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§ 29 Gottes Vollkommenheiten

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II. Die kleineren Fragmente
§ 29 Gottes Vollkommenheiten

Dieses mitten im Satz abbrechende Fragment1 enthält den im Sommersemester 1938 vorgetragenen ursprünglichen Anfang des Paragraphen. Auf dem dritten und letzten der erhaltenen Blätter hat Barth notiert: «Abgelegt aus Dogm. II 1».2 Für die Drucklegung wurde die hier vorgelegte Problementfaltung erheblich erweitert und mit einem neuen, anders akzentuierten Leitsatz versehen.3

§ 29 Gottes Vollkommenheiten

Der eine Gott ist, der er ist, in der Fülle der Vollkommenheiten seiner Liebe und seiner Freiheit. Er ist es als Gott in der Weise, dass jede seiner Vollkommenheiten wirklich je gerade diese, zugleich aber sowohl mit jeder anderen, als auch mit der Fülle aller anderen, als auch mit Gott selbst identisch ist.

Wir haben uns in diesem Paragraphen und den folgenden mit dem großen Fragenkomplex zu beschäftigen, den die alte Dogmatik unter dem Titel der Lehre von den Eigenschaften: «appellationes», «virtutes», «attributa», «proprietates», «perfectiones»4 Gottes behandelt hat. Wir wählen aus diesem Angebot von Begriffen – indem wir uns vorbehalten, auch die anderen gelegentlich zu verwenden – den letzten: Gottes Vollkommenheiten. Einmal darum, weil damit statt bloß |572 formal sofort sachlich geredet ist, sodann darum, weil damit sehr gut die Einsicht zum Ausdruck gebracht wird, auf die es hier von Anfang an ankommt: wir können in dem nun zu betretenden Komplex von Fragen und Antworten auf alle Fälle nur fortfahren, uns daran zu halten, wer Gott ist bzw. dass er dieser ist, kein Anderer als der, der er in seiner Offenbarung und in Ewigkeit ist. Eben als dieser ist er vollkommen. Dass er der Liebende in der Freiheit ist, dies ist seine Vollkommenheit. Und als seine Vollkommenheit zugleich der Inbegriff aller Vollkommenheit. Immer ist Gott in seinem Gegenüber zu allem Anderen der Vollkommene, durch dessen Existenz der Mangel dieses Anderen aufgedeckt, aber auch gestillt, durch den alles Andere als in seinem Wesen mangelhaft offenbart wird, während er selbst nicht nur keinen Mangel leidet, nicht nur in diesem Verhältnis vollkommen ist, sondern darum in diesem Verhältnis, weil er es zuvor in sich selber ist. Die Lehre von Gottes Vollkommenheiten kann also nichts Anderes, nichts Neues sagen über das hinaus, dass Gott 633 der Liebende in der Freiheit ist. Sie kann nur fortfahren in der Erkenntnis, dass er eben dieser und als solcher der Vollkommene und der Inbegriff aller Vollkommenheit ist. Wir müssen – darin besteht die Berechtigung und Notwendigkeit dieses Teils der Gotteslehre – in dieser Erkenntnis tatsächlich fortfahren. Wir müssen, um recht von Gottes Vollkommenheit zu reden, von seinen Vollkommenheiten reden. Wir müssen einen Weg antreten und gehen, um auf diesem Wege als solchem der Wirklichkeit Gottes die Ehre zu geben, die ihr zukommt. Und das nicht nur, wie man hier von den ältesten Zeiten her oft gesagt hat, darum, weil wir unvermögend sind, das Eine Gottes in seiner Einheit zu erfassen, weil wir es, der Beschränktheit unserer Erkenntnis entsprechend, nur in der Verschiedenheit und Folge der gebrochenen Strahlen des einen Lichtes uns zu eigen machen können.5 Dass Gottes Wesen uns verborgen ist, das ist die eine Bedingung, unter der unsere Erkenntnis Gottes immer steht. Die andere aber besteht darin, dass er uns sein Wesen in seiner ganzen Verborgenheit offenbart hat. Dass wir seine Vollkommenheit auf jenem Wege, in seinen Vollkommenheiten, zu erkennen haben, das ist also wohl eine Not, sofern es uns an die |573 Schranken unserer Erkenntnis und überhaupt an die Schranken des Menschen Gott gegenüber erinnert. Es ist aber nicht nur eine Not, und mit dem Bild von den gebrochenen Strahlen des einen Lichtes ist hier gerade nicht alles erklärt. Sondern dadurch ist uns das Problem objektiv gestellt: dass Gott in sich selber und ganz abgesehen von den Schranken unseres Erkenntnisvermögens vollkommen ist in einer Fülle von Vollkommenheiten, dass seine Einheit und Einfachheit (von der wir 634 noch besonders zu reden haben werden6) durch diese seine Fülle nicht bedroht wird, weil sie als seine Fülle wohl wahrhaftig Fülle, aber darum nicht Trennung und Widerspruch, ja nicht einmal Verschiedenheit bedeutet, weil sie also nicht die Einheit und Einfachheit der Leere, der Armut, sondern die Einheit und Einfachheit seines Reichtums ist. Weil dem so ist, darum kann und darf die Gotteslehre nicht dabei stehen bleiben, Eines zu sagen, Gottes Wesen als solches zu bezeichnen und zu beschreiben, wie wir es im vorangehenden Paragraphen getan haben;7 darum muss sie fortfahren, Vieles sagen, und so zur Lehre von Gottes Vollkommenheiten werden.

