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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-50">Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik</title>
        <title type="content">§ 42 Der Schöpfer und seine Offenbarung</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: § 42 Der Schöpfer und seine Offenbarung, 1943 – 1944</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/50004 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik, hrsg. v. Stoevesandt, Hinrich / Trowitzsch, Michael (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2014, S. 304.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik</title>
          <title type="text">§ 42 Der Schöpfer und seine Offenbarung</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Stoevesandt, Hinrich</editor>
          <editor>Trowitzsch, Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2014</date>
          <biblScope unit="page">304</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, [III/1] §42 Der Schöpfer und seine Offenbarung, kein Datum. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1133">KBA 25009</ref>. </bibl>
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<div type="paper">
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    <head>I. Die vollständigen Texteinheiten<lb/> § 42 Der Schöpfer und seine Offenbarung</head>
  <div type="abstract">
     <p><hi rend="italic">Das hier wiedergegebene Typoskript der Erstfassung von § 42 der
       «Kirchlichen Dogmatik» bietet den Text der Vorlesung vom Sommersemester 1943 und der ersten
       Hälfte des folgenden.<note xml:id="n01"><idno type="kba-objects-identifier">KBA 25009</idno>
        (CD-ROM, Text Nr. 9).</note> In dieser Gestalt hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ihn der Aufnahme in den Band III/1
       nicht für würdig befunden. Lediglich ein umfangreiches Stück daraus – die hier daher nicht
       wiedergegebenen, nur als Durchschlag des noch nicht redigierten Typoskripts erhaltenen Seiten
        451–600<note xml:id="n02">In dieser noch weitgehend unbearbeiteten Fassung hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> den Text vermutlich vorgetragen; vgl. dazu unten,
         <ref target="../volume/50/p564#fn_n07" type="pub">S. 564, Anm. 7</ref>.
         <!-- [Barmen-Exkurs, Einleitung? Nr. 2??]. --> </note> – ging in die Endfassung von § 42 ein: <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1, S. 395–476</bibl>. Sowohl die Abweichungen des Druckes von
       dieser Vorlage wie auch die auf dem hier wiedergegebenen Typoskript angebrachten Korrekturen
       und Veränderungen lassen die Mühe erkennen, die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auf diesen Text verwendet hat.</hi></p>

     <p><hi rend="italic">Der erste Abschnitt des § 42 (Tskr., S. 440–706) trug im Typoskript
       zunächst als ganzer die Überschrift «Gott und die Götter», die, an ihrem ursprünglichen Platz
       am Paragraphenanfang gestrichen, auf der übernächsten Seite (S. 442), durch einen kurzen
       Überleitungssatz eingeführt, wieder aufgenommen wurde. Die Folge war, dass entgegen aller
       Gepflogenheit des Autors der Paragraph nicht sogleich unter dem Leitsatz mit dem ersten
       Abschnitt begann.</hi></p>

     <p><hi rend="italic">In dem 1945 erschienenen Band <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1</bibl>
       trägt der Paragraph die Überschrift «Das Ja Gottes des Schöpfers». Der Leitsatz mit dem
       dominierenden Begriff «Bejahung» an der Spitze auch der Erstfassung und die Aufnahme des
       genannten Teilstücks in den endgültigen Text machen deutlich, dass das später zum Titel
       erhobene «Ja» von Anfang an die Intention war, der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier nachgehen wollte. Doch hielt er
       es ursprünglich für nötig, der positiven Entfaltung dieses Gedankens die hier vorliegende
       breit ausgeführte scharfe Abgrenzung des Terrains voranzustellen. Nur die Quintessenz dieser
       Abgrenzung hat auch in den Drucktext Eingang gefunden (<bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1,
        S. 392–394</bibl>). Ob <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich zu der Eliminierung dieses Vorbaus entschloss, weil er
       empfand, dass er sich den Weg zu dem angestrebten Ziel dadurch nicht gebahnt, sondern
       vielmehr erschwert hätte? Gebahnt war er ja deutlich genug, <pb xml:id="p006" ed="pga"/>
       insbesondere durch die ausführliche Paraphrase der beiden biblischen Schöpfungsberichte in §
       41,2 und 3, so dass eine geradlinige Fortsetzung im Grunde nahe lag. Dieser Erklärungsversuch
       für die Eliminierung mag neben dem früher geäußerten, nach dem die «Darlegung […] in KD III/1
       nicht am gemäßen Ort» stünde, weil «die Erörterung der Fundamentalunterscheidungen […] an
       dieser Stelle (als Prinzipienfrage) zu spät oder (als Problem der, wie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> später in KD
       III/3 sagen wird, durch das Nichtige bedrohten Schöpfung) zu früh» käme,<note xml:id="n03">Begleitheft, S. 7 (Anhang, <ref type="pub" target="../volume/50/p687#p687">S. 687</ref>),
        im Anschluss an <bibl corresp="kbga-bibls-5480"><persName ref="kbga-actors-397">H.
          Stoevesandt</persName>, <hi rend="italic">Gott und die Götter</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Gottes Freiheit und die Grenze der Theologie. Gesammelte Aufsätze</hi>,
         hrsg. von E. Stoevesandt / G. Sauter, Zürich 1992, S. 178–199, dort S. 187f.</bibl></note>
       Erwägung verdienen.</hi></p>
  </div>
<!-- nächste Seite, klar -->
<div>
  <div>
    <div> 
     <head>§ 42 Der Schöpfer und seine Offenbarung</head>

     <p><hi rend="italic">Die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term></hi>
      <hi rend="italic">Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term></hi>
      <hi rend="italic">ist die Bejahung aller von ihm verschiedenen Wirklichkeit, sofern sie sein
       Geschöpf <term key="Schöpfung, Bejahung">ist</term></hi><hi rend="italic">, und eben damit
       die Verneinung jeder Gestalt ihrer eigenen Göttlichkeit. Dementsprechend ist das Werk des
       Glaubens an den Schöpfer der Versuch, diese Wirklichkeit in der Freiheit des Verzichts auf
       jedes abgeschlossene und in seiner Abgeschlossenheit Respekt und Gehorsam fordernde <term ref="kbga-keywords-399">Weltbild</term></hi>
      <hi rend="italic">zu erkennen.</hi></p>

     <p>Was uns bis jetzt beschäftigt hat, war 1. der allgemeine Charakter der Lehre von Gott dem
       <term key="Schöpfungslehre">Schöpfer</term> und seinem Werk als einer Wahrheit des
      christlichen Glaubens und seines Bekenntnisses und 2. im Besonderen: der unauflösliche
      gegenseitige Zusammenhang zwischen der Schöpfung und dem in Jesus Christus vollendeten Bunde
       <term key="Bund">Gottes</term>, die Einheit des Schöpfergottes und des <term key="Gott, Erlöser">Erlösergottes</term>, die wir uns im Einzelnen in der Analyse der beiden
      biblischen Schöpfungssagen <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1">Gen. 1</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2">Gen. 2</ref>
      veranschaulicht haben.<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1, S. 1–44 (§ 40)
        bzw. S. 44–377 (§ 41)</bibl>.</note> Mit den damit gewonnenen Einsichten im Rücken haben wir
      uns jetzt einer im Wesentlichen <hi rend="italic">kritischen</hi> Aufgabe der Lehre von der
       <term key="Schöpfungslehre, ihre kritische Aufgabe">Schöpfung</term> zuzuwenden. Die Lehre
      von der Schöpfung hat auch eine unterscheidende, abgrenzende, op<pb xml:id="p007" ed="pga" break="no"/>ponierende, protestierende Funktion. Sie unterscheidet Gott von den <term key="Gott, und die Götter">Göttern</term> und den Glauben an ihn vom Aufstellen und Ergreifen
      irgend eines <term ref="kbga-keywords-399">Weltbildes</term>, von den sog. <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term>. Nur in ihrem genauen christlichen Verständnis
      tut sie das; und eben darum können wir uns erst jetzt, nachdem jene Präzisierungsarbeit
      geleistet ist, diesem Aspekt des Problems zuwenden. In ihrem genauen christlichen Verständnis
      aber tut sie es wirklich, wird gerade sie zum eminent kritischen Element des ganzen
      Dogmas.</p>
    </div>
    <div type="excursus">
     <p rend="margin-top">Eben als solches ist sie ja auch historisch betrachtet zu einem Bestandteil des kirchlichen
       <term ref="kbga-keywords-1417">Dogmas</term> geworden. Der er<pb ed="A" n="441" break="no"/>ste Glaubensartikel war im zweiten Jahrhundert Kampfsatz gegen die <term key="Gnosis"><hi rend="italic">Gnosis</hi></term>. Die Bezeichnung der Gnosis als <term key="Synkretismus"><hi rend="italic">Synkretismus</hi></term><note xml:id="n05">Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-1712"><persName ref="kbga-actors-1119">Fr. Loofs</persName>, <hi rend="italic">Leitfaden zum Studium der
         Dogmengeschichte</hi>, Halle 1906<hi rend="sup">4</hi>, S. 104–111 (neu hrsg. von K. Aland,
        Tübingen 1968<hi rend="sup">7</hi>, S. 78–83</bibl>).</note> trifft wirklich nicht nur ihre
      Form, sondern ihr Wesen. Sie bestand und triumphierte, indem sie die Vollendung der
      neutestamentlichen Erkenntnis zu sein meinte, in der grundsätzlichen Verwirrung und
      Vermischung Gottes mit möglichst vielen <hi rend="italic">Göttern</hi> und des Glaubens mit
      möglichst vielen <term key="Weltanschauung"><hi rend="italic">Weltanschauungen</hi></term>.
      Was sie meinte und wollte, war die eigentliche Bewahrheitung des Evangeliums, deren sie dieses
      für bedürftig hielt, und so die Vergöttlichung des Glaubens, der Gemeinde und der Gläubigen,
      deren sie diese für fähig und würdig hielt. Was sie in ihren großen Entwürfen des universalen
      Erlösungsmysteriums auf den Plan stellte, war doch faktisch die grundsätzliche Verweltlichung
      Gottes ebenso wie die grundsätzliche Verweltlichung des Glaubens. So war sie nach <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-155">A. v. Harnacks</persName></hi> berühmter Formel
      die «<hi rend="italic">akute</hi>
      <term key="Hellenisierung">Hellenisierung»</term><note xml:id="n06"><bibl corresp="kbga-bibls-2831"><persName ref="kbga-actors-155">A. von Harnack</persName>, <hi rend="italic">Lehrbuch der Dogmengeschichte</hi>, Bd. I, Tübingen 1931<hi rend="sup">5</hi>, S. 250</bibl>: «Der große Unterschied hier [scil. zwischen Gnosis und
       Katholizismus] besteht aber wesentlich darin, dass sich in gnostischen Bildungen die acute
       Verweltlichung, resp. Hellenisirung des Christenthums darstellt (mit Verwerfung des A. T.),
       in dem katholischen System dagegen eine allmählich gewordene (mit Conservirung des A.
       T.).»</note> des Christentums oder nach der konkreteren Auffassung der späteren Forschung der
      Versuch seiner Transformation in eine hellenistisch geformte Gestalt der damals in einem
      letzten Aufbruch befindlichen vorderasiatischen, in ihren Wurzeln vielleicht bis auf Indien
      zurückgehenden Erlösungsreligion.<note xml:id="n07">Hier fußt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> möglicherweise auf <bibl corresp="kbga-bibls-5129"><persName ref="kbga-actors-10323">H. Leisegang</persName>, Art. «Gnosis: I. Religionsgeschichtlich», in: RGG<hi rend="sup">2</hi> II, Sp. 1272–1276, dort bes. Sp. 1275f</bibl>.</note> Die altkatholische
      Kirche hatte Einsicht und Kraft genug, dieses Angebot auszuschlagen. Der in ihrer Weise auch
      folgenschweren Gefahr einer <hi rend="italic">schleichenden</hi>
      <term key="Hellenisierung">Hellenisierung</term> oder Orientalisierung des Christentums hat
      sie sich bekanntlich weniger gut zu erwehren gewusst. Der tödlichen Ge<pb xml:id="p008" ed="pga" break="no"/>fahr jener <term key="Gnosis">Gnosis</term> aber <hi rend="italic">hat</hi> sie sich erwehrt: so energisch, dass sogar ein so geistvolles
      christlich-theologisches System wie das des <persName ref="kbga-actors-308"><hi rend="italic">Origenes</hi></persName> wegen seiner gewissen Anfälligkeit nach jener Seite wenn nicht als
      Ganzes verworfen, so doch gewissermaßen sekretisiert und nur unter Verdacht gelten gelassen
       wurde.<note xml:id="n08">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2831"><persName ref="kbga-actors-155">Harnack</persName> (Anm. 6), S. 695–697</bibl>.</note> Das Bekenntnis, mit dem die Kirche
      sich gegen die Gnosis absetzte, war aber entscheidend eben das des Glaubens an Gott den <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>, der der alttestamentliche Gott, der Gott Israels und eben als solcher der Vater des Logos Jesus
      Christus ist. Man sieht insbesondere in der großen Abwehrschrift des <persName ref="kbga-actors-1063"><hi rend="italic">Irenäus</hi></persName><note xml:id="n09"><bibl corresp="kbga-bibls-4855"><persName ref="kbga-actors-1063">Irenäus</persName>, <hi rend="italic">Adversus haereses</hi> I, 22,1 (FChr 8/1, S. 286)</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">[... Deus...,] qui mundum fecit (et enim mundus ex omnibus) hic qui hominem
        plasmavit, hic Deus Abraham et Deus Isaac et Deus Iacob, super quem alius Deus non est,
        neque initium, neque Virtus, neque Pleroma; hic pater Domini nostri Iesu Christi, quem
        admodum ostendemus: hanc ergo tenentes regulam, licet valde varia et multa dicant [scil.
        haereses], facile eos deviasse a veritate arguimus. Omnes enim fere quotquot sunt haereses
        Deum quidem unum dicunt, sed per sententiam malam immutant, ingrati existentes ei, qui fecit
        eos, quem admodum et gentes per idololatriam.</foreign>»</note>, wie schon damals Alles auf
      diese dreifache Gleichung ankam: <pb ed="A" n="442"/> der Schöpfer = der Gott Israels = der Vater Jesu Christi, Alles auf dieses genaue,
      christliche Verständnis des Begriffs vom Schöpfer und von der Schöpfung, Alles auf den
      bewussten Verzicht darauf, diesen Begriff durch Einbeziehung der Götter dieser Welt zu
      erweitern und angeblich zu vertiefen und zu verbessern, Alles auf die Einsicht, dass das in
      Wirklichkeit nur seine Entleerung bedeuten, nur auf den Verlust der Erkenntnis des wahren
      Gottes hinauslaufen könne, Alles auf die Entschlossenheit, sich diesen gefüllten Begriff vom
      Schöpfer und von der Schöpfung nicht entreißen zu lassen. Anders als von da aus war dem
      Synkretismus jener <term key="Gnosis">Gnosis</term> nicht wirksam zu widerstehen. Von da aus
      wurde ihm wirksam widerstanden. Aber der Widerstand der Kirche gegen den Synkretismus ist
      darum, weil jene alte Gnosis eine einmalige Angelegenheit geblieben, weil sie so nicht
      wiedergekehrt ist, keine bloß historische Angelegenheit. Es gibt wie einen Gestaltwandel der
       Götter<note xml:id="n10">Vgl. den Titel: <bibl corresp="kbga-bibls-5119"><persName ref="kbga-actors-10324">L. Ziegler</persName>, <hi rend="italic">Gestaltwandel der Götter</hi>, Darmstadt 1922<hi rend="sup">3</hi></bibl>.</note> und der Weltanschauungen, so auch einen Gestaltwandel des <term key="Synkretismus">Synkretismus</term> und infolgedessen ein Andauern der damals abgewehrten
      Gefahr und damit für die Kirche eine andauernde Notwendigkeit, demselben Gegner mit derselben
      Abwehr zu begegnen. Was damals drohte: die Konfusion Gottes mit den Göttern und des Glaubens
      mit den Weltanschauungen, das droht noch und immer wieder. Und immer wieder und so auch heute
      muss der Konfusion die Kritik, und zwar die heute wie damals allein taugliche Kritik: das <hi rend="italic">christliche</hi>
      <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term> von Gott dem Schöpfer und seinem Werk
      entgegengestellt werden.</p>
    </div>
    <div>
     <p rend="margin-top"><pb xml:id="p009" ed="pga" rend="noPipe"/> Von Gott und vom Glauben haben wir in diesem
      kritischen Zusammenhang zu reden: von Gott und von den Göttern zuerst, nachher dann vom
      Glauben und von den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term>.</p>
   </div>
  </div>
</div>
<!-- nächste Seite, hier ist es klar-->
<div>
  <head>1. Gott und die <term key="Gott, und die Götter">Götter</term></head>
  <div>
    <div>
     <p>Die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> ist die <term key="Götter, Götterdämmerung">Götterdämmerung</term>, in der
      die Götter ihre göttliche Autorität verlieren, ihre göttlichen Ansprüche aufgeben müssen,
      ihrer göttlichen Macht entkleidet werden, in der sie sich als Götter auflösen, in der ihr
      ursprünglich nicht-göttliches, sondern kreatürliches Wesen <pb ed="A" n="443"/> wieder sichtbar
      wird. Nur die Offenbarung Gottes des Schöpfers leistet das. Alle anderen Götterdämmerungen tun
      es nur vorübergehend und teilweise. Die Götter können freilich auch anders als durch die
      Offenbarung Gottes des Schöpfers kritisiert, beanstandet, bezweifelt und in Frage gestellt
      werden. Man täusche sich aber nicht darüber, dass sie allen anderen Infragestellungen
      letztlich gewachsen sind, dass sie durch alle andere Kritik wohl teilweise und zeitweise
      verdrängt werden können, um dann zu einem anderen Teil doch auf dem Plan zu bleiben und um
      dann nach dem Gesetz von Aktion und Reaktion zu anderer Zeit – wahrscheinlich ziemlich bald –
      in gewandelter Gestalt wiederzukehren und erst recht zu herrschen. Mit ihnen ist nicht zu
      scherzen; mit ihnen wird man nicht so schnell fertig; gegen sie ist tatsächlich nur ein Kraut
      gewachsen: gerade weil sie die <term key="Götter, Nichtse">Nichtse</term><note xml:id="n11">Hebr.: <hi rend="italic">elilim</hi>; Bezeichnung für die Götter in <ref type="can" subtype="bible" target="Lev.19.4">Lev. 19,4</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lev.16.1">26,1</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Chr.16.26">1.Chr.
        16,26</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.96.5">Ps. 96,5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.97.7">97,7</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.2.8">Jes. 2,8</ref><ref type="can" subtype="bible" target="Jes.2.18">.18</ref><ref type="can" subtype="bible" target="Jes.2.20">.20</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.10.10 Jes.34">10,10f.</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.19.1">19,1</ref><ref type="can" subtype="bible" target="Jes.19.3">.3</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.31.7">31,7</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Hes.30.13">Hes. 30,13</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Hab.2.18">Hab.
        2,18</ref>.</note> sind, als die sie sich im Feuer der Kritik der Offenbarung Gottes des
      Schöpfers erweisen. Mächtiger als das <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term> ist nun
      einmal nur Gott der Schöpfer, und mächtiger als die Selbstbehauptung und Offenbarung des
      Nichts ist nur dieses Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>. Die Götter sind
      die Exponenten der Selbstbehauptung und Offenbarung des Nichts. Wer oder was sollte ihnen
      letztlich widerstehen, sie letztlich erledigen und abtun können? Gerade letztlich sind und
      bleiben sie aller Anfechtung gegenüber mächtig, haben sie eine Vitalität und Potentialität,
      die aller Kritik spottet, solange diese nicht aus einer Höhe kommt, die der ihrigen
      unwandelbar und unangreifbar überlegen ist. Es gibt aber nur eine solche Höhe.</p>
     <p><pb xml:id="p010" ed="pga" rend="noPipe"/> Was ist <hi rend="italic">die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term></hi>
      <hi rend="italic">Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term></hi>, die hier als
      Gegenwirkung allein in Betracht kommen kann? Nach den Ergebnissen unseres vorangehenden
      Paragraphen ist hier nur eine Antwort am Platz: Sie ist die Selbstkundgebung dessen, der dem
      Menschen in Jesus Christus <hi rend="italic">gnädig</hi> sein wollte und der um des Erweises
      dieser seiner <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> willen den ganzen Bereich der von ihm
      verschiedenen Wirklichkeit – die Welt und den Menschen selbst, den Menschen inmitten der Welt
      – durch die Weisheit und Macht <pb ed="A" n="444"/> seines Willens <hi rend="italic">werden</hi> ließ. Anders gesagt: sie ist die Selbstkundgebung dessen, der dem durch ihn ins
      Werk gesetzten <hi rend="italic">Werden</hi> der ganzen von ihm verschiedenen Wirklichkeit in
      dem in Jesus Christus zu vollziehenden <term key="Bund">Bund</term> zwischen ihm und dem
      Menschen sein <hi rend="italic">Ziel</hi> gesetzt, der in und mit dem Werden jener ganzen
      Wirklichkeit den Vollzug dieses Bundes bereits ins <hi rend="italic">Werk</hi> zu setzen
      begonnen hat. Noch anders gesagt: es ist die Selbstkundgebung dessen, der <hi rend="italic">zuerst</hi> in Jesus Christus <term key="Gott, Menschenfreundlichkeit">menschenfreundlich</term> und <hi rend="italic">dann</hi> – in dieser seiner
      Menschenfreundlichkeit in Jesus Christus – der Begründer des Wesens und der Existenz des
      Menschen und der Welt ist. Eine andere Definition würde auf dem Boden der christlichen Kirche,
      wo man sich auch in dieser Sache an das Zeugnis der heiligen Schrift zu halten hat, kein Recht
      und keinen Sinn haben. Und nur von der so definierten Offenbarung Gottes des Schöpfers kann im
      Ernst behauptet werden, dass sie die radikale Kritik aller Götter in sich schließt.<note xml:id="n12">Von hier an sind die fünf Typoskript-Seiten bis S. 449 (Mitte) von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> durchgestrichen und eliminiert, aber im Durchschlag
       erhalten. Diese Seiten behandeln, jene «Definition» explizierend, 1. die Einheit und Ordnung
       von Bund und Schöpfung (S. 444f.), und beinhalten 2. eine Polemik gegen die Konzeption einer
       isolierten, inhaltlich defizitären «Schöpfungsordnung», die als solche einer Verwechslung
       zwischen Gott und den Göttern Vorschub leiste (S. 445–449).</note></p>
     <p><pb ed="A" n="449"/> Die Offenbarung Gottes im Reich der <hi rend="italic">Gnade</hi>, seine
      Offenbarung an <hi rend="italic">Israel</hi> und
      in der Person von Israels <term ref="kbga-keywords-753"><hi rend="italic">Messias</hi></term>,
      wie sie uns durch seine frei berufenen, beauftragten und ausgerüsteten Zeugen vermittelt ist,
       <hi rend="italic">enthält</hi>, ja <hi rend="italic">ist</hi> in vollem Sinn des Begriffs
      auch die Offenbarung Gottes des Schöpfers als solchen und seines Werkes. <pb ed="A" n="450"/>
      Der sich in ihr selbst kundgibt und bekannt macht, der Gott <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName>, <persName ref="kbga-actors-2198">Isaaks</persName> und <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName> [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.3.6">Ex. 3,6</ref> u. ö.], der Vater Jesu
      Christi, der seinen Sohn verklärt wie <pb xml:id="p011" ed="pga"/> dieser seinen Vater [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.17.1">Joh. 17,1</ref><ref type="can" subtype="bible" target="Joh.17.4 Joh.17.5">.4f.</ref>], der Heilige <term ref="kbga-keywords-179">Geist</term>, der die, die an den Sohn glauben, in alle Wahrheit leitet [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16.13">Joh.
        16,13</ref>] – dieser Gott ist seinerseits nicht bloß der Herr eines separaten
      Bereichs des Herzens und Gewissens, der Frömmigkeit und der Sittlichkeit, der Gnade und der
      Liebe, sondern auch der freie und allmächtige <term key="Gott, Allmacht">Herr</term>, der
       <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> des Himmels und der Erde. Eben Gottes <term key="Gott, Menschenfreundlichkeit">Menschenfreundlichkeit</term> in Jesus Christus ist auch
      der Grund, ohne den nichts ist, was ist.<note xml:id="n13">Aus der <bibl type="song" corresp="kbga-songs-91">ersten Strophe des Liedes
        «O Gott, du frommer Gott» von <persName ref="kbga-actors-1366">J. Heermann</persName> (EG 495; nicht im RG)</bibl>.</note> Eben in seiner
       <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> und <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term>
      wollte und schuf Gott auch die ganze von ihm verschiedene Wirklichkeit. Eben die Offenbarung
      des <term key="Bund">Bundes</term> schließt auch die Offenbarung der Schöpfung in sich; eben
      sie ist also auch die authentische und nun eben nicht verworrene, sondern klare, nicht
      indirekte, sondern direkte, nicht ungenügende, sondern vollkommene Offenbarung Gottes des
      Schöpfers. Indem er in Israel spricht und endlich
      und zuletzt abschließend im <term key="Kreuz / Kreuzigung">Tod</term> und in der <term ref="kbga-keywords-393">Auferstehung</term> Jesu Christi, gibt er sich auch als der zu
      erkennen, der darum alle Gewalt hat, weil alle anderen Gewalten nur durch ihn gewaltig, ohne
      und gegen ihn aber ohnmächtig sind. Indem er hier spricht – er selbst und kein Anderer, er
      sich selbst ganz offenbarend –, offenbart er auch seine <term ref="kbga-keywords-106">Schöpferherrlichkeit</term> als das Kleid, die Rüstung, den Glanz, die Energie seiner <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term>, Gerechtigkeit und Heiligkeit, als die Majestät seines
      Regimentes im Reich der <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>. Und es wird dem Menschen,
      der ihn hier hört, gerade auch über sich selbst, über seine Existenz und sein Wesen und über
      Existenz und Wesen der ganzen Welt der Bescheid gegeben, dass er und die Welt wie zu Gott hin,
      so auch von Gott her, weil gänzlich durch Gott, in keiner Hinsicht ohne ihn, in keinem Sinn
      aus und durch sich selber sind. So steht es doch mit Gottes Selbstkundgebung laut ihrer alt-
      und neutestamentlichen Bezeugung. Sie enthüllt diese <hi rend="italic">Einheit</hi> und <hi rend="italic">Ordnung</hi> des göttlichen Willens und Tuns. Sie lässt, indem sie das <hi rend="italic">Gnadenreich</hi> erschließt, keinen Zweifel daran und keine Unklarheit darüber,
      wer der König auch des <hi rend="italic">Naturreiches</hi>
      <term key="Natur und Gnade">ist</term>. Eben darum hebt ihre Bezeugung sogar an mit den beiden
       Schöpfungssagen, <pb ed="A" n="451"/> die doch ihrerseits über die Beziehung der Schöpfung auf
      die Bundes- und Heilsgeschichte als den zentralen Inhalt der ganzen biblischen Botschaft
      keinen Zweifel erlauben.</p>

     <p><pb xml:id="p012" ed="pga" rend="noPipe"/> Es ist die hier laut werdende Stimme Gottes, die
      dann freilich auch in der ganzen Geschöpfwelt ein Echo erweckt, das von dorther wieder
      zurückkehrt zu denen, die sie hier gehört <hi rend="italic">haben</hi>, das aber faktisch für
      alle erklingt, die überhaupt hören <hi rend="italic">können</hi>. Es ist das hier leuchtende
      Licht Gottes selbst, das auch die ganze Geschöpfwelt hell macht, so dass es im Abglanz auch in
      ihr wahrnehmbar, faktisch für Alle, die sehen können, wahrnehmbar wird.</p>
    </div>

    <div type="excursus">
     <p rend="margin-top">Es kann und muss (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.19.2 Ps.19.15">Ps.
      19,2f.</ref>) von denen, die dieses einen Gottes Selbstkundgebung vernommen haben, bezeugt
      werden: «Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. Ein
      Tag sagt es dem andern, und eine Nacht tut es der anderen kund.» Und «ihr Klingen geht aus
      durch alle Lande, ihre Rede bis zum Ende der Welt» – wohlverstanden: «<hi rend="italic">ohne</hi> Sprache, <hi rend="italic">ohne</hi> Worte, mit unhörbarer Stimme»[<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.19.4 Ps.19.5">Ps. 19,4f.</ref>], gerade nicht in einer der
      Geschöpfwelt immanenten also, sondern in der ihr durch das eine freie Selbstzeugnis des
      Schöpfers verliehenen Offenbarungsmacht ihrerseits zu werden, was sie in und durch sich selbst
      als Geschöpfwelt nicht sein kann: aufgerufener und beauftragter <term key="Schöpfung, Zeugnischarakter">Zeuge</term>, Wiedererzähler jenes Selbstzeugnisses,
      nachträgliche Bestätigung der göttlichen Selbstkundgebung. Es kann und muss der Apostel Jesu
      Christi (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.19 Röm.1.32">Röm. 1,19f.</ref>)
      versichern, dass das «unsichtbare Wesen Gottes, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit, von
      der Erschaffung der Welt her in seinen Werken betrachtbar, zu ersehen», dass er auf Grund
      seiner <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> auch den Heiden erkennbar ist. Dem ist
      so, weil die Geschöpfwelt, in der auch die Heiden leben, faktisch der Raum ist, in welchem
      Gottes Selbstkundgebung stattgefunden hat: der Raum, welcher jenes Echo gibt, der Raum,
      welcher jenen Abglanz trägt. Diese Tatsache ist es, die den <term key="Heiden">Heiden</term>
      der Verkündigung des Evangeliums gegenüber in seiner Weise ebenso zum vornherein ins Unrecht
      setzt, wie es dem <term ref="kbga-keywords-783">Juden</term> in anderer Weise dadurch
      widerfährt, dass er, indem er das Gesetz empfing, zum direkten Zeugen der Stimme und des
      Lichtes Gottes gemacht ist. Keine be<pb ed="A" n="452" break="no"/>sondere, selbständige <term key="«Schöpfungsoffenbarung»">«Schöpfungsoffenbarung»</term> wird da gelehrt, keine eigene
      Stimme und kein eigenes Licht wird da der Geschöpfwelt zugeschrieben. Und eben darum ist denn
      auch in solchen Stellen weder von einer verworrenen noch von einer ungenügenden Offenbarung,
      sondern ohne den Schatten eines Vorbehaltes von der Offenbarung der Ehre Gottes, seiner
      «ewigen Kraft und Gottheit» die Rede. Das ist im Zusammenhang der biblischen Botschaft darum
      erklärlich und sinnvoll, weil diese <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> in der
      Sache <hi rend="italic">identisch</hi> ist mit Gottes Selbstkundgebung als der Herr des <term key="Bund"><hi rend="italic">Bundes</hi></term>, der auch der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> ist – von ihr verschieden nur darin, dass sie ihr Widerhall und <term key="Schöpfung, Zeugnischarakter">Widerschein</term> ist, von ihr also nur so verschieden,
      wie auch deren ursprüngliche und eigentliche Bezeugung durch die Stimme der <term key="Propheten">Propheten</term> und <term ref="kbga-keywords-273">Apostel</term> von ihr
      selbst verschieden ist. </p>
    </div>

    <div>
     <p rend="margin-top"><pb ed="A" n="453"/><pb xml:id="p013" ed="pga" rend="noPipe"/> «Die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> ist die <hi rend="italic">Bejahung</hi> aller von ihm verschiedenen Wirklichkeit, sofern diese sein <hi rend="italic">Geschöpf</hi>
      <term key="Schöpfung, Bejahung">ist.</term>» Die durch die Offenbarung Gottes des Schöpfers
      verneinten <term key="Götter, Verneinung"><hi rend="italic">Götter</hi></term> gehören <hi rend="italic">nicht</hi> zu der von Gott verschiedenen Wirklichkeit, sofern diese sein
      Geschöpf ist. Gerade in ihrer <hi rend="italic">Göttlichkeit</hi> sind sie Ausgeburten und
      Gestalten des <term key="Nichts / Nichtiges"><hi rend="italic">Nichts</hi></term>, vor dem das
      Geschöpf als solches durch seine Erschaffung ausgenommen und bewahrt ist. Die Geschöpfwelt als
      solche ist nicht nichtig. Die Götter in der Geschöpfwelt sind es. Indem Gott der Schöpfer ist
      und als solcher sich offenbart, <hi rend="italic">verneint</hi> er notwendig alle <hi rend="italic">Götter</hi>. Aber eben das ist nur einsichtig auf dem Hintergrund der positiven
      Wahrheit, dass Gott die von ihm verschiedene Wirklichkeit <hi rend="italic">bejaht</hi>,
      sofern sie sein <hi rend="italic">Geschöpf</hi> ist.<note xml:id="n14">S. 454–600 des
       Typoskripts sind eliminiert, aber – z. T. verändert – aufgenommen in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1, S. 395–476</bibl> (vgl. oben, Einleitung).</note></p>
     
     
     <p rend="margin-top"><pb ed="A" n="601"/> In und mit der Schöpfung <hi rend="italic">bejaht</hi> der Schöpfer das Geschöpf: sein
      Dasein und die Güte seines <term key="Schöpfung, Bejahung">Soseins</term>. Das ist es, was wir
      nun gelernt haben, indem wir die <term ref="kbga-keywords-8"><hi rend="italic">Offenbarung</hi></term> Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> unseren
      Lehrmeister sein ließen: die Selbstkundgebung des Herrn des <term key="Bund">Bundes</term>,
      der als solcher auch der Herr der Geschöpfwelt ist. Kraft <hi rend="italic">seiner</hi>
      Entscheidung und laut <hi rend="italic">seiner</hi> Eröffnung dieser Entscheidung <hi rend="italic">ist</hi> die Geschöpfwelt und ist sie <hi rend="italic">recht</hi> so, wie sie
      ist. Nur auf dem Hintergrund, ja nur als Kehrseite dieser positiven Erkenntnis wird die
      negative sinnvoll und kräftig: dass alle und jede <hi rend="italic">Götter</hi> als solche
      einfach und endgültig <hi rend="italic">verneint</hi>
      <term key="Götter, Verneinung">sind</term>. Diese Erkenntnis bedeutet: der Schöpfer und also
      der wahre und wirkliche Gott hat sie verneint, indem er das Geschöpf bejaht hat. Als sein <hi rend="italic">Geschöpf</hi> hat er es bejaht, hat er ihm Existenz und Güte gegeben und
      zugesprochen. Jede ihm eigene Göttlichkeit hat er ihm eben damit vorenthalten und
      abgesprochen. Die Existenz und die Güte von Göttern hat er eben damit unmöglich gemacht und in
      Abrede gestellt. Indem er der Herr des Bundes und als solcher auch der Herr der Geschöpfwelt
      ist, kann es über dieser und in dieser keinen anderen Herrn geben. Indem das Geschöpf als
      solches von ihm angenommen ist, ist es als Konkurrent seines Schöpfers von ihm abgelehnt und
      verworfen. Indem es als Geschöpf <hi rend="italic">ist</hi> und als solches <hi rend="italic">gut</hi> ist, ist darüber entschieden, dass es in jedem anderen Sinn nur nichtiges Sein und
      nur nichtige Güte haben kann. Was auch die Götter <pb xml:id="p014" ed="pga"/> seien: sie sind
      es nur unter dieser Negation schon ihrer Möglichkeit. Und was auch von ihnen zu sagen sei: es
      wird auch und vor allem diese Negation schon ihrer Möglichkeit in sich schließen müssen. Aber
      eben diese Negation kann doch nur als Umkehrung der positiven Erkenntnis sinnvoll und kräftig
      sein: dass das Geschöpf als solches in der Schöpfung von Gott nicht verneint, sondern <term key="Schöpfung, Bejahung">bejaht</term>, nicht verworfen, sondern angenommen ist. Die Macht
      der Wahrheit ist auch <pb ed="A" n="602"/> in diesem Zusammenhang zuerst die Macht des lebendig
      machenden Evangeliums und dann erst und als solche die Macht des tötenden <term key="Evangelium und Gesetz">Gesetzes</term>. Die Offenbarung Gottes des Schöpfers erlaubt
      uns, sie gibt uns Raum und Freiheit, zu erkennen, dass die Götter nicht Gott, dass sie falsch
      und <term key="Götter, Verneinung">nichtig</term> sind. Indem sie uns diese Erkenntnis
      erlaubt, indem sie uns zu dieser Erkenntnis Raum und Freiheit gibt, wird sie zum <term ref="kbga-keywords-60">Gebot</term>: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir! [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.3">Ex. 20,3</ref>], zur Kritik aller Götter.</p>
     </div>
    </div>
  </div>
<!-- nächste Seite - 1. "Wesen Gottes" -->
    <div>
     <p rend="margin-top">Wir beginnen unsere Überlegung mit dem Versuch einer Bestimmung des <hi rend="italic">Wesens</hi> der <term key="Götter, Wesen">Götter</term>, wobei wir die Frage nach ihrer
      Wirklichkeit, die Frage nach ihrer Möglichkeit und endlich die nach dem konkreten Vollzug von
      deren Negation zunächst zurückstellen. Nur dies: dass die Götter unter dieser <term key="Götter, Verneinung">Negation</term> stehen, werden wir allerdings schon bei der
      Bestimmung ihres Wesens nicht außer Acht lassen können, weil gerade das entscheidend zu ihrem
      Wesen gehört. Was sind «andere Götter»?</p>
     <p>Auf alle Fälle solche Wesen, die mit <hi rend="italic">Gott</hi>, dem Schöpfer, <hi rend="italic">nicht identisch</hi> sind, die also weder als dessen Erscheinungen noch als
      dessen Kundgebungen verstanden werden können. Von dem Menschen Jesus <term key="Jesus Christus, Mensch">Christus</term> kann und muss man das sagen: dass Gott der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> sich mit ihm identifiziert hat, dass er also nichts
      Anderes als Gottes eigene geschöpfliche Kundgebung und insofern Gott selber ist. Eben damit
      ist aber auch gesagt: er ist kein «anderer Gott», keiner von den Göttern. Auch von dem
      prophetischen und apostolischen <term key="Wort Gottes, prophetisch und apostolisch">Wort</term>, auch von seiner im Heiligen <term ref="kbga-keywords-179">Geist</term>
      begründeten <term ref="kbga-keywords-252">Verkündigung</term>, dem Zeugnis der Kirche von
      Jesus Christus kann und muss man sagen: es ist Gottes <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term>
      und also Gott selber in seiner ganzen Wirklichkeit und Tätigkeit.<note xml:id="n15">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/1, S. 89–128</bibl> (§ 4: Das Wort Gottes in seiner dreifachen
       Gestalt).</note> Aber damit ist schon gesagt: es ist kein «anderer Gott», keiner <pb xml:id="p015" ed="pga"/> von den Göttern. Die Götter sind mit Gott nicht identisch. Das geht
      daraus hervor, dass Gott sich ihnen in seiner Selbstkundgebung als Schöpfer <term key="Götter, Verneinung">entgegensetzt</term>, sich also jedenfalls von ihnen distanziert und
      unterscheidet, sie jedenfalls als Wesen anderer Art seinem eigenen gegenüber behandelt. Das
      kommt dem Menschen Jesus <term key="Jesus Christus, Mensch">Christus</term>, das kommt auch
      dem prophetisch-apostolischen <term key="Wort Gottes, prophetisch und apostolisch">Wort</term>
      gegenüber nicht in Frage: zu ihrem Wesen bekennt sich Gott als zu <pb ed="A" n="603"/> seinem
      eigenen Wesen. Das Wesen der <term key="Götter, Wesen">Götter</term> aber ist ein vom Wesen
      Gottes laut dessen eigener Erklärung geschiedenes und so verschiedenes Wesen.</p>
     <p>Wir fügen als zweites negatives Merkmal hinzu: Sie sind jedenfalls in ihrer Eigenschaft als
      Götter <hi rend="italic">keine von Gott positiv gewollten und geschaffenen Wesen</hi>. Sie
      haben jedenfalls ihre Göttlichkeit nicht von ihm, sondern ohne ihn und gegen ihn. Sie sind als
      Götter nicht seine Knechte und Freunde; sie sind als Götter fremde <hi rend="italic">Eindringlinge</hi> und <hi rend="italic">Feinde</hi> in seinem Haus. Sie haben gerade in
      ihrer Göttlichkeit mit dem Dienst und der Vermehrung seiner Herrlichkeit nichts zu tun. Das
      Geschöpf als solches, vom <term ref="kbga-keywords-977">Engel</term> bis zum vergänglichsten
      Grashalm, dient der Vermehrung seiner <term key="Schöpfung, Zeuge der Herrlichkeit Gottes">Herrlichkeit</term>. Sofern auch die Götter – <hi rend="italic">nicht</hi> Götter, sondern
      in Wahrheit nur Geschöpfe sind, können auch sie sich diesem Dienste nicht entziehen, haben ja
      auch sie Anteil an Gottes Bejahung des von ihm geschaffenen <term key="Schöpfung, Bejahung">Kosmos</term>, müssen auch sie sich seiner Ordnung und seinem Willen fügen. Aber das tun sie
      dann im Widerspruch gegen ihre Göttlichkeit. Gerade in ihrer Göttlichkeit sind sie Rebellen
      gegen Gott und nichts als das, entbehren sie jedes Anteils an seinem Wohlgefallen und am
      Dienste seiner Herrlichkeit. Ihr Wesen als Götter kann im Zusammenhang der Schöpfung nur als
       <term key="Götter, Unwesen"><hi rend="italic">Unwesen</hi></term> verstanden werden. Auch das
      ergibt sich aus der Selbstkundgebung des Schöpfers: da ist nicht nur Unterschied, da ist
      Gegensatz und Feindschaft. Zwischen Gott und den Göttern ist kein Friede und wird nie Friede
      sein.</p>
     <p>Das dritte Merkmal ist dieses: Eben in ihrer Unwesentlichkeit haben die Götter <hi rend="italic">Wesen</hi>, eine bestimmte Art von Dasein und Sosein, eine bestimmte
      Wirklichkeit und <term key="Götter, Wirklichkeit">Möglichkeit</term>. Das beschränkt sich nun
      also nicht auf ihre Eigenschaft als die Geschöpfe, die sie in Wahrheit sind. Das erstreckt
      sich auch auf ihre Göttlichkeit. Sie steht unter dem Urteil, dass sie nicht göttlich und also
      falsch, also nichtig ist. Aber eben dieses Urteil ist nicht gegenstandslos. Eben der in Gottes
       des <pb xml:id="p016" ed="pga"/>
      <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> Selbstkundgebung gegen sie losbrechende Zorn
      geht nicht ins Leere. Er bezieht sich auf ein Unwesen, das als solches – in seiner ganzen
      Eigentümlichkeit als Unwesen, in seiner ganzen klaffenden <pb ed="A" n="604"/>
      <term key="Götter, Negativität">Negativität</term> – Wesen hat: sein besonderes Dasein und
      Sosein, seine besondere Wirklichkeit und <term key="Götter, Wirklichkeit">Möglichkeit</term>.
      Es ist nicht das Wesen Gottes selbst, es ist auch nicht das seines Geschöpfs; es ist nun eben
      das Wesen der nicht göttlichen, der falschen und nichtigen, aber ebenso wie die Sünde auf dem
      Plan befindlichen, gerade in ihrer Falschheit und Nichtigkeit realen Göttlichkeit der <term key="Götter, reale Göttlichkeit">Götter</term>. Wir werden uns also wohl hüten, einfach zu
      sagen: es gibt keine, es sind keine Götter. Zu viele Stellen des prophetisch-apostolischen
      Zeugnisses warnen uns ausdrücklich vor solcher Einfachheit. Gottes Selbstkundgebung als solche
      warnt uns davor. Warum bedürfte es ihrer, warum wäre die Geschichte des Bundes, die der Sinn
      der Schöpfung <term key="Bund, Sinn der Schöpfung">ist</term>, zugleich eine Prozessgeschichte
      und Kriegsgeschichte, warum machte sich Gott in eigener Person zu seinem eigenen Zeugen und
      Vorkämpfer, wenn da nicht Götter wären – in ihrer ganzen Nichtgöttlichkeit, Falschheit und
      Nichtigkeit wirklich und möglich wären, gegen die er uns zugute sich selbst einzusetzen und
      für uns zu streiten sich entschlossen zeigt? Wir würden dieses sein ganzes Tun offenbar nicht
      ernstlich würdigen, wenn wir den Göttern die Anerkennung verweigern wollten, dass sie gerade
      in ihrer Unwesentlichkeit höchst wesentlich <term key="Götter, Wirklichkeit">sind</term>.</p>
     <p> Aber das Alles können nun doch nur Präliminarien sein. Wir fragen weiter: Welches ist
      dieses besondere Wesen der Götter? Da sie in ihrer ganzen <term key="Götter, Nichtigkeit">Nichtigkeit</term> nicht einfach nichts sind (so dass die Beschreibung ihres Wesens sich
      etwa in ihrer Leugnung erschöpfen könnte), muss offenbar in einer neuen – der Befremdlichkeit
      der Sache angemessen allerdings sehr befremdlichen – Richtung weitergedacht werden.</p>
     <p> Indem die Götter nicht Gott und nun doch auch nicht einfach <term key="Nichts/Nichtiges">Nichts</term> sind, werden wir wohl oder übel mit der Feststellung beginnen müssen, dass sie
      jedenfalls <hi rend="italic">auch Geschöpfe</hi> sind: nicht in <pb ed="A" n="605"/> ihrer
      Göttlichkeit, wohl aber als die Subjekte, die hier Träger von Göttlichkeit, die hier göttlich
      sind. Ohne Geschöpfe zu sein, könnten sie auch nicht göttlich sein. Ohne Gottes Schöpfung gäbe
      es auch keine Rebellion gegen ihn, den <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>, keine
      Störung der Geschöpfwelt durch die Götter. Ihm verdanken es auch seine Feinde, dass sie seine
      Feinde sein können, und gerade das ist das Furchtbare ihrer Feind<pb xml:id="p017" ed="pga" break="no"/>schaft, dass sie auch diese nicht ausüben können, ohne eben damit zu beweisen,
      dass sie ihm Dank schuldig sind, dass sie seine Geschöpfe sind. Wo Götter sind, da sind immer
      auch, und zwar mit ihnen identisch, irgendwelche Geschöpfe. Kein «anderer Gott», der nicht
      auch, und zwar im Grunde, in Wahrheit, in seiner Eigentlichkeit ein Geschöpf, der nicht als
      solches von Gott gewollt und gesetzt, als solches von Gott durchschaut und erkannt wäre, der
      nicht als solches zur Vermehrung der Herrlichkeit <term key="Schöpfung, Zeuge der Herrlichkeit Gottes">Gottes</term> bestimmt und faktisch – im
      Widerspruch gegen seine Göttlichkeit, aber in Übereinstimmung mit seiner Geschöpflichkeit –
      zur Vermehrung der Herrlichkeit Gottes gebraucht würde. Kein «anderer Gott» also, der Gott
      entfliehen, der sich ihm entziehen könnte: keiner, der nicht in seiner Eigentlichkeit dem
      Schöpfer verbunden und verpflichtet, der also in der Lage wäre, ihm die <term ref="kbga-keywords-1684">Dankbarkeit</term>
      <hi rend="italic">letztlich</hi> zu verweigern, die er ihm schuldig ist. Kein «anderer Gott»,
      der nicht in seiner Eigenschaft als Geschöpf auch der <term ref="kbga-keywords-115"><hi rend="italic">Barmherzigkeit</hi></term> des Schöpfers und also des <hi rend="italic">Daseins</hi> und der <hi rend="italic">Güte</hi> des Geschöpfs teilhaftig wäre und
      bliebe.</p>
     <p>Aber gerade die Göttlichkeit der Götter ist von hier aus offenbar nicht zu verstehen. Gerade
      ihr kann ja von hier aus nur widersprochen sein. Dass die Götter <hi rend="italic">Götter</hi>
      sind, das macht ihr Wesen zum <term key="Götter, Unwesen">Unwesen</term>. Wir müssen also die
      zweite Feststellung hinzufügen: sie sind Geschöpfe, die in ihrer Eigenschaft als Götter in
      einer eigentümlichen <hi rend="italic">Verkehrung</hi> ihrer <term key="Götter, Verkehrung ihrer Geschöpflichkeit">Geschöpflichkeit</term> begriffen sind: in
      einer Verkehrung, die in ihrer Geschöpflichkeit wohl ihre conditio sine qua non, nicht aber
      ihren Grund, nicht ihren Ursprung hat, die aus ihrer Geschöpflichkeit weder abzuleiten noch zu
      rechtfertigen ist. Jeder «andere Gott» ist vielmehr ein seiner <pb ed="A" n="606"/>
      Geschöpflichkeit und also der ihm durch Gottes Schöpfung verliehenen Existenz und Güte
      untreues, ein aus seiner Geschöpflichkeit gewissermaßen heraustretendes oder vielmehr
      heraustretenwollendes Geschöpf. Nur um dieses wahnsinnige <hi rend="italic">Wollen</hi> und
       <hi rend="italic">Unternehmen</hi>, nur um den <hi rend="italic">Versuch</hi> solchen
      Heraustretens kann es sich ja handeln. Kein Geschöpf kann ja von sich aus aufhören, Geschöpf
      zu sein. Nur der Schöpfer könnte ihm nehmen, was er ihm als Schöpfer gegeben hat. Kein
      Geschöpf kann von sich aus Gott werden. Auch der Mensch Jesus <term key="Jesus Christus, Mensch">Christus</term> wurde nicht von sich aus, nicht durch seine
      Tugend und Kraft Gottes <term ref="kbga-keywords-235">Sohn</term>: er wurde es, indem er von
      Gott dem Vater durch den Heiligen <term ref="kbga-keywords-179">Geist</term> in <pb xml:id="p018" ed="pga"/> die Einheit des Seins mit seinem Sohne aufgenommen wurde. Auch das
      prophetisch-apostolische <term key="Wort Gottes, prophetisch und apostolisch">Wort</term>
      wurde nicht und auch seine Bezeugung durch die christliche Kirche wird nicht durch ihre eigene
      Macht, sondern durch Gottes Befehl und Auftrag Gottes Wort. Die Nichtgöttlichkeit, die
      Falschheit, die Nichtigkeit des göttlichen Wesens der <term key="Götter, Nichtigkeit ihres göttlichen Wesens">Götter</term> wird schon von hier aus
      einsichtig. Nur um den <hi rend="italic">Versuch</hi> des Griffs nach wahrer Göttlichkeit und
      auch nur um ihren <hi rend="italic">Versuch</hi> der Preisgabe ihrer eigenen wahren
      Geschöpflichkeit kann es sich handeln, und dieser Versuch kann seiner Natur nach nur ein
      ohnmächtiger Versuch sein. Aber eben um diesen ohnmächtigen Versuch handelt es sich. In ihm
      besteht die Verkehrung ihrer Geschöpflichkeit, in welcher die Götter als solche begriffen
      sind. Das Wesen der <term key="Götter, Wesen">Götter</term> als solcher verstehen heißt diesen
      Versuch verstehen. Seiner Analyse haben wir uns darum jetzt zuzuwenden.</p>
     <p> Ein «anderer Gott» ist ein <term key="Götter, Definition">Geschöpf</term>, das entweder für
      sich allein oder im Zusammenhang einer Gruppe oder eines Systems von seinesgleichen so unter
      der übrigen Geschöpfwelt ausgezeichnet und über sie erhoben ist, als ob es selbst kein
      Geschöpf wäre, als ob es selbst keinen Schöpfer hätte, als ob es selbst der Schöpfer und Herr
      der übrigen Geschöpfwelt wäre. In diesem «Als ob» besteht der Versuch, der die Götter zu
      Göttern macht, die Verkehrung ihrer Geschöpflichkeit und also das Wesen der <term key="Götter, Wesen">Götter</term>. Wir kümmern uns zunächst nicht um die Art, in der sie
      wirklich sind und möglich werden, sondern ver<pb ed="A" n="607" break="no"/>gewissern uns
      weiter, was es mit der eigentümlichen Realität dieses «Als ob» wesenhaft auf sich hat, und
      stellen vor allem dies fest: dass es auf keinen Fall umsonst auf den Plan tritt. Indem ein
      Geschöpf jenen Ort – den Ort Gottes – einnimmt, «als ob» es wäre, was es doch nicht ist, hat
      und entfaltet es eine bestimmte <hi rend="italic">Macht</hi>, Kraft und Gewalt. Nicht die
      freilich, die es haben und entfalten möchte: nicht die wahrhaft und eigentliche göttliche
      Macht also, aber doch eine Macht, und zwar eine andere Macht als die, die ihm auf Grund seiner
      Geschöpflichkeit zukommt und eigen ist. Die Macht, in der Gott den Göttern in seiner
      Selbstkundgebung entgegentritt, wäre unerklärlich, wenn er es in ihnen nicht mit in ihrer
      Weise <hi rend="italic">realen</hi>
      <term key="Götter, Wirklichkeit">Mächten</term> zu tun hätte. Der Charakter des <term ref="kbga-keywords-129">Todes</term> und der Auferstehung Jesu <term ref="kbga-keywords-393">Christi</term> als einer Besiegung, Überwindung, Gefangennahme und Unterwerfung fremder
      Mächte wäre unerklärlich, wenn solche fremden <pb xml:id="p019" ed="pga"/> Mächte gar nicht
      wären. Eben in der Verkehrung der <term key="Götter, Verkehrung ihrer Geschöpflichkeit">Geschöpflichkeit</term> werden Mächte frei und treten Mächte auf den Plan, die weder mit der
      Macht Gottes noch mit der natürlichen Macht von Geschöpfen identisch sind, die aber –
      unendlich klein im Verhältnis zu jener, aber immerhin reichlich groß im Verhältnis zu diesen:
      eine fatale fremde Mitte zwischen beiden – eben in dieser Mitte zweifellos <hi rend="italic">Mächte</hi> sind. Götter sind geschöpfliche Wesen, die inmitten der übrigen Geschöpfwelt <hi rend="italic">Autorität, Verehrung, Gehorsam</hi> und <hi rend="italic">Vertrauen</hi>
      fordern: nicht dienstweise, nicht vertretungsweise für Gott, wie die guten <term ref="kbga-keywords-977">Engel</term>, wie die <term key="Propheten">Propheten</term> und
       <term ref="kbga-keywords-273">Apostel</term>, wie die Kirche Jesu <term key="Kirche, K. Jesu Christi">Christi</term>, wie im Reich Christi der Staat, der Mann, die
      Eltern, sondern für sich selbst, «als ob» sie selbst Gott wären. Es ist also eine Autorität,
      die ihnen nicht zukommt, eine bloß <hi rend="italic">angemaßte</hi>, fiktive, illusionäre
       <term key="Götter, angemaßte Autorität">Autorität</term>. Aber eben so fordern sie sie. Sie
      wären nicht Götter, wenn sie sie nicht forderten. Sie wollen <hi rend="italic">angebetet</hi>
      <term key="Götter, wollen angebetet sein">sein</term>. Sie verlangen ganzen Gehorsam und
      ganzes Vertrauen. Man hat sie nur noch nicht recht verstanden, wo man etwa meint, sie könnten
      sich auch mit weniger begnügen. Sie fordern objektiv doch das und gerade das. Sie sind in
      ihrem Anspruch, ob einzeln oder in einem System von ihresgleichen, so ausschließlich und
      totalitär wie Gott <term key="Götter, totalitär wie Gott selbst">selber</term>. Und es bleibt
      nicht bei dem Anspruch. <pb ed="A" n="608"/> Der Anspruch allein würde sie ja noch nicht zu
      Mächten machen. Sondern indem sie <hi rend="italic">Mächte</hi> sind, sind sie anspruchsvoll.
      Indem sie Mächte sind, sind sie aber auch <hi rend="italic">wirksam</hi> und einflussreich:
      sie wären nicht Götter, wenn sie es nicht wären, wenn ihr Anspruch nicht von Taten und
      Wirkungen begleitet und getragen wäre. Nicht von der Macht Gottes, nicht von
      unwiderstehlichen, nicht von endgültigen Taten und Wirkungen also: ihre Taten und Wirkungen
      sind ohnmächtig im Verhältnis zu denen Gottes, wie auch ihr Anspruch im Verhältnis zu dem
      Gottes <hi rend="italic">ohnmächtig</hi> ist. Sie sind aber nicht ohnmächtig, sondern <hi rend="italic">übermächtig</hi> im Verhältnis zu den Taten und Wirkungen der anderen
      Geschöpfe, wie schon ihr Anspruch diesen gegenüber ein übermächtiger ist. |</p>
     <p> Die heilige <term ref="kbga-keywords-110">Schrift</term> als Zeugnis von Gottes
      Selbstkundgebung ist nüchtern genug, ihnen diese ihre Übermacht nach dieser Seite, ihren
      Charakter als Herrschaften, ja als Herren dieser Welt<note xml:id="n16">Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.8.5">1.Kor. 8,5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.1.21">Eph. 1,21</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.3.10">3,10.</ref></note> zuzuerkennen: <pb xml:id="p020" ed="pga"/> wo sie anders, wo sie von
      ihrer Ohnmacht redet, wo sie sie als <term key="Götter, Nichtse">Nichtse</term><note xml:id="n17">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n11">Anm. 11</ref>.</note> beschreibt,
      die keinen Finger rühren können, da hat sie immer ihr Verhältnis zu Gott, da hat sie immer
      schon ihre ein für allemal geschehene und noch zu offenbarende <term key="Götter, Verneinung">Überwindung</term> durch die Allmacht <term key="Gott, Allmacht">Gottes</term> vor Augen.
      Innerhalb der Kreaturwelt und im Bereich der Verhüllung dieser ihrer auch für die Kreaturwelt
      und in der Kreaturwelt selbst geschehenen Überwindung <hi rend="italic">sind</hi> sie
      Herrschaften und Herren, «Fürstentümer und Throne» [<ref type="can" subtype="bible" target="Kol.1.16">Kol. 1,16</ref>], wie gerade das Neue <term ref="kbga-keywords-74">Testament</term> sehr nachdrücklich sagt: Faktoren, von denen nicht nur ein Anspruch,
      sondern reale <term key="Götter, Gewalt">Gewalt</term> ausgeht: Gewalt, die sich geltend
      macht, und zwar einerlei, ob sie den ganzen Gehorsam und das ganze Vertrauen, das sie fordern,
      schon gefunden haben, einerlei, ob es zu ihrer religiösen Verehrung schon gekommen ist oder
      nicht. Gerade die religiöse Verehrung ist nur das Tüpflein aufs i, das auch fehlen oder bloß
      angedeutet sein kann, ohne dass sie darum weniger göttlichen Einfluss hätten: nicht den
      Einfluss Gottes, aber den quasi göttlichen Einfluss von Geschöpfen, die in jener Anmaßung
      begriffen sind. Die flache Meinung, als ob Anmaßungen, Illusionen, Fiktionen keine Realitäten
      seien und selbst schaffen könnten, ist in dem Maß falsch, als es <pb ed="A" n="609"/> sich um
       <hi rend="italic">die</hi> Anmaßung, <hi rend="italic">die</hi> Illusion, <hi rend="italic">die</hi> Fiktion handelt, in der das Geschöpf unter Verleugnung seiner Geschöpflichkeit und
      also seiner Wahrheit den Versuch unternimmt, sich auf den Thron Gottes zu setzen und sich als
      der zu gebärden, der diesen Thron allein einnehmen kann. Dass dieser Versuch ohnmächtig ist
      und nicht gelingen kann, bedeutet <hi rend="italic">nicht</hi>, dass damit <hi rend="italic">nichts</hi> geschehen ist. Etwas ganz Ungeheures ist eben damit geschehen, und eine Reihe
      von ganz unermesslichen Folgen ist gerade damit eröffnet. Gewiss nichts, was einer Machttat
      Gottes gleichkäme oder was der Macht Gottes und ihren Taten Abbruch tun könnte, aber doch
      etwas gegen Gott und damit auch gegen sein Geschöpf: ein gerade in dieser seiner
      Widerwärtigkeit eigenartiges Faktum, das als solches, das in seiner ganzen Planwidrigkeit
      seine Kreise und im Bereich der Geschöpfwelt nun doch seine wenn nicht unermesslichen, so doch
      unübersehbaren Kreise zieht. Gewiss keine solche Folge kann von ihm ausgehen, der Gott nicht
      gewachsen wäre, die ein für Gott Irreparables bildete, der er nicht <pb xml:id="p021" ed="pga"/> Einhalt zu tun, die er nicht auszulöschen vermöchte. Man kann und soll aber nicht leugnen,
      dass da <hi rend="italic">Folgen</hi> stattfinden, dass die Götter, indem sie auf den Plan
      treten, Mächte sind und dementsprechend nicht nur mit der ihnen als Geschöpfen natürlichen,
      sondern gerade mit ihrer «übernatürlichen», d. h. mit der ihnen vermöge ihres anmaßenden,
      illusionären, fiktiven Wesens eigenen Energie beides: <hi rend="italic">anspruchsvoll</hi> und
       <hi rend="italic">wirksam</hi>
      <term key="Götter, Wirklichkeit">sind</term>. Wie würde man sich und andere täuschen, wenn man
      das in Abrede stellen wollte! – Ein Besonderes ist hier noch hinzuzufügen.</p>
     <p> Es liegt nicht im Wesen der <term key="Götter, Wesen">Götter</term>, dass ihrer <hi rend="italic">viele</hi> sein müssen. Ihrer <hi rend="italic">können</hi>
      <term key="Götter, Vielheit">viele</term>, ihrer kann eine unendliche Fülle sein. Es liegt in
      ihrem Wesen, dass sie sich zerstreuen, zersplittern, geradezu atomisieren können, wie es im
      Götterhimmel mancher <term ref="kbga-keywords-211">Religionen</term> tatsächlich sichtbar
      wird. Es liegt wohl auch in ihrem Wesen, dass sie sich je und je, da und dort, tatsächlich so
      atomisieren <hi rend="italic">müssen</hi>. Das bedeutet dann, dass sie sich auch als Mächte,
      in ihren Ansprüchen und Wirkungen, nicht nur unter sich bestätigen und unterstützen, sondern
      alsbald auch gegenseitig überschneiden, die Waage halten, konkurrenzieren, bekämpfen, dass sie
       <pb ed="A" n="610"/> sich untereinander stören und paralysieren, ja vorübergehend ausschalten,
      zur Annahme neuer Gestalten und Namen zwingen. Ihre Herrschaft bedeutet dann ein Reich offenen
      und verborgenen Widerspruchs und Streites, ein Reich der Unruhe und der gegenseitigen
      Beschwerde. Aber sie müssen nicht notwendig viele sein. Schon dass sie jene Gruppen und
      Systeme bilden können, zeigt das. Der Plural «die Götter», mit dem man eine Art von <hi rend="italic">Bund</hi> oder jedenfalls <hi rend="italic">Solidarität</hi> unter den Göttern
      zu bezeichnen pflegt, bekommt schon dann die Bedeutung eines Singularis. Einheitlich gesammelt
      und gerichtet wird dann auch die Macht, Kraft und Gewalt der <term key="Götter, Gewalt">Götter</term>. Und nun kann eine solche Gruppe sich sammeln unter einem <hi rend="italic">Haupt</hi> und <hi rend="italic">Oberherrn</hi>, nun kann ein solches Göttersystem eine
      organisierende <hi rend="italic">Mitte</hi> bekommen in einer von seinen besonderen Gestalten
      und Substanzen. Nun kann die Pluralität aller übrigen dazu gehörigen Götter immer mehr
      zurücktreten und verblassen. Ein <hi rend="italic">einziger</hi> Großgott oder Hauptgott kann
      schließlich die Eigenschaften und Funktionen und zuletzt auch die Existenz seiner früheren
      Gefährten in sich vereinigen. Die Götter können nicht nur viele, sie können auch <hi rend="italic">Einer</hi>, und es kann dann dementsprechend auch ihre Macht, <pb xml:id="p022" ed="pga"/> Kraft und Gewalt eine <term key="Götter, Einheit">sein</term>, die alle anderen
      relativiert, sich dienstbar gemacht und in sich aufgesogen hat. Ihre Herrschaft bedeutet dann
      ein Reich erzwungener Ruhe und Gleichförmigkeit, ein Reich der Indifferenz und des Fatalismus.
      Es muss nicht allgemein so sein. Es liegt nicht im Wesen der Götter, dass der «andere Gott»
      wirklich ein einziger sein muss. Es liegt aber in ihrem Wesen, dass es auch so sein <hi rend="italic">kann</hi>; und es liegt wohl auch das in ihrem Wesen, dass es je und je, da und
      dort, tatsächlich auch so sein <hi rend="italic">muss</hi>, dass sie sich aus der Zerstreuung
      wieder sammeln, dass sie auf dem Weg über die Gruppe oder das System zu einer bewegten Masse
      mit einem Führer und schließlich zu einer amorphen Masse, zu einem einzigen Klotz unter einem
      einzigen Namen werden und dementsprechend dann auch die Macht eines Einzigen haben. Es liegt
      eben im Wesen der Götter, dass es so <hi rend="italic">oder</hi> so sein kann. Und je und je
      dann auch tatsächlich so <hi rend="italic">oder</hi> so sein <hi rend="italic">muss</hi>. Ihre
      Existenz oszilliert gewissermaßen <pb ed="A" n="611"/> zwischen <term key="Götter, Vielheit der G.">Multiformität</term> und <term key="Götter, Einheit der G.">Uniformität</term>, zwischen «Polytheismus» und «Monotheismus», zwischen Auflösung und
      Erstarrung, und so oszillieren auch ihre Ansprüche und Wirkungen, so oszilliert auch ihre
      Herrschaft zwischen dem Reich scheinbaren Lebens und dem Reich des wirklichen Todes, die in
      der Sache offenbar Eines und Dasselbe sind. Und wie sie Gott sein möchten und doch nicht
      können, wie sie seinen Reichtum und seine Einheit, sein Leben und seinen Frieden nachahmen
      möchten und doch nicht erreichen, wie sie aber auch in dieser ihrer ohnmächtigen Nachahmung
      nicht nichts sind, sondern eben so ihr reales <term key="Götter, Wirklichkeit der G.">Wesen</term> haben, wird deutlich sichtbar.</p>
     <p> Und hier eben stehen wir vor dem allgemeinen und grundsätzlichen Wesen der <term key="Götter, Wesen der G.">Götter</term>, aus dem sowohl ihre Macht als auch ihre Ohnmacht
      erklärlich ist: sie sind eigenmächtig unternommene Versuche der Kreatur, <hi rend="italic">Gott <term key="Götter, Nachahmung Gottes">nachzuahmen</term></hi>. So stehen sie an jenem
      erhöhten Ort innerhalb der übrigen Kreaturwelt. Sie möchten den ihnen zukommenden Ort der
      Geschöpflichkeit verlassen, um den ihnen nicht zukommenden Ort des Schöpfers einzunehmen. Und
      eben zu diesem Zweck möchten sie sein, was und wie Gott ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.5">Gen. 3,5</ref>]. Eben damit wird ihr Ort ein besonderer Ort.
      Dass sie das möchten, das macht ihr göttliches Wesen aus. Es besteht in einem eigenmächtigen
      Sichausstrecken und Sichgestalten des Geschöpfs zur Gleichheit mit dem Schöpfer. Eigenmächtig
      ist es darum, weil es an der Gnade <pb xml:id="p023" ed="pga"/> des <term ref="kbga-keywords-36">Schöpfers</term>, an seinem Heranholen und Gestalten des Geschöpfs zu
      seinem Bilde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.26 Gen.1.27">Gen.
       1,26f.</ref>], das die Absicht und der Sinn seines Schöpfungswerkes ist, vorbeigeht. Der
      «andere Gott» ist in allen seinen Gestalten das <hi rend="italic">sich selbst gnädige</hi>
      <term key="Götter, sich selbst gnädige Geschöpfe">Geschöpf</term>: das Geschöpf, das sich
      selbst ihm gleichbilden und also sich selbst das erweisen möchte, was ihm durch Gottes Gnade
      erwiesen werden soll. Wir können auch sagen: er ist das Geschöpf, das <hi rend="italic">den
        <term key="Bund">Bund</term></hi>
      <hi rend="italic">mit Gott</hi>, der die Absicht und das Ziel seiner Erschaffung ist, <hi rend="italic">von sich aus stiften</hi> und <hi rend="italic">vollziehen</hi> möchte. Er
      meint sich selber, sein tiefstes Bedürfnis als Geschöpf erraten zu haben, und er meint sich
      zur Befriedigung dieses Bedürfnisses selber verhelfen zu können. Er meint gefunden zu haben,
      dass er ohne den Schöpfer auch nicht Geschöpf sein kann, und er meint, diesem Mangel dadurch
       abhelfen<note xml:id="n18">Tskr.: «entsprechen»; Korrektur durch die Hrsg.</note> zu können,
      dass er als Geschöpf nach den Eigenschaften <pb ed="A" n="612"/> und Funktionen Gottes greift.
      In dieser Berührung mit Gottes eigenster Absicht mit seinem Geschöpf besteht das Geheimnis im
      Wesen der <term key="Götter, Wesen">Götter</term>. Dass sie nicht ohne diese Berührung sind,
      dass sie <hi rend="italic">in der Wirklichkeit der <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term></hi>
      <hi rend="italic">formal mit Gott zusammentreffen und übereinstimmen</hi>, das macht sie zu
      Göttern, darum wird ihnen auch in der heiligen <term ref="kbga-keywords-110">Schrift</term>
      der Name «Götter» nicht verweigert. Was sie <hi rend="italic">meinen</hi>, das ist eben das,
      was Gott weiß. Was sie <hi rend="italic">möchten</hi>, das ist eben das, was Gott will. Was
      sie <hi rend="italic">versuchen</hi>, das ist eben das, was Gott tut. Insofern sind sie in
      ihrer ganzen Verschiedenheit, in ihrem ganzen Gegensatz zu ihm, «seines Geschlechts» [vgl.
       <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.28">Act. 17,28</ref>]. Aber doch nur in
      höchster Ironie wird das von ihnen gesagt werden können. Wir werden uns hüten, sie im Blick
      auf dieses Zusammentreffen mit Gott als dessen Zeugen zu bezeichnen. In dem, was sie meinen,
      ist das, was Gott weiß, in dem, was sie möchten, ist das, was Gott will, in dem, was sie
      versuchen, ist das, was Gott tut, wahrhaftig <hi rend="italic">nicht</hi> wiederzuerkennen.
      Aus dem Wesen der <term key="Götter, Wesen">Götter</term> ist das Wesen Gottes wahrhaftig in
      keiner Weise abzulesen und zu entnehmen. Verführte und Verführer, die sie sind, sind sie <hi rend="italic">keine</hi> Zeugen Gottes, sondern Lügner gegen ihn, sind sie Feinde <term key="Götter, Feinde Gottes">Gottes</term>. Aber dass sie auch das nicht sein können ohne jene
      Berührung, ohne jene formale Entsprechung zu dem, was Gott selbst weiß, will und tut, dass sie
      noch als seine Feinde in der Abhängigkeit von dem Herrn stehen, der <pb xml:id="p024" ed="pga"/> auch der Herr des <term key="Bund">Bundes</term> ist, das wird hier allerdings erkennbar.
      Auch ihr Reich besteht nur in Nachahmung seines Reiches; so kann es diesem auf keinen Fall
      entzogen oder gar gewachsen und überlegen sein.</p>
     <p>Eben von hier aus erklärt sich das, was wir als ihre <term key="Götter, Macht"><hi rend="italic">Macht</hi></term><hi rend="italic"/>, die Macht ihres Anspruchs und ihrer
      Wirkungen bezeichnet haben. Es bedeutet eben der Versuch, Gott eigenmächtig nachzuahmen, eine
      reale Durchbrechung der Ordnung, <hi rend="italic">unter</hi> der, und also der Reihe, <hi rend="italic">in</hi> der die Geschöpfe als solche stehen. Wer diesen Versuch unternimmt, der
      stellt sich eben damit aus dieser Reihe heraus, der schafft innerhalb dieser Reihe ein neues
      Faktum, das als solches eine eigentümliche Tragweite für deren ganzen Bestand hat. Sie wird,
      indem jener Versuch unternommen wird, die durch ihn <hi rend="italic">unterbrochene</hi> und
       <hi rend="italic">gestörte</hi> Reihe. Sie hat mit dem in ihrer Mitte stattfinden <pb ed="A" n="613"/> den Meinen, Mögen und Versuchen der Götter ein neues für sich selbst sprechendes
      Vorbild gefunden, das nach Beachtung und Nachfolge ruft: daher ihr Anspruch. Mehr noch: in
      ihrem Zusammenhang ist mit dem Unternehmen der Götter eine neue <hi rend="italic">Ursache</hi>
      aufgetreten, die wieder in ihrem Zusammenhang auch nicht ohne Wirkungen bleiben wird. Dass das
       <hi rend="italic">Natürliche</hi>, indem es in seinem Bereich nun auch <hi rend="italic">Widernatürliches</hi>
      <term key="Natur / Natürliches, und Widernatürliches">gibt</term>, auch als Natürliches
      bestimmt und <hi rend="italic">beeinflusst</hi> und insofern <hi rend="italic">verändert</hi>
      wird, das ist die <hi rend="italic">Macht</hi> der Götter. Und ihr widernatürliches Wesen kann
      diese Macht über das Natürliche darum sein und ausüben, weil es nun doch in nichts mehr und
      nichts weniger als im Versuch einer Nachahmung <term key="Götter, Nachahmung Gottes"><hi rend="italic">Gottes</hi></term> besteht: weil in ihnen das Geschöpf sich selber gnädig
      sein, sich selber und sein Bedürfnis verstehen, sich selber in seinem Mangel helfen, den <term key="Bund">Bund</term> mit Gott selber stiften und durchführen möchte. Dieses Unternehmen ist
      mächtig, obwohl und indem es der ohnmächtige Nachahmungsversuch ist, der es ist. Denn in
      diesem Unternehmen liegt die <hi rend="italic">Berührung</hi> der Götter mit Gott selber. Eben
      dieses Unternehmen macht sie zu <term key="Götter, Dämonen">Dämonen</term>, deren Herrschaft
      der Herrschaft Gottes zwar unterlegen, der Herrschaft ihrer Mitkreaturen aber überlegen ist.
      Sofern sie eben das meinen, was Gott weiß, eben das möchten, was Gott will, eben das
      versuchen, was Gott tut, sofern sie Gottes richtige <hi rend="italic">Affen</hi> sind,<note xml:id="n19">Anspielung auf eine schon frühkirchlich verwendete und dann im späten
       Mittelalter gebräuchliche Redewendung vom Teufel oder (seltener) von den übrigen Dämonen als
       «Affen Gottes», die auch <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gern benutzte. Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-2320"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Von den Konziliis
         und Kirchen. 1539</hi>, in: WA 50, 488–653, dort 644,12–20</bibl>: «Da nu der Teuffel sahe,
       das Gott eine solche heilige Kirche bauet, feiret er nicht und bauet seine Capellen dabey,
       grösser, denn Gottes Kirche ist, […], Wie er denn allezeit Gottes Affe ist und wil alle ding
       Gott nach thun und ein bessers machen […].» Zu Luthers Gebrauch der Redewendung und ihren
       Quellen vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5130"><persName ref="kbga-actors-2334">A.
         Adam</persName>, <hi rend="italic">Der Teufel als Gottes Affe. Vorgeschichte eines
         Luther-Wortes</hi>, in: LuJ 28 (1961), S. 104–109</bibl>. – In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar von <bibl corresp="kbga-bibls-5131"><persName ref="kbga-actors-2936">J. Müller</persName>, <hi rend="italic">Die christliche Lehre von der Sünde</hi>, Bd. 2, Breslau 1849<hi rend="sup">3</hi>, S. 235</bibl>, findet sich folgende, teils unterstrichene Passage: «Bleibt also
       hier die Sünde selbst in ihrem innersten Kern unbegriffen, so muß uns diese Unbegreiflichkeit
       natürlich da am härtesten entgegentreten, wo die Sünde ein Erstes und Anfängliches im
       strengen Sinne ist, wo ein reiner Wille unrein wird durch seine Selbstbestimmung. Das alte
       Wort, daß <hi rend="italic">der Satan ein Affe Gottes</hi> sei, hat hier seine
       eigenthümlichste Wahrheit. <hi rend="italic">Es ist die Anmaßung des Bösen auf seine Weise
        causa sui zu sein wie Gott, schlechthin von sich anzufangen, nur sich selbst
        vorauszusetzen</hi>.» (Die Hervorhebungen markieren die Unterstreichungen in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>
       Exemplar; i. Orig. sind im ersten Satz «Erstes» und «Anfängliches» gesperrt.).</note> ist ihr
      Unternehmen nicht nur Unternehmen, sondern als solches auch <hi rend="italic">Erfolg</hi>.</p>
    <!-- </div><div type="ditigal_division"> -->
     
     <p><pb xml:id="p025" ed="pga" rend="noPipe"/> Nur als solches, müssen wir freilich sofort hinzufügen. Mächtiger als die Macht dieses
      Unternehmens kann die Macht der von den Göttern in die Natur der Geschöpfwelt hineingetragenen
      Widernatur nicht werden. So bezeichnet es auch ihre Grenze, auch ihre <hi rend="italic">Ohnmacht</hi>. Ein ewiges Reich können sie nicht gründen und nicht einmal ein beständiges
      Reich auch nur in der Geschöpfwelt, weil das beständige Reich auch in der Geschöpfwelt in und
      mit deren Erschaffung schon begründet, weil sein Thron schon besetzt und für alle <term key="Götter, Dämonen">Dämonen</term> unangreifbar ist. Die Reiche der Götter sind allesamt
      nur <hi rend="italic">Zwischen</hi>reiche, d. h. <hi rend="italic">begrenzte</hi> – und zwar
      auch innerhalb der Geschöpfwelt und also zeitlich und räumlich begrenzte <term key="Götter, Begrenztheit ihrer Macht">Reiche</term>. Ihre Macht wird auch auf Erden nie <hi rend="italic">die</hi> Macht: nicht einmal ihren Anspruch können sie ja, wie total er gemeint
      sein <term key="Götter, Totalität ihres Anspruchs">mag</term>, in seiner Tota<pb ed="A" n="614" break="no"/>lität auch nur zur Aussprache bringen, geschweige denn durchsetzen, und
      so können auch ihre Wirkungen, wie ungeheuer sie sein mögen, nie zu totalen Wirkungen werden:
      so gewiss der Schöpfer seinen Thron nicht verlassen, so gewiss das Geschöpf nicht aufhören
      kann, sein Geschöpf zu sein. Gerade zur Allmacht kann die Übermacht der Götter nicht werden.
      Eben darum bleibt es auch bei jenem Oszillieren zwischen ihrer <pb xml:id="p026" ed="pga"/>
      <term key="Götter, Vielheit">Vielheit</term> und ihrer <term key="Götter, Einheit">Einheit</term>, zwischen der Sammlung und der Zerstreuung, zwischen dem Widerstreit und der
      Eintracht ihrer Kräfte. Sie sind ihrer Sache, ja sie sind ihrer selbst in keinem Sinn sicher.
      Sie kommen und gehen. Sie haben keine bleibende Gestalt, keinen bleibenden Ort und keine
      dauernde Zeit. Sie sind wohl immer wieder da, aber immer wieder so, dass hinter der Fassade
      ihrer <term key="Götter, Macht">Macht</term> und Pracht auch ihre <term key="Götter, Ohnmacht">Ohnmacht</term> und Armut sichtbar wird. Ihre Herrschaft ist immer nur Revolutionsregiment,
      nicht stabile Regierung. Und diese ihre Schwäche hat ihren Grund an derselben Stelle, wo ihn
      auch ihre Stärke hat. Eben wo sie sich mit Gott berühren, eben da verfehlen sie ihn ja auch.
      Denn eben durch eigenmächtiges Sichausstrecken und Sichgestalten kann ja die Gleichheit des
      Geschöpfs mit dem Schöpfer nicht gewonnen werden. Eben damit versäumt es ja sein
      Herangeholt- und Gestaltetwerden zu seinem Bilde durch den Schöpfer selber und also die
      Bestimmung, zu der und mit der es geschaffen ist. Eben das sich selbst gnädige Geschöpf <hi rend="italic">entzieht</hi> sich ja der <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>. Die Gnade,
      in der es sich selbst gnädig sein möchte, ist nicht Gottes Gnade; so wird es von ihr auch
      nicht leben können. Indem es sich selbst verstehen will, wird es nie verstanden sein. Indem es
      sich selber helfen will, kann ihm unmöglich geholfen werden. Wer auf dieser Linie meint, wird
      nie wissen, was Gott weiß. Wer hier möchte, wird nie wollen, was Gott will. Wer hier versucht,
      wird nie tun, was Gott tut. Wer den <term key="Bund">Bund</term> mit Gott selber schließen und
      vollziehen will, wird immer außerhalb dieses Bundes stehen, wird seine Wohltat notwendig
      entbehren müssen. Gerade Eigenmacht ist Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> Sache ganz allein. |</p>
     <p>Das mit <hi rend="italic">Eigenmacht</hi> sich bekleidende Geschöpf kann nur die Macht der
       <hi rend="italic">Ohnmacht</hi> haben. Und so ist die Eigenmacht, in der die Götter Gott
      nachahmen, der Grund ihrer <term key="Götter, Ohnmacht">Ohnmacht</term>. Eben in dieser
      Ohnmacht erstreben sie, was sie nicht haben, <pb ed="A" n="615"/> und erstreben sie es in einer
      Weise, in der sie auch nicht wirksam streben können, erlangen sie nicht, was sie haben
      möchten, und kann ihr Habenwollen selber nur ein Beweis ihrer Ohnmacht sein. Nur Gott kann
      Gott <term key="Gott, nur Gott kann Gott sein">sein</term>. Und nur Gott kann sich
      eigenmächtig als Gott behaupten. So ist, <hi rend="italic">was</hi> sie erlangen möchten und
       <hi rend="italic">wie</hi> sie es erlangen möchten, gleich unmöglich. Eben in ihrer ihnen
      nicht zukommenden Eigenmacht stellen sie nun aber auch das in Frage, was sie als Geschöpfe
      legitim sein und haben könnten: die Existenz und die Güte, die als seinen Geschöpfen auch <pb xml:id="p027" ed="pga"/> ihnen von Gott verliehen ist. Was haben sie schon davon, dass es
      ihnen allerdings gelingt, sich in ihrer Göttlichkeit in räumlicher und zeitlicher
      Beschränktheit über die übrige Kreatur zu erheben, jene Widernatur in deren Natur <term key="Natur / Natürliches, und Widernatur">hineinzutragen</term>, die Ordnung der Geschöpfwelt
      zu stören, zu verwirren, zu «dämonisieren», mit ihrer eigenen <term key="Götter, Verkehrung ihrer Geschöpflichkeit">Verkehrtheit</term> das Ganze anzustecken und
      zu beflecken, falsche Liebe und falsches Vertrauen und damit dann auch grundlose Furcht und
      unnötige Not in ihr zu verbreiten, sie mit einem Nebelschleier von Lüge und Unrecht zu
      bedecken? Es ist wahr: die Herrschaft der Götter ist mächtig genug, die Wirklichkeit und das
      Recht des ganzen übrigen Daseins verdächtig und zweifelhaft zu machen. Es ist wahr: die
      Geschöpfwelt wird sich selber in dem Maß dunkel und unbegreiflich, als sie nun wirklich von
      den Göttern bestimmt, eine von ihnen regierte Welt wird. Aber die, die am Ersten und zuletzt
      auch am Stärksten unter dieser Unbegreiflichkeit und Dunkelheit der Geschöpfwelt zu leiden
      haben, werden doch die Götter selber sein. Bevor sie andere verführten, haben sie ja sich
      selbst <term key="Götter, Verführer und Verführte">verführt</term>. Bevor sie die Natur der
      Dinge unterbrachen und störten als die Macht jener Übernatur, die nur Widernatur sein kann,
      haben sie sich selbst in jene Übernatur erhoben und eben damit sich selbst in diese Widernatur
       <term key="Natur / Natürliches, und Widernatur">gestürzt</term>. Ist es schlimm für alle
      anderen Wesen, von den Göttern beherrscht, angesteckt, verdorben, verdunkelt zu werden: leiden
      zu müssen, was in einer durch die Götter verdunkelten Welt notwendig zu leiden ist, so ist es
      doch wohl noch schlimmer, die Quelle und der Ausgangspunkt von dem allem, das störende,
      verwirrende, verdunkelnde Element selber – selber einer von den «anderen Göttern» – zu
       sein. </p>
     
     <p><pb ed="A" n="616"/> Und eben das gehört zum Wesen der <term key="Götter, Wesen">Götter</term> und ist das
      Letzte, was von ihm zu sagen ist: dass sie an sich selber leiden müssen. Was ist alle
      sekundäre Verkehrtheit gegen ihre primäre: die Verkehrtheit der verkehrenden Prinzipien? Und
      wie groß muss der Schmerz der Verkehrung der <term key="Götter, Verkehrung ihrer Geschöpflichkeit">Geschöpflichkeit</term> da sein, von wo die
      Verkehrung ausgeht, wo sie gewissermaßen erfunden wird! Die Götter sind die Erfinder aller
      Verkehrung. Kein Wunder, dass gerade ihre Existenz und Güte – die ihnen in ihrer
      Geschöpflichkeit ja auch nicht abgesprochen werden kann – so ganz besonders verdächtig und
      zweifelhaft ist. Kein Wunder, dass zuerst und vor allem gerade diese Herren und Herrschaften
      im Kosmos vom Schein einer völligen <term key="Nichts / Nichtiges">Nichtigkeit</term> umgeben
       <pb xml:id="p028" ed="pga"/> sind, der ihre bescheideneren Mitgeschöpfe so nicht treffen kann.
      Kein Wunder, dass unter allen Wesen keine leichter, einfacher und einleuchtender anzuklagen
      und geradezu zu leugnen sind als eben die Götter. Das haben sie von ihrer eigenmächtigen
      Nachahmung <term key="Götter, Nachahmung Gottes">Gottes</term>! Das haben sie davon, dass sie
      sich selbst <term key="Gnade, Eigengnade">gnädig</term> sein, den <term key="Bund">Bund</term>
      mit Gott selbst schließen und vollziehen möchten! Damit bezahlen sie die ausgezeichnete
      Stellung, die sie zweifellos einnehmen, die übernatürliche Kraft, die sie zweifellos ausüben.
      Das Geschöpf kann sich gerade der Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> nicht
      ungestraft entgegenstellen. Es kann das wohl tun, aber eben der Gnade Gottes wird es dann
      entbehren müssen. Eben dieses Tun und Entbehren macht das Wesen der Götter aus, und eben
      dieses Tun und Entbehren erlaubt es schließlich nicht, ihr <term key="Götter, Wesen">Wesen</term> anders denn als ein glänzendes Elend<note xml:id="n20">Zu diesem Ausdruck vgl.
        <bibl corresp="kbga-bibls-2694"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
         <hi rend="italic">Die Leiden des jungen Werthers</hi> (1774)</bibl>, 1. Buch (unter dem
       Datum <date when="1772-12-24">24.12.1772</date>): «Und das glänzende Elend, die Langeweile
       unter dem garstigen Volke, das sich hier nebeneinander sieht!» Zur Geschichte des Ausdrucks
       vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5132"><persName ref="kbga-actors-10325">A. J. Storfer</persName>, <hi rend="italic">Im Dickicht der
         Sprache</hi>, Wien / Leipzig / Prag 1937, S. 23f</bibl>.</note> zu bezeichnen.</p>
       </div>
       <!-- nächste Seite - 2. "Wirklichkeit der Götter" -->
       <div>
     <p rend="margin-top">Wir versuchen es an zweiter Stelle, uns über die <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi> der
       <term key="Götter, Wirklichkeit">Götter</term> zu unterrichten. Die Frage nach ihrer
      Möglichkeit, die Frage nach dem Werden der Götter sei also noch zurückgestellt. Es ist
      offenbar unabhängig davon möglich zu fragen: <hi rend="italic">Gibt</hi> es Götter? und <hi rend="italic">inwiefern</hi> gibt es sie?</p>
     <p> Man darf sich der Erkenntnis, dass es Götter in der Tat gibt, nicht mit der Feststellung
      verschließen, dass ihre Wirklichkeit an eine bestimmte <term key="Einbildung, menschliche">Einbildung</term> des Menschen gebunden und also nur in dieser Einbildung vorhanden sei.
      Diese Feststellung ist allerdings richtig. Alle Götter, vom größten bis zum kleinsten, vom
      erhabensten bis zum scheußlichsten, alle einzelnen Göt<pb ed="A" n="617" break="no"/>ter und
      alle Göttersysteme, die Götter in allen Gestalten ihres Wesens existieren nur in der
      menschlichen <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">Einbildung</term>. Man muss
      sich aber hier wie sonst an die Einsicht gewöhnen: mit der Feststellung, dass etwas nur in der
      menschlichen Einbildung existiert, ist keineswegs darüber entschieden, dass es gar nicht
      existiert. Alles, was für uns existiert, der wahre und lebendige Gott nicht ausgeschlossen,
      existiert jedenfalls auch in unserer Einbildung, ohne dass es deshalb weniger real existierte.
      Und <pb xml:id="p029" ed="pga"/> selbst das, was nur in unserer Einbildung existiert, wie das
      von den Göttern allerdings zu sagen ist, existiert darum nicht weniger real. Sogar unsere
       <term key="Träume">Traumbilder</term> sind bekanntlich nicht einfach Bilder von nichts,
      sondern Bilder von in ihrer Weise sehr ernsthaften und wirkungskräftigen Realitäten. Und nun
      sind die Bilder der Götter immerhin sehr viel mehr als Traumbilder und die ihnen
      entsprechenden Realitäten ebenfalls, obwohl ihre Bilder sowohl wie ihre Realitäten zweifellos
      oft auch etwas von der Art der Traumbilder und von ihrer Realität an sich haben. Der Bereich
      der <term key="Einbildung, menschliche"><hi rend="italic">Einbildung</hi></term> ist nun
      einmal der ganze Bereich des <hi rend="italic">Menschen</hi>, der Bereich seines <hi rend="italic">ganzen</hi> Verhältnisses zu sich selbst und zu seiner Umwelt mit alleiniger
      Ausnahme seiner Erleuchtung in der Begegnung mit der Selbstkundgebung Gottes und also mit
      alleiniger Ausnahme seiner Erleuchtung durch Gottes <term ref="kbga-keywords-62">Wahrheit</term>. Was wir nicht dieser Erleuchtung verdanken, was wir außerhalb dieser
      Erleuchtung sind, das ist <hi rend="italic">unser Bilden</hi>, das sind <hi rend="italic">wir
       im Bereich unserer Einbildung</hi>. Und was für uns anders als auf Grund dieser Erleuchtung
      existiert, das existiert für uns <hi rend="italic">nur</hi> in unserer Einbildung. Aber eben
      damit ist nicht gesagt, dass es gar nicht existiert. Es existiert nun eben so. |</p>
     <p>Das bedeutet des Menschen Erleuchtung durch Gottes Wahrheit ja nicht, dass der Mensch in
      seinem menschlichen Können und Vermögen ausgelöscht, seine Einbildung einfach Lügen gestraft,
      dass das nur in seiner Einbildung Existierende einfach annulliert würde. Gerade in diesem
      seinem Bereich, der freilich nicht der Gottes ist, der der Begegnung mit Gottes Bereich, der
      Erleuchtung durch seine Wahrheit bedürftig ist – ist er ja Gottes Geschöpf und wird er in
      dieser Begegnung und Erleuchtung ernst ge<pb ed="A" n="618" break="no"/>nommen. Gerade mit
      seinem Bilden und mit dem, was nur in seiner Einbildung existiert, <hi rend="italic">rechnet</hi> ja Gott, indem er selbst sich dem Menschen kundgibt. Gerade seiner und damit
      auch seiner Einbildungswelt <hi rend="italic">erbarmt</hi> er sich <term ref="kbga-keywords-115">ja</term>; gerade seiner nimmt er sich ja an. Gerade seinen Bereich,
      der der Bereich seiner Einbildung ist, macht er ja zum Schauplatz seines eigenen Handelns.
      Gerade mit dem, was in diesem Bereich existiert, setzt er sich ja mit seinem Wort und Werk
      auseinander. Sicher: <hi rend="italic">in Gott</hi> gibt es <hi rend="italic">keine</hi>
      Götter; so wie er existieren sie gewiss nicht – wie sollten sie, da es ihr Wesen ist, in jener
      mächtigen <term key="Götter, Ohnmacht">Ohnmacht</term> immer nur existieren zu wollen, wie er
      existiert? Und sicher: <hi rend="italic">als Gottes Geschöpfe</hi> gibt es <hi rend="italic">keine</hi>
      <pb xml:id="p030" ed="pga"/> Götter, sondern immer nur in Gestalt jener
      mächtig-ohnmächtigen Verdrehung der Geschöpfe <term key="Götter, Verkehrung ihrer Geschöpflichkeit">Gottes</term>. Aber dass es <hi rend="italic">in</hi> der Geschöpfwelt und <hi rend="italic">wider</hi> ihre Natur Götter gibt, dass sie
      in der menschlichen Einbildung, d. h. aber einfach: im Bereich des Menschen, dem Gott in
      seiner Selbstkundgebung begegnet, real <term key="Götter, Wirklichkeit">existieren</term>, das
      ist darum – wie immer es dazu gekommen, wie immer diese widerspruchsvolle Tatsache zu erklären
      sei – nicht weniger wahr. Dass Gott selbst es, indem er jene Auseinandersetzung mit dem
      Menschen aufnimmt, indem er den Menschen in jenem seinem Bereich aufsucht, nicht leugnet,
      sondern bestätigt, dass da Götter sind, ist gewiss. Und so können auch wir das nicht leugnen,
      müssen wir uns seine Bestätigung wohl oder übel zu eigen machen. |</p>
     <p> Da Gott sich die Beseitigung der <term key="Götter, Verneinung">Götter</term>, ihre
      Entwirklichung, zu seiner eigenen Aufgabe gemacht, da er zur Ausführung dieser Aufgabe in
      seinem Sohn nicht weniger als sich selbst bestimmt, hergegeben und eingesetzt hat, können wir
      ihrer Vollstreckung nicht voraneilen mit der allzu leicht zu vollziehenden Aufklärung, dass
      die Götter ja doch nur in unserer Einbildung existierten. Als ob sie nicht <hi rend="italic">gerade da und so</hi> sehr gewaltig existierten! Als ob wir aus diesem Bereich
      heraus[zu]springen, als ob wir ihn auch nur von außen [zu] überblicken und mit dem, was in
      diesem Bereich existiert, von uns aus fertig zu werden vermöchten! Als ob wir am Ziel der Wege
      des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> mit seinem Geschöpf stünden und von dort aus
      dekretieren könnten, was Gott allerdings dekretiert hat <pb ed="A" n="619"/> und was er als
      sein Dekret offenbar machen wird: dass keine Götter <term key="Götter, Verneinung">sind</term>! Dass wir an dieses Ziel der Wege Gottes glauben und in diesem Glauben auch dies
      erkennen dürfen: dass die Götter <hi rend="italic">nur sind, indem sie nicht sind</hi>, ist
      Eines, das Andere aber ist dies, dass wir eben in diesem Glauben noch <hi rend="italic">auf
       dem Wege</hi> sind, auf diesem Wege keine Sprünge machen, sondern nur gehen, keine
      Vorwegnahmen vollziehen, sondern nur auf die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>
      des von Gott schon Beschlossenen und Vollbrachten warten können. Auf diese Offenbarung
      wartend, werden wir aus der geschenkten Erleuchtung durch seine Wahrheit gerade keine bloße
      Aufklärung machen und also der Wirklichkeit der <term key="Götter, Wirklichkeit">Götter</term>, mag sie immer nur in unserer Einbildung bestehen, in der Offenheit ins Gesicht
      sehen, deren Gott selber sich nicht geschämt hat. <hi rend="italic">Indem sie nicht sind, sind
       sie!</hi> – das ist das Andere, das hier <hi rend="italic">auch</hi> zu bedenken ist. Der
       Trug <pb xml:id="p031" ed="pga"/> der menschlichen <term key="Einbildung, menschliche">Einbildung</term> könnte vielleicht gerade da aufs höchste gestiegen sein, der Götter
      größter und gefährlichster könnte vielleicht gerade da seinen Existenzbeweis führen, wo der
      Mensch über seinen eigenen Schatten zu springen und also die Existenz der Götter auf eigene
      Faust leugnen zu können meinte.</p>
     <p> Die Götter sind überall da wirklich, wo eine Gestalt geschöpflichen Daseins sich als in
      sich begründet und als Begründung alles Übrigen, als erstlich und letztlich wertvoll,
      zuverlässig und maßgebend ausgibt und geltend macht. Eine solche Gestalt des Daseins erfüllt
      das Wesen eines «anderen Gottes». Und da man nicht leugnen kann, dass es solche
      Daseinsgestalten gibt, kann man nicht leugnen, dass es «andere Götter» gibt. Man wird das
      sicher erst dann deutlich erkennen und ehrlich bekennen, wenn man, erleuchtet durch Gottes
       <term ref="kbga-keywords-62">Wahrheit</term> und also im Glauben an das Ziel der Wege Gottes,
      weiß, dass die Götter nur sind, indem sie nicht sind, dass ihre Realität nicht die Gottes und
      nicht die der Geschöpfe Gottes, sondern nur die des Widerspruchs gegen beide ist. Gerade wem
      dieser Glaube fremd ist, wird den Göttern zwar faktisch dienen, ohne ihrer doch so gewiss zu
      sein, dass er ihre Existenz deutlich erkennen und ehrlich bekennen müsste. Man kann sein
      ganzes <pb ed="A" n="620"/> Leben in der Furcht vor allerhand Göttern oder auch in der
      Begeisterung für sie zubringen, ohne doch die Hand dafür ins Feuer legen zu können, ohne sich
      auch nur einigermaßen klar darüber zu sein, dass man das nicht ohne Grund tut, dass die Götter
       <hi rend="italic">wirklich</hi> sind. Ihre Wirklichkeit wird ja – gerade weil sie nur in der
      menschlichen Einbildung <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">besteht</term> –
      nur da erkannt, wo der Mensch sich selbst und also auch sich selbst in seiner ganzen
      Bildnertätigkeit als <term ref="kbga-keywords-750"><hi rend="italic">Sünder</hi></term>
      erkennt, der vor Gott schuldig und der des göttlichen Erbarmens bedürftig ist. Dann und damit
      wird er sich als Diener der Götter und wird er die Existenz der Götter im Bereich seiner
      Einbildung erkennen. Und um sich als Sünder zu erkennen, muss er das <hi rend="italic">Evangelium</hi> gehört und ergriffen haben, muss er durch Gottes Barmherzigkeit unter Gottes
      Gericht gebeugt worden sein. Er muss den wahren, lebendigen Gott erkannt haben, um das Wesen
      der Götter zu durchschauen und dann auch ihrer <term key="Götter, Wirklichkeit">Wirklichkeit</term> gewiss zu sein. Man wird aber ihre Wirklichkeit jedenfalls nicht
      leugnen, man wird das jedenfalls nicht in Abrede stellen können, dass gerade der Mensch sich
      immer wieder so verhält und benimmt, als ob Götter wären, die sich <pb xml:id="p032" ed="pga"/>
      als solche bemerkbar und geltend gemacht, die als solche zu ihm geredet, die ihn und doch auch
      seine ganze Umwelt als solche bestimmt und beeinflusst haben. Man kann ja den mit Autarkie und
      Autopistie ausgerüsteten Wesenheiten, um die es geht, auch andere Namen geben – solange man
      nämlich noch nicht einsieht, dass sie Nachahmungen <term key="Götter, Nachahmung Gottes">Gottes</term> und eben insofern Götter sind –, man kann aber nicht bestreiten, dass solche
      Wesen faktisch ihre Rolle spielen, ihre Macht ausüben, dass gerade der Mensch ihnen faktisch
      unterworfen ist.</p>
     <p>Es handelt sich um ein <hi rend="italic">Pantheon</hi> mit unendlich vielen <term key="Götter, Vielheit">Figuren</term>. In einer unübersichtlichen Fülle von Gestalten
      geschieht es ja, dass die Elemente des Daseins sich gewissermaßen verselbständigen, sich als
      in sich begründet und als Begründung aller übrigen ausgeben, sich selbst als Erstes und
      Letztes an Wert, Zuverlässigkeit und Maßgeblichkeit empfehlen und aufdrängen, ihre
      Selbstoffenbarung als die Offenbarung des wahren Gottes geltend machen wollen. Es ist
      unmöglich, dieses Pantheon auch nur annähernd zu inventarisieren, auch nur seine Gliederung
       er<pb ed="A" n="621" break="no"/>schöpfend aufzuzeigen. Wir haben es mit einem Reich zu tun,
      das sich in unaufhörlichem Wandel immer wieder erneuert und so jeder eigentlichen
      Systematisierung entzieht, zu dessen Beschreibung man nur fast aufs Geratewohl und jedenfalls
      ohne Anspruch auf Exaktheit und Vollständigkeit dieses und jenes Moment in dieser oder jener
      Reihenfolge namhaft machen kann. Genau so entspricht es ja auch dem immer wieder
      auftauchenden, immer wieder entgleitenden Wesen der Inhaber und Bewohner dieses Reiches, den
      unstetigen Verhältnissen zwischen Einheit und Auflösung, zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen
      Größe und Elend, in denen sie existieren, ihrer eigentümlichen Mittelstellung zwischen Gott
      und Gottes Geschöpfen. Eine <term ref="kbga-keywords-10">Theologie</term> und eine Kosmologie
      kann und muss übersichtlich sein. Von einer <term key="Götter, Dämonen">Dämonologie</term>
      kann man dasselbe unmöglich erwarten.</p>
     <p><hi rend="italic">Das <term key="Dasein">Dasein</term></hi>
      <hi rend="italic">als solches</hi> kann der «andere Gott» sein und scheint es weithin
      tatsächlich zu sein: das Dasein in seiner ungeteilten Ganzheit im Raum und in der Zeit, als
      Denken und Ausdehnung,<note xml:id="n21">Zur Unterscheidung von «<foreign xml:lang="lat">res cogitans</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">res
       extensa</foreign>» vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5133"><persName ref="kbga-actors-2710">R.
         Descartes</persName>, <hi rend="italic">Meditatio IV. De vero et falso</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Meditationes de prima philosophia</hi> (Œuvres de Descartes, hrsg. von Ch.
        Adam, Bd. VII), Paris 1983, S. 42–60, dort bes. S. 53</bibl>.</note> als Geist und <pb xml:id="p033" ed="pga"/> Natur, in seiner Innerlichkeit und Äußerlichkeit, als Schale und
      Kern zugleich,<note xml:id="n22">Vgl. aus <bibl corresp="kbga-bibls-5149"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von
        Goethes</persName> Gedicht «Allerdings» (1819/20; Berliner Ausgabe, Bd. 1, S. 555f.)</bibl> die
       Schlusszeilen: «Alles gibt sie reichlich und gern; / Natur hat weder Kern / Noch Schale, /
       Alles ist sie mit <hi rend="italic">einem</hi> Male. / Dich prüfe du nur allermeist / Ob du
       Kern oder Schale seist.» Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-5149">ders., «Epirrhema» (1818/19; a.a.O., S. 545)</bibl>: «Müsset im
       Naturbetrachten / Immer eins wie alles achten; / Nichts ist drinnen, nichts ist draußen; /
       Denn was innen, das ist außen. / So ergreifet ohne Säumnis / Heilig öffentlich
       Geheimnis.»</note> als identisch in seiner Menschlichkeit und Außermenschlichkeit – ein
      Einziges, das sein eigener Schöpfer und sein eigenes Geschöpf ist in einem in und durch sich
      selbst bewegten Kreislauf ohne Anfang und Ende, ohne links und rechts, ohne oben und unten –
      und jedenfalls ohne Herrn, ohne einen «Gott, der nur von außen stieße, im Kreis das All am
      Finger laufen ließe»<note xml:id="n23">Aus<bibl corresp="kbga-bibls-5149"> <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von
        Goethes</persName> Gedichtzyklus «Gott, Gemüt und Welt» (1810/12; a.a.O., S. 423–430, dort
       S. 425)</bibl>: «Was wär ein Gott, der nur von außen stieße, / Im Kreis das All am Finger laufen
       ließe!»</note>. Die Götter nirgends, gerade weil sie überall sind, gerade weil das Ganze als
      solches göttlich <term key="Götter, das Ganze als Gott">ist</term>. So hat <persName ref="kbga-actors-136"><hi rend="italic">Goethe</hi></persName>, so hat vor ihm <persName ref="kbga-actors-2508"><hi rend="italic">Spinoza</hi></persName><note xml:id="n24">Hier denkt
        <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wohl an <persName ref="kbga-actors-2508">Spinozas</persName> «<foreign xml:lang="lat">Deus sive Natura</foreign>». Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5150"><persName ref="kbga-actors-2508"> B. de
        Spinoza</persName>, <hi rend="italic">Ethik, in geometrischer Ordnung dargestellt</hi>,
       lat.-dt. Ausgabe, neu übersetzt, hrsg. und mit einer Einleitung versehen von W. Bartuschat
       (PhB 92), Hamburg 1999, S. 374.388</bibl>.</note> es gesehen: die eine, ungespaltene, nur in sich
      sich ewig trennende, aber auch ewig sich wiederfindende Geschöpfwelt ist selber und als solche
      der Gott. Geschöpf? Schöpfer? Welt? Gott? Die Worte sind alle ohnmächtig und werden alle
      überflüssig: «Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut»<note xml:id="n25"><bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, V, 3457f. (Marthens Garten)</bibl>.</note>. Im Sein beglückt
      sich zu erhalten<note xml:id="n26">Vgl. aus der ersten Strophe von <bibl corresp="kbga-bibls-2139"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethes</persName> Gedicht «Vermächtnis» (1829; Berliner Ausgabe, Bd. 1, S. 541f.)</bibl>: «Am Sein erhalte dich
       beglückt!»</note> ist Alles. Kein Zweifel: der Begriff des höchster Autarkie, höchster
      Autopistie sich erfreuenden Wesens wird gerade durch das so gesehene <term key="Dasein">Dasein</term> als solches in einer Weise erfüllt wie in kaum einer anderen seiner Gestalten.
      Und eben so kann es nicht nur gesehen werden; eben so <pb ed="A" n="622"/> wurde es nicht nur
      gesehen. Eben diesem Sehen entspricht vielmehr irgendwo und irgendwie ein bestimmtes Sein des
       <term key="Götter, das Ganze als Gott">Daseins</term>. So redet es, so wirkt es tatsächlich.
      Dahin hat es sich – nur in der Einbildung des Menschen, aber in diesem realen Bereich
      tatsächlich – verirrt, von daher, mit dem <pb xml:id="p034" ed="pga"/> so geformten Gesicht und
      in der von daher geformten Sprache offenbart es sich und handelt es auch. Man kann Gründe
      haben, ihm den Namen «Gott» jetzt zuzusprechen und jetzt zu verweigern, weil es ebenso gut
      «Welt» genannt oder auch überhaupt nicht benannt werden kann. Man kann doch in der Sache nicht
      verkennen, dass ihm auch der Name Gottes gebührt, dass es genau so ist, redet und wirkt, als
      ob es Gott wäre. Man kann nicht verkennen, dass ein Gott neben und über ihm keinen Raum hat.
      Man kann nicht leugnen, dass es in der Würde, mit dem Anspruch, mit den Erfolgen der «anderen
      Götter», die hier schlechterdings ein Einziges sind, auf dem Plane ist. Man kann fragen, ob
      wir es nicht hier mit der fruchtbaren Mutter aller Götter, mit der Urgestalt aller anderen
      Gestalten des «anderen Gottes» zu tun haben, ob nicht alle seine anderen Gestalten nur aus
      dieser hervorgehen können und, nachdem sie aus ihr hervorgegangen, notwendig zu dieser
      zurückkehren, in dieser auf- und untergehen müssen, um dann vielleicht aufs Neue aus ihr
      hervorzugehen.</p>
     <p> So kann man wohl fragen; man soll aber nicht zu rasch entsprechend entscheiden und
      urteilen. Der «andere Gott» hat doch ebenso echt und ebenso ursprünglich wie diese eine, so
      auch andere, so auch mehrere, so auch viele und zuletzt fast unendlich viele <term key="Götter, Vielheit">Gestalten</term>. Eben in dem einen Dasein sind nun einmal, wie auch
      die entschlossensten Monisten und Pantheisten selbst es wohl gesehen haben, neben dem
      Zusammenhang und der Einheit auch die Unterscheidungen und Trennungen. Und was hindert, was
      gebietet nicht vielmehr, auch diese – und diese so ernstlich wie jene – ins Auge zu fassen?
      Und auch was hier zu <hi rend="italic">sehen</hi> ist, <hi rend="italic">ist</hi>. Es melden
      sich – ob zuerst oder später, ob mit größerer oder geringerer Dringlichkeit, wer will da
      entscheiden? – auch die <hi rend="italic">Teilgötter</hi> der <hi rend="italic">geteilten</hi>
      Geschöpfwelt. Da sind ja die schon erwähnten Urgegensätze: Natur und <term key="Natur und Geist">Geist</term>, Inneres und Äußeres, empirische und intelligible
      Wirklichkeit. Man kann sie in ihrer Gemein<pb ed="A" n="623" break="no"/>schaft sehen, im
      Frieden und Gleichgewicht sich gegenseitig haltend und ergänzend, ein unzertrennliches
      Götterpaar, das als solches, in seinem harmonischen Zusammenspiel das in sich begründete und
      durch sich begründende Wesen wäre. Nur wäre? Nein, eben das, eben so <hi rend="italic">sind</hi> wohl auch die <term key="Götter, Zweiheit">Götter</term>! Wer wollte behaupten,
      dass sie nur jenes Eine und Ganze – wer könnte verkennen, dass sie auch dieses <hi rend="italic">Paar</hi> sind: <hi rend="italic">Natur</hi>, die nicht Geist und doch nicht
      ohne den Geist – <pb xml:id="p035" ed="pga"/>
      <hi rend="italic">Geist</hi>, der nicht Natur und doch nicht ohne sie <term key="Natur und Geist">ist</term>? Offenbaren sich, reden und wirken, regieren und bestimmen
      nicht auch diese beiden in ihrer geeinten Zweiheit? Ist die uns beherrschende, die unser
      Vertrauen erwerbende und genießende, die von uns geliebte und gefürchtete Macht über allem –
      im Bereich unserer <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">Einbildung</term>,
      aber gerade so sehr wirklich – nicht auch diese harmonische Doppelmacht? Wie sollte nicht auch
       <hi rend="italic">die</hi>
      <term key="Mythologie">Mythologie</term> recht haben, die alle Dinge statt in einer
      jungfräulichen Urmutter in einem Urelternpaar ihren Anfang nehmen lässt, wobei es weiterer
      Überlegungen würdig werden kann, ob man im Geist das männliche, in der Natur das weibliche
      Prinzip wiederzuerkennen hat oder umgekehrt. <hi rend="italic">Alle</hi> Götter lassen sich
      jedenfalls auch von diesen <hi rend="italic">zwei</hi> Göttern her verstehen und scheinen
      tatsächlich auch von ihnen abzustammen. Auch das Eine, in welchem wir den «anderen Gott»
      vorhin erkennen mussten, lässt sich als diese <term key="Götter, Zweiheit">Zweiheit</term>,
      seine Einheit insofern als ein Abgeleitetes, es lässt sich die Zwei unstreitig auch als das
      Ursprüngliche dem Einen gegenüber vorstellig machen, und es ist nicht abzusehen, wieso es das
      nicht auch in Wirklichkeit sein sollte.</p>
     <p>Aber es wird gut sein, auch hier nicht abschließend urteilen zu wollen. Wir könnten sonst
      die Existenz weiterer, ebenso wirklicher Götter übersehen. Der Friede und das Gleichgewicht
      zwischen der göttlichen Natur und dem göttlichen Geist scheint ja nicht unveränderlich, nicht
      unaufhebbar, es scheint von da aus auch der Kreislauf des einen göttlichen Daseins nicht zu
      einem selbstverständlichen Verlauf in einer einzigen Richtung verbunden zu sein. Es melden
      sich hier die Natur, dort der Geist mit dem Anspruch, je <hi rend="italic">für sich</hi> die
      wahre Gottheit zu sein. Wird es der Beschwörung <persName ref="kbga-actors-167"><hi rend="italic">Hegels</hi></persName> gelingen, ihnen bzw. ihren menschlichen Verehrern
      deutlich zu machen, dass <pb ed="A" n="624"/> sie wohl beide der wahren Gottheit teilhaftig
      sind: an sich der Geist, für sich die <term key="Natur und Geist">Natur</term>, [sie] aber nur
      in ihrer Aufhebung in jenem höheren Dritten, nur in ihrer Rückkehr zum An- und Fürsich, von
      dem sie beide ausgegangen sind, wirklich haben können?<note xml:id="n27">Zur synthetischen
       Einheit von Geist und Natur vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5181"><persName ref="kbga-actors-167">G. W. Fr.
        Hegel</persName>, <hi rend="italic">Phänomenologie des Geistes</hi> (ders., Werke, auf der
       Grundlage der Werke von 1832–1845 neu edierte Ausgabe, Redaktion E. Moldenhauer / K. M.
       Michel, Bd. 3 [stw 603]), Frankfurt/M. 1991<hi rend="sup">3</hi>, S. 324–494.558f.</bibl>; auch
       <bibl corresp="kbga-bibls-5182">ders., <hi rend="italic">Wissenschaft der Logik I</hi>, Erster Teil: <hi rend="italic">Die
        objektive Logik</hi>, Erstes Buch: <hi rend="italic">Die Lehre vom Sein</hi> (Werke, Bd. 5
       [stw 605]), Frankfurt/M. 1986, S. 127</bibl>.</note> Die Hegelsche Be<pb xml:id="p036" ed="pga" break="no"/>schwörung ist offenbar weder gegenstandslos noch ohnmächtig. Die Götter
      existieren offenbar auch in <hi rend="italic">diesem</hi> Verhältnis. Sie verhalten sich
      tatsächlich auch <term key="Götter, dialektische Entzweiung"><hi rend="italic">dialektisch</hi></term>. Sie vollziehen tatsächlich auch die von Hegel postulierte und
      beschriebene Bewegung. Sie sind auch in ihr offenbar, mächtig, wirksam und beredt. Sie
      existieren auch in diesem nicht selbstverständlichen, sondern bedrohten, aber auch
      wiederhergestellten Frieden: in dieser ernstlichen Entzweiung, die doch von ebenso ernstlicher
      Einheit herkommt, um ihr aufs Neue entgegenzugehen. Dem fehlte nur ein Teil der hier möglichen
      Übersicht, der nicht zugeben wollte, dass die Götter <hi rend="italic">auch so</hi> richtig
      gesehen, dass sie <hi rend="italic">auch so</hi> wirklich sind.</p>
     <p>Wir haben aber doch auch damit erst begonnen, ihre Fülle zu sehen. Sie können sich nämlich
      der Hegelschen Beschwörung und Dialektik auch <hi rend="italic">entziehen</hi>. Das 19.
      Jahrhundert hat sich geweigert, die Lehre von der inneren Bewegung des absoluten Geistes als
      letztes Wort entgegenzunehmen, und darin hat es sicher wohlgetan. Es entspricht dem Wesen des
      Götterreichs, dass es da immer wieder andere letzte Worte geben muss. Es meldet sich von der
      einen Seite die <term key="Natur / Natürliches"><hi rend="italic">Natur</hi></term>: das
      ausgedehnte, empirisch gegebene <term key="Dasein">Dasein</term>, mit dem Anspruch, nicht nach
      und neben und unter, sondern vor und über dem Geist und letztlich ganz allein, als Ursprung
      auch des <term key="Natur und Geist">Geistes</term> der «andere Gott», das in sich begründete
      und durch sich begründende Wesen zu sein. Und die Natur hat auch recht. Sie ist auch göttlich.
      Sie führt auch das Wort und sie ist auch wirksam, als ob gerade sie und nur sie <hi rend="italic">der</hi> Gott, der eine Haupt- und Großgott wäre. Irgendwo und irgendwie ist es
      – im Bereich unserer Einbildung nämlich – auch so, dass alles natürlich, alles äußerlich,
      alles Existierende als solches auch ausgedehnt und also empirisch gegenständlich, dass auch
      das Denken, der Geist und seine Bewegungen nur eine Modifikation des Natürlichen ist, ohne das
      Natürliche nicht wirklich sein <term key="Natur und Geist">kann</term>. |</p>
     <p>Aber was heißt Natur als dieses gött<pb ed="A" n="625" break="no"/>lich sich offenbarende,
      herrschende und wirkende Prinzip? Sobald man so fragt, sobald man hier zu antworten und also
      die Natur zu sehen, zu erforschen, zu verstehen versucht, eröffnet sich der Ausblick – noch
      lange nicht auf den ganzen, wohl aber auf einen in sich sehr beträchtlichen und sehr
      vielfältig bevölkerten Götterhimmel. Die göttliche Natur ist wohl auch ein in sich
      geschlossenes <hi rend="italic">Ganzes</hi>. Dichter und Künstler, aber <pb xml:id="p037" ed="pga"/> auch andere Sterbliche mögen sie je und je als solches sehen oder doch empfinden
      und täuschen sich sicher nicht, wenn sie davon singen und sagen, dass wir es in der Natur von
      den Elementen unseres Blutes und unserer Nervenzellen bis zum fernsten Sternnebel mit einem
      und demselben schlechthin überlegenen Sein und Wirken, mit der Offenbarung und dem Handeln
      einer und derselben Substanz zu tun haben, im Verhältnis zu der alle geistige Existenz lauter
      Ohnmacht, auf die sie jedenfalls schlechterdings bezogen ist. Auch die <term key="Wissenschaft, Naturwissenschaft">Naturwissenschaft</term> mag gelegentlich von dieser
      Einheit der Natur zu künden versuchen. Gerade als Wissenschaft wird sie das doch in der Regel
      unterlassen. Gerade das konkrete Anschauen und Bedenken der Natur führt dazu, diese zu <hi rend="italic">teilen</hi>, zu disponieren, zu ordnen, wird also notwendig darin gipfeln, dass
      ihr bestimmte Namen gegeben werden. Und die Vielheit der Namen, die da schon gefunden wurden
      und sicher noch zu finden sind, die verschiedenen Zusammenhänge und Einheiten, in der die
      Natur zu sehen ist und sicher auch existiert, zeigen deutlich, da ist <hi rend="italic">ein</hi> Gott, da sind aber auch <hi rend="italic">viele</hi>
      <term key="Götter, Vielheit">Götter</term>. Es war nicht so töricht, wie es heute aussehen
      mag, wenn am Anfang der abendländischen <term key="Wissenschaft, abendländische">Wissenschaft</term> ein ungeheurer <hi rend="italic">Ernährungs</hi>prozess oder aber ein
      ungeheurer <hi rend="italic">Verbrennungs</hi>prozess als das Wesen alles Geschehens und also
      das Wasser oder aber das Feuer als das göttliche Wesen aller Dinge bezeichnet wurde.<note xml:id="n28">Nach <persName ref="kbga-actors-10326">Thales von Milet</persName> (etwa 625–545
       v. Chr.) ist das Wasser der Ursprung oder das Grundprinzip (<foreign xml:lang="el-GR">ἀρχή</foreign>) der mannigfaltigen Dinge; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5125"><persName ref="kbga-actors-2014">H.
        Diels</persName>, <hi rend="italic">Die Fragmente der Vorsokratiker. Griechisch und
        Deutsch</hi>, hrsg. von <persName ref="kbga-actors-2062">W. Kranz</persName>, Bd. 1, Berlin
        1951<hi rend="sup">6</hi>, S. 76f. (11 A 12).</bibl> – Nach <persName ref="kbga-actors-2037">Heraklit von Ephesus</persName> (etwa 544–483 v.Chr.) gilt das Feuer als Ursprung; vgl.
       <bibl corresp="kbga-bibls-5125">a.a.O., S. 165 (22 B 64)</bibl>, s. auch <bibl corresp="kbga-bibls-5125">a.a.O., S. 171 (22 B 90).</bibl></note> Warum nicht? Wenn es ein
      göttliches Sein der Geschöpfwelt gibt – und eben göttlich scheint sie sich ja tatsächlich zu
      offenbaren und auszuwirken –, warum dann dieses Element nicht ebensowohl wie jenes? An was
      fehlt es uns als an dem Vermögen, dieses ebenso absolut zu sehen wie jenes, die sich
      widerstreitenden Götter, statt zwischen ihnen voreilig Partei zu ergreifen, in gleicher Weise
      als solche zu anerkennen? Auch das Licht offenbart und betätigt sich mit göttlichem Anspruch.
      Auch die Erde <pb ed="A" n="626"/> hat und entfaltet göttliche Gestalten und Kräfte, auch die
      Pflanzen- und Tierwelt, auch die Sonne und der Mond und die noch ferneren siderischen Wel<pb xml:id="p038" ed="pga" break="no"/>ten tun es zweifellos: gewiss nur in der menschlichen
       <term key="Einbildung, menschliche">Einbildung</term>, aber die Geschöpfwelt und wir selbst
      sind nun einmal der Bereich unserer Einbildung, und gerade da tun sie es wirklich und
      gewaltig, und man stelle sich nur ja nicht, als ob es sich bei den von den sogenannten
      «primitiven» <term key="Religionen, «primitive»">Religionen</term>, aber auch von allerhand
      gröberem und feinerem <term key="Animismus">Animismus</term> bis auf diesen Tag gemachten
      Aufstellungen um überwundene und also irrelevante Stufen der menschlichen Entwicklung
      handle. |</p>
     <p> Es gibt Bewusstseinsschichten, in welchen die Göttlichkeit der Elemente und ihrer
      Zusammensetzungen auch dem modernsten Menschen noch immer aktuell ist und auch immer aktuell
      bleiben wird. Wir sind wahrscheinlich nur ziemlich verarmt im Verhältnis zu den «Primitiven»,
      indem wir so vieles, was uns in diesem Zusammenhang tatsächlich höchst präsent ist, vergessen,
      d. h. verdrängt oder künstlich rationalisiert haben. Es braucht oft erstaunlich wenig, um es
      unversehrt in alter Kraft wieder an den Tag zu bringen. Und es ist ­keineswegs gewiss, dass
      nicht auch die allgemeine menschliche Entwicklung durch alle heute herrschenden Verdrängungen
      und Rationalisierungen hindurch noch einmal eine rückläufige Richtung nehmen könnte, wie sie
      es im Einzelnen sicher beständig tut. Man wird aber auch die schon im Altertum und dann
      vorläufig ohne Aufhalten herrschend gewordenen Verdrängungen und Rationalisierungen selbst und
      als solche nicht wohl anders denn als lauter Versuche neuer Anerkennungen der natürlichen
       <term key="Götter, Vielheit">Götter</term> verstehen können. An die Stelle der <hi rend="italic">Elemente</hi> sind deren allgemeine <hi rend="italic">Zusammenhänge</hi>
      getreten: der Raum und die Zeit, die Materie und die Kausalität, die Kraft und die Bewegung,
      das Leben und der Organismus, das Atom und die Zelle, die Erhaltung und die Entwicklung: ein
      ganzes Netz von Begrifflichkeit, in bald allen möglichen Kombinationen, so oder so, d. h. mit
      diesem oder jenem Mittelpunkt konstruiert, aber immer in der Meinung und Absicht, jetzt unter
      diesem, jetzt unter jenem Gesichtspunkt die wahre und damit die göttliche Natur und damit das
      in sich begründete <pb ed="A" n="627"/> und durch sich begründende Wesen in Sicht zu bekommen.
      Diese Meinung und Absicht war und ist wirklich nicht gegenstandslos. Die <term key="Natur / Natürliches">Natur</term> selbst ruft danach, als dieses Wesen gesehen und
      verstanden zu werden. |</p>

