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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-50">Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik</title>
        <title type="content">[Eigenart, Form, Inhalt und Sinn des göttlichen Gebotes]</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: [Eigenart, Form, Inhalt und Sinn des göttlichen Gebotes], kein Datum</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/50014 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik, hrsg. v. Stoevesandt, Hinrich / Trowitzsch, Michael (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2014, S. 625.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik</title>
          <title type="text">[Eigenart, Form, Inhalt und Sinn des göttlichen Gebotes]</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Stoevesandt, Hinrich</editor>
          <editor>Trowitzsch, Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2014</date>
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          <!--position within a volume-->
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   <div type="paper">
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    <head>II. Die kleineren Fragmente<lb/> [Eigenart, Form, Inhalt und Sinn des göttlichen Gebotes]</head>
    <div type="abstract">

     <p>Dieses in sich abgeschlossene Fragment<note xml:id="n01"><idno type="kba-objects-identifier">KBA 25022</idno> (CD-ROM, Text Nr. 7).</note> bildete ursprünglich den Abschluss von
      § 36,2: «Der Weg der theologischen Ethik»<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD
        II/2, S. 603–612</bibl>.</note> und wurde im Sommersemester 1941 im Kolleg vorgetragen. Die
      hier vorgelegte Systematik der Gesichtspunkte, unter denen im Folgenden in Schöpfungs-,
      Versöhnungs- und Erlösungslehre das von Gott gebotene Gute darzustellen wäre,<note xml:id="n03"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> systematische Grundentscheidung, die Ethik in die Dogmatik zu integrieren
       und schrittweise deren Haupttopoi zuzuordnen, ist programmatisch dargelegt in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/2, S. 875–890</bibl> (§ 22,3: «Dogmatik als Ethik»).</note>
      folgt stark der Disposition des ethischen Stoffes, wie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sie bereits in seiner
      Ethik-Vorlesung von 1928 vorgenommen hatte.<note xml:id="n04">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-112"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Ethik I. Vorlesung Münster Sommersemester 1928, wiederholt in Bonn,
         Sommersemester 1930</hi>, hrsg. von D. Braun (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1973,
        <ref type="pub-" target="../volume/02/p875#p875">S. 74–101</ref></bibl>.</note> Das Festhalten an dieser Disposition hätte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bei der weiteren
      Entfaltung seiner Ethik eingeschränkt; dies und sein «Unbehagen […] an jenem allzu
      systematischen Aufriss von 1928/29» werden ihn dazu bewogen haben, den hier vorliegenden
      Passus durch den Paragraphen im Druck nun neu abschließende Erwägungen zu ersetzen,<note xml:id="n05">So die Vermutung von <persName ref="kbga-actors-3664">Hans-Anton
        Drewes</persName> (Begleitheft, S. 6f.
        [Anhang, <ref type="pub" target="../volume/50/p686#p686">S. 686</ref>]).</note> in denen auf «die Schau eines Systems» ausdrücklich
      verzichtet wird.<note xml:id="n06"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/2, S. 611f., Zitat:
        S. 612</bibl>.</note></p>
    </div>
    <div>
     <head>[Eigenart, Form, Inhalt und Sinn des göttlichen Gebotes]</head>
      <div>
        <div>
     <p>Nach dem Guten des menschlichen Handelns werden wir auf diesem ganzen Weg, in allen diesen
      einzelnen <term ref="kbga-keywords-1215">ethischen</term> Kapiteln, zu fragen haben. Das <term ref="kbga-keywords-829">Gute</term> ist das mir, dem Menschen, als Gottes Geschöpf, als dem
      begnadigten <term ref="kbga-keywords-971">Sünder</term>, als dem Erben des Reiches <term ref="kbga-keywords-434">Gottes</term>, Gebotene. Ich erkenne es, indem ich mich selbst als
      dieser Mensch unter <pb xml:id="p613" ed="pga"/> Gottes <term ref="kbga-keywords-60">Gebot</term> gestellt erkenne: mich selbst in meinem Tun. So erkenne ich es nicht anders,
      als indem ich es tue, d. h. indem mein Tun faktisch ein durch Gottes Gebot <pb ed="A" n="1015"/> gerichtetes Tun ist. Und nur indem ich es in diesem Sinn tue, erkenne ich mich als
      dieser Mensch: als den <foreign xml:lang="el-GR">ἐξ αὐτοῦ, δι’ αὐτοῦ, εἰς αὐτόν</foreign>
       [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.36">Röm. 11,36</ref>] Bestimmten und dieser
      Bestimmung entsprechend Existierenden. In Anspruch genommen durch <hi rend="italic">Gott</hi>
      selbst, erkenne ich <hi rend="italic">mich</hi> selbst in jenem dreifachen Bestand meines
      Wesens und meiner Existenz. Inwiefern mein Handeln als dieses Subjekt – als Prädikat des
      göttlichen Subjektes! – mir geboten und insofern gut ist, das ist es, wonach wir dreimal zu
      fragen haben werden. Es wird wirklich dreimal dieselbe Frage sein. Eben daraus ergibt sich
      nun, dass der einzuschlagende Weg im Einzelnen, in der inneren Anordnung jener drei Kapitel
      dreimal grundsätzlich derselbe sein muss, so verschieden die Gesichtspunkte, Materien und
      Erwägungen sind, die jedesmal zur Sprache zu bringen sind. Es dürfte nun wiederum keine
      willkürlich aufgestellte, sondern – wenn auch nicht die einzig mögliche, so doch eine dem
      Gegenstand selbst adäquate Regel sein, wenn wir uns vornehmen, nach allen drei Seiten jeweils
      zunächst nach der inneren <hi rend="italic">Eigenart</hi> des uns in der betreffenden Relation
      gegebenen Gebotes bzw. des uns mit der betreffenden Relation gegebenen <term ref="kbga-keywords-1215">ethischen</term> Gesichtspunktes [zu] fragen, sodann nach der
      besonderen <hi rend="italic">Form</hi>, in der uns da das Gebot Gottes gegeben und erkennbar
      ist, sodann nach seinem besonderen <hi rend="italic">Inhalt</hi> gerade in dieser Relation,
      sodann und endlich nach dem besonderen <hi rend="italic">Sinn</hi>, in welchem das menschliche
      unter Gottes <term ref="kbga-keywords-60">Gebot</term> gestellte Handeln in der betreffenden
      Relation als gutes Handeln zu verstehen ist.</p>
     </div>
     <div type="excursus">
     <p rend="margin-top">Wir lesen <ref type="can" subtype="bible" target="Act.2.37 Act.2.38">Act. 2,37f.</ref> von den
      Hörern der Pfingstpredigt des <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>: «Da sie das
      hörten, ging ihnen ein Stich durchs Herz (<foreign xml:lang="el-GR">κατενύγησαν τὴν
       καρδίαν</foreign>), und sie sagten zu Petrus und den übrigen <term ref="kbga-keywords-273">Aposteln</term>: ‹<hi rend="italic">Was sollen wir tun</hi> (<foreign xml:lang="el-GR">τί
       ποιήσωμεν</foreign>), ihr Brüder?›» Darauf gibt Petrus die Antwort: «Tut <term ref="kbga-keywords-725">Buße</term>, ein Jeder von euch lasse sich <term ref="kbga-keywords-68">taufen</term> auf den Namen Jesu Christi zur <term ref="kbga-keywords-199">Vergebung</term> eurer <term ref="kbga-keywords-64">Sünden</term>, so
      werdet ihr die Gabe des Heiligen <term ref="kbga-keywords-179">Geistes</term> empfangen.»
