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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-50">Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik</title>
        <title type="content">«Dummheit»</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: «Dummheit», kein Datum</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/50011 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik, hrsg. v. Stoevesandt, Hinrich / Trowitzsch, Michael (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2014, S. 588.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik</title>
          <title type="text">«Dummheit»</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Stoevesandt, Hinrich</editor>
          <editor>Trowitzsch, Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2014</date>
          <biblScope unit="page">588</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, [II/1] §30, 3 Dummheit, kein Datum. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1141">KBA 25005</ref>. </bibl>
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        <date type="creation">kein Datum</date>
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      <div type="paper">
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        <head>II. Die kleineren Fragmente<lb/> «Dummheit»</head>
        <div type="abstract">
          <p>Dieser in sich geschlossene Textteil, von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> handschriftlich mit «Dummheit» überschrieben,<note xml:id="n01"><idno type="kba-objects-identifier">KBA 25005</idno> (CD-ROM, Text Nr. 4). Im
              Unterschied zum sonst üblichen Verfahren (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p559#p559">S. 559</ref>) wurde hier die erste halbe
              Seite des nicht zum Druck vorgesehenen Textes vom Rest abgeschnitten und ist deshalb
              ebenso erhalten wie dessen Ende, nach dem im Paragraphen kein weiterer Text mehr
              folgte.</note> schloss ursprünglich an den Passus <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD
              II/1, S. 487–495</bibl>, an und stand damit am Ende von § 30: «Die Vollkommenheiten
            des göttlichen Liebens», Abschnitt 3: «Gottes Geduld und Weisheit»; er wurde wohl im
            Dezember 1938 im Kolleg vorgetragen.</p>
          <p><hi rend="italic">Das 1939 beim Druck des Bandes zurückgestellte Thema «Dummheit»
              behandelte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in einem anderen Zusammenhang und mit veränderter Stoßrichtung erneut
              1954 in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD IV/2, S. 460–486</bibl>. Im Rahmen der
              Hamartiologie analysierte er dort die Sünde als Dummheit und übernahm auch Gedanken
              und Wendungen aus dem Typoskript von 1938.<note xml:id="n02">Vgl. zum Ganzen
                Begleitheft, <ref type="pub" target="../volume/50/p683#p683">S. 3f. (Anhang,
                  S. 683f.)</ref>.</note></hi></p>
        </div>
        <div>
          <head><term ref="kbga-keywords-1630">«Dummheit»</term></head>
          <p>Es muss also – wenn wir jetzt Alles überblicken – damit gerechnet und es darf wohl auch
            einmal ausdrücklich hervorgehoben werden, dass die ganze heilige <term ref="kbga-keywords-110">Schrift</term> und also das ganze Zeugnis von Jesus Christus
            auch diese Front hat: die Front gegen die <hi rend="italic">Dummheit</hi>, die Front
            gegen die <hi rend="italic">Toren</hi>, die nach <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.14.1">Ps. 14,1</ref> in ihrem Herzen sprechen: «Es ist kein Gott». Die
            heilige Schrift ist nicht, wie Freund und Feind es manchmal fast vermuten lassen, ein
              «<foreign xml:lang="lat">liber pro</foreign>», sondern ein «<foreign xml:lang="lat">liber contra insipientem</foreign>».<note xml:id="n03">Anspielung auf den Titel der
              polemisch gegen <persName ref="kbga-actors-9">Anselm von Canterbury</persName>
              gerichteten, zuerst anonym veröffentlichten Schrift <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-5097">Liber pro insipiente</bibl></hi> des Mönchs <persName ref="kbga-actors-2720">Gaunilo von Marmoutiers</persName>.</note> Dummheit, diese
            rätselhafteste, mächtigste, aufregendste und furchtbarste Gewalt in der <term key="Dummheit, Gewalt in der Weltgeschichte">Weltgeschichte</term>, in jeglichem
            menschlichem <term key="Dummheit, Gewalt in jedem Lebensbereich">Lebensbereich</term>
            und tief verborgen oder auch handgreiflich offenbar im Wandel jeder menschlichen <term key="Dummheit, Gewalt in jeder menschlichen Existenz">Existenz</term> – Dummheit ist
            nach der Bibel keineswegs bloß ein ärgerlicher, durch Erziehung und Aufklärung zu
            bekämpfender und zu beseitigender, aber durch andere gute Eigenschaften des Menschen
            wettzumachender und in Liebe zu entschuldigender Übelstand. Sondern Dummheit ist <term key="Dummheit, ist Sünde">Sünde</term>. |</p>

          <p><pb xml:id="p576" ed="pga" rend="noPipe"/> Von Mangel an intellektueller Begabung und
            Erudition ist freilich nicht die Rede, wenn die Bibel vom Toren redet. Der biblische Tor
              <pb ed="A" n="878"/> kann so leidlich klug sein, wie es der Mensch im Durchschnitt nun
            einmal zu sein pflegt. Er kann gewiss auch unter, er kann aber auch über, er kann
            vielleicht sogar sehr hoch über diesem Durchschnitt stehen. Was ihn zum Toren macht, ist
            jedenfalls nichts, was mit einem schwächeren Gehirn oder mit unvollkommener Wissenschaft
            als solchen notwendig gegeben wäre. Der Mensch ist aber nach biblischer Darstellung dann
            töricht, dann dumm, wenn er, wie es auch mit seinem Gehirn und seiner Wissenschaft
            bestellt sei, der Erleuchtung durch Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> entbehrt und darum sein Leben auf Grund von verkehrten und
            verderblichen Maximen und Motiven, auf Grund einer falschen Voraussetzung und darum auch
            nach Maßgabe einer falschen Methode lebt. Dumm ist also nach der <term ref="kbga-keywords-110">Bibel</term> vor allem, wer noch nicht eingesehen hat, dass er
            ohne Gottes <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term> dumm, und zwar grunddumm sein und
            bleiben muss. Dumm ist also im Großen und im Kleinen alle Zuversicht, alles Sichstützen
            und Verlassen auf das, was man sich ohne Gottes Wort selber sagen kann, weil man es auch
            so weiß. Dumm ist jedes Verhalten, in welchem man sich selbst, als wäre man selber Gott,
            über das, was göttlich und also gut, schön, heilsam, ewig ist, meint autoritative
            Auskunft gegeben zu haben und auf Grund dieser Auskunft nun meint denken, reden, handeln
            zu können. <term ref="kbga-keywords-1630">Dumm</term> ist dieses Verhalten
            selbstverständlich, und zwar noch verschärft, wenn es die Form hat, dass Einer Gottes
            Wort schon meint gehört und in Form irgend eines Prinzips oder Systems sich angeeignet
            zu haben, oder in der Form, dass Einer sich selbst für einen durch Gottes <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term> bereits so Verwandelten hält, dass er<note xml:id="n04">Tskr. «man»; Korrektur durch die Hrsg. in Angleichung an die zuvor im
              Satz zwei Mal vorgenommene Ersetzung von «man» durch «Einer».</note> weitere Offenheit
            für die Belehrung durch das, was es selber meint und will, entbehren zu können denkt. Wo
            also irgend ein gleichsam herrenlos gewordenes Prinzip – und hätte es die goldenste
            Klarheit und Wahrheit – den Menschen oder die Menschen so <term key="Weltanschauung, Prinzip">regiert</term>, dass sie ihm unterworfen sind, wie man
            nur dem Worte Gottes unterworfen sein dürfte, da haben wir es bestimmt mit einer
            Offenbarung, <pb ed="A" n="879"/> ja im Prinzip mit der ganzen Offenbarungsökonomie der
            Dummheit zu tun. Und wo Menschen im Wahn, einer bereits hergestellten und ihnen so oder
            so gesicherten Güte teilhaftig zu sein, dahinleben und sich geltend machen, da ist das
            nicht nur Selbstgerechtigkeit, die sich mit dem <term key="Glaube">Glauben</term> nicht
            verträgt – das ist es freilich auch! –, sondern indem es das ist, zugleich alles
            verheerende und zerstörende <term key="Dummheit, verheerend und zerstörend">Dummheit</term>. Als <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und <persName ref="kbga-actors-2841">Eva</persName> durchaus wissen wollten, was gut und böse sei
            [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.5">Gen. 3,5</ref>], da war das nicht
            nur <term ref="kbga-keywords-785">Ungehorsam</term> – das war es freilich auch –, da war
            das zugleich und als solcher der Absturz in die Dummheit, die als solche nicht wissen
            kann und nie wissen wird, was gut und böse ist, die diese beiden immer wieder
            verwechseln und verwirren wird. Und es liegt ein tiefer Sinn in der bekannten Redensart,
            laut welcher auch der <term key="Teufel">Teufel</term> in aller seiner teuflischen
            Klugheit und Schlauheit letzten Grundes ein dummer <term key="Teufel, dummer">Teufel</term> ist.<note xml:id="n05">Das Motiv vom «dummen» oder überlisteten Teufel
              findet sich in zahlreichen Erzählungen, Sagen und Märchen (vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-826">
                Röhrich V, S. 1617</bibl>) und wurde
              mitunter sogar titelgebend; vgl. etwa die Sagensammlung <persName ref="kbga-actors-10357">Josef Müllers</persName>, in der unter
              dem Obertitel «Dummer Teufel» 16 Teufelssagen aus <placeName ref="kbga-places-1111">Uri</placeName> zusammengefasst sind, darunter
              auch eine mit dem Titel «Der dumme Teufel» (<bibl corresp="kbga-bibls-5098"><persName ref="kbga-actors-10357">J. Müller</persName>,
                  <hi rend="italic">Sagen aus Uri</hi>, Bd. 3, hrsg. von R. Wildhaber, Basel 1926,
                S. 149–168, bes. S. 154f.</bibl>); vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-5099"><persName ref="kbga-actors-10358">W.