     <p><pb xml:id="p039" ed="pga" rend="noPipe"/> Es hat also schon seinen Grund, dass die
      naturwissenschaftliche <term key="Wissenschaft, Naturwissenschaft">Szene</term> auch beim
      besten Bemühen immer neuer Generationen von Forschern und Denkern immer wieder wechseln muss,
      dass wir z. B. in den letzten 80 Jahren von der Materie zur Kraft, von da scheinbar zurück zu
      den Atomen und von da nun vielleicht wieder vorwärts zu deren «Zertrümmerung» und neuen
      Integrationen geführt worden sind,<note xml:id="n29">Vgl. unten, <ref type="pub" target="../volume/50/p617#p617">S. 617f.</ref>, die ersten Zeilen des – gut zehn Jahre
       später verfassten – Fragments «Atomwaffen».[«Atomwaffen»]</note> ohne dass doch die
      Kontinuität der Forschung und des Denkens auch nur ein einziges Mal abbrach, ohne dass die
      Einen durch das, was die Anderen nach und neben ihnen sahen, einfach ins Unrecht zu setzen
      waren. Was kann auf diesem Feld – auch in Form der radikalsten «Grundlagenkrisis»<note xml:id="n30">Wohl eine Anspielung auf den mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> befreundeten Philosophen und Mathematiker <persName ref="kbga-actors-374">Heinrich Scholz</persName>, der diesen Begriff prononciert benutzte; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5175"><persName ref="kbga-actors-374">H. Scholz</persName>, <hi rend="italic">Was will die formalisierte Grundlagenforschung?</hi>, in: Deutsche Mathematik,
       Jg. 7 (1942–1944), S. 206–248, Zitat S. 242</bibl>: «<hi rend="italic">Die Grundlagenkrisis der
        klassischen Logik ist zugleich eine Grundlagenkrisis des auf dem Evidenzgefühl fußenden
        intuitionistischen Wahrheitsbegriffes.</hi>» Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-5176">ders., <hi rend="italic">Die
        Grundlagenkrisis der griechischen Mathematik</hi>, Berlin 1928</bibl>.</note> – geschehen, als dass
      das Pantheon sich als immer noch reicher erweist, als man zuvor gedacht hat? <anchor type="note" xml:id="fn-31"/>Wozu kann es weiter kommen als<note xml:id="n31">Im Tskr. wie das
       den vorherigen Satz abschließende Fragezeichen von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gestrichen, der damit aus den beiden Sätzen einen machen wollte, es aber
       versäumte, den Fortgang des zweiten Satzes dieser Änderung anzupassen.</note> zur Entdeckung
      immer noch weiterer Unendlichkeiten im Großen und im Kleinen und so zu immer neuen
      Namengebungen für das in sich begründete und durch sich begründende Wesen der natürlichen
      Geschöpfwelt: Namengebungen, denen wohl auch in Zukunft mehr oder weniger immer irgend ein
      reales Sein und Sichverhalten der natürlichen Geschöpfwelt entsprechen wird. Sie <hi rend="italic">ist</hi> eben – immer im Bereich unserer Einbildung – voller <term key="Götter, Vielheit">Götter</term>: ob man sie nun im Einzelnen oder im Ganzen, in den
      Elementen oder in deren Zusammenhängen zu erkennen habe. Alle kritische und auch wohl
      skeptische Haltung und Zurückhaltung des einzelnen Forschers kann nichts daran ändern: die
       <term key="Wissenschaft, Naturwissenschaft">Natur<hi rend="italic">wissenschaft</hi></term>
      ist in ihren Voraussetzungen und in ihren jeweils letzten Worten, sie ist von ihrem Gegenstand
      her – denn anders als in der menschlichen <term key="Einbildung, menschliche">Einbildung</term> kann auch sie ihren Gegenstand nicht haben – immer auch <pb xml:id="p040" ed="pga"/>
      <term key="Wissenschaft, Naturwissenschaft als Naturtheologie">Natur<hi rend="italic">theologie</hi></term><hi rend="italic"/>, immer auch Anerkennung irgend einer Gestalt jenes
      autarken und autopisten Wesens, Anerkennung dessen, was dem <term key="Hellenismus">Hellenismus</term> die <foreign xml:lang="el-GR">στοιχεῖα τοῦ κόσμου</foreign><note xml:id="n32">Zu <foreign xml:lang="el-GR">στοιχεῖα τοῦ κόσμου</foreign> vgl. z. B. den Exkurs
        <foreign xml:lang="el-GR">στοιχεῖον</foreign> zu <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.2.8">Kol. 2,8</ref> bei <bibl corresp="kbga-bibls-116"><persName ref="kbga-actors-91">M. Dibelius</persName>, <hi rend="italic">An die Kolosser, Epheser, an
         Philemon</hi> (HNT 12), Tübingen 1927<hi rend="sup">2</hi>, S. 19–21</bibl>.</note> waren,
      die mit ihrem Begriff ihre Existenz keineswegs eingebüßt haben. Sie ist darum nicht weniger
      Naturtheologie, weil sie ihre jeweils letzten Worte so exakt und so nüchtern auszusprechen
      weiß. <pb ed="A" n="628"/> Und sie ist als Naturtheologie darum nicht weniger objektiv
      begründet, weil sie sich scheut, das offen auszusprechen, womit sie doch offen rechnet, weil
      sie sich ihres theologischen Charakters schämt und also ihre Anerkennung der in ihrem Bereich
      wandelbar, aber nur umso konstanter existierenden Götter möglichst unsichtbar macht. Es gibt
      einen Punkt, wo sie sich mit der <hi rend="italic">ästhetischen</hi> Betrachtung, die darin
      viel ehrlicher, und mit der <hi rend="italic">mythischen</hi> Betrachtung, die darin viel
      konsequenter ist, notwendig berühren, wenn nicht vereinigen muss. In der natürlichen
      Objektwelt als solcher trifft sie ja mit der <term key="Dichtung">Dichtung</term> und mit dem
       <term key="Mythus">Mythus</term> zusammen. Und eben in der natürlichen Objektwelt hat nicht
      nur der eine, sondern haben viele andere <term key="Götter, Vielheit">Götter</term> ihre sehr
      offenbare und bemerkliche <term key="Götter, Wirklichkeit">Wirklichkeit</term>.</p>
     <p> Aber wir sind noch lange nicht am Ende. Der Versuch, die Wirklichkeit der Götter auf die
      einer göttlichen Natur zu reduzieren, ist zwar so naheliegend und auch objektiv so berechtigt,
      er ist aber selbstverständlich ebensowenig durchführbar wie der spinozistische Monismus oder
      wie der Hegelsche Ordnungsruf. Noch ganz anders als die Außenwelt hat sich ja von jeher die
      Innenwelt, noch ganz anders als die Natur hat sich ja von jeher der <term ref="kbga-keywords-841"><hi rend="italic">Geist</hi></term>, die <hi rend="italic">intelligible</hi> Geschöpfwelt als die Gestalt und der Inbegriff der wahren und eigentlichen
      Gottheit angemeldet und verkündigt. Dass Alles in unserer Einbildung ist, dass, was da ist,
      von unserem Bilden und also von unserem denkenden Geist umfasst und getragen ist und nur in
      diesem Akt und Raum unseres Bildens Existenz hat, das ist ja die andere, aller noch so
      selbstverständlichen Empirie von jeher zur Seite gehende und an Gewissheitsüberzeugung hinter
      keinem <term key="Empirismus">Empirismus</term> zurückbleibende Beobachtung und Feststellung.
      Was kann man ihr eigentlich entge<pb xml:id="p041" ed="pga" break="no"/>genhalten? Wie kann
      man sich dem Primat des Geistes widersetzen, wie kann man die von <persName ref="kbga-actors-322"><hi rend="italic">Plato</hi></persName> bis zu <persName ref="kbga-actors-216"><hi rend="italic">Kant</hi></persName> und <persName ref="kbga-actors-551"><hi rend="italic">Fichte</hi></persName> und ihren neueren Nachfolgern
      vertretene Behauptung der Alles begründenden Funktion der <term ref="kbga-keywords-1370">Idee</term> und der sie konzipierenden <term ref="kbga-keywords-819">Vernunft</term>
      widerlegen? Kann man sie auch nur einen Augenblick an eine zweite, untere Stelle schieben? Ist
      sie nicht ebenso wahr wie die empiristische Behaup<pb ed="A" n="629" break="no"/>tung von der
      Bedingtheit der inneren durch die äußere Welt? Kann man die empiristische Behauptung selbst
      und als solche vollziehen, ohne eben damit von der Wahrheit des <term ref="kbga-keywords-1379">«Idealismus»</term> Gebrauch zu machen, ihr implizit recht zu geben? Aber nun ist ja der
      Idealismus ebenso fern davon, eine Einheit zu sein, wie das vom <term key="Naturalismus">Naturalismus</term>, <term key="Positivismus">Positivismus</term>, <term key="Empirismus">Empirismus</term>, <term key="Sensualismus">Sensualismus</term> zu sagen ist. Nun ist ja
      auch die intelligible Welt ein ganzes Reich oder vielmehr ein ganzer Komplex von
      zusammenhängenden oder auch gegeneinanderstehenden, unter sich konkurrierenden Reichen. Nun
      ist es also gar nicht so einfach, sich zu entscheiden, was denn nun als das eigentliche Sein
      zu gelten hat, wenn wir uns wirklich entschließen sollten, das Sein im Bewusstsein zu
      ­suchen.</p>
     <p> Die auf Grund der <term key="Mathematik">Mathematik</term> und vielleicht in mathematischer
      Methode und Strenge sich über sich selbst verständigende, ihre Axiome, Begriffe, Urteilsformen
      und Gesetze klärende und demgemäß als Licht in der Finsternis sich betätigende theoretische
       <term ref="kbga-keywords-819"><hi rend="italic">Vernunft</hi></term> kann das Erste und
      Eigentliche sein.<note xml:id="n33"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> könnte
       auch hier an <persName ref="kbga-actors-374">Heinrich Scholz</persName> gedacht haben. Siehe
       z. B. dessen Aufsatz: <bibl corresp="kbga-bibls-5134"><hi rend="italic">Was ist Philosophie?
         Der erste und letzte Schritt auf dem Wege zu ihrer Selbstbestimmung</hi> (1940), in: ders.,
         <hi rend="italic">Mathesis universalis. Abhandlungen zur Philosophie als strenger
         Wissenschaft</hi>, hrsg. von H. Hermes u. a., Basel / Stuttgart 1961, S. 341–387</bibl>.
       Vgl. auch oben, <ref type="pub" target="#fn_n30">Anm. 30</ref>.</note> In ihrer Weise ist sie das wirklich. Oder was müsste nicht
      auch für den entschlossensten <term key="Naturalismus">Naturalisten</term> und gerade für ihn
      algebraisch und geometrisch, welche Gegenstandserkenntnis müsste nicht mindestens
      quasi-mathematisch sein, um begründet und also glaubwürdig und haltbar zu sein? Wer
      postulierte nicht vor und bei allen seinen sachlichen Beobachtungen und Feststellungen irgend
      eine Art zuverlässiger Gültigkeit, in der sich ein Denkgesetz von einer bloßen Denkgewohnheit
      oder gar von einer bloßen Denkwillkür unterscheidet? Wer triebe irgend eine <term ref="kbga-keywords-911">Wissenschaft</term>, ohne dass er einer göttlichen «Theoria» als
      solcher das Ver<pb xml:id="p042" ed="pga" break="no"/>trauen, das sie offenbar fordert und
      auch fordern kann, schenken würde?</p>
     <p> Aber kann und wird man dabei stehen bleiben? Lohnt es sich, von der theoretischen <term key="Vernunft, theoretische">Vernunft</term> nur Gebrauch zu machen, statt daraus, dass wir
      das notwendig tun, den Schluss auf eine ihr selbst jenseitige, sie begründende und insofern
      übervernünftig-vernünftige <hi rend="italic">Realität</hi> zu wagen? Ist dieses Wagnis, der
      Weg von <persName ref="kbga-actors-216"><hi rend="italic">Kant</hi></persName> zurück zu
       <persName ref="kbga-actors-322"><hi rend="italic">Plato</hi></persName> oder vorwärts zu
       <persName ref="kbga-actors-551"><hi rend="italic">Fichte</hi></persName> und <persName ref="kbga-actors-356"><hi rend="italic">Schelling</hi></persName>, vermeidlich? Ist die
      Kritik der reinen Vernunft: <persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName> Versuch, die theoretische <term key="Vernunft, theoretische">Vernunft</term> auf ihre Grenzen und also auf sich selbst und <pb ed="A" n="630"/> also auf
      ihre Betätigung als mathematisch begründete und geformte Wissenschaft zu beschränken, nun
      nicht doch ein künstliches und undurchführbares Unternehmen? Hat nicht auch <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> selbst dem «Ding an sich», den <term ref="kbga-keywords-1370">Ideen</term>, indem er ihre regulative Bedeutung für die <term ref="kbga-keywords-911">Wissenschaft</term> nicht leugnen konnte, sondern behaupten musste,
      realen Gehalt zuzusprechen nicht unterlassen können? Kann man auch nur mit etwas <hi rend="italic">rechnen</hi>, dem man nicht ernstlich zutraut, dass es in seiner Weise <hi rend="italic">da sei</hi>? Könnte die <term ref="kbga-keywords-911">Wissenschaft</term> sich
      selbst ernst nehmen, wenn sie ihr unentbehrliches Instrument – und das ist eben die more
       geometrico<note xml:id="n34">Formulierung in Anlehnung an <bibl corresp="kbga-bibls-4719"><persName ref="kbga-actors-2508">B. de Spinoza</persName>, <hi rend="italic">Ethica ordine
          geometrico demonstrata</hi> (erschienen posthum 1677</bibl>; s. oben, <ref type="pub" target="#fn_n24">Anm. 24</ref>).</note>
      ordnende und verknüpfende <term ref="kbga-keywords-819">Vernunft</term> – nicht als Spiegel
      einer in sich seienden Wahrheit verstehen, wenn sie also mit einer in sich seienden
      übervernünftig-vernünftigen Wahrheit nicht ernstlich rechnen würde? Kann der <term key="Transzendentalismus"><hi rend="italic">Transzendentalismus</hi></term> jemals etwas
      Anderes sein als eine Durchgangsstufe zwischen einer und einer anderen <term ref="kbga-keywords-113"><hi rend="italic">Metaphysik</hi></term>, zwischen <persName ref="kbga-actors-1114">Leibniz</persName> und <persName ref="kbga-actors-167">Hegel</persName>? Aber nehmen wir an, dass er sich dessen weigern, dass er sich selbst als
      reiner Kritizismus behaupten wollte und könnte: müsste und würde dann nicht auch er – je
      strenger er sich behauptete, umso deutlicher – mit einem nun eben seiner <hi rend="italic">Zurückhaltung</hi> entsprechenden höchsten objektiven Sachverhalt rechnen: mit einer unserer
      theoretischen <term key="Vernunft, theoretische">Vernunft</term> zwar von ferne verwandten,
      sie von ferne dirigierenden, sie aber zugleich von sich fernhaltenden und auf ihren
      beschränkten Gebrauch verweisenden, einer nun gerade so realen Ideenwelt? Man wird ja nicht
      leugnen können: die göttliche, die in sich selbst begründete und so alles begründende <term ref="kbga-keywords-1370">Idee</term>
      <hi rend="italic">existiert</hi> tat<pb xml:id="p043" ed="pga" break="no"/>sächlich – eben der
      reine kritische <term key="Transzendentalismus">Transzendentalismus</term> und seine gewiss
      nicht unbeachtlichen Argumente bezeugen es – auch in <hi rend="italic">dieser</hi> Gestalt,
      nicht ohne Zusammenhang mit den Gestalten, in denen <persName ref="kbga-actors-322">Plato</persName>, <persName ref="kbga-actors-551">Fichte</persName> und <persName ref="kbga-actors-356">Schelling</persName> sie gesehen haben, aber doch auch nicht identisch
      mit diesen, mit diesen doch unmöglich ganz auf einen Nenner zu bringen.</p>
     <p> Aber nun hat ja <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> selbst neben dem, was er in
      dem bedeutsamen Schlussteil seiner «Kritik der reinen Vernunft»<note xml:id="n35">Gemeint ist
       der «Anhang zur transzendentalen Dialektik» in <bibl corresp="kbga-bibls-3525"><persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Kritik der reinen
        Vernunft</hi>, Akademie-Ausgabe, Bd. 3, Berlin 1904/11, S. 426–461</bibl>.</note>
      vorgetragen hat, noch einen ganz anderen Weg zu einer ganz anderen Gestalt der Gottheit
      eingeschlagen und gezeigt, indem er die in ihrem theoretischen Gebrauch <pb ed="A" n="631"/> in
      ihre Schranken verwiesene Vernunft an ihren praktischen Charakter, an ihr Vermögen, das <hi rend="italic">sittliche <term key="Sittengesetz">Gesetz</term></hi> zu erkennen und zu
      anerkennen, erinnert und ihr mit dieser Erinnerung die wahre Freiheit zur Beziehung seiner
      objektiven vernünftigen Realität zugesprochen hat.<note xml:id="n36">Zu dem Begriff
       «Sittengesetz» vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-645"><persName ref="kbga-actors-216"> I.
         Kant</persName>, <hi rend="italic">Kritik der praktischen Vernunft</hi>, Akademie-Ausgabe,
        Bd. 5, Berlin 1908/13, S. 1–163, dort bes. S. 30–33</bibl>.</note> In der Tat: das Wesen der
      geschöpflichen <term ref="kbga-keywords-819">Vernunft</term> erschöpft sich ja nicht in ihrem
      theoretischen Apperzeptionsvermögen. Ihr a priori ist ja nicht nur ihre <term key="Mathematik">mathematisch</term> oder quasi-mathematisch strukturierte Kraft, von Anschauungen zu
      Vorstellungen, von Vorstellungen zu Begriffen, von Begriffen zu Gesetzen, von den Gesetzen zur
      Erkenntnis der Gegenstandswelt fortzuschreiten. Sie ist ja zugleich und mit gleicher, ja
      überlegener und umfassender Notwendigkeit das Prinzip unseres Wollens und Handelns, und sie
      kann und muss sich auch als solche mit und über sich selbst verständigen. Sie kann das gültige
       <term key="Sittengesetz">Sittengesetz</term> entdecken, sie kann es von den nur scheinbaren
      Ansprüchen ähnlicher Art unterscheiden, sie kann es in Kraft setzen, weil und indem sie es
      ursprünglich in sich trägt, weil und indem sie in sich, und zwar zuerst und eigentlich, primär
      praktische <term key="Vernunft, praktische">Vernunft</term> ist: Gesetzgeber und Richter
      unseres Strebens, Verkündiger des kategorischen <term key="Kategorischer Imperativ">Imperativs</term>. Und hier eben berührt sie das Reich der <term ref="kbga-keywords-658"><hi rend="italic">Freiheit</hi></term>, vielmehr: entdeckt und betätigt sie sich selbst als im
      Reich der Freiheit befindlich, dessen Betreten ihr in ihrem Charakter als theoretische <term key="Vernunft, theoretische">Vernunft</term> versagt ist, das sie als theoretische Vernunft
      nur <pb xml:id="p044" ed="pga"/> immer anstreben kann, um dann unerbittlich an seinen Grenzen
      zurückgehalten zu werden. Ein ihrem praktischen Gesetz entsprechendes Handeln ist ein freies,
      ein diese Grenzen überschreitendes Handeln, obwohl und indem diese Freiheit und die objektive
      Realität des jenseits dieser Grenzen sich erstreckenden Reiches, obwohl und indem insbesondere
      der übervernünftig-vernünftige, der transzendente göttliche Gesetzgeber theoretisch nur als
      Gegenstand eines «Postulates» verstanden werden kann. |</p>
     <p> Was bedeutet dieser formale Vorbehalt neben der Eröffnung, die hier tatsächlich
      stattfindet? Ob sie als Gegenstand eines Postulats oder anderswie existiert, hier ist die
      objektive <term key="Götter, Wirklichkeit">Realität</term> der <term ref="kbga-keywords-1370">Ideenwelt</term> zweifellos – und viel dringlicher als in der Lehre <pb ed="A" n="632"/> von
      ihrer regulativen Bedeutung im theoretischen Gebrauch – handelnd auf dem Plane. Hier existiert
      sie nicht nur in unerreichbarer Ferne, sondern zugleich in unmittelbarer Nähe. Hier dirigiert
      sie auch nicht nur aus dieser Ferne, um sich im Übrigen zu versagen, hier redet und gebietet
      sie in eben der Direktheit, in der der Mensch selbst seine Beschlüsse fasst. Hier ist sie als
      Forderung und als Erfüllung zugleich in Aktion. Hier muss der sicher schon in der «Kritik der
      reinen Vernunft» nur latente Enthusiasmus, der nur scheinbar so trockene, in Wirklichkeit
      geradezu feurige <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> sich verraten, und hier tut
      er das auch. Und das nicht ohne Grund: Wer den <hi rend="italic">moralischen</hi> Charakter
      der <term key="Vernunft, moralischer Charakter">Vernunft</term> gesehen hat, der muss
      mindestens gelegentlich <hi rend="italic">pathetisch</hi> werden – dem ist eben ein weiterer
      großer Gott begegnet, das sich selbst zum Gesetzgeber und Richter erhebende und faktisch schon
      als solches funktionierende Geschöpf, der Menschengeist in seiner Eigenschaft als höchste Norm
      und entscheidender Meister des menschlichen Tuns und Lassens, der wahrhaft <term key="Götter, Autonomie">«autonome»</term>, gerade das Gute sich selbst vorschreibende und
      eben damit auch zuschreibende «andere Gott».<note xml:id="n37">Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-1666"><persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Die Metaphysik der Sitten</hi>, Akademie-Ausgabe, Bd. 6, Berlin 1907/14,
        S. 203–493, dort S. 487</bibl>: «Wir können uns nämlich Verpflichtung (moralische Nöthigung)
       nicht wohl anschaulich machen, ohne einen <hi rend="italic">Anderen</hi> und dessen Willen
       (von dem die allgemein gesetzgebende Vernunft nur der Sprecher ist), nämlich Gott, dabei zu
       denken.»</note> Lasset uns niederfallen und anbeten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.95.6">Ps. 95,6</ref>], auch wenn wir noch zögern mögen, auch wenn wir es vorläufig
      nur postulatweise wagen sollten, seine Existenz auch theoretisch zu behaupten. Man <pb xml:id="p045" ed="pga"/> kann und muss ruhig oder auch höchst unruhig auch vor diesem Gott
      Halt machen, auch mit ihm in seiner strengen Eigenart sich auseinandersetzen.</p>
     <p> Nur dass es eben auch bei seiner Einzigkeit, so feierlich er sie beansprucht, nicht bleiben
      kann. Es gab und es gibt gerade hier kein Aufhalten. Die immerhin gewahrte Nüchternheit des
      Kantischen Enthusiasmus, der immerhin auch in <persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName> Ethik nicht direkt überschrittene <term key="Transzendentalismus">Transzendentalismus</term> ist zu intrikat, um jedermanns Sache zu
      sein. Es hat keinen Sinn, diejenigen zu schelten, die den von <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> so besonnen vollzogenen Schritt in die Freiheit des Intelligiblen in einer
      von ihm her gesehen weniger besonnenen Art auch versucht haben und die dabei noch auf ganz
      andere Götter als er gestoßen sind. Denn diejenigen sind auch auf Realitäten, auch auf Götter
      gestoßen, die die Kantische Lehre zunächst dahin vereinfacht und vergröbert haben, dass sie
      ganz schlicht im tatsächlich vollzogenen <term key="Bewusstsein"><hi rend="italic">Bewusstsein</hi></term> und <term ref="kbga-keywords-1859"><hi rend="italic">Erlebnis</hi></term> unse<pb ed="A" n="633" break="no"/>res Ich und seines Vermögens in
      theoretischer, praktischer und ästhetischer Hinsicht, in der <term ref="kbga-keywords-131">Erfahrung</term> der Menschheit im Ganzen wie im Einzelnen, den Grund alles Seins und aller
      Dinge berühren, die also nicht nur in jenem Vermögen, im vernünftigen Wesen des Geistes als
      solchen, sondern auch und noch mehr in dessen Gebrauch und Betätigung, in der Aktualisierung
      jenes a priori, in der <hi rend="italic">Existenz</hi> aus dessen Fülle das erstlich und
      letztlich Begründete und Begründende sehen wollten. Ist Geist-Sein nicht noch mehr als <term ref="kbga-keywords-841">Geist</term> an sich? Ist die bei Kant noch so schmerzlich sichtbare
      Kluft zwischen objektiver <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> und subjektivem
      Gebundensein nicht überwunden, indem freie Geschöpfe, freie Menschen tatsächlich <hi rend="italic">sind</hi>, indem wir uns als solche erleben, indem wir mit unserem Verstand
      faktisch denken, in unserem Gewissen dem sittlichen <term key="Sittengesetz">Gesetz</term>
      tatsächlich Respekt zollen und vor allem in unserem Gefühl tatsächlich schon da drüben sind,
      wohin uns unser Denken und Tun als solches allerdings nicht tragen will, wohin sie nur immer
      zu zeigen scheinen? Es sind also bestimmte geistige Erfahrungen und Erlebnisse, bestimmte
      darauf gegründete Haltungen und Gesinnungen, es wird nun eine bestimmte dem Menschen sich
      aufdrängende und von ihm eingeschlagene Richtung als solche, in der er jetzt dem Gott zu
      begegnen, vom Gott bestimmt und erfüllt zu sein behauptet. Es ist das unmittelbar
      stattfindende Geschehen menschlicher <term key="Existenz, menschliche">Existenz</term>,
      welches jetzt <pb xml:id="p046" ed="pga"/> als höchst befriedigend und beglückend und zugleich
      als höchst recht und würdig und jedenfalls als zwingend notwendig empfunden und bezeichnet
      wird. Und man kann auch von diesem Empfinden und von dem ihm entsprechenden, dem <hi rend="italic">romantischen</hi> Denken und <term ref="kbga-keywords-415">Reden</term><note xml:id="n38">Als Prototyp des «romantischen Denkens» könnte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an <persName ref="kbga-actors-1040">Johann Gottfried Herder</persName>
       gedacht haben. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-34">Prot.Theol., S. 281f.</bibl>: «Der Meister
       dieser Umgehung <persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName> ist <persName ref="kbga-actors-1040">Johann Gottfried
       Herder</persName>. […] Was bei Lessing bedachtsam nicht ausgenützte und was bei <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> die verbotene Möglichkeit ist, das wird bei Herder
       freudiges Ereignis […]. Überwindung der Aufklärung heißt bei Herder Überwindung der Vormacht
       der Logik und der Ethik überhaupt, der Verstandeskategorien sowohl wie des kategorischen
       Imperativs, durch die Entdeckung des Gefühls und der Erfahrung, die Entdeckung der
       Möglichkeit einer Erkenntnis und eines Redens aus dem unmittelbaren <hi rend="italic">Erlebnis</hi>.»</note> kaum sagen, dass es grundlos, man wird auch von ihm sagen müssen,
      dass es auf eine bestimmte, reale Gestalt der <term key="Götter, Wirklichkeit">Gottheit</term>
      bezogen ist. Neben der abstrakten steht offen oder verborgen immer auch die konkrete, d. h.
      die persönlich und in der Gemeinschaft von Persönlichkeiten erlebte und gelebte <term ref="kbga-keywords-1370">Ideenwelt</term>. Und wer hier anbetet und opfert, der wird den
      Unwillen, mit dem man von jenem strengeren Standpunkt nach hier herüberblickt, mit jener
      Ironie beantworten, mit der die Romantiker tatsächlich auf den «alten Kant» zurückgeblickt
      haben, als ob er überwunden sei.<note xml:id="n39">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-34">a.a.O.,
        S. 250.303</bibl>.</note>
      <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName>
      <pb ed="A" n="634"/> und sein Gott waren zweifellos nicht überwunden. Sie sind gar nicht zu
      überwinden. <persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName> Gott ist auch ein allmächtiger Gott. Aber der Gott der Romantiker ist es in
      seiner Weise auch. Und der Streit zwischen beiden konnte und kann darum nur unfruchtbar sein,
      weil sie beide doch nur verschiedene – wenn auch sehr verschiedene! – Gestalten des einen
      «anderen Gottes» sind.</p>
     <p> Aber der Geist hat noch andere Dimensionen als die, in denen sowohl <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> als die Romantiker ihn gesehen und als Gottheit
      gepriesen haben. Ist es nicht wahr, dass der Geist nicht ohne die Natur <term key="Natur und Geist">ist</term> und dass er neben seiner Vernunftseite auch eine nicht
      minder beachtliche, in ihrer Weise nicht minder ernst zu nehmende Naturseite hat? Ist er nur
      apollinisch und nicht auch <term key="Dionysos / dionysisch">dionysisch</term>? Es war doch
      natürlich, dass man, nachdem die <term ref="kbga-keywords-415">Romantik</term> des Kritizismus
      müde geworden, nun auch der Romantik müde werden, das Blatt wenden und in das <term key="Bewusstsein">Bewusstsein</term> und <term ref="kbga-keywords-1859">Erlebnis</term> des
      Ich und seines Vermögens <pb xml:id="p047" ed="pga"/> nun doch auch die ganze Welt der
      menschlichen Affekte, Instinkte und Triebe einbeziehen wollen konnte. Es musste doch sein,
      dass auch die Naturbezogenheit der Geisteswelt zu neuer Ehre gebracht wurde. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-550">L. Feuerbach</persName></hi> und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2513">M. Stirner</persName></hi><note xml:id="n40"><persName ref="kbga-actors-2513">Max Stirner</persName>, eigentlich: Johann Caspar Schmidt
       (1806–1856), deutscher Philosoph und Journalist, Linkshegelianer.</note>, die großen <term ref="kbga-keywords-1380">Materialisten</term> der Jahrhundertmitte und im praktischen Bereich
      besonders <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-267">Karl Marx</persName></hi> haben es
      in einer nicht mehr zu übersehenden und zu vergessenden – und <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName></hi> hat es dann in geradezu exemplarischer Weise
      getan: exemplarisch nicht nur darum, weil er – auf die Wurzeln des <term key="Hellenismus">Griechentums</term> zurückgehend – die <term key="Dionysos / dionysisch">dionysische</term>
      Deutung des <term ref="kbga-keywords-841">Geistes</term> als solche so kraftvoll und
      konsequent durchgeführt hat wie sonst keiner, sondern vor allem auch darum, weil es bei diesem
      Anlass nun endlich zum Abschluss mit allen Umdeutungen des von der <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> verkündigten Gottes, aber auch zum Abschluss mit allen
      sterilen Leugnungen dieses Gottes, weil es hier zur offenen Proklamation eines <hi rend="italic">anderen</hi>, eben des dionysischen Gottes gekommen ist.<note xml:id="n41">Zum
       Motiv des ‹Dionysischen› vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4200"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Die Geburt der Tragödie. Unzeitgemäße Betrachtungen I–IV. Nachgelassene
        Schriften 1870–1873</hi>, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von
       G. Colli / M. Montinari, Bd. 1, München / Berlin 1999, S. 9–156</bibl>.</note> <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>
      theoretisierte nicht nur, als ob dieser andere Gott wäre. <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> spielte nicht bloß mit
      ihm, wie alle Vorangehenden schließlich doch nur mit ihren anderen <pb ed="A" n="635"/> Göttern
      gespielt haben. <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> hat es versucht, ihn bewusst als solchen zu verkündigen und mit ihm
      zu leben. Daran ist er zugrunde gegangen. Aber das ist auch seine Größe. Er hat seinen Gott
      als solchen sichtbar zu machen gewusst und eben damit dann doch auch die weithin verhüllten
       <term key="Götter, Vielheit">Götter</term> der Anderen. Wir könnten sie in ihrer Göttlichkeit
      wahrscheinlich nicht so rekognoszieren und analysieren, wie wir es können, wenn wir die von
      <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> geleistete Demonstration seines anderen Gottes nicht so deutlich vor Augen hätten.
      Wir hätten freilich vielleicht auch die Leistung <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsches</persName> nicht so deutlich vor Augen, wenn sie uns nicht in unseren Tagen im
      Großformat ihrer politischen Anwendung durch den deutschen <term key="Nationalsozialismus">Nationalsozialismus</term> so gewaltig ins Gedächtnis gerufen worden wäre. So hat in
      besonders hervorgehobener Weise auch er ein letztes Wort gesprochen.</p>
     <div type="ditigal_division">
      
      <p><pb xml:id="p048" ed="pga" rend="noPipe"/> Aber es gibt viele letzte Worte dieser Art. Das einzige war auch das seinige nicht.
       Zwischen allen den in sich geschlossenen treiben ja immer auch eine ganze Reihe von offenen,
       sich selbst bewusst widersprechenden und eben in diesem <hi rend="italic">Widerspruch</hi>
       sich gefallenden Konzeptionen vom Wesen des Geistes und treiben dann sicher auch die analogen
       Götter oder Dämonen des Widerspruchs ihr Wesen. Der <term ref="kbga-keywords-841">Geist</term> kann ja statt in seiner so oder so zu bezeichnenden Einheit auch in seiner
       inneren Gegensätzlichkeit, in seinen Antinomien und Paradoxien, in seiner Diskontinuität
       gesehen, erkannt und erlebt werden: in seiner Polarität zur <term key="Natur und Geist">Natur</term> nicht nur, sondern zum Irrationalen als seinem feindlichen und in aller
       Feindschaft nun doch auch wohlvertrauten, unter Umständen verbündeten Widerpart. Es kann die
       Geistigkeit auch darin triumphieren, dass sie ihre Vernünftigkeit und damit ihre innere
       Geschlossenheit ein Stück weit preisgibt und <hi rend="italic">chaotisch</hi> wird, oft in
       wunderlichster Kombination mit einer zum anderen Teil in besonderer Strenge aufrecht
       erhaltenen wissenschaftlichen Folgerichtigkeit. Wir denken an so manchen seiner
       ursprünglichen Schule irgendwie müde gewordenen, ihr entronnenen und dann äußerlich und
       innerlich ohne Anschluss gebliebenen denkerischen Einzelgänger. Wir denken an die
       verschiedenen <term key="Gnosis">gnostischen</term>, <term key="Theosophie">theosophischen</term>, <term ref="kbga-keywords-627">anthroposophischen</term>, <term key="Okkultismus">okkultistischen</term> und ähnlichen Systeme. Der theologische Bezug und
       die objektive Realität des Gegen<pb ed="A" n="636" break="no"/>standes pflegen auch hier oft
       sehr drastisch sichtbar zu werden. Mehr oder weniger aufrichtige und gute, manchmal auch
       angeblich christliche <term ref="kbga-keywords-211">Religiosität</term> kann gerade auf den
       wunderlichen Wegen eines an sich selbst verzweifelnden und sich selbst überschlagenden
       Denkens eine wichtige Rolle spielen. Und warum sollten es die Götter selbst nicht lieben,
       gerade in den entsprechenden objektiven Trotz-, Misch- und Missgestalten, unter den
       entsprechenden Doppelgesichtern, in dem entsprechenden realen Widerspruch zu existieren? Und
       dass gerade solche Konzeptionen so häufig sind, sich auch immer aufs Neue so leicht
       einleuchtend zu machen wissen, zeigt jedenfalls, dass es so ist, «als ob» gerade hier
       besonders mächtige und geschäftige Götter auf dem Plan wären. Und anders als im Modus des
       «als ob» können ja die übrigen, scheinbar solideren und eindeutigeren <term key="Götter, Vielheit">Götter</term> auch nicht auf dem Plane sein. |</p>

      <p><pb xml:id="p049" ed="pga" rend="noPipe"/>Man wird aber weiter auch die verschiedenen
       Möglichkeiten <hi rend="italic">zweifelnder, <term key="Skeptizismus">skeptischer</term></hi><hi rend="italic">, indifferenter</hi> Geisteshaltung in dieser
       Reihe sehen müssen. Eigentümliche Formen des Selbstvertrauens und der Selbstbehauptung des
       kreatürlichen Geistes sind sicher auch sie. Denn es braucht sicher nicht nur Müdigkeit und
       Resignation, sondern auch ein gutes Stück charaktervollen Mutes und Stolzes dazu, von allen
       geordneten und ungeordneten Konzeptionsversuchen dem Dasein gegenüber zurückzutreten und sich
       damit zu bescheiden, zu wissen, dass wir nichts wissen können.<note xml:id="n42">Zu dieser
        Variante der bekannteren, wohl auf <persName ref="kbga-actors-322">Platon</persName>
        zurückgehenden Redewendung «Ich weiß, dass ich nichts weiß» (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann,
         S. 317</bibl>) vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W.
          von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi> , V, 364 (Nacht)</bibl>: <p>[…] und
         sehe, dass wir nichts wissen können!</p></note> Gerade auf der Höhe seiner Entwicklung hat
       der europäische Geist des 19. Jahrhunderts sich neben so mancher positiven Verkündigung auch
       in dem berühmten «Ignoramus – ignorabimus!» (<persName ref="kbga-actors-3840">Dubois-Reymond</persName>)<note xml:id="n43">Die Wendung ist berühmt geworden durch die
        Schlusssätze der Rede des Physiologen <bibl corresp="kbga-bibls-5174"><persName ref="kbga-actors-3840">E. H.
         Du Bois-Reymond</persName>, <hi rend="italic">Über die Grenzen des Naturerkennens. Ein
         Vortrag in der zweiten öffentlichen Sitzung der 45. Versammlung deutscher Naturforscher und
         Ärzte zu Leipzig am <date when="1872-08-14">14. August 1872</date></hi>, Leipzig 1872<hi rend="sup">2</hi>, S. 34</bibl>: «In Bezug auf die Räthsel der Körperwelt ist der Naturforscher
        längst gewöhnt, mit männlicher Entsagung sein ‹Ignoramus› auszusprechen. [...] In Bezug auf
        das Räthsel aber, was Materie und Kraft seien, und wie sie zu denken vermögen, muss er ein
        für allemal zu dem viel schwerer abzugebenden Wahrspruch sich entschliessen:
        ‹Ignorabimus!›»</note> Luft gemacht. Und man kann ruhig fragen, ob diese scheinbar
       bescheidenste Geisteshaltung: die der «docta ignorantia»<note xml:id="n44">Vgl. den auf
         <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> zurückgehenden Titel der Schrift <bibl corresp="kbga-bibls-3672"><hi rend="italic">De docta ignorantia</hi> des <persName ref="kbga-actors-2087">Nikolaus von Kues</persName> (1440)</bibl>.</note>, die ruhige
        Verehrung<note xml:id="n45">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5173"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von
        Goethe</persName>, <hi rend="italic">Maximen und Reflexionen</hi>, Goethes Werke (Hamburger
        Ausgabe), Bd. 12: <hi rend="italic">Schriften zur Kunst; Schriften zur Literatur; Maximen
         und Reflexionen</hi>, hrsg. von W. Weber / H. von Einem / E. Trunz, München 1973<hi rend="sup">7</hi>, S. 467</bibl>: «Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das
        Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.»</note> des
       «unbekannten Gottes», nicht die selbstbewussteste und anspruchsvollste unter allen ist, weil
       man sich eben in ihr, je konsequenter man sie durchführt, umso mehr, sicher am wenigsten
       Blößen geben, sich selbst am besten behalten wird. Und eben der Altar, der damals in Athen
       gerade aus dieser Geisteshaltung heraus errichtet worden sein soll [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.23">Act. 17,23</ref>], <pb xml:id="p050" ed="pga"/> ist ein
       schöner Hinweis darauf, dass das «<foreign xml:lang="lat">Introite, nam et hic Dii
        sunt</foreign>»<note xml:id="n46">So die lateinische Version des Ausspruchs, mit dem nach
         <bibl corresp="kbga-bibls-4737"><persName ref="kbga-actors-11">Aristoteles</persName>, <hi rend="italic">De partibus
         animalium</hi>, I, 5.645a 17</bibl>, <persName ref="kbga-actors-2037">Heraklit</persName> seine
        Besucher begrüßt haben soll, während er sich am Backofen wärmte: <foreign xml:lang="el-GR">ἐκέλευε γὰρ αὐτοὺς εἰσιέναι θαρροῦντας· εἶναι γὰρ καὶ ἐνταῦθα θεούς</foreign> (<bibl corresp="kbga-bibls-5125"><persName ref="kbga-actors-2014">Diels</persName>-<persName ref="kbga-actors-2062">Kranz</persName>
         [<ref type="pub" target="#fn_n28">Anm. 28</ref>], S. 146 [22 A 9])</bibl>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann,
        S. 311</bibl>.</note> auch hier gelten, dass es im geistigen Götterhimmel auch objektive
       Entsprechungen, oder vielmehr Gründe und Ursprünge gerade dieser so beson<pb ed="A" n="637" break="no"/>ders ökonomischen und hygienischen geistigen Möglichkeit geben dürfte. Sollte
       die Macht gerade dieser <term key="Götter, Vielheit">Götter</term> sich nicht darin besonders
       eindrucksvoll erweisen, dass auch die Verehrer ganz anderer Götter ihrem eigenen Credo
       zuwider im stillen Kämmerlein je und je, jetzt wehmütig lächelnd, jetzt doch auch aufrichtig
       erschrocken, gerade ihnen mindestens einige <term ref="kbga-keywords-1484">Weihrauchkörner</term> zu spenden<note xml:id="n47">Zur Praxis des Weihrauchopfers, mit dem
        es in der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser <persName ref="kbga-actors-4642">Decius</persName> (249–251) möglich war, dem geboten Opfer, dessen Verweigerung die
        Todesstrafe nach sich zog, zu entsprechen, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A.
         1930–1933, <ref type="pub" target="49010#fn_n30">S. 150f., Anm. 30</ref></bibl>.</note> nicht umhin können?</p>
      <p>Und nun würden wir einen wichtigen Bereich übersehen, wenn wir schließlich nicht auch der
       Welt des <hi rend="italic">kranken</hi>
       <term key="Geisteskrankheit">Geistes</term> ausdrücklich gedenken würden. Die
       Geschöpflichkeit auch der intelligiblen Welt und ihre Relativität in ihrer Beziehung zum
       Naturbereich verraten sich darin unzweideutig, dass der Geist erkranken, dass seine
       vernünftige Struktur im Zusammenhang mit Leiden und Entartungen des menschlichen
       Nervensystems ganz oder teilweise verdunkelt, dass seine Funktionen – am Maß seines
       wesenhaften Vermögens gemessen – aufgehalten und pervertiert werden [können], dass er
       verwildern, sich verfangen und verwickeln, dass er erstarren und sich zerstreuen kann. Gibt
       es überhaupt ein schlechthin gesundes, von solcher Störung gar nicht berührtes Geistesleben?
       Die begründete Vermutung, dass es wohl auch kein schlechthin gesundes leibliches Leben gibt,
       dass alle leibliche Existenz von Anfang an jedenfalls auch als ein Zerfallsund
       Entartungsprozess zu verstehen ist, spricht jedenfalls nicht dafür, und eine nüchterne
       Selbstbeobachtung und Selbstbeurteilung wird das – ganz abgesehen von dem, was wir
       gelegentlich von allen anderen denken mögen – auch nicht tun. «Halbe Narren sind wir <pb xml:id="p051" ed="pga"/> alle», das hat <persName ref="kbga-actors-136"><hi rend="italic">Goethe</hi></persName> gesagt!, um dann fortzufahren: «ganze Narren sperrt man ein, aber
       die dreiviertels Narren machen uns die größte Pein».<note xml:id="n48">Dieser Vierzeiler
        stammt nicht von <bibl corresp="kbga-bibls-5184"><persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>; <persName ref="kbga-actors-1874">H.-J. Schoeps</persName>, <hi rend="italic">Ungeflügelte Worte. Was
         nicht im Büchmann stehen kann</hi> (ders., Gesammelte Schriften IV/16), Nachdr. Hildesheim
        2005, S. 321</bibl>, benennt als möglichen Verfasser <persName ref="kbga-actors-7588">Fr. von
         Bodelschwingh d. J</persName>, setzt hinter diese Aussage aber ein Fragezeichen. Im
        Internet kursierende Hinweise auf den russischen Schriftsteller und Satiriker <persName ref="kbga-actors-10241">Michail J. Saltykow-Schtschedrin</persName>
        (1826–1889) als Verfasser ließen sich nicht verlässlich prüfen.</note> Aber ob größere oder
       kleinere «Pein»: mit was muss man mehr rechnen vor allem im eigenen Geistesleben und dann
       doch auch in der Berührung mit dem Anderen als eben mit dem gelinden Wahnsinn, an dem sicher
       jeder seinen größeren oder kleineren Anteil hat, ohne den wahrscheinlich auf keinem geistigen
       Gebiet etwas Außerordentliches geleistet würde, der wahrscheinlich gerade in den größten
       sogenannten genialen Geistern das eigentliche mobile und agens, der aber freilich auch
       dauernd als Fehlerquelle, als Ursache <pb ed="A" n="638"/> ihrer lähmenden Einseitigkeiten und
       ihrer gefährlichen Übertreibungen auch im Guten und schließlich als Ursache dessen wirksam
       ist, dass auch und gerade ihr gutes Wollen und Wirken so leicht ins Böse umschlagen oder doch
       ausgesprochen böse Auswirkungen haben kann?<note xml:id="n49">Der hier behauptete und unten
        weiter ausgeführte Zusammenhang von Genie und Wahnsinn, den auch <persName ref="kbga-actors-11">Aristoteles</persName> schon sah,
        wurde Mitte des 19. Jahrhunderts vom italienischen Arzt und Psychologen <persName ref="kbga-actors-9247">Cesare Lombroso</persName>
        (1835–1909) zu einer bekannten Theorie entwickelt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5185"><persName ref="kbga-actors-9247">C.
         Lombroso</persName>, <hi rend="italic"><foreign xml:lang="ita">Genio e Follia, in rapporto alle medicina legale
         alla critica ed alla storia</foreign></hi>, Turin 1882</bibl><hi rend="sup">4</hi> (dt.: <bibl corresp="kbga-bibls-2645"><hi rend="italic">Genie und Irrsinn in ihren Beziehungen zum Gesetz, zur Kritik und zur Geschichte</hi>,
        Leipzig 1887</bibl>). Vgl. auch unten, <ref type="pub" target="../volume/50/p518#p518">S. 518</ref>. [1-3, bei <ref type="pub" target="#fn_n108">Anm. 108</ref>]</note> Was wäre die ganze
       Geistesgeschichte ohne die <term key="Götter, Dämonen">Dämonien</term>, die sich gerade auf
       ihren Höhepunkten in gewissen Einzelnen wie in den Massen immer wieder ausgewirkt haben? Und
       was wäre die Geistigkeit eines Menschen, dem es gelingen sollte, sich von aller Dämonie zu
       säubern? Aber freilich: die menschliche Geistigkeit und ihre <term key="Geistesgeschichte">Geschichte</term> ist auch danach; sie bekundet es in all ihren Irrgängen, Verführungen und
       Katastrophen, in all ihren Unfruchtbarkeiten, Hypertrophien und Sackgassen, dass sie, von
       Dämonien heimgesucht, jedenfalls <hi rend="italic">auch</hi> eine große Krankheitsgeschichte
       ist. Und es hat ein Jeder auch dafür zu bezahlen, dass er wahrscheinlich immer gerade da, <pb xml:id="p052" ed="pga"/> wo ihn seine besondere Dämonie am stärksten macht, heimlich schwach,
       so oder so ein Fall ist, an dem nichts zu säubern ist. Der <term key="Geisteskrankheit">Wahnsinn</term> in seiner ganzen physischen Bedingtheit ist eine Sache, die in denen, die
       man im Besonderen «wahnsinnig» zu nennen pflegt, doch nur besonders mächtig und unübersehbar
       zum Vorschein und zum Ausbruch kommt. |</p>
      <p>Und nun bedeutet es wirklich keine Leugnung seiner physischen Bedingtheit, wenn man auch
       hier und gerade hier, wie wir es unter Voraussetzung eines normalen Geisteslebens getan
       haben, mit <hi rend="italic">objektiven Entsprechungen</hi>, Ursprüngen und Gründen, wenn
       man, wie es das Neue Testament ja gerade hier in besonderer Weise getan hat, mit der Existenz
       und Wirksamkeit von Dämonien nicht nur, sondern von <term key="Götter, Dämonen"><hi rend="italic">Dämonen</hi></term>: einer ganzen Welt von Herren und Mächten der Verkehrung,
       der Verwirrung, der Erstarrung, der Zerstreuung, der Zerstörung rechnet, wenn wir gerade das
       mehr oder weniger, offen oder heimlich, direkt oder indirekt kranke Geistesleben als treibend
       nicht nur, sondern auch als getrieben verstehen. Es gibt doch kein Leiden irgendwelcher Art,
       dem der Mensch so ohnmächtig gegenübersteht wie gerade seinem geistigen Leiden mit dem Glanz
       und mit dem Elend, das diesem eigentümlich ist – wie gerade seinem eigenen gelinden oder
       wilden Wähnen, in welchem <pb ed="A" n="639"/> er sich vielleicht als Genie betätigen darf, in
       welchem er aber vielleicht gleichzeitig auch sich selbst und Andere so fürchterlich zum
       Narren halten muss. Die Mächte, denen gegenüber er in dieser Hinsicht so ohnmächtig, von
       denen er als kranker <term key="Geisteskrankheit">Geist</term> getrieben ist, die ihm in
       dieser Hinsicht nicht nur auf den Leib, sondern auf die Seele gerückt sind, von denen er in
       dieser Hinsicht in Besitz genommen ist, sind die besonderen Götter dieses Bereichs, und man
       kann, was von allen Göttern gilt, gerade an ihnen studieren: wie sie gewiss nur im Bereich
       der menschlichen <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">Einbildung</term>, aber
       eben hier und so höchst greifbar und höchst wirksam <term key="Götter, Wirklichkeit">existieren</term>. Es wäre gewiss nicht angebracht, nun gerade diesen, den klinischen
       Aspekt zu verabsolutieren, gerade die Dämonen des kranken Geistes als <hi rend="italic">die</hi>
       <term key="Götter, Dämonen">Götter</term> auszurufen, zu bewundern, zu verabscheuen oder zu
       fürchten. Es ist vielmehr auch bei der faszinierenden Erinnerung an diesen Bereich angebracht
       zu bedenken, dass die Herren, Fürsten und Gewalten, die wir hier so mächtig sehen, mit vielen
       ganz andersartigen, die man mit ihnen nicht auf einen Nenner <pb xml:id="p053" ed="pga"/>
       bringen kann, zusammen sind. Es ist aber immerhin wichtig, sich klar zu machen: unter den
       vielen göttlichen Bereichen gibt es auch diesen, und eben an ihn grenzen jedenfalls auch alle
       anderen derartigen Bereiche. Mit der Existenz und Wirksamkeit gerade auch dieses Bereichs
       haben wir überall zu rechnen. In seiner Weise erhebt auch dieser – und auch er wahrhaftig
       nicht umsonst, auch er nicht wirkungslos – den Anspruch, der eine und ganze Bereich der
       Wirklichkeit zu sein. In irgend einer Verwandtschaft und Zusammengehörigkeit mit den Göttern
       gerade dieses Bereichs stehen faktisch auch alle anderen <term key="Götter, Vielheit">Götter</term>.</p>
      <p>Wir schließen diesen Versuch einer Übersicht über das Unübersichtliche mit einer ganz
       primitiven, aber gerade darum umso nötigeren Überlegung über die <hi rend="italic">tatsächlich gelebte</hi> Existenz des <term key="Existenz, menschliche">Menschen</term>,
       die wir ja mit der Erinnerung an die Welt des Wahnsinns faktisch bereits von allen Seiten
       berührt haben. Man könnte sich fragen, ob wir mit all dem über die Wirklichkeit der <term key="Götter, Wirklichkeit">Götter</term> in der Natur- und <term key="Natur und Geist">Geisteswelt</term> Gesagten die Wirklichkeit der uns direkt und praktisch beherrschenden
       Götter schon erreicht, ob wir dabei nicht mehr von den Voraussetzungen und <pb ed="A" n="640"/> letzten Ursprüngen menschlichen <hi rend="italic">Denkens</hi> und menschlicher <hi rend="italic">Theorien</hi> als von den eigentlichen Herren des menschlichen <hi rend="italic">Lebens</hi> gesprochen haben. Der Einwand wäre nicht richtig. Der Mensch denkt
       immer das, was er lebt. Die menschlichen Theorien, die naturalistischen ebenso wie die
       idealistischen, gehören auch zu den Phänomenen der menschlichen <term key="Theorie und Praxis">Praxis</term>, und man müsste die hinter und über ihnen sichtbaren
       Götter nur auch daraufhin ansehen und analysieren, um gewahr zu werden, dass gerade sie in
       ihrer Weise <hi rend="italic">auch</hi> Entsprechungen, Ursprünge und Gründe menschlicher <hi rend="italic">Praxis</hi> sind. Man kann und muss aber sicher auch die menschliche Praxis
       als solche daraufhin ansehen, dass sie eine durch besondere Götter durchgängig regierte und
       bestimmte ist, wie das in den Beschreibungen des Götterhimmels und der Götterfamilien der
       meisten <term ref="kbga-keywords-211">Religionen</term> denn auch sehr konkret sichtbar wird.
       Es gibt auch Götter, die sich in fast ausschließlicher Direktheit gerade für den Ablauf und
       die Gestaltung des menschlichen <hi rend="italic">Lebens</hi> zu interessieren scheinen. Und
       so ist die Existenz und Herrschaft der Götter tatsächlich auch die sehr primitive Sache, als
       die wir sie nun noch beschreiben müssen. Man frage sich zu diesem Zweck, was der Mensch
       eigentlich <term key="Mensch, sein Wollen">will</term>, indem er bekanntlich leben, d. h.
       essen, trinken, schlafen und sein <pb xml:id="p054" ed="pga"/> Geschlechtsbedürfnis
       befriedigen will.<note xml:id="n50">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5171"><persName ref="kbga-actors-2021">Fr.
         Engels</persName>, <hi rend="italic">Das Begräbnis von Karl Marx</hi> (1883), MEW 19,
        Berlin 1962, S. 335</bibl>: «Wie <persName ref="kbga-actors-2013">Darwin</persName> das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so
        entdeckte <persName ref="kbga-actors-267">Marx</persName> das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher unter
        ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, daß die Menschen vor allen Dingen
        zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst,
        Religion usw. treiben können […].» – Vgl. aber auch <bibl corresp="kbga-bibls-96"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> selbst: Römerbrief 2,
        <ref type="pub" target="../volume/47/p427#p427">S. 427</ref></bibl>.</note> Was will er mit diesem Wollen? Was scheint er damit wollen zu müssen? Welchen
       Gewalten scheint er dabei, der Eine mehr, der Andere weniger, der Eine in dieser, der Andere
       in jener Kombination, unterworfen zu sein? |</p>
      <p>Versuchen wir es, uns selbst zu verstehen! Wir streben zunächst, wie es schon am Kleinkind
       ersichtlich ist, alle danach, auf eigenen Füßen zu stehen, d. h. uns <term key="Mensch, Selbständigkeit"><hi rend="italic">Selbständigkeit</hi></term> und
       Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Ich bin ich, und ich möchte ich unter allen Umständen sein
       und bleiben: als ich, der ich bin, möchte ich mich unter allen Umständen, was auch dazwischen
       kommen, was auch als Modifikation dieses Strebens in Betracht kommen möge, ausleben dürfen.
       Das Zweite ist dies, dass wir – auch das fängt schon beim Kleinkind an – gesehen und beachtet
       sein, <term key="Mensch, Anteilnahme"><hi rend="italic">Teilnahme</hi></term> erwecken und
       genießen, ein bisschen Mittelpunkt sein, die uns gebührende Ehre in Empfang nehmen
        möchten. <pb ed="A" n="641"/> Ich möchte mein Ich-Sein auch Anderen bemerkbar, wichtig und
       interessant machen, und ich teile meine Mitmenschen in größter Selbstverständlichkeit in die
       zwei Gruppen derer ein, die diesem meinem Wunsch gerecht oder nicht gerecht werden. Das
       Dritte ist dies, dass wir alle – wieder schon vom Kleinkind an – mehr oder weniger <term key="Mensch, Neugier"><hi rend="italic">neugierig</hi></term> sind. Was wir nicht sehen oder
       nicht genau sehen, was wir nicht verstehen oder nicht recht verstehen, das beunruhigt, das
       ruft uns, da möchten wir dahinter kommen. Das «nimmt uns wunder». Wir möchten wissen. Darin
       hat neben geringeren Dingen alle <term key="Wissenschaft, Forschung">Forschung</term>, auch
       alle <term ref="kbga-keywords-1046">Philosophie</term> ihren Ursprung: dass wir neugierig
       sind, dass wir jede, aber auch jede geschlossene Schublade um jeden Preis öffnen möchten, um
       hineinzusehen. Das Vierte ist dies, dass wir <term key="Mensch, Spieltrieb"><hi rend="italic">spielen</hi></term>, d. h. unsere Fähigkeiten den Dingen und Zuständen unserer Umwelt
       gegenüber in Betrieb setzen, dass wir uns, so gut es geht, als aktiv an ihrem Dasein
       beteiligt erweisen möchten. Mit dem Spiel der Gedanken fängt es immer wieder an, mit den <pb xml:id="p055" ed="pga"/> absichtslosen Spielen des Körpers geht es weiter, mit dem
       absichtsvollen Spiel des Verstandes und Gefühls in Verbindung mit dem des Körpers noch
       weiter, bis das Spiel zur vermeintlich oder wirklich sehr ernsten Arbeit geworden ist, die
       wir ja, wenn es nach uns ginge, am liebsten eben auch als freies Spiel vollbringen möchten
       und die uns mit Recht verdrießt, wenn sie das nicht sein kann. Das Fünfte ist sehr schlicht
       dies, dass wir allerlei haben, dass wir <term key="Mensch, Besitzstreben"><hi rend="italic">besitzen</hi></term> und behalten und nicht wieder hergeben, dass wir in möglichst großem
       Umfang das geliebte Wörtlein «mein» realisieren möchten. In letzter, höchster Realisierung
       dieses Wunsches hat der Mensch das Geld erfunden – es wäre denn, dass es als bequemster und
       einleuchtendster Inbegriff des heiligen <term key="Eigentum">Eigentums</term> vielleicht
       vielmehr den Menschen eines Tages gefunden und dann nicht wieder losgelassen hat. Aber das
       heilige Eigentum, der <term key="Mammon">Mammon</term>, hat bekanntlich bis ins Geistigste,
       ja bis ins Geistliche hinein auch noch ganz andere und viel vornehmere Gestalten. Das Sechste
       ist dies, dass jeder Mensch <term key="Mensch, Machtstreben"><hi rend="italic">mächtig</hi></term> sein, d. h. im Gebrauch seiner Fähigkeiten nicht nur frei, sondern auch
       Herr und Meister über die Dinge und vor allem auch über seine menschliche Umwelt sein, dass
       er diese beeinflussen, bestimmen und lenken <pb ed="A" n="642"/> möchte. Eine Schranke unserer
       Macht ist immer so etwas wie eine Kränkung, und jedes Niederlegen solcher Schranken ist immer
       so etwas wie ein Triumph. Jene Kränkung können wir uns nicht gefallen lassen, diesen Triumph
       müssen wir uns verschaffen. Hier haben wir es bekanntlich mit einem der wirksamsten Hebel der
       politischen <term key="Weltgeschichte">Weltgeschichte</term> zu tun. Aber was im Machttrieb
       eines Diktators oder auch ganzer Nationen glorios zum Ausbruch kommt, das hat doch schon beim
       kleinen Trotzkopf in der Kinderstube angefangen und regiert in der Mitte zwischen beiden in
       tausend angenehmeren Verkleidungen, unter denen das, was man Sanftmut nennt, oft nicht die
       unwirksamste ist, in denen gerade vermeintlich schwache Wesen oft am herrlichsten zur
       Erfüllung ihres Wunsches kommen können. Das Siebente ist wieder sehr schlicht die Tatsache,
       dass wir alle es gern ein wenig <term key="Mensch, Lustprinzip"><hi rend="italic">lustig</hi></term> haben möchten. «Lust» ist schwer zu definieren. Manche Gelehrte
       behaupten bekanntlich, dass alle Lust («libido») als eine Modifikation der geschlechtlichen
       Lust zu verstehen sei.<note xml:id="n51">Wohl ein Hinweis auf <persName ref="kbga-actors-985">Sigmund Freud</persName>, der das Lustprinzip als wichtigste Triebkraft des psychischen
        Geschehens beschrieb. Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-5170"><persName ref="kbga-actors-985">S. Freud</persName>, <hi rend="italic">Vorlesungen zur Einführung in
         die Psychoanalyse</hi>, Gesammelte Werke, hrsg. von A. Freud, Bd. 11, Frankfurt/M. 1986<hi rend="sup">8</hi>, S. 369</bibl>.</note> Dass sie hier ihre be<pb xml:id="p056" ed="pga" break="no"/>zeichnendsten Formen annimmt, kann wohl sein. Wiederum geht es um eine Erhöhung des
       Lebensgefühls, die über diesen Bereich doch weit hinausgeht, die jedenfalls der niedrigsten
       wie der höchsten Form gleich fähig ist. Eben diese Erhöhung möchten wir uns zweifellos
       dauernd verschaffen. Was nicht lustig ist, das haben wir eben nicht gern. Eben von Lust sind
       auch alle unsere anderen Bestrebungen immer irgendwie begleitet.</p>
      <p>Das Alles wollen wir also. Vielmehr: das Alles müssen wir wollen; alles unser Wollen ist so
       oder so, in irgend einer Stärke oder Schwäche, in irgend einer Mischung dieser Elemente auch
       dieses Wollen, unser Vollbringen sicher auch die mehr oder weniger befriedigende Erfüllung
       dieser unserer Wünsche. Unserer Wünsche? Es sind doch Wünsche, die wir so oder so gar nicht
        <hi rend="italic">nicht</hi> haben können, die uns mit unserer Existenz vorgeschrieben zu
       sein scheinen. Man braucht sie keineswegs als die sieben Todsünden<note xml:id="n52">Die auf
        Papst <persName ref="kbga-actors-1364">Gregor I.</persName> zurückgehende Zählung von sieben
        Todsünden (<foreign xml:lang="lat">superbia, avaritia, luxuria, invidia, gula, ira, acedia</foreign>) hat sich im Abendland im
        Lauf des Mittelalters schrittweise durchgesetzt. Siehe <bibl corresp="kbga-bibls-5169"><persName ref="kbga-actors-3022">O.
         Zöckler</persName>, <hi rend="italic">Das Lehrstück von den sieben Hauptsünden. Beitrag zur
         Dogmen- und Sittengeschichte, insbesondere der vorreformatorischen Zeit</hi> (ders., <hi rend="italic">Biblische und kirchengeschichtliche Studien</hi>, Heft 3), München
        1893</bibl>.</note> zu charakterisieren. Sie können freilich auch als Sünden und sogar als <term key="Sünde, Todsünden">Todsünden</term>, sie können aber alle auch als <term ref="kbga-keywords-465">Tugenden</term> und Pflichten in die Erscheinung treten. Nur
       entrinnen können und werden wir ihnen, solange <pb ed="A" n="643"/> wir als Menschen leben,
       auf keinen Fall. Außerhalb der Unfreiwilligkeit, in der wir uns ihnen gegenüber tatsächlich
       befinden, außerhalb der Herrschaft, die sie faktisch über uns ausüben, hat sich weder die
       große Geschichte der Menschheit noch irgend eine Lebensgeschichte noch irgend ein Teil einer
       solchen jemals abgespielt.</p>
      <p>Wir hätten nach Belieben ebensogut doppelt oder dreifach so viele von solchen primitiven
       Lebensmächten nennen können. Und noch haben wir ja nur aus den allgemein menschlichen
       Regungen und Motiven einige herausgegriffen. Wir könnten und müssten mehr ins Einzelne gehen
       und von den ganz ähnlich unfreiwilligen («natürlichen») <pb xml:id="p057" ed="pga"/> Wünschen
       und Strebungen der beiden Geschlechter, der verschiedenen Altersstufen, Familienverbände und
       Völker, Stände, Staatsformen und Erwerbsklassen – alles noch einmal in sich differenziert
       durch die besonderen geschichtlichen Bedingungen der verschiedenen Räume und Zeiten – reden
       und hätten im Spiegel auch aller dieser Unfreiwilligkeiten die entsprechenden Dominanten –
       eine nach tausenden und zehntausenden zählende, nein schon in sich einfach unübersichtlich
       zahlreiche <term key="Götter, Vielheit">Götterwelt</term> zu erkennen. Um wohl dann erst mit
       Entsetzen feststellen zu müssen, dass jenseits des allgemein Menschlichen und jenseits von
       all den Gruppen und Zusammenhängen, in denen wir existieren, ja auch noch – und nicht zuletzt
       – diejenige Nötigung zu bedenken ist, unter der, wenn nicht Alles täuscht, ein jedes einzelne
       menschliche <hi rend="italic">Individuum</hi> als solches – erhaben dadurch und belastet
       damit, glänzend und elend darin, dass es nun eben gerade dieses ist – so schlechthin
       einzigartig und unvertauschbar und unaufgebbar sich selber<note xml:id="n53">«sich selber»:
        schweizerisch für «es selber».</note> sein muss und unter keinen Umständen sich selber los
       werden kann. Homo homini Deus:<note xml:id="n54">«<foreign xml:lang="lat">Homo homini deus est, si suum officium
        sciat</foreign>»: Vers von <persName ref="kbga-actors-10452">Caecilius Statius</persName> (um 220–168
        v. Chr.), überliefert bei <persName ref="kbga-actors-10453">Symmachus</persName>, ep. 9,
        114,1 (<bibl corresp="kbga-bibls-5186">A. Otto, <hi rend="italic">Die Sprichwörter
         und sprichwörtlichen Redensarten der Römer</hi>, Leipzig 1890, S. 109</bibl>). Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-5187"><persName ref="kbga-actors-550">L. Feuerbach</persName>, <hi rend="italic">Das Wesen des
         Christentums</hi>, Sämtliche Werke, Bd. 6, hrsg. von W. Bolin, Stuttgart / Bad Cannstatt
         1960<hi rend="sup">2</hi>, S. 100</bibl>: «Das Bewußtsein der Welt ist also für das Ich vermittelt
        durch das Bewußtsein des Du. So ist <hi rend="italic">der Mensch der Gott des
         Menschen.»</hi></note> jetzt Einer dem Anderen – oft vielen Anderen! –, jetzt so, dass ein
       Jeder sich selber sein göttlicher Cäsar, Held oder Führer ist. Welche nun wirklich
       schlechthinigen <term key="Mensch, schlechthinnige Abhängigkeit">Abhängigkeiten</term>!<note xml:id="n55">Anspielung auf die berühmte Bestimmung der Frömmigkeit als «schlechthiniges
        Abhängigkeitsgefühl» bei <bibl corresp="kbga-bibls-448"><persName ref="kbga-actors-360">Fr. D. E.
        Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der
         evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt. Zweite Auflage (1830/31)</hi>, Teilbd.
        1, Kritische Gesamtausgabe, Abt. 1, Bd. 13/1, hrsg. von R. Schäfer, Berlin 2003, S. 34–38
        (§ 4,2f.)</bibl>.</note> Und hinter und über diesen (als ihr «Woher»!<note xml:id="n56"><bibl corresp="kbga-bibls-448">A.a.O., S. 39 (§ 4,4)</bibl>.</note>): welche weiteren Myriaden von höchst real wirksamen
       Gottheiten! |</p>
     <!-- </div><div type="ditigal_division"> -->
      
      <p><pb xml:id="p058" ed="pga" rend="noPipe"/> So lebt der Mensch: unter so viel verschiedenen, so viel sich teils kreuzenden und
       widersprechenden, teils gegenseitig bestätigen<pb ed="A" n="644" break="no"/>den und ergänzenden, aber
       alle in ihrer Weise unentrinnbaren und mit oder ohne Phantasie und Poesie <hi rend="italic">als herrschend erkennbaren</hi> Zwängen, im Bereich von so viel <term key="Götter, Vielheit">Göttern</term>! Denn unzweideutig das Wesen von <hi rend="italic">Göttern</hi> erfüllen doch die unsichtbaren Entsprechungen, Ursprünge und Gründe aller
       dieser Zwänge, die nirgends als in ihren <hi rend="italic">Wirkungen</hi>, hier aber <hi rend="italic">unübersehlich</hi> nachweisbaren Objektivitäten hinter und über allen diesen
       subjektiven Nötigungen. Wo eine Gestalt geschöpflichen Daseins sich als in sich begründet und
       als Begründung alles übrigen, als erstlich und letztlich wertvoll, zuverlässig und maßgebend
       ausgibt und geltend macht, da haben wir es mit Göttern zu tun. Eben solche Gestalten, die das
       tun, bilden aber durchweg die Entsprechungen, Ursprünge und Gründe der menschlichen Praxis
       ebensowohl wie der menschlichen Theorie. Eben in diesen Gestalten haben wir also die
       Wirklichkeit der Götter: der fortwährend und auf der ganzen Linie <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">eingebildeten</term> und gerade so existenten
        <term key="Götter, Wirklichkeit">Götter</term> zu erkennen. Wir wiederholen: <hi rend="italic">nur</hi> in unserer Einbildung haben sie Wirklichkeit. Wir wiederholen aber
       auch das Andere: eben in unserer Einbildung <hi rend="italic">haben</hi> sie tatsächlich
       Wirklichkeit – und das in einer Weise, die alles Leugnen, auch wenn wir uns solches leisten
       wollten, zum Spott über uns selber macht. Der <persName ref="kbga-actors-313">Apostel</persName> leugnete sie nicht, sondern erkannte und bekannte: <foreign xml:lang="el-GR">εἰσὶν θεοὶ πολλοὶ καὶ κύριοι πολλοί</foreign> (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.8.5">1.Kor. 8,5</ref>).</p>
      </div>
<!-- nächste Seite - 3. "Möglichkeit von Göttern" -->
<div>
  
