1943 – 1944

§ 42 Der Schöpfer und seine Offenbarung

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I. Die vollständigen Texteinheiten
§ 42 Der Schöpfer und seine Offenbarung

Das hier wiedergegebene Typoskript der Erstfassung von § 42 der «Kirchlichen Dogmatik» bietet den Text der Vorlesung vom Sommersemester 1943 und der ersten Hälfte des folgenden.1 In dieser Gestalt hat Barth ihn der Aufnahme in den Band III/1 nicht für würdig befunden. Lediglich ein umfangreiches Stück daraus – die hier daher nicht wiedergegebenen, nur als Durchschlag des noch nicht redigierten Typoskripts erhaltenen Seiten 451–6002 – ging in die Endfassung von § 42 ein: KD III/1, S. 395–476 📖. Sowohl die Abweichungen des Druckes von dieser Vorlage wie auch die auf dem hier wiedergegebenen Typoskript angebrachten Korrekturen und Veränderungen lassen die Mühe erkennen, die Barth auf diesen Text verwendet hat.

Der erste Abschnitt des § 42 (Tskr., S. 440–706) trug im Typoskript zunächst als ganzer die Überschrift «Gott und die Götter», die, an ihrem ursprünglichen Platz am Paragraphenanfang gestrichen, auf der übernächsten Seite (S. 442), durch einen kurzen Überleitungssatz eingeführt, wieder aufgenommen wurde. Die Folge war, dass entgegen aller Gepflogenheit des Autors der Paragraph nicht sogleich unter dem Leitsatz mit dem ersten Abschnitt begann.

In dem 1945 erschienenen Band KD III/1 trägt der Paragraph die Überschrift «Das Ja Gottes des Schöpfers». Der Leitsatz mit dem dominierenden Begriff «Bejahung» an der Spitze auch der Erstfassung und die Aufnahme des genannten Teilstücks in den endgültigen Text machen deutlich, dass das später zum Titel erhobene «Ja» von Anfang an die Intention war, der Barth hier nachgehen wollte. Doch hielt er es ursprünglich für nötig, der positiven Entfaltung dieses Gedankens die hier vorliegende breit ausgeführte scharfe Abgrenzung des Terrains voranzustellen. Nur die Quintessenz dieser Abgrenzung hat auch in den Drucktext Eingang gefunden (KD III/1, S. 392–394). Ob Barth sich zu der Eliminierung dieses Vorbaus entschloss, weil er empfand, dass er sich den Weg zu dem angestrebten Ziel dadurch nicht gebahnt, sondern vielmehr erschwert hätte? Gebahnt war er ja deutlich genug, |6 insbesondere durch die ausführliche Paraphrase der beiden biblischen Schöpfungsberichte in § 41,2 und 3, so dass eine geradlinige Fortsetzung im Grunde nahe lag. Dieser Erklärungsversuch für die Eliminierung mag neben dem früher geäußerten, nach dem die «Darlegung […] in KD III/1 nicht am gemäßen Ort» stünde, weil «die Erörterung der Fundamentalunterscheidungen […] an dieser Stelle (als Prinzipienfrage) zu spät oder (als Problem der, wie Barth später in KD III/3 sagen wird, durch das Nichtige bedrohten Schöpfung) zu früh» käme,3 Erwägung verdienen.

§ 42 Der Schöpfer und seine Offenbarung

Die Offenbarung Gottes des Schöpfers ist die Bejahung aller von ihm verschiedenen Wirklichkeit, sofern sie sein Geschöpf ist, und eben damit die Verneinung jeder Gestalt ihrer eigenen Göttlichkeit. Dementsprechend ist das Werk des Glaubens an den Schöpfer der Versuch, diese Wirklichkeit in der Freiheit des Verzichts auf jedes abgeschlossene und in seiner Abgeschlossenheit Respekt und Gehorsam fordernde Weltbild zu erkennen.

Was uns bis jetzt beschäftigt hat, war 1. der allgemeine Charakter der Lehre von Gott dem Schöpfer und seinem Werk als einer Wahrheit des christlichen Glaubens und seines Bekenntnisses und 2. im Besonderen: der unauflösliche gegenseitige Zusammenhang zwischen der Schöpfung und dem in Jesus Christus vollendeten Bunde Gottes, die Einheit des Schöpfergottes und des Erlösergottes, die wir uns im Einzelnen in der Analyse der beiden biblischen Schöpfungssagen Gen. 1 und Gen. 2 veranschaulicht haben.4 Mit den damit gewonnenen Einsichten im Rücken haben wir uns jetzt einer im Wesentlichen kritischen Aufgabe der Lehre von der Schöpfung zuzuwenden. Die Lehre von der Schöpfung hat auch eine unterscheidende, abgrenzende, op|7ponierende, protestierende Funktion. Sie unterscheidet Gott von den Göttern und den Glauben an ihn vom Aufstellen und Ergreifen irgend eines Weltbildes, von den sog. Weltanschauungen. Nur in ihrem genauen christlichen Verständnis tut sie das; und eben darum können wir uns erst jetzt, nachdem jene Präzisierungsarbeit geleistet ist, diesem Aspekt des Problems zuwenden. In ihrem genauen christlichen Verständnis aber tut sie es wirklich, wird gerade sie zum eminent kritischen Element des ganzen Dogmas.

Eben als solches ist sie ja auch historisch betrachtet zu einem Bestandteil des kirchlichen Dogmas geworden. Der er441ste Glaubensartikel war im zweiten Jahrhundert Kampfsatz gegen die Gnosis. Die Bezeichnung der Gnosis als Synkretismus5 trifft wirklich nicht nur ihre Form, sondern ihr Wesen. Sie bestand und triumphierte, indem sie die Vollendung der neutestamentlichen Erkenntnis zu sein meinte, in der grundsätzlichen Verwirrung und Vermischung Gottes mit möglichst vielen Göttern und des Glaubens mit möglichst vielen Weltanschauungen. Was sie meinte und wollte, war die eigentliche Bewahrheitung des Evangeliums, deren sie dieses für bedürftig hielt, und so die Vergöttlichung des Glaubens, der Gemeinde und der Gläubigen, deren sie diese für fähig und würdig hielt. Was sie in ihren großen Entwürfen des universalen Erlösungsmysteriums auf den Plan stellte, war doch faktisch die grundsätzliche Verweltlichung Gottes ebenso wie die grundsätzliche Verweltlichung des Glaubens. So war sie nach A. v. Harnacks berühmter Formel die «akute Hellenisierung»6 des Christentums oder nach der konkreteren Auffassung der späteren Forschung der Versuch seiner Transformation in eine hellenistisch geformte Gestalt der damals in einem letzten Aufbruch befindlichen vorderasiatischen, in ihren Wurzeln vielleicht bis auf Indien zurückgehenden Erlösungsreligion.7 Die altkatholische Kirche hatte Einsicht und Kraft genug, dieses Angebot auszuschlagen. Der in ihrer Weise auch folgenschweren Gefahr einer schleichenden Hellenisierung oder Orientalisierung des Christentums hat sie sich bekanntlich weniger gut zu erwehren gewusst. Der tödlichen Ge|8fahr jener Gnosis aber hat sie sich erwehrt: so energisch, dass sogar ein so geistvolles christlich-theologisches System wie das des Origenes wegen seiner gewissen Anfälligkeit nach jener Seite wenn nicht als Ganzes verworfen, so doch gewissermaßen sekretisiert und nur unter Verdacht gelten gelassen wurde.8 Das Bekenntnis, mit dem die Kirche sich gegen die Gnosis absetzte, war aber entscheidend eben das des Glaubens an Gott den Schöpfer, der der alttestamentliche Gott, der Gott Israels und eben als solcher der Vater des Logos Jesus Christus ist. Man sieht insbesondere in der großen Abwehrschrift des Irenäus9, wie schon damals Alles auf diese dreifache Gleichung ankam: 442 der Schöpfer = der Gott Israels = der Vater Jesu Christi, Alles auf dieses genaue, christliche Verständnis des Begriffs vom Schöpfer und von der Schöpfung, Alles auf den bewussten Verzicht darauf, diesen Begriff durch Einbeziehung der Götter dieser Welt zu erweitern und angeblich zu vertiefen und zu verbessern, Alles auf die Einsicht, dass das in Wirklichkeit nur seine Entleerung bedeuten, nur auf den Verlust der Erkenntnis des wahren Gottes hinauslaufen könne, Alles auf die Entschlossenheit, sich diesen gefüllten Begriff vom Schöpfer und von der Schöpfung nicht entreißen zu lassen. Anders als von da aus war dem Synkretismus jener Gnosis nicht wirksam zu widerstehen. Von da aus wurde ihm wirksam widerstanden. Aber der Widerstand der Kirche gegen den Synkretismus ist darum, weil jene alte Gnosis eine einmalige Angelegenheit geblieben, weil sie so nicht wiedergekehrt ist, keine bloß historische Angelegenheit. Es gibt wie einen Gestaltwandel der Götter10 und der Weltanschauungen, so auch einen Gestaltwandel des Synkretismus und infolgedessen ein Andauern der damals abgewehrten Gefahr und damit für die Kirche eine andauernde Notwendigkeit, demselben Gegner mit derselben Abwehr zu begegnen. Was damals drohte: die Konfusion Gottes mit den Göttern und des Glaubens mit den Weltanschauungen, das droht noch und immer wieder. Und immer wieder und so auch heute muss der Konfusion die Kritik, und zwar die heute wie damals allein taugliche Kritik: das christliche Bekenntnis von Gott dem Schöpfer und seinem Werk entgegengestellt werden.

9 Von Gott und vom Glauben haben wir in diesem kritischen Zusammenhang zu reden: von Gott und von den Göttern zuerst, nachher dann vom Glauben und von den Weltanschauungen.

1. Gott und die Götter

Die Offenbarung Gottes des Schöpfers ist die Götterdämmerung, in der die Götter ihre göttliche Autorität verlieren, ihre göttlichen Ansprüche aufgeben müssen, ihrer göttlichen Macht entkleidet werden, in der sie sich als Götter auflösen, in der ihr ursprünglich nicht-göttliches, sondern kreatürliches Wesen 443 wieder sichtbar wird. Nur die Offenbarung Gottes des Schöpfers leistet das. Alle anderen Götterdämmerungen tun es nur vorübergehend und teilweise. Die Götter können freilich auch anders als durch die Offenbarung Gottes des Schöpfers kritisiert, beanstandet, bezweifelt und in Frage gestellt werden. Man täusche sich aber nicht darüber, dass sie allen anderen Infragestellungen letztlich gewachsen sind, dass sie durch alle andere Kritik wohl teilweise und zeitweise verdrängt werden können, um dann zu einem anderen Teil doch auf dem Plan zu bleiben und um dann nach dem Gesetz von Aktion und Reaktion zu anderer Zeit – wahrscheinlich ziemlich bald – in gewandelter Gestalt wiederzukehren und erst recht zu herrschen. Mit ihnen ist nicht zu scherzen; mit ihnen wird man nicht so schnell fertig; gegen sie ist tatsächlich nur ein Kraut gewachsen: gerade weil sie die Nichtse11 sind, als die sie sich im Feuer der Kritik der Offenbarung Gottes des Schöpfers erweisen. Mächtiger als das Nichts ist nun einmal nur Gott der Schöpfer, und mächtiger als die Selbstbehauptung und Offenbarung des Nichts ist nur dieses Gottes Offenbarung. Die Götter sind die Exponenten der Selbstbehauptung und Offenbarung des Nichts. Wer oder was sollte ihnen letztlich widerstehen, sie letztlich erledigen und abtun können? Gerade letztlich sind und bleiben sie aller Anfechtung gegenüber mächtig, haben sie eine Vitalität und Potentialität, die aller Kritik spottet, solange diese nicht aus einer Höhe kommt, die der ihrigen unwandelbar und unangreifbar überlegen ist. Es gibt aber nur eine solche Höhe.

10 Was ist die Offenbarung Gottes des Schöpfers, die hier als Gegenwirkung allein in Betracht kommen kann? Nach den Ergebnissen unseres vorangehenden Paragraphen ist hier nur eine Antwort am Platz: Sie ist die Selbstkundgebung dessen, der dem Menschen in Jesus Christus gnädig sein wollte und der um des Erweises dieser seiner Gnade willen den ganzen Bereich der von ihm verschiedenen Wirklichkeit – die Welt und den Menschen selbst, den Menschen inmitten der Welt – durch die Weisheit und Macht 444 seines Willens werden ließ. Anders gesagt: sie ist die Selbstkundgebung dessen, der dem durch ihn ins Werk gesetzten Werden der ganzen von ihm verschiedenen Wirklichkeit in dem in Jesus Christus zu vollziehenden Bund zwischen ihm und dem Menschen sein Ziel gesetzt, der in und mit dem Werden jener ganzen Wirklichkeit den Vollzug dieses Bundes bereits ins Werk zu setzen begonnen hat. Noch anders gesagt: es ist die Selbstkundgebung dessen, der zuerst in Jesus Christus menschenfreundlich und dann – in dieser seiner Menschenfreundlichkeit in Jesus Christus – der Begründer des Wesens und der Existenz des Menschen und der Welt ist. Eine andere Definition würde auf dem Boden der christlichen Kirche, wo man sich auch in dieser Sache an das Zeugnis der heiligen Schrift zu halten hat, kein Recht und keinen Sinn haben. Und nur von der so definierten Offenbarung Gottes des Schöpfers kann im Ernst behauptet werden, dass sie die radikale Kritik aller Götter in sich schließt.12

449 Die Offenbarung Gottes im Reich der Gnade, seine Offenbarung an Israel und in der Person von Israels Messias, wie sie uns durch seine frei berufenen, beauftragten und ausgerüsteten Zeugen vermittelt ist, enthält, ja ist in vollem Sinn des Begriffs auch die Offenbarung Gottes des Schöpfers als solchen und seines Werkes. 450 Der sich in ihr selbst kundgibt und bekannt macht, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs [Ex. 3,6 u. ö.], der Vater Jesu Christi, der seinen Sohn verklärt wie |11 dieser seinen Vater [Joh. 17,1.4f.], der Heilige Geist, der die, die an den Sohn glauben, in alle Wahrheit leitet [Joh. 16,13] – dieser Gott ist seinerseits nicht bloß der Herr eines separaten Bereichs des Herzens und Gewissens, der Frömmigkeit und der Sittlichkeit, der Gnade und der Liebe, sondern auch der freie und allmächtige Herr, der Schöpfer des Himmels und der Erde. Eben Gottes Menschenfreundlichkeit in Jesus Christus ist auch der Grund, ohne den nichts ist, was ist.13 Eben in seiner Gnade und Liebe wollte und schuf Gott auch die ganze von ihm verschiedene Wirklichkeit. Eben die Offenbarung des Bundes schließt auch die Offenbarung der Schöpfung in sich; eben sie ist also auch die authentische und nun eben nicht verworrene, sondern klare, nicht indirekte, sondern direkte, nicht ungenügende, sondern vollkommene Offenbarung Gottes des Schöpfers. Indem er in Israel spricht und endlich und zuletzt abschließend im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi, gibt er sich auch als der zu erkennen, der darum alle Gewalt hat, weil alle anderen Gewalten nur durch ihn gewaltig, ohne und gegen ihn aber ohnmächtig sind. Indem er hier spricht – er selbst und kein Anderer, er sich selbst ganz offenbarend –, offenbart er auch seine Schöpferherrlichkeit als das Kleid, die Rüstung, den Glanz, die Energie seiner Liebe, Gerechtigkeit und Heiligkeit, als die Majestät seines Regimentes im Reich der Gnade. Und es wird dem Menschen, der ihn hier hört, gerade auch über sich selbst, über seine Existenz und sein Wesen und über Existenz und Wesen der ganzen Welt der Bescheid gegeben, dass er und die Welt wie zu Gott hin, so auch von Gott her, weil gänzlich durch Gott, in keiner Hinsicht ohne ihn, in keinem Sinn aus und durch sich selber sind. So steht es doch mit Gottes Selbstkundgebung laut ihrer alt- und neutestamentlichen Bezeugung. Sie enthüllt diese Einheit und Ordnung des göttlichen Willens und Tuns. Sie lässt, indem sie das Gnadenreich erschließt, keinen Zweifel daran und keine Unklarheit darüber, wer der König auch des Naturreiches ist. Eben darum hebt ihre Bezeugung sogar an mit den beiden Schöpfungssagen, 451 die doch ihrerseits über die Beziehung der Schöpfung auf die Bundes- und Heilsgeschichte als den zentralen Inhalt der ganzen biblischen Botschaft keinen Zweifel erlauben.

12 Es ist die hier laut werdende Stimme Gottes, die dann freilich auch in der ganzen Geschöpfwelt ein Echo erweckt, das von dorther wieder zurückkehrt zu denen, die sie hier gehört haben, das aber faktisch für alle erklingt, die überhaupt hören können. Es ist das hier leuchtende Licht Gottes selbst, das auch die ganze Geschöpfwelt hell macht, so dass es im Abglanz auch in ihr wahrnehmbar, faktisch für Alle, die sehen können, wahrnehmbar wird.

Es kann und muss (Ps. 19,2f.) von denen, die dieses einen Gottes Selbstkundgebung vernommen haben, bezeugt werden: «Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. Ein Tag sagt es dem andern, und eine Nacht tut es der anderen kund.» Und «ihr Klingen geht aus durch alle Lande, ihre Rede bis zum Ende der Welt» – wohlverstanden: «ohne Sprache, ohne Worte, mit unhörbarer Stimme»[Ps. 19,4f.], gerade nicht in einer der Geschöpfwelt immanenten also, sondern in der ihr durch das eine freie Selbstzeugnis des Schöpfers verliehenen Offenbarungsmacht ihrerseits zu werden, was sie in und durch sich selbst als Geschöpfwelt nicht sein kann: aufgerufener und beauftragter Zeuge, Wiedererzähler jenes Selbstzeugnisses, nachträgliche Bestätigung der göttlichen Selbstkundgebung. Es kann und muss der Apostel Jesu Christi (Röm. 1,19f.) versichern, dass das «unsichtbare Wesen Gottes, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit, von der Erschaffung der Welt her in seinen Werken betrachtbar, zu ersehen», dass er auf Grund seiner Offenbarung auch den Heiden erkennbar ist. Dem ist so, weil die Geschöpfwelt, in der auch die Heiden leben, faktisch der Raum ist, in welchem Gottes Selbstkundgebung stattgefunden hat: der Raum, welcher jenes Echo gibt, der Raum, welcher jenen Abglanz trägt. Diese Tatsache ist es, die den Heiden der Verkündigung des Evangeliums gegenüber in seiner Weise ebenso zum vornherein ins Unrecht setzt, wie es dem Juden in anderer Weise dadurch widerfährt, dass er, indem er das Gesetz empfing, zum direkten Zeugen der Stimme und des Lichtes Gottes gemacht ist. Keine be452sondere, selbständige «Schöpfungsoffenbarung» wird da gelehrt, keine eigene Stimme und kein eigenes Licht wird da der Geschöpfwelt zugeschrieben. Und eben darum ist denn auch in solchen Stellen weder von einer verworrenen noch von einer ungenügenden Offenbarung, sondern ohne den Schatten eines Vorbehaltes von der Offenbarung der Ehre Gottes, seiner «ewigen Kraft und Gottheit» die Rede. Das ist im Zusammenhang der biblischen Botschaft darum erklärlich und sinnvoll, weil diese Offenbarung in der Sache identisch ist mit Gottes Selbstkundgebung als der Herr des Bundes, der auch der Schöpfer ist – von ihr verschieden nur darin, dass sie ihr Widerhall und Widerschein ist, von ihr also nur so verschieden, wie auch deren ursprüngliche und eigentliche Bezeugung durch die Stimme der Propheten und Apostel von ihr selbst verschieden ist.

45313 «Die Offenbarung Gottes des Schöpfers ist die Bejahung aller von ihm verschiedenen Wirklichkeit, sofern diese sein Geschöpf ist.» Die durch die Offenbarung Gottes des Schöpfers verneinten Götter gehören nicht zu der von Gott verschiedenen Wirklichkeit, sofern diese sein Geschöpf ist. Gerade in ihrer Göttlichkeit sind sie Ausgeburten und Gestalten des Nichts, vor dem das Geschöpf als solches durch seine Erschaffung ausgenommen und bewahrt ist. Die Geschöpfwelt als solche ist nicht nichtig. Die Götter in der Geschöpfwelt sind es. Indem Gott der Schöpfer ist und als solcher sich offenbart, verneint er notwendig alle Götter. Aber eben das ist nur einsichtig auf dem Hintergrund der positiven Wahrheit, dass Gott die von ihm verschiedene Wirklichkeit bejaht, sofern sie sein Geschöpf ist.14

601 In und mit der Schöpfung bejaht der Schöpfer das Geschöpf: sein Dasein und die Güte seines Soseins. Das ist es, was wir nun gelernt haben, indem wir die Offenbarung Gottes des Schöpfers unseren Lehrmeister sein ließen: die Selbstkundgebung des Herrn des Bundes, der als solcher auch der Herr der Geschöpfwelt ist. Kraft seiner Entscheidung und laut seiner Eröffnung dieser Entscheidung ist die Geschöpfwelt und ist sie recht so, wie sie ist. Nur auf dem Hintergrund, ja nur als Kehrseite dieser positiven Erkenntnis wird die negative sinnvoll und kräftig: dass alle und jede Götter als solche einfach und endgültig verneint sind. Diese Erkenntnis bedeutet: der Schöpfer und also der wahre und wirkliche Gott hat sie verneint, indem er das Geschöpf bejaht hat. Als sein Geschöpf hat er es bejaht, hat er ihm Existenz und Güte gegeben und zugesprochen. Jede ihm eigene Göttlichkeit hat er ihm eben damit vorenthalten und abgesprochen. Die Existenz und die Güte von Göttern hat er eben damit unmöglich gemacht und in Abrede gestellt. Indem er der Herr des Bundes und als solcher auch der Herr der Geschöpfwelt ist, kann es über dieser und in dieser keinen anderen Herrn geben. Indem das Geschöpf als solches von ihm angenommen ist, ist es als Konkurrent seines Schöpfers von ihm abgelehnt und verworfen. Indem es als Geschöpf ist und als solches gut ist, ist darüber entschieden, dass es in jedem anderen Sinn nur nichtiges Sein und nur nichtige Güte haben kann. Was auch die Götter |14 seien: sie sind es nur unter dieser Negation schon ihrer Möglichkeit. Und was auch von ihnen zu sagen sei: es wird auch und vor allem diese Negation schon ihrer Möglichkeit in sich schließen müssen. Aber eben diese Negation kann doch nur als Umkehrung der positiven Erkenntnis sinnvoll und kräftig sein: dass das Geschöpf als solches in der Schöpfung von Gott nicht verneint, sondern bejaht, nicht verworfen, sondern angenommen ist. Die Macht der Wahrheit ist auch 602 in diesem Zusammenhang zuerst die Macht des lebendig machenden Evangeliums und dann erst und als solche die Macht des tötenden Gesetzes. Die Offenbarung Gottes des Schöpfers erlaubt uns, sie gibt uns Raum und Freiheit, zu erkennen, dass die Götter nicht Gott, dass sie falsch und nichtig sind. Indem sie uns diese Erkenntnis erlaubt, indem sie uns zu dieser Erkenntnis Raum und Freiheit gibt, wird sie zum Gebot: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir! [Ex. 20,3], zur Kritik aller Götter.

Wir beginnen unsere Überlegung mit dem Versuch einer Bestimmung des Wesens der Götter, wobei wir die Frage nach ihrer Wirklichkeit, die Frage nach ihrer Möglichkeit und endlich die nach dem konkreten Vollzug von deren Negation zunächst zurückstellen. Nur dies: dass die Götter unter dieser Negation stehen, werden wir allerdings schon bei der Bestimmung ihres Wesens nicht außer Acht lassen können, weil gerade das entscheidend zu ihrem Wesen gehört. Was sind «andere Götter»?

Auf alle Fälle solche Wesen, die mit Gott, dem Schöpfer, nicht identisch sind, die also weder als dessen Erscheinungen noch als dessen Kundgebungen verstanden werden können. Von dem Menschen Jesus Christus kann und muss man das sagen: dass Gott der Schöpfer sich mit ihm identifiziert hat, dass er also nichts Anderes als Gottes eigene geschöpfliche Kundgebung und insofern Gott selber ist. Eben damit ist aber auch gesagt: er ist kein «anderer Gott», keiner von den Göttern. Auch von dem prophetischen und apostolischen Wort, auch von seiner im Heiligen Geist begründeten Verkündigung, dem Zeugnis der Kirche von Jesus Christus kann und muss man sagen: es ist Gottes Wort und also Gott selber in seiner ganzen Wirklichkeit und Tätigkeit.15 Aber damit ist schon gesagt: es ist kein «anderer Gott», keiner |15 von den Göttern. Die Götter sind mit Gott nicht identisch. Das geht daraus hervor, dass Gott sich ihnen in seiner Selbstkundgebung als Schöpfer entgegensetzt, sich also jedenfalls von ihnen distanziert und unterscheidet, sie jedenfalls als Wesen anderer Art seinem eigenen gegenüber behandelt. Das kommt dem Menschen Jesus Christus, das kommt auch dem prophetisch-apostolischen Wort gegenüber nicht in Frage: zu ihrem Wesen bekennt sich Gott als zu 603 seinem eigenen Wesen. Das Wesen der Götter aber ist ein vom Wesen Gottes laut dessen eigener Erklärung geschiedenes und so verschiedenes Wesen.

Wir fügen als zweites negatives Merkmal hinzu: Sie sind jedenfalls in ihrer Eigenschaft als Götter keine von Gott positiv gewollten und geschaffenen Wesen. Sie haben jedenfalls ihre Göttlichkeit nicht von ihm, sondern ohne ihn und gegen ihn. Sie sind als Götter nicht seine Knechte und Freunde; sie sind als Götter fremde Eindringlinge und Feinde in seinem Haus. Sie haben gerade in ihrer Göttlichkeit mit dem Dienst und der Vermehrung seiner Herrlichkeit nichts zu tun. Das Geschöpf als solches, vom Engel bis zum vergänglichsten Grashalm, dient der Vermehrung seiner Herrlichkeit. Sofern auch die Götter – nicht Götter, sondern in Wahrheit nur Geschöpfe sind, können auch sie sich diesem Dienste nicht entziehen, haben ja auch sie Anteil an Gottes Bejahung des von ihm geschaffenen Kosmos, müssen auch sie sich seiner Ordnung und seinem Willen fügen. Aber das tun sie dann im Widerspruch gegen ihre Göttlichkeit. Gerade in ihrer Göttlichkeit sind sie Rebellen gegen Gott und nichts als das, entbehren sie jedes Anteils an seinem Wohlgefallen und am Dienste seiner Herrlichkeit. Ihr Wesen als Götter kann im Zusammenhang der Schöpfung nur als Unwesen verstanden werden. Auch das ergibt sich aus der Selbstkundgebung des Schöpfers: da ist nicht nur Unterschied, da ist Gegensatz und Feindschaft. Zwischen Gott und den Göttern ist kein Friede und wird nie Friede sein.

Das dritte Merkmal ist dieses: Eben in ihrer Unwesentlichkeit haben die Götter Wesen, eine bestimmte Art von Dasein und Sosein, eine bestimmte Wirklichkeit und Möglichkeit. Das beschränkt sich nun also nicht auf ihre Eigenschaft als die Geschöpfe, die sie in Wahrheit sind. Das erstreckt sich auch auf ihre Göttlichkeit. Sie steht unter dem Urteil, dass sie nicht göttlich und also falsch, also nichtig ist. Aber eben dieses Urteil ist nicht gegenstandslos. Eben der in Gottes des |16 Schöpfers Selbstkundgebung gegen sie losbrechende Zorn geht nicht ins Leere. Er bezieht sich auf ein Unwesen, das als solches – in seiner ganzen Eigentümlichkeit als Unwesen, in seiner ganzen klaffenden 604 Negativität – Wesen hat: sein besonderes Dasein und Sosein, seine besondere Wirklichkeit und Möglichkeit. Es ist nicht das Wesen Gottes selbst, es ist auch nicht das seines Geschöpfs; es ist nun eben das Wesen der nicht göttlichen, der falschen und nichtigen, aber ebenso wie die Sünde auf dem Plan befindlichen, gerade in ihrer Falschheit und Nichtigkeit realen Göttlichkeit der Götter. Wir werden uns also wohl hüten, einfach zu sagen: es gibt keine, es sind keine Götter. Zu viele Stellen des prophetisch-apostolischen Zeugnisses warnen uns ausdrücklich vor solcher Einfachheit. Gottes Selbstkundgebung als solche warnt uns davor. Warum bedürfte es ihrer, warum wäre die Geschichte des Bundes, die der Sinn der Schöpfung ist, zugleich eine Prozessgeschichte und Kriegsgeschichte, warum machte sich Gott in eigener Person zu seinem eigenen Zeugen und Vorkämpfer, wenn da nicht Götter wären – in ihrer ganzen Nichtgöttlichkeit, Falschheit und Nichtigkeit wirklich und möglich wären, gegen die er uns zugute sich selbst einzusetzen und für uns zu streiten sich entschlossen zeigt? Wir würden dieses sein ganzes Tun offenbar nicht ernstlich würdigen, wenn wir den Göttern die Anerkennung verweigern wollten, dass sie gerade in ihrer Unwesentlichkeit höchst wesentlich sind.

Aber das Alles können nun doch nur Präliminarien sein. Wir fragen weiter: Welches ist dieses besondere Wesen der Götter? Da sie in ihrer ganzen Nichtigkeit nicht einfach nichts sind (so dass die Beschreibung ihres Wesens sich etwa in ihrer Leugnung erschöpfen könnte), muss offenbar in einer neuen – der Befremdlichkeit der Sache angemessen allerdings sehr befremdlichen – Richtung weitergedacht werden.

Indem die Götter nicht Gott und nun doch auch nicht einfach Nichts sind, werden wir wohl oder übel mit der Feststellung beginnen müssen, dass sie jedenfalls auch Geschöpfe sind: nicht in 605 ihrer Göttlichkeit, wohl aber als die Subjekte, die hier Träger von Göttlichkeit, die hier göttlich sind. Ohne Geschöpfe zu sein, könnten sie auch nicht göttlich sein. Ohne Gottes Schöpfung gäbe es auch keine Rebellion gegen ihn, den Schöpfer, keine Störung der Geschöpfwelt durch die Götter. Ihm verdanken es auch seine Feinde, dass sie seine Feinde sein können, und gerade das ist das Furchtbare ihrer Feind|17schaft, dass sie auch diese nicht ausüben können, ohne eben damit zu beweisen, dass sie ihm Dank schuldig sind, dass sie seine Geschöpfe sind. Wo Götter sind, da sind immer auch, und zwar mit ihnen identisch, irgendwelche Geschöpfe. Kein «anderer Gott», der nicht auch, und zwar im Grunde, in Wahrheit, in seiner Eigentlichkeit ein Geschöpf, der nicht als solches von Gott gewollt und gesetzt, als solches von Gott durchschaut und erkannt wäre, der nicht als solches zur Vermehrung der Herrlichkeit Gottes bestimmt und faktisch – im Widerspruch gegen seine Göttlichkeit, aber in Übereinstimmung mit seiner Geschöpflichkeit – zur Vermehrung der Herrlichkeit Gottes gebraucht würde. Kein «anderer Gott» also, der Gott entfliehen, der sich ihm entziehen könnte: keiner, der nicht in seiner Eigentlichkeit dem Schöpfer verbunden und verpflichtet, der also in der Lage wäre, ihm die Dankbarkeit letztlich zu verweigern, die er ihm schuldig ist. Kein «anderer Gott», der nicht in seiner Eigenschaft als Geschöpf auch der Barmherzigkeit des Schöpfers und also des Daseins und der Güte des Geschöpfs teilhaftig wäre und bliebe.

Aber gerade die Göttlichkeit der Götter ist von hier aus offenbar nicht zu verstehen. Gerade ihr kann ja von hier aus nur widersprochen sein. Dass die Götter Götter sind, das macht ihr Wesen zum Unwesen. Wir müssen also die zweite Feststellung hinzufügen: sie sind Geschöpfe, die in ihrer Eigenschaft als Götter in einer eigentümlichen Verkehrung ihrer Geschöpflichkeit begriffen sind: in einer Verkehrung, die in ihrer Geschöpflichkeit wohl ihre conditio sine qua non, nicht aber ihren Grund, nicht ihren Ursprung hat, die aus ihrer Geschöpflichkeit weder abzuleiten noch zu rechtfertigen ist. Jeder «andere Gott» ist vielmehr ein seiner 606 Geschöpflichkeit und also der ihm durch Gottes Schöpfung verliehenen Existenz und Güte untreues, ein aus seiner Geschöpflichkeit gewissermaßen heraustretendes oder vielmehr heraustretenwollendes Geschöpf. Nur um dieses wahnsinnige Wollen und Unternehmen, nur um den Versuch solchen Heraustretens kann es sich ja handeln. Kein Geschöpf kann ja von sich aus aufhören, Geschöpf zu sein. Nur der Schöpfer könnte ihm nehmen, was er ihm als Schöpfer gegeben hat. Kein Geschöpf kann von sich aus Gott werden. Auch der Mensch Jesus Christus wurde nicht von sich aus, nicht durch seine Tugend und Kraft Gottes Sohn: er wurde es, indem er von Gott dem Vater durch den Heiligen Geist in |18 die Einheit des Seins mit seinem Sohne aufgenommen wurde. Auch das prophetisch-apostolische Wort wurde nicht und auch seine Bezeugung durch die christliche Kirche wird nicht durch ihre eigene Macht, sondern durch Gottes Befehl und Auftrag Gottes Wort. Die Nichtgöttlichkeit, die Falschheit, die Nichtigkeit des göttlichen Wesens der Götter wird schon von hier aus einsichtig. Nur um den Versuch des Griffs nach wahrer Göttlichkeit und auch nur um ihren Versuch der Preisgabe ihrer eigenen wahren Geschöpflichkeit kann es sich handeln, und dieser Versuch kann seiner Natur nach nur ein ohnmächtiger Versuch sein. Aber eben um diesen ohnmächtigen Versuch handelt es sich. In ihm besteht die Verkehrung ihrer Geschöpflichkeit, in welcher die Götter als solche begriffen sind. Das Wesen der Götter als solcher verstehen heißt diesen Versuch verstehen. Seiner Analyse haben wir uns darum jetzt zuzuwenden.

Ein «anderer Gott» ist ein Geschöpf, das entweder für sich allein oder im Zusammenhang einer Gruppe oder eines Systems von seinesgleichen so unter der übrigen Geschöpfwelt ausgezeichnet und über sie erhoben ist, als ob es selbst kein Geschöpf wäre, als ob es selbst keinen Schöpfer hätte, als ob es selbst der Schöpfer und Herr der übrigen Geschöpfwelt wäre. In diesem «Als ob» besteht der Versuch, der die Götter zu Göttern macht, die Verkehrung ihrer Geschöpflichkeit und also das Wesen der Götter. Wir kümmern uns zunächst nicht um die Art, in der sie wirklich sind und möglich werden, sondern ver607gewissern uns weiter, was es mit der eigentümlichen Realität dieses «Als ob» wesenhaft auf sich hat, und stellen vor allem dies fest: dass es auf keinen Fall umsonst auf den Plan tritt. Indem ein Geschöpf jenen Ort – den Ort Gottes – einnimmt, «als ob» es wäre, was es doch nicht ist, hat und entfaltet es eine bestimmte Macht, Kraft und Gewalt. Nicht die freilich, die es haben und entfalten möchte: nicht die wahrhaft und eigentliche göttliche Macht also, aber doch eine Macht, und zwar eine andere Macht als die, die ihm auf Grund seiner Geschöpflichkeit zukommt und eigen ist. Die Macht, in der Gott den Göttern in seiner Selbstkundgebung entgegentritt, wäre unerklärlich, wenn er es in ihnen nicht mit in ihrer Weise realen Mächten zu tun hätte. Der Charakter des Todes und der Auferstehung Jesu Christi als einer Besiegung, Überwindung, Gefangennahme und Unterwerfung fremder Mächte wäre unerklärlich, wenn solche fremden |19 Mächte gar nicht wären. Eben in der Verkehrung der Geschöpflichkeit werden Mächte frei und treten Mächte auf den Plan, die weder mit der Macht Gottes noch mit der natürlichen Macht von Geschöpfen identisch sind, die aber – unendlich klein im Verhältnis zu jener, aber immerhin reichlich groß im Verhältnis zu diesen: eine fatale fremde Mitte zwischen beiden – eben in dieser Mitte zweifellos Mächte sind. Götter sind geschöpfliche Wesen, die inmitten der übrigen Geschöpfwelt Autorität, Verehrung, Gehorsam und Vertrauen fordern: nicht dienstweise, nicht vertretungsweise für Gott, wie die guten Engel, wie die Propheten und Apostel, wie die Kirche Jesu Christi, wie im Reich Christi der Staat, der Mann, die Eltern, sondern für sich selbst, «als ob» sie selbst Gott wären. Es ist also eine Autorität, die ihnen nicht zukommt, eine bloß angemaßte, fiktive, illusionäre Autorität. Aber eben so fordern sie sie. Sie wären nicht Götter, wenn sie sie nicht forderten. Sie wollen angebetet sein. Sie verlangen ganzen Gehorsam und ganzes Vertrauen. Man hat sie nur noch nicht recht verstanden, wo man etwa meint, sie könnten sich auch mit weniger begnügen. Sie fordern objektiv doch das und gerade das. Sie sind in ihrem Anspruch, ob einzeln oder in einem System von ihresgleichen, so ausschließlich und totalitär wie Gott selber. Und es bleibt nicht bei dem Anspruch. 608 Der Anspruch allein würde sie ja noch nicht zu Mächten machen. Sondern indem sie Mächte sind, sind sie anspruchsvoll. Indem sie Mächte sind, sind sie aber auch wirksam und einflussreich: sie wären nicht Götter, wenn sie es nicht wären, wenn ihr Anspruch nicht von Taten und Wirkungen begleitet und getragen wäre. Nicht von der Macht Gottes, nicht von unwiderstehlichen, nicht von endgültigen Taten und Wirkungen also: ihre Taten und Wirkungen sind ohnmächtig im Verhältnis zu denen Gottes, wie auch ihr Anspruch im Verhältnis zu dem Gottes ohnmächtig ist. Sie sind aber nicht ohnmächtig, sondern übermächtig im Verhältnis zu den Taten und Wirkungen der anderen Geschöpfe, wie schon ihr Anspruch diesen gegenüber ein übermächtiger ist. |

Die heilige Schrift als Zeugnis von Gottes Selbstkundgebung ist nüchtern genug, ihnen diese ihre Übermacht nach dieser Seite, ihren Charakter als Herrschaften, ja als Herren dieser Welt16 zuzuerkennen: |20 wo sie anders, wo sie von ihrer Ohnmacht redet, wo sie sie als Nichtse17 beschreibt, die keinen Finger rühren können, da hat sie immer ihr Verhältnis zu Gott, da hat sie immer schon ihre ein für allemal geschehene und noch zu offenbarende Überwindung durch die Allmacht Gottes vor Augen. Innerhalb der Kreaturwelt und im Bereich der Verhüllung dieser ihrer auch für die Kreaturwelt und in der Kreaturwelt selbst geschehenen Überwindung sind sie Herrschaften und Herren, «Fürstentümer und Throne» [Kol. 1,16], wie gerade das Neue Testament sehr nachdrücklich sagt: Faktoren, von denen nicht nur ein Anspruch, sondern reale Gewalt ausgeht: Gewalt, die sich geltend macht, und zwar einerlei, ob sie den ganzen Gehorsam und das ganze Vertrauen, das sie fordern, schon gefunden haben, einerlei, ob es zu ihrer religiösen Verehrung schon gekommen ist oder nicht. Gerade die religiöse Verehrung ist nur das Tüpflein aufs i, das auch fehlen oder bloß angedeutet sein kann, ohne dass sie darum weniger göttlichen Einfluss hätten: nicht den Einfluss Gottes, aber den quasi göttlichen Einfluss von Geschöpfen, die in jener Anmaßung begriffen sind. Die flache Meinung, als ob Anmaßungen, Illusionen, Fiktionen keine Realitäten seien und selbst schaffen könnten, ist in dem Maß falsch, als es 609 sich um die Anmaßung, die Illusion, die Fiktion handelt, in der das Geschöpf unter Verleugnung seiner Geschöpflichkeit und also seiner Wahrheit den Versuch unternimmt, sich auf den Thron Gottes zu setzen und sich als der zu gebärden, der diesen Thron allein einnehmen kann. Dass dieser Versuch ohnmächtig ist und nicht gelingen kann, bedeutet nicht, dass damit nichts geschehen ist. Etwas ganz Ungeheures ist eben damit geschehen, und eine Reihe von ganz unermesslichen Folgen ist gerade damit eröffnet. Gewiss nichts, was einer Machttat Gottes gleichkäme oder was der Macht Gottes und ihren Taten Abbruch tun könnte, aber doch etwas gegen Gott und damit auch gegen sein Geschöpf: ein gerade in dieser seiner Widerwärtigkeit eigenartiges Faktum, das als solches, das in seiner ganzen Planwidrigkeit seine Kreise und im Bereich der Geschöpfwelt nun doch seine wenn nicht unermesslichen, so doch unübersehbaren Kreise zieht. Gewiss keine solche Folge kann von ihm ausgehen, der Gott nicht gewachsen wäre, die ein für Gott Irreparables bildete, der er nicht |21 Einhalt zu tun, die er nicht auszulöschen vermöchte. Man kann und soll aber nicht leugnen, dass da Folgen stattfinden, dass die Götter, indem sie auf den Plan treten, Mächte sind und dementsprechend nicht nur mit der ihnen als Geschöpfen natürlichen, sondern gerade mit ihrer «übernatürlichen», d. h. mit der ihnen vermöge ihres anmaßenden, illusionären, fiktiven Wesens eigenen Energie beides: anspruchsvoll und wirksam sind. Wie würde man sich und andere täuschen, wenn man das in Abrede stellen wollte! – Ein Besonderes ist hier noch hinzuzufügen.

Es liegt nicht im Wesen der Götter, dass ihrer viele sein müssen. Ihrer können viele, ihrer kann eine unendliche Fülle sein. Es liegt in ihrem Wesen, dass sie sich zerstreuen, zersplittern, geradezu atomisieren können, wie es im Götterhimmel mancher Religionen tatsächlich sichtbar wird. Es liegt wohl auch in ihrem Wesen, dass sie sich je und je, da und dort, tatsächlich so atomisieren müssen. Das bedeutet dann, dass sie sich auch als Mächte, in ihren Ansprüchen und Wirkungen, nicht nur unter sich bestätigen und unterstützen, sondern alsbald auch gegenseitig überschneiden, die Waage halten, konkurrenzieren, bekämpfen, dass sie 610 sich untereinander stören und paralysieren, ja vorübergehend ausschalten, zur Annahme neuer Gestalten und Namen zwingen. Ihre Herrschaft bedeutet dann ein Reich offenen und verborgenen Widerspruchs und Streites, ein Reich der Unruhe und der gegenseitigen Beschwerde. Aber sie müssen nicht notwendig viele sein. Schon dass sie jene Gruppen und Systeme bilden können, zeigt das. Der Plural «die Götter», mit dem man eine Art von Bund oder jedenfalls Solidarität unter den Göttern zu bezeichnen pflegt, bekommt schon dann die Bedeutung eines Singularis. Einheitlich gesammelt und gerichtet wird dann auch die Macht, Kraft und Gewalt der Götter. Und nun kann eine solche Gruppe sich sammeln unter einem Haupt und Oberherrn, nun kann ein solches Göttersystem eine organisierende Mitte bekommen in einer von seinen besonderen Gestalten und Substanzen. Nun kann die Pluralität aller übrigen dazu gehörigen Götter immer mehr zurücktreten und verblassen. Ein einziger Großgott oder Hauptgott kann schließlich die Eigenschaften und Funktionen und zuletzt auch die Existenz seiner früheren Gefährten in sich vereinigen. Die Götter können nicht nur viele, sie können auch Einer, und es kann dann dementsprechend auch ihre Macht, |22 Kraft und Gewalt eine sein, die alle anderen relativiert, sich dienstbar gemacht und in sich aufgesogen hat. Ihre Herrschaft bedeutet dann ein Reich erzwungener Ruhe und Gleichförmigkeit, ein Reich der Indifferenz und des Fatalismus. Es muss nicht allgemein so sein. Es liegt nicht im Wesen der Götter, dass der «andere Gott» wirklich ein einziger sein muss. Es liegt aber in ihrem Wesen, dass es auch so sein kann; und es liegt wohl auch das in ihrem Wesen, dass es je und je, da und dort, tatsächlich auch so sein muss, dass sie sich aus der Zerstreuung wieder sammeln, dass sie auf dem Weg über die Gruppe oder das System zu einer bewegten Masse mit einem Führer und schließlich zu einer amorphen Masse, zu einem einzigen Klotz unter einem einzigen Namen werden und dementsprechend dann auch die Macht eines Einzigen haben. Es liegt eben im Wesen der Götter, dass es so oder so sein kann. Und je und je dann auch tatsächlich so oder so sein muss. Ihre Existenz oszilliert gewissermaßen 611 zwischen Multiformität und Uniformität, zwischen «Polytheismus» und «Monotheismus», zwischen Auflösung und Erstarrung, und so oszillieren auch ihre Ansprüche und Wirkungen, so oszilliert auch ihre Herrschaft zwischen dem Reich scheinbaren Lebens und dem Reich des wirklichen Todes, die in der Sache offenbar Eines und Dasselbe sind. Und wie sie Gott sein möchten und doch nicht können, wie sie seinen Reichtum und seine Einheit, sein Leben und seinen Frieden nachahmen möchten und doch nicht erreichen, wie sie aber auch in dieser ihrer ohnmächtigen Nachahmung nicht nichts sind, sondern eben so ihr reales Wesen haben, wird deutlich sichtbar.

Und hier eben stehen wir vor dem allgemeinen und grundsätzlichen Wesen der Götter, aus dem sowohl ihre Macht als auch ihre Ohnmacht erklärlich ist: sie sind eigenmächtig unternommene Versuche der Kreatur, Gott nachzuahmen. So stehen sie an jenem erhöhten Ort innerhalb der übrigen Kreaturwelt. Sie möchten den ihnen zukommenden Ort der Geschöpflichkeit verlassen, um den ihnen nicht zukommenden Ort des Schöpfers einzunehmen. Und eben zu diesem Zweck möchten sie sein, was und wie Gott ist [vgl. Gen. 3,5]. Eben damit wird ihr Ort ein besonderer Ort. Dass sie das möchten, das macht ihr göttliches Wesen aus. Es besteht in einem eigenmächtigen Sichausstrecken und Sichgestalten des Geschöpfs zur Gleichheit mit dem Schöpfer. Eigenmächtig ist es darum, weil es an der Gnade |23 des Schöpfers, an seinem Heranholen und Gestalten des Geschöpfs zu seinem Bilde [vgl. Gen. 1,26f.], das die Absicht und der Sinn seines Schöpfungswerkes ist, vorbeigeht. Der «andere Gott» ist in allen seinen Gestalten das sich selbst gnädige Geschöpf: das Geschöpf, das sich selbst ihm gleichbilden und also sich selbst das erweisen möchte, was ihm durch Gottes Gnade erwiesen werden soll. Wir können auch sagen: er ist das Geschöpf, das den Bund mit Gott, der die Absicht und das Ziel seiner Erschaffung ist, von sich aus stiften und vollziehen möchte. Er meint sich selber, sein tiefstes Bedürfnis als Geschöpf erraten zu haben, und er meint sich zur Befriedigung dieses Bedürfnisses selber verhelfen zu können. Er meint gefunden zu haben, dass er ohne den Schöpfer auch nicht Geschöpf sein kann, und er meint, diesem Mangel dadurch abhelfen18 zu können, dass er als Geschöpf nach den Eigenschaften 612 und Funktionen Gottes greift. In dieser Berührung mit Gottes eigenster Absicht mit seinem Geschöpf besteht das Geheimnis im Wesen der Götter. Dass sie nicht ohne diese Berührung sind, dass sie in der Wirklichkeit der Gnade formal mit Gott zusammentreffen und übereinstimmen, das macht sie zu Göttern, darum wird ihnen auch in der heiligen Schrift der Name «Götter» nicht verweigert. Was sie meinen, das ist eben das, was Gott weiß. Was sie möchten, das ist eben das, was Gott will. Was sie versuchen, das ist eben das, was Gott tut. Insofern sind sie in ihrer ganzen Verschiedenheit, in ihrem ganzen Gegensatz zu ihm, «seines Geschlechts» [vgl. Act. 17,28]. Aber doch nur in höchster Ironie wird das von ihnen gesagt werden können. Wir werden uns hüten, sie im Blick auf dieses Zusammentreffen mit Gott als dessen Zeugen zu bezeichnen. In dem, was sie meinen, ist das, was Gott weiß, in dem, was sie möchten, ist das, was Gott will, in dem, was sie versuchen, ist das, was Gott tut, wahrhaftig nicht wiederzuerkennen. Aus dem Wesen der Götter ist das Wesen Gottes wahrhaftig in keiner Weise abzulesen und zu entnehmen. Verführte und Verführer, die sie sind, sind sie keine Zeugen Gottes, sondern Lügner gegen ihn, sind sie Feinde Gottes. Aber dass sie auch das nicht sein können ohne jene Berührung, ohne jene formale Entsprechung zu dem, was Gott selbst weiß, will und tut, dass sie noch als seine Feinde in der Abhängigkeit von dem Herrn stehen, der |24 auch der Herr des Bundes ist, das wird hier allerdings erkennbar. Auch ihr Reich besteht nur in Nachahmung seines Reiches; so kann es diesem auf keinen Fall entzogen oder gar gewachsen und überlegen sein.

Eben von hier aus erklärt sich das, was wir als ihre Macht, die Macht ihres Anspruchs und ihrer Wirkungen bezeichnet haben. Es bedeutet eben der Versuch, Gott eigenmächtig nachzuahmen, eine reale Durchbrechung der Ordnung, unter der, und also der Reihe, in der die Geschöpfe als solche stehen. Wer diesen Versuch unternimmt, der stellt sich eben damit aus dieser Reihe heraus, der schafft innerhalb dieser Reihe ein neues Faktum, das als solches eine eigentümliche Tragweite für deren ganzen Bestand hat. Sie wird, indem jener Versuch unternommen wird, die durch ihn unterbrochene und gestörte Reihe. Sie hat mit dem in ihrer Mitte stattfinden 613 den Meinen, Mögen und Versuchen der Götter ein neues für sich selbst sprechendes Vorbild gefunden, das nach Beachtung und Nachfolge ruft: daher ihr Anspruch. Mehr noch: in ihrem Zusammenhang ist mit dem Unternehmen der Götter eine neue Ursache aufgetreten, die wieder in ihrem Zusammenhang auch nicht ohne Wirkungen bleiben wird. Dass das Natürliche, indem es in seinem Bereich nun auch Widernatürliches gibt, auch als Natürliches bestimmt und beeinflusst und insofern verändert wird, das ist die Macht der Götter. Und ihr widernatürliches Wesen kann diese Macht über das Natürliche darum sein und ausüben, weil es nun doch in nichts mehr und nichts weniger als im Versuch einer Nachahmung Gottes besteht: weil in ihnen das Geschöpf sich selber gnädig sein, sich selber und sein Bedürfnis verstehen, sich selber in seinem Mangel helfen, den Bund mit Gott selber stiften und durchführen möchte. Dieses Unternehmen ist mächtig, obwohl und indem es der ohnmächtige Nachahmungsversuch ist, der es ist. Denn in diesem Unternehmen liegt die Berührung der Götter mit Gott selber. Eben dieses Unternehmen macht sie zu Dämonen, deren Herrschaft der Herrschaft Gottes zwar unterlegen, der Herrschaft ihrer Mitkreaturen aber überlegen ist. Sofern sie eben das meinen, was Gott weiß, eben das möchten, was Gott will, eben das versuchen, was Gott tut, sofern sie Gottes richtige Affen sind,19 ist ihr Unternehmen nicht nur Unternehmen, sondern als solches auch Erfolg.

25 Nur als solches, müssen wir freilich sofort hinzufügen. Mächtiger als die Macht dieses Unternehmens kann die Macht der von den Göttern in die Natur der Geschöpfwelt hineingetragenen Widernatur nicht werden. So bezeichnet es auch ihre Grenze, auch ihre Ohnmacht. Ein ewiges Reich können sie nicht gründen und nicht einmal ein beständiges Reich auch nur in der Geschöpfwelt, weil das beständige Reich auch in der Geschöpfwelt in und mit deren Erschaffung schon begründet, weil sein Thron schon besetzt und für alle Dämonen unangreifbar ist. Die Reiche der Götter sind allesamt nur Zwischenreiche, d. h. begrenzte – und zwar auch innerhalb der Geschöpfwelt und also zeitlich und räumlich begrenzte Reiche. Ihre Macht wird auch auf Erden nie die Macht: nicht einmal ihren Anspruch können sie ja, wie total er gemeint sein mag, in seiner Tota614lität auch nur zur Aussprache bringen, geschweige denn durchsetzen, und so können auch ihre Wirkungen, wie ungeheuer sie sein mögen, nie zu totalen Wirkungen werden: so gewiss der Schöpfer seinen Thron nicht verlassen, so gewiss das Geschöpf nicht aufhören kann, sein Geschöpf zu sein. Gerade zur Allmacht kann die Übermacht der Götter nicht werden. Eben darum bleibt es auch bei jenem Oszillieren zwischen ihrer |26 Vielheit und ihrer Einheit, zwischen der Sammlung und der Zerstreuung, zwischen dem Widerstreit und der Eintracht ihrer Kräfte. Sie sind ihrer Sache, ja sie sind ihrer selbst in keinem Sinn sicher. Sie kommen und gehen. Sie haben keine bleibende Gestalt, keinen bleibenden Ort und keine dauernde Zeit. Sie sind wohl immer wieder da, aber immer wieder so, dass hinter der Fassade ihrer Macht und Pracht auch ihre Ohnmacht und Armut sichtbar wird. Ihre Herrschaft ist immer nur Revolutionsregiment, nicht stabile Regierung. Und diese ihre Schwäche hat ihren Grund an derselben Stelle, wo ihn auch ihre Stärke hat. Eben wo sie sich mit Gott berühren, eben da verfehlen sie ihn ja auch. Denn eben durch eigenmächtiges Sichausstrecken und Sichgestalten kann ja die Gleichheit des Geschöpfs mit dem Schöpfer nicht gewonnen werden. Eben damit versäumt es ja sein Herangeholt- und Gestaltetwerden zu seinem Bilde durch den Schöpfer selber und also die Bestimmung, zu der und mit der es geschaffen ist. Eben das sich selbst gnädige Geschöpf entzieht sich ja der Gnade. Die Gnade, in der es sich selbst gnädig sein möchte, ist nicht Gottes Gnade; so wird es von ihr auch nicht leben können. Indem es sich selbst verstehen will, wird es nie verstanden sein. Indem es sich selber helfen will, kann ihm unmöglich geholfen werden. Wer auf dieser Linie meint, wird nie wissen, was Gott weiß. Wer hier möchte, wird nie wollen, was Gott will. Wer hier versucht, wird nie tun, was Gott tut. Wer den Bund mit Gott selber schließen und vollziehen will, wird immer außerhalb dieses Bundes stehen, wird seine Wohltat notwendig entbehren müssen. Gerade Eigenmacht ist Gottes des Schöpfers Sache ganz allein. |

Das mit Eigenmacht sich bekleidende Geschöpf kann nur die Macht der Ohnmacht haben. Und so ist die Eigenmacht, in der die Götter Gott nachahmen, der Grund ihrer Ohnmacht. Eben in dieser Ohnmacht erstreben sie, was sie nicht haben, 615 und erstreben sie es in einer Weise, in der sie auch nicht wirksam streben können, erlangen sie nicht, was sie haben möchten, und kann ihr Habenwollen selber nur ein Beweis ihrer Ohnmacht sein. Nur Gott kann Gott sein. Und nur Gott kann sich eigenmächtig als Gott behaupten. So ist, was sie erlangen möchten und wie sie es erlangen möchten, gleich unmöglich. Eben in ihrer ihnen nicht zukommenden Eigenmacht stellen sie nun aber auch das in Frage, was sie als Geschöpfe legitim sein und haben könnten: die Existenz und die Güte, die als seinen Geschöpfen auch |27 ihnen von Gott verliehen ist. Was haben sie schon davon, dass es ihnen allerdings gelingt, sich in ihrer Göttlichkeit in räumlicher und zeitlicher Beschränktheit über die übrige Kreatur zu erheben, jene Widernatur in deren Natur hineinzutragen, die Ordnung der Geschöpfwelt zu stören, zu verwirren, zu «dämonisieren», mit ihrer eigenen Verkehrtheit das Ganze anzustecken und zu beflecken, falsche Liebe und falsches Vertrauen und damit dann auch grundlose Furcht und unnötige Not in ihr zu verbreiten, sie mit einem Nebelschleier von Lüge und Unrecht zu bedecken? Es ist wahr: die Herrschaft der Götter ist mächtig genug, die Wirklichkeit und das Recht des ganzen übrigen Daseins verdächtig und zweifelhaft zu machen. Es ist wahr: die Geschöpfwelt wird sich selber in dem Maß dunkel und unbegreiflich, als sie nun wirklich von den Göttern bestimmt, eine von ihnen regierte Welt wird. Aber die, die am Ersten und zuletzt auch am Stärksten unter dieser Unbegreiflichkeit und Dunkelheit der Geschöpfwelt zu leiden haben, werden doch die Götter selber sein. Bevor sie andere verführten, haben sie ja sich selbst verführt. Bevor sie die Natur der Dinge unterbrachen und störten als die Macht jener Übernatur, die nur Widernatur sein kann, haben sie sich selbst in jene Übernatur erhoben und eben damit sich selbst in diese Widernatur gestürzt. Ist es schlimm für alle anderen Wesen, von den Göttern beherrscht, angesteckt, verdorben, verdunkelt zu werden: leiden zu müssen, was in einer durch die Götter verdunkelten Welt notwendig zu leiden ist, so ist es doch wohl noch schlimmer, die Quelle und der Ausgangspunkt von dem allem, das störende, verwirrende, verdunkelnde Element selber – selber einer von den «anderen Göttern» – zu sein.

616 Und eben das gehört zum Wesen der Götter und ist das Letzte, was von ihm zu sagen ist: dass sie an sich selber leiden müssen. Was ist alle sekundäre Verkehrtheit gegen ihre primäre: die Verkehrtheit der verkehrenden Prinzipien? Und wie groß muss der Schmerz der Verkehrung der Geschöpflichkeit da sein, von wo die Verkehrung ausgeht, wo sie gewissermaßen erfunden wird! Die Götter sind die Erfinder aller Verkehrung. Kein Wunder, dass gerade ihre Existenz und Güte – die ihnen in ihrer Geschöpflichkeit ja auch nicht abgesprochen werden kann – so ganz besonders verdächtig und zweifelhaft ist. Kein Wunder, dass zuerst und vor allem gerade diese Herren und Herrschaften im Kosmos vom Schein einer völligen Nichtigkeit umgeben |28 sind, der ihre bescheideneren Mitgeschöpfe so nicht treffen kann. Kein Wunder, dass unter allen Wesen keine leichter, einfacher und einleuchtender anzuklagen und geradezu zu leugnen sind als eben die Götter. Das haben sie von ihrer eigenmächtigen Nachahmung Gottes! Das haben sie davon, dass sie sich selbst gnädig sein, den Bund mit Gott selbst schließen und vollziehen möchten! Damit bezahlen sie die ausgezeichnete Stellung, die sie zweifellos einnehmen, die übernatürliche Kraft, die sie zweifellos ausüben. Das Geschöpf kann sich gerade der Gnade Gottes nicht ungestraft entgegenstellen. Es kann das wohl tun, aber eben der Gnade Gottes wird es dann entbehren müssen. Eben dieses Tun und Entbehren macht das Wesen der Götter aus, und eben dieses Tun und Entbehren erlaubt es schließlich nicht, ihr Wesen anders denn als ein glänzendes Elend20 zu bezeichnen.

Wir versuchen es an zweiter Stelle, uns über die Wirklichkeit der Götter zu unterrichten. Die Frage nach ihrer Möglichkeit, die Frage nach dem Werden der Götter sei also noch zurückgestellt. Es ist offenbar unabhängig davon möglich zu fragen: Gibt es Götter? und inwiefern gibt es sie?

Man darf sich der Erkenntnis, dass es Götter in der Tat gibt, nicht mit der Feststellung verschließen, dass ihre Wirklichkeit an eine bestimmte Einbildung des Menschen gebunden und also nur in dieser Einbildung vorhanden sei. Diese Feststellung ist allerdings richtig. Alle Götter, vom größten bis zum kleinsten, vom erhabensten bis zum scheußlichsten, alle einzelnen Göt617ter und alle Göttersysteme, die Götter in allen Gestalten ihres Wesens existieren nur in der menschlichen Einbildung. Man muss sich aber hier wie sonst an die Einsicht gewöhnen: mit der Feststellung, dass etwas nur in der menschlichen Einbildung existiert, ist keineswegs darüber entschieden, dass es gar nicht existiert. Alles, was für uns existiert, der wahre und lebendige Gott nicht ausgeschlossen, existiert jedenfalls auch in unserer Einbildung, ohne dass es deshalb weniger real existierte. Und |29 selbst das, was nur in unserer Einbildung existiert, wie das von den Göttern allerdings zu sagen ist, existiert darum nicht weniger real. Sogar unsere Traumbilder sind bekanntlich nicht einfach Bilder von nichts, sondern Bilder von in ihrer Weise sehr ernsthaften und wirkungskräftigen Realitäten. Und nun sind die Bilder der Götter immerhin sehr viel mehr als Traumbilder und die ihnen entsprechenden Realitäten ebenfalls, obwohl ihre Bilder sowohl wie ihre Realitäten zweifellos oft auch etwas von der Art der Traumbilder und von ihrer Realität an sich haben. Der Bereich der Einbildung ist nun einmal der ganze Bereich des Menschen, der Bereich seines ganzen Verhältnisses zu sich selbst und zu seiner Umwelt mit alleiniger Ausnahme seiner Erleuchtung in der Begegnung mit der Selbstkundgebung Gottes und also mit alleiniger Ausnahme seiner Erleuchtung durch Gottes Wahrheit. Was wir nicht dieser Erleuchtung verdanken, was wir außerhalb dieser Erleuchtung sind, das ist unser Bilden, das sind wir im Bereich unserer Einbildung. Und was für uns anders als auf Grund dieser Erleuchtung existiert, das existiert für uns nur in unserer Einbildung. Aber eben damit ist nicht gesagt, dass es gar nicht existiert. Es existiert nun eben so. |

Das bedeutet des Menschen Erleuchtung durch Gottes Wahrheit ja nicht, dass der Mensch in seinem menschlichen Können und Vermögen ausgelöscht, seine Einbildung einfach Lügen gestraft, dass das nur in seiner Einbildung Existierende einfach annulliert würde. Gerade in diesem seinem Bereich, der freilich nicht der Gottes ist, der der Begegnung mit Gottes Bereich, der Erleuchtung durch seine Wahrheit bedürftig ist – ist er ja Gottes Geschöpf und wird er in dieser Begegnung und Erleuchtung ernst ge618nommen. Gerade mit seinem Bilden und mit dem, was nur in seiner Einbildung existiert, rechnet ja Gott, indem er selbst sich dem Menschen kundgibt. Gerade seiner und damit auch seiner Einbildungswelt erbarmt er sich ja; gerade seiner nimmt er sich ja an. Gerade seinen Bereich, der der Bereich seiner Einbildung ist, macht er ja zum Schauplatz seines eigenen Handelns. Gerade mit dem, was in diesem Bereich existiert, setzt er sich ja mit seinem Wort und Werk auseinander. Sicher: in Gott gibt es keine Götter; so wie er existieren sie gewiss nicht – wie sollten sie, da es ihr Wesen ist, in jener mächtigen Ohnmacht immer nur existieren zu wollen, wie er existiert? Und sicher: als Gottes Geschöpfe gibt es keine |30 Götter, sondern immer nur in Gestalt jener mächtig-ohnmächtigen Verdrehung der Geschöpfe Gottes. Aber dass es in der Geschöpfwelt und wider ihre Natur Götter gibt, dass sie in der menschlichen Einbildung, d. h. aber einfach: im Bereich des Menschen, dem Gott in seiner Selbstkundgebung begegnet, real existieren, das ist darum – wie immer es dazu gekommen, wie immer diese widerspruchsvolle Tatsache zu erklären sei – nicht weniger wahr. Dass Gott selbst es, indem er jene Auseinandersetzung mit dem Menschen aufnimmt, indem er den Menschen in jenem seinem Bereich aufsucht, nicht leugnet, sondern bestätigt, dass da Götter sind, ist gewiss. Und so können auch wir das nicht leugnen, müssen wir uns seine Bestätigung wohl oder übel zu eigen machen. |

Da Gott sich die Beseitigung der Götter, ihre Entwirklichung, zu seiner eigenen Aufgabe gemacht, da er zur Ausführung dieser Aufgabe in seinem Sohn nicht weniger als sich selbst bestimmt, hergegeben und eingesetzt hat, können wir ihrer Vollstreckung nicht voraneilen mit der allzu leicht zu vollziehenden Aufklärung, dass die Götter ja doch nur in unserer Einbildung existierten. Als ob sie nicht gerade da und so sehr gewaltig existierten! Als ob wir aus diesem Bereich heraus[zu]springen, als ob wir ihn auch nur von außen [zu] überblicken und mit dem, was in diesem Bereich existiert, von uns aus fertig zu werden vermöchten! Als ob wir am Ziel der Wege des Schöpfers mit seinem Geschöpf stünden und von dort aus dekretieren könnten, was Gott allerdings dekretiert hat 619 und was er als sein Dekret offenbar machen wird: dass keine Götter sind! Dass wir an dieses Ziel der Wege Gottes glauben und in diesem Glauben auch dies erkennen dürfen: dass die Götter nur sind, indem sie nicht sind, ist Eines, das Andere aber ist dies, dass wir eben in diesem Glauben noch auf dem Wege sind, auf diesem Wege keine Sprünge machen, sondern nur gehen, keine Vorwegnahmen vollziehen, sondern nur auf die Offenbarung des von Gott schon Beschlossenen und Vollbrachten warten können. Auf diese Offenbarung wartend, werden wir aus der geschenkten Erleuchtung durch seine Wahrheit gerade keine bloße Aufklärung machen und also der Wirklichkeit der Götter, mag sie immer nur in unserer Einbildung bestehen, in der Offenheit ins Gesicht sehen, deren Gott selber sich nicht geschämt hat. Indem sie nicht sind, sind sie! – das ist das Andere, das hier auch zu bedenken ist. Der Trug |31 der menschlichen Einbildung könnte vielleicht gerade da aufs höchste gestiegen sein, der Götter größter und gefährlichster könnte vielleicht gerade da seinen Existenzbeweis führen, wo der Mensch über seinen eigenen Schatten zu springen und also die Existenz der Götter auf eigene Faust leugnen zu können meinte.

Die Götter sind überall da wirklich, wo eine Gestalt geschöpflichen Daseins sich als in sich begründet und als Begründung alles Übrigen, als erstlich und letztlich wertvoll, zuverlässig und maßgebend ausgibt und geltend macht. Eine solche Gestalt des Daseins erfüllt das Wesen eines «anderen Gottes». Und da man nicht leugnen kann, dass es solche Daseinsgestalten gibt, kann man nicht leugnen, dass es «andere Götter» gibt. Man wird das sicher erst dann deutlich erkennen und ehrlich bekennen, wenn man, erleuchtet durch Gottes Wahrheit und also im Glauben an das Ziel der Wege Gottes, weiß, dass die Götter nur sind, indem sie nicht sind, dass ihre Realität nicht die Gottes und nicht die der Geschöpfe Gottes, sondern nur die des Widerspruchs gegen beide ist. Gerade wem dieser Glaube fremd ist, wird den Göttern zwar faktisch dienen, ohne ihrer doch so gewiss zu sein, dass er ihre Existenz deutlich erkennen und ehrlich bekennen müsste. Man kann sein ganzes 620 Leben in der Furcht vor allerhand Göttern oder auch in der Begeisterung für sie zubringen, ohne doch die Hand dafür ins Feuer legen zu können, ohne sich auch nur einigermaßen klar darüber zu sein, dass man das nicht ohne Grund tut, dass die Götter wirklich sind. Ihre Wirklichkeit wird ja – gerade weil sie nur in der menschlichen Einbildung besteht – nur da erkannt, wo der Mensch sich selbst und also auch sich selbst in seiner ganzen Bildnertätigkeit als Sünder erkennt, der vor Gott schuldig und der des göttlichen Erbarmens bedürftig ist. Dann und damit wird er sich als Diener der Götter und wird er die Existenz der Götter im Bereich seiner Einbildung erkennen. Und um sich als Sünder zu erkennen, muss er das Evangelium gehört und ergriffen haben, muss er durch Gottes Barmherzigkeit unter Gottes Gericht gebeugt worden sein. Er muss den wahren, lebendigen Gott erkannt haben, um das Wesen der Götter zu durchschauen und dann auch ihrer Wirklichkeit gewiss zu sein. Man wird aber ihre Wirklichkeit jedenfalls nicht leugnen, man wird das jedenfalls nicht in Abrede stellen können, dass gerade der Mensch sich immer wieder so verhält und benimmt, als ob Götter wären, die sich |32 als solche bemerkbar und geltend gemacht, die als solche zu ihm geredet, die ihn und doch auch seine ganze Umwelt als solche bestimmt und beeinflusst haben. Man kann ja den mit Autarkie und Autopistie ausgerüsteten Wesenheiten, um die es geht, auch andere Namen geben – solange man nämlich noch nicht einsieht, dass sie Nachahmungen Gottes und eben insofern Götter sind –, man kann aber nicht bestreiten, dass solche Wesen faktisch ihre Rolle spielen, ihre Macht ausüben, dass gerade der Mensch ihnen faktisch unterworfen ist.

Es handelt sich um ein Pantheon mit unendlich vielen Figuren. In einer unübersichtlichen Fülle von Gestalten geschieht es ja, dass die Elemente des Daseins sich gewissermaßen verselbständigen, sich als in sich begründet und als Begründung aller übrigen ausgeben, sich selbst als Erstes und Letztes an Wert, Zuverlässigkeit und Maßgeblichkeit empfehlen und aufdrängen, ihre Selbstoffenbarung als die Offenbarung des wahren Gottes geltend machen wollen. Es ist unmöglich, dieses Pantheon auch nur annähernd zu inventarisieren, auch nur seine Gliederung er621schöpfend aufzuzeigen. Wir haben es mit einem Reich zu tun, das sich in unaufhörlichem Wandel immer wieder erneuert und so jeder eigentlichen Systematisierung entzieht, zu dessen Beschreibung man nur fast aufs Geratewohl und jedenfalls ohne Anspruch auf Exaktheit und Vollständigkeit dieses und jenes Moment in dieser oder jener Reihenfolge namhaft machen kann. Genau so entspricht es ja auch dem immer wieder auftauchenden, immer wieder entgleitenden Wesen der Inhaber und Bewohner dieses Reiches, den unstetigen Verhältnissen zwischen Einheit und Auflösung, zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Größe und Elend, in denen sie existieren, ihrer eigentümlichen Mittelstellung zwischen Gott und Gottes Geschöpfen. Eine Theologie und eine Kosmologie kann und muss übersichtlich sein. Von einer Dämonologie kann man dasselbe unmöglich erwarten.

Das Dasein als solches kann der «andere Gott» sein und scheint es weithin tatsächlich zu sein: das Dasein in seiner ungeteilten Ganzheit im Raum und in der Zeit, als Denken und Ausdehnung,21 als Geist und |33 Natur, in seiner Innerlichkeit und Äußerlichkeit, als Schale und Kern zugleich,22 als identisch in seiner Menschlichkeit und Außermenschlichkeit – ein Einziges, das sein eigener Schöpfer und sein eigenes Geschöpf ist in einem in und durch sich selbst bewegten Kreislauf ohne Anfang und Ende, ohne links und rechts, ohne oben und unten – und jedenfalls ohne Herrn, ohne einen «Gott, der nur von außen stieße, im Kreis das All am Finger laufen ließe»23. Die Götter nirgends, gerade weil sie überall sind, gerade weil das Ganze als solches göttlich ist. So hat Goethe, so hat vor ihm Spinoza24 es gesehen: die eine, ungespaltene, nur in sich sich ewig trennende, aber auch ewig sich wiederfindende Geschöpfwelt ist selber und als solche der Gott. Geschöpf? Schöpfer? Welt? Gott? Die Worte sind alle ohnmächtig und werden alle überflüssig: «Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut»25. Im Sein beglückt sich zu erhalten26 ist Alles. Kein Zweifel: der Begriff des höchster Autarkie, höchster Autopistie sich erfreuenden Wesens wird gerade durch das so gesehene Dasein als solches in einer Weise erfüllt wie in kaum einer anderen seiner Gestalten. Und eben so kann es nicht nur gesehen werden; eben so 622 wurde es nicht nur gesehen. Eben diesem Sehen entspricht vielmehr irgendwo und irgendwie ein bestimmtes Sein des Daseins. So redet es, so wirkt es tatsächlich. Dahin hat es sich – nur in der Einbildung des Menschen, aber in diesem realen Bereich tatsächlich – verirrt, von daher, mit dem |34 so geformten Gesicht und in der von daher geformten Sprache offenbart es sich und handelt es auch. Man kann Gründe haben, ihm den Namen «Gott» jetzt zuzusprechen und jetzt zu verweigern, weil es ebenso gut «Welt» genannt oder auch überhaupt nicht benannt werden kann. Man kann doch in der Sache nicht verkennen, dass ihm auch der Name Gottes gebührt, dass es genau so ist, redet und wirkt, als ob es Gott wäre. Man kann nicht verkennen, dass ein Gott neben und über ihm keinen Raum hat. Man kann nicht leugnen, dass es in der Würde, mit dem Anspruch, mit den Erfolgen der «anderen Götter», die hier schlechterdings ein Einziges sind, auf dem Plane ist. Man kann fragen, ob wir es nicht hier mit der fruchtbaren Mutter aller Götter, mit der Urgestalt aller anderen Gestalten des «anderen Gottes» zu tun haben, ob nicht alle seine anderen Gestalten nur aus dieser hervorgehen können und, nachdem sie aus ihr hervorgegangen, notwendig zu dieser zurückkehren, in dieser auf- und untergehen müssen, um dann vielleicht aufs Neue aus ihr hervorzugehen.

So kann man wohl fragen; man soll aber nicht zu rasch entsprechend entscheiden und urteilen. Der «andere Gott» hat doch ebenso echt und ebenso ursprünglich wie diese eine, so auch andere, so auch mehrere, so auch viele und zuletzt fast unendlich viele Gestalten. Eben in dem einen Dasein sind nun einmal, wie auch die entschlossensten Monisten und Pantheisten selbst es wohl gesehen haben, neben dem Zusammenhang und der Einheit auch die Unterscheidungen und Trennungen. Und was hindert, was gebietet nicht vielmehr, auch diese – und diese so ernstlich wie jene – ins Auge zu fassen? Und auch was hier zu sehen ist, ist. Es melden sich – ob zuerst oder später, ob mit größerer oder geringerer Dringlichkeit, wer will da entscheiden? – auch die Teilgötter der geteilten Geschöpfwelt. Da sind ja die schon erwähnten Urgegensätze: Natur und Geist, Inneres und Äußeres, empirische und intelligible Wirklichkeit. Man kann sie in ihrer Gemein623schaft sehen, im Frieden und Gleichgewicht sich gegenseitig haltend und ergänzend, ein unzertrennliches Götterpaar, das als solches, in seinem harmonischen Zusammenspiel das in sich begründete und durch sich begründende Wesen wäre. Nur wäre? Nein, eben das, eben so sind wohl auch die Götter! Wer wollte behaupten, dass sie nur jenes Eine und Ganze – wer könnte verkennen, dass sie auch dieses Paar sind: Natur, die nicht Geist und doch nicht ohne den Geist – |35 Geist, der nicht Natur und doch nicht ohne sie ist? Offenbaren sich, reden und wirken, regieren und bestimmen nicht auch diese beiden in ihrer geeinten Zweiheit? Ist die uns beherrschende, die unser Vertrauen erwerbende und genießende, die von uns geliebte und gefürchtete Macht über allem – im Bereich unserer Einbildung, aber gerade so sehr wirklich – nicht auch diese harmonische Doppelmacht? Wie sollte nicht auch die Mythologie recht haben, die alle Dinge statt in einer jungfräulichen Urmutter in einem Urelternpaar ihren Anfang nehmen lässt, wobei es weiterer Überlegungen würdig werden kann, ob man im Geist das männliche, in der Natur das weibliche Prinzip wiederzuerkennen hat oder umgekehrt. Alle Götter lassen sich jedenfalls auch von diesen zwei Göttern her verstehen und scheinen tatsächlich auch von ihnen abzustammen. Auch das Eine, in welchem wir den «anderen Gott» vorhin erkennen mussten, lässt sich als diese Zweiheit, seine Einheit insofern als ein Abgeleitetes, es lässt sich die Zwei unstreitig auch als das Ursprüngliche dem Einen gegenüber vorstellig machen, und es ist nicht abzusehen, wieso es das nicht auch in Wirklichkeit sein sollte.

Aber es wird gut sein, auch hier nicht abschließend urteilen zu wollen. Wir könnten sonst die Existenz weiterer, ebenso wirklicher Götter übersehen. Der Friede und das Gleichgewicht zwischen der göttlichen Natur und dem göttlichen Geist scheint ja nicht unveränderlich, nicht unaufhebbar, es scheint von da aus auch der Kreislauf des einen göttlichen Daseins nicht zu einem selbstverständlichen Verlauf in einer einzigen Richtung verbunden zu sein. Es melden sich hier die Natur, dort der Geist mit dem Anspruch, je für sich die wahre Gottheit zu sein. Wird es der Beschwörung Hegels gelingen, ihnen bzw. ihren menschlichen Verehrern deutlich zu machen, dass 624 sie wohl beide der wahren Gottheit teilhaftig sind: an sich der Geist, für sich die Natur, [sie] aber nur in ihrer Aufhebung in jenem höheren Dritten, nur in ihrer Rückkehr zum An- und Fürsich, von dem sie beide ausgegangen sind, wirklich haben können?27 Die Hegelsche Be|36schwörung ist offenbar weder gegenstandslos noch ohnmächtig. Die Götter existieren offenbar auch in diesem Verhältnis. Sie verhalten sich tatsächlich auch dialektisch. Sie vollziehen tatsächlich auch die von Hegel postulierte und beschriebene Bewegung. Sie sind auch in ihr offenbar, mächtig, wirksam und beredt. Sie existieren auch in diesem nicht selbstverständlichen, sondern bedrohten, aber auch wiederhergestellten Frieden: in dieser ernstlichen Entzweiung, die doch von ebenso ernstlicher Einheit herkommt, um ihr aufs Neue entgegenzugehen. Dem fehlte nur ein Teil der hier möglichen Übersicht, der nicht zugeben wollte, dass die Götter auch so richtig gesehen, dass sie auch so wirklich sind.

Wir haben aber doch auch damit erst begonnen, ihre Fülle zu sehen. Sie können sich nämlich der Hegelschen Beschwörung und Dialektik auch entziehen. Das 19. Jahrhundert hat sich geweigert, die Lehre von der inneren Bewegung des absoluten Geistes als letztes Wort entgegenzunehmen, und darin hat es sicher wohlgetan. Es entspricht dem Wesen des Götterreichs, dass es da immer wieder andere letzte Worte geben muss. Es meldet sich von der einen Seite die Natur: das ausgedehnte, empirisch gegebene Dasein, mit dem Anspruch, nicht nach und neben und unter, sondern vor und über dem Geist und letztlich ganz allein, als Ursprung auch des Geistes der «andere Gott», das in sich begründete und durch sich begründende Wesen zu sein. Und die Natur hat auch recht. Sie ist auch göttlich. Sie führt auch das Wort und sie ist auch wirksam, als ob gerade sie und nur sie der Gott, der eine Haupt- und Großgott wäre. Irgendwo und irgendwie ist es – im Bereich unserer Einbildung nämlich – auch so, dass alles natürlich, alles äußerlich, alles Existierende als solches auch ausgedehnt und also empirisch gegenständlich, dass auch das Denken, der Geist und seine Bewegungen nur eine Modifikation des Natürlichen ist, ohne das Natürliche nicht wirklich sein kann. |

Aber was heißt Natur als dieses gött625lich sich offenbarende, herrschende und wirkende Prinzip? Sobald man so fragt, sobald man hier zu antworten und also die Natur zu sehen, zu erforschen, zu verstehen versucht, eröffnet sich der Ausblick – noch lange nicht auf den ganzen, wohl aber auf einen in sich sehr beträchtlichen und sehr vielfältig bevölkerten Götterhimmel. Die göttliche Natur ist wohl auch ein in sich geschlossenes Ganzes. Dichter und Künstler, aber |37 auch andere Sterbliche mögen sie je und je als solches sehen oder doch empfinden und täuschen sich sicher nicht, wenn sie davon singen und sagen, dass wir es in der Natur von den Elementen unseres Blutes und unserer Nervenzellen bis zum fernsten Sternnebel mit einem und demselben schlechthin überlegenen Sein und Wirken, mit der Offenbarung und dem Handeln einer und derselben Substanz zu tun haben, im Verhältnis zu der alle geistige Existenz lauter Ohnmacht, auf die sie jedenfalls schlechterdings bezogen ist. Auch die Naturwissenschaft mag gelegentlich von dieser Einheit der Natur zu künden versuchen. Gerade als Wissenschaft wird sie das doch in der Regel unterlassen. Gerade das konkrete Anschauen und Bedenken der Natur führt dazu, diese zu teilen, zu disponieren, zu ordnen, wird also notwendig darin gipfeln, dass ihr bestimmte Namen gegeben werden. Und die Vielheit der Namen, die da schon gefunden wurden und sicher noch zu finden sind, die verschiedenen Zusammenhänge und Einheiten, in der die Natur zu sehen ist und sicher auch existiert, zeigen deutlich, da ist ein Gott, da sind aber auch viele Götter. Es war nicht so töricht, wie es heute aussehen mag, wenn am Anfang der abendländischen Wissenschaft ein ungeheurer Ernährungsprozess oder aber ein ungeheurer Verbrennungsprozess als das Wesen alles Geschehens und also das Wasser oder aber das Feuer als das göttliche Wesen aller Dinge bezeichnet wurde.28 Warum nicht? Wenn es ein göttliches Sein der Geschöpfwelt gibt – und eben göttlich scheint sie sich ja tatsächlich zu offenbaren und auszuwirken –, warum dann dieses Element nicht ebensowohl wie jenes? An was fehlt es uns als an dem Vermögen, dieses ebenso absolut zu sehen wie jenes, die sich widerstreitenden Götter, statt zwischen ihnen voreilig Partei zu ergreifen, in gleicher Weise als solche zu anerkennen? Auch das Licht offenbart und betätigt sich mit göttlichem Anspruch. Auch die Erde 626 hat und entfaltet göttliche Gestalten und Kräfte, auch die Pflanzen- und Tierwelt, auch die Sonne und der Mond und die noch ferneren siderischen Wel|38ten tun es zweifellos: gewiss nur in der menschlichen Einbildung, aber die Geschöpfwelt und wir selbst sind nun einmal der Bereich unserer Einbildung, und gerade da tun sie es wirklich und gewaltig, und man stelle sich nur ja nicht, als ob es sich bei den von den sogenannten «primitiven» Religionen, aber auch von allerhand gröberem und feinerem Animismus bis auf diesen Tag gemachten Aufstellungen um überwundene und also irrelevante Stufen der menschlichen Entwicklung handle. |

Es gibt Bewusstseinsschichten, in welchen die Göttlichkeit der Elemente und ihrer Zusammensetzungen auch dem modernsten Menschen noch immer aktuell ist und auch immer aktuell bleiben wird. Wir sind wahrscheinlich nur ziemlich verarmt im Verhältnis zu den «Primitiven», indem wir so vieles, was uns in diesem Zusammenhang tatsächlich höchst präsent ist, vergessen, d. h. verdrängt oder künstlich rationalisiert haben. Es braucht oft erstaunlich wenig, um es unversehrt in alter Kraft wieder an den Tag zu bringen. Und es ist ­keineswegs gewiss, dass nicht auch die allgemeine menschliche Entwicklung durch alle heute herrschenden Verdrängungen und Rationalisierungen hindurch noch einmal eine rückläufige Richtung nehmen könnte, wie sie es im Einzelnen sicher beständig tut. Man wird aber auch die schon im Altertum und dann vorläufig ohne Aufhalten herrschend gewordenen Verdrängungen und Rationalisierungen selbst und als solche nicht wohl anders denn als lauter Versuche neuer Anerkennungen der natürlichen Götter verstehen können. An die Stelle der Elemente sind deren allgemeine Zusammenhänge getreten: der Raum und die Zeit, die Materie und die Kausalität, die Kraft und die Bewegung, das Leben und der Organismus, das Atom und die Zelle, die Erhaltung und die Entwicklung: ein ganzes Netz von Begrifflichkeit, in bald allen möglichen Kombinationen, so oder so, d. h. mit diesem oder jenem Mittelpunkt konstruiert, aber immer in der Meinung und Absicht, jetzt unter diesem, jetzt unter jenem Gesichtspunkt die wahre und damit die göttliche Natur und damit das in sich begründete 627 und durch sich begründende Wesen in Sicht zu bekommen. Diese Meinung und Absicht war und ist wirklich nicht gegenstandslos. Die Natur selbst ruft danach, als dieses Wesen gesehen und verstanden zu werden. |

39 Es hat also schon seinen Grund, dass die naturwissenschaftliche Szene auch beim besten Bemühen immer neuer Generationen von Forschern und Denkern immer wieder wechseln muss, dass wir z. B. in den letzten 80 Jahren von der Materie zur Kraft, von da scheinbar zurück zu den Atomen und von da nun vielleicht wieder vorwärts zu deren «Zertrümmerung» und neuen Integrationen geführt worden sind,29 ohne dass doch die Kontinuität der Forschung und des Denkens auch nur ein einziges Mal abbrach, ohne dass die Einen durch das, was die Anderen nach und neben ihnen sahen, einfach ins Unrecht zu setzen waren. Was kann auf diesem Feld – auch in Form der radikalsten «Grundlagenkrisis»30 – geschehen, als dass das Pantheon sich als immer noch reicher erweist, als man zuvor gedacht hat? 31-Wozu kann es weiter kommen als31 zur Entdeckung immer noch weiterer Unendlichkeiten im Großen und im Kleinen und so zu immer neuen Namengebungen für das in sich begründete und durch sich begründende Wesen der natürlichen Geschöpfwelt: Namengebungen, denen wohl auch in Zukunft mehr oder weniger immer irgend ein reales Sein und Sichverhalten der natürlichen Geschöpfwelt entsprechen wird. Sie ist eben – immer im Bereich unserer Einbildung – voller Götter: ob man sie nun im Einzelnen oder im Ganzen, in den Elementen oder in deren Zusammenhängen zu erkennen habe. Alle kritische und auch wohl skeptische Haltung und Zurückhaltung des einzelnen Forschers kann nichts daran ändern: die Naturwissenschaft ist in ihren Voraussetzungen und in ihren jeweils letzten Worten, sie ist von ihrem Gegenstand her – denn anders als in der menschlichen Einbildung kann auch sie ihren Gegenstand nicht haben – immer auch |40 Naturtheologie, immer auch Anerkennung irgend einer Gestalt jenes autarken und autopisten Wesens, Anerkennung dessen, was dem Hellenismus die στοιχεῖα τοῦ κόσμου32 waren, die mit ihrem Begriff ihre Existenz keineswegs eingebüßt haben. Sie ist darum nicht weniger Naturtheologie, weil sie ihre jeweils letzten Worte so exakt und so nüchtern auszusprechen weiß. 628 Und sie ist als Naturtheologie darum nicht weniger objektiv begründet, weil sie sich scheut, das offen auszusprechen, womit sie doch offen rechnet, weil sie sich ihres theologischen Charakters schämt und also ihre Anerkennung der in ihrem Bereich wandelbar, aber nur umso konstanter existierenden Götter möglichst unsichtbar macht. Es gibt einen Punkt, wo sie sich mit der ästhetischen Betrachtung, die darin viel ehrlicher, und mit der mythischen Betrachtung, die darin viel konsequenter ist, notwendig berühren, wenn nicht vereinigen muss. In der natürlichen Objektwelt als solcher trifft sie ja mit der Dichtung und mit dem Mythus zusammen. Und eben in der natürlichen Objektwelt hat nicht nur der eine, sondern haben viele andere Götter ihre sehr offenbare und bemerkliche Wirklichkeit.

Aber wir sind noch lange nicht am Ende. Der Versuch, die Wirklichkeit der Götter auf die einer göttlichen Natur zu reduzieren, ist zwar so naheliegend und auch objektiv so berechtigt, er ist aber selbstverständlich ebensowenig durchführbar wie der spinozistische Monismus oder wie der Hegelsche Ordnungsruf. Noch ganz anders als die Außenwelt hat sich ja von jeher die Innenwelt, noch ganz anders als die Natur hat sich ja von jeher der Geist, die intelligible Geschöpfwelt als die Gestalt und der Inbegriff der wahren und eigentlichen Gottheit angemeldet und verkündigt. Dass Alles in unserer Einbildung ist, dass, was da ist, von unserem Bilden und also von unserem denkenden Geist umfasst und getragen ist und nur in diesem Akt und Raum unseres Bildens Existenz hat, das ist ja die andere, aller noch so selbstverständlichen Empirie von jeher zur Seite gehende und an Gewissheitsüberzeugung hinter keinem Empirismus zurückbleibende Beobachtung und Feststellung. Was kann man ihr eigentlich entge|41genhalten? Wie kann man sich dem Primat des Geistes widersetzen, wie kann man die von Plato bis zu Kant und Fichte und ihren neueren Nachfolgern vertretene Behauptung der Alles begründenden Funktion der Idee und der sie konzipierenden Vernunft widerlegen? Kann man sie auch nur einen Augenblick an eine zweite, untere Stelle schieben? Ist sie nicht ebenso wahr wie die empiristische Behaup629tung von der Bedingtheit der inneren durch die äußere Welt? Kann man die empiristische Behauptung selbst und als solche vollziehen, ohne eben damit von der Wahrheit des «Idealismus» Gebrauch zu machen, ihr implizit recht zu geben? Aber nun ist ja der Idealismus ebenso fern davon, eine Einheit zu sein, wie das vom Naturalismus, Positivismus, Empirismus, Sensualismus zu sagen ist. Nun ist ja auch die intelligible Welt ein ganzes Reich oder vielmehr ein ganzer Komplex von zusammenhängenden oder auch gegeneinanderstehenden, unter sich konkurrierenden Reichen. Nun ist es also gar nicht so einfach, sich zu entscheiden, was denn nun als das eigentliche Sein zu gelten hat, wenn wir uns wirklich entschließen sollten, das Sein im Bewusstsein zu ­suchen.

Die auf Grund der Mathematik und vielleicht in mathematischer Methode und Strenge sich über sich selbst verständigende, ihre Axiome, Begriffe, Urteilsformen und Gesetze klärende und demgemäß als Licht in der Finsternis sich betätigende theoretische Vernunft kann das Erste und Eigentliche sein.33 In ihrer Weise ist sie das wirklich. Oder was müsste nicht auch für den entschlossensten Naturalisten und gerade für ihn algebraisch und geometrisch, welche Gegenstandserkenntnis müsste nicht mindestens quasi-mathematisch sein, um begründet und also glaubwürdig und haltbar zu sein? Wer postulierte nicht vor und bei allen seinen sachlichen Beobachtungen und Feststellungen irgend eine Art zuverlässiger Gültigkeit, in der sich ein Denkgesetz von einer bloßen Denkgewohnheit oder gar von einer bloßen Denkwillkür unterscheidet? Wer triebe irgend eine Wissenschaft, ohne dass er einer göttlichen «Theoria» als solcher das Ver|42trauen, das sie offenbar fordert und auch fordern kann, schenken würde?

Aber kann und wird man dabei stehen bleiben? Lohnt es sich, von der theoretischen Vernunft nur Gebrauch zu machen, statt daraus, dass wir das notwendig tun, den Schluss auf eine ihr selbst jenseitige, sie begründende und insofern übervernünftig-vernünftige Realität zu wagen? Ist dieses Wagnis, der Weg von Kant zurück zu Plato oder vorwärts zu Fichte und Schelling, vermeidlich? Ist die Kritik der reinen Vernunft: Kants Versuch, die theoretische Vernunft auf ihre Grenzen und also auf sich selbst und 630 also auf ihre Betätigung als mathematisch begründete und geformte Wissenschaft zu beschränken, nun nicht doch ein künstliches und undurchführbares Unternehmen? Hat nicht auch Kant selbst dem «Ding an sich», den Ideen, indem er ihre regulative Bedeutung für die Wissenschaft nicht leugnen konnte, sondern behaupten musste, realen Gehalt zuzusprechen nicht unterlassen können? Kann man auch nur mit etwas rechnen, dem man nicht ernstlich zutraut, dass es in seiner Weise da sei? Könnte die Wissenschaft sich selbst ernst nehmen, wenn sie ihr unentbehrliches Instrument – und das ist eben die more geometrico34 ordnende und verknüpfende Vernunft – nicht als Spiegel einer in sich seienden Wahrheit verstehen, wenn sie also mit einer in sich seienden übervernünftig-vernünftigen Wahrheit nicht ernstlich rechnen würde? Kann der Transzendentalismus jemals etwas Anderes sein als eine Durchgangsstufe zwischen einer und einer anderen Metaphysik, zwischen Leibniz und Hegel? Aber nehmen wir an, dass er sich dessen weigern, dass er sich selbst als reiner Kritizismus behaupten wollte und könnte: müsste und würde dann nicht auch er – je strenger er sich behauptete, umso deutlicher – mit einem nun eben seiner Zurückhaltung entsprechenden höchsten objektiven Sachverhalt rechnen: mit einer unserer theoretischen Vernunft zwar von ferne verwandten, sie von ferne dirigierenden, sie aber zugleich von sich fernhaltenden und auf ihren beschränkten Gebrauch verweisenden, einer nun gerade so realen Ideenwelt? Man wird ja nicht leugnen können: die göttliche, die in sich selbst begründete und so alles begründende Idee existiert tat|43sächlich – eben der reine kritische Transzendentalismus und seine gewiss nicht unbeachtlichen Argumente bezeugen es – auch in dieser Gestalt, nicht ohne Zusammenhang mit den Gestalten, in denen Plato, Fichte und Schelling sie gesehen haben, aber doch auch nicht identisch mit diesen, mit diesen doch unmöglich ganz auf einen Nenner zu bringen.

Aber nun hat ja Kant selbst neben dem, was er in dem bedeutsamen Schlussteil seiner «Kritik der reinen Vernunft»35 vorgetragen hat, noch einen ganz anderen Weg zu einer ganz anderen Gestalt der Gottheit eingeschlagen und gezeigt, indem er die in ihrem theoretischen Gebrauch 631 in ihre Schranken verwiesene Vernunft an ihren praktischen Charakter, an ihr Vermögen, das sittliche Gesetz zu erkennen und zu anerkennen, erinnert und ihr mit dieser Erinnerung die wahre Freiheit zur Beziehung seiner objektiven vernünftigen Realität zugesprochen hat.36 In der Tat: das Wesen der geschöpflichen Vernunft erschöpft sich ja nicht in ihrem theoretischen Apperzeptionsvermögen. Ihr a priori ist ja nicht nur ihre mathematisch oder quasi-mathematisch strukturierte Kraft, von Anschauungen zu Vorstellungen, von Vorstellungen zu Begriffen, von Begriffen zu Gesetzen, von den Gesetzen zur Erkenntnis der Gegenstandswelt fortzuschreiten. Sie ist ja zugleich und mit gleicher, ja überlegener und umfassender Notwendigkeit das Prinzip unseres Wollens und Handelns, und sie kann und muss sich auch als solche mit und über sich selbst verständigen. Sie kann das gültige Sittengesetz entdecken, sie kann es von den nur scheinbaren Ansprüchen ähnlicher Art unterscheiden, sie kann es in Kraft setzen, weil und indem sie es ursprünglich in sich trägt, weil und indem sie in sich, und zwar zuerst und eigentlich, primär praktische Vernunft ist: Gesetzgeber und Richter unseres Strebens, Verkündiger des kategorischen Imperativs. Und hier eben berührt sie das Reich der Freiheit, vielmehr: entdeckt und betätigt sie sich selbst als im Reich der Freiheit befindlich, dessen Betreten ihr in ihrem Charakter als theoretische Vernunft versagt ist, das sie als theoretische Vernunft nur |44 immer anstreben kann, um dann unerbittlich an seinen Grenzen zurückgehalten zu werden. Ein ihrem praktischen Gesetz entsprechendes Handeln ist ein freies, ein diese Grenzen überschreitendes Handeln, obwohl und indem diese Freiheit und die objektive Realität des jenseits dieser Grenzen sich erstreckenden Reiches, obwohl und indem insbesondere der übervernünftig-vernünftige, der transzendente göttliche Gesetzgeber theoretisch nur als Gegenstand eines «Postulates» verstanden werden kann. |

Was bedeutet dieser formale Vorbehalt neben der Eröffnung, die hier tatsächlich stattfindet? Ob sie als Gegenstand eines Postulats oder anderswie existiert, hier ist die objektive Realität der Ideenwelt zweifellos – und viel dringlicher als in der Lehre 632 von ihrer regulativen Bedeutung im theoretischen Gebrauch – handelnd auf dem Plane. Hier existiert sie nicht nur in unerreichbarer Ferne, sondern zugleich in unmittelbarer Nähe. Hier dirigiert sie auch nicht nur aus dieser Ferne, um sich im Übrigen zu versagen, hier redet und gebietet sie in eben der Direktheit, in der der Mensch selbst seine Beschlüsse fasst. Hier ist sie als Forderung und als Erfüllung zugleich in Aktion. Hier muss der sicher schon in der «Kritik der reinen Vernunft» nur latente Enthusiasmus, der nur scheinbar so trockene, in Wirklichkeit geradezu feurige Kant sich verraten, und hier tut er das auch. Und das nicht ohne Grund: Wer den moralischen Charakter der Vernunft gesehen hat, der muss mindestens gelegentlich pathetisch werden – dem ist eben ein weiterer großer Gott begegnet, das sich selbst zum Gesetzgeber und Richter erhebende und faktisch schon als solches funktionierende Geschöpf, der Menschengeist in seiner Eigenschaft als höchste Norm und entscheidender Meister des menschlichen Tuns und Lassens, der wahrhaft «autonome», gerade das Gute sich selbst vorschreibende und eben damit auch zuschreibende «andere Gott».37 Lasset uns niederfallen und anbeten [vgl. Ps. 95,6], auch wenn wir noch zögern mögen, auch wenn wir es vorläufig nur postulatweise wagen sollten, seine Existenz auch theoretisch zu behaupten. Man |45 kann und muss ruhig oder auch höchst unruhig auch vor diesem Gott Halt machen, auch mit ihm in seiner strengen Eigenart sich auseinandersetzen.

Nur dass es eben auch bei seiner Einzigkeit, so feierlich er sie beansprucht, nicht bleiben kann. Es gab und es gibt gerade hier kein Aufhalten. Die immerhin gewahrte Nüchternheit des Kantischen Enthusiasmus, der immerhin auch in Kants Ethik nicht direkt überschrittene Transzendentalismus ist zu intrikat, um jedermanns Sache zu sein. Es hat keinen Sinn, diejenigen zu schelten, die den von Kant so besonnen vollzogenen Schritt in die Freiheit des Intelligiblen in einer von ihm her gesehen weniger besonnenen Art auch versucht haben und die dabei noch auf ganz andere Götter als er gestoßen sind. Denn diejenigen sind auch auf Realitäten, auch auf Götter gestoßen, die die Kantische Lehre zunächst dahin vereinfacht und vergröbert haben, dass sie ganz schlicht im tatsächlich vollzogenen Bewusstsein und Erlebnis unse633res Ich und seines Vermögens in theoretischer, praktischer und ästhetischer Hinsicht, in der Erfahrung der Menschheit im Ganzen wie im Einzelnen, den Grund alles Seins und aller Dinge berühren, die also nicht nur in jenem Vermögen, im vernünftigen Wesen des Geistes als solchen, sondern auch und noch mehr in dessen Gebrauch und Betätigung, in der Aktualisierung jenes a priori, in der Existenz aus dessen Fülle das erstlich und letztlich Begründete und Begründende sehen wollten. Ist Geist-Sein nicht noch mehr als Geist an sich? Ist die bei Kant noch so schmerzlich sichtbare Kluft zwischen objektiver Freiheit und subjektivem Gebundensein nicht überwunden, indem freie Geschöpfe, freie Menschen tatsächlich sind, indem wir uns als solche erleben, indem wir mit unserem Verstand faktisch denken, in unserem Gewissen dem sittlichen Gesetz tatsächlich Respekt zollen und vor allem in unserem Gefühl tatsächlich schon da drüben sind, wohin uns unser Denken und Tun als solches allerdings nicht tragen will, wohin sie nur immer zu zeigen scheinen? Es sind also bestimmte geistige Erfahrungen und Erlebnisse, bestimmte darauf gegründete Haltungen und Gesinnungen, es wird nun eine bestimmte dem Menschen sich aufdrängende und von ihm eingeschlagene Richtung als solche, in der er jetzt dem Gott zu begegnen, vom Gott bestimmt und erfüllt zu sein behauptet. Es ist das unmittelbar stattfindende Geschehen menschlicher Existenz, welches jetzt |46 als höchst befriedigend und beglückend und zugleich als höchst recht und würdig und jedenfalls als zwingend notwendig empfunden und bezeichnet wird. Und man kann auch von diesem Empfinden und von dem ihm entsprechenden, dem romantischen Denken und Reden38 kaum sagen, dass es grundlos, man wird auch von ihm sagen müssen, dass es auf eine bestimmte, reale Gestalt der Gottheit bezogen ist. Neben der abstrakten steht offen oder verborgen immer auch die konkrete, d. h. die persönlich und in der Gemeinschaft von Persönlichkeiten erlebte und gelebte Ideenwelt. Und wer hier anbetet und opfert, der wird den Unwillen, mit dem man von jenem strengeren Standpunkt nach hier herüberblickt, mit jener Ironie beantworten, mit der die Romantiker tatsächlich auf den «alten Kant» zurückgeblickt haben, als ob er überwunden sei.39 Kant 634 und sein Gott waren zweifellos nicht überwunden. Sie sind gar nicht zu überwinden. Kants Gott ist auch ein allmächtiger Gott. Aber der Gott der Romantiker ist es in seiner Weise auch. Und der Streit zwischen beiden konnte und kann darum nur unfruchtbar sein, weil sie beide doch nur verschiedene – wenn auch sehr verschiedene! – Gestalten des einen «anderen Gottes» sind.

Aber der Geist hat noch andere Dimensionen als die, in denen sowohl Kant als die Romantiker ihn gesehen und als Gottheit gepriesen haben. Ist es nicht wahr, dass der Geist nicht ohne die Natur ist und dass er neben seiner Vernunftseite auch eine nicht minder beachtliche, in ihrer Weise nicht minder ernst zu nehmende Naturseite hat? Ist er nur apollinisch und nicht auch dionysisch? Es war doch natürlich, dass man, nachdem die Romantik des Kritizismus müde geworden, nun auch der Romantik müde werden, das Blatt wenden und in das Bewusstsein und Erlebnis des Ich und seines Vermögens |47 nun doch auch die ganze Welt der menschlichen Affekte, Instinkte und Triebe einbeziehen wollen konnte. Es musste doch sein, dass auch die Naturbezogenheit der Geisteswelt zu neuer Ehre gebracht wurde. L. Feuerbach und M. Stirner40, die großen Materialisten der Jahrhundertmitte und im praktischen Bereich besonders Karl Marx haben es in einer nicht mehr zu übersehenden und zu vergessenden – und Nietzsche hat es dann in geradezu exemplarischer Weise getan: exemplarisch nicht nur darum, weil er – auf die Wurzeln des Griechentums zurückgehend – die dionysische Deutung des Geistes als solche so kraftvoll und konsequent durchgeführt hat wie sonst keiner, sondern vor allem auch darum, weil es bei diesem Anlass nun endlich zum Abschluss mit allen Umdeutungen des von der Kirche verkündigten Gottes, aber auch zum Abschluss mit allen sterilen Leugnungen dieses Gottes, weil es hier zur offenen Proklamation eines anderen, eben des dionysischen Gottes gekommen ist.41 Nietzsche theoretisierte nicht nur, als ob dieser andere Gott wäre. Nietzsche spielte nicht bloß mit ihm, wie alle Vorangehenden schließlich doch nur mit ihren anderen 635 Göttern gespielt haben. Nietzsche hat es versucht, ihn bewusst als solchen zu verkündigen und mit ihm zu leben. Daran ist er zugrunde gegangen. Aber das ist auch seine Größe. Er hat seinen Gott als solchen sichtbar zu machen gewusst und eben damit dann doch auch die weithin verhüllten Götter der Anderen. Wir könnten sie in ihrer Göttlichkeit wahrscheinlich nicht so rekognoszieren und analysieren, wie wir es können, wenn wir die von Nietzsche geleistete Demonstration seines anderen Gottes nicht so deutlich vor Augen hätten. Wir hätten freilich vielleicht auch die Leistung Nietzsches nicht so deutlich vor Augen, wenn sie uns nicht in unseren Tagen im Großformat ihrer politischen Anwendung durch den deutschen Nationalsozialismus so gewaltig ins Gedächtnis gerufen worden wäre. So hat in besonders hervorgehobener Weise auch er ein letztes Wort gesprochen.

