Wie schon das vorangehende gehörte auch dieses Fragment1
ursprünglich zu KD II/1
📖, § 26: «Die Erkennbarkeit
Gottes», und zwar zur «kurzen geschichtlichen Kommentierung des ersten Satzes der
Theologischen Erklärung der Barmer Synode vom 31. Mai
1934», die dort den zweiten Abschnitt («Die Bereitschaft des Menschen»2)
beschließt.3
Noch vor der eigenen Überarbeitung für den Druck hatte Barth den im Dezember 1937 im Kolleg vorgetragenen
Text dieser Kommentierung4 für
Vervielfältigungen zur Verfügung gestellt, die – ohne Nennung des Verfassers –
innerhalb der Bekennenden Kirche in Deutschland verbreitet wurden.5 Diese Vervielfältigungen präsentieren – bei kleinen Abweichungen
voneinander6 – allesamt den
ursprünglichen Text ohne jede Verbesserung von Barths Hand und wurden bereits 1984 von
Martin Rohkrämer ediert.7
565Das Vorliegen dieser Vervielfältigungen erlaubt es einerseits, die
auch hier fehlenden Anfangs- und Schlusssätze nach ihnen zu ergänzen, und andererseits
ermöglicht es damit die exakte Bestimmung des Ortes, an dem das Fragment in dem dann
in die KD übernommenen Text ursprünglich platziert war: KD II/1, S. 198
📖, zu Beginn des zweiten Absatzes.
Der hier edierte Text folgt – wie auch sonst in diesem Band – dem
Typoskript mit allen Verbesserungen durch Barths Hand. Abweichungen vom Abdruck bei
Rohkrämer werden insoweit nicht
ausgewiesen, als sie allein darauf beruhen, dass dort der Text auch des Fragments in
seiner ursprünglichen, auf der CD-ROM noch erkennbaren Gestalt ediert wurde. Die
ergänzten Anfangs- und Schlusssätze sind durch eckige Klammern kenntlich
gemacht.
[Zusatz zur Auslegung des ersten Satzes der Barmer Theologischen Erklärung
in KD
II/1, S. 194–200]
[Warum kam es in jener langen Reihe ähnlicher Erfahrungen der Kirche gerade diesmal,
gerade in Deutschland, zu diesem
Widerspruch? Warum nicht schon früher, warum nicht z. B. am Ende des 18. Jahrhunderts,
wo die der Kirche gemachte Zumutung
äußerlich gewiss nicht viel weniger toll war als die der Gegenwart?8 Warum nicht anderswo, in irgend einer Kirche, die die Zeit und
Muße hatte, sich in aller Ruhe die theologiegeschichtliche Situation einmal
grundsätzlich klar zu machen und dann in aller Ruhe eine so weittragende Entscheidung zu
vollziehen? Warum gerade jetzt, gerade in Deutschland, wo das Grundsätzliche mit dem Konkreten, der] 349 Protest gegen eine alte und allgemeine mit dem gegen die gegenwärtige
deutsche Irrlehre, wo der Kirchenkampf mit dem politischen Widerstand gegen die hereinbrechende Tyrannei und Anarchie in so unübersichtlicher und
überdies in so lebensgefährlicher |566 Weise verbunden sein
musste?9 Es
wäre uneinsichtig, die Wirkungen mit den Ursachen zu verwechseln und dieses Rätsel damit
erklären zu wollen, dass die Schuld oder das Verdienst an dieser Sache die einer 10-bestimmten theologischen-10 Richtung
gewesen wären, die sich in jenen Jahren und dann im Besonderen in Barmen11 durchzusetzen gewusst habe. Es heißt der
Theologie zu viel Ehre antun, wenn man meint, dass eine Wendung wie die, die in dem
ersten Satz von Barmen12 schließlich doch nur ihren
Exponenten gefunden hat, an irgend einem Schreibtisch ausgedacht und dann ganzen
Kirchenkörpern sozusagen suggeriert werden könnte. Und es wäre noch uneinsichtiger, den
(in Deutschland sehr bescheiden
vertretenen) Calvinismus für eine Sache haftbar |567 zu machen, in der man notorisch der calvinistischen wie der
lutherischen Tradition gegenüber gerade einen neuen Weg zu gehen sich veranlasst sah. |
Will man die Genesis von Barmen verstehen,
so tut man gut, zunächst überhaupt nicht auf die bekennende Kirche zu sehen. Die theologischen Voraussetzungen,
unter denen diese im Lauf des Winters 1933/34 entstanden ist und unter denen sie noch in
Barmen beraten und beschlossen hat, waren
notorisch so verworren und widerspruchsvoll wie nur möglich. Sie waren damals denen der
Deutschen Christen vielfach zum Verwechseln ähnlich.13 Kam sie im Mai 1934 trotzdem zu dieser Stellungnahme und
musste und konnte sie in den folgenden Jahren gegenüber einem umfassend gegen sie
geführten Feldzug bei dieser Stellungnahme verharren, so ist die Ursache dieses