      <p rend="margin-top">Wir wenden uns drittens zu der Frage nach ihrer <term key="Götter, Möglichkeit"><hi rend="italic">Möglichkeit</hi></term>. Es ist klar, dass wir hier vor der eigentlichen
       Rätselfrage unseres ganzen Zusammenhangs stehen. Und es ist klar, dass wir erst von hier aus
       des Letzten werden ansichtig werden können, was dazu zu sagen sein wird: dass die Götter
       durch die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> widerlegt und überwunden werden. Warum sind sie es
       noch nicht? Warum nicht zum vornherein? Wie können sie überhaupt Götter <hi rend="italic">werden</hi> und <hi rend="italic">sein</hi>? <pb ed="A" n="645"/> Wie sind sie möglich?
       Alles spricht offenbar dagegen, dass sie möglich sind. Sind sie nicht Gott und sind sie keine
       Geschöpfe, dann sind sie offenbar nichts, dann kann auch ihre Möglichkeit nur nichtig sein,
       nur in ihrer Unmöglichkeit bestehen. Dieser Schluss ist zweifellos richtig. Er trifft ja auch
       mit dem zusammen, was wir aus Gottes Offenbarung über sie zu lernen haben. Wer an diese <pb xml:id="p059" ed="pga"/> glaubt, der erkennt eben damit die Unmöglichkeit aller Götter. Aber
       gerade die uns durch Gott selbst bezeugte Unmöglichkeit der Götter ist nun einmal keine
       abstrakte, sondern eine <hi rend="italic">konkrete</hi> Unmöglichkeit. Der allgemeine Satz,
       dass die Götter unmöglich sind, wäre ein leerer und falscher Satz, der als solcher sofort zu
       einer Bestreitung der Offenbarung <term ref="kbga-keywords-8">Gottes</term> werden müsste,
       aus der wir die Erkenntnis der Unmöglichkeit der Götter allein gewinnen können, in der wir
       aber zugleich auch das erkennen müssen, dass eben diese <pb ed="A" n="646"/> unmöglichen
       Götter im Handeln des Schöpfers mit seinem Geschöpf schlechterdings ernst genommen sind. Und
       wie ohnmächtig stünden wir mit einem solchen allgemeinen Satz vor dem, was uns als die
       Wirklichkeit der <term key="Götter, Wirklichkeit">Götter</term> begegnet ist: Mit einem
       «Verschwinde doch, wir haben ja aufgeklärt!»<note xml:id="n57"><bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust
          I</hi>, V, 4159 (Walpurgisnacht)</bibl>.</note> ist der unsichtbaren Welt jener Dominanten
       nun wirklich nicht beizukommen. Wenn Alles dagegen spricht, dass die Götter möglich sind, so
       spricht auch Alles dafür, dass sie eben in ihrer <hi rend="italic">konkret</hi> begründeten,
       realisierten und erkennbaren <term key="Götter, Unmöglichkeit"><hi rend="italic">Unmöglichkeit</hi></term> als solcher ihre besondere <term key="Götter, Möglichkeit"><hi rend="italic">Möglichkeit</hi></term> haben. Wir sagten schon: hier muss, entsprechend der
       hohen Befremdlichkeit der Sache, in einer höchst befremdlichen Richtung weiter gedacht
       werden; und wir haben, wenn wir dem Problem nicht ausweichen wollen, keine andere Wahl als
       die, dies nun zu tun.</p>
      <p> Zwischen Schöpfer und Geschöpf gibt es – vom <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>
       ernst genommen und auch vom Geschöpf nicht zu übersehen – ein in sich Unmögliches. Eine
       Gestalt dieses Unmöglichen sind die <term key="Götter, Unmöglichkeit">Götter</term>. Sie sind
       darum nicht der Schöpfer selbst und darum auch nicht seine Geschöpfe, weil sie gegen ihn
       streiten. Sie stehen aber darum in <hi rend="italic">Beziehung</hi> zum <hi rend="italic">Schöpfer</hi>, weil sie darin ihr Wesen haben, Versuche zu dessen zugleich mächtiger und
       ohnmächtiger Nachahmung zu sein. Und sie stehen darin in <hi rend="italic">Beziehung</hi> zum
        <hi rend="italic">Geschöpf</hi>, dass ihr Wesen in einer bestimmten verkehrten Aktion des
       Geschöpfs, nämlich in der Anmaßung besteht, in welcher dieses jenen <term key="Götter, Nachahmung Gottes">Nachahmungsversuch</term> unternimmt. Im Raum dieser
       Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf haben wir die Möglichkeit dieses Unmöglichen zu
       suchen. Hier bildet es sich; hier kommt es auf; hier steht es auf dem Plan; hier ist es
       wirksam. Hier, <hi rend="italic">in</hi> dieser Beziehung, muss es seinen Grund haben. Die <pb xml:id="p060" ed="pga"/> Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf als solche ist nicht sein
       Grund. Die Existenz der <term key="Götter, Vielheit">Götterwelt</term> ist nicht etwa ein
       notwendiges Produkt des Verhältnisses zwischen beiden. Es gibt <hi rend="italic">keine
        Rechtfertigung</hi> der <term key="Götter, keine Rechtfertigung">Götter</term>. Wir können
       und dürfen nur sagen, dass jenes Unmögliche hier, im <pb ed="A" n="647"/> Raum und Rahmen
       dieses Verhältnisses seinen Grund, hier seine <term key="Götter, Möglichkeit">Möglichkeit</term> hat. Im Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf als solchem, so wie es
       durch den Schöpfer gewollt, gesetzt und geordnet ist, ist nur die <term key="Götter, Unmöglichkeit">Unmöglichkeit</term> und nicht die Möglichkeit der Götterwelt
       begründet. In ihm ist nur ein Gott – der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> selbst
       – und sind nicht viele Götter, ist nur ein Herr und sind nicht viele Herren [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.8.4 1.Kor.8.6">1.Kor. 8,4–6</ref>]. Dieses
       Verhältnis beruht aber in seinem positiven Bestand auf einer göttlichen Wahl und
       Entscheidung. Es ist also von außen begrenzt durch das, <hi rend="italic">was Gott nicht
        wählte</hi>, sondern verwarf, durch ein von ihm nicht gewolltes, nicht gesetztes und nicht
       geordnetes Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf. Ein unwesenhaftes, unwirkliches,
       unmögliches Verhältnis, das Gott, indem er sein wesenhaftes, wirkliches, mögliches Verhältnis
       als Schöpfer zu seinem Geschöpf im Akt der Schöpfung begründete, <hi rend="italic">hinter
        sich</hi> ließ, das er eben in diesem Akte <hi rend="italic">verneint</hi> hat. |</p>
      <p> Von Gottes Schöpfungsakt her gesehen sind die Götter nur möglich in diesem unmöglichen
       Verhältnis: nur in dem <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term>, dem er das Geschöpf
       durch dessen Erschaffung entrissen hat. Hier sind die Götter in ihrem <term key="Götter, Unwesen">Unwesen</term> wesentlich, in ihrer Unwirklichkeit wirklich, in ihrer
       Unmöglichkeit möglich. Ihr ganzes Wesen und ihre ganze <term key="Götter, Wirklichkeit">Wirklichkeit</term> ist offenbar die klare Negation dessen, was Gott als Schöpfer gewollt
       und gewählt hat, und zeigt seinerseits die klaren Spuren der <term key="Götter, Verneinung">Negation</term>, von der es<note xml:id="n58">Die Formulierung des Satzes im Singular trotz
        doppeltem Subjekt ist an dieser Stelle auf die Streichung eines längeren, aufzählenden
        Satzteiles zurückzuführen, der das «Wesen» und die «Wirklichkeit» der Götter näher
        beschreibt und mit einem zusammenfassenden «das Alles» endet, auf das dann der
        stehengebliebene Rest des Satzes folgt.</note> durch Gottes faktisches, positives Wählen und
       Wollen betroffen ist. Anderswo als da, <hi rend="italic">wo Gott Nein sagt</hi>, indem er Ja
       sagte, können die Götter nicht sein. Eben <hi rend="italic">das sind</hi>
       <pb ed="A" n="648"/> die Götter, eben <hi rend="italic">das ist</hi> der «andere Gott» in
       seiner <term key="Götter, Einheit">Einheit</term> und <term key="Götter, Vielheit">Vielheit</term>, der Herr und die Herren außerhalb des Bereichs der göttlichen Wahl und
       Entscheidung: die Dominanten im Bereich eines Schöpfers, wie Gott <pb xml:id="p061" ed="pga"/>
       <hi rend="italic">nicht</hi> Schöpfer sein, und eines Geschöpfs, wie Gott es <hi rend="italic">nicht</hi> haben wollte. Von Gottes positivem Willen als <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> her gesehen sind sie wirklich das in sich <term key="Götter, Unmöglichkeit">Unmögliche</term>, Undenkbare, Unbeträchtliche, das eo ipso
       nicht Existierende und Unwirksame! Das ihm in keiner Weise Benachbarte, das ihn gewiss nicht
       Begrenzende, ihn nicht Hemmende, ihn nicht Störende, das für ihn zum vornherein und ein für
       allemal Erledigte!</p>
      <p> Wir können aber offenbar von Gottes Geschöpf her nicht ohne weiteres dasselbe sagen. Der
       Akt, durch den das Geschöpf ist, ist ja des Schöpfers und nicht des Geschöpfs eigener Akt. Es
       hat sich nicht selbst gewählt und gewollt. Es hat sich nicht selbst gesetzt und damit dem
        <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term> entrissen. So ist es jener Nachbarschaft und
       Begrenzung und der von dorther drohenden Hemmung und Störung jedenfalls nicht durch sich
       selbst entzogen. Für das Geschöpf als solches kann das, was Gott verneint und verworfen hat,
       nicht das in sich Unmögliche, Undenkbare, Unbeträchtliche, nicht das eo ipso nicht
       Existierende und Unwirksame sein. Es wäre nicht Geschöpf, sondern selber der Schöpfer, wenn
       es dem von Gott Verworfenen so gegenüberstehen und gegenübertreten könnte, wie Gott es kann
       und tut. Gott hätte dann nicht Himmel und Erde und den Menschen, er hätte dann einen zweiten
       Gott, so vollkommen wie er selbst, geschaffen. Die Schöpfung wäre dann identisch mit dem
       ewigen Zeugen des Sohnes durch den Vater und mit dem ewigen Ausgang des Geistes aus dem Vater
       und dem <term ref="kbga-keywords-70">Sohne</term>. Das Geschöpf ist aber das Geschöpf und
       nicht der Schöpfer und hat als solches die Souveränität dem Nichts ge<pb ed="A" n="649" break="no"/>genüber <hi rend="italic">nicht</hi>, die dem Schöpfer als solchem eigentümlich
       ist. Eben zu diesem nicht wie er selbst souveränen Wesen ist Gott in das Verhältnis des
       Schöpfers zum Geschöpf getreten. Und eben in dieser Ungleichheit zielt dieses Verhältnis auf
       den <term key="Bund"><hi rend="italic">Bund</hi></term> zwischen Gott und dem Menschen, ist
       es zum vornherein und in sich ein Verhältnis der <term ref="kbga-keywords-36"><hi rend="italic">Gnade</hi></term> des Mächtigen gegen das Schwache, des Vollkommenen gegen
       das Unvollkommene. Der eigentliche Sinn dieses Verhältnisses ist freilich die Erhebung des
       Geschöpfs zur Teilnahme an der Souveränität des Schöpfers, des Schwachen zur Mächtigkeit, des
       Unvollkommenen zur Vollkommenheit. In diesem Verhältnis soll es dazu kommen, dass das
       Geschöpf <hi rend="italic">auch</hi> wählt, was Gott wählt, und <hi rend="italic">auch</hi>
       will, was Gott will, dass es in das überlegene göttliche Ja und Nein des Schöpfers, das <pb xml:id="p062" ed="pga"/> es nicht <hi rend="italic">an</hi>stimmen kann, nachträglich <hi rend="italic">ein</hi>stimmt und also jene Nachbarschaft und Begrenzung, jene Hemmung und
       Störung nachträglich ebenso hinter sich lässt, wie Gott sie als sein Schöpfer ursprünglich
       hinter sich gelassen hat. In diesem Verhältnis soll es dazu kommen, dass jener ganze Gott
       negierende und von Gott negierte Bereich auch für das Geschöpf das in sich Unmögliche,
       Undenkbare, Unbeträchtliche, das eo ipso nicht Existierende und Unwirksame werde, dass im
       Bund mit Gott auch es als freier Herr über ihm stehe, und also dazu, dass die Götter auch vom
       Geschöpf her als schlechthin unmöglich erkennbar und erkannt werden. |</p>
      <p> Das ist es, was nach Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> die <hi rend="italic">Absicht</hi> seines <term key="Bund">Bundes</term> mit dem Menschen und damit
       auch die Absicht der <term key="Schöpfung, Absicht">Schöpfung</term> ist. Das ist es, was in
       Jesu Christi <term ref="kbga-keywords-393">Auferstehung</term> von den Toten in Vorwegnahme
       und Ankündigung des nahen Endes aller Dinge und des Anbruchs des Reichs der <term ref="kbga-keywords-434">Erlösung</term> schon Ereignis geworden ist. <pb ed="A" n="650"/> Es
       wird der Mensch, wie es in der Person und im Werk des fleischgewordenen Sohnes Gottes
       geschehen und wie es durch ihn zum Vorbild des errettenden Glaubens geworden ist, in der
       Vollendung des Bundes der <hi rend="italic">willige</hi> und <hi rend="italic">so</hi> der
        <hi rend="italic">wirkliche</hi> Partner und Gefährte seines <term key="Mensch, Partner Gottes">Schöpfers</term> werden. So wird es zu dessen Erhebung kommen.
       So wird das Geschöpf<note xml:id="n59">Tskr.: «es»; dort geht ein von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gestrichener Satz
        voraus, in dem vom Handeln Gottes mit seinem Geschöpf die Rede ist, so dass dort eindeutig
        ist, worauf sich das Pronomen bezieht, während nach der Streichung des Satzes das letzte in
        Frage kommende Subjekt «der Mensch» ist.</note> mit Gott triumphieren über das drohende
        <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term>. So wird es geschehen, dass dessen Drohung auch
       am Geschöpf zerschellen und sich auflösen wird. So wird es zur Existenz eines neuen <term key="Mensch, neuer M.">Menschen</term>, eines neuen, aller Anfechtung schlechthin
       entrückten, in seiner ganzen Geschöpflichkeit mit Gott und in der Art Gottes existierenden
       Geschöpfs kommen. Aber diese <hi rend="italic">Erhebung und Erneuerung des Geschöpfs</hi> im
        <hi rend="italic">vollendeten Bund</hi> ist <hi rend="italic">Eines</hi>: in der
       Auferstehung Jesu Christi von den <term ref="kbga-keywords-393">Toten</term>, in ihm als dem
       Haupt, um deswillen Gott den Menschen und alle Kreatur geschaffen, ist sie schon geschehen,
       in ihm auch zu sehen, im Glauben an ihn und in der Hoffnung auf ihn zu ergreifen. Das <hi rend="italic">Andere</hi> aber ist der <hi rend="italic">Weg</hi>, den der Mensch und alle
       Kreatur mit ihm <hi rend="italic">dieser Erhebung und Erneuerung entgegen</hi> zu gehen
        haben. <pb ed="A" n="651"/> Ob seine Erweckung und sein Aufruf zu freiem Gehor<pb xml:id="p063" ed="pga" break="no"/>sam schon geschehen oder noch nicht geschehen, ob dieser
       freie <term key="Mensch, Gehorsam">Gehorsam</term> schon stattgefunden oder noch nicht
       stattgefunden hat? Daran hängt alles. Es hängt alles an seiner völligen und also auch <hi rend="italic">willigen</hi> und eben so <hi rend="italic">wirklichen Teilnahme</hi> an
       Gottes Gnadenbund. |</p>
      <p>Wenn sie aber ausbleibt? Wenn das Geschöpf also gerade den Sinn und das Ziel seiner
       Geschöpflichkeit verfehlt? Wenn es nur <hi rend="italic">ist</hi> und nun doch nicht <hi rend="italic">in dem Bunde</hi> ist, um dessentwillen es ist? Wenn dieser Bund für das
       Geschöpf nun umsonst geschlossen ist, weil und sofern es meint, sich ihm versagen und
       entziehen zu können, weil es sich nicht hält an den, von dem es gehalten ist? Wenn nun Gott
       wohl mit ihm, es selber aber nicht mit Gott handeln will? Wenn also der Kreislauf des
       göttlichen Handelns von ihm her durchbrochen und zerrissen wird? Dann wird es sich offenbar
       notwendig zeigen, was es mit jener <hi rend="italic">Gefährdung</hi> seiner Geschöpflichkeit,
       mit der Schwäche und Unvollkommenheit auf sich hat, die es von Gott unterscheidet: dann
       bricht eben damit der Damm, der es vor dem drohenden <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term> schützen könnte und müsste: was ausgeschlossen da draußen verbleiben sollte
       auf Grund der in der Schöpfung Gottes gefallenen negativen Entscheidung, das kommt jetzt
       herein. Es kommt jetzt, da ja das Verhältnis von <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>
       und Geschöpf als solches nicht aufgehoben und zerstört werden kann, zu dessen Verwandlung in
       eine fremdartige Gestalt. Es entsteht jetzt der <hi rend="italic">Raum</hi> für einen «<hi rend="italic">anderen Gott</hi>» und damit für das ganze Heer der anderen <term key="Götter, Vielheit">Götter</term>: für ihre Wirksamkeit, für ihre Herrschaft, für die
       ganze unabsehbare Abhängigkeit und Knechtung des im <term key="Bund">Bund</term> mit Gott im
       geschlossenen Kreislauf des göttlichen Handelns freien Geschöpfes. Das ist die Möglichkeit
       der <pb ed="A" n="652"/> Götter. So kommen sie in ihrer ganzen <term key="Götter, Unmöglichkeit">Unmöglichkeit</term> von außen herein in das Verhältnis von
       Schöpfer und Geschöpf. So können sie gerade da Grund fassen, wo sie wahrhaftig in keiner
       Weise begründet sind. – Aber die Sache ist wichtig genug, dass wir sie näher und im Einzelnen
       betrachten und klären müssen.</p>
      <p> Die Möglichkeit der <term key="Götter, Möglichkeit">Götter</term> ist, allgemein gesagt,
       eine <hi rend="italic">menschliche</hi> Angelegenheit. Der Bund der <term key="Bund, Gnadenbund">Gnade</term>, in welchem die Götter widerlegt und <term key="Götter, Verneinung">überwunden</term> werden, ist der Bund, den Gott in und mit der
       Schöpfung mit dem Menschen geschlossen hat. Denn es besteht die Vollendung dieses Bundes und
       also der Sinn und das Ziel der <term key="Schöpfung, Absicht">Schöpfung</term> darin, dass
       Gottes eigener Sohn Mensch geworden ist. Gottes <pb xml:id="p064" ed="pga"/> Schöpfung ist
       freilich nicht nur die Schöpfung des Menschen. Aber eben den Menschen und direkt nur ihn hat
       Gott zum Genossen und Partner seines <term key="Bund">Bundes</term> geschaffen. Denn eben den
        <term ref="kbga-keywords-1263"><hi rend="italic">Menschen</hi>sohn</term> hat er in seinem
       eigenen Sohn zur Einheit des Seins mit sich selber, und in dem einen Menschensohn hat er alle
        <hi rend="italic">Menschen</hi> zur Gemeinschaft in seinem göttlichen Leben berufen. Was er
       außer und neben dem Menschen geschaffen, das sind des Menschen <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Mitgeschöpfe</term>: mit dem Menschen, durch ihn und in ihm
       zur Verwirklichung des Sinnes und Ziels des Ganzen bestimmt. Der Mensch und direkt nur der
       Mensch ist Gottes <term key="Mensch, Partner Gottes">Gefährte</term> auf dem Wege, der dahin
       führt. Der Mensch und direkt nur der Mensch ist Gottes geschöpfliches <term key="Mensch, imago dei">Bild</term>, auf das die ganze Schöpfung angelegt ist und als das
       sie sich in der endlichen Erhebung und Erneuerung des Geschöpfs, wie sie in Jesus Christus
       schon geschehen ist, herausstellen soll. Und so ist es eben der Mensch, in welchem das
       Verhältnis zwischen <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> und Geschöpf eine <hi rend="italic">Geschichte</hi> hat. Das ist es, was man von den anderen Geschöpfen so nicht
       oder eben nur indirekt, nur sofern sie des Menschen <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Mit<pb ed="A" n="653" break="no"/>geschöpfe</term> sind, sagen kann. Es ist nämlich der
       Mensch das Geschöpf, an das eben damit, dass es des Schöpfers Geschöpf <hi rend="italic">ist</hi>, auch die <hi rend="italic">Frage</hi> gestellt ist, ob es den Schöpfer als
       solchen <hi rend="italic">erkennen</hi> und <hi rend="italic">anerkennen</hi> und ob es in
       der eben damit aufgerichteten Ordnung <hi rend="italic">existieren</hi> will. Es ist der
       Mensch, dem gewissermaßen am Tor der ganzen Geschöpfwelt die <hi rend="italic">Wache</hi>
       übertragen ist, die jedem anderen als dem Schöpfer und dem Geschöpf den Eintritt in diesen
       Bereich zu verweigern, die diesen Eintritt nur dem wirklichen Schöpfer und nur dem wirklichen
       Geschöpf und also beiden nur in der ihrer Wirklichkeit entsprechenden Über- und Unterordnung
       zu gewähren hat. Es ist der Mensch, der darum wissen muss, dass zwischen Schöpfer und
       Geschöpf kein Drittes ist, der als <hi rend="italic">der</hi> Erwählte inmitten der erwählten
       Geschöpfwelt Gottes <term ref="kbga-keywords-1077">Erwählung</term> als solche, die schon mit
       ihrer Erschaffung gefallene <hi rend="italic">göttliche Entscheidung</hi>, das mit ihrer
       Existenz gesprochene Ja und Nein, die mit ihrem Sein vollzogene göttliche Scheidung zwischen
       Sein und Nichtsein, den in ihrer Güte offenbarten göttlichen Entschluss und Richterspruch
       über Gut und Böse zu <hi rend="italic">bestätigen</hi> berufen ist. Es ist der Mensch, der
       den Schöpfer darum zu loben hat, weil er das Geschöpf mit seiner Erschaffung dem <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term> und dem <term ref="kbga-keywords-174">Bösen</term>
       entrissen hat. Denn es ist der Mensch, der es erkennen darf, dass Got<pb xml:id="p065" ed="pga" break="no"/>tes Geschöpf <hi rend="italic">ist</hi> und <hi rend="italic">recht</hi> ist, so wie es ist. Es ist aber auch der Mensch, der den Schöpfer deshalb zu
       fürchten hat, weil das Geschöpf nur durch seinen Willen, nur durch seine weise und mächtige
       Erwählung dem Nichts und dem Bösen entrissen und über diesem Abgrund gehalten, weil es nur
       durch ihn sein und recht sein kann. Denn es ist der Mensch, der es erkennen muss, dass der
       Schöpfer allein das Richteramt und die Hoheit hat über Sein und Nichtsein, Gut und Böse. Es
       ist also der Mensch die Person, in der das Geschöpf dem Schöpfer <term key="Mensch, Verantwortung"><hi rend="italic">verantwortlich</hi></term> ist entsprechend
       der Verantwortlichkeit, die der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> seinerseits für
       das Geschöpf übernommen hat. Es ist der Mensch, in dessen Person das Geschöpf von Gott
       gehalten und bewahrt wird, dem es aber auch aufgetragen ist, in seiner <pb ed="A" n="654"/>
       Person darum besorgt zu sein, dass das Geschöpf sich seinerseits an den halte, von dem es
       gehalten ist. So ist es wiederum der Mensch, der der <term ref="kbga-keywords-176"><hi rend="italic">Versuchung</hi></term> von Seiten der durch Gottes Wahl und Werk
       ausgeschlossenen Welt der <term key="Nichts / Nichtiges">Nichtigkeit</term> und der <term ref="kbga-keywords-174">Bosheit</term> inmitten des übrigen Geschöpfs direkt, gewissermaßen
       Auge in Auge gegenübergestellt ist, der, indem er mit Gott Ja sagen darf, auch mit Gott Nein
       zu sagen bestimmt ist – und wiederum der Mensch, der eben bei dieser Aufgabe das ganze
       Gewicht der Tatsache zu spüren bekommt, dass auch er nur Geschöpf und also der <term ref="kbga-keywords-1244">Souveränität</term> nicht teilhaftig ist, in der Gott sein Ja und
       sein Nein gesprochen hat.</p>
      <p>Sollte es <hi rend="italic">zu viel</hi> sein, was von ihm erwartet ist? Ist Gott
       ungerecht, wenn er von ihm fordert, was doch nur er selbst leisten kann? Wird die Schwäche
       und Unvollkommenheit seiner Geschöpflichkeit seine Entschuldigung und wohl gar Rechtfertigung
       sein, wenn er versagen sollte? Man würde das doch nur dann sagen können, wenn man das
       göttliche <hi rend="italic">Zutrauen</hi> vergäße, das ihm diese seine außerordentliche
       Stellung in der Geschöpfwelt zugewiesen hat und durch das er in der Ausübung seines
       Wächteramts wahrhaftig nicht belastet, sondern getragen ist. Man müsste Gottes <term ref="kbga-keywords-36"><hi rend="italic">Gnade</hi></term> vergessen, die inmitten der
       ganzen übrigen Geschöpfwelt gerade dem Menschen und gerade in seiner Person der ganzen
       übrigen Geschöpfwelt zugewendet ist. Man müsste vergessen, dass doch gerade der Mensch als
       Gottes in und mit seiner Erschaffung erwählter <term key="Mensch, Bundesgenosse">Bundesgenosse</term> von Gott gehalten, und zwar unerschütterlich gehalten ist. Was ihm
       Gott versagt hat, das hat er ihm wahrhaftig gerade in seiner <term ref="kbga-keywords-186">Güte</term> versagt: er hat es <pb ed="A" n="655"/> ihm <pb xml:id="p066" ed="pga"/>
       tatsächlich <hi rend="italic">versagt, selber Gott zu sein</hi> und also in göttlicher <term ref="kbga-keywords-1244">Souveränität</term> und <term key="Gott, Originalität">Originalität</term> jene Wahl und <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term> zu
       vollziehen, d. h. aber seiner Aufgabe zum vornherein und ein für allemal los und ledig zu
       sein. Und er hat ihm tatsächlich auch dies <hi rend="italic">versagt, als Geschöpf unfrei und
         <term key="Mensch, frei und verantwortlich">unverantwortlich</term></hi>
       <hi rend="italic">zu sein</hi>, seine Übereinstimmung mit ihm, dem Schöpfer, in bloß
       mechanischer Notwendigkeit zu vollziehen. Beides bietet keinen Anlass zur Klage, keinen
       Anlass zu etwas Anderem als zur <term ref="kbga-keywords-1458">Freude</term> an dem, wozu
       gerade er mit seiner Erschaffung bestimmt und berufen ist. So braucht sich gerade der Mensch
       nur zu freuen und in dieser Freude zu tun, was zu tun ist. So hängt nun aber wirklich Alles
       daran, dass der Mensch das wirklich tue: dass er sich also an Gott halte, von dem er gehalten
       ist, und indem er sich an ihn hält, mit ihm Ja und Nein sage, dorthin sehe, wo der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> hinsieht, und dort nicht hinsehe, wo der Schöpfer
       nicht hinsieht, dass er das etwas sein und recht sein lasse, was durch seinen Willen ist und
       recht ist, und dass er das in seiner Nichtigkeit und Bosheit auf sich beruhen lasse, was
       wieder durch seinen Willen als <term key="Nichts / Nichtiges">nichtig</term> und <term ref="kbga-keywords-174">böse</term> abgetan <pb ed="A" n="656"/> und erledigt ist. Von diesem
       freudigen Tun gibt es allerdings keinen Dispens. In ihm muss das konkrete Verhältnis zwischen
       Schöpfer und Geschöpf zu seinem Ziele kommen: gerade weil es die Liebe Gottes ist, die dieses
       Tun des Menschen unvermeidlich macht: unvermeidlich in der von Gott positiv gewollten und
       begründeten Ordnung der Dinge, unvermeidlich auf der Linie der erkannten Liebe <term ref="kbga-keywords-37">Gottes</term>, unvermeidlich, wenn man von der Auferstehung Jesu
        <term ref="kbga-keywords-393">Christi</term> aus nach vorwärts und rückwärts blickt,
       unvermeidlich, wenn das Tun des Menschen in der <term key="Mensch, Verantwortung">Verantwortlichkeit</term> geschieht, die der von Gott für sein Geschöpf übernommenen
       Verantwortlichkeit entsprechend ist.</p>
      <p>Wenn nun gerade der Mensch <hi rend="italic">versagt</hi> und also offenbar versagen <hi rend="italic">kann</hi>, so werden wir uns hüten müssen, diesem Geschehen oder auch nur
       diesem Geschehenkönnen einen positiven Charakter beizulegen. Dass der Mensch mit seinem
       Versagen und Versagenkönnen der Hand des ihn haltenden Gottes weder entfällt noch entfallen
       kann, dass kein Unterbruch jenes Kreislaufes den Abbruch des göttlichen Handelns bedeutet
       oder auch nur bedeuten kann, dass das Werk der Liebe <term ref="kbga-keywords-37">Gottes</term> nicht still steht, wenn an die Stelle des freien Gehorsams des Menschen
       dessen Ungehorsam tritt, das ist wahr. Es ändert doch nichts <pb xml:id="p067" ed="pga"/> daran, dass des Menschen <term ref="kbga-keywords-785">Ungehorsam</term> und schon dessen
       Möglichkeit mit dem positiven Willen Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term>
       nichts zu tun hat. Es ist die dem Menschen ge<pb ed="A" n="657" break="no"/>gebene <term ref="kbga-keywords-1094">Entscheidungsfreiheit</term> eine zu hohe und heilige Sache, als
       dass man sie als zweiseitige und also als Freiheit zum Gehorsam <hi rend="italic">oder</hi>
       zum Ungehorsam verstehen dürfte. Das <hi rend="italic">freie</hi> Geschöpf <term key="Mensch, freies Geschöpf Gottes">Gottes</term> kann nur frei <hi rend="italic">gehorchen</hi>. Gehorcht es nicht, dann hat es seine Freiheit nicht betätigt, sondern <hi rend="italic">verleugnet</hi>. Es ist dann gerade seiner Menschlichkeit nicht getreu,
       sondern <hi rend="italic">ungetreu</hi>. Es ist also durchaus nicht menschlich, es ist nicht
       einmal geschöpflich, wenn der Mensch seiner Bestimmung gegenüber versagt. Als Mensch und
       Geschöpf, so wie er von Gott positiv gewollt, gewählt und gesetzt ist, <hi rend="italic">kann</hi> er gerade etwas Anderes <hi rend="italic">nicht</hi> wollen als die treue
       Erfüllung seines <term key="Mensch, Wächteramt">Wächteramtes</term>. Versagt er sich und kann
       er sich versagen, dann ist dieses Geschehen, dann ist schon dieses Geschehen<hi rend="italic">können</hi> nur als der Dammbruch zu verstehen, in welchem in seine Existenz, sein Denken,
       Wollen, Fühlen und Handeln von außen hereinbricht, was ihm als dem freien Geschöpf <term key="Mensch, freies Geschöpf Gottes">Gottes</term> schlechterdings <hi rend="italic">fremd</hi> ist, was Gott ihm bei seiner Erschaffung nicht zugedacht, sondern abgesprochen
       hat, was er in keiner Weise auf Grund seiner Geschöpflichkeit rechtfertigen oder auch nur
       entschuldigen kann, was schlechterdings gegen ihn spricht, was nur als die Verkehrung seines
        <term ref="kbga-keywords-64">Wesens</term> verstanden werden kann.</p>
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        <!-- nächste Seite - "Sünde" -->
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      <p> Wir setzen hier voraus, dass das in der Geschichte des Menschen mit Gott tatsächlich
       Ereignis wird. Der Mensch hält sich eben nicht an Gott, wie er von ihm gehalten ist. Er freut
       sich nicht, wie er es dürfte und müsste. Er nimmt die Stelle nicht ein, die ihm inmitten der
       Geschöpfwelt als ihrem Vertreter vor Gott und als Gottes <term key="Mensch, Vertreter Gottes">Vertreter</term> ihr gegenüber zugewiesen ist, sondern er tritt <hi rend="italic">neben</hi> diese Stelle: er <term ref="kbga-keywords-64">sündigt</term>. Das Verhältnis
       zwischen dem <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> und ihm, zwischen dem Schöpfer und
       dem Geschöpf überhaupt wird dadurch kein anderes: es aufzu<pb ed="A" n="658" break="no"/>heben und durch ein anderes zu ersetzen, dazu hat der Mensch keine Macht. Er hat überhaupt
       keine Macht, indem er sündigt; er erliegt und verfällt aber einer Macht, indem er das tut.
       Gott loslassend ist er schon ergriffen und besessen von dem, was Gott verneint und verworfen
       hat, ist er schon unter die Herrschaft der von Gott ausgeschlossenen <term key="Nichts / Nichtiges">Nichtigkeit</term> und <term ref="kbga-keywords-174">Bosheit</term>
       geraten. Indem Gott seine Untreue nicht mit Untreue vergilt, indem Gott seinerseits ihn <pb xml:id="p068" ed="pga"/> also nicht loslässt, ist gesorgt dafür, dass sie eine absolute
       Herrschaft nicht über ihn gewinnen kann: es wird nicht wahr und wird nie wahr werden, dass er
       der Nichtigkeit und Bosheit gehört. Das Geschöpf<note xml:id="n60">Tskr.: «Es»; dort geht ein
        von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gestrichener Satz voraus, an dessen
        Schluss es heißt: «[…], wenn irgendein Geschöpf nun wirklich […] nicht mehr Gott gehören
        sollte», so dass dort eindeutig ist, worauf sich das Pronomen bezieht, während nach der
        Streichung des Satzes das letzte in Frage kommende Subjekt «der Mensch» bzw. «er»
        ist.</note> kann aber, indem es Gott zu gehören und unter seiner absoluten Herrschaft zu
       stehen nicht aufhört, ein vom Nichts <hi rend="italic">ergriffenes, besessenes</hi> und <hi rend="italic">bestimmtes</hi> Geschöpf werden. Und eben das ist die klare Folge der Sünde:
       dass <hi rend="italic">die Ordnung der Geschöpfwelt</hi> gerade an <hi rend="italic">der</hi>
       Stelle, wo sie zu ihrem <hi rend="italic">Ziel</hi> kommen sollte, <hi rend="italic">gestört</hi> ist durch die Existenz eines Geschöpfs, das, statt in <term ref="kbga-keywords-1094">Freiheit</term> dem Schöpfer seinen hervorgehobenen Dienst zu
       leisten, dem Nichts verfallen und verpflichtet, ein Sklave dessen geworden ist, was der
       Schöpfer als <term key="Nichts / Nichtiges">Nichtigkeit</term> und <term ref="kbga-keywords-174">Bosheit</term> erkannt, verneint und verworfen und darum vom Wesen
       und von der Existenz der Geschöpfwelt abgesondert und ausgeschlossen hat. Es wird der <term key="Mensch, Wächteramt">Wächter</term> dieser Geschöpfwelt zu ihrem Verräter, der ihrem
       Feind das Tor öffnet, das ihm hermetisch verschlossen bleiben sollte. Und eben das ist’s, was
       in des Menschen <term ref="kbga-keywords-64">Abfall</term> von Gott geschehen ist und immer
       wieder geschieht.</p>
      <p><pb ed="A" n="659"/> Indem der Mensch sich nicht an Gott hält, wie er von Gott gehalten ist, wird die durch das
       positive Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf ausgeschlossene Verkehrtheit <hi rend="italic">zuerst</hi>, entscheidend und alles Weitere umfassend und begründend <hi rend="italic">seine</hi>, des Menschen <term ref="kbga-keywords-1494"><hi rend="italic">Verkehrtheit</hi></term>. Zuerst sich selbst unterstellt er damit, dass er sich der
       Herrschaft des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> entzieht, automatisch der
       Herrschaft des «anderen <term key="Götter, Einheit">Gottes»</term> und damit in nuce der
       Herrschaft der Legionen all der anderen <term key="Götter, Vielheit">Götter</term>. Zwischen
       Gott und dem Nichts, Gott und der Verkehrtheit, Gott und den Göttern ist eben kein Drittes.
       Das Geschöpf, das die Souveränität <term ref="kbga-keywords-1244">Gottes</term> nicht hat,
       dessen Freiheit nur darin besteht, dass es sich an Gott halten kann, hat sich eben damit,
       dass es das nicht tut, bereits an das <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term>, an die
       Verkehrtheit, an die Götter gehalten und also sich ihnen ausgeliefert. Es ist damit, dass es
       von der Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> den Gebrauch nicht macht, den es von
       ihr machen dürfte, des einzigen Schutzes beraubt, dessen es gegenüber dem für jedes Wesen
       außer <pb xml:id="p069" ed="pga"/> Gott unwiderstehlichen Druck der durch des Schöpfers Wahl
       und Entscheidung zurückgedrängten Gewalten teilhaftig war. Es hat damit, dass es unterließ,
       im Gehorsam und eben damit wirklich frei zu bleiben, diese Gewalten hereingerufen, jene
       Dazwischenkunft möglich gemacht. Eben was nicht sein kann, das <hi rend="italic">ist</hi> –
       das <hi rend="italic">kann</hi> also sein, das kann also im Bereich des Geschöpfs Gestalt
       gewinnen, indem dieses der unbeweglichen Wahl und Treue <term key="Gott, Treue">Gottes</term>
       die Dankbarkeit versagt. Eben dieses Versagen rächt sich sofort darin, dass ihm jetzt – jetzt
       erst! – seine <pb ed="A" n="660"/> geschöpfliche Schwachheit zum Fluch und zum <term key="Mensch, Fluch und Verhängnis">Verhängnis</term> wird. Sie war seine Stärke, sofern und
       solange es sich in <term ref="kbga-keywords-1684">Dankbarkeit</term> an Gottes Gnade hielt,
       solange und sofern es sich Gottes tröstete und freute, wie es der ihm gegebenen <term ref="kbga-keywords-1094">Freiheit</term> entsprechend war. Sie kann nur noch Schwachheit
       sein, sie kann ihm nur noch Fluch und Verhängnis bedeuten, indem [es] seine Dankbarkeit und
        <term key="Mensch, Freude">Freude</term> versagt, indem es eben damit aus der
       Übereinstimmung mit der unbeweglichen Wahl und Treue seines Schöpfers heraustritt. Die
       Grenze, die es damit überschreitet, ist die Grenze des Reiches des <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term>, der Verkehrtheit, der <term key="Götter, Verkehrtheit">Götter</term>. Denn außerhalb der unbeweglichen Wahl und Treue
       Gottes ist nur dieses von ihm verworfene und verneinte Reich. Und außerhalb der
       Übereinstimmung mit Gottes Wahl und Treue gibt es für das Geschöpf nur die Übereinstimmung
       mit den Gewalten dieses Reiches. |</p>
      <p>Es ist aber eben der <hi rend="italic">Mensch</hi>, in dessen Person sich das Geschöpf in
       die fatale Übereinstimmung mit den Gewalten dieses Reiches begeben hat. Es ist der Mensch,
       der ihnen zunächst in seiner eigenen Geschöpflichkeit untertan geworden ist: ohne dass er
       damit der Herrschaft Gottes als der allein möglichen und wirklichen Herrschaft entfallen und
       sich entziehen konnte – wohl aber so, dass gerade er zu dieser allein möglichen und
       wirklichen Herrschaft in <hi rend="italic">Widerspruch</hi> geriet, so also, dass diese
       Herrschaft jetzt gerade ihm zur <hi rend="italic">Anklage</hi> und zum <term ref="kbga-keywords-387"><hi rend="italic">Gericht</hi></term> werden musste – so also, dass
       gerade er (im Raum der unbeweglichen Wahl und <term key="Gott, Treue">Treue</term>, im Raum
       der souveränen Herrschaft <term ref="kbga-keywords-1244">Gottes</term>) an das willkürliche
       Wollen, an die Untreue, an die ohnmächtige <term key="Götter, Macht">Macht</term> und
       mächtige <term key="Götter, Ohnmacht">Ohnmacht</term> der von Gott verworfenen und verneinten
        <term key="Götter, Verneinung">Welt</term> und ihrer Gewalten und also an die Götter
       preisgegeben wurde. Nicht umsonst haben wir bei der Schilderung der Wirklichkeit der <term key="Götter, Wirklichkeit">Götter</term> dauernd <pb ed="A" n="661"/> vom <hi rend="italic">Menschen</hi>: vom Bereich <hi rend="italic">seiner</hi>
       <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">Einbil<pb xml:id="p070" ed="pga" break="no"/>dung</term>, von <hi rend="italic">seiner</hi> Theorie und von <hi rend="italic">seiner</hi>
       <term key="Theorie und Praxis">Praxis</term>, von <hi rend="italic">seiner</hi> Konzeption
       der Natur- und der <term key="Natur und Geist">Geisteswelt</term>, von <hi rend="italic">seiner</hi> normalen und abnormalen <term key="Geisteskrankheit">Geistigkeit</term>, von
       den primitiven Bedingungen <hi rend="italic">seiner</hi> Existenz reden müssen. <hi rend="italic">Er zuerst</hi> ist so dran, dass er sich über sich selbst und seine Umwelt,
       über den ganzen Bestand der natürlichen und geistigen Schöpfung gar nicht Rechenschaft geben,
       dass er gar nicht reflektieren, denken, philosophieren, gar keine Selbstbetrachtung
       vollziehen und gar keine <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> sich bilden, dass
       er aber auch ohne alle Reflexion gar nicht existieren kann, <hi rend="italic">ohne</hi>
       alsbald auf die in sich so unsinnige und widerspruchsvolle Realität der <term key="Götter, Wirklichkeit"><hi rend="italic">Götter</hi></term> zu stoßen, ohne genötigt zu
       sein, sie, wenn er ehrlich ist, einfach anerkennen zu müssen. Er zuerst gleicht wohl einem
       wilden Tier, das nur in seinem Käfig ruhelos auf- und abwandern kann, das wohl zwischen den
       Wänden und Gittern vorn und hinten, links und rechts, sonst aber keine Wahl- und
       Bewegungsfreiheit hat. Er zuerst ist der Gefangene und Untertan der Götter, nachdem er sich –
       seine ihn schützende Bindung an den Schöpfer preisgebend – selber dazu gemacht und insofern
       von Gott an sie preisgegeben worden ist. Er zuerst kennt seine Geschöpflichkeit nur noch
       unter dieser Bestimmung.</p>
      <p>Man wird nach dem allem <pb ed="A" n="662"/> das Wesen der menschlichen <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> sicher nicht darin suchen dürfen, dass der Mensch statt
       Gott die Götter fürchtet, liebt und ehrt.<note xml:id="n61">Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-261">Martin Luthers</persName> Erklärung des ersten Gebots im Kleinen
        Katechismus: «Wir sollen Gott über alle Ding fürchten, lieben und ehren» (<bibl corresp="kbga-bibls-1595">BSLK, S. 507,42f.</bibl>).</note> Dass der Mensch das tut, das ist
       sein Fall: das ist das Sekundäre, damit geht er den Weg des Todes, der der Sünde Sold ist
       [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.23">Röm. 6,23</ref>]. Nicht dass er diesen Weg geht, ist die Sünde, sondern <hi rend="italic">die
        Sünde</hi>, nämlich jene Unterlassung: dass er sich nicht an Gott hält, wie er selbst von
       Gott gehalten ist, <hi rend="italic">ist es, die es notwendig macht, dass er diesen Weg gehen
        muss</hi>, weil dem Sünder nur dieser Weg offen steht. Nicht dass er fällt, ist seine Sünde,
       sondern dass er sich <hi rend="italic">fallen lässt</hi>. Er muss aber offenbar fallen, indem
       er sich fallen lässt. Dieses Primäre macht sofort jenes Sekundäre notwendig, stellt den
       Menschen sofort auf den Weg des Todes, auf dem er die Götter fürchtet, liebt und ehrt, auf
       dem er tut, wozu es einen in seiner Geschöpflichkeit liegenden positiven Grund und Anlass gar
       nicht geben kann, <pb xml:id="p071" ed="pga"/> auf dem er das in sich Undurchführbare
       unternimmt, die Götter für Gott zu halten. Eben dieses Widersinnige, seiner Geschöpflichkeit
       Widersprechende <hi rend="italic">muss</hi> er jetzt unternehmen: in solcher Radikalität
       sogar, dass er selber gar nicht mehr sein, seine Geschöpflichkeit gar nicht mehr anders
       ausleben und so auch nicht mehr anders deuten und verstehen kann als in diesem
       Selbstwiderspruch, in dieser <term ref="kbga-keywords-1494">Verkehrung</term>: so also, dass
       ihm gerade diese zur <hi rend="italic">Natur</hi> geworden ist. Es ist aber wirklich nichts
       Erstrebenswertes, nichts Verlockendes, nichts Positives in dieser notwendigen Verkehrung. Sie
       ist nur Befangenheit, nur Irrtum, nur Pein und Qual, nur der Weg des Todes. Wie sollte der
       Mensch ihn wählen und wollen können? Ihn wählt und will er tatsächlich gerade nicht, auf ihm
        <hi rend="italic">befindet</hi> er sich aber, ihn zu begehen wird sein Teil, was auf ihm zu
       erleiden ist, muss er, sich selber bestrafend, erleiden, indem er darin sündigt, dass er dem
       gnädigen Wählen und Wollen Gottes den <term ref="kbga-keywords-785">Gehorsam</term> und die
        <term ref="kbga-keywords-757">Nachfolge</term> verweigert, zu der er geschaffen ist. Aus
       diesem schlechthin <hi rend="italic">Unerklärlichen</hi> folgt das schlechthin <hi rend="italic">Widersinnige</hi> und <hi rend="italic">Widerspruchsvolle</hi> seiner Existenz
       im Bereich der <term key="Götter, Vielheit">Götter</term>.</p>
      <p>Aber nun ist er <pb ed="A" n="663"/> nicht umsonst <hi rend="italic">dieses</hi> Geschöpf,
       der <hi rend="italic">Mensch</hi>, und also das Wesen, in welchem das Verhältnis von Schöpfer
       und Geschöpf nicht nur Zustand, sondern Ereignis und Geschichte ist. Nun befindet sich gerade
       der Mensch nicht umsonst in jener Schlüsselstellung. Wie der Mensch ist, so ist auch seine
        <hi rend="italic">Umwelt</hi>. Wie dieses Geschöpf ist, so ist auch sein <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Mitgeschöpf</term>. Es ist gewiss nicht nur so, wie der Mensch
       ist. Es existiert gewiss zu seinem eigenen Heil und zum Heil auch des Menschen nicht nur in
       seiner Beziehung zu diesem, sondern auch in seiner eigenen Unmittelbarkeit zu Gott. Es gibt
       bei allem Zusammenhang zwischen dem Menschen und seinen Mitgeschöpfen sicher auch eine diesen
       eigene, vom Sein und Sosein des Menschen nicht berührte Freiheit, in welcher sie mit dem
       Menschen weder stehen noch fallen, in welcher sie, ohne mit ihm aufgerufen zu sein und
       gehorchen zu dürfen, ohne sich mit ihm zu freuen oder zu leiden, ohne mit ihm Licht oder
       Finsternis zu sein, von Gott gehalten sind. Es gibt ein vom Menschen unabhängiges Sein der
       Naturwelt. Es gibt aber in Gestalt der <term ref="kbga-keywords-977">Engel</term> auch eine
       vom Menschen ebenso unabhängige geistige Welt. Das Alles ändert aber nichts daran, dass die
       den Menschen sichtbar und unsichtbar umgebende Kreatur jedenfalls <pb xml:id="p072" ed="pga"/>
       <hi rend="italic">auch</hi> und unter diesem besonderen Aspekt dann sogar <hi rend="italic">ganz</hi> mit ihm, seinem Sein und Sosein in Zusammenhang steht. Sie existiert <hi rend="italic">nicht nur</hi> in des Menschen Einbildung. Sie existiert aber <hi rend="italic">auch</hi>, und zwar <hi rend="italic">ganz</hi> auch in des Menschen
       Einbildung. Das will sagen: sie ist, ihrer Freiheit vor Gott und in Gottes Hand unbeschadet,
       auch ganz und gar <hi rend="italic">das</hi>, was sie in dem <hi rend="italic">Bilde</hi>
       ist, in welchem sie für des <hi rend="italic">Menschen</hi> Wahrnehmen, Fühlen und
       verknüpfendes Nachdenken vorhanden ist. Sie ist in diesem Bild auch ganz und gar mit dem
       Menschen, zu ihm hin und von ihm her. Und so gewiss der Mensch, in dessen Bild sie ist,
       wirklich ist, so gewiss ist sie <hi rend="italic">auch</hi> – nicht allein, aber auch! – <hi rend="italic">wirklich</hi> als das, was sie in diesem <hi rend="italic">Bil</hi><pb ed="A" n="664"/><hi rend="italic">de</hi> ist, <hi rend="italic">auch</hi> wirklich als das, was sie für den
       Menschen ist, <hi rend="italic">auch</hi> wirklich als das durch ihn bedingte Mitgeschöpf.
       Eben von daher ist nun aber auch der Einbruch des <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term>, der <term key="Götter, Verkehrung">Verkehrung</term>, der Herrschaft der
       Götter eine Sache, die nicht nur die Geschöpflichkeit des Menschen, sondern wegen der
       besonderen Stellung und Funktion des Menschen die ganze Geschöpfwelt angeht.</p>
    </div>
    <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Dass dieser Einbruch die Herrschaft Gottes wirklich nicht antasten und erschüttern, dass er
       nur innerhalb ihres nicht zu zerstörenden und nicht zu begrenzenden Bereichs ein Reich des
       Widerspruchs aufrichten kann, das zeigt sich eben darin, dass die übrige <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term> dem Menschen gegenüber auch ganz frei
       bleibt, von Gott gehalten in ihrer Unverantwortlichkeit ihr Wesen hat und ihren Gang geht,
       als wäre nichts <term key="«als wäre nichts geschehen»">geschehen</term>,<note xml:id="n62">Die Formel «als wäre nichts geschehen» war berühmt geworden durch ihre programmatische
        Verwendung auf der ersten Seite von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Streitschrift <bibl corresp="kbga-bibls-397"><hi rend="italic">Theologische
         Existenz heute!</hi> (in: V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="49017">S. 271–363</ref>)</bibl> vom Juni 1933, wo er dazu
        aufforderte, auch angesichts der gravierenden politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen
        nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten «Theologie und nur Theologie» zu treiben, «als
        wäre nichts geschehen» (<bibl corresp="kbga-bibls-397">a.a.O., <ref type="pub" target="49017#p280">S. 280</ref></bibl>). Seitdem tauchte diese Formel in Veröffentlichungen
        <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> immer wieder als eine Art verdecktes Selbstzitat auf (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5143"><persName ref="kbga-actors-397">H. Stoevesandt</persName>, <hi rend="italic">Was heißt «theologische
         Existenz»?</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Gottes Freiheit</hi> [Anm. 3], S. 143–177,
        dort <ref type="pub" target="49017">S. 147–149</ref>)</bibl>.</note> als gäbe es keinen <term key="Sünde, Sündenfall">Sündenfall</term>,
       als wäre das große Unheil bei der Wache an ihrem Tor nicht geschehen. Wenn es der Mensch
       vermöchte, so würde er es sehen, so würde er sich dessen trösten, dass dem so ist: er würde
       sich die Unberührtheit, in der der Lobgesang der <term key="Schöpfung, Zeugnischarakter">Natur</term> drunten und der Lobgesang der Engel droben an seinem eigenen Unheil vorbei
       weitergeht, zum Unterpfand dafür dienen lassen, dass der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>, der sie hält, auch ihn in seiner ganzen Verkehrtheit zu halten nicht
       aufgehört hat noch aufhören wird, so dass er nicht verloren gehen kann. Aber eben dieser <pb xml:id="p073" ed="pga"/> tröstliche Lobgesang der <term key="Schöpfung, Zeugnischarakter">Natur</term> und der <term ref="kbga-keywords-977">Engel</term> ist ja notwendig verborgen
       vor seinen Ohren, indem er selber dem Nichts, der Verkehrtheit, den Göttern verfallen ist.
       Eben in dieser unberührten Freiheit vor Gott kann ja, nachdem er selbst sie verloren und mit
       Gefangenschaft vertauscht hat, auch seine Umwelt in seinem Bilde nicht weiter existieren.
       Eben dieses Trostes: dass sein <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Mitgeschöpf</term> nach
       wie vor steht, kann ja der selbst gefallene Mensch nicht teilhaftig sein noch habhaft werden.
       In <hi rend="italic">seinem</hi> Bilde, für ihn und damit sehr wirklich existiert auch sein
       Mitgeschöpf insgemein <hi rend="italic">nur</hi> als mit ihm gefallenes, d. h. aber als mit
       durch jenen Einbruch gestörtes, ja zerstörtes, mit ihm dem <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term>, der Verkehrung, den <term key="Götter, Vielheit">Göttern</term> verfallenes
       und von ihnen regiertes Geschöpf.</p>
    </div>
    <div>
      <p rend="margin-top">Auch von hier aus ist deutlich: Sünde und Fall, Sünde und Existenz im Bereich der Götter
       sind nicht <pb ed="A" n="665"/> identisch. Aufgerufen, sich an Gott zu halten, wie er von ihm
       gehalten ist, und also verantwortlich ist <hi rend="italic">nur</hi> der <term key="Mensch, Verantwortung">Mensch</term>: er im Namen der ganzen Geschöpfwelt. Das Versagen
       in dieser Verantwortlichkeit und also die Sünde ist nur <hi rend="italic">seine</hi>
       Unterlassung. Des Menschen Mitgeschöpf hat <hi rend="italic">nicht</hi> gesündigt. Was von
       ihm nicht gefordert ist, das kann es ja auch nicht unterlassen. Es kann sich die Freiheit
       seines fraglos verlangten und fraglos geleisteten Gehorsams nicht in Ungehorsam verkehren. Es
       ist aber <hi rend="italic">in der Folge</hi> der menschlichen <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> auch des Menschen <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Mitgeschöpf</term>
       <hi rend="italic">gefallen</hi>: <hi rend="italic">in des Menschen Einbildung</hi>, aber
       gerade hier sehr <hi rend="italic">wirklich mit</hi> dem Menschen und <hi rend="italic">wie</hi> der Mensch in den Bereich des Widerspruchs und Widersinns geraten. Jener
       Zusammenhang besteht nun einmal bei aller Begrenztheit, in der er besteht, nicht umsonst.
       Indem der Mensch ein Anderer wird, ist es notwendig so, dass auch seine <term key="Einbildung, menschliche">Einbildung</term> und dass in seiner Einbildung auch seine
       ganze Umwelt eine andere wird. Indem er verändert ist, ist es auch sein Wahrnehmen und
       Denken, ist es auch seine Einbildung und in seiner Einbildung auch seine Umwelt, ohne dass er
       an irgend einer Stelle dieser Reihe ein «nur» einschalten und sich darüber beruhigen könnte,
       dass die Veränderung nicht wirklich sei.</p>
      <p> Dies ist aber die Veränderung der Umwelt, um die es hier geht: der «andere Gott» und in
       nuce die vielen <term key="Götter, Vielheit">Götter</term>, die für den Menschen an die
       Stelle Gottes getreten sind, denen er als Sünder Liebe, Furcht und Ehre entgegenzubringen
       nicht umhin kann, begegnen ihm nun von allen Seiten auch als die Dominanten dessen, was nicht
       er selbst, wohl aber <hi rend="italic">mit</hi> ihm ist und also den Gegenstand seiner
       Einbildung bildet. <pb xml:id="p074" ed="pga"/> Die Phänomene, Kräfte und Beziehungen der
       Naturwelt, aber auch die Prinzipien, Ideen und Gesetze der <pb ed="A" n="666"/> Geisteswelt,
       aber auch und nicht zuletzt die allgemeinen und besonderen Triebe und praktischen Motive, die
       seine primitive Existenz bedingen, verdichten sich – in dem Maß umso mehr, als der Schöpfer
       dem Menschen faktisch ein Fremder wird – zu selbständigen <hi rend="italic">Notwendigkeiten</hi>, zu in sich bewegten und durch sich wirksamen <term key="Götter, Macht"><hi rend="italic">Potenzen</hi></term>, zu eigenen <term key="Offenbarungsquellen"><hi rend="italic">Offenbarungsquellen</hi></term><note xml:id="n63">Der Begriff «Offenbarungsquelle» (besonders im Plural) hat eine lange
        Geschichte; besonders im Katholizismus bzw. in katholischen Dogmatiken wurde und wird damit
        der Dual von Schrift und Tradition gekennzeichnet. Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-2274"><persName ref="kbga-actors-2889">H. Hurter SJ</persName>, <hi rend="italic">Theologiae dogmaticae
         compendium in usum studiosorum theologiae</hi>, Tomus I: <hi rend="italic">Theologia
         generalis</hi>, Oeniponte 1909<hi rend="sup">12</hi>, p. 131 (Überschrift des zweiten
        Traktats)</bibl>: <hi rend="italic">«De fontibus divinae revelationis»</hi>, und <bibl corresp="kbga-bibls-2274">a.a.O., p. 132</bibl>:
         «‹<foreign xml:lang="lat">Veritatem et disciplinam (omnem et salutarem Christi) contineri
         in libris scriptis et sine scripto traditionibus, quae ab ipsius Christi ore ab apostolis
         acceptae aut ab apostolis Spiritu S. dictante quasi per manus traditae ad nos usque
         pervenerunt.</foreign>› [Zitat aus dem Tridentinum] <foreign xml:lang="lat">Canales scil.,
         per quos ad nos usque transfunditur revelatio christiana sunt S. Scriptura et
         traditio</foreign>.» <p>Auch noch der junge <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> kann ganz unbefangen mit ihm umgehen:
         «Die Wirksamkeit des Geistes Christi hat gottlob noch andere Kanäle als uns Theologen.
          <persName ref="kbga-actors-555">Franz von Assisi</persName> und <persName ref="kbga-actors-7587">Bodelschwingh</persName> sind mit ihren Taten so
         gut Offenbarungsquellen für ihre Mitmenschen gewesen, als <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> mit ihren
         Gedanken» (<bibl corresp="kbga-bibls-1460"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Der christliche Glaube und die Geschichte</hi>, in:
         V.u.kl.A. 1909–1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p149#p149">S. 149–212</ref>, dort <ref type="pub-" target="../volume/22/p209#p209">S. 209</ref></bibl>).</p>
        <p>Eine dominante Rolle spielte der Begriff in den 1930er Jahren in der Debatte um die
         «natürliche Theologie» und in der Auseinandersetzung mit der «Theologie» der <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen
          <term ref="kbga-keywords-223">Christen</term></orgName>, in denen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> den Gedanken mehrerer
         möglicher Offenbarungsquellen vehement verwirft. Nunmehr gilt ihm die Bibel als die
         alleinige wahre und zuverlässige Quelle der Offenbarung Gottes. Siehe z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-581">ders., <hi rend="italic">Kirchliche Opposition 1933. Grundsätzliches</hi>, in: V.u.kl.A. 1930–1933,
         <ref type="pub" target="../volume/49/p581#p581">S. 581–589</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/49/p587#p587">S. 587f.</ref></bibl>: «Der Protest gegen die <hi rend="italic">Irrlehre</hi> der
         <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName> [...] muss sich grundsätzlich dagegen richten (als gegen die Quelle
         aller einzelnen Irrtümer), dass die Deutschen Christen <hi rend="italic">neben</hi> der
         heiligen Schrift als einziger Offenbarungsquelle das deutsche Volkstum, seine Geschichte
         und seine politische Gegenwart als eine zweite Offenbarungsquelle behaupten und sich damit
         als die Gläubigen eines ‹anderen Gottes› zu erkennen geben.» – Weitere Belege bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:
         <bibl corresp="kbga-bibls-581">a.a.O., <ref type="pub" target="../volume/49/p443#p443">S. 443</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/1, S. 35</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2">I/2, S. 314.605.608.616.622.627f.674.677.694.738</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2">IV/1, S. 407.428.506</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2">IV/3,
          S. 150</bibl>. </p></note> und <hi rend="italic">Autoritätszentren</hi>. Wo vorher
       schlicht der natürliche oder geistige, der äußere oder innere Kosmos war, da sind jetzt
        kos<pb xml:id="p075" ed="pga" break="no"/>mische <hi rend="italic">Herren</hi>. Wo vorher
       lauter echtes reflektiertes Licht war, da blitzt und funkelt es jetzt in lauter unechter <hi rend="italic">Ursprünglichkeit</hi>. Wo vorher <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>
       war, da gelten jetzt bestimmte <hi rend="italic">Normen</hi>, da stehen jetzt bestimmte
       souveräne <hi rend="italic">Throne</hi> und inappellable <hi rend="italic">Richterstühle</hi>. Da gelten jetzt bestimmte sakrosankte <hi rend="italic">Gesetze</hi>.
       Die Welt ist auf einmal <term key="Welt, verzauberte">verzaubert</term>. Und eben ihre
       Verzauberung hat den Charakter ihrer Wirklichkeit bekommen. Gerade des Menschen Traum ist des
       Menschen Leben,<note xml:id="n64">Möglicherweise eine Anspielung auf die beiden Dramentitel:
         <bibl corresp="kbga-bibls-1606"><hi rend="italic">La vida es sueño</hi> (Das Leben ein Traum), 1634/35, von <persName ref="kbga-actors-2640">Pedro Calderón de la Barca</persName> (1600–1681)</bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-5144"><hi rend="italic">Der Traum ein Leben. Dramatisches Märchen</hi>, 1826–1832, von <persName ref="kbga-actors-10328">Franz Grillparzer</persName> (1791–1872)</bibl>.</note> gerade die
       Traumgestalten mit ihren eigentümlichen Anforderungen und Einwirkungen sind die von ihm ernst
       genommenen <term key="Götter, Wirklichkeit">Realitäten</term>, sind feierlich verehrte und
       zugleich selbstverständlich respektierte Namen geworden. Der Kosmos hat aufgehört, relativ zu
       sein. Er bevölkert sich, wunderlich genug, mit vielen Absoluten, die als solche natürlich
       nicht unter sich harmonieren, mit denen natürlich auch der Mensch nicht gleichzeitig
       harmonieren kann, die weder unter sich noch mit dem Menschen zusammen jenen Lobgesang singen
       können. Da ist lauter gegenseitige Problematisierung, Verdrängung, Verneinung, Aufhebung. Da
       will eine jede von diesen Potenzen und Wahrheiten, ein jedes von diesen Gesichtern und
       Gesetzen für sich gesehen sein, für sich nach dem Menschen greifen und ihn für sich gewinnen.
       Da findet er sich jetzt hierher, jetzt dorthin gerufen und gezerrt. Da fühlt er sich hier zum
       Erstarren und dort zur Zerstreuung gezwungen, hier zur Begeisterung entflammt und dort zur
       Verzweiflung gebracht, hier zur Leidenschaft entfacht und dort in die Teilnahmslosigkeit
       verwiesen. Soll er sich mit den verschiedenen Autoritäten und ihren Ansprüchen
       «auseinandersetzen», d. h. den ohnmächtigen Versuch machen, sich ihnen gegenüber dadurch zu
       behaupten, dass er sich die <pb ed="A" n="667"/> Existenz einer <term ref="kbga-keywords-692">Ordnung</term> (Erkenntnisordnung, Seinsordnung, Wertordnung und dergleichen) inmitten der
       Unordnung willkürlich einredet? Oder soll er hastig abwechselnd einer nach der anderen von
       diesen Absoluten – jeweils zu Ungunsten derer, die er vorher berücksichtigt hat, und derer,
       die er erst später berücksichtigen kann – seine Reverenz bezeugen und seine Opfer darbringen?
       Oder soll er sich als unsystematischer Eklektiker in einer <pb xml:id="p076" ed="pga"/>
       gewissen Inkonsequenz versuchen und zu beruhigen versuchen? Er wird nur Eines sicher nicht
       können: er wird nämlich den <term key="Götter, Vielheit">Göttern</term>, den Dominanten, den
       Absoluten, der Unendlichkeit der von allen Seiten höchst kategorischen <term key="Kategorischer Imperativ">Imperative</term> nicht entfliehen können. Er wird daran
       nichts zu ändern vermögen, dass sie im Gefolge seiner eigenen <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> in der <term ref="kbga-keywords-977">Engelwelt</term> droben und in der
       Naturwelt drunten, im Unsichtbaren und im Sichtbaren auf dem Plane sind, dass seine ganze
        <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Mitkreatur</term> sich tatsächlich wie er selbst im
       Fallen, auf dem Wege des Todes befindet. Er wird ihre Vergötterung und also ihre Verzauberung
       und also ihr Verfallensein an das <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term> nicht
       rückgängig machen, er wird sie im besten Fall immer nur umdeuten können. Und seine <term ref="kbga-keywords-1046">Philosophien</term> und <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term> sind lauter Versuche, die verzauberte <term key="Welt, verzauberte">Welt</term><note xml:id="n65">Vgl. den Buchtitel: <bibl corresp="kbga-bibls-5121"><persName ref="kbga-actors-10329">B. Bekker</persName>, <hi rend="italic">De betooverde wereld.
          Zijnde een Grondig Ondersoek Van’t gemeen gevoelen aangaande de Geesten, derselver Aart en
          Vermogen, Bewind en Bedrijf: als ook’t gene de Menschen door derselver kraght en
          gemeinschaap doen</hi>, Leeuwarden 1691</bibl>.</note> umzudeuten, d. h. der Tatsache,
       dass da Götter sind und herrschen, einen anderen, harmloseren, für ihn selbst ehrenvolleren
       Namen zu geben, die Kakophonie, von der er umtönt ist, durch seine eigene, vermeintlich
       besser klingende Stimme zu übertönen und zuzudecken. Nur dass er dabei vergisst, dass er
       selbst der fremden Gewalt zuerst verfallen ist, dass gerade seine eigene Stimme sicher nicht
       besser klingt als die Stimmen des übrigen entfesselten Chaos und dass sie dem Ganzen dieser
       Kakophonie so wenig gewachsen ist wie die Stimme von <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> Zauberlehrling den Geistern, denen er zuerst rief und die er hernach so
       gern wieder losgeworden wäre.<note xml:id="n66">Vgl. aus der <bibl corresp="kbga-bibls-4781">letzten Strophe von <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName>
        Gedicht «Der Zauberlehrling» (1797; Berliner Ausgabe, Bd. 1, S. 153)</bibl>: <q rend="block"><lg>
          <l>Ach, da kommt der Meister!</l>
          <l>Herr, die Not ist groß!</l>
          <l>Die ich rief, die Geister,</l>
          <l>Werd’ ich nun nicht los.</l>
         </lg></q>
       </note> Der ganze geistige und natürliche Kosmos leidet nun einmal unschuldig mit dem
       Menschen.</p>
    </div>
    <div type="excursus">

      <p rend="margin-top">Er <hi rend="italic">leidet</hi>: seine Vergötterung entspricht ja keineswegs seinem Wesen,
       sondern steht zu diesem im Widerspruch. Ihm ist ja etwas zugefügt, indem er verzaubert ist.
       Und was ihm zugefügt ist, ist ja nur scheinbar sei<pb ed="A" n="668" break="no"/>ne Er<pb xml:id="p077" ed="pga" break="no"/>höhung und Verherrlichung. Gerade diese ist ja in
       Wirklichkeit, sofern sie seine Vergötterung ist, sein Elend. Wie wunderbar schön und
       friedlich und heilvoll der Kosmos ist, das kann ja nicht zur Geltung kommen, das bleibt ja
       gewaltsam unterdrückt, indem er in der Einbildung des Menschen zu einem Olymp und zu all den
       anderen <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">Götterhimmeln</term> geworden
       ist. Gerade sich selbst kann er ja in seiner Vergötterung nicht ausleben. Und gerade in
       dieser Fremdgestalt seiner Vergötterung, in der Gestalt «dieses Äons» kann er ja auch keinen
       Bestand haben, trägt er den Todeskeim schon in sich, kann er nur zum Vergehen bestimmt sein
       und ist er schon im Vergehen: ein «mundus senescens»<note xml:id="n67">«Alternde Welt»:
        besonders in der Spätantike und bis in die Neuzeit verwendeter Ausdruck zur
        Charakterisierung von <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term> bzw. des eigenen
        Zeitalters (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5189">G. J. M. Bartelink,
         <hi rend="italic">Mundus senescens</hi>, in: Hermeneus 42 [1970], S. 91–98</bibl>), der sich auch
        in <persName ref="kbga-actors-14">Augustins</persName> Zeitalterlehre spiegelt; vgl. z. B.
        <bibl corresp="kbga-bibls-5190"><persName ref="kbga-actors-14">Augustinus</persName>, <hi rend="italic">De genesi contra manichaeos</hi>, 24,42, CSEL 91, S. 111f.</bibl>:
        «<foreign xml:lang="lat">Senectutis vero aetas sicut in nobis nullo statuto annorum tempore definitur, sed post
        quinque illas aetates quantum quisque vixerit senectuti deputatur, sic et in ista aetate
        saeculi non apparent generationes, ut etiam occultus sit ultimus dies quem utiliter dominus
        latere oportere demonstravit</foreign>.» Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-13">CA XXIII</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Et cum senescente mundo paulatim natura
        humana fiat imbecillior, convenit prospicere, ne plura vitia serpant in Germaniam</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-14">BSLK,
        S. 89,11–14</bibl>).</note>, der mit dem Menschen dem Tode verfallen ist. |</p>
      <p>Er leidet <hi rend="italic">unschuldig</hi>. Denn wohl ist er in seiner Vergötterung in
       einer Anmaßung und also in einer Auflehnung gegen <term key="Schöpfung, Auflehnung gegen Gott">Gott</term> begriffen. Und wohl ist er in dieser
       Auflehnung gegen Gott in Wahrheit lauter Plage und Qual für den Menschen. Aber die
       Verantwortung, in der er das ist, ist nicht die seinige. Indem der Mensch fiel, geriet er
       unter den Kosmos. So stieg dieser in die Höhe. So wurde er vergöttlicht. So fiel er mit dem
       Menschen, weil eben seine Erhöhung und Vergöttlichung in Wahrheit doch auch für ihn nur Fall
       sein konnte. Es ist der Fluch und das Verhängnis der menschlichen Geschöpflichkeit, die sich
       in ihm wiederholen, sofern er der Kosmos des Menschen, sofern er in dessen Einbildung ist. Es
       ist der Widersinn und Widerspruch, in den der Mensch sich gestürzt, dessen nun auch er
       teilhaftig ist. Und indem er mit dem Menschen leidet, wartet er nach <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.20 Röm.8.39">Röm. 8,20f[f].</ref> auf des Menschen Befreiung zur Herrlichkeit
        <pb ed="A" n="669"/> der Kinder Gottes, ist er darauf angewiesen, mit dem Menschen zu
       seufzen, mit dem Menschen sich zu sehnen nach dessen Befreiung von der Vergänglichkeit, mit
       der allein auch seine eigene sich ereignen kann.</p>
    </div>

    <div>
      <p rend="margin-top"> So also steht es mit dem nicht zu leugnenden und nicht zu übersehenden Zusammenhang der
       ganzen Schöpfung hinsichtlich der Götter. Sie haben zuerst für den Menschen <term key="Götter, Wirklichkeit">Wirklichkeit</term>, dann aber und dann sofort auch für das ganze
       mit ihm geschaffene Dasein im Himmel und auf Erden. Indem der Mensch versagt, ist die
       Fremdherrschaft, ist der <pb xml:id="p078" ed="pga"/> «andere Gott» und sind die vielen <term key="Götter, Vielheit">Götter</term> durch das verräterisch geöffnete Tor da hineingetreten,
       wo sie nicht hingehören, hat die Dazwischenkunft einer Störung im Verhältnis von Schöpfer und
       Geschöpf stattgefunden, die nicht für den Schöpfer, wohl aber für das Geschöpf alles, was es
       in diesem Verhältnis ist, seine Existenz und seine Güte, seine Vergangenheit, Gegenwart und
       Zukunft schlechterdings in Frage stellt. Denn sofern es unter <pb ed="A" n="670"/> dieser
       Fremdherrschaft steht, ist ihm das Urteil gesprochen, dass seine Existenz und seine Güte
       verwirkt sind, dass es nur noch vergehen kann.</p>
      <p> Die Möglichkeit dieser Fremdherrschaft und also der <term key="Götter, Möglichkeit">Götter</term> ist nach dem allem identisch mit der Möglichkeit jenes Loslassens der <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>, jenes Versagens in der gerade dem Menschen auferlegten
        <term key="Mensch, Verantwortung">Verantwortung</term>. Man kann ja dieses Versagen nicht
       begründen. Man kann es weder aus dem Willen des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term>
       noch aus dem Wesen seines Geschöpfs verstehen und ableiten. Es gibt keine allgemeine Regel,
       in deren Rahmen es als Spezialfall zu erklären wäre. Es gibt keine positive Bezeichnung,
       durch die es verständlich zu machen wäre. Alles, was man hier zu nennen pflegt: des Menschen
       Selbstliebe, Eigenwilligkeit oder Hochmut, seine böse Lust oder seine Vergesslichkeit, ist ja
       schon sein Fall, schon die Folge seines Versagens, schon die Äußerung seiner Existenz unter
       der Fremdherrschaft. Dafür, dass er sich fallen lässt, wo er in seiner ganzen Schwachheit so
       mächtig gehalten ist – dafür, dass er sich an Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> nicht genügen lässt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.12.9">2.Kor. 12,9</ref>] und eben damit ihr <term key="Mensch, Feind der Gnade">Feind</term> wird
       – für den Akt selbst, in welchem er jener Fremdherrschaft das Tor öffnet, gibt es kein
       positives Wort und so auch nicht für die Möglichkeit der Götter, die ja eben mit dieser
       Möglichkeit identisch ist. Man kann die Möglichkeit der menschlichen <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und also die Möglichkeit der Götter nur als die
       Möglichkeit des <hi rend="italic">Unmöglichen</hi> bezeichnen, die darum nicht zu leugnen,
       mit der darum zu rechnen ist, weil ihre Wirklichkeit für sich selber spricht, weil sowohl der
       Fall des Menschen als auch die Herrschaft der Götter <hi rend="italic">Ereignis</hi> sind.
       Für das gemeinsame <hi rend="italic">Woher</hi> dieses doppelten Ereignisses aber, für die
       Möglichkeit dieser Wirklichkeit gibt es außer dem Wort <term key="Nichts / Nichtiges">«Nichts»</term> kein anderes Wort, wobei unter «Nichts» eben die Totalität des von Gott dem
        <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> im Akt der Schöpfung Verneinten und
       Verworfenen, die Totalität des von ihm von der Koexistenz mit ihm, vom Sein vor seinem
       Angesicht (im Un<pb xml:id="p079" ed="pga" break="no"/>ter<pb ed="A" n="671" break="no"/>schied zu seinem Geschöpf!) Ausgeschlossenen zu verstehen ist.<note xml:id="n68">Vgl.
        hierzu <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1, S. 119f</bibl>.</note> Dass dieses von Gott
       dem Schöpfer selbst als solches charakterisierte Nichts ist, das ist die Möglichkeit der
       Sünde und der Götter, die hinter ihrer nicht zu leugnenden <term key="Götter, Wirklichkeit">Wirklichkeit</term> steht. Dass er diesem Nichts dient, indem er sündigt und indem er eben
       damit die Götter hereinruft, das ist’s, womit der Mensch zu rechnen, das ist’s, worüber er
       sich angesichts seines Falls und angesichts der Herrschaft der Götter im Klaren zu sein
       hat.</p>
    </div>
  </div>
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<!-- nächste Seite - "Abschluss zu Möglichkeit der Götter" -->
<div>

      <p> Die Frage der Möglichkeit der <term key="Götter, Möglichkeit">Götter</term> kann also
       abschließend nur mit einigen von ihrer Möglichkeit <hi rend="italic">wegweisenden</hi> und
       also gerade nicht ihre Möglichkeit, sondern nur ihre <term key="Götter, Unmöglichkeit"><hi rend="italic">Unmöglichkeit</hi></term> und diese nur <hi rend="italic">indirekt</hi>
       beleuchtenden Feststellungen beantwortet werden:</p>
      <p> 1. Wir erkennen an dem eigentümlichen Charakter der Wirklichkeit der <term key="Götter, Wirklichkeit">Götter</term> die <term ref="kbga-keywords-481">Weisheit</term>,
       in der Gott im Akt der Schöpfung gewählt und entschieden hat. Die Wirklichkeit der Götter und
       eines von den Göttern regierten Menschen und Kosmos ist der Fall, ist das Chaos, ist die
       Existenz in der Widersinnigkeit und im Widerspruch. Der den Göttern unterworfene Mensch ist
       der zutiefst leidende, der unselige, der dem Tode verfallene Mensch. Und wir sahen, dass
       dasselbe auch von seinem Kosmos zu sagen ist. Die Götter führen nicht, sondern sie verführen.
       Sie helfen nicht, sondern sie stören und verwirren. Sie erretten nicht, sondern sie
       verderben. Sie sind nicht die Freunde, sondern die Feinde des <term key="Götter, Feinde des Menschen">Menschen</term>. Sie sind nicht die Erleuchtung, sondern
       immer wieder die Verfinsterung des Kosmos. Da sie im <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term>, in der von Gott nicht gewählten und gewollten, sondern verworfenen und
       verneinten <term key="Götter, Verneinung">Geschöpflichkeit</term> ihren Grund und ihre
       Möglichkeit haben, sind sie gerade in ihrem negativen Charakter der Erweis für den Sinn und
       das Recht jener zu ihren Ungunsten vollzogenen göttlichen Wahl und Entscheidung. In diesem
       Sinn können und müssen auch sie Gott loben. Sie beweisen durch ihr Wesen und ihre Wirkungen,
       dass Gott nicht willkürlich, sondern gerecht, nicht zufällig, sondern weise so wählte und
       entschied, wie er es getan hat. Was er nicht wählte und wollte, das zeigt sich in der
       Wirklichkeit der Götter in seiner ganzen Unwürdigkeit. So hat Gott nicht wie ein Tyrann,
       sondern wie ein kundiger Richter entschieden zwischen dem, <pb xml:id="p080" ed="pga"/> was
        <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term> sein <pb ed="A" n="672"/> und bleiben, und dem,
       was als sein Geschöpf etwas werden sollte.</p>
      <p> 2. Wir erkennen an der Identität der Möglichkeit der <term key="Götter, Möglichkeit">Götter</term> mit der der menschlichen <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> Gottes
        <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> als die schlechthinige Bestimmtheit des
       Verhältnisses von Schöpfer und Geschöpf. Sündigen heißt Gottes Gnade fahren lassen und eben
       damit den Göttern rufen, eben damit ihnen Wirklichkeit geben. So ist die Sünde und ist das
       Hereinrufen der Götter die der Gnade Gottes widerstrebende und ihrerseits durch die Gnade
       Gottes bestrittene und ausgeschlossene Möglichkeit. In seiner Gnade hat der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> jenen Richterspruch gefällt. Indem er am Maß seiner
       Gnade maß, hat er unterschieden zwischen dem, was Nichts sein und bleiben, und dem, was als
       sein Geschöpf etwas werden sollte, hat er das Mögliche abgesondert und getrennt vom
       Unmöglichen. Er hat wohl gezürnt, aber er hat vor allem und noch mehr geliebt, er hat in
       seiner Liebe gezürnt, indem er das tat. Sein Wählen war <term ref="kbga-keywords-1077">Gnadenwahl</term>, und sein Wollen war Gnadenwollen. Was da <hi rend="italic">ist</hi>, das
       ist, weil er gnädig ist. Und auch was <hi rend="italic">nicht ist</hi>, ist darum <hi rend="italic">nicht</hi>, weil er gnädig ist, weil er dem, was ist, nicht nur das Sein,
       sondern mit dem Sein auch sein <term ref="kbga-keywords-115">Erbarmen</term> geschenkt [hat],
       es vor dem Nichtsein bewahren wollte. Die Möglichkeit der <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und des Hereinrufens der Götter steht also auf alle Fälle, sie steht gerade in
       ihrer nicht auszusagenden Nichtigkeit diesem göttlichen <hi rend="italic">Erbarmen</hi> als
       dem Grund der wahren und echten Möglichkeit gegenüber. An <hi rend="italic">ihm</hi> wird
       gesündigt, und <hi rend="italic">ihm</hi> wird ja auch mit dem Hereinrufen der Götter Hohn
       gesprochen. Es bleibt auch der gefallene <term key="Mensch, gefallener">Mensch</term> und der
       gefallene Kosmos dem göttlichen Erbarmen konfrontiert: keiner nackten Majestät<note xml:id="n69">Zum Ausdruck «nackte Majestät» vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5145"><persName ref="kbga-actors-261">M.
         Luther</persName>, <hi rend="italic">Disputatio prima contra Antinomos. 1537</hi>, in : WA
        39/I, 360–417, dort 389,16–390,1</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Qui relicto illo filio suas cogitationes et speculationes
        sequitur, maiestate Dei obruitur et desperat. Ad has speculationes de maiestate Dei nuda
        dederunt occasionem Dionysius cum sua mystica theologia et alii eum sequentes, quia multa
        scripserunt de spiritualibus nuptiis, ubi Deum ipsum sponsum, animam sponsam finxerunt,
        atque ita docuerunt, homines posse conversari et agere in ista mortali et corrupta carne cum
        maiestate Dei inscrutabili ac aeterna sine medio.</foreign>» Ferner: <bibl corresp="kbga-bibls-2038">ders., <hi rend="italic">Vorlesungen über 1. Mose von 1535–45</hi></bibl>: <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> knüpft dort an die scholastische
        Unterscheidung zwischen «<foreign xml:lang="lat">voluntas signi</foreign>» und «<foreign xml:lang="lat">voluntas beneplaciti</foreign>» Gottes, dem offenbaren,
        von uns zu erfüllenden, und dem verborgenen Willen Gottes, nach dem er selbst handelt, an.
        Den Letzteren definiert er als «<foreign xml:lang="lat">substantialis voluntas Dei seu nuda Maiestas, quae est Deus
        ipse. Ab hac removendi oculi sunt. […] Haec rationi simpliciter sunt inaccessibilia:
        Quicquid hac voluntate beneplaciti Deus voluit, ab aeterno vidit.</foreign>» <bibl corresp="kbga-bibls-2038">(WA 42, 294,37-42)</bibl>.</note>, keiner leeren <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> und auch
       keiner abstrakten <term ref="kbga-keywords-283">Ge<pb xml:id="p081" ed="pga" break="no"/>rechtigkeit</term>, sondern dem mitleidenden, sein Geschöpf nicht verlassenden, sondern
       suchenden und findenden Herzen <term key="Gott, mitleidendes Herz">Gottes</term> – dem Gott,
       der das, was durch ihn ist, in seinem Sein bewahren und also nicht verloren gehen lassen
       will. So ist schon die Möglichkeit der <term key="Götter, Möglichkeit">Götter</term> in ihrer
       ganzen furchtbaren Unbegreiflichkeit jedenfalls keine solche, die uns von der Liebe <term ref="kbga-keywords-37">Gottes</term> scheiden kann [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.35">Röm. 8,35</ref>]. Sie ist zum vornherein umfasst und beherrscht von dieser
       Liebe.</p>
      <p>3. Es bleibt die befremdliche Tatsache, dass eben der Mensch als <pb ed="A" n="673"/> Gottes
       Geschöpf <term ref="kbga-keywords-64">sündigen</term>, den Göttern rufen und damit – nur im
       umgekehrten Sinn – eine Wahl und <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term> vollziehen
       kann wie die Gottes selber, durch dessen <term ref="kbga-keywords-481">Schöpferweisheit</term> und <term ref="kbga-keywords-36">Schöpfergnade</term> über Sein und
       Nichtsein, Möglichkeit und Unmöglichkeit entschieden wurde. Sollte der Mensch selbst der
       «andere Gott» sein, der im Streit gegen Gottes positiven Willen dieser verkehrten Wahl fähig
       ist wie Gott der rechten? Aber dass er kein Gott ist, das zeigt sich schon darin, dass er
       doch nur die schon getroffene Wahl <term ref="kbga-keywords-1077">Gottes</term> zu verkehren
       vermag – das zeigt sich darin, dass er selbst es ist, der in dieser verkehrten Wahl nicht
       etwa zum Herrn, sondern zum Sklaven wird und als solcher leiden muss – das zeigt sich endlich
       in der Begrenzung der Tragweite seiner Wahl, durch die ja die Wahl Gottes doch nicht
       rückgängig gemacht werden kann. Und gerade als menschliche Fähigkeit, als eine zu des
       Menschen Geschöpflichkeit gehörige Kapazität kann das, dass er <term ref="kbga-keywords-64">sündigen</term>, dass er die Götter hereinrufen kann, unmöglich verstanden werden. Dass er
       das in seiner ganzen Unmöglichkeit <hi rend="italic">tut</hi>, ist das Einzige, was wir sagen
       können. Es ist aber schon richtig: er tut dieses Unmögliche <hi rend="italic">in formaler
        Ähnlichkeit und Berührung mit Gott</hi>, wie wir das ja auch vom Wesen der von ihm
       hereingerufenen <term key="Götter, Wesen">Götter</term> zu sagen hatten. Die Tatsache, dass
       gerade er gerade das tut, beleuchtet allerdings aufs Gewaltigste die ausgezeichnete Stellung
       gerade dieses Geschöpfs. Gerade er steht wie Gott und mit Gott auch dem <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term> gegenüber. Gerade er ist von dorther ansprechbar:
       kein anderes Geschöpf, nur der Mensch – oder alle anderen <pb xml:id="p082" ed="pga"/>
       <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfe</term> nur im Zusammenhang mit diesem Geschöpf.
       Der Mensch versagt in diesem Gegenüber. Aber er müsste nicht versagen. Er beweist, indem er
       versagt, dass er auch nicht versagen könnte. Seine Wahl und <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term> könnte auch positiv und negativ in Übereinstimmung mit der Gottes
       geschehen. Es könnte nicht umsonst sein, dass sein Gegenüber auf der anderen Seite das
       unwandelbare Erbarmen <term ref="kbga-keywords-115">Gottes</term> ist. Ist der Mensch in
       seinem Versagen, ist der sündigende <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> als
       solcher etwas Anderes als die <hi rend="italic">Weissagung und das Vorbild Jesu Christi</hi>,
       in welchem Gott selbst als Mensch und an aller Menschen <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">Stelle</term> die rechte an die Stelle der verkehrten
       Wahl gesetzt hat? Wenn es so ist – nach <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12 Röm.5.21">Röm. 5,12–21</ref> ist es so –, dann hätte die Möglichkeit der
        <term key="Götter, Möglichkeit">Götter</term> in letzter Instanz nun doch auch <hi rend="italic">positive</hi>, und zwar die <hi rend="italic">höchste</hi> positive
        Bedeutung.</p>
    
 
</div>
    <!-- nächste Seite - "4. Beseitigung der Götter" -->
      <div>
      <p rend="margin-top"><pb ed="A" n="674"/> Wir stehen vor dem Ziel unserer Überlegungen, und es ist die <hi rend="italic">Beseitigung</hi> der <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term>, auf die wir nun
       viertens noch hinzuweisen haben. – <hi rend="italic">Hinzuweisen</hi> haben! Direkter als so
       werden wir das, was für uns in dieser Sache zu tun ist, nicht auffassen und bezeichnen
       können. Was wir zur Beseitigung der Götter tun können, wird immer nur darin bestehen können,
       dass wir darauf hinweisen, nachdem wir und sofern wir selber darauf hingewiesen sind.</p>
      <p> Falsche Ansichten können durch bessere widerlegt werden. Die Götter sind allerdings auch
       die Sache einer falschen und ihre Beseitigung ist allerdings auch die Sache einer besseren
       Ansicht. Aber gerade von dieser falschen Ansicht ist und wird niemand jemals so frei, dass er
       sie mit einer besseren Ansicht in der Hand so widerlegen könnte, dass ihr Inhalt: die
       Wirklichkeit und Herrschaft der <term key="Götter, Wirklichkeit">Götter</term>, nun
       tatsächlich beseitigt wäre. Denn auch wenn er die falsche Ansicht als solche auf Grund einer
       besseren in ihrer Falschheit völlig durchschaut, sie also völlig widerlegt hätte, müsste er
       gewahr werden – und ist es so, auch wenn er dessen nicht gewahr wird –, dass die Götter
       tatsächlich immer noch wirklich sind und dass er sich immer noch unter ihrer Herrschaft
       befindet. Und es gehört zum Inhalt gerade der besten – vielmehr der einzig durchschlagenden –
       Ansicht, die der falschen Ansicht von der Wirklichkeit und Herrschaft der Götter
       entgegenzustellen ist, dies, dass die tatsächliche Beseitigung der Götter auf jeden Fall
       nicht primär die Sache unseres menschlichen Denkens und also <pb xml:id="p083" ed="pga"/> die
       Gewalt, in der diese Beseitigung geschieht, <hi rend="italic">nicht die Gewalt einer</hi> von
       uns zu konzipierenden und von uns zu formulierenden <hi rend="italic">besseren Ansicht</hi>
       ist. Es kann hier gerade die beste, die allein siegreiche Ansicht nur in der Bezugnahme, es
       kann also, was hier zu sagen ist, nur im Hinweis auf ein ganz anderes als unser eigenes
       Denken und auf die Wahrheit von dessen primär gerade nicht von uns zu vollziehender
       Aussprache bestehen. Es kann die Beseitigung der Götter für uns auf jeden Fall nur in einem
       Akt der <hi rend="italic">Anerkennung</hi> und der <term ref="kbga-keywords-757"><hi rend="italic">Nachfolge</hi></term> dieses ganz anderen, des göttlichen Denkens und seiner
       Wahrheit Ereignis werden.</p>
      <p> Weiter: Verkehrte <term ref="kbga-keywords-26">Entschlüsse</term> können durch richtigere
       aus dem Weg geräumt werden. Die Götter sind sicher auch die Sache eines verkehrten und ihre
       Beseitigung ist auch die Sache eines <pb ed="A" n="675"/> besseren Entschlusses. Es ist aber
       jener verkehrte Entschluss nun doch nicht so durch einen richtigeren aus dem Wege zu räumen,
       dass damit die Wirklichkeit der Götter aufgehoben, ihre Herrschaft gebunden wäre. Darum
       nicht, weil auch unsere richtigen in dieser Hinsicht zu fassenden Entschlüsse die Entschlüsse
       von solchen sind, die <hi rend="italic">vor</hi> allem ihrem Entschließen und auch <hi rend="italic">in</hi> allem ihrem richtigen Entschließen von sich und also von Haus aus
       verkehrt entschlossen sind, denen also auch bei ihren richtigen Entschlüssen durch die
       Wirklichkeit und Herrschaft der <term key="Götter, Wirklichkeit">Götter</term> immer wieder
       Hohn gesprochen werden wird. Und gerade der richtigste – der allein durchgreifende –
       Entschluss, der in dieser Sache zu fassen ist, wird darin bestehen müssen, dass wir <hi rend="italic">einen</hi> primär wieder <hi rend="italic">nicht von uns selbst</hi>, sondern
       von einem ganz anderen Willen <hi rend="italic">gefassten Entschluss</hi> als solchen im
       Widerspruch gegen unsere eigenen – auch gegen unsere richtigen – Entschlüsse gelten lassen,
       dass wir diesem anderen, dem göttlichen Willen und seinem Entschluss unser Vertrauen schenken
       und ihm gehorsam werden. Es kann sich gerade der <term ref="kbga-keywords-26">Entschluss</term> zur Beseitigung der <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term> auf
       alle Fälle nur als Bezugnahme und Hinweis darauf verstehen, dass die Beseitigung der Götter
       in der Freiheit <term ref="kbga-keywords-101">Gottes</term>, die nicht die unsere ist,
       beschlossen, vollzogen und für uns in die Wege geleitet ist. Es wird sich also gerade er nur
       in einem Akt der <hi rend="italic">Anerkennung</hi> und der <term ref="kbga-keywords-757"><hi rend="italic">Nachfolge</hi></term> dieser ganz anderen Freiheit und ihres Werkes
       vollziehen können.</p>
      <p>Endlich: Ungerechte und unheilvolle Zustände können dadurch behoben werden, dass gerechtere
       und heilvollere an ihre Stelle gesetzt <pb xml:id="p084" ed="pga"/> werden. Es ist klar, dass
       wir es bei der Wirklichkeit und Herrschaft der Götter mit einem solchen Zustand, mit der
       Quelle aller ungerechten und unheilvollen Zustände des Menschen und der Welt – und es ist
       wieder klar, dass wir es bei ihrer Beseitigung mit der Herstellung eines entgegengesetzten
       gerechteren und heilvolleren Zustandes zu tun haben. Es ist aber gerade der ungerechte und
       unheilvolle Grundzustand des Menschen und des Kosmos darum nicht durch einen uns
       vorschwebenden gerechteren und heilvolleren zu ersetzen, weil er zuerst unser eigener Zustand
       ist, weil wir in Unfreudigkeit und Undankbarkeit gegen Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gna<pb ed="A" n="676" break="no"/>de</term>
       <term ref="kbga-keywords-64">sündigen</term> und damit den Göttern das Tor öffnen, damit das
       ganze Unrecht und Unheil ihrer Wirklichkeit und ihrer <term key="Götter, Wirklichkeit">Herrschaft</term> in unsere Einbildung und damit in unser Dasein aufnehmen. Was immer als
       entgegengesetzter Zustand uns vorschweben mag: es schwebt auch im besten Fall inmitten
       unseres so, und zwar durch unsere eigene Schuld so bestimmten <term key="Mensch, Dasein">Daseins</term>. Es ist dem ungerechten und unheilvollen Zustand nur relativ
       entgegengesetzt. Wir erneuern und bestätigen den fatalen Grundzustand auch bei dieser
       Entgegensetzung. Wir hören ja nicht auf, wieder und weiter zu sündigen. Wir können nur immer
       wieder von einem Götterbereich in den anderen geraten. Und wieder ist es so, dass die
       Beseitigung der <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term> und also die Heraufführung des
       wirklich gerechten und heilvollen Zustandes seinem Wesen entsprechend gar nicht von uns
       erwartet und zu bewerkstelligen ist. An Gottes Gnade sündigen wir, und mit unserer Sünde an
       Gottes Gnade ermöglichen wir die Wirklichkeit und Herrschaft der Götter. Wie sollten wir
       gerade diese Schuld dadurch beseitigen und ihre Strafe damit aufhalten, dass wir uns noch
       einmal selbst aufmachen, als wäre es nicht Gottes Gnade, gegen die wir gesündigt und die den
       Aufbruch gegen unsere Schuld und Strafe zu vollziehen hat – als könnten wir anders gut
       machen, was wir übel machen, als damit, dass wir uns in der <term ref="kbga-keywords-1458">Freudigkeit</term> und <term ref="kbga-keywords-1684">Dankbarkeit</term> an Gottes alle
       Gerechtigkeit und alles Heil in sich schließende <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>
       halten, an der wir es jetzt fehlen lassen? Wie können wir uns nach dem <hi rend="italic">gerechten und heilvollen Zustand</hi> anders ausstrecken, als wieder in der <hi rend="italic">Bezugnahme</hi> und in dem <hi rend="italic">Hinweis</hi> auf das, was zur
       Beseitigung der Götter von ganz anderer Stelle, nämlich eben durch Gottes Gnade <hi rend="italic">für uns getan</hi> ist, getan wird und noch getan werden wird? Die dogmatische
       Reflexion und <term ref="kbga-keywords-7">Darstellung</term> würde wirklich <pb xml:id="p085" ed="pga"/> nicht gut tun, sich aus dieser realen Situation zu entfernen. Was wir über die
       Beseitigung der Götter jetzt noch zu sagen haben, wird in keinem Sinn die Anmaßung haben
       dürfen, diese Beseitigung selbst zu vollziehen oder zu dieser Beseitigung anzuleiten und
       aufzufordern. Es wird wirklich nur in einem klaren Hinweis auf die von anderer Seite schon
       vollbrachte und noch zu vollbringende Beseitigung der <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term> bestehen können.</p>
      <p><pb ed="A" n="677"/> Die <term ref="kbga-keywords-8"><hi rend="italic">Selbstoffenbarung</hi></term>
       <hi rend="italic">Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term></hi> gibt uns den
       Bescheid, dessen wir hier bedürfen. Sie ist die Gestalt der Gnade, die es uns ermöglicht, von
       dem Werk der Gnade, um das es sich hier handelt, zu reden. Sie ist es, die der Widerlegung
       der falschen Ansicht, der Aufhebung des verkehrten Entschlusses, dem Abschluss des
       ungerechten und unheilvollen Zustandes in Sachen der Wirklichkeit und der Herrschaft der
        <term key="Götter, Wirklichkeit">Götter</term> allein Kraft gibt. Wir entschlagen uns jeder
       anderen Verantwortlichkeit und Begründung. Gerade ein <hi rend="italic">klarer</hi> Hinweis
       und also eine <hi rend="italic">wirkliche</hi> Hilfe könnte unsere Beschäftigung nun auch mit
       der Beseitigung der Götter sonst nicht sein. Gerade ihrer wirklichen Erledigung und
       Überwindung könnten wir sonst nicht ansichtig werden. Es muss die dogmatische Reflexion und
        <term ref="kbga-keywords-7">Darstellung</term> auch in diesem Punkte ihren Inhalt durch die
       Tat beweisen oder doch demonstrieren: sie muss den Hinweis auf die Beseitigung der Götter
       schon formal in der Weise vollziehen, dass sie ihren Gegenstand als Quelle der Erkenntnis für
       sich selber sprechen lässt und also der Beseitigung der Götter durch Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>, auf die sie hinweist, Raum gibt und also ja nicht links
       oder rechts <hi rend="italic">neben</hi> der Selbstoffenbarung Gottes des Schöpfers – und
       also in den Offenbarungen der dort die Szene beherrschenden Götter – ihre Belehrung sucht,
       sondern allein dort, wo der alleinige Gott von und für sich selbst gesprochen hat.</p>
      <p> Wir können nun füglich anfangen mit der Erinnerung, dass wir unter Voraussetzung dieser
       alleinigen Erkenntnisquelle schon vom Wesen, von der Wirklichkeit und Möglichkeit der <term key="Götter, Wirklichkeit">Götter</term> nicht wohl anders reden konnten, als indem wir
       fortwährend auch das sichtbar machten, was uns nun im Besonderen zu beschäftigen hat: ihre
       Beseitigung, ihre Überwindung und Erledigung, ihre Nichtigkeit. Wir konnten ihr <term key="Götter, Wesen">Wesen</term> nur als <term key="Götter, Unwesen">Unwesen</term>, ihre
       Wirklichkeit nur als die einer anmaßenden Fiktion und <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">Illusion</term>, ihre <term key="Götter, Möglichkeit">Möglichkeit</term> nur als die des <term key="Götter, Unmöglichkeit">Unmöglichen</term> verstehen. Unter dieser Bestimmung haben wir
       sie <pb xml:id="p086" ed="pga"/> ernst genommen. Anders als unter dieser Bestimmung konnten
       und durften wir sie von Anfang an nicht ernst nehmen. Ihr Wesen, ihre Wirklich<pb ed="A" n="678" break="no"/>keit und Möglichkeit sind dadurch geprägt und begrenzt, dass ihre <term key="Götter, Beseitigung">Beseitigung</term> Ereignis, dass sie göttliche Wahrheit und
       göttlicher Beschluss, dass Gott allein <term ref="kbga-keywords-1244">souverän</term> und
       dass er in seiner <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> auch für uns gegen die Götter im
       Aufbruch ist. Jedes Bild von ihnen, das dieser Tatsache nicht zum vornherein Rechnung tragen
       würde, würde ein Bild sein, das nicht nur Gott, sondern auch ihnen nicht gerecht würde. Die
        <term ref="kbga-keywords-8">Selbstoffenbarung</term> Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> rückt sie zum vornherein unter die Bestimmung und in die Grenzen der
       Tatsache ihrer Überwindung und Erledigung. Sie widerspricht ihnen, und was sie immer sein und
       wirken mögen, wie immer ihr Sein und Wirken zu erklären sei, sie stehen unter diesem
       Widerspruch, sie können nur unter Berücksichtigung dieses Widerspruchs verstanden und
       sichtbar gemacht werden, welcher, weil er nicht irgend ein Widerspruch, sondern der Gottes
       selbst ist, siegreich ist und es uns darum nicht erlaubt, schon von ihrem <term key="Götter, Wesen">Wesen</term>, ihrer <term key="Götter, Wirklichkeit">Wirklichkeit</term>
       und <term key="Götter, Möglichkeit">Möglichkeit</term> anders zu reden, als wir es getan
       haben. Aber eben diesem siegreichen göttlichen Widerspruch als solchem haben wir nun unsere
       besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden.</p>
      <p>Das <hi rend="italic">Wesen Gottes</hi> und das <hi rend="italic">Wesen des Geschöpfs</hi>,
       wie sie uns durch Gottes Selbstoffenbarung bekannt gemacht werden, sind das Erste, woran wir
       hier zu denken haben. Alles Sein und Rechtsein, alle Fülle und alle Einheit, alle
       Unabhängigkeit und Macht, alle Weisheit und alle Heiligkeit des Geschöpfs sind ursprünglich
       und eigentlich die seines Schöpfers. Was es ist, das ist es nicht durch sich selbst, sondern
       durch ihn. Was es hat, das hat es nicht aus sich selbst, sondern von ihm. Es ist und hat es,
       indem ihm Gott als sein <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> Anteil an seinem Wesen
       gegeben hat. Es ist, was es ist, und es hat, was es hat, durch die freie Liebe <term ref="kbga-keywords-37">Gottes</term>. Dieses Wesen Gottes in seinem Verhältnis zum Wesen des
       Geschöpfs schließt die Götter aus, macht die anmaßende Nachahmung Gottes durch sein Geschöpf,
       die das Wesen der Götter <term key="Götter, Nachahmung">ist</term>, in sich unmöglich. Die
       Bewegung selbst, in der das Geschöpf sich zur Göttlichkeit erhebt, könnte ja nicht zustande
       kommen, wenn dieses nicht jenen Anteil am Wesen Gottes hätte. <pb ed="A" n="679"/> Es kann
       sich gerade in dieser Bewegung nur Lügen strafen. Eben sein eigenes Wesen bestimmt es zum
       Sein in der Gemeinschaft mit dem göttlichen Wesen, <pb xml:id="p087" ed="pga"/> aber auch in
       der Distanz zu ihm: gewiss auch zur <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>, aber zur
       geschöpflichen Freiheit, gewiss auch zur <term ref="kbga-keywords-593">Liebe</term>, aber zur
       geschöpflichen Liebe; zur Fülle und zur Einheit, zur Unabhängigkeit und zur Macht, zur
       Weisheit und zur Heiligkeit: ein jedes Geschöpf in seiner Art, zu seiner Zeit und an seinem
       Ort, aber ein jedes in seiner Geschöpflichkeit, nicht in göttlicher Ursprünglichkeit und
       Eigentlichkeit, nicht zu göttlicher Stellung und Funktion also, nicht zu irgend einer
       wesensmäßigen Hoheit gegenüber den anderen Geschöpfen. Indem es sich zu solcher Hoheit
       erhebt, stößt das Geschöpf notwendig auf den vernichtenden Widerspruch Gottes, der zwar die
       himmlische und die irdische Natur und in der Mitte zwischen beiden den Menschen, der aber
       keinen anderen Gott geschaffen hat, der in seinem Sohn und im Heiligen Geiste auch alle
       Andersheit in sich selber <term ref="kbga-keywords-70">hat</term>, der in sich selbst nicht
       nur der Eine, sondern auch als der Eine anders, anders und wieder anders ist und also
       außerhalb seiner selbst keines Anderen, keines Gefährten seinesgleichen bedarf und keinen
       solchen haben kann. Ein anderer Gott außer ihm ist dadurch von allem Sein und allem Rechtsein
       ausgeschlossen, dass Gott ihn im Akt der Schöpfung seinem eigenen Wesen getreu nicht wollen
       und schaffen konnte. Er ist – es ist die ganze Götterwelt – von Gott her wirklich zum
       vornherein <term key="Götter, Beseitigung">beseitigt</term>, d. h. auf die Seite gestellt:
       dahin, wo nach dem Willen Gottes nur das <term key="Nichts / Nichtigkeit">Nichts</term> sein
       kann. <hi rend="italic">Sind</hi> die <term key="Götter, Wirklichkeit">Götter</term>, so sind
       sie von Gott her zum vornherein unter dem Urteil der Nichtigkeit. Erhebt sich das Geschöpf
       zur Göttlichkeit, so rückt es von Gott her zum vornherein unter dieses Urteil. Was es auch in
       dieser Göttlichkeit sei und ausrichte: ihm folgt als radikale Leugnung dieses Urteil, dem es
       nicht entrinnen wird. Es verletzt sein eigenes <hi rend="italic">und</hi> es verletzt das
       göttliche Wesen durch das, was es in seiner Göttlichkeit <pb ed="A" n="680"/> ist und
       ausrichtet. Und weil es nur in dieser Beziehung, nur als Geschöpf des Schöpfers ist und recht
       ist, ist es klar, dass es seines Seins und seines Rechtseins eben damit verlustig geht. Es
       kann in seiner Göttlichkeit immer nur solange geliebt, gefürchtet und geehrt werden, es kann
       jenem Urteil und also jener Leugnung immer nur solange wenigstens scheinbar entgehen, als die
        <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> noch verborgen, als das Wesen des Schöpfers und des Geschöpfs also noch
       nicht erkannt und anerkannt ist. Es beruht seine Göttlichkeit auf einem objektiven Irrtum,
       der nur dem subjektiven Irrtum noch nicht als solcher offenbar sein kann. |</p>

      <p><pb xml:id="p088" ed="pga" rend="noPipe"/> Wenn Gott spricht und gehört wird, dann gibt es
       nur die verurteilten und geleugneten, die beseitigten <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term>, dann haben sie nicht nur keine Hoheit und keine Macht, nicht nur keine
       Wirkung mehr, dann haben sie auch ihr Sein und Rechtsein subjektiv ebenso verloren, wie es
       ihnen objektiv zum vornherein abgeht. Indem Gott spricht und gehört wird, sind die Götter
        <term key="Götter, Nichtse">Nichtse</term> und nichts sonst. Gott lässt dann seine Ehre
       keinem Anderen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.42.8">Jes. 42,8</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.48.11">48,11</ref>]; sie ist dann ganz seine Ehre.
       Alle göttlichen Eigenschaften und Funktionen sind dann ganz die seinigen und nur die
       seinigen. Alles dient dann seiner <term ref="kbga-keywords-106">Herrlichkeit</term>, gar
       nichts einer fremden. Gar nichts herrscht dann also außer und neben ihm. Die Götter sind dann
       wirklich zu falschen Göttern und als solche zum Spott gemacht,<note xml:id="n70">Vgl. aus der
        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-67">achten Strophe des Liedes «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» (1675) von <persName ref="kbga-actors-1404">J. J. Schütz</persName> (EG 326; RG 240)</bibl>: «Die falschen Götter macht
        zu Spott; / der Herr ist Gott, der Herr ist Gott!»</note> als Fiktionen und <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">Illusionen</term> durchschaut und
       depossediert. Gott bleibt dann als <term ref="kbga-keywords-1244">Souverän</term> einer
       freilich in sich höchst lebendigen, in ihrer Weise auch mächtigen, geheimnisvollen, weisen
       und heiligen, ihm aber untertänigen, von ihm regierten, im Großen und Kleinen zu seiner
       Verfügung stehenden Welt des Geistes und der <term key="Natur und Geist">Natur</term> und
       zuerst und vor allem als Herr des Menschen ganz <hi rend="italic">allein</hi> auf dem Plan.
       Die Liebe und die Furcht des Geschöpfs bekommt und hat dann in ihm ihren <hi rend="italic">einzigen</hi> Grund und ihren <hi rend="italic">einzigen</hi> Gegenstand. Und eben in
       dieser seiner Sammlung zur Verherrlichung des Einen wird dann auch das Geschöpf selbst frei,
       wird sein Anteil am Wesen Gottes sichtbar und wirksam, ruht und bewegt es sich im Frieden vor
       seinem Angesicht. Was Gott spricht und was von ihm zu vernehmen ist, <pb ed="A" n="681"/> das
       ist ja auf alle Fälle auch das große <term ref="kbga-keywords-59">Evangelium</term> des
       ersten <term key="Gebot / Gebote, erstes Gebot">Gebotes</term>, durch das nicht umsonst,
       allen anderen Geboten vorangehend, dem Dienst und der Anbetung der anderen Götter ein Ende
       gemacht wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.3 Ex.20.5">Ex. 20,3–5</ref>;
        <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.5.7 Dtn.5.9">Dtn. 5,7–9</ref>]. Mit dieser
       Heiligung Gottes den Göttern gegenüber beginnt alle <term ref="kbga-keywords-53">Heiligung</term>, mit dieser Befreiung des Geschöpfs vom Bann der Götterwelt alle sonstige
        <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>: sie beginnen mit der Erkenntnis des
       schöpferischen und des geschöpflichen Wesens in ihrer Zusammengehörigkeit und in ihrer
       Unterscheidung. Wo ihr Wesen sichtbar wird und gesehen wird in ihrem Beisammensein und
       Getrenntsein, da ist das Dritte, <pb xml:id="p089" ed="pga"/> da sind die Götter
       ausgeschlossen und <term key="Götter, Beseitigung">beseitigt</term>. Der Raum zwischen diesem
       und jenem Wesen ist der Raum, in welchem ein anderer <term key="Götter, Einheit">Gott</term>
       und andere <term key="Götter, Vielheit">Götter</term> nicht sein können. Sie können hier nur
       vergehen wie Schnee in der Feuersglut, nur weichen wie Schatten, wenn die Sonne steigt.</p>
      <p> Aber damit haben wir nun doch erst den Umriss des Problems aufgezeigt. Das bloße
       Raisonnement über das Wesen des Schöpfers und des Geschöpfs würde sicher, so richtig es in
       sich ist, noch nicht die Beseitigung der Götter bedeuten können. Der Hinweis darauf könnte
       uns auf den Boden, wo diese Beseitigung Ereignis ist, noch nicht stellen. Wir haben uns denn
       auch tatsächlich nicht auf dieses Raisonnement als solches, sondern auf Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Selbstoffenbarung</term> bezogen, in welcher dieses Raisonnement
       allein seinen Grund und von der her es allein Kraft haben kann. Das <hi rend="italic">erste
         <term key="Gebot / Gebote, erstes Gebot">Gebot</term></hi> zeigt uns, wie Schöpfer und
       Geschöpf beieinander und wie sie getrennt sind. In der Erkenntnis des <hi rend="italic">dreieinigen <term ref="kbga-keywords-70">Gottes</term></hi> wissen wir, dass kein anderer
       neben ihm sein kann. Die <hi rend="italic">frohe <term ref="kbga-keywords-59">Botschaft</term></hi> von dem Geschöpf, dessen Gott sich von Ewigkeit her <term ref="kbga-keywords-115"><hi rend="italic">erbarmt</hi></term> hat, belehrt uns darüber, dass
       es lauter <term key="Nichts / Nichtiges">Nichtigkeit</term> und leere Anmaßung, lauter
       Fiktion und <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">Illusion</term> ist, wenn
       dieses sich zur Göttlichkeit erheben will, und lauter Irrtum, wenn es in dieser Göttlichkeit
       geliebt, gefürchtet und geehrt wird. Gottes <hi rend="italic">eigenes <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term></hi> sammelt die Kreatur zum Dienste seiner <term key="Schöpfung, Zeugnischarakter">Herrlichkeit</term>. Wir haben keine Kompetenz dazu, die
       Götter von uns aus für beseitigt zu erklären und zu halten. Wir befänden uns vielmehr mitten
       im raffiniertesten Götter- und Götzendienst, wenn wir das <pb ed="A" n="682"/> aus eigener
       Kompetenz tun zu können meinen sollten. Die Offenbarung als Vollzug der Beseitigung der <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term> ist Gottes freie <term ref="kbga-keywords-492">Gnade</term>, und zwar darum, weil dieses Geschehen selbst, das Zunichtewerden der Götter,
       das Werk der freien Gnade Gottes ist, weil eben das in dem <hi rend="italic">Bund</hi>
       geschieht, der der Sinn und das Ziel der <term key="Schöpfung, Absicht">Schöpfung</term> und
       so des ganzen Verhältnisses von Schöpfer und Geschöpf ist.<note xml:id="n71">Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1, S. 258–377</bibl> (§ 41,3: «Der Bund als innerer Grund der
        Schöpfung»).</note> Auch Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> als <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> und also die uns wirksam gegebene Belehrung über
       dieses Verhältnis und also unsere Unterrichtung, in der es zur faktischen Beseitigung der
       Götter kommt, ist das Geheimnis dieses <pb xml:id="p090" ed="pga"/>
       <term key="Bund">Bundes</term>. Noch einmal von ihm haben wir nun also zu reden, wenn wir die
       Atmosphäre des bloßen Raisonnements wirklich verlassen, wenn wir diese Unterrichtung wirklich
       empfangen wollen.</p>
      <p>Das Gegenüber von Schöpfer und Geschöpf ist nach Gottes Selbstoffenbarung charakterisiert
       durch ein bestimmtes <hi rend="italic">göttliches Wollen</hi> und <hi rend="italic">Vollbringen</hi>. So ist es – und so ist auch die in diesem Gegenüber stattfindende
       Beseitigung der Götter – wohl auch im Blick darauf zu beschreiben, dass hier zwei bestimmte
       Wesen, das schöpferische und das geschöpfliche, ein jedes in seiner Eigenart beisammen und
       getrennt sind. Aber was das sachlich bedeutet – und nun gerade für die kritische Frage nach
       der Wirklichkeit und Herrschaft der <term key="Götter, Wirklichkeit">Götter</term> bedeutet
       –, das wird doch erst klar, wenn wir des göttlichen Wollens und Vollbringens gedenken, das in
       diesem Verhältnis stattfindet, das dessen Sinn und Inhalt bildet. Entscheidend auf dieses
       göttliche Wollen und Vollbringen sind wir durch die Selbstoffenbarung Gottes des Schöpfers
       hingewiesen. Und es ist entscheidend dieser Hinweis, den wir nun unsererseits zu vollziehen
       haben.</p>
      <p>Dass der Schöpfer das Geschöpf <term key="Schöpfung, Bejahung"><hi rend="italic">bejaht</hi></term>, das ist, in einem Wort zusammengefasst, seine eigene Aussage in dieser
       seiner Offenbarung. Eben diese Bejahung ist das göttliche Wollen und Vollbringen in jenem
       Verhältnis. Eben sie erklärt, was es mit der Beziehung von Schöpfer und Geschöpf auf sich
       hat. Und eben sie als solche ist auch die Beseitigung der Götter. Wir sahen, was diese
       Bejahung bedeutet und in sich schließt: Gott will und vollbringt die <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi> – und Gott will und vollbringt die <hi rend="italic">Güte</hi> seines
        Geschöpfs. <pb ed="A" n="683"/> Die in seiner <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>
       ausgesprochene Bejahung ist die <hi rend="italic">Realisierung</hi>, und sie ist die <term ref="kbga-keywords-51"><hi rend="italic">Rechtfertigung</hi></term> des Geschöpfs.<note xml:id="n72">Die beiden Stichworte «Realisierung» und «Rechtfertigung» wurden in der
        endgültigen Fassung des § 42 mit dem Titel «Das Ja Gottes des Schöpfers» zu den
        Leitbegriffen des zweiten und dritten der drei Abschnitte: 2. Schöpfung als Verwirklichung
         (<bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1, S. 395–418</bibl>), 3. Schöpfung als Rechtfertigung
         (<bibl corresp="kbga-bibls-2">S. 418–476</bibl>).</note> Und eben so ist sie die <term key="Götter, Verneinung">Verneinung</term>, die Leugnung, die Beseitigung, Überwindung und
       Erledigung der <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term>. Die Kraft jenes Ja ist die
       Kraft dieses Nein. Eben darauf haben wir jetzt hinzuweisen. Jenes Ja ist aber seinerseits
       darin kräftig, dass der Schöpfer nicht nur der Schöpfer, sondern als solcher auch der <hi rend="italic">Verbündete</hi> seines Geschöpfs ist. Als sein Verbündeter interpretiert er <pb xml:id="p091" ed="pga"/> sich selbst als sein Schöpfer, erklärt er, dass sein Wollen und
       Vollbringen als sein Schöpfer seine Bejahung und also seine Realisierung und seine
       Rechtfertigung des Geschöpfs ist. Als sein Verbündeter offenbart er denn auch die von ihm
       selbst eben mit der Bejahung seines Geschöpfs vollzogene Verneinung der Götter. Wir halten
       uns an den dem Geschöpf verbündeten <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>, weil wir
       ihn nur so kennen, weil er sich uns nur so zu erkennen gegeben hat, um eben von ihm den
       durchgreifenden Bescheid auf unsere Frage zu bekommen. Hier und nur hier finden wir die
       Bejahung seines <term key="Schöpfung, Bejahung">Geschöpfs</term> so vollzogen und so
       ausgesprochen, dass sie die Verneinung der <term key="Götter, Verneinung">Götter</term> in
       der Selbstverständlichkeit in sich schließt, in der wir sie in unseren bisherigen
       Überlegungen als geschehen und gültig vorausgesetzt haben. Hier und nur hier stehen wir vor
       der Begründung, die diese Voraussetzung möglich und notwendig macht, die darum die
       nachträgliche Rechtfertigung unseres ganzen Vorgehens bildet. Der Weg zum Aufweis dieser
       Begründung mag nun, um gerade auf diesem Höhepunkt unserer Überlegung auch den Verdacht
       bloßer Spekulation fernzuhalten, der Weg von unten nach oben sein.</p>
       </div>
<!-- nächste Seite - "Gott und sein Geschöpf" -->
       <div>
      <p rend="margin-top">Dass der Schöpfer der Verbündete seines Geschöpfs ist, das ist die Erkenntnis und das
       Bekenntnis der <hi rend="italic">christlichen <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term></hi>.</p>
      <p>Sie existiert in der <hi rend="italic">Geschöpflichkeit</hi>: zugleich im Himmel und auf
       Erden, zugleich in der Sichtbarkeit und in der Unsichtbarkeit, zugleich geistlich und
       leiblich nach ihrer neutestamentlichen Beschreibung, aber jedenfalls in der Geschöpflichkeit,
       jedenfalls nicht als der Schöpfer und nicht wie der Schöpfer. Ihr Wesen und ihre Existenz
       hängt daran, dass sie sich dieses ihres Ortes bewusst ist und bewusst bleibt. Indem sie
        aus <pb ed="A" n="684"/>
       <term ref="kbga-keywords-64">sündigen</term> Menschen zusammengesetzt ist, die auch in der
       Erhöhung, deren sie teilhaftig, auch in der Bruderschaft, in die sie hier versetzt sind, auch
       in der <term ref="kbga-keywords-53">Heiligung</term>, die ihnen hier widerfahren ist, auch in
       ihrer Betätigung des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.13">1.Kor. 13,13</ref>] ihre Menschlichkeit und ihre
       Sündigkeit nicht verleugnen können, ist dafür gesorgt, dass sie ihrer <hi rend="italic">Geschöpflichkeit</hi> nicht vergessen kann. An ihre Geschöpflichkeit erinnert sie aber
       gebieterisch auch ihre Existenz in ihrer Ganzheit. Indem sie die Botschaft vom nahe
       herbeigekommenen Reich [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.2">Mt. 3,2</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.17">4,17</ref> parr] hört und verkündigt, indem sie
       mit ihr die Gabe und die <pb xml:id="p092" ed="pga"/> Gaben des Heiligen <term key="Heiliger Geist, Geistesgaben">Geistes</term> empfangen hat, indem sie durch die Zeichen
       der <term ref="kbga-keywords-68">Taufe</term> und des <term ref="kbga-keywords-69">Abendmahls</term> dessen versichert wird, dass sie nicht alleingelassen ist, indem sie für
       das alles dankbar ist und ihren Auftrag ausrichtet, ist sie ein offenkundig begrenztes und
       beschränktes Wesen. Sie bedarf beständiger Tröstung, Ermahnung und Zurechtweisung. Sie kann
       in keiner Weise herrschen, sondern nur dienen. Sie kann sich nur in ihrem Versagen bewähren.
       Sie kann in der sie umgebenden Welt nicht triumphieren, sondern immer nur unterliegend
       bestehen. Sie steht in dauernder Mühsal wegen der Schwachheit, in der sowohl ihr Empfangen
       als auch ihr Weitergeben der göttlichen Gabe stattfindet. Sie steht in dauerndem Streit mit
       sich selbst, weil der Irrtum und die Abweichung, die Willkür und die Trägheit auch in ihren
       Reihen, auch in ihrem Tun und Lassen – und hier sogar deutlicher als anderswo – sichtbar
       werden, weil sie dauernd der <term ref="kbga-keywords-725">Buße</term>, dauernd der <term key="Reformation, der Gemeinde">Reformation</term> bedarf. Sie steht dauernd in der Gefahr,
       sich selbst zu verlieren, d. h. durch eigenes Versäumnis aufzuhören zu sein, was sie ist.
       Dass sie dabei dauernd auch von außen angegriffen oder doch in Frage gestellt ist, ist wohl
       das Kleinste, was sie bedrückt und beschwert. Denn ihre eigentliche Bedrückung und
       Beschwerung, ihre wahre Bedrohung und <term key="Gemeinde, Not der G.">Not</term> kommt nicht
       von außen, sondern von innen. Sie besteht in ihrer eigenen Unangemessenheit gegenüber dem,
       was sie zu vertreten und, indem sie es vertritt, zu sein hat. So oder so: sie ist auf der
       ganzen Linie an ihre <hi rend="italic">Geschöpflichkeit</hi> erinnert. Gerade sie kann sich
       mit ihrem <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> nicht verwechseln. Es ist ihr
        gewissermaßen <pb ed="A" n="685"/> physisch unmöglich gemacht, das zu tun. Sie würde, indem
       sie das täte, aufhören, die christliche Gemeinde zu sein. Sie ist christliche <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term>, indem sie und sofern sie sich ehrlich und
       rückhaltlos zu ihrer Geschöpflichkeit bekennt.</p>
      <p>Eben so erkennt und bekennt sie, dass der Schöpfer ihr <hi rend="italic">Verbündeter</hi>
       ist, dass sie sich ihrer Geschöpflichkeit nicht zu schämen hat, sondern rühmen darf. Eben so
       erkennt sie ihr eigenes Dasein und auch ihr eigenes Rechtsein vor Gott, ihre Realisierung und
       ihre Rechtfertigung durch ihn als den Grund, auf dem sie steht, als den Arm, durch den sie
       gehalten ist und bewegt wird. Die christliche Gemeinde existiert kraft der ihr zugewendeten
        <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> und Treue ihres Schöpfers. Sie existiert nicht
       kraft ihrer Geschöpflichkeit: was es mit dieser als solcher auf sich hat, steht ihr zu
       deutlich vor Augen, als dass sie sich für <pb xml:id="p093" ed="pga"/> durch sich selbst
       begründet, erhalten und bewegt ansehen könnte. Wo wäre die Ohnmacht des Geschöpfs, durch sich
       selber zu sein und recht zu sein, so offenbar wie an diesem Geschöpf? Es weiß aber gerade es
       – und es lebt gerade es von dem Wissen darum, dass es das auch nicht nötig hat, ja dass
       gerade das ihm verboten ist, durch sich selber sein und recht sein, sich selber realisieren
       und rechtfertigen zu wollen. Es lebt gerade dieses Geschöpf – sagen wir es gleich:
       exemplarisch für alle anderen – von seiner <term key="Schöpfung, Bejahung">Bejahung</term>
       durch seinen Schöpfer, indem es diese Bejahung gelten lässt und auf gar keine andere Bejahung
       als diese sein <term ref="kbga-keywords-1768">Vertrauen</term> setzt. Immer, wenn sie es
       darin <hi rend="italic">anders</hi> hält, verirrt und verwirrt sich, zerbricht und zerstreut,
       verstockt und verderbt sich die christliche <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term>.
       Aber sie steht und fällt nicht damit, dass sie diese ihre Bejahung durch ihren Schöpfer
       gelten oder nicht gelten lässt. Sie steht und fällt damit, dass ihre Bejahung durch den <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> stattfindet, weil er sie lieb hat, weil er ihr treu
       ist. Ihr Stehen und Fallen ist eingeschlossen in die Beständigkeit dieser <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> und Treue. Ihr Schöpfer ist ihr Verbündeter, das heißt
       aber: ihr Schöpfer hat sie nicht dazu geschaffen, um sie ihrem eigenen, ohne ihn schlechthin
       gefährdeten Sein und Rechtsein zu überlassen. Er steht zu ihr und er geht <pb ed="A" n="686"/>
       mit ihr. Er liebt sie. Er selbst will nicht ohne sie sein. Er hat ihre Sache zu der seinigen
       gemacht, und er hat seine eigene Sache, die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>
       seiner <term ref="kbga-keywords-106">Herrlichkeit</term>, mit ihrer Existenz verbunden. Er
       ist der Mann, der die vielen Menschen, aus denen sie zusammengesetzt ist, zu Brüdern und
       Schwestern – zuerst zu seinen eigenen Brüdern und Schwestern und dann auch zu Brüdern und
       Schwestern untereinander – gemacht hat und wieder und wieder dazu macht. Er begleitet und
       trägt diese Menschen in ihrer Geschöpflichkeit, in ihrer Betätigung des Glaubens, der Liebe
       und der Hoffnung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.13">1.Kor.
        13,13</ref>]. Und so ist er auch der Mann, der die Mitte dieses geschöpflichen Ganzen
       bildet. Die Botschaft, die die Gemeinde auszurichten hat, ist sein <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term>; denn das Reich, von dem diese Botschaft redet, ist sein
        <term ref="kbga-keywords-434">Reich</term>. Es ist der Geist, der ihr gegeben ist, sein
       eigener <term ref="kbga-keywords-179">Geist</term>, und es ist die Gabe, es sind die Gaben
       dieses Geistes lauter Gestalten, in denen er selber sich der Gemeinde gegeben hat und wieder
       gibt. Es ist die zeigende Kraft der <term ref="kbga-keywords-68">Taufe</term> und des <term ref="kbga-keywords-69">Abendmahls</term> seine Kraft. Er selbst hat sich in die Grenzen und
       Schranken dieses ganzen geschöpflichen Wesens begeben als in seinen Tempel. Ihm selbst ist es
        <pb xml:id="p094" ed="pga"/> nicht zu gering, in der <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term> seine Gefährtin zu haben, der er sich auf Leben und Tod verbunden hat. Ihm
       selbst ist es nicht zu wenig, an diesem Ort seine Ehre wohnen zu lassen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.26.8">Ps. 26,8</ref>]. Ihm selbst ist es nicht widerlich, bei und
       mit der Schar derer zu sein, die im Einzelnen und in ihrer Gesamtheit unter so viel Mühsal
       und Schwachheit, unter so viel äußerer und vor allem innerer Anfechtung zu seufzen haben, die
       ihm durch sich selbst so gar keine Ehre machen können. Er selbst hat sich durch die Schande
       und den Greuel, die die Gemeinde beflecken, so gewiss sie nicht ungestraft bleiben können,
       nicht abschrecken lassen, sie <hi rend="italic">seine</hi> Gemeinde zu nennen und mit ihr
       umzugehen als mit <hi rend="italic">seiner</hi> Gemeinde. Gerade von ihm her ist die Bejahung
       der christlichen Gemeinde rückhaltlos, unbedingt, endgültig: so, dass alle Verneinung sie nur
       bestätigen kann, indem indirekt auch sie zu ihrer Bejahung dient. |</p>
      <p> So lebt gerade dieses Geschöpf, die <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term>, von
       ihm, ihrem Schöpfer her, geradezu in der Fülle des <hi rend="italic">Seins</hi> und des <hi rend="italic">Rechtseins</hi>. Sie tut das, weil und indem der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> ihr Verbünde<pb ed="A" n="687" break="no"/>ter ist, weil und indem er sich
       nicht damit begnügt hat, sie zu schaffen, sondern, indem er das tat, im Wollen und
       Vollbringen seiner <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> und Treue begriffen war. Er hat
       sie zum <term key="Bund">Bunde</term> mit sich selbst geschaffen; er hat also, indem er sie
       schuf, sich selbst zu ihrem Verbündeten gemacht. Und eben das ist der <term ref="kbga-keywords-1051">Segen</term>, das Heil, das Licht und die Kraft ihrer
       Geschöpflichkeit. In diesem von Gott so gewollten und vollbrachten Verhältnis von Schöpfer
       und Geschöpf haben die Götter offenbar keinen Raum; hier sind sie offenbar beseitigt. Wir
       sehen jetzt, wie: dass es sich um eine bloß <hi rend="italic">begriffliche</hi> Beseitigung
       dieses Faktors handeln könnte, kann hier offenbar nicht gut vermutet werden. Hier steht ja
       nicht ein Wesen neben dem anderen, das schöpferische neben dem geschöpflichen, zwei Wesen,
       aus deren Begriff dann die Nichtigkeit der <term key="Götter, Nichtigkeit">Götter</term> rein
       theoretisch abzulesen wäre. Hier <hi rend="italic">handelt</hi> das schöpferische Wesen am
       geschöpflichen. Nicht dass Gott ist und die Gemeinde ist, sondern dass Gott sich der Gemeinde
        <hi rend="italic">annimmt</hi>, dass er sich für sie haftbar macht, dass er sie die Seinige
       und also sich den Ihrigen nennt, dass ihr Dasein und ihr Recht durch dieses sein Handeln
       begründet wird, das ist ja die Natur des hier stattfindenden Verhältnisses. Dieses göttliche
       Handeln verneint, stürzt und zerstört die <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term>.</p>
      
