[Die natürliche Theologie unter der Geduld Gottes]
II. Die kleineren Fragmente
[Die natürliche Theologie unter der Geduld Gottes]
Dieses Fragment aus dem Vorlesungstyposkript1 vom Ende des
Wintersemesters 1937/38 gehörte zu KD II/1
[Die natürliche Theologie unter der Geduld Gottes]
das eben im Begriff steht, von dem vorangehenden, überlegenen, entscheidenden «Schon» der
Ewigkeit angegriffen und aufgezehrt zu werden, das auch gar keinen anderen Sinn mehr hat als
eben diesen, von dem «Schon» der Ewigkeit angegriffen
und aufgezehrt zu werden, auf das wir also keinen Rechtsanspruch und in
dessen Besitz wir keine Sicherheit haben, das wir weder rechtfertigen noch verteidigen, noch jenem «Schon» gegenüber in irgend einem Sinn behaupten können und dürfen, in dem
uns niederzulassen und zu befestigen wir keine legitime Möglichkeit
haben – das wir aber (und das ist die Geduld in der Gnade Gottes!) als solches haben
dürfen, das uns – ganz und gar nur um des ewigen «Schon» willen: als Gnadenzeit, d. h. als
Zeit für die Gnade, als Zeit, in der wir es lernen sollen, an die Gnade zu glauben – gelassen ist. Eben indem uns in diesem Sinn
Zeit gelassen ist, ist uns nun recht Vieles zu sein, zu haben und zu tun überlassen, was wir
in der Gestalt, in der wir es sind, haben und tun, im Lichte der in Jesus Christus geschehenen
Versöhnung nur als nichtiges Experiment unserer in ihm
aufgehobenen Feindschaft gegen Gott
verstehen können – und was uns nun dennoch nicht einfach genommen, sondern |561 eben mit der einzigen Bestimmung, dass es von dem übermächtigen «Schon» der
Ewigkeit angegriffen und aufgezehrt werden soll – auf eine kleine Weile – gewährt: nicht von einem abstrakten Schöpfergott und auch nicht vom Teufel, sondern von dem, der uns in Jesus Christus ewig geliebt hat, liebt und lieben
wird, gewährt ist. So ist es uns gewährt, dass es, immer
nur angesichts seiner kommenden Aufhebung, aber eben so nun doch in Wirklichkeit, sein darf. Unser ganzes natürliches Dasein, aber auch alles das, was man unter dem Begriff der Kultur zusammenfassen kann, gehört zu diesem uns Gewährten,
das unter der Geduld Gottes sein darf. Obwohl und indem
sie doch die Natur und Kultur des gottfeindlichen Menschen als solchen sind und mehr oder
weniger deutlich in ihrem ganzen Bestand und in ihrer 328 ganzen Aktion das
Sein und die Art dieses ihres Subjektes verraten. Sie sind uns doch nicht einfach genommen,
sondern zunächst gelassen. Noch können und dürfen wir menschliche Natur und Kultur haben und betätigen. Zu diesem
unter der Geduld Gottes noch auf eine kleine Weile zugelassenen Sein, Haben und Tun des
Menschen als solchen dürfte nun auch die natürliche Theologie gehören: auch sie ohne Recht, ohne Grund, ohne Würde in sich selber, auch
sie – unter allen menschlichen Funktionen gerade sie am meisten – ein Exponent unserer Gottesfeindschaft,
auch sie nur zur Aufhebung, nicht zum Abbau bestimmt, auch sie nur als Exponent des «Noch»,
der Dämmerung, die kraft des Lichtes des kommenden «Schon» der Offenbarung der Gnade Jesu Christi zum
Verschwinden bestimmt ist: in diesem Sinn und innerhalb dieser Grenze aber ein von Gott
erlaubtes Sein, Haben und Tun des Menschen, mit dessen direktem Verbieten und Vertilgen wir
der Offenbarung der Gnade – die sie zu ihrer Zeit schon selber vertilgen und verbieten wird –
vorgreifen, mit dem wir uns unsererseits an der Gnade, sofern sie immer auch Geduld Gottes ist, vergreifen würden. Was heißt Ablehnung
der natürlichen Theologie, wenn Gott sie etwa nicht einfach ablehnt? Und da Gott den Menschen
als solchen, indem er ihn in Jesus Christus einmal und in Ewigkeit schon aufgehoben hat, nun doch nicht einfach ablehnt, sondern ihm
offenkundig Zeit lässt – ist es dann nicht so,
dass er auch die natürliche Theologie nicht einfach
ablehnt? Lehnt er sie aber nicht einfach ab, folgt er also dem Rat jener Knechte (
Die natürliche Theologie ist ein Traum.
