«Dummheit»
II. Die kleineren Fragmente
«Dummheit»
Dieser in sich geschlossene Textteil, von
Das 1939 beim Druck des Bandes zurückgestellte Thema «Dummheit» behandelte Barth in einem anderen Zusammenhang und mit veränderter Stoßrichtung erneut 1954 in KD IV/2, S. 460–486. Im Rahmen der Hamartiologie analysierte er dort die Sünde als Dummheit und übernahm auch Gedanken und Wendungen aus dem Typoskript von 1938.2
«Dummheit»
Es muss also – wenn wir jetzt Alles überblicken – damit gerechnet und es darf wohl auch
einmal ausdrücklich hervorgehoben werden, dass die ganze heilige Schrift und also das ganze Zeugnis von Jesus Christus
auch diese Front hat: die Front gegen die Dummheit, die Front
gegen die Toren, die nach
576 Von Mangel an intellektueller Begabung und
Erudition ist freilich nicht die Rede, wenn die Bibel vom Toren redet. Der biblische Tor
878 kann so leidlich klug sein, wie es der Mensch im Durchschnitt nun
einmal zu sein pflegt. Er kann gewiss auch unter, er kann aber auch über, er kann
vielleicht sogar sehr hoch über diesem Durchschnitt stehen. Was ihn zum Toren macht, ist
jedenfalls nichts, was mit einem schwächeren Gehirn oder mit unvollkommener Wissenschaft
als solchen notwendig gegeben wäre. Der Mensch ist aber nach biblischer Darstellung dann
töricht, dann dumm, wenn er, wie es auch mit seinem Gehirn und seiner Wissenschaft
bestellt sei, der Erleuchtung durch Gottes Offenbarung entbehrt und darum sein Leben auf Grund von verkehrten und
verderblichen Maximen und Motiven, auf Grund einer falschen Voraussetzung und darum auch
nach Maßgabe einer falschen Methode lebt. Dumm ist also nach der Bibel vor allem, wer noch nicht eingesehen hat, dass er
ohne Gottes Wort dumm, und zwar grunddumm sein und
bleiben muss. Dumm ist also im Großen und im Kleinen alle Zuversicht, alles Sichstützen
und Verlassen auf das, was man sich ohne Gottes Wort selber sagen kann, weil man es auch
so weiß. Dumm ist jedes Verhalten, in welchem man sich selbst, als wäre man selber Gott,
über das, was göttlich und also gut, schön, heilsam, ewig ist, meint autoritative
Auskunft gegeben zu haben und auf Grund dieser Auskunft nun meint denken, reden, handeln
zu können. Dumm ist dieses Verhalten
selbstverständlich, und zwar noch verschärft, wenn es die Form hat, dass Einer Gottes
Wort schon meint gehört und in Form irgend eines Prinzips oder Systems sich angeeignet
zu haben, oder in der Form, dass Einer sich selbst für einen durch Gottes Wort bereits so Verwandelten hält, dass er4 weitere Offenheit
für die Belehrung durch das, was es selber meint und will, entbehren zu können denkt. Wo
also irgend ein gleichsam herrenlos gewordenes Prinzip – und hätte es die goldenste
Klarheit und Wahrheit – den Menschen oder die Menschen so regiert, dass sie ihm unterworfen sind, wie man
nur dem Worte Gottes unterworfen sein dürfte, da haben wir es bestimmt mit einer
Offenbarung, 879 ja im Prinzip mit der ganzen Offenbarungsökonomie der
Dummheit zu tun. Und wo Menschen im Wahn, einer bereits hergestellten und ihnen so oder
so gesicherten Güte teilhaftig zu sein, dahinleben und sich geltend machen, da ist das
nicht nur Selbstgerechtigkeit, die sich mit dem Glauben nicht