      <p><pb xml:id="p095" ed="pga" rend="noPipe"/> Indem die <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term> auf Grund dieses göttlichen
       Handelns ist, was sie ist, kann es in ihr, ihrer Geschöpflichkeit und Sündigkeit zum Trotz,
        <hi rend="italic">keine Götter</hi> geben. Dieses göttliche Handeln steht als Macht gegen
       die geschöpfliche Schwachheit, in der auch sie den Göttern rufen könnte. Und wieder dieses
       göttliche Handeln steht als <term key="Gott, Vergebung">Vergebung</term> auch gegen die <term ref="kbga-keywords-64">sündige</term> Unfreudigkeit und Undankbarkeit, in der zweifellos
       auch sie den Göttern tatsächlich zu rufen pflegt. Indem die christliche Gemeinde ist und
       recht ist – nicht durch sich selber, aber durch ihren ihr verbündeten Schöpfer –, ist sie
       durch die göttliche Macht in ihrer Schwachheit und durch die göttliche Vergebung in ihrer
       Sündigkeit ohne Götter. Ob sie nicht auch in der Einbildung der Christen und sogar in der
       Einbildung der ganzen christlichen Gemeinde als solcher, in <pb ed="A" n="688"/> ihrer Lehre
       und in ihrem Leben, in ihrem Empfangen und in ihrem Weitergeben der göttlichen Gabe nach wie
       vor ihre Rolle spielen? Sicher tun sie das! Es wäre christlicher Übermut und es wäre ein
       verhängnisvolles Verleugnen der Geschöpflichkeit der christlichen Gemeinde, das in Abrede zu
       stellen. Aber <hi rend="italic">nun</hi>, im Blick auf das die christliche Gemeinde
       konstituierende Handeln Gottes, darf es ernstlich heißen: sie tun es doch <hi rend="italic">nur</hi> in der menschlichen <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">Einbildung</term>, in einer jetzt als Torheit <hi rend="italic">durchschaubaren</hi> und
        <hi rend="italic">durchschauten</hi> Einbildung – sie tun es eben darum nur noch <term key="Götter, Ohnmacht"><hi rend="italic">ohmächtig</hi></term>, nur noch in einem <hi rend="italic">Spiel</hi>, das den Christen und das der <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term> nicht mehr Eindruck machen, sie nicht mehr verführen, das ihnen also auch
       nicht mehr schaden kann, das nun sogar zu den Dingen gehört, die denen, die Gott lieben, zum
       Besten dienen müssen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">Röm.
       8,28</ref>]. Gerade Dominanten können ja die Götter hier nicht mehr sein. Denn durch das
       göttliche Handeln, durch die der geschöpflichen Schwachheit entgegenstehende Macht und durch
       die der geschöpflichen Sündigkeit entgegenstehende Vergebung <term key="Gott, Vergebung">Gottes</term> ist dafür gesorgt, dass dieses Geschöpf, die Gemeinde, ihm und also keinem
       Anderen gehört und hörig sein kann. |</p>
      <p> Es ist durch die Verbündung mit Gott, in die es sich nicht selbst versetzt, in die es aber
       schon in und mit seiner Erschaffung durch seinen <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>
       selbst versetzt ist, geschehen, dass die Dominanten, für die es potentiell und faktisch so
       anfällig ist wie jedes andere Geschöpf, hier gerade als solche keinen Zugang, keine
       Entfaltungsmöglichkeit, keinen Raum und keine Luft haben können. Hier ist die von <pb xml:id="p096" ed="pga"/> Gott selbst herbeigeführte und endgültig gemachte <term key="Götter, Götterdämmerung">Götterdämmerung</term>, hinter der es für die Götter keine
       Rückkehr, keine Auferstehungen, keine Palinodien gibt. Die Götter sind hier tot: so tot, wie
       keine <term ref="kbga-keywords-140">Aufklärung</term> sie töten kann. Der <term key="Platonismus">Platonismus</term>, der <term key="Aristotelismus">Aristotelismus</term>,
       der <term key="Stoizismus">Stoizismus</term> haben die Götter nicht getötet. Die
       urchristliche Gemeinde hat sie freilich auch nicht getötet. Aber in der urchristlichen <term key="Gemeinde, urchristliche">Gemeinde</term>, wie sie im Neuen <term ref="kbga-keywords-74">Testament</term> sichtbar ist, <hi rend="italic">waren</hi> sie tot. Welche Rolle sie auch
       in ihrer <term ref="kbga-keywords-211">«Religion»</term>, sofern sie diese mit ihrer
       Zeitgenossenschaft gemein haben mochte, immer noch spielen konnten – in dem, was sie im
       Unterschied zu ihrer Zeitgenossenschaft zur <pb ed="A" n="689"/> christlichen Gemeinde machte,
       in ihr als dem Gegenstand des Handelns ihres göttlichen Verbündeten, in ihrem Glauben, ihrer
       Liebe, ihrer Hoffnung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.13">1.Kor.
        13,13</ref>] <hi rend="italic">waren</hi> die Götter <hi rend="italic">tot</hi> und nur noch
       das. Auch die Fehler, Nöte, Verlegenheiten und Streitigkeiten der Gemeinde, von denen das
       Neue <term ref="kbga-keywords-74">Testament</term> ja auch nicht schweigt, hatten dies zum
       unerschütterlichen Hintergrund: dass die Götter <hi rend="italic">tot</hi> waren. Auch die
       spätere <term ref="kbga-keywords-1046">Philosophie</term> hat die Götter wahrhaftig nicht
       getötet, wie gern sie es angeblich getan hätte: im Gegenteil. Die christliche <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> hat sie auch nicht getötet. Aber in der christlichen
       Kirche, die davon lebt, dass ihr <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> ihr Verbündeter
       ist, <hi rend="italic">sind</hi> sie getötet. Von ihrem Fundament her, indem sie als
       christliche Kirche lebt, kann sie sich selbst und der Welt nur immer aufs Neue den Tod aller
       Götter bezeugen, lebt sie in der Freiheit einer Ordnung, die für diese Dominanten und für den
       Respekt vor ihnen keinen Raum hat. Nimmt sich die Kirche ernst in ihrer von ihrem Schöpfer
       bejahten, realisierten und gerechtfertigten Existenz, dann hat sie zum Wesen, zur
       Wirklichkeit und Möglichkeit aller Götter nur dies zu sagen, dass sie beseitigt <term key="Götter, Beseitigung">sind</term>. Sie braucht tatsächlich nur dies: dass sie sich in
       ihrer durch ihren Schöpfer bejahten <term key="Schöpfung, Bejahung"><hi rend="italic">Geschöpflichkeit</hi></term>, dass sie also die ihr zugewendete göttliche Macht und
       göttliche <term key="Gott, Vergebung"><hi rend="italic">Vergebung</hi></term> ernst nehme,
       sie braucht sich nur zu ihrer <hi rend="italic">Bedürftigkeit</hi> zu bekennen, um die sie
       eben darum weiß, weil ihr in ihrer Bedürftigkeit <hi rend="italic">geholfen</hi> ist – um
       eben damit der ganzen Götterwelt den Rücken zu kehren als einer beseitigten Angelegenheit und
       um eben damit auch ihrer ganzen Umwelt zu verkündigen, dass sie eine beseitigte Angelegenheit
       ist. Es wird ja nicht anders sein können, als dass die christliche <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term> dieses ihr Licht leuchten lässt. Sie wird es ja
       nicht etwa nur ihr Licht <pb xml:id="p097" ed="pga"/> sein lassen und als solches unter den
       Scheffel stellen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.15 Mt.5.16">Mt. 5,15f.</ref>]. Sie wird ja nicht
       etwa eine doppelte Rechnung aufstellen: eine drinnen, die andere draußen, eine für sie selbst
       und eine für die übrige Welt gültige, oder gar: eine für die<note xml:id="n73">Tskr.: «den»;
        Korrektur durch die Hrsg.</note> Christen zwar «im Raum der Kirche»<note xml:id="n74">Dass
        <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> diese an sich gängige Redeweise in Anführungszeichen setzte, kann ein Hinweis darauf
        sein, dass er damit auf das Verhalten der Kirche im <term key="Nationalsozialismus">Nationalsozialismus</term> und konkret auf den Umgang auch späterer bekenntniskirchlicher
        Kreise mit der Frage des <term ref="kbga-keywords-902">«Arierparagraphen»</term> anspielen
        wollte, dessen Einführung «im Raum der Kirche» man ablehnte, ohne sich gegen seine Anwendung
        im staatlichen Bereich zu verwahren: «In solcher Verpflichtung bezeuge ich, daß eine
        Verletzung des Bekenntnisstandes mit der Anwendung des Arier-Paragraphen im Raum der Kirche
        Christi geschaffen ist» (<bibl corresp="kbga-bibls-74"><hi rend="italic">Verpflichtungserklärung des <term key="Pfarrernotbund">Pfarrernotbundes</term></hi>
        <hi rend="italic">[Fassung Martin Niemöllers</hi>
        <hi rend="italic">vom Oktober 1933]</hi>, in: <persName ref="kbga-actors-1226">K. D.
         Schmidt</persName>, <hi rend="italic">Die Bekenntnisse und grundsätzlichen Äußerungen zur
         Kirchenfrage des Jahres 1933</hi>, Göttingen 1934, S. 77f., dort S. 78</bibl>). <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hatte eine
        solche Aufspaltung schon 1933 in seinen <hi rend="italic">Bemerkungen zum Betheler
         Bekenntnis</hi> hinterfragt: «Ist die bürgerliche Behandlung, die man den <term key="Juden / Judentum, Entrechtung">Juden</term> im heutigen Deutschland systematisch
        zuteil werden lässt, eine solche[,] zu der ‹wir› nichts zu bemerken haben? Die ‹wir›, weil
        sie von der ‹Obrigkeit› verfügt ist, als gottgewollt hinnehmen und mitmachen?» (<bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p473#p473">S. 473</ref></bibl>).</note> verbindliche, in ihrem
       Leben als Menschen, Denker, Wissenschaftler, Politiker usw. [aber] mit einer anderen zu
       vertauschende. Sie wird der Ver<pb ed="A" n="690" break="no"/>mutung in keiner Weise Raum
       geben, es könnte die Beseitigung der Götter zwar eine religiöse, als solche aber eine
       beschränkte Wahrheit sein, der dann in anderen Räumen doch auch die Wirklichkeit und
       Herrschaft der <term key="Götter, Wirklichkeit">Götter</term> als andere Wahrheit
       gegenüberstehen könnte. Die Kirche würde mit solcher Zurückhaltung verraten, dass sie selbst
       jene eine Wahrheit noch nicht erkannt hat und also nicht mehr oder noch nicht <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> ist. Sie würde ja damit faktisch verleugnen, dass
       gerade der Schöpfer – der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> aller Dinge – ihr
       Verbündeter, dass die Beseitigung der <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term> gerade
       seine und also <hi rend="italic">die</hi>
       <term key="Wahrheit, Gottes W. ist die W.">Wahrheit</term> ist, der eine andere wohl
       subjektiv millionenhaft, objektiv aber nirgends gegenüberstehen kann.</p>
      <p> Sie wird also als Kirche, sie wird in ihrem Glauben, ihrer Liebe und ihrer Hoffnung [vgl.
        <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.13">1.Kor. 13,13</ref>], sie wird in
       Betätigung ihrer Geschöpflichkeit und also in der Macht, die ihrer Schwachheit aufhilft [vgl.
        <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.26">Röm. 8,26</ref>], und unter der Vergebung,
       die ihre eigene Sünde be<pb xml:id="p098" ed="pga" break="no"/>deckt, der Ort sein, von dem
       aus die Beseitigung der <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term>
       <hi rend="italic">aller Kreatur bekannt gemacht</hi> wird. Es gibt in der ganzen Welt außer
       der christlichen Gemeinde keinen Ort, von dem aus das effektiv geschehen kann. Und es ist
       eben die christliche <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term> der Ort in der Welt, von
       dem aus das effektiv geschehen muss. Es gibt wohl allerlei Aufklärung über die Götter,
       allerlei Vorschläge, sie zu verstehen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie
       gewissermaßen hierarchisch zu ordnen und so ungefährlich zu machen. Es gibt auch viel Zweifel
       an ihnen oder doch an vielen von ihnen. Es gibt Versuche, sich ihrer Herrschaft oder doch der
       Herrschaft einiger von ihnen zu widersetzen. Es gibt ganze Revolutionen und Kriege, die im
       Grunde Erhebungen oder doch Abwehrbewegungen gegen bestimmte Göttermächte sind. Die Gemeinde
       wird dem allem nicht widersprechen und wird ihm auch nicht teilnahmslos gegenüberstehen.
       Gerade sie weiß ja um die Notwendigkeit und das Recht solcher Befreiungswerke und
       Befreiungskämpfe. Sie weiß aber auch, dass sie insofern ohnmächtig sind und ergebnislos
       verlaufen müssen, als sie im besten Fall zu teilweisen Befreiungen führen können, denen dann
       sicher immer irgendwelche neuen Gefangennahmen gegenüberstehen werden. Sie allein kann das
       Wort sagen, das in dieser Lage wirklich tröstlich und hilfreich ist. Sie allein kann der Welt
       bekannt machen, dass die Götter, denen sie <pb ed="A" n="691"/> dient und die ihr so viel Mühe
       machen, in ihrer Gesamtheit beseitigt und erledigt, dass sie <hi rend="italic">nicht</hi>
       sind und dass sie unter dieser Voraussetzung zu behandeln und zu bekämpfen sind. Eben das ist
       es ja, was der Kirche in ihrer eigenen Geschöpflichkeit offenbar geworden ist. Eben das wird
       sie auch der übrigen Welt um keinen Preis vorenthalten dürfen. Ihre eigene Geschöpflichkeit
       ist exemplarisch für die Geschöpflichkeit überhaupt. Und so ist auch die von ihr erkannte und
       bekannte Beseitigung der <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term> exemplarisch für das,
       zu dessen Erkenntnis und <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term> aller Welt Enden
       [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.22.28">Ps. 22,28</ref>] durch sie aufzurufen
       sind. Denn exemplarisch ist auch der <term key="Bund">Bund</term> mit dem <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>, dessen gerade sie sich auf Grund seiner Liebe und
       Treue erfreuen darf. Die Existenz der <term key="Kirche, Verheißung">Kirche</term> ist als
       solche die Verheißung, die auf der ganzen Schöpfung <term key="Schöpfung, Verheißung">ruht</term>. Als solche darf, als solche muss sie aber auch existieren: als Gottes bejahtes
        <term key="Schöpfung, Bejahung">Geschöpf</term>, das Gottes realisierendes und
       rechtfertigendes <term ref="kbga-keywords-51">Ja</term> und damit Gottes befreiendes Nein
       allen Geschöpfen zu melden und zu zeigen hat.</p>
      </div>
       <!-- nächste Seite - "Israel - Monotheismus" -->
      <div>
      <p><pb xml:id="p099" ed="pga" rend="noPipe"/> Nun ist aber die christliche <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term>, von der das Alles zu sagen ist, nicht vom Himmel
       gefallen. Sie ist zunächst schlicht die neue Gestalt <term key="Gemeinde, neue Gestalt Israels"><hi rend="italic">Israels</hi></term>. Sie ist das
       jetzt im Unterschied zu einst aus Juden und Heiden versammelte <term key="Gemeinde, Bundesvolk">Bundesvolk</term> aus dem Stamme <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName>, <persName ref="kbga-actors-2198">Isaaks</persName> und <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName>. In Israels Erwählung und Berufung wurzelt die der
        <term key="Kirche, wurzelt in Israels Erwählung und Berufung">Kirche</term>. Sie lebt aus
       Israels Lebensgrund. Sie lebt auch in seiner Lebensform, die in der ihrigen nicht zerstört,
       sondern aus Israels eigenem Lebensgrund heraus erneuert <term key="Israel, und die Kirche">wurde</term>. Sie ist als Israels Rechtsnachfolgerin selbst <term key="Kirche, ist Israel">Israel</term>: die Trägerin des Auftrags, der Verheißung, der Hoffnung des ganzen, auch
       jenes alten Israel. Gottes Bund mit ihr, in dessen Kraft sie von den Göttern frei ist, ist
       kein anderer als der <term key="Bund">Bund</term>, den Jahve mit <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> und dann wieder und wieder mit dem alten Israel
       geschlossen hat. Eben dieser Bund ist der Raum, von welchem die Götter ausgeschlossen, durch
       welchen sie beseitigt sind. Die Kirche unterscheidet sich von dem alten Israel endlich und
       zuletzt nur dadurch, dass sie auf die Erfüllung der befreienden Zusage, die Israel von Jahve,
       seinem Bundesherrn, empfangen, zurückblickt, auf die jenes immer erst hin<pb ed="A" n="692" break="no"/>blickte. Dass der Schöpfer der Verbündete seines Geschöpfs ist und dass damit
       die Götter <term key="Götter, Beseitigung">beseitigt</term> sind, das ist die Erkenntnis und
       das <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term> der christlichen <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term>, indem es zuerst die Erkenntnis und das Bekenntnis
       Israels war. Es ist das wohl zu Boden gesunkene, aber nicht verlorene Feldzeichen
        Israels,<note xml:id="n75">Die Deutung der <term key="Bund, Bundeslade">Bundeslade</term>
        als «Feldzeichen Israels», auf die hier wohl angespielt ist, wurde nachdrücklich vertreten
        von <bibl corresp="kbga-bibls-2782"><persName ref="kbga-actors-831">J. Wellhausen</persName>, <hi rend="italic">Israelitische und jüdische Geschichte</hi>, Berlin 1904<hi rend="sup">5</hi>,
        S. 27</bibl>.</note> das in ihrer Mitte neu und nun so, dass es nicht mehr fallen kann,
       aufgerichtet ist. Vor ihr existierte ja Israel als jenes verlorene und nun doch gerettete
       Geschöpf: verloren in seiner Geschöpflichkeit, gerettet durch den Schöpfer, der sein
       Verbündeter ist. Und die Konturen, in denen sich das Verhältnis der christlichen Gemeinde zu
       ihrem <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> abzeichnet, sind darum so scharf, weil sie
       dieselben sind, in denen [es] sich einst und zuerst und unverwischbar deutlich für alle
       Zeiten als das Verhältnis Israels zu Jahve, der es geschaffen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.43.1">Jes. 43,1</ref>], abgezeichnet hat.</p>
      <p>Wie unbedeutend und unansehnlich, wie unerfreulich und unzuverlässig, wie unsicher und
       ungesichert das <hi rend="italic">Geschöpf</hi> auch im Bunde <pb xml:id="p100" ed="pga"/> mit
       seinem Schöpfer dasteht, das wird gerade an dem Geschöpf Israel unübersehbar deutlich. Wenn die Kirche es trotz allem, was sie direkt zu
       dieser Erkenntnis anleiten müsste, je vergessen könnte, dass dem so ist, so brauchte sie sich
       bloß ihres Zusammenhangs und ihrer Einheit mit <term key="Israel und die Kirche">Israel</term> zu erinnern, um dessen wieder gewahr zu werden. Gerade darum ist es auch so
       wichtig, dass sie nicht aufhört, sich dieses Zusammenhangs und dieser Einheit tatsächlich zu
       erinnern. Als ein Volk von Herren, Helden und Weisen, als ein starkes, mächtiges und
       glückliches Volk konnte offenbar gerade dieses von Jahve geschaffene und Jahve verbündete
       Volk nicht oder nur in gewissen, rasch vorübergehenden, gewissermaßen prophetischen
       Augenblicken und Situationen seiner Geschichte in Erscheinung treten. Ein Stäublein, dem
       Staub entnommen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.19">Gen. 3,19</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.16.2">1.Kön. 16,2</ref>], konnte es immer nur als
       Stäublein existieren: jetzt verachtet in einem Winkel, jetzt vom Winde hin- und hergeweht,
       jetzt da und dort mit Füßen getreten und noch und noch einmal in seine Elemente aufgelöst.
       Der israelitische Mensch war und ist auf keinem Gebiet ein schöpferischer Mensch. Und so ist
       auch das israelitische Volk als solches nie schöpferisch aufgetreten. So ist <pb ed="A" n="693"/> es unter den anderen <term key="Israel und die Völker">Völkern</term> von Anfang
       an als Fremdling und Parasit, als Störer und Feind, als zersetzendes und gefährliches Element
       empfunden und demgemäß behandelt worden, ohne dass es je vermochte, den Gegenbeweis zu
       führen. Es wusste sich den anderen nie lieb, nie vertrauenswürdig und glaubwürdig zu machen:
       am wenigsten damit, dass es auf seine <term key="Israel, Erwählung">Erwählung</term> pochte,
       am wenigsten damit, dass es aus seiner besonderen Berufung seine besondere Würde und
       besondere Ansprüche ableitete, am wenigsten damit, dass es sich als das Volk <term key="Israel, Volk Gottes">Gottes</term> für ein göttliches Volk hielt – modern ausgedrückt:
       am wenigsten damit, dass es wenigstens auf dem Gebiet der <term ref="kbga-keywords-211">Religion</term> eine ihm eigene, besondere Genialität geltend machte. Stärker als damit
       konnte es sich selbst ja nicht ins Unrecht setzen, das nicht verdunkeln, was seine wirkliche
       Auszeichnung ausmacht. Gerade auf <term key="Erwählung, auf E. kann man nicht pochen">Erwählung</term> kann man ja nicht pochen. Gerade aus seiner Berufung kann ja niemand eine
       ihm eigene Würde und einen ihm zukommenden Anspruch ableiten. Gerade ein Volk Gottes kann
       sich ja nicht für ein göttliches, mit einer besonderen Genialität für die Gottheit begabtes
       Volk halten. Gerade Israels immer wieder unternommener Versuch, seine Geschöpflichkeit selbst
       realisieren und <pb xml:id="p101" ed="pga"/> rechtfertigen zu wollen, sich das, was ihm
       fehlte, selbst zu verschaffen und zu geben, konnte und kann den Defekt seiner
       Geschöpflichkeit nur immer noch greller ans Licht stellen. Eben damit hat es sich ja von
       Anfang an als ein in seinem Elend ungetreues Volk erwiesen. Es durfte in seinem Elend seines
       Schöpfers und Verbündeten froh sein. Es war aber seiner nie recht und nie lange froh. Es
       wollte immer wieder seiner selbst froh werden. Es war immer ein Volk der unverbesserlichen
       Besserwisser und Bessermacher, das gerade als solches sein Elend immer wieder bestätigen,
       erneuern, vergrößern, gerade so sich der <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>
       seiner Herrlichkeit selber in den Weg stellen musste. |</p>
      <p>Es war durch Gottes <term ref="kbga-keywords-36"><hi rend="italic">Gnade</hi></term>, und
       es wollte gerade <hi rend="italic">nicht</hi> durch Gottes Gnade sein. Was es war: das
       Geschöpf in des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> Hand wie der Ton in der des
       Töpfers [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.18.6">Jer. 18,6</ref>], das musste
       ihm ja durch seine <term key="Propheten">Propheten</term> und durch eine kaum je abbrechende
       Reihe von göttlichen <term ref="kbga-keywords-387">Gerichten</term> immer wieder zu<pb ed="A" n="694" break="no"/>gerufen werden, als ob es noch nie davon gehört, als ob es das nicht
       eben damit gehört hätte, dass es wurde und durch seinen Gott fort und fort erhalten wurde. Es
       war durch Gottes Gnade anders geschaffen und anders bestimmt als alle anderen: in der Tat zum
       Fremdling unter allen anderen <term key="Israel, Fremdling unter den Völkern">Völkern</term>,
       in der Tat zum Störer ihrer Ruhe, in der Tat zu einem zersetzenden und gefährlichen Element
       inmitten des Ganzen; und nun wollte es gerade das nicht sein; nun wollte es sich von Anfang
       an emanzipieren, d. h. den anderen gleich, dem Ganzen der es umgebenden Menschheit konform
       werden – wozu? –, um so auch noch anders als von Gottes Gnade, um so auch noch aus eigener
       Kraft leben zu können: mit dem Effekt, dass es seine Fremdlingschaft, Isolierung und
       Ärgerlichkeit zwar nicht los wurde, wohl aber dessen verlustig ging, was von Anfang an der
       Sinn dieser seiner Fremdlingschaft gewesen war. Es war durch Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> mehr und Besseres als die anderen; und eben unter
       Berufung auf Gott wollte es durch sich selbst mehr und etwas noch Besseres sein: mit dem
       Effekt, dass es wurde wie sie – denn welches Volk würde nicht wähnen, durch sich selbst mehr
       und etwas Besseres als alle anderen zu sein? –, mit dem Effekt, dass die <term key="«Judenfrage»">Judenfrage</term> eine profane Frage der Biologie, der Soziologie, der
       Politik <term key="«Judenfrage», Profanisierung">geworden</term> ist und als solche nur mit
       Notlösungen, von denen eine schlechter ist als die andere, beantwortet werden kann, weil sie
       in ihrer Wurzel eine geistliche <term key="«Judenfrage», geistliche Frage">Frage</term> ist.
       Aber eben diese Profanierung des <pb xml:id="p102" ed="pga"/> Problems seiner eigenen Existenz
       ist zuerst und entscheidend Israels eigenes Werk gewesen: nicht erst in der modernen Welt,
       sondern schon in seiner im Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testament</term>
       dokumentierten Urgeschichte. Das Alte Testament selbst hat sie in einer Schärfe, der
       gegenüber die alles <term key="Antisemitismus">Antisemitismus</term> schwächliche Milde ist,
       als eine Geschichte von Israels <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und Schuld, und
       zwar von Israels Sünde und Schuld seinem Schöpfer
       und Verbündeten gegenüber dargestellt. Es hat das Geschöpf Israel als solches nie anders als
       in diesem Schatten gesehen: in äußerer nicht nur, sondern zuerst und vor allem in radikaler
       innerer Unangemessenheit gegenüber seiner Stellung und seinem Auftrag als Jahves
       Bundespartner. |</p>
      <p>Und eben das macht <pb ed="A" n="695"/> die Existenz der nachchristlichen <term key="Israel, Synagoge">Synagoge</term> so hoffnungslos, dass sie sich nach wie vor weigert,
       das Geschöpf Israel so zu sehen, wie es vom Alten Testament selbst gesehen und dargestellt
       ist, dass sie gerade den Versuch fortsetzt, im Blick auf den das Alte <term ref="kbga-keywords-568">Testament</term> schon das alte Israel in jenen Schatten rücken
       musste: seinen Versuch, sich selbst zu realisieren und zu rechtfertigen, wo alles darauf
       ankam und ankommen würde, gerade von diesem Versuch abzustehen. Eben im Unternehmen dieses
       Versuchs, der in der <term key="Israel, Verwerfung Jesu Christi">Verwerfung</term> und <term ref="kbga-keywords-129">Kreuzigung</term> Jesu Christi vollendete Tat geworden ist, musste
       das alte Israel scheitern und untergehen, ohne jede Hoffnung, sich als solches wieder
       herstellen zu können. Denn eben dieser Versuch ist sein in sich hoffnungsloser Versuch. Aber
       eben in dieser Gegensätzlichkeit seiner eigenen Geschöpflichkeit erkannte und erkennt,
       bekannte und bekennt das Geschöpf Israel den <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> als
       seinen Verbündeten. Das tat und das tut es ja trotz allem: vor allem sich selber zum Trotz.
       Das war und ist ja Israels wahre <term key="Israel, Erwählung">Erwählung</term>, wahre
       Berufung, wahre Auszeichnung, dass es von dieser Erkenntnis und diesem Bekenntnis, indem es
       sie verleugnete, indem es ihnen Schande machte, nicht lassen konnte, dass es von ihnen – im
       Widerspruch gegen seinen Widerspruch, im Widerstand gegen seinen Widerstand – von Anfang an
       und bis auf diesen Tag begleitet, gewissermaßen verfolgt wurde, dass es in seiner ganzen
       Untreue nicht aufhören konnte, das mit Jahve verbündete, durch Jahve selbst <pb ed="A" n="696"/> an Jahve gebundene Volk zu sein.</p>
      <p> Das ist es doch, was seine <term key="Propheten">Propheten</term> – indem sie ihm
       zuriefen, was es auf Grund seiner Existenz hätte wissen müssen – nicht nur voraus<pb xml:id="p103" ed="pga" break="no"/>setzten, sondern auch immer wieder explizit gemacht
       haben. Und das ist’s, was auch die <term key="Israel, Synagoge">Synagoge</term> unserer Tage
       immer wieder explizit macht, was aber noch viel mehr durch die rätselhafte geschichtliche
       Fortexistenz Israels als solche explizit gemacht wird: die die Untreue dieses <term key="Israel, Untreue">Volkes</term> bedeckende <hi rend="italic">Treue seines <term key="Israel, geschichtliche Fortexistenz als Zeichen der Treue Gottes">Schöpfers</term></hi> und Verbündeten. Das Gesetz und die Propheten sind nicht stumm
       geworden. Und dieses Volk selbst als solches ist nicht vergangen, obwohl es nach den
       Drohungen und Darstellungen des Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testamentes</term> schon
       damals hundertmal hätte vergehen müssen, obwohl es nach allen biologischen, soziologischen,
       politischen Wahrscheinlichkeiten seither längst hätte vergehen müssen, wie unzählige andere
       Völker seiner Art als solche längst vergangen und verschwunden sind. Israel scheint nicht
       vergehen zu können. Auch das <term ref="kbga-keywords-783">Judentum</term> des einzelnen
       Juden scheint nicht vergehen zu können und auch in der christlichen <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term> nicht vergehen zu sollen. Und keine jüdische Treue
       ist es, die sich darin belohnt sehen könnte, wie die <term key="Israel, Synagoge">Synagoge</term> noch mitten in der Katastrophe unserer Tage in ihrer Torheit zu prahlen
        pflegt.<note xml:id="n76">Anlass für diese hart klingende Aussage ist möglicherweise die
        Reaktion des Basler Rabbiners <persName ref="kbga-actors-8094">Arthur Weil</persName> auf
        den von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-223">Charlotte von Kirschbaum</persName>
        mitunterzeichneten <hi rend="italic">Weihnachtsbrief an unsere Juden</hi> vom <date when="1942-12-24">24.12.1942</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-127">O.Br. 1935–1942, <ref type="pub-" target="../volume/36/p423#p423">S. 423–426</ref></bibl>) gewesen. <p>In diesem
         anlässlich der furchtbaren Nachrichten über die Lage der Juden in den von Deutschland
         beherrschten Gebieten geschriebenen Brief – <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Mitarbeit an ihm lässt sich nicht
         genauer bestimmen – hieß es u. a.: «Es betrübt und erschreckt uns, daß das Judenvolk Jesus
         nicht als den im Alten Testament angekündigten Messias erkennt und als seinen Erlöser
         annimmt. Aber es ist zuerst an uns, Buße zu tun für alles, was von unserer Seite an den
         Juden gesündigt wurde. […] Wir denken mit Schamröte daran, was seit je in ‹christlichen›
         Völkern an Israel verbrochen wurde. Seien Sie versichert, liebe jüdische Brüder und
         Schwestern, wir beten für Sie, daß der treue Gott Sie heute durch alle ihre Drangsal
         hindurchträgt und seine herrlichen Verheißungen an Ihnen wahr mache» (a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/36/p426#p426">S. 426</ref>).</p>
        <p>Von den kontroversen Reaktionen auf diesen Brief wird in der Literatur die des Rabbiners
         <persName ref="kbga-actors-8094">Weil</persName> positiv hervorgehoben (vgl. a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/36/p425#p425">S. 425</ref>; <bibl corresp="kbga-bibls-3209"><persName ref="kbga-actors-1513">E.
          Busch</persName>, <hi rend="italic">Unter dem Bogen des einen Bundes. Karl Barth und die
          Juden 1933–1945</hi>, Neukirchen-Vluyn 1996, S. 497f.</bibl>), da dieser sich im ersten Teil
         seiner Ausführungen dankbar für die Hilfsleistungen, die Offenheit des Briefes und das
         darin enthaltene Schuldeingeständnis zeigte: «Eine solche Sprache haben wir Juden von
         seiten der Vertreter der Kirche seit 1900 Jahren nicht gehört» (<bibl corresp="kbga-bibls-5253"><persName ref="kbga-actors-8094">A. Weil</persName>, <hi rend="italic">Israels Bekenntnis. Predigt, gehalten in der Synagoge zu Basel am <date when="1943-01-02">2. Januar 1943</date> / 25. Tebet 5703</hi>, Basel 1943, S. 5</bibl>).</p>
        <p>Nicht eingegangen wird in der Literatur auf den längeren Teil der Predigt, in dem
          <persName ref="kbga-actors-8094">Arthur Weil</persName> zunächst die lange
         Verfolgungsgeschichte rekapitulierte (S. 6), um dann die eigenen Gedanken über Verheißung
         und Erlösung denen des «Weihnachtsbriefes» gegenüberzustellen. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Wortwahl und der
         Zeitpunkt der Abfassung lassen es durchaus möglich erscheinen, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich auf diese
         Passage bezieht, hieß es darin doch u. a.: «Wie tief muss der Glaube an den einzigen Gott,
         wie gross die Liebe zu ihm im Herzen unseres Volkes verankert sein, dass es stark genug
         gewesen ist, so viele und so furchtbare Leiden auf sich zu nehmen, um seinem Gott die Treue
         zu halten. Stumm hat es gelitten, […] aber in seinem Glauben ist Israel nie wankend
         geworden, […]. Auch sind Israels Erlösungshoffnungen vor Allem bedingt durch sein eigenes
         Verhalten, durch seine eigene Busse und Besserung. Der ‹Weihnachtsbrief an unsere Juden›
         dagegen hält die Erlösung der Menschheit für bedingt durch eine vorhergehende Bekehrung
         Israels. Hier trennen sich unsere Glaubenswege.» (a.a.O., S. 7f.; im Exemplar <persName ref="kbga-actors-223">Charlotte von Kirschbaums</persName> teils
        unterstrichen).</p></note> Was sich <pb xml:id="p104" ed="pga"/> hier bewährt und durchsetzt,
       das ist die Treue Gottes gegenüber einem untreuen <term key="Israel, Treue Gottes">Volk</term>. Von ihm her war und ist und bleibt Israel offenbar an der ganzen Nichtigkeit
       seines eigenen Versuchs vorbei als das Geschöpf realisiert und gerechtfertigt, dem er sich
       selbst verbündet hat, dessen Verbündeter er selbst war und ist und bleiben wird. Diese
       Bejahung des Geschöpfs <term key="Israel, Bejahung">Israel</term> besteht und gilt; auch sie
       nicht auf Grund ihrer Gegenzeichnung durch das Geschöpf, auch sie nicht auf Grund von
       Reziprozität, wohl aber als die von Gott selbst ausgesprochene Bejahung. Wo wäre hier die
       Reziprozität? |</p>
      <p>Wenn irgendwo, so ist das Geschöpf gerade in seiner israelitischen Gestalt das seinem
       Schöpfer sich versagende Geschöpf. Wenn irgendwo, dann muss gerade im Spiegel des
       israelitischen Geschöpfs ein jedes Geschöpf sein eigenes Versagen und Sichversagen <pb ed="A" n="697"/> erkennen. Es hat darum der alte und der neue <term key="Antisemitismus">Antisemitismus</term> seinen guten Grund in der Unbußfertigkeit, die sich gerade diesen
       Spiegel lieber nicht vorhalten lassen möchte. Es sieht aber nicht darnach aus, als ob es hier
       ein Entrinnen gebe. Die Treue Gottes gegen sein Volk Israel scheint für die Existenz dieses
       Spiegels gesorgt zu haben und fernerhin sorgen zu <term key="Israel, geschichtliche Fortexistenz als Zeichen der Treue Gottes">wollen</term>. Schon
       das Volk Israel war eben abgesehen von aller Reziprozität nicht dazu geschaffen, seinem
       eigenen Sein und Rechtsein überlassen zu sein. Wie schlechthin gefährdet alles geschöpfliche
       Sein und Rechtsein als solches ist, das wird an dem Geschöpf Israel so sichtbar, dass es
       nicht zu übersehen sein sollte und <pb xml:id="p105" ed="pga"/> faktisch auch nicht übersehen
       werden kann. Eben an diesem Geschöpf wird aber auch dies sichtbar, was das heißt, dass Gott
       zu seinem Geschöpf steht, dass er es liebt, dass er seine Sache zu der seinigen macht und
       seine eigene Sache, die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> seiner Herrlichkeit,
       mit seiner Existenz verbindet. Er, Jahve, war und ist ja dieses Israels Mann,<note xml:id="n77">Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.54.5">Jes. 54,5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Hos.2.18">Hos. 2,18</ref><ref type="can" subtype="bible" target="Hos.2.21">.21</ref>; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1,
         S. 361f.</bibl></note> er, der Herr seiner Geschichte. Er sprach und spricht ja zu ihm
       durch den Mund des <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> und der <term key="Propheten">Propheten</term>; denn wie sollte er je aufgehört haben, das zu tun? Er
       wohnte und wohnt in seiner Mitte auch als der Richter und gerade als der <term ref="kbga-keywords-1314">Richter</term>, der dieses Geschöpf immer wieder schlagen musste
       und doch mit keinem Tod töten wollte. Ihm war Israel nicht zu schlecht, um es sein Volk zu
       nennen. Zu seinem Weg zur Erfüllung seiner Absicht mit allen Völkern hat er gerade den Weg
       dieses Volkes erwählt. Das ist das Licht, das von Anfang an, ob gesehen oder nicht gesehen,
       auf dem Weg dieses Volkes leuchtete mitten in der Finsternis [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>]. Wo die Sünde mächtig wurde, eben da ist
       die <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> noch mächtiger geworden [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">Röm. 5,20</ref>]. Das ist die Auszeichnung dieses
       Geschöpfs. Es konnte sich nicht selbst helfen. Es konnte nur sündigen, in <pb ed="A" n="698"/>
       dem es sich selbst helfen wollte. So blieb ihm als Hilfe, so blieb ihm als seine
       Gerechtigkeit nur sein Gott. Dieser aber blieb ihm. Und eben in diesem Verhältnis, in welchem
       Gottes Gnade ganz als Gnade sichtbar wurde und sichtbar ist bis auf diesen Tag, konnten und
       können die Götter keinen Raum haben.</p>
      <p>Dieses Verhältnis schließt die <hi rend="italic">Beseitigung der <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term></hi> in sich. Was und wie sie auch anderwärts sein,
       welches immer ihre anderweitige Herrschaft und Wirkung sein möge, hier haben sie keine
       Stätte. Israel hat immer wieder anderen, fremden
       Göttern gedient. Nur indem es sich willkürlich außerhalb jenes Verhältnisses stellte und also
       gewissermaßen nur unter Verleugnung und Preisgabe seiner eigenen Existenz konnte es das tun.
       Nur anderen, fremden Göttern konnte es nachlaufen. Im Verhältnis zu seinem Schöpfer und
       Verbündeten, in Betätigung seiner eigenen Existenz konnte es aus dem Bereich der Götter nur
       heraustreten, konnte es als seinen Gott nur den lieben, fürchten und ehren, der seine einzige
       Hilfe und Gerechtigkeit, nur den Gott, der ihm so unbegreiflich, so überschwänglich gnädig
       war. <pb xml:id="p106" ed="pga"/> Das ist und so handelt keiner von den Göttern. So ist und
       so handelt nur er. Und darum ist er Israels Gott unter Ausschluss aller anderen, die eben als
       andere, fremde, als solche, die nicht so sind und handeln, auch nicht so wie er Gott sein
       können und darum nicht so wie er zu lieben, zu fürchten und zu ehren sind. In seinem Bereich
       ist ihre Wirklichkeit, Herrschaft und Macht nichtig. |</p>
      <p> Die Theologie <term key="Israel, Theologie">Israels</term> war gerade in diesem ihrem
       Kernsatz in all den Stadien, die sie geschichtlich betrachtet durchlaufen hat, <hi rend="italic">praktische</hi> Theologie und als solche eindeutig trotz und in ihrer
       vieldeutigen theoretischen Entwicklung. Will sagen: Wenn und wo immer das Verhältnis zwischen
       Jahve dem <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> und Israel seinem Geschöpf reziprok,
       d. h. auch von Seiten des Geschöpfs <hi rend="italic">praktisch</hi> wurde, da wurden die
       Götter für Israel unsichtbar, abwesend, da war es für Israel, als wären sie nicht. In der <hi rend="italic">Praxis</hi> dieses Verhältnisses konnten die Götter als solche sich nicht
       ausleben, konnte der Begriff Elohim seiner grammati<pb ed="A" n="699" break="no"/>schen
       Bedeutung zuwider nur einen Singularis singularissimus bezeichnen, vor dem jeder andere und
       alle anderen verblassten, der es sich verbat, mit den Göttern zusammen als ihresgleichen
       angesehen und behandelt zu werden. Gerade gegen die Möglichkeit des Dienstes anderer Götter
       neben Jahve haben die <term key="Propheten">Propheten</term> Jahves bekanntlich immer wieder
       unerbittlichen Protest eingelegt, gerade solche Praxis haben sie bekanntlich immer wieder als
       ein Verlassen des Verhältnisses gekennzeichnet, in welchem Israel seine Existenz hatte und allein haben konnte. Man kann sich darüber,
       dass diese Stimme nicht einfach verhallt oder unterdrückt worden ist, dass es jedenfalls in
       Form dieses prophetischen <term key="Propheten, Protest">Protestes</term> eine <hi rend="italic">normale</hi> Praxis jenes Verhältnisses <hi rend="italic">auch in der
        Reziprozität des Geschöpfs</hi> tatsächlich gegeben hat, wohl in gleicher Weise wundern wie
       darüber, dass Israel als solches nicht längst
       untergegangen und verschwunden ist. Und man wird wohl diese beiden erstaunlichen Tatsachen
       als die zwei Aspekte eines und desselben Phänomens verstehen müssen. <hi rend="italic">Mit
        dem Volke Israel selbst konnte auch das prophetische Entweder-Oder nicht vergehen</hi>. Es
       war nicht Israels Götter- und Götzendienst, sondern es war die alle Nebenbuhler gewissermaßen
       verbrennende Eifersucht des Gottes Israels [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.5">Ex. 20,5</ref>], die das Gesicht dieses Volkes von Anfang an geprägt
       hat.</p>

      <p><pb xml:id="p107" ed="pga" rend="noPipe"/> Und eben die Proklamation des einen und einzigen
       Gottes unter Ausschluss aller anderen ist schließlich auch so etwas wie die <hi rend="italic">weltgeschichtliche Leistung</hi>
       <term key="Israel, weltgeschichtliche Leistung">Israels</term> geworden. Sie steht den <term key="Monotheismus">monotheistischen</term> Bestrebungen und Auswirkungen anderer <term ref="kbga-keywords-211">Religionen</term> und <term ref="kbga-keywords-1046">Philosophien</term> an Originalität, Kraft und Folgerichtigkeit unvergleichlich gegenüber.
       Man darf nicht vergessen: Sie war ein von Israel her gesehen widerwillig gegebenes, ein ihm
       von seinen <term key="Propheten">Propheten</term> im Widerspruch zu der großen Linie seiner
       eigenen Praxis gewissermaßen abgerungenes Zeugnis. Aber eben so ist sie Ereignis geworden als
       das nun doch von diesem Israel verkündigte Zeugnis des ersten <term key="Gebot / Gebote, erstes Gebot">Gebotes</term>. Die Verurteilung und Kreuzigung <term ref="kbga-keywords-129">Jesu</term> war beides zugleich: flagrante Übertretung und gewaltige
       Verkündigung des ersten Gebotes, <pb ed="A" n="700"/> Verwerfung seines Sinns und Inhalts und
       Aufrichtung seiner leeren Form. Als Verkündigung der leeren <term key="Monotheismus, leere Form">monotheistischen</term> Form, der Israel in demselben
       Augenblick Treue hielt, als es sich deren Inhalt gegenüber als endgültig untreu erwies, ist
       seine Verkündigung bis heute einzigartig, exemplarisch, mustergültig. Es konnte gar nicht
       anders sein, als dass sich die Verkündigung der christlichen <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term> diese Form aneignete. Sie war und ist ja die Form von Israels Gnade, die,
       von Israel zurückgestoßen, sein ewiger Lebensgrund und als solcher auch der der Gemeinde ist.
       Sie konnte nicht fallen, wie auch dieser Grund nicht fallen konnte, indem Israel fiel. Die
       Gemeinde war und ist gerade in ihrem Zusammenhang und ihrer Einheit mit <term key="Israel und die Kirche">Israel</term> gebunden und verpflichtet, den Tod aller <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term> und so die <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> zu bezeugen. Ihre Bezeugung ist das Ergebnis des gnädigen Widerspruchs und
       Widerstandes, den Jahves Treue seinem Volk <term key="Israel, Volk Gottes">Israel</term>
       entgegengesetzt hat und noch immer entgegensetzt: nicht das Ergebnis menschlicher
       Selbstverständigung also, sondern das Werk der göttlichen <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> an den unverständigen Menschen. In dieser Begegnung, durch die großen
       Taten Gottes sind die Götter zu <term key="Götter, Nichtse">Nichtsen</term> geworden.</p>
      </div>
      <!-- leerzeile -->
        <!-- nächste Seite - "Jesus - der Menschensohn" -->
         <div>
      <p rend="margin-top"> Es ist aber ein und derselbe Lebensgrund, aus dem heraus Israel und die <term key="Israel und die Kirche">Kirche</term> in der Verkündigung der Taten Gottes als der
       Beseitigung aller <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term> zusammentreffen. Der
       Lebensgrund Israels ist ja seine <term key="Verheißung, Lebensgrund Israels"><hi rend="italic">Verheißung</hi></term> und also der dem <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> und dann wieder dem <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName>
       verheißene <hi rend="italic">königliche <term ref="kbga-keywords-1263">Menschensohn</term></hi>: um seinetwillen, damit er aus <pb xml:id="p108" ed="pga"/> seiner
       Mitte hervorgehe, ist es erwählt und berufen; um seinetwillen, indem es ihm entgegensehen
       darf, ist Gott ihm so unbegreiflich barmherzig; um seinetwillen, als sein Volk ist und bleibt
       es das Geschöpf, dem sich der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> verbündet hat. Und
       der Lebensgrund der <term key="Jesus Christus, Lebensgrund der Kirche">Kirche</term> ist ja
       der erniedrigte, der im Fleisch geborene, gestorbene und auferstandene <term ref="kbga-keywords-235"><hi rend="italic">Gottessohn</hi></term>: um seinetwillen, weil sie
       von ihm zusammengerufen ist, ist sie heilig; um seinetwillen, indem sie an ihn glaubt, ist
       Gott ihr Heil und ihre Zuversicht; um seinetwillen und in ihm, indem er ihr Haupt ist, ist
       sie Gottes geliebte Gefährtin und siegesgewisse Botschafterin auf <term key="Kirche, Gottes Botschafterin auf Erden">Erden</term>; um seinetwillen und in ihm ist
       und bleibt auch sie das Geschöpf, dem sich der Schöpfer verbündet hat. Israels <term ref="kbga-keywords-753">Messias</term> dort, <pb ed="A" n="701"/> der Herr der Kirche hier,
       ist das Geheimnis der Beseitigung der <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term>, weil
       Israels Messias dort und der Herr der Kirche hier das Geheimnis des Verhältnisses zwischen
        <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> und Geschöpf ist. Eben Israels <term key="Jesus Christus. Messias">Messias</term> und der Herr der <term ref="kbga-keywords-200">Kirche</term>, eben jener königliche Menschensohn und dieser erniedrigte Gottessohn sind
       aber einer und derselbe, und <hi rend="italic">Jesus Christus</hi> ist sein Name. Die
       Befreiung von den Göttern war und ist die in ihm geschehene Befreiung. Sie wurde dort
       unwillig, sie wird hier willig verkündigt. Ihre Verkündigung hat dort in seiner <term ref="kbga-keywords-129">Kreuzigung</term> ihren Höhepunkt gefunden, hier in seiner
       Auferstehung ihren Anfang genommen. Es vereinigt aber sein Name, seine Geburt, diese beiden
       so verschiedenen Völker zu einem Volk und ihre so verschiedene Verkündigung, den
       prophetischen <term key="Propheten, Protest">Protest</term> und das apostolische <term key="Apostel, Verkündigung">Kerygma</term>, zu einem Zeugnis. Wir müssen und dürfen zuletzt
       einfach an ihn denken, um uns die Beseitigung der Götter verständlich zu machen. Dass alles,
       was dazu zu sagen ist, nur in einem <hi rend="italic">Hinweis</hi> bestehen kann, das wird an
       dieser Stelle ganz klar. Jesus Christus ist der, auf den jenes eine Volk, die Gemeinde in
       ihrer Gestalt als Israel und als <term key="Gemeinde, als Israel und als Kirche">Kirche</term>, hingewiesen, angewiesen ist als auf ihren Lebensgrund. Jesus Christus ist
       der, auf den von uns aus immer nur hingewiesen werden kann, im Hinweis auf den dann aber auch
       wirklich das entscheidende Wort zu sagen ist. Es ist nämlich die Verbündung des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> mit dem Geschöpf, durch die die Götter beseitigt
        <term key="Götter, Beseitigung">sind</term>, zuerst und eigentlich, ursprünglich und
       grundlegend das in <hi rend="italic">ihm</hi> geschehene Ereignis, die Wahrheit <hi rend="italic">seiner</hi> ewigen und zeitlichen Existenz.</p>
      
      <p><pb xml:id="p109" ed="pga" rend="noPipe"/> Zuerst <hi rend="italic">er</hi> existiert in jener vom Schöpfer klar verschiedenen <hi rend="italic">Geschöpflichkeit</hi>: der königliche <term ref="kbga-keywords-1263"><hi rend="italic">Menschensohn</hi></term> des Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testamentes</term>, der <hi rend="italic">erniedrigte</hi>
       <term ref="kbga-keywords-235">Gottessohn</term> des Neuen <term ref="kbga-keywords-74">Testamentes</term>: das Kind in der Unscheinbarkeit seiner Geburt, der Zimmermannssohn im
       Gehorsam gegen seine <rs type="person" ref="kbga-actors-2897 kbga-actors-2224">Eltern</rs>, der Lehrer von <placeName ref="kbga-places-948">Nazareth</placeName> in der Einfalt seines Wortes gegenüber den Großen seines Volkes und
       gegenüber der Macht des <term key="Imperium Romanum">Römerreichs</term>, der Einsame inmitten
       der Massen und auch inmitten seiner Jünger, und dann: der Angeklagte und Verurteilte, der
       Verhöhnte und Gemarterte, der <term ref="kbga-keywords-129">Gekreuzigte</term>, Gestorbene
       und ins Grab Gelegte. Eine geschöpfliche und in ihrer Geschöpflichkeit überdeutlich begrenzte
       und beschränkte Gestalt: ein Dahingegebener, ein Ausgelieferter <pb ed="A" n="702"/> und
       nichts als das. Um dieses Schwachen und Geschlagenen willen, im Blick auf ihn war Israel und
       wurde die <term key="Israel und die Kirche">Kirche</term> erwählt. Wir verstehen von hier aus
       die Begrenztheit und Beschränktheit, die Unscheinbarkeit und Unwahrscheinlichkeit, die
       Fragwürdigkeit und den Widerspruch auch ihrer Gestalt. Sie spiegeln die seinige. So wie das
       Geschöpf hier, in diesem einen, sichtbar wird, so war und ist es von seinem <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> aus gesehen, so musste es auch in seinem Volk
       sichtbar werden, so auch in der <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term> der auf ihn
       Wartenden und der an ihn sich Erinnernden. Ihre Schwachheit und deren Not, ja auch ihre
       Verkehrtheit und deren Strafe waren vor Gott, bevor sie selbst waren, bevor die Welt war, als
       Gott die Welt schuf, ja bevor er sie schuf, in seinem ewigen Ratschluss. Und sie waren gerade
       zuerst nicht ihre Schwachheit und Not, nicht ihre Verkehrtheit und Strafe. Sie waren von Gott
       selbst zuerst zu seiner eigenen Sorge gemacht: in seiner Sorge zuerst auf sich genommen und
       dann zuerst nicht auf sie, sondern auf diesen Einen: gerade auf diesen als das Geschöpf
       seiner <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> gelegt, als <hi rend="italic">seine</hi>
       Schwachheit und Not, <hi rend="italic">seine</hi> Verkehrtheit und <hi rend="italic">seine</hi> Strafe. Sie waren zuerst Gott selbst zu Herzen gegangen. Und so waren sie zuerst
       von diesem Einen aufgenommen und getragen, um dann erst und so, indem er ihr Haupt und
       Vertreter war von Ewigkeit her, auch die ihrigen zu werden, auch sie in Schatten zu hüllen,
       auch ihnen zur Last zu fallen, auch ihre <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und ihr
       Fluch zu sein. Er trug und trägt die erste, sie trugen und tragen nur die zweite
       Verantwortung. Er litt und starb an erster, sie leiden und sterben erst an zweiter Stelle.
       Das Geschöpf in seiner Hilflosigkeit, aber auch das Geschöpf in seiner Übertretung war vor
        <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> Fall und vor <pb xml:id="p110" ed="pga"/>
       dem Fallen der Völker und der Millionen, vor dem Fallen Israels und vor dem Fallen, an dem
       auch die Kirche ihr vollgerütteltes Maß von Anteil hat, das Gott wohlbekannte Geschöpf, das
       er als solches nun doch nur in diesem <hi rend="italic">einen</hi> Geschöpf ansehen und das
       er gerade in diesem einen Geschöpf gerade in dieser Gestalt <hi rend="italic">lieben</hi>,
       mit dem er sich gerade in dieser Gestalt verbinden wollte zu seiner Errettung und
       Verherrlichung. Was alle Anderen werden sollten, das war dieser zuerst <hi rend="italic">für
        sie</hi>: der ursprünglich verordnete Träger ihrer Ohnmacht und Verfehlung und dann auch der
       ursprünglich verordnete <pb ed="A" n="703"/> Empfänger der ihnen zugedachten göttlichen Hilfe
       und Gerechtigkeit. |</p>
      <p> So steht zunächst Israel und die <term key="Israel und die Kirche">Kirche</term>, so steht
       dann aber laut der diesem Volk aufgetragenen Verkündigung die ganze Welt im Schatten des
        <term ref="kbga-keywords-129">Kreuzes</term> Jesu Christi: <hi rend="italic">ihre</hi>
       Ohnmacht und Verfehlung wird offenbar in <hi rend="italic">diesem</hi> Geschöpf, aber eben
       die <hi rend="italic">ihrige</hi> als die, die zuerst auf <hi rend="italic">dieses</hi>
       Geschöpf geworfen, von Gott zuerst zu <hi rend="italic">seiner</hi> Ohnmacht und Anfechtung
       gemacht und so und daraufhin erst dann auch als die <hi rend="italic">ihrige</hi> angesehen
       und behandelt ist. Dass dieses Geschöpf von Ewigkeit her und dann auch in der Zeit <hi rend="italic">für uns</hi> vor Gott steht und unser Vertreter ist, dass unsere
       Geschöpflichkeit ursprünglich die seinige, dass also die seinige vor Gott für die unsrige
       haftbar und maßgebend ist, das ist die errettende Wahrheit der Menschheit Jesu Christi,
       seiner Existenz in der Niedrigkeit. Alle unsere Niedrigkeit war zuerst die seinige, um dann
       erst und als die seinige, d. h. als die auf ihn geworfene, als die von ihm getragene und
       erlittene, auch die unsrige zu werden. So war und ist Gott der Verbündete dieses Geschöpfs:
       so, dass er die Ohnmacht und <term ref="kbga-keywords-64">Verfehlung</term> alles Geschöpfs
       von Ewigkeit her und dann auch in der Zeit von ihm weggenommen hat, um sie dieses Geschöpfs,
       des Menschen Jesus Sache sein zu lassen. So ist der Schöpfer in diesem Geschöpf der
       Verbündete seines Volkes und laut der seinem Volk aufgetragenen Verkündigung der Verbündete
       seiner ganzen <term key="Schöpfung, Bejahung">Schöpfung</term>: so, indem er die
       Geschöpflichkeit in der Person <hi rend="italic">dieses</hi> Geschöpfs zu seiner eigenen
       Sache gemacht hat. Denn darum geht es doch bei dieser Verbündung: dass Gott <hi rend="italic">selbst</hi> in diesem Geschöpf die Sache der ganzen Schöpfung zu seiner <hi rend="italic">eigenen</hi> Sache gemacht hat. Es ist der <hi rend="italic">königliche</hi>
       <term ref="kbga-keywords-1263">Menschensohn</term>, es ist der erniedrigte <term ref="kbga-keywords-235"><hi rend="italic">Gottessohn</hi></term>, der in diesem Geschöpf am
       Werke ist. <hi rend="italic">Dieses</hi> Geschöpf ist das von Gott nicht verneinte, sondern
        <hi rend="italic">bejahte</hi>, das <hi rend="italic">reale</hi> und <hi rend="italic">rechte</hi> Geschöpf.</p>
      
      <p><pb xml:id="p111" ed="pga" rend="noPipe"/> Denn dieses Geschöpf ist ja in seiner vom <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>
       ganz verschiedenen Geschöpflichkeit vom Schöpfer darum <hi rend="italic">geliebt</hi>, weil
       er selbst in ihm Geschöpf wurde, weil er in seiner <term ref="kbga-keywords-115">Barmherzigkeit</term> selber als dieses Geschöpf für sein ganzes Geschöpf eintreten wollte.
       Das ist die Kraft jener von Ewigkeit her beschlossenen und in der Zeit vollzogenen und
       offenbarten <term key="Jesus Christus, Stellvertretung">Stellvertretung</term>. Weil der
       Schöpfer selbst sie will und vollzieht in der Person <pb ed="A" n="704"/> jenes einen
       Geschöpfs, darum ist die Ohnmacht und Verfehlung alles Geschöpfs zuerst die Sache dieses
       einen Geschöpfs. Darum kann <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und kann das
       Volk Gottes und kann zuletzt die ganze Kreatur in ihrer Ohnmacht und Verfehlung doch nur an
       zweiter Stelle, doch nur im Schatten des <term ref="kbga-keywords-129">Kreuzes</term> Jesu
       Christi stehen, unter allen über sie ergehenden Gerichten doch nur das <term key="">Gericht</term> bezeugen, das zu ihrer Errettung über dieses Geschöpf ergangen ist. Darum
       ist das von diesem Geschöpf vollbrachte Tragen und Ertragen nun aber auch ein Hinwegtragen,
       ein Zunichtemachen der geschöpflichen Ohnmacht und <term ref="kbga-keywords-64">Verfehlung</term>. Darum ist sie dadurch, dass dieser Eine sie getragen und ertragen hat,
       bedeckt und ausgelöscht. Darum ist die Vergebung das erste und das letzte Wort, das dieses
       Volk von seinem Herrn und das durch dieses Volk im Dienste seines Herrn die ganze Welt zu
       hören bekommt. Darum ist die Ohnmacht und Verfehlung des Geschöpfs immer und überall schon
       übertroffen, indem sie Ereignis wird. Darum gilt und besteht seiner Ohnmacht und Verfehlung
       zum Trotz die <hi rend="italic">Realisierung</hi> und <term ref="kbga-keywords-51"><hi rend="italic">Rechtfertigung</hi></term> des Geschöpfs durch seinen Schöpfer. |</p>
      <p> Das Ja des Schöpfers zu seinem <term key="Schöpfung, Bejahung">Geschöpf</term> gilt darum
        <hi rend="italic">unbedingt</hi>, es ist darum nicht an irgend eine Reziprozität gebunden,
        es<note xml:id="n78">Im Tskr. steht statt «es» an beiden Stellen im Satz «sie»; Korrektur
        durch die Hrsg.</note> ist darum das Ja der freien allmächtigen <term ref="kbga-keywords-492">Gnade</term>, weil Gott in jenem einen Geschöpf von Ewigkeit her und
       in der Zeit sich selber, seinen eigenen Sohn gesehen und geliebt [hat], und weil ihm dieses
       Geschöpf, das sein eigener Sohn war, von Ewigkeit her und in der Zeit damit Gehorsam
       entgegenbrachte, dass er sich dessen nicht weigerte, für alle anderen in jener Gestalt, in
       jener ganzen Unansehnlichkeit, ja Ungerechtigkeit und Unseligkeit vor ihm zu stehen und
       gerade so der Spiegel seines väterlichen Herzens<note xml:id="n79">Vgl. aus <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Auslegung des dritten Artikels des
        Glaubensbekenntnisses im Großen Katechismus: «Denn wir künnden […] nimmermehr dazu kommen,
        daß wir des Vaters Hulde und Gnade erkenneten ohn durch den HERRN Christum, der ein Spiegel
        ist des väterlichen Herzens […]» (<bibl corresp="kbga-bibls-1785">BSLK, S. 660,38–42</bibl>).</note>, gerade so das Werkzeug seiner
        <term ref="kbga-keywords-115">Barm<pb xml:id="p112" ed="pga" break="no"/>herzigkeit</term>
       zu sein. Im Verhältnis des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> zu diesem Geschöpf
       schloss sich der Kreis des schöpferischen und des geschöpflichen Willens, und weil er sich
       hier auch von der geschöpflichen Seite in Form eines gehorsamen, rückhaltlosen Bekenntnisses
       gerade zu der geschöpflichen Ohnmacht und Verfehlung geschlossen hat, hat er sich <hi rend="italic">überhaupt</hi> geschlossen, ist hier die Absicht des Schöpfers in seinem
       Verhältnis zum Geschöpf <hi rend="italic">überhaupt</hi> in Erfüllung gegangen, ist die
       Barmherzigkeit des Schöpfers zu ihrem positiven Ziel gekommen. <pb ed="A" n="705"/> Dass der
       Schöpfer im Geschöpf sich selber sieht und liebt und dass das Geschöpf dem Schöpfer darin
       gehorsam ist, dass es sich zu seiner Geschöpflichkeit bekennt, das ist es, was die Ohnmacht
       und <term ref="kbga-keywords-64">Verfehlung</term> des Geschöpfs gut macht: das ist nicht nur
       die Errettung, sondern auch die Verherrlichung des Geschöpfs durch seinen Schöpfer. Eben
       darin gibt er ihm ja Anteil an sich selber. Und das ist es, was in der <term ref="kbga-keywords-129">Kreuzigung</term> Jesu Christi am Ende des Weges des alten und am
       Anfang des Weges des neuen <term key="Israel und die Kirche">Israel</term>
       <hi rend="italic">geschehen</hi>, was in seiner Auferstehung von den <term ref="kbga-keywords-393">Toten</term> als die Entdeckung der neuen Kreatur <term ref="kbga-keywords-8"><hi rend="italic">offenbar</hi></term> geworden ist. Er ist wirklich
       das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.22.13">Apk. 22,13</ref>]: in seinem Tod der Erste, in seiner
       Auferstehung der Letzte, in seinem Tod die Errettung, in seiner Auferstehung die
       Verherrlichung des Geschöpfs: beides, indem er selber das Geschöpf, der <term ref="kbga-keywords-1263">Menschensohn</term>, der Erniedrigte, aber auch beides, indem er
       selber der Schöpfer, der König, Gottes <term ref="kbga-keywords-235">Sohn</term> und selber
        <term key="Jesus, Christus, wahrer Gott">Gott</term> ist – und hier wie dort: der Schöpfer
       für das Geschöpf, der Schöpfer als das Haupt und der Erstling des Geschöpfs, der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>, der die Sache des Geschöpfs, indem er es schuf, ja
       schon indem er es schaffen wollte, zu seiner Sorge gemacht, in seine Hand genommen und selber
       durchgeführt hat.</p>
      <p>Und eben das ist die wirkliche <term key="Götter, Götterdämmerung"><hi rend="italic">Götterdämmerung</hi></term><hi rend="italic"/>, die Israel nur widerwillig, nur in Form des Protestes seiner <term key="Propheten, Protest">Propheten</term>, schließlich offenkundig als der Feind des <term key="Jesus, Christus, Sohn Gottes">Gottessohnes</term> und <term ref="kbga-keywords-1263">Menschensohnes</term>, der sie vollbracht, schließlich nur in Form seines formalen <term key="Monotheismus, leere Form">Monotheismus</term> anerkennen konnte und die auch die
       Kirche, wenn auch wil<pb xml:id="p113" ed="pga" break="no"/>lig, wenn auch in Form der
       apostolischen <term key="Verkündigung, apostolische">Frohbotschaft</term>, wenn auch in
       Dankbarkeit gegenüber dem Vollbringen des Gottes- und Menschensohnes nur bezeugen und nicht
       selber vollbringen kann. In ihm, in Jesus Christus, ist sie <hi rend="italic">geschehen</hi>.
       In dem in ihm beschlossenen und vollzogenen Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf ist die
       Wirklichkeit und die Herrschaft der Götter von Haus aus <hi rend="italic">ausgeschlossen</hi>
       und <term key="Götter, Beseitigung"><hi rend="italic">beseitigt</hi></term>. Denn in ihm ist
       außer dem <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> und dem Geschöpf kein Dritter. In ihm
       sind Schöpfer und Geschöpf Einer, ist schon die Frage nach anderen Göttern neben dem Schöpfer
       unmöglich gemacht. In ihm ist die Quelle <pb ed="A" n="706"/> aller Götterwirklichkeit und
       Götterherrschaft: die Ohnmacht und <term ref="kbga-keywords-64">Verfehlung</term> des
       Geschöpfs, dadurch vertrocknet, dass er sich zu dem durch sie belasteten Geschöpf bekannt und
       dass er sie in seinem Selbstopfer und Gehorsam am <term ref="kbga-keywords-129">Kreuz</term>
       zunichte gemacht [hat]. Er ist in seiner <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> als
       der durch und in Gott Lebendige das Geschöpf, das nicht sündigen, das außer dem Schöpfer
       keinen Gott haben kann. So ist er die Widerlegung und Aufhebung der <term key="Jesus Christus, Widerlegung und Aufhebung der Götter">Götter</term> von Anbeginn und am
       Ende. Weil er Israels <term ref="kbga-keywords-753">Messias</term> ist, wird ihnen<note xml:id="n80">Tskr.: «ihm»; Korrektur durch die Hrsg.</note> schon in Israel, der
       Verlorenheit Israels zum Trotz, wirksam widersprochen. Und weil er der Herr der Kirche ist,
       ist sie in ihrer ganzen widerstrebenden Geschöpflichkeit der Raum, in welchem und von dem aus
       die Freiheit von den Göttern als das erste und letzte Wort in dieser Sache <term ref="kbga-keywords-252"><hi rend="italic">verkündigt</hi></term> werden darf. Es gibt keine
       Beseitigung der <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term> und keine Freiheit von ihnen
       außer der in Jesus Christus vollbrachten. Alle Praxis dieser Beseitigung und dieser Freiheit
       kann nur in der <term ref="kbga-keywords-757">Nachfolge</term> seines Werkes bestehen. Und so
       kann auch alle Theorie dieser Beseitigung und Freiheit nur im Hinweis auf sein Werk kräftig
       sein. Als Hinweis auf sein Werk <hi rend="italic">ist</hi> sie kräftig.</p>
     </div>
     <div>
      <head>2. Der Glaube und die <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term></head>
      <p><pb ed="A" n="707"/> Die Selbstkundgebung des Schöpfergottes ist die Bejahung aller von ihm verschiedenen <term key="Schöpfung, Bejahung">Wirklichkeit</term>, d. h. wer sie hört, der hört, dass sie als
       sein Geschöpf <hi rend="italic">ist</hi> und wieder als sein Geschöpf <hi rend="italic">gut</hi> ist, der wird durch sie der Realität und der Rechtfertigung der von Gott
        verschie<pb xml:id="p114" ed="pga" break="no"/>denen Wirklichkeit mit göttlicher Gewissheit
       gewiss gemacht. Von hier aus haben wir zu verstehen gesucht: Die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> ist die
       Verneinung jeder Gestalt eigener Göttlichkeit, jeder immanenten Souveränität und
       Genugsamkeit, Realität und Güte des Geschöpfs. Indem sie ihm als Gottes Geschöpf wahres Sein
       und wahre Güte zuspricht, spricht sie ihm ab: <hi rend="italic">das</hi> Sein und <hi rend="italic">die</hi> Güte, die nur die seines Schöpfers sein können. Indem sie dem, der
       sie hört, die Realität und die Rechtfertigung des Geschöpfs offenbar macht, macht sie ihm
       auch das offenbar, dass außer Gott selbst nur das Geschöpf als solches und in seiner Weise,
       nämlich durch seinen Schöpfer real und gerechtfertigt ist, dass dagegen alle Götter, alle
       durch sich selbst real und gut sein wollenden Wesenheiten als solche, in ihrer Natur, in
       ihrer Wirklichkeit, in ihrer Möglichkeit, <term key="Götter, Nichtse">Nichtse</term><note xml:id="n81">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n11">Anm. 11</ref>.</note> sind, d. h.
       dem Bereich angehören, den Gott, indem er als Schöpfer über Sein und Nichtsein, Güte oder
       Ungüte der von ihm verschiedenen Wirklichkeit entschied, nicht geschaffen, weil nicht gewählt
       und nicht gewollt <term key="Götter, Verneinung">hat</term>. Wer und was die Götter auch
       seien: im Akt der Schöpfung hat Gott sie gerichtet: hat er sie <pb ed="A" n="708"/> sich
       selbst und seinem Geschöpf gegenüber ins Unrecht, sich selbst und sein Geschöpf ihnen
       gegenüber ins Recht gesetzt. Das ist die <hi rend="italic">kritische</hi> Funktion der
       christlichen Lehre von der <term key="Schöpfungslehre, kritische Funktion">Schöpfung</term>:
       dies sichtbar zu machen. Wir haben anfangs festgestellt: das ist – sofern unter <term key="Gnosis">Gnosis</term> der <term key="Synkretismus">Synkretismus</term>, die Konfusion
       zwischen Gott und den Göttern zu verstehen ist – die <hi rend="italic">antignostische</hi>
       Richtung dieser Lehre.<note xml:id="n82">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p007#p007">S. 7f.</ref></note></p>
      <p>Aber eben die damit gewonnene Erkenntnis bedarf nun noch einer bestimmten Vertiefung und
       Beleuchtung. Die Gnosis, der sich die christliche Theologie einst zu erwehren hatte und noch
       zu erwehren hat, war und ist ja auch Synkretismus und Konfusion zwischen dem <hi rend="italic">Glauben</hi> und den <term key="Glaube, und Weltanschauung"><hi rend="italic">Weltanschauungen</hi></term><note xml:id="n83">Zum Thema «Weltanschauung» vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>
        frühere Äußerungen in: <bibl corresp="kbga-bibls-115"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">«Unterricht in der christlichen
         Religion»</hi>, Bd. 2: <hi rend="italic">Die Lehre von Gott / Die Lehre vom Menschen.
         1924/1925</hi>, hrsg. von H. Stoevesandt (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1990, bes.
        S. 217–219.273f.324f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-396">ders., <hi rend="italic">Fragen an das Christentum</hi>, in:
        V.u.kl.A. 1930–1933, S. 145–154</bibl>.</note>. Und so muss die kritische Funktion der Lehre von
       der <term key="Schöpfungslehre, kritische Funktion">Schöpfung</term> darin bestehen, auch
        diesen <pb xml:id="p115" ed="pga"/> Gegensatz sichtbar zu machen. Der Gegensatz zwischen Gott
       und den Göttern ist freilich das Primäre, auf das in diesem Zusammenhang zu achten ist.
       Eigentlich, zuerst und objektiv in der Entgegenstellung Gottes gegen alle Götter geschieht
       die entscheidende kritische Belehrung, die wir durch die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> zu empfangen
       und in der Lehre von der Schöpfung entgegenzunehmen haben. Aber eben zu jenem Primären gehört
       auf Seiten Gottes und auf Seiten der Götter eine sekundäre Entgegenstellung, in deren
       Erkenntnis jene Belehrung faktisch-fruchtbar werden muss. Sie könnte ja in jener ersten Form
       allzu objektiv-theoretisch verstanden werden. Die so notwendige und grundlegende Erkenntnis,
       dass die Götter durch Gott den Schöpfer <term key="Götter, Verneinung">negiert</term> sind –
       dem unausweichlich, der seine, des Schöpfers, Offenbarung gehört hat –, könnte für sich
       genommen als eine bloße, des Hörers wirkliche Situation und Haltung nicht eigentlich
       betreffende und verändernde Erweiterung seines Wissens erscheinen. Er selbst, der sich das
       sagen lässt, ist ja weder der wahre Gott noch einer von den falschen Göttern, sondern, in der
       Mitte zwischen beiden und von beiden unterschieden, der Diener und Anbeter entweder des einen
       oder des anderen. Und so könnte es wohl sein, dass wir uns selbst noch nicht völlig
       verstanden hätten, wenn wir von Gott und den Göttern redeten, dass <pb ed="A" n="709"/> wir
       noch nicht begriffen hätten: die Entscheidung, die dort, in jenem objektiven Gegensatz,
       fällt, will hier, in einem subjektiven Gegensatz unserer eigenen <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term>, respektiert und repetiert sein. Sie ist wohl <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> in sich selber, auch wenn das nie geschehen würde.
       Sie wäre aber nicht unsere Wahrheit, wenn sie nicht sofort auch die Gestalt unserer eigenen
       Entscheidung für Gott und gegen die Götter annehmen würde. Es könnte unser Wissen um jenen
       objektiven Gegensatz ein totes Wissen sein, solange es nicht ein – unsere eigene Entscheidung
       notwendig in sich schließendes – Wissen um den dazu gehörigen subjektiven Gegensatz geworden
       ist. Eben diesem haben wir uns jetzt zuzuwenden. Das sekundäre Korrelat zu dem primären
       Gegensatz zwischen Gott und den Göttern ist der zwischen dem <hi rend="italic">Glauben</hi>
       und den <term key="Glaube, und Weltanschauung"><hi rend="italic">Weltanschauungen</hi></term>. Hier richtet, hier entscheidet Gott nur im Verborgenen; hier
       sind als Hörer seiner Schöpferoffenbarung und also als Zeugen seines Gerichts und seiner
       Entscheidung wir selbst zum Wählen und <term ref="kbga-keywords-26">Entscheiden</term>
       aufgerufen. Eben in dieser Wahl muss und wird es sichtbar wer<pb xml:id="p116" ed="pga" break="no"/>den, ob wir als <hi rend="italic">Hörer</hi> nicht nur, sondern als <hi rend="italic">gehorsame</hi>
       <term key="Mensch, Gehorsam">Hörer</term> der <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>
       des Schöpfers, in wirklicher Beugung unter sein Gericht und seine Entscheidung auch zwischen
       Gott und den Göttern so gewählt haben, wie es der objektiven Wahrheit, wie es dem
       Schöpfungsakt und der Selbstbezeugung des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term>
       entsprechend allein möglich ist.</p>
      <p>Zu Gott gehört nämlich der <term key="Glaube"><hi rend="italic">Glaube</hi></term>. Wir
       sagen präziser: zu dem nach dem Zeugnis der heiligen <term ref="kbga-keywords-110">Schrift</term> sich selbst offenbarenden Schöpfergott gehört, wo seine Offenbarung
       vernommen wird, auf Seiten des Menschen als die entsprechende Gestalt dieses Vernehmens das,
       was in der heiligen Schrift als der Glaube an ihn bezeichnet wird. Es ist dieser Glaube die
       Möglichkeit – und zwar die einzige, weil alle anderen begründende und in sich schließende
       Möglichkeit, der Offenbarung Gottes des Schöpfers zu entsprechen und also ihm gerecht zu
       werden, vor ihm <pb ed="A" n="710"/> recht zu sein. Denn es ist der Glaube das <term key="Glaube, Vertrauen">«Trauen</term> und Wagen des Herzens»<note xml:id="n84">Vgl.
         <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Predigt am <date when="1521-02-17">17. Februar 1521</date> über Gen.31</hi>: «Also mechtig starck ding ist
        es umb den glawben, wan sich das hertzs awff goth wagt und im alles heim gibt in eynnem
        rechten vortrawen […]» (<bibl corresp="kbga-bibls-18">WA 9, 587,11–13</bibl>); vgl. auch aus Luthers Auslegung des ersten Gebots
        im Großen Katechismus: «alleine das Trauen und Gläuben des Herzens machet beide Gott und
        Abegott» (<bibl corresp="kbga-bibls-1785">BSLK, S. 560,16f.</bibl>).</note>, in welchem der Mensch seine Existenz Gott ganz
       anbefiehlt und von ihm Alles, was ihm gut sein kann, erwartet. In dieser Haltung und in ihr
       allein wird er der Offenbarung des Schöpfers und also dem Wesen Gottes als solchem gerecht –
       in ihr und in ihr allein auch seinem eigenen Wesen als Gottes Geschöpf. Der Schöpfer kann vom
       Menschen nur durch den Glauben geehrt werden, und nur durch den Glauben kann der Mensch sich
       selbst vor dem Schöpfer Ehre machen. Der Glaube ist auf Seiten des Menschen das Komplement zu
       Gottes <term key="Gott, Allmacht">Allmacht</term>, <term ref="kbga-keywords-106">Herrlichkeit</term> und Allgenugsamkeit. Er gehört also zu Gott, sofern der Mensch zu Gott
       gehört und sofern seine Zugehörigkeit zu Gott eben im <term key="Glaube">Glauben</term> ihren
       normalen Ausdruck findet. Der Gegensatz Gottes zu den Göttern spiegelt sich darum, wo seine
        <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> als <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> vernommen wird, wo der Mensch vor ihm recht ist, notwendig in dem
       Gegensatz, in welchem sich der zu Gott gehörige Glaube einer anderen, nicht zu Gott, sondern
       zu den Göttern gehörigen Möglichkeit und Haltung gegenüber befindet.</p>
     <!-- </div><div type="ditigal_division"> -->
      
      <p><pb xml:id="p117" ed="pga" rend="noPipe"/> Zu den Göttern gehören nämlich die <term key="Weltanschauung"><hi rend="italic">Weltanschauungen</hi></term>. Wir präzisieren: zu den durch die Selbstkundgebung des
       Schöpfers als Nichtse entlarvten <term key="Götter, Nichtse">Göttern</term> gehören auf
       Seiten des Menschen als die Exponenten seiner Erkenntnislosigkeit der Offenbarung Gottes
       gegenüber die vom Menschen selbst entworfenen Weltanschauungen. Sie sind – in der <term ref="kbga-keywords-110">Bibel</term> nur als Begrenzung des Glaubens sichtbar – die
       Varianten des menschlichen Versuchs, sich der Selbstkundgebung des Schöpfers zu entziehen,
       ihr nicht zu entsprechen und also Gott sein Recht und seine Ehre nicht zu geben – eines
       Versuchs, mit dem notwendig auch das Recht und die Ehre des Geschöpfs aufs Spiel gesetzt
       wird. Denn es besteht jede Weltanschauung in dem Unternehmen des Menschen, sich gegenüber dem
       Rätsel seiner Existenz und derjenigen seiner Umwelt selber zurechtzufinden, sich der Realität
       und der Rechtfertigung des Geschöpfs von sich aus zu vergewissern und zu versichern, indem er
       die ihm durch die Offenbarung des Schöpfers gegebene Vergewisserung und Versicherung
       grundsätzlich oder doch praktisch auf <pb ed="A" n="711"/> sich beruhen lässt. Die
       Unternehmungen dieser Art entsprechen sehr genau der Natur, der <term key="Götter, Wirklichkeit">Wirklichkeit</term> und Möglichkeit der <term key="Götter, Möglichkeit">Götter</term> als der Wesenheiten, die im Raum der menschlichen
        <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">Einbildung</term> Gott nachahmen, wie
       Gott herrschen und verehrt sein wollen. Wo die Götter ihr Wesen haben, da entstehen die
       Weltanschauungen. Wer die Götter ehrt und ihnen dient, der wird unfehlbar zu einer jener
       Unternehmungen schreiten. Die Götter beweisen nämlich gerade ihre <term key="Götter, Nichtigkeit">Nichtigkeit</term> darin, dass der ihnen verfallene Mensch das
       Genügen, das er ihrem Anspruch und ihrer Verheißung nach an ihnen finden möchte, faktisch
       nicht finden kann. Der Mensch ist den Göttern gegenüber mit sich selbst und seiner Umwelt
       faktisch allein gelassen. Er kann den Göttern wohl seine <term ref="kbga-keywords-211">Religion</term> zuwenden; er kann ihnen aber nicht <term key="Glaube">Glauben</term>
       schenken. Er kann ihnen wohl verfallen sein; er kann ihnen aber nicht vertrauen, wie man Gott
        <term ref="kbga-keywords-1768">vertrauen</term> kann. Er kann, auch wenn er ihnen noch so
       treu und völlig ergeben ist, auf keinen Fall darauf verzichten, sich mit seinem Dasein auf
       eigene Faust auseinanderzusetzen. Sie verbieten ihm das übrigens auch nicht; sie hindern ihn
       nicht bei diesem Beginnen; sie laden ihn geradezu ein dazu. Die Eigenmächtigkeit des auf
        <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> bedachten <term ref="kbga-keywords-39">Menschen</term> ist ebenso das notwendige Komplement zu der Ohnmacht seiner <term key="Götter, Ohnmacht">Götter</term>, wie der Glaube das Komplement zu Gottes <term key="Gott, Allmacht">Allmacht</term> ist. So gehören <pb xml:id="p118" ed="pga"/> die
       Weltanschauungen zu den Göttern, wie der Glaube zu Gott gehört. So sind sie der ebenso
       notwendige Ausdruck der Zugehörigkeit des Menschen zu den Göttern, wie der Glaube der
       Ausdruck seiner Zugehörigkeit zu Gott ist. Der Gegensatz der Götter zu Gott spiegelt sich
       darum, wo die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfergottes</term> nicht vernommen wird, notwendig in dem Gegensatz, in welchem sich die
       zu den Göttern gehörigen Weltanschauungen zu dem zu Gott gehörigen Glauben befinden.</p>
      <p>Wir verstehen unter <term key="Glaube, Definition"><hi rend="italic">Glauben</hi></term>:
       die <term key="Mensch, Gehorsam">gehorsame</term> Zuversicht des Menschen zu Gottes <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term>, d. h. aber zu Jesus Christus, in welchem die gute
       Absicht des Schöpfergottes und also der gute Sinn des Geschöpfs Ereignis und Offenbarung
        sind.</p>
      <p><pb ed="A" n="712"/> Wir verstehen unter <term key="Weltanschauung, Definition"><hi rend="italic">Weltanschauung</hi></term>: eine vom Menschen gesuchte und gefundene, in sich
       abgeschlossene Konzeption von seiner Existenz und Umwelt, ein von ihm entworfenes Bild mit
       dem Anspruch und der Verheißung einer Auflösung dieses Problems, der er als solcher letzten
       Respekt und entscheidende Nachachtung entgegenbringen zu müssen meint. <term key="Autonomie, als Merkmal einer Weltanschauung">Autonomie</term> auf der einen Seite: die
       Voraussetzung der menschlichen Meisterschaft zum Entwurf eines solchen Bildes – und <term key="Autarkie, als Merkmal einer Weltanschauung">Autarkie</term> auf der anderen Seite: die
       Voraussetzung der Abgeschlossenheit und Gültigkeit eines solchen Bildes – das sind die beiden
       entscheidenden Merkmale des Begriffs einer Weltanschauung.</p>
      </div>
      <!-- nächste Seite "Glauben versus Weltanschauung"-->
   
      <div>
      <div>
        <div>
      <p> Zwischen dem so verstandenen Glauben und den so verstandenen Weltanschauungen besteht der
        <term key="Glaube, und Weltanschauung">Gegensatz</term>, mit dem wir uns nun zu beschäftigen
       haben.</p>
        </div>
        <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Man könnte gegen diese Entgegenstellung den <hi rend="italic">historischen Einwand</hi>
       erheben: dass Glaube und Weltanschauung sich bisher faktisch noch nie ausgeschlossen hätten,
       dass vielmehr der Glaube sich faktisch noch immer mit diesen oder jenen Weltanschauungen
       verbunden, sie sich zu eigen gemacht, sie in seinem Sinn verstanden und ausgelegt und sich
       mindestens ein Stück weit auf sie berufen und gestützt habe – und dass es noch kaum ein
       spekulatives oder physikalisches, ethisch oder politisch oder ästhetisch begründetes Weltbild
       gegeben habe, das sich solcher Verbindung gegenüber als schlechthin spröde erwiesen habe. In
       der Tat: Der Glaube hat schon in den biblischen Zeugnissen selbst mit großer
       Selbstverständlichkeit und Kraft zuerst die Sprache von mehr als einer der orientalischen
        <term key="Mythologien, orientalische">Mythologien</term>, <term key="Wissenschaft, Naturwissenschaft">Naturwissenschaften</term> und Lebensauffassungen und
       dann weiter die der hellenistischen <term key="Philosophie, hellenistische">Popularphilosophie</term> ebenso wie der hellenistischen <term key="Religionen, hellenistische Mysterienreligionen">Mysterienreligionen</term>
        <pb ed="A" n="713"/> gesprochen, indem er <pb xml:id="p119" ed="pga"/> offenbar ohne
       Schwierigkeit auch in allen diesen Anschauungs- und Begriffswelten, auch unter allen den
       ihnen entsprechenden ethischen, politischen, ästhetischen Voraussetzungen zu leben wusste. Er
       hat in den folgenden Jahrhunderten gerade in einigen seiner ausgezeichnetsten Vertreter die
       große Erneuerung des <term key="Platonismus">Platonismus</term> und später auf breiter Front
       auch die des <term key="Aristotelismus">Aristotelismus</term> mitgemacht und noch später – in
       einer für seine eigene Geschichte entscheidenden Stunde – die <term ref="kbga-keywords-1209">Renaissance</term>, die wohl entscheidend eine Renaissance der antiken <term ref="kbga-keywords-31">Stoa</term> gewesen ist.<note xml:id="n85">Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-5254"><persName ref="kbga-actors-10331">J. Stelzenberger</persName>, <hi rend="italic">Die
         Beziehungen der frühchristlichen Sittenlehre zur Ethik der Stoa. Eine moralgeschichtliche
         Studie</hi>, München 1933, S. 184</bibl>: «Es ist die Renaissance eine Repristination auch der
        Stoa und ihres <hi rend="italic">Naturalismus</hi> und <hi rend="italic">Rationalismus</hi>.» Die These von einer entscheidenden Rolle der Stoa vor allem beim
        Übergang der Renaissance zur Reformation geht u. a. auf <bibl corresp="kbga-bibls-5255"><persName ref="kbga-actors-96">Wilhelm Dilthey</persName> zurück; vgl. etwa
         <persName ref="kbga-actors-96">W. Dilthey</persName>, <hi rend="italic">Die Funktion der
         Anthropologie in der Kultur des 16. und 17. Jahrhunderts</hi> (1904), in: ders., <hi rend="italic">Gesammelte Schriften</hi>, Bd. 2: <hi rend="italic">Weltanschauung und
         Analyse des Menschen seit Renaissance und Reformation</hi>, Leipzig 1960<hi rend="sup">6</hi>, S. 416–492</bibl>. Siehe dazu auch <bibl corresp="kbga-bibls-5256">Chr.
         Strohm, Art. «Stoa / Stoizismus / Neustoizismus. II. Neustoizismus», in: TRE 32,
        S. 190–193</bibl>.</note> Er hat ungefähr die ganze Folge der seither aufgetretenen Philosophien
       durch die Aufstellung entsprechend geformter Theologien begleitet und ergänzt. Er konnte sich
       einst ganz auf den Boden des ptolemäischen und nachher nach einigem Zögern doch auch wieder
       ganz auf den Boden des kopernikanischen Weltbildes stellen und auch dessen biologischer und
       chemischer Deutung in der Neuzeit zu folgen versuchen. |</p>
      <p>Man könnte auf diesem Feld die Art, wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-171">Karl Heim</persName></hi> den Wandlungen des <term key="Wissenschaft, Naturwissenschaft">naturwissenschaftlichen</term> Weltbildes im Raum der letzten 50 Jahre nie ermüdet und nie
       erschrocken nachgegangen ist, als Musterbeispiel dafür anführen, wie der Glaube sich offenbar
       jeder <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauung</term> gewachsen weiß, sich jede
       zum besten dienen lassen, das «Alles ist euer!» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.3.21">1.Kor. 3,21</ref>] gerade auf die sich wandelnden Weltanschauungen
       anwenden kann.<note xml:id="n86">Mit der angesprochenen Thematik beschäftigte <persName ref="kbga-actors-171">Karl Heim</persName> (1874–1958) sich intensiv schon in seiner
        Habilitationsschrift: <bibl corresp="kbga-bibls-5257"><persName ref="kbga-actors-171">K. Heim</persName>, <hi rend="italic">Das Weltbild der Zukunft. Eine
         Auseinandersetzung zwischen Philosophie, Naturwissenschaft und Theologie</hi>, Berlin 1904</bibl>.
        Seit den 1920er Jahren war es ihm ein Anliegen, «das neue Verständnis der urchristlichen und
        reformatorischen Gottesgewißheit, das <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barths</persName> Römerbrief in prophetischer Form zum
        Ausdruck gebracht hat, in Beziehung zu setzen zu der philosophischen Bewegung, in der wir
        seit <persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName> ‹kopernikanischer Tat› stehen» (<bibl corresp="kbga-bibls-1789">ders., <hi rend="italic">Glaubensgewißheit. Eine
         Untersuchung über die Lebensfrage der Religion</hi>, Leipzig 1923<hi rend="sup">3</hi>,
        S. III</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar am Rand markiert). <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hatte weiter folgende Schriften <persName ref="kbga-actors-171">Heims</persName>
        vor Augen: <bibl corresp="kbga-bibls-5258">ders., <hi rend="italic">Glaube und Denken. Philosophische Grundlegung</hi>
        <hi rend="italic">einer christlichen Lebensanschauung</hi> (<hi rend="italic">Der
         evangelische Glaube und das Denken der Gegenwart. Grundzüge einer evangelischen
         Lebensanschauung</hi>, Bd. 1), Berlin 1931 (gekürzte 3. Auflage, Berlin 1934)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5259">ders, <hi rend="italic">Glaube und Leben. Gesammelte Aufsätze
         und Vorträge</hi>, Berlin 1928<hi rend="sup">2</hi>, dort bes. S. 39–68</bibl>: <hi rend="italic">Der gegenwärtige Stand der Debatte zwischen Theologie und Naturwissenschaft</hi>
        (1908).</note> Der Glaube hat sich aber <pb xml:id="p120" ed="pga"/> auch mit dem römischen,
       mit dem byzantinischen, mit dem römisch-germanischen, mit dem britischen, dem französischen,
       dem russischen, dem neudeutschen, dem amerikanischen <term key="Imperialismus">Imperialismus</term> und daneben mit den vielen diese Systeme teils fördernden, teils
       hemmenden <term ref="kbga-keywords-1201">Nationalismen</term>, er hat sich mit der absoluten
       und der konstitutionellen <term ref="kbga-keywords-318">Monarchie</term> ebenso wie mit der
       bürgerlichen <term key="Aristokratie">Aristokratie</term> und <term ref="kbga-keywords-320">Demokratie</term>, er hat sich mit patriarchalischen, <term key="Liberalismus">liberalen</term>, <term key="Sozialismus">sozialistischen</term> Wirtschaftssystemen unter
       verhältnismäßig geringen Reibungen je und je zu vertragen und zu vereinigen gewusst. Er hat
       sich ohne wesentliche Widerstände in die vielen Entwicklungen auch der <term key="Ästhetizismus">ästhetischen</term> Konzeption des <term key="Dasein">Daseins</term>
       gefunden und eingefügt. Er hat sich das Lebensgefühl der verschiedensten Zei<pb ed="A" n="714" break="no"/>ten und Räume in gewissen Fristen und unter gewissen Kämpfen assimiliert
       und zu eigen gemacht. In allen diesen Bereichen – von der Theorie über die bewusste und
       unbewusste Praxis bis zur künstlerischen Kontemplation – entstanden ja von jeher und
       entstehen noch heute die <term key="Autonomie">autonomen</term> und <term key="Autarkie">autarken</term> Bilder, in deren Entwurf und Aufrichtung der Mensch seine <term key="Existenz, menschliche">Existenz</term> und die seiner Umwelt zu meistern versucht. Der
        <term key="Glaube">Glaube</term> ist diesen Versuchen insgesamt notorisch nie einfach fremd
       geblieben. Er hat ihnen auch nicht nur beigewohnt; er hat sie auch nicht nur über sich
       ergehen lassen – er hat sie vielmehr weithin auch angeregt und unterstützt; er hat sich an
       sie gehalten und von ihnen genährt, und gerade die Glaubenden sind oft genug die
       wesentlichsten Träger und Promotoren der verschiedenen Weltanschauungen gewesen, haben jetzt
       eine in Geltung stehende am zähesten verteidigt, jetzt eine neu aufkommende am gründlichsten
       vorbereitet und am radikalsten zum Angriff geführt. Es hat also nicht den Anschein, als ob
       zwischen der glaubensmäßigen und der weltanschaulichen Einstellung zum Problem der
       geschöpflichen Existenz ein eigentlicher <term key="Glaube, und Weltanschauung">Gegensatz</term> je stattgefunden habe.</p>
      <p>Zu dem Allem ist zu sagen, dass gerade das nicht zu bestreitende Zusammensein des Glaubens
       mit den Weltanschauungen auch historisch ein sehr komplexes Phänomen ist, dessen genauere
       Erkenntnis uns nun doch zu dem Ergebnis führen muss, dass wir es hier und dort mit
       heterogenen und also nur kritisch aneinander zu messenden Größen zu tun haben.</p>
      <p>Man hat (1.) zu beachten, dass der positive Zusammenhang zwischen dem Glauben und den
       Weltanschauungen zu allen Zeiten letztlich doch nur darin bestanden hat, dass das Problem
       aller <term key="Weltanschauung, Problem">Weltanschauungen</term>: die Aufgabe einer
       Stellungnahme zur menschlichen Existenz und damit zur geschöpflichen Welt überhaupt, <hi rend="italic">auch</hi> ein Problem des Glaubens gewesen ist. «Auch», so müssen wir sagen.
       Denn der Glaube als solcher – auch der als menschliches Werk verstandene Glaube – war nie
       zuerst und nie ausschließlich mit der Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst und mit
       der übrigen geschöpflichen <pb xml:id="p121" ed="pga"/> Wirklichkeit beschäftigt. Er war als
       Glaube zuerst und eigentlich immer das Hören und Bekennen des dem Menschen gesagten Wortes <pb ed="A" n="715"/>
       <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term>. In dieser seiner eigentlichen Funktion hat er
       dann allerdings – weil er der Glaube des Menschen und also eines Geschöpfs und weil auch sein
       Gegenstand das Handeln Gottes in der Geschöpflichkeit ist – auch eine Stellungnahme zur <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term> immer in sich geschlossen, trat er also in
       formale Ähnlichkeit zu den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term>. Er
       kam doch immer von anderswoher, und er ging doch immer anderswohin als sie, wenn er sich
       ihnen zur Seite stellte und ihre Sache zu der seinigen machte. Er hat sich doch im Grunde
       immer nur scheinbar mit ihnen verbündet, solidarisiert und vereinigt. Die biblischen
       Schöpfungssagen haben keinen orientalischen <term key="Mythologien, orientalische">Mythus</term> und es hat der Apostel <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
       keine hellenistische <term key="Philosophie, hellenistische">Popularphilosophie</term>
       vorgetragen, obwohl und indem sie sich ihrer Sprachen zweifellos bedient haben. Das Problem
       des biblischen Zeugnisses ist ja nur <hi rend="italic">beiläufig</hi>, nur annexweise, nur im
       Zusammenhang mit dem Problem der <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> und
       Erkenntnis Gottes auch das der Geschöpfwelt. Sein Interesse an ihr folgt dem Interesse, das
       Gott selbst – als ihr Schöpfer und indem er in seinem Sohn selbst Geschöpf wurde – an ihr
       nehmen wollte. In diesem Interesse nähert es sich formell den antiken Weltanschauungen, <hi rend="italic">bedient</hi> es sich ihrer Anschauungs- und Begriffswelt, redet es ihre
       Sprache. Die Sprache, die Anschauungs- und Begriffswelt, in der die Hörer des biblischen
       Zeugnisses, aber auch die biblischen Zeugen selbst als Menschen lebten, war eben die der
       antiken Weltbilder, wie sie auch nachher die der späteren, immer wieder der Natur dieses Äons
       entsprechenden Weltbilder gewesen ist. Die Stellen wären aber gerade im biblischen Zeugnis
       erst aufzuzeigen, wo es eine antike <term key="Weltanschauung, antike">Weltanschauung</term>
       um ihrer selbst willen aufgenommen und verkündigt hätte. Ihm ist es nicht um den Menschen an
       sich und nicht um die Geschöpfwelt als solche, sondern um Gottes Handeln in und mit ihnen, um
       sie als Gegenstand, Werkzeug und Raum dieses göttlichen Handelns zu tun. Es wollte gerade
       nicht, was schon die antiken Weltanschauungen wollten: es war gerade kein Instrument, mit dem
       der Mensch sich seiner selbst und seiner Umgebung bemächtigen wollte. Und wo immer der Glaube
       später der Glaube des biblischen Zeugnisses war und blieb, da stand er den Weltanschauungen
       der späteren Zeiten in ähnlicher <pb ed="A" n="716"/> Nähe, aber auch in ähnlicher Distanz
       gegenüber, da war sein Blick und seine Absicht immer wohl auch auf das Geschöpf, aber nie
       direkt auf das Geschöpf, sondern direkt auf den Schöpfer und erst vom <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> her und also indirekt auch auf das Geschöpf
       gerichtet. Da ging er immer nur scheinbar, nur in der unvermeidlichen menschlichen Form und
       Gestalt seines Werkes mit den Weltanschauungen zusammen. Da verkündigte er nicht dieses oder
       jenes Bild einer für sich bestehenden Geschöpfwirklichkeit, sondern in der Bildersprache der
       menschlichen Weltanschauungen, aber sachlich an allen Bildern vorbei die Herrschaft Gottes
       über die Geschöpfwirklichkeit, nicht in der Meinung, diese gering zu achten, vielmehr in der
       Meinung, ihr gerade so echte Ehre zu erweisen, aber allerdings ohne ihr eine ihr eigene Ehre
       zuzuschreiben. Es wurde, wo der Glaube der Glaube des biblischen Zeugnisses war, noch immer
       deutlich, <pb xml:id="p122" ed="pga"/> dass sein Unternehmen und das der Weltanschauungen
       schon im Ansatz nicht <term key="Glaube, und Weltanschauung">dasselbe</term> ist.</p>
      <p>Man hat (2.) zu beachten, dass das nicht zu leugnende formale Zusammengehen des Glaubens
       mit den Weltanschauungen da, wo der Glaube sich selber treu blieb, wo sein Werk wirklich als
       Werk des Glaubens unternommen und durchgeführt wurde, in Wirklichkeit nie dazu geführt hat,
       dass er sich einer bestimmten Konzeption vom geschöpflichen <term key="Dasein">Dasein</term>
       restlos verschrieben und dass er sein eigenes Erkennen und Bekennen mit dem einer
       Weltanschauung endgültig identifiziert hätte. Es entspricht der Beiläufigkeit, in der sich
       der Glaube von jeher auch (aber nur auch!) der <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term> zuwendete, es entspricht dem, dass er sich der Anschauungs- und
       Begriffswelt der Weltanschauungen doch immer nur bediente, ohne sie um ihrer selbst willen
       aufzunehmen, dass sein Verhältnis zu ihnen im Grunde immer nur ein <hi rend="italic">unverbindliches</hi> gewesen ist, dass er hier von ihrer Sprache Gebrauch machen konnte, um
       es dort zu unterlassen und um sich dort in deutlichen Widerspruch zu ihnen zu setzen – und
       dass er offenbar die Fähigkeit hatte, von der einen zur anderen überzugehen, ohne sich
       selber, seinem eigenen Erkennen und Bekennen untreu zu werden. Man könnte in dieser Hinsicht
       geradezu von einer Leichtfertigkeit und Treu<pb ed="A" n="717" break="no"/>losigkeit des
       Glaubens allen <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> gegenüber
       reden. Er hat sie im Grunde nie ernst genommen: nie so, wie sie sich selbst ernst
       nehmen. |</p>
      <p>Wir nannten <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-171">K. Heim</persName></hi> als
       Musterbeispiel für die Art, wie der Glaube sich sukzessive die verschiedensten
       Weltanschauungen zu assimilieren vermag. Wir müssen ihn nun doch auch als Musterbeispiel
       dafür anführen, wie leicht der Glaube zu allen Zeiten an den verschiedenen Weltanschauungen
       vorbeizukommen wusste. Er lebt in ihnen, er denkt und redet mit ihnen, weil der Mensch – auch
       der glaubende Mensch und erst recht der nicht-glaubende – nun einmal in ihnen lebt. Aber er
       betritt ihren Boden doch nur wie im Sprung, um ihn gegebenenfalls alsbald auch wieder
       verlassen zu können. Er übernimmt gerade für ihren Entwurf und für ihre Abgeschlossenheit und
       Gültigkeit keine Verantwortung. Er bewegt sich in ihrem Raum; er lässt sich aber durch dessen
       Grenzen nicht aufhalten; er macht sich für ihre Erhaltung nicht haftbar; er kann den Raum der
       einen getrost auch mit dem Raum einer ganz anderen vertauschen. Gerade letzten Respekt und
       entscheidende Nachachtung hat er, wo er sich selbst auch nur einigermaßen recht verstand,
       diesen Bildern nie entgegenbringen können. Das ist in der <term ref="kbga-keywords-110">Bibel</term>, wo wir ihn an seiner Quelle zu studieren haben, mit Händen zu greifen. Es
       gibt keine Weltanschauung, die man etwa als <hi rend="italic">die</hi> biblische, oder auch
       nur als <hi rend="italic">die</hi> alttestamentliche, <hi rend="italic">die</hi>
       neutestamentliche, oder auch nur als <hi rend="italic">die</hi> prophetische oder als <hi rend="italic">die</hi> paulinische bezeichnen könnte. Sondern wenn uns da weltanschauliche
       Elemente gewiss in Fülle begegnen, so handelt es sich genau gesehen um eine den biblischen
       Schriftstellern doch nur vordergründlich oder hintergründlich interessante, in sich sehr
       vielfältige und bewegliche Menge von Trümmern, die offenkundig einmal zu diesen und jenen
       Weltanschauungen gehört haben, die aber in ihrer <pb xml:id="p123" ed="pga"/> Ganzheit nie
       sichtbar, geschweige denn geltend gemacht werden, die wir im Zusammenhang als Lösungen des
       Lebens- und Welträtsels neben dem, was die biblischen Schriftsteller <hi rend="italic">eigentlich</hi> zu vertreten haben, <hi rend="italic">keine</hi> selbständige Rolle spielen
       sehen. Man kann natürlich nicht einfach sagen, dass diese weltanschaulichen Rudimente in der
       Bibel auch fehlen und also vom Leser stillschweigend oder ausdrücklich gestrichen werden
       könnten. An dem ist es ja nicht, dass sich die weltanschauliche Form und der glaubensmäßige
        <term key="Glaube, und Weltanschauung">Gehalt</term> des biblischen Zeugnisses an irgend
       einer Stelle auseinanderhalten und trennen ließen. Man kann und muss aber se<pb ed="A" n="718" break="no"/>hen, dass es sich bei jener Form doch nur um Rudimente und also um
       Partikeln gewisser Weltanschauungen und nicht um diese selbst und als solche handelt, und
       dass diese Partikeln gerade nicht von den dahinter stehenden Weltanschauungen her, sondern
       aus dem neuen Zusammenhang des Glaubenszeugnisses, zu dessen Form sie jetzt gehören,
       verstanden sein wollen. Kein magisches Weltbild z. B., sondern das Geheimnis und Wunder
       Gottes, das dem magischen Weltbild ebenso fremd ist wie jedem anderen, soll durch das
       biblische Zeugnis eindrücklich und verbindlich gemacht werden: auch dann und gerade dann,
       wenn es sich die Freiheit nimmt, unter anderem, teilweise und vorübergehend auch in der
       Sprache des magischen Weltbildes zu reden.<note xml:id="n87">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5168"><persName ref="kbga-actors-495">A. Bertholet</persName>, Art. «Magie», in: RGG<hi rend="sup">2</hi>
        III, Sp. 1839–1850, dort Sp. 1849</bibl>: «Auf das Ganze gesehen aber ist […] für das AT […]
        charakteristisch die Geringfügigkeit der Rolle, die das Magische spielt. Darin gerade
        bewährt der Jahvismus seine Überlegenheit, daß er sich das Dynamistische nach Möglichkeit
        untertan gemacht hat, um es ganz und gar in seinen Gottesglauben einmünden zu lassen: Jahve
        der Allmächtige. Wo daneben selbständige Beschäftigung mit magischen Kräften ihr Spiel zu
        treiben suchte […], da machte der Jahvismus Front dagegen […].»</note> Es sagt in der
       Artikulatur jeder derartigen Sprache gerade nicht das, was deren menschliche Erfinder sagen
       wollten, sondern was in Verantwortung gegenüber Gottes <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term> gerade es und nur es zu sagen hat. |</p>
      <p>Man muss aber diesen für das Verständnis des <term ref="kbga-keywords-568">Alten</term> und
       Neuen <term ref="kbga-keywords-74">Testamentes</term> sicher gültigen Kanon auch zur
       Würdigung mindestens der Intentionen auch der späteren, der in der Kirche der verschiedenen
       Zeiten laut gewordenen Glaubenszeugnisse vor Augen haben. Blickt man auf die einzelnen Phasen
       und Hervorbringungen der christlichen <term key="Dogma, Dogmengeschichte">Dogmengeschichte</term>, so wird man mindestens sagen müssen, dass es dem oft so schwachen,
       angefochtenen und ausgefallenen Glauben der Kirche wahrscheinlich nie gelungen ist, eine
       hundertprozentige Fehlleistung dadurch hervorzubringen, dass er sich dieser oder jener
       Weltanschauung geradezu hundertprozentig verkauft hätte, dass er in einer solchen
       schlechterdings auf- und untergegangen wäre, dass er schlechterdings aufgehört hätte, sein
       von jener Weltanschauung unabhängiges eigenes Werk zu treiben. Auch in der <term key="Gnosis">Gnosis</term> des zweiten Jahrhunderts, auch bei den großen <term key="Häresie / Häretiker">Häretikern</term> des vierten und fünften Jahrhunderts, auch im römischen <term key="Katholizismus">Katholizismus</term>, auch in den übelsten Hervorbringungen des <term key="Rationalismus">Rationalismus</term> am <pb xml:id="p124" ed="pga"/> Ende des 18. und am
       Anfang des 19. Jahrhunderts, auch bei <persName ref="kbga-actors-360"><hi rend="italic">Schleiermacher</hi></persName> und den von ihm ausgehenden Schulen ist das, wenn man
       gerecht urteilen will, <hi rend="italic">nicht</hi> geschehen. In irgend einem Punkt hat man
       die Weltanschauungen, denen sich auszuliefern man da im Begriffe war, dann faktisch doch
       immer, sei es ab <pb ed="A" n="719" break="no"/>zuschwächen, sei es zu verstärken versucht, hat man
       Additionen oder Subtraktionen vorgenommen, hat man sie Umdeutungen unterworfen, hat man sie
       in einen Gebrauch genommen und in einen Dienst gestellt, die deren eigenem Genius fremd
       waren, in denen nun doch, wenn auch noch so lispelnd und undeutlich, der Glaube mit seinem
       eigenen Werk zu Worte kommen wollte. Und überblickt man die christliche <term key="Dogma, Dogmengeschichte">Dogmengeschichte</term> im Ganzen, so kann man wohl staunen
       über die mehr als verdächtige Wendigkeit, in der die Kirche und die Theologie ihren Glauben
       jetzt dieser, jetzt jener jeweils neuen Gestalt des Weltbildes anzugleichen, sich in immer
       neuen Häusern wohnlich einzurichten versuchte. Man kann sich aber angesichts dieses Phänomens
       doch auch darüber wundern, wie zwar die Modifikationen des Weltbildes kamen und gingen und
       wie sie offenbar je und je auch den Vertretern des Glaubens tieferen Eindruck machten, als es
       sich mit dessen innerer Gewissheit vertragen hätte, wie aber wiederum der Weg des Glaubens
       durch alle Irrungen und Wirrungen der Weltanschauungen hindurch nie ganz abbrach, durch keine
       von dessen Wandlungen nun etwa blockiert wurde, sondern – wie sehr man sich auch an ein
       bestimmtes Weltbild gebunden, wie schwer man sich auch durch voreilige Ineinssetzung
       glaubensmäßiger und weltanschaulicher <term key="Glaube, und Weltanschauung">Aufstellungen</term> kompromittiert hatte – jenseits einer jeden von diesen Wendungen in
       merkwürdiger Freiheit einen ganz neuen Anfang nahm. Die eingegangene Bindung war offenbar so
       gründlich und definitiv doch nicht gewesen, wie es vorher wohl ausgesehen hatte. Die
       verschiedenen Weltbilder, <term ref="kbga-keywords-1046">Philosophien</term>, Lebenssysteme
       usw. hatten ihre Zeit, und mit ihnen kamen und gingen natürlich auch die spekulativen,
       ethischen, politischen, ästhetischen Hervorbringungen, in denen der Glaube – immer ein wenig
       allzu zeitgemäß – jenen nachgeeifert hatte. Er selbst aber hatte immer wieder <hi rend="italic">neue</hi> Zeit. Er selbst konnte faktisch auch verzichten auf das, was er
       gestern als das Eine, Notwendige betrachtet und behandelt, konnte faktisch heute verbrennen,
       was er gestern angebetet hatte.<note xml:id="n88">Nach einem Bericht des <persName ref="kbga-actors-10332">Gregor von Tours</persName> in seiner <hi rend="italic">Historia
         Francorum</hi> hat der Bischof <persName ref="kbga-actors-10333">Remigius von
        Reims</persName> bei der Taufe des Frankenkönigs <persName ref="kbga-actors-10334">Chlodwig</persName>
        (Weihnachten 497, 498 oder 499 – die Jahresangabe ist ungewiss; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5261">E. Ewig, Art. «Chlodwig I.», in: Lexikon des Mittelalters,
        Bd. II, Sp. 1863–1869, dort Sp. 1865</bibl>) zu diesem gesagt: «<foreign xml:lang="lat">Mitis depone colla, Sicamber: adora
        quod incendisti, incende quod adorasti!</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-5377">Greg.T.hist. II, 31</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5378">MGH.SS, rer. Merov. 1,
         1937<hi rend="sup">2</hi>, S. 51</bibl>).</note> Er hat das immer wieder getan. Er bewies auch im
       Wandel seiner weltanschaulichen Gestalt und gerade in diesem Wandel, gerade in seiner
       seltsamen Leichtfertigkeit und <pb ed="A" n="720"/> Untreue nach dieser Seite seine
       Selbständigkeit, seine Eigenart gegenüber den Weltanschauungen. Der Glaube hatte und hat
       ihnen gegenüber seine eigene Funktion und Kontinuität.</p>
      <p><pb xml:id="p125" ed="pga" rend="noPipe"/> Man muss (3.) beachten, dass es sich überall da,
       wo man den Glauben nun wirklich mit dieser oder jener Weltanschauung absolut verbündet und
       vereinigt zu sehen <term key="Glaube, und Weltanschauung">meint</term>, nicht um den Glauben,
       sondern um den <hi rend="italic">Abfall</hi> vom <term key="Häresie / Häretiker">Glauben</term>, um dessen Werk also und nicht um das des Glaubens handelt. Der Glaube
       selbst kann nicht fallen, nicht aufhören, sich selbst nicht untreu werden, und sofern die
       Kirche die Hüterin und Verkündigerin des Glaubens ist, kann auch die Kirche nicht <term key="Kirche, Infallibilität">irren</term>. Sie kann aber irren, indem sie es unterlässt, den
       Glauben zu hüten und zu verkündigen.<note xml:id="n89">Zur Infallibilität der Kirche vgl.:
        <bibl corresp="kbga-bibls-5192">Gr.[?], <hi rend="italic">Die Macht der Kirche</hi>, in: ZPK N. F. 30 (1855), S. 92–118, dort
        S. 115</bibl>: «Daher pocht der Protestantismus auch nicht auf Infallibilität der Kirche – ihr
        Beruf und ihre Ehre ist, mit dem Worte zu dienen – sondern auf Infallibilität des
        Schriftwortes, und die Kirche ist infallibel mit dem Wort in der Hand und in ihrem Munde.
        Weicht sie vom Worte, so ist augenblicklich auch hin ihre Infallibilität […].»</note> Sie
       kann ihn jetzt hüten und verkündigen und kann es jetzt unterlassen, das zu tun, und jetzt
       sich geradezu zur Hüterin und Verkündigerin glaubensfremden Anliegens und glaubensfremder
       Lehre machen. Es kann auch der einzelne glaubende Mensch seinen Glauben jetzt betätigen,
       jetzt nicht betätigen, jetzt aus dem Glauben, jetzt ohne ihn leben, wirken, reden, sich
       kundgeben. Der Glaube will geglaubt sein. Wenn und sofern das nicht geschieht, geschieht der
        <term key="Häresie / Häretiker">Abfall</term>, und das bedeutet: es macht sich jetzt und in
       dieser Hinsicht die Kirche oder der einzelne glaubende Mensch der nicht-glaubenden Welt
       gleich. Es steht jetzt der Mensch dem Problem der Geschöpflichkeit auf einmal wieder so
       gegenüber, wie es des den Göttern verfallenen und ihnen dienenden Menschen natürliches Teil
       und Los ist. Er muss sich jetzt, statt dass ihm auch diesem Problem gegenüber geholfen wäre,
       selber zu helfen suchen. Er muss jetzt mit den Wölfen heulen,<note xml:id="n90">Seit
        spätmittelhochdeutscher Zeit belegtes Sprichwort, das sich als Redensart im Sinne von «sich
        jeder Umgebung anpassen» verselbständigt hat; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich V, S. 1742</bibl>.</note> d. h. er muss sich
       jetzt an diesem und jenem Bildentwurf beteiligen und an die Autorität dieses oder jenes
       entworfenen Bildes sich klammern. Er muss jetzt einem solchen Bilde Respekt und Nachachtung
       entgegenbringen. Alles, wie es sich gehört für den Menschen, der nicht zu Gott, sondern zu
       den Göttern gehört. Dieser Mensch muss die Weltanschauung ernst nehmen. Das ist es, was –
       nicht dem Glauben, wohl aber der glaubenden Kirche, dem glaubenden Menschen widerfahren kann
       und tatsächlich tausendfach widerfahren ist und immer wieder widerfährt: der partielle Abfall
        vom <pb ed="A" n="721"/> Glauben, die partielle Verleugnung des Glaubens, das partielle
       Heraustreten aus ihm, das partielle Hinübertreten auf den ganz anderen Boden des Menschen,
       der die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> nicht vernommen hat. Es kann sich die Kirche und es
       kann sich der glaubende Mensch, von diesem partiellen Übel befallen, in Widerspruch mit sich
       selbst, d. h. in Widerspruch mit seinem Glauben verwickeln: die Freiheit des Glaubens teils
       haben und betätigen, teils nicht haben und nicht betätigen. In diesem Widerspruch haben alle
        <term key="Häresie / Häretiker">Häresien</term> ihren Ursprung. |</p>
     <!-- </div><div type="ditigal_division"> -->
      