Wir haben uns freilich schon in unserer Erörterung des Wesens Gottes bemüht, uns von der an dieser Stelle wie ein Bann auf der Geschichte der Dogmatik liegenden neuplatonischen Überlieferung zu lösen, nach welcher letztlich ein höchstes, aber leeres, nur in Negationen zu bestimmendes Sein das Wesen Gottes darstellen würde.8 Wir haben, indem wir uns bei unserer Bestimmung des Wesens Gottes konkret an seine Offenbarung in Jesus Christus und begrifflich an die Trinitätslehre hielten, an der Stelle jenes leeren Seins von dem in seiner Freiheit liebenden Gott geredet und also diesen als den Vollkommenen bezeichnet. Aber eben dass und inwiefern dieser der Vollkommene ist, das haben auch wir noch nicht gesagt.

Indem uns in Gottes Offenbarung gesagt ist, wer Gott ist, ist uns nicht nur gesagt, was, sondern auch wie er ist: nicht als ein Anderes und Zweites neben dem, was er ist, nicht als eine zu seinem Wesen hinzukommende Qualität, wohl aber als die Eigentümlichkeit seines Wesens selbst und als solchen. Eben seinem Wesen selbst und als solchem würden wir nicht gerecht werden, wollten wir uns damit be|574gnügen, es als das Sein des Liebenden in der Freiheit bezeichnet zu haben. Eben als solches will es nicht nur bezeichnet, sondern in seiner Eigentümlichkeit, nämlich in seiner Vollkommenheit, beschrieben und gewürdigt sein. Seine Vollkommenheit

Sachfußnoten

1
KBA 25003 (CD-ROM, Text Nr. 3).↩
2
Tskr., S. 634 (Rückseite).↩
3
KD II/1, S. 362ff. 📖↩
4
Zu der hier (wie auch KD II/1, S. 362 📖) verwendeten, aus der altprotestantisch-reformierten Theologie übernommenen Begrifflichkeit vgl. vor allem: Die Dogmatik der evangelisch-reformierten Kirche, dargestellt und aus den Quellen belegt von H. Heppe, neu durchgesehen und hrsg. von E. Bizer, Neukirchen 1935 (19582), S. 45–86 (Locus V: De proprietatibus Dei) 📖.↩
5
Das Bild von den «Strahlen des einen Lichtes» ist schon bei Tertullian belegt (Tertullianus, Adversus Praxean 8,5 (CChr.SL 2, S. 1167f. 📖).↩
6
Siehe KD II/1, S. 498–518 📖.↩
7
KD II/1, S. 288–361 📖 (§ 28: Gottes Sein als der Liebende in der Freiheit).↩
8
Vgl. KD II/1, S. 341f 📖.↩