verträgt – das ist es freilich auch! –, sondern indem es das ist, zugleich alles
verheerende und zerstörende Dummheit. Als
577 Denn darin besteht und äußert sich die Dummheit: dass der Mensch in der vollen stolzen
Meinung, wesentlich zu sein und das Wesentliche zu treffen, gerade nie das Wesentliche
trifft: immer zu früh oder zu spät kommt, immer schläft, wo er wachen sollte, wacht, wo
er ruhig schlafen dürfte, immer schweigt, wo geredet werden müsste, und immer redet, wo
Schweigen das beste Teil wäre, immer arbeiten will, wo nur Beten, und immer beten, wo
nur Arbeiten helfen würde, immer historische Betrachtungen anstellt, wo es um Entscheidung ginge, und immer entscheiden will, wo nun
wirklich historische Betrachtung am Platze wäre, immer streitet, wo es nicht nötig ist,
und immer von Liebe und Frieden redet, wo in aller Ruhe einmal dreinzuschlagen wäre,
immer den Glauben und das Evangelium im Munde führt, wo es gelten würde, ein Stück gesunden
Menschenverstandes walten zu lassen, und immer vernünftelt, wo man sich in die Hände
Gottes befehlen dürfte und sollte. Man lese Pred. 3 die große Aufzählung, wie alles
seine Zeit hat. Die Dummheit ist genial darin, alles zur Unzeit zu denken, zu sagen und
zu tun, keine Möglichkeit eines Missverständnisses vorübergehen zu lassen, gerade das
Not880wendige, das Geforderte, das Heilsame regelmäßig zu
unterlassen, das Überflüssige, Verbotene, Verderbliche aber mit sicherem Instinkte
regelmäßig zu wählen, zu denken, zu sagen und zu tun. Und man täusche sich nicht
darüber: Geringschätzung, Gleichgültigkeit oder Ignorierung sind bestimmt die Wege
nicht, auf denen man der Dummheit entrinnen oder sich vor ihr schützen kann. Warum
nicht? Weil sie dazu viel zu gefährlich ist. Dummheit ist lebensgefährlich, gemeingefährlich,
staatsgefährlich, kirchengefährlich – und am meisten da, wo man sie nicht erkennt und
gewähren lässt oder bloß mit Missachtung ihr begegnen zu können meint. Sie ist darum so
gefährlich, weil sie sich ja niemals als Dummheit fühlen, erkennen und bekennen,
geschweige denn als solche auftreten, sich vielmehr immer für Weisheit halten und
entsprechend kostümieren wird: mit der größten Sicherheit, Behändigkeit und Ausdauer
Gründe auf Gründe türmend, immer schon im Voraus im Recht und immer nachträglich Alles
besser gewusst habend, immer gewaltig bestärkt durch sich selbst und so unermüdlich zu
immer neuen Untaten aufbrechend. Sie ist weiter darum so gefährlich, weil sie auf den
ersten Blick immer so harmlos, gutmütig und friedfertig zu sein scheint; hinter ihrer
Biederkeit und Sanftmut verbergen sich aber wie die Krallen des Katzengeschlechtes in
dessen weichen Pfoten |578 höchste Bösartigkeit, zänkische
Aggressivität, rücksichtslose Gewalttätigkeit, die ihre Opfer anfällt und zerreißt, wie
keine offenkundig satanische Bosheit es vermag. Und sie ist weiter darum so gefährlich, weil man sie immer wieder für eine
vereinzelte Eigentümlichkeit Dieser und Jener halten möchte – es könnte wohl so sein,
dass im Besonderen gerade sie gemeint ist bei dem Wort von dem Balken im eigenen Auge,
den man am wenigsten zu sehen pflegt [vgl.