      <p><pb xml:id="p126" ed="pga" rend="noPipe"/> Der Glaube kann sich frei bewegen auf dem Feld der <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term>; aber nur solange er sich wirklich frei bewegt, d. h. so
       unverbindlich mit ihnen allen umgeht, wie wir es vorhin beschrieben haben, ist und bleibt er
       reiner Glaube, seine Lehre rechte Lehre. Indem er sich frei in ihnen bewegt, unverbindlich
       mit ihnen umgeht, nimmt er ihnen ja ihren Ernst und eben damit ihr Gift, bestreitet er ja
       faktisch ihre <term key="Autonomie">Autonomie</term> und <term key="Autarkie">Autarkie</term>. Er hat dann die Erlaubnis, sich ihrer zu bedienen, wie sie die biblischen
       Zeugen offenbar in reichem Maß gehabt haben. Bewegt er sich nicht mehr frei auf diesem Felde,
       indem er sich da oder dort bindet, z. B. an eine bestimmte Erkenntnistheorie oder an
       bestimmte physikalische Grundlehren oder an die <term ref="kbga-keywords-477">Moral</term>
       einer bestimmten Zeit oder Klasse oder an eine bestimmte Regierungs- oder Wirtschaftsform
       oder an ein bestimmtes Lebens- und Weltgefühl, dann hat er sich in dieser Hinsicht schon
       verloren, auch wenn er sich in anderer Hinsicht noch so eifrig behalten würde. Er ist dann
       bei aller im Übrigen vielleicht aufrechterhaltenen <term ref="kbga-keywords-334">Orthodoxie</term> schon unfrei, schon häretisch geworden. Es kann ja nicht anders sein, als
       dass in der wirklichen Solidarisierung mit dem Fremden auch das Eigene des Glaubens früher
       oder später infiziert und verdorben wird. Man kann nicht <hi rend="italic">ernstlich</hi>
       <term ref="kbga-keywords-1379">Idealist</term> oder <term ref="kbga-keywords-1380">Materialist</term> oder <term key="Existentialismus">Existentialist</term> oder <term key="Skeptizismus">Skeptiker</term>, man kann auch nicht <hi rend="italic">absoluter</hi>
       Anhänger eines politischen oder moralischen oder ästhetischen Systems <hi rend="italic">und</hi> wirklich Christ sein. Man kann als Christ nur <hi rend="italic">Gast</hi> sein in
       solchen Häusern. Sofern man sich in ihnen niederlässt, hat man den Glauben immer schon
       preisgegeben. Der Glaube kann nur in der Freiheit <term key="Glaube, kann nur in der Freiheit leben">leben</term>.</p>
      <p><pb ed="A" n="722"/> Das ist das Bedenkliche, das gegen alle natürliche <term ref="kbga-keywords-65">Theologie</term> anzumelden ist. Natürliche Theologie<note xml:id="n91">Hierzu s. unten,
         <ref type="pub" target="../volume/50/p560#p560">S. 560–563</ref>; vgl. auch z. <bibl corresp="kbga-bibls-2">B. KD II/1, S. 94f.189.194f. [Fragment «Die natürliche Theologie
         unter der Geduld Gottes»]</bibl></note> meint in der Geschöpfwelt als solcher und mit den
       Mitteln der geschöpflichen Erkenntnis als solcher und also ohne den Glauben im biblischen
       Sinn dieses Begriffs gewisse unverkennbare und unveräußerliche Linien von Wahrheit und Recht
       und in diesen die Spuren des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> und also Gottes
       wahrzunehmen und aufweisen zu können. Ist das ein ernst gemeintes und durchgeführtes
       Unternehmen – und das ist ja doch wohl die Meinung derer, die es für recht und notwendig
       halten –, dann ist es schlecht und recht das Unternehmen einer <term key="Theologie, natürliche Th. eine Weltanschauung">Weltanschauung</term>. Der Glaube, dem
       man neben solchem Unternehmen das Wort ja auch nicht verweigern wird, wird nun doch nur noch
       ein gefangener, ein in jene Linien eingeschlossener, ein durch die betreffende Weltanschauung
       bedingter und bestimmter Glaube sein. So kommt es zu den Verdunkelungen des Glaubens, zu den
       Verzerrungen seines Lebens, zu den Trübungen seiner Botschaft, die immer wieder die Krankheit
       der Kirche, das Geheimnis ihrer Ohnmacht und ihres Versagens sind. Es gibt kein Moratorium
       des <term key="Glaube, kein Moratorium des Glaubens">Glaubens</term>. Es gibt keinen leeren
       Raum, in welchem er nun doch auch einer Weltanschauung mit ihrer <term key="Autonomie">Autonomie</term> und <term key="Autarkie">Autarkie</term> freie Hand lassen könnte. Er hat
       das noch nie getan, ohne eben damit sich selbst in Frage zu stellen. Das ist unendlich oft
       geschehen. Man kann wohl <pb xml:id="p127" ed="pga"/> fragen: wo und wann dies etwa nicht
       geschehen wäre? Man kann aber daraus, dass dies so allgemein geschieht, keineswegs den Satz
       ableiten, dass es die Art des Glaubens sei, sich ernstlich mit bestimmten Weltanschauungen zu
       solidarisieren und zu <term key="Glaube, und Weltanschauung">vereinigen</term>. Das zu tun
       ist nicht die Art, sondern nur die allerdings verbreitete Unart des Glaubens.</p>
      <p>Wir haben endlich (4.) zu beachten, dass das Zusammensein des Glaubens mit den
       Weltanschauungen, sofern der Glaube sich selber treu bleibt, immer geradezu den Charakter
       eines <hi rend="italic">Widerspruchs</hi> des Glaubens gegen die ihm jeweils scheinbar
       zugesellte Weltanschauung an sich trägt. Das Beispiel eines solchen Zusammenseins müsste erst
       gefunden werden, wo der einer bestimmten Weltanschauung zugesellte oder zugrunde gelegte oder
       auch aufgepfropfte Glaube <pb ed="A" n="723"/> in deren eigenem Zusammenhang gesehen nicht
       einen Fremdkörper gebildet hätte und als solcher wirksam gewesen wäre. In der <term ref="kbga-keywords-110">Bibel</term> ist das wieder zum Greifen deutlich. Wir sahen,<note xml:id="n92">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1, S. 95ff.124f.182.275</bibl>.</note>
       wie die biblischen Schöpfungssagen, indem sie scheinbar an der babylonischen <term key="Mythologie, orientalische">Mythologie</term> unbefangen Anteil nehmen, faktisch auf
       Schritt und Tritt an dieser Kritik üben, sie gewissermaßen von innen bestritten und aufgelöst
       haben. Es hat sich die apostolische <term key="Verkündigung, apostolische">Verkündigung</term> in die Gedanken, Vorstellungen und Lebensgewohnheiten der
       hellenistischen Welt doch nur so hineingefügt, wie man das auch von einer in eine Felswand
       hineingefügten Dynamitpatrone sagen kann, und der Erfolg ist wirklich der entsprechende
       gewesen. Es würden sich <persName ref="kbga-actors-322"><hi rend="italic">Plato</hi></persName> und <persName ref="kbga-actors-2748"><hi rend="italic">Plotin</hi></persName> über die ihrer Philosophie bei <persName ref="kbga-actors-14"><hi rend="italic">Augustin</hi></persName> widerfahrene Vertiefung und Durchleuchtung, und es
       würde sich <persName ref="kbga-actors-11"><hi rend="italic">Aristoteles</hi></persName> über
       das, was bei <persName ref="kbga-actors-1282"><hi rend="italic">Thomas</hi></persName> aus
       ihm geworden ist, vermutlich mit wenig Freude gewundert haben. Es war, von den betreffenden
       weltanschaulichen Orten her gesehen, sicher immer eine mehr als zweifelhafte Sache, wenn es
       später theologische Cartesianer, Leibnizianer, Kantianer, Hegelianer gegeben hat. Es ist
       auffallend selten vorgekommen, dass die Urheber der großen weltanschaulichen Systeme selber
       und von sich aus den Mut und die Lust gehabt hätten, die Kombination des Systems mit dem
       Glauben sichtbar zu machen. Und wo das, wie etwa von <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> oder von <persName ref="kbga-actors-356">Schelling</persName>,<note xml:id="n93">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1509"><persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Die
         Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft</hi>, Akademie-Ausgabe, Bd. VI, Berlin
        1907/14, S. 1–202</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5167"><persName ref="kbga-actors-356">Fr. W. J. Schelling</persName>, <hi rend="italic">Philosophie der Offenbarung</hi> [1841/42], hrsg. von M. Frank, Frankfurt
        a.M. 1977</bibl>.</note> versucht worden ist, da geschah es, dass nicht nur der Glaube, sondern vor
       allem auch das System darunter Schaden litt, da mussten sie sich dann wohl von ihren an
       diesem Unternehmen nicht beteiligten Freunden vorhalten lassen, was <persName ref="kbga-actors-136"><hi rend="italic">Goethe</hi></persName> bei Anlass von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName></hi> Lehre vom radikalen <term ref="kbga-keywords-174">Bösen</term> geschrieben hat: dass sie ihren Philosophenmantel
       «freventlich beschlabbert» hätten.<note xml:id="n94">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5193">Brief <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> an <persName ref="kbga-actors-1040">Herder</persName> vom <date when="1793-06-07">7. Juni 1793</date>, in: <hi rend="italic">Briefe der Jahre 1786-1814</hi> (Gedenk-Ausgabe der Werke, Briefe und Gespräche, Bd. 19),
        Zürich / Stuttgart 1962<hi rend="sup">2</hi>, S. 213</bibl>: «[...] Dagegen hat aber auch <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName>
        seinen philosophischen Mantel, nachdem er ein langes Menschenleben gebraucht hat, ihn von
        mancherlei sudelhaften Vorurteilen zu reinigen, freventlich mit dem Schandfleck des
        radikalen Bösen beschlabbert, damit doch auch die Christen herbeigelockt werden, den Saum zu
        küssen.»</note> Es kann nicht <pb xml:id="p128" ed="pga"/> bestritten werden, dass der mit so
       viel Liebe und Geschicklichkeit unternommene Versuch <persName ref="kbga-actors-360"><hi rend="italic">Schleiermachers</hi></persName>, die biblische und kirchliche <term ref="kbga-keywords-553">Christologie</term> seinem System der Harmonie der Gegensätze an
       bestimmter Stelle anzugleichen und einzuverleiben,<note xml:id="n95">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-256"><persName ref="kbga-actors-360">Fr. D. E. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Der
         christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange
         dargestellt. Zweite Auflage (1830/31)</hi>, Teilbd. 2, Kritische Gesamtausgabe, Abt. 1,
        Bd. 13/2, hrsg. von R. Schäfer, Berlin 2003, S. 35–164 (§§ 91–105)</bibl>. Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-34">Prot.Theol.,
        dort bes. S. 385f.409–422</bibl>.</note> nicht nur von der Seite des Glaubens, sondern gerade auch
       von dieser weltanschaulichen Voraussetzung her misslungen ist, dass er hier einen allzu
       fremden, einen geradezu feindseligen Gast an Bord seines <pb ed="A" n="724"/> Schiffes
       genommen hatte. So haben die am Anfang unseres Jahrhunderts sogar zum Bündnis mit dem <term key="Monistenbund">Monistenbund</term> bereiten und herbeigeeilten Pastoren<note xml:id="n96">Unter dem Einfluss v. a. <persName ref="kbga-actors-150">Ernst
         Haeckels</persName> (1834–1919) wurde im Januar 1906 mit dem Bremer Pastor <persName ref="kbga-actors-10230">Albert Kalthoff </persName>(1850–1906) als erstem Vorsitzenden der
        freidenkerische Deutsche Monistenbund gegründet, dessen Mitgliederzahl bald auf über 6000
        anstieg; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2536">J. Mehlhausen / D. Dunkel, Art. «Monismus/Monistenbund» in: TRE 23,
        S. 212–219, dort S. 216</bibl>.</note> sicher nicht zum Ruhm, sondern eher zum baldigen Untergang
       dieses Unternehmens beigetragen. Und so begreift es sich, dass in unseren Tagen <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-168">M. Heidegger</persName></hi> den Versuch von
        <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName></hi>, die Theologie
       zur Abwechslung dessen Existentialphilosophie zugrunde zu legen,<note xml:id="n97">Zur
        Aufnahme philosophischer Grundgedanken <persName ref="kbga-actors-168">Heideggers</persName>
        durch <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName> in vielen seiner Texte seit Mitte
        der 1920er Jahre und zu deren engem Miteinander vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5140"> K.
         Hammann, <hi rend="italic">Rudolf Bultmann. Eine Biographie</hi>, Tübingen
         2009<hi rend="sup">2</hi>, S. 192–206.</bibl> Der aktuelle Bezug der Bemerkung <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> dürfte
        Bultmanns 1941 gehaltener «Entmythologisierungsvortrag» sein, in dem es u. a. hieß: «Vor
        allem scheint <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-168">Martin Heideggers</persName></hi> existentiale Analyse des Daseins nur
        eine profane philosophische Darstellung der neutestamentlichen Anschauung vom menschlichen
        Dasein zu sein» (<bibl corresp="kbga-bibls-1275"><persName ref="kbga-actors-512">R.
          Bultmann</persName>, <hi rend="italic">Neues Testament und Mythologie. Das Problem der
          Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Offenbarung und Heilsgeschehen</hi> [BEvTh 7], München 1941, S. 27–69, dort
        S. 49</bibl>).</note> nur mit wenig Erbauung begleitet haben soll,<note xml:id="n98">Eine
        damals aktuelle Stellungnahme <persName ref="kbga-actors-168">Heideggers</persName> zu <persName ref="kbga-actors-512">Bultmann</persName>, die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bekannt gewesen wäre, ließ sich nicht ermitteln, jedoch
        verhielt Heidegger sich gegenüber einer zu großen Nähe von Theologie und Philosophie
        durchgehend reserviert: «‹Die Theologie ehren wir, indem wir von ihr schweigen›, erklärte er
        gelegentlich im Seminar» (<bibl corresp="kbga-bibls-5140">Hammann, a.a.O., S. 200</bibl>); in einer ‹christlichen Philosophie› gar
        sah er ein «hölzernes Eisen», wie es im 1927 gehaltenen Vortrag «Phänomenologie und
        Theologie» hieß (<bibl corresp="kbga-bibls-5141"><persName ref="kbga-actors-168">M. Heidegger</persName>, <hi rend="italic">Phänomenologie und Theologie</hi> [1927], Frankfurt 1970, S. 23</bibl>).</note> und dass die
       echten Anhänger des <term key="Nationalsozialismus">Nationalsozialismus</term> die sog. <pb xml:id="p129" ed="pga"/> «Deutschen <term ref="kbga-keywords-223">Christen»</term>, die
       diesen mit dem <term ref="kbga-keywords-807">Christentum</term> zu kombinieren gedachten,
       nachdem sie kirchenpolitisch ihren Dienst getan, schleunigst wieder abgeschüttelt haben:<note xml:id="n99">Spätestens nach dem <term ref="kbga-keywords-885">«Sportpalastskandal»</term>
        gerieten die «<orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName>» unter Druck von
        noch radikaleren Kräften innerhalb und außerhalb der eigenen Reihen. Spalteten die einen
        sich vom Hauptteil der Bewegung ab, versuchten die anderen – zuvorderst vertreten durch
         <persName ref="kbga-actors-345">Alfred Rosenberg</persName> –, eine grundsätzliche
        Neubestimmung des Verhältnisses von Nationalsozialismus und Christentum durchzusetzen, die
        den völkisch-religiösen bzw. ‹deutschgläubigen› Ursprüngen der nationalsozialistischen
        Ideologie wieder mehr Geltung verschaffen sollte. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5128">J. S.
         Conway, <hi rend="italic">Die nationalsozialistische Kirchenpolitik 1933–1945. Ihre Ziele,
          Widersprüche und Fehlschläge</hi>, München 1969, S. 71–80</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5127">K. Meier, <hi rend="italic">Kreuz und Hakenkreuz. Die
          evangelische Kirche im Dritten Reich</hi>, München 1992, S. 79–124</bibl>.</note> in der
       richtigen Empfindung, dass für den <term key="Nationalsozialismus">Nationalsozialismus</term>
       von daher auch bei der größten Nachgiebigkeit von christlicher Seite doch nur Unangenehmes zu
       erwarten sein möchte. |</p>
      <p>Der Glaube ist nun einmal ein Salz, das sich auch in den größten Verdünnungen, wenn es mit
       den Weltanschauungen vermischt wird, bemerkbar, und zwar störend, zersetzend, ihre Fundamente
       in Frage stellend, bemerkbar macht. Es kam auch den politischen und wirtschaftlichen
       Systemen, es kam auch der jeweils herrschenden Moral faktisch nie zugut, wenn sie sich mit
       dem Glauben verbündeten. Einsichtige Weltkinder wie <persName ref="kbga-actors-500"><hi rend="italic">Bismarck</hi></persName> haben darum immer davor gewarnt, den Altar als
       Stütze des Thrones allzu nahe an diesen herankommen zu lassen.<note xml:id="n100">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5120"><persName ref="kbga-actors-10336">H. Kars</persName>, <hi rend="italic">Kanzler und Kirche. Bismarcks
          grundsätzliche Einstellung zu den Kirchen während des Kulturkampfes</hi>, Gießen 1934,
         S. 63–66</bibl>.</note> Auch die schweizerische <term key="Sozialdemokratie, schweizerische">Sozialdemokratie</term> hat es nach einer kurzen
       Freudenzeit erleben müssen, dass man mit den <term key="Religiöse Sozialisten">Religiös-Sozialen</term><note xml:id="n101"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dürfte bei der «kurzen Freudenzeit» an den v. a. mit den Namen <persName ref="kbga-actors-4024">Howard Eugster-Züst</persName>, <persName ref="kbga-actors-240">Hermann Kutter</persName> und <persName ref="kbga-actors-330">Leonhard Ragaz</persName>
        verbundenen Aufbruch der religiös-sozialen Bewegung (später: Religiöse <term key="Religiöse Sozialisten">Sozialisten</term>) in der
         <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> gedacht haben: <persName ref="kbga-actors-4024">Howard Eugster-Züst</persName> (1861–1932), Pfarrer in Hundwil AR,
        war 1900 maßgeblich an der Gründung des «Appenzellischen Weber-Verbandes» beteiligt, wurde
        1908 in den Nationalrat und 1913 zum Regierungsrat gewählt; «in den Jahren 1910 bis 1930 ist
        kein eidgenössisches Sozialgesetz verabschiedet worden, an dem er nicht massgeblich
        mitgearbeitet hätte» (<bibl corresp="kbga-bibls-2641">E.
          Buess / M. Mattmüller, <hi rend="italic">Prophetischer Sozialismus. Blumhardt –
          Ragaz – <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName></hi>, Freiburg [CH] 1986, S. 52, vgl. S. 49–53</bibl>). Das Engagement der
        ungleich bekannteren <persName ref="kbga-actors-240">Hermann Kutter</persName> und v. a.
         <persName ref="kbga-actors-330">Leonhard Ragaz</persName> in der religiös-sozialen Bewegung
        trug entscheidend dazu bei, dass der sozialistische <orgName ref="kbga-actors-9132">Basler Friedenskongress</orgName> 1912 eine
        Versammlung im Basler Münster abhalten konnte, was europaweit für Aufsehen sorgte (vgl.
         <bibl corresp="kbga-bibls-2641">a.a.O., S. 95f</bibl>.). Mit Beginn des Ersten Weltkriegs
        dann «sind die religiösen Sozialisten in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName>,
        allen voran <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName>, erst so recht in die
        Kampfgemeinschaft mit der Sozialdemokratie hineingewachsen, speziell mit deren linkem
        Flügel. […] Die religiösen Sozialisten waren, gerade durch ihre unbedingte
        Kriegsgegnerschaft, für einige Zeit zu Meinungsführern in der Schweizer sozialistischen
        Linken geworden» (<bibl corresp="kbga-bibls-2641">a.a.O., S. 99f</bibl>.). <p> Zu einem
         ersten Zerwürfnis zwischen der schweizerischen Sozialdemokratie und speziell <persName ref="kbga-actors-330">Leonhard Ragaz</persName> kam es bald nach dem Ende des Krieges
         aufgrund unterschiedlicher Standpunkte zur Frage des <orgName ref="kbga-actors-8413">Völkerbund</orgName>beitritts der Schweiz.
         Weitere Konfliktpunkte waren besonders der grundsätzliche Pazifismus und Internationalismus
         der Religiösen <term key="Religiöse Sozialisten">Sozialisten</term> sowie deren Ablehnung der zunehmend auf Kompromisse und
         Arrangements mit bürgerlich-politischen Kräften gerichteten Politik der Sozialdemokratie.
         1935 trat <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName> aus der <orgName ref="kbga-actors-6132">Sozialdemokratischen <term key="Sozialdemokratie, schweizerische">Partei</term></orgName> aus (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2641">a.a.O.,
          S. 166–171</bibl>).</p></note> schwerlich Politik machen könne. Der Glaube steht nun
       einmal, ob <pb xml:id="p130" ed="pga"/> die Glaubenden es einsehen wollen oder nicht, als
       solcher gegen alle <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltbilder</term>, gegen alle in
       sich abgeschlossenen Daseinskonzeptionen. Die Glaubenden können wohl teilweise abfallen vom
       Glauben und dann und in solchem <term key="Häresie / Häretiker">Abfall</term> brauchbare
       Träger und Vertreter solcher Bilder sein. Wie aber, wenn sie nun zum anderen Teil – wie man
       es doch auch dem römischen <term ref="kbga-keywords-467">Katholizismus</term>, auch dem
       protestantischen <term key="Modernismus, protestantischer">Modernismus</term>, auch den
       «Deutschen <term ref="kbga-keywords-223">Christen»</term> und ihresgleichen nicht einfach
       absprechen kann – auch Glaubende sind und bleiben? Dann wirken sie als solche sicher immer
       gerade da als Spielverderber, wo die Kinder dieser Welt am arglosesten ihre <pb ed="A" n="725"/> Freude haben und am ernsthaftesten an ihrem Werk sind. Dann wird man von den
       Weltanschauungen her sicher immer den Eindruck haben und früher oder später auch die
       Erfahrung machen, dass diesen durch den ihnen beigesellten Glauben der Grund entzogen und die
       Spitze abgebrochen wird. Sofern er Glaube an <hi rend="italic">Gott</hi> ist – sofern er sich
       selbst als solcher auch nur in einem Bruchteil treu bleibt –, kann er ja nicht Glaube an die
        <hi rend="italic">Bilder</hi> sein, kann er ihre <term key="Autonomie">Autonomie</term> und
        <term key="Autarkie">Autarkie</term> nicht anerkennen, wird er gerade die Gewissheit und
       Sicherheit, die der Mensch sich mit ihrer Errichtung verschaffen möchte, in Zweifel ziehen
       müssen. Er hat das faktisch noch immer getan. Die enttäuschten Weltkinder pflegten dann
       jeweilen («<foreign xml:lang="fre">qui mange du pape en meurt</foreign>»<note xml:id="n102">«‹Wer ißt, was vom Papste kommt, stirbt daran›, in der ultramontanen und antiultramontanen
        Polemik vielverwendetes französisches Sprichwort, das erstmalig in der Chronik ‹<hi rend="italic"><foreign xml:lang="fre">des très chrestiens Roys de France et des relations aux Papes</foreign></hi>› (1463)
        erwähnt wird» (Art.: <bibl corresp="kbga-bibls-5262">«Qui mange du pape, en meurt», in: Meyers Großes Konversations-Lexikon,
        6. Auflage 1905–1909, Bd. 16, S. 524</bibl>). Nach <persName ref="kbga-actors-2010">Joseph Chambon</persName> war es ursprünglich auf Papst
         <persName ref="kbga-actors-861">Alexander VI.</persName> gemünzt; vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-5263"> <persName ref="kbga-actors-2010">J. Chambon</persName>, <hi rend="italic">Der französische
         Protestantismus. Sein Weg bis zur Französischen Revolution</hi>, Zürich 1948<hi rend="sup">6</hi>, S. 70</bibl>. <p> In einem ähnlichen Zusammenhang wie hier hatte bereits <persName ref="kbga-actors-312">Franz Overbeck</persName>
         das Zitat verwendet: «In unserem Verhalten zum Christentum haben wir vor allem <hi rend="italic">Vorsicht</hi> zu beobachten, es geht zu weit über uns hinaus, als daß wir
         uns erlauben könnten, es mit ihm anders zu halten. […] Wir mögen von ihm reden, aber wie
         läßt sich das in andrer Sprache tun als in der Kritik? Es zu vertreten ist nicht unsere
         Sache und für uns zu gefährlich. Von ihm gilt im Großen, was im Kleinen in der katholischen
         Kirche mit dem Worte beobachtet worden ist: Qui mange du pape en meurt!» (<bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Fr. Overbeck</persName>, <hi rend="italic">Christentum und Kultur.
          Gedanken und Anmerkungen zur modernen Theologie</hi>, aus dem Nachlaß hrsg. von C. A.
         Bernoulli, Basel 1919, S. 69</bibl>; in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen).</p></note>) über die
       Unzuverlässigkeit und die geheime Eigenwilligkeit <pb xml:id="p131" ed="pga"/> der «Pfaffen»
       zu schelten, und wie haben sie dem nur zu guten Willen der betreffenden Glaubenden, wie haben
       sie ihrem aufrichtigen Zugetansein zu ihren Bildern damit manchmal Unrecht getan! Denn was
       konnten diese dafür, wenn ihr Glaube nun dennoch je und je stärker und wirksamer war als ihre
       ungläubige Intention und also als ihre Verehrung den Bildern gegenüber? Was konnten sie
       dafür, wenn ihr Glaube sich ohne ihr Zutun wehrte gegen die Weltanschauungen? Aber ob mit dem
       Willen der Glaubenden oder gegen ihn, ob gern oder ungern gesehen von den Anderen: so geschah
       es. Die Beziehung zwischen Gott und dem Glauben, zwischen den Göttern und den
       Weltanschauungen ist viel zu notwendig und zu genau, als dass das nicht immer wieder
       geschehen müsste: gerade in der Verbindung des Glaubens mit den Weltanschauungen zeigte sich
       auch ihr <term key="Glaube, und Weltanschauung">Gegensatz</term>.</p>
      <p>Wenn man das Alles beachtet, wird man unsere Fragestellung auch historisch nicht ernstlich
       beanstanden können.</p>
      </div>
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     <div>
      <p rend="margin-top">Wir wenden uns zunächst zu der Frage, wie der <hi rend="italic">Glaube</hi> durch die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term>
       <term key="Glaube, Begründung"><hi rend="italic">begründet</hi></term> wird. Wie kommt es
       dazu, dass der Mensch jenes «Trauen und Wagen des Herzens»<note xml:id="n103">Siehe oben,
         <ref type="pub" target="#fn_n84">Anm. 84</ref>.</note> wahr macht, in welchem er seine
       geschöpfliche Existenz Gott anbefiehlt und von ihm alles Gute erwartet,<note xml:id="n104">Vgl. aus <persName ref="kbga-actors-261">Martin Luthers</persName> Auslegung des ersten
        Gebots im Großen Katechismus: «Ein Gott heißet das, dazu man sich versehen soll alles Guten
        und Zuflucht haben in allen Nöten.» (<bibl corresp="kbga-bibls-1785">BSLK, S. 560,10–13</bibl>).</note> um in solcher Haltung Gott
       gerecht zu werden und vor ihm ge<pb ed="A" n="726" break="no"/>recht zu sein, ihm die ihm
       gebührende Ehre zu geben und eben damit auch sich selbst Ehre zu machen? Es ist des Menschen
       Tat, Haltung, Gesinnung, Erkenntnis und <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term>, wenn
       das geschieht. Er macht damit Gebrauch von der ihm von seinem Schöpfer gegebenen <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>. Und gerade wenn der Mensch von dieser seiner wahren
       Freiheit Gebrauch macht, wird immer nur das geschehen: dass er Gott Glauben schenkt. Es
        geht <pb xml:id="p132" ed="pga"/> immer aus der Initiative Gottes seines Schöpfers hervor,
       wenn er das tut. Glauben heißt geradezu: Gott selbst dahin <term key="Nachfolge, Glauben heißt N.">nachfolgen</term>, wohin der Mensch von sich aus nicht
       aufbrechen könnte und würde, wohin ihm aber Gott in seiner Offenbarung vorangeht. Dadurch
       unterscheidet sich der Glaube von den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term>, dass er in Gottes Offenbarung seinen Grund hat, durch sie
       hervorgerufen ist. Es gehört zum Glauben, dass der Mensch Gott vor allem auch dafür dankbar
       ist als für eine freie Gabe: dass er glauben darf. Wer glaubt, dem ist Gottes Offenbarung
       gerade nicht nur der Gegenstand, sondern auch der Ursprung seines Glaubens. Der Glaube kommt
       und der Glaube nährt sich von Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>. Darum
       kann er nur stehen. Darum fällt er nicht, auch wenn der glaubende Mensch fällt. Darum hat er
       die Macht, den Menschen vor Gott zu rechtfertigen. Darum ist der Mensch, indem er glaubt, in
       der Lage, Gott die Ehre zu geben und auch sich selbst Ehre zu machen.</p>
      <p> Die den Glauben <term key="Glaube, Begründung">begründende</term>
       <hi rend="italic">Macht</hi> der Offenbarung Gottes, von der wir zuerst reden müssen, ist
       aber diese: Gottes Offenbarung ist seine Selbstkundgebung als der Schöpfer. <pb ed="A" n="727"/> Eben als solcher und also als der freie Grund und souveräne Herr der menschlichen und
       aller anderen geschöpflichen Wirklichkeit ist Gott aber auch der, der sich <hi rend="italic">dem Menschen</hi> und der wiederum den Menschen <hi rend="italic">sich</hi> verbündet und
       verpflichtet, der sich selbst für den Menschen und damit den Menschen für sich erwählt hat.
       Dass er so und nicht anders Schöpfer ist, das ist die Majestät der ewigen <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> und Freiheit seines Schöpfertums, dessen Wesen kein
       anderes ist als das innerste Wesen seiner Gottheit. Er ist <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> in Jesus Christus. Die Schöpfung ist der äußere Grund des <term key="Bund">Bundes</term> zwischen Gott und Mensch. Der Bund zwischen Gott und Mensch ist der innere
       Grund der Schöpfung.<note xml:id="n105">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n71">Anm. 71</ref>; s. auch <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1, S. 103–258</bibl> (§ 41,2.:
        «Die Schöpfung als äußerer Grund des Bundes»).</note> Und nun ist Gottes Offenbarung seine
       Selbstkundgebung als dieser Schöpfer des Menschen. Sie enthüllt dem Menschen das Geheimnis
       seiner Schöpfung und also seiner Existenz und der ganzen von Gott verschiedenen Wirklichkeit:
       Es geht in des Menschen eigenem Dasein und Sosein und in dem des Himmels und der Erde und
       alles dessen, was zwischen Himmel und Erde ist, nicht erst nachträglich, sondern <pb xml:id="p133" ed="pga"/> von Haus aus um den Willen Gottes, der in der Person Jesu Christi
       geschehen und sichtbar geworden ist. Dass er geschehe wie im Himmel, so auch auf Erden [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>], das ist darum das Letzte, dem
       der Mensch und die ganze Geschöpfwelt entgegengehen, weil es auch das <pb ed="A" n="728"/> Erste ist, von dem sie herkommen. Das offenbart die Offenbarung. Und das ist die den <term key="Glaube, Begründung">Glauben</term> begründende <hi rend="italic">Macht</hi> der
       Offenbarung Gottes, dass sie dem Menschen <hi rend="italic">das</hi> bekannt macht, dass sie
       die Selbstkundgebung <hi rend="italic">dieses</hi> Gottes ist. <pb ed="A" n="729"/> Sie stellt
       ihn vor den Willen Gottes, dem gerade er selbst nicht widersprechen kann, weil er, indem er
       da ist, schon von seiner Vollstreckung herkommt. Die Herrlichkeit <term ref="kbga-keywords-106">Gottes</term> erdrückt den nicht, der zum Glauben kommt, sondern sie
       lässt ihn aufleben. Sie blendet ihn nicht, sondern sie erleuchtet ihn. So ist sie mächtig, so
        <term key="Gott, Allmacht">allmächtig</term>. Der Glaube, den sie erweckt, ist nichts
       Seltsames für den Menschen: seltsam ist er nur im Verhältnis zu all den Taten und
       Gesinnungen, zu den vermeintlich notwendigen Erkenntnissen und Bekenntnissen, in denen der
       Mensch sich ohne ihn – aber dann immer zugleich gegen seine wahre Natur – zu bewegen pflegt.
       Der Glaube ist das Heimkommen des <term key="Glaube, Heimkommen des Menschen">Menschen</term>. Er ist sein Aufatmen in der Luft, für die er geschaffen ist und in der er
       allein wirklich atmen kann. Und die Offenbarung Gottes <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> ist Gottes Einladung und Aufruf, heimzukommen und sich dieser Luft zu
       erfreuen. Das ist es, was sie stark macht. Gott ist in seiner <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> darin so gewaltig, <pb ed="A" n="730"/> dass er den Menschen nur dazu
       überredet, von seiner natürlichen <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> Gebrauch zu
       machen.</p>
      <p>Es ist auch wahr, und es kann und muss dasselbe auch so gesagt werden: Es ist die <hi rend="italic">Liebe <term ref="kbga-keywords-37">Gottes</term></hi>, die seine Offenbarung
       stark macht zur Begründung des <term key="Glaube, Begründung">Glaubens</term>. Das Geheimnis
       des Schöpfungsratschlusses, das sie dem Menschen offenbar macht, ist ja die unbegreifliche
       Wirklichkeit, dass Gott sein Geschöpf nicht nur kennt, nicht nur als Herr unter sich hat,
       sondern lieb hat. Es ist die ganze Schöpfung als solche die Erklärung, dass Gott in sich
       selber, in seiner ganzen hohen göttlichen <term ref="kbga-keywords-101">Freiheit</term> die
       Liebe ist, die sich nicht an sich selber genügen lassen, die für einen Anderen und mit einem
       Anderen sein will, wie es schon im Schoß seiner ewigen Gottheit geschieht, als die Liebe des
       Vaters zum <term ref="kbga-keywords-235">Sohne</term>, als die Liebe des Sohnes zum Vater. In
       der Schöpfung überströmt diese innere, ewige Liebe Gottes, sie nimmt jetzt die Gestalt an
       seiner Liebe zu dieser ganz anderen, gar nicht göttlichen, <pb xml:id="p134" ed="pga"/> von
       ihm selbst verschiedenen Wirklichkeit. Und dass dem so ist, das offenbart die <term key="Offenbarung, Schöpfungsoffenbarung">Schöpfungsoffenbarung</term>. Sie offenbart also
       nicht nur hinsichtlich Gottes, dass er der von Ewigkeit her Liebende, sondern auch
       hinsichtlich des Geschöpfs, dass es das von dem ewigen Gott geliebte ist. Und eben das ist
       es, was der Mensch da zu vernehmen bekommt. Dazu ladet sie gerade ihn ein, ruft sie gerade
       ihn auf: sich selbst als den von Gott Geliebten zu erkennen, sich diesem seinem wahrsten Sein
       entsprechend zu verhalten. Dieses Verhalten ist der Glaube. Eben das heißt glauben: sich
       selbst als Gottes Geliebten erkennen und als solchen ernst nehmen. Weil die Offenbarung <term ref="kbga-keywords-8">Gottes</term> die Offenbarung seiner <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> ist, darum und darin ist sie so durchgreifend, den Glauben zu begründen.</p>
      <p>Man kann und muss dasselbe also auch so sagen: <hi rend="italic">Jesus Christus</hi> ist
       die Glauben erweckende Macht der <term key="Offenbarung, Schöpfungsoffenbarung">Schöpfungsoffenbarung</term>. Das ist ja <pb ed="A" n="731"/> gewissermaßen deren konkrete
       Mitte und Substanz: dass Alles, was ist, indem es durch Gottes Willen und Tat wurde, in Jesus
       Christus als dem Vollender des <term key="Jesus Christus, Vollender des Gnadenbundes">Gnadenbundes</term> sein Ziel hatte, so dass insofern Alles, was ist, durch ihn wurde, was
       es ist. Wie die ewige Liebe des Vaters und des Sohnes in Gott selbst darin überströmt, dass
       er als <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> nicht ohne das von ihm verschiedene
       Geschöpf sein will, so ist die Einheit von Gott und Mensch in Jesus <term key="Jesus Christus, Einheit von Gott und Mensch">Christus</term>, indem sie das Ziel und
       der Grund der Schöpfung ist, die kräftige Bestimmung des Menschen für die Partnerschaft im
        <term key="Bund">Gnadenbund</term>. In und mit der Existenz Jesu Christi unter allen anderen
       Menschen ist diesen zum vornherein ein Stempel, ein character <term key="character indelebilis">indelebilis</term> aufgedrückt.<note xml:id="n106">Einen
        «<foreign xml:lang="lat">character indelebilis</foreign>» verleihen nach katholischer Lehre die Taufe, die Firmung und die
        Priesterweihe ihren Empfängern. So definierte das Florentinische Konzil in seinem <hi rend="italic">Decretum pro Armenis</hi> (1439): «<foreign xml:lang="lat">Inter haec sacramenta tria sunt:
        baptismus, confirmatio et ordo, quae characterem, id est, spirituale quoddam signum a
        ceteris distinctivum, imprimunt in anima indelebile. Unde in eadem persona non reiterantur</foreign>»
        (<bibl corresp="kbga-bibls-25">DH 1313</bibl>); damit übereinstimmend das <hi rend="italic">Tridentinum</hi> (DH 1609.1767;
        speziell auf die Priesterweihe bezogen: <bibl corresp="kbga-bibls-25">DH 1774)</bibl>.</note> Kein Mensch ist und wird, was Jesus
       Christus ist. Es ist aber ein jeder Mensch als solcher ein Gleichnis Jesu Christi, dazu
       bestimmt, im Glauben an ihn, d. h. an die in ihm allein vollzogene Einheit des Menschen mit
        <term key="Jesus Christus, Einheit von Gott und Mensch">Gott</term>, an der dem Menschen
       zugewendeten <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> demütig <pb xml:id="p135" ed="pga"/>
       und dankbar teilzunehmen. Es offenbart also Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>, gerade sofern sie diese Mitte und Substanz hat, nichts, was dem
       Menschen fremdartig wäre. Und es kann der Glaube, zu dem sie aufruft, gerade als Glaube an
       Jesus Christus nichts Seltsames, sondern nur das ihm naheliegendste, natürlichste Tun sein.
       Kann er nicht glauben, ohne umzukehren, so ist doch eben die Umkehr, die er damit vollzieht,
       seine Heimkehr zu seinem eigenen Ursprung; denn eben des Menschen Ursprung ist nicht außer,
       sondern in Jesus <term key="Mensch, Ursprung in Jesus Christus">Christus</term>, in welchem
       ihm Gott zuerst die Gnade seiner ewigen <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> zugewendet,
       im Blick auf den er den Menschen als solchen gewollt und geschaffen hat. Und ist der Glaube
       das Tun eines von neuem geborenen Menschen [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.3">Joh. 3,3</ref>], so ist doch eben diese <term key="Mensch, von neuem Geborener">Wiedergeburt</term> das <pb ed="A" n="732"/> Wiederaufleben zu dem Leben, zu dem er
       eigentlich geboren ist, die Aufdeckung seiner ersten Geburt im Raum und im Licht der Geburt
       im Stalle von <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName>. Das ist die Glauben
       begründende Macht der <term key="Offenbarung, Schöpfungsoffenbarung">Schöpfungsoffenbarung</term>, weil und sofern sie die Offenbarung des Geheimnisses des
       fleischgewordenen Wortes <term key="Jesus Christus, fleischgewordenes Wort Gottes">Gottes</term> ist.</p>
      <p>Man kann und muss dasselbe endlich auch so sagen: Die Macht der Schöpfungsoffenbarung ist
       die erweckende, überführende, überzeugende Macht des <hi rend="italic">Heiligen <term ref="kbga-keywords-179">Geistes</term></hi>. Wenn in unseren bisherigen Feststellungen<note xml:id="n107">Der Satzanfang ist bis hier im Tskr. gestrichen, ohne dass allerdings dort ein
        Ersatz dafür notiert wäre.</note> über das, was den Glauben begründet und notwendig macht,
       noch ein bedauerlicher Rest<note xml:id="n108">Tskr.: «Recht»; Korrektur durch die
        Hrsg.</note> von scheinbarem naturhaftem Zwang übrig geblieben sein sollte, so müsste sich
       dieser Schein zerstreuen, wenn wir es jetzt endlich noch so sagen: der Heilige Geist
       begründet den <term key="Heiliger Geist, begründet den Glauben">Glauben</term>. Eine andere
       als die Macht des Geistes Gottes kann ja hier wirklich nicht in Frage kommen. Glaube als
       naturhafter, d. h. unfreier und also ungeistlicher Ablauf und Zwang wäre gewiss kein Glaube.
       Als Akt der echten menschlichen <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> haben wir ihn
       ja zum vornherein beschrieben. Unfreie Kinder wären gewiss keine Gotteskinder; denn dass sie
       Gott nicht weniger als ihr Herz schenken, das macht sie zu Glaubenden, das zu Gotteskindern.
       Wie könnten und würden sie Gott ihr Herz schenken, wenn sie das mechanisch gezwungen tun
       würden? Ihr Herr ist der Geist. Und wo der Geist <pb xml:id="p136" ed="pga"/> ihres Herrn ist
       und regiert, da ist gerade Freiheit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.3.17">2.Kor. 3,17</ref>]: ihre eigenste Freiheit. Aber eben die Glauben erweckende Macht, von der
       wir bis jetzt sprachen – die Macht der Liebe <term ref="kbga-keywords-37">Gottes</term>, die
       Macht der Gnade Jesu <term key="Gnade, Jesu Christi">Christi</term> –, ist ja keine andere
       als die Macht des Heiligen Geistes. Er ist zuerst das Band der <term key="Heiliger Geist, Band der Liebe">Liebe</term><note xml:id="n109">Gewöhnlich nach <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.3">Eph.
        4,3</ref>: «<foreign xml:lang="lat">vinculum pacis</foreign>». «<foreign xml:lang="lat">Vinculum caritatis</foreign>» findet sich z. B. bei <bibl corresp="kbga-bibls-5194"><persName ref="kbga-actors-14">Augustinus</persName>, <hi rend="italic">In Iohannis euangelium
         tractatus</hi>, 26,13 (CChr.SL 36,26f.)</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">O sacramentum pietatis! o signum unitatis! o
        vinculum caritatis</foreign>!»</note>, die in Gott selbst den Vater mit dem Sohn und den Sohn mit dem
       Vater <term ref="kbga-keywords-70">verbindet</term>, und als dessen Gleichnis dann auch das
       Band der Liebe, in welchem Gott die von ihm verschiedene Wirklichkeit seines Geschöpfes will
       und setzt und erhält, sich mit ihm und es mit sich selbst zusammenhält. Dass er das tut, was
       er als Schöpfer tut, das ist geistliche Wahrheit und Wirklichkeit, und wenn er es offenbar
       macht, dass er das will und tut, dann ist es die Gemeinschaft seines Geistes, die dem
       eröffnet, angeboten und geschenkt wird, <pb ed="A" n="733"/> dem er sich selbst offenbar
       macht, d. h. der bekommt damit inneren eigenen Anteil an eben dem, was Gott in sich selbst
       und was Gott mit der Schöpfung zusammenhält. Er erkennt dann eben das, dass Gott sich selbst
       gerade mit ihm und dass er gerade ihn mit sich selbst zusammenhält. Diese Erkenntnis und das
       Leben in ihr ist die geistliche Erkenntnis und das geistliche Leben des Glaubens. Und es ist
       der Heilige Geist das Geheimnis der Einheit von Gott und <term key="Jesus Christus, Einheit von Gott und Mensch">Mensch</term> in Jesus Christus, der das
       Ziel und der Grund der <term key="Jesus Christus, Ziel und Grund der Schöpfung">Schöpfung</term> ist. Wie hat Gott die Welt geliebt? So (<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.16">Joh. 3,16</ref>), dass er seinen eingeborenen <term ref="kbga-keywords-235">Sohn</term> gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren
       gehen, sondern das ewige Leben haben. Kein anderes Geschöpf an sich und als solches ist
       selbst und von sich aus der Sitz und Ursprung der <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term>,
       in der Gott die Welt geliebt hat – um nicht zu reden von der ewigen Liebe, in der Gott sich
       selber liebt –, keines realisiert mit seinem Lieben die Art, wie Gott die Welt geliebt hat.
       Keines ist ja in seiner Geschöpflichkeit «empfangen vom Heiligen Geist»<note xml:id="n110">Apostolisches Glaubensbekenntnis, 2. Art. (<bibl corresp="kbga-bibls-14">BSLK, S. 21,10f.</bibl>).</note> und also in seiner
       geschöpflichen Existenz als solcher Träger, Quelle und Geber des Heiligen Geistes. Eben das
       ist Jesus <term key="Jesus Christus, Quelle und Geber des Heiligen Geistes">Christus</term>.
       Und eben in dieser Funktion ist er das Ziel und der Grund der <term key="Jesus Christus, Ziel und Grund der Schöpfung">Schöpfung</term> als die Vollendung des
       Bundes zwischen Gott und den <term key="Jesus Christus, Vollender des Gnadenbundes">Menschen</term>. In ihm und durch ihn hat Gott die Welt geliebt. Und eben das ist es, was
       im <pb xml:id="p137" ed="pga"/> Glauben an ihn Erkenntnis und Leben wird, kräftig gegen die
       Verlorenheit, der alles andere Geschöpf neben ihm nicht entgehen könnte und würde, kräftig
       für das ewige <term ref="kbga-keywords-726">Leben</term>, das kein anderes Geschöpf von sich
       aus erlangen und haben kann. Der Glaube an ihn schafft zwar nicht, er anerkannt und bestätigt
       aber die <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>, in der sich Gott in ihm, dem Menschen,
       indem er ihn wollte und schuf, zugewendet hat. Wieder ist es die Gemeinschaft seines Heiligen
        <term ref="kbga-keywords-179">Geistes</term>, die ihm damit eröffnet, angeboten und
       geschenkt wird, dass Gott sich selbst offenbar macht. Wieder bekommt der Mensch Anteil an
       eben dem, was Gott in sich selbst und was Gott mit der Schöpfung einigt. Und so ist wieder
       beides geistliche Wahrheit und Wirklichkeit, Gemeinschaft des Heiligen Geistes: dass Gott das
       tut, was er in Jesus Christus tut, <hi rend="italic">und</hi> dass dieses Tun, das
        Geheimnis <pb ed="A" n="734"/> Jesu Christi, dem Menschen offenbart und mitgeteilt wird. Dass
       dem so ist, das garantiert die Freiheit des <term key="Freiheit, des Glaubens">Glaubens</term>, gerade indem die Macht, die ihn begründet, als ein Herrschaftsakt
       ohnegleichen sichtbar wird.</p>
      <p> So sind sie ein einziges <term ref="kbga-keywords-70">Ganzes</term>: die Liebe Gottes des
       Vaters, die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes [vgl.
        <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.13.13">2.Kor. 13,13</ref>]. Und es ist dieses
       Ganze, in welchem nichts fehlen und nichts übersehen werden darf, das die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> mächtig macht, den Glauben hervorzurufen. – So steht es grundsätzlich mit
       der Initiative Gottes, in der der Glaube seine Herkunft und seine Nahrung hat.</p>
      <p>Der <hi rend="italic">Sinn</hi> dieser göttlichen Initiative und damit auch der Sinn des
       Glaubens, dem wir uns jetzt zuwenden, ergibt sich aus dem eigentümlichen Inhalt der
       Offenbarung. Wir können diesen ihren Inhalt jetzt in den kurzen Satz zusammenfassen: dass
       Gott für das Geschöpf und darum mit ihm ist. Das ist es, was der Mensch als Empfänger der
       Offenbarung Gottes zu hören bekommt. Und das ist es, was er in dem durch sie begründeten
       Glauben zunächst für sich – aber weil für sich, darum für alle Menschen, darum letztlich für
       die ganze Kreatur – realisieren darf: Gott für uns [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.31">Röm. 8,31</ref>], Gott mit uns [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.1.23">Mt. 1,23</ref>].</p>
      <p> Das bedeutet offenbar – und das ist zunächst der Sinn der <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> –, dass die Vorstellung einer isolierten, in sich selbst beruhenden und
       durch sich selbst bewegten Wirklichkeit außer Gott durchgestrichen ist. Nur im Schatten,
       abseits von Gottes Selbstkundgebung, kann diese Vorstellung entstehen und sich erhalten. Im
       Lichte dessen, <pb xml:id="p138" ed="pga"/> was Gott von sich selbst und seinem Tun als
       Schöpfer zu sagen hat, fällt sie zu Boden. Dass das Geschöpf die von Gott verschiedene
       Wirklichkeit ist, das bedeutet wohl, dass es ihm gegenüber selbständig ist: ein Anderes als
       er, mit seinem ihm eigenen Wesen und mit seinem ihm eigenen <term key="Dasein">Dasein</term>,
       der Mensch mit seiner <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> – ohne die er nicht
       dieses Geschöpf, der Mensch, wäre –, in eigener <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term> Gott zu ehren. Aber die von Gott verschiedene Wirklichkeit ist sein
       Geschöpf, und das schließt in sich, dass es ihm gegenüber nicht souverän ist, dass es in
       seiner Selbständigkeit ihm gegenüber zu seiner Verfügung, in seinem Dienst, unter seinem
        <term ref="kbga-keywords-387">Gericht</term> steht, dass auch die mensch<pb ed="A" n="735" break="no"/>liche Freiheit sein Werk ist und also in ihm ihre Norm und ihre Grenze hat. Wäre
       es anders, wie sollte dann Gott für uns und mit uns sein? Eben darum bedeutet das Sein Gottes
       für uns und mit uns, wie es in seiner Selbstkundgebung offenbar wird, nun auch dies – und das
       ist der nächste Sinn des Glaubens –, dass auch die Vorstellung einer Selbstisolierung des
       Geschöpfs, die Idee seines Versuchs, sich mit sich selbst zufrieden zu geben und sich
       eigenwillig und eigenmächtig, aus sich selbst heraus mit seiner Existenz im Rahmen der
       übrigen <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term> auseinanderzusetzen und
       zurecht zu bringen, ohnmächtig ist. Es gehört auch diese Vorstellung in den Schatten, abseits
       von Gottes Selbstkundgebung. Es kann auch sie im Lichte dessen, was Gott von sich selbst und
       von seinem Tun als Schöpfer zu sagen hat, nur zu Boden fallen. Dass das Geschöpf von Gott
       verschieden ist, das bedeutet wohl, dass es ihm gegenüber sein eigenes <term key="Dasein">Dasein</term> zu verwirklichen, für sich und im Zusammenhang mit dem Anderen, was da ist,
       zu gestalten hat, das eröffnet ihm wohl seinen eigenen Weg, das gibt ihm wohl seine eigenen
       Anfänge und Ziele, seine eigenen Freuden und Leiden, seine eigene Bestimmung und, im Fall des
       Menschen: die Fähigkeit, selber zu sehen und zu hören, zu denken und zu wollen, selber
       Initiativen zu ergreifen und <term key="Mensch, Verantwortung">Verantwortungen</term> zu
       übernehmen. Es ist aber erst recht wahr, dass alles von Gott Verschiedene Gottes Geschöpf und
       als solches nicht dazu bestimmt ist, in der Getrenntheit und Einsamkeit seinem Schöpfer
       gegenüber auf sich selbst zu stehen, von seinen Initiativen und Verantwortungen die
       Auseinandersetzung mit sich selbst und mit seiner Umwelt, die Zurechtbringung seiner Existenz
       und wohl gar noch die des Kosmos und so die Realisierung und Rechtfertigung seines Daseins zu
       erwarten. Das Geschöpf ist, <pb xml:id="p139" ed="pga"/> auch wenn es der <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> des Menschen teilhaftig ist, in Gottes Hand, und es
       können seine Initiativen und Verantwortungen nur im Rahmen und im Dienst von Gottes Willen
       ihrem Raum haben. Wie wäre er für uns und mit uns – wie schwach und gehaltlos müsste sonst
       dieser Satz verstanden werden? –, wenn er nicht der König, Meister und Helfer wäre, in dessen
       Kompetenz gerade das gehört, für sein Geschöpf zu sorgen, d. h. aber ihm die Sorge für sich
        selbst <pb ed="A" n="736"/> abzunehmen? Dass er für uns und mit uns ist, das verbietet uns,
       uns mit unseren Initiativen und <term key="Mensch, Verantwortung">Verantwortungen</term> an
       seine Stelle zu setzen, sie anders zu verstehen und anders zu ergreifen und durchzuführen
       denn als untergeordnete Dienstleistungen nach der Disposition seines göttlichen Sorgens. –
       Der Sinn der <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> ist also zunächst der: das Geschöpf in seine Grenzen zu weisen und an
       seinen Ort zu stellen. Und so ist der Sinn des Glaubens der, dass der Mensch sich eben das
       gefallen lässt, in seine Grenzen gewiesen und an seinen Ort gestellt zu werden. Wo das laut
       und vernommen wird: Gott für uns und Gott mit uns!, da wird es sichtbar und beachtet, dass
       das Geschöpf nicht der Schöpfer und also der Stellung und Funktion Gottes nicht teilhaftig
       ist. Von dieser <hi rend="italic">kritischen</hi> Bestimmung haben wir auszugehen.</p>
      <p>Wir haben aber von da aus weiterzugehen. Die göttliche Kritik, um deren Proklamation es
       sich in der Offenbarung und um deren Erkenntnis es sich im Glauben handelt, hat eine von Haus
       aus <hi rend="italic">positive</hi> Richtung. Sie unterscheidet, um zu verbinden. Sie
       erniedrigt, um zu erhöhen. Sie redet von der göttlichen Grenze, um von der göttlichen
       Umgebung des Geschöpfs zu reden. Dass Gott für uns und mit uns ist, wie es uns bei der
       Glauben erweckenden Macht der Liebe <term ref="kbga-keywords-37">Gottes</term>, der Gnade
       Jesu <term key="Gnade, Jesu Christi">Christi</term>, der Gemeinschaft des Heiligen <term key="Heiliger Geist, GemeinschaftTrinität">Geistes</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.13.13">2.Kor. 13,13</ref>] durch seine Offenbarung gesagt
       wird, das schließt – gerade indem es jene falschen Vorstellungen ausschließt – die Erkenntnis
       in sich, dass der Schöpfer dem Geschöpf nicht verneinend und nicht neutral, sondern <term key="Schöpfung, Bejahung">bejahend</term> gegenübersteht. Die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> spricht diese Bejahung aus, der Glaube nimmt sie auf und wiederholt sie.
       Sie besagt, dass die von Gott verschiedene Wirklichkeit als solche, weil sie Gottes Geschöpf
       ist, in Gottes Hand und Sorge und eben damit gut aufgehoben ist. Die Zurückweisung jeder
       geschöpflichen Souveränität und jeder eigenen Sorge des Geschöpfs um sich <pb xml:id="p140" ed="pga"/> selber, die hier am Platze ist, kann doch nur die Kehrseite der Erkenntnis sein,
       dass es unter der Souveränität und Fürsorge seines Schöpfers steht. Wir sahen früher<note xml:id="n111">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p090#p090">S. 90f</ref>. (mit
         <ref target="../volume/50/p090#fn_n72" type="pub">Anm. 72</ref>).</note>, dass das
       bedeutet: seine Realität und seine <term ref="kbga-keywords-51">Rechtfertigung</term> sind
        gesichert <pb ed="A" n="737"/> durch das Ziel, auf das hin Gott es erschaffen, das auch der
       Grund ist, warum er es geschaffen hat. Sie sind dadurch gesichert, dass der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> gerade in seinem <term ref="kbga-keywords-115">Erbarmen</term> mit dem Menschen sich selber verherrlichen will und sich selber so treu
       bleibt. Sie sind gesichert durch Jesu Christi <term ref="kbga-keywords-129">Tod</term> und
        <term ref="kbga-keywords-393">Auferstehung</term>, die den konkreten Inhalt schon des
       göttlichen Schöpfungsratschlusses bilden. Das Geschöpf <hi rend="italic">ist</hi> und das
       Geschöpf ist <hi rend="italic">recht</hi>, indem dieses Geschehen das Ziel und der Grund der
        <term key="Jesus Christus, Ziel und Grund der Schöpfung">Schöpfung</term> ist. Wir haben
       jetzt zu sehen, wie der Glaube diese Sicherung entgegennimmt.</p>
      <p>Der Glaube besteht Alles in Allem schlicht darin, dass der Mensch <hi rend="italic">dieses
        göttliche Ja gelten <term key="Glaube, Geltenlassen des göttlichen Ja">lässt</term></hi>. –
       Wer glaubt, wer also das göttliche Ja gelten lässt, der <hi rend="italic">weiß</hi>, dass er
       weder im Himmel noch auf Erden nach einem anderen als dem ihm damit gegebenen positiven
       Verhältnis zur Geschöpfwirklichkeit zu suchen braucht. Er weiß, dass sie darum gut aufgehoben
       ist, weil sie in Gottes Hand und Sorge ist. Er weiß, dass sie ohne das nicht wäre und nicht
       recht wäre. Er weiß, dass sie Traum und Chaos, Lüge und Finsternis wäre, wenn Gott nicht ihr
       Schöpfer und als solcher ihr Herr wäre. Er weiß, dass dieser Herr allein sie über dem Abgrund
       hält, über dem Abgrund des <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term>, der auch der Abgrund
       des Unsinns ist. Wer glaubt, der <hi rend="italic">verzichtet</hi> darum resolut darauf, das
       Geschöpf durch sich selbst realisiert und gerechtfertigt zu sehen. Er verzichtet darauf, es
       um einer ihm selbst innewohnenden Begründung willen zu lieben und zu loben. Er verzichtet
       also darauf, es seinerseits zu ergründen, d. h. einen Grund in es hineinzulesen, ihm von sich
       aus einen Grund beizulegen, als ob er es wäre, der das Geschöpf auch nur nachträglich zu
       realisieren und zu rechtfertigen hätte. Er verzichtet ehrlich darauf, dem Schöpfer in die
       Karten zu sehen und ins Handwerk zu greifen, der Geschöpfwelt mit seinem eigenen Ergründen
       und Begründen eine Herrlichkeit zu verleihen, die ihr nicht zusteht und die sie auch nicht
       nötig hat. Wer glaubt, der <hi rend="italic">hält</hi> sich dafür daran, dass sie tatsächlich
       real und gerechtfertigt <hi rend="italic">ist</hi>. Der hält sich daran, dass <pb xml:id="p141" ed="pga"/> Gott sie geschaffen und <pb ed="A" n="738"/> recht geschaffen hat.
       Er hält sich daran, dass sie eben darin ihre Würde, ihre Güte, ihren Glanz hat, dass Gott sie
       gewollt und so, wie sie ist, gewollt hat. Er hält sich also daran, dass sie ist und so ist,
       wie sie ist: allen ihren Rätseln und <term key="Schöpfung, Rätsel und Widersprüche">Widersprüchen</term> zum Trotz, weil sie für den, der sie geschaffen, keine Rätsel und
       keine Widersprüche sein können. Wer glaubt, der <term ref="kbga-keywords-1458"><hi rend="italic">freut</hi></term> sich in dieser Bescheidung und Bescheidenheit, Geschöpf
       inmitten der Geschöpfwelt zu sein. Er freut sich dessen, dass Gott für ihn und mit ihm ist.
       Er freut sich letztlich alles dessen, was ihm in dieser Gegenwart und Obhut jetzt zustößt,
       und auf alles das, was ihm in dieser Gegenwart und Obhut zustoßen wird. Er freut sich, dass
       die letzte <term key="Mensch, Verantwortung">Verantwortung</term> für seine eigene Existenz
       und für die des Kosmos nicht die seine ist und dass er doch in <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> sich selber und am <term key="Dasein">Dasein</term> des Kosmos beteiligt
       sein darf. Wer glaubt, der <hi rend="italic">hofft</hi> auf den, der ihn selbst und alle
       Dinge geschaffen hat.<note xml:id="n112">Vgl. aus <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Auslegung des Glaubensbekenntnisses im Kleinen Katechismus: «Ich
        glaube, daß mich Gott geschaffen hat sampt allen Kreaturen, […]» (<bibl corresp="kbga-bibls-1595">BSLK, S. 510,33f.</bibl>).</note>
       Er hofft auf den <term key="Bund">Bund</term>, zu dessen Aufrichtung und Vollendung Gott
        <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> geworden ist. Er hofft auf die Verheißung, die
       damit Allem, was er geschaffen hat, und so auch ihm selbst mit auf den Weg gegeben ist. Er
       hofft darauf, dass die Geschöpfwelt noch ein ganz anderes Gesicht hat und zeigen wird als
       das, das er jetzt zu sehen vermag. Er hofft auf Gott, dass er ihm dieses andere Gesicht des
       Geschöpfs, dass er ihm sein eigenes Gesicht noch ganz anders als jetzt zeigen wird. Er hofft
       auf Jesus Christus, in welchem das neue Gesicht des Geschöpfs und also auch sein eigenes
       neues Gesicht jetzt schon – ein Unterpfand seiner <term key="Jesus Christus, Unterpfand unserer Hoffnung">Hoffnung</term> auf das Ganze – ohne
       Rätsel und Widersprüche vor seinen Augen steht. Er hofft auf den Heiligen <term ref="kbga-keywords-179">Geist</term> als die Gabe Gottes, die ihn jetzt schon sehend macht
       und die ihn einst befähigen wird, zu schauen, was er jetzt noch nicht sehen kann.</p>
      <p> Aber der Glaube weiß nicht nur, verzichtet nicht nur, hält sich nicht nur, freut sich
       nicht nur, hofft nicht nur. Das Alles könnte an sich noch mager und ungenügend sein, da es im
       Glauben darum geht, das göttliche Ja zur <term key="Schöpfung, Bejahung">Geschöpfwelt</term>
       gelten zu <term key="Glaube, Geltenlassen des göttlichen Ja">lassen</term>. Der Glaube <hi rend="italic">lebt</hi>, d. h. der glaubende Mensch <hi rend="italic">lebt</hi> doch vor
       allem in dem positiven Ver<pb xml:id="p142" ed="pga" break="no"/>hältnis zur Geschöpfwelt, <pb ed="A" n="739"/> das ihm durch Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>
       vorgeschrieben ist. Begnügt er sich an dieser Vorschrift, so ist er seiner Sache in dem ihm
       vorgeschriebenen Verhältnis umso sicherer. Weiß er, dass die Geschöpfwelt allein durch ihren
       Herrn, durch ihn aber wirklich und recht ist, verzichtet er auf alles Ergründen und Begründen
       ihres Seins und Soseins darum, weil sie das nicht nötig hat, hält er sich darum daran, dass
       sie ist und so ist, wie sie ist, indem er sich an ihren Schöpfer hält, <term ref="kbga-keywords-1458">freut</term> er sich dessen, dass er das tun darf, und hofft er auf
       die ihm verheißene Erleuchtung hinsichtlich dessen, worin sie ihm verborgen ist – was bleibt
       ihm dann übrig als, selber ein Geschöpf unter <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfen</term>, das Leben als solches zu wagen als den Akt schlichtesten <term key="Mensch, Gehorsam">Gehorsams</term>: des Gehorsams gegen das Gebot, das Gott ihm eben
       damit von einer Stunde zur anderen gibt, indem er ihm Zeit gibt, noch und noch einmal als
       Geschöpf inmitten der Geschöpfwelt da zu sein. Leben heißt für den glaubenden, durch Gottes
       Offenbarung begrenzten und bestimmten Menschen: seines Glaubens leben.<note xml:id="n113">Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hab.2.4">Hab. 2,4</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.17">Röm. 1,17</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.3.11">Gal. 3,11</ref>.</note> Es heißt aber wiederum gerade Glauben nicht ein
       Fühlen, Meinen, Denken, Wissen, Überzeugtsein über und neben dem menschlichen Dasein in der
       Geschöpflichkeit oder in einem besonderen religiösen <term key="Glaube, nicht im religiösen Winkel">Winkel</term> des geschöpflichen Bereichs, sondern:
       als der von Gott <term ref="kbga-keywords-37">Geliebte</term>, als der mit der Gnade Jesu
        <term key="Gnade, Jesu Christi">Christi</term> Bedachte, als der in die Gemeinschaft des
       Heiligen <term key="Heiliger Geist, GemeinschaftTrinität">Geistes</term> Aufgenommene ganz
       und gar ein Geschöpf sein, dessen Dasein erfüllen, seinen geistigen und natürlichen
       Notwendigkeiten sich unterziehen, seine Erniedrigungen und seine Erhöhungen auskosten, seine
       Schranken respektieren, aber auch an seinen Ausblicken teilnehmen, von seiner Geburt seinem
       Tode entgegenzueilen in der ihm gelassenen Zeitspanne, in aller Ehrlichkeit und
       Vollständigkeit inmitten der übrigen <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term>
       das menschliche Geschöpf, dieser besondere Mensch, er selber zu sein. Wie würde der glauben,
       der sich von dem Allem auch nur Einem entziehen wollte? Wie hätte der Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> entgegen- und aufgenommen, die ja gerade an ihn in
       seiner allgemeinen und besonderen und besondersten Geschöpflichkeit gerichtet ist und die von
       ihm als das, was er ist, und als der, der er ist, Respekt und <pb ed="A" n="740"/>
       <term key="Mensch, Gehorsam">Gehorsam</term> fordert? Wer hier ausweichen, wer seines
       Glaubens anders als eben in der Be<pb xml:id="p143" ed="pga" break="no"/>tätigung und
       Erfahrung seiner Geschöpflichkeit leben wollte, der wollte es wohl gar nicht tun, der könnte
       es auch gar nicht, der wäre gar nicht der von Gott <term ref="kbga-keywords-37">Geliebte</term>, in Jesus Christus <term key="Gnade, Jesu Christi">Begnadigte</term>, in
       die Gemeinschaft des Heiligen <term key="Heiliger Geist, GemeinschaftTrinität">Geistes</term>
       Aufgenommene, der als solcher aus seiner innersten <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> heraus zum Glauben erweckt und aufgerufen ist. Hier ist er von Gott
       gefunden, eingeladen, angefordert, hier, in der Geschöpflichkeit, geschieht, was geschehen
       muss, oder es geschieht gar nicht. Im Vollbringen des Werkes und im Erleiden des Leidens
       eines Menschen nach dem Maß der ihm vom <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>
       gegebenen Zeit und Art, in der Erfüllung seiner Aufgabe, im Tragen seiner Last und im Kampf
       mit seiner Versuchung wird geglaubt, oder es wird gar nicht geglaubt. |</p>
      <p> Das heißt aber seines <term key="Glaube, Vertrauen">Glaubens</term> leben, dass eben
       dieses geschöpfliche Werk im <term ref="kbga-keywords-1768"><hi rend="italic">Vertrauen</hi></term> vollbracht, dieses geschöpfliche Leiden im Vertrauen erlitten, diese
       geschöpfliche Last im Vertrauen getragen, dieser geschöpfliche Kampf im Vertrauen gekämpft
       werde. Der glaubende Mensch vertraut, dass das, was ihm zustößt, recht – nicht irgendwie
       durch und in sich, aber im Zusammenhang mit der <term ref="kbga-keywords-1244">Souveränität</term> des Schöpfers, in dem es ihm zustößt, recht sei. Er vertraut, dass die
       Zeit und die Art seines geschöpflichen Lebens, wie sie ihm ohne sein Zutun zugewiesen sind,
       wohl bemessen sind, weil wieder der Schöpfer das Maß alles Guten ist, das er sich ausdenken
       könnte, das er sich aber nicht einmal auszudenken braucht, weil es ihm vom Schöpfer mit
       unbeweglicher Sicherheit zugedacht ist. Er vertraut, dass es ihm nicht umsonst und nicht zu
       seinem Schaden erlaubt und befohlen ist zu leben, und dass das Leben, und zwar gerade sein
       Leben darum wert ist, gelebt zu werden, weil der Schöpfer seine eigene <term ref="kbga-keywords-28">Ehre</term> und sein, dieses besonderen Menschen ganz besonderes Heil
       miteinander verbunden hat, so dass ebenso gut Gottes Ehre sich in Unehre wie sein, des
       Menschen, Heil sich in Unheil verwandeln könnte. Er vertraut also, dass das Wagnis des Lebens
       gewagt werden darf, indem es nicht sein eigenes Wagnis ist, indem der Wille seines Schöpfers
       als Auftrag und Verheißung dahintersteht. Er <pb ed="A" n="741"/> kann das alles nur
       vertrauend tun. Er hat das, worauf sich sein <term ref="kbga-keywords-1768">Vertrauen</term>
       stützt, nicht selbst erfunden und beschafft, er hat also sein Leben unter diesem Zeichen
       nicht in seiner Hand, als ob er damit arbeiten oder spielen könnte. Er vertraut, indem des
       Schöpfers <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> sein einziger <pb xml:id="p144" ed="pga"/> Grund, indem der Geist, der ihm sagt, dass er von Gott <term ref="kbga-keywords-37">geliebt</term> und in Jesus Christus Gottes Kind ist, das einzige
       Unterpfand <term key="Heiliger Geist, Unterpfand des Menschen">ist</term>, an das er sich
       halten kann. Er vertraut im vollen Bewusstsein der Unzulänglichkeit seiner eigenen
       Machtmittel, sein Leben zu meistern, er vertraut in voller Klarheit darüber, dass das Leben
       in der Geschöpflichkeit gefährlich ist, weil es über dem Abgrund des Nichts und des Unsinns
       gelebt werden muss. Und er vertraut vor allem, ohne dass er etwa auf die Beständigkeit und
       Tragkraft gerade seines Vertrauens vertrauen könnte. Er weiß, wie gefährdet auch sein
       Vertrauen ist, sofern er es ist, der es aufbringen muss. Ihm läge es jeden Moment nur zu
       nahe, es wegzuwerfen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.10.35">Hebr.
        10,35</ref>], er kann nur auf Gott – und nur um Gottes Willen und also nur bedingt durch
       Gottes freien Willen, nur vorübergehend und unter Vorbehalt auch auf andere Geschöpfe und auf
       sich selbst vertrauen. Und er kann immer nur faktisch und nicht auf Vorrat vertrauen: von
       einer <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term> zur anderen und so, dass immer der
       Schöpfer und seine <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> die Kraft seines <term ref="kbga-keywords-1768">Vertrauens</term> ist. Ein glaubender Mensch ist ein solcher
       Mensch, der sein geschöpfliches Leben in einer Reihe solcher Entscheidungen des Vertrauens
        <term key="Glaube, Vertrauen">lebt</term>, wobei dies, dass es eine Reihe ist, die als
       solche weitergeht, dass dem Heute des Vertrauens ein Morgen desselben Vertrauens folgen darf,
       selber eine Sache allein seines Vertrauens ist. Das heißt seines Glaubens leben. Und wo Einer
       so seines Glaubens lebte, da dürfte man sagen, dass das göttliche Ja zur <term key="Schöpfung, Bejahung">Geschöpfwelt</term>, wie es in der Selbstkundgebung des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> ausgesprochen ist, gelten gelassen wird, wie es
       gelten will.</p>
       </div>
       <!-- nächste Seite - das Ja zur Geschöpfwelt -->
  <div>
    
      <p>Aber noch kann auch das das letzte Wort nicht sein, das in dieser Sache zu sagen ist. Und
       es ist in unserem Zusammenhang gerade das wichtig festzustellen, dass mit keiner noch so
       gründlichen Beschreibung des Glau<pb ed="A" n="742" break="no"/>bens und des glaubenden
       Menschen ein letztes Wort darüber gesagt werden kann, wie das in Gottes Offenbarung
       ausgesprochene göttliche Ja zur Geschöpfwelt bei dem sie vernehmenden Menschen zur Geltung
       kommt. Das ist aber darum nicht möglich, weil eben der in Gottes Offenbarung begründete und
       durch sie erweckte Glaube als solcher sich keineswegs in sich selbst – weder in seinem
       Wissen, Verzichten, Sichhalten, Sichfreuen, Hoffen, noch auch in seinem vertrauenden Leben –
       erschöpft, sondern in dem allem zugleich weit über das Alles hinausgreift. Er ist unbeschadet
       seiner <pb xml:id="p145" ed="pga"/> Gegenwärtigkeit, er ist gerade als die streng zeitliche,
       je und je jetzige Aktion, die er ist, schlechthin eine <term key="Glaube, Erwartung"><hi rend="italic">Erwartung</hi></term>, schlechthin auf Zukunft bezogen, die als solche durch
       keine Beschreibung seiner Gegenwart wiedergegeben werden kann. Wir haben diese Sache freilich
       bereits gestreift, indem wir den Glauben auch als <term key="Glaube, Hoffnung">Hoffnung</term>, als den zu seiner gegenwärtigen Zuversicht gehörigen Ausblick auf das dem
       Menschen jetzt noch nicht sichtbare Gesicht seiner eigenen und der ganzen Wirklichkeit
       bezeichnet haben. Aber eben das weist uns noch einmal in eine ganz neue Dimension und muss in
       seinem eigenen Zusammenhang bedacht werden. Dass wir von Gott laut seiner <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>
       <term ref="kbga-keywords-37">geliebt</term> sind und dass wir im Glauben Gott wiederlieben
       dürfen – die offenbarte Gnade Jesu <term key="Gnade, Jesu Christi">Christi</term> und die
        <term ref="kbga-keywords-1684">Dankbarkeit</term>, in der wir sie uns im Glauben gefallen
       lassen – die Gemeinschaft des Heiligen <term key="Heiliger Geist, Gemeinschaft">Geistes</term>, in die wir durch Gottes Offenbarung aufgenommen werden, und unser eigenes
       Aufnehmen dieser Gemeinschaft in unserem eigenen Geist –, das Alles ist und bleibt in seiner
       ganzen Zusammengehörigkeit zweierlei, so gewiss <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>
       und Geschöpf, so gewiss auch seine Offenbarung und unser Glaube, seine Freiheit, in der er
       gibt, und unsere <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>, in der wir nehmen, zweierlei
       sind und bleiben. Man kann und darf wohl von einer Gottförmigkeit<note xml:id="n114">Von
        «Gottförmigkeit» spricht <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, ebenfalls in Bezug auf den Glauben, in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/1, S. 251f.</bibl> Das
        lateinische Äquivalent «<foreign xml:lang="lat">deiformitas</foreign>» findet sich, in etwas anderer Verwendung, z. B. bei
         <bibl corresp="kbga-bibls-1625"><persName ref="kbga-actors-1282">Thomas von Aquino</persName>, S.th. I, q. 12, a. 6 co.</bibl>:
        «<foreign xml:lang="lat">Facultas autem videndi Deum non competit intellectui creato secundum suam naturam, sed per
        lumen gloriae, quod intellectum in quadam deiformitate constituit</foreign> […].»</note>, man kann
       aber nicht von einer Göttlichkeit des von Gott in uns begründeten und erweckten <term key="Glaube, Gottförmigkeit">Glaubens</term> reden. Der Mensch glaubt wohl von Gott her, aus
       Gott und durch Gott, wenn er glaubt. Er glaubt dann aber an Gott, an den Vater, an den Sohn,
       an den Heiligen <term ref="kbga-keywords-70">Geist</term>, wie es schon das alte <term ref="kbga-keywords-146">Glaubensbekenntnis</term> in feiner Unterscheidung hervorgehoben
       hat. Das ist <pb ed="A" n="743"/> die Erwartung des Glaubens, das sein von Haus aus
       eschatologischer <term key="Glaube, eschatologischer Charakter">Charakter</term>. Er
       transzendiert sich selbst, seine eigene Aktion und Wirkung und also seine Gegenwart. Dass der
       Mensch an Gott glaubt, das bedeutet, dass er auf ihn hofft. Und dass er auf ihn hofft, das
       bedeutet, dass er bei ihm ein Mehreres, Größeres, Reicheres, ein die Anschauung, die
       Tätigkeit, den Besitz seines Glau<pb xml:id="p146" ed="pga" break="no"/>bens in aller ihrer
       Fülle grundsätzlich Übersteigendes voraussetzt, wobei die ganze gegenwärtige Fülle seines
       Glaubens: sein Wissen wie sein Verzichten, sein Halt wie seine Freude von dieser
       Voraussetzung und davon, dass er sie gelten lässt, und also von diesem Letzten, von seinem
       Hoffen, schlechthin bedingt und abhängig ist. |</p>
      <p> Der Glaube hängt ja wirklich daran, dass ihm der, an den er glaubt, als der ihm selbst
       schlechthin überlegene und unerreichbare Eschatos, als Gegen-stand und also als Zukünftiger,
       d. h. als Zu-ihm-Kommender gegenüber ist und bleibt. Gott bleibt der, der er allein ist, auch
       für den Glauben des Geschöpfs. Nicht nur die kritische, sondern gerade die positive Kraft der
       Erweckung und Erhaltung des Glaubens durch Gottes <term key="Glaube, erweckt und erhalten durch Gottes Offenbarung">Offenbarung</term> besteht
       darin, dass dem so ist. Darum ist der Glaube Erwartung. Darum ist der glaubende Mensch
       nichts, was er nicht, indem er es ist, wieder werden müsste. Darum hat er nichts, was er
       nicht, indem er es hat, aufs Neue empfangen müsste. Darum betet der Glaube. Darum ist er
        <term key="Glaube, Gebet ohne Unterlass">Gebet</term> ohne Unterlass [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Thess.5.17">1.Thess. 5,17</ref>] in der Reihe jener Entscheidungen
       des <term ref="kbga-keywords-1768">Vertrauens</term>, die wohl als freie <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungen</term> des Menschen zu vollziehen sind und von denen
       er doch keine einzige vollziehen würde, wenn es ihm nicht gegeben würde, sie zu vollziehen.
       Glaube, der nicht Gebet wäre, wäre nicht Glaube. <term key="Gebet">Beten</term> heißt aber
       auf alle Fälle: in die Höhe und in die Zukunft blicken. Und darum betet der glaubende Mensch
       zu dem Vater, der <hi rend="italic">im Himmel</hi> und also nicht etwa als inneres Licht in
       ihm selber ist. Er betet, dass sein Name geheiligt <hi rend="italic">werde</hi>, sein Reich
        <hi rend="italic">komme</hi>, sein Wille <hi rend="italic">geschehe</hi> auf Erden wie im
        <term key="Gebet, Vaterunser">Himmel</term>. Er betet, dass ihm sein tägliches Brot <hi rend="italic">gegeben</hi>, dass ihm seine Sünde <hi rend="italic">vergeben</hi>, dass er
       vor der Versuchung <hi rend="italic">bewahrt</hi> und vom Übel <hi rend="italic">errettet</hi> werden möge [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.9 Mt.6.13">Mt.
        6,9–13</ref>] – obwohl und indem er dessen gewiss ist, dass das Alles geschieht, ja schon
       geschehen ist vor <pb ed="A" n="744"/> seinem Beten und ohne sein Beten. Er würde gerade daran
       und also an Gottes aktive <term ref="kbga-keywords-1244">Souveränität</term> und <term ref="kbga-keywords-1053">Fürsorge</term> nicht glauben, er könnte gerade dessen unmöglich
       gewiss sein, dass er schon erhört ist, bevor er gebetet hat, wenn er nicht im Gebet erkennen
       und bekennen würde, dass er alles entbehren müsste, wenn es ihm nicht zukäme, und dass er
       den, von dem es ihm allein zukommen kann, darum angehen muss. Beten heißt Gott darum angehen,
       dass er nicht aufhöre, in seiner Souveränität und Fürsorge uns anzugehen. Eben darin
       transzendiert der Glaube sich selber. Eben darin ist er mehr als Glaube, ist er <term key="Glaube, Erwartung">Erwartung</term>. |</p>
     <!-- </div><div type="ditigal_division"> -->
      
      <p><pb xml:id="p147" ed="pga" rend="noPipe"/> Das erstreckt sich nun aber notwendig auch auf sein Verhältnis zu des Menschen eigener und
       zu der ganzen übrigen <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe"><hi rend="italic">Geschöpflichkeit</hi></term>. Das <term ref="kbga-keywords-1768">Vertrauen</term>, in
       welchem er als Geschöpf und in der Geschöpfwelt zu leben wagt – die Zuversicht, in der er das
       göttliche Ja zu ihrem <term key="Schöpfung, Bejahung">Dasein</term> und Sosein praktisch
       gelten lässt und wiederholt, ist darum fest, weil es an das Gesicht, an den Aspekt, den ihm
       das Geschöpf und den er selbst sich darbietet, nicht gebunden ist. Wäre es daran gebunden,
       wie sollte es dann festes, nämlich göttlich festes Vertrauen je werden und sein können? Was
       es von sich aus sieht und hört von sich selbst und von allen übrigen Geschöpfen, das ist ja
       wirklich nicht die vom <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> seinem Werk zugesprochene
       Realität und <term ref="kbga-keywords-51">Rechtfertigung</term>. Das könnte den Verdacht und
       die Angst, dass alles Traum und Chaos und er selber inmitten des Ganzen ein Traumgebilde und
       Chaostrümmer unter vielen anderen sein möchte, wahrlich nicht gründlich und nicht nachhaltig
       zerstreuen. Sein Vertrauen lebt von <hi rend="italic">Gottes</hi>
       <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>, von <hi rend="italic">seinem</hi> Ja zu
       seinem Werk und also zu ihm selber und zu allem, was um ihn ist. So bleibt sein Vertrauen ein
        <term key="Vertrauen, Wagnis">Wagnis</term>, ein nach Gottes Befehl und mit Gott
       unternommenes, aber eben darum auf keinen anderen Augenschein und auf kein anderes Hörensagen
       hin unternommenes Wagnis. Er transzendiert sich selbst auch in dieser Hinsicht. Er ist eben
       nicht selbst Gott, vor dem die Realität und die Rechtfertigung seines Geschöpfs offen zutage
       liegt, so gewiss er es ist, der sie ihm zugesprochen hat. Für ihn ist sie zukünftig, indem er
       es Gott <pb ed="A" n="745"/> jetzt und hier schon glaubt, dass sie wirklich ist. Für ihn ist
       sie verborgen unter einem Aspekt, in welchem er sie nicht wiederfinden kann, auf den
       angewiesen er gewiss nicht vertrauend leben könnte. Er steht also, indem er dem Schöpfer
       grundsätzlich <term key="Glaube, Erwartung">erwartend</term> gegenübersteht, auch dem
       Geschöpf und vor allem auch sich selbst grundsätzlich erwartend gegenüber. Er sieht und hat
       sich selbst nicht unter dem Aspekt, dass er von Gott <term ref="kbga-keywords-37">geliebt</term>, der Gnade Jesu <term key="Gnade, Jesu Christi">Christi</term> und der
       Gemeinschaft des Heiligen <term key="Heiliger Geist, Gemeinschaft">Geistes</term> teilhaftig
       ist. Er kann auch an die Fülle seines <term key="Glaube, Fülle">Glaubens</term> nur glauben.
       Und so sieht und hat er auch die ganze übrige Geschöpfwelt nicht unter dem Aspekt, unter dem
       Gott sie geschaffen, so wird er sich in der Natur und in der Geschichte der Schöpfung
       vergeblich nach solchen Spuren des <term key="Bund, Gnadenbund">Gnadenbundes</term> umsehen,
       die er schauen könnte, die er nicht ihrem Aspekt zum Trotz glauben, d. h. als Echo und Reflex
       von Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> wie diese <pb xml:id="p148" ed="pga"/> selbst hinnehmen müsste, ohne sich ihrer anderweitig versichern zu können. |</p>
      <p> Der Glaube ist <term key="Glaube, Nüchternheit">nüchtern</term> und macht nüchtern. Der
       glaubende Mensch kennt den Verdacht und die Angst wohl, von denen er bedroht ist wie
        <persName ref="kbga-actors-2019">Dürers</persName> Ritter von Tod und Teufel<note xml:id="n115"><bibl corresp="kbga-bibls-5165">«Ritter, Tod und Teufel» (1513), berühmter Kupferstich von <persName ref="kbga-actors-2019">Albrecht Dürer</persName></bibl>.</note>. Er weiß wohl, dass sie jeden
       Augenblick über ihn hereinbrechen könnten und hereinbrechen würden, wenn er auf das
       angewiesen wäre, was er mit sich selbst und mit der Welt anzufangen weiß. Er ist gerade in
       dieser Hinsicht unvergleichlich viel nüchterner als der Mensch, der nicht glaubt und dafür
       immer noch meint, mit sich selber und der Welt fertig werden zu können und wohl gar schon
       fertig zu sein. Er weiß, dass er nie damit fertig werden wird. Er kennt den Abgrund, über dem
       er gehalten ist. Ihm ist nicht nur Gott, sondern hinsichtlich des Aspektes, unter dem Leid,
       Tränen und Geschrei nicht mehr sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.4">Apk. 21,4</ref>], ja nicht
       mehr möglich sein werden, auch das Geschöpf und sein eigenes positives Verhältnis zu ihm ein
       Eschaton. Er meint wirklich nicht, diesen Aspekt jetzt schon zu sehen und sichtbar machen zu
       können. Er wartet, indem er auf Gott wartet, auf diesen anderen Aspekt, den das Geschöpf ihm
       und den er selbst sich bieten wird, wenn Gottes Weg zu seinem Ziel gekommen sein wird,
       vielmehr: wenn Gott das in Jesus Christus schon erreichte <pb ed="A" n="746"/> Ziel seines
       Weges auch als sein eigenes Ziel und als das Ziel der ganzen <term key="Jesus Christus, Ziel und Grund der Schöpfung">Schöpfung</term> offenbar machen wird. Er
       wartet auf diese Enthüllung der Geschöpfwelt. Er wartet auf die Auferstehung der <term ref="kbga-keywords-734">Toten</term> im Gefolge der schon geschehenen Auferstehung Jesu
        <term ref="kbga-keywords-393">Christi</term>: auf dessen Wiederkunft und <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> als der Herr, der er jetzt schon ist, aber jetzt
       noch verborgen, jetzt nur in dem uns gesagten Worte <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term> offenbar ist. Das ist die Erwartung, in der der glaubende Mensch der
       Geschöpfwelt gegenübersteht. Er wartet auf das Sichtbarwerden ihres neuen, d. h. aber ihres
       anderen, ihres eigentlichen Gesichtes, aus welchem ihre Realität und <term ref="kbga-keywords-51">Rechtfertigung</term> unverkennbar abzulesen sein, in welchem also
       auch der Grund des <term ref="kbga-keywords-1768">Vertrauens</term>, in welchem er sie jetzt
       begrüßt, nicht nur zu glauben, sondern zu schauen sein wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.7">2.Kor. 5,7</ref>]. Indem er in der Erwartung dieses
       Schauens lebt, transzendiert er sich selber auch in dieser Hinsicht. |</p>

      <p><pb xml:id="p149" ed="pga" rend="noPipe"/> Es ist klar, wie Beides zusammenhängt: der
       Schöpfer als der Eschatos und das Geschöpf als das Eschaton – die Erwartung Gottes, Jesu
       Christi und des Heiligen <term ref="kbga-keywords-70">Geistes</term> und die Erwartung des
       Schauens des eigentlichen Gesichtes auch der von Gott verschiedenen Wirklichkeit. Indem der
       Glaube auf Gott <term key="Glaube, Erwartung">wartet</term>, kann und darf er sich selbst
       auch dem Geschöpf, auch sich selbst gegenüber damit bescheiden, gerade als Vertrauen in der
       Erwartung ein gewisses, fröhliches <term key="Glaube, gewisses und fröhliches Vertrauen">Vertrauen</term> zu sein. Und indem er auf das Schauen des eigentlichen Gesichts des
       Geschöpfs warten muss, ist es nicht anders möglich, als dass er in das Warten auf Gott und
       also ganz konkret in das <term key="Gebet">Gebet</term> getrieben wird. Eben in dieser
       doppelten, sich gegenseitig bedingenden Erwartung hat er die Fülle [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.12">Mt. 13,12</ref>] und lebt er in der <term key="Glaube, Fülle">Fülle</term>, mangelt ihm gar nichts [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.23.1">Ps. 23,1</ref>], ist ihm auch das Zukünftige, dessen er
       mangelt, gegenwärtig, bildet dieser Mangel selber ein Element seiner Fülle. Wenn wir das
       Alles und also die Hoffnung wirklich in den Begriff des Glaubens hineinnehmen, dann können
       wir noch einmal und jetzt noch begründeter sagen, dass der Glaube das rechte Geltenlassen der
        <term key="Glaube, Geltenlassen des göttlichen Ja">Bejahung</term> ist, in der sich der
       Schöpfer laut seiner <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> dem Geschöpf <term key="Schöpfung, Bejahung">zugewendet</term> hat.</p>
      
  </div>
 <!-- nächste Seite - " Glauben heißt in der Liebe tätig sein" -->
  <div>
    <div>
      <div>
      <p><pb ed="A" n="747"/> Wir nähern uns der Spitze unserer ganzen Überlegung, wenn wir uns jetzt, wie es sich
       gehört, auch das in Erinnerung rufen: dass der durch Gottes Offenbarung erweckte <term key="Glaube, in der Liebe tätig">Glaube</term>
       <hi rend="italic">in der Liebe tätig</hi> ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.6">Gal. 5,6</ref>]. Der Glaube ist ein <term key="Glaube, von Gott begründetes Werk"><hi rend="italic">Werk</hi></term>. Seine Begründung
       ist freilich die Macht der göttlichen Offenbarung. Sein Sinn besteht freilich darin, dass der
       Mensch die Situation annimmt, die damit gegeben ist, dass Gott für uns und mit uns ist; er
       besteht freilich in einem einfachen Geltenlassen der <term key="Glaube, Geltenlassen des göttlichen Ja">Bejahung</term>, in der sich der Schöpfer
       seinem Geschöpf von Haus aus <term key="Schöpfung, Bejahung">zugewendet</term> hat. Es wäre
       aber nicht wohlgetan, wenn man sich in eine begriffliche Dialektik verfangen ließe, für die
       hier kein Ort ist, indem man ihn im Gegensatz zu der ihn allerdings begründenden und auch
       seinen Sinn ganz beherrschenden göttlichen Spontaneität und Aktivität als eine Sache
       menschlicher Passivität und Rezeptivität beschreiben würde.<note xml:id="n116"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> denkt
        hier möglicherweise an <bibl corresp="kbga-bibls-36"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Der christliche Glaube</hi>, Bd. 1 (Anm. 55), bes. S. 32–37 (§ 4,1.2)</bibl>.</note>
       Gott und der Glaube gehören so zusammen,<note xml:id="n117">Vgl. aus <persName ref="kbga-actors-261">Martin Luthers</persName> Erklärung des ersten Gebots im Großen
        Katechismus: «Denn die zwei gehören zuhaufe, Glaube und Gott» (<bibl corresp="kbga-bibls-1785">BSLK, S. 560,21f.</bibl>).</note>
       dass im Glauben eine <term ref="kbga-keywords-757">Nachfolge</term> und <term key="Glaube, Nachahmung Gottes"><hi rend="italic">Nachahmung</hi></term>
       <pb xml:id="p150" ed="pga"/> Gottes (<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.1">Eph. 5,1</ref>) stattfindet. Das, worin Gott dem Menschen in seiner <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> vorangeht, worin er ihm Vorbild wird, ist aber ein
       Werk. So ist auch der Glaube ein <term key="Glaube, von Gott begründetes Werk">Werk</term>:
       dessen unbeschadet, dass der Mensch es nicht aus sich selbst hervorbringt, und dessen
       unbeschadet, dass sein Sinn in der Tat ein immer neues Empfangen und Entgegennehmen ist.</p>
       </div>

      
<div type="excursus">
      <p rend="margin-top"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></hi> hat ihn im «Sermon
       von den guten Werken» (1520)<note xml:id="n118"><bibl corresp="kbga-bibls-2061"><persName ref="kbga-actors-261">M.
         Luther</persName>, <hi rend="italic">Von den guten Werken. 1520</hi>, in: WA 6,
        196–276</bibl>.</note> das «erste und höchste», das «alleredelste» von allen guten Werken genannt,
       das «göttlich gute» Werk,<note xml:id="n119"><bibl corresp="kbga-bibls-2061">WA 6, 204,25.27</bibl> (<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zitiert hier und im
        Folgenden in modernisierter Form).</note> in welchem «müssen alle Werke gehen und ihrer
       Gutheit Einfluss gleich wie ein Lehen von ihm empfangen»,<note xml:id="n120"><bibl corresp="kbga-bibls-2061">WA 6,
        204,31f.</bibl></note> er macht alle anderen Werke des Menschen gut, angenehm und würdig, aber er
       allein tut das.<note xml:id="n121">Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-2061"> WA 6, 206,22f.</bibl></note> Er muss «Werkmeister und
       Hauptmann sein in allen Werken, oder sie sind gar nichts».<note xml:id="n122"><bibl corresp="kbga-bibls-2061">WA 6,
        213,13f.</bibl></note> Und umgekehrt: glaubt der Mensch, so bedarf er keines anderen Lehrers guter
       Werke, sondern indem er ein jedes ihm vorkommende Werk im Glauben tut, tut er ein jedes, ob
       groß oder klein, ob fromm oder weltlich, als gutes Werk.<note xml:id="n123">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2061">WA 6,
        206,33–207,5</bibl>.</note> Der Glaube ist die Erfüllung des ersten, alle anderen umfassenden
       Gebotes: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!<note xml:id="n124">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2061">WA 6,
        209,35–210,1</bibl>.</note> «Andere Werke gegen dieses sind ebenso, als ob die anderen Gebote <pb ed="A" n="748"/> wären ohne das erste und kein Gott wäre.»<note xml:id="n125"><bibl corresp="kbga-bibls-2061">WA 6,
        210,2f.</bibl></note> «Dieweil denn das menschliche Wesen und Natur kein Augenblick kann sein ohne
       Tun oder Lassen, Leiden oder Fliehen (denn das Leben ruhet nimmer, wie wir sehen), wohlan, so
       hebe an, wer da will fromm sein und voll guter Werke werden und übe sich selbst in allem
       Leben und Werken zu allen Zeiten an diesem Glauben; lerne stetiglich alles tun und lassen in
       solcher Zuversicht, so wird er finden, wie viel er zu schaffen hat und wie ja alle Dinge im
       Glauben liegen und wie er nimmer mag müßig werden, dieweil der Müßiggang auch muß in des
       Glaubens Übung und Werk geschehen.»<note xml:id="n126"><bibl corresp="kbga-bibls-2061">WA 6, 212,32–213,1</bibl>.</note> Wobei er
       doch so gar nicht aus irgendwelchen Werken kommt oder durch solche geschafft werden kann,
       sondern allein aus der Anschauung <pb xml:id="p151" ed="pga"/> Christi, aus seinem Blut,
       Wunden und Sterben, aus der uns von ihm vorgehaltenen und angebotenen Barmherzigkeit Gottes
       quellt und fließt, allein durch den Geist und das Wort des Evangeliums uns gegeben <term key="Glaube, von Gott begründetes Werk">wird</term>.<note xml:id="n127">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2061">WA 6,
        216,26–36</bibl>.</note></p>
       </div>

