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[Die natürliche Theologie unter der Geduld Gottes]

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II. Die kleineren Fragmente
[Die natürliche Theologie unter der Geduld Gottes]

Dieses Fragment aus dem Vorlesungstyposkript1 vom Ende des Wintersemesters 1937/38 gehörte zu KD II/1 📖, § 26: «Die Erkennbarkeit Gottes». Dort war es ursprünglich wohl im zweiten Abschnitt («Die Bereitschaft des Menschen»2) eingefügt, «wahrscheinlich vor der auf S. 188 in der vorletzten Zeile beginnenden Schlussdarlegung»3.

[Die natürliche Theologie unter der Geduld Gottes]

das eben im Begriff steht, von dem vorangehenden, überlegenen, entscheidenden «Schon» der Ewigkeit angegriffen und aufgezehrt zu werden, das auch gar keinen anderen Sinn mehr hat als eben diesen, von dem «Schon» der Ewigkeit angegriffen und aufgezehrt zu werden, auf das wir also keinen Rechtsanspruch und in dessen Besitz wir keine Sicherheit haben, das wir weder rechtfertigen noch verteidigen, noch jenem «Schon» gegenüber in irgend einem Sinn behaupten können und dürfen, in dem uns niederzulassen und zu befestigen wir keine legitime Möglichkeit haben – das wir aber (und das ist die Geduld in der Gnade Gottes!) als solches haben dürfen, das uns – ganz und gar nur um des ewigen «Schon» willen: als Gnadenzeit, d. h. als Zeit für die Gnade, als Zeit, in der wir es lernen sollen, an die Gnade zu glauben – gelassen ist. Eben indem uns in diesem Sinn Zeit gelassen ist, ist uns nun recht Vieles zu sein, zu haben und zu tun überlassen, was wir in der Gestalt, in der wir es sind, haben und tun, im Lichte der in Jesus Christus geschehenen Versöhnung nur als nichtiges Experiment unserer in ihm aufgehobenen Feindschaft gegen Gott verstehen können – und was uns nun dennoch nicht einfach genommen, sondern |561 eben mit der einzigen Bestimmung, dass es von dem übermächtigen «Schon» der Ewigkeit angegriffen und aufgezehrt werden soll – auf eine kleine Weile – gewährt: nicht von einem abstrakten Schöpfergott und auch nicht vom Teufel, sondern von dem, der uns in Jesus Christus ewig geliebt hat, liebt und lieben wird, gewährt ist. So ist es uns gewährt, dass es, immer nur angesichts seiner kommenden Aufhebung, aber eben so nun doch in Wirklichkeit, sein darf. Unser ganzes natürliches Dasein, aber auch alles das, was man unter dem Begriff der Kultur zusammenfassen kann, gehört zu diesem uns Gewährten, das unter der Geduld Gottes sein darf. Obwohl und indem sie doch die Natur und Kultur des gottfeindlichen Menschen als solchen sind und mehr oder weniger deutlich in ihrem ganzen Bestand und in ihrer 328 ganzen Aktion das Sein und die Art dieses ihres Subjektes verraten. Sie sind uns doch nicht einfach genommen, sondern zunächst gelassen. Noch können und dürfen wir menschliche Natur und Kultur haben und betätigen. Zu diesem unter der Geduld Gottes noch auf eine kleine Weile zugelassenen Sein, Haben und Tun des Menschen als solchen dürfte nun auch die natürliche Theologie gehören: auch sie ohne Recht, ohne Grund, ohne Würde in sich selber, auch sie – unter allen menschlichen Funktionen gerade sie am meisten – ein Exponent unserer Gottesfeindschaft, auch sie nur zur Aufhebung, nicht zum Abbau bestimmt, auch sie nur als Exponent des «Noch», der Dämmerung, die kraft des Lichtes des kommenden «Schon» der Offenbarung der Gnade Jesu Christi zum Verschwinden bestimmt ist: in diesem Sinn und innerhalb dieser Grenze aber ein von Gott erlaubtes Sein, Haben und Tun des Menschen, mit dessen direktem Verbieten und Vertilgen wir der Offenbarung der Gnade – die sie zu ihrer Zeit schon selber vertilgen und verbieten wird – vorgreifen, mit dem wir uns unsererseits an der Gnade, sofern sie immer auch Geduld Gottes ist, vergreifen würden. Was heißt Ablehnung der natürlichen Theologie, wenn Gott sie etwa nicht einfach ablehnt? Und da Gott den Menschen als solchen, indem er ihn in Jesus Christus einmal und in Ewigkeit schon aufgehoben hat, nun doch nicht einfach ablehnt, sondern ihm offenkundig Zeit lässt – ist es dann nicht so, dass er auch die natürliche Theologie nicht einfach ablehnt? Lehnt er sie aber nicht einfach ab, folgt er also dem Rat jener Knechte (Matth. 13,24f[f].) nicht, die hingehen und das vom Feind zwischen den Weizen gesäte |562 Unkraut ausjäten möchten, befiehlt er ihnen vielmehr, beides miteinander wachsen zu lassen bis zu der noch nicht vorhandenen Zeit der Ernte, in der es dann gewisslich gesammelt und in Bündlein verbrannt werden soll – dann bedeutet das gewiss nicht, dass das Unkraut auch seine positive Bedeutung und Funktion habe im Reiche Gottes, und also gewiss nicht, dass noch mehr Unkraut ge329sät werden und dass das schon vorhandene noch besonders mit Nahrung versehen und verpflegt werden solle – wohl aber, dass seine Beseitigung und also das Verbot und die Vertilgung der natürlichen Theologie Gottes und nicht unsere Sache sein soll, dass wir uns unsererseits des Ungehorsams schuldig machen, dass wir unsererseits zu Unkraut säenden Feinden werden würden, wenn wir uns an jenen Befehl nicht halten würden.