      Diese Frage: Was sollen wir tun? – sie wird in der «allgemeinen» theologischen <term key="Ethik, theologische">Ethik</term> dieses Kapitels noch besonders zu analysieren
       sein<note xml:id="n07">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/2, S. 717–737</bibl>.</note> –
      werden wir immer wieder zu stellen haben. Es wird dann selbstverständlich um nichts Anderes
      gehen können als um die Einsicht, dass und inwiefern sie durch jenes <pb ed="A" n="1016"/> Wort des <pb xml:id="p614" ed="pga"/> Petrus beantwortet ist. <term ref="kbga-keywords-725">Buße</term>, <term ref="kbga-keywords-68">Taufe</term>, <term ref="kbga-keywords-199">Vergebung</term> der <term ref="kbga-keywords-64">Sünden</term>, der Heilige <term ref="kbga-keywords-179">Geist</term>, der Name Jesu <term ref="kbga-keywords-936">Christi</term> – das ist es, was in der theologischen <term key="Ethik, theologische">Ethik</term> der Frage: «Was sollen wir tun?» zum vornherein überlegen gegenübersteht und
      was ihr auch in allen einzelnen Beziehungen, in welchen so gefragt werden kann und muss,
      gegenüberstehen muss. Aber eben diese <hi rend="italic">Frage</hi> steht dieser Antwort
      gegenüber: das ist das besondere Interesse der Ethik an dieser Antwort. Wir fragen als die,
      denen «ein Stich durchs Herz ging» bei der Kunde, «dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt,
      zum Herrn und Christus gemacht hat» (<ref type="can" subtype="bible" target="Act.2.36">Act. 2,36</ref>). Wir können von dorther, von wo diese Kunde gekommen ist, keine andere
      Antwort erwarten als die des <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>. Und indem wir diese Antwort kennen, können wir nur noch
      fragen als die, die diese Antwort kennen. Wir <hi rend="italic">fragen</hi> aber. Man muss ja,
      um diese bekannte Antwort zu verstehen und entgegenzunehmen, auch die Frage immer wieder
      stellen, als geschähe es zum ersten Mal. Eben dies ist es, was in der theologischen Ethik im
      Besonderen zu geschehen hat. Die Frage als solche enthält aber die genannten vier Elemente:
      sie fragt danach, inwiefern nun das Betroffensein des Menschen von jener Kunde ein ihm <hi rend="italic">entsprechendes</hi>, ein auf jenen «Stich durchs Herz» reagierendes Handeln in
      sich schließe. Sie fragt nach der <hi rend="italic">Erkenntnis</hi> dessen, was auf Grund
      jener Kunde vom Menschen verlangt sei. Sie fragt nach diesem von ihm <hi rend="italic">Verlangten selbst und als solchen</hi>. Sie fragt nach dem, was auf Grund dieses Verlangens
      vom Menschen zu <hi rend="italic">tun</hi> sei. Man sieht: es ist wieder in vier verschiedenen
      Gestalten eine und dieselbe Frage. Aber sie gliedert sich offenbar in diese vier Elemente: als
      Frage nach der Beziehung, der Form, dem Inhalt, der Erfüllung des göttlichen <term ref="kbga-keywords-60">Gebotes</term>. Und auch die Antwort des <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> antwortet – nicht einzeln, sondern in allen ihren
      Bestandteilen und in deren Gesamtheit – auf die vier Elemente dieser Frage. Eben unter diesen
      Einzelgesichtspunkten werden wir auch die ethische <term key="Ethik, ethische Frage">Frage</term> in den drei Dimensionen, in denen sie zu stellen ist, zu gliedern haben.</p>
       </div>
       <div>
     <p rend="margin-top">Im <hi rend="italic">Querschnitt</hi> gesehen, werden die drei Kapitel der speziellen
      theologischen <term key="Ethik, theologische">Ethik</term> folgenden Inhalt haben:</p>
     <p> Wir werden (1.) jeweils zu zeigen haben, inwiefern das menschliche Handeln als unter das
      göttliche Gebot gestellt jetzt von Gottes <term ref="kbga-keywords-25">schöpferischem</term>,
      jetzt <pb ed="A" n="1017"/> von seinem <term key="Gott, Versöhner">versöhnenden</term>, jetzt
      von seinem <term key="Gott, Erlöser">erlösenden</term> Tun her gesehen in einem bestimmten
      Lichte steht, inwiefern es gerade unter diesem und diesem Gesichtspunkt in besonderer Weise
      von Gott in Anspruch genommen und insofern geheiligt ist. – Das Besondere der göttlichen
      Inanspruchnahme des Menschen durch Gottes <term ref="kbga-keywords-60">Gebot</term> ist aber,
      sofern wir dieses als das Gebot Gottes vom Werk der <term ref="kbga-keywords-237"><hi rend="italic">Schöpfung</hi></term> her verstehen, die von Gott gewollte Notwendigkeit des
      menschlichen <term key="Gebot / Gebote, als Lebensnotwendigkeit"><hi rend="italic">Lebens</hi></term>. Weil und sofern die menschliche <pb xml:id="p615" ed="pga"/> Existenz auf
      Gottes Schöpfung und also auf Gottes Willen beruht, ist das dem Menschen Gebotene und also das
       <term ref="kbga-keywords-829">Gute</term> zunächst und zuerst darin zu suchen, dass er das
      ihm gegebene Leben als solches wirklich leben soll. Schon damit und darin, dass wir <hi rend="italic">sind</hi>, hebt unsere göttliche Inanspruchnahme an – wohl verstanden: kraft
      und laut der Gnade Jesu <term key="Gnade, Jesu Christi">Christi</term> –, und schon darin,
      dass wir <hi rend="italic">sind</hi>, will sie auch von uns erkannt sein. Wir sind nicht
      anders als so, dass wir des Herrn sind: auch lebend und sterbend [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.8">Röm. 14,8</ref>], auch essend und trinkend nichts anderes,
      nichts neben und außer dem, dass wir des Herrn sind. Indem wir leben, stehen wir auch schon
      unter dem Gebot, ihm zu leben und eben damit wirklich zu leben. Er ist die Notwendigkeit
      unseres Lebens. Unser Leben verstehen heißt: sein Gebot verstehen. Und sein <term ref="kbga-keywords-60">Gebot</term> verstehen heißt: unser Leben verstehen. – Ganz anders
      stellt sich nun dieselbe Inanspruchnahme dar, wenn wir sie im Besonderen von der in Jesus
      Christus geschehenen <term ref="kbga-keywords-240"><hi rend="italic">Versöhnung</hi></term>
      als solcher her betrachten. Dieselbe Wirklichkeit, die dort das Gebot des Lebens ist, ist hier
      das Gebot, die von Gott gewollte Notwendigkeit des <term key="Gebot / Gebote, als Gesetz"><hi rend="italic">Gesetzes</hi></term>. Nun steht das Gebot unserem Leben offenbar gegenüber.