      <div>
      <p rend="margin-top">Wir sind sozusagen von allen bisher berührten Punkten aus gerade darauf hingewiesen, dass
       der Glaube in der Tat ein Werk, ja geradezu <hi rend="italic">das</hi> dem offenbarten Werk
       Gottes entsprechende Werk des Menschen ist. Es ist ja die <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>, in der der Glaube allein Ereignis werden kann, keine neutrale Fähigkeit,
       sondern die Freiheit einer bestimmten, der ihm allein natürlichen <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term> und also immer wieder die Freiheit einer Tat des
       Menschen. Es ist auch das Leben im <term ref="kbga-keywords-1768">Vertrauen</term>, das der
       glaubende Mensch als Geschöpf in der <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term>
       leben darf, kein ruhendes Gefühl und Erleben, sondern ein immer sich erneuerndes
       Sichentschließen und Handeln. Es kennzeichnet gerade die eschatologische Distanz, in der der
       Glaube sein Leben hat, auch seine <term key="Glaube, Erwartung">Erwartung</term> als ein
       Eilen auf bestimmtem Wege. Es ist die Verheißung des <term key="Bund">Bundes</term> und
       seiner Erfüllung, in welchem die Offenbarung <term ref="kbga-keywords-8">Gottes</term> des
       Schöpfers ihre Substanz hat, die Verheißung einer Geschichte und also eines nicht nur
       einseitigen, sondern wechselseitigen Anhebens und Vollbringens zwischen Gott und dem
       Menschen. Es ist der Heilige Geist des Vaters und des Sohnes eine göttliche <term ref="kbga-keywords-70">Bewegung</term>, und wie würde der in seiner <term key="Heiliger Geist, Gemeinschaft">Gemeinschaft</term> stehen, der nicht eben damit
       seinerseits in Bewegung käme? Es ruft die Gnade Jesu <term key="Gnade, Jesu Christi">Christi</term> nach der Dankbar <pb ed="A" n="749"/>
       <term ref="kbga-keywords-1684">keit</term> derer, denen sie zugewendet ist, ohne dass sie sie
       erworben und verdient haben, die aber eben in die reine Dankbarkeit versetzt, an den Anfang
       eines neuen, aus ihr geborenen Tuns gestellt werden. Es gibt – hier wird der Zusammenhang am
       deutlichsten – auf die Liebe, mit der Gott uns zuerst <term ref="kbga-keywords-37">liebt</term>, nur eine adäquate Antwort: ihn wieder zu <term key="Mensch, Gottesliebe">lieben</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.19">1.Joh. 4,19</ref>].
       Aus dem Allem folgt klar und zuletzt wörtlich und direkt: dass der durch Gottes Offenbarung
       erweckte Glaube ein <term key="Glaube, von Gott begründetes Werk">Werk</term>, d. h. <hi rend="italic">der</hi> Glaube ist, der in der Liebe <term key="Glaube, in der Liebe tätig">tätig</term> ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.6">Gal. 5,6</ref>].</p>
      <p>Eben <term key="Glaube und Liebe"><hi rend="italic">Lieben</hi></term> ist ja kein in sich
       ruhendes Sein, sondern das Tun eines immer neuen Suchens und Findens des Geliebten, eine
       immer neue Bestätigung und Aufrichtung der Gemeinschaft mit ihm. So ist Gott, <pb xml:id="p152" ed="pga"/> der die <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> ist [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.8">1.Joh. 4,8</ref><ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.16">.16</ref>], in sich selber tätig, das unerreichte Urbild
       und Vorbild aller Tätigkeit – in der ewigen freien Begegnung und Vereinigung des Vaters und
       des Sohnes im Heiligen <term ref="kbga-keywords-70">Geiste</term>. So ist Gottes Liebe darin
       tätig – noch einmal schlechterdings überlegen und ursprünglich gegenüber allem geschöpflichen
       Tun –, dass er als <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> das von ihm geliebte Andere
       in der Weise sucht und findet, dass er ihm durch sich selbst sein Dasein und sein Sosein gibt
       und es in der Weise wieder sucht und wieder findet, dass es allein durch ihn noch und noch,
       wieder und wieder in seinem Dasein und Sosein erhalten wird. Und so ist Gottes Liebe über das
       Alles hinaus darin tätig, dass er sich in seinem Sohne selbst erniedrigt zur Einheit mit dem
       von ihm Geliebten, und also darin, das <term key="Dasein">Dasein</term> und Sosein seiner
       Kreatur selber zu teilen, selber Kreatur zu werden, ihr Dasein und Sosein zu seinem eigenen
       zu machen. |</p>
      <p>Dieses Lieben und also diese Tätigkeit Gottes <hi rend="italic">nachzuahmen</hi> ist das
       Werk des <term key="Glaube, Nachahmung Gottes">Glaubens</term>, sein Tun und Handeln, die
       Bewegung des Menschen durch den Heiligen <term ref="kbga-keywords-179">Geist</term>, sein
       Leben aus der <term ref="kbga-keywords-1684">Dankbarkeit</term> für die Gnade Jesu <term key="Gnade, Jesu Christi">Christi</term>, sein Eilen in die Zukunft des Herrn [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.12">2.Petr. 3,12</ref>], und wie man es unter
       seinen verschiedenen Aspekten sonst noch charakterisieren mag. Es geht immer um die
       Nachahmung der göttlichen Aktion durch die Aktion des Menschen, der der <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> seines Schöpfers teilhaftig und gehorsam geworden
       ist. Nachahmung ist nicht eine Fortsetzung und Verlän<pb ed="A" n="750" break="no"/>gerung
       eines Tuns auf dessen eigener Linie. Nachahmen heißt nicht, das Gleiche nachtun, was durch
       den Nachgeahmten vorgetan ist. Nachahmung Gottes besteht also nicht darin, dass sich der
       Mensch mit Gott auf den gleichen Fuß setzt, sein Werk wiederholt in seinem eigenen Tun, als
       ob das möglich und nötig wäre. Es ist klar, dass das in keiner Hinsicht in Frage kommen kann:
       das wäre ja das tolle Unternehmen der Götter seiner <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">Einbildung</term>. Das würde ja bedeuten,
       dass der Mensch selbst Gott würde. Das Gleiche wie Gott, d. h. Gottes eigenes Werk hat unter
       allen Geschöpfen nur eines getan, und das war der Schöpfer selbst, der in Jesus Christus
       Geschöpf wurde, um als solches in der Reihe aller anderen Geschöpfe, für sie und mit ihnen zu
       sein. Kein Mensch kann und wird Gott jemals so <term key="Mensch, Gottesliebe">lieben</term>,
       wie Gott sich selber liebt und wie er von Gott als dessen Geschöpf und Bundesgenosse geliebt
       ist. <term key="Glaube, Nachahmung Gottes als Nachbildung seines Tuns">Nachahmung</term>
       heißt Nachbildung des nachgeahmten Tuns <pb xml:id="p153" ed="pga"/> auf einer anderen Linie.
       Nachahmen heißt <term key="Glaube, Nachahmung Gottes als Nachfolge">nachfolgen</term>, wobei
       die Schritte des Nachfolgenden in dem Sinn in die Spuren des bahnbrechenden Vorangehenden
       treten, seine eigenen sein müssen, wobei er der Nachfolgende bleibt und nicht selber zum
       Bahnbrecher und Vorangehenden wird. Nachahmen heißt <term key="Glaube, Nachahmung Gottes als Entsprechung">entsprechen</term>, wobei die Entsprechung
       nur ein Ähnliches, aber gerade nicht das Gleiche wie das Nachgeahmte hervorbringen wird. Die
       klare Differenz besteht darin und bleibt darin beständig, dass der Nachgeahmte und der
       Nachahmende nicht derselbe sind. Gott der Schöpfer und der Mensch als sein Geschöpf sind
       nicht derselbe. Hier gilt der Satz unaufhebbar: Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht
       dasselbe. Es gibt aber eine Nachbildung des Tuns des Schöpfers auf der geschöpflichen Linie.
       Es gibt eine menschliche Aktion in Ähnlichkeit mit der göttlichen. Diese Aktion ist der
       Glaube, der in der Liebe <term key="Glaube, in der Liebe tätig">tätig</term> ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.6">Gal. 5,6</ref>]. Der Glaube ist nicht in sich
       selbst begründet, nicht allmächtig, nicht heilig und gerecht aus eigener Vollkommenheit. Er
       hat an dem ewigen Ratschluss der Schöpfung und des <term key="Bund">Bundes</term> nicht
       teilgenommen, und so ist er auch nicht dessen Exekutor. Er ist nicht schenkende, er ist
       empfangene Gnade und als solche ihr Empfänger. Er ist weder Gott der Sohn noch Gott der
       Heilige Geist. So kann sein Werk nicht das der <pb ed="A" n="751"/> ewigen Liebe <term ref="kbga-keywords-37">Gottes</term> sein. So kann er es mit seinem Lieben dem Lieben Gottes
       nicht gleich tun. Er ist aber als Werk des Menschen die Antwort auf Gottes ewige <term key="Glaube, Antwort auf Gottes Liebe">Liebe</term>. So ist er dem Lieben Gottes gegenüber
       ein eigenes und nun doch das ihm entsprechende, so ist er das dem Menschen zustehende und von
       ihm erwartete <term key="Glaube und Liebe">Lieben</term>.</p>
      <p>Es <hi rend="italic">liebt</hi> nämlich der glaubende Mensch eben dies: <hi rend="italic">von Gott geliebt zu <term key="Glaube, liebt von Gott geliebt zu sein">sein</term></hi>.
       Man bemerke, dass das nicht heißen kann: er liebt sich selber. Damit würde er sich ja an die
       Stelle Gottes setzen, es ihm gleich tun wollen. Ihn, den glaubenden Menschen, zu lieben, ist
       nicht sein, sondern Gottes Werk. Die ihm zukommende, die ihm dadurch, dass Gott ihn liebt,
       vorgeschriebene <term key="Glaube, Nachahmung Gottes">Nachahmung</term> von Gottes Werk
       besteht darin, dass er es liebt, von Gott geliebt zu sein. Er wählt unter allem, was er
       wählen könnte, das, was er in seiner wirklichen und natürlichen <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> allein wählen kann: sein eigenes Erwähltsein durch die Liebe Gottes, wie es
       ihm durch Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Selbstkundgebung</term> offenbar gemacht ist. Es
       wird dies, dass er von Gott geliebt ist, ganz unabhängig von dem, was er selber von sich
       halten, wie er selber sich zu sich selber <pb xml:id="p154" ed="pga"/> verhalten mag, zum
       eigentlichen Gegenstand seines Suchens und Findens, Wiedersuchens und Wiederfindens. Er wird
       immer aufs Neue danach begehren, der von Gott Geliebte zu sein, der er ist. Es wird eben dies
       zu dem Faktum, ohne das er nicht mehr er selber sein kann. Es wird also die Beachtung dieses
       Faktums zum Motiv aller seiner Motive, zur Maxime aller seiner Handlungen und
       Handlungsweisen. Ihm wird in allem, was er tut, das vor Augen stehen, dass er es bestimmt nur
       als der von Gott Geliebte wird tun können, mehr noch: dass dieses Faktum in dem, was er tut,
       eine neue Bestätigung wird finden müssen, weil seine Liebe aufhören müsste, wenn sie nicht
       nach neuen Bestätigungen dieses Faktums verlangen würde. Die Liebe hört aber nimmer auf [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.8">1.Kor. 13,8</ref>]. Der glaubende Mensch kann
       nie und nirgends darauf verzichten, in seinem Tun das zu suchen und zu finden, dass er von
       Gott <term key="Glaube, liebt von Gott geliebt zu sein">geliebt</term> ist. Der glaubende
       Mensch kreist unermüdlich um dieses Faktum, das von ihm selbst so ganz verschieden, das
       seiner natürlichen (vielmehr unnatürlichen!) <term key="Mensch, Selbstliebe">Selbstliebe</term> so ganz entzogen ist, ihr so völlig widerspricht <pb ed="A" n="752"/> und
       das ihn nun doch so intim angeht, dass er selbst dadurch in unvergleichlicher Strenge und
       Macht in Bewegung gesetzt wird: dass er es gar nicht lassen kann, immer wieder darauf
       zurückzukommen, dass er es nicht vermeiden kann, in allem, was er will und tut, eben davon
       herzukommen und auszugehen. Dass er von Gott geliebt ist, das bekommt, indem es ihm durch
       Gottes Selbstkundgebung offenbart und indem es von ihm an- und aufgenommen wird, in seiner
       Überlegenheit <hi rend="italic">und</hi> in seiner Dringlichkeit die ganze Würde des sein
       Leben faktisch beherrschenden Gesetzes.</p>
      <p>Und eben das heißt <hi rend="italic">Gott</hi> lieben: diesem Gesetz faktisch untertan zu
       sein. Das ist das <term key="Gesetz, Gottes G.">Gesetz</term>, das dem glaubenden Menschen
       ins Herz geschrieben ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.31.33">Jer.
        31,33</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.15">Röm. 2,15</ref>]. Das ist die
       echte Nachahmung <term key="Glaube, Nachahmung Gottes">Gottes</term>, des Werks seiner ewigen
       Liebe: dass der glaubende Mensch diesem Gesetz <term key="Mensch, Gehorsam">gehorsam</term>
       ist. Was hieße sonst Gott lieben? Die Vorstellung von des Menschen Liebe zu <term key="Mensch, Gottesliebe">Gott</term> behält immer etwas Theoretisches, um nicht zu sagen
       Phantastisches, sie bleibt im Grunde, wie beredt sie auch beschrieben werden mag, ein leerer
       Begriff und eine blinde Anschauung<note xml:id="n128">Vgl. die geläufige Kurzformel für einen
        Grundsatz aus <persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName> Erkenntnistheorie, z. B. bei <bibl corresp="kbga-bibls-5164"><persName ref="kbga-actors-3742">K.
         Vorländer</persName>, <hi rend="italic">Geschichte der Philosophie</hi>, Bd. 2: <hi rend="italic">Philosophie der Neuzeit</hi> (PhB 106), Leipzig 1908<hi rend="sup">2</hi>,
        S. 194</bibl>: «Begriffe ohne Anschauungen sind freilich <hi rend="italic">leer</hi>, aber
        Anschauungen ohne Begriffe sind <hi rend="italic">blind</hi>.» (im Exemplar <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>
        unterstrichen). Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-644"><persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName>, <hi rend="italic">Kritik der reinen Vernunft</hi> (Anm. 35), S. 75</bibl>: «Gedanken ohne Inhalt sind leer,
        Anschauungen ohne Begriffe sind blind.»</note> und jedenfalls praktisch unreali<pb xml:id="p155" ed="pga" break="no"/>sierbar, wenn man nicht sieht, dass sie diese konkrete
       Füllung hat. Die Verlegenheit, die man mit dieser Vorstellung hat, ist wohl begründet: Ein
       mit irgendwelchen, vielleicht auch christlich bestimmten Vollkommenheiten ausgestattetes
       höchstes Wesen an sich und als solches und fern vom Menschen – das ist ja gar nicht der Gott,
       der ihm seinen Namen offenbart hat: der wirkliche Gott, der ihm gegenwärtig ist, so dass er
       an ihn glauben und als Glaubender ihn lieben kann. Denn die Liebe zu jenem Wesen, ein
       wirkliches Suchen und Finden der Gemeinschaft mit ihm auf Grund unvermeidlicher Notwendigkeit
       könnte schon darum gar nicht wirklich zustande kommen, weil es dem Menschen so fern und hoch
       und andersartig gegenübersteht. Man täusche sich doch nicht selbst, wenn man sich einredet,
       dieses Wesen zu lieben und nun wohl gar noch «aus ganzem Herzen, aus ganzem Gemüt, aus ganzer
       Seele und aus allen seinen Kräften» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.30">Mk.
        12,30</ref>] lieben zu können. Dieser Gott ist nicht wirklich Gott, und so kann auch die ihm
       zugewendete Liebe nicht wirkliche Liebe sein. Das Reale dieses Unternehmens reduziert sich
       letztlich darauf, dass der Mensch <pb ed="A" n="753"/> in erhöhtem Affekt sich selber <term key="Mensch, Selbstliebe">liebt</term>. Es ist der in diesem Unternehmen begriffene Mensch,
       wie fromm er es auch meine, gerade kein glaubender, kein durch Gottes Offenbarung zum Glauben
       erweckter, sondern ein einem falschen Gott seiner <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">Einbildung</term> dienender und von diesem,
       wie es alle falschen Götter tun, sich selbst überlassener Mensch. |</p>
      <p> Der glaubende Mensch hält sich an den wirklichen Gott und an dessen wirkliches, in seiner
        <term ref="kbga-keywords-8">Selbstkundgebung</term> ihm offenbartes Werk. Diesem Werk Gottes
       und also Gott selbst begegnet er nicht in irgend einer Ferne und Höhe und Andersheit eines
       für sich seienden Gottes, sondern darin, dass er selbst von diesem fernen, hohen, ihm
       gegenüber so ganz andersartigen Gott geliebt ist. Und eben darin, dass er es liebt, von
       diesem Gott geliebt zu <term key="Glaube, liebt von Gott geliebt zu sein">sein</term>, liebt
       er den wirklichen Gott in wirklicher <term key="Mensch, Gottesliebe">Liebe</term>. Eben so
       verstanden wird die Liebe zu Gott eine nach Begriff und Anschauung klare, allem <term key="Mythologie">mythologischen</term> und auch allem <pb xml:id="p156" ed="pga"/>
       <term ref="kbga-keywords-1307">mystischen</term> Dunkel entrückte praktische Sache. Hier,
       darin, dass er den Menschen liebt, ist Gott der, als der er sich selber erklärt und gibt, als
       der er erkannt und respektiert, als der er auch geliebt sein will. Und hier, darin, dass der
       Mensch es liebt, von ihm geliebt zu sein, liebt er ihn wieder, gibt er die Antwort, die auf
       seine <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> zu geben er aufgefordert und schuldig
       ist. Er kann und wird praktisch und konkret auch Jesus Christus, auch den Heiligen Geist nur
       damit lieben, dass er es liebt, von der Gnade Jesu <term key="Gnade, Jesu Christi">Christi</term> zu leben und in der Gemeinschaft des Heiligen <term key="Heiliger Geist, Gemeinschaft">Geistes</term> zu stehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.13.13">2.Kor. 13,13</ref>]. Das Gebot, Gott den Herrn «aus
       ganzem Herzen, aus ganzem Gemüt, aus ganzer Seele und aus allen seinen Kräften» zu lieben
        [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.30">Mk. 12,30</ref>], hört sofort auf, das
       leere Geklingel einer unmöglichen und praktisch bedeutungslosen Forderung zu sein, wenn man
       sieht, dass es im Zusammenhang der frohen Botschaft des <term ref="kbga-keywords-568">Alten</term> und des Neuen <term ref="kbga-keywords-74">Testamentes</term> diesen Gehalt
       und diese Beziehung hat. Es hat gerade darum höchste Überlegenheit und höchste Dringlichkeit
       allen Wünschen und Strebungen der menschlichen Selbstliebe gegenüber, weil es, erfüllt mit
       diesem Gehalt und dieser Beziehung, die wirkliche Herrschaft Gottes über den wirklichen und
       ganzen Menschen verkündigt. Es ist damit, dass die Liebe zu <term key="Mensch, Gottesliebe">Gott</term> diesen Gehalt und diese Beziehung hat, gesorgt da<pb ed="A" n="754" break="no"/>für, dass der Glaube in dieser Liebe nicht untätig, sondern tätig <term key="Glaube, ist in der Liebe tätig">ist</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.6">Gal. 5,6</ref>] und also keine müßige Kontemplation, kein Luxus werden
       kann. Sie ist gerade in dieser Gestalt die echte und würdige Nachahmung <term key="Glaube, Nachahmung Gottes">Gottes</term>: echt, weil sie eine menschliche Aktion ist,
       deren Urbild und Vorbild die ewige Liebe <term ref="kbga-keywords-37">Gottes</term> selber
       ist – würdig, weil sie weder einen heimlichen menschlichen Müßiggang noch auch eine heimliche
       Selbstüberhebung des Menschen zu einem gottgleichen Tun in sich schließen kann. Sie ist
       gerade in dieser Gestalt durchaus und offenkundig <hi rend="italic">Werk</hi>, und nun doch
       auch ebenso einwandfrei das Werk des <term key="Glaube, von Gott begründetes Werk"><hi rend="italic">Glaubens</hi></term> ganz allein: das Werk, in welchem der glaubende Mensch
       das Ja des Schöpfers zu seinem Geschöpf <term key="Glaube, Geltenlassen des göttlichen Ja">gelten</term> – nicht nur theoretisch, sondern praktisch gelten lässt.</p>
      <p>Von hier aus fahren wir nun fort: Der glaubende Mensch <hi rend="italic">liebt</hi> es –
       und das ist die Tat, das Werk seines Glaubens –, <hi rend="italic">das von Gott geliebte
        Geschöpf inmitten der <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term></hi> zu <term key="Glaube, liebt es von Gott geliebt zu sein">sein</term>. Gerade das: nichts Anderes,
       nicht weniger und nicht mehr<note xml:id="n129">Tskr.: «weniger»; Korrektur durch die
        Hrsg.</note> als das! Gerade das mit eifer<pb xml:id="p157" ed="pga" break="no"/>süchtiger
       und ausschließlicher, gerade das mit ganzer, hingebender und nicht zu ermüdender Liebe. Wo
       das geschieht, da geschieht das Werk des Glaubens. Wo das nicht geschähe, da müsste sich der
       Glaube – und wenn er im Übrigen in allen Teilen vollkommen wäre – noch immer oder schon
       wieder missverstanden und verloren haben. Die Liebe des Menschen zu <term key="Mensch, Gottesliebe">Gott</term> gilt gerade dem Werk Gottes, in welchem er ihn zu
       seinem Geschöpf inmitten der <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term> gemacht
       hat. Sonst ist sie nicht die Liebe, in der der Glaube <term key="Glaube, ist in der Liebe tätig">tätig</term> ist. Sehen wir genau zu, warum es so sein
       muss.</p>
      <p> Es ist der glaubende und also der Gott liebende Mensch freilich zuletzt und zuhöchst das
       Subjekt, dem Gott der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> sich als sein ihm <hi rend="italic">aus <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term></hi>
       <hi rend="italic">Verbündeter</hi> offenbart hat. Er ist eingeladen und aufgefordert, seine
       Stelle als der von Gott erwählte und aufgerufene Partner des <term key="Bund, Gnadenbund">Gnadenbundes</term> einzunehmen, der das Ziel und der Grund der <term key="Bund, Sinn der Schöpfung">Schöpfung</term> ist. Glaubt er an Gott mit dem Glauben, der
       in der Liebe tätig ist, und liebt er es also, von Gott geliebt zu sein, heißt das zuletzt und
       zuhöchst: er liebt diese seine <term ref="kbga-keywords-1077">Erwählung</term> und Berufung;
       es geht sein ganzes und <pb ed="A" n="755"/> ernstliches Verlangen danach, den Stand, in den
       er berufen ist: seinen Stand als Partner <term key="Mensch, Partner Gottes">Gottes</term> in
       diesem Bund, seinen Stand in der Gnade nicht zu verlieren, sondern, Treue mit Treue
       erwidernd, zu erhalten und zu bestätigen. Was er in dieser erwidernden Treue sein und leisten
       wird, ist eine zweite Frage; er würde aber Gott nicht lieben, er würde also auch nicht
       glauben, wenn er nicht dieses Verlangen hätte, sich in jenem Stand zu erhalten und zu
       bestätigen und also treu zu sein. Wenn die Sünde des Menschen, allgemein gesagt, der Unglaube
       ist, so ist sie im Besonderen: das Erlöschen der Liebe zu <term key="Sünde, Erlöschen der Liebe zu Gott">Gott</term> und also das Aufhören dieses
       Verlangens, aus seiner Gnade zu leben, das Aufhören des Eifers, gerade damit dem Bunde, d. h.
       seinem eigenen Stande in diesem <term key="Bund">Bunde</term>, und damit Gott treu zu sein.
       Aber die Entfaltung dieser Erkenntnis würde schon in die Lehre von der <term key="Versöhnungslehre">Versöhnung</term> gehören, in der ja vom Glauben und seinem Werk
       überhaupt noch Weiteres zu sagen sein wird.</p>
      <p> Es hängt aber jene letzte und höchste Einladung und Aufforderung an den Menschen mit einer
       anderen, einfacheren unauflöslich zusammen, die ihre Voraussetzung bildet, und diese ist es,
       die uns jetzt vordringlich interessiert. Der zu Gottes Verbündetem im <term key="Bund, Gnadenbund">Gnadenbund</term> bestimmte Mensch ist <hi rend="italic">Gottes
        Geschöpf inmitten von Gottes ganzer <pb xml:id="p158" ed="pga"/>
        <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term></hi>. Kann man die Schöpfung nicht
       vom Bunde, so kann man auch den Bund nicht von der Schöpfung trennen. Es ist der Mensch,
       indem ihm seine Erwählung und Berufung zum Partner des Gnadenbundes offenbart wird, zugleich
       eingeladen und aufgefordert, sich in seiner Geschöpflichkeit zu erkennen, sich zu seiner
       Geschöpflichkeit zu bekennen. Und wenn es nur das Werk des Glaubens sein kann, in welchem es
       zu dieser Erkenntnis und zu diesem <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term> kommt,
       wenn es wieder der Glaube ist, der in der Liebe tätig <term key="Glaube, ist in der Liebe tätig">ist</term> [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.6">Gal. 5,6</ref>], der dieses Werk ausrichtet, so folgt: es geht im Glauben
       auch darum, dass der Mensch es liebt, das von Gott geliebte Geschöpf inmitten der
       Geschöpfwelt zu <term key="Glaube, liebt es von Gott geliebt zu sein">sein</term>. Er kann
       auch diese sachliche Grundbestimmung seiner Existenz im Bunde mit Gott, er kann auch das, als
       was Gott ihm gnädig ist, er kann seine Geschöpflichkeit nicht nur hinnehmen und sich gefallen
       lassen. Er muss auch das lieben und also <pb ed="A" n="756"/> auch nach dessen Bestätigung und
       Bewahrung aufs intimste und ernstlichste verlangen: dass er Gottes Geschöpf und eben als
       solches von Gott <term ref="kbga-keywords-37">geliebt</term> und darum <term ref="kbga-keywords-1077">erwählt</term> und berufen ist.</p>
      
      <p>Seine Geschöpflichkeit ist <hi rend="italic">materiell</hi> einmal: seine eigene <term key="Mensch, Menschlichkeit"><hi rend="italic">Menschlichkeit</hi></term>. Wir werden auch
       darüber in einem späteren, eigenen Zusammenhang Genaueres zu sagen haben.<note xml:id="n130">Siehe unten, <ref type="pub" target="../volume/50/p305#p305">S. 305–411</ref> (§ 43,2: «Des
        Menschen Menschlichkeit»). </note> Die kurze Definition kann hier genügen: des Menschen
       Menschlichkeit besteht darin, dass er von Gott angeredet und <term key="Mensch, Verantwortung">verantwortlich</term> gemacht ist. Was ihn als Menschen
       auszeichnet und von der übrigen Geschöpfwelt unterscheidet, was ihn zur Mitte der ganzen
       Geschöpfwelt macht, das wird ja erst darin: in Gottes besonderer Absicht und Verhaltungsweise
       gerade ihm gegenüber, unzweideutig sichtbar. Natur <hi rend="italic">und</hi>
       <term key="Natur und Geist">Geist</term> gibt es ja auch außerhalb des menschlichen
       Geschöpfs. Die eigenartige Einheit beider im menschlichen <term key="Mensch, Einheit von Natur und Geist">Geschöpf</term> und also der Mensch wird dadurch
       konstituiert, dass Gott gerade ihn anredet, gerade ihn <term key="Mensch, Verantwortung">verantwortlich</term> macht. Und indem er hört und antwortet, <hi rend="italic">ist</hi> er
       der Mensch, <hi rend="italic">vollzieht</hi> er seine Auszeichnung und Unterscheidung, <hi rend="italic">tritt</hi> er in jene Mitte. Aber seine Geschöpflichkeit erschöpft sich nicht
       in seiner eigenen Menschlichkeit. Er ist in seiner <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> Geschöpf <hi rend="italic">unter <term key="Mensch, Geschöpf unter Geschöpfen">Geschöpfen</term></hi>. Er ist Nachbar des <term ref="kbga-keywords-977">Engels</term> auf der einen, Nachbar des Tieres auf der anderen
       Seite. Als Mensch konstituiert und ausgezeichnet <pb xml:id="p159" ed="pga"/> durch seine
       vertikale Beziehung zu Gott, steht er in horizontaler Beziehung zum ganzen übrigen Kosmos,
       dem droben und dem drunten, dem unsichtbaren und dem sichtbaren, ist er nach beiden Seiten –
       seiner Auszeichnung, Unterscheidung und <term key="Mensch, Mittelstellung zwischen Engel und Tier">Mittelstellung</term> unbeschadet – ihm
       zugehörig. Dass er Mensch <hi rend="italic">ist</hi>, seine Auszeichnung und Unterscheidung
        <hi rend="italic">vollzieht</hi>, in jene Mitte <hi rend="italic">tritt</hi> – das alles
       geschieht in dieser Nachbarschaft, Beziehung und Zugehörigkeit. Das Allernächste und
       Entscheidende, was hier zu sagen ist, ist dies, dass er nicht Mensch ist, ohne den
       Mitmenschen zu haben und selber dem Anderen <term ref="kbga-keywords-800">Mitmensch</term> zu
       sein. Er ist aber auch nicht Mensch, ohne die Engel über sich und die Tiere unter sich zu
        <term key="Mensch, Mittelstellung zwischen Engel und Tier">haben</term>; er ist es nicht,
       ohne von ihren unsichtbaren und sichtbaren Augen und Einflüssen begleitet zu sein. Und <pb ed="A" n="757"/> er ist es nicht anders als in dem scheinbar im Großen und im Kleinen nach
       allen Seiten in die Unendlichkeit sich verlierenden Raum der für ihn stummen und doch auf der
       ganzen Linie sich kundgebenden und auch wirksamen übrigen Kreatur, im Zusammenhang ihrer mit
       seinem eigenen Dasein in der Zeit verlaufenden <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term>. Er ist nicht anders Mensch, als indem – in ganz anderem Sinn als Gott –
       auch die ihn umgebende <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term>
       <hi rend="italic">für</hi> ihn und <hi rend="italic">mit</hi> ihm – im Gegensatz zu Gott aber
       immer auch <hi rend="italic">gegen</hi> ihn ist, wobei ihr Wesen ihm nie ein ganz fremdes,
       sondern immer auch irgendwie sein eigenes ist: in der Weise also, dass er ihr immer zuerst
       auch in sich selber begegnet, sich, indem er sich mit ihr auseinandersetzt, zuerst und vor
       allem auch mit sich selbst auseinanderzusetzen hat. Die Geschöpfwelt ist – auch das im
       Gegensatz zu Gott – immer auch <hi rend="italic">in</hi> ihm. Als dieses Geschöpf unter
       Geschöpfen ist der Mensch von Gott angeredet und <term key="Mensch, Verantwortung">verantwortlich</term> gemacht, ist er zum Bunde mit Gott erwählt und berufen. Als dieses
       Geschöpf unter Geschöpfen glaubt er, wenn er glaubt. Und wenn sein Glaube in der <hi rend="italic">Liebe</hi> tätig <term key="Glaube, ist in der Liebe tätig">ist</term> [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.6">Gal. 5,6</ref>], dann liebt er es, von Gott als
       dieses Geschöpf unter <term key="Mensch, Geschöpf unter Geschöpfen">Geschöpfen</term> geliebt
       zu <term key="Glaube, liebt es von Gott geliebt zu sein">sein</term>.</p>
       </div>
       <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Man sieht schon von hier aus, dass die Einbeziehung der Geschöpflichkeit in die Liebe <term ref="kbga-keywords-37">Gottes</term> und in die Liebe zu <term key="Mensch, Gottesliebe">Gott</term> uns gewiss nicht dazu führen kann, die Liebe zu Gott nun schließlich etwa doch
       als eine Art <term key="Mensch, Selbstliebe">Selbstliebe</term> zu verstehen. Es löst sich
       die Vorstellung einer Liebe des Menschen zu sich selbst offenbar sofort auf, wenn man
       einerseits dessen gewahr ist, dass der Mensch selbst – ein jeder einzelne Mensch – nur darin
       Mensch ist, dass er Gott hört und <pb xml:id="p160" ed="pga"/>
       <term key="Mensch, Verantwortung">verantwortlich</term> wird: wo fände er, wenn das seine
       Menschlichkeit ausmacht, den Raum und die Zeit, sich selber zu lieben? –, und wenn man
       andererseits dessen gewahr ist, dass er gar nicht Mensch sein kann, ohne als solcher die
       ganze ihn umgebende Geschöpfwelt für sich, mit sich, gegen sich und vor allem in sich zu
       haben: woraus sich ergäbe, dass sich seine Liebe zu sich selbst sofort in eine wahrhaft
       phantastische Liebe zu aller und jeder Mitkreatur erweitern und damit gerade den Charakter
       der Selbstliebe verlieren müsste. Aber es geht ja im Glauben überhaupt nicht darum, dass der
       Mensch seine oder irgend eine andere <pb ed="A" n="758"/> Geschöpflichkeit als solche liebe,
       sondern dass er es liebe, in seiner Geschöpflichkeit und also in seinem Zusammenhang mit
       allen anderen Geschöpfen als Geschöpf inmitten der Geschöpfwelt von Gott geliebt zu <term key="Glaube, liebt es von Gott geliebt zu sein">sein</term>: dass er dies nicht nur annehme,
       nicht nur sich recht sein lasse, sondern aktiv: diesen seinen Stand in der Liebe Gottes zum
       Gegenstand seines Begehrens, Wollens und Tuns mache, dies zum Gesetz seines Handelns werden
       lasse, dass es unter allen Umständen diesen seinen Stand bestätigen müsse. Nicht wer sich
       oder ein anderes Geschöpf in seiner Geschöpflichkeit liebt, liebt Gott, sondern der liebt
       Gott, der es liebt, als Geschöpf, in seiner Geschöpflichkeit inmitten der übrigen <term key="Mensch, Geschöpf unter Geschöpfen">Geschöpfwelt</term> von Gott geliebt zu sein.</p>
      </div>
    </div>
  </div>
  <!-- nächste Seite - "Geschöpflichkeit  -->
  <div>
      
      <p rend="margin-top">Die Geschöpflichkeit des glaubenden Menschen hat aber auch eine hier nicht minder zu
       beachtende <hi rend="italic">formale</hi> Bedeutung. Geschöpflichkeit heißt Dasein und Sosein
       durch Gottes Willen und Tat. Sie ist das <term key="Dasein">Dasein</term> und Sosein in der
       Bedingtheit, Grenze und Relativität, die ihm eben damit gesetzt ist, dass Gott sein Schöpfer
       ist. «Geschöpflich» heißt <hi rend="italic">negativ</hi>: nicht schöpferisch. Das Geschöpf
       ist nicht Gott der Schöpfer, der es geschaffen hat. Das Geschöpf ist aber auch nicht
       außerhalb Gottes und neben ihm sein eigener Schöpfer. Es ist nichts Anderes, nicht mehr als
       sein Geschöpf. Es ist freilich auch nicht weniger als das. Das ist die <hi rend="italic">positive</hi> Bestimmung des Begriffs: dass es, bedingt, begrenzt und relativiert durch den
       schöpferischen Willen Gottes, dem <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term> und dem
       Unsinn, dem Traum und dem Chaos effektiv entrückt, dass es in seiner Unterschiedenheit vom
       Schöpfer als sein Geschöpf real und gerechtfertigt ist. Gerade in seiner Bescheidung hat es
       auch seine Ehre. Nur indem es seine Bescheidung aufgäbe, könnte und würde es sie verlieren.
       Die Götter der menschlichen <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">Einbildung</term> tun dies. Und das ist die Ungeheuerlichkeit und zugleich die <term key="Götter, Nichtigkeit">Nichtigkeit</term> ihrer Existenz, dass sie den formalen Sinn des
       Geschöpfbegriffs nach seiner negativen Seite durchbrechen und eben damit auch aus seiner
       positiven Tragweite heraustreten. Der glaubende Mensch erkennt seine Geschöpflichkeit und
       bekennt sich zu <pb xml:id="p161" ed="pga"/> ihr. Er ist durch die Offenbarung <term ref="kbga-keywords-8">Gottes</term> des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> an
       seinen Platz gestellt, das heißt aber gleichzeitig: in Distanz gehalten, in seine Schran<pb ed="A" n="759" break="no"/>ken verwiesen <hi rend="italic">und</hi> daselbst aufgerichtet
       und in seinem realen Dasein und rechten Sosein erhalten und gehalten.</p>
      <p>Das Alles gilt zunächst von seiner besonderen und eigensten Geschöpflichkeit: von seiner
        <term key="Mensch, Menschlichkeit"><hi rend="italic">Menschlichkeit</hi></term>. Sein Sein
       als der, der von Gott angeredet und <term key="Mensch, Verantwortung">verantwortlich</term>
       gemacht ist, ist geschöpfliches und also nicht schöpferisches, es ist aber eben als
       geschöpfliches reales und rechtes Sein. Das <hi rend="italic">Negative</hi> bringt mit sich:
       Er hat, indem er Gott hört und antwortet, nichts mitzubringen, worin er selbst schon Gott
       oder ein Ausfluss oder Teil Gottes wäre oder was Gott gegenüber seinen eigenen göttlichen
       Ursprung hätte. Er hört und antwortet Gott, indem er (anders als der ewige Sohn <term ref="kbga-keywords-235">Gottes</term>!) nicht selber Gott und Gott nicht gleich, sondern
       ganz und gar durch Gott, das Werk seiner absoluten Freiheit ihm gegenüber ist. Er steht vor
       Gott als der, der er durch ihn ist, und er hat ihm nur das entgegenzubringen, was er zuvor
       von ihm empfangen hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.4.7">1.Kor.
        4,7</ref>]. Es ist auch die <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> seines Hörens und
       Antwortens geschöpflich: ihm gegeben, ihn als Menschen konstituierend, aber auch das so, dass
       diese Gabe und Konstitution Gottes und nicht sein Werk ist. Er hat also keinen Vorsprung Gott
       gegenüber. Er hat kein Maß, an dem er Gott messen, nach dem er das, was er von ihm hört,
       beurteilen und nach dem er seine Antwort richten könnte. Sein Hören und Antworten kann nur
        <term key="Mensch, Gehorsam">Gehorsam</term> sein. Er kann Gott nicht richten und sich
       selbst auch nicht. Er wird von Gott gerichtet, und indem er ihm nicht gehorsam ist, ist er
       schon verurteilt. Er ist eben nicht der Schöpfer. Das <hi rend="italic">Positive</hi> bringt
       mit sich: Er darf, indem er Gott hört und antwortet, gerade darum alles dazu Erforderliche
       mitbringen, weil, was er ist und hat, nicht in ihm, sondern in Gott seinen Ursprung hat, von
       Gott ihm gegeben ist. Er ist von ihm gerade dazu als Mensch geschaffen, dass er ihn hören und
       ihm antworten könne. Ihm ist die <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> gegeben, ihn
       recht zu hören und ihm recht zu antworten. Ihm fehlt hinsichtlich seines Daseins und Soseins
       gar nichts, was ihm nicht erlaubte, ja geböte, <term ref="kbga-keywords-1458">fröhlich</term>
       und unbesorgt Mensch zu sein und des Menschen Bestimmung zu erfüllen. Er kann und darf seinem
       Schöpfer, gera<pb ed="A" n="760" break="no"/>de weil und indem er nur sein Geschöpf ist, frei
       und furchtlos in die Augen sehen. Wie sollte er ihn fürchten? Gott selbst hat sich ja für
       das, was er ist, und also auch <pb xml:id="p162" ed="pga"/> für sein rechtes Hören und
       Antworten verantwortlich gemacht. Indem sich der Mensch an das hält, als was und wozu er
       geschaffen ist, indem er schlicht der Mensch ist, den Gott gewollt und geschaffen hat, indem
       er es nur unterlässt, nach links oder rechts zu sehen, um etwas Anderes (vielleicht mehr und
       dann sicher weniger!) zu sein, ist er in seinem Stande vor Gott so wohl aufgehoben wie Gott
       in seinem eigenen. Er ist Gottes Geschöpf und hat als solches seine Ehre, wie Gott die
       seinige hat.</p>
      <p>Er ist aber Geschöpf <hi rend="italic">unter <term key="Mensch, Geschöpf unter Geschöpfen">Geschöpfen</term></hi>. Er ist der Mensch im Kosmos. Und der formale Sinn seiner
       Geschöpflichkeit erstreckt sich auch auf diesen weiteren Zusammenhang seines Daseins und
       Soseins. Wir stellen auch hier die negative und die positive Bestimmung des Begriffs
       gegeneinander. Das <hi rend="italic">Negative</hi> zuerst: es gibt auch im Raume der den
       Menschen umgebenden, für ihn, mit ihm, gegen ihn und in ihm selbst existierenden übrigen
       Geschöpfwelt keinen <term key="Schöpfung, kein Schöpfer außer Gott">Schöpfer</term>. Es ist
       weder so, dass der Schöpfer selbst eines von den dem Menschen in der Nähe oder Ferne
       benachbarten Geschöpfen oder vielleicht auch deren Totalität wäre. Es gibt nur ein Geschöpf,
       das als solches zugleich der Schöpfer ist: das Wort im <term key="Jesus Christus, fleischgewordenes Wort Gottes">Fleische</term>, ohne das der Schöpfer
       dem Geschöpf nicht gegenwärtig und offenbar wäre – und wenn man irgendwo sagen muss, dass
       gerade die Ausnahme die Regel bestätigt, dann muss man es hier sagen, weil es eben in dieser
       Einheit von Schöpfer und Geschöpf unzweideutig offenbar wird, dass das Geschöpf als solches
       am Sein des Schöpfers keinen Anteil hat. Noch ist es so, dass es in der Geschöpfwelt so etwas
       gäbe wie Schöpfermächte auf eigene Faust oder dass sie sich in ihrer Totalität, von Gott
       unabhängig, selbst hervorgebracht hätte und erhalten würde. Indem der an Gott glaubende
       Mensch unweigerlich genötigt ist, sich selber als Geschöpf zu erkennen, sich also den
       Charakter des Schöpfers abzusprechen, ist es klar, dass er diesen Charakter auch sonst nicht
       zu vergeben hat, dass er auch in seiner Umwelt nur Geschöpfe und keine Schöpfer entdecken
       wird. Wer und was immer ihm <pb ed="A" n="761"/> von der Geist- oder von der <term key="Natur und Geist">Naturseite</term> der Geschöpfwelt überlegen begegnen, wie stark auch
       die Bindung sein mag, in der er sich da in jeder Hinsicht befindet, wie intim ihm die
       geschöpflichen Phänomene und Gewalten auf den Leib rücken und wieviel Teilnahme oder
       Widerspruch, Angst oder Hoffnung sie in ihm erregen mögen: es wird in ihrem ganzen Umkreis
       ein <pb xml:id="p163" ed="pga"/> echter, Gott gegenüber unabhängiger Ursprung, es wird eine
       absolute Autorität, der er sich da zu beugen, ein letztes Wort, das er von daher
       entgegenzunehmen hätte, für ihn auf alle Fälle nicht in Frage <term key="Schöpfung, keine Eigengesetzlichkeit">kommen</term>. Er wird sich von der Geschöpfwelt
       her immer nur vorläufig, nicht endgültig, immer nur teilweise, nicht gänzlich, immer nur
       relativ, nicht absolut beruhigt oder bewegt, befestigt oder erschüttert, bedroht oder
       bestätigt, erfreut oder erschreckt finden. Er wird die Stimmen, die von dorther zu ihm
       dringen, nie so hören, wie er Gott hört, und wird ihnen auch nie so antworten können, wie er
       Gott antwortet. Gerade jenen Gehorsam ohne Rückfrage ist er ihnen nicht schuldig und kann er
       ihnen nicht <term key="Mensch, Gehorsam ohne Rückfrage nur gegen Gott">leisten</term>. Sie
       sind, wie mächtig und gehaltvoll sie immer sein mögen, die Stimme von seinesgleichen. Es ist
       ja die ihn umgebende <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term> nicht nur außer
       ihm, sondern auch in ihm. Und wenn sie redet, so redet er selbst mit; wenn er sie hört, so
       hört er auch sich selber. So gibt es zwischen ihm und der übrigen Geschöpfwelt kein letztes,
       eigentliches Dort und Hier, Du und Ich, Oben und Unten und also kein streng und eigentlich so
       zu nennendes Zwiegespräch. Ihr fehlt dazu die eigentliche Andersheit. Strenge, eigentliche
       Andersheit gibt es da, aber auch nur da, wo Schöpfer und Geschöpf sich gegenüberstehen. Der
       Geschöpfwelt fehlt dem menschlichen Geschöpf gegenüber die <term key="Schöpfung, keine Göttlichkeit gegenüber dem Menschen">Göttlichkeit</term> des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term>. Sie fehlt dem Mitmenschen. Sie fehlt dem Engel und
       dem Tier. Sie fehlt dem Mikrokosmos und dem Makrokosmos der übrigen geistigen und natürlichen
       Kreatur. Es kann immer nur im Abfall und Irrtum geschehen, wenn der Mensch meint, einer
       anderen Kreatur Göttlichkeit zuschreiben zu müssen und mit diesem ihrem Prädikat rechnen zu
       sollen. Die Strafe, die Enttäuschung, die schmerzlichen Folgen solchen Irrtums pflegen diesem
       auf dem Fuß zu folgen. Gott allein ist <term key="Gott, allein G. ist G.">Gott</term>. |</p>
      <p>Nun aber auch hier das <hi rend="italic">Positive</hi>: <pb ed="A" n="762"/> Wir kommen hier
       zum wichtigsten Schritt unserer ganzen Überlegung und müssen darum weiter ausholen: Es gibt
       auch im Raume der Geschöpfwelt, die, verschieden vom Menschen, für ihn, mit ihm und gegen ihn
       und immer auch in ihm selber ist, keine Wirklichkeit und keine Erscheinungen, keine Wesen und
       keine Geschehnisse, keine Ursachen und keine Wirkungen, kein Einzelnes und keine
       Zusammenhänge, die nicht, wie er selber, unter der Hoheit, Ordnung und Verfügungsgewalt
       desselben Schöpfers <term key="Schöpfung, keine Eigengesetzlichkeit">stünden</term>, der auch
       sein Schöpfer ist. Wie er selber? In dem <pb xml:id="p164" ed="pga"/> Sinn <hi rend="italic">nicht</hi> wie er selber, als der zum <term key="Bund">Bunde</term> mit Gott Bestimmte, der
       in der Erwählung Jesu Christi <term ref="kbga-keywords-1077">Erwählte</term> unter allen
       Geschöpfen nur der Mensch – als nur seine Geschichte der Schauplatz der Geschichte des <term key="Bund, Gnadenbund">Gnadenbundes</term> ist. Aber in dem Sinn <hi rend="italic">doch</hi>
       wie er selber, als nach seinem natürlichen und geistigen Bestand auch er nicht über der
       sonstigen Geschöpfwelt, sondern in ihr ist, zu ihr gehört, gänzlich in Beziehung zu ihr
       existiert, ja bei aller Eigenart seines Daseins in seiner besonderen Beziehung zu Gott
       gänzlich mit ihrem Dasein verflochten, von ihr umschlossen und durch sie bedingt ist und
       insofern wirklich mit ihr auch unter der Hoheit ihres Schöpfers steht. Sie ist wie er selbst
       von Gott geschaffen und also vom <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term> unterschieden,
       sie ist als Geschöpf in der gleichen Weise wie er der göttlichen Realisierung und <term ref="kbga-keywords-51">Rechtfertigung</term> teilhaftig.</p>
      <p>Das bedeutet zunächst gewiss dies, dass es in ihren Bereichen nichts geben kann, was dem
       Menschen einfach fremd und gleichgültig sein dürfte. Was nach Gottes Willen und durch Gottes
       Tat ist, das kann dem an Gott glaubenden Menschen nur schon darum nicht fern sein: dem
       gebührt vielmehr sein «<hi rend="italic">Interesse</hi>», an dessen Dasein und Sosein kann er
       nicht nur faktisch, sondern muss er willig, von sich aus, in Erfüllung seiner eigenen
       Bestimmung, beteiligt sein. Was wie er und mit ihm selbst nach Gottes Willen und durch Gottes
       Tat ist, dem ist er seine Zuwendung schuldig. Es wird der Kosmos gerade dem, der an Gott
       glaubt, auf alle Fälle ein Gegenstand seiner Aufmerksamkeit. Ihm ist gerade damit, dass er
       ihn schlechthin unter Gottes Hoheit weiß, aufs intimste nahegelegt, auch um ihn zu wissen,
       ihn also nicht auf sich selbst beruhen zu lassen, als ginge er ihn nichts an, sondern ihn
       sehend und verstehend zu begleiten, sich selbst seiner vielfachen Beziehung <pb ed="A" n="763"/> zu ihm bewusst zu werden, diese Beziehung zu erfüllen und zu gestalten und in dieser
       Beziehung selbst zu wachsen, sein eigenes, das menschliche <term key="Mensch, Dasein">Dasein</term> als Geschöpf inmitten der <term key="Mensch, Geschöpf unter Geschöpfen">Geschöpfwelt</term> wahr und wahrer zu machen. Es hat dies, dass zuerst und vor allem der
       Mitmensch dem Menschen zur Gabe und zur Aufgabe wird, es hat aber auch alle <term key="Wissenschaft, Naturwissenschaft">Naturwissenschaft</term> und <term key="Technik">Technik</term>, es hat alles <term ref="kbga-keywords-398">Geschichtsbewusstsein</term>,
       alle <term ref="kbga-keywords-382">Politik</term> und <term ref="kbga-keywords-1171">Kunst</term>, es hat auch alles Erforschen, Erziehen und Gestalten des geistigen und
       leiblichen Wesens des Menschen selber insofern seinen Grund im Glauben, als dieser Glaube an
       den Schöpfer aller <term ref="kbga-keywords-25">Dinge</term> ist und darum nicht verfehlen <pb xml:id="p165" ed="pga"/> kann, den Menschen an Allem zu beteiligen, ihn für Alles offen zu
       machen, was als Gottes Geschöpf außer und in ihm ist. Dass er Gott hört und <term key="Mensch, Verantwortung">verantwortlich</term> ist, das beraubt ihn nicht dieser
       Aufmerksamkeit: gerade das macht sie ihm notwendig. Dass er in der Höhe und in der Tiefe, in
       der Welt des Geistes wie in der der <term key="Natur und Geist">Natur</term>, dass er in sich
       und um sich nur dem <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpf</term> und nirgends einem
       eigenen Ursprung, einer selbständigen Macht begegnet, das entfremdet ihn dem Kosmos nicht:
       gerade darin besteht ja seine Verwandtschaft, gerade das ruft ja auch nach seiner
       Bekanntschaft mit dem Kosmos und nach der Pflege dieser Bekanntschaft. Da ist im Großen und
       im Kleinen nichts, was weniger als Gottes Geschöpf und insofern weniger als er selbst wäre.
       Was aber nicht weniger ist als er, das ruft nach seiner Gemeinschaft mit ihm.</p>
      <p>Dass der Kosmos wie der Mensch selbst Gottes Geschöpf ist, das bedeutet aber weiter, daß er
       ihm auf alle Fälle grundsätzlich <hi rend="italic">keine <term ref="kbga-keywords-846">Angst</term></hi> einflößen kann. Gäbe es eigene Ursprünge, selbständige Mächte der
       Geschöpfwelt außer und im Menschen, gäbe es da Erscheinungen und Wirklichkeiten eines mehr
       als geschöpflichen Wesens, wie müsste er sich dann bedroht fühlen durch seine Verbundenheit
       und Verwandtschaft mit dem Kosmos, in welchem er sich so unübersichtlich mächtigen Gewalten
       gegenüber und in welchem er sich so unwiderstehlich intensiven Einflüssen ausgesetzt sieht!
       Je besser er ihn kennt, umso schwerer müsste er sich da bedroht fühlen. Er hätte dann wohl
       Grund zur Sorge. Er könnte sich dann wohl <pb ed="A" n="764"/> fragen, ob es ihm unter dem
       Ansturm des unheimlichen Seins und Geschehens, das ihn von allen Seiten umgibt und selber
       erfüllt, nicht einfach unmöglich gemacht sei, seine Menschlichkeit zu behaupten und
       durchzusetzen und also Gott zu hören und <term key="Mensch, Verantwortung">verantwortlich</term> zu bleiben, wie es seine <term ref="kbga-keywords-1250">Bestimmung</term> ist. |</p>
      <p> Das ist ja der wohlberechtigte Grund aller <term ref="kbga-keywords-848">Lebensangst</term>: dass wir es da draußen und da drinnen mit mehr als Geschöpfen, dass wir
       es in der Natur und in der <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term> und vor allem in
       unserer eigenen <term ref="kbga-keywords-356">Seele</term> mit allerlei Schöpfern oder doch
       schöpferartigen Wesenheiten, Autoritäten und Mächten zu tun zu haben meinen, denen wir ihrer
       Art halber notwendig nicht gewachsen sind, denen gegenüber wir uns als Hörer des Wortes <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term> und in der <term key="Mensch, Verantwortung">Verantwortlichkeit</term> ihm gegenüber nicht halten können. Aber eben diese Meinung und
       also der an <pb xml:id="p166" ed="pga"/> sich wohl berechtigte Grund aller menschlichen <term ref="kbga-keywords-846">Angst</term> ist in Wahrheit hinfällig. Was nach Gottes Willen und
       durch seine Tat ist – nur so und nicht anders! –, das kann den an Gott glaubenden Menschen
       unmöglich ernstlich bedrohen. Es könnte wohl: es ist ja ihm gegenüber weithin so groß, es
       tritt ihm ja weithin so nahe, es wirkt ja weithin so eindringlich – gar nicht äußerlich nur,
       sondern wirklich auch innerlich – auf ihn ein, es geht ihn ja Alles, was ist, vom Umlauf der
       Planeten bis zum Verhalten seiner eigenen Nervenzellen so direkt an, dass es ihn wohl
       bedrohen könnte: wenn es das wirklich dürfte, wenn es dazu die Freiheit und die Erlaubnis
       hätte, wenn da draußen oder da drinnen irgend eine große oder kleine Souveränität, wenn da
       irgend etwas sein eigener Herr wäre und als solcher dem Menschen begegnen, ihm in den Weg
       treten könnte. Aber da ist nichts – wirklich nichts –, was das darf und <term key="Schöpfung, keine Eigengesetzlichkeit">kann</term>. Was da auch sein mag, da ist auf
       alle Fälle nur Geschöpf: keine eigentliche, keine letzte, keine absolute Gefahr also, gerade
       nichts von der Art, dass es den Menschen hindern könnte, Mensch zu sein, in seiner Beziehung
       zu Gott seine Bestimmung zu erfüllen. Und mehr als das: weil da Alles Gottes Geschöpf und
       also unter Gottes Hoheit und zu seiner Verfügung ist, so kann es nicht anders sein, als dass
       da eigentlich, letztlich und absolut Alles dem Menschen sogar <hi rend="italic">helfen</hi>
       muss, Mensch zu <term key="Schöpfung, dient dem Menschen">sein</term>. Es muss für ihn sein,
       auch wo es gegen ihn ist, d. h. dem <pb ed="A" n="765"/> Menschen den unwiderstehlichen
       Eindruck macht, dass es gegen ihn sein, ihn in seiner Menschlichkeit hemmen, ja vernichten
       wolle. Kein solcher Eindruck kann an der Natur seiner Geschöpflichkeit etwas ändern, weil sie
       darin besteht, dass es Gott dienen muss. Muss es aber Gott dienen, dann auch dem Menschen in
       seinem besonderen Stand als das Geschöpf, das zum Hörer des Wortes <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term> und zur <term key="Mensch, Verantwortung">Verantwortlichkeit</term> ihm gegenüber bestimmt ist. |</p>
      <p> Das ist freilich ein gewaltiger Spruch in seiner Unbegreiflichkeit, d. h. in seinem
       Widerspruch gegen die laufende menschliche Erfahrung fast unerträglich hart zu hören, gerade
       weil er so tröstlich ist. Es ist nicht zu verwundern, dass er sogar in der Bibel nur selten
       in der Eindeutigkeit wie etwa <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">Röm. 8,28</ref> zur Aussprache kommt. Aber wie könnte man es
       vermeiden, ihn grundsätzlich auszusprechen und praktisch gelten zu lassen? Wenn der Wille
       Gottes kein in sich verschiedener ist, sich also in seinen Beschlüssen nicht durchkreuzen
        kann, <pb xml:id="p167" ed="pga"/> wenn in allen Taten Gottes sein in sich einiger <term key="Gott, in sich einiger Wille">Wille</term> wirksam ist, dann kann der Kosmos nicht nur
       nicht hindern, dann muss auch der Kosmos dazu helfen, dass das geschehe, was Gott mit dem
       Menschen geschehen lassen will. Es mögen sich die Linien der Bestimmung des <term ref="kbga-keywords-1250">Menschen</term> und der Bestimmung des übrigen Kosmos für unsere
       Erkenntnis erst im Unendlichen treffen und also in ihrer Vereinigung für uns in gänzliche
       Verborgenheit gehüllt sein: sie sind darum doch keine divergierenden, sie sind in Wahrheit
       nicht einmal parallele, sie sind von ihrem Ursprung her konvergierende Linien. Darum ist
       wirklich kein Grund zur <term ref="kbga-keywords-846">Angst</term> im Kosmos, mehr noch:
       darum ist da Grund zur <term ref="kbga-keywords-1458">Freude</term>, zur <term ref="kbga-keywords-1684">Dankbarkeit</term>, zu einem freien <term ref="kbga-keywords-1768">Vertrauen</term> ihm gegenüber. Wie sollte, was Gottes Geschöpf und also von Gott
       realisiert und gerechtfertigt ist, dem glaubenden Menschen eigentlich, letztlich und absolut
       etwas Anderes als Grund zur Freude, zur Dankbarkeit und zum Vertrauen sein und bieten können?
       Wie sollte er inmitten der übrigen <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term>
       meinen können, in der Fremde, wohl gar in einer feindseligen Fremde zu sein? Mag es seinen
       Augen noch so verborgen, mag es noch so der Enthüllung bedürftig sein, die er immer nur
       erwarten, der er immer nur entgegeneilen kann – es ist doch so, dass der <pb ed="A" n="766"/>
       Kosmos recht eigentlich seine Heimat ist, deren Bekanntschaft zu machen und zu pflegen zur
       Erfüllung seiner eigenen <term ref="kbga-keywords-1250">Bestimmung</term> darum mit
       hinzugehört.</p>
      <p> Dass der Kosmos wie der Mensch selbst Gottes Geschöpf ist, das bedeutet aber endlich, dass
       der Mensch ihn – indem er in seiner Mitte lebt, indem er ihm als Gottes Geschöpf seine ganze
       Aufmerksamkeit und im letzten Grund auch ein freies <term ref="kbga-keywords-1768">Vertrauen</term> entgegenbringt – in seiner eigenen Wahrheit und <term key="Schöpfung, Wahrheit und Würde">Würde</term> zu <hi rend="italic">respektieren</hi> hat.
       Dass er in seiner <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> ein wie kein
       anderes ausgezeichnetes und hervorgehobenes Geschöpf, dass ihm der Kosmos, da er selbst das
       «Auge» der ganzen <term key="Mensch, «Auge» der Schöpfung">Schöpfung</term> ist,<note xml:id="n131">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2698"><persName ref="kbga-actors-823">W. Vischer</persName>, <hi rend="italic">Das Christuszeugnis des Alten Testaments</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Das Gesetz</hi>,
        München 1934, S. 60</bibl> (zu <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.27">Gen. 1,27</ref>): «So zeigt dieser Vers durch seine Stellung, seine Form
        und seinen Inhalt an, daß an dem Gesamtkörper der Schöpfung, den Gott seine Herrlichkeit
        schauen lassen will, der Mensch das <hi rend="italic">Auge</hi> ist.» Die letzten fünf Worte
        sind in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen; ab «daß an dem Gesamtkörper» zitiert <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> den Satz
        auch in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1, S. 218</bibl>.</note> da ihm alle Dinge zum Besten zu dienen bestimmt sind [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">Röm. 8,28</ref>], zu Füßen gelegt ist [vgl.
        <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.8.7">Ps. 8,7</ref>], <pb xml:id="p168" ed="pga"/>
       das bedeutet nicht, dass er sein Gott und Herr ist, dass er auch nur in seinen Gedanken über
       ihn verfügen, dass er ihn als sein eigenes Reich zu verstehen, zu verwalten und zu gestalten
       hätte. Es hat auch das vom Menschen verschiedene Geschöpf seine eigene Unmittelbarkeit zum
       Schöpfer. Es ist auch ohne den Menschen von Gott realisiert und gerechtfertigt. Es ist in
       seiner eigenen und nicht in des Menschen Weise das Werk und der Gegenstand der göttlichen
        <term ref="kbga-keywords-481">Weisheit</term>, <term key="Gott, Allmacht">Allmacht</term>
       und <term ref="kbga-keywords-1053">Fürsorge</term>. Es geht nicht darin auf, dass es zum
       Menschen und der Mensch zu ihm in jener allerdings so nahen und wirksamen Beziehung steht.
       Gibt es keine Eigengesetzlichkeit der <term key="Schöpfung, keine Eigengesetzlichkeit">Geschöpfwelt</term> dem Willen Gottes gegenüber, so gibt es auch keine Gesetzlichkeit, die
       ihr der Mensch theoretisch oder praktisch zu auferlegen, die er in den Kosmos hineinzulesen
       und auf Grund derer er ihn zu regieren hätte. Er hat dazu weder den Auftrag noch die
       Vollmacht. Er hat nicht nur gegenüber Gott, sondern des zum Zeichen auch gegenüber dem
       Geschöpf Gottes Distanz zu halten. Gerade seine besondere Bestimmung für Gott muss ihn ja
       daran erinnern, dass er sich mit der übrigen Geschöpfwelt und diese mit sich selbst nicht
       identifizieren kann, dass er ihr nicht zu nahe treten, dass er sie in ihrem besonderen <term key="Dasein">Dasein</term> und Sosein gelten [lassen] muss, ohne gewissermaßen in ihr
       Inneres eindringen und sie von da aus durchschauen und beherrschen zu wollen. Er kann und
       soll sie <hi rend="italic">kennen</hi>
       <pb ed="A" n="767"/> lernen, so wie sie neben, über und unter ihm, für ihn, mit ihm, gegen ihn
       und auch in ihm selber ist. Indem sie Gottes Geschöpf ist, beansprucht und verdient sie seine
       genaueste Aufmerksamkeit. Er kann und soll auf Grund seiner Bekanntschaft mit ihr leben und
       in dieser Lebensgemeinschaft mit ihr seine eigene Geschöpflichkeit wahr und immer wahrer
       machen. Er würde seiner <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term>, seiner
        <term ref="kbga-keywords-1250">Bestimmung</term>, den Schöpfer zu hören und ihm <term key="Mensch, Verantwortung">verantwortlich</term> zu sein, nicht gerecht, wenn er das
       unterlassen würde. Er braucht die übrige Geschöpfwelt nicht zu fürchten, sondern er darf des
       freien <term ref="kbga-keywords-1768">Vertrauens</term> leben, dass sie ihm letztlich zur
       Erfüllung seiner eigenen Aufgabe nur behilflich sein kann. |</p>
      <p> Es wäre aber offenbar etwas ganz Anderes und viel zu viel gesagt, wenn man sagen wollte,
       es liege in des Menschen Auftrag und Vollmacht, die ihn umgebende <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term> zu <hi rend="italic">erkennen:</hi> ihre
       Erscheinung, ihre Wirklichkeit nicht nur, sondern ihr <hi rend="italic">Wesen</hi> zum
        Gegen<pb xml:id="p169" ed="pga" break="no"/>stand seiner Aufmerksamkeit, zum Inhalt seines
       Wissens zu machen. Es gibt für den Menschen nur <hi rend="italic">eine</hi> Erkenntnis <hi rend="italic">eines</hi> Wesens, und das ist die Erkenntnis <term key="Mensch, Gotteserkenntnis">Gottes</term> im Glauben auf Grund der <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>, in der ihn Gott allerdings sein Wesen erkennen
       lässt. Das Wesen des Geschöpfs dagegen: das Wesen des Mitmenschen, des Menschen eigenes
       Wesen, das Wesen der Natur und des Geistes und der mit dieser Unterscheidung angezeigten
       Bereiche, Erscheinungen und Wirklichkeiten, das Wesen der Zeit und der Geschichte ist ein
       verborgenes <term key="Schöpfung, Verborgenheit ihres Wesens">Wesen</term>, von dem es für
       den Menschen keine Erkenntnis gibt – man muss wohl sagen: von dem es nicht nur jetzt und
       hier, sondern auch jenseits der künftigen Enthüllung der Kreatur und in alle Ewigkeit hinein
       für ihn keine Erkenntnis geben wird, weil die <hi rend="italic">Erkenntnis</hi> des <hi rend="italic">Wesens</hi> der Dinge ein Prädikat ihres <term key="Schöpfung, Erkenntnis ihres Wesens ist ein Prädikat ihres Schöpfers">Schöpfers</term>
       ist, das als solches nicht Prädikat eines ihrer Mitgeschöpfe werden kann. Uns ziemt es und
       uns genügt es auch, die Erscheinung und die Wirklichkeit der Dinge und so den Mitmenschen und
       uns selbst, die Welt der Natur und des Geistes zu <hi rend="italic">kennen</hi>, in
       Erkenntnis des Schöpfers zur Kenntnis zu nehmen, dass sie real und recht sind, dass es also
       geboten und lohnend ist, ihre Bekanntschaft zu machen. <hi rend="italic">Was</hi> sie sind,
       das geht uns nichts an. Wir haben es nicht nötig und es ist <pb ed="A" n="768"/> uns auch
       nicht möglich, das zu wissen: so gewiss wir eben selber Geschöpfe inmitten der Geschöpfwelt
       und also nicht ihr und unser eigener Schöpfer sind. Unser Leben in der guten Bekanntschaft
       mit der uns umgebenden Geschöpfwelt, unser Leben in jenem freien Vertrauen ihr gegenüber
       hängt daran, dass wir uns der Einbildung entschlagen, wir müssten und könnten sie erkennen,
       wir müssten und könnten in Erfahrung bringen und wissen, <hi rend="italic">was</hi> sie sind.
       Das ruhige Kennenlernen der Dinge bricht ja sofort ab, wenn wir uns der Einbildung hingeben,
       wenn wir auch nur spielen mit der Einbildung, als seien wir in die Dinge eingedrungen und
       also hinter die Dinge gekommen. Und so wird auch das freie <term ref="kbga-keywords-1768">Vertrauen</term>, in welchem wir unter den Geschöpfen und mit ihnen leben dürften, sofort
       zerstört, wenn wir uns ihnen gegenüber, ihr Wesen vermeintlich durchschauend, auf den
       Standpunkt Gottes stellen, weil wir ihnen damit unvermeidlich die Erlaubnis geben, uns
       Gleiches mit Gleichem zu vergelten, d. h. sich auch uns gegenüber auf den Standpunkt Gottes
       zu stellen, uns ihrerseits zu durchschauen und damit unsere Herrscher zu werden. |</p>
     <!-- </div><div type="ditigal_division"> -->
      
      <p><pb xml:id="p170" ed="pga" rend="noPipe"/> Es war noch immer eine üble Sache, wenn der Mensch seine Grenzen der <term key="Mensch, seine Grenzen">Geschöpfwelt</term> gegenüber: dass er wohl um sie wissen, dass
       er sie aber nicht wissen <term key="Schöpfung, Verborgenheit ihres Wesens">kann</term>,
       durchbrechen und überschreiten zu müssen meinte; sie wird dann sofort auch von der anderen
       Seite her durchbrochen und überschritten; es kann dann gar nicht anders sein, als dass der
       Mensch eben der Geschöpfwelt, die er meistern zu können meint, ausgeliefert und zum Sklaven
        wird.<note xml:id="n132">Vgl. die 6. Strophe von <bibl type="song" corresp="kbga-songs-314"><persName ref="kbga-actors-823">Wilhelm
         Vischers</persName> Nachdichtung des 8. Psalms (unter Einbeziehung von Röm. 8,19–22) aus
        dem Jahr 1944: «Doch ach, der Mensch ist von den Wesen allen / am tiefsten in die Schuld und
        Schand gefallen. / Statt Herr ist er der Sklave der Natur; / nach seiner Freiheit seufzt die
        Kreatur.» (EG 271; RG 7)</bibl>. <persName ref="kbga-actors-823">Vischer</persName> war mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> befreundet, arbeitete damals als Pfarrer und
        Privatdozent in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> und wohnte in dessen Nähe. Möglicherweise empfing er die Anregung zu
        dieser Strophe aus <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Vorlesung.</note> Es kann dann von einem freien, ruhigen,
       überlegenen Leben im Kosmos als in seiner Heimat für ihn keine Rede mehr sein. Der Kosmos
       gewinnt es über ihn in dem Augenblick, wo er es über den Kosmos zu gewinnen meint. Es ist
       aber eine gute Sache, diese Grenze und insofern den Kosmos selbst zu respektieren, ihn in
       seiner eigenen, uns unzugänglichen Geschöpflichkeit gelten zu lassen. Es ist gut, auf jeden
       Versuch, sich selbst in die Dinge hinein- und dann wieder aus ihnen herauszulesen, zu
       verzichten, sich damit zu begnügen, sie – wie es die Grundregel aller gesunden <term key="Exegese">Exegese</term> ist! – in ihrer Erscheinung und Wirklichkeit, in der ihnen von
       Gott gegebenen Realität und Gerechtigkeit zu sich reden <pb ed="A" n="769"/> zu lassen. Auf
       diesem Boden und auf ihm allein gedeiht alle redliche Bekanntschaft, alle fruchtbare
       Gemeinschaft mit den Dingen: jedes Gespräch mit dem <term ref="kbga-keywords-800">Mitmenschen</term> und mit sich selbst, alle echte <term key="Wissenschaft, Naturwissenschaft">Natur-</term>, <term key="Wissenschaft, Geisteswissenschaft">Geistes-</term> und <term key="Wissenschaft, Geschichtswissenschaft">Geschichtswissenschaft</term>, alle gesunde <term ref="kbga-keywords-477">Moral</term> und <term ref="kbga-keywords-382">Politik</term>, alle
       wirkliche <term ref="kbga-keywords-1171">Kunst</term>. Die Dinge werden sprechend und
       lebendig, wenn man ihr Wesen zu erkennen ihrem Schöpfer überlässt, von dem es erkannt ist von
       Ewigkeit her, der uns die entscheidende Erkenntnis, nämlich die Erkenntnis seiner selbst
       nicht vorenthalten, sondern gegeben und der uns eben damit in den Stand gesetzt hat, den
       Dingen – die nicht mehr und nicht weniger als seine Geschöpfe sind – und mit den Dingen dann
       bestimmt auch uns selbst und unserer <term ref="kbga-keywords-1250">Bestimmung</term> gerecht
       zu werden. Wir sind eingeladen, von dieser Freiheit Gebrauch zu machen. Durch jede
       vermeintliche Erweiterung dieser <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>
       <pb xml:id="p171" ed="pga"/> könnten wir nur zu Gefangenen unserer eigenen <term key="Einbildung, menschliche">Einbildung</term> und der von uns eingebildeten Dinge
       werden.</p>
        </div>
        <!-- nächste Seite - "Glaube: Bestimmung haben in der Liebe tätig zu sein" -->
        <div>
      <p> Wir kehren jetzt zu dem Spitzensatz unserer vorangegangenen Definition des Glaubens
       zurück: dass der glaubende Mensch es liebt, das von Gott <term ref="kbga-keywords-37">geliebte</term> Geschöpf inmitten der <term key="Mensch, Geschöpf unter Geschöpfen">Geschöpfwelt</term> zu <term key="Glaube, liebt es von Gott geliebt zu sein">sein</term>,
       dass also sein Glaube in dieser Liebe <term key="Glaube, ist in der Liebe tätig">tätig</term>
       ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.6">Gal. 5,6</ref>]. Der glaubende Mensch
       liebt es, dieses Geschöpf, Mensch zu sein und also gerade in dem Hören auf Gott und in der
        <term key="Mensch, Verantwortung">Verantwortlichkeit</term> vor ihm seine <term ref="kbga-keywords-1250">Bestimmung</term> zu haben. Nicht ob und wie er diese seine
       Bestimmung erfülle, ist die Frage. Er liebt es aber, gerade diese Bestimmung zu haben. Er
       beneidet Gott nicht um seine Gottheit, vermöge derer er sein Herr ist, vermöge derer er
       seinerseits auf sein Wort angewiesen ist und durch sein Wort gerichtet wird. Er ist gern, was
       er ist, in seinem Unterschied von Gott, in seinem so streng geordneten Verhältnis zu ihm. So
       beneidet er auch nicht die <term ref="kbga-keywords-977">Engel</term> und nicht die Tiere,
       die seine Bestimmung nicht zu haben, denen – in sehr verschiedener Weise allerdings – der
       Ernst, die Spannung, die Unruhe der menschlichen <term key="Mensch, Unruhe seiner Existenz">Existenz</term> vor Gott (aber damit doch auch deren besondere Verheißung) zu fehlen
       scheinen. Er ist auch ihnen gegenüber gerne, was gerade er ist. Er hat es gerne, dass er Gott
       nichts Eigenes, sondern <pb ed="A" n="770"/> immer nur das entgegenzubringen hat, was er von
       ihm empfangen hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.4.7">1.Kor. 4,7</ref>]:
       er hat es gerne, nicht Gottes Richter, sondern von ihm gerichtet zu sein, ihm nur jenen <term key="Mensch, Gehorsam">Gehorsam</term> ohne Appell und ohne Rückfrage leisten zu können. Und
       er hat es gerne, gerade so vor Gott wohl aufgehoben zu sein: er hat es gerne, in diesem Stand
       seine Ehre zu haben. |</p>
      <p>
       <term ref="kbga-keywords-593">Lieben</term> heißt ja eben mehr als akzeptieren und sich
       genügen lassen. Lieben heißt gern haben und also das selber meinen, wollen und suchen, was
       man liebt. Der glaubende Mensch liebt <term key="Mensch, Gottesliebe">Gott</term> darin, dass
       er es liebt, von Gott jenen Ort, jene <term ref="kbga-keywords-1250">Bestimmung</term>
       bekommen zu haben, von Gott in jene Grenzen eingeschlossen, in ihnen aber auch bewahrt und
       geschützt zu sein. Er sieht sich in dem Allem nicht etwa erdrückt von Gottes <term ref="kbga-keywords-810">Majestät</term>, gegen die er nicht aufkommen könnte. Er will gar
       nicht aufkommen gegen sie. In ihm ist auch kein heimliches Klagen und Brummen gegen die
       Bestimmung seiner besonderen Geschöpflichkeit. Er erkennt in allem, was zu ihr gehört, Gottes
        <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> zu ihm. Darum lässt er sich das Alles nicht nur
       gefallen, darum liebt er es. <pb xml:id="p172" ed="pga"/> Darum wollte er es keinen Moment
       anders haben, darum sucht er sich gerade in seiner Situation als dieses Geschöpf Gottes immer
       aufs Neue gern zurechtzufinden. Gerade in ihr, in der er Gott die Ehre geben darf, erwartet
       er auch alles Heil für sich selber. Er liebt aber eben darum auch dies, Geschöpf in jenem
       weiteren Zusammenhang, der Mensch im Kosmos zu sein. Er entbehrt es also nicht, in der
       Geschöpfwelt, so weit das Auge reicht, auf keine Gottheiten, sondern auf lauter solche Wesen
       zu stoßen, die in ihrem Verhältnis zum Schöpfer nur seinesgleichen sind. Er wird sich also
        nicht<note xml:id="n133">Tskr.: «weder»; Korrektur durch die Hrsg.</note> an den Klagen über
       das Verschwinden von so viel alten Göttern beteiligen können und ebensowenig an den
       Versuchen, die entstandenen Lücken durch die Einführung neuer <term ref="kbga-keywords-211">Religionen</term>, Verkündigungen und Kulte auszufüllen. Er wird sich in Erkenntnis des
       Schöpfers gerade in einer entgötterten <term key="Götter, entgötterte Welt">Welt</term> nicht
       verloren vorkommen. Sie wird ihm dadurch, dass sie entgöttert ist, nicht öde, nicht
       langweilig, sondern nun erst in ihrer echten geschöpflichen Gestalt beachtlich und
       interessant werden: der Mitmensch zuerst und vor allem und hinter ihm der ganze geistige und
       natürliche Kosmos und, wenn der Kreis sich schließt, sogar er sich selber. Er wird das <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Mitgeschöpf</term> allerdings <pb ed="A" n="771"/> auch nicht
       mehr fürchten, er wird ihm nur in freiem <term ref="kbga-keywords-1768">Vertrauen</term>
       begegnen können. Er wird es dafür respektieren, er wird das ihm unzugängliche Geheimnis
       seines <term key="Schöpfung, Verborgenheit ihres Wesens">Wesens</term> als solches gelten
       lassen müssen. Er entbehrt in dem Allem gar nichts. Ihm ist auch das nicht zu wenig, mit der
       Geschöpfwelt um ihn so dran zu sein. Ihm wird seine Situation als Geschöpf auch in dieser
       Hinsicht zum Zeichen und Abbild seines Dranseins mit dem <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>. Er wird sich also auch hier nicht nur beugen vor dem, was er nicht ändern
       kann. Er wird sich sicher ohne allen inneren Groll, ohne entgegengesetzte Wünsche
       irgendwelcher Art daran genügen lassen. Mehr noch: es wird ihm so recht sein, es wird gerade
       sein eigenes Wollen und Wünschen dauernd dahin gehen, seine Situation auch in dieser Hinsicht
       immer besser zu verstehen, sie immer treuer wahr zu machen. Er meint und will nichts Anderes,
       als dass gerade das sich fort und fort bestätige: dass er in und mit der Geschöpfwelt so dran
       sein darf. Was er fürchtet, ist jedes andersartige Dransein. Denn in diesem seinem wirklichen
       Dransein und nur in ihm erkennt er <pb xml:id="p173" ed="pga"/> Gottes <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> zu ihm. Und so liebt er Gott <term key="Mensch, Gottesliebe">wieder</term>, indem er es liebt, gerade so, in dieses Dransein
       versetzt, von Gott geliebt zu sein.</p>
      <p> Man bemerke: auf diese Spitze zielt Alles, was wir zur Definition des Glaubens vorher
       gesagt haben. Der in Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>
       <term key="Glaube, Begründung">begründete</term>, durch ihre Macht erweckte Glaube ist der
       Glaube, der in diesem Werk, der in der Liebe <term key="Glaube, ist in der Liebe tätig">tätig</term> ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.6">Gal. 5,6</ref>]. Dieses
       Werk kann ihm also nicht fehlen. Der glaubende Mensch kann nicht lieblos sein. Der lieblose
       wäre als solcher auch der ungläubige Mensch. Alles Einzelne, was wir vorher zur Beschreibung
       des Glaubens gesagt haben, wäre also hinfällig, wenn es nicht in der Liebe seine <term key="Glaube, hat in der Liebe seine Spitze">Spitze</term> hätte. Die Macht der Offenbarung,
       die den Glauben begründet und erweckt: die offenbare Liebe <term ref="kbga-keywords-37">Gottes</term>, die offenbare Gnade Jesu <term key="Gnade, Jesu Christi">Christi</term>, die
       offenbare Gemeinschaft des Heiligen <term key="Heiliger Geist, Gemeinschaft">Geistes</term>
        [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.13.13">2.Kor. 13,13</ref>], tritt zuletzt und
       zuhöchst darin auf den menschlichen Plan, will zuletzt und zuhöchst darin aufgenommen und
       Ereignis werden im Akt menschlicher <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>: dass der
       Mensch liebe, Gott <term key="Mensch, Gottesliebe">wiederliebe</term>, aber eben dies
       wirklich darin tue, dass er es wie <pb ed="A" n="772"/> der liebt, als Geschöpf inmitten der
        <term key="Mensch, Geschöpf unter Geschöpfen">Geschöpfwelt</term> geliebt zu sein. Wo das
       nicht geschieht, da ist die mächtige Offenbarung seines <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> noch nicht auf seinen Lebensplan getreten oder noch nicht in jenem
       Freiheitsakt Ereignis geworden. Die menschliche Freiheit selber, die echte Spontaneität der
       rechten <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term>, in welcher der Mensch seine
       Menschheit betätigt, ist zuhöchst und zuletzt die Freiheit dieses <term ref="kbga-keywords-593">Liebens</term>. Alles fruchtbare Wissen und alles nützliche
       Verzichten des glaubenden Menschen ist kräftig darin, dass es das Wissen und Verzichten ist,
       das zuletzt und zuhöchst in diesem Lieben <term key="Glaube, hat in der Liebe seine Spitze">gipfelt</term>. All sein Halt an Gott, alle seine <term ref="kbga-keywords-1458">Freude</term> in ihm, alle seine Hoffnung auf ihn sind darin wirklich und beständig, dass
       sie zuletzt und zuhöchst das Werk dieses Liebens sind. Der glaubende Mensch lebt seines
       Glaubens im <term ref="kbga-keywords-1768">Vertrauen</term>, und er wartet auf den Tag der
       Erlösung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.30">Eph. 4,30</ref>], der der
       Tag der Erleuchtung sein wird, indem er zuletzt und zuhöchst dieser Liebende ist, der das
       liebt, als Geschöpf unter <term key="Mensch, Geschöpf unter Geschöpfen">Geschöpfen</term> von
       Gott geliebt zu sein. Bliebe diese Spitze stumpf oder würde sie abgebrochen, dann wäre auch
       die Basis, dann wäre der ganze Aufbau des Glaubens dahin und alle seine Elemente. Wie ihm
       keines von jenen Elementen fehlen kann, so zuletzt und zuhöchst und am allermeisten gerade
       dieses nicht.</p>

      <p><pb xml:id="p174" ed="pga" rend="noPipe"/> Im Blick auf diese seine Spitze können wir den
       Glauben abschließend als den kreatürlichen Akt bezeichnen, in welchem dem Schöpfer von Seiten
       des Geschöpfs sein Recht und seine <term key="Glaube, gibt dem Schöpfer sein Recht und seine Ehre">Ehre</term> wird. Es ist ja das
       Recht und es ist ja die Ehre, die Gott gebühren, dass er von dem wiedergeliebt werde, den er
       zuerst <term ref="kbga-keywords-37">geliebt</term> hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.19">1.Joh. 4,19</ref>], und dass ihm das in seinem Werk widerfahre als dem
       Schöpfer des Geliebten und also eben damit, dass der von ihm zuerst Geliebte es liebe, als
       sein Geschöpf inmitten der anderen Geschöpfe von ihm geliebt zu sein. Wenn das geschieht,
       dann wird Gott gelobt, dann wird sein Recht und seine Ehre gepriesen von der Kreatur. Und
       dies ist das freudige Werk des Glaubens, des glaubenden Menschen: Gott zu loben mit seinem
        <term key="Glaube, lobt Gott mit seinem Tun">Tun</term>. Wir erinnern uns, dass der Glaube
       nicht im Menschen, sondern in Gott seinen <term key="Glaube, von Gott begründetes Werk">Ursprung</term> hat: in Jesus Christus, der auch sein Gegenstand ist. In Jesus Christus ist
       es ursprünglich wahr, dass die Kreatur dem Schöpfer sein Recht und <pb ed="A" n="773"/> seine
       Ehre gibt. Geschieht das im Glauben an ihn wieder, so geschieht es nur im Anschluss an ihn,
       nur daraufhin, dass es in ihm zuerst und eigentlich geschehen ist. Das bedeutet, dass der
       Ruhm dieses Geschehens der seinige und nicht etwa der des an ihn glaubenden Menschen ist.
       Eben das bedeutet aber auch, dass das Lob <term key="Gotteslob">Gottes</term>, wie es der
       glaubende Mensch, indem er liebt, darbringen darf, ein reines, d. h. ein von allem Selbstlob
       freies und damit ein rechtes Lob Gottes sein darf.<note xml:id="n134">Die erste große
        thematische Abhandlung über die Liebe innerhalb der Kirchlichen Dogmatik findet sich in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD
        I/2, §18</bibl> («Das Leben der Kinder Gottes») in den Abschnitten 2 («Die Liebe Gottes»
        [S. 409–442]) und 3 («Das Lob Gottes» [S. 442–504]). Auf diese Abschnitte greift <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier
        offenkundig zurück.</note> Wo es zum Selbstlob des Menschen würde, da müsste ja der Glaube
       schon aufgehört haben, seinen Gegenstand und Ursprung in Jesus Christus zu haben. Ohne den
       Anschluss an ihn würde er aber weder in jener Spitze noch in seiner Basis noch in irgend
       einem seiner Elemente wirklich Glaube sein, er würde als Glaube nur sterben können. Lebt der
       Glaube, lebt er also in jenem Anschluss, dann rühmt er den, an den und durch den er glaubt,
       und also nicht den glaubenden Menschen, dann wird sein <term key="Glaube und Liebe">Lieben</term> echt und eben damit zum reinen und rechten Gotteslob.</p>