Die natürliche Theologie ist ein Traum. Sie ist ein Spiel. Anders können wir sie im Lichte der Offenbarung der Gnade Jesu Christi nicht ansehen. Mehr als das zu sein, kann ihr nicht zugestanden werden. Es muss ihr aber zugestanden werden, dass sie als Traum und Spiel kraft der Gnade Gottes, die auch Geduld ist, noch da sein darf: noch da sein, wie der Mensch als solcher immer noch da sein darf. Wenn dieser Mensch am herrlichsten träumt, dann träumt er eben den Traum von seiner ursprünglichen Gottverbundenheit. Und wenn er am schönsten spielt, dann spielt er unmittelbare Gotteserkenntnis und unmittelbaren Gottesdienst. Und Gott lässt ihn träumen und spielen; da werden wir es ihn wohl auch tun lassen müssen. In diesem Traum und Spiel wird er dann wohl zum Philosophen, zum Dichter, zum Künstler. In diesem Traum und Spiel wird er im Kleinen und im Großen, im privaten und im politischen Raum, zum Lebenskünstler. Welches große oder kleine menschliche Werk könnte ganz und gar ohne natürliche Theologie getan werden, welches anders als so, dass es in seiner Spitze auf diesen Traum, auf dieses Spiel hinausläuft, wenn man nicht gar sagen muss, dass es von diesem Traum oder Spiel immer schon herkommt? Woher hätten wir aber die Vollmacht, das in dieser Weise gipfelnde oder schon begründete Werk des Menschen deshalb als solches zu verwerfen und unter Verbot zu 330stellen? Wie sollten wir uns seiner nicht vielmehr – in der unendlichen Wehmut, die es gerade von seinem letzten Ziel oder von seinem ersten Anfang her ausstrahlt – jedenfalls auch freuen dürfen? Nichts an diesem Werk ist zu retten, sofern es eben das Werk des gegen Gott streitenden Menschen ist. Eben darum kann man sich seiner nur in unendlicher Wehmut freuen. Aber eben weil dieser Mensch in Jesus Christus schon aufgehoben, schon mit Gott versöhnt ist, ist es ihm noch – auf eine kleine Weile – erlaubt, dieses Werk zu tun und sich seiner in Wehmut zu freuen. Und nicht des Menschen Sache kann es sein, diesem seinem Werk ein Ziel zu setzen. Es ist als Inhalt der uns noch, der uns freilich immer weniger gelassenen Zeit, es ist darum, weil diese unsere Zeit in Gottes Händen ist [vgl. Ps. 31,16], es ist im |563 Hinblick auf die Ewigkeit, von der diese unsere Zeit herkommt und der sie entgegeneilt, begründet, ohne einen eigenen Grund zu haben, berechtigt ohne eigenes Recht, notwendig ohne innere Notwendigkeit: so, wie jenes zurückliegende, untergeordnete, beiläufige «Noch nicht» überhaupt begründet, berechtigt und notwendig ist – obwohl und gerade indem es von ausgesprochener und unausgesprochener natürlicher Theologie vom Anfang bis zum Ende bestimmt und getragen ist. Man muss wohl sagen, dass vielmehr gerade der Traum und das Spiel der natürlichen Theologie, sofern sie die Spitze und Krone und auch die Wurzel alles menschlichen Werks in dieser Zeit ist, für dessen vorläufiges Zugelassensein gerade ganz besonders charakteristisch und repräsentativ ist. Wie sollte denn der Mensch, nachdem er Gottes Gnade von sich gestoßen, nachdem ihm Gott unerkennbar geworden ist, anders existieren können als mit Hilfe des Ersatzes, den er sich in jenem Traum und Spiel zu verschaffen versucht? Gottes Geduld besteht zum Höchsten gerade darin, dass es ihm, solange und sofern die Gnade noch nicht übermächtig geworden ist [vgl. Röm. 5,20], gelassen ist, gerade diesen Traum zu träumen, gerade dieses Spiel zu spielen.

Solange und sofern die Gnade noch nicht übermächtig geworden ist, solange und insofern darf es noch natürliche Theologie geben, darf also von ursprünglicher Gottverbundenheit und unmittelbarer Gotteserkenntnis phantasiert werden und kann jeder Versuch, dies zu verbieten und zu vertilgen – als ob das noch besonders durch uns geschehen müsste und könnte –, nur bedeuten, dass wir uns selber der allein heilsamen (auch polemisch allein heilsamen!) Gnade Gottes in Jesus Christus widersetzen würden. – Gerade darum, weil ihre Be-

Sachfußnoten

1
KBA 25001 (CD-ROM, Text-Nr. 1).↩
2
KD II/1, S. 141–200 📖.↩
3
So die Rekonstruktion von Hans-Anton Drewes (Begleitheft, S. 2 [Anhang, S. 682]). Diese Rekonstruktion wird gestützt u. a. auch durch das Fragment des Barmen-Exkurses (s. unten, S. 564–570), das eindeutig zuzuordnen und auf demselben Papier geschrieben ist wie das hier vorliegende.↩