48 Aber es gibt viele letzte Worte dieser Art. Das einzige war auch das seinige nicht. Zwischen allen den in sich geschlossenen treiben ja immer auch eine ganze Reihe von offenen, sich selbst bewusst widersprechenden und eben in diesem Widerspruch sich gefallenden Konzeptionen vom Wesen des Geistes und treiben dann sicher auch die analogen Götter oder Dämonen des Widerspruchs ihr Wesen. Der Geist kann ja statt in seiner so oder so zu bezeichnenden Einheit auch in seiner inneren Gegensätzlichkeit, in seinen Antinomien und Paradoxien, in seiner Diskontinuität gesehen, erkannt und erlebt werden: in seiner Polarität zur Natur nicht nur, sondern zum Irrationalen als seinem feindlichen und in aller Feindschaft nun doch auch wohlvertrauten, unter Umständen verbündeten Widerpart. Es kann die Geistigkeit auch darin triumphieren, dass sie ihre Vernünftigkeit und damit ihre innere Geschlossenheit ein Stück weit preisgibt und chaotisch wird, oft in wunderlichster Kombination mit einer zum anderen Teil in besonderer Strenge aufrecht erhaltenen wissenschaftlichen Folgerichtigkeit. Wir denken an so manchen seiner ursprünglichen Schule irgendwie müde gewordenen, ihr entronnenen und dann äußerlich und innerlich ohne Anschluss gebliebenen denkerischen Einzelgänger. Wir denken an die verschiedenen gnostischen, theosophischen, anthroposophischen, okkultistischen und ähnlichen Systeme. Der theologische Bezug und die objektive Realität des Gegen636standes pflegen auch hier oft sehr drastisch sichtbar zu werden. Mehr oder weniger aufrichtige und gute, manchmal auch angeblich christliche Religiosität kann gerade auf den wunderlichen Wegen eines an sich selbst verzweifelnden und sich selbst überschlagenden Denkens eine wichtige Rolle spielen. Und warum sollten es die Götter selbst nicht lieben, gerade in den entsprechenden objektiven Trotz-, Misch- und Missgestalten, unter den entsprechenden Doppelgesichtern, in dem entsprechenden realen Widerspruch zu existieren? Und dass gerade solche Konzeptionen so häufig sind, sich auch immer aufs Neue so leicht einleuchtend zu machen wissen, zeigt jedenfalls, dass es so ist, «als ob» gerade hier besonders mächtige und geschäftige Götter auf dem Plan wären. Und anders als im Modus des «als ob» können ja die übrigen, scheinbar solideren und eindeutigeren Götter auch nicht auf dem Plane sein. |

49Man wird aber weiter auch die verschiedenen Möglichkeiten zweifelnder, skeptischer, indifferenter Geisteshaltung in dieser Reihe sehen müssen. Eigentümliche Formen des Selbstvertrauens und der Selbstbehauptung des kreatürlichen Geistes sind sicher auch sie. Denn es braucht sicher nicht nur Müdigkeit und Resignation, sondern auch ein gutes Stück charaktervollen Mutes und Stolzes dazu, von allen geordneten und ungeordneten Konzeptionsversuchen dem Dasein gegenüber zurückzutreten und sich damit zu bescheiden, zu wissen, dass wir nichts wissen können.42 Gerade auf der Höhe seiner Entwicklung hat der europäische Geist des 19. Jahrhunderts sich neben so mancher positiven Verkündigung auch in dem berühmten «Ignoramus – ignorabimus!» (Dubois-Reymond)43 Luft gemacht. Und man kann ruhig fragen, ob diese scheinbar bescheidenste Geisteshaltung: die der «docta ignorantia»44, die ruhige Verehrung45 des «unbekannten Gottes», nicht die selbstbewussteste und anspruchsvollste unter allen ist, weil man sich eben in ihr, je konsequenter man sie durchführt, umso mehr, sicher am wenigsten Blößen geben, sich selbst am besten behalten wird. Und eben der Altar, der damals in Athen gerade aus dieser Geisteshaltung heraus errichtet worden sein soll [vgl. Act. 17,23], |50 ist ein schöner Hinweis darauf, dass das «Introite, nam et hic Dii sunt»46 auch hier gelten, dass es im geistigen Götterhimmel auch objektive Entsprechungen, oder vielmehr Gründe und Ursprünge gerade dieser so beson637ders ökonomischen und hygienischen geistigen Möglichkeit geben dürfte. Sollte die Macht gerade dieser Götter sich nicht darin besonders eindrucksvoll erweisen, dass auch die Verehrer ganz anderer Götter ihrem eigenen Credo zuwider im stillen Kämmerlein je und je, jetzt wehmütig lächelnd, jetzt doch auch aufrichtig erschrocken, gerade ihnen mindestens einige Weihrauchkörner zu spenden47 nicht umhin können?

Und nun würden wir einen wichtigen Bereich übersehen, wenn wir schließlich nicht auch der Welt des kranken Geistes ausdrücklich gedenken würden. Die Geschöpflichkeit auch der intelligiblen Welt und ihre Relativität in ihrer Beziehung zum Naturbereich verraten sich darin unzweideutig, dass der Geist erkranken, dass seine vernünftige Struktur im Zusammenhang mit Leiden und Entartungen des menschlichen Nervensystems ganz oder teilweise verdunkelt, dass seine Funktionen – am Maß seines wesenhaften Vermögens gemessen – aufgehalten und pervertiert werden [können], dass er verwildern, sich verfangen und verwickeln, dass er erstarren und sich zerstreuen kann. Gibt es überhaupt ein schlechthin gesundes, von solcher Störung gar nicht berührtes Geistesleben? Die begründete Vermutung, dass es wohl auch kein schlechthin gesundes leibliches Leben gibt, dass alle leibliche Existenz von Anfang an jedenfalls auch als ein Zerfallsund Entartungsprozess zu verstehen ist, spricht jedenfalls nicht dafür, und eine nüchterne Selbstbeobachtung und Selbstbeurteilung wird das – ganz abgesehen von dem, was wir gelegentlich von allen anderen denken mögen – auch nicht tun. «Halbe Narren sind wir |51 alle», das hat Goethe gesagt!, um dann fortzufahren: «ganze Narren sperrt man ein, aber die dreiviertels Narren machen uns die größte Pein».48 Aber ob größere oder kleinere «Pein»: mit was muss man mehr rechnen vor allem im eigenen Geistesleben und dann doch auch in der Berührung mit dem Anderen als eben mit dem gelinden Wahnsinn, an dem sicher jeder seinen größeren oder kleineren Anteil hat, ohne den wahrscheinlich auf keinem geistigen Gebiet etwas Außerordentliches geleistet würde, der wahrscheinlich gerade in den größten sogenannten genialen Geistern das eigentliche mobile und agens, der aber freilich auch dauernd als Fehlerquelle, als Ursache 638 ihrer lähmenden Einseitigkeiten und ihrer gefährlichen Übertreibungen auch im Guten und schließlich als Ursache dessen wirksam ist, dass auch und gerade ihr gutes Wollen und Wirken so leicht ins Böse umschlagen oder doch ausgesprochen böse Auswirkungen haben kann?49 Was wäre die ganze Geistesgeschichte ohne die Dämonien, die sich gerade auf ihren Höhepunkten in gewissen Einzelnen wie in den Massen immer wieder ausgewirkt haben? Und was wäre die Geistigkeit eines Menschen, dem es gelingen sollte, sich von aller Dämonie zu säubern? Aber freilich: die menschliche Geistigkeit und ihre Geschichte ist auch danach; sie bekundet es in all ihren Irrgängen, Verführungen und Katastrophen, in all ihren Unfruchtbarkeiten, Hypertrophien und Sackgassen, dass sie, von Dämonien heimgesucht, jedenfalls auch eine große Krankheitsgeschichte ist. Und es hat ein Jeder auch dafür zu bezahlen, dass er wahrscheinlich immer gerade da, |52 wo ihn seine besondere Dämonie am stärksten macht, heimlich schwach, so oder so ein Fall ist, an dem nichts zu säubern ist. Der Wahnsinn in seiner ganzen physischen Bedingtheit ist eine Sache, die in denen, die man im Besonderen «wahnsinnig» zu nennen pflegt, doch nur besonders mächtig und unübersehbar zum Vorschein und zum Ausbruch kommt. |

Und nun bedeutet es wirklich keine Leugnung seiner physischen Bedingtheit, wenn man auch hier und gerade hier, wie wir es unter Voraussetzung eines normalen Geisteslebens getan haben, mit objektiven Entsprechungen, Ursprüngen und Gründen, wenn man, wie es das Neue Testament ja gerade hier in besonderer Weise getan hat, mit der Existenz und Wirksamkeit von Dämonien nicht nur, sondern von Dämonen: einer ganzen Welt von Herren und Mächten der Verkehrung, der Verwirrung, der Erstarrung, der Zerstreuung, der Zerstörung rechnet, wenn wir gerade das mehr oder weniger, offen oder heimlich, direkt oder indirekt kranke Geistesleben als treibend nicht nur, sondern auch als getrieben verstehen. Es gibt doch kein Leiden irgendwelcher Art, dem der Mensch so ohnmächtig gegenübersteht wie gerade seinem geistigen Leiden mit dem Glanz und mit dem Elend, das diesem eigentümlich ist – wie gerade seinem eigenen gelinden oder wilden Wähnen, in welchem 639 er sich vielleicht als Genie betätigen darf, in welchem er aber vielleicht gleichzeitig auch sich selbst und Andere so fürchterlich zum Narren halten muss. Die Mächte, denen gegenüber er in dieser Hinsicht so ohnmächtig, von denen er als kranker Geist getrieben ist, die ihm in dieser Hinsicht nicht nur auf den Leib, sondern auf die Seele gerückt sind, von denen er in dieser Hinsicht in Besitz genommen ist, sind die besonderen Götter dieses Bereichs, und man kann, was von allen Göttern gilt, gerade an ihnen studieren: wie sie gewiss nur im Bereich der menschlichen Einbildung, aber eben hier und so höchst greifbar und höchst wirksam existieren. Es wäre gewiss nicht angebracht, nun gerade diesen, den klinischen Aspekt zu verabsolutieren, gerade die Dämonen des kranken Geistes als die Götter auszurufen, zu bewundern, zu verabscheuen oder zu fürchten. Es ist vielmehr auch bei der faszinierenden Erinnerung an diesen Bereich angebracht zu bedenken, dass die Herren, Fürsten und Gewalten, die wir hier so mächtig sehen, mit vielen ganz andersartigen, die man mit ihnen nicht auf einen Nenner |53 bringen kann, zusammen sind. Es ist aber immerhin wichtig, sich klar zu machen: unter den vielen göttlichen Bereichen gibt es auch diesen, und eben an ihn grenzen jedenfalls auch alle anderen derartigen Bereiche. Mit der Existenz und Wirksamkeit gerade auch dieses Bereichs haben wir überall zu rechnen. In seiner Weise erhebt auch dieser – und auch er wahrhaftig nicht umsonst, auch er nicht wirkungslos – den Anspruch, der eine und ganze Bereich der Wirklichkeit zu sein. In irgend einer Verwandtschaft und Zusammengehörigkeit mit den Göttern gerade dieses Bereichs stehen faktisch auch alle anderen Götter.

Wir schließen diesen Versuch einer Übersicht über das Unübersichtliche mit einer ganz primitiven, aber gerade darum umso nötigeren Überlegung über die tatsächlich gelebte Existenz des Menschen, die wir ja mit der Erinnerung an die Welt des Wahnsinns faktisch bereits von allen Seiten berührt haben. Man könnte sich fragen, ob wir mit all dem über die Wirklichkeit der Götter in der Natur- und Geisteswelt Gesagten die Wirklichkeit der uns direkt und praktisch beherrschenden Götter schon erreicht, ob wir dabei nicht mehr von den Voraussetzungen und 640 letzten Ursprüngen menschlichen Denkens und menschlicher Theorien als von den eigentlichen Herren des menschlichen Lebens gesprochen haben. Der Einwand wäre nicht richtig. Der Mensch denkt immer das, was er lebt. Die menschlichen Theorien, die naturalistischen ebenso wie die idealistischen, gehören auch zu den Phänomenen der menschlichen Praxis, und man müsste die hinter und über ihnen sichtbaren Götter nur auch daraufhin ansehen und analysieren, um gewahr zu werden, dass gerade sie in ihrer Weise auch Entsprechungen, Ursprünge und Gründe menschlicher Praxis sind. Man kann und muss aber sicher auch die menschliche Praxis als solche daraufhin ansehen, dass sie eine durch besondere Götter durchgängig regierte und bestimmte ist, wie das in den Beschreibungen des Götterhimmels und der Götterfamilien der meisten Religionen denn auch sehr konkret sichtbar wird. Es gibt auch Götter, die sich in fast ausschließlicher Direktheit gerade für den Ablauf und die Gestaltung des menschlichen Lebens zu interessieren scheinen. Und so ist die Existenz und Herrschaft der Götter tatsächlich auch die sehr primitive Sache, als die wir sie nun noch beschreiben müssen. Man frage sich zu diesem Zweck, was der Mensch eigentlich will, indem er bekanntlich leben, d. h. essen, trinken, schlafen und sein |54 Geschlechtsbedürfnis befriedigen will.50 Was will er mit diesem Wollen? Was scheint er damit wollen zu müssen? Welchen Gewalten scheint er dabei, der Eine mehr, der Andere weniger, der Eine in dieser, der Andere in jener Kombination, unterworfen zu sein? |

Versuchen wir es, uns selbst zu verstehen! Wir streben zunächst, wie es schon am Kleinkind ersichtlich ist, alle danach, auf eigenen Füßen zu stehen, d. h. uns Selbständigkeit und Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Ich bin ich, und ich möchte ich unter allen Umständen sein und bleiben: als ich, der ich bin, möchte ich mich unter allen Umständen, was auch dazwischen kommen, was auch als Modifikation dieses Strebens in Betracht kommen möge, ausleben dürfen. Das Zweite ist dies, dass wir – auch das fängt schon beim Kleinkind an – gesehen und beachtet sein, Teilnahme erwecken und genießen, ein bisschen Mittelpunkt sein, die uns gebührende Ehre in Empfang nehmen möchten. 641 Ich möchte mein Ich-Sein auch Anderen bemerkbar, wichtig und interessant machen, und ich teile meine Mitmenschen in größter Selbstverständlichkeit in die zwei Gruppen derer ein, die diesem meinem Wunsch gerecht oder nicht gerecht werden. Das Dritte ist dies, dass wir alle – wieder schon vom Kleinkind an – mehr oder weniger neugierig sind. Was wir nicht sehen oder nicht genau sehen, was wir nicht verstehen oder nicht recht verstehen, das beunruhigt, das ruft uns, da möchten wir dahinter kommen. Das «nimmt uns wunder». Wir möchten wissen. Darin hat neben geringeren Dingen alle Forschung, auch alle Philosophie ihren Ursprung: dass wir neugierig sind, dass wir jede, aber auch jede geschlossene Schublade um jeden Preis öffnen möchten, um hineinzusehen. Das Vierte ist dies, dass wir spielen, d. h. unsere Fähigkeiten den Dingen und Zuständen unserer Umwelt gegenüber in Betrieb setzen, dass wir uns, so gut es geht, als aktiv an ihrem Dasein beteiligt erweisen möchten. Mit dem Spiel der Gedanken fängt es immer wieder an, mit den |55 absichtslosen Spielen des Körpers geht es weiter, mit dem absichtsvollen Spiel des Verstandes und Gefühls in Verbindung mit dem des Körpers noch weiter, bis das Spiel zur vermeintlich oder wirklich sehr ernsten Arbeit geworden ist, die wir ja, wenn es nach uns ginge, am liebsten eben auch als freies Spiel vollbringen möchten und die uns mit Recht verdrießt, wenn sie das nicht sein kann. Das Fünfte ist sehr schlicht dies, dass wir allerlei haben, dass wir besitzen und behalten und nicht wieder hergeben, dass wir in möglichst großem Umfang das geliebte Wörtlein «mein» realisieren möchten. In letzter, höchster Realisierung dieses Wunsches hat der Mensch das Geld erfunden – es wäre denn, dass es als bequemster und einleuchtendster Inbegriff des heiligen Eigentums vielleicht vielmehr den Menschen eines Tages gefunden und dann nicht wieder losgelassen hat. Aber das heilige Eigentum, der Mammon, hat bekanntlich bis ins Geistigste, ja bis ins Geistliche hinein auch noch ganz andere und viel vornehmere Gestalten. Das Sechste ist dies, dass jeder Mensch mächtig sein, d. h. im Gebrauch seiner Fähigkeiten nicht nur frei, sondern auch Herr und Meister über die Dinge und vor allem auch über seine menschliche Umwelt sein, dass er diese beeinflussen, bestimmen und lenken 642 möchte. Eine Schranke unserer Macht ist immer so etwas wie eine Kränkung, und jedes Niederlegen solcher Schranken ist immer so etwas wie ein Triumph. Jene Kränkung können wir uns nicht gefallen lassen, diesen Triumph müssen wir uns verschaffen. Hier haben wir es bekanntlich mit einem der wirksamsten Hebel der politischen Weltgeschichte zu tun. Aber was im Machttrieb eines Diktators oder auch ganzer Nationen glorios zum Ausbruch kommt, das hat doch schon beim kleinen Trotzkopf in der Kinderstube angefangen und regiert in der Mitte zwischen beiden in tausend angenehmeren Verkleidungen, unter denen das, was man Sanftmut nennt, oft nicht die unwirksamste ist, in denen gerade vermeintlich schwache Wesen oft am herrlichsten zur Erfüllung ihres Wunsches kommen können. Das Siebente ist wieder sehr schlicht die Tatsache, dass wir alle es gern ein wenig lustig haben möchten. «Lust» ist schwer zu definieren. Manche Gelehrte behaupten bekanntlich, dass alle Lust («libido») als eine Modifikation der geschlechtlichen Lust zu verstehen sei.51 Dass sie hier ihre be|56zeichnendsten Formen annimmt, kann wohl sein. Wiederum geht es um eine Erhöhung des Lebensgefühls, die über diesen Bereich doch weit hinausgeht, die jedenfalls der niedrigsten wie der höchsten Form gleich fähig ist. Eben diese Erhöhung möchten wir uns zweifellos dauernd verschaffen. Was nicht lustig ist, das haben wir eben nicht gern. Eben von Lust sind auch alle unsere anderen Bestrebungen immer irgendwie begleitet.

Das Alles wollen wir also. Vielmehr: das Alles müssen wir wollen; alles unser Wollen ist so oder so, in irgend einer Stärke oder Schwäche, in irgend einer Mischung dieser Elemente auch dieses Wollen, unser Vollbringen sicher auch die mehr oder weniger befriedigende Erfüllung dieser unserer Wünsche. Unserer Wünsche? Es sind doch Wünsche, die wir so oder so gar nicht nicht haben können, die uns mit unserer Existenz vorgeschrieben zu sein scheinen. Man braucht sie keineswegs als die sieben Todsünden52 zu charakterisieren. Sie können freilich auch als Sünden und sogar als Todsünden, sie können aber alle auch als Tugenden und Pflichten in die Erscheinung treten. Nur entrinnen können und werden wir ihnen, solange 643 wir als Menschen leben, auf keinen Fall. Außerhalb der Unfreiwilligkeit, in der wir uns ihnen gegenüber tatsächlich befinden, außerhalb der Herrschaft, die sie faktisch über uns ausüben, hat sich weder die große Geschichte der Menschheit noch irgend eine Lebensgeschichte noch irgend ein Teil einer solchen jemals abgespielt.

Wir hätten nach Belieben ebensogut doppelt oder dreifach so viele von solchen primitiven Lebensmächten nennen können. Und noch haben wir ja nur aus den allgemein menschlichen Regungen und Motiven einige herausgegriffen. Wir könnten und müssten mehr ins Einzelne gehen und von den ganz ähnlich unfreiwilligen («natürlichen») |57 Wünschen und Strebungen der beiden Geschlechter, der verschiedenen Altersstufen, Familienverbände und Völker, Stände, Staatsformen und Erwerbsklassen – alles noch einmal in sich differenziert durch die besonderen geschichtlichen Bedingungen der verschiedenen Räume und Zeiten – reden und hätten im Spiegel auch aller dieser Unfreiwilligkeiten die entsprechenden Dominanten – eine nach tausenden und zehntausenden zählende, nein schon in sich einfach unübersichtlich zahlreiche Götterwelt zu erkennen. Um wohl dann erst mit Entsetzen feststellen zu müssen, dass jenseits des allgemein Menschlichen und jenseits von all den Gruppen und Zusammenhängen, in denen wir existieren, ja auch noch – und nicht zuletzt – diejenige Nötigung zu bedenken ist, unter der, wenn nicht Alles täuscht, ein jedes einzelne menschliche Individuum als solches – erhaben dadurch und belastet damit, glänzend und elend darin, dass es nun eben gerade dieses ist – so schlechthin einzigartig und unvertauschbar und unaufgebbar sich selber53 sein muss und unter keinen Umständen sich selber los werden kann. Homo homini Deus:54 jetzt Einer dem Anderen – oft vielen Anderen! –, jetzt so, dass ein Jeder sich selber sein göttlicher Cäsar, Held oder Führer ist. Welche nun wirklich schlechthinigen Abhängigkeiten!55 Und hinter und über diesen (als ihr «Woher»!56): welche weiteren Myriaden von höchst real wirksamen Gottheiten! |

58 So lebt der Mensch: unter so viel verschiedenen, so viel sich teils kreuzenden und widersprechenden, teils gegenseitig bestätigen644den und ergänzenden, aber alle in ihrer Weise unentrinnbaren und mit oder ohne Phantasie und Poesie als herrschend erkennbaren Zwängen, im Bereich von so viel Göttern! Denn unzweideutig das Wesen von Göttern erfüllen doch die unsichtbaren Entsprechungen, Ursprünge und Gründe aller dieser Zwänge, die nirgends als in ihren Wirkungen, hier aber unübersehlich nachweisbaren Objektivitäten hinter und über allen diesen subjektiven Nötigungen. Wo eine Gestalt geschöpflichen Daseins sich als in sich begründet und als Begründung alles übrigen, als erstlich und letztlich wertvoll, zuverlässig und maßgebend ausgibt und geltend macht, da haben wir es mit Göttern zu tun. Eben solche Gestalten, die das tun, bilden aber durchweg die Entsprechungen, Ursprünge und Gründe der menschlichen Praxis ebensowohl wie der menschlichen Theorie. Eben in diesen Gestalten haben wir also die Wirklichkeit der Götter: der fortwährend und auf der ganzen Linie eingebildeten und gerade so existenten Götter zu erkennen. Wir wiederholen: nur in unserer Einbildung haben sie Wirklichkeit. Wir wiederholen aber auch das Andere: eben in unserer Einbildung haben sie tatsächlich Wirklichkeit – und das in einer Weise, die alles Leugnen, auch wenn wir uns solches leisten wollten, zum Spott über uns selber macht. Der Apostel leugnete sie nicht, sondern erkannte und bekannte: εἰσὶν θεοὶ πολλοὶ καὶ κύριοι πολλοί (1.Kor. 8,5).

Wir wenden uns drittens zu der Frage nach ihrer Möglichkeit. Es ist klar, dass wir hier vor der eigentlichen Rätselfrage unseres ganzen Zusammenhangs stehen. Und es ist klar, dass wir erst von hier aus des Letzten werden ansichtig werden können, was dazu zu sagen sein wird: dass die Götter durch die Offenbarung Gottes des Schöpfers widerlegt und überwunden werden. Warum sind sie es noch nicht? Warum nicht zum vornherein? Wie können sie überhaupt Götter werden und sein? 645 Wie sind sie möglich? Alles spricht offenbar dagegen, dass sie möglich sind. Sind sie nicht Gott und sind sie keine Geschöpfe, dann sind sie offenbar nichts, dann kann auch ihre Möglichkeit nur nichtig sein, nur in ihrer Unmöglichkeit bestehen. Dieser Schluss ist zweifellos richtig. Er trifft ja auch mit dem zusammen, was wir aus Gottes Offenbarung über sie zu lernen haben. Wer an diese |59 glaubt, der erkennt eben damit die Unmöglichkeit aller Götter. Aber gerade die uns durch Gott selbst bezeugte Unmöglichkeit der Götter ist nun einmal keine abstrakte, sondern eine konkrete Unmöglichkeit. Der allgemeine Satz, dass die Götter unmöglich sind, wäre ein leerer und falscher Satz, der als solcher sofort zu einer Bestreitung der Offenbarung Gottes werden müsste, aus der wir die Erkenntnis der Unmöglichkeit der Götter allein gewinnen können, in der wir aber zugleich auch das erkennen müssen, dass eben diese 646 unmöglichen Götter im Handeln des Schöpfers mit seinem Geschöpf schlechterdings ernst genommen sind. Und wie ohnmächtig stünden wir mit einem solchen allgemeinen Satz vor dem, was uns als die Wirklichkeit der Götter begegnet ist: Mit einem «Verschwinde doch, wir haben ja aufgeklärt!»57 ist der unsichtbaren Welt jener Dominanten nun wirklich nicht beizukommen. Wenn Alles dagegen spricht, dass die Götter möglich sind, so spricht auch Alles dafür, dass sie eben in ihrer konkret begründeten, realisierten und erkennbaren Unmöglichkeit als solcher ihre besondere Möglichkeit haben. Wir sagten schon: hier muss, entsprechend der hohen Befremdlichkeit der Sache, in einer höchst befremdlichen Richtung weiter gedacht werden; und wir haben, wenn wir dem Problem nicht ausweichen wollen, keine andere Wahl als die, dies nun zu tun.

Zwischen Schöpfer und Geschöpf gibt es – vom Schöpfer ernst genommen und auch vom Geschöpf nicht zu übersehen – ein in sich Unmögliches. Eine Gestalt dieses Unmöglichen sind die Götter. Sie sind darum nicht der Schöpfer selbst und darum auch nicht seine Geschöpfe, weil sie gegen ihn streiten. Sie stehen aber darum in Beziehung zum Schöpfer, weil sie darin ihr Wesen haben, Versuche zu dessen zugleich mächtiger und ohnmächtiger Nachahmung zu sein. Und sie stehen darin in Beziehung zum Geschöpf, dass ihr Wesen in einer bestimmten verkehrten Aktion des Geschöpfs, nämlich in der Anmaßung besteht, in welcher dieses jenen Nachahmungsversuch unternimmt. Im Raum dieser Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf haben wir die Möglichkeit dieses Unmöglichen zu suchen. Hier bildet es sich; hier kommt es auf; hier steht es auf dem Plan; hier ist es wirksam. Hier, in dieser Beziehung, muss es seinen Grund haben. Die |60 Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf als solche ist nicht sein Grund. Die Existenz der Götterwelt ist nicht etwa ein notwendiges Produkt des Verhältnisses zwischen beiden. Es gibt keine Rechtfertigung der Götter. Wir können und dürfen nur sagen, dass jenes Unmögliche hier, im 647 Raum und Rahmen dieses Verhältnisses seinen Grund, hier seine Möglichkeit hat. Im Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf als solchem, so wie es durch den Schöpfer gewollt, gesetzt und geordnet ist, ist nur die Unmöglichkeit und nicht die Möglichkeit der Götterwelt begründet. In ihm ist nur ein Gott – der Schöpfer selbst – und sind nicht viele Götter, ist nur ein Herr und sind nicht viele Herren [vgl. 1.Kor. 8,4–6]. Dieses Verhältnis beruht aber in seinem positiven Bestand auf einer göttlichen Wahl und Entscheidung. Es ist also von außen begrenzt durch das, was Gott nicht wählte, sondern verwarf, durch ein von ihm nicht gewolltes, nicht gesetztes und nicht geordnetes Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf. Ein unwesenhaftes, unwirkliches, unmögliches Verhältnis, das Gott, indem er sein wesenhaftes, wirkliches, mögliches Verhältnis als Schöpfer zu seinem Geschöpf im Akt der Schöpfung begründete, hinter sich ließ, das er eben in diesem Akte verneint hat. |

Von Gottes Schöpfungsakt her gesehen sind die Götter nur möglich in diesem unmöglichen Verhältnis: nur in dem Nichts, dem er das Geschöpf durch dessen Erschaffung entrissen hat. Hier sind die Götter in ihrem Unwesen wesentlich, in ihrer Unwirklichkeit wirklich, in ihrer Unmöglichkeit möglich. Ihr ganzes Wesen und ihre ganze Wirklichkeit ist offenbar die klare Negation dessen, was Gott als Schöpfer gewollt und gewählt hat, und zeigt seinerseits die klaren Spuren der Negation, von der es58 durch Gottes faktisches, positives Wählen und Wollen betroffen ist. Anderswo als da, wo Gott Nein sagt, indem er Ja sagte, können die Götter nicht sein. Eben das sind 648 die Götter, eben das ist der «andere Gott» in seiner Einheit und Vielheit, der Herr und die Herren außerhalb des Bereichs der göttlichen Wahl und Entscheidung: die Dominanten im Bereich eines Schöpfers, wie Gott |61 nicht Schöpfer sein, und eines Geschöpfs, wie Gott es nicht haben wollte. Von Gottes positivem Willen als Schöpfer her gesehen sind sie wirklich das in sich Unmögliche, Undenkbare, Unbeträchtliche, das eo ipso nicht Existierende und Unwirksame! Das ihm in keiner Weise Benachbarte, das ihn gewiss nicht Begrenzende, ihn nicht Hemmende, ihn nicht Störende, das für ihn zum vornherein und ein für allemal Erledigte!

Wir können aber offenbar von Gottes Geschöpf her nicht ohne weiteres dasselbe sagen. Der Akt, durch den das Geschöpf ist, ist ja des Schöpfers und nicht des Geschöpfs eigener Akt. Es hat sich nicht selbst gewählt und gewollt. Es hat sich nicht selbst gesetzt und damit dem Nichts entrissen. So ist es jener Nachbarschaft und Begrenzung und der von dorther drohenden Hemmung und Störung jedenfalls nicht durch sich selbst entzogen. Für das Geschöpf als solches kann das, was Gott verneint und verworfen hat, nicht das in sich Unmögliche, Undenkbare, Unbeträchtliche, nicht das eo ipso nicht Existierende und Unwirksame sein. Es wäre nicht Geschöpf, sondern selber der Schöpfer, wenn es dem von Gott Verworfenen so gegenüberstehen und gegenübertreten könnte, wie Gott es kann und tut. Gott hätte dann nicht Himmel und Erde und den Menschen, er hätte dann einen zweiten Gott, so vollkommen wie er selbst, geschaffen. Die Schöpfung wäre dann identisch mit dem ewigen Zeugen des Sohnes durch den Vater und mit dem ewigen Ausgang des Geistes aus dem Vater und dem Sohne. Das Geschöpf ist aber das Geschöpf und nicht der Schöpfer und hat als solches die Souveränität dem Nichts ge649genüber nicht, die dem Schöpfer als solchem eigentümlich ist. Eben zu diesem nicht wie er selbst souveränen Wesen ist Gott in das Verhältnis des Schöpfers zum Geschöpf getreten. Und eben in dieser Ungleichheit zielt dieses Verhältnis auf den Bund zwischen Gott und dem Menschen, ist es zum vornherein und in sich ein Verhältnis der Gnade des Mächtigen gegen das Schwache, des Vollkommenen gegen das Unvollkommene. Der eigentliche Sinn dieses Verhältnisses ist freilich die Erhebung des Geschöpfs zur Teilnahme an der Souveränität des Schöpfers, des Schwachen zur Mächtigkeit, des Unvollkommenen zur Vollkommenheit. In diesem Verhältnis soll es dazu kommen, dass das Geschöpf auch wählt, was Gott wählt, und auch will, was Gott will, dass es in das überlegene göttliche Ja und Nein des Schöpfers, das |62 es nicht anstimmen kann, nachträglich einstimmt und also jene Nachbarschaft und Begrenzung, jene Hemmung und Störung nachträglich ebenso hinter sich lässt, wie Gott sie als sein Schöpfer ursprünglich hinter sich gelassen hat. In diesem Verhältnis soll es dazu kommen, dass jener ganze Gott negierende und von Gott negierte Bereich auch für das Geschöpf das in sich Unmögliche, Undenkbare, Unbeträchtliche, das eo ipso nicht Existierende und Unwirksame werde, dass im Bund mit Gott auch es als freier Herr über ihm stehe, und also dazu, dass die Götter auch vom Geschöpf her als schlechthin unmöglich erkennbar und erkannt werden. |

Das ist es, was nach Gottes Offenbarung die Absicht seines Bundes mit dem Menschen und damit auch die Absicht der Schöpfung ist. Das ist es, was in Jesu Christi Auferstehung von den Toten in Vorwegnahme und Ankündigung des nahen Endes aller Dinge und des Anbruchs des Reichs der Erlösung schon Ereignis geworden ist. 650 Es wird der Mensch, wie es in der Person und im Werk des fleischgewordenen Sohnes Gottes geschehen und wie es durch ihn zum Vorbild des errettenden Glaubens geworden ist, in der Vollendung des Bundes der willige und so der wirkliche Partner und Gefährte seines Schöpfers werden. So wird es zu dessen Erhebung kommen. So wird das Geschöpf59 mit Gott triumphieren über das drohende Nichts. So wird es geschehen, dass dessen Drohung auch am Geschöpf zerschellen und sich auflösen wird. So wird es zur Existenz eines neuen Menschen, eines neuen, aller Anfechtung schlechthin entrückten, in seiner ganzen Geschöpflichkeit mit Gott und in der Art Gottes existierenden Geschöpfs kommen. Aber diese Erhebung und Erneuerung des Geschöpfs im vollendeten Bund ist Eines: in der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, in ihm als dem Haupt, um deswillen Gott den Menschen und alle Kreatur geschaffen, ist sie schon geschehen, in ihm auch zu sehen, im Glauben an ihn und in der Hoffnung auf ihn zu ergreifen. Das Andere aber ist der Weg, den der Mensch und alle Kreatur mit ihm dieser Erhebung und Erneuerung entgegen zu gehen haben. 651 Ob seine Erweckung und sein Aufruf zu freiem Gehor|63sam schon geschehen oder noch nicht geschehen, ob dieser freie Gehorsam schon stattgefunden oder noch nicht stattgefunden hat? Daran hängt alles. Es hängt alles an seiner völligen und also auch willigen und eben so wirklichen Teilnahme an Gottes Gnadenbund. |

Wenn sie aber ausbleibt? Wenn das Geschöpf also gerade den Sinn und das Ziel seiner Geschöpflichkeit verfehlt? Wenn es nur ist und nun doch nicht in dem Bunde ist, um dessentwillen es ist? Wenn dieser Bund für das Geschöpf nun umsonst geschlossen ist, weil und sofern es meint, sich ihm versagen und entziehen zu können, weil es sich nicht hält an den, von dem es gehalten ist? Wenn nun Gott wohl mit ihm, es selber aber nicht mit Gott handeln will? Wenn also der Kreislauf des göttlichen Handelns von ihm her durchbrochen und zerrissen wird? Dann wird es sich offenbar notwendig zeigen, was es mit jener Gefährdung seiner Geschöpflichkeit, mit der Schwäche und Unvollkommenheit auf sich hat, die es von Gott unterscheidet: dann bricht eben damit der Damm, der es vor dem drohenden Nichts schützen könnte und müsste: was ausgeschlossen da draußen verbleiben sollte auf Grund der in der Schöpfung Gottes gefallenen negativen Entscheidung, das kommt jetzt herein. Es kommt jetzt, da ja das Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf als solches nicht aufgehoben und zerstört werden kann, zu dessen Verwandlung in eine fremdartige Gestalt. Es entsteht jetzt der Raum für einen «anderen Gott» und damit für das ganze Heer der anderen Götter: für ihre Wirksamkeit, für ihre Herrschaft, für die ganze unabsehbare Abhängigkeit und Knechtung des im Bund mit Gott im geschlossenen Kreislauf des göttlichen Handelns freien Geschöpfes. Das ist die Möglichkeit der 652 Götter. So kommen sie in ihrer ganzen Unmöglichkeit von außen herein in das Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf. So können sie gerade da Grund fassen, wo sie wahrhaftig in keiner Weise begründet sind. – Aber die Sache ist wichtig genug, dass wir sie näher und im Einzelnen betrachten und klären müssen.

Die Möglichkeit der Götter ist, allgemein gesagt, eine menschliche Angelegenheit. Der Bund der Gnade, in welchem die Götter widerlegt und überwunden werden, ist der Bund, den Gott in und mit der Schöpfung mit dem Menschen geschlossen hat. Denn es besteht die Vollendung dieses Bundes und also der Sinn und das Ziel der Schöpfung darin, dass Gottes eigener Sohn Mensch geworden ist. Gottes |64 Schöpfung ist freilich nicht nur die Schöpfung des Menschen. Aber eben den Menschen und direkt nur ihn hat Gott zum Genossen und Partner seines Bundes geschaffen. Denn eben den Menschensohn hat er in seinem eigenen Sohn zur Einheit des Seins mit sich selber, und in dem einen Menschensohn hat er alle Menschen zur Gemeinschaft in seinem göttlichen Leben berufen. Was er außer und neben dem Menschen geschaffen, das sind des Menschen Mitgeschöpfe: mit dem Menschen, durch ihn und in ihm zur Verwirklichung des Sinnes und Ziels des Ganzen bestimmt. Der Mensch und direkt nur der Mensch ist Gottes Gefährte auf dem Wege, der dahin führt. Der Mensch und direkt nur der Mensch ist Gottes geschöpfliches Bild, auf das die ganze Schöpfung angelegt ist und als das sie sich in der endlichen Erhebung und Erneuerung des Geschöpfs, wie sie in Jesus Christus schon geschehen ist, herausstellen soll. Und so ist es eben der Mensch, in welchem das Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf eine Geschichte hat. Das ist es, was man von den anderen Geschöpfen so nicht oder eben nur indirekt, nur sofern sie des Menschen Mit653geschöpfe sind, sagen kann. Es ist nämlich der Mensch das Geschöpf, an das eben damit, dass es des Schöpfers Geschöpf ist, auch die Frage gestellt ist, ob es den Schöpfer als solchen erkennen und anerkennen und ob es in der eben damit aufgerichteten Ordnung existieren will. Es ist der Mensch, dem gewissermaßen am Tor der ganzen Geschöpfwelt die Wache übertragen ist, die jedem anderen als dem Schöpfer und dem Geschöpf den Eintritt in diesen Bereich zu verweigern, die diesen Eintritt nur dem wirklichen Schöpfer und nur dem wirklichen Geschöpf und also beiden nur in der ihrer Wirklichkeit entsprechenden Über- und Unterordnung zu gewähren hat. Es ist der Mensch, der darum wissen muss, dass zwischen Schöpfer und Geschöpf kein Drittes ist, der als der Erwählte inmitten der erwählten Geschöpfwelt Gottes Erwählung als solche, die schon mit ihrer Erschaffung gefallene göttliche Entscheidung, das mit ihrer Existenz gesprochene Ja und Nein, die mit ihrem Sein vollzogene göttliche Scheidung zwischen Sein und Nichtsein, den in ihrer Güte offenbarten göttlichen Entschluss und Richterspruch über Gut und Böse zu bestätigen berufen ist. Es ist der Mensch, der den Schöpfer darum zu loben hat, weil er das Geschöpf mit seiner Erschaffung dem Nichts und dem Bösen entrissen hat. Denn es ist der Mensch, der es erkennen darf, dass Got|65tes Geschöpf ist und recht ist, so wie es ist. Es ist aber auch der Mensch, der den Schöpfer deshalb zu fürchten hat, weil das Geschöpf nur durch seinen Willen, nur durch seine weise und mächtige Erwählung dem Nichts und dem Bösen entrissen und über diesem Abgrund gehalten, weil es nur durch ihn sein und recht sein kann. Denn es ist der Mensch, der es erkennen muss, dass der Schöpfer allein das Richteramt und die Hoheit hat über Sein und Nichtsein, Gut und Böse. Es ist also der Mensch die Person, in der das Geschöpf dem Schöpfer verantwortlich ist entsprechend der Verantwortlichkeit, die der Schöpfer seinerseits für das Geschöpf übernommen hat. Es ist der Mensch, in dessen Person das Geschöpf von Gott gehalten und bewahrt wird, dem es aber auch aufgetragen ist, in seiner 654 Person darum besorgt zu sein, dass das Geschöpf sich seinerseits an den halte, von dem es gehalten ist. So ist es wiederum der Mensch, der der Versuchung von Seiten der durch Gottes Wahl und Werk ausgeschlossenen Welt der Nichtigkeit und der Bosheit inmitten des übrigen Geschöpfs direkt, gewissermaßen Auge in Auge gegenübergestellt ist, der, indem er mit Gott Ja sagen darf, auch mit Gott Nein zu sagen bestimmt ist – und wiederum der Mensch, der eben bei dieser Aufgabe das ganze Gewicht der Tatsache zu spüren bekommt, dass auch er nur Geschöpf und also der Souveränität nicht teilhaftig ist, in der Gott sein Ja und sein Nein gesprochen hat.

Sollte es zu viel sein, was von ihm erwartet ist? Ist Gott ungerecht, wenn er von ihm fordert, was doch nur er selbst leisten kann? Wird die Schwäche und Unvollkommenheit seiner Geschöpflichkeit seine Entschuldigung und wohl gar Rechtfertigung sein, wenn er versagen sollte? Man würde das doch nur dann sagen können, wenn man das göttliche Zutrauen vergäße, das ihm diese seine außerordentliche Stellung in der Geschöpfwelt zugewiesen hat und durch das er in der Ausübung seines Wächteramts wahrhaftig nicht belastet, sondern getragen ist. Man müsste Gottes Gnade vergessen, die inmitten der ganzen übrigen Geschöpfwelt gerade dem Menschen und gerade in seiner Person der ganzen übrigen Geschöpfwelt zugewendet ist. Man müsste vergessen, dass doch gerade der Mensch als Gottes in und mit seiner Erschaffung erwählter Bundesgenosse von Gott gehalten, und zwar unerschütterlich gehalten ist. Was ihm Gott versagt hat, das hat er ihm wahrhaftig gerade in seiner Güte versagt: er hat es 655 ihm |66 tatsächlich versagt, selber Gott zu sein und also in göttlicher Souveränität und Originalität jene Wahl und Entscheidung zu vollziehen, d. h. aber seiner Aufgabe zum vornherein und ein für allemal los und ledig zu sein. Und er hat ihm tatsächlich auch dies versagt, als Geschöpf unfrei und unverantwortlich zu sein, seine Übereinstimmung mit ihm, dem Schöpfer, in bloß mechanischer Notwendigkeit zu vollziehen. Beides bietet keinen Anlass zur Klage, keinen Anlass zu etwas Anderem als zur Freude an dem, wozu gerade er mit seiner Erschaffung bestimmt und berufen ist. So braucht sich gerade der Mensch nur zu freuen und in dieser Freude zu tun, was zu tun ist. So hängt nun aber wirklich Alles daran, dass der Mensch das wirklich tue: dass er sich also an Gott halte, von dem er gehalten ist, und indem er sich an ihn hält, mit ihm Ja und Nein sage, dorthin sehe, wo der Schöpfer hinsieht, und dort nicht hinsehe, wo der Schöpfer nicht hinsieht, dass er das etwas sein und recht sein lasse, was durch seinen Willen ist und recht ist, und dass er das in seiner Nichtigkeit und Bosheit auf sich beruhen lasse, was wieder durch seinen Willen als nichtig und böse abgetan 656 und erledigt ist. Von diesem freudigen Tun gibt es allerdings keinen Dispens. In ihm muss das konkrete Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf zu seinem Ziele kommen: gerade weil es die Liebe Gottes ist, die dieses Tun des Menschen unvermeidlich macht: unvermeidlich in der von Gott positiv gewollten und begründeten Ordnung der Dinge, unvermeidlich auf der Linie der erkannten Liebe Gottes, unvermeidlich, wenn man von der Auferstehung Jesu Christi aus nach vorwärts und rückwärts blickt, unvermeidlich, wenn das Tun des Menschen in der Verantwortlichkeit geschieht, die der von Gott für sein Geschöpf übernommenen Verantwortlichkeit entsprechend ist.

Wenn nun gerade der Mensch versagt und also offenbar versagen kann, so werden wir uns hüten müssen, diesem Geschehen oder auch nur diesem Geschehenkönnen einen positiven Charakter beizulegen. Dass der Mensch mit seinem Versagen und Versagenkönnen der Hand des ihn haltenden Gottes weder entfällt noch entfallen kann, dass kein Unterbruch jenes Kreislaufes den Abbruch des göttlichen Handelns bedeutet oder auch nur bedeuten kann, dass das Werk der Liebe Gottes nicht still steht, wenn an die Stelle des freien Gehorsams des Menschen dessen Ungehorsam tritt, das ist wahr. Es ändert doch nichts |67 daran, dass des Menschen Ungehorsam und schon dessen Möglichkeit mit dem positiven Willen Gottes des Schöpfers nichts zu tun hat. Es ist die dem Menschen ge657gebene Entscheidungsfreiheit eine zu hohe und heilige Sache, als dass man sie als zweiseitige und also als Freiheit zum Gehorsam oder zum Ungehorsam verstehen dürfte. Das freie Geschöpf Gottes kann nur frei gehorchen. Gehorcht es nicht, dann hat es seine Freiheit nicht betätigt, sondern verleugnet. Es ist dann gerade seiner Menschlichkeit nicht getreu, sondern ungetreu. Es ist also durchaus nicht menschlich, es ist nicht einmal geschöpflich, wenn der Mensch seiner Bestimmung gegenüber versagt. Als Mensch und Geschöpf, so wie er von Gott positiv gewollt, gewählt und gesetzt ist, kann er gerade etwas Anderes nicht wollen als die treue Erfüllung seines Wächteramtes. Versagt er sich und kann er sich versagen, dann ist dieses Geschehen, dann ist schon dieses Geschehenkönnen nur als der Dammbruch zu verstehen, in welchem in seine Existenz, sein Denken, Wollen, Fühlen und Handeln von außen hereinbricht, was ihm als dem freien Geschöpf Gottes schlechterdings fremd ist, was Gott ihm bei seiner Erschaffung nicht zugedacht, sondern abgesprochen hat, was er in keiner Weise auf Grund seiner Geschöpflichkeit rechtfertigen oder auch nur entschuldigen kann, was schlechterdings gegen ihn spricht, was nur als die Verkehrung seines Wesens verstanden werden kann.

Wir setzen hier voraus, dass das in der Geschichte des Menschen mit Gott tatsächlich Ereignis wird. Der Mensch hält sich eben nicht an Gott, wie er von ihm gehalten ist. Er freut sich nicht, wie er es dürfte und müsste. Er nimmt die Stelle nicht ein, die ihm inmitten der Geschöpfwelt als ihrem Vertreter vor Gott und als Gottes Vertreter ihr gegenüber zugewiesen ist, sondern er tritt neben diese Stelle: er sündigt. Das Verhältnis zwischen dem Schöpfer und ihm, zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf überhaupt wird dadurch kein anderes: es aufzu658heben und durch ein anderes zu ersetzen, dazu hat der Mensch keine Macht. Er hat überhaupt keine Macht, indem er sündigt; er erliegt und verfällt aber einer Macht, indem er das tut. Gott loslassend ist er schon ergriffen und besessen von dem, was Gott verneint und verworfen hat, ist er schon unter die Herrschaft der von Gott ausgeschlossenen Nichtigkeit und Bosheit geraten. Indem Gott seine Untreue nicht mit Untreue vergilt, indem Gott seinerseits ihn |68 also nicht loslässt, ist gesorgt dafür, dass sie eine absolute Herrschaft nicht über ihn gewinnen kann: es wird nicht wahr und wird nie wahr werden, dass er der Nichtigkeit und Bosheit gehört. Das Geschöpf60 kann aber, indem es Gott zu gehören und unter seiner absoluten Herrschaft zu stehen nicht aufhört, ein vom Nichts ergriffenes, besessenes und bestimmtes Geschöpf werden. Und eben das ist die klare Folge der Sünde: dass die Ordnung der Geschöpfwelt gerade an der Stelle, wo sie zu ihrem Ziel kommen sollte, gestört ist durch die Existenz eines Geschöpfs, das, statt in Freiheit dem Schöpfer seinen hervorgehobenen Dienst zu leisten, dem Nichts verfallen und verpflichtet, ein Sklave dessen geworden ist, was der Schöpfer als Nichtigkeit und Bosheit erkannt, verneint und verworfen und darum vom Wesen und von der Existenz der Geschöpfwelt abgesondert und ausgeschlossen hat. Es wird der Wächter dieser Geschöpfwelt zu ihrem Verräter, der ihrem Feind das Tor öffnet, das ihm hermetisch verschlossen bleiben sollte. Und eben das ist’s, was in des Menschen Abfall von Gott geschehen ist und immer wieder geschieht.

659 Indem der Mensch sich nicht an Gott hält, wie er von Gott gehalten ist, wird die durch das positive Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf ausgeschlossene Verkehrtheit zuerst, entscheidend und alles Weitere umfassend und begründend seine, des Menschen Verkehrtheit. Zuerst sich selbst unterstellt er damit, dass er sich der Herrschaft des Schöpfers entzieht, automatisch der Herrschaft des «anderen Gottes» und damit in nuce der Herrschaft der Legionen all der anderen Götter. Zwischen Gott und dem Nichts, Gott und der Verkehrtheit, Gott und den Göttern ist eben kein Drittes. Das Geschöpf, das die Souveränität Gottes nicht hat, dessen Freiheit nur darin besteht, dass es sich an Gott halten kann, hat sich eben damit, dass es das nicht tut, bereits an das Nichts, an die Verkehrtheit, an die Götter gehalten und also sich ihnen ausgeliefert. Es ist damit, dass es von der Gnade Gottes den Gebrauch nicht macht, den es von ihr machen dürfte, des einzigen Schutzes beraubt, dessen es gegenüber dem für jedes Wesen außer |69 Gott unwiderstehlichen Druck der durch des Schöpfers Wahl und Entscheidung zurückgedrängten Gewalten teilhaftig war. Es hat damit, dass es unterließ, im Gehorsam und eben damit wirklich frei zu bleiben, diese Gewalten hereingerufen, jene Dazwischenkunft möglich gemacht. Eben was nicht sein kann, das ist – das kann also sein, das kann also im Bereich des Geschöpfs Gestalt gewinnen, indem dieses der unbeweglichen Wahl und Treue Gottes die Dankbarkeit versagt. Eben dieses Versagen rächt sich sofort darin, dass ihm jetzt – jetzt erst! – seine 660 geschöpfliche Schwachheit zum Fluch und zum Verhängnis wird. Sie war seine Stärke, sofern und solange es sich in Dankbarkeit an Gottes Gnade hielt, solange und sofern es sich Gottes tröstete und freute, wie es der ihm gegebenen Freiheit entsprechend war. Sie kann nur noch Schwachheit sein, sie kann ihm nur noch Fluch und Verhängnis bedeuten, indem [es] seine Dankbarkeit und Freude versagt, indem es eben damit aus der Übereinstimmung mit der unbeweglichen Wahl und Treue seines Schöpfers heraustritt. Die Grenze, die es damit überschreitet, ist die Grenze des Reiches des Nichts, der Verkehrtheit, der Götter. Denn außerhalb der unbeweglichen Wahl und Treue Gottes ist nur dieses von ihm verworfene und verneinte Reich. Und außerhalb der Übereinstimmung mit Gottes Wahl und Treue gibt es für das Geschöpf nur die Übereinstimmung mit den Gewalten dieses Reiches. |

Es ist aber eben der Mensch, in dessen Person sich das Geschöpf in die fatale Übereinstimmung mit den Gewalten dieses Reiches begeben hat. Es ist der Mensch, der ihnen zunächst in seiner eigenen Geschöpflichkeit untertan geworden ist: ohne dass er damit der Herrschaft Gottes als der allein möglichen und wirklichen Herrschaft entfallen und sich entziehen konnte – wohl aber so, dass gerade er zu dieser allein möglichen und wirklichen Herrschaft in Widerspruch geriet, so also, dass diese Herrschaft jetzt gerade ihm zur Anklage und zum Gericht werden musste – so also, dass gerade er (im Raum der unbeweglichen Wahl und Treue, im Raum der souveränen Herrschaft Gottes) an das willkürliche Wollen, an die Untreue, an die ohnmächtige Macht und mächtige Ohnmacht der von Gott verworfenen und verneinten Welt und ihrer Gewalten und also an die Götter preisgegeben wurde. Nicht umsonst haben wir bei der Schilderung der Wirklichkeit der Götter dauernd 661 vom Menschen: vom Bereich seiner Einbil|70dung, von seiner Theorie und von seiner Praxis, von seiner Konzeption der Natur- und der Geisteswelt, von seiner normalen und abnormalen Geistigkeit, von den primitiven Bedingungen seiner Existenz reden müssen. Er zuerst ist so dran, dass er sich über sich selbst und seine Umwelt, über den ganzen Bestand der natürlichen und geistigen Schöpfung gar nicht Rechenschaft geben, dass er gar nicht reflektieren, denken, philosophieren, gar keine Selbstbetrachtung vollziehen und gar keine Weltanschauung sich bilden, dass er aber auch ohne alle Reflexion gar nicht existieren kann, ohne alsbald auf die in sich so unsinnige und widerspruchsvolle Realität der Götter zu stoßen, ohne genötigt zu sein, sie, wenn er ehrlich ist, einfach anerkennen zu müssen. Er zuerst gleicht wohl einem wilden Tier, das nur in seinem Käfig ruhelos auf- und abwandern kann, das wohl zwischen den Wänden und Gittern vorn und hinten, links und rechts, sonst aber keine Wahl- und Bewegungsfreiheit hat. Er zuerst ist der Gefangene und Untertan der Götter, nachdem er sich – seine ihn schützende Bindung an den Schöpfer preisgebend – selber dazu gemacht und insofern von Gott an sie preisgegeben worden ist. Er zuerst kennt seine Geschöpflichkeit nur noch unter dieser Bestimmung.

Man wird nach dem allem 662 das Wesen der menschlichen Sünde sicher nicht darin suchen dürfen, dass der Mensch statt Gott die Götter fürchtet, liebt und ehrt.61 Dass der Mensch das tut, das ist sein Fall: das ist das Sekundäre, damit geht er den Weg des Todes, der der Sünde Sold ist [Röm. 6,23]. Nicht dass er diesen Weg geht, ist die Sünde, sondern die Sünde, nämlich jene Unterlassung: dass er sich nicht an Gott hält, wie er selbst von Gott gehalten ist, ist es, die es notwendig macht, dass er diesen Weg gehen muss, weil dem Sünder nur dieser Weg offen steht. Nicht dass er fällt, ist seine Sünde, sondern dass er sich fallen lässt. Er muss aber offenbar fallen, indem er sich fallen lässt. Dieses Primäre macht sofort jenes Sekundäre notwendig, stellt den Menschen sofort auf den Weg des Todes, auf dem er die Götter fürchtet, liebt und ehrt, auf dem er tut, wozu es einen in seiner Geschöpflichkeit liegenden positiven Grund und Anlass gar nicht geben kann, |71 auf dem er das in sich Undurchführbare unternimmt, die Götter für Gott zu halten. Eben dieses Widersinnige, seiner Geschöpflichkeit Widersprechende muss er jetzt unternehmen: in solcher Radikalität sogar, dass er selber gar nicht mehr sein, seine Geschöpflichkeit gar nicht mehr anders ausleben und so auch nicht mehr anders deuten und verstehen kann als in diesem Selbstwiderspruch, in dieser Verkehrung: so also, dass ihm gerade diese zur Natur geworden ist. Es ist aber wirklich nichts Erstrebenswertes, nichts Verlockendes, nichts Positives in dieser notwendigen Verkehrung. Sie ist nur Befangenheit, nur Irrtum, nur Pein und Qual, nur der Weg des Todes. Wie sollte der Mensch ihn wählen und wollen können? Ihn wählt und will er tatsächlich gerade nicht, auf ihm befindet er sich aber, ihn zu begehen wird sein Teil, was auf ihm zu erleiden ist, muss er, sich selber bestrafend, erleiden, indem er darin sündigt, dass er dem gnädigen Wählen und Wollen Gottes den Gehorsam und die Nachfolge verweigert, zu der er geschaffen ist. Aus diesem schlechthin Unerklärlichen folgt das schlechthin Widersinnige und Widerspruchsvolle seiner Existenz im Bereich der Götter.

Aber nun ist er 663 nicht umsonst dieses Geschöpf, der Mensch, und also das Wesen, in welchem das Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf nicht nur Zustand, sondern Ereignis und Geschichte ist. Nun befindet sich gerade der Mensch nicht umsonst in jener Schlüsselstellung. Wie der Mensch ist, so ist auch seine Umwelt. Wie dieses Geschöpf ist, so ist auch sein Mitgeschöpf. Es ist gewiss nicht nur so, wie der Mensch ist. Es existiert gewiss zu seinem eigenen Heil und zum Heil auch des Menschen nicht nur in seiner Beziehung zu diesem, sondern auch in seiner eigenen Unmittelbarkeit zu Gott. Es gibt bei allem Zusammenhang zwischen dem Menschen und seinen Mitgeschöpfen sicher auch eine diesen eigene, vom Sein und Sosein des Menschen nicht berührte Freiheit, in welcher sie mit dem Menschen weder stehen noch fallen, in welcher sie, ohne mit ihm aufgerufen zu sein und gehorchen zu dürfen, ohne sich mit ihm zu freuen oder zu leiden, ohne mit ihm Licht oder Finsternis zu sein, von Gott gehalten sind. Es gibt ein vom Menschen unabhängiges Sein der Naturwelt. Es gibt aber in Gestalt der Engel auch eine vom Menschen ebenso unabhängige geistige Welt. Das Alles ändert aber nichts daran, dass die den Menschen sichtbar und unsichtbar umgebende Kreatur jedenfalls |72 auch und unter diesem besonderen Aspekt dann sogar ganz mit ihm, seinem Sein und Sosein in Zusammenhang steht. Sie existiert nicht nur in des Menschen Einbildung. Sie existiert aber auch, und zwar ganz auch in des Menschen Einbildung. Das will sagen: sie ist, ihrer Freiheit vor Gott und in Gottes Hand unbeschadet, auch ganz und gar das, was sie in dem Bilde ist, in welchem sie für des Menschen Wahrnehmen, Fühlen und verknüpfendes Nachdenken vorhanden ist. Sie ist in diesem Bild auch ganz und gar mit dem Menschen, zu ihm hin und von ihm her. Und so gewiss der Mensch, in dessen Bild sie ist, wirklich ist, so gewiss ist sie auch – nicht allein, aber auch! – wirklich als das, was sie in diesem Bil664de ist, auch wirklich als das, was sie für den Menschen ist, auch wirklich als das durch ihn bedingte Mitgeschöpf. Eben von daher ist nun aber auch der Einbruch des Nichts, der Verkehrung, der Herrschaft der Götter eine Sache, die nicht nur die Geschöpflichkeit des Menschen, sondern wegen der besonderen Stellung und Funktion des Menschen die ganze Geschöpfwelt angeht.

Dass dieser Einbruch die Herrschaft Gottes wirklich nicht antasten und erschüttern, dass er nur innerhalb ihres nicht zu zerstörenden und nicht zu begrenzenden Bereichs ein Reich des Widerspruchs aufrichten kann, das zeigt sich eben darin, dass die übrige Geschöpfwelt dem Menschen gegenüber auch ganz frei bleibt, von Gott gehalten in ihrer Unverantwortlichkeit ihr Wesen hat und ihren Gang geht, als wäre nichts geschehen,62 als gäbe es keinen Sündenfall, als wäre das große Unheil bei der Wache an ihrem Tor nicht geschehen. Wenn es der Mensch vermöchte, so würde er es sehen, so würde er sich dessen trösten, dass dem so ist: er würde sich die Unberührtheit, in der der Lobgesang der Natur drunten und der Lobgesang der Engel droben an seinem eigenen Unheil vorbei weitergeht, zum Unterpfand dafür dienen lassen, dass der Schöpfer, der sie hält, auch ihn in seiner ganzen Verkehrtheit zu halten nicht aufgehört hat noch aufhören wird, so dass er nicht verloren gehen kann. Aber eben dieser |73 tröstliche Lobgesang der Natur und der Engel ist ja notwendig verborgen vor seinen Ohren, indem er selber dem Nichts, der Verkehrtheit, den Göttern verfallen ist. Eben in dieser unberührten Freiheit vor Gott kann ja, nachdem er selbst sie verloren und mit Gefangenschaft vertauscht hat, auch seine Umwelt in seinem Bilde nicht weiter existieren. Eben dieses Trostes: dass sein Mitgeschöpf nach wie vor steht, kann ja der selbst gefallene Mensch nicht teilhaftig sein noch habhaft werden. In seinem Bilde, für ihn und damit sehr wirklich existiert auch sein Mitgeschöpf insgemein nur als mit ihm gefallenes, d. h. aber als mit durch jenen Einbruch gestörtes, ja zerstörtes, mit ihm dem Nichts, der Verkehrung, den Göttern verfallenes und von ihnen regiertes Geschöpf.

Auch von hier aus ist deutlich: Sünde und Fall, Sünde und Existenz im Bereich der Götter sind nicht 665 identisch. Aufgerufen, sich an Gott zu halten, wie er von ihm gehalten ist, und also verantwortlich ist nur der Mensch: er im Namen der ganzen Geschöpfwelt. Das Versagen in dieser Verantwortlichkeit und also die Sünde ist nur seine Unterlassung. Des Menschen Mitgeschöpf hat nicht gesündigt. Was von ihm nicht gefordert ist, das kann es ja auch nicht unterlassen. Es kann sich die Freiheit seines fraglos verlangten und fraglos geleisteten Gehorsams nicht in Ungehorsam verkehren. Es ist aber in der Folge der menschlichen Sünde auch des Menschen Mitgeschöpf gefallen: in des Menschen Einbildung, aber gerade hier sehr wirklich mit dem Menschen und wie der Mensch in den Bereich des Widerspruchs und Widersinns geraten. Jener Zusammenhang besteht nun einmal bei aller Begrenztheit, in der er besteht, nicht umsonst. Indem der Mensch ein Anderer wird, ist es notwendig so, dass auch seine Einbildung und dass in seiner Einbildung auch seine ganze Umwelt eine andere wird. Indem er verändert ist, ist es auch sein Wahrnehmen und Denken, ist es auch seine Einbildung und in seiner Einbildung auch seine Umwelt, ohne dass er an irgend einer Stelle dieser Reihe ein «nur» einschalten und sich darüber beruhigen könnte, dass die Veränderung nicht wirklich sei.

Dies ist aber die Veränderung der Umwelt, um die es hier geht: der «andere Gott» und in nuce die vielen Götter, die für den Menschen an die Stelle Gottes getreten sind, denen er als Sünder Liebe, Furcht und Ehre entgegenzubringen nicht umhin kann, begegnen ihm nun von allen Seiten auch als die Dominanten dessen, was nicht er selbst, wohl aber mit ihm ist und also den Gegenstand seiner Einbildung bildet. |74 Die Phänomene, Kräfte und Beziehungen der Naturwelt, aber auch die Prinzipien, Ideen und Gesetze der 666 Geisteswelt, aber auch und nicht zuletzt die allgemeinen und besonderen Triebe und praktischen Motive, die seine primitive Existenz bedingen, verdichten sich – in dem Maß umso mehr, als der Schöpfer dem Menschen faktisch ein Fremder wird – zu selbständigen Notwendigkeiten, zu in sich bewegten und durch sich wirksamen Potenzen, zu eigenen Offenbarungsquellen63 und Autoritätszentren. Wo vorher schlicht der natürliche oder geistige, der äußere oder innere Kosmos war, da sind jetzt kos|75mische Herren. Wo vorher lauter echtes reflektiertes Licht war, da blitzt und funkelt es jetzt in lauter unechter Ursprünglichkeit. Wo vorher Freiheit war, da gelten jetzt bestimmte Normen, da stehen jetzt bestimmte souveräne Throne und inappellable Richterstühle. Da gelten jetzt bestimmte sakrosankte Gesetze. Die Welt ist auf einmal verzaubert. Und eben ihre Verzauberung hat den Charakter ihrer Wirklichkeit bekommen. Gerade des Menschen Traum ist des Menschen Leben,64 gerade die Traumgestalten mit ihren eigentümlichen Anforderungen und Einwirkungen sind die von ihm ernst genommenen Realitäten, sind feierlich verehrte und zugleich selbstverständlich respektierte Namen geworden. Der Kosmos hat aufgehört, relativ zu sein. Er bevölkert sich, wunderlich genug, mit vielen Absoluten, die als solche natürlich nicht unter sich harmonieren, mit denen natürlich auch der Mensch nicht gleichzeitig harmonieren kann, die weder unter sich noch mit dem Menschen zusammen jenen Lobgesang singen können. Da ist lauter gegenseitige Problematisierung, Verdrängung, Verneinung, Aufhebung. Da will eine jede von diesen Potenzen und Wahrheiten, ein jedes von diesen Gesichtern und Gesetzen für sich gesehen sein, für sich nach dem Menschen greifen und ihn für sich gewinnen. Da findet er sich jetzt hierher, jetzt dorthin gerufen und gezerrt. Da fühlt er sich hier zum Erstarren und dort zur Zerstreuung gezwungen, hier zur Begeisterung entflammt und dort zur Verzweiflung gebracht, hier zur Leidenschaft entfacht und dort in die Teilnahmslosigkeit verwiesen. Soll er sich mit den verschiedenen Autoritäten und ihren Ansprüchen «auseinandersetzen», d. h. den ohnmächtigen Versuch machen, sich ihnen gegenüber dadurch zu behaupten, dass er sich die 667 Existenz einer Ordnung (Erkenntnisordnung, Seinsordnung, Wertordnung und dergleichen) inmitten der Unordnung willkürlich einredet? Oder soll er hastig abwechselnd einer nach der anderen von diesen Absoluten – jeweils zu Ungunsten derer, die er vorher berücksichtigt hat, und derer, die er erst später berücksichtigen kann – seine Reverenz bezeugen und seine Opfer darbringen? Oder soll er sich als unsystematischer Eklektiker in einer |76 gewissen Inkonsequenz versuchen und zu beruhigen versuchen? Er wird nur Eines sicher nicht können: er wird nämlich den Göttern, den Dominanten, den Absoluten, der Unendlichkeit der von allen Seiten höchst kategorischen Imperative nicht entfliehen können. Er wird daran nichts zu ändern vermögen, dass sie im Gefolge seiner eigenen Sünde in der Engelwelt droben und in der Naturwelt drunten, im Unsichtbaren und im Sichtbaren auf dem Plane sind, dass seine ganze Mitkreatur sich tatsächlich wie er selbst im Fallen, auf dem Wege des Todes befindet. Er wird ihre Vergötterung und also ihre Verzauberung und also ihr Verfallensein an das Nichts nicht rückgängig machen, er wird sie im besten Fall immer nur umdeuten können. Und seine Philosophien und Weltanschauungen sind lauter Versuche, die verzauberte Welt65 umzudeuten, d. h. der Tatsache, dass da Götter sind und herrschen, einen anderen, harmloseren, für ihn selbst ehrenvolleren Namen zu geben, die Kakophonie, von der er umtönt ist, durch seine eigene, vermeintlich besser klingende Stimme zu übertönen und zuzudecken. Nur dass er dabei vergisst, dass er selbst der fremden Gewalt zuerst verfallen ist, dass gerade seine eigene Stimme sicher nicht besser klingt als die Stimmen des übrigen entfesselten Chaos und dass sie dem Ganzen dieser Kakophonie so wenig gewachsen ist wie die Stimme von Goethes Zauberlehrling den Geistern, denen er zuerst rief und die er hernach so gern wieder losgeworden wäre.66 Der ganze geistige und natürliche Kosmos leidet nun einmal unschuldig mit dem Menschen.

Er leidet: seine Vergötterung entspricht ja keineswegs seinem Wesen, sondern steht zu diesem im Widerspruch. Ihm ist ja etwas zugefügt, indem er verzaubert ist. Und was ihm zugefügt ist, ist ja nur scheinbar sei668ne Er|77höhung und Verherrlichung. Gerade diese ist ja in Wirklichkeit, sofern sie seine Vergötterung ist, sein Elend. Wie wunderbar schön und friedlich und heilvoll der Kosmos ist, das kann ja nicht zur Geltung kommen, das bleibt ja gewaltsam unterdrückt, indem er in der Einbildung des Menschen zu einem Olymp und zu all den anderen Götterhimmeln geworden ist. Gerade sich selbst kann er ja in seiner Vergötterung nicht ausleben. Und gerade in dieser Fremdgestalt seiner Vergötterung, in der Gestalt «dieses Äons» kann er ja auch keinen Bestand haben, trägt er den Todeskeim schon in sich, kann er nur zum Vergehen bestimmt sein und ist er schon im Vergehen: ein «mundus senescens»67, der mit dem Menschen dem Tode verfallen ist. |

Er leidet unschuldig. Denn wohl ist er in seiner Vergötterung in einer Anmaßung und also in einer Auflehnung gegen Gott begriffen. Und wohl ist er in dieser Auflehnung gegen Gott in Wahrheit lauter Plage und Qual für den Menschen. Aber die Verantwortung, in der er das ist, ist nicht die seinige. Indem der Mensch fiel, geriet er unter den Kosmos. So stieg dieser in die Höhe. So wurde er vergöttlicht. So fiel er mit dem Menschen, weil eben seine Erhöhung und Vergöttlichung in Wahrheit doch auch für ihn nur Fall sein konnte. Es ist der Fluch und das Verhängnis der menschlichen Geschöpflichkeit, die sich in ihm wiederholen, sofern er der Kosmos des Menschen, sofern er in dessen Einbildung ist. Es ist der Widersinn und Widerspruch, in den der Mensch sich gestürzt, dessen nun auch er teilhaftig ist. Und indem er mit dem Menschen leidet, wartet er nach Röm. 8,20f[f]. auf des Menschen Befreiung zur Herrlichkeit 669 der Kinder Gottes, ist er darauf angewiesen, mit dem Menschen zu seufzen, mit dem Menschen sich zu sehnen nach dessen Befreiung von der Vergänglichkeit, mit der allein auch seine eigene sich ereignen kann.

So also steht es mit dem nicht zu leugnenden und nicht zu übersehenden Zusammenhang der ganzen Schöpfung hinsichtlich der Götter. Sie haben zuerst für den Menschen Wirklichkeit, dann aber und dann sofort auch für das ganze mit ihm geschaffene Dasein im Himmel und auf Erden. Indem der Mensch versagt, ist die Fremdherrschaft, ist der |78 «andere Gott» und sind die vielen Götter durch das verräterisch geöffnete Tor da hineingetreten, wo sie nicht hingehören, hat die Dazwischenkunft einer Störung im Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf stattgefunden, die nicht für den Schöpfer, wohl aber für das Geschöpf alles, was es in diesem Verhältnis ist, seine Existenz und seine Güte, seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schlechterdings in Frage stellt. Denn sofern es unter 670 dieser Fremdherrschaft steht, ist ihm das Urteil gesprochen, dass seine Existenz und seine Güte verwirkt sind, dass es nur noch vergehen kann.

Die Möglichkeit dieser Fremdherrschaft und also der Götter ist nach dem allem identisch mit der Möglichkeit jenes Loslassens der Gnade, jenes Versagens in der gerade dem Menschen auferlegten Verantwortung. Man kann ja dieses Versagen nicht begründen. Man kann es weder aus dem Willen des Schöpfers noch aus dem Wesen seines Geschöpfs verstehen und ableiten. Es gibt keine allgemeine Regel, in deren Rahmen es als Spezialfall zu erklären wäre. Es gibt keine positive Bezeichnung, durch die es verständlich zu machen wäre. Alles, was man hier zu nennen pflegt: des Menschen Selbstliebe, Eigenwilligkeit oder Hochmut, seine böse Lust oder seine Vergesslichkeit, ist ja schon sein Fall, schon die Folge seines Versagens, schon die Äußerung seiner Existenz unter der Fremdherrschaft. Dafür, dass er sich fallen lässt, wo er in seiner ganzen Schwachheit so mächtig gehalten ist – dafür, dass er sich an Gottes Gnade nicht genügen lässt [vgl. 2.Kor. 12,9] und eben damit ihr Feind wird – für den Akt selbst, in welchem er jener Fremdherrschaft das Tor öffnet, gibt es kein positives Wort und so auch nicht für die Möglichkeit der Götter, die ja eben mit dieser Möglichkeit identisch ist. Man kann die Möglichkeit der menschlichen Sünde und also die Möglichkeit der Götter nur als die Möglichkeit des Unmöglichen bezeichnen, die darum nicht zu leugnen, mit der darum zu rechnen ist, weil ihre Wirklichkeit für sich selber spricht, weil sowohl der Fall des Menschen als auch die Herrschaft der Götter Ereignis sind. Für das gemeinsame Woher dieses doppelten Ereignisses aber, für die Möglichkeit dieser Wirklichkeit gibt es außer dem Wort «Nichts» kein anderes Wort, wobei unter «Nichts» eben die Totalität des von Gott dem Schöpfer im Akt der Schöpfung Verneinten und Verworfenen, die Totalität des von ihm von der Koexistenz mit ihm, vom Sein vor seinem Angesicht (im Un|79ter671schied zu seinem Geschöpf!) Ausgeschlossenen zu verstehen ist.68 Dass dieses von Gott dem Schöpfer selbst als solches charakterisierte Nichts ist, das ist die Möglichkeit der Sünde und der Götter, die hinter ihrer nicht zu leugnenden Wirklichkeit steht. Dass er diesem Nichts dient, indem er sündigt und indem er eben damit die Götter hereinruft, das ist’s, womit der Mensch zu rechnen, das ist’s, worüber er sich angesichts seines Falls und angesichts der Herrschaft der Götter im Klaren zu sein hat.

Die Frage der Möglichkeit der Götter kann also abschließend nur mit einigen von ihrer Möglichkeit wegweisenden und also gerade nicht ihre Möglichkeit, sondern nur ihre Unmöglichkeit und diese nur indirekt beleuchtenden Feststellungen beantwortet werden:

1. Wir erkennen an dem eigentümlichen Charakter der Wirklichkeit der Götter die Weisheit, in der Gott im Akt der Schöpfung gewählt und entschieden hat. Die Wirklichkeit der Götter und eines von den Göttern regierten Menschen und Kosmos ist der Fall, ist das Chaos, ist die Existenz in der Widersinnigkeit und im Widerspruch. Der den Göttern unterworfene Mensch ist der zutiefst leidende, der unselige, der dem Tode verfallene Mensch. Und wir sahen, dass dasselbe auch von seinem Kosmos zu sagen ist. Die Götter führen nicht, sondern sie verführen. Sie helfen nicht, sondern sie stören und verwirren. Sie erretten nicht, sondern sie verderben. Sie sind nicht die Freunde, sondern die Feinde des Menschen. Sie sind nicht die Erleuchtung, sondern immer wieder die Verfinsterung des Kosmos. Da sie im Nichts, in der von Gott nicht gewählten und gewollten, sondern verworfenen und verneinten Geschöpflichkeit ihren Grund und ihre Möglichkeit haben, sind sie gerade in ihrem negativen Charakter der Erweis für den Sinn und das Recht jener zu ihren Ungunsten vollzogenen göttlichen Wahl und Entscheidung. In diesem Sinn können und müssen auch sie Gott loben. Sie beweisen durch ihr Wesen und ihre Wirkungen, dass Gott nicht willkürlich, sondern gerecht, nicht zufällig, sondern weise so wählte und entschied, wie er es getan hat. Was er nicht wählte und wollte, das zeigt sich in der Wirklichkeit der Götter in seiner ganzen Unwürdigkeit. So hat Gott nicht wie ein Tyrann, sondern wie ein kundiger Richter entschieden zwischen dem, |80 was Nichts sein 672 und bleiben, und dem, was als sein Geschöpf etwas werden sollte.

2. Wir erkennen an der Identität der Möglichkeit der Götter mit der der menschlichen Sünde Gottes Gnade als die schlechthinige Bestimmtheit des Verhältnisses von Schöpfer und Geschöpf. Sündigen heißt Gottes Gnade fahren lassen und eben damit den Göttern rufen, eben damit ihnen Wirklichkeit geben. So ist die Sünde und ist das Hereinrufen der Götter die der Gnade Gottes widerstrebende und ihrerseits durch die Gnade Gottes bestrittene und ausgeschlossene Möglichkeit. In seiner Gnade hat der Schöpfer jenen Richterspruch gefällt. Indem er am Maß seiner Gnade maß, hat er unterschieden zwischen dem, was Nichts sein und bleiben, und dem, was als sein Geschöpf etwas werden sollte, hat er das Mögliche abgesondert und getrennt vom Unmöglichen. Er hat wohl gezürnt, aber er hat vor allem und noch mehr geliebt, er hat in seiner Liebe gezürnt, indem er das tat. Sein Wählen war Gnadenwahl, und sein Wollen war Gnadenwollen. Was da ist, das ist, weil er gnädig ist. Und auch was nicht ist, ist darum nicht, weil er gnädig ist, weil er dem, was ist, nicht nur das Sein, sondern mit dem Sein auch sein Erbarmen geschenkt [hat], es vor dem Nichtsein bewahren wollte. Die Möglichkeit der Sünde und des Hereinrufens der Götter steht also auf alle Fälle, sie steht gerade in ihrer nicht auszusagenden Nichtigkeit diesem göttlichen Erbarmen als dem Grund der wahren und echten Möglichkeit gegenüber. An ihm wird gesündigt, und ihm wird ja auch mit dem Hereinrufen der Götter Hohn gesprochen. Es bleibt auch der gefallene Mensch und der gefallene Kosmos dem göttlichen Erbarmen konfrontiert: keiner nackten Majestät69, keiner leeren Freiheit und auch keiner abstrakten Ge|81rechtigkeit, sondern dem mitleidenden, sein Geschöpf nicht verlassenden, sondern suchenden und findenden Herzen Gottes – dem Gott, der das, was durch ihn ist, in seinem Sein bewahren und also nicht verloren gehen lassen will. So ist schon die Möglichkeit der Götter in ihrer ganzen furchtbaren Unbegreiflichkeit jedenfalls keine solche, die uns von der Liebe Gottes scheiden kann [vgl. Röm. 8,35]. Sie ist zum vornherein umfasst und beherrscht von dieser Liebe.

3. Es bleibt die befremdliche Tatsache, dass eben der Mensch als 673 Gottes Geschöpf sündigen, den Göttern rufen und damit – nur im umgekehrten Sinn – eine Wahl und Entscheidung vollziehen kann wie die Gottes selber, durch dessen Schöpferweisheit und Schöpfergnade über Sein und Nichtsein, Möglichkeit und Unmöglichkeit entschieden wurde. Sollte der Mensch selbst der «andere Gott» sein, der im Streit gegen Gottes positiven Willen dieser verkehrten Wahl fähig ist wie Gott der rechten? Aber dass er kein Gott ist, das zeigt sich schon darin, dass er doch nur die schon getroffene Wahl Gottes zu verkehren vermag – das zeigt sich darin, dass er selbst es ist, der in dieser verkehrten Wahl nicht etwa zum Herrn, sondern zum Sklaven wird und als solcher leiden muss – das zeigt sich endlich in der Begrenzung der Tragweite seiner Wahl, durch die ja die Wahl Gottes doch nicht rückgängig gemacht werden kann. Und gerade als menschliche Fähigkeit, als eine zu des Menschen Geschöpflichkeit gehörige Kapazität kann das, dass er sündigen, dass er die Götter hereinrufen kann, unmöglich verstanden werden. Dass er das in seiner ganzen Unmöglichkeit tut, ist das Einzige, was wir sagen können. Es ist aber schon richtig: er tut dieses Unmögliche in formaler Ähnlichkeit und Berührung mit Gott, wie wir das ja auch vom Wesen der von ihm hereingerufenen Götter zu sagen hatten. Die Tatsache, dass gerade er gerade das tut, beleuchtet allerdings aufs Gewaltigste die ausgezeichnete Stellung gerade dieses Geschöpfs. Gerade er steht wie Gott und mit Gott auch dem Nichts gegenüber. Gerade er ist von dorther ansprechbar: kein anderes Geschöpf, nur der Mensch – oder alle anderen |82 Geschöpfe nur im Zusammenhang mit diesem Geschöpf. Der Mensch versagt in diesem Gegenüber. Aber er müsste nicht versagen. Er beweist, indem er versagt, dass er auch nicht versagen könnte. Seine Wahl und Entscheidung könnte auch positiv und negativ in Übereinstimmung mit der Gottes geschehen. Es könnte nicht umsonst sein, dass sein Gegenüber auf der anderen Seite das unwandelbare Erbarmen Gottes ist. Ist der Mensch in seinem Versagen, ist der sündigende Adam als solcher etwas Anderes als die Weissagung und das Vorbild Jesu Christi, in welchem Gott selbst als Mensch und an aller Menschen Stelle die rechte an die Stelle der verkehrten Wahl gesetzt hat? Wenn es so ist – nach Röm. 5,12–21 ist es so –, dann hätte die Möglichkeit der Götter in letzter Instanz nun doch auch positive, und zwar die höchste positive Bedeutung.

674 Wir stehen vor dem Ziel unserer Überlegungen, und es ist die Beseitigung der Götter, auf die wir nun viertens noch hinzuweisen haben. – Hinzuweisen haben! Direkter als so werden wir das, was für uns in dieser Sache zu tun ist, nicht auffassen und bezeichnen können. Was wir zur Beseitigung der Götter tun können, wird immer nur darin bestehen können, dass wir darauf hinweisen, nachdem wir und sofern wir selber darauf hingewiesen sind.

Falsche Ansichten können durch bessere widerlegt werden. Die Götter sind allerdings auch die Sache einer falschen und ihre Beseitigung ist allerdings auch die Sache einer besseren Ansicht. Aber gerade von dieser falschen Ansicht ist und wird niemand jemals so frei, dass er sie mit einer besseren Ansicht in der Hand so widerlegen könnte, dass ihr Inhalt: die Wirklichkeit und Herrschaft der Götter, nun tatsächlich beseitigt wäre. Denn auch wenn er die falsche Ansicht als solche auf Grund einer besseren in ihrer Falschheit völlig durchschaut, sie also völlig widerlegt hätte, müsste er gewahr werden – und ist es so, auch wenn er dessen nicht gewahr wird –, dass die Götter tatsächlich immer noch wirklich sind und dass er sich immer noch unter ihrer Herrschaft befindet. Und es gehört zum Inhalt gerade der besten – vielmehr der einzig durchschlagenden – Ansicht, die der falschen Ansicht von der Wirklichkeit und Herrschaft der Götter entgegenzustellen ist, dies, dass die tatsächliche Beseitigung der Götter auf jeden Fall nicht primär die Sache unseres menschlichen Denkens und also |83 die Gewalt, in der diese Beseitigung geschieht, nicht die Gewalt einer von uns zu konzipierenden und von uns zu formulierenden besseren Ansicht ist. Es kann hier gerade die beste, die allein siegreiche Ansicht nur in der Bezugnahme, es kann also, was hier zu sagen ist, nur im Hinweis auf ein ganz anderes als unser eigenes Denken und auf die Wahrheit von dessen primär gerade nicht von uns zu vollziehender Aussprache bestehen. Es kann die Beseitigung der Götter für uns auf jeden Fall nur in einem Akt der Anerkennung und der Nachfolge dieses ganz anderen, des göttlichen Denkens und seiner Wahrheit Ereignis werden.

Weiter: Verkehrte Entschlüsse können durch richtigere aus dem Weg geräumt werden. Die Götter sind sicher auch die Sache eines verkehrten und ihre Beseitigung ist auch die Sache eines 675 besseren Entschlusses. Es ist aber jener verkehrte Entschluss nun doch nicht so durch einen richtigeren aus dem Wege zu räumen, dass damit die Wirklichkeit der Götter aufgehoben, ihre Herrschaft gebunden wäre. Darum nicht, weil auch unsere richtigen in dieser Hinsicht zu fassenden Entschlüsse die Entschlüsse von solchen sind, die vor allem ihrem Entschließen und auch in allem ihrem richtigen Entschließen von sich und also von Haus aus verkehrt entschlossen sind, denen also auch bei ihren richtigen Entschlüssen durch die Wirklichkeit und Herrschaft der Götter immer wieder Hohn gesprochen werden wird. Und gerade der richtigste – der allein durchgreifende – Entschluss, der in dieser Sache zu fassen ist, wird darin bestehen müssen, dass wir einen primär wieder nicht von uns selbst, sondern von einem ganz anderen Willen gefassten Entschluss als solchen im Widerspruch gegen unsere eigenen – auch gegen unsere richtigen – Entschlüsse gelten lassen, dass wir diesem anderen, dem göttlichen Willen und seinem Entschluss unser Vertrauen schenken und ihm gehorsam werden. Es kann sich gerade der Entschluss zur Beseitigung der Götter auf alle Fälle nur als Bezugnahme und Hinweis darauf verstehen, dass die Beseitigung der Götter in der Freiheit Gottes, die nicht die unsere ist, beschlossen, vollzogen und für uns in die Wege geleitet ist. Es wird sich also gerade er nur in einem Akt der Anerkennung und der Nachfolge dieser ganz anderen Freiheit und ihres Werkes vollziehen können.

Endlich: Ungerechte und unheilvolle Zustände können dadurch behoben werden, dass gerechtere und heilvollere an ihre Stelle gesetzt |84 werden. Es ist klar, dass wir es bei der Wirklichkeit und Herrschaft der Götter mit einem solchen Zustand, mit der Quelle aller ungerechten und unheilvollen Zustände des Menschen und der Welt – und es ist wieder klar, dass wir es bei ihrer Beseitigung mit der Herstellung eines entgegengesetzten gerechteren und heilvolleren Zustandes zu tun haben. Es ist aber gerade der ungerechte und unheilvolle Grundzustand des Menschen und des Kosmos darum nicht durch einen uns vorschwebenden gerechteren und heilvolleren zu ersetzen, weil er zuerst unser eigener Zustand ist, weil wir in Unfreudigkeit und Undankbarkeit gegen Gottes Gna676de sündigen und damit den Göttern das Tor öffnen, damit das ganze Unrecht und Unheil ihrer Wirklichkeit und ihrer Herrschaft in unsere Einbildung und damit in unser Dasein aufnehmen. Was immer als entgegengesetzter Zustand uns vorschweben mag: es schwebt auch im besten Fall inmitten unseres so, und zwar durch unsere eigene Schuld so bestimmten Daseins. Es ist dem ungerechten und unheilvollen Zustand nur relativ entgegengesetzt. Wir erneuern und bestätigen den fatalen Grundzustand auch bei dieser Entgegensetzung. Wir hören ja nicht auf, wieder und weiter zu sündigen. Wir können nur immer wieder von einem Götterbereich in den anderen geraten. Und wieder ist es so, dass die Beseitigung der Götter und also die Heraufführung des wirklich gerechten und heilvollen Zustandes seinem Wesen entsprechend gar nicht von uns erwartet und zu bewerkstelligen ist. An Gottes Gnade sündigen wir, und mit unserer Sünde an Gottes Gnade ermöglichen wir die Wirklichkeit und Herrschaft der Götter. Wie sollten wir gerade diese Schuld dadurch beseitigen und ihre Strafe damit aufhalten, dass wir uns noch einmal selbst aufmachen, als wäre es nicht Gottes Gnade, gegen die wir gesündigt und die den Aufbruch gegen unsere Schuld und Strafe zu vollziehen hat – als könnten wir anders gut machen, was wir übel machen, als damit, dass wir uns in der Freudigkeit und Dankbarkeit an Gottes alle Gerechtigkeit und alles Heil in sich schließende Gnade halten, an der wir es jetzt fehlen lassen? Wie können wir uns nach dem gerechten und heilvollen Zustand anders ausstrecken, als wieder in der Bezugnahme und in dem Hinweis auf das, was zur Beseitigung der Götter von ganz anderer Stelle, nämlich eben durch Gottes Gnade für uns getan ist, getan wird und noch getan werden wird? Die dogmatische Reflexion und Darstellung würde wirklich |85 nicht gut tun, sich aus dieser realen Situation zu entfernen. Was wir über die Beseitigung der Götter jetzt noch zu sagen haben, wird in keinem Sinn die Anmaßung haben dürfen, diese Beseitigung selbst zu vollziehen oder zu dieser Beseitigung anzuleiten und aufzufordern. Es wird wirklich nur in einem klaren Hinweis auf die von anderer Seite schon vollbrachte und noch zu vollbringende Beseitigung der Götter bestehen können.

677 Die Selbstoffenbarung Gottes des Schöpfers gibt uns den Bescheid, dessen wir hier bedürfen. Sie ist die Gestalt der Gnade, die es uns ermöglicht, von dem Werk der Gnade, um das es sich hier handelt, zu reden. Sie ist es, die der Widerlegung der falschen Ansicht, der Aufhebung des verkehrten Entschlusses, dem Abschluss des ungerechten und unheilvollen Zustandes in Sachen der Wirklichkeit und der Herrschaft der Götter allein Kraft gibt. Wir entschlagen uns jeder anderen Verantwortlichkeit und Begründung. Gerade ein klarer Hinweis und also eine wirkliche Hilfe könnte unsere Beschäftigung nun auch mit der Beseitigung der Götter sonst nicht sein. Gerade ihrer wirklichen Erledigung und Überwindung könnten wir sonst nicht ansichtig werden. Es muss die dogmatische Reflexion und Darstellung auch in diesem Punkte ihren Inhalt durch die Tat beweisen oder doch demonstrieren: sie muss den Hinweis auf die Beseitigung der Götter schon formal in der Weise vollziehen, dass sie ihren Gegenstand als Quelle der Erkenntnis für sich selber sprechen lässt und also der Beseitigung der Götter durch Gottes Gnade, auf die sie hinweist, Raum gibt und also ja nicht links oder rechts neben der Selbstoffenbarung Gottes des Schöpfers – und also in den Offenbarungen der dort die Szene beherrschenden Götter – ihre Belehrung sucht, sondern allein dort, wo der alleinige Gott von und für sich selbst gesprochen hat.

Wir können nun füglich anfangen mit der Erinnerung, dass wir unter Voraussetzung dieser alleinigen Erkenntnisquelle schon vom Wesen, von der Wirklichkeit und Möglichkeit der Götter nicht wohl anders reden konnten, als indem wir fortwährend auch das sichtbar machten, was uns nun im Besonderen zu beschäftigen hat: ihre Beseitigung, ihre Überwindung und Erledigung, ihre Nichtigkeit. Wir konnten ihr Wesen nur als Unwesen, ihre Wirklichkeit nur als die einer anmaßenden Fiktion und Illusion, ihre Möglichkeit nur als die des Unmöglichen verstehen. Unter dieser Bestimmung haben wir sie |86 ernst genommen. Anders als unter dieser Bestimmung konnten und durften wir sie von Anfang an nicht ernst nehmen. Ihr Wesen, ihre Wirklich678keit und Möglichkeit sind dadurch geprägt und begrenzt, dass ihre Beseitigung Ereignis, dass sie göttliche Wahrheit und göttlicher Beschluss, dass Gott allein souverän und dass er in seiner Gnade auch für uns gegen die Götter im Aufbruch ist. Jedes Bild von ihnen, das dieser Tatsache nicht zum vornherein Rechnung tragen würde, würde ein Bild sein, das nicht nur Gott, sondern auch ihnen nicht gerecht würde. Die Selbstoffenbarung Gottes des Schöpfers rückt sie zum vornherein unter die Bestimmung und in die Grenzen der Tatsache ihrer Überwindung und Erledigung. Sie widerspricht ihnen, und was sie immer sein und wirken mögen, wie immer ihr Sein und Wirken zu erklären sei, sie stehen unter diesem Widerspruch, sie können nur unter Berücksichtigung dieses Widerspruchs verstanden und sichtbar gemacht werden, welcher, weil er nicht irgend ein Widerspruch, sondern der Gottes selbst ist, siegreich ist und es uns darum nicht erlaubt, schon von ihrem Wesen, ihrer Wirklichkeit und Möglichkeit anders zu reden, als wir es getan haben. Aber eben diesem siegreichen göttlichen Widerspruch als solchem haben wir nun unsere besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Das Wesen Gottes und das Wesen des Geschöpfs, wie sie uns durch Gottes Selbstoffenbarung bekannt gemacht werden, sind das Erste, woran wir hier zu denken haben. Alles Sein und Rechtsein, alle Fülle und alle Einheit, alle Unabhängigkeit und Macht, alle Weisheit und alle Heiligkeit des Geschöpfs sind ursprünglich und eigentlich die seines Schöpfers. Was es ist, das ist es nicht durch sich selbst, sondern durch ihn. Was es hat, das hat es nicht aus sich selbst, sondern von ihm. Es ist und hat es, indem ihm Gott als sein Schöpfer Anteil an seinem Wesen gegeben hat. Es ist, was es ist, und es hat, was es hat, durch die freie Liebe Gottes. Dieses Wesen Gottes in seinem Verhältnis zum Wesen des Geschöpfs schließt die Götter aus, macht die anmaßende Nachahmung Gottes durch sein Geschöpf, die das Wesen der Götter ist, in sich unmöglich. Die Bewegung selbst, in der das Geschöpf sich zur Göttlichkeit erhebt, könnte ja nicht zustande kommen, wenn dieses nicht jenen Anteil am Wesen Gottes hätte. 679 Es kann sich gerade in dieser Bewegung nur Lügen strafen. Eben sein eigenes Wesen bestimmt es zum Sein in der Gemeinschaft mit dem göttlichen Wesen, |87 aber auch in der Distanz zu ihm: gewiss auch zur Freiheit, aber zur geschöpflichen Freiheit, gewiss auch zur Liebe, aber zur geschöpflichen Liebe; zur Fülle und zur Einheit, zur Unabhängigkeit und zur Macht, zur Weisheit und zur Heiligkeit: ein jedes Geschöpf in seiner Art, zu seiner Zeit und an seinem Ort, aber ein jedes in seiner Geschöpflichkeit, nicht in göttlicher Ursprünglichkeit und Eigentlichkeit, nicht zu göttlicher Stellung und Funktion also, nicht zu irgend einer wesensmäßigen Hoheit gegenüber den anderen Geschöpfen. Indem es sich zu solcher Hoheit erhebt, stößt das Geschöpf notwendig auf den vernichtenden Widerspruch Gottes, der zwar die himmlische und die irdische Natur und in der Mitte zwischen beiden den Menschen, der aber keinen anderen Gott geschaffen hat, der in seinem Sohn und im Heiligen Geiste auch alle Andersheit in sich selber hat, der in sich selbst nicht nur der Eine, sondern auch als der Eine anders, anders und wieder anders ist und also außerhalb seiner selbst keines Anderen, keines Gefährten seinesgleichen bedarf und keinen solchen haben kann. Ein anderer Gott außer ihm ist dadurch von allem Sein und allem Rechtsein ausgeschlossen, dass Gott ihn im Akt der Schöpfung seinem eigenen Wesen getreu nicht wollen und schaffen konnte. Er ist – es ist die ganze Götterwelt – von Gott her wirklich zum vornherein beseitigt, d. h. auf die Seite gestellt: dahin, wo nach dem Willen Gottes nur das Nichts sein kann. Sind die Götter, so sind sie von Gott her zum vornherein unter dem Urteil der Nichtigkeit. Erhebt sich das Geschöpf zur Göttlichkeit, so rückt es von Gott her zum vornherein unter dieses Urteil. Was es auch in dieser Göttlichkeit sei und ausrichte: ihm folgt als radikale Leugnung dieses Urteil, dem es nicht entrinnen wird. Es verletzt sein eigenes und es verletzt das göttliche Wesen durch das, was es in seiner Göttlichkeit 680 ist und ausrichtet. Und weil es nur in dieser Beziehung, nur als Geschöpf des Schöpfers ist und recht ist, ist es klar, dass es seines Seins und seines Rechtseins eben damit verlustig geht. Es kann in seiner Göttlichkeit immer nur solange geliebt, gefürchtet und geehrt werden, es kann jenem Urteil und also jener Leugnung immer nur solange wenigstens scheinbar entgehen, als die Offenbarung Gottes des Schöpfers noch verborgen, als das Wesen des Schöpfers und des Geschöpfs also noch nicht erkannt und anerkannt ist. Es beruht seine Göttlichkeit auf einem objektiven Irrtum, der nur dem subjektiven Irrtum noch nicht als solcher offenbar sein kann. |

88 Wenn Gott spricht und gehört wird, dann gibt es nur die verurteilten und geleugneten, die beseitigten Götter, dann haben sie nicht nur keine Hoheit und keine Macht, nicht nur keine Wirkung mehr, dann haben sie auch ihr Sein und Rechtsein subjektiv ebenso verloren, wie es ihnen objektiv zum vornherein abgeht. Indem Gott spricht und gehört wird, sind die Götter Nichtse und nichts sonst. Gott lässt dann seine Ehre keinem Anderen [vgl. Jes. 42,8; 48,11]; sie ist dann ganz seine Ehre. Alle göttlichen Eigenschaften und Funktionen sind dann ganz die seinigen und nur die seinigen. Alles dient dann seiner Herrlichkeit, gar nichts einer fremden. Gar nichts herrscht dann also außer und neben ihm. Die Götter sind dann wirklich zu falschen Göttern und als solche zum Spott gemacht,70 als Fiktionen und Illusionen durchschaut und depossediert. Gott bleibt dann als Souverän einer freilich in sich höchst lebendigen, in ihrer Weise auch mächtigen, geheimnisvollen, weisen und heiligen, ihm aber untertänigen, von ihm regierten, im Großen und Kleinen zu seiner Verfügung stehenden Welt des Geistes und der Natur und zuerst und vor allem als Herr des Menschen ganz allein auf dem Plan. Die Liebe und die Furcht des Geschöpfs bekommt und hat dann in ihm ihren einzigen Grund und ihren einzigen Gegenstand. Und eben in dieser seiner Sammlung zur Verherrlichung des Einen wird dann auch das Geschöpf selbst frei, wird sein Anteil am Wesen Gottes sichtbar und wirksam, ruht und bewegt es sich im Frieden vor seinem Angesicht. Was Gott spricht und was von ihm zu vernehmen ist, 681 das ist ja auf alle Fälle auch das große Evangelium des ersten Gebotes, durch das nicht umsonst, allen anderen Geboten vorangehend, dem Dienst und der Anbetung der anderen Götter ein Ende gemacht wird [vgl. Ex. 20,3–5; Dtn. 5,7–9]. Mit dieser Heiligung Gottes den Göttern gegenüber beginnt alle Heiligung, mit dieser Befreiung des Geschöpfs vom Bann der Götterwelt alle sonstige Freiheit: sie beginnen mit der Erkenntnis des schöpferischen und des geschöpflichen Wesens in ihrer Zusammengehörigkeit und in ihrer Unterscheidung. Wo ihr Wesen sichtbar wird und gesehen wird in ihrem Beisammensein und Getrenntsein, da ist das Dritte, |89 da sind die Götter ausgeschlossen und beseitigt. Der Raum zwischen diesem und jenem Wesen ist der Raum, in welchem ein anderer Gott und andere Götter nicht sein können. Sie können hier nur vergehen wie Schnee in der Feuersglut, nur weichen wie Schatten, wenn die Sonne steigt.

Aber damit haben wir nun doch erst den Umriss des Problems aufgezeigt. Das bloße Raisonnement über das Wesen des Schöpfers und des Geschöpfs würde sicher, so richtig es in sich ist, noch nicht die Beseitigung der Götter bedeuten können. Der Hinweis darauf könnte uns auf den Boden, wo diese Beseitigung Ereignis ist, noch nicht stellen. Wir haben uns denn auch tatsächlich nicht auf dieses Raisonnement als solches, sondern auf Gottes Selbstoffenbarung bezogen, in welcher dieses Raisonnement allein seinen Grund und von der her es allein Kraft haben kann. Das erste Gebot zeigt uns, wie Schöpfer und Geschöpf beieinander und wie sie getrennt sind. In der Erkenntnis des dreieinigen Gottes wissen wir, dass kein anderer neben ihm sein kann. Die frohe Botschaft von dem Geschöpf, dessen Gott sich von Ewigkeit her erbarmt hat, belehrt uns darüber, dass es lauter Nichtigkeit und leere Anmaßung, lauter Fiktion und Illusion ist, wenn dieses sich zur Göttlichkeit erheben will, und lauter Irrtum, wenn es in dieser Göttlichkeit geliebt, gefürchtet und geehrt wird. Gottes eigenes Wort sammelt die Kreatur zum Dienste seiner Herrlichkeit. Wir haben keine Kompetenz dazu, die Götter von uns aus für beseitigt zu erklären und zu halten. Wir befänden uns vielmehr mitten im raffiniertesten Götter- und Götzendienst, wenn wir das 682 aus eigener Kompetenz tun zu können meinen sollten. Die Offenbarung als Vollzug der Beseitigung der Götter ist Gottes freie Gnade, und zwar darum, weil dieses Geschehen selbst, das Zunichtewerden der Götter, das Werk der freien Gnade Gottes ist, weil eben das in dem Bund geschieht, der der Sinn und das Ziel der Schöpfung und so des ganzen Verhältnisses von Schöpfer und Geschöpf ist.71 Auch Gottes Offenbarung als Schöpfer und also die uns wirksam gegebene Belehrung über dieses Verhältnis und also unsere Unterrichtung, in der es zur faktischen Beseitigung der Götter kommt, ist das Geheimnis dieses |90 Bundes. Noch einmal von ihm haben wir nun also zu reden, wenn wir die Atmosphäre des bloßen Raisonnements wirklich verlassen, wenn wir diese Unterrichtung wirklich empfangen wollen.

Das Gegenüber von Schöpfer und Geschöpf ist nach Gottes Selbstoffenbarung charakterisiert durch ein bestimmtes göttliches Wollen und Vollbringen. So ist es – und so ist auch die in diesem Gegenüber stattfindende Beseitigung der Götter – wohl auch im Blick darauf zu beschreiben, dass hier zwei bestimmte Wesen, das schöpferische und das geschöpfliche, ein jedes in seiner Eigenart beisammen und getrennt sind. Aber was das sachlich bedeutet – und nun gerade für die kritische Frage nach der Wirklichkeit und Herrschaft der Götter bedeutet –, das wird doch erst klar, wenn wir des göttlichen Wollens und Vollbringens gedenken, das in diesem Verhältnis stattfindet, das dessen Sinn und Inhalt bildet. Entscheidend auf dieses göttliche Wollen und Vollbringen sind wir durch die Selbstoffenbarung Gottes des Schöpfers hingewiesen. Und es ist entscheidend dieser Hinweis, den wir nun unsererseits zu vollziehen haben.

Dass der Schöpfer das Geschöpf bejaht, das ist, in einem Wort zusammengefasst, seine eigene Aussage in dieser seiner Offenbarung. Eben diese Bejahung ist das göttliche Wollen und Vollbringen in jenem Verhältnis. Eben sie erklärt, was es mit der Beziehung von Schöpfer und Geschöpf auf sich hat. Und eben sie als solche ist auch die Beseitigung der Götter. Wir sahen, was diese Bejahung bedeutet und in sich schließt: Gott will und vollbringt die Wirklichkeit – und Gott will und vollbringt die Güte seines Geschöpfs. 683 Die in seiner Offenbarung ausgesprochene Bejahung ist die Realisierung, und sie ist die Rechtfertigung des Geschöpfs.72 Und eben so ist sie die Verneinung, die Leugnung, die Beseitigung, Überwindung und Erledigung der Götter. Die Kraft jenes Ja ist die Kraft dieses Nein. Eben darauf haben wir jetzt hinzuweisen. Jenes Ja ist aber seinerseits darin kräftig, dass der Schöpfer nicht nur der Schöpfer, sondern als solcher auch der Verbündete seines Geschöpfs ist. Als sein Verbündeter interpretiert er |91 sich selbst als sein Schöpfer, erklärt er, dass sein Wollen und Vollbringen als sein Schöpfer seine Bejahung und also seine Realisierung und seine Rechtfertigung des Geschöpfs ist. Als sein Verbündeter offenbart er denn auch die von ihm selbst eben mit der Bejahung seines Geschöpfs vollzogene Verneinung der Götter. Wir halten uns an den dem Geschöpf verbündeten Schöpfer, weil wir ihn nur so kennen, weil er sich uns nur so zu erkennen gegeben hat, um eben von ihm den durchgreifenden Bescheid auf unsere Frage zu bekommen. Hier und nur hier finden wir die Bejahung seines Geschöpfs so vollzogen und so ausgesprochen, dass sie die Verneinung der Götter in der Selbstverständlichkeit in sich schließt, in der wir sie in unseren bisherigen Überlegungen als geschehen und gültig vorausgesetzt haben. Hier und nur hier stehen wir vor der Begründung, die diese Voraussetzung möglich und notwendig macht, die darum die nachträgliche Rechtfertigung unseres ganzen Vorgehens bildet. Der Weg zum Aufweis dieser Begründung mag nun, um gerade auf diesem Höhepunkt unserer Überlegung auch den Verdacht bloßer Spekulation fernzuhalten, der Weg von unten nach oben sein.