                Wiedemann</persName>, <hi rend="italic">Der dumme Teufel</hi>, in: <hi rend="italic">Alterthümer, Geschichten und Sagen der Herzogthümer Bremen und Verden</hi>,
                gesammelt und hrsg. von Fr. Köster, Stade 1856<hi rend="sup">2</hi>,
                S. 226–229</bibl>.</note> |</p>

          <p><pb xml:id="p577" ed="pga" rend="noPipe"/> Denn darin besteht und äußert sich die <term ref="kbga-keywords-1630">Dummheit</term>: dass der Mensch in der vollen stolzen
            Meinung, wesentlich zu sein und das Wesentliche zu treffen, gerade nie das Wesentliche
            trifft: immer zu früh oder zu spät kommt, immer schläft, wo er wachen sollte, wacht, wo
            er ruhig schlafen dürfte, immer schweigt, wo geredet werden müsste, und immer redet, wo
            Schweigen das beste Teil wäre, immer arbeiten will, wo nur Beten, und immer beten, wo
            nur Arbeiten helfen würde, immer historische Betrachtungen anstellt, wo es um <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term> ginge, und immer entscheiden will, wo nun
            wirklich historische Betrachtung am Platze wäre, immer streitet, wo es nicht nötig ist,
            und immer von Liebe und Frieden redet, wo in aller Ruhe einmal dreinzuschlagen wäre,
            immer den <term key="Glaube">Glauben</term> und das <term ref="kbga-keywords-59">Evangelium</term> im Munde führt, wo es gelten würde, ein Stück gesunden
            Menschenverstandes walten zu lassen, und immer vernünftelt, wo man sich in die Hände
            Gottes befehlen dürfte und sollte. Man lese Pred. 3 die große Aufzählung, wie alles
            seine Zeit hat. Die Dummheit ist genial darin, alles zur Unzeit zu denken, zu sagen und
            zu tun, keine Möglichkeit eines Missverständnisses vorübergehen zu lassen, gerade das
              Not<pb ed="A" n="880" break="no"/>wendige, das Geforderte, das Heilsame regelmäßig zu
            unterlassen, das Überflüssige, Verbotene, Verderbliche aber mit sicherem Instinkte
            regelmäßig zu wählen, zu denken, zu sagen und zu tun. Und man täusche sich nicht
            darüber: Geringschätzung, Gleichgültigkeit oder Ignorierung sind bestimmt die Wege
            nicht, auf denen man der Dummheit entrinnen oder sich vor ihr schützen kann. Warum
            nicht? Weil sie dazu viel zu gefährlich ist. Dummheit ist <term key="Dummheit, Gefährlichkeit">lebensgefährlich</term>, gemeingefährlich,
            staatsgefährlich, kirchengefährlich – und am meisten da, wo man sie nicht erkennt und
            gewähren lässt oder bloß mit Missachtung ihr begegnen zu können meint. Sie ist darum so
            gefährlich, weil sie sich ja niemals als Dummheit fühlen, erkennen und bekennen,
            geschweige denn als solche auftreten, sich vielmehr immer für Weisheit halten und
            entsprechend kostümieren wird: mit der größten Sicherheit, Behändigkeit und Ausdauer
            Gründe auf Gründe türmend, immer schon im Voraus im Recht und immer nachträglich Alles
            besser gewusst habend, immer gewaltig bestärkt durch sich selbst und so unermüdlich zu
            immer neuen Untaten aufbrechend. Sie ist weiter darum so gefährlich, weil sie auf den
            ersten Blick immer so harmlos, gutmütig und friedfertig zu sein scheint; hinter ihrer
            Biederkeit und Sanftmut verbergen sich aber wie die Krallen des Katzengeschlechtes in
            dessen weichen Pfoten <pb xml:id="p578" ed="pga"/> höchste Bösartigkeit, zänkische
            Aggressivität, rücksichtslose Gewalttätigkeit, die ihre Opfer anfällt und zerreißt, wie
            keine offenkundig satanische Bosheit es vermag. Und sie ist weiter darum so <term key="Dummheit, Gefährlichkeit">gefährlich</term>, weil man sie immer wieder für eine
            vereinzelte Eigentümlichkeit Dieser und Jener halten möchte – es könnte wohl so sein,
            dass im Besonderen gerade sie gemeint ist bei dem Wort von dem Balken im eigenen Auge,
            den man am wenigsten zu sehen pflegt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.3">Mt. 7,3</ref>] –, in Wirklichkeit aber ist sie eine von den
            Grundbestimmungen des ganzen <term key="Dummheit, eine Grundbestimmung des Menschen">Menschengeschlechts</term>; in Wirklichkeit bleibt gerade sie nie allein, sondern wo
            sie auftritt, da wirkt sie gleichsam magnetisch, da ist es, wie wenn die Dummen alle
            gegenseitig aufeinander gewartet hätten, da eilen sie alle, <pb ed="A" n="881"/> vorher
            vielleicht feindselig untereinander, je aus ihren besonderen Höhlen hervor, um sich zu
            greulichen schleimigen Klumpen zusammenzuballen<note xml:id="n06">Vgl. den Anfang der
              20. Strophe von <persName ref="kbga-actors-764">Friedrich Schillers</persName> Ballade
                <bibl corresp="kbga-bibls-910">«Der Taucher» (Sämtliche Werke, Bd. 1, München
                  1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 372)</bibl>: <q rend="block"><lg>
                  <l>Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch</l>
                  <l>Zu scheußlichen Klumpen geballt,</l>
                  <l>Der stachligte Roche, der Klippenfisch...</l>
                </lg></q>
            </note>, um in Gestalt von massiven Mehrheiten wie eine Elefantenherde alles vor sich
            ­niederzutrampeln.</p>
          <p>Was aber kann geschehen und ist zu tun gegen die <term ref="kbga-keywords-1630">Dummheit</term>? Es ist mit Recht gesagt worden, dass gegen sie die Götter selbst
            vergeblich <term key="Dummheit, gegen sie streiten selbst Götter vergebens">streiten</term>.<note xml:id="n07"><bibl corresp="kbga-bibls-4440">Fr. Schiller, <hi rend="italic">Die Jungfrau von Orleans</hi></bibl>, 3. Aufzug, 6. Auftritt: «Mit
              der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.»</note> Irgendwelche Götter wird man in
            der Tat vergeblich gegen sie an- und aufrufen. Wer sie in heiligem Zorn bekämpfen oder
            wer sie mit Spott und Ironie beunruhigen, wer sie intellektualistisch schulmeistern oder
            wer ihr antiintellektualistisch den Hof machen will, der sehe zu, dass er nicht von der
            Dummheit überrannt werde – der sehe vor allem zu, dass er ihr nicht heimlich selber
            verfalle, indem er ihr begegnen will. Wir können uns vielmehr der Dummheit gegenüber
            zunächst nur an diesen einzigen Trost halten, dass in der <term ref="kbga-keywords-110">Bibel</term> mit ihrer Botschaft von der Weisheit <term ref="kbga-keywords-481">Gottes</term> tatsächlich auch auf dieser Front, auf der Front gegen die menschliche
            Dummheit gestritten und, wie wir dann wohl annehmen dürfen, nicht umsonst, sondern
            überlegen und siegreich gestritten wird: dass von Jesus Christus her gesehen auch dies,
            dass wir Menschen nun einmal so erschreckend dumm sind, nichts Neues, nichts