      <p><pb xml:id="p175" ed="pga" rend="noPipe"/> Man kann und muss aber im Blick auf jene Spitze
       auch damit abschließen, dass man den Glauben als den kreatürlichen Akt bezeichnet, in welchem
       das Geschöpf selber angesichts seines Schöpfers und im Verhältnis zu ihm zu seinem eigenen
       Recht und zu seiner eigenen Ehre <term key="Glaube, verhilft dem Geschöpf zu seinem Recht und seiner Ehre">kommt</term>. Sein Recht
       und seine Ehre bestehen darin, dass es sich als das von seinem Schöpfer realisierte und <term ref="kbga-keywords-51">gerechtfertigte</term> Geschöpf betätigen und offenbaren darf. Indem
       das geschieht, lobt es nicht nur seinen <term key="Gotteslob">Schöpfer</term>, sondern kommt
       es auch zum Frieden, zur Übereinstimmung mit sich selber. Das geschieht aber, indem der
       Mensch glaubt, d. h. indem er im Werk, im Vollzug seines Glaubens, Gott <term key="Mensch, Gottesliebe">liebt</term>, und zwar darin liebt, dass er es liebt, das von ihm
       geliebte Geschöpf inmitten der <term key="Mensch, Geschöpf unter Geschöpfen">Geschöpfwelt</term> zu <term key="Glaube, liebt es von Gott geliebt zu sein">sein</term>.
       Wer glaubt und also liebt, der hört eben damit auf, sich selbst entfliehen zu wollen und also
       sich selbst spalten zu müssen, der fängt eben damit an, geborgen und geschlossen bei sich
       selbst zu sein. Dass er hinsichtlich seiner selbst wie seiner Umgebung und also hinsichtlich
       seines ganzen Dranseins auf das Erscheinen der vollkommenen Gestalt wartet, in der ihm sein
       Dransein erst offenbar werden muss, kann dieses sein Geborgensein nicht mindern. Es wird ihm
       nur das verwehren, sich etwa für durch sich selbst realisiert und <pb ed="A" n="774"/>
       gerechtfertigt zu halten. Es könnte ein auf diesem Wahn begründeter innerer Friede natürlich
       nur ein fauler, unwahrer Friede sein. Der eschatologische Sinn des <term key="Glaube, eschatologischer Charakter">Glaubens</term> wird den Menschen daran hindern,
       diesen faulen Frieden mit sich selbst zu schließen. Es ist aber der innere Friede dessen, der
       Gott in seinem Werk lieben darf, kein fauler Friede, sondern ein echtes, wenn auch
       vorläufiges Zuendekommen des kreatürlichen Weges. Jenseits dieses Endes wartet freilich die
       Vollendung im Erscheinen jener vollkommenen Gestalt. Eben dieser Vollendung steht aber jenes
       vorläufige Ende direkt gegenüber. Es gibt vor dem Schauen keine höhere Gestalt des
       kreatürlichen <term key="Dasein">Daseins</term> als die des Glaubens, der in der Liebe <term key="Glaube, ist in der Liebe tätig">tätig</term> ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.7">2.Kor. 5,7</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.6">Gal.
        5,6</ref>].</p>
       </div>
<!-- nächste Seite - "Gegenüberstellung von Glaube und Weltanschauung" -->
     <div>
      <p rend="margin-top">Wir sind nun so weit, dass wir den <hi rend="italic">Glauben</hi> und die <term key="Glaube, und Weltanschauung"><hi rend="italic">Weltanschauungen</hi></term> sich
       gegenüberstellen können. – Die These, die wir zu beweisen haben, lautet dahin, dass der
       Glaube selber keine Weltanschauung ist, dass er keiner solchen bedarf und also auch an keine
       solche gebunden ist, dass er jeder Weltanschauung zuwider, dass es ihm wesentlich ist, alle
       Weltanschauungen überflüssig zu machen.</p>
     <!-- </div><div type="ditigal_division"> -->
      <p><pb xml:id="p176" ed="pga" rend="noPipe"/> Eine <term key="Weltanschauung">«<hi rend="italic">Weltanschauung</hi>»</term> ist, wie das Wort sagt, eine vom Menschen
       zwischen die Welt und sich selbst hineingeschobene Anschauung: ein von ihm entworfenes Bild
       von der Welt, durch das hindurch er, nachdem es einmal entworfen und an seinen Platz gestellt
       ist, die Welt beschaut und von dem er (wenigstens grundsätzlich und theoretisch) auch sein
       Verhalten in der Welt und ihr gegenüber abhängig sieht und bestimmen lässt.</p>
      <p>Unter <term ref="kbga-keywords-378">«<hi rend="italic">Welt</hi>»</term> ist dabei nicht
       nur die Außenwelt im physischen Sinn des Begriffs, sondern in irgend einem Verhältnis zu
       dieser auch die Geisteswelt zu verstehen. Zur «Welt» gehört in irgend einer Bedeutung
       Funktion und Rolle, unter irgend einem positiven oder negativen Vorzeichen auch die Gottheit
       oder doch irgend ein Äquivalent der Gottheit. Und damit hängt es eng zusammen, dass für den
       weltanschaulich interessierten und orientierten Menschen nicht nur die Menschheit als
       allgemeines natürliches und geschichtliches Phänomen, sondern vor allem – der Ordnung <pb ed="A" n="775"/> nach vielleicht zuletzt, vielleicht doch auch mit Emphase an den Anfang
       aller Dinge gestellt – er selber zur Welt gehört, so dass der Bildner immer auch selbst im
       Bilde, ein Element und Teil seines Gebildes ist und also gewissermaßen aus dem Bilde heraus
       und nach Maßgabe des Bildes in dessen Entwurf und Aufrichtung tätig ist. |</p>
      <p> Ein <term key="Weltanschauung, Zirkelschluss">Zirkel</term> ist hier unvermeidlich. Der
       die Welt anschauende Mensch ist wie ein tüchtiger Theaterregisseur immer abwechselnd auf der
       Bühne und im Zuschauerraum wirksam. Er stellt die Szene und sich selbst, eines in und mit dem
       anderen. Wie er und indem er die Außen- und Innenwelt und wie er die Gottheit beschaut, so
       beschaut er auch sich, den Beschauenden. Und wie und indem er sich selbst beschaut, so alles
       Andere. Die Verhältnisse in diesem Zirkel können im Einzelnen so oder anders geordnet, sie
       können mehr oder weniger geklärt, sie können hier naiver und dort kritischer beurteilt sein:
       die Bewegung einer Weltanschauung vollzieht sich doch immer in diesem Zirkel. Und ihre Kraft
       besteht in der Selbstverständlichkeit, in der diese Zirkelbewegung vollzogen wird. Die Welt
       wird vom Menschen in einem bestimmten Bilde angeschaut, und es ist in der Person des Menschen
       die Welt, die sich selber in diesem Bilde anschaut. Von daher kommt es, dass das Wort «<hi rend="italic">Anschauen</hi>» oder «Beschauen» zu bescheiden und zu schwach ist für das, was
       in einer <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term>
       <pb xml:id="p177" ed="pga"/> Ereignis wird. Das Bilden, das da geschieht, hat
       das Ziel, und das Gebilde, das da entsteht, hat den Anspruch, zu <hi rend="italic">über</hi>schauen und zu <hi rend="italic">durch</hi>schauen. Auch die Gottheit wird als
       überschaubar und durchschaubar vorausgesetzt, indem das Unternehmen einer <term key="Weltanschauung, Über- und Durchschaubarkeit von allem">Weltanschauung</term> in Gang
       kommt, und darum und im Zusammenhang damit auch alles Andere: der Geist, die Natur, die
       Menschheit und ihre Geschichte. Es ist aber alles darum überschaubar und durchschaubar, weil
       der die Welt anschauende Mensch vor allem auch sich selbst für überschaubar und durchschaubar
       hält. Er kommt hinter Alles, weil er hinter sich selbst gekommen ist. Er geht den Dingen auf
       den Grund, weil er bei sich selbst auf dem Grunde ist. Er hat <hi rend="italic">sich</hi> –
       darum hat und damit hat er auch die Welt, darum kann er Gott und die Welt gemächlich
       anschauen, wobei doch eben «Anschauung» viel zu wenig sagt von dem, was er zu können <pb ed="A" n="776"/> und zu vollbringen meint, weil ja nicht ein Draußen-, sondern ein Drüber-
       und Drinnensein dem Angeschauten gegenüber seine wirkliche Meinung ist. Das gilt auch von den
        <term key="Weltanschauung, kritische">kritischen</term>, auch von den skeptischen <term key="Weltanschauung, skeptische">Weltanschauungen</term> – von ihnen im Grunde nicht
       weniger, sondern noch mehr als von den anderen. Es kann sich ja das vom Menschen entworfene
       Bild von Gott, von der Welt und von sich selbst dadurch nur noch mehr konsolidieren und
       befestigen, dass ihm als letztes, zusammenhaltendes Motiv eben die Zurückhaltung, der
       Zweifel, die Begrenzung beigegeben, dass es<note xml:id="n135">Tskr.: «er»; Korrektur durch
        die Hrsg.</note> durch dieses Motiv gegenüber anderen, robusteren, aber auch naiveren
       Bildern gewissermaßen geadelt wird. Welcher Kritik und welchem Zweifel kann der noch
       zugänglich sein, der eben das kritische und zweifelnde Anschauen, Überschauen und <term key="Weltanschauung, Über- und Durchschaubarkeit von allem">Durchschauen</term> bereits als
       das beste Teil gefunden und erwählt hat?</p>
      <p>Es vollzieht sich aber die <hi rend="italic">Entstehung</hi> einer <term key="Weltanschauung, Entstehung">Weltanschauung</term> im Einzelnen in der Weise, dass
       irgend ein Element des dem Menschen überschaubaren und durchschaubaren Komplexes der
       Gottheit, der Welt und seiner eigenen Existenz den Charakter eines <hi rend="italic">Vorzugselementes</hi> bekommt und annimmt, mächtig in die Mitte aller anderen tritt, alle
       anderen in seinen Bann zieht, alle anderen sich selbst zu- und unterordnet und so zum
       organisierenden Keim und Kern eines <term key="Weltanschauung, System">Systems</term>, d. h.
       einer von jener Mitte aus zusammengehaltenen und disponierten <pb xml:id="p178" ed="pga"/>
       Konstruktion wird. Jede <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> beruht auf einer
       bestimmten Auswahl und Bevorzugung. Sie ist zunächst und in ihrem Kern als solchem nicht
       Welt-, d. h. nicht Gesamtanschauung, sondern Anschauung eines besonderen Ausschnittes oder
       Aspektes innerhalb der Gesamtheit des Anschaubaren. Diesem besonderen Ausschnitt oder Aspekt
       gegenüber schaut der Mensch auch sich selbst in einer jenem Ausschnitt oder Aspekt
       entsprechenden besonderen Weise an. Von jener besonderen Stelle her fühlt er sich selbst
       verstanden, ihr gegenüber sich selbst verstehend. Unter allen anderen drängt sich gerade
       dieser Ausschnitt oder Aspekt des Ganzen für ihn in den Vordergrund, und unter allen anderen
       sieht er sich gerade durch diesen heraus- und in seine eigentliche Existenz gerufen. Dass
       an sich verschiedene solche Ausschnitte und Aspekte des Ganzen diese Vorzugsstellung
       einnehmen, diese Rolle spielen könnten – dass sie sie anderswo auch faktisch ein<pb ed="A" n="777" break="no"/>nehmen und spielen, kann von keiner Weltanschauung geleugnet werden:
       schon darum nicht, weil sich faktisch eine jede in offener oder heimlicher Auseinandersetzung
       und Polemik allen anderen <term key="Weltanschauung, Verhältnis zu anderen W.">gegenüber</term> befindet. |</p>
      <p> Eine Weltanschauung entsteht aber und behauptet sich mit der Überzeugung, dass es zwischen
       den vielen an sich möglichen verschiedenen Bevorzugungen eine notwendige, eine gewissermaßen
       heilige <term key="Weltanschauung, Prinzip, heilige Wahl">Wahl</term> gebe. Ist diese einmal
       vollzogen, so versteht sich alles Weitere von selbst, so viel Anstrengung und Mühe es auch
       noch kosten mag. Es folgt aus jener heiligen Wahl, wie die Gesetzgebung eines Staates aus
       seiner Verfassung folgt: alle Gesetze erklären und bestätigen dann nur die Verfassung, und es
       wird umgekehrt die Geltung der Verfassung in dem Maß stärker und gründlicher, je mehr sie
       sich in den ihr entsprechenden Gesetzen zu bewähren vermag. Es ist alles das, was eine <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> außer jenem Vorzugselement enthält, dessen
       Explikation und Applikation, dessen Exegese gleichsam. Ihr Text aber und ihr eigentliches
       Geheimnis – der wahrhaft mystische Grund jeder <term key="Weltanschauung, mystischer Grund">Weltanschauung</term> – besteht in jener heiligen <term key="Weltanschauung, Prinzip, heilige Wahl">Wahl</term>, in welcher ein Element des
       Beschaubaren allen anderen gegenüber im Vorsprung ist und vom beschauenden Menschen in diesem
       seinem Vorsprung erkannt und anerkannt wird. Was soll man sagen zu dieser Wahl? Die Wählenden
       selber insgesamt werden ja ein jeder von seiner Wahl behaupten, dass sie keineswegs
       willkürlich, sondern in dem hervorge<pb xml:id="p179" ed="pga" break="no"/>hobenen Wesen des
       von ihm Erwählten und im Wesen des Ganzen begründet sei, aus dem heraus sie nun eben gerade
       durch das besonders von ihnen Erwählte erwählt und aufgerufen seien. Man wird wohl am besten
       tun, ihnen hier jedenfalls nicht grundsätzlich zu widersprechen, sondern zuzugeben, dass ein
       solches erwähltes Erwählen wie das ihrige, ein solches Hervortreten einzelner Elemente des
       Ganzen, dem dann von Seiten des Menschen ein entsprechendes Bevorzugen folgen muss, sicher
       fortwährend wirklich und darum auch möglich ist. Man wird – auch wenn man subjektive Irrtümer
       hinsichtlich jener sich selbst auszeichnenden und den Menschen erwählenden Dominanten,
       subjektive Irrtümer hinsichtlich der menschlichen Wahl solcher Dominanten nicht ausschließen
       wird – grundsätzlich gut tun, damit zu rechnen, dass solche Dominanten, dass allerlei <pb ed="A" n="778"/> Götter nun einmal <term key="Götter, Wirklichkeit"><hi rend="italic">sind</hi></term> und solche Macht über den Menschen tatsächlich haben: die Götter seiner
        <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">Einbildung</term>, die darum doch nicht
       weniger wirklich und einflussreich sind, so dass man jener heiligen Wahl einen – allerdings
       sehr eigentümlichen – Realitätsgrund grundsätzlich nicht absprechen kann. |</p>
      <p> Aber wie dem auch sei: der Gegenstand solcher heiliger <term key="Weltanschauung, Prinzip, heilige Wahl">Wahl</term> ist das, was man das <hi rend="italic">Prinzip</hi> einer <term key="Weltanschauung, Prinzip">Weltanschauung</term>
       nennen kann. Prinzip heißt ja Ursprung. Das durch seine subjektive und vielleicht doch auch
       objektive Bevorzugung in der Mitte alles Anschaubaren hervortretende besondere Element ist
       der Ursprung einer Weltanschauung und als solcher ihre Verfassung, das Gesetz über allen
       ihren Gesetzen, der Leitfaden aller ihrer einzelnen Überzeugungen, Sätze und praktischen
       Folgerungen. Wer das Prinzip hat, hat im Prinzip das Ganze und alles Einzelne. Und dass das
       Prinzip <hi rend="italic">ihn</hi> hat, darauf kommt alles an für den, der das Prinzip hat.
       Es muss ihn so haben, dass es ihm – und wenn es das Prinzip der Unsicherheit und also des
       Zweifels wäre – zugleich Erstes und Letztes ist: Erstes, von dem er auf alle Fälle herkommt –
       Letztes, dem er auf alle Fälle entgegeneilt. Er muss dem Erwählten gehorsam sein, so gewiss
       er selber von ihm erwählt ist, sonst ist seine Weltanschauung nicht begründet, nicht
       konstituiert. Schon der Novize einer Weltanschauung muss immer wieder auf den grundlegenden
       Gehorsamsakt, auf diese Bestätigung der heiligen Wahl hingewiesen werden. Sonst kann er nicht
       einmal Novize sein. Für die Eingeweihten und Meister einer <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> aber wird <pb xml:id="p180" ed="pga"/> dieser Gehorsam zur
       Selbstverständlichkeit oder mindestens zur höchst kräftig affektierten Gewohnheit. Die
       Gottähnlichkeit des <term key="Weltanschauung, Prinzip, Gottähnlichkeit">Prinzips</term> wird
       gerade hier besonders deutlich. Es ist der Erfinder und Prophet einer Weltanschauung
       notwendig immer so etwas wie ein verkappter Priester, der ein Numen verkündigt. Und es ist
       ein wirklicher Anhänger einer Weltanschauung notwendig immer so etwas wie ein verkappter
       Gläubiger jenes Numens. Ohne numinose Entdeckung und Begegnung oder doch Autorität kann
       niemand ein weltanschauliches Prinzip haben. Es ist nicht ausgeschlossen, sondern es kommt
       sehr häufig vor, dass das weltanschauliche Prinzip ein direkt und ausgesprochen religiöses
        <term key="Weltanschauung, Prinzip, religiöses">Prinzip</term> ist. |</p>
      <p> Es gibt Zeiten, wo die <term ref="kbga-keywords-211">Religion</term> große Mode ist: in
       solchen Zeiten <pb ed="A" n="779"/> werden sich auch die <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term> die Möglichkeit der Wahl eines religiösen Prinzips kaum entgehen
       lassen. Die Gottheit gehört ja für den weltanschaulich interessierten und orientierten
       Menschen zum vornherein mit in den Bereich des Anschaubaren, Überschaubaren, Durchschaubaren
       und kann also als Gegenstand seiner Wahl mindestens mit in Betracht kommen. Dass er gerade
       sie wählen und zum Prinzip erheben muss, das ist freilich eben darum nicht gegeben, weil auch
       sie ihm anschaubar, überschaubar, durchschaubar ist, weil er also auch ihr grundsätzlich
       unabhängig gegenübersteht. Er kann sie also auch leugnen oder relativieren und
       bagatellisieren. Er muss aber auch das nicht tun. Er kann sie leugnen <hi rend="italic">oder</hi> bekennen. Warum sollte er sie nicht bekennen? Er kann ja auch sie erwählen bzw.
       geheimnisvoll von ihr erwählt sein. Dann wird das Prinzip seiner Weltanschauung ein
       ausgesprochen religiöses <term key="Weltanschauung, Prinzip, religiöses">Prinzip</term>, und
       seine ganze Weltanschauung selbst wird von daher, mehr oder weniger konsequent durchgeführt,
       eine religiöse Farbe und Gestalt annehmen. Es kann aber der Gegenstand seiner Wahl – sie hört
       darum nicht auf, eine heilige Wahl zu sein, in jenem Geheimnis sich zu vollziehen – auch ein
       ganz anderes Prinzip sein. Warum gerade Theosophie? Warum nicht Anthroposophie? Warum als
       Vorzugselement nicht der Mensch in seiner Menschheit, in seiner gottheitlichen Tiefe und in
       seiner Beziehung zum ganzen ihn umgebenden natürlichen und geistigen Kosmos? Warum nicht
       Kosmosophie? Warum nicht die Natur in ihrer Totalität oder in irgend einem ihrer Elemente und
       Gesetze? Warum aber nicht umgekehrt der der Natur so offenkundig <pb xml:id="p181" ed="pga"/>
       überlegene, sie meisternde Geist, sein Anschauen der Natur als solches oder auch sein
       praktisches Handeln in der Natur, mit ihr und gegen sie? Warum nicht ein Element, eine
       Richtung oder Gestalt der Geschichte, diese oder jene unverkennbar gewaltig, dauernd und
       allgemein sich aufdrängende besondere Möglichkeit menschlichen Seins und Wirkens? Warum also
       keine naturwissenschaftliche, keine historische, keine politische, keine moralische, keine
       ästhetische Weltanschauung? Warum nicht ein wenig von alledem mit irgend einem Schwerpunkt
       nach der einen Seite mehr als nach der anderen, in welchem sich dann doch <pb ed="A" n="780"/>
       so etwas wie ein Prinzip verrät und was dann auch den buntesten Eklektizismus und
       Synkretismus letztlich zu einer richtigen <term key="Weltanschauung, Prinzip, Beliebigkeit">Weltanschauung</term> macht? Ja, warum nicht? Der Bereich des Anschauens ist ja so weit und
       reich, die Fülle der Gesichte<note xml:id="n136">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I
         </hi>, V, 520 (Nacht)</bibl>.</note> so groß, die Anziehungskraft von allen Seiten so
       mächtig – es gibt ja so viele <term key="Götter, Vielheit">Götter</term> –, dass es wirklich
       auch viele Prinzipien geben kann. Was im Himmel, auf der Erde und in der Hölle könnte etwa
       nicht zum Prinzip und also zum Ursprung und Keim einer Weltanschauung <term key="Weltanschauung, Prinzip, Beliebigkeit">werden</term>? Was hätte in diesem Sinn nicht
       schon seine Priester und Gläubigen gefunden? Denn wenn es dazu kommt, dass ein solches
       Vorzugselement sich als solches geltend macht und entdeckt und zum Prinzip erhoben wird, dann
       ist das, auch wenn es sich um ein anderes als ein ausgesprochen religiöses Prinzip handeln
       sollte, in Wahrheit doch immer auch ein Stück <term key="Religionsgeschichte">Religionsgeschichte</term>: es handelt sich dann immer um die Entdeckung einer letzten
       Bindung, die als solche wiederum letzte Bindungen nach sich ziehen muss: um eine solche Wahl,
       zu deren Erklärung und Rechtfertigung die Wählenden, ob sie es wollen oder nicht, so oder so
       immer auf ein ihrem Wählen vorangehendes Erwähltsein werden rekurrieren müssen.</p>
      <p> Aus dem in heiliger Wahl erwählten Prinzip ergibt sich dann die <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> als solche. Wir sagten schon: sie ist nur die Erklärung, die
       Entfaltung und Anwendung des <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzips</term>. Eben diese
       geschieht aber in der Weise, dass nun auch die anderen, nicht bevorzugten, aber immerhin auch
       sichtbaren und wirksamen Elemente des Ganzen jenem Prinzip zugesellt, von ihm aus betrachtet,
       mit ihm in Verbindung gebracht, als Teilwahrheiten und besondere Aspekte des <pb xml:id="p182" ed="pga"/> bevorzugten Elements positiv oder negativ gewürdigt werden. Diese Kombination und
       also der Entwurf des eigentlichen weltanschaulichen <term key="Weltanschauung, System"><hi rend="italic">Systems</hi></term> kann auf verschiedene Weise zustande kommen. Der
       Normalfall ist der Versuch irgend einer logischen Verknüpfung der vielen Elemente mit jenem
       einen: sie alle werden jetzt so lange interpretiert und gedeutet, bis sie in ihrer Beziehung
       zum Prinzip so widerspruchslos als möglich sichtbar und verständlich sind – wobei,
       wohlverstanden, auch der Widerspruch, auch das unaufgehobene Paradox sehr wohl <pb ed="A" n="781"/> die Verknüpfung sein, wobei also das gesuchte und gefundene System sehr wohl auch
       dialektischen Charakter haben kann. Die ordentlich und vollständig verknüpften und insofern
       im engeren Sinn des Begriffs philosophischen <term key="Weltanschauung, philosophische">Weltanschauungen</term> dialektischen und undialektischen Charakters sind aber doch
       verhältnismäßig seltener und praktisch wohl auch weniger wirkungsvoll als die <term key="Weltanschauung, System">Systeme</term>, die als solche nur teilweise sichtbar werden,
       weil sie weniger auf geordnetem Denken als auf einer bestimmten unmittelbaren <term key="Weltanschauung, intuitive">Intuition</term> beruhen, in welcher von einem besonderen
       Prinzip her Alles und Jedes in besten Zusammenhang gebracht, d. h. jenem <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term> zu- und untergeordnet ist, ohne dass es doch
       möglich wäre und nötig erschiene, diesen Zusammenhang schulgerecht aufzuzeigen und zu
       beweisen, weil sein Aufweis und Beweis von Haus aus nur die Sache entweder einer Wiederholung
       der grundlegenden Intuition oder aber eine Sache der blinden Anerkennung sein kann, dass das
       System in einer solchen Intuition vollgültig begründet ist, deren Wiederholung aber nicht
       jedem möglich und die auch nicht jedem notwendig ist. Es gibt also auch hier so etwas wie den
       Unterschied zwischen fides <term key="Glaube, fides explicita">explicita</term> und fides
        <term key="Glaube, fides implicita">implicita</term><note xml:id="n137">Zu dieser
        Unterscheidung vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4896"><persName ref="kbga-actors-2826">Fr. Diekamp</persName>, <hi rend="italic">Katholische Dogmatik nach den Grundsätzen des heiligen Thomas</hi>, Bd. 1,
        Münster 1930<hi rend="sup">6</hi>, S. 14f.</bibl>: «Man unterscheidet: […] 4. <hi rend="italic"><foreign xml:lang="lat">dogmata necessaria</foreign></hi> und <hi rend="italic">d<foreign xml:lang="lat">ogmata non necessaria</foreign></hi>, je nachdem ihre
        ausdrückliche Kenntnis und der ausdrückliche Glaube an sie (fides explicita) für alle zum
        Heile notwendig ist oder nicht. Bezüglich der nicht notwendigen Dogmen ist aber mindestens
        die fides implicita zum Heile erforderlich d. i. die Bereitwilligkeit, alles gläubig
        anzunehmen, was die Kirche als geoffenbarte Wahrheit zu glauben gebietet; und wer solche
        Dogmen ausdrücklich kennt, muß sie auch ausdrücklich glauben.»</note>, Glauben und <term key="Glaube, Köhlerglaube">Köhlerglauben</term><note xml:id="n138">Als Köhlerglaube wird ein
        «unbedingter kirchenglaube, besonders beim gemeinen manne» bezeichnet (<bibl corresp="kbga-bibls-98">DWb 11, Sp. 1591</bibl>).
        Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2069">M. <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, <hi rend="italic">Sendschreiben
         an die zu Frankfurt a. M. 1533</hi>, WA 30/III, 554–571, dort 562,27–563,4</bibl>: «Also sagt man,
        wie ein Doctor hab einen Köler zu Prage auff der brücken aus mitleiden, als uber einen armen
        leyen, gefragt: Lieber man, Was gleubstu? Der Köler antwortet: Das die Kirche gleubt. Der
        Doctor: Was gleubt denn die Kirche? Der Köler: Das ich gleube. Darnach, da der Doctor hat
        sollen sterben, ist er vom Teuffel so hart angefochten im glauben, das er nirgent hat können
        bleiben noch ruge haben, bis das er sprach: Ich gleube, das der Köler gleubt, Wie man auch
        von dem grossen Thoma Aquino sagt, das er an seinem ende für dem Teuffel nicht hat bleiben
        konnen, bis das er sprach: Ich gleube, was jnn diesem buch stehet, und hatte die Bibel jnn
        armen. Aber Gott verleihe uns solchs glaubens nicht viel, Denn wo diese nicht haben anders
        denn also gegleubt, so hat sich beide, Doctor und Köler, jnn abgrund der hellen hinein
        gegleubt. Dahinein gleuben auch solche geister, die da sagen: gleube den leib, den Christus
        meinet, das ist gnug, O ia, es ist fein und wol gegleubt, solcher glaube schadet dem Teuffel
        nichts.»</note>. Man <pb xml:id="p183" ed="pga"/> muss sich aber klar sein darüber, dass alle
       diese Unterschiede praktisch fließend sind. Denn ohne Intuition gibt es kein philosophisches
        <term key="Weltanschauung, philosophische">System</term>, und ohne irgendwelche
       philosophische Bemühung kann es auch auf Grund der tiefsten und lebendigsten <term key="Weltanschauung, intuitive">Intuition</term> nicht zu einer in ihrem Wesen nun eben doch
       systematischen, vom Prinzip aus das Ganze durchdringenden Weltanschauung kommen. Und wo die
       Intuition so wesentlich ist, da wird wohl, unter den Adepten mindestens, auch die Grenze
       zwischen der selbst wiederholten und der bloß respektierten fremden Intuition, die Grenze
       zwischen Glauben und Köhlerglauben also, nicht mit letzter Schärfe zu ziehen sein. Ein
       beträchtliches Stück biederen <term key="Glaube, Köhlerglaube">Köhlerglaubens</term> ist
       jedenfalls zur geschichtsmäßigen Durchsetzung gerade der großen, ganze Zeiten und
       geschichtliche Räume beherrschenden <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term> noch
       immer unentbehrlich gewesen. Und nun hat jedes so oder so zustande kommende <term key="Weltanschauung, System">System</term> notwendig kritischen Charakter, d. h. von seinem
        <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term> her vollzieht <pb ed="A" n="782"/> es
       irgendwelche Scheidungen zwischen Wahr und Unwahr, Gut und Böse, zwischen Wert und Unwert.
       Die Verknüpfung – denn auch solches Scheiden ist in der Sache ein Verknüpfen, ein Ordnen und
       Unterordnen vom Prinzip her – kann weithin bloß relativen Charakter tragen: bestimmte
       Anschauungselemente werden hervorgehoben, andere in den Hintergrund gedrängt, bestimmte
       betont, bestimmte andere weniger oder gar nicht betont, aber immer so, dass Alles irgendwo
       auf die Tafel kommt, nur dass es <pb xml:id="p184" ed="pga"/> eben auf der Tafel ein Oben und
       Unten gibt. Das sind die komprehensiven, im besten Sinn liberalen und toleranten <term key="Weltanschauung, System, komprehensives">Systeme</term>. Es gibt aber auch ausgesprochen
       exklusive und intolerante <term key="Weltanschauung, System, exklusives">Systeme</term>, in
       denen es eindeutige Unwerte, ausgesprochene Nichtigkeiten und Bosheiten gibt, welche also
       weithin in bestimmten Leugnungen verlaufen werden. Man kann, wie wir sahen, mit der Gottheit
       in der Weise fertig werden, dass man sie leugnet, d. h. dass man die ihr zukommende Stelle in
       seinem Weltbild ostentativ als leere Stelle kenntlich macht: wobei es nur merkwürdig ist,
       dass gerade das in der Regel nicht ohne Aufwand eines ziemlich beträchtlichen religiösen oder
       doch numinosen Pathos zu geschehen pflegt. Man kann aber bekanntlich auch den Geist oder man
       kann umgekehrt auch die Materie leugnen. Man kann aber auch den Menschen leugnen, indem man
       ihn mit lautem Geschrei in irgend einem Kollektiv untergehen und verschwinden lässt, zu
       dessen unpersönlichem Funktionär er dann werden muss. Gerade der systematische Charakter des
       weltanschaulichen Unternehmens kommt doch auch in solchen exklusiven Entwürfen nur umso
       drastischer zum Ausdruck. Erst indem eine Weltanschauung von ihrem <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term> her und in dessen Entfaltung und Anwendung zum
        <term key="Weltanschauung, System">System</term> wird, wird sie ja zum Bilde, bekommt sie
       Konturen, distinkte Formen, Lichter und Schatten, und es ist klar, dass gerade zu deren
       Herausarbeitung bestimmte Abgrenzungen und Negationen unentbehrlich sind. Kritisch müssen
       auch die komprehensiven Systeme sein, in denen kaum etwas geleugnet und ganz ausgeschieden,
       dafür Alles und Jedes von einem bestimmten Standort aus geordnet und relativiert wird. Die
       größere Sicherheit pflegt diesen <term key="Weltanschauung, System, komprehensives">komprehensiven</term>, die größere Wirksamkeit dafür den kämpferisch exklusiven<note xml:id="n139">Tskr.: «explosiven»; Korrektur durch die Hrsg.</note>
       <term key="Weltanschauung, System, exklusives">Systemen</term> eigen zu sein.</p>
      <p>Ist nun der Weg vom Prinzip zum System einmal beschritten und ein <pb ed="A" n="783"/> Stück
       weit begangen, so stellt sich zur Vollendung einer Weltanschauung eigentlich nur noch – aber
       allerdings entscheidend – die <term key="Weltanschauung, Machtfrage"><hi rend="italic">Macht</hi>frage</term>, d. h. die Frage, ob und inwieweit es ihren Urhebern und Vertretern
       gelingen wird, ihr Werk sich selbst und anderen als Bild anschaulich und damit eindrücklich
       und gebrauchsfertig zu machen. Dass es das ist, versteht sich ja nicht von selbst. Ein
       Prinzip ist gewis<pb xml:id="p185" ed="pga" break="no"/>sermaßen erst ein mathematischer
       Punkt und ein System erst die von ihm aus entworfene mathematische Konstruktion. Die Frage
       ist, wie das zum System entfaltete Prinzip zum Bilde wird. Erst als solches spricht es, wird
       es zur <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term>, die ihren Dienst als solche tun, die
       sich an anderen messen lassen, anderen gegenüber ihre Vorzüge beweisen, mit ihnen
       konkurrieren, sie eventuell aus dem Felde schlagen, sich selbst möglicherweise als <hi rend="italic">die</hi> Weltanschauung durchsetzen und behaupten kann. Eine Idee – auch eine
       durchgedachte Idee – ist noch keine Weltanschauung. Sie muss als solche erst geboren werden.
       Und es bedarf, auch wenn sie als Idee schon erzeugt und gestaltet sein sollte, der Kraft, sie
       als Weltanschauung zu gebären, d. h. sie als sichtbare und wirkungsfähige Gestalt auf den
       geschichtlichen Plan zu führen. Das zum <term key="Weltanschauung, System">System</term>
       entfaltete Prinzip oder das das <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term>
       entfaltende System will leben. Es will seinen Anspruch, die Welt (mit Einschluss der Gottheit
       und des Menschen selbst) darzustellen und also zu repräsentieren, geltend und wahr machen.
       Nicht einmal für seinen oder seine Erfinder selbst kann er ohne weiteres geltend und wahr
       sein. Das Prinzip und das System als solche könnten auch lebensunfähig, es könnte also ihr
       Anspruch auch ohnmächtig sein. Wie manche Weltanschauung mag – obwohl als Prinzip und Idee
       schon gestaltet – (zu ihrem Unglück oder auch Glück) in diesem Sinn ungeboren geblieben sein!
       Die Geburt einer Weltanschauung als solche ist eine <term key="Weltanschauung, Machtfrage">Machtfrage</term>. Die zu dieser Geburt erforderliche Macht ist aber eine doppelte, wobei
       das Verhältnis der beiden in Frage kommenden Momente ein verschiedenes sein kann, ohne dass
       doch eins von ihnen ganz fehlen dürfte.</p>
      <p>Die eine Macht jeder Weltanschauung war zu jeder Zeit die Macht der menschlichen <hi rend="italic">Persönlichkeit</hi> ihrer Erfinder und <term key="Weltanschauung, Persönlichkeit ihrer Vertreter">Vertreter</term>. Persönlichkeit ist
       leider weder mit Geist noch mit Be<pb ed="A" n="784" break="no"/>gabung noch mit sittlichem
       Ernst noch mit Charakter identisch. Persönlichkeit ist mit oder ohne das Alles – <term key="Persönlichkeit, Kraft">Kraft</term>! Persönlichkeit ist – unter allen möglichen
       Vorzeichen – das Geheimnis eines menschlichen Individuums, vermöge dessen es sich selbst und
       andere in einem bestimmten Stärkegrad und innerhalb gewisser Grenzen zu binden und zu
       bestimmen vermag. Persönlichkeit ist also <term key="Persönlichkeit, Magie">Magie</term>. Es
       gibt keine Weltanschauung, die dieser Macht zu entbehren vermöchte, keine, die ohne sie zur
       Geburt und also zum Leben gekommen ist. Die Bildhaftigkeit und <pb xml:id="p186" ed="pga"/>
       also die Anschaulichkeit und also die Wirksamkeit einer Weltanschauung ist groß oder klein,
       je nachdem sie jedenfalls auch in diesem Sinn mehr oder weniger lebensfähig, je nachdem sie
       jedenfalls auch durch persönliche Magie, durch jenes Vermögen eines Menschen, sich selbst und
       Andere zu binden und zu bestimmen, getragen ist. In dieser Macht wird das Prinzip und wird
       das System gelebt, durch sie werden sie einleuchtend, überzeugend, gewinnend, herrschend. Die
       Persönlichkeit ist ihre <term key="Weltanschauung, Persönlichkeit ihrer Vertreter">Verkörperung</term>. Eben damit ist freilich auch gesagt: sie ist auch ihre <term key="Weltanschauung, Grenze">Grenze</term>. Wo die Magie ihrer Urheber und ihrer Vertreter
       zu Ende ist, da pflegt es auch mit ihrer <term key="Weltanschauung, Machtfrage">Macht</term>
       und damit mit ihnen selbst zu Ende zu gehen. Man spricht von «Epigonen» und meint damit
       solche Anhänger einer Weltanschauung, die zwar noch immer ihre Vertreter, des ursprünglichen
       Impulses ihrer ersten Vertreter, d. h. aber eben ihrer Magie auch im passiven Sinn [jedoch]
       nicht mehr teilhaftig sind, die sogar aufgehört haben, deren echte Hörige zu sein, wobei es
       nicht ausgeschlossen ist, dass auch ein Urheber selbst nach einiger Zeit seine Magie und
       damit seine Originalität verlieren und also sein eigener «Epigone» werden <term key="Weltanschauung, «Epigonentum»">kann</term>. Den «Epigonen» bleibt so oder so nur noch
       die Erinnerung, dass die magische Persönlichkeit und mit ihr die Macht einmal dagewesen ist.
       Aber von solcher Erinnerung kann keine Weltanschauung leben. Der Augenblick dürfte, wenn mehr
       als Erinnerung nicht mehr mächtig ist, gekommen sein, wo auch die einst mächtigste
       Weltanschauung einer anderen Platz machen muss. Eine Weltanschauung ist mächtig in dem Maß,
       als die Persönlichkeit, von der sie ausging, mindestens in ihrer Nachwirkung nicht nur
       Erinnerung, son<pb ed="A" n="785" break="no"/>dern Gegenwart ist.</p>
      <p> Die andere Macht jeder <term key="Weltanschauung, Machtfrage">Weltanschauung</term>
       besteht darin, dass sie<note xml:id="n140">Tskr.: «die»; Korrektur durch die Hrsg.</note>
       <hi rend="italic">zeitgemäß</hi>
       <term key="Weltanschauung, Zeitgemäßheit">ist</term>. Nicht jedes Prinzip und jedes System
       kann jederzeit hoffen, als Weltanschauung geboren zu werden und zu existieren. Sie bedürfen
       dazu eines bestimmten geschichtlichen Zusammentreffens. Sie bedürfen je einer solchen Zeit,
       die gerade für sie, gerade für ihre Verkündigung und Geltung reif geworden ist, weil gerade
       sie ihren besonderen Fragen und Bedürfnissen, Neigungen und Abneigungen, Zweifeln und
       Gewissheiten entgegenkommt, ihr besonderes Problem zu beantworten scheint. Man muss auch hier
       von einem Geheimnis <pb xml:id="p187" ed="pga"/> reden. Dass diese Zeit im Bewusstsein der
       Unzähligen, die ihr das Gesicht geben, gerade diesen und diesen Lösungen entgegenstrebt,
       gerade für diese und diese Heilsbotschaft bereit ist, das ist bei Allem, was man beschreibend
       zu diesem ihrem Schicksal sagen mag, letztlich nicht weniger unerklärlich als das Faktum,
       dass sich dann regelmäßig die magische <term key="Weltanschauung, Persönlichkeit ihrer Vertreter">Persönlichkeit</term> einzustellen
       pflegt, die ihr das entgegenträgt, von dem man jedenfalls nachträglich sagen muss, dass sie
       gerade danach begehrt zu haben scheint. Ohne diese zweite Macht könnte tatsächlich auch jene
       erste nicht mächtig sein: ohne die bereite und reife, auf diese und diese Bindung und
       Bestimmung geradezu wartende Zeitgenossenschaft müsste der Zauber auch der stärksten
       Persönlichkeit schon im Ansatz versagen, könnte keine Weltanschauung als solche sichtbar und
       wirksam werden. Sie hat, um leben zu können, die Vielen ebenso nötig wie den Einen. Sie wird
       mächtig als das Werk des Einen, in welchem die Vielen sich selbst wiederzuerkennen vermögen.
       Auch darin wird freilich die Grenze der Macht jeder <term key="Weltanschauung, Grenze">Weltanschauung</term> offenkundig. Sie ist dann zu Ende, wenn die geschichtliche
       Konfiguration sich ändert, wenn die Bedürfnisse und Fragen neuer Zeitgenossen ihrerseits neu
       werden. Sie wird dann historisch: historisch ehr- und denkwürdig, aber auch historisch
       belanglos. Sie wird dann zum Gegenstand unbeteiligter und im Grunde nicht mehr verstehender
       Forschung. Denn wie sollte eine Weltanschauung da noch verstanden werden können, wo ihre Zeit
       vorbei <term key="Weltanschauung, Zeitgemäßheit">ist</term>, wo die Fragen, auf die sie einst
       geantwortet hat, keine brennenden Fragen mehr, als Fragen überhaupt nur noch zu
       rekonstruieren sind? <pb ed="A" n="786"/> Sie kann aber auch überhaupt zu früh oder zu spät
       und aus diesem Grunde überhaupt nie zur <term key="Weltanschauung, Machtfrage">Macht</term>
       kommen. Sie lebt als Bild, wenn und sofern es Augen gibt, die sie zu sehen und dann wirklich
       durch sie hindurch als in ihrem eigenen Bilde auch die Welt zu sehen vermögen. Sie könnte
       ohne die Erfüllung auch dieser Bedingung nur ein gespenstisches Leben führen. – Das Alles –
       das <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term> und seine <term key="Weltanschauung, Prinzip, heilige Wahl">Wahl</term>, das <term key="Weltanschauung, System">System</term> und die verschiedenen Möglichkeiten seiner
       Gestaltung, die <term key="Weltanschauung, Machtfrage">Macht</term> ihres Auftretens und
       deren Bedingungen – wird man vor Augen haben müssen, wenn man das Entstehen der <term key="Weltanschauung, Entstehung">Weltanschauungen</term> zunächst von seiner technischen
       Seite verstehen will.</p>
      </div>
      <!-- nächste Seite - "bewegendes Motiv für Glaube, Weltanschauung" -->
      <div>
      <p>Wir können aber, um hier wirklich zu verstehen, nicht bei dieser technischen Erklärung
       stehen bleiben. Was ist nun eigentlich der be<pb xml:id="p188" ed="pga" break="no"/>wegende
       Grund in diesem ganzen Geschehen? Wie kommt es zuerst zu jener Auswahl, dann zu jener
       Verknüpfung alles Nichtausgewählten mit dem einen Ausgewählten und schließlich, wenn es gut
       geht, zu jener mächtigen Bildwerdung? Auf die Rolle und Funktion der Götter gleich bei Beginn
       dieses Geschehens: da, wo es in jener Konstituierung eines Vorzugselementes seinen Ursprung
       hat, soll jetzt nur noch einmal hingewiesen sein. Wir fragen, da es uns um die Konfrontation
       der Weltanschauungen mit dem <term key="Glaube, und Weltanschauung">Glauben</term> zu tun
       ist, nach dem, was hier im Menschen als bewegendes Motiv in Betracht kommen kann.</p>
      <p>Hier dürfte zunächst Eines sicher sein: Der Mensch schreitet dann zum Entwurf einer
       Weltanschauung, wenn er der Welt (mit Einschluss der Gottheit und seiner selbst) gegenüber
       von der <term key="Mensch, Unruhe"><hi rend="italic">Unruhe</hi></term> erfasst ist, sein
       Verhältnis zu ihr könnte nicht geordnet sein. Hätte er diese Unruhe nicht, wäre er bei sich
       selbst und also auch in der Welt geborgen, weil zuerst und zuhöchst geborgen in Gott, dann
       könnte offenbar schon die Frage nach einem Prinzip gar nicht aktuell bzw. es könnte jene
       vermeintliche Offenbarung eines absoluten Vorzugselementes bei ihm gar nicht Ereignis werden.
       Damit würde dann aber auch der Versuch einer Konstruktion des dem <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term> entsprechenden <term key="Weltanschauung, System">Systems</term> gegenstandslos und die zu seiner Bildwerdung
       unentbehrliche Macht faktisch entbehrlich werden. Der ruhige Mensch würde zu jenem ganzen
       Unternehmen gar nicht antreten: er würde jene Frage <pb ed="A" n="787"/> gar nicht stellen,
       jenen Bau nicht in Angriff nehmen, mit jener doppelten <term key="Weltanschauung, Machtfrage">Machtfrage</term>: der Frage nach der Macht der <term key="Weltanschauung, Persönlichkeit ihrer Vertreter">Persönlichkeit</term> und der des
       jeweiligen <term key="Weltanschauung, Zeitgemäßheit">Zeitalters</term> gar nichts zu tun
       haben. Er wäre von Haus aus unbeteiligt an dem Allem. Der unruhige Mensch aber ist an dem
       Allem von Haus aus notwendig beteiligt. Ihm genügt es nicht, um die Welt zu wissen und sich
       im Wissen um sie immer aufs Neue zu verwundern über ihre nach allen Seiten unerschöpfliche
       Wirklichkeit. Er hält es in dieser Verwunderung nicht aus. Ihm scheint alles erreichbare
       Wissen um die Welt schal und wertlos, solange er ihrer Wirklichkeit nicht auf den Grund
       gekommen ist. So muss er nach diesem Grunde fragen. Er meint, sie fürchten zu müssen, solange
       er sie nicht erkannt und sich damit zu ihrem ebenbürtigen Rivalen, wenn nicht gar zu ihrem
       Herrn gemacht hat. Er meint, ihr damit gewachsen, ja überlegen zu werden, dass er in Form
       einer Definition sich selber in sie hinein <pb xml:id="p189" ed="pga"/> denkt, ihr eine
       Gestalt gibt, in der sie ihm zugänglich und gebrauchsfähig wird, weil sie die Gestalt seines
       eigenen Formens und also seine Formel ist. Und so genügt es ihm nicht, in der <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> zu leben als einer, dem da nichts ganz fremd und
       unheimlich sein kann, weil sie seine Heimat ist, obwohl er auf das Sichtbarwerden des
       eigentlichen Gesichts aller Dinge erst warten <term key="Schöpfung, Verborgenheit ihres Wesens">muss</term>. Er hält eben dieses Warten nicht
       aus. Ihm scheint es beängstigend, <term ref="kbga-keywords-1768">vertrauen</term> zu sollen,
       ohne in einer von ihm überschauten und durchschauten Welt die sichtbare und begreifbare
       Bürgschaft solchen Vertrauens zu haben. Er meint, erst leben zu können, wenn er sich bewiesen
       hat, dass er leben kann. Er möchte – darum sucht er auch die Definition und die Formel – die
       Möglichkeit begreifen und also haben, auf Grund derer er in der Welt zu existieren hat. Er
       sieht nicht, dass und inwiefern er ohne Erfüllung dieses Postulates gehalten sein
       sollte. |</p>
      <p> In dieser <term key="Mensch, Unruhe">Unruhe</term> haben alle <term key="Weltanschauung, Ursprung in der Weltangst des Menschen">Weltanschauungen</term> ihren
       heimlichen Ursprung. Sie sind Produkte der <term key="Welt, Weltangst">Weltangst</term>, in
       welcher auch die Angst des Menschen vor der Gottheit, auch seine Angst vor sich selber,
       eingeschlossen sind. Indem der Mensch diese Angst hat, sucht er notwendig nach einem Prinzip
       und wird er – was hier das Erste und was hier das Letzte ist, wird sich unmöglich klären
       lassen – <pb ed="A" n="788"/> eines Tages notwendig von irgend einem vermeintlichen <term key="Weltanschauung, Prinzip, heilige Wahl">Vorzugselement</term> offenbarungs- und
       erwählungsmäßig überfallen und besessen werden. Wie sollte er aber damit zur Ruhe kommen? Wie
       sollte die Angst etwas Anderes als Angstbewegungen erzeugen können? Seine Unruhe hat nun erst
       ihr wahres Betätigungsfeld gefunden, auf dem sie doch nicht kleiner, sondern nur immer noch
       größer werden kann. Nun beginnt der <term key="Weltanschauung, System">Systembau</term>,
       d. h. aber nun meint er, von jenem ängstlich aufgesuchten oder ihm aufgedrängten
       Ausgangspunkt her mit Gott und der Welt und mit sich selbst das Entsprechende anfangen zu
       müssen und in der entsprechenden Weise fertig werden zu können. Nun beginnt also das Deuten
       der Dinge und Verhältnisse, das Zurechtbiegen, das Vergrößern und Verkleinern der Phänomene,
       das Bejahen und Verneinen und auch das scheinbar so gemächliche Relativieren, Ordnen und
       Unterordnen im Zeichen und zur Ehre der einmal gewählten und bezogenen Schlüsselposition. Und
       wo das Alles in einer bestimmten Weise zum ersten Mal geschieht, da kann dann immer dieselbe
        <term key="Mensch, Unruhe">Unruhe</term> auch in der Magie der (so genannt und vermeint<pb xml:id="p190" ed="pga" break="no"/>lich) schöpferischen <term key="Weltanschauung, Persönlichkeit ihrer Vertreter">Persönlichkeit</term> zur Macht über
       den Menschen selbst und seine Umgebung werden: potenziert durch die Macht des Entbehrens und
       der Sehnsucht, die ihr in der <term key="Weltanschauung, Zeitgemäßheit">Zeitgenossenschaft</term> begegnet. Es kann dann also zu großen und größten
       weltanschaulichen Aufbrüchen und Durchbrüchen kommen, die, auch nachdem sie geschehen sind,
       noch lange nachwirken, durch die die Welt- und <term ref="kbga-keywords-398">Geistesgeschichte</term> um neue Epochen bereichert werden, deren Spuren sich immer wieder
       oder doch nach noch unübersehbaren Zeiten bemerkbar machen werden. Entscheidende Abgrenzungen
       scheinen dann jeweilen vollzogen, endgültige Absagen scheinen dann ausgesprochen,
       unüberwindliche Sicherheiten und Klarheiten scheinen dann geschaffen, unantastbare
       Autoritäten scheinen dann aufgerichtet, alle Beziehungen zwischen Gott und Welt, Gott und
       Mensch, Mensch und Welt scheinen dann so oder so geordnet, alle Interessen des Menschen
       scheinen dann – vom Grunde des <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzips</term> her und in
       Kraft des daraus entwickelten <term key="Weltanschauung, System">Systems</term> – geregelt
       und gerichtet zu sein. |</p>
      <p>Wir übergehen jetzt die Frage, wie tief solche Beruhigung in der siegreich aufgerichteten
       und durchgesetz<pb ed="A" n="789" break="no"/>ten <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> gehen, wie lange sie dauern mag: nehmen wir an, es sei in ihr zu
       einem Aufbruch und Durchbruch bis in letzte Tiefen gekommen und es sei ihr ein geradezu
       tausendjähriges <term key="Tausendjähriges Reich">Reich</term><note xml:id="n141">Die
        überkommene, chiliastisch geprägte Vorstellung eines tausendjährigen Friedensreiches nach
        dem Ende der Herrschaft des Satans beruft sich auf <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.20.1 Apk.20.6">Apk. 20,1–6</ref>. Während der Herrschaft des Nationalsozialismus wurde der
        Begriff, wenn auch selten und nicht von höchsten Stellen, zur Charakterisierung des
        angebrochenen «Dritten Reiches» verwendet; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-126">C.
         Schmitz-Berning, <hi rend="italic">Vokabular des Nationalsozialismus</hi>,
        Berlin / New York 2000, S. 607</bibl>. Gleichwohl spielte auch <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> auf den Begriff an, wenn er etwa 1934 auf dem Reichsparteitag in
        <placeName ref="kbga-places-48">Nürnberg</placeName> erklärte: «In den nächsten tausend Jahren findet in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> keine Revolution
        mehr statt.» (<bibl corresp="kbga-bibls-164"><persName ref="kbga-actors-6903">M. Domarus</persName>, <hi rend="italic">Hitler. Reden und Proklamationen 1932–1945</hi>, 4 Bd.e, München 1965<hi rend="sup">2</hi>, Bd. I: <hi rend="italic">Triumph</hi>, Teil 1: <hi rend="italic">1932–1934</hi>,
        S. 448</bibl>).</note> beschieden. Eins ist sicher: dass sie in ihrem Ansatz und in ihrem Vollzug,
       mit ihrer doppelten Macht und mit allen ihren Triumphen nicht aus des Menschen Ruhe, sondern
       aus seiner <term key="Mensch, Unruhe">Unruhe</term> stammt. Er muss sich durch den Entwurf
       eines Bildes der Dinge darum zu befriedigen suchen, weil er sich in seinem tatsächlichen,
       ohne Bild verwirklichten Verhältnis zu ihnen nicht befriedigt findet. Er muss sie deuten und
       dichten, weil er sie so, <pb xml:id="p191" ed="pga"/> wie sie sind, scheuen muss. Er muss der
       Verwunderung und der Erwartung zu entrinnen versuchen, weil er es dort nicht aushält. Er muss
       den ganzen Reichtum einer solchen Weltanschauung an sich reißen, weil er so ein Armer ist. Er
       muss sich einem damit sich selbst auferlegten Gesetz beugen, weil er tatsächlich nicht frei
       sein kann. Die Weltanschauungen sind die wechselnden Exponenten der Not und Kümmerlichkeit
       der menschlichen <term key="Weltanschauung, Exponent der Not der menschlichen Existenz">Existenz</term>. Sie reflektieren nicht die Größe, sondern das Elend des <term ref="kbga-keywords-107">Menschen</term>. Es können auch die größten Leistungen und Werke
       dieser Art darüber nicht täuschen, dass der Mensch ihrer, wenn er in echter Weise groß wäre,
       nicht bedürfte.</p>
      <p> Aber unsere Erklärung des Vorgangs muss doch wohl tiefer greifen. Woher eigentlich die
        <term key="Mensch, Unruhe">Unruhe</term>, die hier wirksam ist? Woher des Menschen <term key="Welt, Weltangst">Weltangst</term>, in der er es sich nicht genügen lassen kann, zu
       wissen und sich zu wundern, und in der er nicht vertrauen mag, ohne sich zu beweisen, dass
       ihm das möglich ist? Warum muss er die Wirklichkeit scheuen und darum deuten, dichten und
       bilden? Warum hält er es nicht aus in der Verwunderung und im Erwarten? Warum ist er nicht
       frei? Was ist des Menschen <term ref="kbga-keywords-107">Elend</term>?<note xml:id="n142">«Von des menschen elend»: Überschrift des ersten Teils im Heidelberger Katechismus (1563);
        <bibl corresp="kbga-bibls-17">BSRK, S. 683,16</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-440">RBKS 2/2, S. 167</bibl>.</note> Was treibt ihn dorthin, wo der Versuch einer <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> ihm unvermeidlich wird? Wir fahren wohl am
       sichersten, wenn wir die Antwort darauf ganz einfach in eben dem suchen, was wir den Menschen
       in dieser ganzen Sache tun sehen: Er meint <hi rend="italic">sich selber helfen</hi> zu
       müssen, zu sollen, zu können. Zu müssen: weil er sich für bedroht hält. Zu sollen: weil er
       seine Würde darin sieht, sich dieser Bedrohung zu erwehren. Zu können: weil er sich die
       Fähigkeit zuschreibt, diese Abwehr durchzuführen. Diese drei<pb ed="A" n="790" break="no"/>fache Meinung ist des Menschen dreifacher <term key="Mensch, dreifacher Irrtum"><hi rend="italic">Irrtum</hi></term>. Er ist nicht etwa erst eine Folgeerscheinung seiner
       Unruhe, sondern er erzeugt, aus ihm entsteht und in ihm besteht seine Unruhe, in der er dann
       aufbricht, um sich eine Weltanschauung zu verschaffen. Es handelt sich wirklich nach allen
       drei Seiten um einen ebenso radikalen wie folgenschweren Irrtum. Der Mensch ist ja nicht
       bedroht, aber indem er sich dafür hält, wird er es; indem er dem Schutz, unter dem er steht,
       misstraut, verliert er ihn tatsächlich; indem er sich helfen zu müssen meint, stürzt er sich
       tatsächlich in die größte Hilfsbedürftigkeit und <pb xml:id="p192" ed="pga"/> Hilflosigkeit.
       Und weiter: er soll sich gewiss nicht selber wehren: die Würde, die er sich damit anmaßt, ist
       so nichtig wie die Notwendigkeit, die er dabei voraussetzt. Aber eben aus dieser Anmaßung
       erwächst ihm allerdings eine Pseudo-Würde und die düstere Pflicht, die angemaßte Rolle eines
       Verteidigers seiner eigenen Belange nun wirklich durchzuführen. Und weiter: Von einer
       wirklichen Fähigkeit des Menschen, diese Abwehr durchzuführen, kann gar keine Rede sein –
       schon darum nicht, weil ja eben er selbst es ist, der die ihn bedrohende Gefahr auf den Plan
       führt. Er kann aber allerdings so tun, als ob er sich wehren und erretten könnte. Er kann die
       Rolle spielen, zu der er sich selber, finster genug, verpflichtet hat, verpflichten zu müssen
       gemeint hat. Es ist ein ganzer Irrgarten von Willkür und Verhängnis, in welchem er wandelt
       und den er, indem er darin wandelt, selber zur Realität macht. Das Irrtümliche ist immer
        <term key="Mensch, dreifacher Irrtum">dasselbe</term>: das verzagte, quälerische, trotzige
       und hochmütige Wähnen des Menschen, dass er selbst sein eigener Halt sei: sein müsse, sein
       solle, sein könne. Eben in diesem Wahn wird und ist er haltlos. Eben dieser Wahn ist die ihn
       treibende <term key="Mensch, Unruhe">Unruhe</term>. Man bemerke: Von hier aus wird alles das
       Religiöse, Numinose, Mystische verständlich, das uns schon bei der Betrachtung der
       technischen Entstehung einer <term key="Weltanschauung, Entstehung">Weltanschauung</term>
       aufgefallen ist: die Gottähnlichkeit der <term key="Weltanschauung, Prinzip, Gottähnlichkeit">Prinzipien</term>, die letztlich unerklärliche Tatsache, dass und warum jetzt dieses, jetzt
       jenes Element des Daseins den Charakter eines heilig zu erwählenden <term key="Weltanschauung, Prinzip, heilige Wahl">Vorzugselementes</term> annehmen und zum
       Kristallisationskern eines <term key="Weltanschauung, System">Systems</term> werden kann, die
        Dämonie <pb ed="A" n="791"/> des <term key="Weltanschauung, System, Dämonie">Systembaus</term> als solchen, die eigentümliche Lösung der <term key="Weltanschauung, Machtfrage">Machtfrage</term> in dem wunderlichen Spiel zwischen der
       Magie der einzelnen <term key="Weltanschauung, Persönlichkeit ihrer Vertreter">Persönlichkeit</term> und der Empfänglichkeit ihrer <term key="Weltanschauung, Zeitgemäßheit">Zeitgenossen</term>. |</p>
      <p>Dass der Mensch im Irrgarten wandelt, das zeigt sich nun eben darin, dass sein ganzes Werk
       die Art eines Zaubergartens hat, wo immer aufs Neue das in sich Unerklärliche,
       Unübersichtliche, Unableitbare die wichtigsten Entscheidungen herbeiführt, die größten
       Triumphe feiert, wobei doch Alles viel zu widerspruchsvoll und spukhaft und schließlich auch
       viel zu relativ und vergänglich ist, als dass es sich etwa lohnen könnte, hinter den
       verschiedenen Geheimnissen, die da sichtbar und wirksam sind, das Geheimnis des Göttlichen,
       einen letzten, haltbaren Sinn und also die Linien einer ernstlich so zu nennenden und als
       solche zu anerkennenden Weltregierung ausfindig zu ma<pb xml:id="p193" ed="pga" break="no"/>chen. Regiert wird da allerdings. Linien sind da bemerkbar. Bewegung in bestimmtem Rhythmus
       findet da statt. Folge und Zusammenhang und insofern Sinn wird da im Einzelnen und
       vorübergehend fortwährend sichtbar. Aber eben: wie vereinzelt, wie zufällig, wie
       widerspruchsvoll, wie wandelbar das Alles: wie unfrei, wie zwangsläufig im Einzelnen – und im
       Ganzen wie unköniglich, wie mangelnd aller Souveränität, alles einheitlich sich
       durchsetzenden Willens und Planes! Was ist real in all dem Spukhaften und konstant in all dem
       Wechsel als eben des Menschen <term key="Mensch, Unruhe">Unruhe</term>? Wie soll man aber
       diese anders verstehen und bezeichnen denn als sein Bemühen, sich selber zu helfen? Und wie
       soll schließlich dieses Bemühen anders denn als das eines Wahns verstanden werden, da es sich
       so sichtlich immer wieder im Kreise bewegt, sein Ziel offenbar weder jemals kennt noch jemals
       zu erreichen versteht? Es ist wohl des Menschen <term ref="kbga-keywords-1601">Größe</term>,
       die sich in seiner Unruhe äußert und in den Werken dieser seiner Unruhe spiegelt. Aber eben
       des Menschen Größe ist offenbar faktisch sein <term ref="kbga-keywords-107">Elend</term>:<note xml:id="n143">Dieses Begriffspaar geht zurück auf <persName ref="kbga-actors-720">Blaise Pascal</persName>: «<foreign xml:lang="fre">La misère se concluant de la grandeur, et la
        gradeur de la misère, […]: étant certain qu’à mesure que les hommes ont de lumière, ils
        trouvent et grandeur et misère del’homme.</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-3637"><persName ref="kbga-actors-720">B. Pascal</persName>, <hi rend="italic">Pensées</hi>,
        Fragment 416: «Grandeur et misère», in: ders., <hi rend="italic">Pensées et Opuscules</hi>,
        ed. L. Brunschvicg, Paris o. J., S. 514</bibl>). In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Ausgabe (<bibl corresp="kbga-bibls-5196"><hi rend="italic">Pensées de
         Pascal sur la Religion et sur quelque autres sujets</hi>, nouvelle édition, Paris o. J.</bibl>)
        ist der zweite zitierte Satz unterstrichen (<bibl corresp="kbga-bibls-5196">a.a.O., S. 228</bibl>).</note> sie ist tragische und
       komische, sie wird aber in keiner Weltanschauung zur echten Größe. Seiner echten Größe hat
       der Mensch, indem er sich zu diesem Unternehmen aufmacht, immer schon den Rücken gekehrt.
       Wäre doch der Rest das Schweigen!<note xml:id="n144">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1541"><persName ref="kbga-actors-382">W.
         Shakespeare</persName>, <hi rend="italic">Hamlet, Prince of Denmark</hi>, Act 5, Scene 2
        (Elsinore. A hall in the castle)</bibl>: «<foreign xml:lang="eng">The rest is silence</foreign>» (das letzte Wort des Titelhelden vor
        seinem Tod).</note> Der Rest ist aber das tragische und komische Theater: der Scheinmensch
       in der Scheinwirklichkeit, <pb ed="A" n="792"/> der Scheingeist, die Scheinnatur und die
       Scheingottheit mit ihren Scheinmysterien. Das ist die Luft, die wir so oder so in allen <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term> zu atmen bekommen, weil sie alle in dieser Luft
       erzeugt und geboren wurden. Warum Schein? Darum Schein, weil es nur Schein ist, dass der
       Mensch sich selber helfen müsse, solle und könne: ein mächtiger und wirkungsvoller Schein,
       aber nur ein Schein. Er treibt den Menschen in die <term key="Welt, Weltangst">Weltangst</term>, in der er die Verwunderung und <pb xml:id="p194" ed="pga"/> das Warten
       nicht aushalten kann. Er macht ihn unfrei, so dass er sich einem selbstaufgerichteten Gesetz
       unterwerfen muss. Er macht es ihm unvermeidlich, sich in die Weltanschauungen zu
       flüchten.</p>
      <p> Wir können aber offenbar auch bei diesen Erklärungen des Vorgangs noch nicht stehen
       bleiben. Dass der Mensch dem Schein verfällt, durch den Schein in jene <term key="Mensch, Unruhe">Unruhe</term> versetzt und in jene Flucht getrieben wird, das kommt
       nicht von ungefähr, das ist auch noch nicht das Urphänomen, mit dem wir es hier zu tun haben.
       Wo Irrtum ist, da ist im Rücken des irrenden Menschen die preisgegebene Wahrheit, da kommt
       der Mensch, indem er irrt, von dieser Preisgabe her, da ist ein Akt der <term key="Mensch, Untreue"><hi rend="italic">Untreue</hi></term> das, was ihn eigentlich und
       ursprünglich in Bewegung setzt. Gerade alle die pseudo-göttlichen Momente in der Entstehung
       einer <term key="Weltanschauung, Entstehung">Weltanschauung</term>, die mit dem in diesem
       Vorgang wirksamen Wahn so eng zusammenhängen, wären als solche letztlich doch noch
       unverstanden, wenn wir nicht einsähen, dass der menschliche Wahn in einer bestimmten, wenn
       auch negativen Beziehung – in der Beziehung des Abfalls nämlich – zur menschlichen Wahrheit
       steht. Das macht ihn zum feierlichen Wahn. Von daher hat er seinen auf der ganzen Linie so
       sichtbaren religiösen, numinosen, mystischen Aspekt. Von daher ist er tatsächlich mit einem
       Geheimnis, wenn auch nur mit einem Pseudogeheimnis umkleidet. Weil er aus einem Akt der
       Untreue stammt, darum spiegelt er, wenn auch als Zerrbild und in der Verkehrung, die
       Bedingungen der Treue, aus der er herausgetreten und dann sofort herausgefallen ist. Dass der
       Mensch sich selber helfen zu müssen, helfen zu sollen, helfen zu können meint, das ist die
       Meinung seiner <hi rend="italic">Untreue</hi>. Und eben das cha<pb ed="A" n="793" break="no"/>rakterisiert sie als Irrtum. Von allen anderen Orten her könnte ja noch immer gefragt
       werden, ob der Mensch nicht gerade in dieser Meinung mindestens teilweise auch als
       Wahrheitssucher und dann auch als Wahrheitsfinder verstanden werden könnte, ob also der
       Vorgang der Entstehung der <term key="Weltanschauung, Entstehung">Weltanschauungen</term>
       nicht in einer bestimmten Teilnahme an der <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term>
       seine gewisse Ehre haben möchte. Es ist der vorangehende und zugrundeliegende Akt der
       Untreue, der diese Interpretation unmöglich macht. Aus Untreue folgt keine – auch keine
       teilweise – Wahrheit, sondern nur Irrtum, nur negative Beziehung zur Wahrheit, nur Streit
       gegen sie, nur Verfinsterung der Wahrheit. Die Pseudofeierlichkeit des Wahns ist das Einzige,
       was ihn mit der Wahrheit verbindet. Gerade sie <pb xml:id="p195" ed="pga"/> ist aber auch das
       deutlichste Zeichen, dass er gerade von der Wahrheit geschieden ist. Gerade sie macht ihn
       nicht besser, sondern schlimmer. |</p>
      <p> Weil die Weltanschauungen ihren Grund in der menschlichen Untreue <term key="Weltanschauung, begründet in der menschlichen Untreue">haben</term>, darum gibt es von
       ihnen aus nur die Umkehr – die Umkehr zur Treue nämlich und damit zur <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> – oder aber das Weitergehen von Wahn zu Wahn, von
       Irrtum zu Irrtum. Zwischen dem Werk des Menschen, der sich selber helfen zu müssen, zu
       sollen, zu können meint, und dem Werk der Wahrheit gibt es keine Versöhnung, keine <term key="Wahrheit, keine Vermittlung">Vermittlung</term>, keinen Übergang. Er muss wieder treu
       werden, oder er wird nie das Werk der Wahrheit tun. Tut er aber das Werk der Wahrheit, dann
       hört er eben damit auf, die Werke des Wahns und des Irrtums zu tun. Er ist dann von Haus aus
       fertig mit allen <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term>. Die <term key="Mensch, Untreue">Untreue</term>, die am Anfang der menschlichen <term key="Mensch, Unruhe">Unruhe</term>, am Anfang seiner Flucht in die Weltanschauungen und so
       am Anfang seines Sturzes in den Schein steht, ist aber die Abwesenheit derjenigen
       Zuverlässigkeit des Menschen, die der Zuverlässigkeit, in der er von Gott in und mit der Welt
       gehalten ist, entsprechen würde. Entsprechend dieser Zuverlässigkeit Gottes und also seines
       eigenen Gehaltenseins müsste der Mensch sich darauf verlassen, gehalten zu sein. Sein
       Verhältnis zu Gott, zur Welt und zu sich selbst ist in Wahrheit durchaus nicht ungeordnet: so
       liegt für ihn durchaus keine Not vor, sich selbst zurechtzuhelfen. Es ist aber <pb ed="A" n="794"/> die Ordnung dieser Verhältnisse auch durchaus nicht Sache seines Auftrags: so gibt
       es für ihn auch keine Pflicht in der Linie jenes Versuchs, keine Würde, die er sich, indem er
       diesen Versuch unternimmt, zu verschaffen und zu sichern hätte. Und da sie schließlich auch
       gar nicht in seinem Vermögen liegt, ist er gewissermaßen schon physisch dispensiert davon,
       ihn zu unternehmen. Er ist in allen diesen Beziehungen von Gott zurückgehalten: eben dadurch
       nämlich, dass er von Gott gehalten, dass ihm die Hilfe, die er sich selbst verschaffen wollen
       könnte, von Gott nicht nur zugesagt, sondern schon geleistet ist. Gott ist ihm gerade in der
       Hinsicht zuvorgekommen, in der er jetzt seinerseits Gott zuvorkommen zu müssen meint. Das ist
       die göttliche Zuverlässigkeit, der die seinige entsprechen dürfte und müsste. Sie dürfte und
       müsste darin bestehen, dass er alle Selbsthilfe daraufhin unterlässt, dass ihm geholfen ist:
       dass es keine Not gibt, aus der er sich erst selbst heraushelfen müsste, sollte und könnte.
       Er dürfte und müsste ruhig <pb xml:id="p196" ed="pga"/> sein: vor Gott, in der Welt, sich
       selbst gegenüber, wie Gott an seinem Ort und in seiner Weise ruhig ist. Er bedarf keines
       Bildes, keiner Brille, durch die hindurch er erst mit den Dingen zurechtkommen könnte. Sie
       brauchen gar nicht erst zurechtgebracht zu werden: sie sind es. Sie bedürfen keiner
       synthetischen Anstrengung, keiner Wesensschau<note xml:id="n145">In der phänomenologischen
        Philosophie des 20. Jahrhunderts, besonders bei <persName ref="kbga-actors-1060">Edmund Husserl</persName>, signifikant verwendeter
        Terminus; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5264"><persName ref="kbga-actors-1060">E. Husserl</persName>, <hi rend="italic">Phänomenologische Psychologie. Vorlesungen Sommersemester 1925</hi> (Husserliana.
        Gesammelte Werke, Bd. 9), hrsg. von W. Biemel, Doordrecht 1962, S. 72–86: § 9</bibl>: «Die
        Wesensschau als genuine Methode der Erfassung des Apriori» (seitenidentische Ausgabe: <bibl corresp="kbga-bibls-5266">PhB
        538, Hamburg 2003</bibl>). Vgl. zur – in der Verwendung des Begriffs vielfach über Husserl
        hinausgehenden – Rezeption <bibl corresp="kbga-bibls-5267">K.-H. Lembeck,
        Art. «Wesensschau», HWP 12, Sp. 655–659.</bibl></note> und keiner Sinngebung, um richtig zu sein.
       Sie warten durchaus nicht darauf, <term key="Weltanschauung, Prinzip">prinzipiell</term>
       gewürdigt und <term key="Weltanschauung, System">systematisiert</term> zu werden. Sie
       bedürfen auch keiner Magie und keiner besonderen Empfänglichkeit irgendwelcher <term key="Weltanschauung, Zeitgemäßheit">Zeitgenossen</term> magischer <term key="Weltanschauung, Persönlichkeit ihrer Vertreter">Persönlichkeiten</term>. Sie sind
       allesamt recht: als Gegenstand rechter <term ref="kbga-keywords-911">Wissenschaft</term>, als
       Raum rechten Handelns, als Quelle rechter Empfindung, indem sie ohne alle Zutat des Menschen
       sind, was sie sind, und sind, wie sie sind. |</p>
      <p>So dürfte und müsste der Mensch ruhig sein, ruhig wissen und ruhig handeln, um eben damit
       der Zuverlässigkeit auch von seiner Seite zu entsprechen, in der Gott alle Dinge und auch ihn
       selbst geschaffen und zubereitet hat.<note xml:id="n146">Vgl. oben, <ref type="pub" target="#fn_n112">Anm. 112</ref>.</note> Indem er jene Ruhe verlässt und also unruhig wird,
       hört er auf, sich auf das zu verlassen, worauf er sich verlassen dürfte und müsste. Indem er
       in dieser <term key="Mensch, Unruhe">Unruhe</term> ans Bildermachen <pb ed="A" n="795"/> und
       Brillenmachen geht und seine Werke zwischen sich und Gott, sich und die Welt, sich und sich
       selbst hineinschiebt, um sein Verhältnis zu ihnen zu ordnen, als ob es ungeordnet wäre, wird
       er <term key="Mensch, Untreue">untreu</term> an dem, was sein dürfte und müsste, an seiner
       eigenen, der menschlichen <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term>, die primär die
       Wahrheit <term ref="kbga-keywords-62">Gottes</term> selber ist. Nur der Zweifel an jenem
       zuverlässigen Sachverhalt kann ihn ja unruhig machen. In jenem Sachverhalt als solchem liegt
       keine Unruhe, liegt auch kein Anlass zur Unruhe. Der Zweifel allein kann hier Unruhe bringen,
       und der <term key="Mensch, Zweifel">Zweifel</term> tut es. Eben der Zweifel ist aber die
        <term key="Mensch, Untreue">Untreue</term>, der schon vollzogene Abfall, aus dem dann nur
       Werke des <pb xml:id="p197" ed="pga"/> Abfalls folgen können. Der Zweifel ist des Menschen
       Unzuverlässigkeit, mit der sich ihm freilich ein ganzes Reich von Möglichkeiten eröffnet, die
       doch, gemessen an dem Zuverlässigen, an dem er zweifelt, nur ebenso viele Unmöglichkeiten
       sein können. – So viel zur inneren Begründung der Entstehung aller <term key="Weltanschauung, begründet in der menschlichen Untreue">Weltanschauungen</term>.</p>
      </div>
      <!-- nächste Seite "Weltanschauung als ein Reich der Unmöglichkeiten" -->
      <div>
      <p>Wir suchen uns nun noch Rechenschaft zu geben über die <hi rend="italic">Situation</hi>,
       die sich da ergibt, wo eine Weltanschauung entstanden und für einen oder für viele Menschen
       oder für eine ganze Zeit maßgebend, herrschend geworden ist. Wir haben das Reich einer
       Weltanschauung soeben ein Reich von lauter <term key="Weltanschauung, Reich von lauter Unmöglichkeiten"><hi rend="italic">Unmöglichkeiten</hi></term> genannt. Das ist’s, was jetzt zu zeigen ist.</p>
      <p> Die Herrschaft einer <term key="Weltanschauung, Herrschaft">Weltanschauung</term> bedeutet
       zunächst grundsätzlich dies, dass die Wirklichkeit Gottes, der Welt und des Menschen für den,
       der unter dieser Herrschaft steht, durch ein bestimmtes, von ihr selbst verschiedenes <hi rend="italic">Bild</hi> von ihr bedeckt und insofern ersetzt und abgelöst worden <term key="Weltanschauung, Verdeckung der Wirklichkeit">ist</term>. Es ist wahr – und es ist ein
       wahres Glück für die Beherrschten und auch für alle die Anderen, die ihrerseits durch diese
       Beherrschten beherrscht werden oder doch mit ihnen zu leben haben, dass die Wirklichkeit
       stark genug ist, sich als solche zu behaupten, sich also nicht gänzlich und nicht letztlich
       durch ein solches Bild verdrängen zu lassen. Wie mächtig dieses auch werden und sein mag, es
       bleibt doch auch für die von ihm Beherrschten, es bleibt doch auch in seinem ganzen Bannkreis
       bei dem, was die Natur- und die Geisteswelt und was der Mensch selbst in <pb ed="A" n="796"/>
       ihrem eigenen, durch kein vermeintliches Überschauen und Durchschauen, durch keine Deutungen
       und Zurechtstellungen zu verändernden Wesen sind. Es geht, welche Weltanschauung auch den
       Menschen erfüllen, begeistern, bestimmen möge, da draußen im Kosmos und auch da drinnen in
       des Menschen seelischer und leiblicher Existenz Alles seinen majestätischen Gang, als wäre
       nichts <term key="«als wäre nichts geschehen»">geschehen</term>,<note xml:id="n147">Siehe
        oben, <ref type="pub" target="#fn_n62">Anm. 62</ref>.</note> und unbekümmert darum, dass der
       Mensch ihm jetzt diesen, jetzt jenen Namen zu geben, es jetzt dieser, jetzt jener Ordnung zu
       unterwerfen sich einfallen lässt. Es ist nie an dem, dass er sich auch nur die Dinge wirklich
       unterworfen hätte, nie an dem, dass er auch nur sein eigener Herr wirklich geworden wäre. Und
       Gott bleibt Gott, gleichviel, ob der Mensch sich von <pb xml:id="p198" ed="pga"/> der Gottheit
       diese oder jene Konzeption gemacht, ob er sie so oder so interpretiert und zurechtgestutzt,
       ob er sie in diesem Verständnis erkannt und bekannt, in jenem geleugnet und in jenem dritten
       relativiert und seinem Selbst- und Weltverständnis gleichgeschaltet hat. |</p>
      <p> Die <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term> stehen als solche, indem sie
       schließlich allesamt doch nur Anschauungen sind, vor dem Angeschauten als vor einer Mauer,
       die sie nicht umzuwerfen und nicht zu beseitigen vermögen. Eben an dieser Mauer pflegen sie
       aber auch – je heftiger sie dagegen anrennen, umso sicherer und früher – einmal zu scheitern.
       Es pflegt die gedeutete Wirklichkeit sich früher oder später auf einmal sehr energisch und
       sehr ausdrucksvoll gegen ihre Deuter zu <term key="Weltanschauung, scheitert an der Wirklichkeit">wenden</term>, sie sehr offenkundig aus
       dem Konzept zu bringen und abzuschütteln, sie mindestens zu neuen Deutungen und also zur
       Preisgabe ihrer bisherigen zu nötigen, sie in der ganzen Ausübung ihrer Deutungskunst
       gewissermaßen fortwährend außer Atem zu halten und so daran zu erinnern, dass man ihr mit
       keiner Deutung wirklich gerecht werden kann, dass sie es sich verbittet, zurechtgestellt zu
       werden. Es pflegt aber auch keine Weltanschauung jemals total – auch nur in dem von ihr
       Beherrschten, auch nur in dem von ihr original beherrschten Menschen total <term key="Weltanschauung, Herrschaft, niemals total">herrschend</term> zu werden. Sie steht auch
       da vor der Mauer des Angeschauten, der von ihr nicht zu verändernden Wirklichkeit, wo sie in
       Kraft steht. Sie steht immer nur ein Stück weit, immer nur lückenhaft in Kraft. Es kann und
       wird ihr Bild die <pb ed="A" n="797"/> Wirklichkeit nie ganz bedecken. Es ist aber genug an
       dem, dass sie es zeitweise und teilweise tatsächlich zu bedecken vermag. Kann sie die ihr
       notwendig gesetzte Schranke nicht überspringen und nicht zerbrechen, so kann sie doch
       innerhalb dieser Schranke als eingedrungener Fremdkörper Störung und Verwirrung anrichten.
       Das vom Menschen entworfene und aufgerichtete Bild, das man eine Weltanschauung nennt, ist
       ja, indem es von der Wirklichkeit Gottes, der Welt und des Menschen verschieden, indem es
       eine Abstraktion ist, ein <term key="Weltanschauung, Fremdkörper in der Wirklichkeit">Fremdkörper</term>: einer von den Fremdkörpern, die der Wirklichkeit Gottes, der Welt und
       des Menschen zwar entgegenstehen, von ihr aber nicht einfach unterdrückt, sondern
       vorübergehend und innerhalb gewisser Grenzen bis zu ihrer Überwindung und Ausscheidung <term key="Weltanschauung, vorübergehende Duldung">geduldet</term> und zugelassen werden. Auch die
       Götter sind solche Fremdkörper. Auch des Menschen <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>,
       auch der <term key="Teufel">Teufel</term> sind solche Fremdkörper. Und der Zu<pb xml:id="p199" ed="pga" break="no"/>sammenhang dieser anderen Fremdkörper mit den Bildern der
       Weltanschauungen ist nur zu deutlich. Eben als Fremdkörper können diese Bilder, solange und
       so weit sie herrschen, nur stören und verwirren. Nicht in sich, aber für die von ihnen
       beherrschten Menschen, in deren Sicht und für deren Stellungnahmen können Gott und die Welt
       und der Mensch, sofern sie durch diese Brillen gesehen werden, aufhören zu sein, was sie
        <term key="Weltanschauung, Verdeckung der Wirklichkeit">sind</term>. Die zum Element eines
       solchen Bildes gewordene <hi rend="italic">Gottheit</hi> ist, was sie auch sein mag,
       jedenfalls nicht der wirkliche, der lebendige Gott. Ihm ist im Bilde jeder Weltanschauung
       sein göttlicher Charakter schon dadurch genommen, dass der Mensch da auch über ihn verfügt,
       dass er auch ihn zu einem Objekt seines Überschauens, Durchschauens und Ordnens gemacht
       hat. |</p>
      <p> Der vom Menschen definierte und anderen Objekten seines Definierens zugeordnete «Gott» ist
       als solcher nicht Gott. Er ist es auch dann nicht, wenn ihm sämtliche Prädikate des
       christlichen <term key="Gott, Eigenschaften">Gottesbegriffs</term> zugeschrieben werden und
       wenn er dann in dieser Ausstattung sei es bekannt, sei es geleugnet, sei es in irgend einer
       relativen Stellung und Funktion respektiert wird. Die theistischen, die atheistischen und die
       relativistischen Weltanschauungen wirken hier in gleicher Weise störend und verwirrend. Sie
       verdecken in gleicher Weise die Wirklichkeit <term key="Weltanschauung, Verdeckung der Wirklichkeit">Gottes</term>, von dessen Selbstkundgebung
       der Mensch nur <pb ed="A" n="798"/> ohne jedes Bild herkommen, dem er aber unmöglich in Besitz
       oder auch nur unter Voraussetzung der Möglichkeit eines von ihm verschiedenen Bildes
       entgegengehen kann. Der wirkliche Gott bildet den Menschen, indem er ihm <term ref="kbga-keywords-8">offenbar</term> wird. Die Anerkennung dieses seines Tuns ist das <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term> zu ihm. Der Widerspruch und Widerstand gegen
       dieses sein Tun ist seine <term ref="kbga-keywords-64">Leugnung</term>. Das menschliche
       Dasein in seiner positiven oder negativen Auseinandersetzung mit diesem göttlichen Tun ist
       die wirkliche Relativierung Gottes. Alles andere Bekennen, Leugnen oder Relativieren Gottes,
       alles dasjenige, in welchem der Mensch der Bildner Gottes ist statt umgekehrt, geschieht
       unter Verdeckung Gottes und muss seiner Wirklichkeit fremd bleiben. Gerade diese Verdeckung
       Gottes ist natürlich die Urkatastrophe, die in jeder <term key="Weltanschauung, Verdeckung Gottes">Weltanschauung</term> als solcher Ereignis
       wird. |</p>
      <p>Es ist aber auch die zum Element eines solchen Bildes gewordene <term key="Welt, Weltbild"><hi rend="italic">Welt</hi></term>, was sie dann auch sein mag, nicht die wirkliche Welt.
       Auch ihr wird durch die Bilder jeder <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> ihr
       eigener Charakter <pb xml:id="p200" ed="pga"/> genommen, ein fremder Charakter aufgedrückt.
       Wohl ist die Welt mit dem Menschen, für und gegen ihn, wohl auch in ihm selber; sie ist es
       aber, indem sie ihm gegenüber ein unaufhebbar Anderes ist. Die vom Menschen definierte, d. h.
       in seine eigenen Grenzen eingeschlossene, gewissermaßen in ihn hineingenommene und von ihm
       absorbierte, die von ihm vermeintlich überschaute und durchschaute Welt ist so wenig die
       wirkliche Welt, wie der entsprechend behandelte Gott der wirkliche Gott ist. Und indem dort
       die Urkatastrophe passiert, kommt es auch hier zu lauter Störung und Verwirrung. Mit der
       wirklichen Welt hat es der Mensch so lange und insofern zu tun, als er den Mut hat und
       behält, sie anspruchslos zu sehen, wie sie ist, als er sich mit mehr oder weniger Erfolg
       bemüht, redlich um sie zu wissen, als er sich durch das, was er von ihr weiß, von einer
       ehrlichen Verwunderung zur anderen und gerade damit dann auch immer wieder zu neuem Wissen um
       sie führen lässt. Die wirkliche <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> ist das Instrument
       des Tuns des wirklichen Gottes, durch welches der Mensch von ihm gebildet wird. Das geschieht
       nämlich, indem er vom Wissen in die Verwunderung zu neuem Wissen geführt wird, sich führen
       lässt. Wo dieses <pb ed="A" n="799"/> Verhältnis sich in das entgegengesetzte verkehrt: wo der
       Mensch sich nicht mehr führen lassen, sondern selber führen, wo er seinerseits die Welt
       bilden, d. h. im Bilde neu realisieren und rechtfertigen will, statt sich von Gott durch die
       von ihm realisierte und gerechtfertigte Welt bilden zu lassen, da ist es mit der wirklichen
       Welt für ihn zu Ende, da fängt der Zauber an. Auch die wissenschaftliche Begründung, d. h.
       der wissenschaftliche Ansatz eines weltanschaulichen <term key="Weltanschauung, wissenschaftliche">Bildes</term> kann es vom Zauber, d. h. von der
        <term key="Welt, Weltfremdheit">Weltfremdheit</term> nicht unterscheiden; denn gerade wenn
       das Bild als solches entsteht: wenn das <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term>
       gewählt und das <term key="Weltanschauung, System">System</term> daraus entwickelt, darauf
       gebaut wird, pflegt die <term ref="kbga-keywords-911">Wissenschaft</term> als solche ihr
       Haupt zu verhüllen und sich zur Ruhe zu begeben. Sie als solche würde nicht in einem Bilde
       gipfeln, sondern in die Verwunderung und von da aus zur weiteren Forschung übergehen wollen.
       Sie als solche bleibt zurück, wenn der Mensch, über sich selbst hinausgreifend, zu jenem ganz
       anderen Unternehmen sich aufmachen zu müssen meint. Auf sie als solche wird er sich gewiss
       weder stützen noch berufen können, wenn er meint und behauptet, «dahinter» gekommen und zu
       abschließenden Definitionen bereit zu sein. In der wissenschaftlichen und damit gewiss in der
       echten Beziehung zur un<pb xml:id="p201" ed="pga" break="no"/>verdeckten <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> würde er sich das nie leisten, würde er immer aufs Neue ganz anders als mit
       einem Bilde ihrer Wirklichkeit beschäftigt sein. |</p>
      <p>Es ist aber endlich auch der zum Element eines Bildes gewordene <hi rend="italic">Mensch</hi> selber nicht der wirkliche Mensch. <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> bedeutet zuletzt immer auch Selbstmissverständnis. Weltanschauung ist
        <term key="Weltanschauung, Maskerade">Maskerade</term>. Denn der zum Bildner der Gottheit
       und der Welt sich für berufen und befähigt haltende Mensch ist in dieser Hinsicht nicht bei
       sich selbst, nicht er selber, sondern in einem Kostüm, in einer angenommenen Rolle. Er stellt
       vor allem ein Bild seiner selbst [her], indem er Gott und die Welt bilden zu sollen und zu
       können meint. Er sieht sich als Träger des entsprechenden Auftrags und Vermögens. Er sieht
       sich an einem Ort, von dem aus jenes Überschauen und Durchschauen zu vollziehen ihm geboten
       und möglich sei. Und eben damit sieht er auch an seiner eigenen Wirklichkeit vorbei, deutet
       und dichtet er auch sich selber ins Unwirkliche. Der wirkliche <term key="Mensch, wirklicher">Mensch</term>
       <pb ed="A" n="800"/> ist er ja nur, indem er von Gott durch die Welt gebildet wird. Wirklich
       ist er, indem er sich dieses göttliche Bilden gefallen lässt. Wirklich ist er auch darin,
       dass er ihm Widerspruch und Widerstand entgegensetzt. Er ist aber gerade darin nicht
       wirklich, nicht er selbst, sondern in einem angenommenen Kostüm, dass er dieses Verhältnis
       umkehrt, sich selber zum Subjekt des Bildens machen zu können meint. Er existiert eben damit
       in der <term key="Einbildung, menschliche">Illusion</term> und also abseits von seiner
       wirklichen Existenz. Der Schritt in die Unwirklichkeit findet also nicht erst damit statt,
       dass er sein Bild von der Gottheit und von der Welt zu guter Letzt so oder so durch sein
       eigenes ergänzt oder dass er von seinem eigenen Bild her zum Entwurf eines Bildes von Gott
       und der Welt schreitet. Die besondere <term ref="kbga-keywords-5">Anthropologie</term> einer
        <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> wird die Illusion, in der sich der Mensch
       über sich selbst befindet, natürlich ihrerseits verraten müssen. Sie wird sie aber doch nur
       verraten können; denn schon indem der Mensch an jenes Unternehmen herantritt, hat er sich
       selbst missverstanden, ist er aus seinem eigentlichen Dasein herausgetreten, ist er sich
       selbst zum Gespenst geworden. Mit echter <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> hat dieses Unternehmen von Haus aus nichts zu tun. Wie sollte dann
       das, was als <term ref="kbga-keywords-5">Anthropologie</term> im Rahmen dieses Unternehmens
       auf den Plan geführt wird, etwas Besseres als Verzeichnung der echten Menschlichkeit jemals
       sein können? |</p>
     </div>
     <!-- nächste Seite - "Auswirkungen von Weltanschauungen: 1. als Prinzip" -->
     <div type="ditigal_division">
      <p><pb xml:id="p202" ed="pga" rend="noPipe"/>
       Wir kehren zum Anfang zurück: Es ist das Unheil aller Weltanschauungen, es ist aber auch
       das Heil aller von ihnen beherrschten oder doch indirekt von ihrer Herrschaft betroffenen
       Menschen, dass sie in dem von ihnen Angeschauten und also im wirklichen Gott, in der
       wirklichen Welt und im wirklichen Menschen ihre unüberwindliche <term key="Weltanschauung, Grenze">Grenze</term> haben, dass sie wie der <term key="Teufel">Teufel</term>, wie die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>, wie die Götter wohl
       geduldet und zugelassen, zu totaler und definitiver Herrschaft aber nicht zugelassen sind.
       Sie können stören und verwirren, und eben das tun sie denn auch. Sie können nach allen Seiten
       mächtige Lügen ins Feld führen, und die Befürchtung könnte sich wohl nahelegen, es möchte die
       ganze Welt- und <term ref="kbga-keywords-398">Geistesgeschichte</term> ein einziges
       Siegesschlachtfeld solcher weltanschaulicher <term key="Weltanschauung, Lüge">Lügen</term>
       sein. Am <pb ed="A" n="801"/> Menschen liegt es freilich nicht, wenn dem nicht so ist, wenn
       das zu behaupten nun doch selber wieder eine weltanschauliche Lüge wäre. Nimmt man die Dinge,
       wie sie sind, dann wird man sich auch die weltweite Herrschaft der Bilder nicht zu einem die
       Wirklichkeit verdeckenden Bild werden lassen. Man wird dann nicht übersehen, dass neben ihnen
       auch ihre <term key="Weltanschauung, Ohnmacht">Ohnmacht</term> und <term key="Weltanschauung, Vergänglichkeit">Vergänglichkeit</term>, über ihnen und durch sie
       hindurch dauernd auch die Wirklichkeit selber, ihnen zum Trotz, in grimmigem, aber auch
       freundlichem <term key="Humor">Humor</term>, sichtbar ist, sich immer wieder sichtbar macht.
       Das wäre ja die verkehrteste unter allen verkehrten Weltanschauungen, wenn man die
       Weltanschauungen und ihren Betrug so ernst nehmen wollte, um zu übersehen und zu leugnen,
       dass dafür gesorgt ist: ihre Bäume können nicht in den Himmel wachsen,<note xml:id="n148">«Bäume wachsen nicht in den Himmel»: sprichwörtliche Redensart, die auf die Begrenztheit
        alles (menschlichen) Strebens hinweist.</note> und die Wirklichkeit lässt es sich nicht
       nehmen, ihr eigenes Wort im Gegensatz zu ihnen [ver]nehmen zu lassen. Aber dass diese Bäume
       sehr hoch wachsen, dass sie die Stimme der Wirklichkeit weithin und immer zum Schaden der
       Menschen übertäuben können, das festzustellen werden wir allerdings nicht unterlassen können,
       das gehört eben auch zu einem redlichen Wissen und Reden von den Dingen.</p>
      <p> Wir treten nun näher und stellen (1.) fest, dass die Herrschaft einer <term key="Weltanschauung, Herrschaft">Weltanschauung</term> praktisch die Herrschaft eines <term key="Weltanschauung, Prinzip"><hi rend="italic">Prinzips</hi></term> bedeutet. Wir erinnern
       uns der mysteriösen Weise, in der ein solches entdeckt zu <pb xml:id="p203" ed="pga"/> werden
       und sich geltend zu machen pflegt. Wir versuchen jetzt zu verstehen, wie das ist, wenn man
       ein Prinzip hat bzw. von einem Prinzip gehabt wird. Man hat dann einen Schlüssel in der Hand:
       wenn er nur kein Dietrich ist! Man steht dann auf einem hohen Berg, von dem aus alle Reiche
       der Welt zu sehen sind: wenn es nur nicht der Berg der <term ref="kbga-keywords-176">Versuchung</term> ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.8">Mt. 4,8</ref>],
       auf den man sich da hat führen lassen! Man ist dann in der Lage, Zeichen und Wunder zu tun:
       wenn es nur nicht die Zeichen und Wunder des <term ref="kbga-keywords-1071">Antichrist</term>
       sein werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Thess.2.9">2.Thess. 2,9</ref>]!
       Es ist ja im Bilde einer Weltanschauung im Besonderen dieses Moment, ihr Prinzip, das sich an
       die Stelle gerade <hi rend="italic">Gottes</hi> drängt und dessen Funktion im Rahmen des
       Ganzen gerade die Herrschaftsübung Gottes <term key="Götter, Nachahmung">nachzuahmen</term>,
       nachzuäffen scheint. Nicht umsonst muss hier <pb ed="A" n="802"/> die heilige <term key="Weltanschauung, Prinzip, heilige Wahl">Wahl</term> so entscheidend sein und als solche
       schweigend oder ausdrücklich dauernd wiederholt werden. Und nicht umsonst haben wir es hier
       mit der dynamischen Kraft, mit der Wurzel und organisierenden Mitte jeder Weltanschauung zu
       tun. Das Prinzip ist die imitierte und säkularisierte Gottheit. Wenn der Mensch <term key="Mensch, Untreue">untreu</term> wird, sich nicht mehr auf das verlässt, worauf er sich
       verlassen dürfte und müsste, nämlich darauf, dass er von Gott gehalten ist, wenn er
       infolgedessen unruhig wird und ins Irren gerät und durch den Entwurf und die Aufrichtung
       eines Bildes sich selber helfen will, dann tritt als Erstes das <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term>, an das sich zu halten er sich entschließt, an
       die Stelle des Gottes, von dem er gehalten ist. Seiner sich offenbarenden und ihn selbst
       erwählenden und berufenden Hoheit meint er sich jetzt beugen zu müssen, um sich dann
       seinerseits seiner Gewalt bedienen und erfreuen zu können. Die Verdeckung der <term key="Weltanschauung, Verdeckung der Wirklichkeit">Wirklichkeit</term> durch das Bild wird
       schon hier und gerade hier offenkundig. |</p>
      <p> Der wirkliche Gott ist kein <term key="Gott, ist kein Prinzip">Prinzip</term>, und in der
       Treue zu ihm wird es nie dazu kommen, dass man seinen Namen zur Proklamation der Aufrichtung
       und Anwendung eines Prinzips missbrauchen wird. Seine <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>, sein <term ref="kbga-keywords-1077">Erwählen</term> und Berufen wird ja
       den Menschen bestimmt nicht in jene irrende Unruhe versetzen, wird ihn bestimmt nicht dazu
       anleiten, sich eines jener Bilder zu schaffen. Der wirkliche Gott wird ihm gerade das
       Aufsuchen eines Prinzips unmöglich machen und wird ihn dann auch davor bewahren, sich von
       einem solchen überfallen und übermannen zu lassen. Der wirkliche Gott wird ihm jedes Prinzip
       überflüssig und unmöglich machen. Und so ist es völlig <pb xml:id="p204" ed="pga"/>
       ausgeschlossen, dass da, wo der wirkliche Gott des Menschen Treue begegnet, Gott selber in
       die Stellung und Funktion eines Prinzips eintreten könnte. Der den wirklichen Gott erkennende
       Mensch braucht wirklich gar kein Bild und zu allerletzt ein solches, zu dessen Entwurf er
       sich Gottes als des das Ganze begründenden und regierenden Prinzips bedienen würde. Was würde
       er sich dabei gerade Gott gegenüber herausnehmen! Wie würde er dabei gerade mit ihm umgehen!
       Als mit einem solchen offenbar, über den er Macht hat, als mit einer Sache offenbar, mit der
       er arbei<pb ed="A" n="803" break="no"/>ten und spielen kann, als mit einem Instrument
       offenbar, das er zu seinen Zwecken verwenden kann. Wie radikal müsste er dabei dem untreu
       werden, dass er von Gott gehalten ist! Wie radikal müsste er dabei verleugnen, dass er immer
       nur von daher und also bestimmt nicht nach der Methode und mit den Zielen seiner irrenden
       Unruhe sich selber wiederum an Gott halten kann! |</p>
      <p> Wir unterlassen jeden Seitenblick auf die Tatsache, dass eben die radikale <term key="Mensch, Untreue">Untreue</term> und Verleugnung, die darin besteht, ausgerechnet dem
       wirklichen Gott die Stellung und Funktion eines Prinzips zuzuschreiben, auch in der
       christlichen (und nicht etwa nur in der <term key="Häresie / Häretiker">häretisch-christlichen</term>) Geistesgeschichte eine verhängnisvoll große Rolle gespielt
       hat. Begnügen wir uns mit den zwei nötigsten sachlichen Feststellungen: Dass dies de facto
       tatsächlich weithin geschehen ist, beweist keineswegs, dass es jemals de iure geschehen ist.
       Wo und wann und unter welchem Titel immer es geschehen ist: es ist immer in Untreue gegen den
       wirklichen Gott, es ist immer gewissermaßen hinter seinem Rücken geschehen, und es hat sich
       dann auch immer so ausgewirkt, dass wir dadurch gewarnt und wirklich nicht zur <term ref="kbga-keywords-757">Nachfolge</term> aufgerufen sind. Es ist aber wiederum tröstlich, zu
       sehen, wie dieser Versuch nie ganz gelingen konnte, wie der wirkliche Gott sich dem
       Unternehmen, seinen Namen zu missbrauchen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.7">Ex. 20,7</ref>], immer widersetzt hat, wie es entgegen den Intentionen so
       vieler Theologen und Philosophen durch das unübersehbare Licht seiner <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> immer wieder an den Tag kam, dass er kein <term key="Gott, ist kein Prinzip">Prinzip</term> und als solches nicht zu brauchen, dass aus
       seiner Erkenntnis keine <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> zu entwickeln ist,
       weil sie den Menschen gerade in die entgegengesetzte Richtung weist, dass das, woraus sich
       eine Weltanschauung entwickeln lässt, immer schon als solches eine von ihm <pb xml:id="p205" ed="pga"/> verschiedene Größe ist. Eine imitierte und säkularisierte <term key="Weltanschauung, Prinzip, säkularisierte Gottheit">Gottheit</term>: das ist’s, was von
       jedem Prinzip allerdings zu sagen ist. Genau so stellt sich der Mensch, der dem wirklichen
       Gott untreu geworden ist, die Gottheit vor: als ein Prinzip, von dem er selbst besessen ist
       und von dem er nun doch als Meister Gebrauch zu machen vermag, als die dynamische Kraft, die
       ihn irgendwoher überfallen und in deren Besitz er selbst sich zum Bildner, zum kleinen
       Schöpfer <pb ed="A" n="804"/> erwählt und berufen, beauftragt und befähigt weiß. Das bleibt
       übrig, nachdem von der Erkenntnis des wirklichen Gottes nichts übrig geblieben ist: die
       Meinung oder Überzeugung von der Existenz eines Prinzips als einer Instanz, die gerade hoch
       genug steht, um den Eindruck ultimativer Bedeutung zu erwecken, und wiederum gerade tief
       genug, um in dieser ihrer ultimativen Bedeutung dem Menschen zur Verfügung zu stehen. |</p>
      <p> Mit dem wirklichen Gott hat diese Instanz gar nichts zu tun. Sie kann ihm unter Missbrauch
       seines <term key="Gott, Missbrauch seines Namens">Namens</term> gleichgesetzt werden. Man
       wird aber diesen Missbrauch doch nie gänzlich und nie lange durchführen können. Wer «Gott»
       sagt und meint eigentlich ein Prinzip: das wahre Sein etwa oder das höchste Gut, die erste
       Ursache oder die alles bewegende Kraft, die Natur oder den Geist, den Fortschritt oder die
       Nation, oder irgendwie sich selber, der sehe zu, was er sich selber antworte auf den Einwurf,
       dass es doch wohl praktischer und einfacher wäre, Gott in dieser Sache nicht weiter zu
       bemühen, sondern das eigentlich gemeinte Prinzip bei seinem eigentlichen Namen zu nennen. Und
       wer «Gott» sagt und meint – auch das kann ja zum Prinzip werden – das Namenlose, Grenzenlose,
       Wesenlose jenseits aller Begriffe, der sehe zu, dass er sich nicht auslachen lassen müsse mit
       der Frage<note xml:id="n149">Tskr.: «Klage». Am Tskr.-Rand steht eines der Korrekturzeichen
        <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>, mit denen er (wohl während des Vortrags im Kolleg) Fehler in der betreffenden Zeile
        zu markieren pflegte. Der hier vorgenommenen Korrektur durch die Hrsg. liegt die Annahme
        eines Hörfehlers beim Diktat des Textes zu Grunde.</note>: ob ihm denn wirklich gerade mit
       dem Namen Gottes zur Bezeichnung dieser Sache, wo Begriffe fehlen, das rechte Wort zur
       rechten Zeit eingefallen<note xml:id="n150">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>,
         V, 1995f</bibl>. (Studierzimmer).</note> sein möchte? Die Sonne der Aufklärung<note xml:id="n151">Anspielung auf die schon in der <term ref="kbga-keywords-140">Aufklärung</term> selbst gebräuchliche Metapher zur Beschreibung der von ihr ausgehenden
        Wirkung. Die Radierung «Aufklärung» von <persName ref="kbga-actors-10338">Daniel
         Chodowiecki</persName> (1726–1801) zeigt eine aufgehende Sonne. Erstmals abgedruckt wurde
        sie in der von <persName ref="kbga-actors-9677">Georg Christoph
         Lichtenberg</persName> herausgegebenen Zeitschrift <bibl corresp="kbga-bibls-5268"><hi rend="italic">Goettinger
         Taschen-Calender für das Jahr 1792</hi>, Göttingen 1792</bibl>; Lichtenberg selbst gebrauchte die
        Formulierung «Sonne der Aufklärung» bei der Beschreibung des Bildes <bibl corresp="kbga-bibls-5297">«Die Vorlesung» («The
        Lecture») von <persName ref="kbga-actors-10339">William Hogarth</persName> (1697–1764), in:
         <hi rend="italic">Goettinger Taschen-Calender für das Jahr 1793</hi>, Göttingen 1793,
        S. 179</bibl>.</note>
       <pb xml:id="p206" ed="pga"/> pflegt den Nebel jener Gleichsetzung, wenn er
       einmal wieder aufgekommen ist oder aufzukommen droht, rasch zu zerstreuen. Der Missbrauch des
       Namens <term key="Gott, Missbrauch seines Namens">Gottes</term> pflegt sich gewöhnlich
       schlicht darin zu rächen, dass er sich nach einiger Zeit als überflüssig und störend erweist,
       dass man die <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzipien</term> schließlich besser
       proklamieren und durchsetzen kann, wenn man sie unter einem anderen als gerade unter dem
       Namen Gottes auf den Leuchter stellt. Und das ist sicher, dass man jene Gleichsetzung zwar
       wagen, sie aber wirklich auch unterlassen kann, ohne dass damit an der Stellung und Funktion
       der Prinzipien etwas geändert würde. |</p>
      <p>Wir sahen schon: das Prinzip hat nicht notwendig einen ausgesprochen religiösen Charakter.
        <pb ed="A" n="805"/> Es kann ihn <term key="Weltanschauung, Prinzip, religiöses">haben</term>, es kann ihn aber auch entbehren. Er kann gerne auch unausgesprochen bleiben.
       Nicht das macht das Prinzip zur imitierten und säkularisierten <term key="Weltanschauung, Prinzip, säkularisierte Gottheit">Gottheit</term>, dass es mit dem
       Namen Gottes geschmückt wird, wohl aber das, dass es – in der Verkehrung freilich,
       entsprechend dem großen Missverständnis des <term key="Mensch, Unruhe">unruhig</term>
       irrenden, weil <term key="Mensch, Untreue">untreuen</term> Menschen – eine göttliche Rolle
       spielt. So stellt sich dieser Mensch Gott vor. Wir können im Blick auf das, was wir früher
       von den Göttern gelernt haben, auch sagen: so etwas ist nun wirklich (in der Wirklichkeit
       seines Abfalls und seiner <term key="Götter, existieren nur in der Einbildung">Einbildung</term>) sein Gott geworden. Es ist auch dann sein Gott geworden, d. h. es spielt
       für ihn auch dann jene göttliche Rolle, wenn er Gott nominell in Abrede stellt und sprachlich
       aus dem Spiel lässt, wenn er ehrlich genug ist, sein Prinzip ohne weiteren Weihrauch bei
       seinem eigentlichen Namen zu nennen. Es ist darum unter allen Umständen sein Gott – sein
       imitierter und säkularisierter Gott freilich –, weil er von ihm so sehr <hi rend="italic">Vieles</hi> (der Theorie nach sogar Alles!) und weil er so sehr Vieles (der Theorie nach
       sogar Alles!) gerade von <hi rend="italic">ihm</hi> erwartet, weil das <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term> ihm der Nagel ist, an das er fast (der Theorie
       nach sogar wirklich) seine ganze Habe aufzuhängen sich ge<pb xml:id="p207" ed="pga" break="no"/>traut, und weil er so ernstlich (der Theorie nach in tiefstem und letztem Ernst)
       überzeugt ist, eben mit jener Erwartung und diesem Zutrauen das Gute, das Beste, das
       eigentlich von ihm Verlangte zu tun. Man wird nicht leugnen können: das sieht stark nach
       Gottheit aus. Da ist Hoheit und Macht, da ist Autorität und Bindung, da ist Verheißung und
       Gebot. Das Imitierte und Säkulare dieser <term key="Weltanschauung, Prinzip, säkularisierte Gottheit">Gottheit</term> ist freilich darin
       deutlich, dass der einem Prinzip Verfallene von diesem zwar sehr Vieles, aber doch nur in der
       Theorie Alles erwartet. Der sehr entscheidende Rest ist nämlich das, was er praktisch von
       sich selber erwartet. Dass er von seinem Prinzip überzeugt sein und es als solches
       hochhalten, dass er es als alles haltenden Nagel in die Wand schlagen, dass er es anwenden
       und durchsetzen, dass er in seiner systematischen <term key="Weltanschauung, System">Entfaltung</term> treu und eifrig sein muss, das fällt ja wirklich mindestens ebenso ins
       Gewicht wie alles das, wovon er hinsichtlich seiner inneren, objektiven Bedeutung über<pb ed="A" n="806" break="no"/>zeugt ist. Und dass gerade sein tiefster, letzter Ernst seinem
       eigenen Müssen, Wollen und Können in seinem Verhältnis zu seinem Prinzip und nicht etwa
       diesem als solchem zugewendet sein muss, das kann schon gar keine Frage sein. <hi rend="italic">Er</hi> braucht, <hi rend="italic">er</hi> expliziert und appliziert es ja.
       Und wie hoch es ihm auch stehen mag: es bliebe doch eine schale Angelegenheit ohne das, was
       er ihm aus dem Seinigen zuzuwenden hat. Der Mensch bedarf der Hoheit und Macht, der Autorität
       und Bindung, der Verheißung und des Gebotes seines Prinzips schließlich nicht mehr, als das
       Prinzip seinerseits des Enthusiasmus und der Hingebung des Menschen bedürftig ist. In diesem
       Verhältnis offenbart sich seine <hi rend="italic">Quasi</hi>-Göttlichkeit, in der damit
       gegebenen Schranke nun aber doch auch seine Quasi-<hi rend="italic">Göttlichkeit</hi>. |</p>
      <p> Kann das <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term> die Stelle des wirklichen
       Gottes nicht ausfüllen, so kann es sie doch einnehmen. Kann es ihn nicht ersetzen, so kann es
       ihn doch karikieren. Kann es nicht Gott sein, so kann es sich doch geltend machen, als ob es
       Gott wäre. Und eben das ist es, was in der Herrschaft eines Prinzips Ereignis wird: eine
       Herrschaft, die sich so darstellt und auswirkt, als ob sie die Herrschaft Gottes wäre, eine
       karikierte <term key="Weltanschauung, Herrschaft, karikierte Gottesherrschaft">Gottesherrschaft</term>. Es ändert ja die Zweideutigkeit jenes Verhältnisses nichts daran,
       dass der Mensch es in ihm mit einem Höheren (er hält es jeweils für das Höchste) zu tun hat
       und sich durch dieses in Anspruch genommen sieht. Sein Denken und Wollen und mehr oder <pb xml:id="p208" ed="pga"/> weniger sein ganzes Leben bekommt von dorther so etwas wie eine
       Richtung. Er hört von dorther einen entscheidenden Indikativ und Imperativ. Ihm imponiert
       sich von dorther eine Hierarchie der <term key="Wahrheit, Hierarchie der Wahrheiten">Wahrheiten</term><note xml:id="n152">«<foreign xml:lang="lat">Hierarchia veritatum</foreign>», ein «der Sache nach uraltes,
        in dieser Form jedoch erstmals […] auf dem Vaticanum II […] formuliertes <hi rend="italic">hermeneutisches Prinzip</hi>» (<bibl corresp="kbga-bibls-5269">W. Beinert,
        Art. «Hierarchia veritatum», in: LThK<hi rend="sup">3</hi> V, Sp. 84f.</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5270">U. Valeske, <hi rend="italic">Hierarchia veritatum.
         Theologiegeschichtliche Hintergründe und mögliche Konsequenzen eines Hinweises im
         Ökumenismusdekret des II. Vatikanischen Konzils zum zwischenkirchlichen Gespräch</hi>,
        München 1968, S. 69–105</bibl>).</note> und Wirklichkeiten, der Güter und Werte. Ihm wird von
       dorther eine bestimmte Lebensauffassung und Lebensaufgabe aufgedrängt und mehr oder weniger
       intensiv eine bestimmte Verkündigung auch an Andere auf die Lippen gelegt. Er vernimmt von
       dorther so etwas wie ein Gesetz und so etwas wie ein Evangelium. Er sieht sich von dorther
       zum König, Priester und Propheten geweiht, von dorther begabt, ermuntert, getröstet und in
       Pflicht genommen. Er sieht von dorther die Ewigkeit hinter sich, über sich und vor sich. So
       sehr ist es nun einmal des Menschen <term ref="kbga-keywords-1250">Bestimmung</term>, so sehr
       besteht nun einmal des <pb ed="A" n="807"/> Menschen <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> darin, vor Gott zu stehen und für Gott zu sein, so mächtig ist nun
       einmal des wirklichen Gottes wirkliche Herrschaft über ihn, dass er auch in der <term key="Mensch, Untreue">Untreue</term> gegen ihn, auch in seiner irrenden <term key="Mensch, Unruhe">Unruhe</term>, auch in seinem Abfall von <term ref="kbga-keywords-64">Gott</term> zu den Prinzipien formal sein Verhältnis zu Gott wiederholen oder wenigstens
       karikierend nachahmen muss. Er kann wohl aufhören, sich auf Gott zu verlassen; er kann das
       aber nicht tun, ohne sich anstelle dessen alsbald auf ein Prinzip verlassen zu müssen, das
       freilich nicht Gott ist und an das er sich doch halten muss, als ob es Gott wäre. Das ist die
       Größe der Herrschaft der <term key="Weltanschauung, Herrschaft">Prinzipien</term>, dass sie
       es dem Menschen faktisch nicht erlaubt, gottlos zu sein. Auch der, der den Namen Gottes offen
       und gänzlich gestrichen hat, auch der <term key="Atheismus, Prinzip als faktischer Gott">Atheist</term> hat in seinem Prinzip, das er an Gottes Stelle gesetzt hat, die Instanz, die
       für ihn faktisch die Rolle Gottes spielt. Nur seine <hi rend="italic">Rolle</hi>, aber doch
        <hi rend="italic">seine</hi> Rolle, und das genügt, um auch ihn aus dem Bannkreis des <term key="Atheismus, im Bannkreis des Religiösen">Religiösen</term> nicht zu entlassen, um
       faktisch auch sein Denken, Leben und Wollen – er mag sich dessen bewusst sein oder nicht –
       religiös zu gestalten. Da ist keine Sonne keiner noch so radikalen <term ref="kbga-keywords-140">Aufklärung</term>, die diesen Nebel zu zer<pb xml:id="p209" ed="pga" break="no"/>streuen vermag. Das ist nun freilich auch die Schranke dieser Herrschaft, dass
       sie mehr als einen religiösen Nebel nicht zu verbreiten vermag. Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> und Herrschaft verbreitet Licht. Die Herrschaft
       jedes <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzips</term> aber verbreitet Nebel und also
       Dunkelheit. Die von ihr verbreitete Dunkelheit besteht darin, dass sie zwar zweifellos
       effektive Herrschaft ist und nun doch nicht in der Lage ist, sich unzweideutig als solche
       auszuweisen, von allerlei anderen Herrschaften als die eine wirkliche und echte Herrschaft
       sich abzugrenzen. Das tut der wirkliche Gott, indem er sich dem Menschen zuwendet, ohne auf
       dessen Dienst und Verehrung, auf dessen Enthusiasmus und Hingebung angewiesen zu sein, ohne
       mit seiner <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> auf dessen <term key="Mensch, Gottesliebe">Gegenliebe</term> warten zu müssen. |</p>
      <p> Der wirkliche Gott ist <term ref="kbga-keywords-36">gnädig</term> ohne Rücksicht auf das,
       was der Mensch ihm als das Seinige entgegenzubringen hat. Darin erweist er sich als sein
       einer, wirklicher und echter Herr. Darin unterscheidet er sich von den Quasi-Göttern. Und
       darin unterscheidet sich der Glaube von den <pb ed="A" n="808"/> ausgesprochenen wie von den
       verkappten <term ref="kbga-keywords-211">Religionen</term><note xml:id="n153">Vgl. den
        Buchtitel von <bibl corresp="kbga-bibls-5146"><persName ref="kbga-actors-4223">C. Chr. Bry</persName>, <hi rend="italic">Verkappte Religionen</hi>, Gotha 1924</bibl>. Siehe auch <bibl corresp="kbga-bibls-416">V.u.kl.A. 1925–1930, <ref type="pub-" target="../volume/24/p357#p357">S. 357</ref></bibl>.</note>, von
       der Verehrung und vom Dienst aller Prinzipien, dass er sich an Gottes freie <term ref="kbga-keywords-492">Gnade</term> hält. Das ist es, was unter der Herrschaft der <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzipien</term> nicht geschieht und nicht geschehen kann.
       Die Gnade, von der auch da die Rede sein könnte, kann immer nur die durch das menschliche
       Wohlverhalten, d. h. durch den menschlichen Enthusiasmus und die menschliche Hingebung
       bedingte Gnade sein. Es ist die wirkliche, die freie <term ref="kbga-keywords-492">Gnade</term> des wirklichen Gottes dasjenige, was die in seiner Rolle auftretenden
       Prinzipien allesamt nicht nachahmen können. Sie sind allesamt an den Menschen ebenso wie der
       Mensch an sie gebunden. Und eben darum gibt es unter ihrer Herrschaft wohl Religion – ob
       ausgesprochene oder verkappte, ist eine zweite Frage –, aber in aller <term ref="kbga-keywords-211">Religion</term> doch nur Dunkelheit. Darum können und müssen die
       verschiedenen Prinzipien zwar herrschen, aber nie ohne dass sie sich unter sich den Rang und
       die Geltung streitig machen würden. Darum lässt jedes Prinzip den Menschen letztlich doch im
       Ungewissen darüber, ob gerade seine Herrschaft mehr als Tatsache, ob sie notwendig, ob sie
       die eine wirkliche und echte Herrschaft sein möchte, der man <pb xml:id="p210" ed="pga"/> sich
       darum unterwerfen muss, soll und kann, weil sie sich als solche ausgewiesen hat. Die
       Prinzipien können das nicht, darum ist ihre Herrschaft schwankend und <term key="Weltanschauung, Prinzip, wandelbar">wandelbar</term>. Darum kann an die Stelle des
       einen Prinzips je und je auch ein anderes treten. Darum hat schließlich keines die Macht, den
       Menschen ganz, unzweideutig und auf die Dauer zu binden. Wie sollte es dazu fähig sein, da es
       sich in aller seiner Hoheit nun doch in des Menschen Bereich befindet, da es bei aller
       Herrlichkeit, in der es dem Menschen begegnet, zuletzt doch auf ihn angewiesen ist, um auch
       nur quasi-göttlich herrlich zu sein? Wie sollte er von ihm <hi rend="italic">Alles</hi> und
       Alles gerade von <hi rend="italic">ihm</hi> erwarten, da des <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzips</term> Bedürftigkeit schließlich nicht kleiner ist
       als seine eigene ihm gegenüber? Wie sollte er ihm gegenüber nicht teilweise frei bleiben, da
       das Prinzip auch ihm gegenüber offenkundig auch teilweise frei ist? |</p>
      <p>So ist der Mensch unter der Herrschaft des Prinzips tatsächlich ein betrogener
        Betrüger.<note xml:id="n154">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-568"><persName ref="kbga-actors-244">G. E. Lessing</persName>,
         <hi rend="italic">Nathan der Weise</hi> (1778/79), 3. Aufzug, 7. Auftritt</bibl>: «O, so seid ihr
        alle drei / Betrogene Betrüger! Eure Ringe / Sind alle drei nicht echt.»</note> Ein <hi rend="italic">Betrüger</hi>, sofern er nur unter Betrug des wirklichen <pb ed="A" n="809"/>
       Gottes, d. h. in der <term key="Mensch, Untreue">Untreue</term> gegenüber dem, von dem er
       wirklich und unbedingt gehalten ist, in einem selbsterwählten Prinzip die bestimmende Macht
       seines Denkens und Wollens anerkennen und respektieren und also unter jene Herrschaft geraten
       kann. Ein <hi rend="italic">betrogener</hi>
       <term ref="kbga-keywords-830">Betrüger</term>, sofern er dadurch nicht einmal unter eine
       echte Herrschaft zu stehen kommt, sein Denken und Wollen in diesem Verhältnis eine echte und
       durchgreifende Bestimmung nicht einmal empfangen kann. Hinter jedem Prinzip lauert ja
       irgendwo sein Feind: der Zufall und die Willkür, in denen es sein Reich angetreten hat und
       die es auch jederzeit wieder stürzen können. Eben vom Prinzip her ist dann aber grundsätzlich
       auch jedes <term key="Weltanschauung, System">System</term> bedroht, sofern das Prinzip ja
       immer auch ebenso gut ein anderes sein könnte. Der Mensch könnte sich ihm ja immer auch
       entziehen, wie er ihm verfallen ist; er könnte es fallen lassen, wie er es aufgenommen hat.
       Indem das Prinzip mit Gott streitet, ist es unvermeidlich, dass es seinerseits mit noch ganz
       anderer Wirksamkeit von Gott bestritten wird. Dass das geschieht, das offenbart sich in der
       gänzlichen Ungesichertheit seiner Geltung. Die Tage Gottes sind nicht gezählt. Die Tage jedes
        <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzips</term>
       <pb xml:id="p211" ed="pga"/> sind gezählt. Das ist die fundamentale
       Schwierigkeit jeder <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term>.</p>
        </div>
<!-- nächste Seite - "Weltanschauung: 2. Herrschaft eines Systems" -->
        <div>
      <p> Wir stellen (2.) fest, dass die Herrschaft einer <term key="Weltanschauung, Herrschaft">Weltanschauung</term> praktisch die Herrschaft eines <term key="Weltanschauung, System"><hi rend="italic">Systems</hi></term> bedeutet. Das System ist das mehr oder weniger dichte
       Netzwerk von Intuition, Interpretation und Disposition, mit dem vom Prinzip her alle Dinge
       eingefangen und zugedeckt werden. So ist es die Aktualisierung des im Prinzip als solchem
       noch gewissermaßen latenten Herrschaftsanspruchs. Wie die Spinne in erstaunlicher
       Produktivität ihren Faden aus sich entlässt, um ihn in noch viel erstaunlicherer Fertigkeit
       zum ganz bestimmten, in allen seinen Teilen sich gegenseitig haltenden Gehäuse zu gestalten,
       so hat jedes <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term> seine zugleich produktive und
       konstruktive Kraft, so erzeugt es die geistige Substanz gewisser Punkte und Linien, so vermag
       es diese unter sich zu verknüpfen und zu einem Ganzen zu ordnen, so entsteht da, wo es
       herrscht, über seine eigene Existenz hinaus ein ihm entsprechendes <pb ed="A" n="810"/> Reich,
       das nicht weniger als die ganze Welt, aber mit der Welt zugleich Gott und nicht zuletzt den
       systematisierenden Menschen selber umfasst. Wir sahen, was dabei aus Gott wird: vom System
       aus und im System kann ihm eine andere Rolle als die des organisierenden Prinzips selbst
       natürlich nicht zugewiesen werden. Und wir werden nachher sehen, was dabei aus dem Menschen
       wird. Das nächste Objekt des Systems ist die <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term>, d. h.
       der Inbegriff aller der Wirklichkeit, die der Mensch, indem er mit ihr verbunden ist, von
       sich unterscheidet und der er, indem er von ihr bedingt und abhängig ist, als Systematiker
       zurechtsetzend und meisternd gegenübertritt. |</p>
      <p> Uns interessiert jetzt die Frage, wie das ist, wenn ein solches <term key="Weltanschauung, System">System</term> im Entstehen und schon entstanden ist: wie das
       ist, wenn man sich in der Lage befindet, im Besitz eines solchen Systems leben zu dürfen und
       zu müssen. Was leistet ein solches System? Das ist sicher, dass auch mit ihm – und nun sogar
       erst recht – eine bestimmte Verdeckung Ereignis wird. Ein System ist ein zur Ordnung,
       Vereinfachung und Übersicht der Dinge entworfenes Gefüge. Das Viele der Wirklichkeit
       reduziert sich im System auf verhältnismäßig Weniges. Ihre bunte Eindrücklichkeit sammelt
       sich unter bestimmten Gesichtspunkten zu bestimmten Gestalten und deren Beziehungen
       untereinander. Ihre Rätsel und Probleme treten mindestens in das beherrschende Licht <pb xml:id="p212" ed="pga"/> gewisser grundsätzlicher Erkenntnisse. Gewisse Fenster gehen weit
       auf, gewisse andere werden umso bestimmter geschlossen, noch andere werden mit Bewusstsein
       halb geschlossen, halb offen gelassen. So ist der Verkehr des Menschen mit der Welt geregelt.
       Und diese Regelung ist der Triumph des systematisierenden Menschen. Das System kanalisiert
       seine Beziehung zu der von ihm verschiedenen Wirklichkeit. Es bringt ihn ihr gegenüber in
       verhältnismäßige Sicherheit und Überlegenheit. Es erlaubt ihm, ihr auf den von ihm selbst
       vorgezeichneten Linien zu begegnen. Es erlaubt ihm, sich ihrer zu erwehren, wenn sie ihm zu
       nahe treten wollte. Es erlaubt ihm, sich das immer nur insofern gefallen zu lassen, als es im
       System von ihm selbst vorgesehen ist. Es erlaubt ihm, grundsätzlich über sie zu verfügen. Wer
       ein System hat, der ist in der glücklichen Lage, vor <pb ed="A" n="811"/> Überraschungen
       bewahrt zu sein. Und eben darauf zielt ja jede <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> von ihrem Ansatz her: der Mensch möchte geborgen und gehalten sein;
       indem er es nicht aushält, bei Gott geborgen, mit der Welt und inmitten der Welt von Gott
       gehalten zu sein, gerät er in Unruhe, sucht er einen anderen, vermeintlich besseren Halt,
       findet ihn im <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term> und macht ihn sich zu eigen,
       indem er im System aus dem Prinzip dessen Konsequenzen zieht. Ein solcher Halt, viele solche
       Halte sind, wie die Existenz der Weltanschauungen und ihrer Systeme zeigt, tatsächlich
       erreichbar und erhältlich. In den Weltanschauungen und speziell in ihren Systemen als solchen
       temperiert der Mensch sein Verhältnis zur Wirklichkeit in der Meinung, damit auch das
       beunruhigende Verhältnis der Wirklichkeit zu ihm temperieren zu können. Im <term key="Weltanschauung, System">System</term> verständigt er sich mit sich selbst darüber, was
       er vom Mitmenschen, von der Natur und vom <term key="Natur und Geist">Geist</term>, von der
        <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term>, von der Gottheit und schließlich und vor
       allem auch von sich selbst zum vornherein, letztlich und im Grunde zu halten, mit welchen
       Möglichkeiten er zu rechnen, welche Unmöglichkeiten er außer Betracht zu lassen, was er zu
       lieben und zu hassen habe und was ihm gleichgültig sein und bleiben dürfe. Im System sammelt
       er sich in bestimmten Richtungen zu bestimmten Aktionen, um sich dafür in anderen Richtungen
       Zerstreuung, Urlaub und Ferien zu gewähren. Im System hat er sich insofern im Voraus über
       Alles und Jedes Bescheid gesagt, als er sich im Voraus vergewissert hat, Allem und Jedem,
       auch wenn er es im Einzelnen und in seiner Konkretion noch nicht kennen sollte, von
       bestimmten fest<pb xml:id="p213" ed="pga" break="no"/>liegenden Voraussetzungen her gewachsen
       zu sein und gerecht werden zu können. Im System hat er mindestens ein mächtiges Instrument in
       der Hand, dem er es zutraut, dass es ihn, richtig angewendet, nirgends ganz im Stich lassen
       werde. Eben wirkliche Überraschungen, eben eigentliche Grundlagenkrisen, eben die Aussicht
       auf künftige totale Neuentdeckungen und Wendungen sind für den, der das Glück oder Unglück
       hat, ein System zu haben, zum vornherein ausgeschlossen. Er wird zwar vielleicht alle Hände
       voll damit zu tun haben, seine Voraussetzungen geltend und fruchtbar zu machen. Er wird sich
       vielleicht in dauern<pb ed="A" n="812" break="no"/>der, vielleicht sehr fleißiger und sogar
       aufgeregter – Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und auch mit anderen derartigen
       Voraussetzungen und also mit anderen Weltanschauungen und ihren Systemen befinden. Er wird
       vielleicht sogar einen größeren Teil seiner Zeit und Kraft eben daran wenden, sich selbst
       dessen immer wieder zu versichern, dass er auf dem rechten Wege ist, und womöglich auch
       Andere davon zu überzeugen, dass eben dieser Weg auch für sie der einzig richtige wäre. |</p>
      <p> Wir sahen ja schon, wie jede Weltanschauung sich durch die Wiederholung der heiligen Wahl
       des <term key="Weltanschauung, Prinzip, heilige Wahl">Prinzips</term> dauernd erneuern muss,
       wie ihr Ende dann sicher gekommen wäre, wenn diese Wiederholung nicht in der einen oder
       anderen Form (original oder als <foreign xml:lang="lat">fides <term key="Glaube, fides implicita">implicita</term></foreign><note xml:id="n155">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n137">Anm. 137</ref>.</note>) immer aufs Neue stattfände. Es wird sich aber auch der, der sich
       in solchen Kämpfen mit sich selbst und Anderen befindet, als Besitzer des Systems in einer
       verhältnismäßig festen Burg wissen. Das <term key="Weltanschauung, System">System</term> hat
       nämlich, sobald es einmal im Entstehen und auch nur ein Stück weit wirklich entstanden ist,
       mindestens in gewissen Grenzen seine eigene Kraft und Stabilität auch dem <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term> gegenüber, wie ja auch ein Spinnennetz seinen
       gewissen Bestand hat, auch nachdem das produzierende und konstruierende Tier vielleicht schon
       wieder andere Wege gegangen ist. Es gibt, jene Erneuerung aus dem Prinzip vorbehalten, auch
       einen Rausch und eine Dynamik des Systems als solchen, eine <term key="Weltanschauung, System, Dämonie">Dämonie</term> der von irgendwoher gezogenen und
       verknüpften Konsequenzen in ihrer eigenen Schönheit und Würde, die es dem Menschen sehr wohl
       erlaubt, sich auch dann noch unter Umständen sehr lange und sehr getrost für geborgen zu
       halten, wenn es um die das <pb xml:id="p214" ed="pga"/> Ganze erzeugende und tragende Mitte
       längst nicht mehr zum Besten bestellt, wenn ernstlicher Zweifel an der Gültigkeit des
       Prinzips ihn längst befallen haben sollte. Auch das System ist eben eine in seiner Weise
       vollkommene <term key="Weltanschauung, System, Nachahmung">Nachahmung</term>. Wie das Prinzip
       Gott selbst <term key="Weltanschauung, Prinzip, Gottähnlichkeit">nachahmt</term>, so das
       System das souveräne Handeln <term ref="kbga-keywords-1244">Gottes</term> in und mit der Welt
       als seinem Instrument zur Bildung des Menschen. Weil die Welt in der Hand des Gottes ist, der
       des Menschen Freund und Verbündeter ist, darum und von daher ist es ja ganz wahr, dass der
       Mensch sich in einer festen Burg befindet,<note xml:id="n156">Wohl eine Anspielung auf
         <bibl type="song" corresp="kbga-songs-59"><persName ref="kbga-actors-261">Martin Luthers</persName> Lied «Ein feste Burg ist unser
        Gott» (EG 362; RG 32)</bibl>.</note> dass die Wirklichkeit ihm nichts anhaben, dass es für ihn <pb ed="A" n="813"/> letztlich nichts Unerwartetes geben kann, dass er zwar kämpfen muss und
       doch in allem Kampf schlechterdings damit rechnen darf, dass sein Halt und seine Geborgenheit
       unerschütterlich sind und sich nur immer aufs Neue bewähren und bestätigen können. Weil die
       Welt in Gottes Hand ist und in dieser Hand auf alle Fälle zur Bildung des Menschen dienen
       muss, darum ist sogar das wahr, dass der Mensch von Gott auch durch die Schwankungen seines
       eigenen Verhältnisses zu ihm hindurchgetragen ist, dass er sich von ihm immer schon, ehe er
       ihn anruft, erhört wissen darf. Eben das Alles wird im weltanschaulichen System zweifellos
       nachgeahmt. |</p>
      <p> Wie wenig der Mensch Gott entfliehen kann, wenn er es schon will, das zeigt sich nicht nur
       darin, dass er auch auf seiner Flucht das Prinzip in die Rolle <term key="Weltanschauung, Prinzip, Gottähnlichkeit">Gottes</term> versetzen muss, sondern auch
       darin, dass er sich im System eine Art <term key="Weltanschauung, System, Nachahmung">Ersatz</term> für die ihm fremd gewordene göttliche Vorsehung verschaffen, dass er sich als
       Systematiker bemühen muss, seine eigene <term ref="kbga-keywords-643">Vorsehung</term> zu
       spielen. Eben dieses Spiel ist tatsächlich spielbar, und so wird es denn auch kein richtiger
       Systematiker unterlassen, den leider so indirekten, so gänzlich unechten Zusammenhang seines
       Tuns mit der göttlichen Vorsehung gelegentlich dadurch sichtbar zu machen, dass ihm zur
       Verherrlichung seiner eigenen Souveränität dann und wann auch dieses große Wort oder doch das
       etwas weniger verbindliche Wort <term ref="kbga-keywords-824">«Schicksal»</term> über die
       Lippen geht.<note xml:id="n157">Diese Anspielung kann mehrfach interpretiert werden: Vor
        allem und in erster Linie meint <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier sicher <persName ref="kbga-actors-185">Adolf
         Hitler</persName>, der «immer und immer wieder sein besonders nahes Verhältnis zur Gottheit
        unterstrichen hat […]. Während des triumphierenden Aufstiegs sagt er in <placeName ref="kbga-places-609">Würzburg</placeName> (J<date when="1937-06">uni
        1937</date>): ‹Die Vorsehung führt uns, […]. Es kann niemand Völker- und Weltgeschichte machen,
        wenn er nicht den Segen der Vorsehung hat.› Am ‹Heldengedenktag› 1940 hofft er ‹demütig auf
        die Gnade der Vorsehung›. Jahrelang erschien die Vorsehung, die ihn auserwählt hat, in fast
        jeder Rede, fast jedem Aufruf.» (<bibl corresp="kbga-bibls-5147">V. Klemperer,
         <hi rend="italic">LTI. Notizbuch eines Philologen</hi>, Leipzig 1996<hi rend="sup">14</hi>,
        S. 119</bibl>). Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-164"><persName ref="kbga-actors-6903">Domarus</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n141">Anm. 141</ref>)</bibl>, pass. Vgl.
        auch <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/3, S. 37</bibl>: «Die Stunde mußte kommen und ist gekommen, wo der Glaube an die
        Geschichte und die ihr immanenten Dämonien an die Stelle des Glaubens an Gottes Vorsehung
        treten, wo das Wort ‹Vorsehung› ein Lieblingswort im Munde von <hi rend="italic">Adolf
         Hitler</hi> werden konnte.» <p> Aber auch sonst war insbesondere «Schicksal» – vor allem,
         aber nicht nur in Deutschland – in den 1920er und 1930er Jahren ein äußerst beliebter
         Begriff zur Kennzeichnung vorgeblicher Unausweichlichkeiten; vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-168"><persName ref="kbga-actors-184">E. Hirsch</persName>, <hi rend="italic">Deutschlands Schicksal.
          Staat, Volk und Menschheit im Liche einer ethischen Geschichtsansicht</hi>, Göttingen
         1920</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5271"><persName ref="kbga-actors-327">E. Przywara</persName>, <hi rend="italic">Deutsches
          Schicksal</hi>, in: Stimmen der Zeit, Jg. 124 (1933), S. 117–226</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5272"><persName ref="kbga-actors-1929">H. Thielicke</persName>, <hi rend="italic">Schuld und Schicksal. Gedanken eines Christen über das Tragische</hi>
         (Stimmen aus der deutschen christlichen Studentenbewegung, 98), Berlin 1935</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5273"><persName ref="kbga-actors-1261">G. Staewen-Ordemann</persName>, <hi rend="italic">Kameradin. Junge Frauen im deutschen Schicksal 1910–1930</hi>, Berlin 1936</bibl>. (Die
         Beispiele ließen sich beliebig vermehren; angeführt sind nur die im KBA vorhandenen
         Titel.)</p></note> Er <pb xml:id="p215" ed="pga"/> kann aber in dieser Sache und auch mit
       diesen Worten nur spielen. Sein <term key="Weltanschauung, System">System</term> ist nicht
       die göttliche <term ref="kbga-keywords-643">Vorsehung</term> und nicht einmal das <term ref="kbga-keywords-824">Schicksal</term>. Es ist die ihm durch sein System verschaffte
       Beruhigung nicht die feste Burg, die ihm durch die göttliche Vorsehung allerdings gebaut ist,
       die er aber als Mann des <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzips</term> und des Systems
       längst verlassen hat. Die feste Burg des Systems bedeutet für den Systematiker doch nur dies,
       dass er aufgehört hat, für die Wirklichkeit der Welt so offen zu sein, wie sie es für ihn ist
       und wie er es, da sie in Gottes Hand ist, auch für sie sein müsste. Er hat sie sich <term key="Weltanschauung, Verdeckung der Wirklichkeit">verdeckt</term>. Dass er sie sich nicht
       gänzlich verdecken kann, dass er für sie erreichbar bleibt, dafür wird gesorgt sein. |</p>
      <p>Man kann der wirklichen Welt so wenig ent<pb ed="A" n="814" break="no"/>fliehen wie dem
       wirklichen Gott: der wirklichen Welt eben darum nicht, weil sie in der Hand des wirklichen
       Gottes ist. Sie hört damit nicht auf, dem Menschen gegenüber offen zu sein, dass er es
       vorzieht, sich ihr gegenüber zu verschließen. Sie hört damit nicht auf, sich ihm gegenüber
       geltend zu machen und ins Recht zu setzen, dass er ihr Verhältnis zu ihm durch sein
       systematisches Verhältnis zu ihr zu kanalisieren und zu <pb xml:id="p216" ed="pga"/> temperieren versucht. Aber was an ihm liegt, das geschieht allerdings in dieser Richtung.
       So weit sein System reicht, bedeutet es für ihn tatsächlich eine Verdeckung der Wirklichkeit.
       Er sieht vielleicht zeitweise und teilweise vorbei an dem Medium seiner Voraussetzungen,
       Grundsätze, Gesichtspunkte, gelegentlich vorbei an seiner Erkenntnistheorie, <term ref="kbga-keywords-113">Metaphysik</term> und <term ref="kbga-keywords-1215">Ethik</term>,
       mit der er seine Augen und sich selbst schützen zu müssen und zu können meint. Er kann
       vielleicht, er kann wahrscheinlich so konsequent nicht sein, seine Vereinfachungen und
       Zurechtstellungen, seine Positionen und Negationen so kräftig und befriedigend nicht
       durchführen, wie er es wohl wollte und wie er es zu können sich einredet und vor Anderen den
       Anschein gibt. Sofern seine Systematik misslingt oder doch nicht ganz gelingt, sieht auch er
       die Wirklichkeit. Zu seinem Heil ist es so, obwohl die Katastrophe, die von daher sich
       ankündigt, gerade für ihn bitter genug sein wird. Sofern er aber an jenem Medium nicht
       vorbeisieht, sofern es ihm gelingt, konsequent zu sein, sofern das <term key="Weltanschauung, System">System</term> wirklich triumphiert, kann er die Wirklichkeit
       nicht sehen. Auch die paar offenen oder halb offenen Fenster der meisten
       Weltanschauungsgehäuse können daran nichts ändern, weil auch sie willkürlich, im Zusammenhang
       und nach Maßgabe des Systems vom Menschen gewählt und gesetzt sind, weil schließlich auch das
       zum System gehören kann, an bestimmten Stellen mit offenen oder halb offenen Fragen<note xml:id="n158">Schreibfehler für «Fenstern»?</note> geschmückt zu sein. An der
       Verschlossenheit des Ganzen wird damit nichts geändert. |</p>
      <p> Die Verschlossenheit jedes <term key="Weltanschauung, System, Verschlossenheit">Systems</term> als solchen besteht in seiner Arroganz, vom <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term> her vorsehen zu wollen, d. h. Voraussetzung für
       alles Sehen zu sein, den notwendigen Rahmen, die unüberschreitbare Grenze alles Wissens zu
       bilden. Sie besteht in der Illusion, <pb ed="A" n="815"/> es sei des Menschen Sache, den
       Dingen zuerst auf den Grund zu sehen<note xml:id="n159">Tskr.: «sein»; Korrektur durch die
        Hrsg.</note>, um sie nachher von diesem ihrem Grunde her zu erfassen. Sie besteht in der
       Fiktion einer vom Wissen um die Dinge verschiedenen, ihm vorangehenden und zu Grunde
       liegenden Erkenntnis ihres Seins, ihres Wesens, ihres Sinnes. Diese Arroganz, Illusion und
       Fiktion ist die Kraft, aber auch die Schwachheit jedes Systems. Das ist seine Kraft <hi rend="italic">und</hi> seine Schwachheit, dass es dem Menschen jene Verkehrsregelung, <pb xml:id="p217" ed="pga"/> jene beruhigende Vorverständigung mit sich selbst, jene Sicherung
       gegen alle Überraschungen zu bieten vermag. Und die Kraft dieser Gabe ist nur scheinbar, ihre
       Schwachheit umso realer. Gerade in solcher Voreingenommenheit sollte ja der Mensch der
       Wirklichkeit – wie nötig und angenehm ihn das auch deuchen mag – nicht entgegentreten. Sie
       ist, so wie sie ist, Gottes Instrument zu seiner Bildung. Sie kann ihm als solches nur
       dienlich sein, wenn er sie so, wie sie ist, zu sich reden lässt. Sie wendet sich sonst gegen
       ihn. Sie erträgt keine eigenwilligen Verengerungen seines Gesichtsfeldes, kein künstliches
       Sehen, keine noch so einleuchtenden Verkürzungen und Vergröberungen, keine noch so
       naheliegenden Übertreibungen und Unterschätzungen, keine willkürlichen Zurechtstellungen
       ihrer theoretischen und praktischen Phänomene<note xml:id="n160">Am Tskr.-Rand steht ein
        Zeichen, das die Absicht einer Korrektur anzeigt. Es könnte sein, dass «Phänomene»
        irrtümlich für «Probleme» steht.</note>. Sie will dem Menschen gegenüber freie Hand haben.
       Sie will sich ihm so geben dürfen, wie sie selber sich geben will. Sie will von ihm gekannt
       und gewusst sein; sie will ihm aber gerade auch immer wieder eine Überraschung, ganz neu und
       gerade so hilfreich sein. Er brauchte sie nämlich deshalb, weil sie ihm allerdings immer
       wieder überraschend sein wird, nicht zu fürchten. Er wäre, wenn er ihr das Recht dazu ließe,
       in Wahrheit nicht schlechter, sondern unendlich viel besser gehalten und getragen ihr
       gegenüber, als wenn er sich mittels seines <term key="Weltanschauung, System">Systems</term>
       vor ihr zu retten versucht. Er hat gar keinen Anlass, sich gegen sie zur Wehr zu setzen. Das
       wird in Wahrheit erst damit nötig, dass er sich nicht mehr auf Gott verlässt und beim System
       seine Zuflucht sucht. Erst die systematisierte Welt ist fürchterlich, weil sie der Reflex
       seiner eigenen Unruhe ist. <pb ed="A" n="816"/> Er dürfte die ohne Vorverständigung und
       Voreingenommenheit gesehene, in Freiheit zu ihm redende Welt ruhig auf sich zukommen, er
       dürfte sich von ihr ruhig in Erstaunen setzen lassen. Er dürfte mit der Welt wie mit Gott in
       tiefstem Frieden leben, wenn er zuerst für Gott und dann auch für sie nur vorbehaltlos offen
       bleiben wollte. Mit dem System verschließt er sich für beide. In dem Maß, als das System
       gelingt, schneidet es ihn von dem, was ist, in irgend einer Hinsicht (und vielleicht in sehr
       vielen zugleich) ab. Es versetzt ihn wohl in eine sichere Burg, aber diese Burg ist auch sein
       Gefängnis. Was darf und <pb xml:id="p218" ed="pga"/> kann er wohl von hier aus noch sehen und
       so sehen, wie es ist? Wieviel vom blauen Himmel und von der grünen Erde<note xml:id="n161">Bei dieser Formulierung könnte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an<bibl corresp="kbga-bibls-5274"> <persName ref="kbga-actors-10341">R. Blum</persName>, <hi rend="italic">Blauer Himmel, grüne Erde</hi>, Frauenfeld / Leipzig 1941</bibl>, gedacht haben, mit
        dem der Schweizer Autorin «ein überraschender Durchbruch» gelang (<bibl corresp="kbga-bibls-5275">Ch. Linsmayer, Art. «Blum, Ruth», in: Schweizer Lexikon
        91, Bd. 1, S. 618</bibl>).</note> wird hier wohl durch die Gitterstäbe, hinter die er sich selber
       begeben, zu ihm hereinschauen? In welchem Umfang wird wohl die wirkliche Welt ihre
       Bestimmung, ihn zu bilden für Gott, ihm gegenüber noch erfüllen können? In welchem Umfang
       wird er umgekehrt auf Grund seines eigenen Spinnenwerks für diese Bildung verdorben
       sein? |</p>
      <p> Am <term key="Weltanschauung, System">System</term> liegt es nicht, wenn nicht alle diese
       Fragen zu Ungunsten des armen Systematikers zu beantworten sind. Das System als solches ist
       immer Überdeckung der wirklichen <term key="Weltanschauung, Verdeckung der Wirklichkeit">Welt</term>. Und nun muss man bedenken, dass diese damit, dass der Mensch sie sich
       verdeckt, nicht aufhört, zu sein, was sie ist, ihr Recht und ihre Freiheit dem Menschen
       gegenüber sich nicht nehmen lässt. Die Welt bleibt offen gegen den Menschen hin, auch wenn
       dieser gegen sie hin verschlossen wird. Es ist schließlich doch nur sein eigenes Recht und
       seine eigene <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>, die er damit beschneiden kann.
       Und auch die Absicht Gottes mit der Welt wird damit, dass der Mensch ihr sein System und also
       seine eigene Absicht entgegensetzt, keine andere. Es muss aber zwischen der wirklichen Welt
       und dem menschlichen System, zwischen der objektiven Offenheit und der subjektiven
       Verschlossenheit, zwischen der göttlichen Bildung des Menschen und den Gebilden der
       menschlichen Ängstlichkeit zu Konflikten kommen, in welchen der Mensch unmöglich der Stärkere
       sein kann und in welchen er, <pb ed="A" n="817"/> wie sie auch endigen mögen, auf alle Fälle
       zu leiden hat. Wie der wirkliche Gott den menschlichen <term key="Gott, ist kein Prinzip">Prinzipien</term>, so widerspricht die wirkliche <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term>
       nach Gottes Willen mit ihr den menschlichen Systemen. Es handelt sich dabei freilich um einen
       Heilungs- und Wiederherstellungsprozess: um die Aufarbeitung, Auflösung und Beseitigung des
       zwischen den Menschen und die Welt hineingekommenen Fremdkörpers, um die neue Öffnung der
       blind gewordenen Augen, der taub gewordenen Ohren. Es geht schon um des Menschen Befreiung
       aus dem Gefängnis der <term key="Welt, Weltfremdheit">Weltfremdheit</term>, in das er sich
       selbst so mutwillig begeben hat. Aber ohne Schmerzen wird das nicht abgehen. Der Mensch wird
       es nie <pb xml:id="p219" ed="pga"/> gerne haben, wenn die Wirklichkeit sich als mächtiger
       erweist als das von ihm produzierte und konstruierte Netzwerk. Er wird beleidigt sein durch
       die Zumutung, dieses sein Werk nun doch wieder, und zwar gänzlich, hergeben zu müssen. Er
       wird erschrecken vor der Aussicht, den Dingen nun doch wieder ohne alle Voraussicht und
       Vorwegnahme seinerseits begegnen zu müssen. Er wird gerade vor der unsystematisierten Welt,
       die er so gar nicht fürchten müsste, entsetzliche Furcht empfinden. Er wird sich, verkehrt
       wie er ist, für einen Mann des Todes<note xml:id="n162">Diese Formulierung greift den Satz:
        «Dies ist der Mann des Todes» auf, mit dem <persName ref="kbga-actors-1025">Johann Georg Hamann</persName> in Anspielung auf <ref type="can" subtype="bible" target="2.Sam.12.5 2.Sam.12.7">2.Sam.
         12,5–7</ref>
        <persName ref="kbga-actors-216">Immanuel Kant</persName> charakterisierte (<bibl corresp="kbga-bibls-5276">Brief an Chr. J.
        Kraus, in: <persName ref="kbga-actors-1025">J. G. Hamann</persName>, <hi rend="italic">Briefwechsel</hi>, Bd. 5: <hi rend="italic">1783–1785</hi>, hrsg. von A. Henkel, Wiesbaden
        1965, S. 289–292, dort: S. 289f.</bibl>).</note> halten, wenn ihm auch im Blick auf die wirkliche
        <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> eine so radikale Bekehrung: der Abbau seines
       Systems, der Verzicht auf alle <term key="Weltanschauung, System">Systeme</term> nahegelegt
       wird. Er wird gerade die ihm damit angebotene totale Sicherheit für den Sturz in die totale
       Unsicherheit halten. Es ist ja die Abdankung seines Voraussehens und Vorsorgens als solchen
       und damit seine eigene Abdankung als der Flüchtling vor Gottes <term ref="kbga-keywords-643">Vorsehung</term> und <term key="Mensch, Flüchtling vor Gottes Vorsehung">Vorsorge</term>,
       die damit von ihm verlangt wird. Wer sich als Systematiker auf sich selbst verlässt, der muss
       sich für verlassen halten, wenn er sich nun wirklich ganz und allein auf Gott verlassen
       sollte. Aber wie sich der Mensch auch dazu stelle: eben diese Abdankung <hi rend="italic">ist</hi> das tatsächlich von ihm Verlangte. Sie ist der Sinn des Konfliktes, den er als
       Systematiker selbst heraufbeschworen hat und der ihm, solange er Systematiker sein und
       bleiben will, gar nicht erspart bleiben kann. Er kann die Welt und Gottes Absicht mit ihr
       nicht ändern. Er selbst müsste sich verändern, und zwar eben dahin, dass er die Welt <pb ed="A" n="818"/> und Gottes Absicht mit ihr fein unverändert stehen und auch für sich gelten
       lassen wollte. Solange und sofern er dies durchaus nicht tun will, kann es nicht anders sein,
       als dass er mit dem Kopf gegen die Mauer rennt und dass bei diesem Vorgang bestimmt <hi rend="italic">er</hi> der Leidtragende sein wird. Etwas Anderes als dies ist von der
       Herrschaft der <term key="Weltanschauung, Herrschaft">Weltanschauungen</term> gerade in
       dieser Hinsicht bestimmt nicht zu sagen.</p>
        </div>
        <!-- nächste Seite - "Weltanschauung: 3. Herrschaft eines Gesetzes" -->
        <div>
      <p>Wir machen schließlich (3.) die Feststellung, dass die Herrschaft jeder Weltanschauung die
       Herrschaft eines <term key="Weltanschauung, Gesetz"><hi rend="italic">Gesetzes</hi></term>
       bedeutet. Es ist <pb xml:id="p220" ed="pga"/> der Mensch selbst und als solcher, der uns jetzt
       im Blick auf seine durch die Weltanschauungen bestimmte Situation noch einmal beschäftigen
       muss. Er ist der unermüdliche Erfinder und Schöpfer der <term key="Mensch, Erfinder und Schöpfer der Weltanschauungen">Weltanschauungen</term>. Er
       entdeckt die <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzipien</term>. Er baut die <term key="Weltanschauung, System">Systeme</term>. Seine irrende <term key="Mensch, Unruhe">Unruhe</term> ist das treibende Motiv des Ganzen. Er ist denn auch das Opfer dieses <term key="Mensch, Opfer der Weltanschauungen">Ganzen</term>. Die Welt wird nicht angerührt durch
       dieses sein Unternehmen: es wäre denn in der Weise, dass sie mit dem Menschen und um den
       Menschen, von sich aus freilich ohnmächtig, Leid trägt wegen der Störung und Zerstörung,
       unter der er leiden muss. Gott wird auch nicht angerührt durch dieses Unternehmen: es wäre
       denn darin, dass er sich das Leid des Menschen in dem mächtigen und hilfreichen Mitleid
       seiner <term ref="kbga-keywords-115">Barmherzigkeit</term> nahe gehen lässt. Der Mensch aber
        <hi rend="italic">ist</hi> angerührt durch dieses sein eigenes Unternehmen. Der Mensch <hi rend="italic">ist</hi> der Ort, wo dessen Unmöglichkeit zum Ausbruch kommt. Der Mensch <hi rend="italic">ist</hi> hier der eigentliche Leidtragende. Die <term key="Mensch, Untreue">Untreue</term> schlägt ihren eigenen Herrn. Der durch seine Untreue geschlagene Herr ist
       der Mensch. Er wird damit geschlagen, dass er unter ein Gesetz zu stehen kommt. Das von ihm
       entdeckte Prinzip und das von ihm gebaute System ist das Gesetz. Es gibt auch ein Gesetz
        <term key="Gesetz, Gottes G.">Gottes</term>: des Menschen Bestimmung für ihn, seine
       Menschlichkeit. Aber der Inhalt dieses Gesetzes ist seine Freiheit: etwas Anderes, als dass
       er Mensch und als solcher vor Gott und für Gott sei, wird durch das Gesetz Gottes nicht von
       ihm verlangt. Nicht das Gesetz, sondern Gott beherrscht ihn, und nicht dem Gesetz muss er,
       sondern Gott darf er dienen laut des Gesetzes Gottes. |</p>
      <p> Das <term key="Weltanschauung, Gesetz">Gesetz</term>
       <pb ed="A" n="819"/> des Prinzips und des Systems aber will nicht seine Freiheit, sondern
       seine <term key="Mensch, Gefangenschaft">Gefangenschaft</term>. Es ist ein seiner
       Menschlichkeit fremdes Gesetz, d. h. es verlangt Werke und Leistungen von ihm, die mit seiner
       Menschlichkeit nichts zu tun haben, die ihr geradezu entgegen sind, die er nur in Verleugnung
       seiner Menschlichkeit vollbringen kann. Es übt eine von der Herrschaft Gottes verschiedene
        <term key="Weltanschauung, Herrschaft">Herrschaft</term> [aus], eine Fremdherrschaft, unter
       der der Mensch nicht leben, sondern nur sterben kann, weil er nicht für sie geschaffen ist.
       Dass weder das Prinzip noch das System ihn jemals völlig beherrschen können, ist wohl wahr.
       Darin verrät es sich eben, dass kein Prinzip mit dem wirklichen Gott und kein System mit der
       von Gott geschaffenen und regierten wirklichen Welt identisch ist. Darin verrät sich, dass
       ihre <pb xml:id="p221" ed="pga"/> Herrschaft über den Menschen tatsächlich eine usurpierte,
       eine Fremdherrschaft ist. Der völlig beherrschte Mensch wäre gerade der freie Mensch. Nur
       Gott kann ihn völlig beherrschen; nur Gott kann ihm also <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> geben. Das Prinzip und das System können ihn tatsächlich nicht völlig
       beherrschen. Das macht aber ihr Gesetz nicht erträglicher. Gerade das macht es unerträglich.
       Gerade mit seiner zweideutigen, innerlich gebrochenen, tief unechten Autorität kann es den
       Menschen nicht befreien, sondern nur gefangen <term key="Mensch, Gefangenschaft">nehmen</term>, seiner Menschlichkeit nur entgegen sein. Seine Situation unter diesem Gesetz
       ist diese: Er hat sich selbst, indem er sich ein <term key="Weltanschauung, Prinzip"><hi rend="italic">Prinzip</hi></term> erwählte bzw. von diesem sich erwählen ließ, unter einen
       bestimmten <hi rend="italic">Einfluss</hi> gestellt. Er ist nun nicht mehr nur Mensch, wie er
       es vor Gott und für Gott sein dürfte, sondern auch noch der Besessene und Sachwalter jenes
       die Rolle Gottes spielenden Vorzugselementes. Er muss nun in dessen Dienst treten, seines
       Vorzugs sich dauernd bewusst bleiben, seinen Vorzug in allem seinem Tun zur Geltung bringen.
       Er muss sich, da er ihm die Rolle Gottes einmal <term key="Weltanschauung, Prinzip, Gottähnlichkeit">eingeräumt</term>, ein Gewissen daraus
       machen, das in irgend einer Hinsicht zu unterlassen. Es muss ihm grimmiger Ernst sein mit
       seiner Sache. Es ist ihm wohl auch ernst damit. Es kann ihm aber unter allen Umständen nicht
       immer und nie gänzlich ernst sein. Er kann dem Dienst seines Prinzips <pb ed="A" n="820"/> bestimmt nicht auf der ganzen Linie nachkommen. Das geht schon darum nicht, weil es ja
       nicht der wirkliche Gott ist, weil es ihn gar nicht völlig und endgültig in Anspruch nehmen
       kann. Mehr als ein bestimmter Einfluss ist von ihm nicht zu erwarten. Es wird den Menschen an
       bestimmter Stelle immer intakt lassen. «Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein»<note xml:id="n163"><bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von
          Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, V, 940 (Vor dem Tor)</bibl>.</note>,
       denkt er dann wohl und übersieht nur, dass jener Einfluss faktisch stattfindet und dass es
       ihm gegenüber keinen wirklichen Ruheort geben kann. Indem es ihn immer nur ein Stück weit und
       nun doch in der Rolle Gottes in Anspruch nimmt, kann es nicht anders sein, als dass es ihm,
       sofern er ihm gegenüber noch intakt geblieben ist, fortwährend zum Vorwurf und zum Ankläger
       wird. Ihm wird er nie genug tun können. Es verlangt, gerade weil seine Herrschaft in sich
       fragwürdig und immer bedroht ist, unermüdliche Bedienung. Und so etwas wie Sündenvergebung
       ist vom Prinzip auch nicht zu erwarten. <pb xml:id="p222" ed="pga"/> Ihm fehlt die Güte <term ref="kbga-keywords-186">Gottes</term>; so kann es nur unerbittlich mehr und mehr fordern. Es
       kann den Menschen nur müde machen, und es kann ihn, indem es ihn hat und doch seiner Natur
       nach nicht völlig haben kann, im letzten Grund nur erbittern. Der einem Prinzip verfallene
       wird im Unterschied zu dem Gott gehorsamen Menschen immer bitter oder auch sauer sein. Das
       kommt davon her, dass er im letzten Grund, wie besessen er sich immer gebe, nur widerwillig
       und seufzend gehorcht und nun doch nicht davon loskommt, gehorchen zu müssen. Seine
       Bitterkeit und Säure verrät ihn; sie verrät die ganze Ohnmacht, aber freilich auch die
       ohnmächtige Macht der Prinzipien. (Wenn ein Christ sich in ähnlicher Weise verraten sollte,
       so möge er sich daran klar machen, dass er vom Gesetz <term key="Gesetz, Gottes G.">Gottes</term> längst abgefallen, längst dem Gesetz einer vermeintlich christlichen <term key="Weltanschauung, «christliche»">Weltanschauung</term> verfallen ist!). |</p>
      <p> Die Herrschaft eines <term key="Weltanschauung, Herrschaft">Prinzips</term> bedeutet immer
        <term key="Mensch, Gefangenschaft">Gefangenschaft</term>: eine solche Gefangenschaft, die
       man wohl mit der Gefangenschaft unter anderen <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzipien</term> vertauschen, die man aber nicht anders als durch Rückkehr von den
       Prinzipien zum wirklichen und lebendigen Gott und seiner Herrschaft loswerden kann. Dort,
       aber auch dort allein winkt die <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>. Die
       Unmöglichkeit der menschlichen Situation unter der Herrschaft einer Weltanschauung ist schon
       nach dieser <pb ed="A" n="821"/> Seite grenzenlos. Sie kann nur durch eine ganz andere
       Situation ersetzt werden, wenn das Gesetz dem Menschen nicht zum Gesetz seines Todes [vgl.
        <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.2">Röm. 8,2</ref>] werden soll. Die Sache hat
       aber noch eine andere Seite: Es hat sich der Mensch, indem er auf das <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term> das <term key="Weltanschauung, System"><hi rend="italic">System</hi></term> baute, unter eine <term key="Weltanschauung, Gesetz"><hi rend="italic">Regel</hi></term> gestellt. Er ist nun nicht mehr bloß der Mensch im freien
       Verkehr mit der für ihn, zu seiner Bildung geschaffenen wirklichen Welt, sondern darüber
       hinaus der Mensch, der sich über die Welt Bescheid gesagt, der sich selber die
       Voraussetzungen geschaffen hat, unter denen er es der von Gott geschaffenen Welt gestatten
       will, ihn anzugehen, seine Welt zu sein. Er hat nun diese Brille vor den Augen. Er hat nun
       von der Welt nicht mehr und nicht weniger als das, was diese Brille, und [hat es] so, wie
       diese Brille es ihm zu sehen gestattet. Er muss nun auf den von ihm selbst gelegten Schienen
       rollen. Es muss für ihn nun Alles so sein, wie es nach seinen Voraussetzungen zu erwarten
       ist. Alle Begegnungen und Entdeckungen, die er macht, alle Fragen und Aufgaben, die sich ihm
       stellen, alle Schwierigkeiten und Nöte, mit denen er es zu tun bekommt, müssen <pb xml:id="p223" ed="pga"/> sich nun in die bestimmten Schubladen einfügen, die er dafür
       vorgesehen hat. Das <term key="Weltanschauung, Gesetz">Gesetz</term> will es!<note xml:id="n164">Möglicherweise eine Anspielung auf das berühmte «<foreign xml:lang="lat">Deus lo vult</foreign>», mit dem die
        begeisterte Volksmenge auf der Synode von <placeName ref="kbga-places-1391">Clermont</placeName> am <date when="1095-11-27">27. November
         1095</date> den Aufruf des Papstes <persName ref="kbga-actors-2767">Urban II.</persName>
        zum (ersten) Kreuzzug angenommen haben soll. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5277"><persName ref="kbga-actors-2102">Robert
         der Mönch</persName>, <hi rend="italic">Historia Iherosolimitana</hi>, in: RHC.Hor. 3,
        Paris 1866, S. 721–882, dort: S. 729</bibl>.</note> Wozu hätte er eine <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term>, wenn es nicht so laufen müsste? Es kann aber offenbar auch hier nur
       teilweise so laufen. Das Netzwerk auch des geschlossensten Systems hat seine Lücken, in denen
       es die Wirklichkeit nicht erfasst. Und die Wirklichkeit lässt sich auch von den Maschen
       dieses Netzes tatsächlich nicht erfassen. Die <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> ist
       an jedem Punkt immer noch reicher, tiefer, schöner, sie ist immer noch ganz anders, als vom
       Menschen her vorgesehen ist. Sie muss und wird gerade für den Menschen unheimlich und
       beunruhigend sein und bleiben, der sich ihrer eigenmächtig erwehren möchte. Sie ist das
       Instrument der göttlichen und nicht der menschlichen <term ref="kbga-keywords-643">Vorsehung</term>. So entzieht sie sich dem Zugriff des Systems, auch da, wo sie scheinbar
       von diesem erreicht und bedeckt wird, ganz abgesehen davon, dass von diesem Erreichen und
       Bedecken auf weiteste Strecken gar keine Rede sein kann. |</p>
      <p> Der Mensch unter dem Gesetz seiner <term key="Weltanschauung, Gesetz">Weltanschauung</term> aber muss sie erfassen, darf ihr gegenüber nicht kapitulieren, muss
       sich mindestens verschwören, dass er niemals kapitulieren und dass er jedem das Schlimmste
       anzutun gesonnen sei, der von Kapitulation <pb ed="A" n="822"/> auch nur reden sollte.<note xml:id="n165">So <persName ref="kbga-actors-185">Adolf Hitler</persName> in zahlreichen
        Reden, z. B. am <date when="1939-09-01">1. September 1939</date> vor dem Reichstag: «Ein
        Wort habe ich nie kennengelernt, es heißt: Kapitulation! [...] So wie ich selber bereit bin,
        jederzeit mein Leben für mein Volk und für Deutschland einzusetzen, so verlange ich dasselbe
        auch von jedem anderen! Wer aber glaubt, sich diesem nationalen Gebot, sei es direkt oder
        indirekt widersetzen zu können, der fällt! Verräter haben nichts mit uns zu tun!» (<bibl corresp="kbga-bibls-164">Domarus [<ref type="pub" target="#fn_n141">Anm. 141</ref>], <choice><sic ed="pga">Bd. 3</sic><corr type="misprint" resp="pz">Bd. II/1</corr></choice>, S. 1316f.</bibl>). Oder am <date when="1941-04-29">29. April 1941</date> im <placeName ref="kbga-places-881">Berliner Sportpalast</placeName>: «Ein Wort habe ich als
        Nationalsozialist im Kampf um die Macht nie gekannt: Kapitulation! Ein Wort kenne ich nie
        und werde ich nie kennen als Führer des deutschen Volkes und als euer Oberster Befehlshaber,
        es heißt wieder Kapitulation, d. h. Ergebung in den Willen eines anderen – niemals, niemals!
        Und genau so haben Sie zu denken!» (a.a.O., <bibl corresp="kbga-bibls-164"><choice><sic ed="pga">Bd. 4</sic><corr type="misprint" resp="pz">Bd. II/2</corr></choice>, S. 1695</bibl>). <p>Mit der
         Kriegssonderstrafrechtsverordnung vom <date when="1939-08-17">17. August 1939</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-5162">RGBl.
         I, 1939, S. 1455–1457</bibl>) war der neue Straftatbestand der «Wehrkraftzersetzung» eingeführt
         worden, gemäß dem «mit dem Tode bestraft» wurde, «wer öffentlich dazu auffordert oder
         anreizt, die Erfüllung der Dienstpflicht in der deutschen oder einer verbündeten Wehrmacht
         zu verweigern, oder sonst öffentlich den Willen des deutschen oder verbündeten Volkes zur
         wehrhaften Selbstbehauptung zu lähmen oder zu zersetzen sucht» (§ 5, Abs. 1,1).</p></note>
       Er muss seine Arroganz, seine Illusion, seine Fiktion <pb xml:id="p224" ed="pga"/>
       durchführen, koste es, was es wolle: <foreign xml:lang="lat">Fiat iustitia et pereat mundus!</foreign><note xml:id="n166">Wahlspruch Kaiser <persName ref="kbga-actors-2024">Ferdinand I.</persName> (1558–1564), der von
         <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in der Bedeutung übersetzt wurde, die
        <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier meint: «Es geschehe, was recht ist, und solt die welt drob vergehen» (<bibl corresp="kbga-bibls-3654"><hi rend="italic">Zweite Predigt über den 110. Psalm</hi>, 10. Mai
         1535; WA 41, 138,7f.</bibl>). Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann,
        S. 426f</bibl>.</note> Er ist dem <term key="Weltanschauung, System">System</term> verpflichtet,
       und das bedeutet, dass er sich und Anderen bis zum letzten Blutstropfen<note xml:id="n167">Diese und ähnliche Durchhalteparolen begleiteten den spätestens mit der Niederlage von
        <placeName ref="kbga-places-1447">Stalingrad</placeName> Anfang 1943 einsetzenden Rückzug der deutschen Armeen. Vgl. aus der Sondermeldung
        des Oberkommandos der Wehrmacht zum Fall von Stalingrad vom <date when="1943-02-03">3. Februar 1943</date>: «Der Kampf um <placeName ref="kbga-places-1447">Stalingrad</placeName> ist zu Ende. Ihrem Fahneneid bis zum
        letzten Atemzuge getreu ist die 6. Armee […] der Übermacht des Feindes und der Ungunst der
        Verhältnisse erlegen. […] Unter der Hakenkreuzfahne, die auf der höchsten Ruine von
        Stalingrad weithin sichtbar gehißt wurde, vollzog sich der letzte Kampf. Generale,
        Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften fochten Schulter an Schulter bis zur letzten
        Patrone. Das Opfer der Armee war nicht umsonst. <hi rend="italic">Sie starben, damit
         Deutschland lebe</hi>.» (<bibl corresp="kbga-bibls-5278">Völkischer Beobachter, Nr. 35, 4. Februar
         1943, S. 1</bibl>). – Vgl. z. B. auch <bibl corresp="kbga-bibls-5279"><persName ref="kbga-actors-10343">A.
         Schmidt</persName>, <hi rend="italic">Wir geloben vor Gott</hi>, in: Suedostdeutsche
        Tageszeitung, Nr. 171, <date when="1944-07-27">27. Juli 1944</date>, S. 4</bibl>: «Wir geloben dem
        <persName ref="kbga-actors-185">Fuehrer</persName> vor Gott Gehorsam und Treue und Einheit zu wahren bis zum letzten Atemzug, bis zum
        letzten Blutstropfen. So werden wir den Sieg erringen. In diesem Sinne, meine deutschen
        Volksgenossen und Kameraden der Wehrmacht, fordere ich Sie auf, das Geloebnis der Treue und
        Ehre vor dem Fuehrer abzulegen.» <p> In gleicher Weise war zuvor auch die sowjetische Armee
         eingeschworen worden: «Beharrlich, bis zum letzten Blutstropfen, muss jede Stellung, jeder
         Meter sowjetischer Erde verteidigt werden», hieß es in Befehl Nr. 227 des
         Volkskommissariats für Verteidigung vom <date when="1942-07-28">28. Juli 1942</date> (zit.
         nach <bibl corresp="kbga-bibls-5280">B. Ulrich, <hi rend="italic">Stalingrad</hi>,
         München 2005, S. 51</bibl>).</p></note> versichern muss, dass das System die wirkliche Welt, seine
       Voraussicht die göttliche <term ref="kbga-keywords-643">Vorsehung</term> selbst sei. Obwohl
       unterdessen vielleicht alle entscheidenden Schlachten längst geschlagen und für ihn verloren
       sind! Obwohl sein ganzes Unternehmen von Haus aus und auch damals, als es scheinbar in
       höchster Blüte stand, eine verlorene Sache war, weil sich die Wirklichkeit durch kein System
       ersetzen und verdrängen lässt. Er könnte seine <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> und jede Weltanschauung nur fallen lassen, <pb xml:id="p225" ed="pga"/> wenn er nicht unter diesem Gesetz und nicht unter dem Fluch dieses Gesetzes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.3.13">Gal. 3,13</ref>] stehen wollte. Unter diesem
        <term key="Weltanschauung, Gesetz">Gesetz</term> stehend, muss er gegen die Wirklichkeit
       anrennen und muss er daran zugrunde gehen. Die göttliche <term ref="kbga-keywords-643">Vorsehung</term>, die in der wirklichen <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> in
       Geltung steht und deren Anerkennung ihn allein <term ref="kbga-keywords-658">frei</term>
       machen könnte, duldet keinen Konkurrenten. Der Mensch mit seinen Weltanschauungen ist ihr
       Konkurrent und muss es sein. Dieser Mensch kann nicht frei sein, auch dann nicht, wenn seine
       Weltanschauung eine mehr oder weniger fromme ist, und dann vielleicht am allerwenigsten!
       Wieder könnte ihn nur die Umkehr retten. Die Unmöglichkeit seiner Situation unter der
       Herrschaft einer <term key="Weltanschauung, Herrschaft">Weltanschauung</term> ist auch nach
       dieser Seite grenzenlos. Nur eine ganz andere Situation ohne jede Weltanschauung würde ihn
       vor dem Todesgesetz retten können, das dort unaufhaltsam gültig ist.</p>
      