Dass der Schöpfer der Verbündete seines Geschöpfs ist, das ist die Erkenntnis und das Bekenntnis der christlichen Gemeinde.

Sie existiert in der Geschöpflichkeit: zugleich im Himmel und auf Erden, zugleich in der Sichtbarkeit und in der Unsichtbarkeit, zugleich geistlich und leiblich nach ihrer neutestamentlichen Beschreibung, aber jedenfalls in der Geschöpflichkeit, jedenfalls nicht als der Schöpfer und nicht wie der Schöpfer. Ihr Wesen und ihre Existenz hängt daran, dass sie sich dieses ihres Ortes bewusst ist und bewusst bleibt. Indem sie aus 684 sündigen Menschen zusammengesetzt ist, die auch in der Erhöhung, deren sie teilhaftig, auch in der Bruderschaft, in die sie hier versetzt sind, auch in der Heiligung, die ihnen hier widerfahren ist, auch in ihrer Betätigung des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13] ihre Menschlichkeit und ihre Sündigkeit nicht verleugnen können, ist dafür gesorgt, dass sie ihrer Geschöpflichkeit nicht vergessen kann. An ihre Geschöpflichkeit erinnert sie aber gebieterisch auch ihre Existenz in ihrer Ganzheit. Indem sie die Botschaft vom nahe herbeigekommenen Reich [Mt. 3,2; 4,17 parr] hört und verkündigt, indem sie mit ihr die Gabe und die |92 Gaben des Heiligen Geistes empfangen hat, indem sie durch die Zeichen der Taufe und des Abendmahls dessen versichert wird, dass sie nicht alleingelassen ist, indem sie für das alles dankbar ist und ihren Auftrag ausrichtet, ist sie ein offenkundig begrenztes und beschränktes Wesen. Sie bedarf beständiger Tröstung, Ermahnung und Zurechtweisung. Sie kann in keiner Weise herrschen, sondern nur dienen. Sie kann sich nur in ihrem Versagen bewähren. Sie kann in der sie umgebenden Welt nicht triumphieren, sondern immer nur unterliegend bestehen. Sie steht in dauernder Mühsal wegen der Schwachheit, in der sowohl ihr Empfangen als auch ihr Weitergeben der göttlichen Gabe stattfindet. Sie steht in dauerndem Streit mit sich selbst, weil der Irrtum und die Abweichung, die Willkür und die Trägheit auch in ihren Reihen, auch in ihrem Tun und Lassen – und hier sogar deutlicher als anderswo – sichtbar werden, weil sie dauernd der Buße, dauernd der Reformation bedarf. Sie steht dauernd in der Gefahr, sich selbst zu verlieren, d. h. durch eigenes Versäumnis aufzuhören zu sein, was sie ist. Dass sie dabei dauernd auch von außen angegriffen oder doch in Frage gestellt ist, ist wohl das Kleinste, was sie bedrückt und beschwert. Denn ihre eigentliche Bedrückung und Beschwerung, ihre wahre Bedrohung und Not kommt nicht von außen, sondern von innen. Sie besteht in ihrer eigenen Unangemessenheit gegenüber dem, was sie zu vertreten und, indem sie es vertritt, zu sein hat. So oder so: sie ist auf der ganzen Linie an ihre Geschöpflichkeit erinnert. Gerade sie kann sich mit ihrem Schöpfer nicht verwechseln. Es ist ihr gewissermaßen 685 physisch unmöglich gemacht, das zu tun. Sie würde, indem sie das täte, aufhören, die christliche Gemeinde zu sein. Sie ist christliche Gemeinde, indem sie und sofern sie sich ehrlich und rückhaltlos zu ihrer Geschöpflichkeit bekennt.

Eben so erkennt und bekennt sie, dass der Schöpfer ihr Verbündeter ist, dass sie sich ihrer Geschöpflichkeit nicht zu schämen hat, sondern rühmen darf. Eben so erkennt sie ihr eigenes Dasein und auch ihr eigenes Rechtsein vor Gott, ihre Realisierung und ihre Rechtfertigung durch ihn als den Grund, auf dem sie steht, als den Arm, durch den sie gehalten ist und bewegt wird. Die christliche Gemeinde existiert kraft der ihr zugewendeten Liebe und Treue ihres Schöpfers. Sie existiert nicht kraft ihrer Geschöpflichkeit: was es mit dieser als solcher auf sich hat, steht ihr zu deutlich vor Augen, als dass sie sich für |93 durch sich selbst begründet, erhalten und bewegt ansehen könnte. Wo wäre die Ohnmacht des Geschöpfs, durch sich selber zu sein und recht zu sein, so offenbar wie an diesem Geschöpf? Es weiß aber gerade es – und es lebt gerade es von dem Wissen darum, dass es das auch nicht nötig hat, ja dass gerade das ihm verboten ist, durch sich selber sein und recht sein, sich selber realisieren und rechtfertigen zu wollen. Es lebt gerade dieses Geschöpf – sagen wir es gleich: exemplarisch für alle anderen – von seiner Bejahung durch seinen Schöpfer, indem es diese Bejahung gelten lässt und auf gar keine andere Bejahung als diese sein Vertrauen setzt. Immer, wenn sie es darin anders hält, verirrt und verwirrt sich, zerbricht und zerstreut, verstockt und verderbt sich die christliche Gemeinde. Aber sie steht und fällt nicht damit, dass sie diese ihre Bejahung durch ihren Schöpfer gelten oder nicht gelten lässt. Sie steht und fällt damit, dass ihre Bejahung durch den Schöpfer stattfindet, weil er sie lieb hat, weil er ihr treu ist. Ihr Stehen und Fallen ist eingeschlossen in die Beständigkeit dieser Liebe und Treue. Ihr Schöpfer ist ihr Verbündeter, das heißt aber: ihr Schöpfer hat sie nicht dazu geschaffen, um sie ihrem eigenen, ohne ihn schlechthin gefährdeten Sein und Rechtsein zu überlassen. Er steht zu ihr und er geht 686 mit ihr. Er liebt sie. Er selbst will nicht ohne sie sein. Er hat ihre Sache zu der seinigen gemacht, und er hat seine eigene Sache, die Offenbarung seiner Herrlichkeit, mit ihrer Existenz verbunden. Er ist der Mann, der die vielen Menschen, aus denen sie zusammengesetzt ist, zu Brüdern und Schwestern – zuerst zu seinen eigenen Brüdern und Schwestern und dann auch zu Brüdern und Schwestern untereinander – gemacht hat und wieder und wieder dazu macht. Er begleitet und trägt diese Menschen in ihrer Geschöpflichkeit, in ihrer Betätigung des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13]. Und so ist er auch der Mann, der die Mitte dieses geschöpflichen Ganzen bildet. Die Botschaft, die die Gemeinde auszurichten hat, ist sein Wort; denn das Reich, von dem diese Botschaft redet, ist sein Reich. Es ist der Geist, der ihr gegeben ist, sein eigener Geist, und es ist die Gabe, es sind die Gaben dieses Geistes lauter Gestalten, in denen er selber sich der Gemeinde gegeben hat und wieder gibt. Es ist die zeigende Kraft der Taufe und des Abendmahls seine Kraft. Er selbst hat sich in die Grenzen und Schranken dieses ganzen geschöpflichen Wesens begeben als in seinen Tempel. Ihm selbst ist es |94 nicht zu gering, in der Gemeinde seine Gefährtin zu haben, der er sich auf Leben und Tod verbunden hat. Ihm selbst ist es nicht zu wenig, an diesem Ort seine Ehre wohnen zu lassen [vgl. Ps. 26,8]. Ihm selbst ist es nicht widerlich, bei und mit der Schar derer zu sein, die im Einzelnen und in ihrer Gesamtheit unter so viel Mühsal und Schwachheit, unter so viel äußerer und vor allem innerer Anfechtung zu seufzen haben, die ihm durch sich selbst so gar keine Ehre machen können. Er selbst hat sich durch die Schande und den Greuel, die die Gemeinde beflecken, so gewiss sie nicht ungestraft bleiben können, nicht abschrecken lassen, sie seine Gemeinde zu nennen und mit ihr umzugehen als mit seiner Gemeinde. Gerade von ihm her ist die Bejahung der christlichen Gemeinde rückhaltlos, unbedingt, endgültig: so, dass alle Verneinung sie nur bestätigen kann, indem indirekt auch sie zu ihrer Bejahung dient. |

So lebt gerade dieses Geschöpf, die Gemeinde, von ihm, ihrem Schöpfer her, geradezu in der Fülle des Seins und des Rechtseins. Sie tut das, weil und indem der Schöpfer ihr Verbünde687ter ist, weil und indem er sich nicht damit begnügt hat, sie zu schaffen, sondern, indem er das tat, im Wollen und Vollbringen seiner Liebe und Treue begriffen war. Er hat sie zum Bunde mit sich selbst geschaffen; er hat also, indem er sie schuf, sich selbst zu ihrem Verbündeten gemacht. Und eben das ist der Segen, das Heil, das Licht und die Kraft ihrer Geschöpflichkeit. In diesem von Gott so gewollten und vollbrachten Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf haben die Götter offenbar keinen Raum; hier sind sie offenbar beseitigt. Wir sehen jetzt, wie: dass es sich um eine bloß begriffliche Beseitigung dieses Faktors handeln könnte, kann hier offenbar nicht gut vermutet werden. Hier steht ja nicht ein Wesen neben dem anderen, das schöpferische neben dem geschöpflichen, zwei Wesen, aus deren Begriff dann die Nichtigkeit der Götter rein theoretisch abzulesen wäre. Hier handelt das schöpferische Wesen am geschöpflichen. Nicht dass Gott ist und die Gemeinde ist, sondern dass Gott sich der Gemeinde annimmt, dass er sich für sie haftbar macht, dass er sie die Seinige und also sich den Ihrigen nennt, dass ihr Dasein und ihr Recht durch dieses sein Handeln begründet wird, das ist ja die Natur des hier stattfindenden Verhältnisses. Dieses göttliche Handeln verneint, stürzt und zerstört die Götter.

95 Indem die Gemeinde auf Grund dieses göttlichen Handelns ist, was sie ist, kann es in ihr, ihrer Geschöpflichkeit und Sündigkeit zum Trotz, keine Götter geben. Dieses göttliche Handeln steht als Macht gegen die geschöpfliche Schwachheit, in der auch sie den Göttern rufen könnte. Und wieder dieses göttliche Handeln steht als Vergebung auch gegen die sündige Unfreudigkeit und Undankbarkeit, in der zweifellos auch sie den Göttern tatsächlich zu rufen pflegt. Indem die christliche Gemeinde ist und recht ist – nicht durch sich selber, aber durch ihren ihr verbündeten Schöpfer –, ist sie durch die göttliche Macht in ihrer Schwachheit und durch die göttliche Vergebung in ihrer Sündigkeit ohne Götter. Ob sie nicht auch in der Einbildung der Christen und sogar in der Einbildung der ganzen christlichen Gemeinde als solcher, in 688 ihrer Lehre und in ihrem Leben, in ihrem Empfangen und in ihrem Weitergeben der göttlichen Gabe nach wie vor ihre Rolle spielen? Sicher tun sie das! Es wäre christlicher Übermut und es wäre ein verhängnisvolles Verleugnen der Geschöpflichkeit der christlichen Gemeinde, das in Abrede zu stellen. Aber nun, im Blick auf das die christliche Gemeinde konstituierende Handeln Gottes, darf es ernstlich heißen: sie tun es doch nur in der menschlichen Einbildung, in einer jetzt als Torheit durchschaubaren und durchschauten Einbildung – sie tun es eben darum nur noch ohmächtig, nur noch in einem Spiel, das den Christen und das der Gemeinde nicht mehr Eindruck machen, sie nicht mehr verführen, das ihnen also auch nicht mehr schaden kann, das nun sogar zu den Dingen gehört, die denen, die Gott lieben, zum Besten dienen müssen [vgl. Röm. 8,28]. Gerade Dominanten können ja die Götter hier nicht mehr sein. Denn durch das göttliche Handeln, durch die der geschöpflichen Schwachheit entgegenstehende Macht und durch die der geschöpflichen Sündigkeit entgegenstehende Vergebung Gottes ist dafür gesorgt, dass dieses Geschöpf, die Gemeinde, ihm und also keinem Anderen gehört und hörig sein kann. |

Es ist durch die Verbündung mit Gott, in die es sich nicht selbst versetzt, in die es aber schon in und mit seiner Erschaffung durch seinen Schöpfer selbst versetzt ist, geschehen, dass die Dominanten, für die es potentiell und faktisch so anfällig ist wie jedes andere Geschöpf, hier gerade als solche keinen Zugang, keine Entfaltungsmöglichkeit, keinen Raum und keine Luft haben können. Hier ist die von |96 Gott selbst herbeigeführte und endgültig gemachte Götterdämmerung, hinter der es für die Götter keine Rückkehr, keine Auferstehungen, keine Palinodien gibt. Die Götter sind hier tot: so tot, wie keine Aufklärung sie töten kann. Der Platonismus, der Aristotelismus, der Stoizismus haben die Götter nicht getötet. Die urchristliche Gemeinde hat sie freilich auch nicht getötet. Aber in der urchristlichen Gemeinde, wie sie im Neuen Testament sichtbar ist, waren sie tot. Welche Rolle sie auch in ihrer «Religion», sofern sie diese mit ihrer Zeitgenossenschaft gemein haben mochte, immer noch spielen konnten – in dem, was sie im Unterschied zu ihrer Zeitgenossenschaft zur 689 christlichen Gemeinde machte, in ihr als dem Gegenstand des Handelns ihres göttlichen Verbündeten, in ihrem Glauben, ihrer Liebe, ihrer Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13] waren die Götter tot und nur noch das. Auch die Fehler, Nöte, Verlegenheiten und Streitigkeiten der Gemeinde, von denen das Neue Testament ja auch nicht schweigt, hatten dies zum unerschütterlichen Hintergrund: dass die Götter tot waren. Auch die spätere Philosophie hat die Götter wahrhaftig nicht getötet, wie gern sie es angeblich getan hätte: im Gegenteil. Die christliche Kirche hat sie auch nicht getötet. Aber in der christlichen Kirche, die davon lebt, dass ihr Schöpfer ihr Verbündeter ist, sind sie getötet. Von ihrem Fundament her, indem sie als christliche Kirche lebt, kann sie sich selbst und der Welt nur immer aufs Neue den Tod aller Götter bezeugen, lebt sie in der Freiheit einer Ordnung, die für diese Dominanten und für den Respekt vor ihnen keinen Raum hat. Nimmt sich die Kirche ernst in ihrer von ihrem Schöpfer bejahten, realisierten und gerechtfertigten Existenz, dann hat sie zum Wesen, zur Wirklichkeit und Möglichkeit aller Götter nur dies zu sagen, dass sie beseitigt sind. Sie braucht tatsächlich nur dies: dass sie sich in ihrer durch ihren Schöpfer bejahten Geschöpflichkeit, dass sie also die ihr zugewendete göttliche Macht und göttliche Vergebung ernst nehme, sie braucht sich nur zu ihrer Bedürftigkeit zu bekennen, um die sie eben darum weiß, weil ihr in ihrer Bedürftigkeit geholfen ist – um eben damit der ganzen Götterwelt den Rücken zu kehren als einer beseitigten Angelegenheit und um eben damit auch ihrer ganzen Umwelt zu verkündigen, dass sie eine beseitigte Angelegenheit ist. Es wird ja nicht anders sein können, als dass die christliche Gemeinde dieses ihr Licht leuchten lässt. Sie wird es ja nicht etwa nur ihr Licht |97 sein lassen und als solches unter den Scheffel stellen [vgl. Mt. 5,15f.]. Sie wird ja nicht etwa eine doppelte Rechnung aufstellen: eine drinnen, die andere draußen, eine für sie selbst und eine für die übrige Welt gültige, oder gar: eine für die73 Christen zwar «im Raum der Kirche»74 verbindliche, in ihrem Leben als Menschen, Denker, Wissenschaftler, Politiker usw. [aber] mit einer anderen zu vertauschende. Sie wird der Ver690mutung in keiner Weise Raum geben, es könnte die Beseitigung der Götter zwar eine religiöse, als solche aber eine beschränkte Wahrheit sein, der dann in anderen Räumen doch auch die Wirklichkeit und Herrschaft der Götter als andere Wahrheit gegenüberstehen könnte. Die Kirche würde mit solcher Zurückhaltung verraten, dass sie selbst jene eine Wahrheit noch nicht erkannt hat und also nicht mehr oder noch nicht Kirche ist. Sie würde ja damit faktisch verleugnen, dass gerade der Schöpfer – der Schöpfer aller Dinge – ihr Verbündeter, dass die Beseitigung der Götter gerade seine und also die Wahrheit ist, der eine andere wohl subjektiv millionenhaft, objektiv aber nirgends gegenüberstehen kann.

Sie wird also als Kirche, sie wird in ihrem Glauben, ihrer Liebe und ihrer Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13], sie wird in Betätigung ihrer Geschöpflichkeit und also in der Macht, die ihrer Schwachheit aufhilft [vgl. Röm. 8,26], und unter der Vergebung, die ihre eigene Sünde be|98deckt, der Ort sein, von dem aus die Beseitigung der Götter aller Kreatur bekannt gemacht wird. Es gibt in der ganzen Welt außer der christlichen Gemeinde keinen Ort, von dem aus das effektiv geschehen kann. Und es ist eben die christliche Gemeinde der Ort in der Welt, von dem aus das effektiv geschehen muss. Es gibt wohl allerlei Aufklärung über die Götter, allerlei Vorschläge, sie zu verstehen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie gewissermaßen hierarchisch zu ordnen und so ungefährlich zu machen. Es gibt auch viel Zweifel an ihnen oder doch an vielen von ihnen. Es gibt Versuche, sich ihrer Herrschaft oder doch der Herrschaft einiger von ihnen zu widersetzen. Es gibt ganze Revolutionen und Kriege, die im Grunde Erhebungen oder doch Abwehrbewegungen gegen bestimmte Göttermächte sind. Die Gemeinde wird dem allem nicht widersprechen und wird ihm auch nicht teilnahmslos gegenüberstehen. Gerade sie weiß ja um die Notwendigkeit und das Recht solcher Befreiungswerke und Befreiungskämpfe. Sie weiß aber auch, dass sie insofern ohnmächtig sind und ergebnislos verlaufen müssen, als sie im besten Fall zu teilweisen Befreiungen führen können, denen dann sicher immer irgendwelche neuen Gefangennahmen gegenüberstehen werden. Sie allein kann das Wort sagen, das in dieser Lage wirklich tröstlich und hilfreich ist. Sie allein kann der Welt bekannt machen, dass die Götter, denen sie 691 dient und die ihr so viel Mühe machen, in ihrer Gesamtheit beseitigt und erledigt, dass sie nicht sind und dass sie unter dieser Voraussetzung zu behandeln und zu bekämpfen sind. Eben das ist es ja, was der Kirche in ihrer eigenen Geschöpflichkeit offenbar geworden ist. Eben das wird sie auch der übrigen Welt um keinen Preis vorenthalten dürfen. Ihre eigene Geschöpflichkeit ist exemplarisch für die Geschöpflichkeit überhaupt. Und so ist auch die von ihr erkannte und bekannte Beseitigung der Götter exemplarisch für das, zu dessen Erkenntnis und Bekenntnis aller Welt Enden [vgl. Ps. 22,28] durch sie aufzurufen sind. Denn exemplarisch ist auch der Bund mit dem Schöpfer, dessen gerade sie sich auf Grund seiner Liebe und Treue erfreuen darf. Die Existenz der Kirche ist als solche die Verheißung, die auf der ganzen Schöpfung ruht. Als solche darf, als solche muss sie aber auch existieren: als Gottes bejahtes Geschöpf, das Gottes realisierendes und rechtfertigendes Ja und damit Gottes befreiendes Nein allen Geschöpfen zu melden und zu zeigen hat.

99 Nun ist aber die christliche Gemeinde, von der das Alles zu sagen ist, nicht vom Himmel gefallen. Sie ist zunächst schlicht die neue Gestalt Israels. Sie ist das jetzt im Unterschied zu einst aus Juden und Heiden versammelte Bundesvolk aus dem Stamme Abrahams, Isaaks und Jakobs. In Israels Erwählung und Berufung wurzelt die der Kirche. Sie lebt aus Israels Lebensgrund. Sie lebt auch in seiner Lebensform, die in der ihrigen nicht zerstört, sondern aus Israels eigenem Lebensgrund heraus erneuert wurde. Sie ist als Israels Rechtsnachfolgerin selbst Israel: die Trägerin des Auftrags, der Verheißung, der Hoffnung des ganzen, auch jenes alten Israel. Gottes Bund mit ihr, in dessen Kraft sie von den Göttern frei ist, ist kein anderer als der Bund, den Jahve mit Abraham und dann wieder und wieder mit dem alten Israel geschlossen hat. Eben dieser Bund ist der Raum, von welchem die Götter ausgeschlossen, durch welchen sie beseitigt sind. Die Kirche unterscheidet sich von dem alten Israel endlich und zuletzt nur dadurch, dass sie auf die Erfüllung der befreienden Zusage, die Israel von Jahve, seinem Bundesherrn, empfangen, zurückblickt, auf die jenes immer erst hin692blickte. Dass der Schöpfer der Verbündete seines Geschöpfs ist und dass damit die Götter beseitigt sind, das ist die Erkenntnis und das Bekenntnis der christlichen Gemeinde, indem es zuerst die Erkenntnis und das Bekenntnis Israels war. Es ist das wohl zu Boden gesunkene, aber nicht verlorene Feldzeichen Israels,75 das in ihrer Mitte neu und nun so, dass es nicht mehr fallen kann, aufgerichtet ist. Vor ihr existierte ja Israel als jenes verlorene und nun doch gerettete Geschöpf: verloren in seiner Geschöpflichkeit, gerettet durch den Schöpfer, der sein Verbündeter ist. Und die Konturen, in denen sich das Verhältnis der christlichen Gemeinde zu ihrem Schöpfer abzeichnet, sind darum so scharf, weil sie dieselben sind, in denen [es] sich einst und zuerst und unverwischbar deutlich für alle Zeiten als das Verhältnis Israels zu Jahve, der es geschaffen [vgl. Jes. 43,1], abgezeichnet hat.

Wie unbedeutend und unansehnlich, wie unerfreulich und unzuverlässig, wie unsicher und ungesichert das Geschöpf auch im Bunde |100 mit seinem Schöpfer dasteht, das wird gerade an dem Geschöpf Israel unübersehbar deutlich. Wenn die Kirche es trotz allem, was sie direkt zu dieser Erkenntnis anleiten müsste, je vergessen könnte, dass dem so ist, so brauchte sie sich bloß ihres Zusammenhangs und ihrer Einheit mit Israel zu erinnern, um dessen wieder gewahr zu werden. Gerade darum ist es auch so wichtig, dass sie nicht aufhört, sich dieses Zusammenhangs und dieser Einheit tatsächlich zu erinnern. Als ein Volk von Herren, Helden und Weisen, als ein starkes, mächtiges und glückliches Volk konnte offenbar gerade dieses von Jahve geschaffene und Jahve verbündete Volk nicht oder nur in gewissen, rasch vorübergehenden, gewissermaßen prophetischen Augenblicken und Situationen seiner Geschichte in Erscheinung treten. Ein Stäublein, dem Staub entnommen [vgl. Gen. 3,19; 1.Kön. 16,2], konnte es immer nur als Stäublein existieren: jetzt verachtet in einem Winkel, jetzt vom Winde hin- und hergeweht, jetzt da und dort mit Füßen getreten und noch und noch einmal in seine Elemente aufgelöst. Der israelitische Mensch war und ist auf keinem Gebiet ein schöpferischer Mensch. Und so ist auch das israelitische Volk als solches nie schöpferisch aufgetreten. So ist 693 es unter den anderen Völkern von Anfang an als Fremdling und Parasit, als Störer und Feind, als zersetzendes und gefährliches Element empfunden und demgemäß behandelt worden, ohne dass es je vermochte, den Gegenbeweis zu führen. Es wusste sich den anderen nie lieb, nie vertrauenswürdig und glaubwürdig zu machen: am wenigsten damit, dass es auf seine Erwählung pochte, am wenigsten damit, dass es aus seiner besonderen Berufung seine besondere Würde und besondere Ansprüche ableitete, am wenigsten damit, dass es sich als das Volk Gottes für ein göttliches Volk hielt – modern ausgedrückt: am wenigsten damit, dass es wenigstens auf dem Gebiet der Religion eine ihm eigene, besondere Genialität geltend machte. Stärker als damit konnte es sich selbst ja nicht ins Unrecht setzen, das nicht verdunkeln, was seine wirkliche Auszeichnung ausmacht. Gerade auf Erwählung kann man ja nicht pochen. Gerade aus seiner Berufung kann ja niemand eine ihm eigene Würde und einen ihm zukommenden Anspruch ableiten. Gerade ein Volk Gottes kann sich ja nicht für ein göttliches, mit einer besonderen Genialität für die Gottheit begabtes Volk halten. Gerade Israels immer wieder unternommener Versuch, seine Geschöpflichkeit selbst realisieren und |101 rechtfertigen zu wollen, sich das, was ihm fehlte, selbst zu verschaffen und zu geben, konnte und kann den Defekt seiner Geschöpflichkeit nur immer noch greller ans Licht stellen. Eben damit hat es sich ja von Anfang an als ein in seinem Elend ungetreues Volk erwiesen. Es durfte in seinem Elend seines Schöpfers und Verbündeten froh sein. Es war aber seiner nie recht und nie lange froh. Es wollte immer wieder seiner selbst froh werden. Es war immer ein Volk der unverbesserlichen Besserwisser und Bessermacher, das gerade als solches sein Elend immer wieder bestätigen, erneuern, vergrößern, gerade so sich der Offenbarung seiner Herrlichkeit selber in den Weg stellen musste. |

Es war durch Gottes Gnade, und es wollte gerade nicht durch Gottes Gnade sein. Was es war: das Geschöpf in des Schöpfers Hand wie der Ton in der des Töpfers [vgl. Jer. 18,6], das musste ihm ja durch seine Propheten und durch eine kaum je abbrechende Reihe von göttlichen Gerichten immer wieder zu694gerufen werden, als ob es noch nie davon gehört, als ob es das nicht eben damit gehört hätte, dass es wurde und durch seinen Gott fort und fort erhalten wurde. Es war durch Gottes Gnade anders geschaffen und anders bestimmt als alle anderen: in der Tat zum Fremdling unter allen anderen Völkern, in der Tat zum Störer ihrer Ruhe, in der Tat zu einem zersetzenden und gefährlichen Element inmitten des Ganzen; und nun wollte es gerade das nicht sein; nun wollte es sich von Anfang an emanzipieren, d. h. den anderen gleich, dem Ganzen der es umgebenden Menschheit konform werden – wozu? –, um so auch noch anders als von Gottes Gnade, um so auch noch aus eigener Kraft leben zu können: mit dem Effekt, dass es seine Fremdlingschaft, Isolierung und Ärgerlichkeit zwar nicht los wurde, wohl aber dessen verlustig ging, was von Anfang an der Sinn dieser seiner Fremdlingschaft gewesen war. Es war durch Gottes Gnade mehr und Besseres als die anderen; und eben unter Berufung auf Gott wollte es durch sich selbst mehr und etwas noch Besseres sein: mit dem Effekt, dass es wurde wie sie – denn welches Volk würde nicht wähnen, durch sich selbst mehr und etwas Besseres als alle anderen zu sein? –, mit dem Effekt, dass die Judenfrage eine profane Frage der Biologie, der Soziologie, der Politik geworden ist und als solche nur mit Notlösungen, von denen eine schlechter ist als die andere, beantwortet werden kann, weil sie in ihrer Wurzel eine geistliche Frage ist. Aber eben diese Profanierung des |102 Problems seiner eigenen Existenz ist zuerst und entscheidend Israels eigenes Werk gewesen: nicht erst in der modernen Welt, sondern schon in seiner im Alten Testament dokumentierten Urgeschichte. Das Alte Testament selbst hat sie in einer Schärfe, der gegenüber die alles Antisemitismus schwächliche Milde ist, als eine Geschichte von Israels Sünde und Schuld, und zwar von Israels Sünde und Schuld seinem Schöpfer und Verbündeten gegenüber dargestellt. Es hat das Geschöpf Israel als solches nie anders als in diesem Schatten gesehen: in äußerer nicht nur, sondern zuerst und vor allem in radikaler innerer Unangemessenheit gegenüber seiner Stellung und seinem Auftrag als Jahves Bundespartner. |

Und eben das macht 695 die Existenz der nachchristlichen Synagoge so hoffnungslos, dass sie sich nach wie vor weigert, das Geschöpf Israel so zu sehen, wie es vom Alten Testament selbst gesehen und dargestellt ist, dass sie gerade den Versuch fortsetzt, im Blick auf den das Alte Testament schon das alte Israel in jenen Schatten rücken musste: seinen Versuch, sich selbst zu realisieren und zu rechtfertigen, wo alles darauf ankam und ankommen würde, gerade von diesem Versuch abzustehen. Eben im Unternehmen dieses Versuchs, der in der Verwerfung und Kreuzigung Jesu Christi vollendete Tat geworden ist, musste das alte Israel scheitern und untergehen, ohne jede Hoffnung, sich als solches wieder herstellen zu können. Denn eben dieser Versuch ist sein in sich hoffnungsloser Versuch. Aber eben in dieser Gegensätzlichkeit seiner eigenen Geschöpflichkeit erkannte und erkennt, bekannte und bekennt das Geschöpf Israel den Schöpfer als seinen Verbündeten. Das tat und das tut es ja trotz allem: vor allem sich selber zum Trotz. Das war und ist ja Israels wahre Erwählung, wahre Berufung, wahre Auszeichnung, dass es von dieser Erkenntnis und diesem Bekenntnis, indem es sie verleugnete, indem es ihnen Schande machte, nicht lassen konnte, dass es von ihnen – im Widerspruch gegen seinen Widerspruch, im Widerstand gegen seinen Widerstand – von Anfang an und bis auf diesen Tag begleitet, gewissermaßen verfolgt wurde, dass es in seiner ganzen Untreue nicht aufhören konnte, das mit Jahve verbündete, durch Jahve selbst 696 an Jahve gebundene Volk zu sein.

Das ist es doch, was seine Propheten – indem sie ihm zuriefen, was es auf Grund seiner Existenz hätte wissen müssen – nicht nur voraus|103setzten, sondern auch immer wieder explizit gemacht haben. Und das ist’s, was auch die Synagoge unserer Tage immer wieder explizit macht, was aber noch viel mehr durch die rätselhafte geschichtliche Fortexistenz Israels als solche explizit gemacht wird: die die Untreue dieses Volkes bedeckende Treue seines Schöpfers und Verbündeten. Das Gesetz und die Propheten sind nicht stumm geworden. Und dieses Volk selbst als solches ist nicht vergangen, obwohl es nach den Drohungen und Darstellungen des Alten Testamentes schon damals hundertmal hätte vergehen müssen, obwohl es nach allen biologischen, soziologischen, politischen Wahrscheinlichkeiten seither längst hätte vergehen müssen, wie unzählige andere Völker seiner Art als solche längst vergangen und verschwunden sind. Israel scheint nicht vergehen zu können. Auch das Judentum des einzelnen Juden scheint nicht vergehen zu können und auch in der christlichen Gemeinde nicht vergehen zu sollen. Und keine jüdische Treue ist es, die sich darin belohnt sehen könnte, wie die Synagoge noch mitten in der Katastrophe unserer Tage in ihrer Torheit zu prahlen pflegt.76 Was sich |104 hier bewährt und durchsetzt, das ist die Treue Gottes gegenüber einem untreuen Volk. Von ihm her war und ist und bleibt Israel offenbar an der ganzen Nichtigkeit seines eigenen Versuchs vorbei als das Geschöpf realisiert und gerechtfertigt, dem er sich selbst verbündet hat, dessen Verbündeter er selbst war und ist und bleiben wird. Diese Bejahung des Geschöpfs Israel besteht und gilt; auch sie nicht auf Grund ihrer Gegenzeichnung durch das Geschöpf, auch sie nicht auf Grund von Reziprozität, wohl aber als die von Gott selbst ausgesprochene Bejahung. Wo wäre hier die Reziprozität? |

Wenn irgendwo, so ist das Geschöpf gerade in seiner israelitischen Gestalt das seinem Schöpfer sich versagende Geschöpf. Wenn irgendwo, dann muss gerade im Spiegel des israelitischen Geschöpfs ein jedes Geschöpf sein eigenes Versagen und Sichversagen 697 erkennen. Es hat darum der alte und der neue Antisemitismus seinen guten Grund in der Unbußfertigkeit, die sich gerade diesen Spiegel lieber nicht vorhalten lassen möchte. Es sieht aber nicht darnach aus, als ob es hier ein Entrinnen gebe. Die Treue Gottes gegen sein Volk Israel scheint für die Existenz dieses Spiegels gesorgt zu haben und fernerhin sorgen zu wollen. Schon das Volk Israel war eben abgesehen von aller Reziprozität nicht dazu geschaffen, seinem eigenen Sein und Rechtsein überlassen zu sein. Wie schlechthin gefährdet alles geschöpfliche Sein und Rechtsein als solches ist, das wird an dem Geschöpf Israel so sichtbar, dass es nicht zu übersehen sein sollte und |105 faktisch auch nicht übersehen werden kann. Eben an diesem Geschöpf wird aber auch dies sichtbar, was das heißt, dass Gott zu seinem Geschöpf steht, dass er es liebt, dass er seine Sache zu der seinigen macht und seine eigene Sache, die Offenbarung seiner Herrlichkeit, mit seiner Existenz verbindet. Er, Jahve, war und ist ja dieses Israels Mann,77 er, der Herr seiner Geschichte. Er sprach und spricht ja zu ihm durch den Mund des Mose und der Propheten; denn wie sollte er je aufgehört haben, das zu tun? Er wohnte und wohnt in seiner Mitte auch als der Richter und gerade als der Richter, der dieses Geschöpf immer wieder schlagen musste und doch mit keinem Tod töten wollte. Ihm war Israel nicht zu schlecht, um es sein Volk zu nennen. Zu seinem Weg zur Erfüllung seiner Absicht mit allen Völkern hat er gerade den Weg dieses Volkes erwählt. Das ist das Licht, das von Anfang an, ob gesehen oder nicht gesehen, auf dem Weg dieses Volkes leuchtete mitten in der Finsternis [vgl. Joh. 1,5]. Wo die Sünde mächtig wurde, eben da ist die Gnade noch mächtiger geworden [Röm. 5,20]. Das ist die Auszeichnung dieses Geschöpfs. Es konnte sich nicht selbst helfen. Es konnte nur sündigen, in 698 dem es sich selbst helfen wollte. So blieb ihm als Hilfe, so blieb ihm als seine Gerechtigkeit nur sein Gott. Dieser aber blieb ihm. Und eben in diesem Verhältnis, in welchem Gottes Gnade ganz als Gnade sichtbar wurde und sichtbar ist bis auf diesen Tag, konnten und können die Götter keinen Raum haben.

Dieses Verhältnis schließt die Beseitigung der Götter in sich. Was und wie sie auch anderwärts sein, welches immer ihre anderweitige Herrschaft und Wirkung sein möge, hier haben sie keine Stätte. Israel hat immer wieder anderen, fremden Göttern gedient. Nur indem es sich willkürlich außerhalb jenes Verhältnisses stellte und also gewissermaßen nur unter Verleugnung und Preisgabe seiner eigenen Existenz konnte es das tun. Nur anderen, fremden Göttern konnte es nachlaufen. Im Verhältnis zu seinem Schöpfer und Verbündeten, in Betätigung seiner eigenen Existenz konnte es aus dem Bereich der Götter nur heraustreten, konnte es als seinen Gott nur den lieben, fürchten und ehren, der seine einzige Hilfe und Gerechtigkeit, nur den Gott, der ihm so unbegreiflich, so überschwänglich gnädig war. |106 Das ist und so handelt keiner von den Göttern. So ist und so handelt nur er. Und darum ist er Israels Gott unter Ausschluss aller anderen, die eben als andere, fremde, als solche, die nicht so sind und handeln, auch nicht so wie er Gott sein können und darum nicht so wie er zu lieben, zu fürchten und zu ehren sind. In seinem Bereich ist ihre Wirklichkeit, Herrschaft und Macht nichtig. |

Die Theologie Israels war gerade in diesem ihrem Kernsatz in all den Stadien, die sie geschichtlich betrachtet durchlaufen hat, praktische Theologie und als solche eindeutig trotz und in ihrer vieldeutigen theoretischen Entwicklung. Will sagen: Wenn und wo immer das Verhältnis zwischen Jahve dem Schöpfer und Israel seinem Geschöpf reziprok, d. h. auch von Seiten des Geschöpfs praktisch wurde, da wurden die Götter für Israel unsichtbar, abwesend, da war es für Israel, als wären sie nicht. In der Praxis dieses Verhältnisses konnten die Götter als solche sich nicht ausleben, konnte der Begriff Elohim seiner grammati699schen Bedeutung zuwider nur einen Singularis singularissimus bezeichnen, vor dem jeder andere und alle anderen verblassten, der es sich verbat, mit den Göttern zusammen als ihresgleichen angesehen und behandelt zu werden. Gerade gegen die Möglichkeit des Dienstes anderer Götter neben Jahve haben die Propheten Jahves bekanntlich immer wieder unerbittlichen Protest eingelegt, gerade solche Praxis haben sie bekanntlich immer wieder als ein Verlassen des Verhältnisses gekennzeichnet, in welchem Israel seine Existenz hatte und allein haben konnte. Man kann sich darüber, dass diese Stimme nicht einfach verhallt oder unterdrückt worden ist, dass es jedenfalls in Form dieses prophetischen Protestes eine normale Praxis jenes Verhältnisses auch in der Reziprozität des Geschöpfs tatsächlich gegeben hat, wohl in gleicher Weise wundern wie darüber, dass Israel als solches nicht längst untergegangen und verschwunden ist. Und man wird wohl diese beiden erstaunlichen Tatsachen als die zwei Aspekte eines und desselben Phänomens verstehen müssen. Mit dem Volke Israel selbst konnte auch das prophetische Entweder-Oder nicht vergehen. Es war nicht Israels Götter- und Götzendienst, sondern es war die alle Nebenbuhler gewissermaßen verbrennende Eifersucht des Gottes Israels [vgl. Ex. 20,5], die das Gesicht dieses Volkes von Anfang an geprägt hat.

107 Und eben die Proklamation des einen und einzigen Gottes unter Ausschluss aller anderen ist schließlich auch so etwas wie die weltgeschichtliche Leistung Israels geworden. Sie steht den monotheistischen Bestrebungen und Auswirkungen anderer Religionen und Philosophien an Originalität, Kraft und Folgerichtigkeit unvergleichlich gegenüber. Man darf nicht vergessen: Sie war ein von Israel her gesehen widerwillig gegebenes, ein ihm von seinen Propheten im Widerspruch zu der großen Linie seiner eigenen Praxis gewissermaßen abgerungenes Zeugnis. Aber eben so ist sie Ereignis geworden als das nun doch von diesem Israel verkündigte Zeugnis des ersten Gebotes. Die Verurteilung und Kreuzigung Jesu war beides zugleich: flagrante Übertretung und gewaltige Verkündigung des ersten Gebotes, 700 Verwerfung seines Sinns und Inhalts und Aufrichtung seiner leeren Form. Als Verkündigung der leeren monotheistischen Form, der Israel in demselben Augenblick Treue hielt, als es sich deren Inhalt gegenüber als endgültig untreu erwies, ist seine Verkündigung bis heute einzigartig, exemplarisch, mustergültig. Es konnte gar nicht anders sein, als dass sich die Verkündigung der christlichen Gemeinde diese Form aneignete. Sie war und ist ja die Form von Israels Gnade, die, von Israel zurückgestoßen, sein ewiger Lebensgrund und als solcher auch der der Gemeinde ist. Sie konnte nicht fallen, wie auch dieser Grund nicht fallen konnte, indem Israel fiel. Die Gemeinde war und ist gerade in ihrem Zusammenhang und ihrer Einheit mit Israel gebunden und verpflichtet, den Tod aller Götter und so die Freiheit zu bezeugen. Ihre Bezeugung ist das Ergebnis des gnädigen Widerspruchs und Widerstandes, den Jahves Treue seinem Volk Israel entgegengesetzt hat und noch immer entgegensetzt: nicht das Ergebnis menschlicher Selbstverständigung also, sondern das Werk der göttlichen Offenbarung an den unverständigen Menschen. In dieser Begegnung, durch die großen Taten Gottes sind die Götter zu Nichtsen geworden.

Es ist aber ein und derselbe Lebensgrund, aus dem heraus Israel und die Kirche in der Verkündigung der Taten Gottes als der Beseitigung aller Götter zusammentreffen. Der Lebensgrund Israels ist ja seine Verheißung und also der dem Abraham und dann wieder dem David verheißene königliche Menschensohn: um seinetwillen, damit er aus |108 seiner Mitte hervorgehe, ist es erwählt und berufen; um seinetwillen, indem es ihm entgegensehen darf, ist Gott ihm so unbegreiflich barmherzig; um seinetwillen, als sein Volk ist und bleibt es das Geschöpf, dem sich der Schöpfer verbündet hat. Und der Lebensgrund der Kirche ist ja der erniedrigte, der im Fleisch geborene, gestorbene und auferstandene Gottessohn: um seinetwillen, weil sie von ihm zusammengerufen ist, ist sie heilig; um seinetwillen, indem sie an ihn glaubt, ist Gott ihr Heil und ihre Zuversicht; um seinetwillen und in ihm, indem er ihr Haupt ist, ist sie Gottes geliebte Gefährtin und siegesgewisse Botschafterin auf Erden; um seinetwillen und in ihm ist und bleibt auch sie das Geschöpf, dem sich der Schöpfer verbündet hat. Israels Messias dort, 701 der Herr der Kirche hier, ist das Geheimnis der Beseitigung der Götter, weil Israels Messias dort und der Herr der Kirche hier das Geheimnis des Verhältnisses zwischen Schöpfer und Geschöpf ist. Eben Israels Messias und der Herr der Kirche, eben jener königliche Menschensohn und dieser erniedrigte Gottessohn sind aber einer und derselbe, und Jesus Christus ist sein Name. Die Befreiung von den Göttern war und ist die in ihm geschehene Befreiung. Sie wurde dort unwillig, sie wird hier willig verkündigt. Ihre Verkündigung hat dort in seiner Kreuzigung ihren Höhepunkt gefunden, hier in seiner Auferstehung ihren Anfang genommen. Es vereinigt aber sein Name, seine Geburt, diese beiden so verschiedenen Völker zu einem Volk und ihre so verschiedene Verkündigung, den prophetischen Protest und das apostolische Kerygma, zu einem Zeugnis. Wir müssen und dürfen zuletzt einfach an ihn denken, um uns die Beseitigung der Götter verständlich zu machen. Dass alles, was dazu zu sagen ist, nur in einem Hinweis bestehen kann, das wird an dieser Stelle ganz klar. Jesus Christus ist der, auf den jenes eine Volk, die Gemeinde in ihrer Gestalt als Israel und als Kirche, hingewiesen, angewiesen ist als auf ihren Lebensgrund. Jesus Christus ist der, auf den von uns aus immer nur hingewiesen werden kann, im Hinweis auf den dann aber auch wirklich das entscheidende Wort zu sagen ist. Es ist nämlich die Verbündung des Schöpfers mit dem Geschöpf, durch die die Götter beseitigt sind, zuerst und eigentlich, ursprünglich und grundlegend das in ihm geschehene Ereignis, die Wahrheit seiner ewigen und zeitlichen Existenz.

109 Zuerst er existiert in jener vom Schöpfer klar verschiedenen Geschöpflichkeit: der königliche Menschensohn des Alten Testamentes, der erniedrigte Gottessohn des Neuen Testamentes: das Kind in der Unscheinbarkeit seiner Geburt, der Zimmermannssohn im Gehorsam gegen seine Eltern, der Lehrer von Nazareth in der Einfalt seines Wortes gegenüber den Großen seines Volkes und gegenüber der Macht des Römerreichs, der Einsame inmitten der Massen und auch inmitten seiner Jünger, und dann: der Angeklagte und Verurteilte, der Verhöhnte und Gemarterte, der Gekreuzigte, Gestorbene und ins Grab Gelegte. Eine geschöpfliche und in ihrer Geschöpflichkeit überdeutlich begrenzte und beschränkte Gestalt: ein Dahingegebener, ein Ausgelieferter 702 und nichts als das. Um dieses Schwachen und Geschlagenen willen, im Blick auf ihn war Israel und wurde die Kirche erwählt. Wir verstehen von hier aus die Begrenztheit und Beschränktheit, die Unscheinbarkeit und Unwahrscheinlichkeit, die Fragwürdigkeit und den Widerspruch auch ihrer Gestalt. Sie spiegeln die seinige. So wie das Geschöpf hier, in diesem einen, sichtbar wird, so war und ist es von seinem Schöpfer aus gesehen, so musste es auch in seinem Volk sichtbar werden, so auch in der Gemeinde der auf ihn Wartenden und der an ihn sich Erinnernden. Ihre Schwachheit und deren Not, ja auch ihre Verkehrtheit und deren Strafe waren vor Gott, bevor sie selbst waren, bevor die Welt war, als Gott die Welt schuf, ja bevor er sie schuf, in seinem ewigen Ratschluss. Und sie waren gerade zuerst nicht ihre Schwachheit und Not, nicht ihre Verkehrtheit und Strafe. Sie waren von Gott selbst zuerst zu seiner eigenen Sorge gemacht: in seiner Sorge zuerst auf sich genommen und dann zuerst nicht auf sie, sondern auf diesen Einen: gerade auf diesen als das Geschöpf seiner Liebe gelegt, als seine Schwachheit und Not, seine Verkehrtheit und seine Strafe. Sie waren zuerst Gott selbst zu Herzen gegangen. Und so waren sie zuerst von diesem Einen aufgenommen und getragen, um dann erst und so, indem er ihr Haupt und Vertreter war von Ewigkeit her, auch die ihrigen zu werden, auch sie in Schatten zu hüllen, auch ihnen zur Last zu fallen, auch ihre Sünde und ihr Fluch zu sein. Er trug und trägt die erste, sie trugen und tragen nur die zweite Verantwortung. Er litt und starb an erster, sie leiden und sterben erst an zweiter Stelle. Das Geschöpf in seiner Hilflosigkeit, aber auch das Geschöpf in seiner Übertretung war vor Adams Fall und vor |110 dem Fallen der Völker und der Millionen, vor dem Fallen Israels und vor dem Fallen, an dem auch die Kirche ihr vollgerütteltes Maß von Anteil hat, das Gott wohlbekannte Geschöpf, das er als solches nun doch nur in diesem einen Geschöpf ansehen und das er gerade in diesem einen Geschöpf gerade in dieser Gestalt lieben, mit dem er sich gerade in dieser Gestalt verbinden wollte zu seiner Errettung und Verherrlichung. Was alle Anderen werden sollten, das war dieser zuerst für sie: der ursprünglich verordnete Träger ihrer Ohnmacht und Verfehlung und dann auch der ursprünglich verordnete 703 Empfänger der ihnen zugedachten göttlichen Hilfe und Gerechtigkeit. |

So steht zunächst Israel und die Kirche, so steht dann aber laut der diesem Volk aufgetragenen Verkündigung die ganze Welt im Schatten des Kreuzes Jesu Christi: ihre Ohnmacht und Verfehlung wird offenbar in diesem Geschöpf, aber eben die ihrige als die, die zuerst auf dieses Geschöpf geworfen, von Gott zuerst zu seiner Ohnmacht und Anfechtung gemacht und so und daraufhin erst dann auch als die ihrige angesehen und behandelt ist. Dass dieses Geschöpf von Ewigkeit her und dann auch in der Zeit für uns vor Gott steht und unser Vertreter ist, dass unsere Geschöpflichkeit ursprünglich die seinige, dass also die seinige vor Gott für die unsrige haftbar und maßgebend ist, das ist die errettende Wahrheit der Menschheit Jesu Christi, seiner Existenz in der Niedrigkeit. Alle unsere Niedrigkeit war zuerst die seinige, um dann erst und als die seinige, d. h. als die auf ihn geworfene, als die von ihm getragene und erlittene, auch die unsrige zu werden. So war und ist Gott der Verbündete dieses Geschöpfs: so, dass er die Ohnmacht und Verfehlung alles Geschöpfs von Ewigkeit her und dann auch in der Zeit von ihm weggenommen hat, um sie dieses Geschöpfs, des Menschen Jesus Sache sein zu lassen. So ist der Schöpfer in diesem Geschöpf der Verbündete seines Volkes und laut der seinem Volk aufgetragenen Verkündigung der Verbündete seiner ganzen Schöpfung: so, indem er die Geschöpflichkeit in der Person dieses Geschöpfs zu seiner eigenen Sache gemacht hat. Denn darum geht es doch bei dieser Verbündung: dass Gott selbst in diesem Geschöpf die Sache der ganzen Schöpfung zu seiner eigenen Sache gemacht hat. Es ist der königliche Menschensohn, es ist der erniedrigte Gottessohn, der in diesem Geschöpf am Werke ist. Dieses Geschöpf ist das von Gott nicht verneinte, sondern bejahte, das reale und rechte Geschöpf.

111 Denn dieses Geschöpf ist ja in seiner vom Schöpfer ganz verschiedenen Geschöpflichkeit vom Schöpfer darum geliebt, weil er selbst in ihm Geschöpf wurde, weil er in seiner Barmherzigkeit selber als dieses Geschöpf für sein ganzes Geschöpf eintreten wollte. Das ist die Kraft jener von Ewigkeit her beschlossenen und in der Zeit vollzogenen und offenbarten Stellvertretung. Weil der Schöpfer selbst sie will und vollzieht in der Person 704 jenes einen Geschöpfs, darum ist die Ohnmacht und Verfehlung alles Geschöpfs zuerst die Sache dieses einen Geschöpfs. Darum kann Adam und kann das Volk Gottes und kann zuletzt die ganze Kreatur in ihrer Ohnmacht und Verfehlung doch nur an zweiter Stelle, doch nur im Schatten des Kreuzes Jesu Christi stehen, unter allen über sie ergehenden Gerichten doch nur das Gericht bezeugen, das zu ihrer Errettung über dieses Geschöpf ergangen ist. Darum ist das von diesem Geschöpf vollbrachte Tragen und Ertragen nun aber auch ein Hinwegtragen, ein Zunichtemachen der geschöpflichen Ohnmacht und Verfehlung. Darum ist sie dadurch, dass dieser Eine sie getragen und ertragen hat, bedeckt und ausgelöscht. Darum ist die Vergebung das erste und das letzte Wort, das dieses Volk von seinem Herrn und das durch dieses Volk im Dienste seines Herrn die ganze Welt zu hören bekommt. Darum ist die Ohnmacht und Verfehlung des Geschöpfs immer und überall schon übertroffen, indem sie Ereignis wird. Darum gilt und besteht seiner Ohnmacht und Verfehlung zum Trotz die Realisierung und Rechtfertigung des Geschöpfs durch seinen Schöpfer. |

Das Ja des Schöpfers zu seinem Geschöpf gilt darum unbedingt, es ist darum nicht an irgend eine Reziprozität gebunden, es78 ist darum das Ja der freien allmächtigen Gnade, weil Gott in jenem einen Geschöpf von Ewigkeit her und in der Zeit sich selber, seinen eigenen Sohn gesehen und geliebt [hat], und weil ihm dieses Geschöpf, das sein eigener Sohn war, von Ewigkeit her und in der Zeit damit Gehorsam entgegenbrachte, dass er sich dessen nicht weigerte, für alle anderen in jener Gestalt, in jener ganzen Unansehnlichkeit, ja Ungerechtigkeit und Unseligkeit vor ihm zu stehen und gerade so der Spiegel seines väterlichen Herzens79, gerade so das Werkzeug seiner Barm|112herzigkeit zu sein. Im Verhältnis des Schöpfers zu diesem Geschöpf schloss sich der Kreis des schöpferischen und des geschöpflichen Willens, und weil er sich hier auch von der geschöpflichen Seite in Form eines gehorsamen, rückhaltlosen Bekenntnisses gerade zu der geschöpflichen Ohnmacht und Verfehlung geschlossen hat, hat er sich überhaupt geschlossen, ist hier die Absicht des Schöpfers in seinem Verhältnis zum Geschöpf überhaupt in Erfüllung gegangen, ist die Barmherzigkeit des Schöpfers zu ihrem positiven Ziel gekommen. 705 Dass der Schöpfer im Geschöpf sich selber sieht und liebt und dass das Geschöpf dem Schöpfer darin gehorsam ist, dass es sich zu seiner Geschöpflichkeit bekennt, das ist es, was die Ohnmacht und Verfehlung des Geschöpfs gut macht: das ist nicht nur die Errettung, sondern auch die Verherrlichung des Geschöpfs durch seinen Schöpfer. Eben darin gibt er ihm ja Anteil an sich selber. Und das ist es, was in der Kreuzigung Jesu Christi am Ende des Weges des alten und am Anfang des Weges des neuen Israel geschehen, was in seiner Auferstehung von den Toten als die Entdeckung der neuen Kreatur offenbar geworden ist. Er ist wirklich das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte [Apk. 22,13]: in seinem Tod der Erste, in seiner Auferstehung der Letzte, in seinem Tod die Errettung, in seiner Auferstehung die Verherrlichung des Geschöpfs: beides, indem er selber das Geschöpf, der Menschensohn, der Erniedrigte, aber auch beides, indem er selber der Schöpfer, der König, Gottes Sohn und selber Gott ist – und hier wie dort: der Schöpfer für das Geschöpf, der Schöpfer als das Haupt und der Erstling des Geschöpfs, der Schöpfer, der die Sache des Geschöpfs, indem er es schuf, ja schon indem er es schaffen wollte, zu seiner Sorge gemacht, in seine Hand genommen und selber durchgeführt hat.

Und eben das ist die wirkliche Götterdämmerung, die Israel nur widerwillig, nur in Form des Protestes seiner Propheten, schließlich offenkundig als der Feind des Gottessohnes und Menschensohnes, der sie vollbracht, schließlich nur in Form seines formalen Monotheismus anerkennen konnte und die auch die Kirche, wenn auch wil|113lig, wenn auch in Form der apostolischen Frohbotschaft, wenn auch in Dankbarkeit gegenüber dem Vollbringen des Gottes- und Menschensohnes nur bezeugen und nicht selber vollbringen kann. In ihm, in Jesus Christus, ist sie geschehen. In dem in ihm beschlossenen und vollzogenen Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf ist die Wirklichkeit und die Herrschaft der Götter von Haus aus ausgeschlossen und beseitigt. Denn in ihm ist außer dem Schöpfer und dem Geschöpf kein Dritter. In ihm sind Schöpfer und Geschöpf Einer, ist schon die Frage nach anderen Göttern neben dem Schöpfer unmöglich gemacht. In ihm ist die Quelle 706 aller Götterwirklichkeit und Götterherrschaft: die Ohnmacht und Verfehlung des Geschöpfs, dadurch vertrocknet, dass er sich zu dem durch sie belasteten Geschöpf bekannt und dass er sie in seinem Selbstopfer und Gehorsam am Kreuz zunichte gemacht [hat]. Er ist in seiner Offenbarung als der durch und in Gott Lebendige das Geschöpf, das nicht sündigen, das außer dem Schöpfer keinen Gott haben kann. So ist er die Widerlegung und Aufhebung der Götter von Anbeginn und am Ende. Weil er Israels Messias ist, wird ihnen80 schon in Israel, der Verlorenheit Israels zum Trotz, wirksam widersprochen. Und weil er der Herr der Kirche ist, ist sie in ihrer ganzen widerstrebenden Geschöpflichkeit der Raum, in welchem und von dem aus die Freiheit von den Göttern als das erste und letzte Wort in dieser Sache verkündigt werden darf. Es gibt keine Beseitigung der Götter und keine Freiheit von ihnen außer der in Jesus Christus vollbrachten. Alle Praxis dieser Beseitigung und dieser Freiheit kann nur in der Nachfolge seines Werkes bestehen. Und so kann auch alle Theorie dieser Beseitigung und Freiheit nur im Hinweis auf sein Werk kräftig sein. Als Hinweis auf sein Werk ist sie kräftig.

2. Der Glaube und die Weltanschauungen

707 Die Selbstkundgebung des Schöpfergottes ist die Bejahung aller von ihm verschiedenen Wirklichkeit, d. h. wer sie hört, der hört, dass sie als sein Geschöpf ist und wieder als sein Geschöpf gut ist, der wird durch sie der Realität und der Rechtfertigung der von Gott verschie|114denen Wirklichkeit mit göttlicher Gewissheit gewiss gemacht. Von hier aus haben wir zu verstehen gesucht: Die Offenbarung Gottes des Schöpfers ist die Verneinung jeder Gestalt eigener Göttlichkeit, jeder immanenten Souveränität und Genugsamkeit, Realität und Güte des Geschöpfs. Indem sie ihm als Gottes Geschöpf wahres Sein und wahre Güte zuspricht, spricht sie ihm ab: das Sein und die Güte, die nur die seines Schöpfers sein können. Indem sie dem, der sie hört, die Realität und die Rechtfertigung des Geschöpfs offenbar macht, macht sie ihm auch das offenbar, dass außer Gott selbst nur das Geschöpf als solches und in seiner Weise, nämlich durch seinen Schöpfer real und gerechtfertigt ist, dass dagegen alle Götter, alle durch sich selbst real und gut sein wollenden Wesenheiten als solche, in ihrer Natur, in ihrer Wirklichkeit, in ihrer Möglichkeit, Nichtse81 sind, d. h. dem Bereich angehören, den Gott, indem er als Schöpfer über Sein und Nichtsein, Güte oder Ungüte der von ihm verschiedenen Wirklichkeit entschied, nicht geschaffen, weil nicht gewählt und nicht gewollt hat. Wer und was die Götter auch seien: im Akt der Schöpfung hat Gott sie gerichtet: hat er sie 708 sich selbst und seinem Geschöpf gegenüber ins Unrecht, sich selbst und sein Geschöpf ihnen gegenüber ins Recht gesetzt. Das ist die kritische Funktion der christlichen Lehre von der Schöpfung: dies sichtbar zu machen. Wir haben anfangs festgestellt: das ist – sofern unter Gnosis der Synkretismus, die Konfusion zwischen Gott und den Göttern zu verstehen ist – die antignostische Richtung dieser Lehre.82

Aber eben die damit gewonnene Erkenntnis bedarf nun noch einer bestimmten Vertiefung und Beleuchtung. Die Gnosis, der sich die christliche Theologie einst zu erwehren hatte und noch zu erwehren hat, war und ist ja auch Synkretismus und Konfusion zwischen dem Glauben und den Weltanschauungen83. Und so muss die kritische Funktion der Lehre von der Schöpfung darin bestehen, auch diesen |115 Gegensatz sichtbar zu machen. Der Gegensatz zwischen Gott und den Göttern ist freilich das Primäre, auf das in diesem Zusammenhang zu achten ist. Eigentlich, zuerst und objektiv in der Entgegenstellung Gottes gegen alle Götter geschieht die entscheidende kritische Belehrung, die wir durch die Offenbarung Gottes des Schöpfers zu empfangen und in der Lehre von der Schöpfung entgegenzunehmen haben. Aber eben zu jenem Primären gehört auf Seiten Gottes und auf Seiten der Götter eine sekundäre Entgegenstellung, in deren Erkenntnis jene Belehrung faktisch-fruchtbar werden muss. Sie könnte ja in jener ersten Form allzu objektiv-theoretisch verstanden werden. Die so notwendige und grundlegende Erkenntnis, dass die Götter durch Gott den Schöpfer negiert sind – dem unausweichlich, der seine, des Schöpfers, Offenbarung gehört hat –, könnte für sich genommen als eine bloße, des Hörers wirkliche Situation und Haltung nicht eigentlich betreffende und verändernde Erweiterung seines Wissens erscheinen. Er selbst, der sich das sagen lässt, ist ja weder der wahre Gott noch einer von den falschen Göttern, sondern, in der Mitte zwischen beiden und von beiden unterschieden, der Diener und Anbeter entweder des einen oder des anderen. Und so könnte es wohl sein, dass wir uns selbst noch nicht völlig verstanden hätten, wenn wir von Gott und den Göttern redeten, dass 709 wir noch nicht begriffen hätten: die Entscheidung, die dort, in jenem objektiven Gegensatz, fällt, will hier, in einem subjektiven Gegensatz unserer eigenen Entscheidung, respektiert und repetiert sein. Sie ist wohl Wahrheit in sich selber, auch wenn das nie geschehen würde. Sie wäre aber nicht unsere Wahrheit, wenn sie nicht sofort auch die Gestalt unserer eigenen Entscheidung für Gott und gegen die Götter annehmen würde. Es könnte unser Wissen um jenen objektiven Gegensatz ein totes Wissen sein, solange es nicht ein – unsere eigene Entscheidung notwendig in sich schließendes – Wissen um den dazu gehörigen subjektiven Gegensatz geworden ist. Eben diesem haben wir uns jetzt zuzuwenden. Das sekundäre Korrelat zu dem primären Gegensatz zwischen Gott und den Göttern ist der zwischen dem Glauben und den Weltanschauungen. Hier richtet, hier entscheidet Gott nur im Verborgenen; hier sind als Hörer seiner Schöpferoffenbarung und also als Zeugen seines Gerichts und seiner Entscheidung wir selbst zum Wählen und Entscheiden aufgerufen. Eben in dieser Wahl muss und wird es sichtbar wer|116den, ob wir als Hörer nicht nur, sondern als gehorsame Hörer der Offenbarung des Schöpfers, in wirklicher Beugung unter sein Gericht und seine Entscheidung auch zwischen Gott und den Göttern so gewählt haben, wie es der objektiven Wahrheit, wie es dem Schöpfungsakt und der Selbstbezeugung des Schöpfers entsprechend allein möglich ist.

Zu Gott gehört nämlich der Glaube. Wir sagen präziser: zu dem nach dem Zeugnis der heiligen Schrift sich selbst offenbarenden Schöpfergott gehört, wo seine Offenbarung vernommen wird, auf Seiten des Menschen als die entsprechende Gestalt dieses Vernehmens das, was in der heiligen Schrift als der Glaube an ihn bezeichnet wird. Es ist dieser Glaube die Möglichkeit – und zwar die einzige, weil alle anderen begründende und in sich schließende Möglichkeit, der Offenbarung Gottes des Schöpfers zu entsprechen und also ihm gerecht zu werden, vor ihm 710 recht zu sein. Denn es ist der Glaube das «Trauen und Wagen des Herzens»84, in welchem der Mensch seine Existenz Gott ganz anbefiehlt und von ihm Alles, was ihm gut sein kann, erwartet. In dieser Haltung und in ihr allein wird er der Offenbarung des Schöpfers und also dem Wesen Gottes als solchem gerecht – in ihr und in ihr allein auch seinem eigenen Wesen als Gottes Geschöpf. Der Schöpfer kann vom Menschen nur durch den Glauben geehrt werden, und nur durch den Glauben kann der Mensch sich selbst vor dem Schöpfer Ehre machen. Der Glaube ist auf Seiten des Menschen das Komplement zu Gottes Allmacht, Herrlichkeit und Allgenugsamkeit. Er gehört also zu Gott, sofern der Mensch zu Gott gehört und sofern seine Zugehörigkeit zu Gott eben im Glauben ihren normalen Ausdruck findet. Der Gegensatz Gottes zu den Göttern spiegelt sich darum, wo seine Offenbarung als Schöpfer vernommen wird, wo der Mensch vor ihm recht ist, notwendig in dem Gegensatz, in welchem sich der zu Gott gehörige Glaube einer anderen, nicht zu Gott, sondern zu den Göttern gehörigen Möglichkeit und Haltung gegenüber befindet.

117 Zu den Göttern gehören nämlich die Weltanschauungen. Wir präzisieren: zu den durch die Selbstkundgebung des Schöpfers als Nichtse entlarvten Göttern gehören auf Seiten des Menschen als die Exponenten seiner Erkenntnislosigkeit der Offenbarung Gottes gegenüber die vom Menschen selbst entworfenen Weltanschauungen. Sie sind – in der Bibel nur als Begrenzung des Glaubens sichtbar – die Varianten des menschlichen Versuchs, sich der Selbstkundgebung des Schöpfers zu entziehen, ihr nicht zu entsprechen und also Gott sein Recht und seine Ehre nicht zu geben – eines Versuchs, mit dem notwendig auch das Recht und die Ehre des Geschöpfs aufs Spiel gesetzt wird. Denn es besteht jede Weltanschauung in dem Unternehmen des Menschen, sich gegenüber dem Rätsel seiner Existenz und derjenigen seiner Umwelt selber zurechtzufinden, sich der Realität und der Rechtfertigung des Geschöpfs von sich aus zu vergewissern und zu versichern, indem er die ihm durch die Offenbarung des Schöpfers gegebene Vergewisserung und Versicherung grundsätzlich oder doch praktisch auf 711 sich beruhen lässt. Die Unternehmungen dieser Art entsprechen sehr genau der Natur, der Wirklichkeit und Möglichkeit der Götter als der Wesenheiten, die im Raum der menschlichen Einbildung Gott nachahmen, wie Gott herrschen und verehrt sein wollen. Wo die Götter ihr Wesen haben, da entstehen die Weltanschauungen. Wer die Götter ehrt und ihnen dient, der wird unfehlbar zu einer jener Unternehmungen schreiten. Die Götter beweisen nämlich gerade ihre Nichtigkeit darin, dass der ihnen verfallene Mensch das Genügen, das er ihrem Anspruch und ihrer Verheißung nach an ihnen finden möchte, faktisch nicht finden kann. Der Mensch ist den Göttern gegenüber mit sich selbst und seiner Umwelt faktisch allein gelassen. Er kann den Göttern wohl seine Religion zuwenden; er kann ihnen aber nicht Glauben schenken. Er kann ihnen wohl verfallen sein; er kann ihnen aber nicht vertrauen, wie man Gott vertrauen kann. Er kann, auch wenn er ihnen noch so treu und völlig ergeben ist, auf keinen Fall darauf verzichten, sich mit seinem Dasein auf eigene Faust auseinanderzusetzen. Sie verbieten ihm das übrigens auch nicht; sie hindern ihn nicht bei diesem Beginnen; sie laden ihn geradezu ein dazu. Die Eigenmächtigkeit des auf Weltanschauung bedachten Menschen ist ebenso das notwendige Komplement zu der Ohnmacht seiner Götter, wie der Glaube das Komplement zu Gottes Allmacht ist. So gehören |118 die Weltanschauungen zu den Göttern, wie der Glaube zu Gott gehört. So sind sie der ebenso notwendige Ausdruck der Zugehörigkeit des Menschen zu den Göttern, wie der Glaube der Ausdruck seiner Zugehörigkeit zu Gott ist. Der Gegensatz der Götter zu Gott spiegelt sich darum, wo die Offenbarung des Schöpfergottes nicht vernommen wird, notwendig in dem Gegensatz, in welchem sich die zu den Göttern gehörigen Weltanschauungen zu dem zu Gott gehörigen Glauben befinden.

Wir verstehen unter Glauben: die gehorsame Zuversicht des Menschen zu Gottes Wort, d. h. aber zu Jesus Christus, in welchem die gute Absicht des Schöpfergottes und also der gute Sinn des Geschöpfs Ereignis und Offenbarung sind.

712 Wir verstehen unter Weltanschauung: eine vom Menschen gesuchte und gefundene, in sich abgeschlossene Konzeption von seiner Existenz und Umwelt, ein von ihm entworfenes Bild mit dem Anspruch und der Verheißung einer Auflösung dieses Problems, der er als solcher letzten Respekt und entscheidende Nachachtung entgegenbringen zu müssen meint. Autonomie auf der einen Seite: die Voraussetzung der menschlichen Meisterschaft zum Entwurf eines solchen Bildes – und Autarkie auf der anderen Seite: die Voraussetzung der Abgeschlossenheit und Gültigkeit eines solchen Bildes – das sind die beiden entscheidenden Merkmale des Begriffs einer Weltanschauung.

Zwischen dem so verstandenen Glauben und den so verstandenen Weltanschauungen besteht der Gegensatz, mit dem wir uns nun zu beschäftigen haben.

Man könnte gegen diese Entgegenstellung den historischen Einwand erheben: dass Glaube und Weltanschauung sich bisher faktisch noch nie ausgeschlossen hätten, dass vielmehr der Glaube sich faktisch noch immer mit diesen oder jenen Weltanschauungen verbunden, sie sich zu eigen gemacht, sie in seinem Sinn verstanden und ausgelegt und sich mindestens ein Stück weit auf sie berufen und gestützt habe – und dass es noch kaum ein spekulatives oder physikalisches, ethisch oder politisch oder ästhetisch begründetes Weltbild gegeben habe, das sich solcher Verbindung gegenüber als schlechthin spröde erwiesen habe. In der Tat: Der Glaube hat schon in den biblischen Zeugnissen selbst mit großer Selbstverständlichkeit und Kraft zuerst die Sprache von mehr als einer der orientalischen Mythologien, Naturwissenschaften und Lebensauffassungen und dann weiter die der hellenistischen Popularphilosophie ebenso wie der hellenistischen Mysterienreligionen 713 gesprochen, indem er |119 offenbar ohne Schwierigkeit auch in allen diesen Anschauungs- und Begriffswelten, auch unter allen den ihnen entsprechenden ethischen, politischen, ästhetischen Voraussetzungen zu leben wusste. Er hat in den folgenden Jahrhunderten gerade in einigen seiner ausgezeichnetsten Vertreter die große Erneuerung des Platonismus und später auf breiter Front auch die des Aristotelismus mitgemacht und noch später – in einer für seine eigene Geschichte entscheidenden Stunde – die Renaissance, die wohl entscheidend eine Renaissance der antiken Stoa gewesen ist.85 Er hat ungefähr die ganze Folge der seither aufgetretenen Philosophien durch die Aufstellung entsprechend geformter Theologien begleitet und ergänzt. Er konnte sich einst ganz auf den Boden des ptolemäischen und nachher nach einigem Zögern doch auch wieder ganz auf den Boden des kopernikanischen Weltbildes stellen und auch dessen biologischer und chemischer Deutung in der Neuzeit zu folgen versuchen. |

Man könnte auf diesem Feld die Art, wie Karl Heim den Wandlungen des naturwissenschaftlichen Weltbildes im Raum der letzten 50 Jahre nie ermüdet und nie erschrocken nachgegangen ist, als Musterbeispiel dafür anführen, wie der Glaube sich offenbar jeder Weltanschauung gewachsen weiß, sich jede zum besten dienen lassen, das «Alles ist euer!» [1.Kor. 3,21] gerade auf die sich wandelnden Weltanschauungen anwenden kann.86 Der Glaube hat sich aber |120 auch mit dem römischen, mit dem byzantinischen, mit dem römisch-germanischen, mit dem britischen, dem französischen, dem russischen, dem neudeutschen, dem amerikanischen Imperialismus und daneben mit den vielen diese Systeme teils fördernden, teils hemmenden Nationalismen, er hat sich mit der absoluten und der konstitutionellen Monarchie ebenso wie mit der bürgerlichen Aristokratie und Demokratie, er hat sich mit patriarchalischen, liberalen, sozialistischen Wirtschaftssystemen unter verhältnismäßig geringen Reibungen je und je zu vertragen und zu vereinigen gewusst. Er hat sich ohne wesentliche Widerstände in die vielen Entwicklungen auch der ästhetischen Konzeption des Daseins gefunden und eingefügt. Er hat sich das Lebensgefühl der verschiedensten Zei714ten und Räume in gewissen Fristen und unter gewissen Kämpfen assimiliert und zu eigen gemacht. In allen diesen Bereichen – von der Theorie über die bewusste und unbewusste Praxis bis zur künstlerischen Kontemplation – entstanden ja von jeher und entstehen noch heute die autonomen und autarken Bilder, in deren Entwurf und Aufrichtung der Mensch seine Existenz und die seiner Umwelt zu meistern versucht. Der Glaube ist diesen Versuchen insgesamt notorisch nie einfach fremd geblieben. Er hat ihnen auch nicht nur beigewohnt; er hat sie auch nicht nur über sich ergehen lassen – er hat sie vielmehr weithin auch angeregt und unterstützt; er hat sich an sie gehalten und von ihnen genährt, und gerade die Glaubenden sind oft genug die wesentlichsten Träger und Promotoren der verschiedenen Weltanschauungen gewesen, haben jetzt eine in Geltung stehende am zähesten verteidigt, jetzt eine neu aufkommende am gründlichsten vorbereitet und am radikalsten zum Angriff geführt. Es hat also nicht den Anschein, als ob zwischen der glaubensmäßigen und der weltanschaulichen Einstellung zum Problem der geschöpflichen Existenz ein eigentlicher Gegensatz je stattgefunden habe.

Zu dem Allem ist zu sagen, dass gerade das nicht zu bestreitende Zusammensein des Glaubens mit den Weltanschauungen auch historisch ein sehr komplexes Phänomen ist, dessen genauere Erkenntnis uns nun doch zu dem Ergebnis führen muss, dass wir es hier und dort mit heterogenen und also nur kritisch aneinander zu messenden Größen zu tun haben.

Man hat (1.) zu beachten, dass der positive Zusammenhang zwischen dem Glauben und den Weltanschauungen zu allen Zeiten letztlich doch nur darin bestanden hat, dass das Problem aller Weltanschauungen: die Aufgabe einer Stellungnahme zur menschlichen Existenz und damit zur geschöpflichen Welt überhaupt, auch ein Problem des Glaubens gewesen ist. «Auch», so müssen wir sagen. Denn der Glaube als solcher – auch der als menschliches Werk verstandene Glaube – war nie zuerst und nie ausschließlich mit der Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst und mit der übrigen geschöpflichen |121 Wirklichkeit beschäftigt. Er war als Glaube zuerst und eigentlich immer das Hören und Bekennen des dem Menschen gesagten Wortes 715 Gottes. In dieser seiner eigentlichen Funktion hat er dann allerdings – weil er der Glaube des Menschen und also eines Geschöpfs und weil auch sein Gegenstand das Handeln Gottes in der Geschöpflichkeit ist – auch eine Stellungnahme zur Geschöpfwelt immer in sich geschlossen, trat er also in formale Ähnlichkeit zu den Weltanschauungen. Er kam doch immer von anderswoher, und er ging doch immer anderswohin als sie, wenn er sich ihnen zur Seite stellte und ihre Sache zu der seinigen machte. Er hat sich doch im Grunde immer nur scheinbar mit ihnen verbündet, solidarisiert und vereinigt. Die biblischen Schöpfungssagen haben keinen orientalischen Mythus und es hat der Apostel Paulus keine hellenistische Popularphilosophie vorgetragen, obwohl und indem sie sich ihrer Sprachen zweifellos bedient haben. Das Problem des biblischen Zeugnisses ist ja nur beiläufig, nur annexweise, nur im Zusammenhang mit dem Problem der Offenbarung und Erkenntnis Gottes auch das der Geschöpfwelt. Sein Interesse an ihr folgt dem Interesse, das Gott selbst – als ihr Schöpfer und indem er in seinem Sohn selbst Geschöpf wurde – an ihr nehmen wollte. In diesem Interesse nähert es sich formell den antiken Weltanschauungen, bedient es sich ihrer Anschauungs- und Begriffswelt, redet es ihre Sprache. Die Sprache, die Anschauungs- und Begriffswelt, in der die Hörer des biblischen Zeugnisses, aber auch die biblischen Zeugen selbst als Menschen lebten, war eben die der antiken Weltbilder, wie sie auch nachher die der späteren, immer wieder der Natur dieses Äons entsprechenden Weltbilder gewesen ist. Die Stellen wären aber gerade im biblischen Zeugnis erst aufzuzeigen, wo es eine antike Weltanschauung um ihrer selbst willen aufgenommen und verkündigt hätte. Ihm ist es nicht um den Menschen an sich und nicht um die Geschöpfwelt als solche, sondern um Gottes Handeln in und mit ihnen, um sie als Gegenstand, Werkzeug und Raum dieses göttlichen Handelns zu tun. Es wollte gerade nicht, was schon die antiken Weltanschauungen wollten: es war gerade kein Instrument, mit dem der Mensch sich seiner selbst und seiner Umgebung bemächtigen wollte. Und wo immer der Glaube später der Glaube des biblischen Zeugnisses war und blieb, da stand er den Weltanschauungen der späteren Zeiten in ähnlicher 716 Nähe, aber auch in ähnlicher Distanz gegenüber, da war sein Blick und seine Absicht immer wohl auch auf das Geschöpf, aber nie direkt auf das Geschöpf, sondern direkt auf den Schöpfer und erst vom Schöpfer her und also indirekt auch auf das Geschöpf gerichtet. Da ging er immer nur scheinbar, nur in der unvermeidlichen menschlichen Form und Gestalt seines Werkes mit den Weltanschauungen zusammen. Da verkündigte er nicht dieses oder jenes Bild einer für sich bestehenden Geschöpfwirklichkeit, sondern in der Bildersprache der menschlichen Weltanschauungen, aber sachlich an allen Bildern vorbei die Herrschaft Gottes über die Geschöpfwirklichkeit, nicht in der Meinung, diese gering zu achten, vielmehr in der Meinung, ihr gerade so echte Ehre zu erweisen, aber allerdings ohne ihr eine ihr eigene Ehre zuzuschreiben. Es wurde, wo der Glaube der Glaube des biblischen Zeugnisses war, noch immer deutlich, |122 dass sein Unternehmen und das der Weltanschauungen schon im Ansatz nicht dasselbe ist.

Man hat (2.) zu beachten, dass das nicht zu leugnende formale Zusammengehen des Glaubens mit den Weltanschauungen da, wo der Glaube sich selber treu blieb, wo sein Werk wirklich als Werk des Glaubens unternommen und durchgeführt wurde, in Wirklichkeit nie dazu geführt hat, dass er sich einer bestimmten Konzeption vom geschöpflichen Dasein restlos verschrieben und dass er sein eigenes Erkennen und Bekennen mit dem einer Weltanschauung endgültig identifiziert hätte. Es entspricht der Beiläufigkeit, in der sich der Glaube von jeher auch (aber nur auch!) der Geschöpfwelt zuwendete, es entspricht dem, dass er sich der Anschauungs- und Begriffswelt der Weltanschauungen doch immer nur bediente, ohne sie um ihrer selbst willen aufzunehmen, dass sein Verhältnis zu ihnen im Grunde immer nur ein unverbindliches gewesen ist, dass er hier von ihrer Sprache Gebrauch machen konnte, um es dort zu unterlassen und um sich dort in deutlichen Widerspruch zu ihnen zu setzen – und dass er offenbar die Fähigkeit hatte, von der einen zur anderen überzugehen, ohne sich selber, seinem eigenen Erkennen und Bekennen untreu zu werden. Man könnte in dieser Hinsicht geradezu von einer Leichtfertigkeit und Treu717losigkeit des Glaubens allen Weltanschauungen gegenüber reden. Er hat sie im Grunde nie ernst genommen: nie so, wie sie sich selbst ernst nehmen. |

Wir nannten K. Heim als Musterbeispiel für die Art, wie der Glaube sich sukzessive die verschiedensten Weltanschauungen zu assimilieren vermag. Wir müssen ihn nun doch auch als Musterbeispiel dafür anführen, wie leicht der Glaube zu allen Zeiten an den verschiedenen Weltanschauungen vorbeizukommen wusste. Er lebt in ihnen, er denkt und redet mit ihnen, weil der Mensch – auch der glaubende Mensch und erst recht der nicht-glaubende – nun einmal in ihnen lebt. Aber er betritt ihren Boden doch nur wie im Sprung, um ihn gegebenenfalls alsbald auch wieder verlassen zu können. Er übernimmt gerade für ihren Entwurf und für ihre Abgeschlossenheit und Gültigkeit keine Verantwortung. Er bewegt sich in ihrem Raum; er lässt sich aber durch dessen Grenzen nicht aufhalten; er macht sich für ihre Erhaltung nicht haftbar; er kann den Raum der einen getrost auch mit dem Raum einer ganz anderen vertauschen. Gerade letzten Respekt und entscheidende Nachachtung hat er, wo er sich selbst auch nur einigermaßen recht verstand, diesen Bildern nie entgegenbringen können. Das ist in der Bibel, wo wir ihn an seiner Quelle zu studieren haben, mit Händen zu greifen. Es gibt keine Weltanschauung, die man etwa als die biblische, oder auch nur als die alttestamentliche, die neutestamentliche, oder auch nur als die prophetische oder als die paulinische bezeichnen könnte. Sondern wenn uns da weltanschauliche Elemente gewiss in Fülle begegnen, so handelt es sich genau gesehen um eine den biblischen Schriftstellern doch nur vordergründlich oder hintergründlich interessante, in sich sehr vielfältige und bewegliche Menge von Trümmern, die offenkundig einmal zu diesen und jenen Weltanschauungen gehört haben, die aber in ihrer |123 Ganzheit nie sichtbar, geschweige denn geltend gemacht werden, die wir im Zusammenhang als Lösungen des Lebens- und Welträtsels neben dem, was die biblischen Schriftsteller eigentlich zu vertreten haben, keine selbständige Rolle spielen sehen. Man kann natürlich nicht einfach sagen, dass diese weltanschaulichen Rudimente in der Bibel auch fehlen und also vom Leser stillschweigend oder ausdrücklich gestrichen werden könnten. An dem ist es ja nicht, dass sich die weltanschauliche Form und der glaubensmäßige Gehalt des biblischen Zeugnisses an irgend einer Stelle auseinanderhalten und trennen ließen. Man kann und muss aber se718hen, dass es sich bei jener Form doch nur um Rudimente und also um Partikeln gewisser Weltanschauungen und nicht um diese selbst und als solche handelt, und dass diese Partikeln gerade nicht von den dahinter stehenden Weltanschauungen her, sondern aus dem neuen Zusammenhang des Glaubenszeugnisses, zu dessen Form sie jetzt gehören, verstanden sein wollen. Kein magisches Weltbild z. B., sondern das Geheimnis und Wunder Gottes, das dem magischen Weltbild ebenso fremd ist wie jedem anderen, soll durch das biblische Zeugnis eindrücklich und verbindlich gemacht werden: auch dann und gerade dann, wenn es sich die Freiheit nimmt, unter anderem, teilweise und vorübergehend auch in der Sprache des magischen Weltbildes zu reden.87 Es sagt in der Artikulatur jeder derartigen Sprache gerade nicht das, was deren menschliche Erfinder sagen wollten, sondern was in Verantwortung gegenüber Gottes Wort gerade es und nur es zu sagen hat. |

Man muss aber diesen für das Verständnis des Alten und Neuen Testamentes sicher gültigen Kanon auch zur Würdigung mindestens der Intentionen auch der späteren, der in der Kirche der verschiedenen Zeiten laut gewordenen Glaubenszeugnisse vor Augen haben. Blickt man auf die einzelnen Phasen und Hervorbringungen der christlichen Dogmengeschichte, so wird man mindestens sagen müssen, dass es dem oft so schwachen, angefochtenen und ausgefallenen Glauben der Kirche wahrscheinlich nie gelungen ist, eine hundertprozentige Fehlleistung dadurch hervorzubringen, dass er sich dieser oder jener Weltanschauung geradezu hundertprozentig verkauft hätte, dass er in einer solchen schlechterdings auf- und untergegangen wäre, dass er schlechterdings aufgehört hätte, sein von jener Weltanschauung unabhängiges eigenes Werk zu treiben. Auch in der Gnosis des zweiten Jahrhunderts, auch bei den großen Häretikern des vierten und fünften Jahrhunderts, auch im römischen Katholizismus, auch in den übelsten Hervorbringungen des Rationalismus am |124 Ende des 18. und am Anfang des 19. Jahrhunderts, auch bei Schleiermacher und den von ihm ausgehenden Schulen ist das, wenn man gerecht urteilen will, nicht geschehen. In irgend einem Punkt hat man die Weltanschauungen, denen sich auszuliefern man da im Begriffe war, dann faktisch doch immer, sei es ab 719zuschwächen, sei es zu verstärken versucht, hat man Additionen oder Subtraktionen vorgenommen, hat man sie Umdeutungen unterworfen, hat man sie in einen Gebrauch genommen und in einen Dienst gestellt, die deren eigenem Genius fremd waren, in denen nun doch, wenn auch noch so lispelnd und undeutlich, der Glaube mit seinem eigenen Werk zu Worte kommen wollte. Und überblickt man die christliche Dogmengeschichte im Ganzen, so kann man wohl staunen über die mehr als verdächtige Wendigkeit, in der die Kirche und die Theologie ihren Glauben jetzt dieser, jetzt jener jeweils neuen Gestalt des Weltbildes anzugleichen, sich in immer neuen Häusern wohnlich einzurichten versuchte. Man kann sich aber angesichts dieses Phänomens doch auch darüber wundern, wie zwar die Modifikationen des Weltbildes kamen und gingen und wie sie offenbar je und je auch den Vertretern des Glaubens tieferen Eindruck machten, als es sich mit dessen innerer Gewissheit vertragen hätte, wie aber wiederum der Weg des Glaubens durch alle Irrungen und Wirrungen der Weltanschauungen hindurch nie ganz abbrach, durch keine von dessen Wandlungen nun etwa blockiert wurde, sondern – wie sehr man sich auch an ein bestimmtes Weltbild gebunden, wie schwer man sich auch durch voreilige Ineinssetzung glaubensmäßiger und weltanschaulicher Aufstellungen kompromittiert hatte – jenseits einer jeden von diesen Wendungen in merkwürdiger Freiheit einen ganz neuen Anfang nahm. Die eingegangene Bindung war offenbar so gründlich und definitiv doch nicht gewesen, wie es vorher wohl ausgesehen hatte. Die verschiedenen Weltbilder, Philosophien, Lebenssysteme usw. hatten ihre Zeit, und mit ihnen kamen und gingen natürlich auch die spekulativen, ethischen, politischen, ästhetischen Hervorbringungen, in denen der Glaube – immer ein wenig allzu zeitgemäß – jenen nachgeeifert hatte. Er selbst aber hatte immer wieder neue Zeit. Er selbst konnte faktisch auch verzichten auf das, was er gestern als das Eine, Notwendige betrachtet und behandelt, konnte faktisch heute verbrennen, was er gestern angebetet hatte.88 Er hat das immer wieder getan. Er bewies auch im Wandel seiner weltanschaulichen Gestalt und gerade in diesem Wandel, gerade in seiner seltsamen Leichtfertigkeit und 720 Untreue nach dieser Seite seine Selbständigkeit, seine Eigenart gegenüber den Weltanschauungen. Der Glaube hatte und hat ihnen gegenüber seine eigene Funktion und Kontinuität.

125 Man muss (3.) beachten, dass es sich überall da, wo man den Glauben nun wirklich mit dieser oder jener Weltanschauung absolut verbündet und vereinigt zu sehen meint, nicht um den Glauben, sondern um den Abfall vom Glauben, um dessen Werk also und nicht um das des Glaubens handelt. Der Glaube selbst kann nicht fallen, nicht aufhören, sich selbst nicht untreu werden, und sofern die Kirche die Hüterin und Verkündigerin des Glaubens ist, kann auch die Kirche nicht irren. Sie kann aber irren, indem sie es unterlässt, den Glauben zu hüten und zu verkündigen.89 Sie kann ihn jetzt hüten und verkündigen und kann es jetzt unterlassen, das zu tun, und jetzt sich geradezu zur Hüterin und Verkündigerin glaubensfremden Anliegens und glaubensfremder Lehre machen. Es kann auch der einzelne glaubende Mensch seinen Glauben jetzt betätigen, jetzt nicht betätigen, jetzt aus dem Glauben, jetzt ohne ihn leben, wirken, reden, sich kundgeben. Der Glaube will geglaubt sein. Wenn und sofern das nicht geschieht, geschieht der Abfall, und das bedeutet: es macht sich jetzt und in dieser Hinsicht die Kirche oder der einzelne glaubende Mensch der nicht-glaubenden Welt gleich. Es steht jetzt der Mensch dem Problem der Geschöpflichkeit auf einmal wieder so gegenüber, wie es des den Göttern verfallenen und ihnen dienenden Menschen natürliches Teil und Los ist. Er muss sich jetzt, statt dass ihm auch diesem Problem gegenüber geholfen wäre, selber zu helfen suchen. Er muss jetzt mit den Wölfen heulen,90 d. h. er muss sich jetzt an diesem und jenem Bildentwurf beteiligen und an die Autorität dieses oder jenes entworfenen Bildes sich klammern. Er muss jetzt einem solchen Bilde Respekt und Nachachtung entgegenbringen. Alles, wie es sich gehört für den Menschen, der nicht zu Gott, sondern zu den Göttern gehört. Dieser Mensch muss die Weltanschauung ernst nehmen. Das ist es, was – nicht dem Glauben, wohl aber der glaubenden Kirche, dem glaubenden Menschen widerfahren kann und tatsächlich tausendfach widerfahren ist und immer wieder widerfährt: der partielle Abfall vom 721 Glauben, die partielle Verleugnung des Glaubens, das partielle Heraustreten aus ihm, das partielle Hinübertreten auf den ganz anderen Boden des Menschen, der die Offenbarung Gottes des Schöpfers nicht vernommen hat. Es kann sich die Kirche und es kann sich der glaubende Mensch, von diesem partiellen Übel befallen, in Widerspruch mit sich selbst, d. h. in Widerspruch mit seinem Glauben verwickeln: die Freiheit des Glaubens teils haben und betätigen, teils nicht haben und nicht betätigen. In diesem Widerspruch haben alle Häresien ihren Ursprung. |

126 Der Glaube kann sich frei bewegen auf dem Feld der Weltanschauungen; aber nur solange er sich wirklich frei bewegt, d. h. so unverbindlich mit ihnen allen umgeht, wie wir es vorhin beschrieben haben, ist und bleibt er reiner Glaube, seine Lehre rechte Lehre. Indem er sich frei in ihnen bewegt, unverbindlich mit ihnen umgeht, nimmt er ihnen ja ihren Ernst und eben damit ihr Gift, bestreitet er ja faktisch ihre Autonomie und Autarkie. Er hat dann die Erlaubnis, sich ihrer zu bedienen, wie sie die biblischen Zeugen offenbar in reichem Maß gehabt haben. Bewegt er sich nicht mehr frei auf diesem Felde, indem er sich da oder dort bindet, z. B. an eine bestimmte Erkenntnistheorie oder an bestimmte physikalische Grundlehren oder an die Moral einer bestimmten Zeit oder Klasse oder an eine bestimmte Regierungs- oder Wirtschaftsform oder an ein bestimmtes Lebens- und Weltgefühl, dann hat er sich in dieser Hinsicht schon verloren, auch wenn er sich in anderer Hinsicht noch so eifrig behalten würde. Er ist dann bei aller im Übrigen vielleicht aufrechterhaltenen Orthodoxie schon unfrei, schon häretisch geworden. Es kann ja nicht anders sein, als dass in der wirklichen Solidarisierung mit dem Fremden auch das Eigene des Glaubens früher oder später infiziert und verdorben wird. Man kann nicht ernstlich Idealist oder Materialist oder Existentialist oder Skeptiker, man kann auch nicht absoluter Anhänger eines politischen oder moralischen oder ästhetischen Systems und wirklich Christ sein. Man kann als Christ nur Gast sein in solchen Häusern. Sofern man sich in ihnen niederlässt, hat man den Glauben immer schon preisgegeben. Der Glaube kann nur in der Freiheit leben.

722 Das ist das Bedenkliche, das gegen alle natürliche Theologie anzumelden ist. Natürliche Theologie91 meint in der Geschöpfwelt als solcher und mit den Mitteln der geschöpflichen Erkenntnis als solcher und also ohne den Glauben im biblischen Sinn dieses Begriffs gewisse unverkennbare und unveräußerliche Linien von Wahrheit und Recht und in diesen die Spuren des Schöpfers und also Gottes wahrzunehmen und aufweisen zu können. Ist das ein ernst gemeintes und durchgeführtes Unternehmen – und das ist ja doch wohl die Meinung derer, die es für recht und notwendig halten –, dann ist es schlecht und recht das Unternehmen einer Weltanschauung. Der Glaube, dem man neben solchem Unternehmen das Wort ja auch nicht verweigern wird, wird nun doch nur noch ein gefangener, ein in jene Linien eingeschlossener, ein durch die betreffende Weltanschauung bedingter und bestimmter Glaube sein. So kommt es zu den Verdunkelungen des Glaubens, zu den Verzerrungen seines Lebens, zu den Trübungen seiner Botschaft, die immer wieder die Krankheit der Kirche, das Geheimnis ihrer Ohnmacht und ihres Versagens sind. Es gibt kein Moratorium des Glaubens. Es gibt keinen leeren Raum, in welchem er nun doch auch einer Weltanschauung mit ihrer Autonomie und Autarkie freie Hand lassen könnte. Er hat das noch nie getan, ohne eben damit sich selbst in Frage zu stellen. Das ist unendlich oft geschehen. Man kann wohl |127 fragen: wo und wann dies etwa nicht geschehen wäre? Man kann aber daraus, dass dies so allgemein geschieht, keineswegs den Satz ableiten, dass es die Art des Glaubens sei, sich ernstlich mit bestimmten Weltanschauungen zu solidarisieren und zu vereinigen. Das zu tun ist nicht die Art, sondern nur die allerdings verbreitete Unart des Glaubens.

Wir haben endlich (4.) zu beachten, dass das Zusammensein des Glaubens mit den Weltanschauungen, sofern der Glaube sich selber treu bleibt, immer geradezu den Charakter eines Widerspruchs des Glaubens gegen die ihm jeweils scheinbar zugesellte Weltanschauung an sich trägt. Das Beispiel eines solchen Zusammenseins müsste erst gefunden werden, wo der einer bestimmten Weltanschauung zugesellte oder zugrunde gelegte oder auch aufgepfropfte Glaube 723 in deren eigenem Zusammenhang gesehen nicht einen Fremdkörper gebildet hätte und als solcher wirksam gewesen wäre. In der Bibel ist das wieder zum Greifen deutlich. Wir sahen,92 wie die biblischen Schöpfungssagen, indem sie scheinbar an der babylonischen Mythologie unbefangen Anteil nehmen, faktisch auf Schritt und Tritt an dieser Kritik üben, sie gewissermaßen von innen bestritten und aufgelöst haben. Es hat sich die apostolische Verkündigung in die Gedanken, Vorstellungen und Lebensgewohnheiten der hellenistischen Welt doch nur so hineingefügt, wie man das auch von einer in eine Felswand hineingefügten Dynamitpatrone sagen kann, und der Erfolg ist wirklich der entsprechende gewesen. Es würden sich Plato und Plotin über die ihrer Philosophie bei Augustin widerfahrene Vertiefung und Durchleuchtung, und es würde sich Aristoteles über das, was bei Thomas aus ihm geworden ist, vermutlich mit wenig Freude gewundert haben. Es war, von den betreffenden weltanschaulichen Orten her gesehen, sicher immer eine mehr als zweifelhafte Sache, wenn es später theologische Cartesianer, Leibnizianer, Kantianer, Hegelianer gegeben hat. Es ist auffallend selten vorgekommen, dass die Urheber der großen weltanschaulichen Systeme selber und von sich aus den Mut und die Lust gehabt hätten, die Kombination des Systems mit dem Glauben sichtbar zu machen. Und wo das, wie etwa von Kant oder von Schelling,93 versucht worden ist, da geschah es, dass nicht nur der Glaube, sondern vor allem auch das System darunter Schaden litt, da mussten sie sich dann wohl von ihren an diesem Unternehmen nicht beteiligten Freunden vorhalten lassen, was Goethe bei Anlass von Kants Lehre vom radikalen Bösen geschrieben hat: dass sie ihren Philosophenmantel «freventlich beschlabbert» hätten.94 Es kann nicht |128 bestritten werden, dass der mit so viel Liebe und Geschicklichkeit unternommene Versuch Schleiermachers, die biblische und kirchliche Christologie seinem System der Harmonie der Gegensätze an bestimmter Stelle anzugleichen und einzuverleiben,95 nicht nur von der Seite des Glaubens, sondern gerade auch von dieser weltanschaulichen Voraussetzung her misslungen ist, dass er hier einen allzu fremden, einen geradezu feindseligen Gast an Bord seines 724 Schiffes genommen hatte. So haben die am Anfang unseres Jahrhunderts sogar zum Bündnis mit dem Monistenbund bereiten und herbeigeeilten Pastoren96 sicher nicht zum Ruhm, sondern eher zum baldigen Untergang dieses Unternehmens beigetragen. Und so begreift es sich, dass in unseren Tagen M. Heidegger den Versuch von R. Bultmann, die Theologie zur Abwechslung dessen Existentialphilosophie zugrunde zu legen,97 nur mit wenig Erbauung begleitet haben soll,98 und dass die echten Anhänger des Nationalsozialismus die sog. |129 «Deutschen Christen», die diesen mit dem Christentum zu kombinieren gedachten, nachdem sie kirchenpolitisch ihren Dienst getan, schleunigst wieder abgeschüttelt haben:99 in der richtigen Empfindung, dass für den Nationalsozialismus von daher auch bei der größten Nachgiebigkeit von christlicher Seite doch nur Unangenehmes zu erwarten sein möchte. |

Der Glaube ist nun einmal ein Salz, das sich auch in den größten Verdünnungen, wenn es mit den Weltanschauungen vermischt wird, bemerkbar, und zwar störend, zersetzend, ihre Fundamente in Frage stellend, bemerkbar macht. Es kam auch den politischen und wirtschaftlichen Systemen, es kam auch der jeweils herrschenden Moral faktisch nie zugut, wenn sie sich mit dem Glauben verbündeten. Einsichtige Weltkinder wie Bismarck haben darum immer davor gewarnt, den Altar als Stütze des Thrones allzu nahe an diesen herankommen zu lassen.100 Auch die schweizerische Sozialdemokratie hat es nach einer kurzen Freudenzeit erleben müssen, dass man mit den Religiös-Sozialen101 schwerlich Politik machen könne. Der Glaube steht nun einmal, ob |130 die Glaubenden es einsehen wollen oder nicht, als solcher gegen alle Weltbilder, gegen alle in sich abgeschlossenen Daseinskonzeptionen. Die Glaubenden können wohl teilweise abfallen vom Glauben und dann und in solchem Abfall brauchbare Träger und Vertreter solcher Bilder sein. Wie aber, wenn sie nun zum anderen Teil – wie man es doch auch dem römischen Katholizismus, auch dem protestantischen Modernismus, auch den «Deutschen Christen» und ihresgleichen nicht einfach absprechen kann – auch Glaubende sind und bleiben? Dann wirken sie als solche sicher immer gerade da als Spielverderber, wo die Kinder dieser Welt am arglosesten ihre 725 Freude haben und am ernsthaftesten an ihrem Werk sind. Dann wird man von den Weltanschauungen her sicher immer den Eindruck haben und früher oder später auch die Erfahrung machen, dass diesen durch den ihnen beigesellten Glauben der Grund entzogen und die Spitze abgebrochen wird. Sofern er Glaube an Gott ist – sofern er sich selbst als solcher auch nur in einem Bruchteil treu bleibt –, kann er ja nicht Glaube an die Bilder sein, kann er ihre Autonomie und Autarkie nicht anerkennen, wird er gerade die Gewissheit und Sicherheit, die der Mensch sich mit ihrer Errichtung verschaffen möchte, in Zweifel ziehen müssen. Er hat das faktisch noch immer getan. Die enttäuschten Weltkinder pflegten dann jeweilen («qui mange du pape en meurt»102) über die Unzuverlässigkeit und die geheime Eigenwilligkeit |131 der «Pfaffen» zu schelten, und wie haben sie dem nur zu guten Willen der betreffenden Glaubenden, wie haben sie ihrem aufrichtigen Zugetansein zu ihren Bildern damit manchmal Unrecht getan! Denn was konnten diese dafür, wenn ihr Glaube nun dennoch je und je stärker und wirksamer war als ihre ungläubige Intention und also als ihre Verehrung den Bildern gegenüber? Was konnten sie dafür, wenn ihr Glaube sich ohne ihr Zutun wehrte gegen die Weltanschauungen? Aber ob mit dem Willen der Glaubenden oder gegen ihn, ob gern oder ungern gesehen von den Anderen: so geschah es. Die Beziehung zwischen Gott und dem Glauben, zwischen den Göttern und den Weltanschauungen ist viel zu notwendig und zu genau, als dass das nicht immer wieder geschehen müsste: gerade in der Verbindung des Glaubens mit den Weltanschauungen zeigte sich auch ihr Gegensatz.

Wenn man das Alles beachtet, wird man unsere Fragestellung auch historisch nicht ernstlich beanstanden können.

Wir wenden uns zunächst zu der Frage, wie der Glaube durch die Offenbarung Gottes des Schöpfers begründet wird. Wie kommt es dazu, dass der Mensch jenes «Trauen und Wagen des Herzens»103 wahr macht, in welchem er seine geschöpfliche Existenz Gott anbefiehlt und von ihm alles Gute erwartet,104 um in solcher Haltung Gott gerecht zu werden und vor ihm ge726recht zu sein, ihm die ihm gebührende Ehre zu geben und eben damit auch sich selbst Ehre zu machen? Es ist des Menschen Tat, Haltung, Gesinnung, Erkenntnis und Bekenntnis, wenn das geschieht. Er macht damit Gebrauch von der ihm von seinem Schöpfer gegebenen Freiheit. Und gerade wenn der Mensch von dieser seiner wahren Freiheit Gebrauch macht, wird immer nur das geschehen: dass er Gott Glauben schenkt. Es geht |132 immer aus der Initiative Gottes seines Schöpfers hervor, wenn er das tut. Glauben heißt geradezu: Gott selbst dahin nachfolgen, wohin der Mensch von sich aus nicht aufbrechen könnte und würde, wohin ihm aber Gott in seiner Offenbarung vorangeht. Dadurch unterscheidet sich der Glaube von den Weltanschauungen, dass er in Gottes Offenbarung seinen Grund hat, durch sie hervorgerufen ist. Es gehört zum Glauben, dass der Mensch Gott vor allem auch dafür dankbar ist als für eine freie Gabe: dass er glauben darf. Wer glaubt, dem ist Gottes Offenbarung gerade nicht nur der Gegenstand, sondern auch der Ursprung seines Glaubens. Der Glaube kommt und der Glaube nährt sich von Gottes Offenbarung. Darum kann er nur stehen. Darum fällt er nicht, auch wenn der glaubende Mensch fällt. Darum hat er die Macht, den Menschen vor Gott zu rechtfertigen. Darum ist der Mensch, indem er glaubt, in der Lage, Gott die Ehre zu geben und auch sich selbst Ehre zu machen.