            Unvorhergesehenes und vor allem auch nichts in seiner Feindseligkeit wirklich
            Überlegenes ist. Soll uns das trösten, wie es uns trösten kann, dann müssen wir es uns
            freilich auch gefallen lassen, die menschliche Dummheit in dem Lichte zu sehen, in
            welchem sie von dort aus tatsächlich sichtbar ist. Das wird aber vor allem dies
            bedeuten: wir können nicht genug und nicht gründlich genug einsehen, dass das und nichts
            Anderes – das, was <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.14.1">Ps. 14,1</ref>
            geschrieben steht vom Wesen der Dummheit – ihr Wesen tatsächlich ist: dass die Toren in
            ihrem Herzen sprechen: Es ist kein Gott. |</p>
          <p><pb xml:id="p579" ed="pga" rend="noPipe"/> Man bemerke, wie befreiend es ist, nach
            diesem Wort nicht etwa irgend eine mythische Macht hinter der <term key="Dummheit, keine mythische Macht">Dummheit</term> suchen zu müssen, der dann wohl
            auch mit Hilfe einer <pb ed="A" n="882"/> mythischen Gegenmacht, unter Aufgebot
            irgendwelcher besserer Götter zu begegnen und beizukommen wäre. Nein, dass sie <hi rend="italic">Gott</hi> leugnet, dieses echt Menschliche ist in allen ihren
            Erscheinungsformen ihr letztes und einziges <term key="Dummheit, Leugnung Gottes">Geheimnis</term>. Man hat ihr aber nach diesem Wort auch nicht den Respekt
            entgegenzubringen, als ob sie vielleicht irgend eine göttliche Mission und Kompetenz
            haben könnte. Nein, sie <hi rend="italic">leugnet</hi> ja Gott und hat sich damit zum
            vornherein aller Autorität begeben und ins klare Unrecht gesetzt. Sie leugnet Gott,
            indem sie den Sinn seiner <term ref="kbga-keywords-482">Geduld</term> und also den Sinn
            der Zeit und also den Sinn des menschlichen Lebens leugnet. Das ist die verhältnismäßig
            sehr einfache Wahrheit über die menschliche <term ref="kbga-keywords-1630">Dummheit</term>. Aber wenn das das gerade in seiner Einfachheit Befreiende jenes
            Wortes ist, so wird man als unter der Dummheit Leidender nun auch das Echo nicht
            überhören dürfen, das eben dieses von der heiligen <term ref="kbga-keywords-110">Schrift</term> den Toren in den Mund gelegte Herzensbekenntnis sofort in unserem
            eigenen Herzen erweckt. Es dürfte zu beachten sein, dass eben das, was <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.14.3">Ps. 14,3</ref> in Fortsetzung jener Stelle zu lesen
            steht: «Alle sind sie entartet und miteinander verdorben; Keiner ist, der Gutes tut,
            auch nicht Einer» von <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
            <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.9 Röm.3.20">Röm. 3,9f.</ref> als Beweis
            dafür angeführt wird, dass Juden und Griechen sich Gott gegenüber in gemeinsamer <term ref="kbga-keywords-263">Schuld</term>, weil gemeinsam unter der Herrschaft der <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> befinden. In der Tat! Wer spricht etwa <hi rend="italic">nicht</hi> auch in <hi rend="italic">seinem</hi> Herzen: Es ist kein
            Gott! Wer fasst und respektiert den Sinn der göttlichen <term ref="kbga-keywords-482">Geduld</term>? Wer ist also kein Tor? Wer ist also nicht dumm? Es gibt wohl eine
            Rettung aus der Torheit und damit vor der Torheit der Toren, aber eben nur eine, nämlich
            den Glauben, in welchem dem Herzensbekenntnis des Toren in demselben törichten Herzen
            widersprochen, und zwar radikal und wirksam widersprochen wird. Aber eben indem er
            diesen rettenden Widerspruch des Glaubens erfährt, wird gerade der Glaubende nicht umhin
            können, seine Solidarität mit dem Toren, seine Solidarität auch in jenem törichten
            Herzensbekenntnis – und Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> als die einzige
            diese Solidarität durchbrechende und aufhebende, dieses törichte Herzensbekenntnis
            unterdrückende Wirklichkeit zu erkennen und zu anerkennen. Gerade dem Glaubenden wird,
            wenn er unter der menschlichen Dummheit zu leiden hat, der Balken im eigenen Auge nicht
            unsichtbar, son<pb ed="A" n="883" break="no"/>dern so sichtbar sein, dass sie als die
            Dummheit der Anderen tatsächlich nur noch als der Splitter in deren Auge wahrzunehmen
            ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.3">Mt. 7,3</ref>]. Die Furcht des
              <term ref="kbga-keywords-877">Herrn</term> ist ja der Weisheit Anfang [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.111.10">Ps. 111,10</ref>]. |</p>
          <p>Der Glaubende wird also zuerst und vor allem darin weise sein, dass ihm seine eigene
            Dummheit nicht mehr so verborgen ist wie den Unweisen die ihrige. Seine ihn
            auszeichnende Weisheit wird vor allem darin bestehen, dass er sich mit den anderen
            Unweisen zusammen der Weisheit <term ref="kbga-keywords-481">Gottes</term>
            gegenübergestellt und vor allen anderen sich selber durch jene Lügen gestraft sieht. Das
            bedeutet dann eine weitere Befreiung: Schon kann es ja nun nicht mehr seine Aufgabe
            sein, auf Grund und mit den Mitteln seiner eigenen Weisheit den <pb xml:id="p580" ed="pga"/> anderen Unweisen als Feind den Feinden gegenüberzutreten. Schon ist er ja
            nun dispensiert von der aussichtslosen Aufgabe, die Dummen durch seinen Zorn
            niederzuschlagen oder durch seine Ironie zu erstechen oder auch durch seine Klugheit zu
            Weisen erziehen zu wollen. Schon muss er jedenfalls nicht der Kreuzritter sein, der
            durch seines Armes Macht die durch die <term ref="kbga-keywords-1630">Dummheit</term>
            aus den Fugen geratene Welt wieder zu ordnen hat, um dann sicher schon am zweiten Tag
            dieses Werkes einsehen zu müssen, dass das nicht so einfach ist. Ist er darum entlassen
            aus dem Kampf gegen die Dummheit? Nein, erst jetzt ist er vielmehr wirklich in diesen
            Kampf hineingestellt und zu diesem Kampf fähig gemacht. Erst jetzt, erst in der
            aufrichtigen Solidarität mit den <term key="Solidarität, des Glaubenden mit dem Dummen">Dummen</term>, erst in der Erkenntnis, dass er ihnen nicht helfen, geschweige denn
            sie anders machen kann, weil er viel zu sehr ihresgleichen ist – erst jetzt kann er ja
            wissen – jetzt aber wird er es auch wissen –, um was es in diesem Kampfe geht, was hier
            zu geschehen, was er selber hier zu tun hat. Die Dummen dumm zu nennen, sie als solche
            anzuklagen, niederzutreten oder auch stehen zu lassen? Das wird, von allem Anderen
            abgesehen, immer auch daran scheitern, dass er selber viel zu dumm ist, als dass daraus