Was aber kann geschehen und ist zu tun gegen die Dummheit? Es ist mit Recht gesagt worden, dass gegen sie die Götter selbst
vergeblich streiten.7 Irgendwelche Götter wird man in
der Tat vergeblich gegen sie an- und aufrufen. Wer sie in heiligem Zorn bekämpfen oder
wer sie mit Spott und Ironie beunruhigen, wer sie intellektualistisch schulmeistern oder
wer ihr antiintellektualistisch den Hof machen will, der sehe zu, dass er nicht von der
Dummheit überrannt werde – der sehe vor allem zu, dass er ihr nicht heimlich selber
verfalle, indem er ihr begegnen will. Wir können uns vielmehr der Dummheit gegenüber
zunächst nur an diesen einzigen Trost halten, dass in der Bibel mit ihrer Botschaft von der Weisheit Gottes tatsächlich auch auf dieser Front, auf der Front gegen die menschliche
Dummheit gestritten und, wie wir dann wohl annehmen dürfen, nicht umsonst, sondern
überlegen und siegreich gestritten wird: dass von Jesus Christus her gesehen auch dies,
dass wir Menschen nun einmal so erschreckend dumm sind, nichts Neues, nichts
Unvorhergesehenes und vor allem auch nichts in seiner Feindseligkeit wirklich
Überlegenes ist. Soll uns das trösten, wie es uns trösten kann, dann müssen wir es uns
freilich auch gefallen lassen, die menschliche Dummheit in dem Lichte zu sehen, in
welchem sie von dort aus tatsächlich sichtbar ist. Das wird aber vor allem dies
bedeuten: wir können nicht genug und nicht gründlich genug einsehen, dass das und nichts
Anderes – das, was
579 Man bemerke, wie befreiend es ist, nach
diesem Wort nicht etwa irgend eine mythische Macht hinter der Dummheit suchen zu müssen, der dann wohl
auch mit Hilfe einer 882 mythischen Gegenmacht, unter Aufgebot
irgendwelcher besserer Götter zu begegnen und beizukommen wäre. Nein, dass sie Gott leugnet, dieses echt Menschliche ist in allen ihren
Erscheinungsformen ihr letztes und einziges Geheimnis. Man hat ihr aber nach diesem Wort auch nicht den Respekt
entgegenzubringen, als ob sie vielleicht irgend eine göttliche Mission und Kompetenz
haben könnte. Nein, sie leugnet ja Gott und hat sich damit zum
vornherein aller Autorität begeben und ins klare Unrecht gesetzt. Sie leugnet Gott,
indem sie den Sinn seiner Geduld und also den Sinn
der Zeit und also den Sinn des menschlichen Lebens leugnet. Das ist die verhältnismäßig
sehr einfache Wahrheit über die menschliche Dummheit. Aber wenn das das gerade in seiner Einfachheit Befreiende jenes
Wortes ist, so wird man als unter der Dummheit Leidender nun auch das Echo nicht
überhören dürfen, das eben dieses von der heiligen Schrift den Toren in den Mund gelegte Herzensbekenntnis sofort in unserem
eigenen Herzen erweckt. Es dürfte zu beachten sein, dass eben das, was
Der Glaubende wird also zuerst und vor allem darin weise sein, dass ihm seine eigene
Dummheit nicht mehr so verborgen ist wie den Unweisen die ihrige. Seine ihn
auszeichnende Weisheit wird vor allem darin bestehen, dass er sich mit den anderen
Unweisen zusammen der Weisheit Gottes
gegenübergestellt und vor allen anderen sich selber durch jene Lügen gestraft sieht. Das
bedeutet dann eine weitere Befreiung: Schon kann es ja nun nicht mehr seine Aufgabe
sein, auf Grund und mit den Mitteln seiner eigenen Weisheit den |580 anderen Unweisen als Feind den Feinden gegenüberzutreten. Schon ist er ja
nun dispensiert von der aussichtslosen Aufgabe, die Dummen durch seinen Zorn
niederzuschlagen oder durch seine Ironie zu erstechen oder auch durch seine Klugheit zu
Weisen erziehen zu wollen. Schon muss er jedenfalls nicht der Kreuzritter sein, der
durch seines Armes Macht die durch die Dummheit
aus den Fugen geratene Welt wieder zu ordnen hat, um dann sicher schon am zweiten Tag
dieses Werkes einsehen zu müssen, dass das nicht so einfach ist. Ist er darum entlassen
aus dem Kampf gegen die Dummheit? Nein, erst jetzt ist er vielmehr wirklich in diesen
Kampf hineingestellt und zu diesem Kampf fähig gemacht. Erst jetzt, erst in der
aufrichtigen Solidarität mit den Dummen, erst in der Erkenntnis, dass er ihnen nicht helfen, geschweige denn
sie anders machen kann, weil er viel zu sehr ihresgleichen ist – erst jetzt kann er ja
wissen – jetzt aber wird er es auch wissen –, um was es in diesem Kampfe geht, was hier
zu geschehen, was er selber hier zu tun hat. Die Dummen dumm zu nennen, sie als solche
anzuklagen, niederzutreten oder auch stehen zu lassen? Das wird, von allem Anderen
abgesehen, immer auch daran scheitern, dass er selber viel zu dumm ist, als dass daraus
irgend etwas Ersprießliches hervorgehen könnte. Wohl aber wird er 884 seine Teilnahme an der «Weisheit von oben» [vgl.