Die den Glauben begründende Macht der Offenbarung Gottes, von der wir zuerst reden müssen, ist aber diese: Gottes Offenbarung ist seine Selbstkundgebung als der Schöpfer. 727 Eben als solcher und also als der freie Grund und souveräne Herr der menschlichen und aller anderen geschöpflichen Wirklichkeit ist Gott aber auch der, der sich dem Menschen und der wiederum den Menschen sich verbündet und verpflichtet, der sich selbst für den Menschen und damit den Menschen für sich erwählt hat. Dass er so und nicht anders Schöpfer ist, das ist die Majestät der ewigen Liebe und Freiheit seines Schöpfertums, dessen Wesen kein anderes ist als das innerste Wesen seiner Gottheit. Er ist Schöpfer in Jesus Christus. Die Schöpfung ist der äußere Grund des Bundes zwischen Gott und Mensch. Der Bund zwischen Gott und Mensch ist der innere Grund der Schöpfung.105 Und nun ist Gottes Offenbarung seine Selbstkundgebung als dieser Schöpfer des Menschen. Sie enthüllt dem Menschen das Geheimnis seiner Schöpfung und also seiner Existenz und der ganzen von Gott verschiedenen Wirklichkeit: Es geht in des Menschen eigenem Dasein und Sosein und in dem des Himmels und der Erde und alles dessen, was zwischen Himmel und Erde ist, nicht erst nachträglich, sondern |133 von Haus aus um den Willen Gottes, der in der Person Jesu Christi geschehen und sichtbar geworden ist. Dass er geschehe wie im Himmel, so auch auf Erden [Mt. 6,10], das ist darum das Letzte, dem der Mensch und die ganze Geschöpfwelt entgegengehen, weil es auch das 728 Erste ist, von dem sie herkommen. Das offenbart die Offenbarung. Und das ist die den Glauben begründende Macht der Offenbarung Gottes, dass sie dem Menschen das bekannt macht, dass sie die Selbstkundgebung dieses Gottes ist. 729 Sie stellt ihn vor den Willen Gottes, dem gerade er selbst nicht widersprechen kann, weil er, indem er da ist, schon von seiner Vollstreckung herkommt. Die Herrlichkeit Gottes erdrückt den nicht, der zum Glauben kommt, sondern sie lässt ihn aufleben. Sie blendet ihn nicht, sondern sie erleuchtet ihn. So ist sie mächtig, so allmächtig. Der Glaube, den sie erweckt, ist nichts Seltsames für den Menschen: seltsam ist er nur im Verhältnis zu all den Taten und Gesinnungen, zu den vermeintlich notwendigen Erkenntnissen und Bekenntnissen, in denen der Mensch sich ohne ihn – aber dann immer zugleich gegen seine wahre Natur – zu bewegen pflegt. Der Glaube ist das Heimkommen des Menschen. Er ist sein Aufatmen in der Luft, für die er geschaffen ist und in der er allein wirklich atmen kann. Und die Offenbarung Gottes Schöpfers ist Gottes Einladung und Aufruf, heimzukommen und sich dieser Luft zu erfreuen. Das ist es, was sie stark macht. Gott ist in seiner Offenbarung darin so gewaltig, 730 dass er den Menschen nur dazu überredet, von seiner natürlichen Freiheit Gebrauch zu machen.

Es ist auch wahr, und es kann und muss dasselbe auch so gesagt werden: Es ist die Liebe Gottes, die seine Offenbarung stark macht zur Begründung des Glaubens. Das Geheimnis des Schöpfungsratschlusses, das sie dem Menschen offenbar macht, ist ja die unbegreifliche Wirklichkeit, dass Gott sein Geschöpf nicht nur kennt, nicht nur als Herr unter sich hat, sondern lieb hat. Es ist die ganze Schöpfung als solche die Erklärung, dass Gott in sich selber, in seiner ganzen hohen göttlichen Freiheit die Liebe ist, die sich nicht an sich selber genügen lassen, die für einen Anderen und mit einem Anderen sein will, wie es schon im Schoß seiner ewigen Gottheit geschieht, als die Liebe des Vaters zum Sohne, als die Liebe des Sohnes zum Vater. In der Schöpfung überströmt diese innere, ewige Liebe Gottes, sie nimmt jetzt die Gestalt an seiner Liebe zu dieser ganz anderen, gar nicht göttlichen, |134 von ihm selbst verschiedenen Wirklichkeit. Und dass dem so ist, das offenbart die Schöpfungsoffenbarung. Sie offenbart also nicht nur hinsichtlich Gottes, dass er der von Ewigkeit her Liebende, sondern auch hinsichtlich des Geschöpfs, dass es das von dem ewigen Gott geliebte ist. Und eben das ist es, was der Mensch da zu vernehmen bekommt. Dazu ladet sie gerade ihn ein, ruft sie gerade ihn auf: sich selbst als den von Gott Geliebten zu erkennen, sich diesem seinem wahrsten Sein entsprechend zu verhalten. Dieses Verhalten ist der Glaube. Eben das heißt glauben: sich selbst als Gottes Geliebten erkennen und als solchen ernst nehmen. Weil die Offenbarung Gottes die Offenbarung seiner Liebe ist, darum und darin ist sie so durchgreifend, den Glauben zu begründen.

Man kann und muss dasselbe also auch so sagen: Jesus Christus ist die Glauben erweckende Macht der Schöpfungsoffenbarung. Das ist ja 731 gewissermaßen deren konkrete Mitte und Substanz: dass Alles, was ist, indem es durch Gottes Willen und Tat wurde, in Jesus Christus als dem Vollender des Gnadenbundes sein Ziel hatte, so dass insofern Alles, was ist, durch ihn wurde, was es ist. Wie die ewige Liebe des Vaters und des Sohnes in Gott selbst darin überströmt, dass er als Schöpfer nicht ohne das von ihm verschiedene Geschöpf sein will, so ist die Einheit von Gott und Mensch in Jesus Christus, indem sie das Ziel und der Grund der Schöpfung ist, die kräftige Bestimmung des Menschen für die Partnerschaft im Gnadenbund. In und mit der Existenz Jesu Christi unter allen anderen Menschen ist diesen zum vornherein ein Stempel, ein character indelebilis aufgedrückt.106 Kein Mensch ist und wird, was Jesus Christus ist. Es ist aber ein jeder Mensch als solcher ein Gleichnis Jesu Christi, dazu bestimmt, im Glauben an ihn, d. h. an die in ihm allein vollzogene Einheit des Menschen mit Gott, an der dem Menschen zugewendeten Gnade demütig |135 und dankbar teilzunehmen. Es offenbart also Gottes Offenbarung, gerade sofern sie diese Mitte und Substanz hat, nichts, was dem Menschen fremdartig wäre. Und es kann der Glaube, zu dem sie aufruft, gerade als Glaube an Jesus Christus nichts Seltsames, sondern nur das ihm naheliegendste, natürlichste Tun sein. Kann er nicht glauben, ohne umzukehren, so ist doch eben die Umkehr, die er damit vollzieht, seine Heimkehr zu seinem eigenen Ursprung; denn eben des Menschen Ursprung ist nicht außer, sondern in Jesus Christus, in welchem ihm Gott zuerst die Gnade seiner ewigen Liebe zugewendet, im Blick auf den er den Menschen als solchen gewollt und geschaffen hat. Und ist der Glaube das Tun eines von neuem geborenen Menschen [Joh. 3,3], so ist doch eben diese Wiedergeburt das 732 Wiederaufleben zu dem Leben, zu dem er eigentlich geboren ist, die Aufdeckung seiner ersten Geburt im Raum und im Licht der Geburt im Stalle von Bethlehem. Das ist die Glauben begründende Macht der Schöpfungsoffenbarung, weil und sofern sie die Offenbarung des Geheimnisses des fleischgewordenen Wortes Gottes ist.

Man kann und muss dasselbe endlich auch so sagen: Die Macht der Schöpfungsoffenbarung ist die erweckende, überführende, überzeugende Macht des Heiligen Geistes. Wenn in unseren bisherigen Feststellungen107 über das, was den Glauben begründet und notwendig macht, noch ein bedauerlicher Rest108 von scheinbarem naturhaftem Zwang übrig geblieben sein sollte, so müsste sich dieser Schein zerstreuen, wenn wir es jetzt endlich noch so sagen: der Heilige Geist begründet den Glauben. Eine andere als die Macht des Geistes Gottes kann ja hier wirklich nicht in Frage kommen. Glaube als naturhafter, d. h. unfreier und also ungeistlicher Ablauf und Zwang wäre gewiss kein Glaube. Als Akt der echten menschlichen Freiheit haben wir ihn ja zum vornherein beschrieben. Unfreie Kinder wären gewiss keine Gotteskinder; denn dass sie Gott nicht weniger als ihr Herz schenken, das macht sie zu Glaubenden, das zu Gotteskindern. Wie könnten und würden sie Gott ihr Herz schenken, wenn sie das mechanisch gezwungen tun würden? Ihr Herr ist der Geist. Und wo der Geist |136 ihres Herrn ist und regiert, da ist gerade Freiheit [vgl. 2.Kor. 3,17]: ihre eigenste Freiheit. Aber eben die Glauben erweckende Macht, von der wir bis jetzt sprachen – die Macht der Liebe Gottes, die Macht der Gnade Jesu Christi –, ist ja keine andere als die Macht des Heiligen Geistes. Er ist zuerst das Band der Liebe109, die in Gott selbst den Vater mit dem Sohn und den Sohn mit dem Vater verbindet, und als dessen Gleichnis dann auch das Band der Liebe, in welchem Gott die von ihm verschiedene Wirklichkeit seines Geschöpfes will und setzt und erhält, sich mit ihm und es mit sich selbst zusammenhält. Dass er das tut, was er als Schöpfer tut, das ist geistliche Wahrheit und Wirklichkeit, und wenn er es offenbar macht, dass er das will und tut, dann ist es die Gemeinschaft seines Geistes, die dem eröffnet, angeboten und geschenkt wird, 733 dem er sich selbst offenbar macht, d. h. der bekommt damit inneren eigenen Anteil an eben dem, was Gott in sich selbst und was Gott mit der Schöpfung zusammenhält. Er erkennt dann eben das, dass Gott sich selbst gerade mit ihm und dass er gerade ihn mit sich selbst zusammenhält. Diese Erkenntnis und das Leben in ihr ist die geistliche Erkenntnis und das geistliche Leben des Glaubens. Und es ist der Heilige Geist das Geheimnis der Einheit von Gott und Mensch in Jesus Christus, der das Ziel und der Grund der Schöpfung ist. Wie hat Gott die Welt geliebt? So (Joh. 3,16), dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. Kein anderes Geschöpf an sich und als solches ist selbst und von sich aus der Sitz und Ursprung der Liebe, in der Gott die Welt geliebt hat – um nicht zu reden von der ewigen Liebe, in der Gott sich selber liebt –, keines realisiert mit seinem Lieben die Art, wie Gott die Welt geliebt hat. Keines ist ja in seiner Geschöpflichkeit «empfangen vom Heiligen Geist»110 und also in seiner geschöpflichen Existenz als solcher Träger, Quelle und Geber des Heiligen Geistes. Eben das ist Jesus Christus. Und eben in dieser Funktion ist er das Ziel und der Grund der Schöpfung als die Vollendung des Bundes zwischen Gott und den Menschen. In ihm und durch ihn hat Gott die Welt geliebt. Und eben das ist es, was im |137 Glauben an ihn Erkenntnis und Leben wird, kräftig gegen die Verlorenheit, der alles andere Geschöpf neben ihm nicht entgehen könnte und würde, kräftig für das ewige Leben, das kein anderes Geschöpf von sich aus erlangen und haben kann. Der Glaube an ihn schafft zwar nicht, er anerkannt und bestätigt aber die Gnade, in der sich Gott in ihm, dem Menschen, indem er ihn wollte und schuf, zugewendet hat. Wieder ist es die Gemeinschaft seines Heiligen Geistes, die ihm damit eröffnet, angeboten und geschenkt wird, dass Gott sich selbst offenbar macht. Wieder bekommt der Mensch Anteil an eben dem, was Gott in sich selbst und was Gott mit der Schöpfung einigt. Und so ist wieder beides geistliche Wahrheit und Wirklichkeit, Gemeinschaft des Heiligen Geistes: dass Gott das tut, was er in Jesus Christus tut, und dass dieses Tun, das Geheimnis 734 Jesu Christi, dem Menschen offenbart und mitgeteilt wird. Dass dem so ist, das garantiert die Freiheit des Glaubens, gerade indem die Macht, die ihn begründet, als ein Herrschaftsakt ohnegleichen sichtbar wird.

So sind sie ein einziges Ganzes: die Liebe Gottes des Vaters, die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes [vgl. 2.Kor. 13,13]. Und es ist dieses Ganze, in welchem nichts fehlen und nichts übersehen werden darf, das die Offenbarung Gottes des Schöpfers mächtig macht, den Glauben hervorzurufen. – So steht es grundsätzlich mit der Initiative Gottes, in der der Glaube seine Herkunft und seine Nahrung hat.

Der Sinn dieser göttlichen Initiative und damit auch der Sinn des Glaubens, dem wir uns jetzt zuwenden, ergibt sich aus dem eigentümlichen Inhalt der Offenbarung. Wir können diesen ihren Inhalt jetzt in den kurzen Satz zusammenfassen: dass Gott für das Geschöpf und darum mit ihm ist. Das ist es, was der Mensch als Empfänger der Offenbarung Gottes zu hören bekommt. Und das ist es, was er in dem durch sie begründeten Glauben zunächst für sich – aber weil für sich, darum für alle Menschen, darum letztlich für die ganze Kreatur – realisieren darf: Gott für uns [vgl. Röm. 8,31], Gott mit uns [Mt. 1,23].

Das bedeutet offenbar – und das ist zunächst der Sinn der Offenbarung –, dass die Vorstellung einer isolierten, in sich selbst beruhenden und durch sich selbst bewegten Wirklichkeit außer Gott durchgestrichen ist. Nur im Schatten, abseits von Gottes Selbstkundgebung, kann diese Vorstellung entstehen und sich erhalten. Im Lichte dessen, |138 was Gott von sich selbst und seinem Tun als Schöpfer zu sagen hat, fällt sie zu Boden. Dass das Geschöpf die von Gott verschiedene Wirklichkeit ist, das bedeutet wohl, dass es ihm gegenüber selbständig ist: ein Anderes als er, mit seinem ihm eigenen Wesen und mit seinem ihm eigenen Dasein, der Mensch mit seiner Freiheit – ohne die er nicht dieses Geschöpf, der Mensch, wäre –, in eigener Entscheidung Gott zu ehren. Aber die von Gott verschiedene Wirklichkeit ist sein Geschöpf, und das schließt in sich, dass es ihm gegenüber nicht souverän ist, dass es in seiner Selbständigkeit ihm gegenüber zu seiner Verfügung, in seinem Dienst, unter seinem Gericht steht, dass auch die mensch735liche Freiheit sein Werk ist und also in ihm ihre Norm und ihre Grenze hat. Wäre es anders, wie sollte dann Gott für uns und mit uns sein? Eben darum bedeutet das Sein Gottes für uns und mit uns, wie es in seiner Selbstkundgebung offenbar wird, nun auch dies – und das ist der nächste Sinn des Glaubens –, dass auch die Vorstellung einer Selbstisolierung des Geschöpfs, die Idee seines Versuchs, sich mit sich selbst zufrieden zu geben und sich eigenwillig und eigenmächtig, aus sich selbst heraus mit seiner Existenz im Rahmen der übrigen Geschöpfwelt auseinanderzusetzen und zurecht zu bringen, ohnmächtig ist. Es gehört auch diese Vorstellung in den Schatten, abseits von Gottes Selbstkundgebung. Es kann auch sie im Lichte dessen, was Gott von sich selbst und von seinem Tun als Schöpfer zu sagen hat, nur zu Boden fallen. Dass das Geschöpf von Gott verschieden ist, das bedeutet wohl, dass es ihm gegenüber sein eigenes Dasein zu verwirklichen, für sich und im Zusammenhang mit dem Anderen, was da ist, zu gestalten hat, das eröffnet ihm wohl seinen eigenen Weg, das gibt ihm wohl seine eigenen Anfänge und Ziele, seine eigenen Freuden und Leiden, seine eigene Bestimmung und, im Fall des Menschen: die Fähigkeit, selber zu sehen und zu hören, zu denken und zu wollen, selber Initiativen zu ergreifen und Verantwortungen zu übernehmen. Es ist aber erst recht wahr, dass alles von Gott Verschiedene Gottes Geschöpf und als solches nicht dazu bestimmt ist, in der Getrenntheit und Einsamkeit seinem Schöpfer gegenüber auf sich selbst zu stehen, von seinen Initiativen und Verantwortungen die Auseinandersetzung mit sich selbst und mit seiner Umwelt, die Zurechtbringung seiner Existenz und wohl gar noch die des Kosmos und so die Realisierung und Rechtfertigung seines Daseins zu erwarten. Das Geschöpf ist, |139 auch wenn es der Freiheit des Menschen teilhaftig ist, in Gottes Hand, und es können seine Initiativen und Verantwortungen nur im Rahmen und im Dienst von Gottes Willen ihrem Raum haben. Wie wäre er für uns und mit uns – wie schwach und gehaltlos müsste sonst dieser Satz verstanden werden? –, wenn er nicht der König, Meister und Helfer wäre, in dessen Kompetenz gerade das gehört, für sein Geschöpf zu sorgen, d. h. aber ihm die Sorge für sich selbst 736 abzunehmen? Dass er für uns und mit uns ist, das verbietet uns, uns mit unseren Initiativen und Verantwortungen an seine Stelle zu setzen, sie anders zu verstehen und anders zu ergreifen und durchzuführen denn als untergeordnete Dienstleistungen nach der Disposition seines göttlichen Sorgens. – Der Sinn der Offenbarung des Schöpfers ist also zunächst der: das Geschöpf in seine Grenzen zu weisen und an seinen Ort zu stellen. Und so ist der Sinn des Glaubens der, dass der Mensch sich eben das gefallen lässt, in seine Grenzen gewiesen und an seinen Ort gestellt zu werden. Wo das laut und vernommen wird: Gott für uns und Gott mit uns!, da wird es sichtbar und beachtet, dass das Geschöpf nicht der Schöpfer und also der Stellung und Funktion Gottes nicht teilhaftig ist. Von dieser kritischen Bestimmung haben wir auszugehen.

Wir haben aber von da aus weiterzugehen. Die göttliche Kritik, um deren Proklamation es sich in der Offenbarung und um deren Erkenntnis es sich im Glauben handelt, hat eine von Haus aus positive Richtung. Sie unterscheidet, um zu verbinden. Sie erniedrigt, um zu erhöhen. Sie redet von der göttlichen Grenze, um von der göttlichen Umgebung des Geschöpfs zu reden. Dass Gott für uns und mit uns ist, wie es uns bei der Glauben erweckenden Macht der Liebe Gottes, der Gnade Jesu Christi, der Gemeinschaft des Heiligen Geistes [vgl. 2.Kor. 13,13] durch seine Offenbarung gesagt wird, das schließt – gerade indem es jene falschen Vorstellungen ausschließt – die Erkenntnis in sich, dass der Schöpfer dem Geschöpf nicht verneinend und nicht neutral, sondern bejahend gegenübersteht. Die Offenbarung spricht diese Bejahung aus, der Glaube nimmt sie auf und wiederholt sie. Sie besagt, dass die von Gott verschiedene Wirklichkeit als solche, weil sie Gottes Geschöpf ist, in Gottes Hand und Sorge und eben damit gut aufgehoben ist. Die Zurückweisung jeder geschöpflichen Souveränität und jeder eigenen Sorge des Geschöpfs um sich |140 selber, die hier am Platze ist, kann doch nur die Kehrseite der Erkenntnis sein, dass es unter der Souveränität und Fürsorge seines Schöpfers steht. Wir sahen früher111, dass das bedeutet: seine Realität und seine Rechtfertigung sind gesichert 737 durch das Ziel, auf das hin Gott es erschaffen, das auch der Grund ist, warum er es geschaffen hat. Sie sind dadurch gesichert, dass der Schöpfer gerade in seinem Erbarmen mit dem Menschen sich selber verherrlichen will und sich selber so treu bleibt. Sie sind gesichert durch Jesu Christi Tod und Auferstehung, die den konkreten Inhalt schon des göttlichen Schöpfungsratschlusses bilden. Das Geschöpf ist und das Geschöpf ist recht, indem dieses Geschehen das Ziel und der Grund der Schöpfung ist. Wir haben jetzt zu sehen, wie der Glaube diese Sicherung entgegennimmt.

Der Glaube besteht Alles in Allem schlicht darin, dass der Mensch dieses göttliche Ja gelten lässt. – Wer glaubt, wer also das göttliche Ja gelten lässt, der weiß, dass er weder im Himmel noch auf Erden nach einem anderen als dem ihm damit gegebenen positiven Verhältnis zur Geschöpfwirklichkeit zu suchen braucht. Er weiß, dass sie darum gut aufgehoben ist, weil sie in Gottes Hand und Sorge ist. Er weiß, dass sie ohne das nicht wäre und nicht recht wäre. Er weiß, dass sie Traum und Chaos, Lüge und Finsternis wäre, wenn Gott nicht ihr Schöpfer und als solcher ihr Herr wäre. Er weiß, dass dieser Herr allein sie über dem Abgrund hält, über dem Abgrund des Nichts, der auch der Abgrund des Unsinns ist. Wer glaubt, der verzichtet darum resolut darauf, das Geschöpf durch sich selbst realisiert und gerechtfertigt zu sehen. Er verzichtet darauf, es um einer ihm selbst innewohnenden Begründung willen zu lieben und zu loben. Er verzichtet also darauf, es seinerseits zu ergründen, d. h. einen Grund in es hineinzulesen, ihm von sich aus einen Grund beizulegen, als ob er es wäre, der das Geschöpf auch nur nachträglich zu realisieren und zu rechtfertigen hätte. Er verzichtet ehrlich darauf, dem Schöpfer in die Karten zu sehen und ins Handwerk zu greifen, der Geschöpfwelt mit seinem eigenen Ergründen und Begründen eine Herrlichkeit zu verleihen, die ihr nicht zusteht und die sie auch nicht nötig hat. Wer glaubt, der hält sich dafür daran, dass sie tatsächlich real und gerechtfertigt ist. Der hält sich daran, dass |141 Gott sie geschaffen und 738 recht geschaffen hat. Er hält sich daran, dass sie eben darin ihre Würde, ihre Güte, ihren Glanz hat, dass Gott sie gewollt und so, wie sie ist, gewollt hat. Er hält sich also daran, dass sie ist und so ist, wie sie ist: allen ihren Rätseln und Widersprüchen zum Trotz, weil sie für den, der sie geschaffen, keine Rätsel und keine Widersprüche sein können. Wer glaubt, der freut sich in dieser Bescheidung und Bescheidenheit, Geschöpf inmitten der Geschöpfwelt zu sein. Er freut sich dessen, dass Gott für ihn und mit ihm ist. Er freut sich letztlich alles dessen, was ihm in dieser Gegenwart und Obhut jetzt zustößt, und auf alles das, was ihm in dieser Gegenwart und Obhut zustoßen wird. Er freut sich, dass die letzte Verantwortung für seine eigene Existenz und für die des Kosmos nicht die seine ist und dass er doch in Freiheit sich selber und am Dasein des Kosmos beteiligt sein darf. Wer glaubt, der hofft auf den, der ihn selbst und alle Dinge geschaffen hat.112 Er hofft auf den Bund, zu dessen Aufrichtung und Vollendung Gott Schöpfer geworden ist. Er hofft auf die Verheißung, die damit Allem, was er geschaffen hat, und so auch ihm selbst mit auf den Weg gegeben ist. Er hofft darauf, dass die Geschöpfwelt noch ein ganz anderes Gesicht hat und zeigen wird als das, das er jetzt zu sehen vermag. Er hofft auf Gott, dass er ihm dieses andere Gesicht des Geschöpfs, dass er ihm sein eigenes Gesicht noch ganz anders als jetzt zeigen wird. Er hofft auf Jesus Christus, in welchem das neue Gesicht des Geschöpfs und also auch sein eigenes neues Gesicht jetzt schon – ein Unterpfand seiner Hoffnung auf das Ganze – ohne Rätsel und Widersprüche vor seinen Augen steht. Er hofft auf den Heiligen Geist als die Gabe Gottes, die ihn jetzt schon sehend macht und die ihn einst befähigen wird, zu schauen, was er jetzt noch nicht sehen kann.

Aber der Glaube weiß nicht nur, verzichtet nicht nur, hält sich nicht nur, freut sich nicht nur, hofft nicht nur. Das Alles könnte an sich noch mager und ungenügend sein, da es im Glauben darum geht, das göttliche Ja zur Geschöpfwelt gelten zu lassen. Der Glaube lebt, d. h. der glaubende Mensch lebt doch vor allem in dem positiven Ver|142hältnis zur Geschöpfwelt, 739 das ihm durch Gottes Offenbarung vorgeschrieben ist. Begnügt er sich an dieser Vorschrift, so ist er seiner Sache in dem ihm vorgeschriebenen Verhältnis umso sicherer. Weiß er, dass die Geschöpfwelt allein durch ihren Herrn, durch ihn aber wirklich und recht ist, verzichtet er auf alles Ergründen und Begründen ihres Seins und Soseins darum, weil sie das nicht nötig hat, hält er sich darum daran, dass sie ist und so ist, wie sie ist, indem er sich an ihren Schöpfer hält, freut er sich dessen, dass er das tun darf, und hofft er auf die ihm verheißene Erleuchtung hinsichtlich dessen, worin sie ihm verborgen ist – was bleibt ihm dann übrig als, selber ein Geschöpf unter Geschöpfen, das Leben als solches zu wagen als den Akt schlichtesten Gehorsams: des Gehorsams gegen das Gebot, das Gott ihm eben damit von einer Stunde zur anderen gibt, indem er ihm Zeit gibt, noch und noch einmal als Geschöpf inmitten der Geschöpfwelt da zu sein. Leben heißt für den glaubenden, durch Gottes Offenbarung begrenzten und bestimmten Menschen: seines Glaubens leben.113 Es heißt aber wiederum gerade Glauben nicht ein Fühlen, Meinen, Denken, Wissen, Überzeugtsein über und neben dem menschlichen Dasein in der Geschöpflichkeit oder in einem besonderen religiösen Winkel des geschöpflichen Bereichs, sondern: als der von Gott Geliebte, als der mit der Gnade Jesu Christi Bedachte, als der in die Gemeinschaft des Heiligen Geistes Aufgenommene ganz und gar ein Geschöpf sein, dessen Dasein erfüllen, seinen geistigen und natürlichen Notwendigkeiten sich unterziehen, seine Erniedrigungen und seine Erhöhungen auskosten, seine Schranken respektieren, aber auch an seinen Ausblicken teilnehmen, von seiner Geburt seinem Tode entgegenzueilen in der ihm gelassenen Zeitspanne, in aller Ehrlichkeit und Vollständigkeit inmitten der übrigen Geschöpfwelt das menschliche Geschöpf, dieser besondere Mensch, er selber zu sein. Wie würde der glauben, der sich von dem Allem auch nur Einem entziehen wollte? Wie hätte der Gottes Offenbarung entgegen- und aufgenommen, die ja gerade an ihn in seiner allgemeinen und besonderen und besondersten Geschöpflichkeit gerichtet ist und die von ihm als das, was er ist, und als der, der er ist, Respekt und 740 Gehorsam fordert? Wer hier ausweichen, wer seines Glaubens anders als eben in der Be|143tätigung und Erfahrung seiner Geschöpflichkeit leben wollte, der wollte es wohl gar nicht tun, der könnte es auch gar nicht, der wäre gar nicht der von Gott Geliebte, in Jesus Christus Begnadigte, in die Gemeinschaft des Heiligen Geistes Aufgenommene, der als solcher aus seiner innersten Freiheit heraus zum Glauben erweckt und aufgerufen ist. Hier ist er von Gott gefunden, eingeladen, angefordert, hier, in der Geschöpflichkeit, geschieht, was geschehen muss, oder es geschieht gar nicht. Im Vollbringen des Werkes und im Erleiden des Leidens eines Menschen nach dem Maß der ihm vom Schöpfer gegebenen Zeit und Art, in der Erfüllung seiner Aufgabe, im Tragen seiner Last und im Kampf mit seiner Versuchung wird geglaubt, oder es wird gar nicht geglaubt. |

Das heißt aber seines Glaubens leben, dass eben dieses geschöpfliche Werk im Vertrauen vollbracht, dieses geschöpfliche Leiden im Vertrauen erlitten, diese geschöpfliche Last im Vertrauen getragen, dieser geschöpfliche Kampf im Vertrauen gekämpft werde. Der glaubende Mensch vertraut, dass das, was ihm zustößt, recht – nicht irgendwie durch und in sich, aber im Zusammenhang mit der Souveränität des Schöpfers, in dem es ihm zustößt, recht sei. Er vertraut, dass die Zeit und die Art seines geschöpflichen Lebens, wie sie ihm ohne sein Zutun zugewiesen sind, wohl bemessen sind, weil wieder der Schöpfer das Maß alles Guten ist, das er sich ausdenken könnte, das er sich aber nicht einmal auszudenken braucht, weil es ihm vom Schöpfer mit unbeweglicher Sicherheit zugedacht ist. Er vertraut, dass es ihm nicht umsonst und nicht zu seinem Schaden erlaubt und befohlen ist zu leben, und dass das Leben, und zwar gerade sein Leben darum wert ist, gelebt zu werden, weil der Schöpfer seine eigene Ehre und sein, dieses besonderen Menschen ganz besonderes Heil miteinander verbunden hat, so dass ebenso gut Gottes Ehre sich in Unehre wie sein, des Menschen, Heil sich in Unheil verwandeln könnte. Er vertraut also, dass das Wagnis des Lebens gewagt werden darf, indem es nicht sein eigenes Wagnis ist, indem der Wille seines Schöpfers als Auftrag und Verheißung dahintersteht. Er 741 kann das alles nur vertrauend tun. Er hat das, worauf sich sein Vertrauen stützt, nicht selbst erfunden und beschafft, er hat also sein Leben unter diesem Zeichen nicht in seiner Hand, als ob er damit arbeiten oder spielen könnte. Er vertraut, indem des Schöpfers Offenbarung sein einziger |144 Grund, indem der Geist, der ihm sagt, dass er von Gott geliebt und in Jesus Christus Gottes Kind ist, das einzige Unterpfand ist, an das er sich halten kann. Er vertraut im vollen Bewusstsein der Unzulänglichkeit seiner eigenen Machtmittel, sein Leben zu meistern, er vertraut in voller Klarheit darüber, dass das Leben in der Geschöpflichkeit gefährlich ist, weil es über dem Abgrund des Nichts und des Unsinns gelebt werden muss. Und er vertraut vor allem, ohne dass er etwa auf die Beständigkeit und Tragkraft gerade seines Vertrauens vertrauen könnte. Er weiß, wie gefährdet auch sein Vertrauen ist, sofern er es ist, der es aufbringen muss. Ihm läge es jeden Moment nur zu nahe, es wegzuwerfen [vgl. Hebr. 10,35], er kann nur auf Gott – und nur um Gottes Willen und also nur bedingt durch Gottes freien Willen, nur vorübergehend und unter Vorbehalt auch auf andere Geschöpfe und auf sich selbst vertrauen. Und er kann immer nur faktisch und nicht auf Vorrat vertrauen: von einer Entscheidung zur anderen und so, dass immer der Schöpfer und seine Offenbarung die Kraft seines Vertrauens ist. Ein glaubender Mensch ist ein solcher Mensch, der sein geschöpfliches Leben in einer Reihe solcher Entscheidungen des Vertrauens lebt, wobei dies, dass es eine Reihe ist, die als solche weitergeht, dass dem Heute des Vertrauens ein Morgen desselben Vertrauens folgen darf, selber eine Sache allein seines Vertrauens ist. Das heißt seines Glaubens leben. Und wo Einer so seines Glaubens lebte, da dürfte man sagen, dass das göttliche Ja zur Geschöpfwelt, wie es in der Selbstkundgebung des Schöpfers ausgesprochen ist, gelten gelassen wird, wie es gelten will.

Aber noch kann auch das das letzte Wort nicht sein, das in dieser Sache zu sagen ist. Und es ist in unserem Zusammenhang gerade das wichtig festzustellen, dass mit keiner noch so gründlichen Beschreibung des Glau742bens und des glaubenden Menschen ein letztes Wort darüber gesagt werden kann, wie das in Gottes Offenbarung ausgesprochene göttliche Ja zur Geschöpfwelt bei dem sie vernehmenden Menschen zur Geltung kommt. Das ist aber darum nicht möglich, weil eben der in Gottes Offenbarung begründete und durch sie erweckte Glaube als solcher sich keineswegs in sich selbst – weder in seinem Wissen, Verzichten, Sichhalten, Sichfreuen, Hoffen, noch auch in seinem vertrauenden Leben – erschöpft, sondern in dem allem zugleich weit über das Alles hinausgreift. Er ist unbeschadet seiner |145 Gegenwärtigkeit, er ist gerade als die streng zeitliche, je und je jetzige Aktion, die er ist, schlechthin eine Erwartung, schlechthin auf Zukunft bezogen, die als solche durch keine Beschreibung seiner Gegenwart wiedergegeben werden kann. Wir haben diese Sache freilich bereits gestreift, indem wir den Glauben auch als Hoffnung, als den zu seiner gegenwärtigen Zuversicht gehörigen Ausblick auf das dem Menschen jetzt noch nicht sichtbare Gesicht seiner eigenen und der ganzen Wirklichkeit bezeichnet haben. Aber eben das weist uns noch einmal in eine ganz neue Dimension und muss in seinem eigenen Zusammenhang bedacht werden. Dass wir von Gott laut seiner Offenbarung geliebt sind und dass wir im Glauben Gott wiederlieben dürfen – die offenbarte Gnade Jesu Christi und die Dankbarkeit, in der wir sie uns im Glauben gefallen lassen – die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, in die wir durch Gottes Offenbarung aufgenommen werden, und unser eigenes Aufnehmen dieser Gemeinschaft in unserem eigenen Geist –, das Alles ist und bleibt in seiner ganzen Zusammengehörigkeit zweierlei, so gewiss Schöpfer und Geschöpf, so gewiss auch seine Offenbarung und unser Glaube, seine Freiheit, in der er gibt, und unsere Freiheit, in der wir nehmen, zweierlei sind und bleiben. Man kann und darf wohl von einer Gottförmigkeit114, man kann aber nicht von einer Göttlichkeit des von Gott in uns begründeten und erweckten Glaubens reden. Der Mensch glaubt wohl von Gott her, aus Gott und durch Gott, wenn er glaubt. Er glaubt dann aber an Gott, an den Vater, an den Sohn, an den Heiligen Geist, wie es schon das alte Glaubensbekenntnis in feiner Unterscheidung hervorgehoben hat. Das ist 743 die Erwartung des Glaubens, das sein von Haus aus eschatologischer Charakter. Er transzendiert sich selbst, seine eigene Aktion und Wirkung und also seine Gegenwart. Dass der Mensch an Gott glaubt, das bedeutet, dass er auf ihn hofft. Und dass er auf ihn hofft, das bedeutet, dass er bei ihm ein Mehreres, Größeres, Reicheres, ein die Anschauung, die Tätigkeit, den Besitz seines Glau|146bens in aller ihrer Fülle grundsätzlich Übersteigendes voraussetzt, wobei die ganze gegenwärtige Fülle seines Glaubens: sein Wissen wie sein Verzichten, sein Halt wie seine Freude von dieser Voraussetzung und davon, dass er sie gelten lässt, und also von diesem Letzten, von seinem Hoffen, schlechthin bedingt und abhängig ist. |

Der Glaube hängt ja wirklich daran, dass ihm der, an den er glaubt, als der ihm selbst schlechthin überlegene und unerreichbare Eschatos, als Gegen-stand und also als Zukünftiger, d. h. als Zu-ihm-Kommender gegenüber ist und bleibt. Gott bleibt der, der er allein ist, auch für den Glauben des Geschöpfs. Nicht nur die kritische, sondern gerade die positive Kraft der Erweckung und Erhaltung des Glaubens durch Gottes Offenbarung besteht darin, dass dem so ist. Darum ist der Glaube Erwartung. Darum ist der glaubende Mensch nichts, was er nicht, indem er es ist, wieder werden müsste. Darum hat er nichts, was er nicht, indem er es hat, aufs Neue empfangen müsste. Darum betet der Glaube. Darum ist er Gebet ohne Unterlass [vgl. 1.Thess. 5,17] in der Reihe jener Entscheidungen des Vertrauens, die wohl als freie Entscheidungen des Menschen zu vollziehen sind und von denen er doch keine einzige vollziehen würde, wenn es ihm nicht gegeben würde, sie zu vollziehen. Glaube, der nicht Gebet wäre, wäre nicht Glaube. Beten heißt aber auf alle Fälle: in die Höhe und in die Zukunft blicken. Und darum betet der glaubende Mensch zu dem Vater, der im Himmel und also nicht etwa als inneres Licht in ihm selber ist. Er betet, dass sein Name geheiligt werde, sein Reich komme, sein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Er betet, dass ihm sein tägliches Brot gegeben, dass ihm seine Sünde vergeben, dass er vor der Versuchung bewahrt und vom Übel errettet werden möge [Mt. 6,9–13] – obwohl und indem er dessen gewiss ist, dass das Alles geschieht, ja schon geschehen ist vor 744 seinem Beten und ohne sein Beten. Er würde gerade daran und also an Gottes aktive Souveränität und Fürsorge nicht glauben, er könnte gerade dessen unmöglich gewiss sein, dass er schon erhört ist, bevor er gebetet hat, wenn er nicht im Gebet erkennen und bekennen würde, dass er alles entbehren müsste, wenn es ihm nicht zukäme, und dass er den, von dem es ihm allein zukommen kann, darum angehen muss. Beten heißt Gott darum angehen, dass er nicht aufhöre, in seiner Souveränität und Fürsorge uns anzugehen. Eben darin transzendiert der Glaube sich selber. Eben darin ist er mehr als Glaube, ist er Erwartung. |

147 Das erstreckt sich nun aber notwendig auch auf sein Verhältnis zu des Menschen eigener und zu der ganzen übrigen Geschöpflichkeit. Das Vertrauen, in welchem er als Geschöpf und in der Geschöpfwelt zu leben wagt – die Zuversicht, in der er das göttliche Ja zu ihrem Dasein und Sosein praktisch gelten lässt und wiederholt, ist darum fest, weil es an das Gesicht, an den Aspekt, den ihm das Geschöpf und den er selbst sich darbietet, nicht gebunden ist. Wäre es daran gebunden, wie sollte es dann festes, nämlich göttlich festes Vertrauen je werden und sein können? Was es von sich aus sieht und hört von sich selbst und von allen übrigen Geschöpfen, das ist ja wirklich nicht die vom Schöpfer seinem Werk zugesprochene Realität und Rechtfertigung. Das könnte den Verdacht und die Angst, dass alles Traum und Chaos und er selber inmitten des Ganzen ein Traumgebilde und Chaostrümmer unter vielen anderen sein möchte, wahrlich nicht gründlich und nicht nachhaltig zerstreuen. Sein Vertrauen lebt von Gottes Offenbarung, von seinem Ja zu seinem Werk und also zu ihm selber und zu allem, was um ihn ist. So bleibt sein Vertrauen ein Wagnis, ein nach Gottes Befehl und mit Gott unternommenes, aber eben darum auf keinen anderen Augenschein und auf kein anderes Hörensagen hin unternommenes Wagnis. Er transzendiert sich selbst auch in dieser Hinsicht. Er ist eben nicht selbst Gott, vor dem die Realität und die Rechtfertigung seines Geschöpfs offen zutage liegt, so gewiss er es ist, der sie ihm zugesprochen hat. Für ihn ist sie zukünftig, indem er es Gott 745 jetzt und hier schon glaubt, dass sie wirklich ist. Für ihn ist sie verborgen unter einem Aspekt, in welchem er sie nicht wiederfinden kann, auf den angewiesen er gewiss nicht vertrauend leben könnte. Er steht also, indem er dem Schöpfer grundsätzlich erwartend gegenübersteht, auch dem Geschöpf und vor allem auch sich selbst grundsätzlich erwartend gegenüber. Er sieht und hat sich selbst nicht unter dem Aspekt, dass er von Gott geliebt, der Gnade Jesu Christi und der Gemeinschaft des Heiligen Geistes teilhaftig ist. Er kann auch an die Fülle seines Glaubens nur glauben. Und so sieht und hat er auch die ganze übrige Geschöpfwelt nicht unter dem Aspekt, unter dem Gott sie geschaffen, so wird er sich in der Natur und in der Geschichte der Schöpfung vergeblich nach solchen Spuren des Gnadenbundes umsehen, die er schauen könnte, die er nicht ihrem Aspekt zum Trotz glauben, d. h. als Echo und Reflex von Gottes Offenbarung wie diese |148 selbst hinnehmen müsste, ohne sich ihrer anderweitig versichern zu können. |

Der Glaube ist nüchtern und macht nüchtern. Der glaubende Mensch kennt den Verdacht und die Angst wohl, von denen er bedroht ist wie Dürers Ritter von Tod und Teufel115. Er weiß wohl, dass sie jeden Augenblick über ihn hereinbrechen könnten und hereinbrechen würden, wenn er auf das angewiesen wäre, was er mit sich selbst und mit der Welt anzufangen weiß. Er ist gerade in dieser Hinsicht unvergleichlich viel nüchterner als der Mensch, der nicht glaubt und dafür immer noch meint, mit sich selber und der Welt fertig werden zu können und wohl gar schon fertig zu sein. Er weiß, dass er nie damit fertig werden wird. Er kennt den Abgrund, über dem er gehalten ist. Ihm ist nicht nur Gott, sondern hinsichtlich des Aspektes, unter dem Leid, Tränen und Geschrei nicht mehr sein [vgl. Apk. 21,4], ja nicht mehr möglich sein werden, auch das Geschöpf und sein eigenes positives Verhältnis zu ihm ein Eschaton. Er meint wirklich nicht, diesen Aspekt jetzt schon zu sehen und sichtbar machen zu können. Er wartet, indem er auf Gott wartet, auf diesen anderen Aspekt, den das Geschöpf ihm und den er selbst sich bieten wird, wenn Gottes Weg zu seinem Ziel gekommen sein wird, vielmehr: wenn Gott das in Jesus Christus schon erreichte 746 Ziel seines Weges auch als sein eigenes Ziel und als das Ziel der ganzen Schöpfung offenbar machen wird. Er wartet auf diese Enthüllung der Geschöpfwelt. Er wartet auf die Auferstehung der Toten im Gefolge der schon geschehenen Auferstehung Jesu Christi: auf dessen Wiederkunft und Offenbarung als der Herr, der er jetzt schon ist, aber jetzt noch verborgen, jetzt nur in dem uns gesagten Worte Gottes offenbar ist. Das ist die Erwartung, in der der glaubende Mensch der Geschöpfwelt gegenübersteht. Er wartet auf das Sichtbarwerden ihres neuen, d. h. aber ihres anderen, ihres eigentlichen Gesichtes, aus welchem ihre Realität und Rechtfertigung unverkennbar abzulesen sein, in welchem also auch der Grund des Vertrauens, in welchem er sie jetzt begrüßt, nicht nur zu glauben, sondern zu schauen sein wird [vgl. 2.Kor. 5,7]. Indem er in der Erwartung dieses Schauens lebt, transzendiert er sich selber auch in dieser Hinsicht. |

149 Es ist klar, wie Beides zusammenhängt: der Schöpfer als der Eschatos und das Geschöpf als das Eschaton – die Erwartung Gottes, Jesu Christi und des Heiligen Geistes und die Erwartung des Schauens des eigentlichen Gesichtes auch der von Gott verschiedenen Wirklichkeit. Indem der Glaube auf Gott wartet, kann und darf er sich selbst auch dem Geschöpf, auch sich selbst gegenüber damit bescheiden, gerade als Vertrauen in der Erwartung ein gewisses, fröhliches Vertrauen zu sein. Und indem er auf das Schauen des eigentlichen Gesichts des Geschöpfs warten muss, ist es nicht anders möglich, als dass er in das Warten auf Gott und also ganz konkret in das Gebet getrieben wird. Eben in dieser doppelten, sich gegenseitig bedingenden Erwartung hat er die Fülle [vgl. Mt. 13,12] und lebt er in der Fülle, mangelt ihm gar nichts [vgl. Ps. 23,1], ist ihm auch das Zukünftige, dessen er mangelt, gegenwärtig, bildet dieser Mangel selber ein Element seiner Fülle. Wenn wir das Alles und also die Hoffnung wirklich in den Begriff des Glaubens hineinnehmen, dann können wir noch einmal und jetzt noch begründeter sagen, dass der Glaube das rechte Geltenlassen der Bejahung ist, in der sich der Schöpfer laut seiner Offenbarung dem Geschöpf zugewendet hat.

747 Wir nähern uns der Spitze unserer ganzen Überlegung, wenn wir uns jetzt, wie es sich gehört, auch das in Erinnerung rufen: dass der durch Gottes Offenbarung erweckte Glaube in der Liebe tätig ist [Gal. 5,6]. Der Glaube ist ein Werk. Seine Begründung ist freilich die Macht der göttlichen Offenbarung. Sein Sinn besteht freilich darin, dass der Mensch die Situation annimmt, die damit gegeben ist, dass Gott für uns und mit uns ist; er besteht freilich in einem einfachen Geltenlassen der Bejahung, in der sich der Schöpfer seinem Geschöpf von Haus aus zugewendet hat. Es wäre aber nicht wohlgetan, wenn man sich in eine begriffliche Dialektik verfangen ließe, für die hier kein Ort ist, indem man ihn im Gegensatz zu der ihn allerdings begründenden und auch seinen Sinn ganz beherrschenden göttlichen Spontaneität und Aktivität als eine Sache menschlicher Passivität und Rezeptivität beschreiben würde.116 Gott und der Glaube gehören so zusammen,117 dass im Glauben eine Nachfolge und Nachahmung |150 Gottes (Eph. 5,1) stattfindet. Das, worin Gott dem Menschen in seiner Offenbarung vorangeht, worin er ihm Vorbild wird, ist aber ein Werk. So ist auch der Glaube ein Werk: dessen unbeschadet, dass der Mensch es nicht aus sich selbst hervorbringt, und dessen unbeschadet, dass sein Sinn in der Tat ein immer neues Empfangen und Entgegennehmen ist.

Luther hat ihn im «Sermon von den guten Werken» (1520)118 das «erste und höchste», das «alleredelste» von allen guten Werken genannt, das «göttlich gute» Werk,119 in welchem «müssen alle Werke gehen und ihrer Gutheit Einfluss gleich wie ein Lehen von ihm empfangen»,120 er macht alle anderen Werke des Menschen gut, angenehm und würdig, aber er allein tut das.121 Er muss «Werkmeister und Hauptmann sein in allen Werken, oder sie sind gar nichts».122 Und umgekehrt: glaubt der Mensch, so bedarf er keines anderen Lehrers guter Werke, sondern indem er ein jedes ihm vorkommende Werk im Glauben tut, tut er ein jedes, ob groß oder klein, ob fromm oder weltlich, als gutes Werk.123 Der Glaube ist die Erfüllung des ersten, alle anderen umfassenden Gebotes: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!124 «Andere Werke gegen dieses sind ebenso, als ob die anderen Gebote 748 wären ohne das erste und kein Gott wäre.»125 «Dieweil denn das menschliche Wesen und Natur kein Augenblick kann sein ohne Tun oder Lassen, Leiden oder Fliehen (denn das Leben ruhet nimmer, wie wir sehen), wohlan, so hebe an, wer da will fromm sein und voll guter Werke werden und übe sich selbst in allem Leben und Werken zu allen Zeiten an diesem Glauben; lerne stetiglich alles tun und lassen in solcher Zuversicht, so wird er finden, wie viel er zu schaffen hat und wie ja alle Dinge im Glauben liegen und wie er nimmer mag müßig werden, dieweil der Müßiggang auch muß in des Glaubens Übung und Werk geschehen.»126 Wobei er doch so gar nicht aus irgendwelchen Werken kommt oder durch solche geschafft werden kann, sondern allein aus der Anschauung |151 Christi, aus seinem Blut, Wunden und Sterben, aus der uns von ihm vorgehaltenen und angebotenen Barmherzigkeit Gottes quellt und fließt, allein durch den Geist und das Wort des Evangeliums uns gegeben wird.127

Wir sind sozusagen von allen bisher berührten Punkten aus gerade darauf hingewiesen, dass der Glaube in der Tat ein Werk, ja geradezu das dem offenbarten Werk Gottes entsprechende Werk des Menschen ist. Es ist ja die Freiheit, in der der Glaube allein Ereignis werden kann, keine neutrale Fähigkeit, sondern die Freiheit einer bestimmten, der ihm allein natürlichen Entscheidung und also immer wieder die Freiheit einer Tat des Menschen. Es ist auch das Leben im Vertrauen, das der glaubende Mensch als Geschöpf in der Geschöpfwelt leben darf, kein ruhendes Gefühl und Erleben, sondern ein immer sich erneuerndes Sichentschließen und Handeln. Es kennzeichnet gerade die eschatologische Distanz, in der der Glaube sein Leben hat, auch seine Erwartung als ein Eilen auf bestimmtem Wege. Es ist die Verheißung des Bundes und seiner Erfüllung, in welchem die Offenbarung Gottes des Schöpfers ihre Substanz hat, die Verheißung einer Geschichte und also eines nicht nur einseitigen, sondern wechselseitigen Anhebens und Vollbringens zwischen Gott und dem Menschen. Es ist der Heilige Geist des Vaters und des Sohnes eine göttliche Bewegung, und wie würde der in seiner Gemeinschaft stehen, der nicht eben damit seinerseits in Bewegung käme? Es ruft die Gnade Jesu Christi nach der Dankbar 749 keit derer, denen sie zugewendet ist, ohne dass sie sie erworben und verdient haben, die aber eben in die reine Dankbarkeit versetzt, an den Anfang eines neuen, aus ihr geborenen Tuns gestellt werden. Es gibt – hier wird der Zusammenhang am deutlichsten – auf die Liebe, mit der Gott uns zuerst liebt, nur eine adäquate Antwort: ihn wieder zu lieben [vgl. 1.Joh. 4,19]. Aus dem Allem folgt klar und zuletzt wörtlich und direkt: dass der durch Gottes Offenbarung erweckte Glaube ein Werk, d. h. der Glaube ist, der in der Liebe tätig ist [Gal. 5,6].

Eben Lieben ist ja kein in sich ruhendes Sein, sondern das Tun eines immer neuen Suchens und Findens des Geliebten, eine immer neue Bestätigung und Aufrichtung der Gemeinschaft mit ihm. So ist Gott, |152 der die Liebe ist [1.Joh. 4,8.16], in sich selber tätig, das unerreichte Urbild und Vorbild aller Tätigkeit – in der ewigen freien Begegnung und Vereinigung des Vaters und des Sohnes im Heiligen Geiste. So ist Gottes Liebe darin tätig – noch einmal schlechterdings überlegen und ursprünglich gegenüber allem geschöpflichen Tun –, dass er als Schöpfer das von ihm geliebte Andere in der Weise sucht und findet, dass er ihm durch sich selbst sein Dasein und sein Sosein gibt und es in der Weise wieder sucht und wieder findet, dass es allein durch ihn noch und noch, wieder und wieder in seinem Dasein und Sosein erhalten wird. Und so ist Gottes Liebe über das Alles hinaus darin tätig, dass er sich in seinem Sohne selbst erniedrigt zur Einheit mit dem von ihm Geliebten, und also darin, das Dasein und Sosein seiner Kreatur selber zu teilen, selber Kreatur zu werden, ihr Dasein und Sosein zu seinem eigenen zu machen. |

Dieses Lieben und also diese Tätigkeit Gottes nachzuahmen ist das Werk des Glaubens, sein Tun und Handeln, die Bewegung des Menschen durch den Heiligen Geist, sein Leben aus der Dankbarkeit für die Gnade Jesu Christi, sein Eilen in die Zukunft des Herrn [vgl. 2.Petr. 3,12], und wie man es unter seinen verschiedenen Aspekten sonst noch charakterisieren mag. Es geht immer um die Nachahmung der göttlichen Aktion durch die Aktion des Menschen, der der Offenbarung seines Schöpfers teilhaftig und gehorsam geworden ist. Nachahmung ist nicht eine Fortsetzung und Verlän750gerung eines Tuns auf dessen eigener Linie. Nachahmen heißt nicht, das Gleiche nachtun, was durch den Nachgeahmten vorgetan ist. Nachahmung Gottes besteht also nicht darin, dass sich der Mensch mit Gott auf den gleichen Fuß setzt, sein Werk wiederholt in seinem eigenen Tun, als ob das möglich und nötig wäre. Es ist klar, dass das in keiner Hinsicht in Frage kommen kann: das wäre ja das tolle Unternehmen der Götter seiner Einbildung. Das würde ja bedeuten, dass der Mensch selbst Gott würde. Das Gleiche wie Gott, d. h. Gottes eigenes Werk hat unter allen Geschöpfen nur eines getan, und das war der Schöpfer selbst, der in Jesus Christus Geschöpf wurde, um als solches in der Reihe aller anderen Geschöpfe, für sie und mit ihnen zu sein. Kein Mensch kann und wird Gott jemals so lieben, wie Gott sich selber liebt und wie er von Gott als dessen Geschöpf und Bundesgenosse geliebt ist. Nachahmung heißt Nachbildung des nachgeahmten Tuns |153 auf einer anderen Linie. Nachahmen heißt nachfolgen, wobei die Schritte des Nachfolgenden in dem Sinn in die Spuren des bahnbrechenden Vorangehenden treten, seine eigenen sein müssen, wobei er der Nachfolgende bleibt und nicht selber zum Bahnbrecher und Vorangehenden wird. Nachahmen heißt entsprechen, wobei die Entsprechung nur ein Ähnliches, aber gerade nicht das Gleiche wie das Nachgeahmte hervorbringen wird. Die klare Differenz besteht darin und bleibt darin beständig, dass der Nachgeahmte und der Nachahmende nicht derselbe sind. Gott der Schöpfer und der Mensch als sein Geschöpf sind nicht derselbe. Hier gilt der Satz unaufhebbar: Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe. Es gibt aber eine Nachbildung des Tuns des Schöpfers auf der geschöpflichen Linie. Es gibt eine menschliche Aktion in Ähnlichkeit mit der göttlichen. Diese Aktion ist der Glaube, der in der Liebe tätig ist [Gal. 5,6]. Der Glaube ist nicht in sich selbst begründet, nicht allmächtig, nicht heilig und gerecht aus eigener Vollkommenheit. Er hat an dem ewigen Ratschluss der Schöpfung und des Bundes nicht teilgenommen, und so ist er auch nicht dessen Exekutor. Er ist nicht schenkende, er ist empfangene Gnade und als solche ihr Empfänger. Er ist weder Gott der Sohn noch Gott der Heilige Geist. So kann sein Werk nicht das der 751 ewigen Liebe Gottes sein. So kann er es mit seinem Lieben dem Lieben Gottes nicht gleich tun. Er ist aber als Werk des Menschen die Antwort auf Gottes ewige Liebe. So ist er dem Lieben Gottes gegenüber ein eigenes und nun doch das ihm entsprechende, so ist er das dem Menschen zustehende und von ihm erwartete Lieben.

Es liebt nämlich der glaubende Mensch eben dies: von Gott geliebt zu sein. Man bemerke, dass das nicht heißen kann: er liebt sich selber. Damit würde er sich ja an die Stelle Gottes setzen, es ihm gleich tun wollen. Ihn, den glaubenden Menschen, zu lieben, ist nicht sein, sondern Gottes Werk. Die ihm zukommende, die ihm dadurch, dass Gott ihn liebt, vorgeschriebene Nachahmung von Gottes Werk besteht darin, dass er es liebt, von Gott geliebt zu sein. Er wählt unter allem, was er wählen könnte, das, was er in seiner wirklichen und natürlichen Freiheit allein wählen kann: sein eigenes Erwähltsein durch die Liebe Gottes, wie es ihm durch Gottes Selbstkundgebung offenbar gemacht ist. Es wird dies, dass er von Gott geliebt ist, ganz unabhängig von dem, was er selber von sich halten, wie er selber sich zu sich selber |154 verhalten mag, zum eigentlichen Gegenstand seines Suchens und Findens, Wiedersuchens und Wiederfindens. Er wird immer aufs Neue danach begehren, der von Gott Geliebte zu sein, der er ist. Es wird eben dies zu dem Faktum, ohne das er nicht mehr er selber sein kann. Es wird also die Beachtung dieses Faktums zum Motiv aller seiner Motive, zur Maxime aller seiner Handlungen und Handlungsweisen. Ihm wird in allem, was er tut, das vor Augen stehen, dass er es bestimmt nur als der von Gott Geliebte wird tun können, mehr noch: dass dieses Faktum in dem, was er tut, eine neue Bestätigung wird finden müssen, weil seine Liebe aufhören müsste, wenn sie nicht nach neuen Bestätigungen dieses Faktums verlangen würde. Die Liebe hört aber nimmer auf [1.Kor. 13,8]. Der glaubende Mensch kann nie und nirgends darauf verzichten, in seinem Tun das zu suchen und zu finden, dass er von Gott geliebt ist. Der glaubende Mensch kreist unermüdlich um dieses Faktum, das von ihm selbst so ganz verschieden, das seiner natürlichen (vielmehr unnatürlichen!) Selbstliebe so ganz entzogen ist, ihr so völlig widerspricht 752 und das ihn nun doch so intim angeht, dass er selbst dadurch in unvergleichlicher Strenge und Macht in Bewegung gesetzt wird: dass er es gar nicht lassen kann, immer wieder darauf zurückzukommen, dass er es nicht vermeiden kann, in allem, was er will und tut, eben davon herzukommen und auszugehen. Dass er von Gott geliebt ist, das bekommt, indem es ihm durch Gottes Selbstkundgebung offenbart und indem es von ihm an- und aufgenommen wird, in seiner Überlegenheit und in seiner Dringlichkeit die ganze Würde des sein Leben faktisch beherrschenden Gesetzes.

Und eben das heißt Gott lieben: diesem Gesetz faktisch untertan zu sein. Das ist das Gesetz, das dem glaubenden Menschen ins Herz geschrieben ist [vgl. Jer. 31,33; Röm. 2,15]. Das ist die echte Nachahmung Gottes, des Werks seiner ewigen Liebe: dass der glaubende Mensch diesem Gesetz gehorsam ist. Was hieße sonst Gott lieben? Die Vorstellung von des Menschen Liebe zu Gott behält immer etwas Theoretisches, um nicht zu sagen Phantastisches, sie bleibt im Grunde, wie beredt sie auch beschrieben werden mag, ein leerer Begriff und eine blinde Anschauung128 und jedenfalls praktisch unreali|155sierbar, wenn man nicht sieht, dass sie diese konkrete Füllung hat. Die Verlegenheit, die man mit dieser Vorstellung hat, ist wohl begründet: Ein mit irgendwelchen, vielleicht auch christlich bestimmten Vollkommenheiten ausgestattetes höchstes Wesen an sich und als solches und fern vom Menschen – das ist ja gar nicht der Gott, der ihm seinen Namen offenbart hat: der wirkliche Gott, der ihm gegenwärtig ist, so dass er an ihn glauben und als Glaubender ihn lieben kann. Denn die Liebe zu jenem Wesen, ein wirkliches Suchen und Finden der Gemeinschaft mit ihm auf Grund unvermeidlicher Notwendigkeit könnte schon darum gar nicht wirklich zustande kommen, weil es dem Menschen so fern und hoch und andersartig gegenübersteht. Man täusche sich doch nicht selbst, wenn man sich einredet, dieses Wesen zu lieben und nun wohl gar noch «aus ganzem Herzen, aus ganzem Gemüt, aus ganzer Seele und aus allen seinen Kräften» [Mk. 12,30] lieben zu können. Dieser Gott ist nicht wirklich Gott, und so kann auch die ihm zugewendete Liebe nicht wirkliche Liebe sein. Das Reale dieses Unternehmens reduziert sich letztlich darauf, dass der Mensch 753 in erhöhtem Affekt sich selber liebt. Es ist der in diesem Unternehmen begriffene Mensch, wie fromm er es auch meine, gerade kein glaubender, kein durch Gottes Offenbarung zum Glauben erweckter, sondern ein einem falschen Gott seiner Einbildung dienender und von diesem, wie es alle falschen Götter tun, sich selbst überlassener Mensch. |

Der glaubende Mensch hält sich an den wirklichen Gott und an dessen wirkliches, in seiner Selbstkundgebung ihm offenbartes Werk. Diesem Werk Gottes und also Gott selbst begegnet er nicht in irgend einer Ferne und Höhe und Andersheit eines für sich seienden Gottes, sondern darin, dass er selbst von diesem fernen, hohen, ihm gegenüber so ganz andersartigen Gott geliebt ist. Und eben darin, dass er es liebt, von diesem Gott geliebt zu sein, liebt er den wirklichen Gott in wirklicher Liebe. Eben so verstanden wird die Liebe zu Gott eine nach Begriff und Anschauung klare, allem mythologischen und auch allem |156 mystischen Dunkel entrückte praktische Sache. Hier, darin, dass er den Menschen liebt, ist Gott der, als der er sich selber erklärt und gibt, als der er erkannt und respektiert, als der er auch geliebt sein will. Und hier, darin, dass der Mensch es liebt, von ihm geliebt zu sein, liebt er ihn wieder, gibt er die Antwort, die auf seine Offenbarung zu geben er aufgefordert und schuldig ist. Er kann und wird praktisch und konkret auch Jesus Christus, auch den Heiligen Geist nur damit lieben, dass er es liebt, von der Gnade Jesu Christi zu leben und in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes zu stehen [vgl. 2.Kor. 13,13]. Das Gebot, Gott den Herrn «aus ganzem Herzen, aus ganzem Gemüt, aus ganzer Seele und aus allen seinen Kräften» zu lieben [Mk. 12,30], hört sofort auf, das leere Geklingel einer unmöglichen und praktisch bedeutungslosen Forderung zu sein, wenn man sieht, dass es im Zusammenhang der frohen Botschaft des Alten und des Neuen Testamentes diesen Gehalt und diese Beziehung hat. Es hat gerade darum höchste Überlegenheit und höchste Dringlichkeit allen Wünschen und Strebungen der menschlichen Selbstliebe gegenüber, weil es, erfüllt mit diesem Gehalt und dieser Beziehung, die wirkliche Herrschaft Gottes über den wirklichen und ganzen Menschen verkündigt. Es ist damit, dass die Liebe zu Gott diesen Gehalt und diese Beziehung hat, gesorgt da754für, dass der Glaube in dieser Liebe nicht untätig, sondern tätig ist [vgl. Gal. 5,6] und also keine müßige Kontemplation, kein Luxus werden kann. Sie ist gerade in dieser Gestalt die echte und würdige Nachahmung Gottes: echt, weil sie eine menschliche Aktion ist, deren Urbild und Vorbild die ewige Liebe Gottes selber ist – würdig, weil sie weder einen heimlichen menschlichen Müßiggang noch auch eine heimliche Selbstüberhebung des Menschen zu einem gottgleichen Tun in sich schließen kann. Sie ist gerade in dieser Gestalt durchaus und offenkundig Werk, und nun doch auch ebenso einwandfrei das Werk des Glaubens ganz allein: das Werk, in welchem der glaubende Mensch das Ja des Schöpfers zu seinem Geschöpf gelten – nicht nur theoretisch, sondern praktisch gelten lässt.

Von hier aus fahren wir nun fort: Der glaubende Mensch liebt es – und das ist die Tat, das Werk seines Glaubens –, das von Gott geliebte Geschöpf inmitten der Geschöpfwelt zu sein. Gerade das: nichts Anderes, nicht weniger und nicht mehr129 als das! Gerade das mit eifer|157süchtiger und ausschließlicher, gerade das mit ganzer, hingebender und nicht zu ermüdender Liebe. Wo das geschieht, da geschieht das Werk des Glaubens. Wo das nicht geschähe, da müsste sich der Glaube – und wenn er im Übrigen in allen Teilen vollkommen wäre – noch immer oder schon wieder missverstanden und verloren haben. Die Liebe des Menschen zu Gott gilt gerade dem Werk Gottes, in welchem er ihn zu seinem Geschöpf inmitten der Geschöpfwelt gemacht hat. Sonst ist sie nicht die Liebe, in der der Glaube tätig ist. Sehen wir genau zu, warum es so sein muss.

Es ist der glaubende und also der Gott liebende Mensch freilich zuletzt und zuhöchst das Subjekt, dem Gott der Schöpfer sich als sein ihm aus Gnade Verbündeter offenbart hat. Er ist eingeladen und aufgefordert, seine Stelle als der von Gott erwählte und aufgerufene Partner des Gnadenbundes einzunehmen, der das Ziel und der Grund der Schöpfung ist. Glaubt er an Gott mit dem Glauben, der in der Liebe tätig ist, und liebt er es also, von Gott geliebt zu sein, heißt das zuletzt und zuhöchst: er liebt diese seine Erwählung und Berufung; es geht sein ganzes und 755 ernstliches Verlangen danach, den Stand, in den er berufen ist: seinen Stand als Partner Gottes in diesem Bund, seinen Stand in der Gnade nicht zu verlieren, sondern, Treue mit Treue erwidernd, zu erhalten und zu bestätigen. Was er in dieser erwidernden Treue sein und leisten wird, ist eine zweite Frage; er würde aber Gott nicht lieben, er würde also auch nicht glauben, wenn er nicht dieses Verlangen hätte, sich in jenem Stand zu erhalten und zu bestätigen und also treu zu sein. Wenn die Sünde des Menschen, allgemein gesagt, der Unglaube ist, so ist sie im Besonderen: das Erlöschen der Liebe zu Gott und also das Aufhören dieses Verlangens, aus seiner Gnade zu leben, das Aufhören des Eifers, gerade damit dem Bunde, d. h. seinem eigenen Stande in diesem Bunde, und damit Gott treu zu sein. Aber die Entfaltung dieser Erkenntnis würde schon in die Lehre von der Versöhnung gehören, in der ja vom Glauben und seinem Werk überhaupt noch Weiteres zu sagen sein wird.

Es hängt aber jene letzte und höchste Einladung und Aufforderung an den Menschen mit einer anderen, einfacheren unauflöslich zusammen, die ihre Voraussetzung bildet, und diese ist es, die uns jetzt vordringlich interessiert. Der zu Gottes Verbündetem im Gnadenbund bestimmte Mensch ist Gottes Geschöpf inmitten von Gottes ganzer |158 Geschöpfwelt. Kann man die Schöpfung nicht vom Bunde, so kann man auch den Bund nicht von der Schöpfung trennen. Es ist der Mensch, indem ihm seine Erwählung und Berufung zum Partner des Gnadenbundes offenbart wird, zugleich eingeladen und aufgefordert, sich in seiner Geschöpflichkeit zu erkennen, sich zu seiner Geschöpflichkeit zu bekennen. Und wenn es nur das Werk des Glaubens sein kann, in welchem es zu dieser Erkenntnis und zu diesem Bekenntnis kommt, wenn es wieder der Glaube ist, der in der Liebe tätig ist [Gal. 5,6], der dieses Werk ausrichtet, so folgt: es geht im Glauben auch darum, dass der Mensch es liebt, das von Gott geliebte Geschöpf inmitten der Geschöpfwelt zu sein. Er kann auch diese sachliche Grundbestimmung seiner Existenz im Bunde mit Gott, er kann auch das, als was Gott ihm gnädig ist, er kann seine Geschöpflichkeit nicht nur hinnehmen und sich gefallen lassen. Er muss auch das lieben und also 756 auch nach dessen Bestätigung und Bewahrung aufs intimste und ernstlichste verlangen: dass er Gottes Geschöpf und eben als solches von Gott geliebt und darum erwählt und berufen ist.

Seine Geschöpflichkeit ist materiell einmal: seine eigene Menschlichkeit. Wir werden auch darüber in einem späteren, eigenen Zusammenhang Genaueres zu sagen haben.130 Die kurze Definition kann hier genügen: des Menschen Menschlichkeit besteht darin, dass er von Gott angeredet und verantwortlich gemacht ist. Was ihn als Menschen auszeichnet und von der übrigen Geschöpfwelt unterscheidet, was ihn zur Mitte der ganzen Geschöpfwelt macht, das wird ja erst darin: in Gottes besonderer Absicht und Verhaltungsweise gerade ihm gegenüber, unzweideutig sichtbar. Natur und Geist gibt es ja auch außerhalb des menschlichen Geschöpfs. Die eigenartige Einheit beider im menschlichen Geschöpf und also der Mensch wird dadurch konstituiert, dass Gott gerade ihn anredet, gerade ihn verantwortlich macht. Und indem er hört und antwortet, ist er der Mensch, vollzieht er seine Auszeichnung und Unterscheidung, tritt er in jene Mitte. Aber seine Geschöpflichkeit erschöpft sich nicht in seiner eigenen Menschlichkeit. Er ist in seiner Menschlichkeit Geschöpf unter Geschöpfen. Er ist Nachbar des Engels auf der einen, Nachbar des Tieres auf der anderen Seite. Als Mensch konstituiert und ausgezeichnet |159 durch seine vertikale Beziehung zu Gott, steht er in horizontaler Beziehung zum ganzen übrigen Kosmos, dem droben und dem drunten, dem unsichtbaren und dem sichtbaren, ist er nach beiden Seiten – seiner Auszeichnung, Unterscheidung und Mittelstellung unbeschadet – ihm zugehörig. Dass er Mensch ist, seine Auszeichnung und Unterscheidung vollzieht, in jene Mitte tritt – das alles geschieht in dieser Nachbarschaft, Beziehung und Zugehörigkeit. Das Allernächste und Entscheidende, was hier zu sagen ist, ist dies, dass er nicht Mensch ist, ohne den Mitmenschen zu haben und selber dem Anderen Mitmensch zu sein. Er ist aber auch nicht Mensch, ohne die Engel über sich und die Tiere unter sich zu haben; er ist es nicht, ohne von ihren unsichtbaren und sichtbaren Augen und Einflüssen begleitet zu sein. Und 757 er ist es nicht anders als in dem scheinbar im Großen und im Kleinen nach allen Seiten in die Unendlichkeit sich verlierenden Raum der für ihn stummen und doch auf der ganzen Linie sich kundgebenden und auch wirksamen übrigen Kreatur, im Zusammenhang ihrer mit seinem eigenen Dasein in der Zeit verlaufenden Geschichte. Er ist nicht anders Mensch, als indem – in ganz anderem Sinn als Gott – auch die ihn umgebende Geschöpfwelt für ihn und mit ihm – im Gegensatz zu Gott aber immer auch gegen ihn ist, wobei ihr Wesen ihm nie ein ganz fremdes, sondern immer auch irgendwie sein eigenes ist: in der Weise also, dass er ihr immer zuerst auch in sich selber begegnet, sich, indem er sich mit ihr auseinandersetzt, zuerst und vor allem auch mit sich selbst auseinanderzusetzen hat. Die Geschöpfwelt ist – auch das im Gegensatz zu Gott – immer auch in ihm. Als dieses Geschöpf unter Geschöpfen ist der Mensch von Gott angeredet und verantwortlich gemacht, ist er zum Bunde mit Gott erwählt und berufen. Als dieses Geschöpf unter Geschöpfen glaubt er, wenn er glaubt. Und wenn sein Glaube in der Liebe tätig ist [Gal. 5,6], dann liebt er es, von Gott als dieses Geschöpf unter Geschöpfen geliebt zu sein.

Man sieht schon von hier aus, dass die Einbeziehung der Geschöpflichkeit in die Liebe Gottes und in die Liebe zu Gott uns gewiss nicht dazu führen kann, die Liebe zu Gott nun schließlich etwa doch als eine Art Selbstliebe zu verstehen. Es löst sich die Vorstellung einer Liebe des Menschen zu sich selbst offenbar sofort auf, wenn man einerseits dessen gewahr ist, dass der Mensch selbst – ein jeder einzelne Mensch – nur darin Mensch ist, dass er Gott hört und |160 verantwortlich wird: wo fände er, wenn das seine Menschlichkeit ausmacht, den Raum und die Zeit, sich selber zu lieben? –, und wenn man andererseits dessen gewahr ist, dass er gar nicht Mensch sein kann, ohne als solcher die ganze ihn umgebende Geschöpfwelt für sich, mit sich, gegen sich und vor allem in sich zu haben: woraus sich ergäbe, dass sich seine Liebe zu sich selbst sofort in eine wahrhaft phantastische Liebe zu aller und jeder Mitkreatur erweitern und damit gerade den Charakter der Selbstliebe verlieren müsste. Aber es geht ja im Glauben überhaupt nicht darum, dass der Mensch seine oder irgend eine andere 758 Geschöpflichkeit als solche liebe, sondern dass er es liebe, in seiner Geschöpflichkeit und also in seinem Zusammenhang mit allen anderen Geschöpfen als Geschöpf inmitten der Geschöpfwelt von Gott geliebt zu sein: dass er dies nicht nur annehme, nicht nur sich recht sein lasse, sondern aktiv: diesen seinen Stand in der Liebe Gottes zum Gegenstand seines Begehrens, Wollens und Tuns mache, dies zum Gesetz seines Handelns werden lasse, dass es unter allen Umständen diesen seinen Stand bestätigen müsse. Nicht wer sich oder ein anderes Geschöpf in seiner Geschöpflichkeit liebt, liebt Gott, sondern der liebt Gott, der es liebt, als Geschöpf, in seiner Geschöpflichkeit inmitten der übrigen Geschöpfwelt von Gott geliebt zu sein.

Die Geschöpflichkeit des glaubenden Menschen hat aber auch eine hier nicht minder zu beachtende formale Bedeutung. Geschöpflichkeit heißt Dasein und Sosein durch Gottes Willen und Tat. Sie ist das Dasein und Sosein in der Bedingtheit, Grenze und Relativität, die ihm eben damit gesetzt ist, dass Gott sein Schöpfer ist. «Geschöpflich» heißt negativ: nicht schöpferisch. Das Geschöpf ist nicht Gott der Schöpfer, der es geschaffen hat. Das Geschöpf ist aber auch nicht außerhalb Gottes und neben ihm sein eigener Schöpfer. Es ist nichts Anderes, nicht mehr als sein Geschöpf. Es ist freilich auch nicht weniger als das. Das ist die positive Bestimmung des Begriffs: dass es, bedingt, begrenzt und relativiert durch den schöpferischen Willen Gottes, dem Nichts und dem Unsinn, dem Traum und dem Chaos effektiv entrückt, dass es in seiner Unterschiedenheit vom Schöpfer als sein Geschöpf real und gerechtfertigt ist. Gerade in seiner Bescheidung hat es auch seine Ehre. Nur indem es seine Bescheidung aufgäbe, könnte und würde es sie verlieren. Die Götter der menschlichen Einbildung tun dies. Und das ist die Ungeheuerlichkeit und zugleich die Nichtigkeit ihrer Existenz, dass sie den formalen Sinn des Geschöpfbegriffs nach seiner negativen Seite durchbrechen und eben damit auch aus seiner positiven Tragweite heraustreten. Der glaubende Mensch erkennt seine Geschöpflichkeit und bekennt sich zu |161 ihr. Er ist durch die Offenbarung Gottes des Schöpfers an seinen Platz gestellt, das heißt aber gleichzeitig: in Distanz gehalten, in seine Schran759ken verwiesen und daselbst aufgerichtet und in seinem realen Dasein und rechten Sosein erhalten und gehalten.

Das Alles gilt zunächst von seiner besonderen und eigensten Geschöpflichkeit: von seiner Menschlichkeit. Sein Sein als der, der von Gott angeredet und verantwortlich gemacht ist, ist geschöpfliches und also nicht schöpferisches, es ist aber eben als geschöpfliches reales und rechtes Sein. Das Negative bringt mit sich: Er hat, indem er Gott hört und antwortet, nichts mitzubringen, worin er selbst schon Gott oder ein Ausfluss oder Teil Gottes wäre oder was Gott gegenüber seinen eigenen göttlichen Ursprung hätte. Er hört und antwortet Gott, indem er (anders als der ewige Sohn Gottes!) nicht selber Gott und Gott nicht gleich, sondern ganz und gar durch Gott, das Werk seiner absoluten Freiheit ihm gegenüber ist. Er steht vor Gott als der, der er durch ihn ist, und er hat ihm nur das entgegenzubringen, was er zuvor von ihm empfangen hat [vgl. 1.Kor. 4,7]. Es ist auch die Freiheit seines Hörens und Antwortens geschöpflich: ihm gegeben, ihn als Menschen konstituierend, aber auch das so, dass diese Gabe und Konstitution Gottes und nicht sein Werk ist. Er hat also keinen Vorsprung Gott gegenüber. Er hat kein Maß, an dem er Gott messen, nach dem er das, was er von ihm hört, beurteilen und nach dem er seine Antwort richten könnte. Sein Hören und Antworten kann nur Gehorsam sein. Er kann Gott nicht richten und sich selbst auch nicht. Er wird von Gott gerichtet, und indem er ihm nicht gehorsam ist, ist er schon verurteilt. Er ist eben nicht der Schöpfer. Das Positive bringt mit sich: Er darf, indem er Gott hört und antwortet, gerade darum alles dazu Erforderliche mitbringen, weil, was er ist und hat, nicht in ihm, sondern in Gott seinen Ursprung hat, von Gott ihm gegeben ist. Er ist von ihm gerade dazu als Mensch geschaffen, dass er ihn hören und ihm antworten könne. Ihm ist die Freiheit gegeben, ihn recht zu hören und ihm recht zu antworten. Ihm fehlt hinsichtlich seines Daseins und Soseins gar nichts, was ihm nicht erlaubte, ja geböte, fröhlich und unbesorgt Mensch zu sein und des Menschen Bestimmung zu erfüllen. Er kann und darf seinem Schöpfer, gera760de weil und indem er nur sein Geschöpf ist, frei und furchtlos in die Augen sehen. Wie sollte er ihn fürchten? Gott selbst hat sich ja für das, was er ist, und also auch |162 für sein rechtes Hören und Antworten verantwortlich gemacht. Indem sich der Mensch an das hält, als was und wozu er geschaffen ist, indem er schlicht der Mensch ist, den Gott gewollt und geschaffen hat, indem er es nur unterlässt, nach links oder rechts zu sehen, um etwas Anderes (vielleicht mehr und dann sicher weniger!) zu sein, ist er in seinem Stande vor Gott so wohl aufgehoben wie Gott in seinem eigenen. Er ist Gottes Geschöpf und hat als solches seine Ehre, wie Gott die seinige hat.

Er ist aber Geschöpf unter Geschöpfen. Er ist der Mensch im Kosmos. Und der formale Sinn seiner Geschöpflichkeit erstreckt sich auch auf diesen weiteren Zusammenhang seines Daseins und Soseins. Wir stellen auch hier die negative und die positive Bestimmung des Begriffs gegeneinander. Das Negative zuerst: es gibt auch im Raume der den Menschen umgebenden, für ihn, mit ihm, gegen ihn und in ihm selbst existierenden übrigen Geschöpfwelt keinen Schöpfer. Es ist weder so, dass der Schöpfer selbst eines von den dem Menschen in der Nähe oder Ferne benachbarten Geschöpfen oder vielleicht auch deren Totalität wäre. Es gibt nur ein Geschöpf, das als solches zugleich der Schöpfer ist: das Wort im Fleische, ohne das der Schöpfer dem Geschöpf nicht gegenwärtig und offenbar wäre – und wenn man irgendwo sagen muss, dass gerade die Ausnahme die Regel bestätigt, dann muss man es hier sagen, weil es eben in dieser Einheit von Schöpfer und Geschöpf unzweideutig offenbar wird, dass das Geschöpf als solches am Sein des Schöpfers keinen Anteil hat. Noch ist es so, dass es in der Geschöpfwelt so etwas gäbe wie Schöpfermächte auf eigene Faust oder dass sie sich in ihrer Totalität, von Gott unabhängig, selbst hervorgebracht hätte und erhalten würde. Indem der an Gott glaubende Mensch unweigerlich genötigt ist, sich selber als Geschöpf zu erkennen, sich also den Charakter des Schöpfers abzusprechen, ist es klar, dass er diesen Charakter auch sonst nicht zu vergeben hat, dass er auch in seiner Umwelt nur Geschöpfe und keine Schöpfer entdecken wird. Wer und was immer ihm 761 von der Geist- oder von der Naturseite der Geschöpfwelt überlegen begegnen, wie stark auch die Bindung sein mag, in der er sich da in jeder Hinsicht befindet, wie intim ihm die geschöpflichen Phänomene und Gewalten auf den Leib rücken und wieviel Teilnahme oder Widerspruch, Angst oder Hoffnung sie in ihm erregen mögen: es wird in ihrem ganzen Umkreis ein |163 echter, Gott gegenüber unabhängiger Ursprung, es wird eine absolute Autorität, der er sich da zu beugen, ein letztes Wort, das er von daher entgegenzunehmen hätte, für ihn auf alle Fälle nicht in Frage kommen. Er wird sich von der Geschöpfwelt her immer nur vorläufig, nicht endgültig, immer nur teilweise, nicht gänzlich, immer nur relativ, nicht absolut beruhigt oder bewegt, befestigt oder erschüttert, bedroht oder bestätigt, erfreut oder erschreckt finden. Er wird die Stimmen, die von dorther zu ihm dringen, nie so hören, wie er Gott hört, und wird ihnen auch nie so antworten können, wie er Gott antwortet. Gerade jenen Gehorsam ohne Rückfrage ist er ihnen nicht schuldig und kann er ihnen nicht leisten. Sie sind, wie mächtig und gehaltvoll sie immer sein mögen, die Stimme von seinesgleichen. Es ist ja die ihn umgebende Geschöpfwelt nicht nur außer ihm, sondern auch in ihm. Und wenn sie redet, so redet er selbst mit; wenn er sie hört, so hört er auch sich selber. So gibt es zwischen ihm und der übrigen Geschöpfwelt kein letztes, eigentliches Dort und Hier, Du und Ich, Oben und Unten und also kein streng und eigentlich so zu nennendes Zwiegespräch. Ihr fehlt dazu die eigentliche Andersheit. Strenge, eigentliche Andersheit gibt es da, aber auch nur da, wo Schöpfer und Geschöpf sich gegenüberstehen. Der Geschöpfwelt fehlt dem menschlichen Geschöpf gegenüber die Göttlichkeit des Schöpfers. Sie fehlt dem Mitmenschen. Sie fehlt dem Engel und dem Tier. Sie fehlt dem Mikrokosmos und dem Makrokosmos der übrigen geistigen und natürlichen Kreatur. Es kann immer nur im Abfall und Irrtum geschehen, wenn der Mensch meint, einer anderen Kreatur Göttlichkeit zuschreiben zu müssen und mit diesem ihrem Prädikat rechnen zu sollen. Die Strafe, die Enttäuschung, die schmerzlichen Folgen solchen Irrtums pflegen diesem auf dem Fuß zu folgen. Gott allein ist Gott. |

Nun aber auch hier das Positive: 762 Wir kommen hier zum wichtigsten Schritt unserer ganzen Überlegung und müssen darum weiter ausholen: Es gibt auch im Raume der Geschöpfwelt, die, verschieden vom Menschen, für ihn, mit ihm und gegen ihn und immer auch in ihm selber ist, keine Wirklichkeit und keine Erscheinungen, keine Wesen und keine Geschehnisse, keine Ursachen und keine Wirkungen, kein Einzelnes und keine Zusammenhänge, die nicht, wie er selber, unter der Hoheit, Ordnung und Verfügungsgewalt desselben Schöpfers stünden, der auch sein Schöpfer ist. Wie er selber? In dem |164 Sinn nicht wie er selber, als der zum Bunde mit Gott Bestimmte, der in der Erwählung Jesu Christi Erwählte unter allen Geschöpfen nur der Mensch – als nur seine Geschichte der Schauplatz der Geschichte des Gnadenbundes ist. Aber in dem Sinn doch wie er selber, als nach seinem natürlichen und geistigen Bestand auch er nicht über der sonstigen Geschöpfwelt, sondern in ihr ist, zu ihr gehört, gänzlich in Beziehung zu ihr existiert, ja bei aller Eigenart seines Daseins in seiner besonderen Beziehung zu Gott gänzlich mit ihrem Dasein verflochten, von ihr umschlossen und durch sie bedingt ist und insofern wirklich mit ihr auch unter der Hoheit ihres Schöpfers steht. Sie ist wie er selbst von Gott geschaffen und also vom Nichts unterschieden, sie ist als Geschöpf in der gleichen Weise wie er der göttlichen Realisierung und Rechtfertigung teilhaftig.

Das bedeutet zunächst gewiss dies, dass es in ihren Bereichen nichts geben kann, was dem Menschen einfach fremd und gleichgültig sein dürfte. Was nach Gottes Willen und durch Gottes Tat ist, das kann dem an Gott glaubenden Menschen nur schon darum nicht fern sein: dem gebührt vielmehr sein «Interesse», an dessen Dasein und Sosein kann er nicht nur faktisch, sondern muss er willig, von sich aus, in Erfüllung seiner eigenen Bestimmung, beteiligt sein. Was wie er und mit ihm selbst nach Gottes Willen und durch Gottes Tat ist, dem ist er seine Zuwendung schuldig. Es wird der Kosmos gerade dem, der an Gott glaubt, auf alle Fälle ein Gegenstand seiner Aufmerksamkeit. Ihm ist gerade damit, dass er ihn schlechthin unter Gottes Hoheit weiß, aufs intimste nahegelegt, auch um ihn zu wissen, ihn also nicht auf sich selbst beruhen zu lassen, als ginge er ihn nichts an, sondern ihn sehend und verstehend zu begleiten, sich selbst seiner vielfachen Beziehung 763 zu ihm bewusst zu werden, diese Beziehung zu erfüllen und zu gestalten und in dieser Beziehung selbst zu wachsen, sein eigenes, das menschliche Dasein als Geschöpf inmitten der Geschöpfwelt wahr und wahrer zu machen. Es hat dies, dass zuerst und vor allem der Mitmensch dem Menschen zur Gabe und zur Aufgabe wird, es hat aber auch alle Naturwissenschaft und Technik, es hat alles Geschichtsbewusstsein, alle Politik und Kunst, es hat auch alles Erforschen, Erziehen und Gestalten des geistigen und leiblichen Wesens des Menschen selber insofern seinen Grund im Glauben, als dieser Glaube an den Schöpfer aller Dinge ist und darum nicht verfehlen |165 kann, den Menschen an Allem zu beteiligen, ihn für Alles offen zu machen, was als Gottes Geschöpf außer und in ihm ist. Dass er Gott hört und verantwortlich ist, das beraubt ihn nicht dieser Aufmerksamkeit: gerade das macht sie ihm notwendig. Dass er in der Höhe und in der Tiefe, in der Welt des Geistes wie in der der Natur, dass er in sich und um sich nur dem Geschöpf und nirgends einem eigenen Ursprung, einer selbständigen Macht begegnet, das entfremdet ihn dem Kosmos nicht: gerade darin besteht ja seine Verwandtschaft, gerade das ruft ja auch nach seiner Bekanntschaft mit dem Kosmos und nach der Pflege dieser Bekanntschaft. Da ist im Großen und im Kleinen nichts, was weniger als Gottes Geschöpf und insofern weniger als er selbst wäre. Was aber nicht weniger ist als er, das ruft nach seiner Gemeinschaft mit ihm.

Dass der Kosmos wie der Mensch selbst Gottes Geschöpf ist, das bedeutet aber weiter, daß er ihm auf alle Fälle grundsätzlich keine Angst einflößen kann. Gäbe es eigene Ursprünge, selbständige Mächte der Geschöpfwelt außer und im Menschen, gäbe es da Erscheinungen und Wirklichkeiten eines mehr als geschöpflichen Wesens, wie müsste er sich dann bedroht fühlen durch seine Verbundenheit und Verwandtschaft mit dem Kosmos, in welchem er sich so unübersichtlich mächtigen Gewalten gegenüber und in welchem er sich so unwiderstehlich intensiven Einflüssen ausgesetzt sieht! Je besser er ihn kennt, umso schwerer müsste er sich da bedroht fühlen. Er hätte dann wohl Grund zur Sorge. Er könnte sich dann wohl 764 fragen, ob es ihm unter dem Ansturm des unheimlichen Seins und Geschehens, das ihn von allen Seiten umgibt und selber erfüllt, nicht einfach unmöglich gemacht sei, seine Menschlichkeit zu behaupten und durchzusetzen und also Gott zu hören und verantwortlich zu bleiben, wie es seine Bestimmung ist. |

Das ist ja der wohlberechtigte Grund aller Lebensangst: dass wir es da draußen und da drinnen mit mehr als Geschöpfen, dass wir es in der Natur und in der Geschichte und vor allem in unserer eigenen Seele mit allerlei Schöpfern oder doch schöpferartigen Wesenheiten, Autoritäten und Mächten zu tun zu haben meinen, denen wir ihrer Art halber notwendig nicht gewachsen sind, denen gegenüber wir uns als Hörer des Wortes Gottes und in der Verantwortlichkeit ihm gegenüber nicht halten können. Aber eben diese Meinung und also der an |166 sich wohl berechtigte Grund aller menschlichen Angst ist in Wahrheit hinfällig. Was nach Gottes Willen und durch seine Tat ist – nur so und nicht anders! –, das kann den an Gott glaubenden Menschen unmöglich ernstlich bedrohen. Es könnte wohl: es ist ja ihm gegenüber weithin so groß, es tritt ihm ja weithin so nahe, es wirkt ja weithin so eindringlich – gar nicht äußerlich nur, sondern wirklich auch innerlich – auf ihn ein, es geht ihn ja Alles, was ist, vom Umlauf der Planeten bis zum Verhalten seiner eigenen Nervenzellen so direkt an, dass es ihn wohl bedrohen könnte: wenn es das wirklich dürfte, wenn es dazu die Freiheit und die Erlaubnis hätte, wenn da draußen oder da drinnen irgend eine große oder kleine Souveränität, wenn da irgend etwas sein eigener Herr wäre und als solcher dem Menschen begegnen, ihm in den Weg treten könnte. Aber da ist nichts – wirklich nichts –, was das darf und kann. Was da auch sein mag, da ist auf alle Fälle nur Geschöpf: keine eigentliche, keine letzte, keine absolute Gefahr also, gerade nichts von der Art, dass es den Menschen hindern könnte, Mensch zu sein, in seiner Beziehung zu Gott seine Bestimmung zu erfüllen. Und mehr als das: weil da Alles Gottes Geschöpf und also unter Gottes Hoheit und zu seiner Verfügung ist, so kann es nicht anders sein, als dass da eigentlich, letztlich und absolut Alles dem Menschen sogar helfen muss, Mensch zu sein. Es muss für ihn sein, auch wo es gegen ihn ist, d. h. dem 765 Menschen den unwiderstehlichen Eindruck macht, dass es gegen ihn sein, ihn in seiner Menschlichkeit hemmen, ja vernichten wolle. Kein solcher Eindruck kann an der Natur seiner Geschöpflichkeit etwas ändern, weil sie darin besteht, dass es Gott dienen muss. Muss es aber Gott dienen, dann auch dem Menschen in seinem besonderen Stand als das Geschöpf, das zum Hörer des Wortes Gottes und zur Verantwortlichkeit ihm gegenüber bestimmt ist. |

Das ist freilich ein gewaltiger Spruch in seiner Unbegreiflichkeit, d. h. in seinem Widerspruch gegen die laufende menschliche Erfahrung fast unerträglich hart zu hören, gerade weil er so tröstlich ist. Es ist nicht zu verwundern, dass er sogar in der Bibel nur selten in der Eindeutigkeit wie etwa Röm. 8,28 zur Aussprache kommt. Aber wie könnte man es vermeiden, ihn grundsätzlich auszusprechen und praktisch gelten zu lassen? Wenn der Wille Gottes kein in sich verschiedener ist, sich also in seinen Beschlüssen nicht durchkreuzen kann, |167 wenn in allen Taten Gottes sein in sich einiger Wille wirksam ist, dann kann der Kosmos nicht nur nicht hindern, dann muss auch der Kosmos dazu helfen, dass das geschehe, was Gott mit dem Menschen geschehen lassen will. Es mögen sich die Linien der Bestimmung des Menschen und der Bestimmung des übrigen Kosmos für unsere Erkenntnis erst im Unendlichen treffen und also in ihrer Vereinigung für uns in gänzliche Verborgenheit gehüllt sein: sie sind darum doch keine divergierenden, sie sind in Wahrheit nicht einmal parallele, sie sind von ihrem Ursprung her konvergierende Linien. Darum ist wirklich kein Grund zur Angst im Kosmos, mehr noch: darum ist da Grund zur Freude, zur Dankbarkeit, zu einem freien Vertrauen ihm gegenüber. Wie sollte, was Gottes Geschöpf und also von Gott realisiert und gerechtfertigt ist, dem glaubenden Menschen eigentlich, letztlich und absolut etwas Anderes als Grund zur Freude, zur Dankbarkeit und zum Vertrauen sein und bieten können? Wie sollte er inmitten der übrigen Geschöpfwelt meinen können, in der Fremde, wohl gar in einer feindseligen Fremde zu sein? Mag es seinen Augen noch so verborgen, mag es noch so der Enthüllung bedürftig sein, die er immer nur erwarten, der er immer nur entgegeneilen kann – es ist doch so, dass der 766 Kosmos recht eigentlich seine Heimat ist, deren Bekanntschaft zu machen und zu pflegen zur Erfüllung seiner eigenen Bestimmung darum mit hinzugehört.

Dass der Kosmos wie der Mensch selbst Gottes Geschöpf ist, das bedeutet aber endlich, dass der Mensch ihn – indem er in seiner Mitte lebt, indem er ihm als Gottes Geschöpf seine ganze Aufmerksamkeit und im letzten Grund auch ein freies Vertrauen entgegenbringt – in seiner eigenen Wahrheit und Würde zu respektieren hat. Dass er in seiner Menschlichkeit ein wie kein anderes ausgezeichnetes und hervorgehobenes Geschöpf, dass ihm der Kosmos, da er selbst das «Auge» der ganzen Schöpfung ist,131 da ihm alle Dinge zum Besten zu dienen bestimmt sind [Röm. 8,28], zu Füßen gelegt ist [vgl. Ps. 8,7], |168 das bedeutet nicht, dass er sein Gott und Herr ist, dass er auch nur in seinen Gedanken über ihn verfügen, dass er ihn als sein eigenes Reich zu verstehen, zu verwalten und zu gestalten hätte. Es hat auch das vom Menschen verschiedene Geschöpf seine eigene Unmittelbarkeit zum Schöpfer. Es ist auch ohne den Menschen von Gott realisiert und gerechtfertigt. Es ist in seiner eigenen und nicht in des Menschen Weise das Werk und der Gegenstand der göttlichen Weisheit, Allmacht und Fürsorge. Es geht nicht darin auf, dass es zum Menschen und der Mensch zu ihm in jener allerdings so nahen und wirksamen Beziehung steht. Gibt es keine Eigengesetzlichkeit der Geschöpfwelt dem Willen Gottes gegenüber, so gibt es auch keine Gesetzlichkeit, die ihr der Mensch theoretisch oder praktisch zu auferlegen, die er in den Kosmos hineinzulesen und auf Grund derer er ihn zu regieren hätte. Er hat dazu weder den Auftrag noch die Vollmacht. Er hat nicht nur gegenüber Gott, sondern des zum Zeichen auch gegenüber dem Geschöpf Gottes Distanz zu halten. Gerade seine besondere Bestimmung für Gott muss ihn ja daran erinnern, dass er sich mit der übrigen Geschöpfwelt und diese mit sich selbst nicht identifizieren kann, dass er ihr nicht zu nahe treten, dass er sie in ihrem besonderen Dasein und Sosein gelten [lassen] muss, ohne gewissermaßen in ihr Inneres eindringen und sie von da aus durchschauen und beherrschen zu wollen. Er kann und soll sie kennen 767 lernen, so wie sie neben, über und unter ihm, für ihn, mit ihm, gegen ihn und auch in ihm selber ist. Indem sie Gottes Geschöpf ist, beansprucht und verdient sie seine genaueste Aufmerksamkeit. Er kann und soll auf Grund seiner Bekanntschaft mit ihr leben und in dieser Lebensgemeinschaft mit ihr seine eigene Geschöpflichkeit wahr und immer wahrer machen. Er würde seiner Menschlichkeit, seiner Bestimmung, den Schöpfer zu hören und ihm verantwortlich zu sein, nicht gerecht, wenn er das unterlassen würde. Er braucht die übrige Geschöpfwelt nicht zu fürchten, sondern er darf des freien Vertrauens leben, dass sie ihm letztlich zur Erfüllung seiner eigenen Aufgabe nur behilflich sein kann. |

Es wäre aber offenbar etwas ganz Anderes und viel zu viel gesagt, wenn man sagen wollte, es liege in des Menschen Auftrag und Vollmacht, die ihn umgebende Geschöpfwelt zu erkennen: ihre Erscheinung, ihre Wirklichkeit nicht nur, sondern ihr Wesen zum Gegen|169stand seiner Aufmerksamkeit, zum Inhalt seines Wissens zu machen. Es gibt für den Menschen nur eine Erkenntnis eines Wesens, und das ist die Erkenntnis Gottes im Glauben auf Grund der Offenbarung, in der ihn Gott allerdings sein Wesen erkennen lässt. Das Wesen des Geschöpfs dagegen: das Wesen des Mitmenschen, des Menschen eigenes Wesen, das Wesen der Natur und des Geistes und der mit dieser Unterscheidung angezeigten Bereiche, Erscheinungen und Wirklichkeiten, das Wesen der Zeit und der Geschichte ist ein verborgenes Wesen, von dem es für den Menschen keine Erkenntnis gibt – man muss wohl sagen: von dem es nicht nur jetzt und hier, sondern auch jenseits der künftigen Enthüllung der Kreatur und in alle Ewigkeit hinein für ihn keine Erkenntnis geben wird, weil die Erkenntnis des Wesens der Dinge ein Prädikat ihres Schöpfers ist, das als solches nicht Prädikat eines ihrer Mitgeschöpfe werden kann. Uns ziemt es und uns genügt es auch, die Erscheinung und die Wirklichkeit der Dinge und so den Mitmenschen und uns selbst, die Welt der Natur und des Geistes zu kennen, in Erkenntnis des Schöpfers zur Kenntnis zu nehmen, dass sie real und recht sind, dass es also geboten und lohnend ist, ihre Bekanntschaft zu machen. Was sie sind, das geht uns nichts an. Wir haben es nicht nötig und es ist 768 uns auch nicht möglich, das zu wissen: so gewiss wir eben selber Geschöpfe inmitten der Geschöpfwelt und also nicht ihr und unser eigener Schöpfer sind. Unser Leben in der guten Bekanntschaft mit der uns umgebenden Geschöpfwelt, unser Leben in jenem freien Vertrauen ihr gegenüber hängt daran, dass wir uns der Einbildung entschlagen, wir müssten und könnten sie erkennen, wir müssten und könnten in Erfahrung bringen und wissen, was sie sind. Das ruhige Kennenlernen der Dinge bricht ja sofort ab, wenn wir uns der Einbildung hingeben, wenn wir auch nur spielen mit der Einbildung, als seien wir in die Dinge eingedrungen und also hinter die Dinge gekommen. Und so wird auch das freie Vertrauen, in welchem wir unter den Geschöpfen und mit ihnen leben dürften, sofort zerstört, wenn wir uns ihnen gegenüber, ihr Wesen vermeintlich durchschauend, auf den Standpunkt Gottes stellen, weil wir ihnen damit unvermeidlich die Erlaubnis geben, uns Gleiches mit Gleichem zu vergelten, d. h. sich auch uns gegenüber auf den Standpunkt Gottes zu stellen, uns ihrerseits zu durchschauen und damit unsere Herrscher zu werden. |

170 Es war noch immer eine üble Sache, wenn der Mensch seine Grenzen der Geschöpfwelt gegenüber: dass er wohl um sie wissen, dass er sie aber nicht wissen kann, durchbrechen und überschreiten zu müssen meinte; sie wird dann sofort auch von der anderen Seite her durchbrochen und überschritten; es kann dann gar nicht anders sein, als dass der Mensch eben der Geschöpfwelt, die er meistern zu können meint, ausgeliefert und zum Sklaven wird.132 Es kann dann von einem freien, ruhigen, überlegenen Leben im Kosmos als in seiner Heimat für ihn keine Rede mehr sein. Der Kosmos gewinnt es über ihn in dem Augenblick, wo er es über den Kosmos zu gewinnen meint. Es ist aber eine gute Sache, diese Grenze und insofern den Kosmos selbst zu respektieren, ihn in seiner eigenen, uns unzugänglichen Geschöpflichkeit gelten zu lassen. Es ist gut, auf jeden Versuch, sich selbst in die Dinge hinein- und dann wieder aus ihnen herauszulesen, zu verzichten, sich damit zu begnügen, sie – wie es die Grundregel aller gesunden Exegese ist! – in ihrer Erscheinung und Wirklichkeit, in der ihnen von Gott gegebenen Realität und Gerechtigkeit zu sich reden 769 zu lassen. Auf diesem Boden und auf ihm allein gedeiht alle redliche Bekanntschaft, alle fruchtbare Gemeinschaft mit den Dingen: jedes Gespräch mit dem Mitmenschen und mit sich selbst, alle echte Natur-, Geistes- und Geschichtswissenschaft, alle gesunde Moral und Politik, alle wirkliche Kunst. Die Dinge werden sprechend und lebendig, wenn man ihr Wesen zu erkennen ihrem Schöpfer überlässt, von dem es erkannt ist von Ewigkeit her, der uns die entscheidende Erkenntnis, nämlich die Erkenntnis seiner selbst nicht vorenthalten, sondern gegeben und der uns eben damit in den Stand gesetzt hat, den Dingen – die nicht mehr und nicht weniger als seine Geschöpfe sind – und mit den Dingen dann bestimmt auch uns selbst und unserer Bestimmung gerecht zu werden. Wir sind eingeladen, von dieser Freiheit Gebrauch zu machen. Durch jede vermeintliche Erweiterung dieser Freiheit |171 könnten wir nur zu Gefangenen unserer eigenen Einbildung und der von uns eingebildeten Dinge werden.

Wir kehren jetzt zu dem Spitzensatz unserer vorangegangenen Definition des Glaubens zurück: dass der glaubende Mensch es liebt, das von Gott geliebte Geschöpf inmitten der Geschöpfwelt zu sein, dass also sein Glaube in dieser Liebe tätig ist [Gal. 5,6]. Der glaubende Mensch liebt es, dieses Geschöpf, Mensch zu sein und also gerade in dem Hören auf Gott und in der Verantwortlichkeit vor ihm seine Bestimmung zu haben. Nicht ob und wie er diese seine Bestimmung erfülle, ist die Frage. Er liebt es aber, gerade diese Bestimmung zu haben. Er beneidet Gott nicht um seine Gottheit, vermöge derer er sein Herr ist, vermöge derer er seinerseits auf sein Wort angewiesen ist und durch sein Wort gerichtet wird. Er ist gern, was er ist, in seinem Unterschied von Gott, in seinem so streng geordneten Verhältnis zu ihm. So beneidet er auch nicht die Engel und nicht die Tiere, die seine Bestimmung nicht zu haben, denen – in sehr verschiedener Weise allerdings – der Ernst, die Spannung, die Unruhe der menschlichen Existenz vor Gott (aber damit doch auch deren besondere Verheißung) zu fehlen scheinen. Er ist auch ihnen gegenüber gerne, was gerade er ist. Er hat es gerne, dass er Gott nichts Eigenes, sondern 770 immer nur das entgegenzubringen hat, was er von ihm empfangen hat [vgl. 1.Kor. 4,7]: er hat es gerne, nicht Gottes Richter, sondern von ihm gerichtet zu sein, ihm nur jenen Gehorsam ohne Appell und ohne Rückfrage leisten zu können. Und er hat es gerne, gerade so vor Gott wohl aufgehoben zu sein: er hat es gerne, in diesem Stand seine Ehre zu haben. |

Lieben heißt ja eben mehr als akzeptieren und sich genügen lassen. Lieben heißt gern haben und also das selber meinen, wollen und suchen, was man liebt. Der glaubende Mensch liebt Gott darin, dass er es liebt, von Gott jenen Ort, jene Bestimmung bekommen zu haben, von Gott in jene Grenzen eingeschlossen, in ihnen aber auch bewahrt und geschützt zu sein. Er sieht sich in dem Allem nicht etwa erdrückt von Gottes Majestät, gegen die er nicht aufkommen könnte. Er will gar nicht aufkommen gegen sie. In ihm ist auch kein heimliches Klagen und Brummen gegen die Bestimmung seiner besonderen Geschöpflichkeit. Er erkennt in allem, was zu ihr gehört, Gottes Liebe zu ihm. Darum lässt er sich das Alles nicht nur gefallen, darum liebt er es. |172 Darum wollte er es keinen Moment anders haben, darum sucht er sich gerade in seiner Situation als dieses Geschöpf Gottes immer aufs Neue gern zurechtzufinden. Gerade in ihr, in der er Gott die Ehre geben darf, erwartet er auch alles Heil für sich selber. Er liebt aber eben darum auch dies, Geschöpf in jenem weiteren Zusammenhang, der Mensch im Kosmos zu sein. Er entbehrt es also nicht, in der Geschöpfwelt, so weit das Auge reicht, auf keine Gottheiten, sondern auf lauter solche Wesen zu stoßen, die in ihrem Verhältnis zum Schöpfer nur seinesgleichen sind. Er wird sich also nicht133 an den Klagen über das Verschwinden von so viel alten Göttern beteiligen können und ebensowenig an den Versuchen, die entstandenen Lücken durch die Einführung neuer Religionen, Verkündigungen und Kulte auszufüllen. Er wird sich in Erkenntnis des Schöpfers gerade in einer entgötterten Welt nicht verloren vorkommen. Sie wird ihm dadurch, dass sie entgöttert ist, nicht öde, nicht langweilig, sondern nun erst in ihrer echten geschöpflichen Gestalt beachtlich und interessant werden: der Mitmensch zuerst und vor allem und hinter ihm der ganze geistige und natürliche Kosmos und, wenn der Kreis sich schließt, sogar er sich selber. Er wird das Mitgeschöpf allerdings 771 auch nicht mehr fürchten, er wird ihm nur in freiem Vertrauen begegnen können. Er wird es dafür respektieren, er wird das ihm unzugängliche Geheimnis seines Wesens als solches gelten lassen müssen. Er entbehrt in dem Allem gar nichts. Ihm ist auch das nicht zu wenig, mit der Geschöpfwelt um ihn so dran zu sein. Ihm wird seine Situation als Geschöpf auch in dieser Hinsicht zum Zeichen und Abbild seines Dranseins mit dem Schöpfer. Er wird sich also auch hier nicht nur beugen vor dem, was er nicht ändern kann. Er wird sich sicher ohne allen inneren Groll, ohne entgegengesetzte Wünsche irgendwelcher Art daran genügen lassen. Mehr noch: es wird ihm so recht sein, es wird gerade sein eigenes Wollen und Wünschen dauernd dahin gehen, seine Situation auch in dieser Hinsicht immer besser zu verstehen, sie immer treuer wahr zu machen. Er meint und will nichts Anderes, als dass gerade das sich fort und fort bestätige: dass er in und mit der Geschöpfwelt so dran sein darf. Was er fürchtet, ist jedes andersartige Dransein. Denn in diesem seinem wirklichen Dransein und nur in ihm erkennt er |173 Gottes Liebe zu ihm. Und so liebt er Gott wieder, indem er es liebt, gerade so, in dieses Dransein versetzt, von Gott geliebt zu sein.