            irgend etwas Ersprießliches hervorgehen könnte. Wohl aber wird er <pb ed="A" n="884"/> seine Teilnahme an der «Weisheit von oben» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.3.15">Jak. 3,15</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Jak.3.17">17</ref>] damit unter Beweis stellen, dass er den anderen Unweisen eben so begegnet,
            wie Gottes <term ref="kbga-keywords-481">Weisheit</term>, indem sie ihn selbst zum
            Glauben erweckte und aufrief, ihm selber begegnet ist: so nämlich, dass er ihre Dummheit
            und also ihr törichtes Herzensbekenntnis: Es ist kein Gott! zwar hört und nur zu gut
            versteht, zugleich aber gerade nicht etwa so ernst nimmt, wie es sich selbst wohl ernst
            genommen haben möchte. Nicht tragisch ernst, nicht blutig <term key="Dummheit, nicht tragisch ernst, nicht blutig ernst nehmen">ernst</term>! Man kann
            die Dummheit nicht tödlicher treffen, als indem man sie ernst, aber gerade nicht ganz,
            nicht völlig ernst nimmt. Natürlich nicht etwa im Blick auf eine ihr zum Trotz
            vorhandene natürliche Güte des Menschen! Schwer enttäuscht und im Nu von ihr überrannt
            wird der, der damit rechnet! Die Grenze des Ernstnehmens kann und darf nur die von Gott
            selbst gesetzte und gebotene Grenze sein, sonst bedeutet es gefährliche Kurzsichtigkeit
            und Willkür, die Dummheit nicht ganz ernst zu nehmen. Es gibt aber eine von Gott
            gesetzte und gebotene Grenze dieses Ernstnehmens. Und eben diese sieht und beachtet der
            Weise, während der Unweise immer darin unweise sein wird, dass er sie nicht sehen und
            beachten will, dass er also gegen die Unweisheit der Anderen in grenzenlosem Ernst meint
            vorgehen zu sollen. Die Grenze ist aber von Gott damit gesetzt und geboten, dass wir,
            nachdem uns Jesus Christus in <hi rend="italic">unserer</hi> Torheit zur Weisheit
            gemacht ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.30">1.Kor. 1,30</ref>], auch bei keinem von den <hi rend="italic">anderen</hi> Unweisen
            damit, dass Jesus Christus nicht auch ihnen in ihrer Torheit zur Weisheit gemacht sein
            oder gemacht werden könnte, rechnen dürfen als mit einer uns einsichtigen und angehenden
            Voraussetzung. Als Weise haben wir den Unweisen nicht daraufhin anzusehen, dass er
            unweise bleiben, dass er sich dem Glauben verweigern könnte, sondern daraufhin, dass der
              <term key="Glaube">Glaube</term> und mit ihm die Weisheit auch ihm angeboten ist und
            vielleicht jetzt gerade durch uns angeboten werden soll. Wir haben ihn daraufhin
            anzusehen, dass auch er in <pb xml:id="p581" ed="pga"/> seiner Torheit mit uns Zeit hat:
            die Zeit, die uns um Jesu Christi, um des in ihm geschehenen Aufhaltens des göttlichen
              <term ref="kbga-keywords-809">Zornes</term>
            <pb ed="A" n="885"/> willen gelassen ist, gelassen ist zum Glauben, gelassen zum
            Weisewerden. Gottes <term ref="kbga-keywords-481">Weisheit</term> ist der Sinn seiner
              <term ref="kbga-keywords-482">Geduld</term>, haben wir gehört.<note xml:id="n08">Vgl.
                <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/1, S. 475–487, bes. S. 487</bibl>.</note> Als
            Sinn seiner Geduld ist sie von denen, die an Gott glauben (obwohl auch sie in ihrem
            Herzen sagen: Es ist kein Gott!), denen, die nicht an ihn glauben (denen, die in ihrem
            Herzen nur das zu sagen scheinen: Es ist kein Gott), den scheinbar nur Dummen zu
            bezeugen. Wir wissen nichts davon, ob der Widerspruch gegen dieses: Es ist kein Gott!
            nicht auch in ihnen schon laut ist oder heute oder morgen laut werden wird. Wir wissen
            aber, dass dieser Widerspruch auf alle Fälle wichtiger und stärker ist als ihr törichtes
            Herzensbekenntnis. Wir haben sie auf alle Fälle gerade auf diesen mächtigen Widerspruch
            anzureden. Und das bedeutet eben: Wir haben sie in ihrer <term ref="kbga-keywords-1630">Dummheit</term> zwar ernst, aber gerade nicht <hi rend="italic">ganz</hi> ernst zu
            nehmen. |</p>
          <p>Wissend, dass Gott uns selbst bei unserer <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>
            nicht behaftet, dass er unser: Es ist kein Gott! wohl Jesus Christus gegenüber, aber
            gerade nicht, wie wir es verdienten<note xml:id="n09">Tskr.: «verdient»; Korrektur durch
              die Hrsg. in Aufnahme eines am Rand angebrachten Merkzeichens Barths, das auf eine ihm
              aufgefallene Korrekturbedürftigkeit in der Zeile hinzuweisen pflegt.</note>, uns
            selbst gegenüber ernst genommen hat und ernst nimmt, werden wir die anderen Unweisen bei
            ihrer Sünde noch viel weniger behaften können. Wir werden sie mit völligem Ernst auf die
            verborgene göttliche Möglichkeit des Glaubens, wir werden sie aber nur mit beschränktem
            Ernst auf die offensichtliche menschliche Möglichkeit ihres <term key="Glaube und Unglaube">Unglaubens</term> anreden. Vielleicht werden wir ihnen schon
            darum nicht nur befreit, sondern auch befreiend gegenüberstehen, dass wir sie mit ihrer
            Dummheit nicht noch mehr belasten, als sie es ohnehin sind, dass wir nicht von ihnen
            verlangen, was sie als Dumme nun einmal nicht leisten können. Aber es kann natürlich
            auch das das Letzte nicht sein. Noch bliebe es ja unter diesem Aspekt bei dem Abgrund
            zwischen Gläubigen und Ungläubigen, zwischen Weisen und Unweisen. Noch könnte die
            Solidarität zwischen <term key="Solidarität, des Glaubenden mit dem Ungläubigen">beiden</term> unter diesem Aspekt wie eine Art freundliche Fiktion aussehen. Sie ist
            das nicht. Wie wäre sie echte, wirkliche Solidarität, wenn sie nicht tätige Solidarität
            wäre, wenn also der Abgrund von hüben nach drüben nicht <pb ed="A" n="886"/> überschritten würde, wenn die Weisheit, wenn der Glaube nicht zum Zeugnis würde an die
            Unweisheit, an den Unglauben. Nicht indem der Glaube dem <term key="Glaube und Unglaube">Unglauben</term> sich selbst, wohl aber indem er ihm Jesus Christus bezeugt! Und
            diesen nicht als Zeugnis von der Weisheit des Glaubenden, wohl aber als Zeugnis von der
            in ihm offenbarten Weisheit <term ref="kbga-keywords-481">Gottes</term>, in welcher der
            erlösende Widerspruch gegen alle menschliche Unweisheit ein für allemal eingelegt ist:
            möge die Kraft unseres Glaubens und die Überzeugungskraft unserer Weisheit dabei groß
            oder klein sein. |</p>
          <p>Das, und also nach <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1">1.Kor. 1</ref>
            wirklich das Wort vom Kreuz [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.18">1.Kor. 1,18</ref>], bezeichnet die biblische Front gegen die menschliche <term key="Dummheit, Wort vom Kreuz als biblische Front gegen die D.">Dummheit</term>.