Wissend, dass Gott uns selbst bei unserer Sünde nicht behaftet, dass er unser: Es ist kein Gott! wohl Jesus Christus gegenüber, aber gerade nicht, wie wir es verdienten9, uns selbst gegenüber ernst genommen hat und ernst nimmt, werden wir die anderen Unweisen bei ihrer Sünde noch viel weniger behaften können. Wir werden sie mit völligem Ernst auf die verborgene göttliche Möglichkeit des Glaubens, wir werden sie aber nur mit beschränktem Ernst auf die offensichtliche menschliche Möglichkeit ihres Unglaubens anreden. Vielleicht werden wir ihnen schon darum nicht nur befreit, sondern auch befreiend gegenüberstehen, dass wir sie mit ihrer Dummheit nicht noch mehr belasten, als sie es ohnehin sind, dass wir nicht von ihnen verlangen, was sie als Dumme nun einmal nicht leisten können. Aber es kann natürlich auch das das Letzte nicht sein. Noch bliebe es ja unter diesem Aspekt bei dem Abgrund zwischen Gläubigen und Ungläubigen, zwischen Weisen und Unweisen. Noch könnte die Solidarität zwischen beiden unter diesem Aspekt wie eine Art freundliche Fiktion aussehen. Sie ist das nicht. Wie wäre sie echte, wirkliche Solidarität, wenn sie nicht tätige Solidarität wäre, wenn also der Abgrund von hüben nach drüben nicht 886 überschritten würde, wenn die Weisheit, wenn der Glaube nicht zum Zeugnis würde an die Unweisheit, an den Unglauben. Nicht indem der Glaube dem Unglauben sich selbst, wohl aber indem er ihm Jesus Christus bezeugt! Und diesen nicht als Zeugnis von der Weisheit des Glaubenden, wohl aber als Zeugnis von der in ihm offenbarten Weisheit Gottes, in welcher der erlösende Widerspruch gegen alle menschliche Unweisheit ein für allemal eingelegt ist: möge die Kraft unseres Glaubens und die Überzeugungskraft unserer Weisheit dabei groß oder klein sein. |
Das, und also nach
Es ist schon «Aufklärung», was da erfolgt, wo wirklich Kirche ist, und es gibt in und für den Staat und die Gesellschaft keine wirkliche Aufklärung, wo |583 nicht wirkliche Kirche ist. Aber eben darum wird sich da, wo es finster ist, wo die Dummheit regiert, die entscheidende Frage gar nicht an die draußen, an die Dummen, sondern an die drinnen, an die Kirche richten: ob sie das Licht, das sie sein müsste, wirklich ist: die Trägerin des Zeugnisses von Jesus Christus als der uns offenbarten und zugewandten Weisheit Gottes – oder vielleicht doch nur eine Partei neben anderen, der Verkehrtheit und Verdrehtheit dieses Geschlechtes gleich verfallenen Parteien, vielleicht doch auch nur eine Vertreterin der Weisheit, die in Wahrheit Torheit ist. Ist die Kirche wirkliche Kirche, dann ist sie nicht nur selber befreit von der Angst vor der Torheit, dann dient sie auch der Befreiung der Toren. Die Dummheit der Menschen wäre nicht die furchtbare Wirklichkeit, die sie ist, wenn sie nicht zu dem Gericht gehören würde, unter dem die Welt steht. Das Zeugnis von Jesus Christus ist aber auch in dieser Hinsicht das Zeugnis vom Ziel und Ende des Gerichtes. 888 Wiederum darf nun aber, solange die Zeit währt, in keiner Weise erwartet werden, dass das Zeugnis von Gottes Weisheit jemals und irgendwo etwas Anderes sein könnte als eben das Zeugnis von Jesus Christus und dass dieses Zeugnis jemals und irgendwo anders empfangen, dass man also jemals und irgendwo anders weise werden könnte als durch den Glauben. Die Weisheit Gottes ist der Sinn seiner Geduld, und so wohnt sie da, so ist sie da offenbar und zu finden, wo Gottes Geduld ihren Grund hat und wo dieser Grund uns sichtbar ist, d. h. aber in seinem fleischgewordenen Wort, in dessen Erniedrigung und Erhöhung, in Jesu Christi Kreuz und Auferstehung, wie sie der Inhalt der prophetischen und apostolischen Botschaft sind. Und weise werden in der Teilnahme an der Weisheit Gottes heißt notwendig: diese Botschaft hören, sie annehmen, ihr gehorsam werden. |
Unsere ganzen Überlegungen haben uns zu dem Ergebnis geführt: Es gibt nicht nur eine
Heiligkeit und Gerechtigkeit, sondern sichtlich, zu unserem Heil auch eine Rationalität Gottes und also, in der Erkenntnis Gottes, nicht nur eine Heiligung und Rechtfertigung, sondern auch
eine Rationalisierung unserer menschlichen Existenz. Dass dem so ist, das
bedeutet eine oft und zum Schaden der Christenheit
und des christlichen Lebens übersehene und vernachlässigte Dimension des Reichtums des
Wesens und der Erkenntnis Gottes, eine Dimension, über deren Vorhandensein sich klar zu
werden der Mühe wirklich wert ist. Was es ist um den Frieden Gottes, der nach
An dem kann es also nicht sein, dass wir jetzt von einer uns allgemein vorhandenen
Rationalität der Welt und also von einer uns allgemein möglichen Rationalisierung
unserer Existenz geredet hätten.