Man bemerke: auf diese Spitze zielt Alles, was wir zur Definition des Glaubens vorher gesagt haben. Der in Gottes Offenbarung begründete, durch ihre Macht erweckte Glaube ist der Glaube, der in diesem Werk, der in der Liebe tätig ist [Gal. 5,6]. Dieses Werk kann ihm also nicht fehlen. Der glaubende Mensch kann nicht lieblos sein. Der lieblose wäre als solcher auch der ungläubige Mensch. Alles Einzelne, was wir vorher zur Beschreibung des Glaubens gesagt haben, wäre also hinfällig, wenn es nicht in der Liebe seine Spitze hätte. Die Macht der Offenbarung, die den Glauben begründet und erweckt: die offenbare Liebe Gottes, die offenbare Gnade Jesu Christi, die offenbare Gemeinschaft des Heiligen Geistes [2.Kor. 13,13], tritt zuletzt und zuhöchst darin auf den menschlichen Plan, will zuletzt und zuhöchst darin aufgenommen und Ereignis werden im Akt menschlicher Freiheit: dass der Mensch liebe, Gott wiederliebe, aber eben dies wirklich darin tue, dass er es wie 772 der liebt, als Geschöpf inmitten der Geschöpfwelt geliebt zu sein. Wo das nicht geschieht, da ist die mächtige Offenbarung seines Schöpfers noch nicht auf seinen Lebensplan getreten oder noch nicht in jenem Freiheitsakt Ereignis geworden. Die menschliche Freiheit selber, die echte Spontaneität der rechten Entscheidung, in welcher der Mensch seine Menschheit betätigt, ist zuhöchst und zuletzt die Freiheit dieses Liebens. Alles fruchtbare Wissen und alles nützliche Verzichten des glaubenden Menschen ist kräftig darin, dass es das Wissen und Verzichten ist, das zuletzt und zuhöchst in diesem Lieben gipfelt. All sein Halt an Gott, alle seine Freude in ihm, alle seine Hoffnung auf ihn sind darin wirklich und beständig, dass sie zuletzt und zuhöchst das Werk dieses Liebens sind. Der glaubende Mensch lebt seines Glaubens im Vertrauen, und er wartet auf den Tag der Erlösung [vgl. Eph. 4,30], der der Tag der Erleuchtung sein wird, indem er zuletzt und zuhöchst dieser Liebende ist, der das liebt, als Geschöpf unter Geschöpfen von Gott geliebt zu sein. Bliebe diese Spitze stumpf oder würde sie abgebrochen, dann wäre auch die Basis, dann wäre der ganze Aufbau des Glaubens dahin und alle seine Elemente. Wie ihm keines von jenen Elementen fehlen kann, so zuletzt und zuhöchst und am allermeisten gerade dieses nicht.

174 Im Blick auf diese seine Spitze können wir den Glauben abschließend als den kreatürlichen Akt bezeichnen, in welchem dem Schöpfer von Seiten des Geschöpfs sein Recht und seine Ehre wird. Es ist ja das Recht und es ist ja die Ehre, die Gott gebühren, dass er von dem wiedergeliebt werde, den er zuerst geliebt hat [vgl. 1.Joh. 4,19], und dass ihm das in seinem Werk widerfahre als dem Schöpfer des Geliebten und also eben damit, dass der von ihm zuerst Geliebte es liebe, als sein Geschöpf inmitten der anderen Geschöpfe von ihm geliebt zu sein. Wenn das geschieht, dann wird Gott gelobt, dann wird sein Recht und seine Ehre gepriesen von der Kreatur. Und dies ist das freudige Werk des Glaubens, des glaubenden Menschen: Gott zu loben mit seinem Tun. Wir erinnern uns, dass der Glaube nicht im Menschen, sondern in Gott seinen Ursprung hat: in Jesus Christus, der auch sein Gegenstand ist. In Jesus Christus ist es ursprünglich wahr, dass die Kreatur dem Schöpfer sein Recht und 773 seine Ehre gibt. Geschieht das im Glauben an ihn wieder, so geschieht es nur im Anschluss an ihn, nur daraufhin, dass es in ihm zuerst und eigentlich geschehen ist. Das bedeutet, dass der Ruhm dieses Geschehens der seinige und nicht etwa der des an ihn glaubenden Menschen ist. Eben das bedeutet aber auch, dass das Lob Gottes, wie es der glaubende Mensch, indem er liebt, darbringen darf, ein reines, d. h. ein von allem Selbstlob freies und damit ein rechtes Lob Gottes sein darf.134 Wo es zum Selbstlob des Menschen würde, da müsste ja der Glaube schon aufgehört haben, seinen Gegenstand und Ursprung in Jesus Christus zu haben. Ohne den Anschluss an ihn würde er aber weder in jener Spitze noch in seiner Basis noch in irgend einem seiner Elemente wirklich Glaube sein, er würde als Glaube nur sterben können. Lebt der Glaube, lebt er also in jenem Anschluss, dann rühmt er den, an den und durch den er glaubt, und also nicht den glaubenden Menschen, dann wird sein Lieben echt und eben damit zum reinen und rechten Gotteslob.

175 Man kann und muss aber im Blick auf jene Spitze auch damit abschließen, dass man den Glauben als den kreatürlichen Akt bezeichnet, in welchem das Geschöpf selber angesichts seines Schöpfers und im Verhältnis zu ihm zu seinem eigenen Recht und zu seiner eigenen Ehre kommt. Sein Recht und seine Ehre bestehen darin, dass es sich als das von seinem Schöpfer realisierte und gerechtfertigte Geschöpf betätigen und offenbaren darf. Indem das geschieht, lobt es nicht nur seinen Schöpfer, sondern kommt es auch zum Frieden, zur Übereinstimmung mit sich selber. Das geschieht aber, indem der Mensch glaubt, d. h. indem er im Werk, im Vollzug seines Glaubens, Gott liebt, und zwar darin liebt, dass er es liebt, das von ihm geliebte Geschöpf inmitten der Geschöpfwelt zu sein. Wer glaubt und also liebt, der hört eben damit auf, sich selbst entfliehen zu wollen und also sich selbst spalten zu müssen, der fängt eben damit an, geborgen und geschlossen bei sich selbst zu sein. Dass er hinsichtlich seiner selbst wie seiner Umgebung und also hinsichtlich seines ganzen Dranseins auf das Erscheinen der vollkommenen Gestalt wartet, in der ihm sein Dransein erst offenbar werden muss, kann dieses sein Geborgensein nicht mindern. Es wird ihm nur das verwehren, sich etwa für durch sich selbst realisiert und 774 gerechtfertigt zu halten. Es könnte ein auf diesem Wahn begründeter innerer Friede natürlich nur ein fauler, unwahrer Friede sein. Der eschatologische Sinn des Glaubens wird den Menschen daran hindern, diesen faulen Frieden mit sich selbst zu schließen. Es ist aber der innere Friede dessen, der Gott in seinem Werk lieben darf, kein fauler Friede, sondern ein echtes, wenn auch vorläufiges Zuendekommen des kreatürlichen Weges. Jenseits dieses Endes wartet freilich die Vollendung im Erscheinen jener vollkommenen Gestalt. Eben dieser Vollendung steht aber jenes vorläufige Ende direkt gegenüber. Es gibt vor dem Schauen keine höhere Gestalt des kreatürlichen Daseins als die des Glaubens, der in der Liebe tätig ist [vgl. 2.Kor. 5,7; Gal. 5,6].

Wir sind nun so weit, dass wir den Glauben und die Weltanschauungen sich gegenüberstellen können. – Die These, die wir zu beweisen haben, lautet dahin, dass der Glaube selber keine Weltanschauung ist, dass er keiner solchen bedarf und also auch an keine solche gebunden ist, dass er jeder Weltanschauung zuwider, dass es ihm wesentlich ist, alle Weltanschauungen überflüssig zu machen.

176 Eine «Weltanschauung» ist, wie das Wort sagt, eine vom Menschen zwischen die Welt und sich selbst hineingeschobene Anschauung: ein von ihm entworfenes Bild von der Welt, durch das hindurch er, nachdem es einmal entworfen und an seinen Platz gestellt ist, die Welt beschaut und von dem er (wenigstens grundsätzlich und theoretisch) auch sein Verhalten in der Welt und ihr gegenüber abhängig sieht und bestimmen lässt.

Unter «Welt» ist dabei nicht nur die Außenwelt im physischen Sinn des Begriffs, sondern in irgend einem Verhältnis zu dieser auch die Geisteswelt zu verstehen. Zur «Welt» gehört in irgend einer Bedeutung Funktion und Rolle, unter irgend einem positiven oder negativen Vorzeichen auch die Gottheit oder doch irgend ein Äquivalent der Gottheit. Und damit hängt es eng zusammen, dass für den weltanschaulich interessierten und orientierten Menschen nicht nur die Menschheit als allgemeines natürliches und geschichtliches Phänomen, sondern vor allem – der Ordnung 775 nach vielleicht zuletzt, vielleicht doch auch mit Emphase an den Anfang aller Dinge gestellt – er selber zur Welt gehört, so dass der Bildner immer auch selbst im Bilde, ein Element und Teil seines Gebildes ist und also gewissermaßen aus dem Bilde heraus und nach Maßgabe des Bildes in dessen Entwurf und Aufrichtung tätig ist. |

Ein Zirkel ist hier unvermeidlich. Der die Welt anschauende Mensch ist wie ein tüchtiger Theaterregisseur immer abwechselnd auf der Bühne und im Zuschauerraum wirksam. Er stellt die Szene und sich selbst, eines in und mit dem anderen. Wie er und indem er die Außen- und Innenwelt und wie er die Gottheit beschaut, so beschaut er auch sich, den Beschauenden. Und wie und indem er sich selbst beschaut, so alles Andere. Die Verhältnisse in diesem Zirkel können im Einzelnen so oder anders geordnet, sie können mehr oder weniger geklärt, sie können hier naiver und dort kritischer beurteilt sein: die Bewegung einer Weltanschauung vollzieht sich doch immer in diesem Zirkel. Und ihre Kraft besteht in der Selbstverständlichkeit, in der diese Zirkelbewegung vollzogen wird. Die Welt wird vom Menschen in einem bestimmten Bilde angeschaut, und es ist in der Person des Menschen die Welt, die sich selber in diesem Bilde anschaut. Von daher kommt es, dass das Wort «Anschauen» oder «Beschauen» zu bescheiden und zu schwach ist für das, was in einer Weltanschauung |177 Ereignis wird. Das Bilden, das da geschieht, hat das Ziel, und das Gebilde, das da entsteht, hat den Anspruch, zu überschauen und zu durchschauen. Auch die Gottheit wird als überschaubar und durchschaubar vorausgesetzt, indem das Unternehmen einer Weltanschauung in Gang kommt, und darum und im Zusammenhang damit auch alles Andere: der Geist, die Natur, die Menschheit und ihre Geschichte. Es ist aber alles darum überschaubar und durchschaubar, weil der die Welt anschauende Mensch vor allem auch sich selbst für überschaubar und durchschaubar hält. Er kommt hinter Alles, weil er hinter sich selbst gekommen ist. Er geht den Dingen auf den Grund, weil er bei sich selbst auf dem Grunde ist. Er hat sich – darum hat und damit hat er auch die Welt, darum kann er Gott und die Welt gemächlich anschauen, wobei doch eben «Anschauung» viel zu wenig sagt von dem, was er zu können 776 und zu vollbringen meint, weil ja nicht ein Draußen-, sondern ein Drüber- und Drinnensein dem Angeschauten gegenüber seine wirkliche Meinung ist. Das gilt auch von den kritischen, auch von den skeptischen Weltanschauungen – von ihnen im Grunde nicht weniger, sondern noch mehr als von den anderen. Es kann sich ja das vom Menschen entworfene Bild von Gott, von der Welt und von sich selbst dadurch nur noch mehr konsolidieren und befestigen, dass ihm als letztes, zusammenhaltendes Motiv eben die Zurückhaltung, der Zweifel, die Begrenzung beigegeben, dass es135 durch dieses Motiv gegenüber anderen, robusteren, aber auch naiveren Bildern gewissermaßen geadelt wird. Welcher Kritik und welchem Zweifel kann der noch zugänglich sein, der eben das kritische und zweifelnde Anschauen, Überschauen und Durchschauen bereits als das beste Teil gefunden und erwählt hat?

Es vollzieht sich aber die Entstehung einer Weltanschauung im Einzelnen in der Weise, dass irgend ein Element des dem Menschen überschaubaren und durchschaubaren Komplexes der Gottheit, der Welt und seiner eigenen Existenz den Charakter eines Vorzugselementes bekommt und annimmt, mächtig in die Mitte aller anderen tritt, alle anderen in seinen Bann zieht, alle anderen sich selbst zu- und unterordnet und so zum organisierenden Keim und Kern eines Systems, d. h. einer von jener Mitte aus zusammengehaltenen und disponierten |178 Konstruktion wird. Jede Weltanschauung beruht auf einer bestimmten Auswahl und Bevorzugung. Sie ist zunächst und in ihrem Kern als solchem nicht Welt-, d. h. nicht Gesamtanschauung, sondern Anschauung eines besonderen Ausschnittes oder Aspektes innerhalb der Gesamtheit des Anschaubaren. Diesem besonderen Ausschnitt oder Aspekt gegenüber schaut der Mensch auch sich selbst in einer jenem Ausschnitt oder Aspekt entsprechenden besonderen Weise an. Von jener besonderen Stelle her fühlt er sich selbst verstanden, ihr gegenüber sich selbst verstehend. Unter allen anderen drängt sich gerade dieser Ausschnitt oder Aspekt des Ganzen für ihn in den Vordergrund, und unter allen anderen sieht er sich gerade durch diesen heraus- und in seine eigentliche Existenz gerufen. Dass an sich verschiedene solche Ausschnitte und Aspekte des Ganzen diese Vorzugsstellung einnehmen, diese Rolle spielen könnten – dass sie sie anderswo auch faktisch ein777nehmen und spielen, kann von keiner Weltanschauung geleugnet werden: schon darum nicht, weil sich faktisch eine jede in offener oder heimlicher Auseinandersetzung und Polemik allen anderen gegenüber befindet. |

Eine Weltanschauung entsteht aber und behauptet sich mit der Überzeugung, dass es zwischen den vielen an sich möglichen verschiedenen Bevorzugungen eine notwendige, eine gewissermaßen heilige Wahl gebe. Ist diese einmal vollzogen, so versteht sich alles Weitere von selbst, so viel Anstrengung und Mühe es auch noch kosten mag. Es folgt aus jener heiligen Wahl, wie die Gesetzgebung eines Staates aus seiner Verfassung folgt: alle Gesetze erklären und bestätigen dann nur die Verfassung, und es wird umgekehrt die Geltung der Verfassung in dem Maß stärker und gründlicher, je mehr sie sich in den ihr entsprechenden Gesetzen zu bewähren vermag. Es ist alles das, was eine Weltanschauung außer jenem Vorzugselement enthält, dessen Explikation und Applikation, dessen Exegese gleichsam. Ihr Text aber und ihr eigentliches Geheimnis – der wahrhaft mystische Grund jeder Weltanschauung – besteht in jener heiligen Wahl, in welcher ein Element des Beschaubaren allen anderen gegenüber im Vorsprung ist und vom beschauenden Menschen in diesem seinem Vorsprung erkannt und anerkannt wird. Was soll man sagen zu dieser Wahl? Die Wählenden selber insgesamt werden ja ein jeder von seiner Wahl behaupten, dass sie keineswegs willkürlich, sondern in dem hervorge|179hobenen Wesen des von ihm Erwählten und im Wesen des Ganzen begründet sei, aus dem heraus sie nun eben gerade durch das besonders von ihnen Erwählte erwählt und aufgerufen seien. Man wird wohl am besten tun, ihnen hier jedenfalls nicht grundsätzlich zu widersprechen, sondern zuzugeben, dass ein solches erwähltes Erwählen wie das ihrige, ein solches Hervortreten einzelner Elemente des Ganzen, dem dann von Seiten des Menschen ein entsprechendes Bevorzugen folgen muss, sicher fortwährend wirklich und darum auch möglich ist. Man wird – auch wenn man subjektive Irrtümer hinsichtlich jener sich selbst auszeichnenden und den Menschen erwählenden Dominanten, subjektive Irrtümer hinsichtlich der menschlichen Wahl solcher Dominanten nicht ausschließen wird – grundsätzlich gut tun, damit zu rechnen, dass solche Dominanten, dass allerlei 778 Götter nun einmal sind und solche Macht über den Menschen tatsächlich haben: die Götter seiner Einbildung, die darum doch nicht weniger wirklich und einflussreich sind, so dass man jener heiligen Wahl einen – allerdings sehr eigentümlichen – Realitätsgrund grundsätzlich nicht absprechen kann. |

Aber wie dem auch sei: der Gegenstand solcher heiliger Wahl ist das, was man das Prinzip einer Weltanschauung nennen kann. Prinzip heißt ja Ursprung. Das durch seine subjektive und vielleicht doch auch objektive Bevorzugung in der Mitte alles Anschaubaren hervortretende besondere Element ist der Ursprung einer Weltanschauung und als solcher ihre Verfassung, das Gesetz über allen ihren Gesetzen, der Leitfaden aller ihrer einzelnen Überzeugungen, Sätze und praktischen Folgerungen. Wer das Prinzip hat, hat im Prinzip das Ganze und alles Einzelne. Und dass das Prinzip ihn hat, darauf kommt alles an für den, der das Prinzip hat. Es muss ihn so haben, dass es ihm – und wenn es das Prinzip der Unsicherheit und also des Zweifels wäre – zugleich Erstes und Letztes ist: Erstes, von dem er auf alle Fälle herkommt – Letztes, dem er auf alle Fälle entgegeneilt. Er muss dem Erwählten gehorsam sein, so gewiss er selber von ihm erwählt ist, sonst ist seine Weltanschauung nicht begründet, nicht konstituiert. Schon der Novize einer Weltanschauung muss immer wieder auf den grundlegenden Gehorsamsakt, auf diese Bestätigung der heiligen Wahl hingewiesen werden. Sonst kann er nicht einmal Novize sein. Für die Eingeweihten und Meister einer Weltanschauung aber wird |180 dieser Gehorsam zur Selbstverständlichkeit oder mindestens zur höchst kräftig affektierten Gewohnheit. Die Gottähnlichkeit des Prinzips wird gerade hier besonders deutlich. Es ist der Erfinder und Prophet einer Weltanschauung notwendig immer so etwas wie ein verkappter Priester, der ein Numen verkündigt. Und es ist ein wirklicher Anhänger einer Weltanschauung notwendig immer so etwas wie ein verkappter Gläubiger jenes Numens. Ohne numinose Entdeckung und Begegnung oder doch Autorität kann niemand ein weltanschauliches Prinzip haben. Es ist nicht ausgeschlossen, sondern es kommt sehr häufig vor, dass das weltanschauliche Prinzip ein direkt und ausgesprochen religiöses Prinzip ist. |

Es gibt Zeiten, wo die Religion große Mode ist: in solchen Zeiten 779 werden sich auch die Weltanschauungen die Möglichkeit der Wahl eines religiösen Prinzips kaum entgehen lassen. Die Gottheit gehört ja für den weltanschaulich interessierten und orientierten Menschen zum vornherein mit in den Bereich des Anschaubaren, Überschaubaren, Durchschaubaren und kann also als Gegenstand seiner Wahl mindestens mit in Betracht kommen. Dass er gerade sie wählen und zum Prinzip erheben muss, das ist freilich eben darum nicht gegeben, weil auch sie ihm anschaubar, überschaubar, durchschaubar ist, weil er also auch ihr grundsätzlich unabhängig gegenübersteht. Er kann sie also auch leugnen oder relativieren und bagatellisieren. Er muss aber auch das nicht tun. Er kann sie leugnen oder bekennen. Warum sollte er sie nicht bekennen? Er kann ja auch sie erwählen bzw. geheimnisvoll von ihr erwählt sein. Dann wird das Prinzip seiner Weltanschauung ein ausgesprochen religiöses Prinzip, und seine ganze Weltanschauung selbst wird von daher, mehr oder weniger konsequent durchgeführt, eine religiöse Farbe und Gestalt annehmen. Es kann aber der Gegenstand seiner Wahl – sie hört darum nicht auf, eine heilige Wahl zu sein, in jenem Geheimnis sich zu vollziehen – auch ein ganz anderes Prinzip sein. Warum gerade Theosophie? Warum nicht Anthroposophie? Warum als Vorzugselement nicht der Mensch in seiner Menschheit, in seiner gottheitlichen Tiefe und in seiner Beziehung zum ganzen ihn umgebenden natürlichen und geistigen Kosmos? Warum nicht Kosmosophie? Warum nicht die Natur in ihrer Totalität oder in irgend einem ihrer Elemente und Gesetze? Warum aber nicht umgekehrt der der Natur so offenkundig |181 überlegene, sie meisternde Geist, sein Anschauen der Natur als solches oder auch sein praktisches Handeln in der Natur, mit ihr und gegen sie? Warum nicht ein Element, eine Richtung oder Gestalt der Geschichte, diese oder jene unverkennbar gewaltig, dauernd und allgemein sich aufdrängende besondere Möglichkeit menschlichen Seins und Wirkens? Warum also keine naturwissenschaftliche, keine historische, keine politische, keine moralische, keine ästhetische Weltanschauung? Warum nicht ein wenig von alledem mit irgend einem Schwerpunkt nach der einen Seite mehr als nach der anderen, in welchem sich dann doch 780 so etwas wie ein Prinzip verrät und was dann auch den buntesten Eklektizismus und Synkretismus letztlich zu einer richtigen Weltanschauung macht? Ja, warum nicht? Der Bereich des Anschauens ist ja so weit und reich, die Fülle der Gesichte136 so groß, die Anziehungskraft von allen Seiten so mächtig – es gibt ja so viele Götter –, dass es wirklich auch viele Prinzipien geben kann. Was im Himmel, auf der Erde und in der Hölle könnte etwa nicht zum Prinzip und also zum Ursprung und Keim einer Weltanschauung werden? Was hätte in diesem Sinn nicht schon seine Priester und Gläubigen gefunden? Denn wenn es dazu kommt, dass ein solches Vorzugselement sich als solches geltend macht und entdeckt und zum Prinzip erhoben wird, dann ist das, auch wenn es sich um ein anderes als ein ausgesprochen religiöses Prinzip handeln sollte, in Wahrheit doch immer auch ein Stück Religionsgeschichte: es handelt sich dann immer um die Entdeckung einer letzten Bindung, die als solche wiederum letzte Bindungen nach sich ziehen muss: um eine solche Wahl, zu deren Erklärung und Rechtfertigung die Wählenden, ob sie es wollen oder nicht, so oder so immer auf ein ihrem Wählen vorangehendes Erwähltsein werden rekurrieren müssen.

Aus dem in heiliger Wahl erwählten Prinzip ergibt sich dann die Weltanschauung als solche. Wir sagten schon: sie ist nur die Erklärung, die Entfaltung und Anwendung des Prinzips. Eben diese geschieht aber in der Weise, dass nun auch die anderen, nicht bevorzugten, aber immerhin auch sichtbaren und wirksamen Elemente des Ganzen jenem Prinzip zugesellt, von ihm aus betrachtet, mit ihm in Verbindung gebracht, als Teilwahrheiten und besondere Aspekte des |182 bevorzugten Elements positiv oder negativ gewürdigt werden. Diese Kombination und also der Entwurf des eigentlichen weltanschaulichen Systems kann auf verschiedene Weise zustande kommen. Der Normalfall ist der Versuch irgend einer logischen Verknüpfung der vielen Elemente mit jenem einen: sie alle werden jetzt so lange interpretiert und gedeutet, bis sie in ihrer Beziehung zum Prinzip so widerspruchslos als möglich sichtbar und verständlich sind – wobei, wohlverstanden, auch der Widerspruch, auch das unaufgehobene Paradox sehr wohl 781 die Verknüpfung sein, wobei also das gesuchte und gefundene System sehr wohl auch dialektischen Charakter haben kann. Die ordentlich und vollständig verknüpften und insofern im engeren Sinn des Begriffs philosophischen Weltanschauungen dialektischen und undialektischen Charakters sind aber doch verhältnismäßig seltener und praktisch wohl auch weniger wirkungsvoll als die Systeme, die als solche nur teilweise sichtbar werden, weil sie weniger auf geordnetem Denken als auf einer bestimmten unmittelbaren Intuition beruhen, in welcher von einem besonderen Prinzip her Alles und Jedes in besten Zusammenhang gebracht, d. h. jenem Prinzip zu- und untergeordnet ist, ohne dass es doch möglich wäre und nötig erschiene, diesen Zusammenhang schulgerecht aufzuzeigen und zu beweisen, weil sein Aufweis und Beweis von Haus aus nur die Sache entweder einer Wiederholung der grundlegenden Intuition oder aber eine Sache der blinden Anerkennung sein kann, dass das System in einer solchen Intuition vollgültig begründet ist, deren Wiederholung aber nicht jedem möglich und die auch nicht jedem notwendig ist. Es gibt also auch hier so etwas wie den Unterschied zwischen fides explicita und fides implicita137, Glauben und Köhlerglauben138. Man |183 muss sich aber klar sein darüber, dass alle diese Unterschiede praktisch fließend sind. Denn ohne Intuition gibt es kein philosophisches System, und ohne irgendwelche philosophische Bemühung kann es auch auf Grund der tiefsten und lebendigsten Intuition nicht zu einer in ihrem Wesen nun eben doch systematischen, vom Prinzip aus das Ganze durchdringenden Weltanschauung kommen. Und wo die Intuition so wesentlich ist, da wird wohl, unter den Adepten mindestens, auch die Grenze zwischen der selbst wiederholten und der bloß respektierten fremden Intuition, die Grenze zwischen Glauben und Köhlerglauben also, nicht mit letzter Schärfe zu ziehen sein. Ein beträchtliches Stück biederen Köhlerglaubens ist jedenfalls zur geschichtsmäßigen Durchsetzung gerade der großen, ganze Zeiten und geschichtliche Räume beherrschenden Weltanschauungen noch immer unentbehrlich gewesen. Und nun hat jedes so oder so zustande kommende System notwendig kritischen Charakter, d. h. von seinem Prinzip her vollzieht 782 es irgendwelche Scheidungen zwischen Wahr und Unwahr, Gut und Böse, zwischen Wert und Unwert. Die Verknüpfung – denn auch solches Scheiden ist in der Sache ein Verknüpfen, ein Ordnen und Unterordnen vom Prinzip her – kann weithin bloß relativen Charakter tragen: bestimmte Anschauungselemente werden hervorgehoben, andere in den Hintergrund gedrängt, bestimmte betont, bestimmte andere weniger oder gar nicht betont, aber immer so, dass Alles irgendwo auf die Tafel kommt, nur dass es |184 eben auf der Tafel ein Oben und Unten gibt. Das sind die komprehensiven, im besten Sinn liberalen und toleranten Systeme. Es gibt aber auch ausgesprochen exklusive und intolerante Systeme, in denen es eindeutige Unwerte, ausgesprochene Nichtigkeiten und Bosheiten gibt, welche also weithin in bestimmten Leugnungen verlaufen werden. Man kann, wie wir sahen, mit der Gottheit in der Weise fertig werden, dass man sie leugnet, d. h. dass man die ihr zukommende Stelle in seinem Weltbild ostentativ als leere Stelle kenntlich macht: wobei es nur merkwürdig ist, dass gerade das in der Regel nicht ohne Aufwand eines ziemlich beträchtlichen religiösen oder doch numinosen Pathos zu geschehen pflegt. Man kann aber bekanntlich auch den Geist oder man kann umgekehrt auch die Materie leugnen. Man kann aber auch den Menschen leugnen, indem man ihn mit lautem Geschrei in irgend einem Kollektiv untergehen und verschwinden lässt, zu dessen unpersönlichem Funktionär er dann werden muss. Gerade der systematische Charakter des weltanschaulichen Unternehmens kommt doch auch in solchen exklusiven Entwürfen nur umso drastischer zum Ausdruck. Erst indem eine Weltanschauung von ihrem Prinzip her und in dessen Entfaltung und Anwendung zum System wird, wird sie ja zum Bilde, bekommt sie Konturen, distinkte Formen, Lichter und Schatten, und es ist klar, dass gerade zu deren Herausarbeitung bestimmte Abgrenzungen und Negationen unentbehrlich sind. Kritisch müssen auch die komprehensiven Systeme sein, in denen kaum etwas geleugnet und ganz ausgeschieden, dafür Alles und Jedes von einem bestimmten Standort aus geordnet und relativiert wird. Die größere Sicherheit pflegt diesen komprehensiven, die größere Wirksamkeit dafür den kämpferisch exklusiven139 Systemen eigen zu sein.

Ist nun der Weg vom Prinzip zum System einmal beschritten und ein 783 Stück weit begangen, so stellt sich zur Vollendung einer Weltanschauung eigentlich nur noch – aber allerdings entscheidend – die Machtfrage, d. h. die Frage, ob und inwieweit es ihren Urhebern und Vertretern gelingen wird, ihr Werk sich selbst und anderen als Bild anschaulich und damit eindrücklich und gebrauchsfertig zu machen. Dass es das ist, versteht sich ja nicht von selbst. Ein Prinzip ist gewis|185sermaßen erst ein mathematischer Punkt und ein System erst die von ihm aus entworfene mathematische Konstruktion. Die Frage ist, wie das zum System entfaltete Prinzip zum Bilde wird. Erst als solches spricht es, wird es zur Weltanschauung, die ihren Dienst als solche tun, die sich an anderen messen lassen, anderen gegenüber ihre Vorzüge beweisen, mit ihnen konkurrieren, sie eventuell aus dem Felde schlagen, sich selbst möglicherweise als die Weltanschauung durchsetzen und behaupten kann. Eine Idee – auch eine durchgedachte Idee – ist noch keine Weltanschauung. Sie muss als solche erst geboren werden. Und es bedarf, auch wenn sie als Idee schon erzeugt und gestaltet sein sollte, der Kraft, sie als Weltanschauung zu gebären, d. h. sie als sichtbare und wirkungsfähige Gestalt auf den geschichtlichen Plan zu führen. Das zum System entfaltete Prinzip oder das das Prinzip entfaltende System will leben. Es will seinen Anspruch, die Welt (mit Einschluss der Gottheit und des Menschen selbst) darzustellen und also zu repräsentieren, geltend und wahr machen. Nicht einmal für seinen oder seine Erfinder selbst kann er ohne weiteres geltend und wahr sein. Das Prinzip und das System als solche könnten auch lebensunfähig, es könnte also ihr Anspruch auch ohnmächtig sein. Wie manche Weltanschauung mag – obwohl als Prinzip und Idee schon gestaltet – (zu ihrem Unglück oder auch Glück) in diesem Sinn ungeboren geblieben sein! Die Geburt einer Weltanschauung als solche ist eine Machtfrage. Die zu dieser Geburt erforderliche Macht ist aber eine doppelte, wobei das Verhältnis der beiden in Frage kommenden Momente ein verschiedenes sein kann, ohne dass doch eins von ihnen ganz fehlen dürfte.

Die eine Macht jeder Weltanschauung war zu jeder Zeit die Macht der menschlichen Persönlichkeit ihrer Erfinder und Vertreter. Persönlichkeit ist leider weder mit Geist noch mit Be784gabung noch mit sittlichem Ernst noch mit Charakter identisch. Persönlichkeit ist mit oder ohne das Alles – Kraft! Persönlichkeit ist – unter allen möglichen Vorzeichen – das Geheimnis eines menschlichen Individuums, vermöge dessen es sich selbst und andere in einem bestimmten Stärkegrad und innerhalb gewisser Grenzen zu binden und zu bestimmen vermag. Persönlichkeit ist also Magie. Es gibt keine Weltanschauung, die dieser Macht zu entbehren vermöchte, keine, die ohne sie zur Geburt und also zum Leben gekommen ist. Die Bildhaftigkeit und |186 also die Anschaulichkeit und also die Wirksamkeit einer Weltanschauung ist groß oder klein, je nachdem sie jedenfalls auch in diesem Sinn mehr oder weniger lebensfähig, je nachdem sie jedenfalls auch durch persönliche Magie, durch jenes Vermögen eines Menschen, sich selbst und Andere zu binden und zu bestimmen, getragen ist. In dieser Macht wird das Prinzip und wird das System gelebt, durch sie werden sie einleuchtend, überzeugend, gewinnend, herrschend. Die Persönlichkeit ist ihre Verkörperung. Eben damit ist freilich auch gesagt: sie ist auch ihre Grenze. Wo die Magie ihrer Urheber und ihrer Vertreter zu Ende ist, da pflegt es auch mit ihrer Macht und damit mit ihnen selbst zu Ende zu gehen. Man spricht von «Epigonen» und meint damit solche Anhänger einer Weltanschauung, die zwar noch immer ihre Vertreter, des ursprünglichen Impulses ihrer ersten Vertreter, d. h. aber eben ihrer Magie auch im passiven Sinn [jedoch] nicht mehr teilhaftig sind, die sogar aufgehört haben, deren echte Hörige zu sein, wobei es nicht ausgeschlossen ist, dass auch ein Urheber selbst nach einiger Zeit seine Magie und damit seine Originalität verlieren und also sein eigener «Epigone» werden kann. Den «Epigonen» bleibt so oder so nur noch die Erinnerung, dass die magische Persönlichkeit und mit ihr die Macht einmal dagewesen ist. Aber von solcher Erinnerung kann keine Weltanschauung leben. Der Augenblick dürfte, wenn mehr als Erinnerung nicht mehr mächtig ist, gekommen sein, wo auch die einst mächtigste Weltanschauung einer anderen Platz machen muss. Eine Weltanschauung ist mächtig in dem Maß, als die Persönlichkeit, von der sie ausging, mindestens in ihrer Nachwirkung nicht nur Erinnerung, son785dern Gegenwart ist.

Die andere Macht jeder Weltanschauung besteht darin, dass sie140 zeitgemäß ist. Nicht jedes Prinzip und jedes System kann jederzeit hoffen, als Weltanschauung geboren zu werden und zu existieren. Sie bedürfen dazu eines bestimmten geschichtlichen Zusammentreffens. Sie bedürfen je einer solchen Zeit, die gerade für sie, gerade für ihre Verkündigung und Geltung reif geworden ist, weil gerade sie ihren besonderen Fragen und Bedürfnissen, Neigungen und Abneigungen, Zweifeln und Gewissheiten entgegenkommt, ihr besonderes Problem zu beantworten scheint. Man muss auch hier von einem Geheimnis |187 reden. Dass diese Zeit im Bewusstsein der Unzähligen, die ihr das Gesicht geben, gerade diesen und diesen Lösungen entgegenstrebt, gerade für diese und diese Heilsbotschaft bereit ist, das ist bei Allem, was man beschreibend zu diesem ihrem Schicksal sagen mag, letztlich nicht weniger unerklärlich als das Faktum, dass sich dann regelmäßig die magische Persönlichkeit einzustellen pflegt, die ihr das entgegenträgt, von dem man jedenfalls nachträglich sagen muss, dass sie gerade danach begehrt zu haben scheint. Ohne diese zweite Macht könnte tatsächlich auch jene erste nicht mächtig sein: ohne die bereite und reife, auf diese und diese Bindung und Bestimmung geradezu wartende Zeitgenossenschaft müsste der Zauber auch der stärksten Persönlichkeit schon im Ansatz versagen, könnte keine Weltanschauung als solche sichtbar und wirksam werden. Sie hat, um leben zu können, die Vielen ebenso nötig wie den Einen. Sie wird mächtig als das Werk des Einen, in welchem die Vielen sich selbst wiederzuerkennen vermögen. Auch darin wird freilich die Grenze der Macht jeder Weltanschauung offenkundig. Sie ist dann zu Ende, wenn die geschichtliche Konfiguration sich ändert, wenn die Bedürfnisse und Fragen neuer Zeitgenossen ihrerseits neu werden. Sie wird dann historisch: historisch ehr- und denkwürdig, aber auch historisch belanglos. Sie wird dann zum Gegenstand unbeteiligter und im Grunde nicht mehr verstehender Forschung. Denn wie sollte eine Weltanschauung da noch verstanden werden können, wo ihre Zeit vorbei ist, wo die Fragen, auf die sie einst geantwortet hat, keine brennenden Fragen mehr, als Fragen überhaupt nur noch zu rekonstruieren sind? 786 Sie kann aber auch überhaupt zu früh oder zu spät und aus diesem Grunde überhaupt nie zur Macht kommen. Sie lebt als Bild, wenn und sofern es Augen gibt, die sie zu sehen und dann wirklich durch sie hindurch als in ihrem eigenen Bilde auch die Welt zu sehen vermögen. Sie könnte ohne die Erfüllung auch dieser Bedingung nur ein gespenstisches Leben führen. – Das Alles – das Prinzip und seine Wahl, das System und die verschiedenen Möglichkeiten seiner Gestaltung, die Macht ihres Auftretens und deren Bedingungen – wird man vor Augen haben müssen, wenn man das Entstehen der Weltanschauungen zunächst von seiner technischen Seite verstehen will.

Wir können aber, um hier wirklich zu verstehen, nicht bei dieser technischen Erklärung stehen bleiben. Was ist nun eigentlich der be|188wegende Grund in diesem ganzen Geschehen? Wie kommt es zuerst zu jener Auswahl, dann zu jener Verknüpfung alles Nichtausgewählten mit dem einen Ausgewählten und schließlich, wenn es gut geht, zu jener mächtigen Bildwerdung? Auf die Rolle und Funktion der Götter gleich bei Beginn dieses Geschehens: da, wo es in jener Konstituierung eines Vorzugselementes seinen Ursprung hat, soll jetzt nur noch einmal hingewiesen sein. Wir fragen, da es uns um die Konfrontation der Weltanschauungen mit dem Glauben zu tun ist, nach dem, was hier im Menschen als bewegendes Motiv in Betracht kommen kann.

Hier dürfte zunächst Eines sicher sein: Der Mensch schreitet dann zum Entwurf einer Weltanschauung, wenn er der Welt (mit Einschluss der Gottheit und seiner selbst) gegenüber von der Unruhe erfasst ist, sein Verhältnis zu ihr könnte nicht geordnet sein. Hätte er diese Unruhe nicht, wäre er bei sich selbst und also auch in der Welt geborgen, weil zuerst und zuhöchst geborgen in Gott, dann könnte offenbar schon die Frage nach einem Prinzip gar nicht aktuell bzw. es könnte jene vermeintliche Offenbarung eines absoluten Vorzugselementes bei ihm gar nicht Ereignis werden. Damit würde dann aber auch der Versuch einer Konstruktion des dem Prinzip entsprechenden Systems gegenstandslos und die zu seiner Bildwerdung unentbehrliche Macht faktisch entbehrlich werden. Der ruhige Mensch würde zu jenem ganzen Unternehmen gar nicht antreten: er würde jene Frage 787 gar nicht stellen, jenen Bau nicht in Angriff nehmen, mit jener doppelten Machtfrage: der Frage nach der Macht der Persönlichkeit und der des jeweiligen Zeitalters gar nichts zu tun haben. Er wäre von Haus aus unbeteiligt an dem Allem. Der unruhige Mensch aber ist an dem Allem von Haus aus notwendig beteiligt. Ihm genügt es nicht, um die Welt zu wissen und sich im Wissen um sie immer aufs Neue zu verwundern über ihre nach allen Seiten unerschöpfliche Wirklichkeit. Er hält es in dieser Verwunderung nicht aus. Ihm scheint alles erreichbare Wissen um die Welt schal und wertlos, solange er ihrer Wirklichkeit nicht auf den Grund gekommen ist. So muss er nach diesem Grunde fragen. Er meint, sie fürchten zu müssen, solange er sie nicht erkannt und sich damit zu ihrem ebenbürtigen Rivalen, wenn nicht gar zu ihrem Herrn gemacht hat. Er meint, ihr damit gewachsen, ja überlegen zu werden, dass er in Form einer Definition sich selber in sie hinein |189 denkt, ihr eine Gestalt gibt, in der sie ihm zugänglich und gebrauchsfähig wird, weil sie die Gestalt seines eigenen Formens und also seine Formel ist. Und so genügt es ihm nicht, in der Welt zu leben als einer, dem da nichts ganz fremd und unheimlich sein kann, weil sie seine Heimat ist, obwohl er auf das Sichtbarwerden des eigentlichen Gesichts aller Dinge erst warten muss. Er hält eben dieses Warten nicht aus. Ihm scheint es beängstigend, vertrauen zu sollen, ohne in einer von ihm überschauten und durchschauten Welt die sichtbare und begreifbare Bürgschaft solchen Vertrauens zu haben. Er meint, erst leben zu können, wenn er sich bewiesen hat, dass er leben kann. Er möchte – darum sucht er auch die Definition und die Formel – die Möglichkeit begreifen und also haben, auf Grund derer er in der Welt zu existieren hat. Er sieht nicht, dass und inwiefern er ohne Erfüllung dieses Postulates gehalten sein sollte. |

In dieser Unruhe haben alle Weltanschauungen ihren heimlichen Ursprung. Sie sind Produkte der Weltangst, in welcher auch die Angst des Menschen vor der Gottheit, auch seine Angst vor sich selber, eingeschlossen sind. Indem der Mensch diese Angst hat, sucht er notwendig nach einem Prinzip und wird er – was hier das Erste und was hier das Letzte ist, wird sich unmöglich klären lassen – 788 eines Tages notwendig von irgend einem vermeintlichen Vorzugselement offenbarungs- und erwählungsmäßig überfallen und besessen werden. Wie sollte er aber damit zur Ruhe kommen? Wie sollte die Angst etwas Anderes als Angstbewegungen erzeugen können? Seine Unruhe hat nun erst ihr wahres Betätigungsfeld gefunden, auf dem sie doch nicht kleiner, sondern nur immer noch größer werden kann. Nun beginnt der Systembau, d. h. aber nun meint er, von jenem ängstlich aufgesuchten oder ihm aufgedrängten Ausgangspunkt her mit Gott und der Welt und mit sich selbst das Entsprechende anfangen zu müssen und in der entsprechenden Weise fertig werden zu können. Nun beginnt also das Deuten der Dinge und Verhältnisse, das Zurechtbiegen, das Vergrößern und Verkleinern der Phänomene, das Bejahen und Verneinen und auch das scheinbar so gemächliche Relativieren, Ordnen und Unterordnen im Zeichen und zur Ehre der einmal gewählten und bezogenen Schlüsselposition. Und wo das Alles in einer bestimmten Weise zum ersten Mal geschieht, da kann dann immer dieselbe Unruhe auch in der Magie der (so genannt und vermeint|190lich) schöpferischen Persönlichkeit zur Macht über den Menschen selbst und seine Umgebung werden: potenziert durch die Macht des Entbehrens und der Sehnsucht, die ihr in der Zeitgenossenschaft begegnet. Es kann dann also zu großen und größten weltanschaulichen Aufbrüchen und Durchbrüchen kommen, die, auch nachdem sie geschehen sind, noch lange nachwirken, durch die die Welt- und Geistesgeschichte um neue Epochen bereichert werden, deren Spuren sich immer wieder oder doch nach noch unübersehbaren Zeiten bemerkbar machen werden. Entscheidende Abgrenzungen scheinen dann jeweilen vollzogen, endgültige Absagen scheinen dann ausgesprochen, unüberwindliche Sicherheiten und Klarheiten scheinen dann geschaffen, unantastbare Autoritäten scheinen dann aufgerichtet, alle Beziehungen zwischen Gott und Welt, Gott und Mensch, Mensch und Welt scheinen dann so oder so geordnet, alle Interessen des Menschen scheinen dann – vom Grunde des Prinzips her und in Kraft des daraus entwickelten Systems – geregelt und gerichtet zu sein. |

Wir übergehen jetzt die Frage, wie tief solche Beruhigung in der siegreich aufgerichteten und durchgesetz789ten Weltanschauung gehen, wie lange sie dauern mag: nehmen wir an, es sei in ihr zu einem Aufbruch und Durchbruch bis in letzte Tiefen gekommen und es sei ihr ein geradezu tausendjähriges Reich141 beschieden. Eins ist sicher: dass sie in ihrem Ansatz und in ihrem Vollzug, mit ihrer doppelten Macht und mit allen ihren Triumphen nicht aus des Menschen Ruhe, sondern aus seiner Unruhe stammt. Er muss sich durch den Entwurf eines Bildes der Dinge darum zu befriedigen suchen, weil er sich in seinem tatsächlichen, ohne Bild verwirklichten Verhältnis zu ihnen nicht befriedigt findet. Er muss sie deuten und dichten, weil er sie so, |191 wie sie sind, scheuen muss. Er muss der Verwunderung und der Erwartung zu entrinnen versuchen, weil er es dort nicht aushält. Er muss den ganzen Reichtum einer solchen Weltanschauung an sich reißen, weil er so ein Armer ist. Er muss sich einem damit sich selbst auferlegten Gesetz beugen, weil er tatsächlich nicht frei sein kann. Die Weltanschauungen sind die wechselnden Exponenten der Not und Kümmerlichkeit der menschlichen Existenz. Sie reflektieren nicht die Größe, sondern das Elend des Menschen. Es können auch die größten Leistungen und Werke dieser Art darüber nicht täuschen, dass der Mensch ihrer, wenn er in echter Weise groß wäre, nicht bedürfte.

Aber unsere Erklärung des Vorgangs muss doch wohl tiefer greifen. Woher eigentlich die Unruhe, die hier wirksam ist? Woher des Menschen Weltangst, in der er es sich nicht genügen lassen kann, zu wissen und sich zu wundern, und in der er nicht vertrauen mag, ohne sich zu beweisen, dass ihm das möglich ist? Warum muss er die Wirklichkeit scheuen und darum deuten, dichten und bilden? Warum hält er es nicht aus in der Verwunderung und im Erwarten? Warum ist er nicht frei? Was ist des Menschen Elend?142 Was treibt ihn dorthin, wo der Versuch einer Weltanschauung ihm unvermeidlich wird? Wir fahren wohl am sichersten, wenn wir die Antwort darauf ganz einfach in eben dem suchen, was wir den Menschen in dieser ganzen Sache tun sehen: Er meint sich selber helfen zu müssen, zu sollen, zu können. Zu müssen: weil er sich für bedroht hält. Zu sollen: weil er seine Würde darin sieht, sich dieser Bedrohung zu erwehren. Zu können: weil er sich die Fähigkeit zuschreibt, diese Abwehr durchzuführen. Diese drei790fache Meinung ist des Menschen dreifacher Irrtum. Er ist nicht etwa erst eine Folgeerscheinung seiner Unruhe, sondern er erzeugt, aus ihm entsteht und in ihm besteht seine Unruhe, in der er dann aufbricht, um sich eine Weltanschauung zu verschaffen. Es handelt sich wirklich nach allen drei Seiten um einen ebenso radikalen wie folgenschweren Irrtum. Der Mensch ist ja nicht bedroht, aber indem er sich dafür hält, wird er es; indem er dem Schutz, unter dem er steht, misstraut, verliert er ihn tatsächlich; indem er sich helfen zu müssen meint, stürzt er sich tatsächlich in die größte Hilfsbedürftigkeit und |192 Hilflosigkeit. Und weiter: er soll sich gewiss nicht selber wehren: die Würde, die er sich damit anmaßt, ist so nichtig wie die Notwendigkeit, die er dabei voraussetzt. Aber eben aus dieser Anmaßung erwächst ihm allerdings eine Pseudo-Würde und die düstere Pflicht, die angemaßte Rolle eines Verteidigers seiner eigenen Belange nun wirklich durchzuführen. Und weiter: Von einer wirklichen Fähigkeit des Menschen, diese Abwehr durchzuführen, kann gar keine Rede sein – schon darum nicht, weil ja eben er selbst es ist, der die ihn bedrohende Gefahr auf den Plan führt. Er kann aber allerdings so tun, als ob er sich wehren und erretten könnte. Er kann die Rolle spielen, zu der er sich selber, finster genug, verpflichtet hat, verpflichten zu müssen gemeint hat. Es ist ein ganzer Irrgarten von Willkür und Verhängnis, in welchem er wandelt und den er, indem er darin wandelt, selber zur Realität macht. Das Irrtümliche ist immer dasselbe: das verzagte, quälerische, trotzige und hochmütige Wähnen des Menschen, dass er selbst sein eigener Halt sei: sein müsse, sein solle, sein könne. Eben in diesem Wahn wird und ist er haltlos. Eben dieser Wahn ist die ihn treibende Unruhe. Man bemerke: Von hier aus wird alles das Religiöse, Numinose, Mystische verständlich, das uns schon bei der Betrachtung der technischen Entstehung einer Weltanschauung aufgefallen ist: die Gottähnlichkeit der Prinzipien, die letztlich unerklärliche Tatsache, dass und warum jetzt dieses, jetzt jenes Element des Daseins den Charakter eines heilig zu erwählenden Vorzugselementes annehmen und zum Kristallisationskern eines Systems werden kann, die Dämonie 791 des Systembaus als solchen, die eigentümliche Lösung der Machtfrage in dem wunderlichen Spiel zwischen der Magie der einzelnen Persönlichkeit und der Empfänglichkeit ihrer Zeitgenossen. |

Dass der Mensch im Irrgarten wandelt, das zeigt sich nun eben darin, dass sein ganzes Werk die Art eines Zaubergartens hat, wo immer aufs Neue das in sich Unerklärliche, Unübersichtliche, Unableitbare die wichtigsten Entscheidungen herbeiführt, die größten Triumphe feiert, wobei doch Alles viel zu widerspruchsvoll und spukhaft und schließlich auch viel zu relativ und vergänglich ist, als dass es sich etwa lohnen könnte, hinter den verschiedenen Geheimnissen, die da sichtbar und wirksam sind, das Geheimnis des Göttlichen, einen letzten, haltbaren Sinn und also die Linien einer ernstlich so zu nennenden und als solche zu anerkennenden Weltregierung ausfindig zu ma|193chen. Regiert wird da allerdings. Linien sind da bemerkbar. Bewegung in bestimmtem Rhythmus findet da statt. Folge und Zusammenhang und insofern Sinn wird da im Einzelnen und vorübergehend fortwährend sichtbar. Aber eben: wie vereinzelt, wie zufällig, wie widerspruchsvoll, wie wandelbar das Alles: wie unfrei, wie zwangsläufig im Einzelnen – und im Ganzen wie unköniglich, wie mangelnd aller Souveränität, alles einheitlich sich durchsetzenden Willens und Planes! Was ist real in all dem Spukhaften und konstant in all dem Wechsel als eben des Menschen Unruhe? Wie soll man aber diese anders verstehen und bezeichnen denn als sein Bemühen, sich selber zu helfen? Und wie soll schließlich dieses Bemühen anders denn als das eines Wahns verstanden werden, da es sich so sichtlich immer wieder im Kreise bewegt, sein Ziel offenbar weder jemals kennt noch jemals zu erreichen versteht? Es ist wohl des Menschen Größe, die sich in seiner Unruhe äußert und in den Werken dieser seiner Unruhe spiegelt. Aber eben des Menschen Größe ist offenbar faktisch sein Elend:143 sie ist tragische und komische, sie wird aber in keiner Weltanschauung zur echten Größe. Seiner echten Größe hat der Mensch, indem er sich zu diesem Unternehmen aufmacht, immer schon den Rücken gekehrt. Wäre doch der Rest das Schweigen!144 Der Rest ist aber das tragische und komische Theater: der Scheinmensch in der Scheinwirklichkeit, 792 der Scheingeist, die Scheinnatur und die Scheingottheit mit ihren Scheinmysterien. Das ist die Luft, die wir so oder so in allen Weltanschauungen zu atmen bekommen, weil sie alle in dieser Luft erzeugt und geboren wurden. Warum Schein? Darum Schein, weil es nur Schein ist, dass der Mensch sich selber helfen müsse, solle und könne: ein mächtiger und wirkungsvoller Schein, aber nur ein Schein. Er treibt den Menschen in die Weltangst, in der er die Verwunderung und |194 das Warten nicht aushalten kann. Er macht ihn unfrei, so dass er sich einem selbstaufgerichteten Gesetz unterwerfen muss. Er macht es ihm unvermeidlich, sich in die Weltanschauungen zu flüchten.

Wir können aber offenbar auch bei diesen Erklärungen des Vorgangs noch nicht stehen bleiben. Dass der Mensch dem Schein verfällt, durch den Schein in jene Unruhe versetzt und in jene Flucht getrieben wird, das kommt nicht von ungefähr, das ist auch noch nicht das Urphänomen, mit dem wir es hier zu tun haben. Wo Irrtum ist, da ist im Rücken des irrenden Menschen die preisgegebene Wahrheit, da kommt der Mensch, indem er irrt, von dieser Preisgabe her, da ist ein Akt der Untreue das, was ihn eigentlich und ursprünglich in Bewegung setzt. Gerade alle die pseudo-göttlichen Momente in der Entstehung einer Weltanschauung, die mit dem in diesem Vorgang wirksamen Wahn so eng zusammenhängen, wären als solche letztlich doch noch unverstanden, wenn wir nicht einsähen, dass der menschliche Wahn in einer bestimmten, wenn auch negativen Beziehung – in der Beziehung des Abfalls nämlich – zur menschlichen Wahrheit steht. Das macht ihn zum feierlichen Wahn. Von daher hat er seinen auf der ganzen Linie so sichtbaren religiösen, numinosen, mystischen Aspekt. Von daher ist er tatsächlich mit einem Geheimnis, wenn auch nur mit einem Pseudogeheimnis umkleidet. Weil er aus einem Akt der Untreue stammt, darum spiegelt er, wenn auch als Zerrbild und in der Verkehrung, die Bedingungen der Treue, aus der er herausgetreten und dann sofort herausgefallen ist. Dass der Mensch sich selber helfen zu müssen, helfen zu sollen, helfen zu können meint, das ist die Meinung seiner Untreue. Und eben das cha793rakterisiert sie als Irrtum. Von allen anderen Orten her könnte ja noch immer gefragt werden, ob der Mensch nicht gerade in dieser Meinung mindestens teilweise auch als Wahrheitssucher und dann auch als Wahrheitsfinder verstanden werden könnte, ob also der Vorgang der Entstehung der Weltanschauungen nicht in einer bestimmten Teilnahme an der Wahrheit seine gewisse Ehre haben möchte. Es ist der vorangehende und zugrundeliegende Akt der Untreue, der diese Interpretation unmöglich macht. Aus Untreue folgt keine – auch keine teilweise – Wahrheit, sondern nur Irrtum, nur negative Beziehung zur Wahrheit, nur Streit gegen sie, nur Verfinsterung der Wahrheit. Die Pseudofeierlichkeit des Wahns ist das Einzige, was ihn mit der Wahrheit verbindet. Gerade sie |195 ist aber auch das deutlichste Zeichen, dass er gerade von der Wahrheit geschieden ist. Gerade sie macht ihn nicht besser, sondern schlimmer. |

Weil die Weltanschauungen ihren Grund in der menschlichen Untreue haben, darum gibt es von ihnen aus nur die Umkehr – die Umkehr zur Treue nämlich und damit zur Wahrheit – oder aber das Weitergehen von Wahn zu Wahn, von Irrtum zu Irrtum. Zwischen dem Werk des Menschen, der sich selber helfen zu müssen, zu sollen, zu können meint, und dem Werk der Wahrheit gibt es keine Versöhnung, keine Vermittlung, keinen Übergang. Er muss wieder treu werden, oder er wird nie das Werk der Wahrheit tun. Tut er aber das Werk der Wahrheit, dann hört er eben damit auf, die Werke des Wahns und des Irrtums zu tun. Er ist dann von Haus aus fertig mit allen Weltanschauungen. Die Untreue, die am Anfang der menschlichen Unruhe, am Anfang seiner Flucht in die Weltanschauungen und so am Anfang seines Sturzes in den Schein steht, ist aber die Abwesenheit derjenigen Zuverlässigkeit des Menschen, die der Zuverlässigkeit, in der er von Gott in und mit der Welt gehalten ist, entsprechen würde. Entsprechend dieser Zuverlässigkeit Gottes und also seines eigenen Gehaltenseins müsste der Mensch sich darauf verlassen, gehalten zu sein. Sein Verhältnis zu Gott, zur Welt und zu sich selbst ist in Wahrheit durchaus nicht ungeordnet: so liegt für ihn durchaus keine Not vor, sich selbst zurechtzuhelfen. Es ist aber 794 die Ordnung dieser Verhältnisse auch durchaus nicht Sache seines Auftrags: so gibt es für ihn auch keine Pflicht in der Linie jenes Versuchs, keine Würde, die er sich, indem er diesen Versuch unternimmt, zu verschaffen und zu sichern hätte. Und da sie schließlich auch gar nicht in seinem Vermögen liegt, ist er gewissermaßen schon physisch dispensiert davon, ihn zu unternehmen. Er ist in allen diesen Beziehungen von Gott zurückgehalten: eben dadurch nämlich, dass er von Gott gehalten, dass ihm die Hilfe, die er sich selbst verschaffen wollen könnte, von Gott nicht nur zugesagt, sondern schon geleistet ist. Gott ist ihm gerade in der Hinsicht zuvorgekommen, in der er jetzt seinerseits Gott zuvorkommen zu müssen meint. Das ist die göttliche Zuverlässigkeit, der die seinige entsprechen dürfte und müsste. Sie dürfte und müsste darin bestehen, dass er alle Selbsthilfe daraufhin unterlässt, dass ihm geholfen ist: dass es keine Not gibt, aus der er sich erst selbst heraushelfen müsste, sollte und könnte. Er dürfte und müsste ruhig |196 sein: vor Gott, in der Welt, sich selbst gegenüber, wie Gott an seinem Ort und in seiner Weise ruhig ist. Er bedarf keines Bildes, keiner Brille, durch die hindurch er erst mit den Dingen zurechtkommen könnte. Sie brauchen gar nicht erst zurechtgebracht zu werden: sie sind es. Sie bedürfen keiner synthetischen Anstrengung, keiner Wesensschau145 und keiner Sinngebung, um richtig zu sein. Sie warten durchaus nicht darauf, prinzipiell gewürdigt und systematisiert zu werden. Sie bedürfen auch keiner Magie und keiner besonderen Empfänglichkeit irgendwelcher Zeitgenossen magischer Persönlichkeiten. Sie sind allesamt recht: als Gegenstand rechter Wissenschaft, als Raum rechten Handelns, als Quelle rechter Empfindung, indem sie ohne alle Zutat des Menschen sind, was sie sind, und sind, wie sie sind. |

So dürfte und müsste der Mensch ruhig sein, ruhig wissen und ruhig handeln, um eben damit der Zuverlässigkeit auch von seiner Seite zu entsprechen, in der Gott alle Dinge und auch ihn selbst geschaffen und zubereitet hat.146 Indem er jene Ruhe verlässt und also unruhig wird, hört er auf, sich auf das zu verlassen, worauf er sich verlassen dürfte und müsste. Indem er in dieser Unruhe ans Bildermachen 795 und Brillenmachen geht und seine Werke zwischen sich und Gott, sich und die Welt, sich und sich selbst hineinschiebt, um sein Verhältnis zu ihnen zu ordnen, als ob es ungeordnet wäre, wird er untreu an dem, was sein dürfte und müsste, an seiner eigenen, der menschlichen Wahrheit, die primär die Wahrheit Gottes selber ist. Nur der Zweifel an jenem zuverlässigen Sachverhalt kann ihn ja unruhig machen. In jenem Sachverhalt als solchem liegt keine Unruhe, liegt auch kein Anlass zur Unruhe. Der Zweifel allein kann hier Unruhe bringen, und der Zweifel tut es. Eben der Zweifel ist aber die Untreue, der schon vollzogene Abfall, aus dem dann nur Werke des |197 Abfalls folgen können. Der Zweifel ist des Menschen Unzuverlässigkeit, mit der sich ihm freilich ein ganzes Reich von Möglichkeiten eröffnet, die doch, gemessen an dem Zuverlässigen, an dem er zweifelt, nur ebenso viele Unmöglichkeiten sein können. – So viel zur inneren Begründung der Entstehung aller Weltanschauungen.

Wir suchen uns nun noch Rechenschaft zu geben über die Situation, die sich da ergibt, wo eine Weltanschauung entstanden und für einen oder für viele Menschen oder für eine ganze Zeit maßgebend, herrschend geworden ist. Wir haben das Reich einer Weltanschauung soeben ein Reich von lauter Unmöglichkeiten genannt. Das ist’s, was jetzt zu zeigen ist.

Die Herrschaft einer Weltanschauung bedeutet zunächst grundsätzlich dies, dass die Wirklichkeit Gottes, der Welt und des Menschen für den, der unter dieser Herrschaft steht, durch ein bestimmtes, von ihr selbst verschiedenes Bild von ihr bedeckt und insofern ersetzt und abgelöst worden ist. Es ist wahr – und es ist ein wahres Glück für die Beherrschten und auch für alle die Anderen, die ihrerseits durch diese Beherrschten beherrscht werden oder doch mit ihnen zu leben haben, dass die Wirklichkeit stark genug ist, sich als solche zu behaupten, sich also nicht gänzlich und nicht letztlich durch ein solches Bild verdrängen zu lassen. Wie mächtig dieses auch werden und sein mag, es bleibt doch auch für die von ihm Beherrschten, es bleibt doch auch in seinem ganzen Bannkreis bei dem, was die Natur- und die Geisteswelt und was der Mensch selbst in 796 ihrem eigenen, durch kein vermeintliches Überschauen und Durchschauen, durch keine Deutungen und Zurechtstellungen zu verändernden Wesen sind. Es geht, welche Weltanschauung auch den Menschen erfüllen, begeistern, bestimmen möge, da draußen im Kosmos und auch da drinnen in des Menschen seelischer und leiblicher Existenz Alles seinen majestätischen Gang, als wäre nichts geschehen,147 und unbekümmert darum, dass der Mensch ihm jetzt diesen, jetzt jenen Namen zu geben, es jetzt dieser, jetzt jener Ordnung zu unterwerfen sich einfallen lässt. Es ist nie an dem, dass er sich auch nur die Dinge wirklich unterworfen hätte, nie an dem, dass er auch nur sein eigener Herr wirklich geworden wäre. Und Gott bleibt Gott, gleichviel, ob der Mensch sich von |198 der Gottheit diese oder jene Konzeption gemacht, ob er sie so oder so interpretiert und zurechtgestutzt, ob er sie in diesem Verständnis erkannt und bekannt, in jenem geleugnet und in jenem dritten relativiert und seinem Selbst- und Weltverständnis gleichgeschaltet hat. |

Die Weltanschauungen stehen als solche, indem sie schließlich allesamt doch nur Anschauungen sind, vor dem Angeschauten als vor einer Mauer, die sie nicht umzuwerfen und nicht zu beseitigen vermögen. Eben an dieser Mauer pflegen sie aber auch – je heftiger sie dagegen anrennen, umso sicherer und früher – einmal zu scheitern. Es pflegt die gedeutete Wirklichkeit sich früher oder später auf einmal sehr energisch und sehr ausdrucksvoll gegen ihre Deuter zu wenden, sie sehr offenkundig aus dem Konzept zu bringen und abzuschütteln, sie mindestens zu neuen Deutungen und also zur Preisgabe ihrer bisherigen zu nötigen, sie in der ganzen Ausübung ihrer Deutungskunst gewissermaßen fortwährend außer Atem zu halten und so daran zu erinnern, dass man ihr mit keiner Deutung wirklich gerecht werden kann, dass sie es sich verbittet, zurechtgestellt zu werden. Es pflegt aber auch keine Weltanschauung jemals total – auch nur in dem von ihr Beherrschten, auch nur in dem von ihr original beherrschten Menschen total herrschend zu werden. Sie steht auch da vor der Mauer des Angeschauten, der von ihr nicht zu verändernden Wirklichkeit, wo sie in Kraft steht. Sie steht immer nur ein Stück weit, immer nur lückenhaft in Kraft. Es kann und wird ihr Bild die 797 Wirklichkeit nie ganz bedecken. Es ist aber genug an dem, dass sie es zeitweise und teilweise tatsächlich zu bedecken vermag. Kann sie die ihr notwendig gesetzte Schranke nicht überspringen und nicht zerbrechen, so kann sie doch innerhalb dieser Schranke als eingedrungener Fremdkörper Störung und Verwirrung anrichten. Das vom Menschen entworfene und aufgerichtete Bild, das man eine Weltanschauung nennt, ist ja, indem es von der Wirklichkeit Gottes, der Welt und des Menschen verschieden, indem es eine Abstraktion ist, ein Fremdkörper: einer von den Fremdkörpern, die der Wirklichkeit Gottes, der Welt und des Menschen zwar entgegenstehen, von ihr aber nicht einfach unterdrückt, sondern vorübergehend und innerhalb gewisser Grenzen bis zu ihrer Überwindung und Ausscheidung geduldet und zugelassen werden. Auch die Götter sind solche Fremdkörper. Auch des Menschen Sünde, auch der Teufel sind solche Fremdkörper. Und der Zu|199sammenhang dieser anderen Fremdkörper mit den Bildern der Weltanschauungen ist nur zu deutlich. Eben als Fremdkörper können diese Bilder, solange und so weit sie herrschen, nur stören und verwirren. Nicht in sich, aber für die von ihnen beherrschten Menschen, in deren Sicht und für deren Stellungnahmen können Gott und die Welt und der Mensch, sofern sie durch diese Brillen gesehen werden, aufhören zu sein, was sie sind. Die zum Element eines solchen Bildes gewordene Gottheit ist, was sie auch sein mag, jedenfalls nicht der wirkliche, der lebendige Gott. Ihm ist im Bilde jeder Weltanschauung sein göttlicher Charakter schon dadurch genommen, dass der Mensch da auch über ihn verfügt, dass er auch ihn zu einem Objekt seines Überschauens, Durchschauens und Ordnens gemacht hat. |

Der vom Menschen definierte und anderen Objekten seines Definierens zugeordnete «Gott» ist als solcher nicht Gott. Er ist es auch dann nicht, wenn ihm sämtliche Prädikate des christlichen Gottesbegriffs zugeschrieben werden und wenn er dann in dieser Ausstattung sei es bekannt, sei es geleugnet, sei es in irgend einer relativen Stellung und Funktion respektiert wird. Die theistischen, die atheistischen und die relativistischen Weltanschauungen wirken hier in gleicher Weise störend und verwirrend. Sie verdecken in gleicher Weise die Wirklichkeit Gottes, von dessen Selbstkundgebung der Mensch nur 798 ohne jedes Bild herkommen, dem er aber unmöglich in Besitz oder auch nur unter Voraussetzung der Möglichkeit eines von ihm verschiedenen Bildes entgegengehen kann. Der wirkliche Gott bildet den Menschen, indem er ihm offenbar wird. Die Anerkennung dieses seines Tuns ist das Bekenntnis zu ihm. Der Widerspruch und Widerstand gegen dieses sein Tun ist seine Leugnung. Das menschliche Dasein in seiner positiven oder negativen Auseinandersetzung mit diesem göttlichen Tun ist die wirkliche Relativierung Gottes. Alles andere Bekennen, Leugnen oder Relativieren Gottes, alles dasjenige, in welchem der Mensch der Bildner Gottes ist statt umgekehrt, geschieht unter Verdeckung Gottes und muss seiner Wirklichkeit fremd bleiben. Gerade diese Verdeckung Gottes ist natürlich die Urkatastrophe, die in jeder Weltanschauung als solcher Ereignis wird. |

Es ist aber auch die zum Element eines solchen Bildes gewordene Welt, was sie dann auch sein mag, nicht die wirkliche Welt. Auch ihr wird durch die Bilder jeder Weltanschauung ihr eigener Charakter |200 genommen, ein fremder Charakter aufgedrückt. Wohl ist die Welt mit dem Menschen, für und gegen ihn, wohl auch in ihm selber; sie ist es aber, indem sie ihm gegenüber ein unaufhebbar Anderes ist. Die vom Menschen definierte, d. h. in seine eigenen Grenzen eingeschlossene, gewissermaßen in ihn hineingenommene und von ihm absorbierte, die von ihm vermeintlich überschaute und durchschaute Welt ist so wenig die wirkliche Welt, wie der entsprechend behandelte Gott der wirkliche Gott ist. Und indem dort die Urkatastrophe passiert, kommt es auch hier zu lauter Störung und Verwirrung. Mit der wirklichen Welt hat es der Mensch so lange und insofern zu tun, als er den Mut hat und behält, sie anspruchslos zu sehen, wie sie ist, als er sich mit mehr oder weniger Erfolg bemüht, redlich um sie zu wissen, als er sich durch das, was er von ihr weiß, von einer ehrlichen Verwunderung zur anderen und gerade damit dann auch immer wieder zu neuem Wissen um sie führen lässt. Die wirkliche Welt ist das Instrument des Tuns des wirklichen Gottes, durch welches der Mensch von ihm gebildet wird. Das geschieht nämlich, indem er vom Wissen in die Verwunderung zu neuem Wissen geführt wird, sich führen lässt. Wo dieses 799 Verhältnis sich in das entgegengesetzte verkehrt: wo der Mensch sich nicht mehr führen lassen, sondern selber führen, wo er seinerseits die Welt bilden, d. h. im Bilde neu realisieren und rechtfertigen will, statt sich von Gott durch die von ihm realisierte und gerechtfertigte Welt bilden zu lassen, da ist es mit der wirklichen Welt für ihn zu Ende, da fängt der Zauber an. Auch die wissenschaftliche Begründung, d. h. der wissenschaftliche Ansatz eines weltanschaulichen Bildes kann es vom Zauber, d. h. von der Weltfremdheit nicht unterscheiden; denn gerade wenn das Bild als solches entsteht: wenn das Prinzip gewählt und das System daraus entwickelt, darauf gebaut wird, pflegt die Wissenschaft als solche ihr Haupt zu verhüllen und sich zur Ruhe zu begeben. Sie als solche würde nicht in einem Bilde gipfeln, sondern in die Verwunderung und von da aus zur weiteren Forschung übergehen wollen. Sie als solche bleibt zurück, wenn der Mensch, über sich selbst hinausgreifend, zu jenem ganz anderen Unternehmen sich aufmachen zu müssen meint. Auf sie als solche wird er sich gewiss weder stützen noch berufen können, wenn er meint und behauptet, «dahinter» gekommen und zu abschließenden Definitionen bereit zu sein. In der wissenschaftlichen und damit gewiss in der echten Beziehung zur un|201verdeckten Welt würde er sich das nie leisten, würde er immer aufs Neue ganz anders als mit einem Bilde ihrer Wirklichkeit beschäftigt sein. |

Es ist aber endlich auch der zum Element eines Bildes gewordene Mensch selber nicht der wirkliche Mensch. Weltanschauung bedeutet zuletzt immer auch Selbstmissverständnis. Weltanschauung ist Maskerade. Denn der zum Bildner der Gottheit und der Welt sich für berufen und befähigt haltende Mensch ist in dieser Hinsicht nicht bei sich selbst, nicht er selber, sondern in einem Kostüm, in einer angenommenen Rolle. Er stellt vor allem ein Bild seiner selbst [her], indem er Gott und die Welt bilden zu sollen und zu können meint. Er sieht sich als Träger des entsprechenden Auftrags und Vermögens. Er sieht sich an einem Ort, von dem aus jenes Überschauen und Durchschauen zu vollziehen ihm geboten und möglich sei. Und eben damit sieht er auch an seiner eigenen Wirklichkeit vorbei, deutet und dichtet er auch sich selber ins Unwirkliche. Der wirkliche Mensch 800 ist er ja nur, indem er von Gott durch die Welt gebildet wird. Wirklich ist er, indem er sich dieses göttliche Bilden gefallen lässt. Wirklich ist er auch darin, dass er ihm Widerspruch und Widerstand entgegensetzt. Er ist aber gerade darin nicht wirklich, nicht er selbst, sondern in einem angenommenen Kostüm, dass er dieses Verhältnis umkehrt, sich selber zum Subjekt des Bildens machen zu können meint. Er existiert eben damit in der Illusion und also abseits von seiner wirklichen Existenz. Der Schritt in die Unwirklichkeit findet also nicht erst damit statt, dass er sein Bild von der Gottheit und von der Welt zu guter Letzt so oder so durch sein eigenes ergänzt oder dass er von seinem eigenen Bild her zum Entwurf eines Bildes von Gott und der Welt schreitet. Die besondere Anthropologie einer Weltanschauung wird die Illusion, in der sich der Mensch über sich selbst befindet, natürlich ihrerseits verraten müssen. Sie wird sie aber doch nur verraten können; denn schon indem der Mensch an jenes Unternehmen herantritt, hat er sich selbst missverstanden, ist er aus seinem eigentlichen Dasein herausgetreten, ist er sich selbst zum Gespenst geworden. Mit echter Menschlichkeit hat dieses Unternehmen von Haus aus nichts zu tun. Wie sollte dann das, was als Anthropologie im Rahmen dieses Unternehmens auf den Plan geführt wird, etwas Besseres als Verzeichnung der echten Menschlichkeit jemals sein können? |

202 Wir kehren zum Anfang zurück: Es ist das Unheil aller Weltanschauungen, es ist aber auch das Heil aller von ihnen beherrschten oder doch indirekt von ihrer Herrschaft betroffenen Menschen, dass sie in dem von ihnen Angeschauten und also im wirklichen Gott, in der wirklichen Welt und im wirklichen Menschen ihre unüberwindliche Grenze haben, dass sie wie der Teufel, wie die Sünde, wie die Götter wohl geduldet und zugelassen, zu totaler und definitiver Herrschaft aber nicht zugelassen sind. Sie können stören und verwirren, und eben das tun sie denn auch. Sie können nach allen Seiten mächtige Lügen ins Feld führen, und die Befürchtung könnte sich wohl nahelegen, es möchte die ganze Welt- und Geistesgeschichte ein einziges Siegesschlachtfeld solcher weltanschaulicher Lügen sein. Am 801 Menschen liegt es freilich nicht, wenn dem nicht so ist, wenn das zu behaupten nun doch selber wieder eine weltanschauliche Lüge wäre. Nimmt man die Dinge, wie sie sind, dann wird man sich auch die weltweite Herrschaft der Bilder nicht zu einem die Wirklichkeit verdeckenden Bild werden lassen. Man wird dann nicht übersehen, dass neben ihnen auch ihre Ohnmacht und Vergänglichkeit, über ihnen und durch sie hindurch dauernd auch die Wirklichkeit selber, ihnen zum Trotz, in grimmigem, aber auch freundlichem Humor, sichtbar ist, sich immer wieder sichtbar macht. Das wäre ja die verkehrteste unter allen verkehrten Weltanschauungen, wenn man die Weltanschauungen und ihren Betrug so ernst nehmen wollte, um zu übersehen und zu leugnen, dass dafür gesorgt ist: ihre Bäume können nicht in den Himmel wachsen,148 und die Wirklichkeit lässt es sich nicht nehmen, ihr eigenes Wort im Gegensatz zu ihnen [ver]nehmen zu lassen. Aber dass diese Bäume sehr hoch wachsen, dass sie die Stimme der Wirklichkeit weithin und immer zum Schaden der Menschen übertäuben können, das festzustellen werden wir allerdings nicht unterlassen können, das gehört eben auch zu einem redlichen Wissen und Reden von den Dingen.

Wir treten nun näher und stellen (1.) fest, dass die Herrschaft einer Weltanschauung praktisch die Herrschaft eines Prinzips bedeutet. Wir erinnern uns der mysteriösen Weise, in der ein solches entdeckt zu |203 werden und sich geltend zu machen pflegt. Wir versuchen jetzt zu verstehen, wie das ist, wenn man ein Prinzip hat bzw. von einem Prinzip gehabt wird. Man hat dann einen Schlüssel in der Hand: wenn er nur kein Dietrich ist! Man steht dann auf einem hohen Berg, von dem aus alle Reiche der Welt zu sehen sind: wenn es nur nicht der Berg der Versuchung ist [vgl. Mt. 4,8], auf den man sich da hat führen lassen! Man ist dann in der Lage, Zeichen und Wunder zu tun: wenn es nur nicht die Zeichen und Wunder des Antichrist sein werden [vgl. 2.Thess. 2,9]! Es ist ja im Bilde einer Weltanschauung im Besonderen dieses Moment, ihr Prinzip, das sich an die Stelle gerade Gottes drängt und dessen Funktion im Rahmen des Ganzen gerade die Herrschaftsübung Gottes nachzuahmen, nachzuäffen scheint. Nicht umsonst muss hier 802 die heilige Wahl so entscheidend sein und als solche schweigend oder ausdrücklich dauernd wiederholt werden. Und nicht umsonst haben wir es hier mit der dynamischen Kraft, mit der Wurzel und organisierenden Mitte jeder Weltanschauung zu tun. Das Prinzip ist die imitierte und säkularisierte Gottheit. Wenn der Mensch untreu wird, sich nicht mehr auf das verlässt, worauf er sich verlassen dürfte und müsste, nämlich darauf, dass er von Gott gehalten ist, wenn er infolgedessen unruhig wird und ins Irren gerät und durch den Entwurf und die Aufrichtung eines Bildes sich selber helfen will, dann tritt als Erstes das Prinzip, an das sich zu halten er sich entschließt, an die Stelle des Gottes, von dem er gehalten ist. Seiner sich offenbarenden und ihn selbst erwählenden und berufenden Hoheit meint er sich jetzt beugen zu müssen, um sich dann seinerseits seiner Gewalt bedienen und erfreuen zu können. Die Verdeckung der Wirklichkeit durch das Bild wird schon hier und gerade hier offenkundig. |

Der wirkliche Gott ist kein Prinzip, und in der Treue zu ihm wird es nie dazu kommen, dass man seinen Namen zur Proklamation der Aufrichtung und Anwendung eines Prinzips missbrauchen wird. Seine Offenbarung, sein Erwählen und Berufen wird ja den Menschen bestimmt nicht in jene irrende Unruhe versetzen, wird ihn bestimmt nicht dazu anleiten, sich eines jener Bilder zu schaffen. Der wirkliche Gott wird ihm gerade das Aufsuchen eines Prinzips unmöglich machen und wird ihn dann auch davor bewahren, sich von einem solchen überfallen und übermannen zu lassen. Der wirkliche Gott wird ihm jedes Prinzip überflüssig und unmöglich machen. Und so ist es völlig |204 ausgeschlossen, dass da, wo der wirkliche Gott des Menschen Treue begegnet, Gott selber in die Stellung und Funktion eines Prinzips eintreten könnte. Der den wirklichen Gott erkennende Mensch braucht wirklich gar kein Bild und zu allerletzt ein solches, zu dessen Entwurf er sich Gottes als des das Ganze begründenden und regierenden Prinzips bedienen würde. Was würde er sich dabei gerade Gott gegenüber herausnehmen! Wie würde er dabei gerade mit ihm umgehen! Als mit einem solchen offenbar, über den er Macht hat, als mit einer Sache offenbar, mit der er arbei803ten und spielen kann, als mit einem Instrument offenbar, das er zu seinen Zwecken verwenden kann. Wie radikal müsste er dabei dem untreu werden, dass er von Gott gehalten ist! Wie radikal müsste er dabei verleugnen, dass er immer nur von daher und also bestimmt nicht nach der Methode und mit den Zielen seiner irrenden Unruhe sich selber wiederum an Gott halten kann! |

Wir unterlassen jeden Seitenblick auf die Tatsache, dass eben die radikale Untreue und Verleugnung, die darin besteht, ausgerechnet dem wirklichen Gott die Stellung und Funktion eines Prinzips zuzuschreiben, auch in der christlichen (und nicht etwa nur in der häretisch-christlichen) Geistesgeschichte eine verhängnisvoll große Rolle gespielt hat. Begnügen wir uns mit den zwei nötigsten sachlichen Feststellungen: Dass dies de facto tatsächlich weithin geschehen ist, beweist keineswegs, dass es jemals de iure geschehen ist. Wo und wann und unter welchem Titel immer es geschehen ist: es ist immer in Untreue gegen den wirklichen Gott, es ist immer gewissermaßen hinter seinem Rücken geschehen, und es hat sich dann auch immer so ausgewirkt, dass wir dadurch gewarnt und wirklich nicht zur Nachfolge aufgerufen sind. Es ist aber wiederum tröstlich, zu sehen, wie dieser Versuch nie ganz gelingen konnte, wie der wirkliche Gott sich dem Unternehmen, seinen Namen zu missbrauchen [vgl. Ex. 20,7], immer widersetzt hat, wie es entgegen den Intentionen so vieler Theologen und Philosophen durch das unübersehbare Licht seiner Offenbarung immer wieder an den Tag kam, dass er kein Prinzip und als solches nicht zu brauchen, dass aus seiner Erkenntnis keine Weltanschauung zu entwickeln ist, weil sie den Menschen gerade in die entgegengesetzte Richtung weist, dass das, woraus sich eine Weltanschauung entwickeln lässt, immer schon als solches eine von ihm |205 verschiedene Größe ist. Eine imitierte und säkularisierte Gottheit: das ist’s, was von jedem Prinzip allerdings zu sagen ist. Genau so stellt sich der Mensch, der dem wirklichen Gott untreu geworden ist, die Gottheit vor: als ein Prinzip, von dem er selbst besessen ist und von dem er nun doch als Meister Gebrauch zu machen vermag, als die dynamische Kraft, die ihn irgendwoher überfallen und in deren Besitz er selbst sich zum Bildner, zum kleinen Schöpfer 804 erwählt und berufen, beauftragt und befähigt weiß. Das bleibt übrig, nachdem von der Erkenntnis des wirklichen Gottes nichts übrig geblieben ist: die Meinung oder Überzeugung von der Existenz eines Prinzips als einer Instanz, die gerade hoch genug steht, um den Eindruck ultimativer Bedeutung zu erwecken, und wiederum gerade tief genug, um in dieser ihrer ultimativen Bedeutung dem Menschen zur Verfügung zu stehen. |

Mit dem wirklichen Gott hat diese Instanz gar nichts zu tun. Sie kann ihm unter Missbrauch seines Namens gleichgesetzt werden. Man wird aber diesen Missbrauch doch nie gänzlich und nie lange durchführen können. Wer «Gott» sagt und meint eigentlich ein Prinzip: das wahre Sein etwa oder das höchste Gut, die erste Ursache oder die alles bewegende Kraft, die Natur oder den Geist, den Fortschritt oder die Nation, oder irgendwie sich selber, der sehe zu, was er sich selber antworte auf den Einwurf, dass es doch wohl praktischer und einfacher wäre, Gott in dieser Sache nicht weiter zu bemühen, sondern das eigentlich gemeinte Prinzip bei seinem eigentlichen Namen zu nennen. Und wer «Gott» sagt und meint – auch das kann ja zum Prinzip werden – das Namenlose, Grenzenlose, Wesenlose jenseits aller Begriffe, der sehe zu, dass er sich nicht auslachen lassen müsse mit der Frage149: ob ihm denn wirklich gerade mit dem Namen Gottes zur Bezeichnung dieser Sache, wo Begriffe fehlen, das rechte Wort zur rechten Zeit eingefallen150 sein möchte? Die Sonne der Aufklärung151 |206 pflegt den Nebel jener Gleichsetzung, wenn er einmal wieder aufgekommen ist oder aufzukommen droht, rasch zu zerstreuen. Der Missbrauch des Namens Gottes pflegt sich gewöhnlich schlicht darin zu rächen, dass er sich nach einiger Zeit als überflüssig und störend erweist, dass man die Prinzipien schließlich besser proklamieren und durchsetzen kann, wenn man sie unter einem anderen als gerade unter dem Namen Gottes auf den Leuchter stellt. Und das ist sicher, dass man jene Gleichsetzung zwar wagen, sie aber wirklich auch unterlassen kann, ohne dass damit an der Stellung und Funktion der Prinzipien etwas geändert würde. |

Wir sahen schon: das Prinzip hat nicht notwendig einen ausgesprochen religiösen Charakter. 805 Es kann ihn haben, es kann ihn aber auch entbehren. Er kann gerne auch unausgesprochen bleiben. Nicht das macht das Prinzip zur imitierten und säkularisierten Gottheit, dass es mit dem Namen Gottes geschmückt wird, wohl aber das, dass es – in der Verkehrung freilich, entsprechend dem großen Missverständnis des unruhig irrenden, weil untreuen Menschen – eine göttliche Rolle spielt. So stellt sich dieser Mensch Gott vor. Wir können im Blick auf das, was wir früher von den Göttern gelernt haben, auch sagen: so etwas ist nun wirklich (in der Wirklichkeit seines Abfalls und seiner Einbildung) sein Gott geworden. Es ist auch dann sein Gott geworden, d. h. es spielt für ihn auch dann jene göttliche Rolle, wenn er Gott nominell in Abrede stellt und sprachlich aus dem Spiel lässt, wenn er ehrlich genug ist, sein Prinzip ohne weiteren Weihrauch bei seinem eigentlichen Namen zu nennen. Es ist darum unter allen Umständen sein Gott – sein imitierter und säkularisierter Gott freilich –, weil er von ihm so sehr Vieles (der Theorie nach sogar Alles!) und weil er so sehr Vieles (der Theorie nach sogar Alles!) gerade von ihm erwartet, weil das Prinzip ihm der Nagel ist, an das er fast (der Theorie nach sogar wirklich) seine ganze Habe aufzuhängen sich ge|207traut, und weil er so ernstlich (der Theorie nach in tiefstem und letztem Ernst) überzeugt ist, eben mit jener Erwartung und diesem Zutrauen das Gute, das Beste, das eigentlich von ihm Verlangte zu tun. Man wird nicht leugnen können: das sieht stark nach Gottheit aus. Da ist Hoheit und Macht, da ist Autorität und Bindung, da ist Verheißung und Gebot. Das Imitierte und Säkulare dieser Gottheit ist freilich darin deutlich, dass der einem Prinzip Verfallene von diesem zwar sehr Vieles, aber doch nur in der Theorie Alles erwartet. Der sehr entscheidende Rest ist nämlich das, was er praktisch von sich selber erwartet. Dass er von seinem Prinzip überzeugt sein und es als solches hochhalten, dass er es als alles haltenden Nagel in die Wand schlagen, dass er es anwenden und durchsetzen, dass er in seiner systematischen Entfaltung treu und eifrig sein muss, das fällt ja wirklich mindestens ebenso ins Gewicht wie alles das, wovon er hinsichtlich seiner inneren, objektiven Bedeutung über806zeugt ist. Und dass gerade sein tiefster, letzter Ernst seinem eigenen Müssen, Wollen und Können in seinem Verhältnis zu seinem Prinzip und nicht etwa diesem als solchem zugewendet sein muss, das kann schon gar keine Frage sein. Er braucht, er expliziert und appliziert es ja. Und wie hoch es ihm auch stehen mag: es bliebe doch eine schale Angelegenheit ohne das, was er ihm aus dem Seinigen zuzuwenden hat. Der Mensch bedarf der Hoheit und Macht, der Autorität und Bindung, der Verheißung und des Gebotes seines Prinzips schließlich nicht mehr, als das Prinzip seinerseits des Enthusiasmus und der Hingebung des Menschen bedürftig ist. In diesem Verhältnis offenbart sich seine Quasi-Göttlichkeit, in der damit gegebenen Schranke nun aber doch auch seine Quasi-Göttlichkeit. |

Kann das Prinzip die Stelle des wirklichen Gottes nicht ausfüllen, so kann es sie doch einnehmen. Kann es ihn nicht ersetzen, so kann es ihn doch karikieren. Kann es nicht Gott sein, so kann es sich doch geltend machen, als ob es Gott wäre. Und eben das ist es, was in der Herrschaft eines Prinzips Ereignis wird: eine Herrschaft, die sich so darstellt und auswirkt, als ob sie die Herrschaft Gottes wäre, eine karikierte Gottesherrschaft. Es ändert ja die Zweideutigkeit jenes Verhältnisses nichts daran, dass der Mensch es in ihm mit einem Höheren (er hält es jeweils für das Höchste) zu tun hat und sich durch dieses in Anspruch genommen sieht. Sein Denken und Wollen und mehr oder |208 weniger sein ganzes Leben bekommt von dorther so etwas wie eine Richtung. Er hört von dorther einen entscheidenden Indikativ und Imperativ. Ihm imponiert sich von dorther eine Hierarchie der Wahrheiten152 und Wirklichkeiten, der Güter und Werte. Ihm wird von dorther eine bestimmte Lebensauffassung und Lebensaufgabe aufgedrängt und mehr oder weniger intensiv eine bestimmte Verkündigung auch an Andere auf die Lippen gelegt. Er vernimmt von dorther so etwas wie ein Gesetz und so etwas wie ein Evangelium. Er sieht sich von dorther zum König, Priester und Propheten geweiht, von dorther begabt, ermuntert, getröstet und in Pflicht genommen. Er sieht von dorther die Ewigkeit hinter sich, über sich und vor sich. So sehr ist es nun einmal des Menschen Bestimmung, so sehr besteht nun einmal des 807 Menschen Menschlichkeit darin, vor Gott zu stehen und für Gott zu sein, so mächtig ist nun einmal des wirklichen Gottes wirkliche Herrschaft über ihn, dass er auch in der Untreue gegen ihn, auch in seiner irrenden Unruhe, auch in seinem Abfall von Gott zu den Prinzipien formal sein Verhältnis zu Gott wiederholen oder wenigstens karikierend nachahmen muss. Er kann wohl aufhören, sich auf Gott zu verlassen; er kann das aber nicht tun, ohne sich anstelle dessen alsbald auf ein Prinzip verlassen zu müssen, das freilich nicht Gott ist und an das er sich doch halten muss, als ob es Gott wäre. Das ist die Größe der Herrschaft der Prinzipien, dass sie es dem Menschen faktisch nicht erlaubt, gottlos zu sein. Auch der, der den Namen Gottes offen und gänzlich gestrichen hat, auch der Atheist hat in seinem Prinzip, das er an Gottes Stelle gesetzt hat, die Instanz, die für ihn faktisch die Rolle Gottes spielt. Nur seine Rolle, aber doch seine Rolle, und das genügt, um auch ihn aus dem Bannkreis des Religiösen nicht zu entlassen, um faktisch auch sein Denken, Leben und Wollen – er mag sich dessen bewusst sein oder nicht – religiös zu gestalten. Da ist keine Sonne keiner noch so radikalen Aufklärung, die diesen Nebel zu zer|209streuen vermag. Das ist nun freilich auch die Schranke dieser Herrschaft, dass sie mehr als einen religiösen Nebel nicht zu verbreiten vermag. Gottes Offenbarung und Herrschaft verbreitet Licht. Die Herrschaft jedes Prinzips aber verbreitet Nebel und also Dunkelheit. Die von ihr verbreitete Dunkelheit besteht darin, dass sie zwar zweifellos effektive Herrschaft ist und nun doch nicht in der Lage ist, sich unzweideutig als solche auszuweisen, von allerlei anderen Herrschaften als die eine wirkliche und echte Herrschaft sich abzugrenzen. Das tut der wirkliche Gott, indem er sich dem Menschen zuwendet, ohne auf dessen Dienst und Verehrung, auf dessen Enthusiasmus und Hingebung angewiesen zu sein, ohne mit seiner Liebe auf dessen Gegenliebe warten zu müssen. |

Der wirkliche Gott ist gnädig ohne Rücksicht auf das, was der Mensch ihm als das Seinige entgegenzubringen hat. Darin erweist er sich als sein einer, wirklicher und echter Herr. Darin unterscheidet er sich von den Quasi-Göttern. Und darin unterscheidet sich der Glaube von den 808 ausgesprochenen wie von den verkappten Religionen153, von der Verehrung und vom Dienst aller Prinzipien, dass er sich an Gottes freie Gnade hält. Das ist es, was unter der Herrschaft der Prinzipien nicht geschieht und nicht geschehen kann. Die Gnade, von der auch da die Rede sein könnte, kann immer nur die durch das menschliche Wohlverhalten, d. h. durch den menschlichen Enthusiasmus und die menschliche Hingebung bedingte Gnade sein. Es ist die wirkliche, die freie Gnade des wirklichen Gottes dasjenige, was die in seiner Rolle auftretenden Prinzipien allesamt nicht nachahmen können. Sie sind allesamt an den Menschen ebenso wie der Mensch an sie gebunden. Und eben darum gibt es unter ihrer Herrschaft wohl Religion – ob ausgesprochene oder verkappte, ist eine zweite Frage –, aber in aller Religion doch nur Dunkelheit. Darum können und müssen die verschiedenen Prinzipien zwar herrschen, aber nie ohne dass sie sich unter sich den Rang und die Geltung streitig machen würden. Darum lässt jedes Prinzip den Menschen letztlich doch im Ungewissen darüber, ob gerade seine Herrschaft mehr als Tatsache, ob sie notwendig, ob sie die eine wirkliche und echte Herrschaft sein möchte, der man |210 sich darum unterwerfen muss, soll und kann, weil sie sich als solche ausgewiesen hat. Die Prinzipien können das nicht, darum ist ihre Herrschaft schwankend und wandelbar. Darum kann an die Stelle des einen Prinzips je und je auch ein anderes treten. Darum hat schließlich keines die Macht, den Menschen ganz, unzweideutig und auf die Dauer zu binden. Wie sollte es dazu fähig sein, da es sich in aller seiner Hoheit nun doch in des Menschen Bereich befindet, da es bei aller Herrlichkeit, in der es dem Menschen begegnet, zuletzt doch auf ihn angewiesen ist, um auch nur quasi-göttlich herrlich zu sein? Wie sollte er von ihm Alles und Alles gerade von ihm erwarten, da des Prinzips Bedürftigkeit schließlich nicht kleiner ist als seine eigene ihm gegenüber? Wie sollte er ihm gegenüber nicht teilweise frei bleiben, da das Prinzip auch ihm gegenüber offenkundig auch teilweise frei ist? |

So ist der Mensch unter der Herrschaft des Prinzips tatsächlich ein betrogener Betrüger.154 Ein Betrüger, sofern er nur unter Betrug des wirklichen 809 Gottes, d. h. in der Untreue gegenüber dem, von dem er wirklich und unbedingt gehalten ist, in einem selbsterwählten Prinzip die bestimmende Macht seines Denkens und Wollens anerkennen und respektieren und also unter jene Herrschaft geraten kann. Ein betrogener Betrüger, sofern er dadurch nicht einmal unter eine echte Herrschaft zu stehen kommt, sein Denken und Wollen in diesem Verhältnis eine echte und durchgreifende Bestimmung nicht einmal empfangen kann. Hinter jedem Prinzip lauert ja irgendwo sein Feind: der Zufall und die Willkür, in denen es sein Reich angetreten hat und die es auch jederzeit wieder stürzen können. Eben vom Prinzip her ist dann aber grundsätzlich auch jedes System bedroht, sofern das Prinzip ja immer auch ebenso gut ein anderes sein könnte. Der Mensch könnte sich ihm ja immer auch entziehen, wie er ihm verfallen ist; er könnte es fallen lassen, wie er es aufgenommen hat. Indem das Prinzip mit Gott streitet, ist es unvermeidlich, dass es seinerseits mit noch ganz anderer Wirksamkeit von Gott bestritten wird. Dass das geschieht, das offenbart sich in der gänzlichen Ungesichertheit seiner Geltung. Die Tage Gottes sind nicht gezählt. Die Tage jedes Prinzips |211 sind gezählt. Das ist die fundamentale Schwierigkeit jeder Weltanschauung.