      Nun erkennen wir uns selbst ja in unserem Widerspruch zu Gott, als <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term> – freilich sofort in dem Widerspruch, dem Gott
      seinerseits siegreich widersprochen hat, als die Sünder, deren Gott sich in seiner <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> ihrem Sündigen zum Trotz erbarmt und angenommen hat. Nun
      kann das Gebot, kann das Gute nicht mehr damit zusammenfallen, dass wir existieren dürfen und
      also auch sollen, nun ist es uns gesetzt, <pb ed="A" n="1018"/> entgegengesetzt, nun streitet
      es gegen unser Leben, weil wir ja als Sünder leben. Nun ist das Gebot als die Kehrseite der
       <term key="Gebot / Gebote, Kehrseite der Gnade">Gnade</term>, die uns Sündern widerfährt, das
       <term key="Gebot / Gebote, als Gericht">Gericht</term> über uns, nun kommt alles darauf an,
      es in dieser seiner Gegensätzlichkeit zu uns selbst zu verstehen, seinen Spruch und dessen
      Gültigkeit unter keinen Umständen von den Gegebenheiten unserer Verkehrtheit aus in Zweifel zu
      ziehen. Eben in seiner Strenge will nun das Gebot von denen, denen Gott als seinen <term key="Mensch, Feindschaft gegen Gott">Feinden</term> gnädig ist, anerkannt, geliebt und gelobt
      sein. – Und es ist noch einmal dieselbe Wirklichkeit der göttlichen Inanspruchnahme des
      Menschen, vom Werk der <term ref="kbga-keywords-1269"><hi rend="italic">Erlösung</hi></term>
      her gesehen, das Gebot, die von Gott gewollte Notwendigkeit der <term key="Gebot / Gebote, als Verheißung"><hi rend="italic">Verheißung</hi></term>. Wir leben
      nicht nur unser Leben als Gottes Geschöpfe, und wir stehen nicht nur unter dem <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> als Genossen des <term key="Mensch, Bundesgenosse Gottes">Bundes</term>, <pb xml:id="p616" ed="pga"/> den Gott mit
      den <term ref="kbga-keywords-750">Sündern</term> geschlossen, sondern wir haben als solche und
      darüber hinaus die <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term>, das heißt das Gebot als
      Orientierung unseres Tuns in der Richtung auf unsere ewige <term key="Zukunft, ewige">Zukunft</term>. Wir sind, indem wir von Gott in Anspruch genommen sind, <term ref="kbga-keywords-53">geheiligt</term> zu Erben seines <term key="Mensch, Erbe des Reiches Gottes">Reiches</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.2.5">Jak. 2,5</ref>]. In und mit dem als Verheißung verstandenen Gebot wird uns
      unsere Vollendung vorgehalten, zugesagt, ja im Voraus zugeeignet. Das eine Gebot <term ref="kbga-keywords-60">Gottes</term> hat auch diese Gestalt. Auch von daher, von der <term ref="kbga-keywords-651">eschatologischen</term> Grenze her, begegnet uns Gott als Gebieter.
      Auch seine Verheißung auferlegt sich unserem Handeln als göttliche Notwendigkeit. Auch diese
      Gestalt des Gebotes dürfte nicht fehlen und fehlt tatsächlich nicht. Auch sie darf nicht
      übersehen werden. Wir würden auch das Gebot des <term key="Gebot / Gebote, als Lebensnotwendigkeit">Lebens</term> und das des <term key="Gebot / Gebote, als Gesetz">Gesetzes</term> nicht kennen, wenn wir das Gebot der <term key="Gebot / Gebote, als Verheißung">Verheißung</term> etwa nicht kennen würden, wenn uns der
      göttliche Anspruch darüber hinaus, dass er uns leben heißt und dass er uns beugt und zerbricht
      vor ihm, nicht auch aufriefe zum Warten und Eilen<note xml:id="n08">Die öfters von ihm
       verwendete Formel vom «Warten und Eilen» aus <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.12">2.Petr. 3,12</ref> hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zuerst durch ihre pointierte Aufnahme bei <persName ref="kbga-actors-47">Christoph Blumhardt</persName> beeindruckt. Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-4944"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Auf das Reich
         Gottes warten</hi> (1916), in: V.u.kl.A. 1914–1921, S. 275–302, dort
       <ref type="pub-" target="../volume/48/p299#p299">S. 299–302</ref>.</bibl></note> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.12">2.Petr. 3,12</ref>], aufriefe dazu, seiner Zukunft eingedenk zu sein und nicht anders als in
      diesem Gedenken zu handeln, wenn er nicht auch Ausrichtung auf das Ziel, auf die Vollendung,
      auf das Vollkommene [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.10">1.Kor.