Sie ist ein Spiel. Anders können wir sie
im Lichte der Offenbarung der Gnade Jesu Christi nicht ansehen. Mehr als das zu sein, kann ihr nicht
zugestanden werden. Es muss ihr aber zugestanden werden, dass sie als Traum und Spiel kraft
der Gnade Gottes, die auch Geduld ist, noch da
sein darf: noch da sein, wie der Mensch als solcher immer noch da sein darf. Wenn dieser
Mensch am herrlichsten träumt, dann träumt er eben den Traum von seiner ursprünglichen
Gottverbundenheit. Und wenn er am schönsten spielt, dann spielt er unmittelbare Gotteserkenntnis und unmittelbaren Gottesdienst. Und Gott lässt
ihn träumen und spielen; da werden wir es ihn wohl auch tun lassen müssen. In diesem Traum und
Spiel wird er dann wohl zum Philosophen, zum Dichter, zum Künstler. In diesem Traum und Spiel
wird er im Kleinen und im Großen, im privaten und im politischen Raum, zum Lebenskünstler.
Welches große oder kleine menschliche Werk könnte ganz und gar ohne natürliche Theologie getan werden, welches anders als so, dass es in
seiner Spitze auf diesen Traum, auf dieses Spiel hinausläuft, wenn man nicht gar sagen muss,
dass es von diesem Traum oder Spiel immer schon herkommt? Woher hätten wir
aber die Vollmacht, das in dieser Weise gipfelnde oder schon begründete Werk des Menschen
deshalb als solches zu verwerfen und unter Verbot zu 330stellen? Wie sollten
wir uns seiner nicht vielmehr – in der unendlichen Wehmut, die es gerade von seinem letzten
Ziel oder von seinem ersten Anfang her ausstrahlt – jedenfalls auch freuen dürfen? Nichts an
diesem Werk ist zu retten, sofern es eben das Werk des gegen Gott streitenden Menschen ist. Eben darum kann man sich seiner nur
in unendlicher Wehmut freuen. Aber eben weil dieser Mensch in Jesus
Christus schon aufgehoben, schon mit Gott versöhnt ist,
ist es ihm noch – auf eine kleine Weile – erlaubt, dieses Werk zu tun und sich seiner in
Wehmut zu freuen. Und nicht des Menschen Sache kann es sein, diesem
seinem Werk ein Ziel zu setzen. Es ist als Inhalt der uns noch, der uns freilich immer weniger
gelassenen Zeit, es ist darum, weil diese
unsere Zeit in Gottes Händen ist [vgl.
Solange und sofern die Gnade noch nicht übermächtig geworden ist, solange und insofern darf es noch natürliche Theologie geben, darf also von ursprünglicher Gottverbundenheit und unmittelbarer Gotteserkenntnis phantasiert werden und kann jeder Versuch, dies zu verbieten und zu vertilgen – als ob das noch besonders durch uns geschehen müsste und könnte –, nur bedeuten, dass wir uns selber der allein heilsamen (auch polemisch allein heilsamen!) Gnade Gottes in Jesus Christus widersetzen würden. – Gerade darum, weil ihre Be-