Wir stellen (2.) fest, dass die Herrschaft einer Weltanschauung praktisch die Herrschaft eines Systems bedeutet. Das System ist das mehr oder weniger dichte Netzwerk von Intuition, Interpretation und Disposition, mit dem vom Prinzip her alle Dinge eingefangen und zugedeckt werden. So ist es die Aktualisierung des im Prinzip als solchem noch gewissermaßen latenten Herrschaftsanspruchs. Wie die Spinne in erstaunlicher Produktivität ihren Faden aus sich entlässt, um ihn in noch viel erstaunlicherer Fertigkeit zum ganz bestimmten, in allen seinen Teilen sich gegenseitig haltenden Gehäuse zu gestalten, so hat jedes Prinzip seine zugleich produktive und konstruktive Kraft, so erzeugt es die geistige Substanz gewisser Punkte und Linien, so vermag es diese unter sich zu verknüpfen und zu einem Ganzen zu ordnen, so entsteht da, wo es herrscht, über seine eigene Existenz hinaus ein ihm entsprechendes 810 Reich, das nicht weniger als die ganze Welt, aber mit der Welt zugleich Gott und nicht zuletzt den systematisierenden Menschen selber umfasst. Wir sahen, was dabei aus Gott wird: vom System aus und im System kann ihm eine andere Rolle als die des organisierenden Prinzips selbst natürlich nicht zugewiesen werden. Und wir werden nachher sehen, was dabei aus dem Menschen wird. Das nächste Objekt des Systems ist die Welt, d. h. der Inbegriff aller der Wirklichkeit, die der Mensch, indem er mit ihr verbunden ist, von sich unterscheidet und der er, indem er von ihr bedingt und abhängig ist, als Systematiker zurechtsetzend und meisternd gegenübertritt. |

Uns interessiert jetzt die Frage, wie das ist, wenn ein solches System im Entstehen und schon entstanden ist: wie das ist, wenn man sich in der Lage befindet, im Besitz eines solchen Systems leben zu dürfen und zu müssen. Was leistet ein solches System? Das ist sicher, dass auch mit ihm – und nun sogar erst recht – eine bestimmte Verdeckung Ereignis wird. Ein System ist ein zur Ordnung, Vereinfachung und Übersicht der Dinge entworfenes Gefüge. Das Viele der Wirklichkeit reduziert sich im System auf verhältnismäßig Weniges. Ihre bunte Eindrücklichkeit sammelt sich unter bestimmten Gesichtspunkten zu bestimmten Gestalten und deren Beziehungen untereinander. Ihre Rätsel und Probleme treten mindestens in das beherrschende Licht |212 gewisser grundsätzlicher Erkenntnisse. Gewisse Fenster gehen weit auf, gewisse andere werden umso bestimmter geschlossen, noch andere werden mit Bewusstsein halb geschlossen, halb offen gelassen. So ist der Verkehr des Menschen mit der Welt geregelt. Und diese Regelung ist der Triumph des systematisierenden Menschen. Das System kanalisiert seine Beziehung zu der von ihm verschiedenen Wirklichkeit. Es bringt ihn ihr gegenüber in verhältnismäßige Sicherheit und Überlegenheit. Es erlaubt ihm, ihr auf den von ihm selbst vorgezeichneten Linien zu begegnen. Es erlaubt ihm, sich ihrer zu erwehren, wenn sie ihm zu nahe treten wollte. Es erlaubt ihm, sich das immer nur insofern gefallen zu lassen, als es im System von ihm selbst vorgesehen ist. Es erlaubt ihm, grundsätzlich über sie zu verfügen. Wer ein System hat, der ist in der glücklichen Lage, vor 811 Überraschungen bewahrt zu sein. Und eben darauf zielt ja jede Weltanschauung von ihrem Ansatz her: der Mensch möchte geborgen und gehalten sein; indem er es nicht aushält, bei Gott geborgen, mit der Welt und inmitten der Welt von Gott gehalten zu sein, gerät er in Unruhe, sucht er einen anderen, vermeintlich besseren Halt, findet ihn im Prinzip und macht ihn sich zu eigen, indem er im System aus dem Prinzip dessen Konsequenzen zieht. Ein solcher Halt, viele solche Halte sind, wie die Existenz der Weltanschauungen und ihrer Systeme zeigt, tatsächlich erreichbar und erhältlich. In den Weltanschauungen und speziell in ihren Systemen als solchen temperiert der Mensch sein Verhältnis zur Wirklichkeit in der Meinung, damit auch das beunruhigende Verhältnis der Wirklichkeit zu ihm temperieren zu können. Im System verständigt er sich mit sich selbst darüber, was er vom Mitmenschen, von der Natur und vom Geist, von der Geschichte, von der Gottheit und schließlich und vor allem auch von sich selbst zum vornherein, letztlich und im Grunde zu halten, mit welchen Möglichkeiten er zu rechnen, welche Unmöglichkeiten er außer Betracht zu lassen, was er zu lieben und zu hassen habe und was ihm gleichgültig sein und bleiben dürfe. Im System sammelt er sich in bestimmten Richtungen zu bestimmten Aktionen, um sich dafür in anderen Richtungen Zerstreuung, Urlaub und Ferien zu gewähren. Im System hat er sich insofern im Voraus über Alles und Jedes Bescheid gesagt, als er sich im Voraus vergewissert hat, Allem und Jedem, auch wenn er es im Einzelnen und in seiner Konkretion noch nicht kennen sollte, von bestimmten fest|213liegenden Voraussetzungen her gewachsen zu sein und gerecht werden zu können. Im System hat er mindestens ein mächtiges Instrument in der Hand, dem er es zutraut, dass es ihn, richtig angewendet, nirgends ganz im Stich lassen werde. Eben wirkliche Überraschungen, eben eigentliche Grundlagenkrisen, eben die Aussicht auf künftige totale Neuentdeckungen und Wendungen sind für den, der das Glück oder Unglück hat, ein System zu haben, zum vornherein ausgeschlossen. Er wird zwar vielleicht alle Hände voll damit zu tun haben, seine Voraussetzungen geltend und fruchtbar zu machen. Er wird sich vielleicht in dauern812der, vielleicht sehr fleißiger und sogar aufgeregter – Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und auch mit anderen derartigen Voraussetzungen und also mit anderen Weltanschauungen und ihren Systemen befinden. Er wird vielleicht sogar einen größeren Teil seiner Zeit und Kraft eben daran wenden, sich selbst dessen immer wieder zu versichern, dass er auf dem rechten Wege ist, und womöglich auch Andere davon zu überzeugen, dass eben dieser Weg auch für sie der einzig richtige wäre. |

Wir sahen ja schon, wie jede Weltanschauung sich durch die Wiederholung der heiligen Wahl des Prinzips dauernd erneuern muss, wie ihr Ende dann sicher gekommen wäre, wenn diese Wiederholung nicht in der einen oder anderen Form (original oder als fides implicita155) immer aufs Neue stattfände. Es wird sich aber auch der, der sich in solchen Kämpfen mit sich selbst und Anderen befindet, als Besitzer des Systems in einer verhältnismäßig festen Burg wissen. Das System hat nämlich, sobald es einmal im Entstehen und auch nur ein Stück weit wirklich entstanden ist, mindestens in gewissen Grenzen seine eigene Kraft und Stabilität auch dem Prinzip gegenüber, wie ja auch ein Spinnennetz seinen gewissen Bestand hat, auch nachdem das produzierende und konstruierende Tier vielleicht schon wieder andere Wege gegangen ist. Es gibt, jene Erneuerung aus dem Prinzip vorbehalten, auch einen Rausch und eine Dynamik des Systems als solchen, eine Dämonie der von irgendwoher gezogenen und verknüpften Konsequenzen in ihrer eigenen Schönheit und Würde, die es dem Menschen sehr wohl erlaubt, sich auch dann noch unter Umständen sehr lange und sehr getrost für geborgen zu halten, wenn es um die das |214 Ganze erzeugende und tragende Mitte längst nicht mehr zum Besten bestellt, wenn ernstlicher Zweifel an der Gültigkeit des Prinzips ihn längst befallen haben sollte. Auch das System ist eben eine in seiner Weise vollkommene Nachahmung. Wie das Prinzip Gott selbst nachahmt, so das System das souveräne Handeln Gottes in und mit der Welt als seinem Instrument zur Bildung des Menschen. Weil die Welt in der Hand des Gottes ist, der des Menschen Freund und Verbündeter ist, darum und von daher ist es ja ganz wahr, dass der Mensch sich in einer festen Burg befindet,156 dass die Wirklichkeit ihm nichts anhaben, dass es für ihn 813 letztlich nichts Unerwartetes geben kann, dass er zwar kämpfen muss und doch in allem Kampf schlechterdings damit rechnen darf, dass sein Halt und seine Geborgenheit unerschütterlich sind und sich nur immer aufs Neue bewähren und bestätigen können. Weil die Welt in Gottes Hand ist und in dieser Hand auf alle Fälle zur Bildung des Menschen dienen muss, darum ist sogar das wahr, dass der Mensch von Gott auch durch die Schwankungen seines eigenen Verhältnisses zu ihm hindurchgetragen ist, dass er sich von ihm immer schon, ehe er ihn anruft, erhört wissen darf. Eben das Alles wird im weltanschaulichen System zweifellos nachgeahmt. |

Wie wenig der Mensch Gott entfliehen kann, wenn er es schon will, das zeigt sich nicht nur darin, dass er auch auf seiner Flucht das Prinzip in die Rolle Gottes versetzen muss, sondern auch darin, dass er sich im System eine Art Ersatz für die ihm fremd gewordene göttliche Vorsehung verschaffen, dass er sich als Systematiker bemühen muss, seine eigene Vorsehung zu spielen. Eben dieses Spiel ist tatsächlich spielbar, und so wird es denn auch kein richtiger Systematiker unterlassen, den leider so indirekten, so gänzlich unechten Zusammenhang seines Tuns mit der göttlichen Vorsehung gelegentlich dadurch sichtbar zu machen, dass ihm zur Verherrlichung seiner eigenen Souveränität dann und wann auch dieses große Wort oder doch das etwas weniger verbindliche Wort «Schicksal» über die Lippen geht.157 Er |215 kann aber in dieser Sache und auch mit diesen Worten nur spielen. Sein System ist nicht die göttliche Vorsehung und nicht einmal das Schicksal. Es ist die ihm durch sein System verschaffte Beruhigung nicht die feste Burg, die ihm durch die göttliche Vorsehung allerdings gebaut ist, die er aber als Mann des Prinzips und des Systems längst verlassen hat. Die feste Burg des Systems bedeutet für den Systematiker doch nur dies, dass er aufgehört hat, für die Wirklichkeit der Welt so offen zu sein, wie sie es für ihn ist und wie er es, da sie in Gottes Hand ist, auch für sie sein müsste. Er hat sie sich verdeckt. Dass er sie sich nicht gänzlich verdecken kann, dass er für sie erreichbar bleibt, dafür wird gesorgt sein. |

Man kann der wirklichen Welt so wenig ent814fliehen wie dem wirklichen Gott: der wirklichen Welt eben darum nicht, weil sie in der Hand des wirklichen Gottes ist. Sie hört damit nicht auf, dem Menschen gegenüber offen zu sein, dass er es vorzieht, sich ihr gegenüber zu verschließen. Sie hört damit nicht auf, sich ihm gegenüber geltend zu machen und ins Recht zu setzen, dass er ihr Verhältnis zu ihm durch sein systematisches Verhältnis zu ihr zu kanalisieren und zu |216 temperieren versucht. Aber was an ihm liegt, das geschieht allerdings in dieser Richtung. So weit sein System reicht, bedeutet es für ihn tatsächlich eine Verdeckung der Wirklichkeit. Er sieht vielleicht zeitweise und teilweise vorbei an dem Medium seiner Voraussetzungen, Grundsätze, Gesichtspunkte, gelegentlich vorbei an seiner Erkenntnistheorie, Metaphysik und Ethik, mit der er seine Augen und sich selbst schützen zu müssen und zu können meint. Er kann vielleicht, er kann wahrscheinlich so konsequent nicht sein, seine Vereinfachungen und Zurechtstellungen, seine Positionen und Negationen so kräftig und befriedigend nicht durchführen, wie er es wohl wollte und wie er es zu können sich einredet und vor Anderen den Anschein gibt. Sofern seine Systematik misslingt oder doch nicht ganz gelingt, sieht auch er die Wirklichkeit. Zu seinem Heil ist es so, obwohl die Katastrophe, die von daher sich ankündigt, gerade für ihn bitter genug sein wird. Sofern er aber an jenem Medium nicht vorbeisieht, sofern es ihm gelingt, konsequent zu sein, sofern das System wirklich triumphiert, kann er die Wirklichkeit nicht sehen. Auch die paar offenen oder halb offenen Fenster der meisten Weltanschauungsgehäuse können daran nichts ändern, weil auch sie willkürlich, im Zusammenhang und nach Maßgabe des Systems vom Menschen gewählt und gesetzt sind, weil schließlich auch das zum System gehören kann, an bestimmten Stellen mit offenen oder halb offenen Fragen158 geschmückt zu sein. An der Verschlossenheit des Ganzen wird damit nichts geändert. |

Die Verschlossenheit jedes Systems als solchen besteht in seiner Arroganz, vom Prinzip her vorsehen zu wollen, d. h. Voraussetzung für alles Sehen zu sein, den notwendigen Rahmen, die unüberschreitbare Grenze alles Wissens zu bilden. Sie besteht in der Illusion, 815 es sei des Menschen Sache, den Dingen zuerst auf den Grund zu sehen159, um sie nachher von diesem ihrem Grunde her zu erfassen. Sie besteht in der Fiktion einer vom Wissen um die Dinge verschiedenen, ihm vorangehenden und zu Grunde liegenden Erkenntnis ihres Seins, ihres Wesens, ihres Sinnes. Diese Arroganz, Illusion und Fiktion ist die Kraft, aber auch die Schwachheit jedes Systems. Das ist seine Kraft und seine Schwachheit, dass es dem Menschen jene Verkehrsregelung, |217 jene beruhigende Vorverständigung mit sich selbst, jene Sicherung gegen alle Überraschungen zu bieten vermag. Und die Kraft dieser Gabe ist nur scheinbar, ihre Schwachheit umso realer. Gerade in solcher Voreingenommenheit sollte ja der Mensch der Wirklichkeit – wie nötig und angenehm ihn das auch deuchen mag – nicht entgegentreten. Sie ist, so wie sie ist, Gottes Instrument zu seiner Bildung. Sie kann ihm als solches nur dienlich sein, wenn er sie so, wie sie ist, zu sich reden lässt. Sie wendet sich sonst gegen ihn. Sie erträgt keine eigenwilligen Verengerungen seines Gesichtsfeldes, kein künstliches Sehen, keine noch so einleuchtenden Verkürzungen und Vergröberungen, keine noch so naheliegenden Übertreibungen und Unterschätzungen, keine willkürlichen Zurechtstellungen ihrer theoretischen und praktischen Phänomene160. Sie will dem Menschen gegenüber freie Hand haben. Sie will sich ihm so geben dürfen, wie sie selber sich geben will. Sie will von ihm gekannt und gewusst sein; sie will ihm aber gerade auch immer wieder eine Überraschung, ganz neu und gerade so hilfreich sein. Er brauchte sie nämlich deshalb, weil sie ihm allerdings immer wieder überraschend sein wird, nicht zu fürchten. Er wäre, wenn er ihr das Recht dazu ließe, in Wahrheit nicht schlechter, sondern unendlich viel besser gehalten und getragen ihr gegenüber, als wenn er sich mittels seines Systems vor ihr zu retten versucht. Er hat gar keinen Anlass, sich gegen sie zur Wehr zu setzen. Das wird in Wahrheit erst damit nötig, dass er sich nicht mehr auf Gott verlässt und beim System seine Zuflucht sucht. Erst die systematisierte Welt ist fürchterlich, weil sie der Reflex seiner eigenen Unruhe ist. 816 Er dürfte die ohne Vorverständigung und Voreingenommenheit gesehene, in Freiheit zu ihm redende Welt ruhig auf sich zukommen, er dürfte sich von ihr ruhig in Erstaunen setzen lassen. Er dürfte mit der Welt wie mit Gott in tiefstem Frieden leben, wenn er zuerst für Gott und dann auch für sie nur vorbehaltlos offen bleiben wollte. Mit dem System verschließt er sich für beide. In dem Maß, als das System gelingt, schneidet es ihn von dem, was ist, in irgend einer Hinsicht (und vielleicht in sehr vielen zugleich) ab. Es versetzt ihn wohl in eine sichere Burg, aber diese Burg ist auch sein Gefängnis. Was darf und |218 kann er wohl von hier aus noch sehen und so sehen, wie es ist? Wieviel vom blauen Himmel und von der grünen Erde161 wird hier wohl durch die Gitterstäbe, hinter die er sich selber begeben, zu ihm hereinschauen? In welchem Umfang wird wohl die wirkliche Welt ihre Bestimmung, ihn zu bilden für Gott, ihm gegenüber noch erfüllen können? In welchem Umfang wird er umgekehrt auf Grund seines eigenen Spinnenwerks für diese Bildung verdorben sein? |

Am System liegt es nicht, wenn nicht alle diese Fragen zu Ungunsten des armen Systematikers zu beantworten sind. Das System als solches ist immer Überdeckung der wirklichen Welt. Und nun muss man bedenken, dass diese damit, dass der Mensch sie sich verdeckt, nicht aufhört, zu sein, was sie ist, ihr Recht und ihre Freiheit dem Menschen gegenüber sich nicht nehmen lässt. Die Welt bleibt offen gegen den Menschen hin, auch wenn dieser gegen sie hin verschlossen wird. Es ist schließlich doch nur sein eigenes Recht und seine eigene Freiheit, die er damit beschneiden kann. Und auch die Absicht Gottes mit der Welt wird damit, dass der Mensch ihr sein System und also seine eigene Absicht entgegensetzt, keine andere. Es muss aber zwischen der wirklichen Welt und dem menschlichen System, zwischen der objektiven Offenheit und der subjektiven Verschlossenheit, zwischen der göttlichen Bildung des Menschen und den Gebilden der menschlichen Ängstlichkeit zu Konflikten kommen, in welchen der Mensch unmöglich der Stärkere sein kann und in welchen er, 817 wie sie auch endigen mögen, auf alle Fälle zu leiden hat. Wie der wirkliche Gott den menschlichen Prinzipien, so widerspricht die wirkliche Welt nach Gottes Willen mit ihr den menschlichen Systemen. Es handelt sich dabei freilich um einen Heilungs- und Wiederherstellungsprozess: um die Aufarbeitung, Auflösung und Beseitigung des zwischen den Menschen und die Welt hineingekommenen Fremdkörpers, um die neue Öffnung der blind gewordenen Augen, der taub gewordenen Ohren. Es geht schon um des Menschen Befreiung aus dem Gefängnis der Weltfremdheit, in das er sich selbst so mutwillig begeben hat. Aber ohne Schmerzen wird das nicht abgehen. Der Mensch wird es nie |219 gerne haben, wenn die Wirklichkeit sich als mächtiger erweist als das von ihm produzierte und konstruierte Netzwerk. Er wird beleidigt sein durch die Zumutung, dieses sein Werk nun doch wieder, und zwar gänzlich, hergeben zu müssen. Er wird erschrecken vor der Aussicht, den Dingen nun doch wieder ohne alle Voraussicht und Vorwegnahme seinerseits begegnen zu müssen. Er wird gerade vor der unsystematisierten Welt, die er so gar nicht fürchten müsste, entsetzliche Furcht empfinden. Er wird sich, verkehrt wie er ist, für einen Mann des Todes162 halten, wenn ihm auch im Blick auf die wirkliche Welt eine so radikale Bekehrung: der Abbau seines Systems, der Verzicht auf alle Systeme nahegelegt wird. Er wird gerade die ihm damit angebotene totale Sicherheit für den Sturz in die totale Unsicherheit halten. Es ist ja die Abdankung seines Voraussehens und Vorsorgens als solchen und damit seine eigene Abdankung als der Flüchtling vor Gottes Vorsehung und Vorsorge, die damit von ihm verlangt wird. Wer sich als Systematiker auf sich selbst verlässt, der muss sich für verlassen halten, wenn er sich nun wirklich ganz und allein auf Gott verlassen sollte. Aber wie sich der Mensch auch dazu stelle: eben diese Abdankung ist das tatsächlich von ihm Verlangte. Sie ist der Sinn des Konfliktes, den er als Systematiker selbst heraufbeschworen hat und der ihm, solange er Systematiker sein und bleiben will, gar nicht erspart bleiben kann. Er kann die Welt und Gottes Absicht mit ihr nicht ändern. Er selbst müsste sich verändern, und zwar eben dahin, dass er die Welt 818 und Gottes Absicht mit ihr fein unverändert stehen und auch für sich gelten lassen wollte. Solange und sofern er dies durchaus nicht tun will, kann es nicht anders sein, als dass er mit dem Kopf gegen die Mauer rennt und dass bei diesem Vorgang bestimmt er der Leidtragende sein wird. Etwas Anderes als dies ist von der Herrschaft der Weltanschauungen gerade in dieser Hinsicht bestimmt nicht zu sagen.

Wir machen schließlich (3.) die Feststellung, dass die Herrschaft jeder Weltanschauung die Herrschaft eines Gesetzes bedeutet. Es ist |220 der Mensch selbst und als solcher, der uns jetzt im Blick auf seine durch die Weltanschauungen bestimmte Situation noch einmal beschäftigen muss. Er ist der unermüdliche Erfinder und Schöpfer der Weltanschauungen. Er entdeckt die Prinzipien. Er baut die Systeme. Seine irrende Unruhe ist das treibende Motiv des Ganzen. Er ist denn auch das Opfer dieses Ganzen. Die Welt wird nicht angerührt durch dieses sein Unternehmen: es wäre denn in der Weise, dass sie mit dem Menschen und um den Menschen, von sich aus freilich ohnmächtig, Leid trägt wegen der Störung und Zerstörung, unter der er leiden muss. Gott wird auch nicht angerührt durch dieses Unternehmen: es wäre denn darin, dass er sich das Leid des Menschen in dem mächtigen und hilfreichen Mitleid seiner Barmherzigkeit nahe gehen lässt. Der Mensch aber ist angerührt durch dieses sein eigenes Unternehmen. Der Mensch ist der Ort, wo dessen Unmöglichkeit zum Ausbruch kommt. Der Mensch ist hier der eigentliche Leidtragende. Die Untreue schlägt ihren eigenen Herrn. Der durch seine Untreue geschlagene Herr ist der Mensch. Er wird damit geschlagen, dass er unter ein Gesetz zu stehen kommt. Das von ihm entdeckte Prinzip und das von ihm gebaute System ist das Gesetz. Es gibt auch ein Gesetz Gottes: des Menschen Bestimmung für ihn, seine Menschlichkeit. Aber der Inhalt dieses Gesetzes ist seine Freiheit: etwas Anderes, als dass er Mensch und als solcher vor Gott und für Gott sei, wird durch das Gesetz Gottes nicht von ihm verlangt. Nicht das Gesetz, sondern Gott beherrscht ihn, und nicht dem Gesetz muss er, sondern Gott darf er dienen laut des Gesetzes Gottes. |

Das Gesetz 819 des Prinzips und des Systems aber will nicht seine Freiheit, sondern seine Gefangenschaft. Es ist ein seiner Menschlichkeit fremdes Gesetz, d. h. es verlangt Werke und Leistungen von ihm, die mit seiner Menschlichkeit nichts zu tun haben, die ihr geradezu entgegen sind, die er nur in Verleugnung seiner Menschlichkeit vollbringen kann. Es übt eine von der Herrschaft Gottes verschiedene Herrschaft [aus], eine Fremdherrschaft, unter der der Mensch nicht leben, sondern nur sterben kann, weil er nicht für sie geschaffen ist. Dass weder das Prinzip noch das System ihn jemals völlig beherrschen können, ist wohl wahr. Darin verrät es sich eben, dass kein Prinzip mit dem wirklichen Gott und kein System mit der von Gott geschaffenen und regierten wirklichen Welt identisch ist. Darin verrät sich, dass ihre |221 Herrschaft über den Menschen tatsächlich eine usurpierte, eine Fremdherrschaft ist. Der völlig beherrschte Mensch wäre gerade der freie Mensch. Nur Gott kann ihn völlig beherrschen; nur Gott kann ihm also Freiheit geben. Das Prinzip und das System können ihn tatsächlich nicht völlig beherrschen. Das macht aber ihr Gesetz nicht erträglicher. Gerade das macht es unerträglich. Gerade mit seiner zweideutigen, innerlich gebrochenen, tief unechten Autorität kann es den Menschen nicht befreien, sondern nur gefangen nehmen, seiner Menschlichkeit nur entgegen sein. Seine Situation unter diesem Gesetz ist diese: Er hat sich selbst, indem er sich ein Prinzip erwählte bzw. von diesem sich erwählen ließ, unter einen bestimmten Einfluss gestellt. Er ist nun nicht mehr nur Mensch, wie er es vor Gott und für Gott sein dürfte, sondern auch noch der Besessene und Sachwalter jenes die Rolle Gottes spielenden Vorzugselementes. Er muss nun in dessen Dienst treten, seines Vorzugs sich dauernd bewusst bleiben, seinen Vorzug in allem seinem Tun zur Geltung bringen. Er muss sich, da er ihm die Rolle Gottes einmal eingeräumt, ein Gewissen daraus machen, das in irgend einer Hinsicht zu unterlassen. Es muss ihm grimmiger Ernst sein mit seiner Sache. Es ist ihm wohl auch ernst damit. Es kann ihm aber unter allen Umständen nicht immer und nie gänzlich ernst sein. Er kann dem Dienst seines Prinzips 820 bestimmt nicht auf der ganzen Linie nachkommen. Das geht schon darum nicht, weil es ja nicht der wirkliche Gott ist, weil es ihn gar nicht völlig und endgültig in Anspruch nehmen kann. Mehr als ein bestimmter Einfluss ist von ihm nicht zu erwarten. Es wird den Menschen an bestimmter Stelle immer intakt lassen. «Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein»163, denkt er dann wohl und übersieht nur, dass jener Einfluss faktisch stattfindet und dass es ihm gegenüber keinen wirklichen Ruheort geben kann. Indem es ihn immer nur ein Stück weit und nun doch in der Rolle Gottes in Anspruch nimmt, kann es nicht anders sein, als dass es ihm, sofern er ihm gegenüber noch intakt geblieben ist, fortwährend zum Vorwurf und zum Ankläger wird. Ihm wird er nie genug tun können. Es verlangt, gerade weil seine Herrschaft in sich fragwürdig und immer bedroht ist, unermüdliche Bedienung. Und so etwas wie Sündenvergebung ist vom Prinzip auch nicht zu erwarten. |222 Ihm fehlt die Güte Gottes; so kann es nur unerbittlich mehr und mehr fordern. Es kann den Menschen nur müde machen, und es kann ihn, indem es ihn hat und doch seiner Natur nach nicht völlig haben kann, im letzten Grund nur erbittern. Der einem Prinzip verfallene wird im Unterschied zu dem Gott gehorsamen Menschen immer bitter oder auch sauer sein. Das kommt davon her, dass er im letzten Grund, wie besessen er sich immer gebe, nur widerwillig und seufzend gehorcht und nun doch nicht davon loskommt, gehorchen zu müssen. Seine Bitterkeit und Säure verrät ihn; sie verrät die ganze Ohnmacht, aber freilich auch die ohnmächtige Macht der Prinzipien. (Wenn ein Christ sich in ähnlicher Weise verraten sollte, so möge er sich daran klar machen, dass er vom Gesetz Gottes längst abgefallen, längst dem Gesetz einer vermeintlich christlichen Weltanschauung verfallen ist!). |

Die Herrschaft eines Prinzips bedeutet immer Gefangenschaft: eine solche Gefangenschaft, die man wohl mit der Gefangenschaft unter anderen Prinzipien vertauschen, die man aber nicht anders als durch Rückkehr von den Prinzipien zum wirklichen und lebendigen Gott und seiner Herrschaft loswerden kann. Dort, aber auch dort allein winkt die Freiheit. Die Unmöglichkeit der menschlichen Situation unter der Herrschaft einer Weltanschauung ist schon nach dieser 821 Seite grenzenlos. Sie kann nur durch eine ganz andere Situation ersetzt werden, wenn das Gesetz dem Menschen nicht zum Gesetz seines Todes [vgl. Röm. 8,2] werden soll. Die Sache hat aber noch eine andere Seite: Es hat sich der Mensch, indem er auf das Prinzip das System baute, unter eine Regel gestellt. Er ist nun nicht mehr bloß der Mensch im freien Verkehr mit der für ihn, zu seiner Bildung geschaffenen wirklichen Welt, sondern darüber hinaus der Mensch, der sich über die Welt Bescheid gesagt, der sich selber die Voraussetzungen geschaffen hat, unter denen er es der von Gott geschaffenen Welt gestatten will, ihn anzugehen, seine Welt zu sein. Er hat nun diese Brille vor den Augen. Er hat nun von der Welt nicht mehr und nicht weniger als das, was diese Brille, und [hat es] so, wie diese Brille es ihm zu sehen gestattet. Er muss nun auf den von ihm selbst gelegten Schienen rollen. Es muss für ihn nun Alles so sein, wie es nach seinen Voraussetzungen zu erwarten ist. Alle Begegnungen und Entdeckungen, die er macht, alle Fragen und Aufgaben, die sich ihm stellen, alle Schwierigkeiten und Nöte, mit denen er es zu tun bekommt, müssen |223 sich nun in die bestimmten Schubladen einfügen, die er dafür vorgesehen hat. Das Gesetz will es!164 Wozu hätte er eine Weltanschauung, wenn es nicht so laufen müsste? Es kann aber offenbar auch hier nur teilweise so laufen. Das Netzwerk auch des geschlossensten Systems hat seine Lücken, in denen es die Wirklichkeit nicht erfasst. Und die Wirklichkeit lässt sich auch von den Maschen dieses Netzes tatsächlich nicht erfassen. Die Welt ist an jedem Punkt immer noch reicher, tiefer, schöner, sie ist immer noch ganz anders, als vom Menschen her vorgesehen ist. Sie muss und wird gerade für den Menschen unheimlich und beunruhigend sein und bleiben, der sich ihrer eigenmächtig erwehren möchte. Sie ist das Instrument der göttlichen und nicht der menschlichen Vorsehung. So entzieht sie sich dem Zugriff des Systems, auch da, wo sie scheinbar von diesem erreicht und bedeckt wird, ganz abgesehen davon, dass von diesem Erreichen und Bedecken auf weiteste Strecken gar keine Rede sein kann. |

Der Mensch unter dem Gesetz seiner Weltanschauung aber muss sie erfassen, darf ihr gegenüber nicht kapitulieren, muss sich mindestens verschwören, dass er niemals kapitulieren und dass er jedem das Schlimmste anzutun gesonnen sei, der von Kapitulation 822 auch nur reden sollte.165 Er muss seine Arroganz, seine Illusion, seine Fiktion |224 durchführen, koste es, was es wolle: Fiat iustitia et pereat mundus!166 Er ist dem System verpflichtet, und das bedeutet, dass er sich und Anderen bis zum letzten Blutstropfen167 versichern muss, dass das System die wirkliche Welt, seine Voraussicht die göttliche Vorsehung selbst sei. Obwohl unterdessen vielleicht alle entscheidenden Schlachten längst geschlagen und für ihn verloren sind! Obwohl sein ganzes Unternehmen von Haus aus und auch damals, als es scheinbar in höchster Blüte stand, eine verlorene Sache war, weil sich die Wirklichkeit durch kein System ersetzen und verdrängen lässt. Er könnte seine Weltanschauung und jede Weltanschauung nur fallen lassen, |225 wenn er nicht unter diesem Gesetz und nicht unter dem Fluch dieses Gesetzes [vgl. Gal. 3,13] stehen wollte. Unter diesem Gesetz stehend, muss er gegen die Wirklichkeit anrennen und muss er daran zugrunde gehen. Die göttliche Vorsehung, die in der wirklichen Welt in Geltung steht und deren Anerkennung ihn allein frei machen könnte, duldet keinen Konkurrenten. Der Mensch mit seinen Weltanschauungen ist ihr Konkurrent und muss es sein. Dieser Mensch kann nicht frei sein, auch dann nicht, wenn seine Weltanschauung eine mehr oder weniger fromme ist, und dann vielleicht am allerwenigsten! Wieder könnte ihn nur die Umkehr retten. Die Unmöglichkeit seiner Situation unter der Herrschaft einer Weltanschauung ist auch nach dieser Seite grenzenlos. Nur eine ganz andere Situation ohne jede Weltanschauung würde ihn vor dem Todesgesetz retten können, das dort unaufhaltsam gültig ist.

Der Beweis für die Verschiedenheit, die Unvereinbarkeit, den ausschließenden Gegensatz zwischen dem Glauben und den Weltanschauungen dürfte damit geführt sein, dass wir nun beide in ihrer Natur, in ihrer Entstehung, in ihrer Wirksamkeit zu verstehen und darzustellen versucht haben. Es würde keinen Sinn haben, sie im Einzelnen gegeneinander zu halten und voneinander abzuheben. Sie sind von Grund und von Haus aus und darum dann auch in allen ihren genetischen, strukturellen und funktionellen Merkmalen verschiedene Größen, die man nur in ihrer Totalität neben823einander zu sehen braucht, um eben damit gewahr zu werden, dass irgend eine Gemeinschaft und positive Beziehung zwischen ihnen nicht möglich und auch nicht denkbar ist. Zwischen ihnen so wenig wie zwischen Gott und den Göttern! Und jener primäre Gegensatz bedingt diesen sekundären: Weil zwischen Gott und den Göttern nur Gegensatz denkbar ist, darum auch zwischen dem Glauben und den Weltanschauungen. Indem man dort wählt, hat man auch hier schon gewählt. In der Erkenntnis und im Dienste Gottes entsteht und lebt der Glaube. In der Täuschung durch die Götter und in ihrer Gefangenschaft entstehen und leben die Weltanschauungen. Von diesen Ursprüngen her wird auf beiden Seiten Alles ganz anders: so anders, dass auch im Einzelnen nichts gleichzusetzen, nichts auszuwechseln, nichts zu kombinieren ist. Formal vergleichbar und vertauschbar sind |226 nur die beiderseitigen Ursprünge, d. h. es kann der glaubende Mensch nur aus dem Glauben heraustreten, um dann und damit sicher sofort auf den Boden einer Weltanschauung zu geraten, und es kann der auf dem Boden einer Weltanschauung stehende Mensch diesen Boden (und den Boden aller bekannten und möglichen Weltanschauungen) nur verlassen, um eben damit auf den Boden des Glaubens zu treten, weil es außer diesen beiden einen dritten Boden nicht gibt. Aber auch diese Vergleichbarkeit und Vertauschbarkeit ist nur formell. Sachlich wäre ja sofort zu sagen, dass der Übertritt vom Glauben zu einer Weltanschauung oder umgekehrt von keiner dieser beiden Seiten her vorzusehen ist. Der glaubende Mensch hat ja wirklich als solcher keine Freiheit dazu, aus dem Glauben herauszutreten. Und wenn der von einer Weltanschauung herkommende Mensch diese wirklich fallen lässt, so setzt das voraus, dass er bereits in der Freiheit und im Gehorsam des Glaubens lebt und eben dadurch zu jenem Fallenlassen genötigt und befähigt ist. So gibt es auch hinsichtlich des Übergangs zwischen den Ursprüngen hier und dort keine Kontinuität. |

Es bilden beide: der Glaube und die Weltanschauungen, je einen in sich geschlossenen Bereich: einheitlich der des Glaubens, vielfältig und in sich widerspruchsvoll der der Weltanschauungen. Es gibt mögliche, es gibt kontinuierliche Über824gänge von einer Weltanschauung zur anderen. Es gibt aber keinen kontinuierlichen Übergang vom Glauben zu irgend einer Weltanschauung oder von irgend einer Weltanschauung zum Glauben. Sondern wenn an die Stelle des Glaubens eines Menschen wirklich eine Weltanschauung getreten sein sollte, dann könnte das nur als ein schlechthin absurdes Geschehen verstanden und bezeichnet werden. Und wenn umgekehrt die Weltanschauung eines Menschen fällt und durch den Glauben ersetzt wird, dann hat damit ein neuer Anfang stattgefunden, für den es in seiner gefallenen Weltanschauung bestimmt keinen Anlass und keinen Anknüpfungspunkt168 gab. Wenn es aber mit den Ursprüngen so steht, dann |227 erst recht mit allen beiderseitigen Konsequenzen. Es ist z. B. nicht möglich, aus dem Gott, auf den der Glaube sich verlässt, nun doch wieder ein Prinzip zu machen, mit Hilfe dessen der Mensch es sich erlauben könnte, ein Bild der Wirklichkeit zu produzieren und zu konstruieren, hinter dem er sich nun umso besser geborgen wüsste, weil er ja bei dessen Entwurf ausgerechnet mit Gott gearbeitet und gespielt hat: Der Gott, auf den sich der Glaube verlässt, ist zu dieser Arbeit oder zu diesem Spiel nun einmal nicht zu brauchen, weil er der Gott der Wahrheit ist, vor dem sich alle Bilder in Nichts auflösen. Es ist auch nicht möglich, dass der glaubende und also der von Gott geliebte, in Jesus Christus seiner Gnade teilhaftige, in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes stehende Mensch [vgl. 2.Kor. 13,13] aus seinem ruhig vertrauenden Wissen um die Wirklichkeit Gottes und der Welt und um seine eigene Wirklichkeit die Burg eines Systems, einer selbsterfundenen Vorsehung werden lassen kann. Jede solche Burg und jeder Gedanke an eine solche, jedes Bedürfnis nach einer menschlichen Vorsehung und jedes Zutrauen zu ihrer Glaubwürdigkeit und Festigkeit ist ja damit positiv erledigt, dass der glaubende Mensch es liebt, von Gott inmitten der übrigen Geschöpfwelt geliebt zu werden. Es ist auch das nicht möglich, dass sich ihm das Gesetz Gottes, das das Gesetz seiner eigenen Freiheit ist [vgl. Jak. 1,25; 2,12], in jenes tötende Gesetz verwandelt, unter dem er, immer gezwungen und doch nie bezwungen, bitter und sauer werden und unter dessen Herrschaft er schließlich an der nicht zu syste825matisierenden Wirklichkeit scheitern muss. |

Die Prädikate des Prinzips, des Systems und des Gesetzes einer Weltanschauung können nicht auf die scheinbar entsprechenden Momente des Glaubens übertragen werden. Sie können es darum nicht, weil die Entsprechung immer nur eine scheinbare ist, weil der Glaube und die Weltanschauungen sich gerade in den scheinbar entsprechenden Momenten in Wirklichkeit wie Feuer und Wasser zueinander verhalten. Dasselbe gilt aber auch umgekehrt: Man würde sich vergeblich bemühen, wenn man z. B. das Prinzip einer Weltanschauung nachträglich mit den Eigenschaften des Gottes bekleiden wollte, der der Ursprung und Gegenstand des Glaubens ist. Man verriete durch solche Entlehnung und Anpassung freilich die ursprüngliche Schwäche, die natürliche Unselbständigkeit der betreffenden und jeder Weltan|228schauung. Man würde aber die Weltanschauung durch solche Entlehnung und Anpassung, die doch immer nur eine Etikettierung sein kann, nicht stärken, sondern nur noch schwächer machen. Die Eigenschaften Gottes sind nicht übertragbar169 und nicht einmal etikettierbar. Sie wirken eben da, wo solche Übertragung, solcher Raub auch nur versucht wird, in der Weise, wie es in der Geschichte von der Aufstellung der Bundeslade im Tempel des Dagon 1.Sam. 5,1f[f.], beschrieben ist: sie kompromittieren und ruinieren das Prinzip, zu dessen Ehre man sie jeweilen herbeischleppen möchte. Man kann sich auch nicht den Luxus und den Frevel eines Systems leisten, um sich nachträglich in dessen Voraussetzungen und Sicherungen mit demjenigen stillen und haltbaren Vertrauen einrichten zu wollen, in welchem der Glaube der ganzen Wirklichkeit gegenüber offen und geborgen ist. Dieses Vertrauen stammt aus der Ruhe des Menschen in Gott, die da ist, wo der Mensch es dabei bewenden lässt, sich daran zu halten, dass er von Gott gehalten ist. Das System aber stammt aus der Untreue des Menschen, der es dabei nicht sein Bewenden haben lassen mag. Was zum System passt, ist wohl die trotzige Zuversicht des Menschen zu seinem eigenen Werk bzw. zu den Göttern, durch die er sich zu diesem seinem Werk berufen glaubt, – die Zuversicht, die doch morgen oder heute schon in ein ebenso gründliches Verzagen um|826schlagen kann. Das christliche Vertrauen passt zu keinem System. Wenn der Systematiker es – vielleicht um der systematischen Vollständigkeit willen – für richtig hält, seinerseits auch zu so etwas wie zu einer Imitation des christlichen Vertrauens zu greifen, so sehe er wohl zu, dass es dabei nicht zu einer fürchterlichen Beschleunigung gerade dieses Umschlags komme. Gott lässt seiner nicht spotten mit einem imitierten Vertrauen. Der Mensch wird ernten müssen, was er gesät hat [Gal. 6,7], und dann erst recht und nur umso schneller und gründlicher, wenn er der Vorsicht halber gleich auch ein bisschen verdorbenen Weizen unter sein Unkraut gesät hat [vgl. Mt. 13,24–30]. Und |229 so ist es auch undurchführbar, die toten Werke des Gesetzes einer Weltanschauung nachträglich in die guten Werke des Gesetzes Gottes umzudeuten, unter denen der Glaube frei und gerade so gehorsam ist. Dass jedes Gesetz tötet, dass jedes Prinzip den Menschen nur müde und jedes System ihn nur weltfremd machen kann, daran wird damit gar nichts geändert, dass man es unter das Zeichen des Namens Gottes stellt. Man sollte das lieber nicht tun. Das Elend des unter der Herrschaft jenes Gesetzes stehenden Menschen: seine ganze Bedrängnis zwischen Sollen und Sein, Wollen und Nichtkönnen, wird unter jenem Zeichen nur erst recht akut und offenbar, durch jenes Zeichen aber keineswegs beseitigt werden können. So ist zwischen hüben und drüben eine Kluft, die an jedem Punkt von beiden Seiten sichtbar werden muss, von keiner Seite zu überbrücken ist. So gibt es wirklich auch zwischen den Konsequenzen hüben und drüben keinen kontinuierlichen Übergang. So kann man in dieser ganzen Sache wirklich nicht zweien Herren dienen [Mt. 6,24]. Wer glaubt, der hat den Weltanschauungen in ihrem Ursprung und in ihren Konsequenzen – und wer eine Weltanschauung hat, der hat dem Glauben wieder in seinem Ursprung und in allen seinen Konsequenzen abgeschworen. Der objektive Gegensatz zwischen Gott und den Göttern macht es unmöglich, dass es in dem subjektiven Gegensatz zwischen dem Glauben und den Weltanschauungen eine Vermittlung, eine Versöhnung, eine Vereinigung gibt. – Was hier möglich ist, das sind nur Missverständnisse oder Entscheidungen.

827 Wir reden zuerst von den Missverständnissen. Sie sind allerdings möglich. Das ist zuzugestehen, schon weil sie in unübersehbarer Menge wirklich sind. Es kommt tatsächlich immer wieder vor, dass der Mensch meint, zugleich glauben und eine Weltanschauung haben – zugleich eine Weltanschauung haben und doch auch glauben zu können.

Diese Meinung ist der trübe Schleier, der schon auf der ganzen Geschichte Israels und dann auch wieder auf der ganzen christlichen Geistes- und Dogmengeschichte liegt: immer wieder durchbrochen freilich, aber doch auch immer aufs Neue ausgebreitet. Er liegt nicht auf dem Alten Testament als solchen, nicht auf seinen Propheten, nicht auf seiner Darstellung und Beurteilung der Geschichte Israels. Er liegt auch nicht auf dem Neuen Testament. Die Weltan|230schauungen sind freilich auch in der alt- und neutestamentlichen Bibel sichtbar, aber gerade nicht in dem Missverständnis, als ob der Mensch glauben und dann doch auch eine Weltanschauung haben könne, sondern in Verdrängung und Überwindung der Weltanschauung durch den Glauben. In der Bibel polemisiert der Glaube gegen die Weltanschauungen. Er kennt die Prinzipien, aber er leugnet sie; er kennt die Systeme, aber er ist unbeteiligt und abweisend ihrer Produktion und ihrer Konstruktion gegenüber und denkt nicht daran, ihre Zahl um ein weiteres zu vermehren; er kennt auch das Gesetz dieser Bilder, aber er ist fern davon, sich ihm zu unterwerfen, sondern er stellt ihm das Gesetz Gottes entgegen als das allein gültige Gesetz. Eben dieser prophetische und apostolische Protest des Glaubens gegen die Weltanschauungen hat sich dann auch in der christlichen Geistes- und Dogmengeschichte überall da wiederholt, wo der Glaube wachte, statt zu schlafen, wo er bei sich selbst war, wo er in Verantwortlichkeit gegenüber dem ihn begründenden Worte Gottes zu reden und zu handeln wusste. Es ist aber wohl wahr, dass es immer auch einen schlafenden Glauben und dass es sogar im wachen Glauben ein immer wenigstens teilweises Schlafen gegeben hat.170 Und wenn und sofern der Glaube ganz oder teilweise geschlafen hat, da herrschte jene Meinung.

Und es ist nicht nur so, dass die meisten Menschen immer dieser Meinung waren, sind und 828 sein werden, während eine glückliche Minderzahl von ihnen sich wirklich und gänzlich von ihr befreit hätte. Sondern es ist offenkundig so, dass der Mensch als solcher, auch der glaubende Mensch mehr oder weniger immer dieser Meinung ist. Er glaubt und meint außerdem auch eine Weltanschauung haben zu müssen, zu sollen, zu können. Oder er hat eine Weltanschauung und hält den Glauben, gleichviel ob er ihn selbst habe oder nicht, jedenfalls für eine Sache, die er gegebenenfalls mit seiner Weltanschauung zusammen haben könnte. Wenn er zu seiner Weltanschauung zufällig passte, dann würde er überdies auch glauben – wenn er zufällig nicht dazu passt, dann lässt er es eben: man sieht, dass dieser Unterschied relativ |231 ist; die Meinung von der grundsätzlichen Vereinbarkeit von Glauben und Weltanschauung teilen ja beide. Und eben in dieser Meinung irren auch beide, der Gläubige und der Ungläubige. Wir sahen ja, dass der Glaube und die Weltanschauungen in ihren Ursprüngen und in ihren Konsequenzen nicht vereinbar, sondern unvereinbar sind. Versuchen wir es immerhin, wenigstens den Weg dieses Irrtums zu verstehen. Was ist es um jenes Schlafen des Glaubens? Auf der Seite des Glaubens muss ja in dieser Sache das Manko liegen. Dass man von Seiten dieser und jener Weltanschauung her den Glauben wenigstens grundsätzlich als eine auch mögliche Angelegenheit ansehen, dass der weltanschaulich orientierte Mensch es jedenfalls in Erwägung ziehen kann, den Glauben in das Gefüge seines Bildes einzubauen oder ihn diesem wenigstens anzubauen, wie jene Kramladen, die im Mittelalter den Domen wenigstens angebaut wurden, das ist nur natürlich. Es wird immerhin auch auf dieser Seite nur insofern natürlich sein, als der weltanschaulich orientierte Mensch als solcher nun einmal sicher nicht der glaubende Mensch ist, sondern nur in Abwesenheit des Glaubens eine Freiheit genießt oder doch einer Ahnungs- und Harmlosigkeit sich erfreut, in der er sich jene Meinung leisten kann. Dass der Glaube selbst schlafen und also jene Unvereinbarkeit übersehen kann, ist schwerer zu erklären. Wollen wir genau sein, so werden wir ja sagen müssen: der Glaube selber und als solcher kann so wenig schlafen, wie Gott schlafen kann. Ihm als solchem kann es gewiss 829 nicht passieren, dass er jenen Protest vergisst und unterlässt, sich mit den Weltanschauungen an irgend einen friedlichen Tisch zu irgendwelchen Auseinandersetzungen, Verständigungen und Bereinigungen zusammenfindet.

Dem Glauben der Propheten und Apostel ist das denn auch tatsächlich nicht passiert. Man könnte die Art, wie der Glaube bei ihnen gerade in dieser Hinsicht wach gewesen und geblieben ist, geradezu als ein Merkmal der Inspiration ihrer Schriften, als Kundgebung ihres Charakters, als Zeugnis der göttlichen Offenbarung bezeichnen. Der Glaube außerhalb der heiligen Schrift kann offenbar insofern schlafen, als da der glaubende Mensch zeitweilig und strichweise auch nicht glauben kann. Der Glaube ist ja ein Akt des Menschen, in dessen Vollzug dieser auch versagen kann. Man wird nicht gut leugnen können, denn es ist in der Bibel selber sichtbar gemacht, dass auch die biblischen Menschen zeitweise und strichweise nicht geglaubt haben. Man kann aber wiederum nicht leugnen, dass das Zeugnis, das sie uns in den bi|232blischen Schriften hinterlassen haben, das Zeugnis ihres Glaubens und nicht das ihres zeitweiligen und strichweisen Unglaubens ist. Das ist es, was man von den Zeugnissen aller anderen Menschen so nicht sagen kann.

Indem der Glaube ein Akt des Menschen ist, offenbart sich neben und mit ihm auch immer dessen zeitweiliger und stückweiser Unglaube und insofern dann mit ihm zusammen auch immer irgend eine Weltanschauung. Was nicht aus dem Glauben kommt, das wird ja auch bei dem glaubenden Menschen immer Weltanschauung sein [vgl. Röm. 14,23]. «Sprudelt etwa die Quelle aus derselben Öffnung das Süße und das Bittere hervor? Kann etwa, meine Brüder, ein Feigenbaum Oliven bringen oder ein Weinstock Feigen? Ebensowenig kann eine salzige Quelle süßes Wasser geben» (Jak. 3,11f.). Der Mensch aber kann, was der Brunnen und der Baum nicht können. Er kann es nicht de iure, aber de facto. Er tut es. Auch der glaubende Mensch tut es fortwährend. Er ist, sofern er glaubt und wiederum nicht glaubt, in der Lage, sich neben seinem Glauben auch immer noch weltanschaulich zu orientieren und zu interessieren. Das ist das Missverständnis, um das es hier geht. Es ist das 830 Selbstmissverständnis gerade des glaubenden Menschen, das dadurch möglich und wirklich wird, dass er sich selbst nicht in Kontrolle und Disziplin erhält. Dass er zeitweise und strichweise nicht glaubt und dadurch sofort zum Träger und Verkündiger irgend einer Weltanschauung wird, ist an sich schlimm genug. Es ist aber zusätzlich schlimm, dass er sich selbst dabei nicht kennt und übersieht und in Zucht hält. Er müsste das fremde Gewächs, das da neben seinem Glauben in die Höhe gehen will, als solches erkennen. Es müsste ihn sein Glaube seinem Unglauben gegenüber und also gegenüber seiner Weltanschauung zum Widerspruch reizen. Er müsste mit sich selbst sofort in Streit geraten und in offenem Streit verharren, indem er sich dabei ertappt, der Träger und Verkündiger einer Weltanschauung geworden zu sein. Das ist der Schlaf – nicht des Glaubens, wohl aber des glaubenden Menschen. Dass der glaubende Mensch wachen statt schlafen sollte [vgl. 1.Kor. 16,13], das ist kein unmögliches Verlangen.

Das ist das, was die biblischen Menschen, obwohl auch sie nicht ohne Unglauben und also nicht ohne Weltanschauung waren, offenbar getan haben. Sie haben dem Bösen widerstanden [vgl. Jak. 4,7]. Und darum atmen ihre Schriften |233 trotz alles dessen, was sie uns über ihre Weltanschauung beiläufig verraten mögen, den Geist des Widerstandes gegen die Weltanschauungen.

Wo das Wachen und also der Widerstand gegen den Unglauben und damit gegen die Weltanschauungen ausbleibt – und es scheint die Art aller von den Propheten und Aposteln verschiedenen Menschen zu sein, dass dieser Widerstand in der Regel ausbleibt –, da entsteht das Missverständnis, als könne man de iure, was man doch nur de facto kann, da kommt es zwischen Glaube und Weltanschauung zu irgend einem Pseudofrieden. Ein wirklicher Friede ist ja hier nicht möglich. Es wird ja im Grunde immer so sein, dass das Eine das Andere verdrängt, überwindet, auflöst: der Glaube die Weltanschauung oder auch umgekehrt. Es wird vielleicht da und dort auch das an den Tag kommen, dass entweder der Glaube oder die Weltanschauung des Menschen ein Schein, ein unverbindliches Spiel gewesen ist, das nun gerade in seinem Nebeneinander mit seinem Gegenteil als Spiel entlarvt 831 wird und aufgegeben werden muss. Aber es liegt nicht immer so. Es muss vielmehr damit gerechnet werden, dass von beiden Seiten ein großer Ernst sich begegnen und die Hand reichen kann, der den drohenden tödlichen Streit mindestens eine Zeitlang wirksam aufzuhalten vermag. Und es braucht dieser Streit überhaupt nicht notwendig rasch und akut zur verlaufen. Er braucht jedenfalls seine Zeit. Und unterdessen ist der Pseudofriede technisch und auch moralisch möglich, obwohl er sachlich unmöglich ist. Seine technische Möglichkeit besteht darin, dass gewisse drohende Spitzen auf beiden Seiten – etwa die Begründung des Glaubens auf die freie Offenbarung Gottes und die der Weltanschauung auf die willkürliche Erhöhung eines Prinzips – und deren Widerspruch scheinbar ohne Verleugnung auf der einen oder auf der anderen Seite mehr oder weniger unsichtbar gemacht werden können. Es kann sich der Glaube der Weltanschauung als eine Art letzte persönliche Verankerung und es kann sich die Weltanschauung dem Glauben als legitime Wissenschaft empfehlen. Und es kann auf diesem Hintergrund eine Art von Konkordat auch vom Glauben her als tunlich und durchführbar erscheinen: ein Waffenstillstand mindestens, in welchem er mit dem Unglauben und also mit der Weltanschauung von Fall zu Fall verhandelt, seine eigenen Belange in würdiger Weise geltend macht und verteidigt, aber auch die ihrigen |234 anerkennt, kurz, in eine Beziehung zu ihr171 tritt, die zwar im Einzelnen immer noch kritisch sein mag, im Ganzen aber eine grundsätzlich positive Beziehung ist. Es kann damit der ohnehin eine gewisse Zeit in Anspruch nehmende Prozess der gegenseitigen Verdrängung, Überwindung und Auflösung scheinbar abgeschnitten werden. |

Und die Sache wird dadurch kompliziert, dass solcher Pseudofriede tatsächlich auch moralisch möglich und sogar mit gewissen theologischen Scheinargumenten nicht übel zu verteidigen ist. Subjektive Unehrlichkeit braucht dabei nämlich gar nicht notwendig im Spiel zu sein. Das Unternehmen kann vielmehr herzlich gut und sogar fromm gemeint sein, und es kann vorkommen, dass seine Vertreter die viel einleuchtenderen, weil liebenswürdigeren Menschen sind als diejenigen, die ihm widerstehen, die durchaus aus dem Missverständnis 832 heraus und auf Entscheidungen drängen möchten.172 Man kann für den Pseudofrieden z. B. geltend machen, dass Gott doch der Herr und Lenker der ganzen menschlichen Geschichte sei, dass also auch die jeweils geltenden Weltanschauungen sicher nicht ohne seinen Willen und Plan zur Herrschaft kämen und insofern – obwohl mit dem Glauben nicht identisch und sogar mit des Menschen Sünde in einem gewissen Zusammenhang – vom Glauben mindestens respektiert werden müssen. Man kann umgekehrt fragen: ob denn der Glaube seine eigene Bedeutung und Kraft nicht überschätze, wenn er mit dem Unglauben und also mit den Weltanschauungen so einfach reinen Tisch |235 machen und sich von ihnen scheiden wolle? ob es nicht besser der göttlichen Weltregierung173 überlassen werde, endlich und zuletzt auch ohne den Beistand und Kampf des menschlichen Glaubens Alles zum Besten zu wenden174? Man kann darauf verweisen, wieviel Edles und Großes, wieviel auch christlich bedeutungsvolle Wahrheitsmomente wenn nicht in allen, so doch in vielen Weltanschauungen mindestens gemeint und auch faktisch ans Licht gestellt worden seien. Man kann darauf hinweisen, wie manche Vertreter solcher Weltanschauungen nicht nur verehrungswürdige Menschen, sondern auch anerkannt aufrichtige und vorbildliche Christen gewesen sind, und man kann sie dem Einen und Anderen unter den weniger ehrwürdigen und vorbildlichen Vertretern eines exklusiven Glaubens mehr oder weniger vorwurfsvoll und beschämend gegenüberstellen. Man kann im Anschluss daran an die Liebe appellieren, die, wo die Entscheidung dem vorläufigen Frieden vorgezogen wird, so leicht verletzt wird,175 und dann auch an all das menschlich Wertvolle, das doch auch Gottes Gabe sei und das in einem ausbrechenden Kampf zwi|236schen dem Glauben und der Weltanschauung sicher gefährdet werden müsste. Das Missverständnis des Pseudofriedens muss gewiss tief sitzen, wo sich für seine Aufrechterhaltung so Vieles vorbringen lässt. Es ist tatsächlich ein kräftiges, in Geschichte und Gegenwart überaus wirksames Missverständnis. Kein Wunder, dass es zu Zeiten – und genau genommen zu allen Zeiten – geradezu die Würde eines (wenn auch ungeschriebenen und unproklamierten) Dogmas gehabt hat: eines höchsten 833 Dogmas jedenfalls für alle besorgten Kirchenleitungen.176 Sollten ihre Gesichtspunkte nicht auch ins Gewicht fallen dürfen und müssen? |

Im Frontalangriff ist diese ganze Position tatsächlich nicht einzunehmen oder auch nur zu erschüttern, weil sie viel zu tief nicht nur in aller Kirchenpolitik, sondern in der Natur des Menschen, die auch die Natur des glaubenden Menschen ist, begründet ist. Der Mensch möchte mit sich selbst in Frieden sein. Er sieht, dass der Widerspruch zwischen Glaube und Weltanschauung ihn in Widerspruch mit sich selbst verwickeln würde. Darum liebt er diesen Widerspruch nicht, darum sucht er ihn sich möglichst zu verbergen; darum sträubt er sich dagegen, ihn zum Ausbruch kommen zu lassen. Er müsste erkennen, dass er nur im Frieden mit Gott auch im Frieden mit sich selbst sein könnte, dass er aber eben dazu den Widerspruch zwischen Glaube und Weltanschauung und insofern auch den Widerspruch mit sich selbst auf sich nehmen müsste. Diese Erkenntnis ist aber die Erkennt|237nis des wachen Glaubens. Und eben das Wachsein des Glaubens kann man niemand geben und niemand aufdrängen. Man kann jenen Argumenten gegenüber wohl darauf hinweisen, dass es sich im Glauben nicht darum handelt, liebenswürdig zu sein, sondern zu lieben: daraufhin, dass man von Gott geliebt ist – und also eben dies zu lieben: von Gott geliebt zu sein, wodurch man dann sicher von jeder Weltanschauung geschieden wäre. Man kann wohl geltend machen, dass es nicht gut angeht, an Gott als den Herrn der Geschichte zu glauben, ohne eben damit gegen die Götter und eben darum sicher auch gegen die Weltanschauungen Partei zu ergreifen und also aus der Neutralität eines Geschichtsbetrachters herauszutreten und in aller Demut getrost selber Geschichte zu machen. Man kann wohl geltend machen, dass der Glaube in seinem Gegensatz zum Unglauben und damit zu den Weltanschauungen keineswegs nach seiner eigenen Kraft oder Unkraft, Bedeutung oder Bedeutungslosigkeit, wohl aber nach seinem Gehorsam in eindeutiger Entscheidung gefragt ist, die zu vollziehen er gerade dann nicht unterlassen wird, wenn er der göttlichen Weltregierung ganz gewiss ist. Man kann wohl fragen, ob es denn irgend ein Wahrheitsmoment irgend einer Weltanschauung gebe, 834 das sich nicht bei näherem Zusehen als eine dürftige Imitation irgend eines Elements des Glaubens erweisen und das sich nicht im Zusammenhang einer Weltanschauung letztlich doch als verderblich und auch als ausgesprochen glaubensfeindlich herausstellen würde. Man kann schließlich fragen, wo es denn geschrieben stehe, dass nicht auch verehrungswürdige Menschen und vorbildliche Christen sich irren und dem Irrtum dienen und dass die persönliche Disqualifikation eines Verkündigers der Wahrheit, möge er selbst durch diese noch so streng gerichtet werden, an der Wahrheit des von ihm Verkündigten etwas ändern kann? Man kann daran erinnern, dass die größte Liebe sicher immer da zu finden sein dürfte, wo der Glaube sich selber treu bleibt und also dem Bekenntnis seiner Wahrheit nicht aus dem Weg geht, und dass es gewiss nichts wirklich Wertvolles für uns Menschen und erst recht keine echte Gabe Gottes [geben] kann, die durch den notwendigen Kampf des Glaubens gegen den Unglauben gefährdet werden könnte. Man kann die Vertreter des Pseudofriedens anflehen, sie möchten doch auch nur auf einen Moment ganz sachlich werden, statt Ausrede auf Ausrede, Entschuldigung auf Entschuldigung zu |238 häufen, die mit der Sache: mit dem innerlich und in sich klaren Verhältnis von Glauben und Weltanschauung nichts zu tun haben. Man kann sie endlich bitten, auch nur eine Stelle aus der heiligen Schrift anzuführen, wo man die Propheten und Apostel die von ihnen verteidigte Position einnehmen sähe. |

Das Vorbringen von allen solchen Gegenargumenten wird doch da verlorene Mühe sein, wo der Glaube nicht erwacht ist und damit die Argumente und Gegenargumente miteinander überflüssig gemacht hat. Die Antwort von der anderen Seite wird ausgesprochen oder unausgesprochen immer lauten: «Qui qu’en grogne, ainsi sera, car tel est mon bon plaisir!»177 Und wenn man sich darüber ärgern und entrüsten wollte, so muss man sich dessen erinnern, dass auch der eigene Glaube zeitweise und strichweise sicher schlafender Glaube, zum Abschluss jenes Konkordates auch fähig und begierig und zu dessen Verteidigung so unverbesserlich zu reden auch bereit ist. Das macht die Lage so schwierig, dass man sie, auch wenn 835 man sie, im Glauben selber wach geworden, zu verstehen meint, auf keinen Fall durch eine absolut verurteilende Distanzierung gegenüber denen, die sie noch nicht zu verstehen scheinen, verändern kann, weil man sich damit sofort eines unerträglichen Pharisäismus und einer lächerlichen Selbsttäuschung schuldig machen würde. Die Möglichkeit der Missverständnisse ist wirklich eine ernste, weil Jedem, der so oder so über sie nachdenkt, unmittelbar naheliegende Möglichkeit. Es scheint viel für sich zu haben, zwischen Glaube und Weltanschauung de facto mindestens doch eine Versöhnung und Vermittlung, einen Waffenstillstand, wenn nicht gar einen vollen Frieden herbeizuführen und zu pflegen. Und es scheint wenig übrig zu bleiben, um dem gegenüber den de iure bestehenden Gegensatz nun doch geltend zu machen.

Wir reden jetzt von der dieser Möglichkeit gegenüberstehenden anderen Möglichkeit: von den Entscheidungen. Wir sahen schon, was ihre Voraussetzungen sind: eine ganz klare und vollständige Sicht vom |239 Glauben sowohl wie von den Weltanschauungen – dann aber ein wacher, d. h. ein zum Bezug seiner Stellung in diesem Gegensatz bereiter und entschlossener Glaube. Ein solcher Glaube, dem der biblische Glaube in seiner Unterscheidung von den Weltanschauungen nicht nur historisch bekannt ist, sondern so vor Augen steht, dass er über sein Vorbild nicht hinwegkommt, dass er ihm den Versuch der Nachfolge nicht versagen kann. Wir sahen, wie diese Nötigung zu erklären und gegen die Argumente der Freunde des Missverständnisses zu verteidigen ist. Wir sahen aber auch, wie keine Erklärung und Verteidigung es schaffen und erzwingen kann, dass diese Nötigung eintritt. Die Einsicht, dass das, was de iure gilt, auch de facto gelten muss, ist entweder da, oder sie ist nicht da. Ist sie nicht da, dann triumphiert notwendig das Missverständnis, dann kommt es unvermeidlich zum Konkordat, und nicht einmal das wird dann dem guten, aber schlafenden Glauben begreiflich zu machen sein, dass er in aller seiner Güte schläft und dass es besser wäre, wenn er das nicht tun, sondern wachen würde. 836 Ist aber jene Einsicht da, dann kommt es ebenso unvermeidlich zu Entscheidungen, dann werden der Glaube und die Weltanschauungen dem entsprechend, dass sie von Natur und von Haus aus auseinander sind, auseinandergehen: auseinander in einem Winkel von 180 Graden, aber nicht etwa auf einer Kugeloberfläche und also ohne jede Aussicht, je wieder zusammen zu kommen.

An dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein dieser Nötigung haben sich schon im alten Israel die Geister geschieden: die an Jahve glaubenden Propheten hier, die jahvegläubigen, aber auch an der kanaanitischen, ägyptischen oder babylonischen Weltanschauung interessierten Könige, Priester und Falschpropheten samt ihrem Anhang dort. Der Apostel Paulus stand – die Irrlehrer des Galater- und Kolosserbriefs und der Pastoralbriefe standen offenbar nicht unter dieser Nötigung. Dass sie hier vorhanden und hier nicht vorhanden war, das ist der heimliche Riss, der von den Tagen des ältesten Katholizismus und seines Kampfs gegen die Gnosis bis auf diesen Tag durch die ganze Kirchengeschichte hindurchgeht. Er fiel manchmal zusammen mit dem Riss zwischen der Kirche und den Häretikern. Er ist doch viel öfter der Riss, der mitten in der rechtgläubigen Kirche selber existiert, der gerade sie trennt, lahmlegt und krank macht: ein Übel, das im Unterschied zur Häresie nicht einfach ausgeschieden werden kann. Denn dieser Riss existiert nicht nur in allen Kirchen, sondern es erweist sich, dass er nach allen etwa gefallenen Entscheidungen auch in den vermeintlich «entschiedenen» Sekten alsbald aufs Neue sichtbar wird. Auch sie können immer nur «entschiedener» sein als die |240 große Kirche; auch in ihnen wird sich der Unterschied zwischen der hier vorhandenen, dort nicht vorhandenen Nötigung alsbald wieder innerlich spaltend bemerkbar machen. Und das ist darum nicht erstaunlich, weil dieser Unterschied schließlich auch durch jeden einzelnen Glaubenden jeder Art und Richtung mitten hindurchgeht, weil Einer immer nur «entschiedener» sein kann als der Andere und heute «entschiedener», als er es gestern war, weil der Konflikt zwischen dem aufrechten Stehen und Gehen im Glauben und dem Hinken auf beiden Seiten [vgl. 1.Kön. 18,21] mit Ausnahme der Propheten und Apostel die Sache jedes, auch des größten glaubenden Menschen zu sein scheint.

So klar sich das, was als Entscheidung zwischen Glaube und Weltanschauung möglich ist, 837 beschreiben und definieren lässt: diese Entscheidung ist eben doch eine menschliche und also relative und nicht wie die Entscheidung zwischen Gott und den Göttern eine göttliche und also absolute Entscheidung. Wir können also die Entscheidungen den Missverständnissen des Pseudofriedens nicht als eine Art Götterdämmerung, nicht so gegenüberstellen, dass diese durch jene einfach ausgeräumt und beseitigt würden. Dass der Glaube und die Weltanschauungen sich ausschließen, ist Eines. Dieses Eine ist es allerdings, woraus, wenn es zur Entscheidung kommt, die Konsequenzen gezogen werden. Aber eben dies, dass das geschieht, ist mit jenem Einen noch nicht gesagt. Eben dies kann fortwährend auch nicht geschehen, geschieht tatsächlich fortwährend auch nicht, obwohl es zweifellos geschehen müsste. Das Missverständnis ist immer auch noch da. Und so ist die Entscheidung immer nur möglich im gleichen Raum, in der gleichen Gemeinschaft des Glaubens, ja in derselben glaubenden Person, in der irgendwo und irgendwie auch das Missverständnis möglich ist und waltet. Das bringt es mit sich, dass Entscheidung in dieser Sache etwas Anderes ist als Entschiedenheit. Entschiedenheit wäre eine solche Bestimmung des Glaubens, in welcher er das Konkordat mit den Weltanschauungen total und endgültig gebrochen, in welcher er mit ihnen gar nichts mehr zu tun hätte. Unsere eigene Darstellung des Problems, die allerdings auf die Kündigung und also auf das Ende dieses Konkordats hinzielt, zeigt, dass von solcher Entschiedenheit nicht die Rede sein kann. |

Solange man «den Glauben und die Weltanschauungen» noch zusammenstellen und diskutieren kann und muss, wie wir es schon im Titel unseres Abschnittes zu können und zu müssen bekannt haben, |241 können die Weltanschauungen auf keinen Fall als quantité négligeable dahinten liegen. Die Entscheidung geschieht, wenn sie geschieht, angesichts der Möglichkeit, dass man sich auch nicht entscheiden, die Nötigung dazu nicht vorhanden sein, das Missverständnis des Pseudofriedens vielleicht doch zulässig sein könnte. Die Entscheidung beruht auf der Möglichkeit, jene andere Möglichkeit zu verwerfen, dem heterogenen Charakter des Glaubens und der Weltanschauungen also gerecht zu werden. Sie kann 838 aber nur verwirklicht werden, indem sie – da auch die verworfene Möglichkeit noch immer irgendwo auf dem Plan ist – sofort zur neuen Aufgabe, indem sie der gestern verworfenen Möglichkeit gegenüber heute wieder vollzogen wird. Die Selbstbesinnung und Distanzierung des Glaubens gegenüber den Weltanschauungen wird immer aufs Neue geschehen müssen, weil die Weltanschauungen immer aufs Neue aufstehen und sich melden werden – so gewiss der Mensch immer der Mensch und als solcher zum Unglauben nur zu bereit sein wird. Das bedeutet aber: jene Nötigung zur Standfestigkeit auf Seiten des Glaubens wird immer aufs Neue Ereignis werden und ihn zu jener Selbstbesinnung und Distanzierung befähigen müssen, weil auch der glaubende Mensch immer der Mensch und als solcher zum Missverständnis und also zum Kompromiss nur zu geneigt sein wird. Ob man die Entscheidung in dieser Sache ernstlich hinter sich hat, das zeigt sich darum darin, dass man neuen Entscheidungen ebenso ernstlich entgegengeht. Das ist es, was wir hinsichtlich der Menschlichkeit und also der Relativität solcher Entscheidungen zu bedenken haben. Eben in dieser Menschlichkeit und Relativität sind sie aber möglich: formell ebenso möglich wie die Missverständnisse, von deren Natur und besonderer Gewalt wir zuerst geredet haben. Und wenn wir sie nun im Blick auf die Gebrechlichkeit des Menschen – auch des glaubenden Menschen – mit jenen auf eine Linie gestellt haben, so werden wir im Blick auf die Sache selbst sofort hinzufügen müssen, dass sie jenen gegenüber darum in ganz unermesslichem Vorsprung sind, weil sie und sie allein die innere Folgerichtigkeit des Verhältnisses von Glaube und Weltanschauung für sich haben. Dass der Glaube und der Unglaube sich im Menschen nie ganz ausschließen, das bedeutet ja nun doch nichts gegen die Tatsache, dass sie sich in ihrem Wesen ausschließen, dass also der Mensch, wie unentschieden er immer zwischen beiden stehen möge, zur Ent|242scheidung zwischen beiden, und zwar zur Entscheidung für den Glauben gegen den Unglauben, gedrängt ist. Und wenn sich wiederum die Möglichkeit der Missverständnisse und die Möglichkeit der Entscheidungen auch im glaubenden Menschen nie ganz aus839 schließen, so bedeutet das doch nichts gegen die Tatsache, dass die erste dieser Möglichkeiten der zweiten, wie mächtig sie auch sein möge, endlich und zuletzt doch nur als retardierendes Moment, nicht aber in überlegener oder auch nur selbständiger Würde gegenüberstehen kann. |

Dass der Glaube dem Menschen fehlen und dass auch der glaubende Mensch schlafen kann, ist Eines: das Andere aber ist dies, dass der Mensch glauben und dass er im Glauben wachen kann. Wir haben Grund, auch diese Voraussetzung ganz ernst zu nehmen und die Situation nun auch von dieser Voraussetzung her durchzudenken. Finden wir den Grund dazu nicht in uns selbst, so finden wir ihn jedenfalls in dem Glauben, von dem uns das Alte und das Neue Testament Zeugnis geben und in dessen Anschauung auch wir es zu lernen haben, was Glaube ist. Wenn der Mensch glaubt und im Glauben wach ist, dann befindet er sich notwendig auf dem Wege der Entscheidungen. Das heißt aber: die wesensmäßige Unterschiedenheit und Gegensätzlichkeit von Glaube und Weltanschauung tritt dann in Kraft; er lebt dann seines Glaubens, und er lebt dann eben darum und damit nicht mehr auf dem Boden einer Weltanschauung, d. h. nicht mehr auf dem Boden, wo Weltanschauungen entstehen, herrschen und bestehen können; er hat dann auf jede Weltanschauung verzichtet, und es wird dann sein ganzer Weg darin bestehen, immer aufs Neue seines Glaubens zu leben und jeder Weltanschauung gegenüber den damit ausgesprochenen und vollzogenen grundsätzlichen Verzicht wieder und wieder zu bestätigen. Es kann wohl sein, dass der Mensch nicht glaubt oder dass er glaubt und doch schläft. Aber dass das vorkommt, das beweist nichts dagegen, dass er, wenn er glaubt und im Glauben wach ist, einer Gestalt des Lebens, Denkens und Handelns entgegengeht und schon teilhaftig ist, in welcher die Weltanschauungen für ihn ebenso zu Boden fallen wie die Götter vor Gott. Die Entscheidungen des Glaubens gegenüber den Weltanschauungen werden also der Sache nach immer denselben Inhalt haben. Es wird immer wieder zu wählen sein: des Glaubens eigene Selbstbehauptung und Erhaltung, |243 sein eigenes Leben, ein Denken und Handeln nach seinem Gesetz als dem alleingültigen und maßgebenden unter 840 allen denkbaren Gesetzen. Und es wird eben darum und damit immer wieder zu wählen sein: die grundsätzliche Absage an jede denkbare Weltanschauung, die grundsätzliche Bestreitung jeder durch eine Weltanschauung bestimmten Lebensgestalt. Der sich selbst und zugleich die Weltanschauungen verstehende, der sich und sie ernst nehmende Glaube wird nie etwas Anderes wählen können als diese seine Selbstbehauptung und diese Distanzierung. Sein Verfahren gegenüber den Weltanschauungen wird nie ein anderes sein können als dies, dass er stark, gewiss und konsequent ist auf seiner eigenen Linie und also im Verhältnis zu ihnen gelöst, unverbunden, ihren Voraussetzungen und ihren Konsequenzen nicht verpflichtet, gänzlich unbefangen ihrem Anspruch und ihrer Macht gegenüber, weil frei, aus seiner eigenen Quelle zu leben, und frei, sein eigenes Zeugnis zu geben. |

Ob und wie weit das Kampf bedeutet, ob und wie weit er den Weltanschauungen geradezu ablehnend, protestierend, feindselig entgegenzutreten hat, in sichtbarer Antithese, das lässt sich nicht allgemein sagen. Die Regel wird wohl die sein, dass die in einem bestimmten Zeitalter gerade herrschende Weltanschauung als solche der natürliche Gegner des Glaubens und also von diesem, wenn er wach auf dem Plane ist, als solcher anzusprechen und zu behandeln ist. Und es dürfte ein Prüfstein für seine Existenz und für sein Wachen sein, ob er dem Wechsel der Zeitalter und ihrer Weltanschauungen zu folgen, die jeweils bedeutungsvolle und aktuelle Gestalt des Gegners ausfindig zu machen und aufs Korn zu nehmen, ihn gerade als die jeweils herrschende Macht abzuwehren und anzugreifen vermag und nicht etwa in bloßer Fortsetzung einer gestern noch wichtigen und richtigen Defensive und Offensive übersieht, dass der Gegner sich heute längst ganz anders darstellt, dass also auch er selbst sich heute längst ganz anders orientiert haben müsste, um auch heute auf der Hut und im Angriff zu sein, wie es eben heute von ihm gefordert ist. Der Glaube darf sich in seiner Defensive und Offensive durch die ruhelosen Wandlungen des Weltbildes des Unglaubens nicht täuschen, nicht überraschen, nicht überholen lassen. Er muss in jedem Zeitalter aufs Neue und in besonderer Weise bereit sein, sich selbst zu behaupten und zu erhalten und also sich die Freiheit zu 841 verschaffen, aus |244 seiner eigenen Quelle zu leben und seinem eigenen Zeugnis Raum zu geben. Das ist eben sein Kampf, und eben dazu muss er wach sein. Was hülfe ihm, wenn er gestern irgendwo gekämpft hätte und es heute da unterlassen würde, wo es heute geschehen müsste?

Was half es z. B. der deutschen Kirche und Theologie der neuesten Zeit, dass sie sich ein Jahrhundert lang gegen den modernen Materialismus und Mechanismus und dann auch noch ein Jahrzehnt lang gegen den Idealismus mit mehr oder weniger Glück zur Wehr gesetzt hatte,178 um dann doch nicht oder viel zu spät gewahr zu werden, welche Versuchung ihr von einem ganz anderen Ort, nämlich von einer auf einmal den Staat und das Volk zum höchsten Prinzip erhebenden Weltanschauung179 her drohte? Indem man dort noch immer wach war bis zur Überempfindlichkeit, war man hier sichtlich eingeschlafen und sah den Feind des Glaubens180 erst, nachdem er schon fast auf der ganzen Linie gesiegt hatte.

Es kann aber zu bestimmter Zeit doch auch der stillschweigende oder ausdrückliche Kampf mit dem Gegner von gestern und vorgestern immer noch oder schon wieder sein gutes Recht und seine Notwendigkeit haben, weil dieser nur scheinbar und vorläufig zurückgetreten sein, seine eigentliche gefährliche Stunde aber immer noch vor sich haben könnte.

245 Es dürften z. B. einige Zeichen dafür sprechen, dass der Materialismus und auf irgend einem Umweg vielleicht auch der Idealismus des 19. und 20. Jahrhunderts nach dem Abgang der die heutige Weltlage charakterisierenden Ideologie noch einmal mit neuer Macht zu Wort kommen könnten, so dass man heute übel beraten wäre, wenn man sie heute, weil beide ein Stück weit historisch geworden zu sein scheinen, einfach aus den Augen verlieren würde, als wäre der Kampf nicht auch nach dieser Seite weiter zu führen.

Es gibt aber etwas, was nach allen Seiten noch wichtiger ist als der Kampf: was diesem jedenfalls zu allen Zeiten vorangehen muss, und das ist die Bereitschaft zum Kampf. Alles Ablehnen, Protestieren, Streiten des Glaubens müsste unnütz und erfolglos sein, wenn es nicht aus einem latenten Gegensatz hervorgeht, dessen er sich auch dann bewusst ist, wenn er scheinbar oder wirklich keinem ausgesprochenen Gegner gegenübersteht. 842 Es muss der Glaube beständig und also ohne Rücksicht darauf, ob und wie er sich konkret angefochten sieht, im Atemholen, d. h. aber eben in der Bewegung begriffen sein, in der er bei sich selbst und also frei sein will. Allein in dieser Bewegung wird er ja kämpfen können. Eben in dieser Bewegung muss er sich aber schon befinden, indem er und bevor er in den Kampf tritt. Nur aus dieser Bewegung der Reserve heraus kann er sich dann verteidigen, kann er dann angreifen, wenn die Stunde dafür im Besonderen geschlagen hat. Man wird es seinem Verhalten im Kampf anmerken, ob er von daher kommt oder nicht kommt. Es ist nicht gut, wenn man erst im letzten Augenblick, wenn der Bräutigam schon kommt, nach dem nötigen Öl laufen muss [vgl. Mt. 25,10]. Man kann dabei zu spät kommen. Das heißt aber: der Gegensatz des Glaubens zu den Weltanschauungen muss insofern ein permanenter sein, als er beständig geübt sein will. Er kann nur dann in fruchtbarer Weise akut werden, wenn er im Stillen schon zur Regel und zur Gewohnheit geworden ist. Die Ablehnung, der Protest, der Streit muss im gegebenen Fall aus dem glaubenden Menschen hervorbrechen mit der Naturgewalt einer inneren Notwendigkeit. Er muss lange geschwiegen haben, um im gegebenen Fall laut und deutlich reden zu können. Er muss das Ja und das Nein des Glaubens in höchster Grundsätzlichkeit in sich selbst bewegt haben, bevor er es der ihn und Andere bedrängenden Versuchung und Anfechtung kräftig entgegenwerfen kann. Er muss von inneren Entscheidungen schon herkommen, um die äußeren recht |246 vollziehen zu können. Man wird insofern nicht leugnen können, dass dem Kampf des Glaubens gegen die Weltanschauungen als solchem, so unvermeidlich er zu seiner Zeit ist, doch nur sekundäre Bedeutung zukommt gegenüber seinem eigenen inneren Leben, gegenüber der Frage und Aufgabe seiner eigenen Auferbauung. Dass der glaubende Mensch und dass die Kirche des Glaubens in dieser Auferbauung begriffen sind, das ist ihre eigentliche Aktion gegen die Weltanschauungen. Es muss die Kirche und es muss der einzelne glaubende Mensch bei sich sein, d. h. leben mit den Propheten und Aposteln, durch deren Glauben unser Glaube bestimmt, erzogen und gestaltet wird. Es muss die Kirche eine Schule des offenbarten Wortes Gottes, 843 und es muss jeder einzelne glaubende Mensch dessen Schüler sein. Die Freiheit des Glaubens muss im Gebrauch stehen, bevor die Versuchung kommt, durch die ihm seine Freiheit bestritten wird, bevor er darum kämpfen muss. Sie muss auch inmitten jedes Kampfes unabhängig von diesem im Gebrauch stehen. Sonst ist seine Kampfesstellung hohl, seine Ablehnung unglaubwürdig, sein Protest blechern, sein Streit ein müßiger Pfaffenstreit181. Die Kirche und der einzelne glaubende Mensch wissen ja sonst nicht, für was sie kämpfen, und sie haben sonst auch die Waffen nicht, mit denen sie kämpfen könnten. Man wird insofern sagen müssen, dass die äußeren Entscheidungen im Gegensatz des Glaubens zu den Weltanschauungen immer bestimmt sind durch die ihnen vorangehenden inneren Entscheidungen, in denen dieser Gegensatz latent war, in denen jene äußeren Entscheidungen vorbereitet wurden. Es können die äußeren diese inneren Entscheidungen nur sichtbar machen.

Es machte z. B. die Ablehnung der Gnosis durch die Kirche des zweiten Jahrhunderts nur sichtbar, dass diese Kirche trotz aller ihrer Schwachheiten nicht umsonst durch die Schule des Alten Testamentes und des Paulus gegan|247gen war. Es machte umgekehrt die verhängnisvolle mittelalterliche Rezeption des Aristoteles nur sichtbar, dass die Kirche mindestens seit der Karolingerzeit und letztlich schon von Konstantin her trotz aller Gegenbewegungen im Ganzen zunächst einer schleichenden Verweltlichung verfallen war. Und es machte die große Niederlage des Protestantismus in seiner Auseinandersetzung mit der Aufklärung182 nur sichtbar, dass er schon in der vorangehenden Periode seiner vermeintlichen Rechtgläubigkeit nicht mehr recht bei seiner Sache gewesen war, sich selber nicht mehr recht verstanden hatte, auf dem Wege seiner inneren Entscheidungen längst nicht mehr in den Spuren Luthers und Calvins, d. h. in ihrer lebendigen und freien Nachfolge geblieben war.

Die Kirche und der einzelne glaubende Mensch haben immer in dem Maß gewusst oder nicht gewusst, um was es ging, und also versagt oder nicht versagt im Kampf mit den Weltanschauungen, als sie in der inneren Auferbauung ihres Glaubens begriffen oder nicht begriffen waren. Auch im Blick auf diesen Zusammenhang müssen wir nun 844 fortfahren: Es gibt keine Apologie, d. h. keine Defensive und Offensive des Glaubens den Weltanschauungen gegenüber, die in etwas Anderem bestehen könnte als in dem Aufweis von deren grundsätzlicher Verschiedenheit und Geschiedenheit – dem Aufweis des eigenen Lebens des Glaubens auf der einen und dem des ihm widerstrebenden Lebens der Weltanschauungen auf der anderen Seite. Gerade von seiner eigenen inneren Linie her wird der Glaube immer nur das leisten können und wollen. Er wird der wahrhaftig schweren Aufgabe, die ihm damit gestellt ist, nicht ausweichen dürfen: wie könnte er Glaube sein und sich als solcher erhalten, wenn er sich dieser Aufgabe entziehen wollte? Die Last, die ihm damit auferlegt ist, wird ihm gerade schwer genug sein: Er wird ja immer wieder mit dem Anfang anfangen183 müssen, und es wird ja an jedem einzelnen Punkt deutlich genug um nicht weniger als um das Ganze gehen. Er wird es aber an der Erfüllung dieser Aufgabe genug sein lassen. Er wird wissen, dass er sich gerade um der Erfüllung dieser Aufgabe willen nicht mit anderen, nicht mit solchen belasten darf, die ihn bei der Erfüllung |248 dieser Aufgabe stören müssten, mit denen er sich selbst, wollte er ihnen nachgehen, untreu werden und entgegenwirken würde. |

Die Aufgabe des Glaubens kann, auch in der Defensive und Offensive den Weltanschauungen gegenüber, keine andere sein als die, sich selbst treu zu sein und also den Weltanschauungen gegenüber sein anderslautendes Bekenntnis abzulegen. Dieses Bekenntnis ist seine Apologie. Sie wird in dem Maß verheißungsvoll und wirksam sein, als es das Bekenntnis des Glaubens wirklich ist und also die Reserve des Glaubens nicht nur behauptet, sondern aus ihr herkommt, sie also wirklich enthält und dann auch sichtbar machen kann. Der Kampf des Glaubens ist die Ankündigung seiner Reserve. Damit und so ist er der Sieg, der die Welt überwindet [1.Joh. 5,4]. Damit bezieht und hält er seinen Ort, der ja nicht der Ort Gottes, sondern ein menschlicher, aber nun eben dieser, sein Ort ist. Die Weltanschauungen zu stürzen und zu beseitigen oder auch nur harmlos und unschädlich zu machen, ist nicht seine Sache. Hier kann und darf er der Weltregierung Gottes in der Tat nicht vorgreifen wollen. 845 Sie sorgt dafür, dass deren Bäume nicht in den Himmel wachsen. Sie hat schon dafür gesorgt, dass die Gefahr jeder alten und neuen Weltanschauung ihre natürlichen Grenzen hat. Die Sorge um deren Eindämmung und schließliche Beseitigung ist dem Glauben abgenommen, so wie ihm ja auch die Sorge um den Sturz der Götter aufs wirksamste abgenommen ist. Es kann aber wiederum auch das nicht seine Sache sein, sich selbst den Weltanschauungen gegenüber dadurch zu erhalten, dass er sich mit ihnen auseinander- und ins Reine setzt. Von allem Anderen abgesehen ist auch das eine unnötige Sorge, weil der Gott, der der Grund und Gegenstand des Glaubens ist, Macht genug hat, ihn, der im besondersten Sinn des Wortes seine Sache ist, nicht untergehen zu lassen, sondern zu erhalten, obwohl das von allen Weltanschauungen her gesehen ebenso unnütz wie unmöglich ist. Die Sache des Glaubens kann nur und ausschließlich die sein, sich selber und damit Gott innerlich und äußerlich treu zu sein: innerlich in seiner ständigen, stillen Auferbauung, äußerlich in seinem Bekenntnis, wobei das Bekenntnis nur das notwendige Äußerlichwerden der inneren Auferbauung sein kann. Indem er sich und eben damit Gott auf dieser zusammenhängenden Linie von innen nach außen treu bleibt, erfüllt er seine schwere Aufgabe, kämpft er den Kampf, der ihm befohlen ist [vgl. Hebr. 12,1], |249 leistet er das, was in der Ökonomie des göttlichen Wollens und Wirkens höchst zentral gerade von ihm verlangt ist. Indem das und nur das die Apologie des Glaubens ist, hat er den Weltanschauungen gegenüber zweifellos eine bescheidene Funktion. Eben sie darf ihm nicht leid werden. Eben ihrer darf er sich nicht schämen. Eben über sie darf er nicht hinausstreben. Er soll ihnen gegenüber nur bei sich selbst bleiben, nur sein eigenes Werk tun, nur in seiner eigenen Freiheit sich zu bewegen nicht aufhören. Das ist der Inhalt aller echten Entscheidungen des Glaubens gegenüber den Weltanschauungen, und eben in der Bescheidenheit seiner Entscheidungen liegt seine Größe und Stärke ihnen gegenüber. Eben das können sie ihm ja in ihrem ruhelosen Wechsel und Gestaltwandel nicht nachtun. Der Glaube ist zuhause; sie sind es nicht. Darin triumphiert er, daran müssen sie zuletzt scheitern. Dass er nur an diesem Verhältnis nichts ändere: 846 in keiner Weise und unter keinem Vorwand! Täte er das, so wäre er im Voraus verloren. Tut er es nicht, so hat er schon gesiegt, indem er sich dem Kampfe gestellt hat. – Diese Kampfregel – die Regel der Entscheidungen des Glaubens in dieser Sache – wird jetzt noch zu entfalten sein.

1. Der Glaube kann sich den Weltanschauungen gegenüber nicht rechtfertigen wollen. Weder damit, dass er sich ihnen empfiehlt, noch damit, dass er sich vor ihnen verantwortet und entschuldigt, noch auch nur damit, dass er sich ihnen zu erklären versucht. Das Alles liefe ja eben darauf hinaus, dass er sich ihnen gegenüber rechtfertigen wollte. Er würde sie damit als legitime oder doch als machthabende Herrscher anerkennen. Er würde damit ihrem prinzipiellen und systematischen Anspruch grundsätzlich recht geben. Er würde zugeben, dass er durch sie mit Recht in Frage gestellt sei. Er würde zugeben, dass er selbst das Bedürfnis habe, sich vor ihnen zu rechtfertigen, und dass er es scheuen müsse, sich vor ihnen nicht rechtfertigen zu können. Er würde damit seine Unsicherheit verraten. Solche Rechtfertigung des Glaubens den Weltanschauungen gegenüber ist nicht gefordert, nicht nötig, nicht möglich, nicht erlaubt. In der Entscheidung des Glaubens kann diese Rechtfertigung nicht gesucht und nicht versucht werden. Mit seiner Einfalt hat sie nichts zu tun.

250 Man hat sich auf die Stelle 1.Petr. 3,15 jedenfalls überall da mit Unrecht berufen, wo man unter christlicher Apologetik die Selbstrechtfertigung des Christentums vor dem Forum der jeweils in Geltung stehenden Weltanschauung seiner nicht christlichen Umwelt verstehen wollte. Es heißt dort, dass die Christen vor dem Terror derer, die ihnen Böses zufügen wollen, nicht erschrecken, dass sie sich durch ihn nicht erschüttern lassen sollen. «Heiliget aber den Herrn Christus in euren Herzen» ἓτοιμοι ἀεὶ πρὸς ἀπολογίαν παντὶ τῷ αἰτοῦντι ὑμᾶς λόγον περὶ τῆς ἐν ὑμῖν ἐλπίδος – doch solle das mit Sanftmut und in Ehrerbietung geschehen und vor allem in gutem Gewissen, damit die Verleumder ihres Wandels durch ihre Unschuld objektiv zu Schanden gemacht würden. Die Stelle bezieht sich deutlich auf die Verantwortung der Christen in der Verfolgung und in den mit ihr zusammenhängenden Gerichtsverhandlungen. In diesen wird man sie wegen ihres Bekenntnisses und ihres Lebens und also wegen der in ihnen 847 lebendigen Hoffnung zur Rede stellen. Ihre Erklärung darüber wird die ἀπολογία sein, zu der sie bereit sein werden, wenn sie den Herrn Christus heiligen in ihren Herzen: darum bereit, weil sie sie kraft dieser Heiligung nicht scheuen, weil sie sie in dieser Heiligung mit Sanftmut und Ehrerbietung abgeben und wieder in dieser Heiligung auf alle Fälle in objektiver Unschuld abgeben werden. So schreibt auch Paulus Phil. 1,15, dass er als Gefangener εὶς ἀπολογίαν τοῦ εὐαγγελίου bestellt sei. Was er unter ἀπολογία des Evangeliums versteht, das hat er 1,7 durch den erklärenden Zusatz καὶ βεβαιώσει deutlich gemacht. Dass sie zu einem Vorstoß des Evangeliums (1,12) und ihm selbst zum Heil (1,19) dienen werde: zum Großwerden Christi an seinem Leibe, sei es durch Leben oder durch Tod (1,20), das erwartet er von dieser Aktion. Der heidnische Richter mit seinem Urteil über ihn wird in Wahrheit Zeuge dieses Geschehens sein. Nicht mehr als das! Die Kompetenz, über das Evangelium zu richten, hat ihm Paulus offenbar nicht zugesprochen, sondern mit seiner freudigen Aussicht auch auf ein mögliches Todesurteil gerade abgesprochen. Und eben auf eine mögliche, unschuldige Verurteilung der Christen als Folge ihrer ἀπολογία wird ja auch 1.Petr. 3,17 ausdrücklich hingewiesen. Was eine ὰπολογία im Sinn des Neuen Testamentes ist, das entnehme man Act. 22,1–21, wo wieder Paulus unter diesem Titel ganz einfach die Geschichte seiner Bekehrung vor Damaskus erzählt. Und schließlich halte man Luk. 12,11f. daneben, wo den vor Gericht geschleppten Jüngern empfohlen wird, sich nicht darüber Sorge zu machen, wie oder was sie zu ihrer Verteidigung reden sollen. «Denn der Heilige Geist wird euch in jener Stunde lehren, was ihr sagen sollt.» Dazu Luk. 21,14f.: «Nehmt es euch zu Herzen, dass ihr nicht Vorsorge treffen sollt für eure Verteidigung. Denn ich werde euch Mund und Weisheit geben, der alle eure Widersacher nicht werden widerstehen oder widersprechen können.» Es ist doch wohl nicht möglich, die Aktion, für die dem Christen ausgerechnet die stellvertretende Verteidigung des Heiligen Geistes und Jesu selber so bestimmt in Aussicht gestellt wird, als Appell an einen anderen Richter als Gott selbst zu verstehen.

251 Eine Rechtfertigung des Glaubens vor dem Forum einer Weltanschauung kann darum nicht gefordert sein, weil es keine Weltanschauung gibt, die 848 zu dem ihr damit zugeschriebenen Richteramt die Legitimation und die Würde hätte. Es ist doch überaus merkwürdig, dass man im 19. Jahrhundert ausdrücklich dies, dass das Christentum die «absolute Religion»184 und als solche die einzig probehaltige Wahrheit sei, als Grund dafür geltend machte, dass es einem Wahrheitsbeweis in Auseinandersetzung mit den Axiomen und Grundsätzen der jeweils üblichen Spekulation und Erfahrungswissenschaft unterworfen werden müsse. Wer außer Gott, der sein Grund und Gegenstand ist, kann denn über den Glauben Richter sein? Und welche Weltanschauung hat sich denn darüber ausgewiesen, dass sie Gott dabei vertreten könnte, so dass der Glaube an sie zu appellieren hätte, als stünde sie an Gottes Statt, als stehe und falle er also damit, dass er sich ihr gegenüber über sein gutes Recht ausweise? Würde er, indem er sich dazu herbeiließe, nicht gehorsam sein an einer Stelle, wo Gehorsam gar nicht in Betracht kommen kann, weil irgend eine ernst zu nehmende Autorität da unmöglich sichtbar sein [kann], eine legitime Forderung da unmöglich zu vernehmen ist? Die Weltanschauungen sind fremde Richter,185 die im Gebiet des Glaubens keinen Respekt fordern können, keine Tellenhüte186 aufzurichten haben.

252 Es kommt dazu, dass eine solche Rechtfertigung auch nicht nötig, sondern für den Glauben durchaus entbehrlich ist. Was er nötig hat, ist allezeit und überall die Rechtfertigung Gottes. Die ergreift und hat er, wenn er nur wirklich Glaube ist; um die weiß der Mensch, solange und sofern er im Glauben wach sein wird. Eine andere Rechtfertigung als diese hat er nicht nötig. Das will sagen: es gibt keine von Gott verschiedene Instanz, der gegenüber er sich erst empfehlen, entschuldigen, erklären müsste, um seines Rechtes gewiss zu sein. Er wird sich ja in Gestalt des Bekenntnisses und der Verkündigung auch den Menschen nicht dazu erklären, um sich ihnen, sondern um sie für sich annehmbar zu machen. Er wird sich also gerade in seiner Souveränität und nicht als Bittsteller, geschweige denn als Angeklagter erklären. Die glaubenden Menschen mögen angeklagt werden und sich verteidigen müssen. Ihr Glaube niemals. Und darum wird ihr Bekenntnis und ihre Verkündigung Angriff sein, aber nicht Verteidigung – oder eben: Verteidigung gerade seiner Selbständigkeit, Behauptung seines 849 Rechtes, sich außer von Gott von niemand richten zu lassen. Die Zustimmung, Legitimation und Autorisierung von Seiten einer Weltanschauung kann der Glaube entbehren. Von dorther kann ihm nichts genommen und nichts gegeben werden. Ob man ihn von dorther achte oder verachte, er lebt nicht davon und er stirbt nicht daran. So hat er von dorther nichts zu fürchten und nichts zu hoffen. So kann er darauf verzichten, sich von dorther rechtfertigen zu lassen, selbst wenn er darauf hoffen dürfte, dass das geschehen könnte. |

Es kommt aber dazu, dass eine solche Rechtfertigung auch nicht möglich ist. Eine Weltanschauung, heiße sie, wie sie wolle, müsste schlecht beieinander sein, wenn ihre Vertreter sich entschließen sollten, dem Glauben – dem wirklichen christlichen Glauben nämlich – jene Zustimmung, Legitimation und Autorisierung wirklich zu gewähren. Wenn Menschen zum Glauben kommen, dann ist ihre Weltanschauung zu Boden gefallen, und es wird dann keine Rede davon sein, dass diese Menschen den Glauben – sie werden dann vielmehr sich selbst durch den Glauben gerechtfertigt finden. Sie sind dann vom Richterstuhl über den Glauben längst heruntergestiegen und sind im Glauben gehorsam geworden. Wo der Mensch im Besitz einer Weltanschauung auf dem Richterstuhl sitzt, da wird auch die angelegentlichste Selbstrechtfertigung des Glaubens nicht zu dem ge|253wünschten Ziele führen. Er wird sich dann im besten Fall freundlich – so freundlich, dass er sich nachher selbst nicht wiedererkennt – interpretieren, der betreffenden Weltanschauung anpassen und gleichschalten187 und in diesem Narrenkleid allenfalls akzeptieren lassen dürfen. Er wird aber in seiner echten und eigentlichen Gestalt nie und nimmer das Wohlgefallen oder auch nur die Nachsicht jenes Richters finden. Ihn wird man im Rahmen irgend einer Weltanschauung bestimmt nicht brauchen und gelten lassen können. Und so wird er sich auf der Suche nach jener Rechtfertigung letztlich auch immer umsonst erniedrigt und dem fremden Richter unterworfen haben. Er müsste nicht dieser Richter sein, wenn der Glaube bei ihm Gerechtigkeit zu finden erwarten dürfte. |

Der letzte Grund ist der schwerste und der eigentlich entscheidende: Es kommt dazu, dass es dem Glauben auch nicht erlaubt ist, 850 solche Rechtfertigung zu suchen. Er müsste ja, indem er sich dazu aufmachte, vergessen haben, dass er der Glaube – und was eine Weltanschauung ist. Als Glaube darf er die Autorität einer Weltanschauung nicht anerkennen, auch wenn die Stimme, die er von dorther gebieterisch reden zu hören meint, noch viel lauter und eindringlicher ertönte. Als Glaube darf er dem Bedürfnis, sich dort zu entschuldigen und zu empfehlen, und wäre es noch so stark, nicht nachgeben. Als Glaube darf er eine Anerkennung von dorther nicht suchen und dürfte er sie nicht annehmen, selbst wenn das Wunder geschehen sollte, dass sie ihm von dorther wirklich zuteil würde. Er darf es nicht, weil der glaubende Mensch eben damit offenkundig aufhörte, sich auf Gott zu verlassen. Dass er das tun darf, das kann nur von Gott kommen und eben damit gerechtfertigt sein. Kommt eine andere Rechtfertigung auch nur in Frage, wird nach einem anderen Dürfen auch nur geschielt, dann hat der Mensch offenbar schon aufgehört, sich auf Gott zu verlassen. Er ist dann nicht mehr Glaube. An seine Stelle ist dann faktisch schon die Weltanschauung getreten, vor deren Forum er |254 jetzt um die Erlaubnis einkommt, sich auf Gott verlassen zu dürfen. Man kann nicht an Gott glauben und sich zu diesem Glauben von einem Prinzip her und im Rahmen eines Systems legitimieren und autorisieren lassen. Man hat sich, indem man das tut, schon für den Unglauben entschieden. Das ist das Heillose, was da droht. Und eben darum ist es zuletzt und vor allem nicht erlaubt, sondern verboten, jene Rechtfertigung zu suchen.

Die erste Regel aller echten Entscheidungen des Glaubens in Sachen der Weltanschauungen wäre also dahin zu formulieren, dass seine Haltung ihnen gegenüber auf alle Fälle seine Rechtfertigung durch Gott und also den Verzicht auf jede Selbstrechtfertigung vor ihnen zum Ausdruck bringen muss.

2. Der Glaube soll sich nicht auf eine Weltanschauung begründen wollen. Das könnte und würde da geschehen, wo er sich selbst mitsamt seinem objektiven Grunde in Gott und also mit Gott selber als sogenannte Religion und also als eine menschliche Möglichkeit und Wirklichkeit verstehen wollte. Indem er sich im Rahmen der übrigen menschlichen Möglich851keiten und Wirklichkeiten ebenfalls als solche, vielleicht als unentbehrlich, vielleicht sogar in zentraler und vitaler Bedeutung für alle anderen und für das ganze humane Wesen auswiese, würde er sich insofern auf eine Weltanschauung begründet haben, als ja jede Weltanschauung auch eine bestimmte Konzeption vom Menschen, seiner Natur, seiner Geschichte und Existenz in sich schließt. In dem von einem bestimmten Prinzip her entworfenen und systematisch entfalteten Bild vom Menschen würde sich der Glaube an bestimmter Stelle wiedererkennen, vielleicht als integrierendes und notwendiges, vielleicht sogar als konstituierendes Moment dieses Bildes wiedererkennen. Er würde sich durch diesen im Spiegel des Menschenbildes erkennbaren Anblick als Element und Funktion des menschlichen Wesens nicht nur gerechtfertigt, sondern gehalten, getragen und gestärkt sehen. Er würde dort seiner Wurzel und seines Fundamentes gewahr, von dieser seiner Wurzel und diesem seinem Fundamente her zu leben in der Lage sein. Er würde sich dessen immer wieder vergewissern und eben dessen sich trösten, daran sich aufrichten und halten dürfen, dass der Mensch ohne ihn nicht vollständig und wirklich Mensch wäre, dass er aus der Wahrheit des |255 menschlichen Wesens und Daseins, aus dem Bestande und aus der Geschichte der Humanität nicht wegzudenken sei. Er würde sich dann auf seine eigene Unentbehrlichkeit für den Menschen berufen und gründen können. Auch dieses Verfahren ist nicht durchführbar. Es beruht auf einer Täuschung hinsichtlich der im Rahmen einer Weltanschauung verstandenen Humanität: der Grund, den der Glaube in diesem Bilde finden soll, erweist sich faktisch als unauffindbar. Und er beruht auf einer Täuschung hinsichtlich des Glaubens selbst: der Grund, den er in jenem Bilde finden könnte, würde ihn nicht tragen können. Und es ist schließlich auch von dem Wunsch, der der Vater dieses Gedankens ist,188 zu sagen, dass er ein dem Glauben verbotener Wunsch ist.

Mit einer auch nur vermeintlich biblischen Begründung dieses Wunsches und dieses Verfahrens haben wir uns nicht auseinanderzusetzen, weil eine solche nicht versucht worden ist und auch wohl nicht versucht werden könnte. Die Interpretation des Glaubens als Religion ist eine moderne 852 Erfindung. Sie wurde im 17. Jahrhundert, in klassischer Weise von Hugo Grotius (De veritate religionis christianae, 1627 📖189) gemacht und zunächst von einigen unter den späteren Vertretern der protestantischen Orthodoxie aufgenommen, von der Aufklärung des 18. Jahrhunderts entfaltet, ist aber erst von Kant und Herder und dann vor allem von Schleiermacher und Hegel und von der von ihnen ausgehenden neuprotestantischen Theologie zur sogenannten Religionsphilosophie gestaltet190 und d. h. eben zur Begründung der Religion und damit des Glaubens aus dem Bestand und der Geschichte der Humanität fruchtbar gemacht worden. Die Voraussetzung der Religionsphilosophie und der von ihr zu liefernden Glaubensbegründung ist ein Weltbild, in welchem dem Menschen – sei es die Idee des Menschen oder der Menschheit, sei es deren geschichtliche Wirklichkeit, seien es schließlich die Grenzen des Menschen als |256 solche – die Rolle der organisierenden Mitte und also des Prinzips zu spielen zugedacht ist. Wir brauchen den Verschiedenheiten der auf diesem Boden möglichen Konzeptionen vom Menschen in ihren Wandlungen vom kritischen zum emotionalen zum spekulativen Idealismus und über den Positivismus bis hin zu der Skepsis der modernen Existentialphilosophie, wir brauchen auch den Varianten der auf diesem Boden versuchten Glaubensbegründung, so gewaltig sie auch voneinander abweichen, hier nicht nachzugehen. Es macht nämlich keinen wesentlichen Unterschied aus, ob man zentral an der Natur oder zentral an der Geschichte oder zentral an der Existenz des Menschen als solcher interessiert ist, um dann von da oder von dort aus den Nachweis anzutreten, dass der Mensch nicht denkbar, dass er faktisch nie Mensch gewesen, dass er als Mensch nicht wirklich sei ohne den Aspekt, unter welchem er sich eben im Glauben versteht. Entscheidend ist eben dieser Rückgriff auf den Menschen, dieser Appell an ihn als an das letzte Wirkliche und also als an das Maß aller Dinge.191 Entscheidend ist der Nachweis, dass der Mensch, indem er nur sich selber recht verstehe, auch den Glauben verstehe oder doch verstehen könne, dass er jedenfalls, indem er seiner selbst ansichtig werde, auch des Glau853bens – seiner Möglichkeit, seines Problems mindestens oder allermindestens der leeren Stelle des Problems des Glaubens – ansichtig werden müsse. Auf diesen Nachweis hat die neuprotestantische Theologie ihre Religionsphilosophie und mit ihr ihre Apologetik und insofern sich selbst und mit sich selbst den christlichen Glauben begründet. Ihre Wissenschaft wollte mehr als Rechtfertigung, sie wollte eben Begründung des Glaubens vollziehen und bieten: Begründung dort, wo sie den Grund aller Dinge überhaupt zu finden meinte, Begründung im Menschen also. Wahrheit, ἀλήθεια hieß für sie so oder so: Offenbarung des Menschen. Und eben in ihr meinte sie so oder so auch die Offenbarung des Glaubens, eben im vollständigen Menschen meinte sie auch den glaubenden Menschen zu entdecken. Seine Anlage meinte sie ohne die Anlage zum Glauben, seine Entfaltung in der Geschichte meinte sie ohne die Geschichte des Glaubens, seine Wirklichkeit meinte sie ohne die Wirklichkeit oder mindestens ohne das Problem des Glaubens nicht sehen und verstehen und aus dieser Unentbehrlichkeit des Glaubens meinte sie dessen Begründung ablesen zu können.192

257Aber eben dieser Grund des Glaubens ist in Wirklichkeit nicht auffindbar. Was im Menschen auffindbar ist, das ist immer der Mensch selber. In der sogenannten Natur des Menschen, d. h. in seinem ihn vom Tier unterscheidenden geistig-vernünftigen Wesen ist auffindbar die Idee einer gesetzlichen Bestimmung und Ordnung seines Denkens und Wollens und die Idee der Unendlichkeit von deren Gegenständen, einer unendlichen Objektwelt, die dann wohl auch in der Vorstellung einer unendlichen Welt ihre Zusammenfassung oder in der Vorstellung eines von der unendlichen Welt verschiedenen, besonderen unendlichen Wesens, in der Idee der Gottheit also, ihre Krönung finden mag, wobei es naheliegend und passend erscheinen mag, jene Gesetzlichkeit des Subjekts mit dieser Zusammenfassung oder Krönung des Objekts in Verbindung zu bringen. Es ist offenkundig, dass der Mensch in diesem Bilde seiner Natur, obwohl es an bestimmter Stelle auch die Gottheit in sich schließen kann, bei sich selber bleibt: auf sich selber gestützt und durch sich selber getragen. Es hat der Glaube als des Menschen Gehaltensein durch Gott, vollzogen und garan854tiert durch dessen Offenbarung, in diesem Bilde keine Stelle. In diesem Bilde ist der Mensch als Träger der Idee Gottes sein Offenbarer. In diesem Bilde wird Gott durch den Menschen gehalten, bedingt, vorausgesetzt, begründet und nicht umgekehrt. Was in diesem Bilde Gott heißt, das ist letzte und höchste Unterstreichung der Freiheit, in der der Mensch sich selber bewegt, oder auch der Autorität, die er selber sich gesetzt hat. Darum kann hier auch der Glaube nicht in seiner eigenen Freiheit und Autorität sichtbar werden. Die Entdeckung eines religiösen a priori193 neben oder über dem theoretischen, praktischen, ästhetischen kann über diesen Mangel nicht hinweghelfen. Nehmen wir an, ein solches sei auffindbar, so ist doch mit ihm und in ihm der freie und souveräne Gott, der der Gegenstand und Ursprung des Glaubens ist, noch nicht aufgefunden, sondern nur eine Beziehung zu einem jenseitigen Objekt, dessen Wesen und Existenz nun doch auf alle Fälle gerade durch den apriorischen Charakter jener Beziehung an den Menschen gebunden, bei aller noch so stark beton|258ten Jenseitigkeit als sein Objekt gekennzeichnet und also gerade nicht im Besitz jener Freiheit und Souveränität wäre. In der Natur des Menschen, wie tief und umfassend sie auch verstanden werden mag, ist mehr als seine Natur nicht aufzufinden. Die Natur des Glaubens, in welchem der Mensch nicht aus sich selber, sondern aus Gott lebt, ist im Spiegel der menschlichen Natur als solcher nicht zu entdecken, sie könnte dort nur durch eine Art von Betrug nachträglich hineingezeichnet werden. |

Man wird aber dasselbe auch von der menschlichen Geschichte sagen müssen. Es mag sehr wohl so sein, dass die Welt- und Geistesgeschichte ohne das Phänomen der Religion nicht zu verstehen ist. Aber was wir in der Religionsgeschichte wahrnehmen, was in allen ihren Räumen auffindbar ist, das ist das allerdings offenkundige Bedürfnis des Menschen, seine eigene subjektive Existenz in ihrer unendlichen Bestimmung194 mit der eines ebenfalls unendlichen Objektes in Beziehung zu bringen, das sind die vielen und immer wieder erfolgreichen Versuche des Menschen, diesem Bedürfnis in Form von Vorstellungen über dieses höchste Objekt und in Form einer Gestaltung der besonderen Beziehung zu ihm Genüge zu tun. Wobei das ­Ent855scheidende, Gleichmäßige und Beharrende in dem großen Wechsel der Religionen schließlich doch nur der religiöse Drang und Impetus des Menschen selber bleibt. Der Glaube, der kein solcher Drang wäre, der mit irgendwelchen Bedürfnissen und Versuchen des Menschen gar nichts zu tun hätte, sondern der ihm schlicht und in bestimmter Gestalt gegeben wäre, damit er aus und mit ihm leben dürfe – dieser Glaube ist im Bild der geschichtlichen Religionen nirgends wahrzunehmen. Auch dann nicht, wenn man dieses Bild der Geschichte, wie es sich gehört, durch das der christlichen Religion ergänzt und vervollständigt. Denn auch das, was im geschichtlichen Christentum als solchem sichtbar wird, fällt aus dem Rahmen des Grundphänomens der übrigen Religion nicht heraus.195 Es wird eine geschichtliche Betrachtung auch des Christentums immer darauf hinauslaufen, dass es sich auch in ihm um eine allerdings bemerkenswerte |259 Äußerung des allgemein wahrnehmbaren religiösen Dranges des geschichtlichen Menschen, um eine bei aller Eigenart doch nicht einzigartige Variante des allgemeinen religiösen Bedürfens und Experimentierens handle. Was wäre denn an den Vorstellungen oder an dem Kult dieser Religion so originell, dass es uns auch nur berechtigte, gerade sie als die «absolute» Religion196 zu bezeichnen? Und in welcher Zeit der Kirchengeschichte wäre denn gerade hier der Glaube zu finden, in welchem nicht zuerst der Mensch, sondern zuerst Gott handelnd auf dem Plane ist? Den Glauben hat in der Geschichte wie in der Natur des Menschen immer nur der Glaube selbst entdeckt. Von einer geschichtlich-anthropologisch orientierten Weltanschauung her wird er konsequenterweise auch in der Bibel, auch in der Geschichte des Christentums nie zu sehen sein. Was von hier aus zu sehen ist, ist viel merkwürdige Religion. Der Glaube verbirgt sich, solange und sofern er in jenem Bilde gesucht wird. Er wird sich in diesem Bilde immer vergeblich suchen, d. h. er wird sich in dem, was in diesem Bilde erkennbar ist, nicht wiedererkennen. Er kann also mit diesem Bilde nicht begründet werden. |

Man wird aber dasselbe auch von dem Begründungsversuch sagen müssen, der sich, statt auf die Natur oder auf die Geschichte, mehr auf die Grenzen der Humanität197 bezieht: von der Ableitung des Glaubens aus der entscheidend von ihrer 856 Zufälligkeit, Bedrohtheit, ja Verlorenheit her verstandenen menschlichen Existenz.198 Dass des Menschen Selbstbejahung trotz und mit Inbegriff seines Unendlichkeitsstrebens nur eine begrenzte Bedeutung hat, dass er einer sehr wirksamen und höchst übermächtigen Verneinung konfrontiert ist und dass er bei seinem Selbstverständnis der Verrechnung gerade dieser Komponente sehr dringlich bedarf, das lässt sich allerdings be|260grifflich und geschichtlich sehr wohl einleuchtend machen, und dass sich von hier aus das Problem der Religion, die Frage nach einem jenseitigen, jenen Konflikt überwindenden Grund und Halt der menschlichen Existenz noch einmal in ganz neuem Sinn aufwerfen lässt, das ist auch einsichtig. Es ist aber auch von hier aus nicht einsichtig, wie es zu mehr als zu einem von der Existenz des Menschen aus aufzustellenden Postulat solcher Überwindung kommen soll. Und es ist wieder nicht einsichtig, dass als Gegenstand dieses Postulates gerade der Glaube aufzuweisen sein solle. Sollte das Postulat gewichtig und sinnvoll aufgestellt sein, dann müsste die Zufälligkeit, Verlorenheit und Bedrohtheit der menschlichen Existenz in letzter Radikalität: sie müsste als diejenige Verneinung des Menschen durch Gott verstanden sein, die die Kehrseite wiederum seiner göttlichen Bejahung ist. Sie müsste dann nicht nur als die Situation des Menschen angesichts des Todes, sondern als die Situation beschrieben sein, die der Mensch, indem er auf Gott vertraut, hinter sich gelassen hat, weil er ihr durch Gott entrissen worden ist. Das bedeutet aber: es müsste dann der Glaube schon auf dem Plan sein und an der echten Grenze der Humanität sich selber postulieren. Dann wäre aber eben jene Weltanschauung und Anthropologie mit ihrer Todesangst, mit ihrer Skepsis und ihrem Pessimismus schon zu Boden gefallen. Jenes Bild vom übermächtig bedrängten und gefährdeten Menschen wäre dann schon preisgegeben. In diesem Bilde, im Rahmen jener Anthropologie ist der Glaube so wenig wahrzunehmen wie in der des Idealismus und des Historismus. Es können ja die Grenzen der Humanität wirklich auch anders interpretiert werden als so, dass sie gerade das Postulat des Glaubens notwendig machen müssten, und wenn der 857 Glaube nicht selbst auf dem Plan ist, dann werden sie ganz bestimmt sehr anders als gerade so interpretiert werden. Es wird dann die in dieser Anthropologie geschilderte Verzweiflung des Menschen sicher so tief gar nicht gehen können, dass diese[r] sich nicht endlich und zuletzt selbst zu trösten vermöchte. Es wird dann wohl gerade der an sich selbst verzweifelnde Mensch in noch kräftigerer Weise als der naiv sich bejahende Mensch des Idealismus bei sich selber sein und sich selber zu genügen wissen. |

Es würde aber ein im Menschen selbst liegender Grund des Glaubens diesen auch nicht tragen, selbst wenn er auffindbar wäre. Der |261 Glaube ist getragen, er ist also begründet, wenn und sofern er von Gott getragen und in ihm begründet ist. Er lebt nicht aus und in sich selber, sondern aus und in der Wirklichkeit der Offenbarung Gottes. Er ist die Liebe, die daraufhin Ereignis wird, dass der Mensch von Gott geliebt ist. Er hat seinen Gegenstand und Ursprung, er hat sein Zentrum außerhalb seiner selbst und also außerhalb des Menschen. Es bejaht der glaubende Mensch sich selber nur eben darin, dass er es liebt, das von Gott geliebte Geschöpf Gottes zu sein. Würde er aufhören, das zu tun, würde er seine Begründung außerhalb des Menschen, seine exzentrische Mitte aufgeben, würde er nicht mehr an Gott hangen, dann würde er aufhören, Glaube zu sein. Der Mensch ohne Grund in Gott stürzt automatisch ins Bodenlose des Unglaubens. Die Begründung des Glaubens auf ein Bild des Menschen könnte tatsächlich, auch wenn der Glaube in diesem Bild nachweisbar wäre, nur eine Beschreibung dieses Sturzes sein. Im Bild des Menschen, wie tief und umfassend es allenfalls auch entworfen sein möchte, kann der Glaube keinen Anker haben, nicht zur Ruhe und von daher auch nicht in Bewegung kommen. Nehmen wir an: er fände darin u. a. – also neben und in seiner sonstigen Natur, Geschichte und Existenz – so oder so auch den Glauben, so würde er sich auf dieses sein Bild doch keineswegs stützen und verlassen, so würde von diesem Bild doch keinerlei den Glauben begründende und bewegende Kraft ausgehen. Es hätte dieses Bild weder die Autorität noch die Macht, ihn im Glauben und auf dem Weg, in den Werken des Glaubens zu erhalten. Es könnte ihm wohl 858 Bestätigung sein, dass Andere vor ihm geglaubt haben, und damit dann wohl auch Erinnerung daran, dass auch er selbst das einmal getan hat. Es könnte ihm wohl Einladung und Aufforderung sein, das wieder zu tun. Es würde aber gerade das Entscheidende, nämlich das Getragensein des Menschen und also die Begründung und Erhaltung des Glaubens durch Gott in diesem Bilde nicht Ereignis sein und als solches auch nicht wirksam sein können. Es würde ihm wohl den Zusammenhang und die Verwurzelung des Glaubens im menschlichen Wesen und Dasein, es würde ihm wohl den «religiösen» Aspekt des Glaubens anschaulich, aber eben darum nicht seine Entstehung und seinen Bestand in der Höhe über allem menschlichen Wesen und Dasein eindrücklich und glaubwürdig machen. Es böte dem Glauben als solchem keine Nahrung. Der Glaube |262 nährt sich vom Glauben, aber nicht von dessen Bild im menschlichen Wesen und Dasein: gerade nicht von dem Glauben, der als Element der Humanität aufgewiesen, verstanden und dargestellt wird, und wenn die Einfühlungskunst, in der das unter Umständen geschehen kann, noch so groß wäre. Wo er unter diesem Aspekt erscheint, da kann er auch nur unter diesem Aspekt Interesse finden.