Sondern es ist die Weisheit Gottes, gerade weil und indem sie die wirkliche und wirksame
Weisheit ist, durch die die Einfältigen klug werden, jenes Besondere, das, beschlossen
in dem Wort vom Kreuz,
von Gott denen bereitet ist, die ihn lieben, während es sonst und im Allgemeinen nach
Das ist es, was die Kirche in einem geradezu exemplarischen Verfehlen ihres Weges im
18. Jahrhundert zu tun versucht hat, als
sie es nach Anweisung der Leibnizschen Lehre von der prästabilierten Harmonie und einer
darauf begründeten Theodizee unternahm, die Weisheit Gottes in der Struktur und im Ablauf der geistigen und
natürlichen Weltwirklichkeit anzuschauen und die dort angeschaute Weisheit als den wahren Grund des Glaubens, als die
Weisheit Gottes selber auszurufen.12 Warum sollte eine
Anschauung von allerlei Weisheit inmitten der Weltwirklichkeit nicht möglich, warum
sollte also z. B. im Leben der Bienen und Ameisen und doch auch anderer Geschöpfe, um
vom Menschen nicht zu reden, nicht allerlei als Weisheit, Vernunft, Sinn und Zweckhaftigkeit Bestaunenswertes tatsächlich wahrzunehmen
sein? Es ist der Mühe wert13, dem allem nachzugehen. Dass alle Weisheit der Welt vor Gott |585 Torheit ist [vgl.
Gerade die Kirche müsste aber, auch ohne sich durch solche innerweltlichen Überraschungen belehren lassen zu müssen, wissen, dass die Weisheit so billig – nämlich auf Grund irgend einer Deutung der natürlichen oder geschichtlichen Weltwirklichkeit – nicht zu haben ist, nicht so billig, wie der Mensch mit seinen theoretischen und praktischen Konstruktionsversuchen sie immer wieder haben zu können meint. Gerade die Kirche dürfte nicht diesem Menschen zuliebe – in Wirklichkeit zu seinem größten Schaden und Nachteil – ihrerseits Weltweisheit treiben wollen, um dann, nachdem sie vielleicht eine Weile damit triumphieren konnte, umso sicherer auch mit ihr blamiert zu werden. Gerade in der Kirche müsste das Wissen darum lebendig bleiben, gerade von ihr müsste es laut ausgesprochen werden: dass die Weisheit Gottes der Weisheit der Welt, der Weisheit des Menschen tatsächlich nicht nur nicht entspricht, sondern letztlich entscheidend widerspricht, dass man also diese letztere wohl haben, pflegen, an ihrem Ort ehren, anwenden und fruchtbar19 machen kann, aber das Alles doch nur unter der Voraussetzung und im Rahmen dessen, dass ihr durch Gottes Weisheit zum vornherein und endgültig widersprochen ist. Man bemerke, dass dieses Verhältnis nun doch nicht etwa einfach und direkt eine Disqualifizierung der Weltweisheit bedeuten muss. Es20 be|587deutet das, 893 wenn und sofern diese sich als Gottesweisheit, als göttliche Lebensweisheit ausgeben und gebärden will und sich eben damit, wie wir sahen, als Dummheit offenbart. Dann wird sie allerdings in den Streit der göttlichen Weisheit gegen die Dummheit hineingezogen, in welchem sie bestimmt auf die Länge den Kürzeren ziehen wird und im Kreuz und in der Auferstehung Jesu Christi sogar schon gezogen hat. Es könnte aber eben dies, dass ihr durch die Weisheit Gottes widersprochen ist, auch ihre Rechtfertigung und Heiligung, ihre Legitimierung und Rettung bedeuten. Ist doch die Weisheit Gottes sicher auch die Weisheit seiner Schöpfung und also eben die verborgene Weisheit dieser Welt und des in dieser Welt zu lebenden Lebens. An der göttlichen Geduld, deren Sinn die göttliche Weisheit