            Damit, mit <pb xml:id="p582" ed="pga"/> diesem Wort und mit ihm allein wird sie wirklich
            bekämpft. Hier wird sie wirklich <hi rend="italic">bekämpft</hi>. Wir hörten ja, dass
            die Weisheit der Welt in dieser Begegnung zur Torheit gemacht, als Torheit entlarvt wird
              [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.20">1.Kor. 1,20</ref>]. Und wir lesen
              <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.3.18 1.Kor.3.19">1.Kor. 3,18[f.]</ref>
            das Wort, das <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> so geärgert hat, dass er
            meinte, das Leben werde lebensunwert, wenn das wahr sei:<note xml:id="n10"><bibl corresp="kbga-bibls-2795"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Maximen und
                  Reflexionen</hi>, Nr. 1065 (Hamburger Ausgabe, Bd. 12, 1960<hi rend="sup">4</hi>,
                S. 515</bibl>): «Es wäre nicht der Mühe wert, siebzig Jahre alt zu werden, wenn alle
              Weisheit der Welt Torheit wäre vor Gott.»</note> «Niemand betrüge sich selbst! Wenn
            sich jemand unter euch weise zu sein dünkt in dieser Welt, so werde er töricht, damit er
            weise werde. Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott.» Es ist wohl gesorgt
            dafür, dass es, wenn das Zeugnis von Jesus Christus laut wird, zum Kampf Mann gegen
            Mann, sapiens gegen insipiens kommen wird, und in diesem Kampf werden auch der Zorn,
            auch die Ironie, auch die Belehrung ihren gebührenden Platz haben. Dieser Kampf darf
            dann nicht durch allerlei Friedensrufe gestört und unterbrochen werden. Denn ohne diesen
            Kampf kann es keinen Frieden geben. Aber es geht um <hi rend="italic">diesen</hi> Kampf:
            um den Kampf, in welchem der Gläubige dem Ungläubigen, der Weise dem Unweisen sich <term key="Solidarität, des Glaubenden mit dem Ungläubigen">zugesellt</term>: nicht um mit
            ihm zu parlamentieren, nicht um sich mit ihm zu verbrüdern, wohl aber um mit ihm zu
            reden, also nicht gegen ihn, sondern für ihn zu reden, nicht als sein Feind, sondern als
            sein für sich keines Sieges bedürftiger Freund, nicht um ihm zu sagen, dass er gegen
            ihn, sondern um ihm zu sagen, dass Gott gegen und noch viel mehr für sie beide recht
            habe. <pb ed="A" n="887"/> Das ist die Befreiung der Dummen, wenn man ihnen das so sagen
            kann, dass sie es hören dürfen und müssen, nicht als <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term>, sondern als <term ref="kbga-keywords-59">Evangelium</term> und eben
            damit dann als das Gesetz, das auch sie weise macht. Dazu, dass sie weise werden und
            also einsehen, dass alles seine Zeit hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Pred.3.1">Pred. 3,1</ref>], und also aufhören, alles zur Unzeit zu tun, dazu
            bedarf es ja nur des Einen, dass ihnen der Wahn, sie seien selbst weise und könnten über
            ihre Zeit verfügen, genommen und dafür die Einsicht gegeben wird, dass Jesus Christus
            auch ihnen zur Weisheit gemacht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.30">1.Kor. 1,30</ref>], dass sie um <hi rend="italic">seinetwillen</hi> Zeit haben und dass damit über ihre Zeit verfügt ist, dass ihnen
            ihre Zeit gelassen <term key="Zeit, dem Menschen gelassene">ist</term> als Zeit zum
              <term key="Glauben"><hi rend="italic">Glauben</hi></term>. Glauben sie nur erst, dann
            hören sie auch auf, gefährlich zu sein. Und sie werden dann mit sich reden lassen. Sie
            werden dann jener Bösartigkeit ledig werden. Sie werden sich dann an jenen schlimmen
            Mehrheitsbildungen nicht mehr beteiligen. Die große böse Front der <term ref="kbga-keywords-1630">Dummheit</term> bekommt da sofort ein Loch, wo wieder ein
            Dummer zum Glauben kommt. Ein kleiner, aber realer Trost wird dann sichtbar und wirksam
            auch für alle Anderen auf dieser dunklen Erde. Das war offenbar gemeint, wenn die <term ref="kbga-keywords-273">Apostel</term> (z. B. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.15">Phil. 2,15</ref>) den Christen zugetraut haben, dass sie mitten
            unter einem verkehrten und verdrehten Geschlecht leuchten sollten wie Himmelslichter in
            der Welt. |</p>
          <p>Es ist schon «Aufklärung», was da erfolgt, wo wirklich Kirche ist, und es gibt in und
            für den Staat und die Gesellschaft keine wirkliche Aufklärung, wo <pb xml:id="p583" ed="pga"/> nicht wirkliche Kirche <term key="Aufklärung, keine wirkliche A. ohne wirkliche Kirche">ist</term>. Aber eben darum
            wird sich da, wo es finster ist, wo die Dummheit regiert, die entscheidende Frage gar
            nicht an die draußen, an die Dummen, sondern an die drinnen, an die <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> richten: ob sie das Licht, das sie sein müsste,
            wirklich ist: die Trägerin des <term key="Kirche, Trägerin des Zeugnisses von Jesus Christus">Zeugnisses</term> von Jesus
            Christus als der uns offenbarten und zugewandten Weisheit <term key="Jesus Christus, uns offenbarte und zugewandte Weisheit Gottes">Gottes</term> –
            oder vielleicht doch nur eine Partei neben anderen, der Verkehrtheit und Verdrehtheit
            dieses Geschlechtes gleich verfallenen Parteien, vielleicht doch auch nur eine
            Vertreterin der Weisheit, die in Wahrheit Torheit ist. Ist die Kirche wirkliche Kirche,
            dann ist sie nicht nur selber befreit von der Angst vor der Torheit, dann dient sie auch
            der Befreiung der <term key="Kirche, dient der Befreiung der Toren">Toren</term>. Die
            Dummheit der Menschen wäre nicht die furchtbare Wirklichkeit, die sie ist, wenn sie
            nicht zu dem <term ref="kbga-keywords-387">Gericht</term> gehören würde, unter dem die
            Welt steht. Das Zeugnis von Jesus Christus ist aber auch in dieser Hinsicht das Zeugnis
            vom Ziel und Ende des <term key="Jesus Christus, Ziel und Ende des Gerichts">Gerichtes</term>. <pb ed="A" n="888"/> Wiederum darf nun aber, solange die Zeit währt,
            in keiner Weise erwartet werden, dass das Zeugnis von Gottes Weisheit jemals und
            irgendwo etwas Anderes sein könnte als eben das Zeugnis von Jesus <term key="Jesus Christus, Zeugnis von Gottes Weisheit">Christus</term> und dass dieses
            Zeugnis jemals und irgendwo anders empfangen, dass man also jemals und irgendwo anders
            weise werden könnte als durch den <term key="Glaube">Glauben</term>. Die Weisheit <term ref="kbga-keywords-481">Gottes</term> ist der Sinn seiner <term ref="kbga-keywords-482">Geduld</term>, und so wohnt sie da, so ist sie da offenbar und
            zu finden, wo Gottes Geduld ihren Grund hat und wo dieser Grund uns sichtbar ist, d. h.
            aber in seinem fleischgewordenen <term key="Jesus Christus, fleischgewordenes Wort">Wort</term>, in dessen <term key="Jesus Christus, Erniedrigung">Erniedrigung</term>
            und <term key="Jesus Christus, Erhöhung">Erhöhung</term>, in Jesu Christi <term ref="kbga-keywords-129">Kreuz</term> und <term ref="kbga-keywords-393">Auferstehung</term>, wie sie der Inhalt der <term key="Propheten">prophetischen</term> und <term ref="kbga-keywords-273">apostolischen</term> Botschaft
            sind. Und weise werden in der Teilnahme an der Weisheit <term ref="kbga-keywords-481">Gottes</term> heißt notwendig: diese Botschaft hören, sie annehmen, ihr gehorsam
            werden. |</p>
          <p>Unsere ganzen Überlegungen haben uns zu dem Ergebnis geführt: Es gibt nicht nur eine
              <term key="Gott, Heiligkeit">Heiligkeit</term> und <term ref="kbga-keywords-485">Gerechtigkeit</term>, sondern sichtlich, zu unserem Heil auch eine Rationalität <term key="Gott, Rationalität">Gottes</term> und also, in der Erkenntnis <term ref="kbga-keywords-14">Gottes</term>, nicht nur eine <term ref="kbga-keywords-53">Heiligung</term> und <term ref="kbga-keywords-51">Rechtfertigung</term>, sondern auch
            eine Rationalisierung unserer menschlichen <term key="Mensch, Existenz, Rationalisierung">Existenz</term>. Dass dem so ist, das
            bedeutet eine oft und zum Schaden der <term ref="kbga-keywords-807">Christenheit</term>
            und des christlichen Lebens übersehene und vernachlässigte Dimension des Reichtums des
            Wesens und der Erkenntnis Gottes, eine Dimension, über deren Vorhandensein sich klar zu
            werden der Mühe wirklich wert ist. Was es ist um den Frieden <term key="Frieden, Gottes">Gottes</term>, der nach <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.7">Phil. 4,7</ref> höher ist als alle <term ref="kbga-keywords-819">Vernunft</term>, um
            als solcher unsere Herzen und Sinne zu bewahren, das versteht und fasst der nicht, der
            nicht gerade das weiß, dass Gott weise ist. Wiederum ist aber zu bedenken, dass eben
            dieses Wissen unter genau denselben Bedingungen steht wie unser Wissen um Gottes
            Heiligkeit und Gerechtigkeit, dass es anders als auf demselben schmalen Weg wie die<pb ed="A" n="889" break="no"/>ses nicht zu gewinnen und nicht zu erhalten ist. Die
            Rationalität <term key="Gott, Rationalität">Gottes</term> als des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term>, Erhalters und Herrn aller <term key="Gott, Herr aller Dinge">Dinge</term> ist genauso seine und also die alleinige,
            d. h. die im Übrigen verborgene Rationalität, wie seine <term key="Gott, Heiligkeit">Heiligkeit</term> und <term ref="kbga-keywords-485">Gerechtigkeit</term> seine und
            also die alleinige, d. h. die im Übrigen verborgene Heiligkeit und Gerechtigkeit ist.