Man hat der neuprotestantischen Theologie, ihrer Exegese, Geschichtsdarstellung und Glaubenslehre oft vorgeworfen, dass sie «unerbaulich» sei, d. h. zur Auferbauung, Erhaltung, Ernährung und Erneuerung des Glaubens nichts beitrage.199 Man irrte sich freilich, wenn man diesen Vorwurf auf ihre kritische Haltung der Bibel, auf ihre gewisse respektlose Art der kirchlichen Überlieferung gegenüber, auf ihr freies Umgehen mit beidem bezogen hat. Aber der Vorwurf an sich besteht nicht zu Unrecht. Man tritt mit ihm der Theologie jener Zeit schon darum nicht zu nahe, weil sie selbst geradezu eine Art Stolz, die Ehre ihrer Wissenschaftlichkeit darein setzte, nicht «erbaulich» zu sein. Sie war es darum in der Tat nicht, weil sie den Glauben selbst eigentlich immer nur in Zitaten und historischen Darstellungen zu Worte kommen ließ – insofern konnte dann auch sie erbaulich sein! –, in ihren eigenen Darlegungen aber sein Zeugnis dadurch unterdrückte, dass sie ihn nur als Gestalt der Religion und nicht in seiner eigenen Gestalt aufzeigte und re859den ließ. Dass sie ihn eben damit zu begründen bzw. gerade so begründet von ihm zu reden gedachte, war die eigentümliche Tragik, in die sich diese Theologie verwickelte. Gerade in dieser Gestalt konnte ja unmöglich begründet, konnte also auch nicht erweckend, nicht Teilnahme erregend, nicht zum Glauben aufrufend von ihm geredet werden. Man war immer draußen, nie recht, nur gelegentlich drinnen, man war immer beim Betrachten, nie verantwortlich beteiligt, nie im Leben des Glaubens selber, wenn man sie hörte und las. Das und nicht ihre freie Haltung war das «Unerbauliche» und gleichzeitig das höchst Unsachliche dieser Theologie, über das man dadurch, dass sie als Religionswissenschaft interessant war, schwer getröstet werden konnte200. Als Glaubenswissenschaft war sie ausgesprochen uninteressant und konnte sie nur uninteressant sein.

Soll der Glaube begründet werden, dann muss er frei für sich selbst reden, er muss sich dann gerade so darstellen dürfen, wie er sich selbst versteht: gerade so also, wie es ihm durch die Religionsphilosophie, d. h. durch das Schema der anthropozentrischen Weltanschauung ver|263boten wird, und also in seiner absoluten Beziehung zur heiligen Trinität, nicht in seiner relativen Beziehung zu irgend einer vorausbestimmten Konzeption der Humanität. Er muss in seiner eigenen Sprache seine eigene Sache vortragen dürfen, die zuerst die Sache Gottes mit dem Menschen, dann erst die Sache des Menschen mit Gott ist. Wenn er das dürfte, dann könnte der Glaube den Glauben begründen, erwecken, tragen, nähren. In seiner Freiheit – hätte die Freiheit des freien Christentums201 und der freien Theologie doch darin bestanden, ihm diese Freiheit zu lassen! – würde er Gottes Zeuge und Mitarbeiter sein. Wie kann man erwarten, dass der Glaube den Glauben begründe, wenn man ihn um des anthropozentrischen Schemas willen als Zeugen Gottes gar nicht brauchen kann, seine Freiheit, dies zu sein, also unterdrücken muss? Eben damit beraubt man ihn des Einzigen, worin er sich selber und auf Grund dessen dann auch die Wissenschaft von ihm interessant sein kann. Eben der als Religion verstandene Glaube kann sich selber nicht begründen, nicht tragen. Er unterscheidet sich vom wirklichen, dem freien Glauben wie eine getrocknete von einer 860 frischen Blume, wie ein ausgestopfter von einem lebendigen Löwen, wie eine hübsche Gestirnskarte vom wirklichen Sternenhimmel. Man hat zur Begründung des Glaubens bei aller Anstrengung und Kunst tatsächlich nichts geleistet, wenn man ihn so, wenn man ihn anthropologisch begründet hat. Man ist dann seiner Begründung vielmehr hindernd und verwirrend in den Weg getreten. Man hat dann seinen wirklichen Grund verdeckt. Man hat dann das Interesse in eine |264 falsche Richtung gelenkt: dorthin, wo Begründung, Ernährung und Erhaltung des Glaubens niemals zu erwarten ist. Man hat dann der fatalen Verwechslung zwischen dem religiösen Erlebnis und dem Werk des Heiligen Geistes, zwischen den Ausdrücken religiöser Erfahrung und dem Bekenntnis zu Jesus Christus, zwischen dem Ergebnis irgend einer religiösen Objektsetzung202 und Gott dem Schöpfer und also zwischen dem religiösen und dem glaubenden Menschen Tür und Tor geöffnet. Wie soll der Mensch zum Glauben kommen, wenn man ihm angibt, dass er, indem er religiös sei, im Glauben mindestens teilweise schon mittendrin stehe? Und was ist das für eine Auseinandersetzung des Glaubens mit den Weltanschauungen, die darauf hinausläuft, dass man ihn an eine, die anthropozentrische Weltanschauung, zum vornherein verkauft und verraten hat? Wie soll er, nachdem dies schon im Ansatz geschehen ist, begründet werden können? |

Die entscheidende Schwierigkeit besteht aber auch hier darin, dass der Glaube selbst sich immer dagegen verwahren wird, auf diese Weise begründet zu werden. Es gibt auch von dieser Seite gesehen ein von der Sache selbst her sehr wohl vernehmbares Verbot. Und dass der Grund des Glaubens in der Humanität nicht auffindbar ist – dass er, selbst wenn er es wäre, den Glauben nicht tragen könnte, das wird man wohl erst einsehen und zugeben, wenn man dieses Verbot gehört hat. Der Glaube führt sich, wenn er wach und bei sich selber ist, ganz und ausschließlich auf die Macht der göttlichen Offenbarung zurück. Er tut wohl ein menschliches Werk in menschlicher Freiheit. Er wäre nicht der Glaube, wenn er es nicht täte. Er wird aber seine Existenz mitsamt seinem menschlichen Werk immer als freie Gabe Gottes verstehen. Er wird sich selbst also nicht aus dem herleiten, 861 sich selbst nicht für in dem begründet halten, was da menschlich ist und geschieht. Sofern da in der Tat etwas Menschliches ist und geschieht, befindet sich der Glaube ja zweifellos in der Sphäre und Gestalt der Religion. Aber das kann doch nur sein Pseudonym und seine Maske |265 sein. Von da aus sich zu verstehen wird er sich selbst doch schon im Ansatz verbieten: verbieten müssen, so gewiss er, wenn er dessen auch nur fähig wäre, nicht mehr der Glaube wäre, seinen Grund in Gottes Offenbarung schon verleugnet und losgelassen hätte. Ihn von hier aus zu verstehen, mag dem noch nicht oder nicht mehr glaubenden Menschen insofern und solange erlaubt oder doch physisch möglich sein, als er als solcher den Glauben nur von außen, nur in seinem menschlichen Werk zu sehen und zu verstehen in der Lage ist. Was der Unglaube sieht und versteht, das ist eben die Religion. Der glaubende Mensch selbst aber, dem sein Glaube kein Phänomen, sondern der im Leben und in der Tat des Glaubens begriffen ist, wird des Selbstverständnisses, laut dessen auch er Religion wäre, von Haus aus unfähig sein. Es wird also sein Zeugnis mit der Feststellung des Zuschauers, dass der Glaube eine menschliche Möglichkeit und Verwirklichung sei, nicht übereinstimmen, sondern es wird sich ihm entgegenstellen; es wird dagegen bestimmten Protest erheben. Der Glaube bedankt sich dafür, so begründet zu werden, wie ihn die Religionsphilosophie begründen möchte. Wenn sie es nicht weiß, dass sein Grund in der Humanität unauffindbar ist und, wäre er auffindbar, ihn nicht zu tragen vermöchte, so wird er es wissen, weil er zuvor um seinen wirklichen Grund weiß, weil er über den Versuch, ihn so zu begründen, wie man es dort tun möchte, nur lachen kann, wie Gott im Himmel lacht über den, der in seinem Herzen sagt: Es ist kein Gott!203

Man muss sich schon wundern, dass die neuprotestantische Theologie, die es doch gerade mit der geschichtlichen Wirklichkeit auch des Glaubens so ernst nehmen wollte, nicht wenigstens dieses Gelächter gehört hat, das – um von den biblischen Glaubenszeugnissen nicht zu reden – durch die ganze Kirchengeschichte hindurch, bei dem so besonders eifrig studierten Luther z. B. und bei so vielen Anderen, ihrem Versuch ent862gegentönte, noch bevor er unternommen war. Aber da war wirklich kein guter Engel, der sie davor warnte, sogar die extremsten und, wie man meinen sollte, unmissverständlichsten Äußerungen der Alten ihres sachlichen Gehaltes als Hinweise auf den göttlichen Grund des Glaubens zu berauben, sie als religiöse Paradoxe oder als mystischen Überschwang oder als metaphysische Wanderungen halb zu bewundern, halb zu belächeln, aber jedenfalls in ihrer sachlichen Bedeutung zu verkennen. Da war keine himmlische Stimme, die sie davon abhielt, den Grund |266 des Glaubens nun doch dort zu suchen, wo der Glaube selbst ihn zu haben sich ausdrücklich genug verwahrte. Wo blieb hier auch nur die historische Offenheit? Der Glaube muss, wenn nicht abwesend gewesen sein, so doch sehr tief geschlafen haben, als die Historiker so unhistorisch waren: sonst hätte ihnen ja der Protest und das Verbot, die der Glaube hier immer ausgesprochen hat, der unfreiwillige Humor ihres eigenen Verständnisses des Glaubens im Verhältnis zu dem der Alten zum Problem werden und dann das ganze Unternehmen aufhalten und abschließen müssen. Dass man diesen unfreiwilligen Humor gar nicht bemerkte, dass man seiner Sache an dieser Stelle so sicher werden und bleiben konnte trotz jenes Protestes und Verbotes, das ist eines der großen Rätsel der neueren Theologiegeschichte.

Ob man eine Tatsache, die sich über ihre Interpretation selber so deutlich ausgesprochen hat, wie es beim Glauben der Fall ist, dieser ihrer eigenen Interpretation so entgegen verstehen und behandeln darf, wie es in der religionsphilosophischen Begründung des Glaubens geschehen ist? – auf diese Frage reduziert sich hier schließlich die Entscheidung. Wenn man das darf, dann begründe man den Glauben ­fernerhin aus dem Zusammenhang der anthropozentrischen Weltanschauung. Wenn man das nicht darf, wenn man das Widerstreben des Glaubens gegen diese Behandlung wahrnimmt und respektieren zu müssen meint, dann wird man das eben lassen. Vom Glauben selbst aus kann nur gesagt werden, dass man das nicht darf. |

Wir werden also eine zweite Regel aller echten Entscheidungen des Glaubens in Sachen der Weltan863schauungen dahin formulieren, dass seine Haltung ihnen gegenüber auf alle Fälle seine Begründung durch Gottes Offenbarung und also den Verzicht auf seine Begründung in der Humanität in sich schließen muss.

3. Der Glaube soll die Weltanschauungen nicht zu seinen Gunsten interpretieren wollen. Wir haben es hier und in der nachher zu nennenden letzten Möglichkeit mit den eigentlich versuchlichen unter den verkehrten Lösungen unserer Frage zu tun. Es scheint einladend, den Weltanschauungen vom Glauben her dadurch beizukommen, dass man sie scheinbar akzeptiert, aber doch nur, indem man sie zum vornherein einer bestimmten Deutung unterwirft, durch die sie einen Sinn bekommen, in welchem sie ganz oder doch annähernd dasselbe sagen und verlangen wie das Bekenntnis und Gebot des Glaubens: einen Sinn, in welchem sie also zum Glauben nicht mehr im Gegen|267satz, sondern gewissermaßen in Parallele stehen als Aktionen, welche in anderen Worten, in exoterischer Gestalt, das Gleiche meinen und wollen wie der Glaube in seiner esoterischen Gestalt und Sprache. Es handelt sich, wie man sieht, um eine ziemlich genaue Umkehrung des Verfahrens, in welchem es sich der Glaube seinerseits gefallen lässt, von einer Weltanschauung her zu deren Gunsten interpretiert und in dieser Interpretation akzeptiert zu werden. Warum sollte die Klugheit solcher Absicht und die zu ihrer Ausführung erforderliche exegetische Kunst nur die Sache des nichtglaubenden, warum nicht zuerst und erst recht die Sache des glaubenden Menschen sein? Überlegenheit und Stärke scheint ja auf Seite dessen zu sein, der den Anderen gelten lassen kann, um ihn doch sofort zu durchschauen, besser zu verstehen, als er sich selbst versteht,204 und ihn daraufhin gewissermaßen friedlich zu expropriieren. Und auf genügend hoher Warte scheint sich ja der Glaube den Weltanschauungen gegenüber zu befinden, um sich ihnen gegenüber gerade dieses gewissermaßen imperiale Verfahren leisten zu können. Und wenn auch es den Frieden zwischen den beiden Partnern zum Ergebnis hat, aber nun einen solchen Frie|268den, in 864 welchem der Glaube nicht der unterliegende und verlierende, sondern offenkundig der siegreiche und gewinnende Teil ist, warum sollte dann gerade dieses Verfahren nicht zur Anwendung kommen? Der Glaube als die überlegene Sinngebung aller Weltanschauungen und gerade so ihre wirkliche, ihre positive Überwindung: man wird das wohl als eine verlockende Perspektive bezeichnen dürfen. Es wäre aber, vom Glauben aus geurteilt, kein reales, kein vorsichtiges und letztlich und entscheidend wiederum ein verbotenes Denken, das sich auf diesen Weg verlocken ließe.

Wir werden, um gerecht zu sein, zugestehen müssen, dass auch hinter den Versuchen, den Glauben gegenüber den Weltanschauungen zu rechtfertigen, und hinter denen, ihn in einer Weltanschauung zu begründen, mehr oder weniger deutlich fast immer auch diese Intention zu bemerken ist: Man meinte sie zugunsten des Glaubens interpretieren zu sollen und zu können. Man wollte den Glauben nicht verkaufen und verraten. Man meinte und behauptete subjektiv in guter Treue, dass man die Weltanschauungen nicht fürchte und dass man sich auch nicht auf sie stützen wolle. Man wollte sie aber auch nicht auf sich beruhen lassen. Man witterte in ihnen sogenannte Wahrheitsmomente.205 Man wollte sich diese nicht entgehen lassen. Man fühlte sich ebenso durch sie angezogen, wie stark den widerstrebenden Momenten gegenüber. Man hielt dieses Widerstrebende für zufällig und beiläufig. Man dachte, seiner Meister werden, es retouchieren, korrigieren und auch wohl ganz beseitigen zu können. Man hielt dafür, dass man die Weltanschauungen nur kritisch zu verstehen und der nötigen Kritik entsprechend etwas zurechtzustellen brauche, um, ohne den Boden des Glaubens zu verlassen, auch ihnen ihr Recht geben, ja sich selbst beiläufig auch auf ihren Boden stellen zu können. Denn wenn man das nicht für unentbehrlich hielt, wenn man sich auf die Weltanschauungen nicht geradezu stützen wollte, so hielt man es doch für wünschenswert und möglich, sich durch sie zusätzlich bereichern, schmücken und doch wohl auch helfen zu lassen. So manche Wege zu den Menschen konnten dem Glauben abgekürzt und leichter erscheinen, wenn er sich, ohne sich selbst etwas zu vergeben, gewissermaßen in das Gewand der 865 jeweils geltenden Weltanschauung |269 hüllte, ihre Sprache sprach und sich den Zeitgenossen dadurch empfehlen konnte, dass er sich ihre Anliegen, Wünsche und Hoffnungen zu eigen machte und zugleich in besserer Weise sie zu befriedigen versprach. Schon die älteren Kirchenväter haben sich der Stelle Ex. 11,2 gefreut, wo den aus Ägypten ausziehenden Israeliten geradezu geboten wird, sich von ihren ägyptischen Nachbarn deren silberne und goldene Gefäße geben zu lassen. Man deutete sie dahin, dass es den Christen nicht nur erlaubt, sondern geboten sei, sich die Schätze der antiken Philosophie anzueignen und nach bestem Können zunutze zu machen: «quaecunque206 illi cum labore comparant, his nos, in fide quum simus, sine labore utimur» (Irenäus 📖). Und eben das ist es, was ja dann in allen Jahrhunderten so reichlich geschehen ist. Die Rezeption des von den Arabern auf dem Umweg über Nordafrika nach Europa zurückgebrachten Aristotelismus durch die Scholastik ist das hier am stärksten in die Augen springende Beispiel, und man muss beachten, dass die Kirche sich in dieser Sache nicht weniger siegreich vorkam und gab als in den Kreuzzügen, in denen sie gleichzeitig die politische und militärische Macht des Christentums gegenüber den Heiden zu Ehren zu bringen gedachte. Aber ebenso selbstverständlich hatte ja viel früher schon Augustin den durch Plotin interpretierten Plato nun auch noch der christlichen Interpretation unterworfen und damit eine Tradition eröffnet, die sich in Kampf und Frieden mit der aristotelischen durch alle Folgezeiten hindurch lebendig genug erhalten hat. Christlich-theologisch wurde im 17. Jahrhundert sofort auch Descartes207 und wurden im 19. Jahrhundert auch Kant, Fries und Hegel gedeutet.208 Aber in welchem Prinzip und in welchem System gerade der Neuzeit hätten die Christen jene silbernen und goldenen Gefäße der Ägypter nicht wiedererkannt? In209 der Nachfolge wel|270cher von den modernen Weltanschauungen bis hin zu der von Nietzsche, ­Haeckel, Steiner, Heidegger und Rosenberg würde man nicht mindestens auch ein paar mehr oder weniger ansehnliche Theologen und manchmal ganze Schwärme von solchen gefunden haben?210 Wo hätten diese Bienen nicht Honig zu suchen und zu finden gewusst? Dass man das Christentum vor den Weltanschauungen rechtfertigen 866 oder dass man es durch den Anschluss an sie begründen wolle, das hat man ja in allen diesen Entwicklungen gelegentlich, aber doch verhältnismäßig nur selten offen zugegeben, obwohl es sich offenkundig immer auch darum gehandelt hat. Die charakteristische Rede war aber in der Regel eben die, dass man sich die von den Erfindern der betreffenden Weltanschauungen entdeckten und vertretenen «Wahrheitsmomente» nicht entgehen lassen dürfe und auch nicht entgehen zu lassen brauche, dass man es sich sehr wohl leisten könne und mit Rücksicht auf den schon von den alten Apologeten behaupteten und vermeintlich immer wieder wahrgenommen λόγος σπερματικός211 auch leisten müsse, zeitgemäß zu sein, d. h. die Selbstidentifikation des Christentums mit der jeweilig geltenden Weltanschauung nicht zu versäumen, nicht um diese in globo zu anerkennen und zu übernehmen, wohl aber um sie «von innen zu überwinden»212, sie ihrer Bedenklichkeit bzw. |271 Gefährlichkeit zu berauben, dafür sie fruchtbar zu machen in majorem Dei gloriam213, wie es zuerst die jesuitische, dann doch deutlich genug auch die neuprotestantische Parole gewesen ist. Das Christentum bzw. die christliche Theologie und dann doch auch die christliche Praxis haben auf dem Feld dieser «inneren Überwindungen» der Weltanschauungen wirklich erstaunlich viele und reiche Siege davongetragen, und dass das möglich war und noch mehr: dass der Glaube alle diese merkwürdigen Siege bis auf diesen Tag überstanden hat, darin darf man gewiss auch ein Zeichen seiner ungewöhnlichen Widerstandsfähigkeit erkennen. Ein geschichtlicher Faktor von weniger innerer Gesundheit als der christliche Glaube würde gewiss gerade alle diese merkwürdigen Siege schwerlich überlebt haben. Eben damit haben wir nun aber doch schon gesagt, dass man auch diese Form der Auseinandersetzung des Glaubens mit den Weltanschauungen nicht als normal und vorbildlich bezeichnen kann. Es waren letztlich und in der Sache doch alles Unglücksfälle, die dem Glauben auf diesem Wege widerfahren sind. Sie haben ihn darum nicht verderben können, weil zu allen Zeiten dafür gesorgt war, dass er diesen Weg, indem er ihn antrat, faktisch immer nur ein Stück weit, aber nie zu Ende gehen konnte. Das spricht also nicht für die Rich867tigkeit dieses Weges. Der Glaube erhielt sich nicht kraft, sondern trotz jener Interpretationen.

Es war und ist nie ein reales Denken, durch das man sich zu diesen Interpretationen veranlassen ließ. Von einem realen Denken des Glaubens ist da zu reden, wo er zwischen allen Angeboten von links und rechts mitten hindurch seiner eigenen Sache nachgeht, d. h. seinem eigenen Gegenstand und seinem eigenen Leben mit ihm zugewendet bleibt und ihm gerecht zu werden nicht müde wird. Der Glaube hat eine Interpretationsaufgabe, und diese muss und wird in der Tat zu jeder Zeit als eine neue begriffen und angegriffen werden. Er wird also die in Form der Weltanschauungen der wechselnden Zeiten sich darstellenden Angebote von links und rechts gewiss nicht übersehen und nicht ignorieren können. Die herrschende Weltanschauung wird ja jedes Mal charakteristisch sein für den Menschen, auch für den glaubenden Menschen der betreffenden Zeit. Sie ist jeweils die Luft, in der auch der Glaube wohl oder übel atmen muss. Er hat die Aufgabe, sich selbst nun auch in dieser Luft und also in der Konfrontation mit dieser und dieser Weltanschauung zu behaupten; also wird er sich auch in |272 dieser Situation jeweils ganz neu zu verstehen haben. Eine jeweils neue Interpretation wird er also sich selber bzw. der ihn begründenden Offenbarung Gottes zuzuwenden haben. Der glaubende Mensch wird sich durch die Weltanschauung seiner Gegenwart auf die Probe, er wird sich durch sie aufs Neue in die Entscheidung und vor die Wahl gestellt sehen. Und zu deren rechtem Vollzug wird er auf alles das, wovon er bisher gelebt, und auf die Art, wie er davon gelebt oder vielleicht nicht gelebt hat, zurückkommen, er wird sich seiner besser und vielleicht anders als bisher vergewissern müssen. Er wird sich angesichts des neuen Gesprächspartners gewisser Versäumnisse, deren er sich schuldig gemacht, gewisser Lücken und Mängel seines bisherigen Selbstverständnisses bewusst werden. Er wird sich allerlei Schlaf, dessen er gar nicht gewahr gewesen war oder doch nicht gewahr sein wollte, beschämt und erschrocken aus den Augen reiben. Er wird sich eingestehen, dass es gar nicht an ihm liegt, wenn er bisher im Glauben bestanden 868 hat, und dass es auch nicht an ihm liegen wird, wenn er jetzt weiter im Glauben stehen wird. Er wird also der Weltanschauung seiner Zeit durchaus nicht in irgend einer Selbstgerechtigkeit und voreingenommenen Sicherheit entgegentreten, als ob er ihr überlegen sei, als ob er ihrer Überwindung von sich aus sicher sein könne. Er wird sogar deutlicher als jeder Andere empfinden, dass jede ordentliche Weltanschauung als solche etwas dämonisch Imponierendes hat. Er wird an ihrer Versuchung nicht vorbei, sondern er wird ihr ins Gesicht sehen. Und er wird wissen, dass er ihr aus sich selber heraus sicher nicht gewachsen ist. Er wird aber, indem er das tut, faktisch nicht ihr, sondern der Wiederbegründung und Auferbauung seines Glaubens und also dessen Grund und Gegenstand zugewendet sein. Er wird, gerade indem er als Mensch ganz offen und ehrlich ein Zeitgenosse unter Zeitgenossen ist, zu Gott und seinen Zeugnissen fliehen: zu dem exemplarischen Glauben der Propheten und Apostel, von welchem sein Glaube herkommt und von dem her er auch jetzt die ihm nötige neue Gestalt empfangen muss. Er wird also die Wahrheitsregel, der er verpflichtet ist, nicht aus den Augen verlieren, sondern nun erst recht, nun mit erneuerter Schärfe und Treue ins Auge fassen. Es wird dies sein Auge einfältig bleiben und kein Schalk werden [vgl. Mt. 6,22f.]. Diese Sachlichkeit seines Glaubens kann er allerdings nicht abstreifen. In ihr ist er fest, ohne dass er darum ein Vor|273urteil hätte. In ihr ist er zuerst beschäftigt, bevor er sich und auch indem er sich mit dieser oder jener Weltanschauung beschäftigt. In ihr und nur in ihr kann er ganz und eigentlich beschäftigt sein. Eben diese Sachlichkeit müsste er aber aufgeben, wenn er sich die Aufgabe stellen wollte, die Weltanschauung seiner Zeit ins Christliche zu übersetzen. Nehmen wir an, dass ihm das technisch bis zu einem gewissen Grade möglich wäre. Wie aber käme er dazu? Wer hätte ihn dazu berufen und autorisiert? Wer hätte ihm gesagt, dass das notwendig und nützlich sei? Wer hätte ihm den dabei anzuwendenden Schlüssel in die Hand gedrückt? Und wer hätte ihm vor allem erlaubt, seiner eigenen, der wirklich von ihm geforderten Interpretationsaufgabe dabei den Rücken zu kehren? |

Man kann den wissenschaftlichen 869 und man kann auch den frommen Ernst so vieler Christen und Theologen, die sich immer wieder dieser anderen Aufgabe214 zugewendet haben, gewiss nicht verkennen. Man kann aber wiederum nicht verkennen, dass diese andere Aufgabe eine dem Glauben selbst fremde ist. Man kann ihr immer nur nachgehen, indem man die Aufgabe des Glaubens selbst unterdessen liegen lässt. Versäumt man es nicht, gleichzeitig auch der Aufgabe des Glaubens selbst nachzugehen, so teilt man doch seine Zeit und seine Kraft zwischen ihr und dieser fremden Aufgabe. Will man nur das Beste, so will man doch die Flucht zu Gott und zu seinen Zeugnissen nicht als das Allerbeste anerkennen, so ist man doch offenkundig von der Aufgabe, seinen Glauben selbst nun erst recht und |274 besser zu verstehen, nicht so in Anspruch genommen, dass man sie nicht wenigstens teilweise auch zurückschieben könnte. Unter seinem Gesetz und Imperativ steht man dann nicht. Denn das ist ja sicher, dass man sich bei jener anderen Interpretation gewissermaßen auf eigene Faust und Verantwortung betätigen muss. Man besteigt damit aus eigenem Willen und auf eigenes Risiko einen Richterstuhl, von dem aus man die Weltanschauungen zu überblicken, ihre Elemente zu unterscheiden, ihre Intentionen und Aufstellungen im Einzelnen zu würdigen, sie kritisieren, aber auch zurechtstellen zu können meint. Und das Alles vom Glauben her: so also, dass man den Glauben dabei gewissermaßen in Sicherheit hinter sich hat und nur anzuwenden braucht. Man sollte aber den Glauben nie hinter sich zu haben meinen. Man hat ihn sonst immer schon verlassen; man ist sonst immer schon aus ihm herausgetreten; man operiert dann faktisch schon ohne ihn. |

Der Glaube des im Glauben stehenden Menschen ist immer vor ihm und nimmt ihn gerade in seiner Begegnung mit einer Weltanschauung ganz für sich in Anspruch: ganz für die jetzt nötige und geforderte neue Besinnung auf seinen Grund, ganz für seine neue Auferbauung von dorther. Lässt der Mensch sich verlocken, jenen Richterstuhl zu besteigen, lässt er sich dafür in Anspruch nehmen, den christlichen Grund einer Weltanschauung zu ermitteln, dann bedeutet das vom Glauben her gesehen immer eine Zerstreuung. Der Mensch tut dann, als ob er mit dem Glauben im Reinen wäre, den Kampf um dessen Erneuerung und Gestaltung zu kämpfen jedenfalls augenblicklich nicht 870 nötig hätte. Er leistet sich dann im besten Fall gewissermaßen einen Luxus an Stelle dessen, was ihm unentbehrlich wäre. Und eben die Meinung, dass er sich diesen Luxus leisten könne, ist hier das Bedenkliche, das Unreale. Er ist es dem Glauben schuldig, sich angesichts jeder Weltanschauung aufs Neue ihm zuzuwenden, sich seines Versagens ihm gegenüber Rechenschaft zu geben, ihm neue Freiheit zu verstatten, sich neu und ernstlich unter sein Gesetz zu beugen. Er ist es aber keiner Weltanschauung schuldig, sich ihr gegenüber als Meister zu erweisen, ihr den Stachel zu nehmen, den sie als solche sicher trägt, sie harmlos, brauchbar und annehmbar zu machen und also sich so lange in sie hineinzudenken, sie so lange umzudenken, bis sie sich zur Not mit dem Glauben vereinigen und wohl gar zu einem besonderen Triumph des Glaubens gestalten lässt. Gerade der |275 glaubende Mensch wird sich den Auftrag dazu nicht zuschreiben und die Macht dazu nicht zu haben meinen. Gerade er wird die rechte Auseinandersetzung mit der Weltanschauung seiner Zeit davon und nur davon erwarten, dass er ihr das rechte – das rechte! – Bekenntnis seines Glaubens gegenüberstellt. Gerade er wird sie tatsächlich auf sich beruhen lassen: Nicht weil sie ihn nicht interessierte, aber darum, weil er zuerst anders interessiert ist und weil sie ihm nur von diesem seinem anderweitigen Interesse her, nur in dessen Wahrnehmung interessant sein kann. Nicht weil sie ihn nichts anginge, aber weil sie ihn so, in seiner eigenen Entgegenstellung zu ihr angeht, weil also die Begründung seiner eigenen positiven Stellung das Anliegen ist, dem er sich praktisch allein widmen kann, gerade wenn er ihr gerecht werden will. Dass ihre «Wahrheitsmomente» zur Geltung kommen, das braucht seine Sorge nicht zu sein. Was können die Wahrheitsmomente einer Weltanschauung sein als die unvermeidlich von ihr mitgeführten und in einen verkehrten Zusammenhang gebrachten Elemente der Wahrheitserkenntnis, deren er selber in seinem Glauben in ihrem ursprünglichen, echten und fruchtbaren Zusammenhang teilhaftig ist und eben jetzt in der Begegnung mit dieser Weltanschauung, d. h. aber in seiner eigenen Erneuerung ganz neu teilhaftig werden soll. Damit sie zu Ehren kommen, dazu braucht er sich 871 nicht auf den Boden der Weltanschauung zu stellen,215 in deren Zusammenhang er sie jene Gastrolle spielen sieht. Ihrer wird er von seinem eigenen Grunde her, ihrer wird er, wenn er sich jetzt nur erst recht auf sich selber stellt, ganz sicher auch und besser ansichtig werden. Sie werden ihm nicht entgehen und werden dann auch seinem Bekenntnis nicht mangeln, gerade wenn er dieses mit dem überflüssigen Bekenntnis zu jener Weltanschauung unverworren lässt. Ihm ist nicht aufgetragen, aufs Geratewohl nach irgendwelchen verirrten Wahrheitsmomenten zu fischen, sondern sein eigenes Leben zu leben, auf seiner eigenen Linie zu denken und sich so in alle Wahrheit führen zu lassen [vgl. Joh. 16,13]. Hat er das Zutrauen nicht, dass ihm das ohne Zweifel widerfahren wird, wie sollte er dann glauben? Glaubt er aber, wie sollte er sich |276 dann von der Aufgabe, nun erst recht und besser zu glauben, auch nur einen Augenblick abwenden lassen?

Der andere und schwerere Vorwurf, der jenen Interpretationen zu machen ist, besteht darin, dass das Denken, aus dem sie hervorgehen, immer ein unvorsichtiges Denken ist. Man muss ja dabei immer vergessen oder übersehen, was eine Weltanschauung ist und will. Man muss sich dabei immer einreden und so stellen, als handle es sich bei diesen Gebilden um eines von den guten Geschöpfen Gottes, an die der glaubende Mensch mit der zutraulichen Erwartung herantreten darf, es möchte ein Widerschein der göttlichen Offenbarung auch auf ihnen liegen, es möchte ihm also die Wahrheit und Güte des Schöpfers indirekt auch in ihnen erkennbar werden. Und nun wird ja in der Tat zu sagen sein, dass an der göttlichen Realisierung und Rechtfertigung des Geschöpfs auch die Weltanschauungen Anteil haben. Wir haben ja dasselbe sogar von den Göttern gesagt: sie sind nicht Nichts vor Gott, und sie sind auch nicht von ihm verworfen und so auch für uns nicht verwerflich, sofern sie eigentlich und in ihrer wahren Natur Geschöpfe, nur durch die verkehrte Einbildung des Menschen zum Wesen und zur Existenz von Göttern erhoben sind; sie haben insofern auch Anteil am Frieden Gottes und seiner Schöpfung. So sind auch die menschlichen Weltanschauungen nicht einfach des Teufels, sondern sie 872 haben ein geschöpfliches Substrat, in welchem auch sie dieses Gottesfriedens teilhaftig sind. Von Gott geschaffen ist und bleibt ja auch der Gott verlassende und in die Irre gehende Menschengeist. Man nehme seinen Prinzipien, heißen sie, wie sie wollen, ihren usurpierten Charakter als solche, so bleiben übrig gewisse Elemente ehrlicher menschlicher Erfahrung, ehrlichen menschlichen Denkens, gewisse Momente der den Menschen umgebenden Natur und seiner eigenen Geschichte, auf denen als solchen jener Widerschein der göttlichen Offenbarung gewiss liegen, in denen die Wahrheit und Güte des Schöpfers ihm tatsächlich erkennbar werden kann. Und so nehme man den Systemen ihren Charakter als Bilder, mit denen der Mensch sich die Wirklichkeit verdecken will, so bleiben übrig gewisse anspruchslose und nötige Orientierungsversuche, die als solche nicht Ungehorsam sein müssen, sondern Gehorsam sein können, in denen eine Spiegelung der göttlichen Offenbarung wiederzuerkennen gewiss nicht ausgeschlossen sein kann. So nehme man den Weltanschau|277ungen die aktive und passive Magie ihrer Herrschaft, so bleibt übrig das Geheimnis des tätigen und leidenden, lebenden und sterbenden Menschen, das Gott selbst als groß und heilig genug angesehen, das er selbst offenbar gerade dazu geschaffen hat, um es in seiner ganzen Geringfügigkeit vor ihm nun doch zum geschöpflichen Wohnort seines eigenen Geheimnisses zu machen. Hinter jeder Weltanschauung stehen irgendwo – von ihr verdeckt, verleugnet und verkehrt – die geschöpflichen Urphänomene, denen gerade der glaubende Mensch unmöglich misstrauisch, sondern in der Tat nur in zutraulicher Erwartung gegenüberstehen kann, in deren Mitte er ja von seinem Schöpfer geliebt ist, in deren Mitte er wiederum gerade das lieben darf, der von seinem Schöpfer Geliebte zu sein. Aber die Weltanschauungen als solche sind nicht die Urphänomene, und in ihnen als solchen sind diese auch nicht zu finden. Die Weltanschauungen als solche gehören wie die Götter zu dem großen Zwischenreich der Entfernung und Entfremdung des Geschöpfs von seinem Schöpfer und damit auch von seiner eigenen Realität und Rechtfertigung und damit dann wie873derum von seiner Eignung zum Spiegel der göttlichen Herrlichkeit. Wer diese in den Weltanschauungen als solchen zu finden hofft, der hofft vergeblich, der irrt sich grundsätzlich. Von diesen Disteln sind keine Trauben zu ernten [vgl. Mt. 7,16]. |

Und eben darin besteht die Unvorsichtigkeit jener Interpretationen, dass die, die sie unternehmen, immer wieder vergessen und übersehen, dass, wo nichts ist, auch nichts zu finden, bzw. dass, wo nur die Auflehnung des Geschöpfs ist, dieses selbst und in ihm die Herrlichkeit des Schöpfers nun einmal nicht zu finden ist. Man nennt die Sache darum am besten «Unvorsichtigkeit», weil es ja wahr ist, dass irgendwo hinter den Weltanschauungen die Urphänomene stehen, in denen das wirkliche Geschöpf und also die Herrlichkeit Gottes wohl zu finden wären. So ist die gute Meinung jener Interpretationen nicht zu verkennen: zu diesen Urphänomenen möchte man natürlich vorstoßen, und dass es hinter allen Weltanschauungen solche gibt, das ist natürlich das Wahrheitsmoment in der so problematischen Redensart von den Wahrheitsmomenten aller Weltanschauungen. Aber es sind immer und so auch hier gerade die guten Meinungen, die die größten Unglücksfälle hervorrufen. Ist die Unvorsichtigkeit, um die es sich in jenen Interpretationen handelt, nicht unerklärlich, so ist sie darum |278 nicht minder sträflich und verhängnisvoll. Sie beruht auf der ganz unangebracht optimistischen Anschauung, dass es möglich sei, durch irgendwelche Abstraktionen und Reduktionsprozesse: durch eine übersichtliche Subtraktionsrechnung womöglich von der menschlichen Verkehrtheit aus zum göttlich Richtigen, in diesem Falle also: von den Weltanschauungen zu den dahinter stehenden Urphänomenen vorzustoßen. So einfach geht das nicht. So leicht ist das Verhältnis zwischen menschlichem Irrtum und göttlicher Wahrheit nicht zu behandeln, dass man die göttliche Wahrheit bloß zu erkennen brauchte, um damit auch dem menschlichen Irrtum gegenüber alsbald so überlegen frei zu werden, dass man ihn nicht nur als solchen erkennen, sondern darüber hinaus die göttliche Wahrheit mitten im Irrtum selbst für sich feststellen, mitten aus dem Irrtum heraus sich aneignen und also diesen als in einem Schmelzprozess nachträglich fruchtbar machen könnte. |

874 Wie Gott sich in den Göttern durchaus nicht wiedererkennt und auch vom Menschen gerade in den Göttern auf keinen Fall, auch nicht auf Grund der frömmsten Umdeutungskunst, wiedererkannt sein will, so kann sich auch der Glaube in den Weltanschauungen unmöglich wiedererkennen, so kann er an sie unmöglich in der Weise herantreten, als wären sie eine Art Bergwerk, aus dessen Tiefe er nur mit dem genügenden Fleiß die da vorhandenen Wahrheitsmomente heraufzuholen brauchte, um alsbald auch von ihnen allerlei Anregung, Bestätigung, Bereicherung und Bestärkung zu empfangen. Wie sollten sie keine Wahrheitsmomente enthalten? Es ist ja tatsächlich so, dass es auch Irrtum nur an der Wahrheit gibt, dass auch der Irrtum die Wahrheit braucht, um auch nur als Irrtum Lebenskraft zu haben. Damit ist nun aber wirklich nicht darüber entschieden, dass wir die Wahrheit statt ausschließlich bei der Wahrheit selbst auch im Irrtum finden könnten, sie also auch dort zu suchen hätten. Der sich in den Weltanschauungen irrt, ist ja der Mensch selber, der sich eben damit, dass er sich zum Entwurf und zur Konstruktion jener Bilder aufmacht, von Gott und damit von der Wahrheit abgewendet hat, der die Wahrheit, indem er das tut, nicht mehr vor sich, sondern nur noch hinter seinem Rücken haben kann. Dass er sie in dieser Stellung zu ihr finden könne, ist eine grobe Selbsttäuschung, und dass er sie in dieser Stellung suchen solle, ist eine Anweisung, mit der man ihn nur noch |279 mehr und tiefer in die Irre schicken kann. Sofern er jenen Bildern zugewendet ist, ist er der Wahrheit abgewendet. Er müsste ihr das Gesicht zukehren, sie also vor sich haben. Er müsste aber, um das zu tun, den Bildern den Rücken kehren. Er dürfte gerade von seiner weltanschaulichen Orientierung nichts mehr erwarten. Es müsste ihm klar geworden sein, dass gerade die Weltanschauungen, vom Glauben her gesehen und geurteilt, ebenso Gespenster sind, wie die Götter, von Gott her gesehen, Nichtse216 sind. Gespenstern kann man, auch wenn man ernstlich damit rechnet, dass es Gespenster gibt, nur den Rücken kehren. Gespenster kann man, auch wenn man ernstlich mit ihrer Existenz rechnet, nicht ernst nehmen. Mit ihnen kann man nicht verkehren, nicht Austausch haben wollen. Von ih875nen kann man sich nicht anregen, nicht bestätigen, nicht bereichern, nicht bestärken lassen. Gespenster wird man sinnvollerweise ja auch nicht kritisieren und korrigieren können. Sie haben zu unserem wirklichen Leben nichts beizutragen, wie wir unsererseits zu ihrem eigenartigen Leben nichts beizutragen haben. Wer es anders meint und hält mit ihnen, der steht in Gefahr, der ist sicher der Gefahr schon erlegen, selber gespenstisch statt wirklich zu leben. |

Das ist der greifbare Irrtum in der Unvorsichtigkeit jener Interpretationen: Sie nehmen ernst, was der Glaube nicht ernst nehmen kann, ohne eben damit in Unglauben umzuschlagen. Es kann der Glaube den Unglauben und damit die Weltanschauungen nur in jenem Winkel von 180 Graden hinter sich haben. Und so setzt sich der glaubende Mensch mit ihnen auseinander, dass er, indem er sie sieht – natürlich sieht er sie und soll er sie scharf und offen sehen! –, kraft seines Glaubens die Wendung vollzieht, in der er sie gänzlich hinter sich bekommt, statt sie vor sich zu haben. Eben so bekommt er dann auch die Wahrheit vor sich. Er wäre zum Reiche Gottes offenbar nicht geschickt, er müsste sich selbst auf- und preisgeben, wenn er die Hand an den Pflug legen und dann doch wieder zurückblicken, doch wieder dorthin blicken wollte, wohin nur der Unglaube blicken kann [vgl. Lk. 9,62]. Die Furche, die er so pflügen wird, wird eine krumme Furche werden, die über kurz oder lang bestimmt eben dorthin führen wird, wohin er zurückzublicken sich leisten zu dürfen meint. Das ist |280 die Unvorsichtigkeit jener Interpretationen, und man sieht schon, wie sie mit jener geteilten Aufmerksamkeit, mit dem mangelnden Realismus zusammenhängt, den wir ihnen zuerst vorzuhalten hatten. Es ist nicht an dem, dass die Zeit und Kraft, die dem Glauben auf jenem Weg notwendig entzogen werden, hier immerhin auch eine verheißungsvolle Verwendung fänden.217 Es ist vielmehr an dem, dass sie auf jenem Weg verloren gehen, weil das, was an dessen Ende gesucht wird, eben dort sicher nicht zu finden ist. |

Die Weltanschauungen als solche sind nun einmal die Verdeckungen der Wirklichkeit und also auch die Verdeckung der Urphänomene, auf die man es bei jenen Interpretationen so gutmeinend abgesehen hat. Eine Verdeckung kann durch keine Inter876pretation zu einer Offenbarung werden. Es kann aus unten auch durch die scharfsinnigste Deutung nicht oben, aus links nicht rechts, aus hinten nicht vorn gemacht werden. Es kann kein Optimismus und kein Gottvertrauen aus zweien, die nun einmal gerade in dieser Sache zwei und nicht eins sind, dennoch eins machen wollen. Die Verdeckung kann nur stehen oder dann fallen. Die Bilder können nur aufrechterhalten oder dann preisgegeben werden. Wo das Letztere nicht geschieht, da wird man von allen in ihnen entdeckten Wahrheitsmomenten keinen Gewinn haben. |

Man muss aber noch mehr sagen: Es wird ja nicht einfach umsonst sein, sondern es wird sich positiv rächen, wenn der glaubende Mensch den Weltanschauungen auch nur beiläufig dieselbe Aufmerksamkeit zuwendet, die er seinem Glauben schuldig ist. Genauso, wie es sich immer positiv rächen wird, wenn er neben Gott beiläufig auch noch den Göttern meint dienen zu können. Er alterniert ja dann in Wirklichkeit nicht zwischen zwei Möglichkeiten des Glaubens, von denen beide ihre besondere Verheißung haben könnten. Er alterniert ja dann zwischen Glaube und Unglaube. Indem er die Weltanschauungen ernst nimmt und gelten lässt als Quelle beiläufiger Anregung und Bestärkung, indem er sich darauf einlässt, mit ihnen zu verhandeln, ihnen zwar teilweise Unrecht, aber teilweise doch auch Recht zu geben, |281 hat er sich selbst mindestens teilweise schon auf ihren Boden gestellt, ist er, der vor ihnen auf der Flucht zu Gott begriffen sein müsste, mindestens teilweise schon mit ihnen auf der Flucht vor Gott begriffen. Indem er sich auf einem noch so kleinen Kreissegment mit ihnen bewegt, bewegt er sich um ihr Kreiszentrum und nicht mehr um das des Glaubens. Indem er auch nur einige von ihren Absichten, Aufstellungen und Geboten übernimmt, hat er virtuell zu dem Ja gesagt, woraus ihre Absichten, Aufstellungen und Gebote ursprünglich hervorgegangen sind und woraus sie immer wieder ihre Lebenskraft empfangen. Er ist dann insofern, bei allen Vorbehalten, bei aller Kritik, die er sich ihnen gegenüber sonst erlauben mag, schon verzaubert. Und es ist offenkundig, dass ihn gerade die Wahrheitsmomente, die er ihnen entnehmen zu sollen und zu können meint, 877 nur noch tiefer in ihren Zauber verstricken können. Die «Überwindung von innen»218, die er der betreffenden Weltanschauung zugedacht hatte, wird im selben Maß, als er ihrem Zauber verfällt, vielmehr ihm selbst widerfahren. Jener Zauber und also diese seine Überwindung kann ihre Grenzen haben. Es gibt wunderbare Bewahrungen in dem gefährlichen Spiel, auf das wir den glaubenden Menschen sich hier einlassen sehen. Aber wenn der Glaube und die Kirche auf Grund solcher wunderbaren Bewahrungen in diesem gefährlichen Spiel tatsächlich bisher nicht zugrunde gegangen sind, so ist das keine Rechtfertigung dieses Spiels, sondern die Rechtfertigung des Gottes, der seine Sache offenbar bisher nicht untergehen lassen wollte und konnte. |

Es hieße aber eben darum Gott versuchen [vgl. Dtn. 6,16], wenn man dieses Spiel für normal halten, wenn man sich vor ihm nicht warnen lassen wollte. Der Schaden, den es immer wieder angerichtet hat, ist gerade groß genug. Durch dieses – in guter Meinung gespielte – Spiel hat sich der Glaube immer wieder mehr oder weniger mit dem Unglauben, d.h. mit den Gottesbegriffen, mit den Weltbegriffen, mit den Menschenbegriffen und Religionsbegriffen des Äons belastet, der als vergehende Gespensterwelt nur hinter ihm liegen dürfte, dem er sich nie wieder hätte gleichschalten dürfen [vgl. Röm. 12,2], auch wenn ihm einige Wahrheitsmomente dort noch so verführerisch zu rufen schienen. Indem er dieses Spiel treiben zu dürfen und wohl auch |282 zu müssen meinte, hat der Glaube sich selbst immer wieder Wasser in den Wein gegossen,219 manchmal in solchen Quantitäten, dass man schließlich nur noch Wasser zu sehen und zu schmecken meinte. Was halfen ihm die scheinbaren Triumphe, die er dabei erlebte, was halfen ihm die Freiheit, die Großzügigkeit, die Überlegenheit, in der er dieses Spiel tatsächlich oft genug gespielt hat, da der effektive Gewinn dabei nach kurzem Schein des Gegenteils doch immer nur der sein konnte, dass er sich selber schwächte, indem irgend eine fremdartige Blase sich in seinem Raum ausdehnen, ihn an die Wand drücken, ihn sich selber problematisch machen durfte? Die Weltanschauungen können ja nicht für den Glauben erobert, sie können vom Glauben nur verdrängt 878 und abgetan werden. Sie trotzen der «inneren Überwindung». Sie lassen sich nicht domestizieren. Wer sie ganz oder teilweise erobert, der muss sie dann auch haben, wie ein siegreiches Volk die von ihm besetzten Gebiete und die Millionen der von ihm gemachten Gefangenen: in der ganzen Eigenart und Eigengesetzlichkeit gefährlich gerade für die Sieger und umso gefährlicher, je größer deren Sieg etwa gewesen sein sollte. Denn die Weltanschauungen sind lebende und wirksame Gestalten. Man kann sie nur aus- – oder eben einschließen. Schließt man sie ein, dann ist etwas Anderes als ihre Entfaltung in ihrem eigenen, dem Glauben widerstrebenden Sinn nicht von ihnen zu erwarten. Ein vorsichtiges Denken kann nur auf ihren Ausschluss gerichtet sein, weil sie in ihrem Gegensatz zum Glauben unverbesserlich sind. |

Der dritte und entscheidende Grund gegen die Interpretationen ist wiederum der, dass sie dem Glauben durch seine eigene Natur verboten sind. Und wieder ist es wohl so, dass sowohl das Unreale wie das Unvorsichtige dieser Interpretationen erst da sichtbar sein kann, wo dieses Verbot auf dem Plan ist, in dessen Licht und Gericht das ganze Unternehmen zu einem Akt der Untreue wird, den sich der glaubende Mensch nicht leisten kann, selbst wenn er die überschüssige Zeit und Kraft zum Begehen solcher Nebenwege hätte, selbst wenn er auf diesen Nebenwegen etwas Anderes als seine eigene mutwillige Bedrohung zu erwarten hätte. Die Untreue und also das Ver|283botene aller der hier in Frage kommenden Interpretationen besteht darin, dass der glaubende Mensch sich dabei mindestens so gebärdet, als könnte er die Weltanschauungen ernst nehmen, als könnte er also auch nicht glauben. Er macht sich dabei mindestens hypothetisch, spielend und beiläufig jene Untreue zu eigen, in der die Weltanschauungen ihren Ursprung haben. Indem er mit ihnen spielt, spielt er aber auch mit seinem Glauben. Und umgekehrt: indem er sie ernst nimmt, nimmt er gerade seinen Glauben nicht ernst. Der Glaube kann und will mit den Weltanschauungen nicht auf die Waage gelegt, mit ihnen nicht verglichen, mit ihnen nicht ausgeglichen werden: auch dann nicht, wenn das zu seinen Gunsten geschehen sollte. Er bedarf dessen nicht, 879 und er kann das auch nicht ertragen. Er freut sich nicht, wenn der glaubende Mensch sich jener Siege und Eroberungen erfreuen zu können meint. Er steht trauernd abseits. Er räumt dann das Feld. Er lässt sich lieber durch Irrglauben und Aberglauben ersetzen, als dass er sich, um sich für jene Siege und Eroberungen zu eignen, die Konzessionen gefallen ließe, die dazu nötig sind. In seiner Freiheit hat er keine Lust nach den Früchten, die auf jenen ganz anderen Bäumen gewachsen sind [vgl. Gen. 3,1–7]. In seiner Freiheit ist er ganz mit sich selber und zugleich ganz direkt mit der durch kein Bild verdeckten Wirklichkeit beschäftigt. In seiner Freiheit hat er etwas von der streng herrischen Art Gottes selber, der keine anderen Götter neben sich haben kann [Ex. 20,3]. Und in seiner Freiheit ist er zugleich viel zu echt menschlich, als dass er es dulden könnte, dass der Mensch sich mit Gott, der Welt und sich selber nur noch durch das Medium von selbstgemachten Bildern hindurch verständigen zu können meint. In seiner Freiheit durchschaut er die Gespensterhaftigkeit der Weltanschauungen zum vornherein. Darum wird er jenen Interpretationen immer in den Weg treten. |

Das in der Geschichte des Glaubens und der Kirche zu ihrem Heil so wirksam gewesene Wunder der Bewahrung, von dem vorher die Rede war, besteht konkret darin, dass der Glaube, so oft er sich auf jene schiefe Ebene locken ließ, es sich faktisch doch auch immer wieder verboten hat, sich dem damit gegebenen Abgleiten in gänzlicher Hemmungslosigkeit hinzugeben. Irgendeinmal und irgendwie trat jeweilen sein rettendes Veto ein. Vom wachen Glauben her wird in dieser Sache etwas Anderes als eben das Veto nie zu erwarten sein. Es |284 kann oft erschütternd lange dauern, bis es laut und bis es gehört wird. Man kann aber sicher sein, dass vom wachen Glauben her etwas Anderes als das Veto nicht laut werden und nicht zu hören sein wird. Das ist der große Trost, das ist aber auch die ernste Mahnung in dieser Sache. Alles kommt darauf an, dass dieses Verbot rechtzeitig auf dem Plane ist und dann auch rechtzeitig vernommen wird.

880 Eine dritte Regel für die echten Entscheidungen des Glaubens in Sachen der Weltanschauungen wäre danach dahin zu formulieren, dass seine Haltung ihnen gegenüber auf alle Fälle eine ernstliche Revision seiner eigenen Stellung im Verhältnis zu seinem Grund in Gottes Offenbarung, eben damit aber auch den Verzicht auf alle verbessernden Umdeutungen der Weltanschauungen in sich schließt.

Wir kommen zum Schluss. Das Verhältnis des Glaubens zu den Weltanschauungen kann – und wenn der Glaube nicht schläft, sondern wacht, dann muss es durch Entscheidungen geordnet werden. Die Entscheidungen sind dann echt, wenn der Glaube in neuer Zuwendung zu seinem eigenen Grund und Gegenstand in Gottes Offenbarung sich selber wiederfindet, um eben damit auf jedes direkte oder indirekte Einverständnis mit den Weltanschauungen Verzicht zu leisten. Wenn der glaubende Mensch, sofern auch er Mensch ist, die Weltanschauungen nie einfach los sein wird, so wird er doch, sofern er glaubt, im Kampf, im Akt der Befreiung von ihnen sein – und, sofern diese Befreiung vorwärts schreitet, ihnen gegenüber tatsächlich in der Freiheit stehen. Von dieser Freiheit als dem Ziel jener Entscheidungen des Glaubens ist jetzt noch ein letztes Wort zu sagen.

Man bemerke: Wir kennen nur den kämpfenden Glauben und also im besten Fall seines siegreichen Kampfes nur seine vorwärts schreitende Befreiung von den Weltanschauungen. Wir können also von seiner Freiheit ihnen gegenüber nur relative Vorstellungen haben. Wir kennen sie nur als den mehr oder weniger deutlich aufleuchtenden Inbegriff des Ziels seines Befreiungskampfes. Wir kennen sie nur als die gegen mancherlei noch bestehende Unfreiheit streitende und infolge dieser noch vorhandenen Unfreiheit auch immer noch bestrittene Freiheit. Wer sich hier absoluter Vorstellungen rühmen wollte, der würde sich selbst betrügen, und er wäre wohl schon im Begriff, den Glauben als ein Prinzip zu behandeln, und also im Begriff, nun |285 ausgerechnet vom Glauben her eine Weltanschauung zu entwerfen. Man hüte sich: der glaubende Mensch hat gerade von seinem Glauben, von seiner Freiheit, keine absolute Vorstellung. Er hängt im Glauben an Gott. Er hängt 881 eben darum nicht an seinem Glauben. Er glaubt, er hat aber darin, dass er glaubt, kein Prinzip, kraft dessen er Gott und die Welt und sich selbst und mit sich selbst dann auch die Weltanschauungen schon gemeistert hätte. Er ist von Gott gemeistert. Er hält sich also nicht für Gott, der die Götter schon unter seine Füße getreten hat [vgl. Ps. 8,7; 1.Kor. 15,25]. Er widersteht den Weltanschauungen, aber noch stehen sie auch an seinem Horizont, ohne dass sie für ihn erledigt wären. So kennt er seine Freiheit ihnen gegenüber nur als relative Freiheit. Eben in dieser Relativität kennt er sie aber. Er kennt sie, in dem Maß, als er kämpft und siegreich kämpft, in dieser Relativität sogar immer besser und also als wachsende, als immer größer werdende Freiheit. Unter dem angezeigten Vorbehalt darf und muss sie also namhaft gemacht werden. Und die Apologie des Glaubens gegenüber den Weltanschauungen besteht letztlich und substantiell darin, dass eben das geschieht: in dem Hinweis auf diese Freiheit des Glaubens. Sie kann darum nur auf diese Freiheit hinweisen, weil der Glaube den Weltanschauungen gegenüber nur in dieser Freiheit wirklich gesichert und also effektiv verteidigt ist. Sie kann auf diese Freiheit darum nur hinweisen, weil keine menschliche Apologie diese Freiheit in ihrer absoluten Gestalt schaffen, auf den Plan führen und aufzeigen kann, weil [nur] Gott selbst sie in der relativen Gestalt, in der wir sie allein kennen, als des Glaubens wahre Sicherheit und Verteidigung verwirklichen und sichtbar machen kann. Und sie kann darum – so wie wir es jetzt getan haben – nur in einer Entgegenstellung des Glaubens und der Weltanschauungen, in der möglichst präzisen Unterscheidung des Wesens und der Werke dieser beiden, im Aufweis der möglichen und nötigen echten Entscheidung des Glaubens gegen die Weltanschauungen als solche bestehen, weil die streitende und umstrittene, die relative Freiheit, deren Aufweis für eine menschliche Apologie des Glaubens allein in Frage kommen kann, nur auf der Linie einer solchen disjungierenden Darstellung sichtbar werden kann. Welches ist diese streitende und umstrittene, diese relative Freiheit? Darauf ist jetzt noch Antwort zu geben.

286Die Freiheit von den Weltanschauungen ist in dem Maß, als sie sich 882 realisiert, die Freiheit des Glaubens für sich selber und also für ein menschliches Leben in jenem wissenden, vertrauenden, erwartungsvollen und eben so tätigen Gehorsam gegen Gottes Wort. Indem der Mensch von den Weltanschauungen frei wird, wie es ihm in den Entscheidungen des Glaubens unvermeidlich widerfahren muss, wird er unvoreingenommen, gelöst von allen anderen Voraussetzungen als von der, dass er glauben, dass er Gottes Wort jenen Gehorsam entgegenbringen darf, geöffnet und bereit gemacht dafür, sich, indem er glaubt, in die Situation zu finden, genau in der Situation auszuharren und vorwärts zu gehen, zu ruhen und sich zu bewegen, in der er sich befindet laut des Wortes Gottes, der sein Schöpfer und also in der Lage ist, ihm über diese seine Situation authentisch und endgültig Bescheid zu sagen, weil sie durch ihn selbst so bestimmt und angeordnet ist. Freiheit von den Weltanschauungen heißt Freiheit von den Bildern, in denen die Situation des Menschen willkürlich verändert und in dieser Veränderung wiedergegeben wird, den Bildern, mit denen seine Situation dem Menschen verdeckt, durch die der Mensch daran verhindert wird, sie zu nehmen und sich selbst in sie zu finden so, wie sie ist. Freiheit von den Weltanschauungen heißt also: Rückkehr in die Unbefangenheit. Der weltanschaulich orientierte Mensch ist befangen. Der glaubende Mensch ist unbefangen. Dass er das ist, das ist sein hoher Vorteil vor jenem. Indem der Glaube ihm diesen Vorteil verheißt und gibt, ist er seine eigene Apologie, verteidigt und sichert er sich gegenüber den Weltanschauungen. Er gibt dem Menschen zurück, was ihm durch jede Weltanschauung genommen wird: nicht nur Gott, sondern auch die Welt und nicht zuletzt seine eigene Existenz in ihrer Wirklichkeit. Er holt ihn herunter aus aller vermeintlichen Höhe, herauf aus aller vermeintlichen Tiefe, herbei aus allen unnötigen Weiten und heraus aus allen unnötigen Engen, in die er sich, indem er sich die Wirklichkeit durch die Bilder verdecken ließ, begeben hat. Er dispensiert ihn vom Kriechen wie vom Fliegen, von der Nachahmung des Tieres ebenso wie von der des Engels, er befreit ihn von allen Tyranneien ebenso wie von allen Anarchien. Er stellt ihn auf den Boden und erlaubt es ihm, als Mensch zu stehen und zu 883 gehen: ohne Überhebung und Anspruch, aber eben darum auch ohne Täuschung seiner selbst und Anderer. Er verweist ihn in seine Grenzen, |287 eben damit aber auch hinein in seine Bestimmung. Er eröffnet ihm eben so und hier seine eigentlichen Möglichkeiten. Er eröffnet ihm eben so und hier den Weg zu der wahren Größe seiner Geschöpflichkeit, zur wahren Menschlichkeit. Er nimmt ihm also in Wahrheit nichts, er gibt ihm alles, indem er ihn zur Entscheidung gegen alle Weltanschauungen nötigt, indem er ihn von diesen frei macht. Er nimmt ihm nur seine Gefangenschaft. Er zerreißt nur die Schleier, durch die hindurch er Alles sehen, er beseitigt nur die Schranken, in denen er sich bewegen musste, er löscht nur die Vorurteile aus, mit denen er sich selbst belastet, er zerbricht nur das Joch des Gesetzes, unter das er gebeugt war, er löst nur den Krampf, in welchem er lebte, solange er sich durch eine Weltanschauung für gebunden hielt. Was würde ihm damit verwehrt, da ihm eben damit die «Tore der Gerechtigkeit» [Ps. 118,19] nach allen Seiten geöffnet werden? Was würde er damit verlieren, da ihm eben damit der höchste und vollste Gewinn mit einem Schlag zugeschoben wird? Was jenseits der Entscheidung des Glaubens liegt, das ist des Menschen Beziehung zur Wirklichkeit und also sehr schlicht: die Erkenntnis der Wahrheit. Was kann der Mensch mehr verlangen? Und eben damit rechtfertigt und verteidigt, eben damit empfiehlt und begründet sich der Glaube, eben damit führt er seine Sache dem Menschen gegenüber und macht er sich ihm einleuchtend und überzeugend im Gegensatz zu den Weltanschauungen: dass er und er allein ihn in diese Beziehung versetzt: eben in die Beziehung, die durch die Weltanschauungen immer nur verfälscht, unterbrochen und zerstört werden kann, dass in ihm und in ihm allein Erkenntnis der Wahrheit Ereignis wird. Das leistet ihm der Glaube, dass er ihm diesen Vorteil bringt. Keine Weltanschauung kann dem Menschen das leisten. Jede Weltanschauung wird ihm gerade das nur nehmen können. |

In der Freiheit für das, was ist, existiert der glaubende und nur der glaubende Mensch. Wir vergessen nicht, dass seine Freiheit streiten muss und umstritten ist. Er kennt und hat seinen Glauben ja nur im Kampf, im besten Fall in einem siegreich 884 vorwärtsschreitenden Kampf, und also diese Freiheit im besten Fall als relative und wachsende Freiheit: im Streit mit der Unfreiheit, der er, so gewiss die Weltanschauungen auch [in] seinem Horizont immer noch sichtbar und wirksam sind, ein Stück weit auch noch verfallen ist. Eben als relative |288 und wachsende Freiheit besteht sie aber zweifellos darin, dass er für das, was ist, jedenfalls nicht mehr verschlossen, sondern offen ist. In dieser Freiheit kann Gott dem Menschen Gott, kann die Welt ihm die Welt, kann er selbst sich er selbst sein. Dieser Satz soll jetzt noch in Kürze entwickelt werden.

1. Die Freiheit des Glaubens von den Weltanschauungen ist die Freiheit, in der Gott dem Menschen Gott sein kann. Im Rahmen der Weltanschauungen kann das nimmermehr geschehen. Die Geschichte des christlichen Bekenntnisses und der christlichen Theologie ist darum eine Geschichte von so viel Unglücksfällen, weil man sich die Wirklichkeit Gottes immer wieder durch das Medium der wechselnden Weltanschauungen hindurch verständlich zu machen, tatsächlich aber zu verdecken suchte. Als der, der er ist, hat sich Gott damit bekannt gemacht, dass er in seiner Offenbarung selber von sich selber geredet hat. Die Freiheit des Glaubens besteht darin, dass er sich an den Bescheid, der dem Menschen damit gegeben ist, ohne Vorbehalt halten, dass er in seinem Bekenntnis und in seiner Theologie diesen Bescheid aufnehmen und ihm entsprechen darf, ohne zuvor von anderswoher dies und das heranzubringen, indem er schon zu wissen meint, was der Sinn und Inhalt dieses Bescheides, noch bevor er laut geworden ist, auf alle Fälle sein müsse – und also ohne, indem er diesen Bescheid aufnimmt, durch solches Vorwissen gebunden zu sein. Die Produktion solchen Vorwissens und also solcher Voreinnahme des dem göttlichen Bescheid konfrontierten Menschen ist das störende Werk aller Weltanschauungen. Es gibt Weltanschauungen, die es dem Menschen überhaupt und zum vornherein unmöglich machen wollen, sich auf diesen Bescheid auch nur einzulassen, geschweige denn, sich an ihn zu halten. Aber es hilft wenig oder vielmehr nichts, wenn in anderen Weltanschauungen die Möglichkeit dafür offen gelassen 885 wird. Indem sie Gott und Gottes Offenbarung nicht aus-, sondern an bestimmter Stelle einschließen, sind sie für die Erkenntnis der Wirklichkeit Gottes im Grunde nicht das kleinere, sondern das größere Hindernis. |

Die Freiheit des Glaubens wird sich gerade gegenüber den für das Christliche nicht verschlossenen, sondern so oder so offenen Weltanschauungen erst recht bewähren müssen. Gerade hier ereignen sich ja die großen Vorentscheidungen hinsichtlich der Aufnahme des Wortes |289 Gottes, in welchen es in bestimmte Grenzen gewiesen, in welchen die Anschauungen und Begriffe, in denen es, um an- und aufgenommen zu werden, Gestalt gewinnen muss, zum Voraus in irgend einer bestimmten Füllung festgelegt werden, in welchen es zum vornherein domestiziert, in welchen ihm heimlich oder offen ein «Bis hieher und nicht weiter!»220 zugerufen, in welchen es einem ihm fremden Zusammenhang eingeordnet und dienstbar gemacht wird. Gerade hier kommt es damit zu den großen verhängnisvollen Verdeckungen der göttlichen Wirklichkeit. In der Freiheit des Glaubens kommt es zur Durchbrechung nicht erst und nicht nur der ungläubigen, sondern gerade auch und zuerst der sogenannten gläubigen Weltbilder. Das der Freiheit des Glaubens teilhaftige Bekenntnis und die derselben Freiheit teilhaftige Theologie werden sich dadurch vor anderen auszeichnen, dass sie dem, was Gott selber von sich sagen und zeigen wollte, voraussetzungslos entgegentreten und standhalten. Sie werden dem Wort Gottes erlauben, sich selbst zu erklären, ohne schon zum vornherein eine Kunde darüber zu besitzen, woher und wie es zu erklären sei. Sie werden auch die Bibel als die menschliche Urkunde des Wortes Gottes keiner Gesamtbetrachtung aller Dinge, aller Geschichte, aller Religionen, aller Literatur unterwerfen, sondern ihr Zeugnis so hören und so aufnehmen und weitergeben, wie es sich selber gibt. Sie werden, was Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Wissenschaftlichkeit ist, nicht schon zuvor festgestellt haben, um ihren Gegenstand daran zu messen und ihre Erkenntnis des Gegenstandes und ihre Aussagen von ihm danach einzurichten. Sie werden sie sich vielmehr von ihrem Gegenstand her vorschreiben, sie werden ihre Begriffe und Anschauungen durch die von ihnen zu erkennende und bekennende Wahrheit formen lassen, statt die Wahrheit 886 zu formen nach ihren mitgebrachten Begriffen und Anschauungen. Sie werden Gottes Wort seine Freiheit lassen, und gerade so werden sie selber freies Bekenntnis sein und freie Theologie. |

290 Wo diese Freiheit ist, da kann Gott dem Menschen Gott sein. Da steht er ihm ja praktisch und nicht bloß theoretisch als Schöpfer und Herr gegenüber. Da waltet er souverän. Da liebt der Mensch nichts Anderes als eben dies: das von Gott geliebte Geschöpf zu sein. Da gibt er Gott seine Ehre, da kommt aber in seiner Erkenntnis unvermeidlich auch er selbst zu Ehren. Da kann dann auch der Mensch fröhlich essen und trinken vor Gott [vgl. Pred. 5,17f.; 9,7]. Da kann sein Glaube mit Gespensterfurcht nichts mehr zu tun haben. Der Gespensterfurcht einflößt, ist nur der durch eine Weltanschauung mutwillig verdeckte Gott. Hinter dieser Maske muss er dem Menschen furchtbar sein. Fällt die Maske und sieht er ihm in das Angesicht, das er selber als das seinige offenbar gemacht hat, dann ist die Furcht zu Ende, dann beginnt eben damit der freudige Wandel vor ihm. Bekenntnis, Dogma, Theologie werden überall da zu einer unfreudigen, sorgenvollen, finsteren Angelegenheit, wo es Gott als ihrem Gegenstand durch das dazwischen geschobene Medium einer Weltanschauung unmöglich gemacht wird, dem Menschen als Gott zu begegnen und dann auch in seinem Bekenntnis als Gott lebendig zu sein. Wenn der Glaube von den Weltanschauungen frei wird, dann wird er auch freudig, weil Gott ihm dann endlich in seiner Wirklichkeit begegnen kann. Das ängstliche Meinen und Raten über Gott, die schwachen und dunklen Hinweise auf ihn, die trockenen, wenig sagenden und immer ein wenig ungläubig klingenden Definitionen seines Wesens, die Flucht in die metaphysischen oder auch ethischen Umschreibungen, aber auch die Flucht in die historischen oder psychologischen Referate – diese Symptome eines unfreien Glaubens alle miteinander werden dann mit der Krankheit selbst, die sie hervorgebracht, in Wegfall kommen können. Der Glaube kann dann atmen; er kann dann ruhig von Gott her und zu Gott hin denken. Er wird dann nicht nur über Gott, er wird dann aus Gott und mit Gott zu reden wissen. Eben das ist es, was er da immer getan hat, wo er durch die Bilder hindurch und an den Bildern vorbei zu Gott selber vorzusto887ßen [vermochte], vielmehr durch die Bilder hindurch und an ihnen vorbei durch sein Wort, in welchem er sich selbst den Menschen gegeben hat, wieder erreicht, erweckt, ermutigt und getröstet und in Bewegung gesetzt wurde. Da kann und wird der Glaube denn auch gewaltig für sich selber sprechen, sein eigener Apologet und also keiner anderen Apologetik bedürftig sein. |291 Die Wirklichkeit Gottes ist dann die Verteidigung und Rechtfertigung, der Grund, das Licht und die Kraft seines Zeugnisses. Seine Zeugen brauchen dann wirklich nicht besorgt zu sein, was oder wie sie reden sollen [Lk. 12,11f.]: vor ihrem eigenen Gewissen nicht und vor dem der Anderen auch nicht. Gott selber spricht dann, indem sie im Glauben sprechen. |

Das ist die Verheißung der Freiheit, von der wir hier reden. Wenn die Kirche gebaut und erhalten und erneuert wurde, dann geschah es, indem diese Freiheit auf dem Plan war und indem diese ihre Verheißung in Erfüllung ging. Und immer, wenn diese Freiheit auf dem Plan sein und ihre Verheißung in Erfüllung gehen wird, wird auch die Kirche gebaut, erhalten und erneuert werden. Die Pforten der Unterwelt werden sie dann nicht überwältigen [Mt. 16,18]. Die Kirche kann immer nur dadurch in Frage gestellt werden, dass sie selbst diese Freiheit des Glaubens in Frage stellt. Wir täuschen uns nicht: sie war tatsächlich immer auch in Frage gestellt. Es gab kein Bekenntnis, kein Dogma, keine Theologie zu irgend einer Zeit der Kirche, die ganz aus dieser Freiheit geboren, die nicht auch von irgendwelcher weltanschaulichen Unfreiheit belastet gewesen wäre. Das Wort Gottes ist wohl noch von keinem einzigen Menschen ganz ohne irgendwelche mitgebrachte Voraussetzungen und also ganz störungsfrei gehört und die Bibel ist wohl noch von keinem einzigen Christen ganz ohne Brille und also ganz unbefangen gelesen worden. Wir wissen nur um die streitende und umstrittene Freiheit für die Wirklichkeit Gottes und also auch nur um eine in ihrem Glauben streitende und umstrittene Kirche. Es fehlt auch bei den größten Durchbrüchen des Glaubens oder vielmehr des Wortes Gottes noch viel daran, dass die Bilder die Freiheit des Glaubens nun wirklich gar nicht mehr beschränken und also die Wirklichkeit Gottes gar nicht mehr beschatten und verdecken dürften. Es fehlt darum auch in den größten 888 Zeiten des Glaubens immer noch viel an jener Freudigkeit, in der er sein eigener Apologet sein dürfte, an jener Kraft, in der Gott im Wort des Glaubens seiner Zeugen selber sprechen und dann zweifellos siegreich sprechen möchte. Wir kennen von dem allem nur Anfänge und Anzeichen. Die in der Gewalt dieser Freiheit ohne Widerstreit freudig, sorgenlos und hell triumphierende Kirche ist eine eschatologische Größe. Wir kennen ihren Triumph nur im Widerstreit. Das genügt aber auch. Dass |292 wir ihn wenigstens im Widerstreit kennen können, das ist nicht zu leugnen. Und eben das genügt zu dem, was nötig ist, nämlich als Aufruf, den Kampf unsererseits jedenfalls aufzunehmen. Befreiung ist möglich, wie unvollkommen sie immer in Gang komme. Und Freiheit wird immer ihr Ergebnis sein, und wenn es eine noch so beschränkte Freiheit wäre. Und die Freiheit wird immer jene Verheißung der Freude haben, und diese ihre Verheißung wird auch immer – und wäre es auch nur in Form des bescheidensten Anfangs und Anzeichens – in Erfüllung gehen: Gott wird des Menschen Gott werden, der – und wäre es auch nur mit dem kleinen Finger – in jener Freiheit lebt. Es heißt ja vom Glauben, dass er, auch wenn er nicht größer wäre als ein Senfkorn, Berge versetze [Mt. 17,20]. Täuschen wir uns auch darüber nicht und darüber noch weniger als über die große menschliche Unvollkommenheit, in der wir den Glauben und seine Freiheit in der Tat allein kennen. Dass wir glauben und im Glauben für Gott frei sein dürfen, ist noch wichtiger als dies, dass wir immer nur in größter Unvollkommenheit glauben und frei sein werden. Es wäre die größte aller Täuschungen, wenn man meinen wollte, die Aufnahme des Kampfes des Glaubens und die Betätigung seiner Freiheit um deswillen unterlassen oder auch nur hinausschieben zu müssen und zu dürfen. Er darf und er muss in ganzer Kraft und mit größter Hoffnung in aller Unvollkommenheit, in der das sicher geschehen wird, sofort aufgenommen werden.

2. Die Freiheit des Glaubens von den Weltanschauungen ist die Freiheit, in der die Welt dem Menschen die Welt sein kann. Auch die Welt ist nicht frei, d. h. auch für die Welt ist der Mensch nicht frei, wo die Weltanschauungen regieren. Und eben das ist die Belastung, der des Menschen Verhältnis 889 zur Welt unterworfen ist, dass er auch von ihrer Wirklichkeit dadurch ferngehalten ist, dass die Weltanschauungen als deren willkürliche Deutungen sich dauernd zwischen ihn und jene hineinschieben, ihm jene dauernd verdecken wollen. Die Offenbarung Gottes des Schöpfers ist die Offenbarung auch der Geschöpfwelt in ihrer Wirklichkeit. Und die Freiheit des Glaubens besteht auch darin, dass der Mensch dieser Wirklichkeit der Geschöpfwelt als solcher begegnen, dass er ihr in seinem Verhalten und Handeln entsprechen, dass er auch nach dieser Seite in der Wahrheit leben darf. Er muss auch ihrer Wirklichkeit nicht widersprechen, in|293dem er sich ein Bild von ihr macht, indem er ihr den so oder so gesponnenen und gefärbten Schleier dieses Bildes überwirft, indem er sein Verhalten und Handeln in ihr von den Punkten und Linien dieses Bildes abhängig macht. Das ist ja auch hier das störende Werk aller Weltanschauungen: Sie sind von irgend einer Stelle aus mächtig zwischen den Menschen und die Welt hineingekommene Voraussetzungen, an die er sich hinsichtlich seines Denkens, Wollens und Lebens in der Welt für gebunden erachtet. Sie sind eigenmächtig vollzogene Einsetzungen irgendwelcher bestimmter Gesetze seines Denkens, Wollens und Lebens. Sie sind Behauptungen – aber tatsächlich nicht mehr als Behauptungen – über die Wirklichkeit der Welt: aus ihr angeblich abgelesen und angeblich in ihrem Namen und Auftrag aufgestellt, in Wahrheit von ihr an irgend einer Stelle abstrahiert, d. h. aber hinweggezogen, so dass sie sie gerade nicht mehr wiedergeben, wie sie ist, so dass die Welt dem Menschen in ihnen gerade nicht mehr die wirkliche Welt sein kann. Irgend eine mächtige Synthese mit ihren Gliedern und deren Zusammenhang ist an ihre Stelle getreten. Alles Denken, Wollen und Leben geschieht nun im Dienst und nach Maßgabe seines Verhältnisses zu dieser Synthese, ist nun nicht mehr auf die Welt, sondern auf das in dieser Synthese zustande gekommene Weltbild gerichtet. |

Dass es auch lockere, lückenhafte, gewisse Fragen vorläufig oder sogar endgültig offen lassende Weltbilder und genau gesehen wohl überhaupt nur solche gibt, dass wahrscheinlich noch keine Weltanschauung auch nur einen einzigen Menschen so gänzlich gemeistert 890 hat, dass sie es vermocht hätte, ihn von der wirklichen Welt so gänzlich abzusperren, wie es theoretisch der Fall sein müsste, das ist wohl wahr. Es ist aber auch wahr, dass jede Weltanschauung als solche die Drohung solcher Absperrung ist, und es ist auch wahr, dass sie, soweit sie herrschen kann, solche Absperrung tatsächlich vollziehen muss. Es wäre der durch eine Weltanschauung ganz beherrschte Mensch der wirklichen Welt zweifellos ganz entfremdet. Und es gibt Freiheit für die wirkliche Welt für jeden Menschen nur in dem Maß, als er von seiner Weltanschauung neben dem, dass er teilweise von ihr beherrscht ist, teilweise auch frei geblieben ist. Es gibt aber Freiheit von den Weltanschauungen und also Freiheit für die wirkliche Welt nur in der Freiheit des Glaubens, weil nur der Glaube den Weltan|294schauungen in reinem, grundsätzlichem und effektivem Gegensatz gegenübertreten kann. Es ist letztlich immer der ihnen in irgend einer Nähe oder Ferne gegenüberstehende Glaube, der die Weltanschauungen tatsächlich lockert und lückenhaft macht, der sie hindert, so gänzlich zu herrschen, wie sie es alle tun möchten, und also die wirkliche Welt so völlig zuzudecken, wie sie es theoretisch tun müssten. Der Glaube kann und wird sich jene Absperrung auf keinen Fall gefallen lassen. Der Glaube kämpft für die Freiheit auch in dieser Hinsicht, und zwar selbstverständlich nicht nur für eine teilweise, sondern für die ganze Freiheit, in der die Welt dem Menschen die wirkliche Welt sein kann. Er kämpft also nicht nur dafür, dass im Gefüge jener Synthesen gewisse Lücken und Fragen offen bleiben möchten, sondern dafür, dass der Mensch mit solchem synthetischen Weltverständnis überhaupt, mit jenen Bildern als solchen (ob sie geschlossen oder lückenhaft seien) in Ruhe gelassen, dass es ihm auf der ganzen Linie erlaubt werde, ebenso in der wirklichen Welt zu atmen, wie er vor dem wirklichen Gott atmen möchte. Er widersteht den milden Tyrannen ebenso wie den strengen und jenen vielleicht darum nur umso ernster und intensiver, weil die Weltfremdheit, die der Herrschaft aller weltanschaulicher Tyranneien folgen muss, dort einen gewissen Geschmack von Freiheit hat und darum als weniger bemerk891bar nur umso gefährlicher ist. Man muss dieses Widerstehen des Glaubens recht verstehen. |

Der Glaube widerstrebt nicht der Wissenschaft. Im Gegenteil: gerade der Glaube ist die Freiheit zur Wissenschaft, die Freiheit zu wirklichem Sehen und immer besserem Sehen und also zum wirklichen Erforschen und Kennen der wirklichen Welt. Da ist gar keine Dimension der wirklichen Welt, in der der glaubende Mensch nicht als solcher interessierter Frager und Sucher wäre. Da ist keine Sparte der natürlichen und geistigen Existenz in der Geschöpflichkeit, über die er nicht in rückhaltloser Offenheit entsprechend dem Maß seines Auffassungsund Verstandesvermögens belehrt und immer besser belehrt werden möchte. Indem er von der Wahrheit des Schöpfers herkommt, kann er hinsichtlich seines Geschöpfs nur der Wahrheit entgegengehen wollen. Die Wissenschaft ist ihm dringlich, so gewiss ihm die wirkliche Welt als Werk ihres Schöpfers nicht nur ehrwürdig, sondern lieb ist: kraft dessen, dass er sich in ihrer Mitte und selber zu ihr |295 gehörig von Gott geliebt weiß und eben dies lieben darf, in ihrer Mitte und selber zu ihr gehörig von Gott geliebt zu sein. Einer für die Wirklichkeit Gottes offenen Theologie wird eine für die wirkliche Welt ebenso offene Weltwissenschaft notwendig entsprechen müssen. Die Weltanschauungen aber sind, wie sie keine wirkliche Theologie sein und begründen können, so auch auf keinem Gebiet wirkliche Weltwissenschaft oder auch nur deren legitime Voraussetzungen oder Konsequenzen. Wo die Weltanschauungen anfangen, da hört die wirkliche Wissenschaft auf. Da bricht nämlich ihr Sehen und Forschen ab, um in einem Dichten und Trachten [vgl. Gen. 6,5] zur Ruhe zu kommen oder auch in flatternde Unruhe zu geraten, die mit ihrem guten und gebotenen Werk nichts zu tun hat, sondern nur anzeigt, dass der Mensch dieses Werks müde geworden ist und an Stelle dessen in einem spekulierenden Träumen das bessere Teil gefunden zu haben meint. Wirkliche Wissenschaft hat sich noch nie auf den Wegen der Weltbildner betreffen221 lassen. Weltbildner zu werden ist die Versuchung, gehört aber nicht zum Wesen des wissenschaftlichen Menschen. Der wissenschaftliche Mensch weiß, dass ihm die wirkliche Welt genau in dem Augenblick entgehen müsste und würde, wo er sie, statt sie als solche zu sehen und immer besser zu sehen, durch das Medium eines Weltbildes und nach An892weisung von dessen Punkten und Linien beschauen würde. Er kennt freilich die Stimme wohl, die ihm einflüstern möchte, dass die Wissenschaft erst dann «befriedigend» werde, wenn sie von einem solchen Weltbild herkomme und ihm entgegengehe. Er kennt die Versuchung, zur Synthese zu schreiten und dann von dieser Synthese aus und zu deren größerer Ehre weiter zu forschen. Er widersteht ihr aber auch, weil er weiß, dass seine Wissenschaft, von der Synthese aus vorgehend und nach der Synthese hinstrebend, alsbald zur Pseudowissenschaft werden, sein Verhältnis zur wirklichen Welt nicht weiter klären könnte, sondern notwendig stören und schließlich zerstören müsste. Es ist aber der Glaube die allein zuverlässige Macht, in der der wissenschaftliche Mensch es so halten, die ihn in Stand setzen wird, ehrlicher Analytiker und gerade so wirklicher Erforscher und Kenner der wirklichen Welt zu sein und zu bleiben. |

296 Der Glaube widersteht nicht der Wissenschaft, wohl aber jener Versuchung des wissenschaftlichen Menschen grundsätzlich und dauernd, wo eine wissenschaftliche Gesinnung ohne den Glauben ihr doch nur zufällig und gelegentlich widerstrebend allerlei weltanschauliche Ausflüge des wissenschaftlichen Menschen heimlich oder offen dann doch und zum Schaden seiner Wissenschaft zu erlauben pflegt. Und der Glaube leistet das darum, er ist darum der solide Grund wissenschaftlicher Freiheit, weil er nach der Synthese nicht erst zu fragen hat, weil er weiß, dass sie in dem Zusammensein des Schöpfers mit der wirklichen Welt schon vollzogen ist, so dass der der wirklichen Welt zugewandten222 Wissenschaft eine andere Aufgabe als die der voraussetzungslosen, gänzlich bilderfreien Analyse tatsächlich nicht gestellt sein kann und dass eben diese Aufgabe befriedigend genug ist, um sich gänzlich von ihr in Anspruch nehmen zu lassen. Die Zeit und die Kraft, der Ernst und die Freudigkeit des wissenschaftlichen Menschen werden durch den Glauben frei für diese ihm wirklich gestellte Aufgabe. Er wird durch den Glauben bescheiden gemacht und gerade so auf zuverlässig festen Boden gestellt werden. Wie ihm das anders als eben durch den Glauben widerfahren könnte, das ist allerdings nicht abzusehen.

893 Wir könnten fortfahren und zu zeigen versuchen, wie der Glaube auch der Technik, der Wirtschaft, der Politik, der Kunst nicht widersteht. Wir können hier nur andeuten. Der Glaube macht den Menschen auch in diesen Formen seines Verhaltens und Handelns in der Welt frei, indem er ihn von den Bildern zu der wirklichen Welt der echten Gegenstände seines Tuns zurückruft. Zum geschöpflichen Sein des Menschen inmitten der Geschöpfwelt gehört ja nicht nur dies, dass er um sie weiß. Sondern es hat sein ganzes Wissen um sie sein Telos darin, dass er in und mit ihr lebe: in der Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten, Möglichkeiten und Kräften der Natur und der Geschichte, aber auch in deren Betrachtung und Anschauung. In ihr und mit ihr zu leben, das schließt aber die Aufgabe in sich, dass der Mensch sich ihr gegenüber zu behaupten und abzugrenzen, und wiederum: dass er sich selbst ihr anzupassen sich angesichts der ihm durch sie gesetzten Bedingungen rüstig und fähig zu machen, und |297 wiederum: dass er sie als seinen Lebensraum zu gestalten und zu ordnen hat. Der glaubende Mensch wird nicht der letzte, sondern der erste sein, diese Aufgabe und seine Verantwortlichkeit für deren Ausführung zu anerkennen und sie, dem Maß seines Verstehens und Könnens entsprechend, selbst in Angriff zu nehmen. Ihm steht die Welt als Gottes Geschöpf, ihm steht also ihre Realisierung und Rechtfertigung durch Gott vor Augen. Ihm ist sie das ihm durch seinen eigenen Schöpfer verordnete Mitgeschöpf. Er liebt es, in seiner Beziehung und Gemeinschaft mit ihr von Gott geliebt zu sein. Er kann ihr also nicht gleichgültig und noch weniger mutlos und erschrocken gegenüberstehen. Er muss und wird sie respektieren, und zwar aktiv respektieren. Er muss seine Gemeinschaft mit ihr, indem er sie erkennt, auch ins Werk setzen. Wie würde er sonst glauben, dass er und sie, er mit ihr zusammen, von Gott geschaffen ist? |

Eine für die Wirklichkeit Gottes offene Theologie wird also nicht nur eine ebenso offene Weltwissenschaft, sondern auch eine ihr entsprechend offene Weltgestaltung zur Seite haben müssen. Es wird aber hier womöglich noch mehr als bei der Wissenschaft Alles darauf ankommen, dass es die wirkliche Welt ist, die dabei des Menschen Gegenüber, den Gegenstand seines Werkes bildet. Die Welt der Weltanschauungen ist nicht die wirkliche Welt. Es können die Technik, die Wirtschaft, die Politik, die Kunst im Dienst der Weltanschauungen der Weltgestaltung – der [Gestaltung der] 894 wirklichen Welt nämlich – gerade darum nicht dienen, weil des Menschen Tun dann von bestimmten weltfremden Gestalten regiert und dirigiert wird. Es wird sich der von einer Weltanschauung besessene Mensch in seinem praktischen Verhalten der Geschöpfwelt gegenüber benehmen, als ob er nicht ihr Mitgeschöpf, sondern selber ihr Schöpfer und Herr wäre. Er wird ihr also seine eigene Gesinnung aufzudrängen, er wird sie der dieser seiner Gesinnung entsprechenden Konzeption zu unterwerfen versuchen. Er wird sich der großen Verwechslung schuldig machen, die Regel dieser seiner Gesinnung und Konzeption, seiner eigenen Prinzipien und Systeme für die «Eigengesetzlichkeit» der wirklichen Welt zu halten. Und eben auf Grund dieser Verwechslung wird er in einer verzauberten Welt223 leben, er wird sich an seinem Werk in dieser |298 Welt abwechselnd berauschen, sofern es ihm scheinbar gelingt, sich mit seiner Prätension der Wirklichkeit gegenüber durchzusetzen, und entsetzen, sofern ihm das faktisch nie gelingt, sofern nämlich die von ihm verkannte und vergewaltigte Geschöpfwelt sich auf allen jenen Gebieten notwendig gegen ihn wenden und ihm eben die Lüge, mit der er ihr gegenübergetreten ist, in Form von allen möglichen Greueln zurückgeben wird. Und hier, diesen Verwechslungen gegenüber, setzt der Protest des Glaubens ein. Hier wird der glaubende Mensch von Haus und Grund aus nicht dabei sein können. Hier wird ihm, indem er die Wirklichkeit Gottes erkennen darf, auch die Wirklichkeit der Welt nicht ganz verborgen sein und ihn auf allen jenen Gebieten und nach allen Seiten zum Kämpfer für die Freiheit machen. |

Ein von der Technik her entworfenes Weltbild ist ein Schreckgespenst, das mit der wirklichen Welt zum Glück nichts zu tun hat. Man kann aber auch von der Wirtschaft, von der Politik, von der Kunst her die wirkliche Welt nur verhüllen, um sie dann in einer Schreckgestalt nach der anderen auf den Plan zu führen, indem man von ihnen aus Weltbilder entwirft und in Umlauf setzt. Mit der erlaubten und gebotenen Arbeit zur Gestaltung der wirklichen Welt, mit der Bemühung, sich in ihr zurechtzufinden und sie als Lebensraum zu gewinnen, 895 sie als solchen zu formen, haben diese Unternehmungen nichts zu tun. Die wirkliche Arbeit, die hier zu tun wäre, setzt bei aller fieberhaften Geschäftigkeit, die dann gerade einsetzen mag, aus: es herrscht dann in Wahrheit ein geschäftiger Müßiggang224, dessen Werke sich notwendig gegen den Menschen richten müssen, so gewiss sie schon in ihrem Ansatz gegen Gott gerichtet sind. Was notwendig geschehen müsste, was dem Menschen dienen und helfen würde, das geschieht ja dann sicher nicht, sondern in höchster Geistesmacht und unter größter Kraftanwendung sicher gerade das, was dem Menschen das Leben sofort oder allmählich unmöglich machen muss. Des Menschen natürliches Wollen und Können verfängt sich dann. Und die Bestimmungen der verschiedenen Programme überkreuzen sich dann. Innere und äußere Konflikte werden dann unvermeidlich. Katastrophen werden dann in umso größerem Umfang möglich und wirklich, |299 als formaler Ernst und formale Tüchtigkeit auf allen Seiten – aber eben auf allen Seiten in verkehrten Zusammenhängen – auf dem Plane sind. Es kann dann nicht anders sein, als dass die Welt vor lauter von allen Seiten höchst konsequent und höchst leidenschaftlich betriebener Weltgestaltung zur Hölle wird. Sie kann nichts dafür. Sie ist nicht die Bilderwelt, in der dieser Aufruhr herrscht. Es liegt nicht im Wesen der Technik, den Menschen abwechselnd zum Tyrannen und zum Sklaven zu machen. Es liegt nicht im Wesen der Wirtschaft, Klassenkampf von oben oder von unten zu sein. Es liegt nicht im Wesen der Politik, dass sie die Kunst gegenseitiger Überlistung und Vergewaltigung sein muss. Es liegt nicht im Wesen der Kunst, die verfälschenden Bilder der Wirklichkeit, denen der Mensch ohnehin dient, darüber hinaus auch noch mit der nötigen ästhetischen Verklärung zu umgeben. Die wirkliche Welt entspricht durchaus nicht diesem menschlichen Verfahren ihr gegenüber, und so könnte auch das menschliche Verfahren ihr gegenüber in allen jenen Sparten sehr wohl ein anderes sein. Die wirkliche Welt ist aber bedeckt von der Bilderwelt, wo der Mensch sein Wollen und Tun in den Dienst der Bilder zu stellen statt seines Glaubens zu leben entschlossen bleibt. In der Höhe hinter den Bildern rasen dann die falschen Götter und bewei896sen in den Taten ebenso wie in den Leiden der Menschen, dass sie für diese leider keine Nichtse225 sind. Wo aber geglaubt wird, da ist die Grenze dieses Zaubers schon sichtbar, hat sein Ende schon angefangen. Und wo wach und ernstlich geglaubt wird, wird sich das noch mitten im Aufruhr der entfesselten Geister und Elemente schon bemerkbar machen. Der Glaube als die Freiheit von den Weltanschauungen ist die Proklamation der Freiheit von den Irrtümern und Verwirrungen, die deren Herrschaft gerade auf den praktischen Gebieten notwendig anrichten muss. |

Der Glaube ist nicht die Rückkehr zur Natur226: auch das könnte nur die Parole eines weltanschaulichen Programms defaitistischer |300 Färbung sein, dessen Proklamierung die Lage nur noch mehr verwirren könnte. Der Glaube als Akt dankbaren Gehorsams gegen den Schöpfer ist vielmehr immer – es handelt sich darum, der Wirklichkeit aktiven und nicht nur passiven Respekt entgegenzubringen – die Entscheidung für die Kultur, aber nun gerade für eine programmfreie, unprinzipielle, unsystematische, nur an der Wirklichkeit der Welt (weil zuerst an der Wirklichkeit Gottes!) und sonst an gar nichts orientierte Kultur. Der Glaube ist in der Liebe tätig [Gal. 5,6] und nicht untätig. Er ist aber auf gar nichts als darauf festgelegt, dass die von Gott realisierte und gerechtfertigte Welt dem Menschen als Mitgeschöpf gegeben, zu seinem Lebensraum geeignet und dass der Mensch zu ihrer Gestaltung berufen und befähigt ist [vgl. Gen. 1,28]. Zur Erfüllung dieser mit ihrer und seiner Bestimmung gestellten Aufgabe bedarf der Mensch keiner Bilder, keiner Prinzipien und keiner Systeme, die ihn vielmehr bei der Erfüllung dieser Aufgabe immer nur gestört haben und immer nur stören können. Alle Technik, Wirtschaft, Politik und Kunst ist in dem Maß gesund und brauchbar, als sie sich den Weltanschauungen zum Trotz von deren Bildern nicht stören lässt und ihnen zum Trotz an die wirkliche Welt gebunden bleibt. Die Güte und Geduld Gottes hat es auch hier verhindert, dass der Wahnsinn je so groß wurde, wie er es wohl hätte werden können. Fragt man sich unter Menschen, was etwa diesen Wahnsinn effektiv aufhalten und brechen könnte, so ist außer dem Glauben nun doch nichts zu nennen. Denn in ausschließendem Gegensatz zu den den Wahnsinn verursachenden Weltanschau897ungen wird außer Gott selbst immer nur der Glaube stehen: sein freies Verhalten und Handeln in der Welt. Man lasse ihm freie Bahn! Warum hat man das bis jetzt immer nur in bescheidenen Ansätzen tun wollen? Warum hat man zwar zu allen Zeiten geglaubt, um dann doch in der Praxis von einer weltanschaulichen Gebundenheit in die andere zu stürzen? Wie meinte man glauben und dann sich gerade der aus dem Glauben folgenden wirklichen Weltoffenheit zugunsten irgend eines Programms nun doch versagen zu können?

