der Betrachtung 1250 des Wesens Gottes irgendwo anzufangen, in einer gewissen Folge weiterzugehen und irgendwo zu endigen. Wobei unser Anfangen, Folgern und Endigen sich selber doch nur als Fragment verstehen kann. Es kann also unser letztes Wort, zu dem wir uns hier anschicken, nur das Ende dieses Fragments als solchen, den Abschluss unserer Betrachtung des Wesens Gottes, in keiner Weise aber einen Abschluss des Wesens Gottes selber bezeichnen wollen. Gerade dies allerdings ist dem Wesen Gottes selber eigentümlich, dass seine Erkenntnis durch das Geschöpf nur Fragment sein kann und also einen Abschluss, und zwar gerade diesen Abschluss mit dem Lobpreis der Ewigkeit und Herrlichkeit Gottes haben muss. Gerade mit diesem Abschluss bekennen wir ja, dass wir uns bei der Betrachtung des Wesens Gottes nicht auf einem unendlichen Weg befinden, dass wir als Menschen und nicht selber als Götter vor Gott stehen, dass es nichts ist mit dem Traum, als könnten wir, wenn wir nur die Zeit und Geduld dazu hätten, in einem unendlichen Fortschritt dem Wesen Gottes doch noch näher kommen und endlich und zuletzt wohl gerecht werden. Es entspricht vielmehr dem Wesen Gottes, dass wir uns bei seiner Erkenntnis auf einem irgendwo anfangenden und anderswo endigenden Weg befinden, auf dem wir wohl fortschreiten dürfen und sollen, auf dem aber die Nähe des Wesens Gottes im Verlauf unseres Fortschreitens weder geringer noch größer wird, auf dem es vielmehr bei jedem Schritt, beim ersten wie beim letzten, um Alles oder Nichts geht. Und eben dieser Weg als solcher hat ein Ende. Unsere Schritte, bei deren jedem es um Alles oder Nichts geht, sind gezählt. Wir können uns nicht anmaßen wollen, dem Wesen Gottes in unserer Erkenntnis ein Gleiches gegenüberzustellen, es in unserer Erkenntnis sozusagen abbilden zu wollen. Wir sind auch nicht gebunden, das zu tun. Gott selbst gebietet unserer Betrachtung seines Wesens ein Halt! Wir dürfen auch sagen: Gott selbst erlaubt uns, in dieser Betrachtung innezuhalten. Dieses