            Und so ist die von ihm her sich vollziehende Rationalisie<pb xml:id="p584" ed="pga" break="no"/>rung unserer Existenz genauso wie unsere <term ref="kbga-keywords-51">Rechtfertigung</term> und <term ref="kbga-keywords-53">Heiligung</term> sein allezeit
            und überall verborgenes Werk an seinen Kindern. Es heißt <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.2.3">Kol. 2,3</ref> nicht umsonst, dass in Christus alle Schätze der
            Weisheit und Erkenntnis <hi rend="italic">verborgen</hi> sind. Gewiss auch offenbar!
            Aber weil in ihm und nur in ihm offenbar, darum im Übrigen verborgen: verborgen vor
            allem Suchen- und Findenwollen, das an ihm vorübergehen würde. Er und er allein ist – im
              <term key="Glaube">Glauben</term> an ihn – der Weg zu diesen in ihm verborgenen <term key="Jesus Christus, der Weg zur Weisheit und Erkenntnis">Schätzen</term>. |</p>
          <p>An dem kann es also nicht sein, dass wir jetzt von einer uns allgemein vorhandenen
            Rationalität der Welt und also von einer uns allgemein möglichen Rationalisierung
            unserer <term key="Mensch, Existenz, Rationalisierung">Existenz</term> geredet hätten.
            Sondern es ist die Weisheit Gottes, gerade weil und indem sie die wirkliche und wirksame
            Weisheit ist, durch die die Einfältigen klug werden, jenes Besondere, das, beschlossen
            in dem Wort vom <term key="Gott, Weisheit, beschlossen im Wort vom Kreuz">Kreuz</term>,
            von Gott denen bereitet ist, die ihn lieben, während es sonst und im Allgemeinen nach
              <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.9">1.Kor. 2,9</ref> gerade von keinem
            Auge gesehen, von keinem Ohr gehört und in keines Menschen Herz gekommen ist. Nur als
            solches kann es<note xml:id="n11">Tskr.: «es die»; von den Hrsg. in Aufnahme eines
              Merkzeichens am Rand gestrichen.</note> von der <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> als die wahre, die dringend notwendige und unendlich heilsame
            Aufklärung inmitten der großen, glotzenden und gefährlichen <term ref="kbga-keywords-1630">Dummheit</term> der Welt verkündigt werden. Sie darf sich
            also, wenn sie die Weisheit, die Vernunft, den Sinn, die Zweckhaftigkeit des göttlichen
            Wollens und Waltens und damit dann auch den notwendigen Einzug von dem allem in die
            menschliche Existenz verkündigt, nicht etwa verleiten lassen, an Jesus <pb ed="A" n="890"/> Christus vorbei auf diese und jene auch sonst wahrnehmbaren Zweckhaftigkeiten
            zu blicken, um dann unter dem Titel göttlicher Weisheit diese ihre Logik und die auf
            ihre Logik sich begründende <term ref="kbga-keywords-1215">Ethik</term> zu verkündigen.
            Und es kann sich der Glaube an Gottes Weisheit nicht auf solche anderweitig erkennbaren
            Zweckhaftigkeiten begründen wollen.</p>
          <p>Das ist es, was die Kirche in einem geradezu exemplarischen Verfehlen ihres Weges im
            18. <term key="Kirche, des 18. Jahrhunderts">Jahrhundert</term> zu tun versucht hat, als
            sie es nach Anweisung der Leibnizschen Lehre von der prästabilierten Harmonie und einer
            darauf begründeten <term key="Theodizee">Theodizee</term> unternahm, die Weisheit <term ref="kbga-keywords-481">Gottes</term> in der Struktur und im Ablauf der geistigen und
            natürlichen Weltwirklichkeit anzuschauen und die dort angeschaute <term key="Welt, Weltweisheit">Weisheit</term> als den wahren Grund des Glaubens, als die
            Weisheit Gottes selber auszurufen.<note xml:id="n12">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1, S. 446–451 (zu Leibniz) bzw. S. 451–463</bibl> (zur Aufnahme seiner
              Gedanken in der Theologie des 18. Jahrhunderts); vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-34">Prot. Theol., S. 57–59</bibl>.</note> Warum sollte eine
            Anschauung von allerlei Weisheit inmitten der Weltwirklichkeit nicht möglich, warum
            sollte also z. B. im Leben der Bienen und Ameisen und doch auch anderer Geschöpfe, um
            vom Menschen nicht zu reden, nicht allerlei als Weisheit, <term ref="kbga-keywords-819">Vernunft</term>, Sinn und Zweckhaftigkeit Bestaunenswertes tatsächlich wahrzunehmen
            sein? Es ist der Mühe wert<note xml:id="n13">Tskr.: «wert sein». Ursprünglich war der
              Satz von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> als Frage formuliert: «Wie sollte es nicht der Mühe wert sein, […]?»,
              und bei der von ihm vorgenommenen Korrektur blieb das nun unverständliche «sein»
              stehen.</note>, dem allem nachzugehen. Dass alle Weisheit der Welt vor Gott <pb xml:id="p585" ed="pga"/> Torheit ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.20">1.Kor. 1,20</ref>], das kann ja wohl nur der ganz legitim wissen
            und sagen, der an seinem Ort in irgend einem Maße auch eben an dieser «Weisheit der
              <term key="Welt, Weltweisheit">Welt»</term> so viel eigenen Anteil hat, dass er weiß,
            was er damit sagt. Aber wiederum kann kein Zweifel sein daran, dass, von der biblischen
              <term ref="kbga-keywords-110">Botschaft</term> her gesehen, tatsächlich alles Erkennen
            von Weisheit, <term ref="kbga-keywords-819">Vernunft</term>, Sinn und Zweckhaftigkeit,
            das mit der Erkenntnis des Wortes vom Kreuz nicht identisch ist, eben die Weisheit der
              Welt, <pb ed="A" n="891"/> vor Gott Torheit ist, d. h. durch das Wort vom <term ref="kbga-keywords-129">Kreuz</term> [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.18">1.Kor. 1,18</ref>] als Torheit, als irregehend und in die Irre
            führend entlarvt wird. Es kann dieses Erkennen an der Weisheit Gottes <hi rend="italic">Anteil</hi> bekommen, indem es der Erkenntnis des Wortes vom Kreuz untergeordnet,
            indem es in den Dienst dieser Erkenntnis gestellt wird. Es hat aber diesen Anteil nicht
            aus und in sich selber, es kann sich selbst als solches nicht als Erkenntnis der
            Weisheit <term ref="kbga-keywords-481">Gottes</term> ausgeben und gebärden; es kann
            nicht Grund des Glaubens und es kann also auch nicht Anweisung zu einem Leben in der
            Weisheit sein wollen. Will es das, will es an sich und als solches die Aufdeckung und
            der Nachweis der Wege der göttlichen <term key="Teleologie, göttliche">Teleologie</term>
            sein, dann kollidiert es als solches, zuerst heimlich und dann sicher früher oder später
            auch öffentlich, mit den Wegen der wirklichen göttlichen Teleologie. Die öffentliche
            Kollision wird immer dann stattfinden, wenn es wieder einmal offenbar wird, wie
            dialektisch dieses Erkennen ist, d. h. wie wenig es ihm möglich ist, das, was es Sinn,
            und das, was es Unsinn in der Weltwirklichkeit nennen zu sollen meint, sicher
            auseinander zu halten und miteinander in Einklang zu bringen, wie leicht der jeweils
            schon gewonnene Aspekt der in der Welt wirksamen Weisheit in sein gerades Gegenteil
            umschlagen kann, wie leicht aber auch die aus solchem Aspekt gewonnene Lebensweisheit
            plötzlich an den Punkt geraten kann, wo sie zur <term ref="kbga-keywords-1630">Dummheit</term> wird, ja wo sie sich selbst als Dummheit erkennen und preisgeben