       13,10</ref>], auf das ewige <term ref="kbga-keywords-726">Leben</term> bedeuten würde.</p>
     <p>An diese erste Frage nach dem jeweils besonderen Sinn des <pb ed="A" n="1019"/>
      <term key="Gebote ( Gebote, Sinn">Gebotes</term> wird sich dann (2.) in allen drei
      Betrachtungskreisen anschließen müssen der Nachweis der jeweilig besonderen Form des
      göttlichen <term key="Gebot / Gebote, Form">Gebotes</term> und seiner dadurch bedingten
      besonderen Erkenntnis. – Es hat offenbar das im Licht der <term ref="kbga-keywords-237"><hi rend="italic">Schöpfung</hi></term> verstandene Gebot, das Gebot des <term key="Gebot / Gebote, als Lebensnotwendigkeit">Lebens</term> also, die besondere Form des
       <term key="Beruf / Berufung"><hi rend="italic">Berufes</hi></term> als des Inbegriffs der
      gottgewollten Notwendigkeit der konkreten Gestalt und der konkreten Bestimmung, in der ein
      Jeder zu existieren hat. Wir haben nicht nach eigener Willkür irgend ein Leben zu leben,
      sondern wir leben, von Gottes <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term> her bestimmt, in der
      Bezogenheit unseres Lebens zu dem der <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmenschen</term>
      ein vermöge seiner besonderen Zwecke und Aufgaben sich selbst und jene Bezogenheit in
      besonderer Weise verwirklichendes Leben. In dieser Bestimmtheit und <pb xml:id="p617" ed="pga"/> nur in ihr hat unsere Existenz schöpfungsmäßige Notwendigkeit und muss uns unser Leben
      selbst zum göttlichen <term key="Leben, als göttliches Gebot">Gebot</term> werden. Wir leben
      es vor und mit Gott, indem und sofern wir es im Gehorsam gegen unsere Berufung leben. –
      Verstehen wir dasselbe Gebot <term ref="kbga-keywords-60">Gottes</term> von der <term ref="kbga-keywords-240"><hi rend="italic">Versöhnung</hi></term> her und also als das Gebot
      des <term key="Gebot / Gebote, als Gesetz">Gesetzes</term>, so werden wir sagen müssen, dass
      seine Form und seine Erkenntnis für jeden, der es hört, bedingt ist durch die konkrete
      Tatsache der <term ref="kbga-keywords-1116"><hi rend="italic">Autorität</hi></term> bestimmter
      Mitmenschen, die in irgend einem Sinn seine Vorgesetzten und ihm gegenüber Gottes Beauftragte
      [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.1">Röm. 13,1</ref>] sind. Die Gebeugtheit
      und Gebrochenheit, in der wir allein vor Gott existieren können – als <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term> unter sein <term ref="kbga-keywords-387">Gericht</term>
      gestellt, aber durch seine <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> gehalten –, hat darin
      ihre notwendige Gestalt, dass niemand souverän leben wollen darf, dass unser Handeln vielmehr
      nach allen Seiten begrenzt ist: nicht nur durch seine mit unserem Beruf gegebene Beziehung zum
       <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmenschen</term> als solche, sondern auch durch die
      Belehrung, die Weisung, den Widerspruch, die Befehlsgewalt, mit der bestimmte Mitmenschen uns
      zu begegnen jeweils den Auftrag und die Vollmacht haben. Unser Handeln ist immer auch ein
      Handeln in bestimmten Unterordnungen solchen Mitmenschen, der von ihnen ausgeübten Autorität
      gegenüber. Wir können uns nicht unter die Autorität des Gesetzes Gottes beugen, ohne uns zu
       <pb ed="A" n="1020"/> gleich auch zu beugen unter die Autorität solchen menschlichen
      Gesetzes. Wir können nicht gut handeln, wenn wir etwa dem in dieser Bestimmtheit uns gesetzten
      und beschränkenden und uns widersprechenden Gebot, wenn wir der Autorität unserer Vorgesetzten
      die Achtung versagen sollten. – Bedenken wir endlich dasselbe Gebot <term ref="kbga-keywords-60">Gottes</term> von der <term ref="kbga-keywords-1269"><hi rend="italic">Erlösung</hi></term> her, als Gebot der <term key="Gebot / Gebote, als Verheißung">Verheißung</term>, so ist seine Erkenntnis dadurch bestimmt, dass es die Form der Stimme
      unseres eigenen <term key="Gewissen, Stimme des Gewissens als Form des Gebots"><hi rend="italic">Gewissens</hi></term> hat. Darin konkretisiert sich unsere Bestimmung für das
      Leben der zukünftigen Welt, die eschatologische Ausrichtung unserer <term key="Existenz, menschliche, eschatologische Ausrichtung">Existenz</term> und unseres
      Handelns: dass dessen Bindung sich nicht erschöpft in seiner Begrenzung durch unseren <term key="Beruf / Berufung">Beruf</term> und durch die uns begegnende <term ref="kbga-keywords-1116">Autorität</term> der Vorgesetzten, dass sie vielmehr die Bindung
      ist, mit der auch wir selber uns binden müssen. Erinnerung an das Vollkommene als das Maß des
       <term key="Gutes / das Gute, das Vollkommene als sein Maß">Guten</term> findet nämlich – in
      relativer Selbständigkeit gegenüber unserem Beruf wie gegenüber jeder menschlichen <term ref="kbga-keywords-1116">Autorität</term> – immer auch in uns selber statt. Es wird das Gebot
      als <pb xml:id="p618" ed="pga"/>
      <term key="Gebot / Gebote, als Verheißung">Verheißung</term>, als das uns, den Erben des
      Reiches <term key="Mensch, Erbe des Reiches Gottes">Gottes</term> gegebene Gebot darin
      kräftig, dass wir aufgerufen sind – nicht als selber Wissende, wohl aber als Mitwissende, als
      Teilnehmer am Wissen <term key="Mensch, Mitwisser Gottes">Gottes</term> –, uns selber zu
      begrenzen, uns selber zu bestimmen, in eigener Entscheidung zu handeln.</p>
     <p> Auf diese Untersuchung der Form oder des Erkenntnisgrundes des Guten wird dann aber wieder
      in allen drei Kreisen (3.) die Frage nach dem Inhalt des göttlichen <term key="Gebot / Gebote, Inhalt">Gebotes</term> folgen müssen. Was will Gott, indem er uns für
      sich in Anspruch nimmt? Wir werden an dieser Stelle in der Lage sein, auf einen bekannten Weg
      einzubiegen, nämlich auf den von der reformatorischen Lehre vom dreifachen Gebrauch des <term key="Gesetz, Lehre vom dreifachen Gebrauch des G.">Gesetzes</term>,<note xml:id="n09">Die von
        <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Folgenden ausgeführte dreifache
       Gliederung des Gesetzesgebrauchs geht zurück auf <bibl corresp="kbga-bibls-4947"><persName ref="kbga-actors-272">Ph. Melanchthon</persName>, <hi rend="italic">Loci communes
         theologici. Recens collecti et recogniti</hi>, Vitebergae 1535 (= Secunda eorum aetas), CR
        21, S. 405f.</bibl>; zu <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-16">Inst. II, 7</bibl>; hinsichtlich <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Anwendung eines <foreign xml:lang="lat">tertius usus legis</foreign> besteht in der Forschung Uneinigkeit
       (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5092">R. Kolb, Art. «Gesetz / Gebote», in: <hi rend="italic">Das Luther-Lexikon</hi>, hrsg. von V. Leppin / G. Schneider-Ludorff, Regensburg 2014,
        S. 253–257, dort S. 255</bibl>); nach <bibl corresp="kbga-bibls-5093">V. Leppin, <hi rend="italic">Lutherforschung am Beginn des 21. Jahrhunderts</hi>, in: <hi rend="italic">Luther-Handbuch</hi>, hrsg. von A. Beutel, Tübingen 2005, S. 19–34</bibl>, wurden etwa von
        <bibl corresp="kbga-bibls-5094">W. Joest, <hi rend="italic">Gesetz und Freiheit. Das Problem
         des Tertius usus legis bei Luther und die neutestamentliche Parainese</hi>, Göttingen
        1951</bibl>, «die wenigen schwachen Hinweise auf einen <foreign xml:lang="lat">tertius usus legis</foreign>» bei Luther
       deshalb «stark gemacht», weil er damit «der theologischen Kritik Karl Barths an <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> bzw.
       seinen Erlanger Deutern Rechnung tragen» wollte, und «so eine Harmonie mit dem Barthschen
       Sachanliegen erreichbar schien» (<bibl corresp="kbga-bibls-5093">Leppin, a.a.O.,
       S. 23</bibl>).</note> in welcher man, wenn man sie auf die drei dogmatischen Hauptbegriffe
      bezieht, nicht nur die christlich verstandene Notwendigkeit, sondern auch den christlich
      verstandenen Inhalt des Gesetzes mit großer Genauigkeit und Vollständigkeit beschrieben
      findet. – Das vom Werk der <term ref="kbga-keywords-237"><hi rend="italic">Schöpfung</hi></term> her verstandene Gebot Gottes, das Gebot des <term key="Gebot / Gebote, als Lebensnotwendigkeit">Lebens</term>, dem wir in den Grenzen unseres
      Berufes unterworfen sind, ist inhaltlich das Gebot der <term ref="kbga-keywords-692"><hi rend="italic">Ordnung</hi></term>. Es gibt einen <pb ed="A" n="1021"/> usus legis politicus.