Geschehens menschlich gesehen zunächst einfach diese: dass die Gestalt des Gegners,
nämlich der natürlichen Theologie, mit der sie es zu
tun hatte, eine ganz andere war als die, mit der es die Kirche bisher zu tun gehabt
hatte. Es war schlicht gesagt der Totalitarismus der
neudeutschen Politik und Weltanschauung, der die
Kirche, ohne dass sie es zunächst wusste und wollte, zu 350 jener
Reinigung nötigte. Die Mächte, die der Kirche bis dahin als Träger des Anspruchs der
natürlichen Theologie entgegengetreten waren, waren Geistesmächte gewesen, die das
freilich auch ihnen eigene Streben nach dem Monopol vorsichtig zu verhüllen wussten und
jedenfalls nur auf dem Weg des Sieges des freien Gedankens durchzusetzen versuchten. Die
Kirche konnte ihnen Raum geben in der Meinung, sich ihnen damit nicht auszuliefern, sich
ihnen gegenüber ebenfalls in Freiheit vorzubehalten. Das wurde jetzt anders. Die Macht,
mit der sie es 1933 zu tun bekam, verfügte zwar auch über ein «Gedankengut»; es war
aber, und gerade das bildete merkwürdigerweise seine Stärke, ein Gedankengut von
geradezu troglodytischer Ungeistigkeit. Es bestand das Ei des Kolumbus14, durch dessen
Entdeckung diese Macht zur Macht wurde, sehr schlicht in der von all ihren Vorgängern
versäumten Erkenntnis, dass man sofort und grundsätzlich nicht nur etwas, sondern das
Ganze und also Alles und Jedes wollen müsse, dass man mit den Mitteln des über das
öffentliche und private Leben der Nation verhängten Belagerungszustandes tatsächlich
Alles und Jedes erreichen könne und dass man nur unsentimental genug sein müsse, sich
ihrer zu bedienen, um tatsächlich Alles und Jedes zu erreichen. Nicht der neue deutsche
Mythus15 war das eigentlich Neue der Situation von 1933, sondern dies:
dass er der Kirche auf dem Wege der Diktatur und des Belagerungszustandes als ihr
künftiger alleiniger Herr zugemutet wurde. |
568Die Kirche hatte auf einmal nur noch die Wahl, entweder sich selbst als Kirche ganz
aufzugeben oder aber Kirche zu bleiben, dann aber als solche zu kämpfen, zu bekennen, zu
leiden. Das Tier zeigte auf einmal seine Krallen [vgl. Dan. 7,19]. Das war es, was es im 18. und 19. Jahrhundert
nicht getan hatte und was es vorläufig auch in der übrigen Welt nicht 16-tun zu-16 wollen scheint. Es
tat es aber in der erwecklichsten Weise im neuen Deutschland von 1933. Wäre das nicht geschehen, so wäre es nach
menschlichem Ermessen niemals zu dem in der Barmer Erklärung sichtbar gewordenen Durchbruch gekommen. Es war im Sommer 1933 auf
Seiten der Kirche alles bereit zu einer Wiederholung des so oft geschehenen Spieles: zur
friedlichen Aufnahme nun eben auch des deutschen Mythus als der zurzeit maßgebenden
Gestalt der natürlichen Theologie, zu
deren Zuordnung zu einem im 351 Übrigen unangetasteten biblischen Evangelium und reformatorischen Bekenntnis. So meinten und wollten es ursprünglich die
Deutschen Christen, mit ihnen aber auch die überwältigende Mehrheit der
anderen Christen in Deutschland. Dass es
diesmal nicht zu diesem Spiel kam, lag zunächst schlicht daran, dass die Vertreter des
deutschen Mythus, getragen von der Dynamik
der hereinbrechenden politischen Tyrannei und Anarchie,
alsbald zum Bewusstsein kamen und zu erkennen gaben, dass sie gar nicht daran dachten,
sich mit der üblichen Mitherrschaft der natürlichen Theologie in der Kirche zufrieden zu geben. Sie strebten offen nach dem
Ganzen, und sie taten es, unterstützt von allen Mitteln der öffentlichen Macht, indem
sie Gebrauch machten von dem schlechthin eindrucksvollen Argument nicht der geistigen,
sondern der ganz gewöhnlichen physischen Gewalt.17
Die Logik der Sache nahm diesmal jedenfalls von dieser Seite ihren Lauf. Das totalitäre «allein» in dem anfänglich angemeldeten «auch» wurde
alsbald nur zu greifbar. Die eintretende «Verwüstung» der Kirche18 [vgl.
Dan. 9,27; Mt. 24,15] war diesmal nicht wohl zu
übersehen. Umso weniger, als die neue Gestalt der natürlichen Theologie, indem
sie sich selbst dem Evangelium gegenüber absolut
setzte, zugleich auch mit allen ihren Vorgängern aufräumte, |569 der Kirche also auch den Rückzug auf frühere Entwicklungsstadien unmöglich machte. Was
galt jetzt noch die Vernunft des 18. Jahrhunderts?