            muss. Wollte sich die Kirche des 18. <term key="Kirche, des 18. Jahrhunderts">Jahrhunderts</term> die Disqualifizierung ihres Unternehmens vom Worte <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term> her nicht gefallen lassen, dann musste es eben
            das Erdbeben von <term key="Lissabon, Erdbeben von 1755">Lissabon</term><note xml:id="n14">Am <date when="1755-11-01">1. November 1755</date> wurde <placeName ref="kbga-places-1123">Lissabon</placeName> durch
              ein Erdbeben, bei dem über 30 000 Menschen ums Leben kamen, weitgehend zerstört. Zu
              den in vielfacher Hinsicht gravierenden geistesgeschichtlichen Auswirkungen dieses
              Ereignisses vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2523"><hi rend="italic">Die Erschütterung
                  der vollkommenen Welt. Die Wirkung des Erdbebens von Lissabon im Spiegel
                  europäischer Zeitgenossen</hi>, hrsg. von W. Breidert, Darmstadt
              1994</bibl>.</note> sein, das<note xml:id="n15">Fehlt im Tskr.; Ergänzung durch die
              Hrsg. in Aufnahme eines von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am Rand notierten Merkzeichens, das auf eine nötige
              Korrektur hinweist.</note>, weniger lehrreich und heilsam nun freilich, als fataler
            Angriff auf einen falsch begründeten Glauben treffen, sie<hi rend="sup">15</hi> an die
              <term ref="kbga-keywords-665">Dialektik</term> ihres Unternehmens erinnern und damit
            in dessen Durchführung hemmen und lähmen musste. Und der Vorgang wiederholte sich in
            größerem Maßstab und in verhängnisvollerer Weise, als die Kirche im <pb xml:id="p586" ed="pga"/> 19. <term key="Kirche, des 19. Jahrhunderts">Jahrhundert</term> nach
            Anleitung <persName ref="kbga-actors-167">Hegels</persName> die <term ref="kbga-keywords-819">Vernunft</term> in der <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term> und da <pb ed="A" n="892"/> mit das Leitmotiv eines vernünftigen
            Handelns entdeckt zu haben meinte,<note xml:id="n16">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5100"><persName ref="kbga-actors-167">G. W. Fr.
                Hegel</persName>, <hi rend="italic">Vorlesungen über die Philosophie der
                  Geschichte</hi> (ders., Werke, auf der Grundlage der Werke von 1832–1845 neu
                edierte Ausgabe, Redaktion E. Moldenhauer / K. M. Michel, Bd. 12 [stw 612],
                Frankfurt 1989<hi rend="sup">2</hi>), S. 53</bibl>: «Die Einsicht nun, zu der […]
              die Philosophie führen soll, ist, daß die wirkliche Welt ist, wie sie sein soll, daß
              das wahrhafte Gute, die allgemeine göttliche Vernunft auch die Macht ist, sich selbst
              zu vollbringen. Dieses Gute, diese Vernunft in ihrer konkretesten Vorstellung ist
              Gott. Gott regiert die Welt, der Inhalt seiner Regierung, die Vollführung seines Plans
              ist die Weltgeschichte.»</note> um sich unmittelbar darauf durch das nicht vorgesehene
            Problem der Übervölkerung Europas und die damit gegebene proletarische Not von der
            Ohnmacht dieser Vernunft und der darauf begründeten Vernünftigkeit überzeugen zu müssen
            und lange genug nicht einmal überzeugen zu lassen, sondern mit ihrer so in <term key="Welt, Weltweisheit">Weltweisheit</term> verfälschten Botschaft nun faktisch in
            der Ohnmacht dazustehen, in der sie dann vom <term ref="kbga-keywords-170">Weltkrieg</term> und von den nachher aufgetauchten noch gefährlicheren
              Lösungsversuchen<note xml:id="n17">Gemeint sind die erfolgreiche
              kommunistisch-bolschewistische Revolution in <placeName ref="kbga-places-297">Russland</placeName> 1917 und die faschistischen bzw. nationalsozialistischen
              Machtübernahmen in <placeName ref="kbga-places-35">Italien</placeName> 1922 und
                <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> 1933.</note> überrascht
              wurde<note xml:id="n18">Tskr.: «zu werden»; Änderung durch die Herausgeber.</note>, in
            der Ohnmacht, von der sie sich bis heute noch nicht erholt hat. |</p>
          <p>Gerade die <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> müsste aber, auch ohne sich durch
            solche innerweltlichen Überraschungen belehren lassen zu müssen, wissen, dass die
            Weisheit so billig – nämlich auf Grund irgend einer Deutung der natürlichen oder
            geschichtlichen Weltwirklichkeit – nicht zu haben ist, nicht so billig, wie der Mensch
            mit seinen theoretischen und praktischen Konstruktionsversuchen sie immer wieder haben
            zu können meint. Gerade die Kirche dürfte nicht diesem Menschen zuliebe – in
            Wirklichkeit zu seinem größten Schaden und Nachteil – ihrerseits Weltweisheit treiben
            wollen, um dann, nachdem sie vielleicht eine Weile damit triumphieren konnte, umso
            sicherer auch mit ihr blamiert zu werden. Gerade in der Kirche müsste das Wissen darum
            lebendig bleiben, gerade von ihr müsste es laut ausgesprochen werden: dass die Weisheit
              <term ref="kbga-keywords-481">Gottes</term> der Weisheit der Welt, der Weisheit des
            Menschen tatsächlich nicht nur nicht entspricht, sondern letztlich entscheidend
            widerspricht, dass man also diese letztere wohl haben, pflegen, an ihrem Ort ehren,
            anwenden und fruchtbar<note xml:id="n19">Tskr.: «furchtbar». Ein Merkzeichen am Rand
              markiert den Schreibfehler.</note> machen kann, aber das Alles doch nur unter der
            Voraussetzung und im Rahmen dessen, dass ihr durch Gottes Weisheit zum vornherein und
            endgültig widersprochen ist. Man bemerke, dass dieses Verhältnis nun doch nicht etwa
            einfach und direkt eine Disqualifizierung der <term key="Welt, Weltweisheit">Weltweisheit</term> bedeuten muss. Es<note xml:id="n20">Tskr.: «Sie»; Änderung durch
              die Herausgeber in Angleichung an das vorangehende Subjekt.</note> be<pb xml:id="p587" ed="pga" break="no"/>deutet das, <pb ed="A" n="893"/> wenn und sofern diese sich als
            Gottesweisheit, als göttliche Lebensweisheit ausgeben und gebärden will und sich eben
            damit, wie wir sahen, als <term ref="kbga-keywords-1630">Dummheit</term> offenbart. Dann
            wird sie allerdings in den Streit der göttlichen Weisheit gegen die Dummheit
            hineingezogen, in welchem sie bestimmt auf die Länge den Kürzeren ziehen wird und im
              <term ref="kbga-keywords-129">Kreuz</term> und in der Auferstehung Jesu <term ref="kbga-keywords-393">Christi</term> sogar schon gezogen hat. Es könnte aber eben
            dies, dass ihr durch die Weisheit Gottes widersprochen ist, auch ihre <term ref="kbga-keywords-51">Rechtfertigung</term> und <term ref="kbga-keywords-53">Heiligung</term>, ihre Legitimierung und Rettung bedeuten. Ist doch die Weisheit
            Gottes sicher auch die Weisheit seiner Schöpfung und also eben die verborgene Weisheit
            dieser Welt und des in dieser Welt zu lebenden Lebens. An der göttlichen <term ref="kbga-keywords-482">Geduld</term>, deren Sinn die göttliche Weisheit ist, darf
            offenbar auch die Weisheit dieser Welt, das Erkennen von allerlei Weisheit in ihrer
            Wirklichkeit und die darauf begründete Lebensweisheit des menschlichen Geschöpfs in der
            ganzen <term ref="kbga-keywords-665">Dialektik</term>, der es verfallen ist, teilnehmen.