      Das Gebot <term ref="kbga-keywords-60">Gottes</term> bedeutet in diesem Sinn die äußere
      Disziplinierung unseres Lebens als Zusammenleben. Indem wir nach und in unserem <term key="Beruf / Berufung">Beruf</term> leben, anerkennen wir ja die Bezogenheit unseres Lebens
      zu dem der <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmenschen</term>, anerkennen wir die <term key="Gemeinschaft, menschliche">Gemeinschaft</term> als Notwendigkeit unseres eigenen
      Daseins, anerkennen wir <pb xml:id="p619" ed="pga"/> eine Regel, die für mich ebenso wie für
      den Mitmenschen, für den Mitmenschen ebenso wie für mich Geltung hat, die seinen wie meinen,
      meinen wie seinen Zwecken und Bestrebungen in überlegener Würde vorangeht. Unser Handeln ist
      gut, sofern es durch diese Regel gebunden ist. Nicht nur Lebensbegrenzung, sondern auch
      Lebensordnung ist Lebensnotwendigkeit und als solche das Gebot Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term>: die lex <term key="Gesetz, lex naturae">naturae</term>, sofern wir unter dieser nicht ein uns von der Natur diktiertes oder in
      unserer Natur zu entdeckendes, sondern das durch Gottes <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term> unserer <term key="Natur, menschliche">Natur</term> diktierte und als solches
       <term ref="kbga-keywords-8">offenbarte</term> Gesetz verstehen wollen. – Im Lichte der <term ref="kbga-keywords-240"><hi rend="italic">Versöhnung</hi></term> gesehen ist dasselbe <term ref="kbga-keywords-60">Gebot</term> das Gebot der <term ref="kbga-keywords-1270"><hi rend="italic">Demut</hi></term>. Demut ist die Unterwerfung unter das uns widerstrebende
      Gesetz Gottes und konkret: unter die Autorität der uns Vorgesetzten. Es gibt einen usus legis
       <term key="Gesetz, usus legis paedagogicus">paedagogicus</term>. Und darin besteht er: dass
      das Gebot uns dahin stellt, wo wir von rechtswegen hingehören. Es behaftet uns dabei, dass wir
       <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term> sind, die allein von Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> leben können, denen nur der <term key="Glaube">Glaube</term> übrig bleibt und die also der <term ref="kbga-keywords-725">Buße</term>
      bedürfen. In diesem Sinn ist es immer wieder unsere Erziehung für <term key="Gesetz, Erziehung für Christus">Christus</term>, durch den und in dem uns Gott zu sich
      gezogen hat [vgl. Jer. 31,3]. Indem wir uns unterordnen, handeln wir ja als solche, die sich
      etwas müssen sagen, vorschreiben, zurufen lassen hinsichtlich ihres Handelns. Wir anerkennen
      dann, dass wir Widerspruch verdient und nötig haben und dass uns nur dadurch und gerade
      dadurch geholfen ist, dass uns tatsächlich widersprochen wird. Wir anerkennen dann die fremde
      Hoheit des Gesetzes in unserem <term key="Gesetz, fremde Hoheit">Leben</term> als unser <term key="Gesetz, als Gericht">Gericht</term> und als unsere <term key="Gesetz, als Rettung">Rettung</term>. Wir anerkennen dann, dass unser Heil daran hängt, in unserem Wollen und
      Vollbringen, in unserem Besitz, in unserer Sicherheit, in unserem <pb ed="A" n="1022"/> Selbst
      beunruhigt, angegriffen und tödlich gefährdet zu werden und dass das Ergreifen unseres Heils
      damit stattfinden muss, dass wir uns diese Beunruhigung gefallen lassen, dass wir ihr weichen.
      Denn diese Enteignung, ja diese Tötung des alten Menschen – denn darauf zielt zuletzt diese
      Beunruhigung – ist das, was Gott der <term key="Gott, Versöhner">Versöhner</term> an uns tut;
      und was er von uns will, indem er uns <term ref="kbga-keywords-53">heiligt</term>, ist dies,
      dass wir ihn solches tun lassen. Das ist das Gebot der <term ref="kbga-keywords-1270">Demut</term>, wie es im <term ref="kbga-keywords-568">Alten</term> und im Neuen <term ref="kbga-keywords-74">Testament</term> mit gleicher Kraft und auch im gleichen, eben in
      diesem pädagogischen <term key="Gesetz, usus legis paedagogicus">Sinn</term> bezeugt wird. –
      Auf das Werk der <term ref="kbga-keywords-1269"><hi rend="italic">Erlösung</hi></term>
      gesehen, ist dasselbe Gebot <term ref="kbga-keywords-60">Gottes</term> das Gebot der <term ref="kbga-keywords-1684"><hi rend="italic">Dankbarkeit</hi></term>. <pb xml:id="p620" ed="pga"/> Indem wir das Gebot wirklich als Erben des <term key="Mensch, Erbe des Reiches Gottes">Gottesreiches</term> und also als Gebot der <term key="Gebot / Gebote, als Verheißung">Verheißung</term> hören, indem wir wirklich die Stimme
      des <term key="Gewissen, als Zeugnis des kommenden Vollkommenen">Gewissens</term> als Zeugnis
      des kommenden Vollkommenen vernehmen, hören wir dies, dass wir dankbar sein dürfen und dankbar
      sein sollen. Was sollten die hinsichtlich des Sinns und Inhalts ihres Tuns Anderes wissen,
      denen Gott in ihrem Gewissen die Teilnahme an seinem <term key="Mensch, Mitwisser Gottes">Wissen</term> im Voraus gewährt hat? Was kann der barmherzige <term ref="kbga-keywords-115">Gott</term>, der unsere <term ref="kbga-keywords-276">Hoffnung</term> ist, Anderes von uns
      wollen als dies, dass wir ihm dankbar seien? Das ist der tertius usus legis, der usus
      didacticus sive <term key="Gesetz, tertius usus legis / usus didacticus sive normativus">normativus</term>. Eben als Empfänger des Heiligen Geistes als des Unterpfandes der <term key="Heiliger Geist, Unterpfand der Verheißung">Verheißung</term> tritt der Mensch über alle