301 3. Die Freiheit des Glaubens von den Weltanschauungen ist die Freiheit, in der der Mensch dem Menschen Mensch sein kann. Hier dürfte die Tragweite der ganzen Entscheidung am deutlichsten werden. Man muss ja wohl sagen: Gerade um des Menschen, um seiner Befreiung willen widerstrebt der Glaube den Weltanschauungen. Immer der Mensch ist ja der eigentlich Leidende, wenn es zu den großen Verdeckungen Gottes und der Welt kommt. Verdeckt wird dann auch und vor allem der Mensch dem Menschen. Wir sahen schon, wie die Proklamation und Durchsetzung jeder Weltanschauung die Aufrichtung eines Gesetzes bedeutet. Die Wirkung dieses Gesetzes ist tödlich. |

Keine Weltanschauung erlaubt es dem Menschen, Mensch zu sein. Sie wird ihm vielmehr eine Maske vorbinden, ein Kostüm vorschreiben, eine Rolle ihm zum Auswendiglernen übergeben, in der er seiner selbst verlustig gehen muss, wobei es gleichgültig ist, ob sie die Rolle eines Engels oder eines Tiers, eines Tyrannen oder eines Sklaven, eines Philosophen oder eines Narren, eines Schwerarbeiters oder eines Bummlers, eines Massenmenschen oder eines Individualisten, eines Philisters oder eines Zigeuners, eines Optimisten oder eines Kopfhängers, eines Genießers oder eines Asketen, eines Untermenschen oder eines Übermenschen ist. Er ist jedenfalls verurteilt, eine Rolle zu spielen, statt dass er er selbst sein dürfte. In dieser Rolle kann er begreiflicherweise weder dem wirklichen Gott noch der wirklichen Welt gerecht werden, kann er weder einer freien Theologie noch einer freien Weltwissenschaft und Weltgestaltung fähig sein. Der wirkliche Gott und die wirkliche Welt können natürlich nur dem wirklichen Menschen sichtbar und bedeutsam werden. Der Mensch in der 898 Rolle wird ihnen so fremd bleiben, wie sie ihm fremd bleiben müssen. Und eben in der Rolle muss und wird vor allem er selber unwirklich und also unmenschlich werden: als Mensch sich selber und als Mensch auch seinen Mitmenschen unkenntlich. Er wird, in dem Maß, als er wirklich von einer Weltanschauung beherrscht ist, vor allem sich selber unkenntlich. Kann er sich selber in seiner Wirklichkeit nicht aufheben und beseitigen, so kann er sich doch sich selber gegenüber verleugnen und zum Schatten machen, indem er unter das fremde Gesetz tritt, so muss er sich dann beständig unter dieser fremden Gestalt sehen, haben, pflegen und betätigen. Er darf nicht mehr zu Worte |302 kommen; er muss es sich selbst entziehen, sobald er es ergreifen möchte. Er ist nicht mehr Herr im eigenen Hause; er selber hat sich ja herausgeworfen und muss es immer wieder tun. Er kann nicht mehr leben; er selber hat sich ja dazu verurteilt, stattdessen ein Programm auszuführen. Und dabei weiß er im Grunde sehr wohl, dass er sich anlügt, dass der, der ihn unter seinem eigenen Namen so behandelt, durchaus nicht er selber ist. Dabei steht er dem, der ihn da so wunderlich tyrannisiert und doch er selber sein will, bestimmt mit irgend einem Ingrimm oder doch in trauernder Resignation gegenüber und wird es nicht unterlassen, ihm Betrug mit Betrug zu vergelten. Er kann nur kranken an sich selber, der von einer Weltanschauung beherrschte Mensch, weil er selber, der sich dazu bestimmt und gemacht hat, in Wirklichkeit nicht er selber, sondern – ob Übermensch oder Untermensch – ein ihm fremder Unmensch ist. Und in eben dem Maß, als er unter dieser Herrschaft steht, wird er natürlich auch den Mitmenschen als Mensch unkenntlich werden. Es entsteht nun zunächst im Kleinen das, was man die gute oder auch schlechte Gesellschaft nennt, in der niemand sich selber zeigen, jeder im Gegenspiel und Zusammenspiel mit den anderen Maskierten und Kostümierten sich selber als das Bestimmte nach Leibeskräften geben muss, das er sich selber für zugedacht hält, jeder um jeden Preis seinen Platz erhalten und ausfüllen muss, weil die Erwartung nun einmal besteht, weil er selbst sich nun einmal darauf festgelegt hat, dass an seinem Platz das und das gespielt werden müsse. Von daher der 899 ganze Scheinverkehr, die ganzen Scheingespräche, Scheingegensätze und Scheinliebenswürdigkeiten, Scheinvergnügen und Scheinleiden, die ganzen Scheinprobleme und Scheinlösungen des Umgangs der Menschen untereinander, mit denen sie ihre Tage zubringen wie ein Geschwätz [vgl. Ps. 90,9], weil er der Umgang wirklicher Menschen mit anderen wirklichen Menschen so gerade nicht sein kann. Und das wiederholt sich dann im Großen in der menschlichen Geschichte, die darum die Geschichte von so viel Irrtum, Gewalt und Leid ist und sein muss, weil es den Menschen unter der Herrschaft der Weltanschauungen unmöglich gegeben sein kann, als wirkliche Menschen neben-, mit- und füreinander zu leben, weil sie unter deren Herrschaft als Vertreter von Klassen und Rassen, Nationen, Staatsauffassungen, Wirtschaftsideologien und Lebensgefühlen nur gegeneinander stehen, sich gegenseitig |303 nur zu nahe treten und Unrecht tun können, weil sie sich damit als die wirklichen Menschen, die sie alle im Grunde sind, gegenseitig voreinander verborgen und verleugnet haben, weil keiner für den Anderen zu Hause sein darf: so gewiss er ja tatsächlich auch bei sich selber nicht zu Hause ist. |

Hier erhebt sich der grundsätzliche Widerspruch des Glaubens. Man sieht freilich gerade hier, dass er sehr grundsätzlich sein [muss], dass er nicht etwa seinerseits im Namen einer religiösen oder christlichen Weltanschauung erhoben werden darf, weil er sonst nur eine neue Maskierung und Kostümierung des Menschen bedeuten, die allgemeine Entzweiung nur vermehren, vertiefen und verschärfen würde. Es ist bekannt, wie oft das geschehen ist: wie oft sich der Mensch vermeintlich gerade um des Glaubens willen sich selbst und dem Mitmenschen unmenschlich und also unkenntlich gemacht hat. Der Glaube ist nicht schuld an dieser Verwechslung. Er widerstrebt aller, auch der religiösen, auch der christlichen, auch der gläubigen Unkenntlichmachung des wirklichen Menschen. Er gibt ihm die Freiheit der Ehrlichkeit. Er erlaubt und gebietet ihm, sich jeder Maske und jedes Kostüms zu begeben und zu sich selber und eben damit auch zum Mitmenschen zu kommen. Denn eben damit, dass er ihn ehrlich macht, gibt er ihn auch dem Mitmenschen zurück. Er öffnet ihn nach innen wie nach außen. Er tut das aber, indem 900 er ihn zwischen den wirklichen Gott und die wirkliche Welt mitten hineinstellt: unter Gott als den Herrn, von dessen Gnade er lebt, und vor die Welt, die Gottes Instrument ist ihm zugut und in der er seine Liebe zu ihm üben und betätigen soll. Indem die verschlossenen Türen hier und dort aufgetan werden, können und müssen sie auch für ihn selbst aufgehen. Und hier ist nun wirklich nichts zu befürchten. |

Indem der Glaube mit der freien Gnade Gottes anfängt, ist ja gesorgt dafür, dass von einer herrenlosen Selbstbehauptung des glaubenden Menschen in dieser Freiheit keine Rede sein kann. Herrenlose Selbstbehauptung steht am Anfang aller Herrschaft der Weltanschauungen. Von ihr gerade befreit der Glaube den Menschen und eben damit dann auch von dem Gesetz, zu dem die Rebellion gegen die Gnade ihn unweigerlich führen muss. Das Leben des wirklichen Menschen beginnt genau jenseits des Endes seiner herrenlosen Selbstbehauptung. Hier wird er zum Knecht Gottes nicht nur, sondern in der |304 Liebe zu einem untertänigen Knecht aller Dinge.227 Hier wird es dann allerdings auch wirksam, dass es die freie Gnade Gottes ist, mit der der Glaube anfängt. Es ist also wahr: Hier tritt das Kind in die Spuren des Vaters, das Leben des glaubenden Menschen in Analogie zum Leben des Gottes, an den er glaubt. Hier ist er als Geschöpf in der Hand seines Schöpfers frei, d. h. Herr seiner eigenen Möglichkeiten, ein freier Herr aller Dinge,228 wie Gott es als Schöpfer ist. Hier wird er sich über sich selbst nicht im Unklaren, mit sich selbst nicht uneins sein, sich selbst nicht fürchten, nicht verstecken, nicht betrügen müssen. Und von hier aus kann er auch seinen Mitmenschen kein Fremder bleiben. Von hier aus muss der wirkliche Mensch inmitten des Scheins der guten und der bösen Gesellschaft und schließlich auch inmitten der heillosen Unruhe und Qual der ganzen menschlichen Geschichte ein unverrückbarer Block der Wahrheit und ein unübersehbares Licht des Friedens werden. Es lohnt sich schon zu glauben und damit frei zu werden, da das die Verheißung des Glaubens ist. Es kann nicht anders sein, als dass der Mensch nicht nur Gott, sondern auch sich selbst und Anderen angenehm wird, indem er glaubt. |

Und so vollenden wir jetzt die Reihe, als deren erste Glieder wir die freie Theo901logie, die freie Weltwissenschaft und Weltgestaltung genannt haben. Ihr letztes Glied ist: der freie Mensch. Dass seine und alle diese Freiheit im Streit und umstritten ist, wissen wir und braucht, so wahr es ist, jetzt nicht noch einmal unterstrichen zu werden. Es soll jetzt vielmehr nur noch dies gesagt sein: dass die kleinste Regung dieser streitenden und umstrittenen Freiheit des Glaubens unendlich viel besser und begehrenswerter ist als die ganze trügerische Tugend, Weisheit, Machtentfaltung in der Gefangenschaft unter den Weltanschauungen.

Sachfußnoten

1
KBA 25009 (CD-ROM, Text Nr. 9).↩
2
In dieser noch weitgehend unbearbeiteten Fassung hat Barth den Text vermutlich vorgetragen; vgl. dazu unten, S. 564, Anm. 7. ↩
3
Begleitheft, S. 7 (Anhang, S. 687), im Anschluss an H. Stoevesandt, Gott und die Götter, in: ders., Gottes Freiheit und die Grenze der Theologie. Gesammelte Aufsätze, hrsg. von E. Stoevesandt / G. Sauter, Zürich 1992, S. 178–199, dort S. 187f. 📖↩
4
KD III/1, S. 1–44 (§ 40) bzw. S. 44–377 (§ 41) 📖.↩
5
Vgl. etwa Fr. Loofs, Leitfaden zum Studium der Dogmengeschichte, Halle 19064, S. 104–111 (neu hrsg. von K. Aland, Tübingen 19687, S. 78–83 📖).↩
6
A. von Harnack, Lehrbuch der Dogmengeschichte, Bd. I, Tübingen 19315, S. 250 📖: «Der große Unterschied hier [scil. zwischen Gnosis und Katholizismus] besteht aber wesentlich darin, dass sich in gnostischen Bildungen die acute Verweltlichung, resp. Hellenisirung des Christenthums darstellt (mit Verwerfung des A. T.), in dem katholischen System dagegen eine allmählich gewordene (mit Conservirung des A. T.).»↩
7
Hier fußt Barth möglicherweise auf H. Leisegang, Art. «Gnosis: I. Religionsgeschichtlich», in: RGG2 II, Sp. 1272–1276, dort bes. Sp. 1275f 📖.↩
8
Vgl. Harnack (Anm. 6), S. 695–697 📖.↩
9
Irenäus, Adversus haereses I, 22,1 (FChr 8/1, S. 286) 📖: «[... Deus...,] qui mundum fecit (et enim mundus ex omnibus) hic qui hominem plasmavit, hic Deus Abraham et Deus Isaac et Deus Iacob, super quem alius Deus non est, neque initium, neque Virtus, neque Pleroma; hic pater Domini nostri Iesu Christi, quem admodum ostendemus: hanc ergo tenentes regulam, licet valde varia et multa dicant [scil. haereses], facile eos deviasse a veritate arguimus. Omnes enim fere quotquot sunt haereses Deum quidem unum dicunt, sed per sententiam malam immutant, ingrati existentes ei, qui fecit eos, quem admodum et gentes per idololatriam.»↩
10
Vgl. den Titel: L. Ziegler, Gestaltwandel der Götter, Darmstadt 19223 📖.↩
11
Hebr.: elilim; Bezeichnung für die Götter in Lev. 19,4; 26,1; 1.Chr. 16,26; Ps. 96,5; 97,7; Jes. 2,8.18.20; 10,10f.; 19,1.3; 31,7; Hes. 30,13; Hab. 2,18.↩
12
Von hier an sind die fünf Typoskript-Seiten bis S. 449 (Mitte) von Barth durchgestrichen und eliminiert, aber im Durchschlag erhalten. Diese Seiten behandeln, jene «Definition» explizierend, 1. die Einheit und Ordnung von Bund und Schöpfung (S. 444f.), und beinhalten 2. eine Polemik gegen die Konzeption einer isolierten, inhaltlich defizitären «Schöpfungsordnung», die als solche einer Verwechslung zwischen Gott und den Göttern Vorschub leiste (S. 445–449).↩
13
Aus der ersten Strophe des Liedes «O Gott, du frommer Gott» von J. Heermann (EG 495; nicht im RG) 🎵.↩
14
S. 454–600 des Typoskripts sind eliminiert, aber – z. T. verändert – aufgenommen in KD III/1, S. 395–476 📖 (vgl. oben, Einleitung).↩
15
Vgl. KD I/1, S. 89–128 📖 (§ 4: Das Wort Gottes in seiner dreifachen Gestalt).↩
16
Vgl. 1.Kor. 8,5; Eph. 1,21; 3,10.↩
17
Siehe oben, Anm. 11.↩
18
Tskr.: «entsprechen»; Korrektur durch die Hrsg.↩
19
Anspielung auf eine schon frühkirchlich verwendete und dann im späten Mittelalter gebräuchliche Redewendung vom Teufel oder (seltener) von den übrigen Dämonen als «Affen Gottes», die auch Luther gern benutzte. Vgl. etwa M. Luther, Von den Konziliis und Kirchen. 1539, in: WA 50, 488–653, dort 644,12–20 📖: «Da nu der Teuffel sahe, das Gott eine solche heilige Kirche bauet, feiret er nicht und bauet seine Capellen dabey, grösser, denn Gottes Kirche ist, […], Wie er denn allezeit Gottes Affe ist und wil alle ding Gott nach thun und ein bessers machen […].» Zu Luthers Gebrauch der Redewendung und ihren Quellen vgl. A. Adam, Der Teufel als Gottes Affe. Vorgeschichte eines Luther-Wortes, in: LuJ 28 (1961), S. 104–109 📖. – In Barths Exemplar von J. Müller, Die christliche Lehre von der Sünde, Bd. 2, Breslau 18493, S. 235 📖, findet sich folgende, teils unterstrichene Passage: «Bleibt also hier die Sünde selbst in ihrem innersten Kern unbegriffen, so muß uns diese Unbegreiflichkeit natürlich da am härtesten entgegentreten, wo die Sünde ein Erstes und Anfängliches im strengen Sinne ist, wo ein reiner Wille unrein wird durch seine Selbstbestimmung. Das alte Wort, daß der Satan ein Affe Gottes sei, hat hier seine eigenthümlichste Wahrheit. Es ist die Anmaßung des Bösen auf seine Weise causa sui zu sein wie Gott, schlechthin von sich anzufangen, nur sich selbst vorauszusetzen.» (Die Hervorhebungen markieren die Unterstreichungen in Barths Exemplar; i. Orig. sind im ersten Satz «Erstes» und «Anfängliches» gesperrt.).↩
20
Zu diesem Ausdruck vgl. J. W. von Goethe, Die Leiden des jungen Werthers (1774) 📖, 1. Buch (unter dem Datum 24.12.1772): «Und das glänzende Elend, die Langeweile unter dem garstigen Volke, das sich hier nebeneinander sieht!» Zur Geschichte des Ausdrucks vgl. A. J. Storfer, Im Dickicht der Sprache, Wien / Leipzig / Prag 1937, S. 23f 📖.↩
21
Zur Unterscheidung von «res cogitans» und «res extensa» vgl. R. Descartes, Meditatio IV. De vero et falso, in: ders., Meditationes de prima philosophia (Œuvres de Descartes, hrsg. von Ch. Adam, Bd. VII), Paris 1983, S. 42–60, dort bes. S. 53 📖.↩
22
Vgl. aus J. W. von Goethes Gedicht «Allerdings» (1819/20; Berliner Ausgabe, Bd. 1, S. 555f.) 📖 die Schlusszeilen: «Alles gibt sie reichlich und gern; / Natur hat weder Kern / Noch Schale, / Alles ist sie mit einem Male. / Dich prüfe du nur allermeist / Ob du Kern oder Schale seist.» Vgl. auch ders., «Epirrhema» (1818/19; a.a.O., S. 545): «Müsset im Naturbetrachten / Immer eins wie alles achten; / Nichts ist drinnen, nichts ist draußen; / Denn was innen, das ist außen. / So ergreifet ohne Säumnis / Heilig öffentlich Geheimnis.»↩
23
AusJ. W. von Goethes Gedichtzyklus «Gott, Gemüt und Welt» (1810/12; a.a.O., S. 423–430, dort S. 425) 📖: «Was wär ein Gott, der nur von außen stieße, / Im Kreis das All am Finger laufen ließe!»↩
24
Hier denkt Barth wohl an Spinozas «Deus sive Natura». Vgl. B. de Spinoza, Ethik, in geometrischer Ordnung dargestellt, lat.-dt. Ausgabe, neu übersetzt, hrsg. und mit einer Einleitung versehen von W. Bartuschat (PhB 92), Hamburg 1999, S. 374.388 📖.↩
25
J. W. von Goethe, Faust I, V, 3457f. (Marthens Garten) 📖.↩
26
Vgl. aus der ersten Strophe von J. W. von Goethes Gedicht «Vermächtnis» (1829; Berliner Ausgabe, Bd. 1, S. 541f.) 📖: «Am Sein erhalte dich beglückt!»↩
27
Zur synthetischen Einheit von Geist und Natur vgl. G. W. Fr. Hegel, Phänomenologie des Geistes (ders., Werke, auf der Grundlage der Werke von 1832–1845 neu edierte Ausgabe, Redaktion E. Moldenhauer / K. M. Michel, Bd. 3 [stw 603]), Frankfurt/M. 19913, S. 324–494.558f. 📖; auch ders., Wissenschaft der Logik I, Erster Teil: Die objektive Logik, Erstes Buch: Die Lehre vom Sein (Werke, Bd. 5 [stw 605]), Frankfurt/M. 1986, S. 127 📖.↩
28
Nach Thales von Milet (etwa 625–545 v. Chr.) ist das Wasser der Ursprung oder das Grundprinzip (ἀρχή) der mannigfaltigen Dinge; vgl. H. Diels, Die Fragmente der Vorsokratiker. Griechisch und Deutsch, hrsg. von W. Kranz, Bd. 1, Berlin 19516, S. 76f. (11 A 12). 📖 – Nach Heraklit von Ephesus (etwa 544–483 v.Chr.) gilt das Feuer als Ursprung; vgl. a.a.O., S. 165 (22 B 64), s. auch a.a.O., S. 171 (22 B 90).↩
29
Vgl. unten, S. 617f., die ersten Zeilen des – gut zehn Jahre später verfassten – Fragments «Atomwaffen».[«Atomwaffen»]↩
30
Wohl eine Anspielung auf den mit Barth befreundeten Philosophen und Mathematiker Heinrich Scholz, der diesen Begriff prononciert benutzte; vgl. H. Scholz, Was will die formalisierte Grundlagenforschung?, in: Deutsche Mathematik, Jg. 7 (1942–1944), S. 206–248, Zitat S. 242 📖: «Die Grundlagenkrisis der klassischen Logik ist zugleich eine Grundlagenkrisis des auf dem Evidenzgefühl fußenden intuitionistischen Wahrheitsbegriffes.» Vgl. auch ders., Die Grundlagenkrisis der griechischen Mathematik, Berlin 1928 📖.↩
31
Im Tskr. wie das den vorherigen Satz abschließende Fragezeichen von Barth gestrichen, der damit aus den beiden Sätzen einen machen wollte, es aber versäumte, den Fortgang des zweiten Satzes dieser Änderung anzupassen.↩
32
Zu στοιχεῖα τοῦ κόσμου vgl. z. B. den Exkurs στοιχεῖον zu Kol. 2,8 bei M. Dibelius, An die Kolosser, Epheser, an Philemon (HNT 12), Tübingen 19272, S. 19–21 📖.↩
33
Barth könnte auch hier an Heinrich Scholz gedacht haben. Siehe z. B. dessen Aufsatz: Was ist Philosophie? Der erste und letzte Schritt auf dem Wege zu ihrer Selbstbestimmung (1940), in: ders., Mathesis universalis. Abhandlungen zur Philosophie als strenger Wissenschaft, hrsg. von H. Hermes u. a., Basel / Stuttgart 1961, S. 341–387 📖. Vgl. auch oben, Anm. 30.↩
34
Formulierung in Anlehnung an B. de Spinoza, Ethica ordine geometrico demonstrata (erschienen posthum 1677 📖; s. oben, Anm. 24).↩
35
Gemeint ist der «Anhang zur transzendentalen Dialektik» in I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, Akademie-Ausgabe, Bd. 3, Berlin 1904/11, S. 426–461 📖.↩
36
Zu dem Begriff «Sittengesetz» vgl.I. Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Akademie-Ausgabe, Bd. 5, Berlin 1908/13, S. 1–163, dort bes. S. 30–33 📖.↩
37
Vgl. dazu I. Kant, Die Metaphysik der Sitten, Akademie-Ausgabe, Bd. 6, Berlin 1907/14, S. 203–493, dort S. 487 📖: «Wir können uns nämlich Verpflichtung (moralische Nöthigung) nicht wohl anschaulich machen, ohne einen Anderen und dessen Willen (von dem die allgemein gesetzgebende Vernunft nur der Sprecher ist), nämlich Gott, dabei zu denken.»↩
38
Als Prototyp des «romantischen Denkens» könnte Barth an Johann Gottfried Herder gedacht haben. Vgl. Prot.Theol., S. 281f. 📖: «Der Meister dieser Umgehung Kants ist Johann Gottfried Herder. […] Was bei Lessing bedachtsam nicht ausgenützte und was bei Kant die verbotene Möglichkeit ist, das wird bei Herder freudiges Ereignis […]. Überwindung der Aufklärung heißt bei Herder Überwindung der Vormacht der Logik und der Ethik überhaupt, der Verstandeskategorien sowohl wie des kategorischen Imperativs, durch die Entdeckung des Gefühls und der Erfahrung, die Entdeckung der Möglichkeit einer Erkenntnis und eines Redens aus dem unmittelbaren Erlebnis.»↩
39
Vgl. a.a.O., S. 250.303 📖.↩
40
Max Stirner, eigentlich: Johann Caspar Schmidt (1806–1856), deutscher Philosoph und Journalist, Linkshegelianer.↩
41
Zum Motiv des ‹Dionysischen› vgl. Fr. Nietzsche, Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, in: ders., Die Geburt der Tragödie. Unzeitgemäße Betrachtungen I–IV. Nachgelassene Schriften 1870–1873, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 1, München / Berlin 1999, S. 9–156 📖.↩
42
Zu dieser Variante der bekannteren, wohl auf Platon zurückgehenden Redewendung «Ich weiß, dass ich nichts weiß» (vgl. Büchmann, S. 317 📖) vgl. J. W. von Goethe, Faust I , V, 364 (Nacht) 📖:

[…] und sehe, dass wir nichts wissen können!↩

43
Die Wendung ist berühmt geworden durch die Schlusssätze der Rede des Physiologen E. H. Du Bois-Reymond, Über die Grenzen des Naturerkennens. Ein Vortrag in der zweiten öffentlichen Sitzung der 45. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu Leipzig am 14. August 1872, Leipzig 18722, S. 34 📖: «In Bezug auf die Räthsel der Körperwelt ist der Naturforscher längst gewöhnt, mit männlicher Entsagung sein ‹Ignoramus› auszusprechen. [...] In Bezug auf das Räthsel aber, was Materie und Kraft seien, und wie sie zu denken vermögen, muss er ein für allemal zu dem viel schwerer abzugebenden Wahrspruch sich entschliessen: ‹Ignorabimus!›»↩
44
Vgl. den auf Augustin zurückgehenden Titel der Schrift De docta ignorantia des Nikolaus von Kues (1440) 📖.↩
45
Vgl. J. W. von Goethe, Maximen und Reflexionen, Goethes Werke (Hamburger Ausgabe), Bd. 12: Schriften zur Kunst; Schriften zur Literatur; Maximen und Reflexionen, hrsg. von W. Weber / H. von Einem / E. Trunz, München 19737, S. 467 📖: «Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.»↩
46
So die lateinische Version des Ausspruchs, mit dem nach Aristoteles, De partibus animalium, I, 5.645a 17 📖, Heraklit seine Besucher begrüßt haben soll, während er sich am Backofen wärmte: ἐκέλευε γὰρ αὐτοὺς εἰσιέναι θαρροῦντας· εἶναι γὰρ καὶ ἐνταῦθα θεούς (Diels-Kranz [Anm. 28], S. 146 [22 A 9]) 📖. Vgl. Büchmann, S. 311 📖.↩
47
Zur Praxis des Weihrauchopfers, mit dem es in der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Decius (249–251) möglich war, dem geboten Opfer, dessen Verweigerung die Todesstrafe nach sich zog, zu entsprechen, vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 150f., Anm. 30 📖.↩
48
Dieser Vierzeiler stammt nicht von Goethe; H.-J. Schoeps, Ungeflügelte Worte. Was nicht im Büchmann stehen kann (ders., Gesammelte Schriften IV/16), Nachdr. Hildesheim 2005, S. 321 📖, benennt als möglichen Verfasser Fr. von Bodelschwingh d. J, setzt hinter diese Aussage aber ein Fragezeichen. Im Internet kursierende Hinweise auf den russischen Schriftsteller und Satiriker Michail J. Saltykow-Schtschedrin (1826–1889) als Verfasser ließen sich nicht verlässlich prüfen.↩
49
Der hier behauptete und unten weiter ausgeführte Zusammenhang von Genie und Wahnsinn, den auch Aristoteles schon sah, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts vom italienischen Arzt und Psychologen Cesare Lombroso (1835–1909) zu einer bekannten Theorie entwickelt; vgl. C. Lombroso, Genio e Follia, in rapporto alle medicina legale alla critica ed alla storia, Turin 1882 📖4 (dt.: Genie und Irrsinn in ihren Beziehungen zum Gesetz, zur Kritik und zur Geschichte, Leipzig 1887 📖). Vgl. auch unten, S. 518. [1-3, bei Anm. 108]↩
50
Vgl. Fr. Engels, Das Begräbnis von Karl Marx (1883), MEW 19, Berlin 1962, S. 335 📖: «Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können […].» – Vgl. aber auch Barth selbst: Römerbrief 2, S. 427 📖.↩
51
Wohl ein Hinweis auf Sigmund Freud, der das Lustprinzip als wichtigste Triebkraft des psychischen Geschehens beschrieb. Vgl. etwa S. Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Gesammelte Werke, hrsg. von A. Freud, Bd. 11, Frankfurt/M. 19868, S. 369 📖.↩
52
Die auf Papst Gregor I. zurückgehende Zählung von sieben Todsünden (superbia, avaritia, luxuria, invidia, gula, ira, acedia) hat sich im Abendland im Lauf des Mittelalters schrittweise durchgesetzt. Siehe O. Zöckler, Das Lehrstück von den sieben Hauptsünden. Beitrag zur Dogmen- und Sittengeschichte, insbesondere der vorreformatorischen Zeit (ders., Biblische und kirchengeschichtliche Studien, Heft 3), München 1893 📖.↩
53
«sich selber»: schweizerisch für «es selber».↩
54
«Homo homini deus est, si suum officium sciat»: Vers von Caecilius Statius (um 220–168 v. Chr.), überliefert bei Symmachus, ep. 9, 114,1 (A. Otto, Die Sprichwörter und sprichwörtlichen Redensarten der Römer, Leipzig 1890, S. 109 📖). Vgl. auch L. Feuerbach, Das Wesen des Christentums, Sämtliche Werke, Bd. 6, hrsg. von W. Bolin, Stuttgart / Bad Cannstatt 19602, S. 100 📖: «Das Bewußtsein der Welt ist also für das Ich vermittelt durch das Bewußtsein des Du. So ist der Mensch der Gott des Menschen.»↩
55
Anspielung auf die berühmte Bestimmung der Frömmigkeit als «schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl» bei Fr. D. E. Schleiermacher, Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt. Zweite Auflage (1830/31), Teilbd. 1, Kritische Gesamtausgabe, Abt. 1, Bd. 13/1, hrsg. von R. Schäfer, Berlin 2003, S. 34–38 (§ 4,2f.) 📖.↩
56
A.a.O., S. 39 (§ 4,4) 📖.↩
57
J. W. von Goethe, Faust I, V, 4159 (Walpurgisnacht) 📖.↩
58
Die Formulierung des Satzes im Singular trotz doppeltem Subjekt ist an dieser Stelle auf die Streichung eines längeren, aufzählenden Satzteiles zurückzuführen, der das «Wesen» und die «Wirklichkeit» der Götter näher beschreibt und mit einem zusammenfassenden «das Alles» endet, auf das dann der stehengebliebene Rest des Satzes folgt.↩
59
Tskr.: «es»; dort geht ein von Barth gestrichener Satz voraus, in dem vom Handeln Gottes mit seinem Geschöpf die Rede ist, so dass dort eindeutig ist, worauf sich das Pronomen bezieht, während nach der Streichung des Satzes das letzte in Frage kommende Subjekt «der Mensch» ist.↩
60
Tskr.: «Es»; dort geht ein von Barth gestrichener Satz voraus, an dessen Schluss es heißt: «[…], wenn irgendein Geschöpf nun wirklich […] nicht mehr Gott gehören sollte», so dass dort eindeutig ist, worauf sich das Pronomen bezieht, während nach der Streichung des Satzes das letzte in Frage kommende Subjekt «der Mensch» bzw. «er» ist.↩
61
Anspielung auf Martin Luthers Erklärung des ersten Gebots im Kleinen Katechismus: «Wir sollen Gott über alle Ding fürchten, lieben und ehren» (BSLK, S. 507,42f. 📖).↩
62
Die Formel «als wäre nichts geschehen» war berühmt geworden durch ihre programmatische Verwendung auf der ersten Seite von Barths Streitschrift Theologische Existenz heute! (in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 271–363) 📖 vom Juni 1933, wo er dazu aufforderte, auch angesichts der gravierenden politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten «Theologie und nur Theologie» zu treiben, «als wäre nichts geschehen» (a.a.O., S. 280). Seitdem tauchte diese Formel in Veröffentlichungen Barths immer wieder als eine Art verdecktes Selbstzitat auf (vgl. H. Stoevesandt, Was heißt «theologische Existenz»?, in: ders., Gottes Freiheit [Anm. 3], S. 143–177, dort S. 147–149) 📖.↩
63
Der Begriff «Offenbarungsquelle» (besonders im Plural) hat eine lange Geschichte; besonders im Katholizismus bzw. in katholischen Dogmatiken wurde und wird damit der Dual von Schrift und Tradition gekennzeichnet. Vgl. etwa H. Hurter SJ, Theologiae dogmaticae compendium in usum studiosorum theologiae, Tomus I: Theologia generalis, Oeniponte 190912, p. 131 (Überschrift des zweiten Traktats) 📖: «De fontibus divinae revelationis», und a.a.O., p. 132: «‹Veritatem et disciplinam (omnem et salutarem Christi) contineri in libris scriptis et sine scripto traditionibus, quae ab ipsius Christi ore ab apostolis acceptae aut ab apostolis Spiritu S. dictante quasi per manus traditae ad nos usque pervenerunt.› [Zitat aus dem Tridentinum] Canales scil., per quos ad nos usque transfunditur revelatio christiana sunt S. Scriptura et traditio.»

Auch noch der junge Barth kann ganz unbefangen mit ihm umgehen: «Die Wirksamkeit des Geistes Christi hat gottlob noch andere Kanäle als uns Theologen. Franz von Assisi und Bodelschwingh sind mit ihren Taten so gut Offenbarungsquellen für ihre Mitmenschen gewesen, als Paulus und Luther mit ihren Gedanken» (K. Barth, Der christliche Glaube und die Geschichte, in: V.u.kl.A. 1909–1914, S. 149–212, dort S. 209 📖).

Eine dominante Rolle spielte der Begriff in den 1930er Jahren in der Debatte um die «natürliche Theologie» und in der Auseinandersetzung mit der «Theologie» der Deutschen Christen, in denen Barth den Gedanken mehrerer möglicher Offenbarungsquellen vehement verwirft. Nunmehr gilt ihm die Bibel als die alleinige wahre und zuverlässige Quelle der Offenbarung Gottes. Siehe z. B. ders., Kirchliche Opposition 1933. Grundsätzliches, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 581–589, dort S. 587f. 📖: «Der Protest gegen die Irrlehre der Deutschen Christen [...] muss sich grundsätzlich dagegen richten (als gegen die Quelle aller einzelnen Irrtümer), dass die Deutschen Christen neben der heiligen Schrift als einziger Offenbarungsquelle das deutsche Volkstum, seine Geschichte und seine politische Gegenwart als eine zweite Offenbarungsquelle behaupten und sich damit als die Gläubigen eines ‹anderen Gottes› zu erkennen geben.» – Weitere Belege bei Barth: a.a.O., S. 443; KD I/1, S. 35 📖; I/2, S. 314.605.608.616.622.627f.674.677.694.738; IV/1, S. 407.428.506; IV/3, S. 150. ↩

64
Möglicherweise eine Anspielung auf die beiden Dramentitel: La vida es sueño (Das Leben ein Traum), 1634/35, von Pedro Calderón de la Barca (1600–1681) 📖, und Der Traum ein Leben. Dramatisches Märchen, 1826–1832, von Franz Grillparzer (1791–1872) 📖.↩
65
Vgl. den Buchtitel: B. Bekker, De betooverde wereld. Zijnde een Grondig Ondersoek Van’t gemeen gevoelen aangaande de Geesten, derselver Aart en Vermogen, Bewind en Bedrijf: als ook’t gene de Menschen door derselver kraght en gemeinschaap doen, Leeuwarden 1691 📖.↩
66
Vgl. aus der letzten Strophe von Goethes Gedicht «Der Zauberlehrling» (1797; Berliner Ausgabe, Bd. 1, S. 153) 📖:
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd’ ich nun nicht los.
↩
67
«Alternde Welt»: besonders in der Spätantike und bis in die Neuzeit verwendeter Ausdruck zur Charakterisierung von Geschichte bzw. des eigenen Zeitalters (vgl. G. J. M. Bartelink, Mundus senescens, in: Hermeneus 42 [1970], S. 91–98 📖), der sich auch in Augustins Zeitalterlehre spiegelt; vgl. z. B. Augustinus, De genesi contra manichaeos, 24,42, CSEL 91, S. 111f. 📖: «Senectutis vero aetas sicut in nobis nullo statuto annorum tempore definitur, sed post quinque illas aetates quantum quisque vixerit senectuti deputatur, sic et in ista aetate saeculi non apparent generationes, ut etiam occultus sit ultimus dies quem utiliter dominus latere oportere demonstravit.» Vgl. auch CA XXIII 📖: «Et cum senescente mundo paulatim natura humana fiat imbecillior, convenit prospicere, ne plura vitia serpant in Germaniam» (BSLK, S. 89,11–14 📖).↩
68
Vgl. hierzu KD III/1, S. 119f 📖.↩
69
Zum Ausdruck «nackte Majestät» vgl. M. Luther, Disputatio prima contra Antinomos. 1537, in : WA 39/I, 360–417, dort 389,16–390,1 📖: «Qui relicto illo filio suas cogitationes et speculationes sequitur, maiestate Dei obruitur et desperat. Ad has speculationes de maiestate Dei nuda dederunt occasionem Dionysius cum sua mystica theologia et alii eum sequentes, quia multa scripserunt de spiritualibus nuptiis, ubi Deum ipsum sponsum, animam sponsam finxerunt, atque ita docuerunt, homines posse conversari et agere in ista mortali et corrupta carne cum maiestate Dei inscrutabili ac aeterna sine medio.» Ferner: ders., Vorlesungen über 1. Mose von 1535–45 📖: Luther knüpft dort an die scholastische Unterscheidung zwischen «voluntas signi» und «voluntas beneplaciti» Gottes, dem offenbaren, von uns zu erfüllenden, und dem verborgenen Willen Gottes, nach dem er selbst handelt, an. Den Letzteren definiert er als «substantialis voluntas Dei seu nuda Maiestas, quae est Deus ipse. Ab hac removendi oculi sunt. […] Haec rationi simpliciter sunt inaccessibilia: Quicquid hac voluntate beneplaciti Deus voluit, ab aeterno vidit.» (WA 42, 294,37-42).↩
70
Vgl. aus der achten Strophe des Liedes «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» (1675) von J. J. Schütz (EG 326; RG 240) 🎵: «Die falschen Götter macht zu Spott; / der Herr ist Gott, der Herr ist Gott!»↩
71
Vgl. dazu KD III/1, S. 258–377 📖 (§ 41,3: «Der Bund als innerer Grund der Schöpfung»).↩
72
Die beiden Stichworte «Realisierung» und «Rechtfertigung» wurden in der endgültigen Fassung des § 42 mit dem Titel «Das Ja Gottes des Schöpfers» zu den Leitbegriffen des zweiten und dritten der drei Abschnitte: 2. Schöpfung als Verwirklichung (KD III/1, S. 395–418 📖), 3. Schöpfung als Rechtfertigung (S. 418–476).↩
73
Tskr.: «den»; Korrektur durch die Hrsg.↩
74
Dass Barth diese an sich gängige Redeweise in Anführungszeichen setzte, kann ein Hinweis darauf sein, dass er damit auf das Verhalten der Kirche im Nationalsozialismus und konkret auf den Umgang auch späterer bekenntniskirchlicher Kreise mit der Frage des «Arierparagraphen» anspielen wollte, dessen Einführung «im Raum der Kirche» man ablehnte, ohne sich gegen seine Anwendung im staatlichen Bereich zu verwahren: «In solcher Verpflichtung bezeuge ich, daß eine Verletzung des Bekenntnisstandes mit der Anwendung des Arier-Paragraphen im Raum der Kirche Christi geschaffen ist» (Verpflichtungserklärung des Pfarrernotbundes [Fassung Martin Niemöllers vom Oktober 1933], in: K. D. Schmidt, Die Bekenntnisse und grundsätzlichen Äußerungen zur Kirchenfrage des Jahres 1933, Göttingen 1934, S. 77f., dort S. 78 📖). Barth hatte eine solche Aufspaltung schon 1933 in seinen Bemerkungen zum Betheler Bekenntnis hinterfragt: «Ist die bürgerliche Behandlung, die man den Juden im heutigen Deutschland systematisch zuteil werden lässt, eine solche[,] zu der ‹wir› nichts zu bemerken haben? Die ‹wir›, weil sie von der ‹Obrigkeit› verfügt ist, als gottgewollt hinnehmen und mitmachen?» (V.u.kl.A. 1930–1933, S. 473 📖).↩
75
Die Deutung der Bundeslade als «Feldzeichen Israels», auf die hier wohl angespielt ist, wurde nachdrücklich vertreten von J. Wellhausen, Israelitische und jüdische Geschichte, Berlin 19045, S. 27 📖.↩
76
Anlass für diese hart klingende Aussage ist möglicherweise die Reaktion des Basler Rabbiners Arthur Weil auf den von Barth und Charlotte von Kirschbaum mitunterzeichneten Weihnachtsbrief an unsere Juden vom 24.12.1942 (O.Br. 1935–1942, S. 423–426 📖) gewesen.

In diesem anlässlich der furchtbaren Nachrichten über die Lage der Juden in den von Deutschland beherrschten Gebieten geschriebenen Brief – Barths Mitarbeit an ihm lässt sich nicht genauer bestimmen – hieß es u. a.: «Es betrübt und erschreckt uns, daß das Judenvolk Jesus nicht als den im Alten Testament angekündigten Messias erkennt und als seinen Erlöser annimmt. Aber es ist zuerst an uns, Buße zu tun für alles, was von unserer Seite an den Juden gesündigt wurde. […] Wir denken mit Schamröte daran, was seit je in ‹christlichen› Völkern an Israel verbrochen wurde. Seien Sie versichert, liebe jüdische Brüder und Schwestern, wir beten für Sie, daß der treue Gott Sie heute durch alle ihre Drangsal hindurchträgt und seine herrlichen Verheißungen an Ihnen wahr mache» (a.a.O., S. 426).

Von den kontroversen Reaktionen auf diesen Brief wird in der Literatur die des Rabbiners Weil positiv hervorgehoben (vgl. a.a.O., S. 425; E. Busch, Unter dem Bogen des einen Bundes. Karl Barth und die Juden 1933–1945, Neukirchen-Vluyn 1996, S. 497f. 📖), da dieser sich im ersten Teil seiner Ausführungen dankbar für die Hilfsleistungen, die Offenheit des Briefes und das darin enthaltene Schuldeingeständnis zeigte: «Eine solche Sprache haben wir Juden von seiten der Vertreter der Kirche seit 1900 Jahren nicht gehört» (A. Weil, Israels Bekenntnis. Predigt, gehalten in der Synagoge zu Basel am 2. Januar 1943 / 25. Tebet 5703, Basel 1943, S. 5 📖).

Nicht eingegangen wird in der Literatur auf den längeren Teil der Predigt, in dem Arthur Weil zunächst die lange Verfolgungsgeschichte rekapitulierte (S. 6), um dann die eigenen Gedanken über Verheißung und Erlösung denen des «Weihnachtsbriefes» gegenüberzustellen. Barths Wortwahl und der Zeitpunkt der Abfassung lassen es durchaus möglich erscheinen, dass Barth sich auf diese Passage bezieht, hieß es darin doch u. a.: «Wie tief muss der Glaube an den einzigen Gott, wie gross die Liebe zu ihm im Herzen unseres Volkes verankert sein, dass es stark genug gewesen ist, so viele und so furchtbare Leiden auf sich zu nehmen, um seinem Gott die Treue zu halten. Stumm hat es gelitten, […] aber in seinem Glauben ist Israel nie wankend geworden, […]. Auch sind Israels Erlösungshoffnungen vor Allem bedingt durch sein eigenes Verhalten, durch seine eigene Busse und Besserung. Der ‹Weihnachtsbrief an unsere Juden› dagegen hält die Erlösung der Menschheit für bedingt durch eine vorhergehende Bekehrung Israels. Hier trennen sich unsere Glaubenswege.» (a.a.O., S. 7f.; im Exemplar Charlotte von Kirschbaums teils unterstrichen).↩

77
Vgl. Jes. 54,5; Hos. 2,18.21; vgl. auch KD III/1, S. 361f. 📖↩
78
Im Tskr. steht statt «es» an beiden Stellen im Satz «sie»; Korrektur durch die Hrsg.↩
79
Vgl. aus Luthers Auslegung des dritten Artikels des Glaubensbekenntnisses im Großen Katechismus: «Denn wir künnden […] nimmermehr dazu kommen, daß wir des Vaters Hulde und Gnade erkenneten ohn durch den HERRN Christum, der ein Spiegel ist des väterlichen Herzens […]» (BSLK, S. 660,38–42 📖).↩
80
Tskr.: «ihm»; Korrektur durch die Hrsg.↩
81
Siehe oben, Anm. 11.↩
82
Siehe oben, S. 7f.↩
83
Zum Thema «Weltanschauung» vgl. Barths frühere Äußerungen in: K. Barth, «Unterricht in der christlichen Religion», Bd. 2: Die Lehre von Gott / Die Lehre vom Menschen. 1924/1925, hrsg. von H. Stoevesandt (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1990, bes. S. 217–219.273f.324f. 📖; ders., Fragen an das Christentum, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 145–154 📖.↩
84
Vgl. M. Luther, Predigt am 17. Februar 1521 über Gen.31: «Also mechtig starck ding ist es umb den glawben, wan sich das hertzs awff goth wagt und im alles heim gibt in eynnem rechten vortrawen […]» (WA 9, 587,11–13 📖); vgl. auch aus Luthers Auslegung des ersten Gebots im Großen Katechismus: «alleine das Trauen und Gläuben des Herzens machet beide Gott und Abegott» (BSLK, S. 560,16f. 📖).↩
85
Vgl. z. B. J. Stelzenberger, Die Beziehungen der frühchristlichen Sittenlehre zur Ethik der Stoa. Eine moralgeschichtliche Studie, München 1933, S. 184 📖: «Es ist die Renaissance eine Repristination auch der Stoa und ihres Naturalismus und Rationalismus.» Die These von einer entscheidenden Rolle der Stoa vor allem beim Übergang der Renaissance zur Reformation geht u. a. auf Wilhelm Dilthey zurück; vgl. etwa W. Dilthey, Die Funktion der Anthropologie in der Kultur des 16. und 17. Jahrhunderts (1904), in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 2: Weltanschauung und Analyse des Menschen seit Renaissance und Reformation, Leipzig 19606, S. 416–492 📖. Siehe dazu auch Chr. Strohm, Art. «Stoa / Stoizismus / Neustoizismus. II. Neustoizismus», in: TRE 32, S. 190–193 📖.↩
86
Mit der angesprochenen Thematik beschäftigte Karl Heim (1874–1958) sich intensiv schon in seiner Habilitationsschrift: K. Heim, Das Weltbild der Zukunft. Eine Auseinandersetzung zwischen Philosophie, Naturwissenschaft und Theologie, Berlin 1904 📖. Seit den 1920er Jahren war es ihm ein Anliegen, «das neue Verständnis der urchristlichen und reformatorischen Gottesgewißheit, das Karl Barths Römerbrief in prophetischer Form zum Ausdruck gebracht hat, in Beziehung zu setzen zu der philosophischen Bewegung, in der wir seit Kants ‹kopernikanischer Tat› stehen» (ders., Glaubensgewißheit. Eine Untersuchung über die Lebensfrage der Religion, Leipzig 19233, S. III 📖 (in Barths Exemplar am Rand markiert). Barth hatte weiter folgende Schriften Heims vor Augen: ders., Glaube und Denken. Philosophische Grundlegung einer christlichen Lebensanschauung (Der evangelische Glaube und das Denken der Gegenwart. Grundzüge einer evangelischen Lebensanschauung, Bd. 1), Berlin 1931 (gekürzte 3. Auflage, Berlin 1934) 📖; ders, Glaube und Leben. Gesammelte Aufsätze und Vorträge, Berlin 19282, dort bes. S. 39–68 📖: Der gegenwärtige Stand der Debatte zwischen Theologie und Naturwissenschaft (1908).↩
87
Vgl. A. Bertholet, Art. «Magie», in: RGG2 III, Sp. 1839–1850, dort Sp. 1849 📖: «Auf das Ganze gesehen aber ist […] für das AT […] charakteristisch die Geringfügigkeit der Rolle, die das Magische spielt. Darin gerade bewährt der Jahvismus seine Überlegenheit, daß er sich das Dynamistische nach Möglichkeit untertan gemacht hat, um es ganz und gar in seinen Gottesglauben einmünden zu lassen: Jahve der Allmächtige. Wo daneben selbständige Beschäftigung mit magischen Kräften ihr Spiel zu treiben suchte […], da machte der Jahvismus Front dagegen […].»↩
88
Nach einem Bericht des Gregor von Tours in seiner Historia Francorum hat der Bischof Remigius von Reims bei der Taufe des Frankenkönigs Chlodwig (Weihnachten 497, 498 oder 499 – die Jahresangabe ist ungewiss; vgl. E. Ewig, Art. «Chlodwig I.», in: Lexikon des Mittelalters, Bd. II, Sp. 1863–1869, dort Sp. 1865 📖) zu diesem gesagt: «Mitis depone colla, Sicamber: adora quod incendisti, incende quod adorasti!» (Greg.T.hist. II, 31 📖; MGH.SS, rer. Merov. 1, 19372, S. 51 📖).↩
89
Zur Infallibilität der Kirche vgl.: Gr.[?], Die Macht der Kirche, in: ZPK N. F. 30 (1855), S. 92–118, dort S. 115 📖: «Daher pocht der Protestantismus auch nicht auf Infallibilität der Kirche – ihr Beruf und ihre Ehre ist, mit dem Worte zu dienen – sondern auf Infallibilität des Schriftwortes, und die Kirche ist infallibel mit dem Wort in der Hand und in ihrem Munde. Weicht sie vom Worte, so ist augenblicklich auch hin ihre Infallibilität […].»↩
90
Seit spätmittelhochdeutscher Zeit belegtes Sprichwort, das sich als Redensart im Sinne von «sich jeder Umgebung anpassen» verselbständigt hat; vgl. Röhrich V, S. 1742 📖.↩
91
Hierzu s. unten, S. 560–563; vgl. auch z. B. KD II/1, S. 94f.189.194f. [Fragment «Die natürliche Theologie unter der Geduld Gottes»] 📖↩
92
Vgl. KD III/1, S. 95ff.124f.182.275 📖.↩
93
Vgl. I. Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, Akademie-Ausgabe, Bd. VI, Berlin 1907/14, S. 1–202 📖; Fr. W. J. Schelling, Philosophie der Offenbarung [1841/42], hrsg. von M. Frank, Frankfurt a.M. 1977 📖.↩
94
Vgl. Brief Goethes an Herder vom 7. Juni 1793, in: Briefe der Jahre 1786-1814 (Gedenk-Ausgabe der Werke, Briefe und Gespräche, Bd. 19), Zürich / Stuttgart 19622, S. 213 📖: «[...] Dagegen hat aber auch Kant seinen philosophischen Mantel, nachdem er ein langes Menschenleben gebraucht hat, ihn von mancherlei sudelhaften Vorurteilen zu reinigen, freventlich mit dem Schandfleck des radikalen Bösen beschlabbert, damit doch auch die Christen herbeigelockt werden, den Saum zu küssen.»↩
95
Vgl. Fr. D. E. Schleiermacher, Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt. Zweite Auflage (1830/31), Teilbd. 2, Kritische Gesamtausgabe, Abt. 1, Bd. 13/2, hrsg. von R. Schäfer, Berlin 2003, S. 35–164 (§§ 91–105) 📖. Vgl. dazu Prot.Theol., dort bes. S. 385f.409–422 📖.↩
96
Unter dem Einfluss v. a. Ernst Haeckels (1834–1919) wurde im Januar 1906 mit dem Bremer Pastor Albert Kalthoff(1850–1906) als erstem Vorsitzenden der freidenkerische Deutsche Monistenbund gegründet, dessen Mitgliederzahl bald auf über 6000 anstieg; vgl. J. Mehlhausen / D. Dunkel, Art. «Monismus/Monistenbund» in: TRE 23, S. 212–219, dort S. 216 📖.↩
97
Zur Aufnahme philosophischer Grundgedanken Heideggers durch Bultmann in vielen seiner Texte seit Mitte der 1920er Jahre und zu deren engem Miteinander vgl. K. Hammann, Rudolf Bultmann. Eine Biographie, Tübingen 20092, S. 192–206. 📖 Der aktuelle Bezug der Bemerkung Barths dürfte Bultmanns 1941 gehaltener «Entmythologisierungsvortrag» sein, in dem es u. a. hieß: «Vor allem scheint Martin Heideggers existentiale Analyse des Daseins nur eine profane philosophische Darstellung der neutestamentlichen Anschauung vom menschlichen Dasein zu sein» (R. Bultmann, Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung, in: ders., Offenbarung und Heilsgeschehen [BEvTh 7], München 1941, S. 27–69, dort S. 49 📖).↩
98
Eine damals aktuelle Stellungnahme Heideggers zu Bultmann, die Barth bekannt gewesen wäre, ließ sich nicht ermitteln, jedoch verhielt Heidegger sich gegenüber einer zu großen Nähe von Theologie und Philosophie durchgehend reserviert: «‹Die Theologie ehren wir, indem wir von ihr schweigen›, erklärte er gelegentlich im Seminar» (Hammann, a.a.O., S. 200 📖); in einer ‹christlichen Philosophie› gar sah er ein «hölzernes Eisen», wie es im 1927 gehaltenen Vortrag «Phänomenologie und Theologie» hieß (M. Heidegger, Phänomenologie und Theologie [1927], Frankfurt 1970, S. 23 📖).↩
99
Spätestens nach dem «Sportpalastskandal» gerieten die «Deutschen Christen» unter Druck von noch radikaleren Kräften innerhalb und außerhalb der eigenen Reihen. Spalteten die einen sich vom Hauptteil der Bewegung ab, versuchten die anderen – zuvorderst vertreten durch Alfred Rosenberg –, eine grundsätzliche Neubestimmung des Verhältnisses von Nationalsozialismus und Christentum durchzusetzen, die den völkisch-religiösen bzw. ‹deutschgläubigen› Ursprüngen der nationalsozialistischen Ideologie wieder mehr Geltung verschaffen sollte. Vgl. J. S. Conway, Die nationalsozialistische Kirchenpolitik 1933–1945. Ihre Ziele, Widersprüche und Fehlschläge, München 1969, S. 71–80 📖; K. Meier, Kreuz und Hakenkreuz. Die evangelische Kirche im Dritten Reich, München 1992, S. 79–124 📖.↩
100
Vgl. H. Kars, Kanzler und Kirche. Bismarcks grundsätzliche Einstellung zu den Kirchen während des Kulturkampfes, Gießen 1934, S. 63–66 📖.↩
101
Barth dürfte bei der «kurzen Freudenzeit» an den v. a. mit den Namen Howard Eugster-Züst, Hermann Kutter und Leonhard Ragaz verbundenen Aufbruch der religiös-sozialen Bewegung (später: Religiöse Sozialisten) in der Schweiz gedacht haben: Howard Eugster-Züst (1861–1932), Pfarrer in Hundwil AR, war 1900 maßgeblich an der Gründung des «Appenzellischen Weber-Verbandes» beteiligt, wurde 1908 in den Nationalrat und 1913 zum Regierungsrat gewählt; «in den Jahren 1910 bis 1930 ist kein eidgenössisches Sozialgesetz verabschiedet worden, an dem er nicht massgeblich mitgearbeitet hätte» (E. Buess / M. Mattmüller, Prophetischer Sozialismus. Blumhardt – Ragaz – Barth, Freiburg [CH] 1986, S. 52, vgl. S. 49–53 📖). Das Engagement der ungleich bekannteren Hermann Kutter und v. a. Leonhard Ragaz in der religiös-sozialen Bewegung trug entscheidend dazu bei, dass der sozialistische Basler Friedenskongress 1912 eine Versammlung im Basler Münster abhalten konnte, was europaweit für Aufsehen sorgte (vgl. a.a.O., S. 95f.). Mit Beginn des Ersten Weltkriegs dann «sind die religiösen Sozialisten in Zürich, allen voran Ragaz, erst so recht in die Kampfgemeinschaft mit der Sozialdemokratie hineingewachsen, speziell mit deren linkem Flügel. […] Die religiösen Sozialisten waren, gerade durch ihre unbedingte Kriegsgegnerschaft, für einige Zeit zu Meinungsführern in der Schweizer sozialistischen Linken geworden» (a.a.O., S. 99f.).

Zu einem ersten Zerwürfnis zwischen der schweizerischen Sozialdemokratie und speziell Leonhard Ragaz kam es bald nach dem Ende des Krieges aufgrund unterschiedlicher Standpunkte zur Frage des Völkerbundbeitritts der Schweiz. Weitere Konfliktpunkte waren besonders der grundsätzliche Pazifismus und Internationalismus der Religiösen Sozialisten sowie deren Ablehnung der zunehmend auf Kompromisse und Arrangements mit bürgerlich-politischen Kräften gerichteten Politik der Sozialdemokratie. 1935 trat Ragaz aus der Sozialdemokratischen Partei aus (vgl. a.a.O., S. 166–171).↩

102
«‹Wer ißt, was vom Papste kommt, stirbt daran›, in der ultramontanen und antiultramontanen Polemik vielverwendetes französisches Sprichwort, das erstmalig in der Chronik ‹des très chrestiens Roys de France et des relations aux Papes› (1463) erwähnt wird» (Art.: «Qui mange du pape, en meurt», in: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909, Bd. 16, S. 524 📖). Nach Joseph Chambon war es ursprünglich auf Papst Alexander VI. gemünzt; vgl.J. Chambon, Der französische Protestantismus. Sein Weg bis zur Französischen Revolution, Zürich 19486, S. 70 📖.

In einem ähnlichen Zusammenhang wie hier hatte bereits Franz Overbeck das Zitat verwendet: «In unserem Verhalten zum Christentum haben wir vor allem Vorsicht zu beobachten, es geht zu weit über uns hinaus, als daß wir uns erlauben könnten, es mit ihm anders zu halten. […] Wir mögen von ihm reden, aber wie läßt sich das in andrer Sprache tun als in der Kritik? Es zu vertreten ist nicht unsere Sache und für uns zu gefährlich. Von ihm gilt im Großen, was im Kleinen in der katholischen Kirche mit dem Worte beobachtet worden ist: Qui mange du pape en meurt!» (Fr. Overbeck, Christentum und Kultur. Gedanken und Anmerkungen zur modernen Theologie, aus dem Nachlaß hrsg. von C. A. Bernoulli, Basel 1919, S. 69 📖; in Barths Exemplar unterstrichen).↩

103
Siehe oben, Anm. 84.↩
104
Vgl. aus Martin Luthers Auslegung des ersten Gebots im Großen Katechismus: «Ein Gott heißet das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten.» (BSLK, S. 560,10–13 📖).↩
105
Siehe oben, Anm. 71; s. auch KD III/1, S. 103–258 📖 (§ 41,2.: «Die Schöpfung als äußerer Grund des Bundes»).↩
106
Einen «character indelebilis» verleihen nach katholischer Lehre die Taufe, die Firmung und die Priesterweihe ihren Empfängern. So definierte das Florentinische Konzil in seinem Decretum pro Armenis (1439): «Inter haec sacramenta tria sunt: baptismus, confirmatio et ordo, quae characterem, id est, spirituale quoddam signum a ceteris distinctivum, imprimunt in anima indelebile. Unde in eadem persona non reiterantur» (DH 1313 📖); damit übereinstimmend das Tridentinum (DH 1609.1767; speziell auf die Priesterweihe bezogen: DH 1774).↩
107
Der Satzanfang ist bis hier im Tskr. gestrichen, ohne dass allerdings dort ein Ersatz dafür notiert wäre.↩
108
Tskr.: «Recht»; Korrektur durch die Hrsg.↩
109
Gewöhnlich nach Eph. 4,3: «vinculum pacis». «Vinculum caritatis» findet sich z. B. bei Augustinus, In Iohannis euangelium tractatus, 26,13 (CChr.SL 36,26f.) 📖: «O sacramentum pietatis! o signum unitatis! o vinculum caritatis!»↩
110
Apostolisches Glaubensbekenntnis, 2. Art. (BSLK, S. 21,10f. 📖).↩
111
Vgl. oben, S. 90f. (mit Anm. 72).↩
112
Vgl. aus Luthers Auslegung des Glaubensbekenntnisses im Kleinen Katechismus: «Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat sampt allen Kreaturen, […]» (BSLK, S. 510,33f. 📖).↩
113
Vgl. Hab. 2,4; Röm. 1,17; Gal. 3,11.↩
114
Von «Gottförmigkeit» spricht Barth, ebenfalls in Bezug auf den Glauben, in KD I/1, S. 251f. 📖 Das lateinische Äquivalent «deiformitas» findet sich, in etwas anderer Verwendung, z. B. bei Thomas von Aquino, S.th. I, q. 12, a. 6 co. 📖: «Facultas autem videndi Deum non competit intellectui creato secundum suam naturam, sed per lumen gloriae, quod intellectum in quadam deiformitate constituit […].»↩
115
«Ritter, Tod und Teufel» (1513), berühmter Kupferstich von Albrecht Dürer 📖.↩
116
Barth denkt hier möglicherweise an Schleiermacher, Der christliche Glaube, Bd. 1 (Anm. 55), bes. S. 32–37 (§ 4,1.2) 📖.↩
117
Vgl. aus Martin Luthers Erklärung des ersten Gebots im Großen Katechismus: «Denn die zwei gehören zuhaufe, Glaube und Gott» (BSLK, S. 560,21f. 📖).↩
118
M. Luther, Von den guten Werken. 1520, in: WA 6, 196–276 📖.↩
119
WA 6, 204,25.27 📖 (Barth zitiert hier und im Folgenden in modernisierter Form).↩
120
WA 6, 204,31f. 📖↩
121
Vgl.WA 6, 206,22f. 📖↩
122
WA 6, 213,13f. 📖↩
123
Vgl. WA 6, 206,33–207,5 📖.↩
124
Vgl. WA 6, 209,35–210,1 📖.↩
125
WA 6, 210,2f. 📖↩
126
WA 6, 212,32–213,1 📖.↩
127
Vgl. WA 6, 216,26–36 📖.↩
128
Vgl. die geläufige Kurzformel für einen Grundsatz aus Kants Erkenntnistheorie, z. B. bei K. Vorländer, Geschichte der Philosophie, Bd. 2: Philosophie der Neuzeit (PhB 106), Leipzig 19082, S. 194 📖: «Begriffe ohne Anschauungen sind freilich leer, aber Anschauungen ohne Begriffe sind blind.» (im Exemplar Barths unterstrichen). Vgl. Kant, Kritik der reinen Vernunft (Anm. 35), S. 75 📖: «Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.»↩
129
Tskr.: «weniger»; Korrektur durch die Hrsg.↩
130
Siehe unten, S. 305–411 (§ 43,2: «Des Menschen Menschlichkeit»). ↩
131
Vgl. W. Vischer, Das Christuszeugnis des Alten Testaments, Bd. 1: Das Gesetz, München 1934, S. 60 📖 (zu Gen. 1,27): «So zeigt dieser Vers durch seine Stellung, seine Form und seinen Inhalt an, daß an dem Gesamtkörper der Schöpfung, den Gott seine Herrlichkeit schauen lassen will, der Mensch das Auge ist.» Die letzten fünf Worte sind in Barths Exemplar unterstrichen; ab «daß an dem Gesamtkörper» zitiert Barth den Satz auch in KD III/1, S. 218 📖.↩
132
Vgl. die 6. Strophe von Wilhelm Vischers Nachdichtung des 8. Psalms (unter Einbeziehung von Röm. 8,19–22) aus dem Jahr 1944: «Doch ach, der Mensch ist von den Wesen allen / am tiefsten in die Schuld und Schand gefallen. / Statt Herr ist er der Sklave der Natur; / nach seiner Freiheit seufzt die Kreatur.» (EG 271; RG 7) 🎵. Vischer war mit Barth befreundet, arbeitete damals als Pfarrer und Privatdozent in Basel und wohnte in dessen Nähe. Möglicherweise empfing er die Anregung zu dieser Strophe aus Barths Vorlesung.↩
133
Tskr.: «weder»; Korrektur durch die Hrsg.↩
134
Die erste große thematische Abhandlung über die Liebe innerhalb der Kirchlichen Dogmatik findet sich in KD I/2, §18 📖 («Das Leben der Kinder Gottes») in den Abschnitten 2 («Die Liebe Gottes» [S. 409–442]) und 3 («Das Lob Gottes» [S. 442–504]). Auf diese Abschnitte greift Barth hier offenkundig zurück.↩
135
Tskr.: «er»; Korrektur durch die Hrsg.↩
136
Vgl. J. W. von Goethe, Faust I, V, 520 (Nacht) 📖.↩
137
Zu dieser Unterscheidung vgl. Fr. Diekamp, Katholische Dogmatik nach den Grundsätzen des heiligen Thomas, Bd. 1, Münster 19306, S. 14f. 📖: «Man unterscheidet: […] 4. dogmata necessaria und dogmata non necessaria, je nachdem ihre ausdrückliche Kenntnis und der ausdrückliche Glaube an sie (fides explicita) für alle zum Heile notwendig ist oder nicht. Bezüglich der nicht notwendigen Dogmen ist aber mindestens die fides implicita zum Heile erforderlich d. i. die Bereitwilligkeit, alles gläubig anzunehmen, was die Kirche als geoffenbarte Wahrheit zu glauben gebietet; und wer solche Dogmen ausdrücklich kennt, muß sie auch ausdrücklich glauben.»↩
138
Als Köhlerglaube wird ein «unbedingter kirchenglaube, besonders beim gemeinen manne» bezeichnet (DWb 11, Sp. 1591 📖). Vgl. M. Luther, Sendschreiben an die zu Frankfurt a. M. 1533, WA 30/III, 554–571, dort 562,27–563,4 📖: «Also sagt man, wie ein Doctor hab einen Köler zu Prage auff der brücken aus mitleiden, als uber einen armen leyen, gefragt: Lieber man, Was gleubstu? Der Köler antwortet: Das die Kirche gleubt. Der Doctor: Was gleubt denn die Kirche? Der Köler: Das ich gleube. Darnach, da der Doctor hat sollen sterben, ist er vom Teuffel so hart angefochten im glauben, das er nirgent hat können bleiben noch ruge haben, bis das er sprach: Ich gleube, das der Köler gleubt, Wie man auch von dem grossen Thoma Aquino sagt, das er an seinem ende für dem Teuffel nicht hat bleiben konnen, bis das er sprach: Ich gleube, was jnn diesem buch stehet, und hatte die Bibel jnn armen. Aber Gott verleihe uns solchs glaubens nicht viel, Denn wo diese nicht haben anders denn also gegleubt, so hat sich beide, Doctor und Köler, jnn abgrund der hellen hinein gegleubt. Dahinein gleuben auch solche geister, die da sagen: gleube den leib, den Christus meinet, das ist gnug, O ia, es ist fein und wol gegleubt, solcher glaube schadet dem Teuffel nichts.»↩
139
Tskr.: «explosiven»; Korrektur durch die Hrsg.↩
140
Tskr.: «die»; Korrektur durch die Hrsg.↩
141
Die überkommene, chiliastisch geprägte Vorstellung eines tausendjährigen Friedensreiches nach dem Ende der Herrschaft des Satans beruft sich auf Apk. 20,1–6. Während der Herrschaft des Nationalsozialismus wurde der Begriff, wenn auch selten und nicht von höchsten Stellen, zur Charakterisierung des angebrochenen «Dritten Reiches» verwendet; vgl. C. Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin / New York 2000, S. 607 📖. Gleichwohl spielte auch Hitler auf den Begriff an, wenn er etwa 1934 auf dem Reichsparteitag in Nürnberg erklärte: «In den nächsten tausend Jahren findet in Deutschland keine Revolution mehr statt.» (M. Domarus, Hitler. Reden und Proklamationen 1932–1945, 4 Bd.e, München 19652, Bd. I: Triumph, Teil 1: 1932–1934, S. 448 📖).↩
142
«Von des menschen elend»: Überschrift des ersten Teils im Heidelberger Katechismus (1563); BSRK, S. 683,16 📖; RBKS 2/2, S. 167 📖.↩
143
Dieses Begriffspaar geht zurück auf Blaise Pascal: «La misère se concluant de la grandeur, et la gradeur de la misère, […]: étant certain qu’à mesure que les hommes ont de lumière, ils trouvent et grandeur et misère del’homme.» (B. Pascal, Pensées, Fragment 416: «Grandeur et misère», in: ders., Pensées et Opuscules, ed. L. Brunschvicg, Paris o. J., S. 514 📖). In Barths Ausgabe (Pensées de Pascal sur la Religion et sur quelque autres sujets, nouvelle édition, Paris o. J. 📖) ist der zweite zitierte Satz unterstrichen (a.a.O., S. 228).↩
144
Vgl. W. Shakespeare, Hamlet, Prince of Denmark, Act 5, Scene 2 (Elsinore. A hall in the castle) 📖: «The rest is silence» (das letzte Wort des Titelhelden vor seinem Tod).↩
145
In der phänomenologischen Philosophie des 20. Jahrhunderts, besonders bei Edmund Husserl, signifikant verwendeter Terminus; vgl. E. Husserl, Phänomenologische Psychologie. Vorlesungen Sommersemester 1925 (Husserliana. Gesammelte Werke, Bd. 9), hrsg. von W. Biemel, Doordrecht 1962, S. 72–86: § 9 📖: «Die Wesensschau als genuine Methode der Erfassung des Apriori» (seitenidentische Ausgabe: PhB 538, Hamburg 2003 📖). Vgl. zur – in der Verwendung des Begriffs vielfach über Husserl hinausgehenden – Rezeption K.-H. Lembeck, Art. «Wesensschau», HWP 12, Sp. 655–659. 📖↩
146
Vgl. oben, Anm. 112.↩
147
Siehe oben, Anm. 62.↩
148
«Bäume wachsen nicht in den Himmel»: sprichwörtliche Redensart, die auf die Begrenztheit alles (menschlichen) Strebens hinweist.↩
149
Tskr.: «Klage». Am Tskr.-Rand steht eines der Korrekturzeichen Barths, mit denen er (wohl während des Vortrags im Kolleg) Fehler in der betreffenden Zeile zu markieren pflegte. Der hier vorgenommenen Korrektur durch die Hrsg. liegt die Annahme eines Hörfehlers beim Diktat des Textes zu Grunde.↩
150
Vgl. J. W. von Goethe, Faust I, V, 1995f 📖. (Studierzimmer).↩
151
Anspielung auf die schon in der Aufklärung selbst gebräuchliche Metapher zur Beschreibung der von ihr ausgehenden Wirkung. Die Radierung «Aufklärung» von Daniel Chodowiecki (1726–1801) zeigt eine aufgehende Sonne. Erstmals abgedruckt wurde sie in der von Georg Christoph Lichtenberg herausgegebenen Zeitschrift Goettinger Taschen-Calender für das Jahr 1792, Göttingen 1792 📖; Lichtenberg selbst gebrauchte die Formulierung «Sonne der Aufklärung» bei der Beschreibung des Bildes «Die Vorlesung» («The Lecture») von William Hogarth (1697–1764), in: Goettinger Taschen-Calender für das Jahr 1793, Göttingen 1793, S. 179 📖.↩
152
«Hierarchia veritatum», ein «der Sache nach uraltes, in dieser Form jedoch erstmals […] auf dem Vaticanum II […] formuliertes hermeneutisches Prinzip» (W. Beinert, Art. «Hierarchia veritatum», in: LThK3 V, Sp. 84f. 📖; vgl. U. Valeske, Hierarchia veritatum. Theologiegeschichtliche Hintergründe und mögliche Konsequenzen eines Hinweises im Ökumenismusdekret des II. Vatikanischen Konzils zum zwischenkirchlichen Gespräch, München 1968, S. 69–105 📖).↩
153
Vgl. den Buchtitel von C. Chr. Bry, Verkappte Religionen, Gotha 1924 📖. Siehe auch V.u.kl.A. 1925–1930, S. 357 📖.↩
154
Vgl. G. E. Lessing, Nathan der Weise (1778/79), 3. Aufzug, 7. Auftritt 📖: «O, so seid ihr alle drei / Betrogene Betrüger! Eure Ringe / Sind alle drei nicht echt.»↩
155
Siehe oben, Anm. 137.↩
156
Wohl eine Anspielung auf Martin Luthers Lied «Ein feste Burg ist unser Gott» (EG 362; RG 32) 🎵.↩
157
Diese Anspielung kann mehrfach interpretiert werden: Vor allem und in erster Linie meint Barth hier sicher Adolf Hitler, der «immer und immer wieder sein besonders nahes Verhältnis zur Gottheit unterstrichen hat […]. Während des triumphierenden Aufstiegs sagt er in Würzburg (Juni 1937): ‹Die Vorsehung führt uns, […]. Es kann niemand Völker- und Weltgeschichte machen, wenn er nicht den Segen der Vorsehung hat.› Am ‹Heldengedenktag› 1940 hofft er ‹demütig auf die Gnade der Vorsehung›. Jahrelang erschien die Vorsehung, die ihn auserwählt hat, in fast jeder Rede, fast jedem Aufruf.» (V. Klemperer, LTI. Notizbuch eines Philologen, Leipzig 199614, S. 119 📖). Vgl. Domarus (Anm. 141) 📖, pass. Vgl. auch KD III/3, S. 37 📖: «Die Stunde mußte kommen und ist gekommen, wo der Glaube an die Geschichte und die ihr immanenten Dämonien an die Stelle des Glaubens an Gottes Vorsehung treten, wo das Wort ‹Vorsehung› ein Lieblingswort im Munde von Adolf Hitler werden konnte.»

Aber auch sonst war insbesondere «Schicksal» – vor allem, aber nicht nur in Deutschland – in den 1920er und 1930er Jahren ein äußerst beliebter Begriff zur Kennzeichnung vorgeblicher Unausweichlichkeiten; vgl. z. B. E. Hirsch, Deutschlands Schicksal. Staat, Volk und Menschheit im Liche einer ethischen Geschichtsansicht, Göttingen 1920 📖; E. Przywara, Deutsches Schicksal, in: Stimmen der Zeit, Jg. 124 (1933), S. 117–226 📖; H. Thielicke, Schuld und Schicksal. Gedanken eines Christen über das Tragische (Stimmen aus der deutschen christlichen Studentenbewegung, 98), Berlin 1935 📖; G. Staewen-Ordemann, Kameradin. Junge Frauen im deutschen Schicksal 1910–1930, Berlin 1936 📖. (Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren; angeführt sind nur die im KBA vorhandenen Titel.)↩

158
Schreibfehler für «Fenstern»?↩
159
Tskr.: «sein»; Korrektur durch die Hrsg.↩
160
Am Tskr.-Rand steht ein Zeichen, das die Absicht einer Korrektur anzeigt. Es könnte sein, dass «Phänomene» irrtümlich für «Probleme» steht.↩
161
Bei dieser Formulierung könnte Barth anR. Blum, Blauer Himmel, grüne Erde, Frauenfeld / Leipzig 1941 📖, gedacht haben, mit dem der Schweizer Autorin «ein überraschender Durchbruch» gelang (Ch. Linsmayer, Art. «Blum, Ruth», in: Schweizer Lexikon 91, Bd. 1, S. 618 📖).↩
162
Diese Formulierung greift den Satz: «Dies ist der Mann des Todes» auf, mit dem Johann Georg Hamann in Anspielung auf 2.Sam. 12,5–7 Immanuel Kant charakterisierte (Brief an Chr. J. Kraus, in: J. G. Hamann, Briefwechsel, Bd. 5: 1783–1785, hrsg. von A. Henkel, Wiesbaden 1965, S. 289–292, dort: S. 289f. 📖).↩
163
J. W. von Goethe, Faust I, V, 940 (Vor dem Tor) 📖.↩
164
Möglicherweise eine Anspielung auf das berühmte «Deus lo vult», mit dem die begeisterte Volksmenge auf der Synode von Clermont am 27. November 1095 den Aufruf des Papstes Urban II. zum (ersten) Kreuzzug angenommen haben soll. Vgl. Robert der Mönch, Historia Iherosolimitana, in: RHC.Hor. 3, Paris 1866, S. 721–882, dort: S. 729 📖.↩
165
So Adolf Hitler in zahlreichen Reden, z. B. am 1. September 1939 vor dem Reichstag: «Ein Wort habe ich nie kennengelernt, es heißt: Kapitulation! [...] So wie ich selber bereit bin, jederzeit mein Leben für mein Volk und für Deutschland einzusetzen, so verlange ich dasselbe auch von jedem anderen! Wer aber glaubt, sich diesem nationalen Gebot, sei es direkt oder indirekt widersetzen zu können, der fällt! Verräter haben nichts mit uns zu tun!» (Domarus [Anm. 141], Bd. II/1, S. 1316f. 📖). Oder am 29. April 1941 im Berliner Sportpalast: «Ein Wort habe ich als Nationalsozialist im Kampf um die Macht nie gekannt: Kapitulation! Ein Wort kenne ich nie und werde ich nie kennen als Führer des deutschen Volkes und als euer Oberster Befehlshaber, es heißt wieder Kapitulation, d. h. Ergebung in den Willen eines anderen – niemals, niemals! Und genau so haben Sie zu denken!» (a.a.O., Bd. II/2, S. 1695).

Mit der Kriegssonderstrafrechtsverordnung vom 17. August 1939 (RGBl. I, 1939, S. 1455–1457 📖) war der neue Straftatbestand der «Wehrkraftzersetzung» eingeführt worden, gemäß dem «mit dem Tode bestraft» wurde, «wer öffentlich dazu auffordert oder anreizt, die Erfüllung der Dienstpflicht in der deutschen oder einer verbündeten Wehrmacht zu verweigern, oder sonst öffentlich den Willen des deutschen oder verbündeten Volkes zur wehrhaften Selbstbehauptung zu lähmen oder zu zersetzen sucht» (§ 5, Abs. 1,1).↩

166
Wahlspruch Kaiser Ferdinand I. (1558–1564), der von Luther in der Bedeutung übersetzt wurde, die Barth hier meint: «Es geschehe, was recht ist, und solt die welt drob vergehen» (Zweite Predigt über den 110. Psalm, 10. Mai 1535; WA 41, 138,7f. 📖). Vgl. Büchmann, S. 426f 📖.↩
167
Diese und ähnliche Durchhalteparolen begleiteten den spätestens mit der Niederlage von Stalingrad Anfang 1943 einsetzenden Rückzug der deutschen Armeen. Vgl. aus der Sondermeldung des Oberkommandos der Wehrmacht zum Fall von Stalingrad vom 3. Februar 1943: «Der Kampf um Stalingrad ist zu Ende. Ihrem Fahneneid bis zum letzten Atemzuge getreu ist die 6. Armee […] der Übermacht des Feindes und der Ungunst der Verhältnisse erlegen. […] Unter der Hakenkreuzfahne, die auf der höchsten Ruine von Stalingrad weithin sichtbar gehißt wurde, vollzog sich der letzte Kampf. Generale, Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften fochten Schulter an Schulter bis zur letzten Patrone. Das Opfer der Armee war nicht umsonst. Sie starben, damit Deutschland lebe.» (Völkischer Beobachter, Nr. 35, 4. Februar 1943, S. 1 📖). – Vgl. z. B. auch A. Schmidt, Wir geloben vor Gott, in: Suedostdeutsche Tageszeitung, Nr. 171, 27. Juli 1944, S. 4 📖: «Wir geloben dem Fuehrer vor Gott Gehorsam und Treue und Einheit zu wahren bis zum letzten Atemzug, bis zum letzten Blutstropfen. So werden wir den Sieg erringen. In diesem Sinne, meine deutschen Volksgenossen und Kameraden der Wehrmacht, fordere ich Sie auf, das Geloebnis der Treue und Ehre vor dem Fuehrer abzulegen.»

In gleicher Weise war zuvor auch die sowjetische Armee eingeschworen worden: «Beharrlich, bis zum letzten Blutstropfen, muss jede Stellung, jeder Meter sowjetischer Erde verteidigt werden», hieß es in Befehl Nr. 227 des Volkskommissariats für Verteidigung vom 28. Juli 1942 (zit. nach B. Ulrich, Stalingrad, München 2005, S. 51 📖).↩

168
Mit diesem Begriff hatte Emil Brunner, thematisch zuerst in seinem Aufsatz Die Frage nach dem «Anknüpfungspunkt» als Problem der Theologie, in: ZZ 10 (1932), S. 505–532 📖 (auch in: ders., Ein offenes Wort. Vorträge und Aufsätze 1917-1962, eingeführt und ausgewählt von R. Wehrli, Bd. 1, Zürich 1981, S. 239–267 📖), das wichtigste Stichwort für eine langwierige Kontroverse mit Barth ausgegeben. Barths wohl erste öffentliche Reaktion darauf: KD I/1, S. 26ff. 📖; vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 179f.216f. 📖↩
169
Die reformiert-orthodoxe Unterscheidung zwischen «unübertragbaren» und «übertragbaren» Eigenschaften Gottes («attributa incommunicabilia» und «attributa communicabilia») hatte Barth durch die den Gedanken der «Übertragbarkeit» auch terminologisch ausschließende Unterscheidung zwischen den «Vollkommenheiten des göttlichen Liebens» und denjenigen «der göttlichen Freiheit» ersetzt: KD II/1, S. 394–495.495–764 (§§ 30f.) 📖.↩
170
In diesen Sätzen – wie im Folgenden öfters – schimmert durch Barths Ausführungen ein latenter Bezug auf die Kirchenkampfsituation bzw. hier auf eine eigene Stellungnahme aus dem Kirchenkampf durch. Vgl. Barth, Theologische Existenz heute! ( Anm. 62), S. 310 📖: «Es ist aber noch mehr unterlassen worden, was unmöglich hätte unterlassen werden können, wenn man über der Erhaltung seiner theologischen Existenz gewacht hätte und nicht vor lauter kirchenpolitischem Eifer eingeschlafen wäre.» Und a.a.O., S. 363 (Schlusssatz): «Wenn doch der deutsche evangelische Theologe wach bleiben oder, wenn er geschlafen haben sollte, heute wieder wach werden wollte!»↩
171
Tskr. «ihm»; Korrektur durch die Hrsg. in Angleichung an das zuvor verwendete «ihrigen».↩
172
In diesem Satz spiegelt sich Barths Einschätzung seines eigenen unnachgiebigen Verhaltens gegenüber theologischen Gegnern. Vgl. etwa K. Barth, Abschied, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 492–515, dort S. 514 📖: «Ich weiß, dass auch Ernsthafte, auch Menschen, die sich der erwähnten, törichten Argumentationen enthalten werden, Menschen, die sich auch sachlich, auch gegenüber den Deutschen Christen, auch gegenüber den Vermittlern weithin mit mir eins wissen, über meine schroffe Haltung in der gegenwärtigen kirchlichen Lage und nun auch über diese meine besondere Absage den Kopf schütteln werden. Ich gebe zu, dass es auch im gegenwärtigen Augenblick angesichts der Verschiedenheit der Temperamente und Lebensführungen nicht ohne weiteres Jedermanns Sache sein kann, so scharf zu sein, wie ich es offenbar bin. Wenn man mir nur umgekehrt zeigen könnte, mit welchem inneren Recht man heute weniger scharf sein darf!» Vgl. auch Bw.Th. III, S. 482–485.903–906 📖.↩
173
Tskr.: «Weltanschauung»; Korrektur durch die Hrsg. in Beachtung eines am Rand angebrachten Korrekturzeichens.↩
174
Anspielung auf Luthers Auslegung des achten Gebots im Kleinen Katechismus (BSLK, S. 509,23f. 📖).↩
175
Das Ausspielen der «Liebe» gegenüber der Wahrheit war Barth immer ein Dorn im Auge. Vgl. aus seinem «Nachwort», der polemischen Auseinandersetzung mit Otto Dibelius in: K. Barth, Die Not der evangelischen Kirche, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 64–122, dort S. 115f. 📖: «D. Dibelius stellt unseren Gegensatz durchgehend so dar, als ob er als Vertreter der Kirche, d. h. der christlichen Praxis und Liebe, mich als Vertreter der Theologie, d. h. einer christlichen Theorie, in die nötigen Schranken zu weisen habe. Das ist eine Entgegenstellung, die nach meiner Einsicht jede ernsthafte Unterhaltung unmöglich macht. Praxis und Theorie, Kirche und Theologie, Liebe und Erkenntnis, lassen sich nicht in dieser Abstraktion auseinanderhalten und gegenüberstellen. […] Und woher will er wissen, ob nicht auch und gerade mein für sein Empfinden so ganz theoretischer Protest gegen die neurealistische Kirchlichkeit Praxis, und zwar Praxis christlicher Liebe, ist? Meint er wirklich im Ernst, mir sei irgend eine Problematik oder Theorie Selbstzweck?» Vgl. auch die ganz im Sinne Barths formulierten Sätze aus Ch. von Kirschbaums Brief an E. Thurneysen vom 3.12.1934 (KBA 9234.347; Bw.Th. III, S. 775 📖): «Ist nicht ‹Liebe› da, wo es um die Kirche geht, eine unglaublich viel härtere Angelegenheit, als wir alle begreifen? Muss sie nicht Hand in Hand gehen mit einem unbedingten Kampf um die Wahrheit?»↩
176
Auch hier handelt es sich um eine Anspielung auf das Kirchenkampfgeschehen, genauer auf die nicht hinterfragte Hinnahme der 1933 im Einklang mit der politischen Entwicklung erhobenen Forderung nach der Einführung eines mit Führungsautorität ausgestatteten Reichsbischofsamtes. Barth schrieb damals dazu: «Ist die theologische Verwilderung eigentlich schon so weit fortgeschritten im evangelischen Deutschland, dass man es nachgerade ohne Risiko wagen darf, ein beliebiges neues Dogma mir nichts dir nichts ohne Autorität nicht nur, sondern auch ohne den Schatten eines theologischen Beweises, nur weil es einem so passt und weil ja ohnehin Revolution ist, auszurufen und dass es sich dann ereignen kann, dass (in diesem Fall: außer den Reformierten) niemand nach dem theologischen Beweis auch nur fragt, sondern jedermann (in Revolutionszeiten ist ja zu theologischer Besinnung nicht die Zeit!) sich für überzeugt hält, dass es mit dem neuen Dogma wohl seine Richtigkeit haben werde?» (Barth, Theologische Existenz heute! [Anm. 62], S. 313f. 📖).↩
177
Deutsch: «Wer auch immer darüber murren möge, so wird es sein, denn so ist es mein Belieben.» Dieser Satz geht zurück auf Herzogin Anne de Bretagne (1477–1514), die ihn auf einem der Türme des Schlosses von Saint-Malo anbringen ließ. Siehe La France maritime, fondée et dirigée par A. Gréhan, tome III, Paris 1837, S. 20 📖.↩
178
Zur Auseinandersetzung mit dem Materialismus bzw. Mechanismus vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 145f., Anm. 21 📖; zum Antiidealismus vgl. z. B. R. Seeberg, Christentum und Idealismus. Gedanken über die Zukunft der Kirche und der Theologie, Berlin-Lichterfelde 1921 📖; Fr. Gogarten, Illusionen. Eine Auseinandersetzung mit dem Kulturidealismus, Jena 1926 📖. Vgl. aber auch K. Barth, Schicksal und Idee in der Theologie, in: V.u.kl.A. 1925–1930, S. 344–392, dort bes. S. 368–381 📖.↩
179
Zur Bedeutung des Begriffes «Volk» im Nationalsozialismus, vgl. Schmitz-Berning (Anm. 141), S. 642–644 (Art. «Volk»), S. 654–659 (Art. «Volksgemeinschaft») 📖. Zum Staatsbegriff vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 362, Anm. 15 📖.↩
180
Vgl. G. W. Leibniz, Discours de la Conformité de la Foi avec la Raison, in: ders., Essais de Theodicée sur la Bonté de Dieu, la Liberté de l’Homme, et l’Originé du Mal, nouvelle Edition, Amsterdam 1734, S. 1–69, dort S. 12 📖: «Les Réformateurs, & Luther sur tout, comme j’ai déja remarqué, ont parlé quelquefois, comme s’ils rejettoient la Philosophie, & comme s’ils la jugeoient ennemie de la foi» (im Exemplar Barths unterstrichen).↩
181
Mit den Begriffen «Pfaffenstreit» oder «Pfaffengezänk» wurde der Kirchenkampf von deutsch-christlicher bzw. nationalsozialistischer Seite gern als innerkirchliche Rechthaberei abgetan; eine auch im Kontext ähnliche Aufnahme dieser Kennzeichnung findet sich schon bei H. Gollwitzer, Zur Frage der Kirchengemeinschaft. Hinweise und Bedenken, in: EvTh 3 (1936), S. 398–405, dort S. 399 📖: «Um articuli fundamentales, um heilsnotwendige Sätze des christlichen Glaubens geht es, oder der Kirchenkampf war ein Pfaffengezänk.»↩
182
Vgl. Prot.Theol., S. 115–152 📖.↩
183
Die Parole «mit dem Anfang anfangen» begegnet in Barths Schriften immer wieder, zuerst in einer Predigt vom 13. März 1916: Predigten 1916, S. 116.118.120 📖. Innerhalb der KD: I/2, S. 971; III/4, S. 107 📖. Der späteste Beleg: K. Barth, Einführung in die evangelische Theologie, Zürich 1962, S. 182 📖.↩
184
Der Begriff «absolute Religion» stammt von G. W. Fr. Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Bd. 2: Vorlesungen über die Beweise vom Dasein Gottes, Dritter Teil: Die Absolute Religion, Werke (Anm. 27), Bd. 17, Frankfurt/M.1986, S. 185–344. 📖 Aus späterer Zeit vgl. etwa R. Seeberg, Christliche Dogmatik, Bd. 1: Religionsphilosophisch-apologetische und erkenntnistheoretische Grundlegung – Allgemeiner Teil: Die Lehren von Gott, dem Menschen und der Geschichte, Erlangen / Leipzig 1924, S. 178–195 📖: «§ 8. Das Christentum als die absolute Religion».↩
185
Die Ablehnung «fremder Richter» ist ein zentraler Punkt schon der legendären Gründungsurkunde der Alten Eidgenossenschaft von 1291 und für das Selbstverständnis der Schweiz bis in die heutige Zeit von kaum zu unterschätzender Bedeutung. Im «Bundesbrief» heißt es: «Wir haben auch einhellig gelobt und festgesetzt, dass wir in den Tälern durchaus keinen Richter, der das Amt irgendwie um Geld oder Geldeswert erworben hat oder nicht unser Einwohner oder Landmann ist, annehmen sollen» (modernisierte Fassung).↩
186
Gemeint ist der Hut des Landvogts, den zu grüßen und ihm damit Respekt zu erweisen Wilhelm Tell sich weigert. Vgl. Fr. Schiller, Wilhelm Tell, 3. Aufzug, 3. Szene 📖.↩
187
Im nationalsozialistischen Sprachgebrauch wurde der aus der Elektrotechnik entlehnte Begriff der «Gleichschaltung» im Sinne einer gewaltsam erzwungenen oder auch freiwillig erfolgenden Anpassung aller politisch-gesellschaftlichen Strukturen an die herrschende Ideologie und Herrschaftsstruktur verwendet; vgl. Schmitz-Berning (Anm. 141), S. 277–280 📖; Belege auch in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 296, Anm. 73 📖.↩
188
Vgl. W. Shakespeare, History of Henry IV, Part II, Act 4, Scene 5 📖: «Thy wish was father, Harry, to that thought.» Meist wie auch hier abgekürzt gebrauchte Redewendung, die den seit jeher geläufigen Gedanken zum Ausdruck bringt, dass (reines) Wunschdenken gegenüber der Realität nicht standhält.↩
189
Ursprünglicher Titel: H. Grotius, Sensus librorum sex, quos pro veritate religionis christianae, batavice scripsit, Paris 1627 📖 (spätere Ausgaben unter dem oben angegebenen Titel). Vgl. H. R. Guggisberg, Art. «Grotius, Hugo», in: TRE 14, S. 277–280, dort S. 278,42ff 📖.↩
190
Den hier andeutungsweise ausgeführten Überblick bietet Barth ausführlicher in KD I/2, S. 310–317 📖.↩
191
Vgl. Protagoras (ca. 481–411 v. Chr.): πάντων χρημάτων μέτρον ἐστὶν ἄνθρωπος, τῶν μὲν ὄντων ὡς ἔστιν, τῶν δὲ οὐκ ὄντων ὡς οὐκ ἔστιν / «Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, dass sie sind, der nichtseienden, dass sie nicht sind» (H. Diels, Die Fragmente der Vorsokratiker. Griechisch und Deutsch, hrsg. von W. Kranz, Bd. 2, Berlin 19526, S. 263 [80 B 1] 📖).↩
192
Vgl. Fr. D. E. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern, zum Hundertjahr-Gedächtnis hrsg. von R. Otto, Göttingen 19062, S.  90 📖(Kritische Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 2, hrsg. von G. Meckenstock, Berlin / New York 1984, S. 252,9f. 📖; R1, S. 144): «Der Mensch wird mit der religiösen Anlage geboren wie mit jeder anderen […].» (im Exemplar Barths unterstrichen).↩
193
Der Begriff «religiöses Apriori» wurde eingeführt von E. Troeltsch, Psychologie und Erkenntnistheorie in der Religionswissenschaft. Eine Untersuchung über die Bedeutung der Kantischen Religionslehre für die heutige Religionswissenschaft, Tübingen 1905, bes. S. 43ff 📖.↩
194
Tskr.: «Beziehung»; Konjektur der Hrsg., die ein am Rand notiertes Fehlerzeichen Barths aufnimmt.↩
195
Vgl. KD I/2, S. 306–309.357–363 📖.↩
196
Siehe oben, Anm. 184.↩
197
Vgl. den Titel der Schrift von P. Natorp, Religion innerhalb der Grenzen der Humanität. Ein Kapitel zur Grundlegung der Sozialpädagogik, Tübingen 19082 📖.↩
198
Vgl. dazu K. Jaspers, Psychologie der Weltanschauungen, (Berlin 1919), unveränd. Nachdr. der 6. Aufl. 1971 📖, Berlin u. a. 1990, wo die Grenzsituation – in Kampf (S. 257–259), Tod (S. 259–270), Zufall (S. 270–273) und Schuld (S. 273–280) unterschieden – als Frage nach dem Endzweck (S. 230) bzw. Reihe ins Absolute / Unendliche / Ganze gefasst wird (S. 230f.).↩
199
Vgl. z. B. G. Krüger, Die unkirchliche Theologie, in: ChW 14 (1900), Sp. 804–807 📖. Nach Krüger erblicke diese ihre vornehmste Aufgabe darin, «Seelen zu gefährden» (Sp. 805).↩
200
Tskr.: «könnte»; Korrektur durch die Hrsg.↩
201
Am 25. Mai 1900 war in Boston das «Council of Unitarian and Other Liberal Religious Thinkers and Workers» gegründet worden; im August 1910 fand in Berlin dessen erste Versammlung auf deutschem Boden statt. Zur Zielsetzung vgl. Fünfter Weltkongreß für Freies Christentum und Religiösen Fortschritt. Berlin, 5. Bis 10. August 1910. Protokoll der Verhandlungen, hrsg. von M. Fischer und Fr. M. Schiele, Berlin-Schöneberg 1910, S. 333 📖: «Das Wesen eines freien Christentums wird man in Kürze mit folgenden zwei Merkmalen bezeichnen können: es ersetzt erstlich die kirchlich-autoritative Bindung durch eine aus der Kraft des überlieferten Gemeingeistes sich frei und individuell bildende Innerlichkeit; es verwandelt zweitens die alte christliche Grundidee einer wunderbaren Heilung der durch die Sünde tödlich infizierten Menschheit in den Gedanken einer erlösenden Erhebung und Befreiung der Persönlichkeit durch Gewinnung eines höheren Personlebens und Gemeinschaftslebens aus Gott.»↩
202
Zum Begriff «Objektsetzung» vgl. P. Natorp, Sozialpädagogik. Theorie der Willenserziehung auf der Grundlage der Gemeinschaft, Stuttgart 19204, S. 69 📖: «Man kann als das Unterscheidende des Willens in anderer Wendung auch bezeichnen die praktische Objektsetzung, d. i. Setzung eines Gegenstands als sein sollend […]. »↩
203
Vgl. Ps. 2,4; 14,1; 37,13; 53,2.↩
204
Zu dieser hermeneutischen Formel vgl. I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, Akademie-Ausgabe, Bd. 3, Berlin 1904/11, S. 246 📖: «Ich merke nur an, daß es gar nichts Ungewöhnliches sei, sowohl im gemeinen Gespräche als in Schriften durch die Vergleichung der Gedanken, welche ein Verfasser über seinen Gegenstand äußert, ihn sogar besser zu verstehen, als er sich selbst verstand, indem er seinen Begriff nicht genugsam bestimmte und dadurch bisweilen seiner eigenen Absicht entgegen redete oder auch dachte.» Vgl. auch: Fr. D. E. Schleiermacher, Hermeneutik, hrsg. von H. Kimmerle, Heidelberg 19742, S. 50.56.83.87.108 📖(ders., Vorlesungen zur Hermeneutik und Kritik, Kritische Gesamtausgabe, Abt. II, Bd. 4, hrsg. von W. Virmond, Berlin / New York 2012, S. 34.67.75.128.133 📖); ders., Über den Begriff der Hermeneutik. Erste Abhandlung (vorgetragen am 13. August 1829), in: ders., Akademievorträge, Kritische Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 11, hrsg. von M. Rössler unter Mitwirkung von L. Emersleben, Berlin / New York 2002, S. 599–622, dort S. 618 📖.

Barth spielte auch sonst mehrfach auf diese Formel an, vgl. Not und Verheißung der christlichen Verkündigung (1922), in: V.u.kl.A. 1922–1925, S. 65–97, dort S. 77 📖; Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie (1922), in: a.a.O., S. 144–175, dort S. 151 📖; Das christliche Leben. Die Kirchliche Dogmatik IV/4. Fragmente aus dem Nachlaß. Vorlesungen 1959–1961, hrsg. von H.-A. Drewes / E. Jüngel (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 19993, S. 440 📖.↩

205
Möglicherweise eine Anspielung auf E. Brunner, Religionsphilosophie evangelischer Theologie (Handbuch der Philosophie, Abt. 2/F), München 1926 📖, wo jedes der vier Kapitel des Hauptteils («Der Sinn der Offenbarung») diesen Begriff im Titel führt: «Das Wahrheitsmoment des Rationalismus: Offenbarung und Vernunft» (S. 24), «Das Wahrheitsmoment des Subjektivismus: Offenbarung und religiöses Erlebnis (S. 49), «Das Wahrheitsmoment des Historismus: Offenbarung und Religionsgeschichte» (S. 57), «Das Wahrheitsmoment der Orthodoxie: Die Bibel als das Wort Gottes» (S. 77).↩
206
Tskr.: «quae cumque» (korrigiert nach Adversus haereses IV, 30,1; FChr 8/4, S. 238 📖).↩
207
So bei verschiedenen niederländischen Theologen wie Abraham Heidanus (1597–1687), Johann Christoph Clauberg (1622–1665), Christoph Wittich (1625–1665), Hermann Alexander Roëll (1653–1718). Zum Einfluss des Cartesianismus in Deutschland vgl. J. Bohatec, Die cartesianische Scholastik in der Philosophie und reformierten Theologie des 17. Jahrhunderts, Teil I: Entstehung, Eigenart, Geschichte und philosophische Ausprägung der cartesianischen Scholastik, Leipzig 1912, S. 51–62 📖.↩
208
Unmittelbar wurde die Philosophie Immanuel Kants aufgenommen von Julius August Ludwig Wegscheider (1771–1849) und Johann Heinrich Tieftrunk (1759–1837). Die Philosophie von Jakob Friedrich Fries (1773–1843) wurde seitens der Theologie aufgegriffen von Wilhelm Leberecht de Wette (1780–1849). – Bedeutende Vertreter des Hegelianismus in der Systematischen Theologie waren Karl Daub (1765–1836; zuerst Kant-, dann Schellinganhänger, seit 1818 Hegelianer) und Philipp Konrad Marheineke (1780–1846).↩
209
Tskr.: «in»; Änderung dieser sonst für Barth nicht untypischen Schreibweise durch die Hrsg. in Angleichung an die folgenden Sätze.↩
210
Wenigstens partiell wurde die Philosophie Nietzsches spätestens in den 1920er Jahren von zahlreichen Theologen rezipiert, besonders an Nietzsches Historismus-Kritik, aber auch an andere Elemente seiner Philosophie knüpften – teils zustimmend, teils kritisch – z. B. Ernst Troeltsch und Paul Tillich an; zur Mitarbeit auch von Theologen im von Ernst Haeckel initiierten Monistenbund s. oben, Anm. 96; mit Friedrich Rittelmeyer (1872–1938) wurde ein evangelischer Pfarrer Mitbegründer und erster «Erzoberlenker» der sich auf Steiner berufenden «Christengemeinschaft»; zur Nähe Rudolf Bultmanns zur Philosophie Heideggers vgl. oben, Anm. 97f.; eine positive Rosenberg-Rezeption unter Theologen findet sich lediglich beim radikalen Teil der «Deutschen Christen» und noch radikaleren, völkischen Gruppierungen, vgl. etwa Fr. Andersen, Sechs Vorträge über Alfred Rosenberg: «Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts». In volkstümlicher Darstellung und Beleuchtung, Flensburg 1936 📖;K. Hutten, Christus oder Deutschglaube? Ein Kampf um die deutsche Seele, Stuttgart 1935 📖; H. Schlemmer, Evangelische Gedanken zu Rosenbergs «Mythus», Görlitz 19352 📖.↩
211
Der Ausdruck geht zurück auf Justin († um 165). Er bezeichnet den in die Vernunft des Menschen eingesäten «Samen» der Wahrheit, nämlich die angeborene Gotteserkenntnis vor und außerhalb der biblischen Offenbarung. In der zweiten Apologie heißt es: Ἕκαστος γάρ τις ἀπὸ μέρους τοῦ σπερματικοῦ θείου Λόγου τὸ συγγενὲς ὁρῶν καλῶς ἐφθέγξατο (Iust. 2 apol. 13,3 [Iustini Martyris Apologiae pro Christiani. Iustini Martyris Dialogus cum Tryphone, hrsg. von M. Marcovich, Berlin / New York 2005, S. 157 📖]; vgl. a.a.O., [7]8,3 [S. 149]).↩
212
Anspielung auf Barth, Theologische Existenz heute! (Anm. 62), S. 333 📖, wo er diese Wendung als öfters zu hörendes Argument zur Verteidigung des Entschlusses, der Kirchenpartei der «Deutschen Christen» beizutreten, zitiert.↩
213
«Ad maiorem Dei gloriam»: der auf Papst Gregor I. zurückgehende Wahlspruch des Jesuitenordens (vgl. Büchmann, S. 388 📖).↩
214
Im Zusammenhang wohl eine Anspielung auf E. Brunner, Die andere Aufgabe der Theologie, in: ZZ 7 (1929), S. 255–276 📖. In dieser Schrift hatte Brunner für eine Erweiterung der bisher gemeinsam vertretenen Theologie um eine «andere Aufgabe» plädiert, die er die «eristische» nannte: «Es wäre also die Aufgabe der eristischen Theologie, zu zeigen, wie durch das Wort Gottes die menschliche Vernunft teils als Quelle lebensfeindlichen Irrtums enthüllt, teils in ihrem eigenen unvollendeten Suchen erfüllt wird» (a.a.O., S. 260; im Exemplar Barths ab «zeigen» unterstrichen). Barth äußerte sich wiederholt kritisch dazu; vgl. Die Theologie und der heutige Mensch (1930), in V.u.kl.A. 1930–1933, S. 8–43, dort S. 38f. 📖; KD I/1, S. 25–28 📖; KD II/1, S. 98.108.138f.; vgl. auch Fides quaerens intellectum. Anselms Beweis der Existenz Gottes im Zusammenhang seines theologischen Programms (1931), hrsg. von E. Jüngel / I. U. Dalferth (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 20023, S. 69 (mit Anm. f) 📖; Nein! Antwort an Emil Brunner (ThExh 14), München 1934, S. 57f 📖.↩
215
Zur Ablehnung des Verfahrens, sich mit dem Gesprächspartner «auf dessen eigenen Boden» zu stellen, vgl. Barth, Fides quaerens intellectum (Anm. 214), S. 63 📖.↩
216
Siehe oben, Anm. 11.↩
217
Im Tskr. stehen beide Verben des Satzes im Singular: «wird» / «fände»: Diese damals und für Barth durchaus nicht unübliche Schreibweise wurde hier durch die Hrsg. geändert, da Barth im Anschluss selbst im Plural auf diesen Satz Bezug nimmt.↩
218
Vgl. oben, Anm. 212.↩
219
«Wasser in den Wein gießen» steht sprichwörtlich für: die Begeisterung für etwas dämpfen, die Freude verderben o. ä. (vgl. Röhrich V, S. 1701 📖).↩
220
Vgl. Fr. Schiller, Die Räuber, 2. Akt, 1. Szene 📖: «Hat man doch die Giftmischerei beinahe in den Rang einer ordentlichen Wissenschaft erhoben und die Natur durch Experimente gezwungen ihre Schranken anzugeben, dass man nunmehr des Herzens Schläge Jahr’ lang vorausrechnet und zu dem Pulse spricht: bis hieher und nicht weiter!»↩
221
Älterer, gehobener Sprachgebrauch für «antreffen».↩
222
Tskr.: «die der wirklichen Welt zugewandte»; Korrektur durch die Hrsg.↩
223
Vgl. oben, Anm. 65.↩
224
Vgl. J. W. von Goethe, Götz von Berlichingen, 4. Akt (Jaxthausen) 📖: «Ach! Schreiben ist geschäftiger Müßiggang, […].»↩
225
Siehe oben, Anm. 11.↩
226
«Rückkehr zur Natur» oder das Schlagwort «Zurück zur Natur!» / «Retour à la nature!» wurde und wird – obwohl es sich bei Jean Jacques Rousseau nicht wörtlich findet – gern als Quintessenz besonders seines Erziehungsromans Emile, ou de l’éducation 📖 betrachtet (vgl. Büchmann, S. 259 📖); so schon Nietzsche: «Auch ich rede von ‹Rückkehr zur Natur›, obwohl es eigentlich nicht ein Zurückgehn, sondern ein Hinaufkommen ist – hinauf in die hohe, freie, selbst furchtbare Natur und Natürlichkeit […]. Aber Rousseau – wohin wollte der eigentlich zurück?» (Fr. Nietzsche, Götzendämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophirt, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G Colli / W. Montinari, Bd. 6, München / Berlin 1999, S. 55–162, dort S. 150 📖).↩
227
Vgl. M. Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen. 1520, in: WA 7, 12–38, dort Z. 21,3f. 📖: «Eyn Christen mensch ist eyn dienstpar knecht aller ding und yderman unterthan.»↩
228
Vgl. a.a.O., Z. 1f. 📖: «Eyn Christen mensch ist eyn freyer herr über alle ding und niemandt unterthan.»↩