Was der Geist und die Freiheit des Idealismus? Was
die Aisthesis der Romantik? Und was die vornehme
Gründlichkeit der Wissenschaft des
19. Jahrhunderts? Mochten sie alle ihre Zeit gehabt und ihren Dienst getan haben, sie
alle waren 19-erledigt, sie alle standen-19 jetzt nicht
mehr zur Wahl. Zur Wahl stand nur noch die barbarische Schreckgestalt des neuen Gottes,
der jene alle überholt und verschlungen hatte – oder eben der Gott, von dem die Kirche
nach wie vor in ihrer Bibel lesen konnte, dass er sich als der 20-lebendige Herr-20 bezeugt hatte, und von dem sie aus den Bekenntnissen der Väter wissen konnte, dass sie eigentlich seine und 352 nur seine Kirche sei. |
Das war das Neue der deutschen Situation von 1933, dass die Kirche – nicht durch
theologische Belehrung, sondern durch harten Druck von außen in diese Wahl gestellt
wurde. Sie verlor den bisher innegehaltenen Boden unter den Füßen. Es war – indem ihr
die neueste Kombinationsmöglichkeit nun doch zu abschreckend gegenübertrat – der Boden
des bisher geübten Kombinierens überhaupt und als solcher. Sie konnte nur stürzen ins
Bodenlose oder eben Stand fassen auf dem seit längster Zeit nur noch dem Namen nach
bekannten Boden eines grundsätzlich mit keiner natürlichen Theologie kombinierten Evangeliums und
Bekenntnisses. So ist es gerade in dieser Zeit
gerade in Deutschland zu der im Blick auf
eine lange Geschichte und im Blick auf die ganze übrige Kirche so überraschenden
Wendung21, so ist es zu «Barmen I» gekommen. Dass die Kirche in dieser Sache auf einmal
die Sprache fand, das verdankt sie, so beschämend das ist, – dem «Führer»22. Alle
theologische Besinnung kam notorisch erst hinterher. Es ist an sich ganz richtig, wenn
man gesagt hat, dass Viele, vielleicht die Meisten derer, die an der Barmer Synode diesem Satz
zugestimmt haben, seine Tragweite zunächst durchaus nicht zu überblicken vermochten und
dessen wohl auch später nicht fähig geworden sind. Die Aufstellung und der Beschluss
dieses Satzes war mehr ein instinktiver Notschrei als irgendetwas Anderes. Aber als
Notschrei war er echt und notwendig. Es war am Tage, dass der Kirche, wenn überhaupt,
dann nicht anders zu helfen sei als durch das eine Wort Gottes, das Jesus Christus heißt, und durch die
Sammlung ihrer Verkündigung ganz allein um dieses
Wort. Und nun |570 sorgte die neue Gestalt der natürlichen Theologie auch in
den Jahren seither, sie sorgt bis auf diesen Tag dafür, dass es klar bleiben musste
jenseits aller theologischen Einzelerkenntnis: dass der Kirche anders als so tatsächlich
nicht zu helfen ist.
Die Kirchen der übrigen Welt können sich diesem Geschehen gegenüber23 natürlich auf den Standpunkt stellen, dass sie
sich nun eben nicht in dieser Not, d. h. nicht dieser Gestalt der natürlichen Theologie
gegenüber befänden, und also auch nicht zu diesem Notschrei gedrängt, nicht zu diesem
[Bekenntnis befähigt und berufen seien. Aber es
müsste doch eigentlich auch ihnen zu denken geben: also das Tier, also die natürliche
Theologie, mit der sie sich überall
und von altersher so freundlich arrangiert haben, hat solche Krallen [vgl. Dan. 7,19] und hat die Möglichkeit,
sie in solcher Weise zu zeigen und zu brauchen! Also nach Leibniz und Kant, nach Hegel und Schleiermacher kann dann auch einmal auch das an die
Reihe kommen! Also so ernst kann es auf einmal werden mit dem im «auch» verborgenen
«allein»! Und wenn dann die Kirche in Not kommt – und
dann kommt sie in Not! –, dann kann sie nur noch wählen zwischen dem Greuel der Verwüstung [vgl. Dan. 9,27; Mt. 24,15] und dem Notschrei, mit dem sie sich zu Jesus Christus bekennt als zu
dem einen Wort Gottes, mit dem
sie dann aber auch alle natürliche Theologie von
sich wirft. Was hat das für die anderen Kirchen zu bedeuten? Konnte und wird die Sache
nur in Deutschland auf beiden Seiten so
ernst werden? Oder hat heute in Deutschland
sowohl die natürliche Theologie in Gestalt des totalitären Mythus als auch
die Kirche mit ihrem Bekenntnis zu Jesus Christus
ganz allein allgemeingültig ihr ursprüngliches, ihr eigentliches Gesicht gezeigt?
Müssten angesichts dessen, was in Deutschland geschieht, nicht auch die anderen Kirchen ganz neu verstehen
lernen, was es heißt, sich mit der natürlichen Theologie einzulassen, und was es andererseits heißt, sich als christliche
Kirche zum Evangelium zu bekennen?
Und nun haben wir ja die ganze Sache erst unter dem menschlich-geschichtlichen Aspekt
betrachtet. Dieser Aspekt ist aber nicht entscheidend.]24