       <term ref="kbga-keywords-692">Ordnung</term> und <term ref="kbga-keywords-1270">Demut</term>
      hinaus erst recht unter Gottes Gebot. Indem ihm sein Gewissen das künftige Vollkommene <term key="Gewissen, als Zeugnis des kommenden Vollkommenen">vergegenwärtigt</term>, wird ihm in
      Zuwendung zu seiner Zukunft mit Gott notwendig ein freies Handeln im <term key="Glaube">Glauben</term> und im <term key="Mensch, Gehorsam">Gehorsam</term>. Damit gibt sich Gottes
      Gebieten nicht zufrieden, unseren Gang zu ordnen, uns in jene Enge zu treiben und in dieser
      Enge auch festzuhalten, solange wir leben. Sondern indem er das tut, spricht er uns ja an als
      die zu seiner Verherrlichung <term ref="kbga-keywords-1077">Erwählten</term>, fordert er uns
      selbst als Dank für das, was er selbst für uns getan, als Dank dafür, dass er selbst sich uns
      gegeben hat. Steht es nicht in unserer Macht, das Vollkommene zu ergreifen, wie wir von ihm
      ergriffen sind, uns in Gottes Hand zu legen, wie er selbst uns in seine Hand genommen hat, so
      kann und muss <pb ed="A" n="1023"/> doch der Sinn unserer Existenz und unseres Handelns nach
       <term key="-Altes Testament">alt</term> und <term ref="kbga-keywords-74">neutestamentlicher</term> Erkenntnis das <term key="Opfer">Opfer</term> werden: das Zeugnis
      des Opfers, das Gott von <term ref="kbga-keywords-1247">Ewigkeit</term> her und in der <term ref="kbga-keywords-1008">Zeit</term> für uns gebracht hat, die Bestätigung dessen und die
      Demonstration dafür, dass wir gehört, gerade den eigentlichen Sinn seines <term ref="kbga-keywords-50">Wortes</term> und so auch seines <term ref="kbga-keywords-60">Gebotes</term> gehört haben. – Man könnte in dem, was auf dieser ganzen dritten, spezifisch
      inhaltlichen Linie zu untersuchen und darzustellen ist, unter starkem Vorbehalt eine
      Entsprechung zu dem sehen, was in anderen <term ref="kbga-keywords-1215">Ethiken</term> als
       «Pflichtenlehre»<note xml:id="n10">So z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-5095"><persName ref="kbga-actors-360">Fr. D. E. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Ethik
         (1812/13). Mit späteren Fassungen der Einleitung, Güterlehre und Pflichtenlehre</hi>, auf
        der Grundlage der Ausgabe von O. Braun hrsg. und eingeleitet von H.-J. Birkner (PhB 335),
        Hamburg 1990<hi rend="sup">2</hi>, S. 146–179</bibl>: «Die Pflichtenlehre».</note>
      vorgetragen zu werden pflegt.</p>

     <p><pb xml:id="p621" ed="pga" rend="noPipe"/> Es wird dann aber endlich (4.) darum gehen, zu verstehen, in
      welchem Sinn das in solcher Weise unter Gottes Gebot gestellte menschliche Handeln tatsächlich
      gut zu nennen ist, kraft seines Verhältnisses zu Gottes Gebot tatsächlich gut <hi rend="italic">ist</hi>. Des Menschen <term ref="kbga-keywords-53">Heiligung</term> durch das
      Gebot ist ebenso wie seine <term ref="kbga-keywords-51">Rechtfertigung</term>
      <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>, und zwar Gnade allein, aber wirkliche und wirksame
      Gnade: kein bloßer Schein, kein göttlicher Selbstbetrug und auch kein Betrug des Menschen,
      sondern siegreiche Wahrheit. Wem Gott gnädig ist, wem er <term ref="kbga-keywords-199">Vergebung</term> der <term ref="kbga-keywords-64">Sünden</term>, die in Jesus Christus
      Ereignis gewordene Rechtfertigung vor ihm zuspricht und wen er eben damit in Jesus Christus
      für sich in Anspruch nimmt, wem er das <term ref="kbga-keywords-59">Evangelium</term> und das
       <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> durch sein <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term> und seinen <term ref="kbga-keywords-179">Geist</term> zugute kommen lässt, der
      handelt als solcher nicht böse und auch nicht indifferent, der handelt gut. Der Satz will in
      seinem genauen Sinn auf das vorsichtigste erwogen sein, aber er ist nicht zu vermeiden. Die
      Heiligung des Menschen durch Gott wäre wie seine <term ref="kbga-keywords-51">Rechtfertigung</term> eine ohnmächtige Angelegenheit, wenn dieser Satz nicht gelten würde.
      Es muss und wird also zu zeigen sein, dass und inwiefern in der Kraft desselben Aktes der
       <term ref="kbga-keywords-53">Heiligung</term>, in welchem dem Menschen das <term ref="kbga-keywords-60">Gebot</term> offenbart und als Forderung vorgehalten wird, auch die
      Erfüllung dieses Gebotes stattfindet. Auch hier dürfte ein bekannter Weg der einfachste und
      zugleich der beste sein. Hier wird nämlich die <persName ref="kbga-actors-313">paulinische</persName> Trias des <term key="Glaube">Glaubens</term>, der <term ref="kbga-keywords-593">Liebe</term> und der <term ref="kbga-keywords-276">Hoffnung</term>
       [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.13">1.Kor. 13,13</ref>] (in der
      römisch-katholischen <term key="Ethik, römisch-katholische">Ethik</term> bekannt unter dem
      Namen der drei <pb ed="A" n="1024"/> «theologischen <term key="Tugenden, theologische">Tugenden»</term><note xml:id="n11">Die Unterscheidung der theologischen Tugenden von den
       Kardinaltugenden (Maßhaltung, Gerechtigkeit, Klugheit und Tapferkeit) geht zurück auf <bibl corresp="kbga-bibls-1625"><persName ref="kbga-actors-1282">Thomas von Aquino</persName>, S.
        Th. I<hi rend="sup">a</hi> II<hi rend="sup">ae</hi>, q.61, a.2 und q.62, a.1.</bibl>; vgl.