ist, darf offenbar auch die Weisheit dieser Welt, das Erkennen von allerlei Weisheit in ihrer Wirklichkeit und die darauf begründete Lebensweisheit des menschlichen Geschöpfs in der ganzen Dialektik, der es verfallen ist, teilnehmen. Nur dass es diese Teilnahme eben als Werk der göttlichen Geduld und also den Sinn seines Tuns, auch seiner Weisheitsversuche, nicht in sich selbst zu sehen hat, sondern dort, von woher ihm Raum gelassen ist zu diesem Tun, und also in Gott und also in Jesus Christus und also dort, von woher ihm, indem ihm Raum gelassen ist, auch widersprochen wird. |
Es kann also die Weisheit der Welt an der
Weisheit Gottes teilnehmen: dann nämlich, wenn sie ihren Raum versteht als den ihr nicht
etwa um ihrer selbst willen zukommenden, geschweige denn durch sie selbst geschaffenen
und erhaltenen, sondern als den ihr durch Gottes Geduld gelassenen Raum, sofern sie also gerade nicht selber die göttliche
Weisheit sein, sondern ohne letzten Ernst, als anspruchslose Betätigung der Existenz des
Geschöpfs im Schutze des Humors des Schöpfers ihr Wesen haben will. In dem Maß, als sie das
tut, in dem Maß also, als sie ihre Schranken wahrt, wird sie an der göttlichen Weisheit Anteil haben, wird sie auch 894 gegen die Gefahren und Unglücksfälle ihrer eigenen Dialektik tatsächlich relativ geschützt sein, wird ihr die ihr unvermeidlich
anhaftende Torheit tatsächlich nicht geradezu zum Verderben werden, wird sie in dieser
ihrer Torheit geduldet sein und sich entfalten dürfen. Gerade dass sie den ihr seitens
der göttlichen Weisheit widerfahrenden Widerspruch anerkennt und annimmt, gerade dass
sie sich damit abfindet, dass ihr die Weisheit Gottes verborgen ist, und dass sie
letztlich selber nur um diese Verborgenheit Gottes besorgt sein kann – gerade das wird ihr dann auch eine eigentümliche
Würde und Sendung geben. Sie dient damit dem Glauben. Sie tut
es faktisch auch da, wo sie den ihr entgegengesetzten Widerspruch nicht anerkennt und
annimmt. Sie tut es dann unfreiwillig, in dem Sichtbarwerden der Katastrophen ihrer
eigenen Herrlichkeit. Ihr ist aber angeboten, dass sie es auch freiwillig tun, dass sie
sich auch als die Weisheit des Glaubens betätigen könnte. Sie wird also von der Kirche her immer auf diese doppelte Möglichkeit
anzusehen und anzureden sein. Beide Möglichkeiten bedeuten, dass die Kirche mit ihrer
Botschaft sie auf keinen Fall zu fürchten hat. Beide Möglichkeiten bedeuten aber auch
Trost und Verheißung für die Kirche selber. Die
Kirche |588 kann durch ihre Schuld, durch einen falschen Glauben
an die menschliche Weisheit in deren Katastrophen verwickelt werden, und es kann dann
doch immer noch so sein, dass sie, eben indem sie selber Schiffbruch leidet,
unfreiwillig von der Verborgenheit der göttlichen Weisheit Zeugnis ablegen muss. Sie kann das aber auch freiwillig tun. Sie kann
von der menschlichen Weisheit auch jenen weisen, d. h. zum vornherein der vorhandenen
Schranke bewussten Gebrauch machen; sie kann den dieser gelassenen Spielraum annehmen
als die auch ihr gegebene Gabe der göttlichen Geduld; sie kann sich, indem sie, wie Paulus es schließlich auch getan hat,
nicht ohne menschliche Weisheit 895 redet, den Widerspruch der
göttlichen gegen alle menschliche Weisheit gefallen
lassen. Sie kann menschlich so weise sein, Gott als dem allein Weisen, dem μόνος σοφός (