            Nur dass es diese Teilnahme eben als Werk der göttlichen Geduld und also den Sinn seines
            Tuns, auch seiner Weisheitsversuche, nicht in sich selbst zu sehen hat, sondern dort,
            von woher ihm Raum gelassen ist zu diesem Tun, und also in Gott und also in Jesus
            Christus und also dort, von woher ihm, indem ihm Raum gelassen ist, auch widersprochen
            wird. |</p>
          <p>Es kann also die Weisheit der <term key="Welt, Weltweisheit">Welt</term> an der
            Weisheit Gottes teilnehmen: dann nämlich, wenn sie ihren Raum versteht als den ihr nicht
            etwa um ihrer selbst willen zukommenden, geschweige denn durch sie selbst geschaffenen
            und erhaltenen, sondern als den ihr durch Gottes <term ref="kbga-keywords-482">Geduld</term> gelassenen Raum, sofern sie also gerade nicht selber die göttliche
            Weisheit sein, sondern ohne letzten Ernst, als anspruchslose Betätigung der Existenz des
            Geschöpfs im Schutze des <term key="Gott, Humor">Humors</term> des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> ihr Wesen haben will. In dem Maß, als sie das
            tut, in dem Maß also, als sie ihre Schranken wahrt, wird sie an der göttlichen <term ref="kbga-keywords-481">Weisheit</term> Anteil haben, wird sie auch <pb ed="A" n="894"/> gegen die Gefahren und Unglücksfälle ihrer eigenen <term ref="kbga-keywords-665">Dialektik</term> tatsächlich relativ geschützt sein, wird ihr die ihr unvermeidlich
            anhaftende Torheit tatsächlich nicht geradezu zum Verderben werden, wird sie in dieser
            ihrer Torheit geduldet sein und sich entfalten dürfen. Gerade dass sie den ihr seitens
            der göttlichen Weisheit widerfahrenden Widerspruch anerkennt und annimmt, gerade dass
            sie sich damit abfindet, dass ihr die Weisheit Gottes verborgen ist, und dass sie
            letztlich selber nur um diese Verborgenheit <term key="Gott, Verborgenheit">Gottes</term> besorgt sein kann – gerade das wird ihr dann auch eine eigentümliche
            Würde und Sendung geben. Sie dient damit dem <term key="Glaube">Glauben</term>. Sie tut
            es faktisch auch da, wo sie den ihr entgegengesetzten Widerspruch nicht anerkennt und
            annimmt. Sie tut es dann unfreiwillig, in dem Sichtbarwerden der Katastrophen ihrer
            eigenen Herrlichkeit. Ihr ist aber angeboten, dass sie es auch freiwillig tun, dass sie
            sich auch als die Weisheit des Glaubens betätigen könnte. Sie wird also von der <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> her immer auf diese doppelte Möglichkeit
            anzusehen und anzureden sein. Beide Möglichkeiten bedeuten, dass die Kirche mit ihrer
            Botschaft sie auf keinen Fall zu fürchten hat. Beide Möglichkeiten bedeuten aber auch
            Trost und <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term> für die Kirche selber. Die
            Kirche <pb xml:id="p588" ed="pga"/> kann durch ihre Schuld, durch einen falschen Glauben
            an die menschliche Weisheit in deren Katastrophen verwickelt werden, und es kann dann
            doch immer noch so sein, dass sie, eben indem sie selber Schiffbruch leidet,
            unfreiwillig von der Verborgenheit der göttlichen <term ref="kbga-keywords-481">Weisheit</term> Zeugnis ablegen muss. Sie kann das aber auch freiwillig tun. Sie kann
            von der menschlichen Weisheit auch jenen weisen, d. h. zum vornherein der vorhandenen
            Schranke bewussten Gebrauch machen; sie kann den dieser gelassenen Spielraum annehmen
            als die auch ihr gegebene Gabe der göttlichen <term ref="kbga-keywords-482">Geduld</term>; sie kann sich, indem sie, wie Paulus es schließlich auch getan hat,
            nicht ohne menschliche Weisheit <pb ed="A" n="895"/> redet, den Widerspruch der
            göttlichen gegen alle menschliche <term key="Gott, Weisheit, Widerspruch gegen menschliche Weisheit">Weisheit</term> gefallen
            lassen. Sie kann menschlich so weise sein, Gott als dem allein Weisen, dem <foreign xml:lang="el-GR">μόνος σοφός</foreign> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.16.27">Röm. 16,27</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.1.17">1.Tim. 1,17</ref>) die Ehre zu geben. Sie kann darin menschlich
            weise sein, dass sie es der göttlichen Weisheit allein überlässt, sich selbst zu
            beweisen, und also sie gerade als die sich selbst beweisende bezeugen<note xml:id="n21">Tskr.: «zu bezeugen»; Änderung durch die Hrsg.</note>, die menschliche Weisheit dazu
            verwendend, diesen Selbstbeweis der göttlichen Weisheit als solchen sichtbar zu machen,
            ohne aber diesen Selbstbeweis und also ihr Zeugnis von ihm durch ein Zeugnis
            menschlicher Weisheit stützen und verstärken zu wollen. Wenn die <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> wirklich die Weisheit Gottes bezeugt, dann wird
            sie bestimmt in diesem Sinn nie ohne menschliche, nie ohne die gewissermaßen
            wiedergeborene menschliche Weisheit sein. Es ist geradezu eine Probe auf die Richtigkeit
            ihres Zeugnisses, dass das nicht ausbleiben kann. Aber wiederum wird auch das eine Probe
            auf die Richtigkeit ihres Zeugnisses sein, dass die menschliche Weisheit, in der sie es
            ablegt, eben als wiedergeborene gewissermaßen unsichtbar sein, d. h. nicht für sich
            selbst, sondern nur für die Weisheit Gottes, für die Weisheit des Wortes vom <term ref="kbga-keywords-129">Kreuz</term> reden, dass sie diesem gänzlich dienen, dass sie
            nur in seiner Anbetung Weisheit sein wird. So ist <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> menschlich weise gewesen in der Anbetung der Weisheit <term ref="kbga-keywords-481">Gottes</term>, wenn er <anchor type="note" xml:id="fn-22"/>der
            wahrlich auch menschlich weisen<note n="22" target="fn-22" type="textcritical" xml:id="n22"> Tskr.: «die wahrlich auch menschlich weise»; Änderung durch die Hrsg.
              als Anpassung an die weitere Satzkonstruktion.</note> Darlegung seiner Erkenntnis der
            Wege Gottes mit Israel in Anlehnung an die uns schon bekannten Worte aus Jes. 40<note xml:id="n23">Im nachfolgenden Zitat wird in <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.23">Röm. 11,34</ref> direkt <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.40.13">Jes. 40,13</ref> zitiert.</note> den Widerspruch und eben so die
            Bestätigung jener großen Worte gegenübergestellt hat: «Gott hat alle verschlossen unter
            den Ungehorsam, auf dass er sich aller erbarme. Oh, welch eine Tiefe beider: der
            Weisheit und der Erkenntnis <term ref="kbga-keywords-14">Gottes</term>! Wie
            unerforschlich sind seine Gerichte und wie unausdenkbar seine Wege. Denn wer hat den
            Sinn des Herrn erkannt und wer ist sein Ratgeber gewesen? oder wer hat ihm etwas zuvor
            gegeben, dass es ihm wiedergegeben werden müsste? Denn aus ihm und durch ihn und zu ihm
            sind alle Dinge. Sein ist die Ehre in Ewigkeit. Amen.» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.32 Röm.11.36">Röm. 11,32–36</ref>).</p>

        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