        <bibl corresp="kbga-bibls-5096">K. Hilpert, Art. «Kardinaltugenden», in: LThK<hi rend="sup">3</hi> 5, Sp. 1232–1234</bibl>.</note>) zu Worte kommen müssen. Alle drei Begriffe
      zeichnen sich dadurch aus, dass sie zugleich ein wirkliches Sein, Verhalten und Tun des
      Menschen und nun doch ein solches beschreiben, das in keinem Sinn eine Leistung des Menschen,
      sondern – so gewiss der Mensch damit steht und fällt, dass er glaubt, liebt und hofft, so
      gewiss er aufgerufen ist, dies zu tun, und zwar recht zu tun – im strengsten Sinn ein Werk, ja
      das Werk des <term ref="kbga-keywords-1077">erwählenden</term> Gottes am Menschen ist:
       <foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign> Gottes Sich-selbst-treu-Bleiben, <foreign xml:lang="el-GR">ἀγάπη</foreign> Gottes freier guter Wille, als der, der er ist und bleibt,
      den Seinen, wer und wie sie auch seien, sich selbst und alle seine <pb xml:id="p622" ed="pga"/> Güter nicht zu entziehen, sondern zu schenken, <foreign xml:lang="el-GR">ἐλπίς</foreign>
      desselben Gottes vollkommener Trost als der Seinen ewiges Ziel, dem sie in ihrer zeitlichen
      Existenz entgegengehen. Dass Gott in der ganzen <term ref="kbga-keywords-1063">Fülle</term>
      seines Wesens und Werkes unser Gott ist, das ist der objektive Sinn dieser drei Begriffe, und
      dass wir in Jesus Christus dieses Gottes Menschen sind und sein sollen, das ist ihr
      subjektiver Sinn. – Es ist, im Blick auf das Werk der <term ref="kbga-keywords-237"><hi rend="italic">Schöpfung</hi></term> gesagt, der <term key="Glaube"><hi rend="italic">Glaube</hi></term> die Erfüllung des uns von Gott gegebenen Gebotes des <term key="Glaube, Erfüllung des Gebotes des Lebens">Lebens</term> und also die schlechthin
      umfassende und radikale Realisierung der menschlichen <term key="Glaube, Realisierung der Lebensnotwendigkeit">Lebensnotwendigkeit</term>. Gott ist ja
      unsere Lebensnotwendigkeit: Gott als der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> unserer
      Existenz, als ihr creator ex nihilo, ohne den sie nur nihil sein könnte. Unserer
      Lebensnotwendigkeit Genüge tun heißt Gottes Willen tun: ein Jeder nach und in seinem <term key="Beruf / Berufung">Beruf</term> und unter der <term ref="kbga-keywords-692">Ordnung</term> seines Schöpfers. Eben das geschieht aber allein damit, dass wir an ihn
      glauben, nämlich seinem Wort glauben daraufhin, dass er es uns gesagt hat. Glauben heißt Ja
      sagen dazu, dass Gott der Herr unseres <term key="Glaube, Ja sagen zu Gott als dem Herrn unseres Lebens">Lebens</term> ist und dass also
      das kein Leben wäre, das nicht Leben unter seinem Gebot wäre, dass aber eben das Leben unter
      seinem Gebot wirklich auch im vollsten Sinn unser Leben, unsere Existenz ist. Mit seinem Gebot
      setzt Gott, so gewiss er sich selbst treu ist, sich in derselben <term key="Gott, Treue">Treue</term> auch für uns ein als das Leben unseres Lebens. Indem wir ihm glauben, verlassen
      wir uns darauf, dass wir mit ihm leben, und haben wir die Zuversicht, unser Leben leben zu
      dürfen und zu können <pb ed="A" n="1025"/> als dieses nach und in unserem Beruf durch Gottes
      Schöpfung geordnete Leben. Dieses Ja unsererseits ist das Wunder des <term key="Glaube, Wunder des G.">Glaubens</term>. Ohne Glauben könnten und würden wir nur
      rebellieren, schweifen und zigeunern. Ohne Glauben hätte unser Leben keine Notwendigkeit,
      hätten wir keinen <term key="Beruf / Berufung">Beruf</term>, stünden wir unter keiner <term ref="kbga-keywords-692">Ordnung</term>. Ohne <term key="Glaube">Glauben</term> würden wir uns
      denn auch nur fürchten und schließlich verzweifeln können. Wo kein Glaube ist, da ist
      tatsächlich immer heimlich oder offen die Furcht und die Verzweiflung. Indem Gott sich für uns
      entscheidet, indem er uns <term ref="kbga-keywords-53">heiligt</term> und also in Anspruch
      nimmt durch sein Gebot, indem sich dieses Gebot an uns vollstreckt, gibt er uns als
      unaussprechliche Gabe eben das, was er damit von uns fordert. Indem wir nehmen, was er gibt,
      glauben wir. So ist sein Gebot als das Gebot des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term>
      zuhöchst und zuletzt und alles umfassend das Glaubensgebot und unser Gehorsam zuletzt <pb xml:id="p623" ed="pga"/> und zuhöchst und alles umfassend der <term key="Glaubensgehorsam">Glaubensgehorsam</term>. – Und es ist, wenn wir jetzt von der <term ref="kbga-keywords-240"><hi rend="italic">Versöhnung</hi></term> her denken, die <hi rend="italic">Liebe</hi> des
      Gesetzes <term key="Liebe, des Gesetzes Erfüllung">Erfüllung</term> [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.10">Röm 13,10</ref>]. Gott begnadigt uns, indem er uns das
       <term key="Gesetz, als Gnade">Gesetz</term> entgegenstellt als den Felsen, an dem wir
      scheitern müssen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.32">Röm. 9,32</ref>],
      indem er uns menschlicher <term ref="kbga-keywords-1116">Autorität</term>, die in seinem Namen
      ausgeübt wird, unterwirft, indem er uns in die <term ref="kbga-keywords-1270">Demut</term>
      treibt. Aber diese unsere Erniedrigung ist nicht Selbstzweck. Damit ist ja das Gesetz noch
      nicht erfüllt, dass wir <term ref="kbga-keywords-750">Sünder</term> sind, die allein von <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> leben. In dieser uns von ihm bereiteten Not will Gott von
      uns geliebt sein als der, der uns zuerst <term ref="kbga-keywords-37">geliebt</term> hat [vgl.
       <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.19">1.Joh. 4,19</ref>]. In dieser uns von ihm
      bereiteten Not selber verbirgt sich ja die Liebe, mit der er uns zuerst geliebt hat. Wirklich
      vollzogen ist ja unsere Erniedrigung dann und erst dann, wenn wir ihn wiederlieben. Und
      konkret wie das <term ref="kbga-keywords-60">Gebot</term>, das uns so streng an unseren Platz
      stellt, muss und wird auch seine Erfüllung sein. Noch einmal ist jetzt der <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmensch</term> – den wir in der Menschheit Jesu <term ref="kbga-keywords-233">Christi</term> als den Träger der Liebe <term key="Jesus Christus, Träger der Liebe Gottes">Gottes</term>, als den barmherzigen Samariter
      [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.33 Lk.10.37">Lk. 10,33–37</ref>] erkennen dürfen
      – das konkrete Gegenüber, das von uns um Gottes willen, zu Gottes <term ref="kbga-keywords-28">Ehre</term> und an Gottes Stelle, zur Bewährung unserer Liebe zu ihm geliebt sein will und
      geliebt werden darf. Das <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> wäre nicht erfüllt für uns
      durch die Liebe Jesu <term ref="kbga-keywords-732">Christi</term> und es hätte sein richtendes
       <term key="Gesetz, richtendes Amt">Amt</term> an uns noch nicht versehen, <pb ed="A" n="1026"/> solange die Liebe Christi uns nicht «drängen» [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.14">2.Kor. 5,14</ref>] würde, ihn in seinen Brüdern, die damit auch die
      unsrigen sind, wiederzulieben. Mit seiner Erfüllung des Gesetzes als der unsrigen wäre es
      nichts, wenn wir im Wahn, Gott gleich zu sein, meinen sollten, dem Nächsten das Gesetz
      unsererseits richtend vorhalten zu sollen. Wir würden damit nur zeigen, dass wir selbst noch
      unter einem fremden und nicht unter dem erfüllten <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term>
      Gottes stehen, dass unser Widerspruch gegen <term key="Mensch, Feindschaft gegen Gott">Gott</term> noch nicht gebrochen, unsere Liebe zu ihm noch nicht erwacht sei. Aber dass dies
      geschieht, dass wir also in der Lage sind, unseren Nächsten zu <term ref="kbga-keywords-851">lieben</term>, statt ihn zu richten, dieses konkrete Ja zu Gott ist wiederum Gottes Wunder
      an uns. Indem sich Gott für uns entscheidet, indem er uns wirklich und kräftig unter sein
      Gebot stellt, geschieht dieses Wunder. Wieder gibt uns dann Gott als unaussprechliche Gabe
      eben das, was er von uns fordert. Unsere Sache ist es, diese Gabe anzunehmen. So ist sein
      Gebot als das <term ref="kbga-keywords-60">Gebot</term> des uns mit sich selbst versöhnenden
      Gottes zuletzt <pb xml:id="p624" ed="pga"/> und umfassend das <term ref="kbga-keywords-1757">Liebesgebot</term> und unser Gehorsam das Handeln, in welchem wir als die von ihm Geliebten
      ihn und darum den Nächsten <term ref="kbga-keywords-851">wiederlieben</term>. – Und so ist
      endlich in der Ordnung der <term ref="kbga-keywords-1269"><hi rend="italic">Erlösung</hi></term>, im Blick auf die eschatologische Grenze unserer Existenz, die <term ref="kbga-keywords-276"><hi rend="italic">Hoffnung</hi></term> die Erfüllung des <term key="Hoffnung, Erfüllung des Gebotes">Gebotes</term>. Ist es wahr, dass Gott durch die Stimme
      unseres <term ref="kbga-keywords-596">Gewissens</term> unsere <term ref="kbga-keywords-1684">Dankbarkeit</term> fordert, unsere <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> in Anspruch
      nimmt, so bekommt unser Handeln über alles vorläufige Mitwissen um Gottes <term key="Mensch, Mitwisser Gottes">Willen</term>, über alles zeugnishafte Danken hinaus die
      positive Ausrichtung auf das kommende Vollkommene seines <term ref="kbga-keywords-434">Reiches</term>. Der <term key="Glaube">Glaube</term> hält sich an Gott, die <term ref="kbga-keywords-593">Liebe</term> feiert ihn, die <term ref="kbga-keywords-276">Hoffnung</term> sucht ihn, indem sie über alles Gegenwärtige hinaus mehr, indem sie das
      Ganze, Alles, von ihm erwartet, und zwar gewiss und getröstet von ihm erwartet. Insofern leben
      auch der Glaube und die Liebe ganz in der Hoffnung. Sie wäre Träumerei und Schwärmerei, wenn
      sie bloß die Unruhe unseres Gemüts und Geistes wäre. Sie ist aber die Erfüllung des <term key="Hoffnung, Erfüllung des Gebotes">Gebotes</term> der <term ref="kbga-keywords-72">Ver<pb ed="A" n="1027" break="no"/>heißung</term>, sie ist die vollzogene Danksagung Gott
      gegenüber, sofern sie nicht unsere, sondern die Unruhe des Heiligen <term ref="kbga-keywords-179">Geistes</term> ist, der in uns auf Jesus Christus wartet als auf die
      Wirklichkeit des kommenden <term ref="kbga-keywords-434">Reiches</term>, der uns in dieser
      Erwartung in alle Wahrheit leitet [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16.13">Joh. 16,13</ref>] und in welchem – da er das Unterpfand unseres Erbes [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.1.14">Eph. 1,14</ref>] ist – das ewig Zukünftige auch schon
      zeitliche Gegenwart ist. Wunder ist auch dieses Ja zu Gott, mit dem wir den Gott suchen, der
      uns schon gefunden hat<note xml:id="n12">Anspielung auf das nach <bibl corresp="kbga-bibls-435"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Der Christ in der Gesellschaft</hi>, in: V.u.kl.A. 1914–1921, <ref type="pub-" target="../volume/48/p546#p546">S. 546–598,</ref>
        «augustinische Wort» (a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/48/p557#p557">S. 557</ref>)</bibl>: «Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich
       nicht schon gefunden hättest!» (zum Nachweis bei <persName ref="kbga-actors-720">Blaise
        Pascal</persName> und <persName ref="kbga-actors-1997">Bernhard von Clairvaux</persName>
       sowie zum Hintergrund bei <persName ref="kbga-actors-14">Augustinus</persName> vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-435">a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/48/p558#fn_n58">S. 558, Anm. 58</ref></bibl>).</note>. Indem Gott sich für uns
      entscheidet, indem er uns <term ref="kbga-keywords-53">heiligt</term> durch sein Gebot,
      empfangen wir noch einmal (aber es ist ja immer dieselbe!) die unaussprechliche Gabe dessen,
      was er von uns fordert. Wir hoffen daraufhin, dass er sich selber zu unserer unbeweglichen und
      unwiderleglichen Hoffnung gemacht hat. Dass wir hoffen dürfen und sollen, das ist, in dieser
      Ordnung gesehen, zuletzt und umfassend das Gebot <term ref="kbga-keywords-60">Gottes</term>,
      und das ist zuletzt und umfassend unser <term key="Mensch, Gehorsam">Gehorsam</term>: dass wir
      leben als solche, die eine Hoffnung, diese Hoffnung haben. – So sind <term key="Glaube">Glaube</term>, <term ref="kbga-keywords-593">Liebe</term> und <term ref="kbga-keywords-276">Hoffnung</term> das <term ref="kbga-keywords-829">Gute</term> des menschlichen Handelns. Und
      so muss die <pb xml:id="p625" ed="pga"/> Antwort der theologischen Ethik auf die ethische Frage
      abschließend in diesen drei Worten bestehen. Cum grano salis verstanden wäre das, was auf
      dieser vierten Linie zu bedenken ist, die <term key="Tugenden, «Tugendlehre»">«Tugendlehre»</term> der theologischen <term key="Ethik, theologische">Ethik</term>.</p>
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 </text>
</TEI>