      <p rend="margin-top">Der Beweis für die Verschiedenheit, die Unvereinbarkeit, den ausschließenden Gegensatz
       zwischen dem <hi rend="italic">Glauben</hi> und den <term key="Glaube, und Weltanschauung"><hi rend="italic">Weltanschauungen</hi></term> dürfte damit geführt sein, dass wir nun
       beide in ihrer Natur, in ihrer Entstehung, in ihrer Wirksamkeit zu verstehen und darzustellen
       versucht haben. Es würde keinen Sinn haben, sie im Einzelnen gegeneinander zu halten und
       voneinander abzuheben. Sie sind von Grund und von Haus aus und darum dann auch in allen ihren
       genetischen, strukturellen und funktionellen Merkmalen verschiedene Größen, die man nur in
       ihrer Totalität neben<pb ed="A" n="823" break="no"/>einander zu sehen braucht, um eben damit
       gewahr zu werden, dass irgend eine <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> und <hi rend="italic">positive</hi> Beziehung zwischen ihnen <hi rend="italic">nicht</hi> möglich und auch nicht
       denkbar ist. Zwischen ihnen so wenig wie zwischen Gott und den Göttern! Und jener primäre
       Gegensatz bedingt diesen sekundären: Weil zwischen Gott und den Göttern nur Gegensatz denkbar
       ist, darum auch zwischen dem Glauben und den Weltanschauungen. Indem man dort wählt, hat man
       auch hier schon gewählt. In der Erkenntnis und im Dienste Gottes entsteht und lebt der
       Glaube. In der Täuschung durch die Götter und in ihrer Gefangenschaft entstehen und leben die
       Weltanschauungen. Von diesen Ursprüngen her wird auf beiden Seiten Alles ganz anders: so
       anders, dass auch im Einzelnen nichts gleichzusetzen, nichts auszuwechseln, nichts zu
       kombinieren ist. Formal vergleichbar und vertauschbar sind <pb xml:id="p226" ed="pga"/> nur
       die beiderseitigen Ursprünge, d. h. es kann der glaubende Mensch nur aus dem Glauben
       heraustreten, um dann und damit sicher sofort auf den Boden einer Weltanschauung zu geraten,
       und es kann der auf dem Boden einer Weltanschauung stehende Mensch diesen Boden (und den
       Boden aller bekannten und möglichen Weltanschauungen) nur verlassen, um eben damit auf den
       Boden des Glaubens zu treten, weil es außer diesen beiden einen dritten Boden nicht gibt.
       Aber auch diese Vergleichbarkeit und Vertauschbarkeit ist nur formell. Sachlich wäre ja
       sofort zu sagen, dass der Übertritt vom Glauben zu einer Weltanschauung oder umgekehrt von
       keiner dieser beiden Seiten her vorzusehen ist. Der glaubende Mensch hat ja wirklich als
       solcher keine Freiheit dazu, aus dem Glauben herauszutreten. Und wenn der von einer
       Weltanschauung herkommende Mensch diese wirklich fallen lässt, so setzt das voraus, dass er
       bereits in der <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> und im <term key="Mensch, Gehorsam">Gehorsam</term> des Glaubens lebt und eben dadurch zu jenem
       Fallenlassen genötigt und befähigt ist. So gibt es auch hinsichtlich des Übergangs zwischen
       den Ursprüngen hier und dort keine Kontinuität. |</p>
      <p> Es bilden beide: der Glaube und die <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term>, je einen in sich geschlossenen Bereich: einheitlich der des
       Glaubens, vielfältig und in sich widerspruchsvoll der der Weltanschauungen. Es gibt mögliche,
       es gibt kontinuierliche Über<pb ed="A" n="824" break="no"/>gänge von einer Weltanschauung zur
       anderen. Es gibt aber keinen kontinuierlichen Übergang vom Glauben zu irgend einer
       Weltanschauung oder von irgend einer Weltanschauung zum Glauben. Sondern wenn an die Stelle
       des Glaubens eines Menschen wirklich eine Weltanschauung getreten sein sollte, dann könnte
       das nur als ein schlechthin absurdes Geschehen verstanden und bezeichnet werden. Und wenn
       umgekehrt die Weltanschauung eines Menschen fällt und durch den Glauben ersetzt wird, dann
       hat damit ein neuer Anfang stattgefunden, für den es in seiner gefallenen Weltanschauung
       bestimmt keinen Anlass und keinen <term key="Anknüpfungspunkt">Anknüpfungspunkt</term><note xml:id="n168">Mit diesem Begriff hatte <persName ref="kbga-actors-63">Emil
         Brunner</persName>, thematisch zuerst in seinem Aufsatz <bibl corresp="kbga-bibls-4545"><hi rend="italic">Die Frage nach
         dem «Anknüpfungspunkt» als Problem der Theologie</hi>, in: ZZ 10 (1932), S. 505–532</bibl> (auch
        in: <bibl corresp="kbga-bibls-5148">ders., <hi rend="italic">Ein offenes Wort. Vorträge und Aufsätze 1917-1962</hi>,
        eingeführt und ausgewählt von R. Wehrli, Bd. 1, Zürich 1981, S. 239–267</bibl>), das wichtigste
        Stichwort für eine langwierige Kontroverse mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ausgegeben. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> wohl erste
        öffentliche Reaktion darauf: <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/1, S. 26ff.</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3">V.u.kl.A. 1930–1933,
        <ref type="pub" target="../volume/49/p179#p179">S. 179f</ref>.<ref type="pub" target="../volume/49/p216#p216">216f</ref>.</bibl></note> gab. Wenn es aber mit den Ursprüngen so steht, dann <pb xml:id="p227" ed="pga"/> erst recht mit allen beiderseitigen Konsequenzen. Es ist z. B. nicht möglich, aus
       dem Gott, auf den der Glaube sich verlässt, nun doch wieder ein Prinzip zu machen, mit Hilfe
       dessen der Mensch es sich erlauben könnte, ein Bild der Wirklichkeit zu produzieren und zu
       konstruieren, hinter dem er sich nun umso besser geborgen wüsste, weil er ja bei dessen
       Entwurf ausgerechnet mit Gott gearbeitet und gespielt hat: Der Gott, auf den sich der Glaube
       verlässt, ist zu dieser Arbeit oder zu diesem Spiel nun einmal nicht zu brauchen, weil er der
       Gott der <term ref="kbga-keywords-62">Wahrheit</term> ist, vor dem sich alle Bilder in <term key="Nichts / Nichtiges">Nichts</term> auflösen. Es ist auch nicht möglich, dass der
       glaubende und also der von Gott <term ref="kbga-keywords-37">geliebte</term>, in Jesus
       Christus seiner <term key="Gnade, Jesu Christi">Gnade</term> teilhaftige, in der Gemeinschaft
       des Heiligen <term key="Heiliger Geist, Gemeinschaft">Geistes</term> stehende Mensch [vgl.
        <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.13.13">2.Kor. 13,13</ref>] aus seinem ruhig
       vertrauenden Wissen um die Wirklichkeit Gottes und der <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> und um seine eigene Wirklichkeit die Burg eines Systems, einer selbsterfundenen
        <term ref="kbga-keywords-643">Vorsehung</term> werden lassen kann. Jede solche Burg und
       jeder Gedanke an eine solche, jedes Bedürfnis nach einer menschlichen Vorsehung und jedes
       Zutrauen zu ihrer Glaubwürdigkeit und Festigkeit ist ja damit positiv erledigt, dass der
       glaubende Mensch es liebt, von Gott inmitten der übrigen <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term>
       <term key="Glaube, liebt es von Gott geliebt zu sein">geliebt</term> zu werden. Es ist auch
       das nicht möglich, dass sich ihm das Gesetz <term key="Gesetz, Gottes G.">Gottes</term>, das
       das Gesetz seiner eigenen Freiheit ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.25">Jak. 1,25</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.2.12">2,12</ref>], in jenes tötende <term key="Weltanschauung, Gesetz">Gesetz</term> verwandelt,
       unter dem er, immer gezwungen und doch nie bezwungen, bitter und sauer werden und unter
       dessen Herrschaft er schließlich an der nicht zu syste<pb ed="A" n="825" break="no"/>matisierenden Wirklichkeit scheitern muss. |</p>
      <p> Die Prädikate des <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzips</term>, des <term key="Weltanschauung, System">Systems</term> und des Gesetzes einer <term key="Weltanschauung, Gesetz">Weltanschauung</term> können nicht auf die scheinbar
       entsprechenden Momente des Glaubens übertragen werden. Sie können es darum nicht, weil die
       Entsprechung immer nur eine scheinbare ist, weil der Glaube und die <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> sich gerade in den scheinbar
       entsprechenden Momenten in Wirklichkeit wie Feuer und Wasser zueinander verhalten. Dasselbe
       gilt aber auch umgekehrt: Man würde sich vergeblich bemühen, wenn man z. B. das Prinzip einer
       Weltanschauung nachträglich mit den Eigenschaften des <term key="Gott, Eigenschaften">Gottes</term> bekleiden wollte, der der Ursprung und Gegenstand des Glaubens ist. Man
       verriete durch solche Entlehnung und Anpassung freilich die ursprüngliche Schwäche, die
       natürliche Unselbständigkeit der betreffenden und jeder Weltan<pb xml:id="p228" ed="pga" break="no"/>schauung. Man würde aber die <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term>
       durch solche Entlehnung und Anpassung, die doch immer nur eine Etikettierung sein kann, nicht
       stärken, sondern nur noch schwächer machen. Die Eigenschaften Gottes sind nicht
        übertragbar<note xml:id="n169">Die reformiert-orthodoxe Unterscheidung zwischen
        «unübertragbaren» und «übertragbaren» Eigenschaften Gottes («<foreign xml:lang="lat">attributa incommunicabilia</foreign>» und
        «<foreign xml:lang="lat">attributa communicabilia</foreign>») hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> durch die den Gedanken der «Übertragbarkeit» auch
        terminologisch ausschließende Unterscheidung zwischen den «Vollkommenheiten des göttlichen
        Liebens» und denjenigen «der göttlichen Freiheit» ersetzt: <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/1, S. 394–495.495–764
        (§§ 30f.)</bibl>.</note> und nicht einmal etikettierbar. Sie wirken eben da, wo solche Übertragung,
       solcher Raub auch nur versucht wird, in der Weise, wie es in der Geschichte von der
       Aufstellung der Bundeslade im Tempel des <persName ref="kbga-actors-3837">Dagon</persName> <ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.5.1 1.Sam.5.28">1.Sam.
        5,1f[f.]</ref>, beschrieben ist: sie kompromittieren und ruinieren das <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term>, zu dessen Ehre man sie jeweilen
       herbeischleppen möchte. Man kann sich auch nicht den Luxus und den Frevel eines Systems
       leisten, um sich nachträglich in dessen Voraussetzungen und Sicherungen mit demjenigen
       stillen und haltbaren <term ref="kbga-keywords-1768">Vertrauen</term> einrichten zu wollen,
       in welchem der Glaube der ganzen Wirklichkeit gegenüber offen und geborgen ist. Dieses
       Vertrauen stammt aus der <term key="Mensch, Ruhe in Gott">Ruhe</term> des Menschen in Gott,
       die da ist, wo der Mensch es dabei bewenden lässt, sich daran zu halten, dass er von Gott
       gehalten ist. Das System aber stammt aus der Untreue des <term key="Mensch, Untreue">Menschen</term>, der es dabei nicht sein Bewenden haben lassen mag. Was zum System passt,
       ist wohl die trotzige Zuversicht des Menschen zu seinem eigenen Werk bzw. zu den Göttern,
       durch die er sich zu diesem seinem Werk berufen glaubt, – die Zuversicht, die doch morgen
       oder heute schon in ein ebenso gründliches Verzagen um<pb xml:id="p826" ed="pga" break="no"/>schlagen kann. Das christliche Vertrauen passt zu keinem <term key="Weltanschauung, System">System</term>. Wenn der Systematiker es – vielleicht um der systematischen Vollständigkeit
       willen – für richtig hält, seinerseits auch zu so etwas wie zu einer Imitation des
       christlichen Vertrauens zu greifen, so sehe er wohl zu, dass es dabei nicht zu einer
       fürchterlichen Beschleunigung gerade dieses Umschlags komme. Gott lässt seiner nicht spotten
       mit einem imitierten Vertrauen. Der Mensch wird ernten müssen, was er gesät hat [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>], und dann erst recht und nur
       umso schneller und gründlicher, wenn er der Vorsicht halber gleich auch ein bisschen
       verdorbenen Weizen unter sein Unkraut gesät hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.24 Mt.13.30">Mt. 13,24–30</ref>]. Und <pb xml:id="p229" ed="pga"/> so ist es
       auch undurchführbar, die toten Werke des Gesetzes einer <term key="Weltanschauung, Gesetz, tote Werke">Weltanschauung</term> nachträglich in die guten
       Werke des Gesetzes <term key="Gesetz, Gottes G.">Gottes</term> umzudeuten, unter denen der
       Glaube frei und gerade so gehorsam ist. Dass jedes Gesetz tötet, dass jedes Prinzip den
       Menschen nur müde und jedes System ihn nur weltfremd machen kann, daran wird damit gar nichts
       geändert, dass man es unter das Zeichen des Namens Gottes stellt. Man sollte das lieber nicht
       tun. Das Elend des unter der Herrschaft jenes Gesetzes stehenden <term ref="kbga-keywords-107">Menschen</term>: seine ganze Bedrängnis zwischen Sollen und Sein,
       Wollen und Nichtkönnen, wird unter jenem Zeichen nur erst recht akut und offenbar, durch
       jenes Zeichen aber keineswegs beseitigt werden können. So ist zwischen hüben und drüben eine
       Kluft, die an jedem Punkt von beiden Seiten sichtbar werden muss, von keiner Seite zu
       überbrücken ist. So gibt es wirklich auch zwischen den Konsequenzen hüben und drüben keinen
       kontinuierlichen Übergang. So kann man in dieser ganzen Sache wirklich nicht zweien Herren
       dienen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.24">Mt. 6,24</ref>]. Wer glaubt, der hat
       den Weltanschauungen in ihrem Ursprung und in ihren Konsequenzen – und wer eine
       Weltanschauung hat, der hat dem Glauben wieder in seinem Ursprung und in allen seinen
       Konsequenzen abgeschworen. Der objektive Gegensatz zwischen Gott und den Göttern macht es
       unmöglich, dass es in dem subjektiven Gegensatz zwischen dem Glauben und den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> eine Vermittlung, eine Versöhnung,
       eine Vereinigung gibt. – Was hier möglich ist, das sind nur Missverständnisse oder
        Entscheidungen.</p>
       </div>
<!-- nächste Seite - "Gleichzeitigkeit von Weltanschauung und Glauben" -->
       <div>
        <div>
          <div>
      <p rend="margin-top"><pb ed="A" n="827"/> Wir reden zuerst von den <hi rend="italic">Missverständnissen</hi>. Sie sind allerdings
       möglich. Das ist zuzugestehen, schon weil sie in unübersehbarer Menge wirklich sind. Es kommt
       tatsächlich immer wieder vor, dass der Mensch meint, zugleich glauben und eine Weltanschauung
       haben – zugleich eine Weltanschauung haben und doch auch <term key="Glaube, und Weltanschauung">glauben</term> zu können.</p>
      </div>
    <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Diese Meinung ist der trübe Schleier, der schon auf der ganzen Geschichte Israels und dann auch wieder auf der ganzen christlichen
       Geistes- und <term key="Dogma, Dogmengeschichte">Dogmengeschichte</term> liegt: immer wieder
       durchbrochen freilich, aber doch auch immer aufs Neue ausgebreitet. Er liegt nicht auf dem
       Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testament</term> als solchen, nicht auf seinen <term key="Propheten">Propheten</term>, nicht auf seiner Darstellung und Beurteilung der
       Geschichte Israels. Er liegt auch nicht auf dem
       Neuen <term ref="kbga-keywords-74">Testament</term>. Die <term key="Weltanschauung">Weltan<pb xml:id="p230" ed="pga" break="no"/>schauungen</term> sind freilich auch in der alt- und
       neutestamentlichen Bibel sichtbar, aber gerade nicht in dem Missverständnis, als ob der
       Mensch glauben und dann doch auch eine Weltanschauung haben könne, sondern in Verdrängung und
       Überwindung der Weltanschauung durch den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Glauben</term>. In der <term ref="kbga-keywords-110">Bibel</term> polemisiert der Glaube
       gegen die Weltanschauungen. Er kennt die <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzipien</term>, aber er leugnet sie; er kennt die <term key="Weltanschauung, System">Systeme</term>, aber er ist unbeteiligt und abweisend ihrer Produktion und ihrer
       Konstruktion gegenüber und denkt nicht daran, ihre Zahl um ein weiteres zu vermehren; er
       kennt auch das Gesetz dieser Bilder, aber er ist fern davon, sich ihm zu unterwerfen, sondern
       er stellt ihm das Gesetz <term key="Gesetz, Gottes G.">Gottes</term> entgegen als das allein
       gültige Gesetz. Eben dieser prophetische und apostolische Protest des Glaubens gegen die
        <term key="Glaube, und Weltanschauung, prophetisch-apostolischer Protest">Weltanschauungen</term> hat sich dann auch in der christlichen Geistes- und <term key="Dogma, Dogmengeschichte">Dogmengeschichte</term> überall da wiederholt, wo der Glaube
       wachte, statt zu schlafen, wo er bei sich selbst war, wo er in Verantwortlichkeit gegenüber
       dem ihn begründenden Worte <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term> zu reden und zu handeln
       wusste. Es ist aber wohl wahr, dass es immer auch einen schlafenden Glauben und dass es sogar
       im wachen Glauben ein immer wenigstens teilweises Schlafen gegeben hat.<note xml:id="n170">In
        diesen Sätzen – wie im Folgenden öfters – schimmert durch <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Ausführungen ein latenter
        Bezug auf die Kirchenkampfsituation bzw. hier auf eine eigene Stellungnahme aus dem
        Kirchenkampf durch. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-397"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <hi rend="italic">Theologische Existenz heute!</hi>
        (<ref target="#fn_n62">Anm. 62</ref>), <ref type="pub" target="49017#p310">S. 310</ref></bibl>: «Es ist aber noch mehr unterlassen worden, was unmöglich hätte
        unterlassen werden können, wenn man über der Erhaltung seiner theologischen Existenz gewacht
        hätte und nicht vor lauter kirchenpolitischem Eifer eingeschlafen wäre.» Und <bibl corresp="kbga-bibls-397">a.a.O., <ref type="pub" target="49017#p363">S. 363</ref>
        (Schlusssatz)</bibl>: «Wenn doch der deutsche evangelische Theologe wach bleiben oder, wenn er
        geschlafen haben sollte, heute wieder wach werden wollte!»</note> Und wenn und sofern der
       Glaube ganz oder teilweise geschlafen hat, da herrschte jene Meinung.</p>
        </div>
       
        <div>
      <p rend="margin-top">Und es ist nicht nur so, dass die meisten Menschen immer dieser Meinung waren, sind und <pb ed="A" n="828"/> sein werden, während eine glückliche Minderzahl von ihnen sich wirklich und
       gänzlich von ihr befreit hätte. Sondern es ist offenkundig so, dass der Mensch als solcher,
       auch der glaubende Mensch mehr oder weniger immer dieser Meinung ist. Er glaubt und meint
       außerdem auch eine <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauung</term> haben zu
       müssen, zu sollen, zu können. Oder er hat eine Weltanschauung und hält den Glauben,
       gleichviel ob er ihn selbst habe oder nicht, jedenfalls für eine Sache, die er gegebenenfalls
       mit seiner Weltanschauung zusammen haben könnte. Wenn er zu seiner Weltanschauung zufällig
       passte, dann würde er überdies auch glauben – wenn er zufällig nicht dazu passt, dann lässt
       er es eben: man sieht, dass dieser Unterschied relativ <pb xml:id="p231" ed="pga"/> ist; die
       Meinung von der grundsätzlichen Vereinbarkeit von Glauben und Weltanschauung teilen ja beide.
       Und eben in dieser Meinung irren auch beide, der Gläubige und der Ungläubige. Wir sahen ja,
       dass der Glaube und die Weltanschauungen in ihren Ursprüngen und in ihren Konsequenzen nicht
       vereinbar, sondern unvereinbar sind. Versuchen wir es immerhin, wenigstens den Weg dieses
       Irrtums zu verstehen. Was ist es um jenes Schlafen des Glaubens? Auf der Seite des Glaubens
       muss ja in dieser Sache das Manko liegen. Dass man von Seiten dieser und jener Weltanschauung
       her den Glauben wenigstens grundsätzlich als eine auch mögliche Angelegenheit ansehen, dass
       der weltanschaulich orientierte Mensch es jedenfalls in Erwägung ziehen kann, den Glauben in
       das Gefüge seines Bildes einzubauen oder ihn diesem wenigstens anzubauen, wie jene Kramladen,
       die im Mittelalter den Domen wenigstens angebaut wurden, das ist nur natürlich. Es wird
       immerhin auch auf dieser Seite nur insofern natürlich sein, als der weltanschaulich
       orientierte Mensch als solcher nun einmal sicher nicht der glaubende Mensch ist, sondern nur
       in Abwesenheit des Glaubens eine Freiheit genießt oder doch einer Ahnungs- und Harmlosigkeit
       sich erfreut, in der er sich jene Meinung leisten kann. Dass der Glaube selbst schlafen und
       also jene Unvereinbarkeit übersehen kann, ist schwerer zu erklären. Wollen wir genau sein, so
       werden wir ja sagen müssen: der Glaube selber und als solcher kann so wenig schlafen, wie
       Gott schlafen kann. Ihm als solchem kann es gewiss <pb ed="A" n="829"/> nicht passieren, dass
       er jenen <term key="Glaube, und Weltanschauung, prophetisch-apostolischer Protest">Protest</term> vergisst und unterlässt, sich mit den Weltanschauungen an irgend einen
       friedlichen Tisch zu irgendwelchen Auseinandersetzungen, Verständigungen und Bereinigungen
       zusammenfindet.</p>
      </div>

      <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Dem Glauben der <term key="Propheten">Propheten</term> und <term ref="kbga-keywords-273">Apostel</term> ist das denn auch tatsächlich nicht passiert. Man könnte die Art, wie der
       Glaube bei ihnen gerade in dieser Hinsicht wach gewesen und geblieben ist, geradezu als ein
       Merkmal der <term key="Inspiration">Inspiration</term> ihrer Schriften, als Kundgebung ihres
       Charakters, als Zeugnis der göttlichen <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>
       bezeichnen. Der Glaube außerhalb der heiligen <term ref="kbga-keywords-110">Schrift</term>
       kann offenbar insofern schlafen, als da der glaubende Mensch zeitweilig und strichweise auch
       nicht glauben kann. Der Glaube ist ja ein Akt des Menschen, in dessen Vollzug dieser auch
       versagen kann. Man wird nicht gut leugnen können, denn es ist in der Bibel selber sichtbar
       gemacht, dass auch die biblischen Menschen zeitweise und strichweise nicht geglaubt haben.
       Man kann aber wiederum nicht leugnen, dass das Zeugnis, das sie uns in den bi<pb xml:id="p232" ed="pga" break="no"/>blischen Schriften hinterlassen haben, das Zeugnis ihres
       Glaubens und nicht das ihres zeitweiligen und strichweisen Unglaubens ist. Das ist es, was
       man von den Zeugnissen aller anderen Menschen so nicht sagen kann.</p>
      </div>
      <div>
      
      <p rend="margin-top"> Indem der Glaube ein Akt des Menschen ist, offenbart sich neben und mit ihm auch immer
       dessen zeitweiliger und stückweiser Unglaube und insofern dann mit ihm zusammen auch immer
       irgend eine <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term>. Was nicht aus dem Glauben
       kommt, das wird ja auch bei dem glaubenden Menschen immer Weltanschauung sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.23">Röm. 14,23</ref>]. «Sprudelt etwa die Quelle
       aus derselben Öffnung das Süße und das Bittere hervor? Kann etwa, meine Brüder, ein
       Feigenbaum Oliven bringen oder ein Weinstock Feigen? Ebensowenig kann eine salzige Quelle
       süßes Wasser geben» (<ref type="can" subtype="bible" target="Jak.3.11 Jak.3.18">Jak. 3,11f.</ref>). Der Mensch aber
       kann, was der Brunnen und der Baum nicht können. Er kann es nicht <foreign xml:lang="lat">de iure</foreign>, aber <foreign xml:lang="lat">de facto</foreign>. Er
       tut es. Auch der glaubende Mensch tut es fortwährend. Er ist, sofern er glaubt und wiederum
       nicht glaubt, in der Lage, sich neben seinem Glauben auch immer noch <term key="Glaube, und Weltanschauung">weltanschaulich</term> zu orientieren und zu interessieren.
       Das ist das Missverständnis, um das es hier geht. Es ist das <pb ed="A" n="830"/>
       Selbstmissverständnis gerade des glaubenden Menschen, das dadurch möglich und wirklich wird,
       dass er sich selbst nicht in Kontrolle und Disziplin erhält. Dass er zeitweise und
       strichweise nicht glaubt und dadurch sofort zum Träger und Verkündiger irgend einer
       Weltanschauung wird, ist an sich schlimm genug. Es ist aber zusätzlich schlimm, dass er sich
       selbst dabei nicht kennt und übersieht und in Zucht hält. Er müsste das fremde Gewächs, das
       da neben seinem Glauben in die Höhe gehen will, als solches erkennen. Es müsste ihn sein
       Glaube seinem Unglauben gegenüber und also gegenüber seiner Weltanschauung zum Widerspruch
       reizen. Er müsste mit sich selbst sofort in Streit geraten und in offenem Streit verharren,
       indem er sich dabei ertappt, der Träger und Verkündiger einer Weltanschauung geworden zu
       sein. Das ist der Schlaf – nicht des Glaubens, wohl aber des glaubenden Menschen. Dass der
       glaubende Mensch wachen statt schlafen sollte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.16.13">1.Kor. 16,13</ref>], das ist kein unmögliches Verlangen.</p>
      </div>

      <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Das ist das, was die biblischen Menschen, obwohl auch sie nicht ohne Unglauben und also
       nicht ohne Weltanschauung waren, offenbar getan haben. Sie haben dem Bösen widerstanden [vgl.
        <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.4.7">Jak. 4,7</ref>]. Und darum atmen ihre
       Schriften <pb xml:id="p233" ed="pga"/> trotz alles dessen, was sie uns über ihre
       Weltanschauung beiläufig verraten mögen, den Geist des Widerstandes gegen die
       Weltanschauungen.</p>
      </div>
      
      <div>
      <p rend="margin-top"> Wo das Wachen und also der Widerstand gegen den Unglauben und damit gegen die
       Weltanschauungen ausbleibt – und es scheint die Art aller von den <term key="Propheten">Propheten</term> und <term ref="kbga-keywords-273">Aposteln</term> verschiedenen Menschen
       zu sein, dass dieser Widerstand in der Regel ausbleibt –, da entsteht das Missverständnis,
       als könne man <hi rend="italic">de iure</hi>, was man doch nur <hi rend="italic">de
        facto</hi> kann, da kommt es zwischen Glaube und Weltanschauung zu irgend einem <term key="Glaube, und Weltanschauung, Pseudofrieden"><hi rend="italic">Pseudofrieden</hi></term>.
       Ein wirklicher Friede ist ja hier nicht möglich. Es wird ja im Grunde immer so sein, dass das
       Eine das Andere verdrängt, überwindet, auflöst: der Glaube die Weltanschauung oder auch
       umgekehrt. Es wird vielleicht da und dort auch das an den Tag kommen, dass entweder der
       Glaube oder die Weltanschauung des Menschen ein Schein, ein unverbindliches Spiel gewesen
       ist, das nun gerade in seinem Nebeneinander mit seinem Gegenteil als Spiel entlarvt <pb ed="A" n="831"/> wird und aufgegeben werden muss. Aber es liegt nicht immer so. Es muss vielmehr
       damit gerechnet werden, dass von beiden Seiten ein großer Ernst sich begegnen und die Hand
       reichen kann, der den drohenden tödlichen Streit mindestens eine Zeitlang wirksam aufzuhalten
       vermag. Und es braucht dieser Streit überhaupt nicht notwendig rasch und akut zur verlaufen.
       Er braucht jedenfalls seine Zeit. Und unterdessen ist der <term key="Glaube, und Weltanschauung, Pseudofrieden">Pseudofriede</term> technisch und auch
       moralisch möglich, obwohl er sachlich unmöglich ist. Seine technische Möglichkeit besteht
       darin, dass gewisse drohende Spitzen auf beiden Seiten – etwa die Begründung des Glaubens auf
       die freie Offenbarung <term ref="kbga-keywords-8">Gottes</term> und die der Weltanschauung
       auf die willkürliche Erhöhung eines <term key="Weltanschauung, Prinzip, heilige Wahl">Prinzips</term> – und deren Widerspruch scheinbar ohne Verleugnung auf der einen oder auf
       der anderen Seite mehr oder weniger unsichtbar gemacht werden können. Es kann sich der Glaube
       der <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauung</term> als eine Art letzte
       persönliche Verankerung und es kann sich die Weltanschauung dem Glauben als legitime <term ref="kbga-keywords-911">Wissenschaft</term> empfehlen. Und es kann auf diesem Hintergrund
       eine Art von Konkordat auch vom Glauben her als tunlich und durchführbar erscheinen: ein
       Waffenstillstand mindestens, in welchem er mit dem Unglauben und also mit der Weltanschauung
       von Fall zu Fall verhandelt, seine eigenen Belange in würdiger Weise geltend macht und
       verteidigt, aber auch die ihrigen <pb xml:id="p234" ed="pga"/> anerkennt, kurz, in eine
       Beziehung zu ihr<note xml:id="n171">Tskr. «ihm»; Korrektur durch die Hrsg. in Angleichung an
        das zuvor verwendete «ihrigen».</note> tritt, die zwar im Einzelnen immer noch kritisch sein
       mag, im Ganzen aber eine grundsätzlich positive Beziehung ist. Es kann damit der ohnehin eine
       gewisse Zeit in Anspruch nehmende Prozess der gegenseitigen Verdrängung, Überwindung und
       Auflösung scheinbar abgeschnitten werden. |</p>
      <p> Und die Sache wird dadurch kompliziert, dass solcher <term key="Glaube, und Weltanschauung, Pseudofrieden">Pseudofriede</term> tatsächlich auch
       moralisch möglich und sogar mit gewissen theologischen Scheinargumenten nicht übel zu
       verteidigen ist. Subjektive Unehrlichkeit braucht dabei nämlich gar nicht notwendig im Spiel
       zu sein. Das Unternehmen kann vielmehr herzlich gut und sogar fromm gemeint sein, und es kann
       vorkommen, dass seine Vertreter die viel einleuchtenderen, weil liebenswürdigeren Menschen
       sind als diejenigen, die ihm widerstehen, die durchaus aus dem Missverständnis <pb ed="A" n="832"/> heraus und auf <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungen</term> drängen
        möchten.<note xml:id="n172">In diesem Satz spiegelt sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Einschätzung seines eigenen
        unnachgiebigen Verhaltens gegenüber theologischen Gegnern. Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-567"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Abschied</hi>, in: V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p492#p492">S. 492–515</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/49/p514#p514">S. 514</ref></bibl>: «Ich weiß,
        dass auch Ernsthafte, auch Menschen, die sich der erwähnten, törichten Argumentationen
        enthalten werden, Menschen, die sich auch sachlich, auch gegenüber den <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName>,
        auch gegenüber den Vermittlern weithin mit mir eins wissen, über meine schroffe Haltung in
        der gegenwärtigen kirchlichen Lage und nun auch über diese meine besondere Absage den Kopf
        schütteln werden. Ich gebe zu, dass es auch im gegenwärtigen Augenblick angesichts der
        Verschiedenheit der Temperamente und Lebensführungen nicht ohne weiteres Jedermanns Sache
        sein kann, so scharf zu sein, wie ich es offenbar bin. Wenn man mir nur umgekehrt zeigen
        könnte, mit welchem inneren Recht man heute weniger scharf sein <hi rend="italic">darf</hi>!» Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-6">Bw.Th. III, <ref type="pub-" target="../volume/34/p482#p482">S. 482–485</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/34/p903#p903">903–906</ref></bibl>.</note> Man kann für den Pseudofrieden
       z. B. geltend machen, dass Gott doch der Herr und Lenker der ganzen menschlichen <term key="Gott, Herr und Lenker der Geschichte">Geschichte</term> sei, dass also auch die jeweils
       geltenden Weltanschauungen sicher nicht ohne seinen Willen und Plan zur Herrschaft kämen und
       insofern – obwohl mit dem Glauben nicht identisch und sogar mit des Menschen <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> in einem gewissen Zusammenhang – vom Glauben mindestens
       respektiert werden müssen. Man kann umgekehrt fragen: ob denn der Glaube seine eigene
       Bedeutung und Kraft nicht überschätze, wenn er mit dem Unglauben und also mit den
       Weltanschauungen so einfach reinen Tisch <pb xml:id="p235" ed="pga"/> machen und sich von
       ihnen scheiden wolle? ob es nicht besser der göttlichen Weltregierung<note xml:id="n173">Tskr.: «Weltanschauung»; Korrektur durch die Hrsg. in Beachtung eines am Rand angebrachten
        Korrekturzeichens.</note> überlassen werde, endlich und zuletzt auch ohne den Beistand und
       Kampf des menschlichen Glaubens Alles zum Besten zu wenden<note xml:id="n174">Anspielung auf
         <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Auslegung des achten Gebots im Kleinen
        Katechismus (<bibl corresp="kbga-bibls-1595">BSLK, S. 509,23f.</bibl>).</note>? Man kann darauf verweisen, wieviel Edles und
       Großes, wieviel auch christlich bedeutungsvolle Wahrheitsmomente wenn nicht in allen, so doch
       in vielen <term key="Weltanschauung, Wahrheitsmomente">Weltanschauungen</term> mindestens
       gemeint und auch faktisch ans Licht gestellt worden seien. Man kann darauf hinweisen, wie
       manche Vertreter solcher Weltanschauungen nicht nur verehrungswürdige Menschen, sondern auch
       anerkannt aufrichtige und vorbildliche Christen gewesen sind, und man kann sie dem Einen und
       Anderen unter den weniger ehrwürdigen und vorbildlichen Vertretern eines exklusiven Glaubens
       mehr oder weniger vorwurfsvoll und beschämend gegenüberstellen. Man kann im Anschluss daran
       an die Liebe appellieren, die, wo die <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term> dem
       vorläufigen Frieden vorgezogen wird, so leicht verletzt wird,<note xml:id="n175">Das
        Ausspielen der «Liebe» gegenüber der Wahrheit war <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> immer ein Dorn im Auge. Vgl. aus
        seinem «Nachwort», der polemischen Auseinandersetzung mit <persName ref="kbga-actors-92">Otto Dibelius</persName> in: <bibl corresp="kbga-bibls-402">K. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <hi rend="italic">Die Not der evangelischen
         Kirche</hi>, in: V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p064#p064">S. 64–122</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/49/p115#p115">S. 115f.</ref></bibl>: «D. Dibelius stellt unseren
        Gegensatz durchgehend so dar, als ob er als Vertreter der Kirche, d. h. der christlichen
        Praxis und Liebe, mich als Vertreter der Theologie, d. h. einer christlichen Theorie, in die
        nötigen Schranken zu weisen habe. Das ist eine Entgegenstellung, die nach meiner Einsicht
        jede ernsthafte Unterhaltung unmöglich macht. Praxis und Theorie, Kirche und Theologie,
        Liebe und Erkenntnis, lassen sich nicht in dieser Abstraktion auseinanderhalten und
        gegenüberstellen. […] Und woher will er wissen, ob nicht auch und gerade mein für sein
        Empfinden so ganz theoretischer Protest gegen die neurealistische Kirchlichkeit Praxis, und
        zwar Praxis christlicher Liebe, ist? Meint er wirklich im Ernst, mir sei irgend eine
        Problematik oder Theorie Selbstzweck?» Vgl. auch die ganz im Sinne <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> formulierten Sätze
        aus <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaums</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName> vom <date when="1934-12-03">3.12.1934</date> (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9234.347</idno>; <bibl corresp="kbga-bibls-6">Bw.Th. III,
        <ref type="pub-" target="../volume/34/p775#p775">S. 775</ref></bibl>): «Ist nicht ‹Liebe› da, wo es um die Kirche geht, eine unglaublich viel <hi rend="italic">härtere</hi> Angelegenheit, als wir alle begreifen? Muss sie nicht Hand in
        Hand gehen mit einem <hi rend="italic">unbedingten</hi> Kampf um die Wahrheit?»</note> und
       dann auch an all das menschlich Wertvolle, das doch auch Gottes Gabe sei und das in einem
       ausbrechenden Kampf zwi<pb xml:id="p236" ed="pga" break="no"/>schen dem Glauben und der
       Weltanschauung sicher gefährdet werden müsste. Das Missverständnis des <term key="Glaube, und Weltanschauung, Pseudofrieden">Pseudofriedens</term> muss gewiss tief
       sitzen, wo sich für seine Aufrechterhaltung so Vieles vorbringen lässt. Es ist tatsächlich
       ein kräftiges, in Geschichte und Gegenwart überaus wirksames Missverständnis. Kein Wunder,
       dass es zu Zeiten – und genau genommen zu allen Zeiten – geradezu die Würde eines (wenn auch
       ungeschriebenen und unproklamierten) <term ref="kbga-keywords-1417">Dogmas</term> gehabt hat:
       eines höchsten <pb ed="A" n="833"/> Dogmas jedenfalls für alle besorgten
        Kirchenleitungen.<note xml:id="n176">Auch hier handelt es sich um eine Anspielung auf das
        Kirchenkampfgeschehen, genauer auf die nicht hinterfragte Hinnahme der 1933 im Einklang mit
        der politischen Entwicklung erhobenen Forderung nach der Einführung eines mit
        Führungsautorität ausgestatteten Reichsbischofsamtes. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> schrieb damals dazu: «Ist die
        theologische Verwilderung eigentlich schon so weit fortgeschritten im evangelischen
        <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>, dass man es nachgerade ohne Risiko wagen darf, ein beliebiges neues Dogma mir
        nichts dir nichts ohne Autorität nicht nur, sondern auch ohne den Schatten eines
        theologischen Beweises, nur weil es einem so passt und weil ja ohnehin Revolution ist,
        auszurufen und dass es sich dann ereignen kann, dass (in diesem Fall: außer den
        Reformierten) niemand nach dem theologischen Beweis auch nur fragt, sondern jedermann (in
        Revolutionszeiten ist ja zu theologischer Besinnung nicht die Zeit!) sich für überzeugt
        hält, dass es mit dem neuen Dogma wohl seine Richtigkeit haben werde?» (<bibl corresp="kbga-bibls-397"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <hi rend="italic">Theologische Existenz heute!</hi>
         [<ref type="pub" target="#fn_n62">Anm. 62</ref>], <ref type="pub" target="49017#p313">S. 313f.</ref></bibl>).</note> Sollten ihre Gesichtspunkte nicht auch ins Gewicht
       fallen dürfen und müssen? |</p>
      <p> Im Frontalangriff ist diese ganze Position tatsächlich nicht einzunehmen oder auch nur zu
       erschüttern, weil sie viel zu tief nicht nur in aller <term key="Kirche, Kirchenpolitik">Kirchenpolitik</term>, sondern in der Natur des Menschen, die auch die Natur des glaubenden
       Menschen ist, begründet ist. Der Mensch möchte mit sich selbst in Frieden sein. Er sieht,
       dass der Widerspruch zwischen Glaube und <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauung</term> ihn in Widerspruch mit sich selbst verwickeln würde. Darum liebt er
       diesen Widerspruch nicht, darum sucht er ihn sich möglichst zu verbergen; darum sträubt er
       sich dagegen, ihn zum Ausbruch kommen zu lassen. Er müsste erkennen, dass er nur im Frieden
       mit Gott auch im Frieden mit sich selbst sein könnte, dass er aber eben dazu den Widerspruch
       zwischen Glaube und Weltanschauung und insofern auch den Widerspruch mit sich selbst auf sich
       nehmen müsste. Diese Erkenntnis ist aber die Erkennt<pb xml:id="p237" ed="pga" break="no"/>nis des wachen Glaubens. Und eben das Wachsein des Glaubens kann man niemand geben und
       niemand aufdrängen. Man kann jenen Argumenten gegenüber wohl darauf hinweisen, dass es sich
       im Glauben nicht darum handelt, liebenswürdig zu sein, sondern zu lieben: daraufhin, dass man
       von Gott geliebt ist – und also eben dies zu lieben: von Gott <term key="Glaube, liebt es von Gott geliebt zu sein">geliebt</term> zu sein, wodurch man dann
       sicher von jeder <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> geschieden wäre. Man kann
       wohl geltend machen, dass es nicht gut angeht, an Gott als den Herrn der <term key="Gott, Herr und Lenker der Geschichte">Geschichte</term> zu glauben, ohne eben damit
       gegen die Götter und eben darum sicher auch gegen die Weltanschauungen Partei zu ergreifen
       und also aus der Neutralität eines Geschichtsbetrachters herauszutreten und in aller <term ref="kbga-keywords-1270">Demut</term> getrost selber <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term> zu machen. Man kann wohl geltend machen, dass der Glaube in seinem
       Gegensatz zum Unglauben und damit zu den Weltanschauungen keineswegs nach seiner eigenen
       Kraft oder Unkraft, Bedeutung oder Bedeutungslosigkeit, wohl aber nach seinem Gehorsam in
       eindeutiger <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term> gefragt ist, die zu vollziehen
       er gerade dann nicht unterlassen wird, wenn er der göttlichen Weltregierung ganz gewiss ist.
       Man kann wohl fragen, ob es denn irgend ein Wahrheitsmoment irgend einer <term key="Weltanschauung, Wahrheitsmomente">Weltanschauung</term> gebe, <pb ed="A" n="834"/> das
       sich nicht bei näherem Zusehen als eine dürftige Imitation irgend eines Elements des Glaubens
       erweisen und das sich nicht im Zusammenhang einer <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> letztlich doch als verderblich und auch als ausgesprochen
       glaubensfeindlich herausstellen würde. Man kann schließlich fragen, wo es denn geschrieben
       stehe, dass nicht auch verehrungswürdige Menschen und vorbildliche Christen sich irren und
       dem Irrtum dienen und dass die persönliche Disqualifikation eines Verkündigers der <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term>, möge er selbst durch diese noch so streng gerichtet
       werden, an der Wahrheit des von ihm Verkündigten etwas ändern kann? Man kann daran erinnern,
       dass die größte Liebe sicher immer da zu finden sein dürfte, wo der Glaube sich selber treu
       bleibt und also dem Bekenntnis seiner Wahrheit nicht aus dem Weg geht, und dass es gewiss
       nichts wirklich Wertvolles für uns Menschen und erst recht keine echte Gabe Gottes [geben]
       kann, die durch den notwendigen Kampf des Glaubens gegen den Unglauben gefährdet werden
       könnte. Man kann die Vertreter des <term key="Glaube, und Weltanschauung, Pseudofrieden">Pseudofriedens</term> anflehen, sie möchten doch auch nur auf einen Moment ganz sachlich
       werden, statt Ausrede auf Ausrede, Entschuldigung auf Entschuldigung zu <pb xml:id="p238" ed="pga"/> häufen, die mit der Sache: mit dem innerlich und in sich klaren Verhältnis von
       Glauben und <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauung</term> nichts zu tun haben.
       Man kann sie endlich bitten, auch nur eine Stelle aus der heiligen <term ref="kbga-keywords-110">Schrift</term> anzuführen, wo man die <term key="Propheten">Propheten</term> und <term ref="kbga-keywords-273">Apostel</term> die von ihnen verteidigte
       Position einnehmen sähe. |</p>
      <p>Das Vorbringen von allen solchen Gegenargumenten wird doch da verlorene Mühe sein, wo der
       Glaube nicht erwacht ist und damit die Argumente und Gegenargumente miteinander überflüssig
       gemacht hat. Die Antwort von der anderen Seite wird ausgesprochen oder unausgesprochen immer
       lauten: «<foreign xml:lang="fre">Qui qu’en grogne, ainsi sera, car tel est mon bon
        plaisir</foreign>!»<note xml:id="n177">Deutsch: «Wer auch immer darüber murren möge, so wird
        es sein, denn so ist es mein Belieben.» Dieser Satz geht zurück auf Herzogin <persName ref="kbga-actors-10347">Anne de Bretagne</persName> (1477–1514), die ihn auf einem der Türme
        des Schlosses von Saint-Malo anbringen ließ. Siehe <bibl corresp="kbga-bibls-5160"><hi rend="italic">La France
        maritime</hi>, fondée et dirigée par A. Gréhan,
        tome III, Paris 1837, S. 20</bibl>.</note> Und wenn man sich darüber ärgern und entrüsten wollte,
       so muss man sich dessen erinnern, dass auch der eigene Glaube zeitweise und strichweise
       sicher schlafender Glaube, zum Abschluss jenes Konkordates auch fähig und begierig und zu
       dessen Verteidigung so unverbesserlich zu reden auch bereit ist. Das macht die Lage so
       schwierig, dass man sie, auch wenn <pb ed="A" n="835"/> man sie, im Glauben selber wach
       geworden, zu verstehen meint, auf keinen Fall durch eine absolut verurteilende Distanzierung
       gegenüber denen, die sie noch nicht zu verstehen scheinen, verändern kann, weil man sich
       damit sofort eines unerträglichen Pharisäismus und einer lächerlichen Selbsttäuschung
       schuldig machen würde. Die Möglichkeit der Missverständnisse ist wirklich eine ernste, weil
       Jedem, der so oder so über sie nachdenkt, unmittelbar naheliegende Möglichkeit. Es scheint
       viel für sich zu haben, zwischen Glaube und <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauung</term> <foreign xml:lang="lat">de facto</foreign> mindestens doch eine Versöhnung und Vermittlung, einen
       Waffenstillstand, wenn nicht gar einen vollen Frieden herbeizuführen und zu pflegen. Und es
       scheint wenig übrig zu bleiben, um dem gegenüber den de iure bestehenden Gegensatz nun doch
       geltend zu machen.</p>

        </div>
      </div>
    </div>
    <!-- nächste Seite - "Glaube, Weltanschauung - Entscheidung, Widerstand" -->
    <div>
      <div>
        <div>
      
      <p rend="margin-top">Wir reden jetzt von der dieser Möglichkeit gegenüberstehenden anderen Möglichkeit: von den
        <term ref="kbga-keywords-26"><hi rend="italic">Entscheidungen</hi></term>. Wir sahen schon,
       was ihre Voraussetzungen sind: eine ganz klare und vollständige Sicht vom <pb xml:id="p239" ed="pga"/> Glauben sowohl wie von den Weltanschauungen – dann aber ein wacher, d. h. ein zum
       Bezug seiner Stellung in diesem Gegensatz bereiter und entschlossener Glaube. Ein solcher
       Glaube, dem der biblische Glaube in seiner Unterscheidung von den Weltanschauungen nicht nur
       historisch bekannt ist, sondern so vor Augen steht, dass er über sein Vorbild nicht
       hinwegkommt, dass er ihm den Versuch der <term ref="kbga-keywords-757">Nachfolge</term> nicht
       versagen kann. Wir sahen, wie diese Nötigung zu erklären und gegen die Argumente der Freunde
       des Missverständnisses zu verteidigen ist. Wir sahen aber auch, wie keine Erklärung und
       Verteidigung es schaffen und erzwingen kann, dass diese Nötigung eintritt. Die Einsicht, dass
       das, was <foreign xml:lang="lat">de iure</foreign> gilt, auch <foreign xml:lang="lat">de facto</foreign> gelten muss, ist entweder da, oder sie ist nicht da. Ist
       sie nicht da, dann triumphiert notwendig das Missverständnis, dann kommt es unvermeidlich zum
       Konkordat, und nicht einmal das wird dann dem guten, aber schlafenden Glauben begreiflich zu
       machen sein, dass er in aller seiner Güte schläft und dass es besser wäre, wenn er das nicht
       tun, sondern wachen würde. <pb ed="A" n="836"/> Ist aber jene Einsicht da, dann kommt es
       ebenso unvermeidlich zu <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungen</term>, dann werden der
       Glaube und die <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> dem
       entsprechend, dass sie von Natur und von Haus aus auseinander sind, auseinandergehen:
       auseinander in einem Winkel von 180 Graden, aber nicht etwa auf einer Kugeloberfläche und
       also ohne jede Aussicht, je wieder zusammen zu kommen.</p>
      </div>
<div type="excursus">
      <p rend="margin-top">An dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein dieser Nötigung haben sich schon im alten
        Israel die Geister geschieden: die an Jahve
       glaubenden <term key="Propheten">Propheten</term> hier, die jahvegläubigen, aber auch an der
       kanaanitischen, ägyptischen oder babylonischen <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> interessierten Könige, Priester und Falschpropheten samt ihrem Anhang
       dort. Der Apostel <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
       <hi rend="italic">stand</hi> – die Irrlehrer des Galater- und Kolosserbriefs und der
       Pastoralbriefe standen offenbar <hi rend="italic">nicht</hi> unter dieser Nötigung. Dass sie
       hier vorhanden und hier nicht vorhanden war, das ist der heimliche Riss, der von den Tagen
       des ältesten <term key="Katholizismus">Katholizismus</term> und seines Kampfs gegen die <term key="Gnosis">Gnosis</term> bis auf diesen Tag durch die ganze Kirchengeschichte
       hindurchgeht. Er fiel manchmal zusammen mit dem Riss zwischen der Kirche und den <term key="Häresie / Häretiker">Häretikern</term>. Er ist doch viel öfter der Riss, der mitten in
       der rechtgläubigen Kirche selber existiert, der gerade sie trennt, lahmlegt und krank macht:
       ein Übel, das im Unterschied zur Häresie nicht einfach ausgeschieden werden kann. Denn dieser
       Riss existiert nicht nur in allen Kirchen, sondern es erweist sich, dass er nach allen etwa
       gefallenen <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungen</term> auch in den vermeintlich
       «entschiedenen» <term ref="kbga-keywords-629">Sekten</term> alsbald aufs Neue sichtbar wird.
       Auch sie können immer nur «entschiedener» sein als die <pb xml:id="p240" ed="pga"/> große
       Kirche; auch in ihnen wird sich der Unterschied zwischen der hier vorhandenen, dort nicht
       vorhandenen Nötigung alsbald wieder innerlich spaltend bemerkbar machen. Und das ist darum
       nicht erstaunlich, weil dieser Unterschied schließlich auch durch jeden einzelnen Glaubenden
       jeder Art und Richtung mitten hindurchgeht, weil Einer immer nur «entschiedener» sein kann
       als der Andere und heute «entschiedener», als er es gestern war, weil der Konflikt zwischen
       dem aufrechten Stehen und Gehen im Glauben und dem Hinken auf beiden Seiten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.18.21">1.Kön. 18,21</ref>] mit Ausnahme der <term key="Propheten">Propheten</term> und <term ref="kbga-keywords-273">Apostel</term> die Sache
       jedes, auch des größten glaubenden Menschen zu sein scheint.</p>
      </div>
      <div>
      <p rend="margin-top"> So klar sich das, was als Entscheidung zwischen Glaube und <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauung</term> möglich ist, <pb ed="A" n="837"/>
       beschreiben und definieren lässt: diese Entscheidung ist eben doch eine <hi rend="italic">menschliche</hi> und also <hi rend="italic">relative</hi> und nicht wie die Entscheidung
       zwischen Gott und den Göttern eine göttliche und also absolute Entscheidung. Wir können also
       die Entscheidungen den Missverständnissen des Pseudofriedens nicht als eine Art <term key="Götter, Götterdämmerung">Götterdämmerung</term>, nicht so gegenüberstellen, dass diese
       durch jene einfach ausgeräumt und beseitigt würden. Dass der Glaube und die Weltanschauungen
       sich <hi rend="italic">ausschließen</hi>, ist <hi rend="italic">Eines</hi>. Dieses Eine ist
       es allerdings, woraus, wenn es zur Entscheidung kommt, die <hi rend="italic">Konsequenzen</hi> gezogen werden. Aber eben dies, dass das <hi rend="italic">geschieht</hi>, ist mit jenem Einen noch nicht gesagt. Eben dies kann fortwährend auch nicht
       geschehen, geschieht tatsächlich fortwährend auch <hi rend="italic">nicht</hi>, obwohl es
       zweifellos geschehen <hi rend="italic">müsste</hi>. Das Missverständnis ist immer auch noch
       da. Und so ist die <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term> immer nur möglich im
       gleichen Raum, in der gleichen Gemeinschaft des Glaubens, ja in derselben glaubenden Person,
       in der irgendwo und irgendwie auch das Missverständnis möglich ist und waltet. Das bringt es
       mit sich, dass <hi rend="italic">Entscheidung</hi> in dieser Sache etwas Anderes ist als <hi rend="italic">Entschiedenheit</hi>. Entschiedenheit wäre eine solche Bestimmung des
       Glaubens, in welcher er das Konkordat mit den Weltanschauungen total und endgültig gebrochen,
       in welcher er mit ihnen gar nichts mehr zu tun hätte. Unsere eigene Darstellung des Problems,
       die allerdings auf die Kündigung und also auf das Ende dieses Konkordats hinzielt, zeigt,
       dass von solcher Entschiedenheit nicht die Rede sein kann. |</p>
      <p> Solange man «den Glauben und die <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen»</term> noch zusammenstellen und diskutieren kann und muss, wie wir es
       schon im Titel unseres Abschnittes zu können und zu müssen bekannt haben, <pb xml:id="p241" ed="pga"/> können die Weltanschauungen auf keinen Fall als quantité négligeable dahinten
       liegen. Die Entscheidung geschieht, wenn sie geschieht, angesichts der Möglichkeit, dass man
       sich auch <hi rend="italic">nicht</hi> entscheiden, die Nötigung dazu <hi rend="italic">nicht</hi> vorhanden sein, das Missverständnis des <term key="Glaube, und Weltanschauung, Pseudofrieden">Pseudofriedens</term> vielleicht <hi rend="italic">doch</hi> zulässig sein könnte. Die Entscheidung beruht auf der Möglichkeit,
       jene andere Möglichkeit zu verwerfen, dem heterogenen Charakter des Glaubens und der
       Weltanschauungen also gerecht zu werden. Sie kann <pb ed="A" n="838"/> aber nur verwirklicht
       werden, indem sie – da auch die verworfene Möglichkeit noch immer irgendwo auf dem Plan ist –
       sofort zur neuen Aufgabe, indem sie der gestern verworfenen Möglichkeit gegenüber heute
       wieder vollzogen wird. Die Selbstbesinnung und Distanzierung des Glaubens gegenüber den
       Weltanschauungen wird immer aufs Neue geschehen müssen, weil die Weltanschauungen immer aufs
       Neue aufstehen und sich melden werden – so gewiss der Mensch immer der Mensch und als solcher
       zum Unglauben nur zu bereit sein wird. Das bedeutet aber: jene Nötigung zur Standfestigkeit
       auf Seiten des Glaubens wird immer aufs Neue Ereignis werden und ihn zu jener Selbstbesinnung
       und Distanzierung befähigen müssen, weil auch der glaubende Mensch immer der Mensch und als
       solcher zum Missverständnis und also zum Kompromiss nur zu geneigt sein wird. Ob man die
        <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term> in dieser Sache ernstlich hinter sich hat,
       das zeigt sich darum darin, dass man neuen Entscheidungen ebenso ernstlich entgegengeht. Das
       ist es, was wir hinsichtlich der Menschlichkeit und also der Relativität solcher
       Entscheidungen zu bedenken haben. Eben in dieser Menschlichkeit und Relativität sind sie aber
        <hi rend="italic">möglich</hi>: formell ebenso möglich wie die Missverständnisse, von deren
       Natur und besonderer Gewalt wir zuerst geredet haben. Und wenn wir sie nun im Blick auf die
       Gebrechlichkeit des Menschen – auch des glaubenden Menschen – mit jenen auf eine Linie
       gestellt haben, so werden wir im Blick auf die Sache selbst sofort hinzufügen müssen, dass
       sie jenen gegenüber darum in ganz unermesslichem Vorsprung sind, weil sie und sie allein die
       innere Folgerichtigkeit des Verhältnisses von Glaube und <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauung</term> für sich haben. Dass der Glaube und
       der Unglaube sich im Menschen nie ganz ausschließen, das bedeutet ja nun doch nichts gegen
       die Tatsache, dass sie sich in ihrem Wesen ausschließen, dass also der Mensch, wie
       unentschieden er immer zwischen beiden stehen möge, zur Ent<pb xml:id="p242" ed="pga" break="no"/>scheidung zwischen beiden, und zwar zur Entscheidung für den Glauben gegen den
       Unglauben, gedrängt ist. Und wenn sich wiederum die Möglichkeit der Missverständnisse und die
       Möglichkeit der <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungen</term> auch im glaubenden
       Menschen nie ganz aus839 schließen, so bedeutet das doch nichts gegen die Tatsache, dass die
       erste dieser Möglichkeiten der zweiten, wie mächtig sie auch sein möge, endlich und zuletzt
       doch nur als retardierendes Moment, nicht aber in überlegener oder auch nur selbständiger
       Würde gegenüberstehen kann. |</p>
      <p> Dass der Glaube dem Menschen fehlen und dass auch der glaubende Mensch schlafen kann, ist
       Eines: das Andere aber ist dies, dass der Mensch glauben und dass er im Glauben wachen kann.
       Wir haben Grund, auch diese Voraussetzung ganz ernst zu nehmen und die Situation nun auch von
       dieser Voraussetzung her durchzudenken. Finden wir den Grund dazu nicht in uns selbst, so
       finden wir ihn jedenfalls in dem Glauben, von dem uns das <term ref="kbga-keywords-568">Alte</term> und das Neue <term ref="kbga-keywords-74">Testament</term> Zeugnis geben und in
       dessen Anschauung auch wir es zu lernen haben, was Glaube ist. Wenn der Mensch glaubt und im
       Glauben wach ist, dann befindet er sich notwendig auf dem Wege der <term ref="kbga-keywords-26"><hi rend="italic">Entscheidungen</hi></term>. Das heißt aber: die
       wesensmäßige Unterschiedenheit und Gegensätzlichkeit von Glaube und <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauung</term> tritt dann in Kraft; er lebt dann
       seines Glaubens, und er lebt dann eben darum und damit nicht mehr auf dem Boden einer
       Weltanschauung, d. h. nicht mehr auf dem Boden, wo Weltanschauungen entstehen, herrschen und
       bestehen können; er hat dann auf jede <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term>
       verzichtet, und es wird dann sein ganzer Weg darin bestehen, immer aufs Neue seines Glaubens
       zu leben und jeder Weltanschauung gegenüber den damit ausgesprochenen und vollzogenen
       grundsätzlichen Verzicht wieder und wieder zu bestätigen. Es kann wohl sein, dass der Mensch
       nicht glaubt oder dass er glaubt und doch schläft. Aber dass das vorkommt, das beweist nichts
       dagegen, dass er, wenn er glaubt und im Glauben wach ist, einer Gestalt des Lebens, Denkens
       und Handelns entgegengeht und schon teilhaftig ist, in welcher die Weltanschauungen für ihn
       ebenso zu Boden fallen wie die Götter vor <term key="Götter, Verneinung">Gott</term>. Die
       Entscheidungen des Glaubens gegenüber den Weltanschauungen werden also der Sache nach immer
       denselben Inhalt haben. Es wird immer wieder zu <hi rend="italic">wählen</hi> sein: des
       Glaubens eigene Selbstbehauptung und Erhaltung, <pb xml:id="p243" ed="pga"/> sein eigenes
       Leben, ein Denken und Handeln nach seinem <term key="Gesetz, Gottes G.">Gesetz</term> als dem
       alleingültigen und maßgebenden unter <pb ed="A" n="840"/> allen denkbaren Gesetzen. Und es
       wird eben darum und damit immer wieder zu wählen sein: die grundsätzliche Absage an jede
       denkbare Weltanschauung, die grundsätzliche Bestreitung jeder durch eine Weltanschauung
       bestimmten Lebensgestalt. Der sich selbst und zugleich die Weltanschauungen verstehende, der
       sich und sie ernst nehmende Glaube wird nie etwas Anderes wählen können als diese seine
       Selbstbehauptung und diese Distanzierung. Sein Verfahren gegenüber den Weltanschauungen wird
       nie ein anderes sein können als dies, dass er stark, gewiss und konsequent ist auf seiner
       eigenen Linie und also im Verhältnis zu ihnen gelöst, unverbunden, ihren Voraussetzungen und
       ihren Konsequenzen nicht verpflichtet, gänzlich unbefangen ihrem Anspruch und ihrer Macht
       gegenüber, weil frei, aus seiner eigenen Quelle zu leben, und frei, sein eigenes Zeugnis zu
       geben. |</p>
      <p>Ob und wie weit das <term key="Glaube, und Weltanschauung, Kampf"><hi rend="italic">Kampf</hi></term> bedeutet, ob und wie weit er den Weltanschauungen geradezu ablehnend,
       protestierend, feindselig entgegenzutreten hat, in sichtbarer Antithese, das lässt sich nicht
       allgemein sagen. Die Regel wird wohl die sein, dass die in einem bestimmten Zeitalter gerade
       herrschende Weltanschauung als solche der natürliche Gegner des Glaubens und also von diesem,
       wenn er wach auf dem Plane ist, als solcher anzusprechen und zu behandeln ist. Und es dürfte
       ein Prüfstein für seine Existenz und für sein Wachen sein, ob er dem Wechsel der Zeitalter
       und ihrer Weltanschauungen zu folgen, die jeweils bedeutungsvolle und aktuelle Gestalt des
       Gegners ausfindig zu machen und aufs Korn zu nehmen, ihn gerade als die jeweils herrschende
       Macht abzuwehren und anzugreifen vermag und nicht etwa in bloßer Fortsetzung einer gestern
       noch wichtigen und richtigen Defensive und Offensive übersieht, dass der Gegner sich heute
       längst ganz anders darstellt, dass also auch er selbst sich heute längst ganz anders
       orientiert haben müsste, um auch heute auf der Hut und im Angriff zu sein, wie es eben heute
       von ihm gefordert ist. Der Glaube darf sich in seiner Defensive und Offensive durch die
       ruhelosen Wandlungen des Weltbildes des Unglaubens nicht täuschen, nicht überraschen, nicht
       überholen lassen. Er muss in jedem Zeitalter aufs Neue und in besonderer Weise bereit sein,
       sich selbst zu behaupten und zu erhalten und also sich die Freiheit zu <pb ed="A" n="841"/>
       verschaffen, aus <pb xml:id="p244" ed="pga"/> seiner eigenen Quelle zu leben und seinem
       eigenen Zeugnis Raum zu geben. Das ist eben sein <term key="Glaube, und Weltanschauung, Kampf">Kampf</term>, und eben dazu muss er wach sein. Was
       hülfe ihm, wenn er gestern irgendwo gekämpft hätte und es heute da unterlassen würde, wo es
       heute geschehen müsste?</p>
      </div>

      <div type="exkursus">
      <p rend="margin-top">Was half es z. B. der deutschen <term key="Kirche, deutsche">Kirche</term> und <term key="Theologie, deutsche">Theologie</term> der neuesten Zeit, dass sie sich ein Jahrhundert
       lang gegen den modernen <term ref="kbga-keywords-1380">Materialismus</term> und Mechanismus
       und dann auch noch ein Jahrzehnt lang gegen den <term ref="kbga-keywords-1379">Idealismus</term> mit mehr oder weniger Glück zur Wehr gesetzt hatte,<note xml:id="n178">Zur Auseinandersetzung mit dem Materialismus bzw. Mechanismus vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933,
        <ref type="pub" target="../volume/49/p145#fn_n21">S. 145f., Anm. 21</ref></bibl>; zum Antiidealismus vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-5159"><persName ref="kbga-actors-380">R.
         Seeberg</persName>, <hi rend="italic">Christentum und Idealismus. Gedanken über die Zukunft
         der Kirche und der Theologie</hi>, Berlin-Lichterfelde 1921</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1413"><persName ref="kbga-actors-137">Fr. Gogarten</persName>, <hi rend="italic">Illusionen. Eine
         Auseinandersetzung mit dem Kulturidealismus</hi>, Jena 1926</bibl>. Vgl. aber auch <bibl corresp="kbga-bibls-416"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Schicksal und Idee in der Theologie</hi>, in: V.u.kl.A. 1925–1930,
        <ref type="pub-" target="../volume/24/p344#p344">S. 344–392</ref>, dort bes. <ref type="pub-" target="../volume/24/p368#p368">S. 368–381</ref></bibl>.</note> um dann doch nicht oder viel zu spät gewahr zu
       werden, welche Versuchung ihr von einem ganz anderen Ort, nämlich von einer auf einmal den
       Staat und das Volk zum höchsten Prinzip erhebenden <term key="Nationalsozialismus">Weltanschauung</term><note xml:id="n179">Zur Bedeutung des Begriffes «Volk» im
        Nationalsozialismus, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-126">Schmitz-Berning (<ref type="pub" target="#fn_n141">Anm. 141</ref>), S. 642–644 (Art. «Volk»), S. 654–659 (Art.
        «Volksgemeinschaft»)</bibl>. Zum Staatsbegriff vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p642#fn_n15">S. 362, Anm. 15</ref></bibl>.</note>
       her drohte? Indem man dort noch immer wach war bis zur Überempfindlichkeit, war man hier
       sichtlich eingeschlafen und sah den Feind des Glaubens<note xml:id="n180">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5286"><persName ref="kbga-actors-1114">G. W. Leibniz</persName>, <hi rend="italic">Discours de la
         Conformité de la Foi avec la Raison</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Essais de Theodicée
         sur la Bonté de Dieu, la Liberté de l’Homme, et l’Originé du Mal</hi>, nouvelle Edition,
        Amsterdam 1734, S. 1–69, dort S. 12</bibl>: «<foreign xml:lang="fre">Les Réformateurs, &amp; Luther sur tout, comme j’ai déja remarqué, ont parlé
        quelquefois, comme s’ils rejettoient la Philosophie, &amp; comme s’ils la jugeoient ennemie
        de la foi</foreign>» (im Exemplar <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> unterstrichen).</note> erst, nachdem er schon fast auf der
       ganzen Linie gesiegt hatte.</p>
        </div>

     <div>
      <p rend="margin-top">Es kann aber zu bestimmter Zeit doch auch der stillschweigende oder ausdrückliche Kampf mit
       dem Gegner von gestern und vorgestern immer noch oder schon wieder sein gutes Recht und seine
       Notwendigkeit haben, weil dieser nur scheinbar und vorläufig zurückgetreten sein, seine
       eigentliche gefährliche Stunde aber immer noch vor sich haben könnte.</p>
      </div>
      
<div type="excursus">
      <p rend="margin-top"><pb xml:id="p245" ed="pga" rend="noPipe"/> Es dürften z. B. einige Zeichen dafür sprechen,
       dass der <term ref="kbga-keywords-1380">Materialismus</term> und auf irgend einem Umweg
       vielleicht auch der <term ref="kbga-keywords-1379">Idealismus</term> des 19. und 20.
       Jahrhunderts nach dem Abgang der die heutige Weltlage charakterisierenden <term key="Nationalsozialismus">Ideologie</term> noch einmal mit neuer Macht zu Wort kommen
       könnten, so dass man heute übel beraten wäre, wenn man sie heute, weil beide ein Stück weit
       historisch geworden zu sein scheinen, einfach aus den Augen verlieren würde, als wäre der
       Kampf nicht auch nach dieser Seite weiter zu führen.</p>
      </div>
    </div>
  </div>
<!-- nächste Seite - "Widerstand braucht Bereitschaft zum Kampf" -->
  <div>
    <div>
      <div>

      <p rend="margin-top">Es gibt aber etwas, was nach allen Seiten noch wichtiger ist als der Kampf: was diesem
       jedenfalls zu allen Zeiten vorangehen muss, und das ist die <hi rend="italic">Bereitschaft</hi> zum <term key="Glaube, und Weltanschauung, Kampf">Kampf</term>. Alles
       Ablehnen, Protestieren, Streiten des Glaubens müsste unnütz und erfolglos sein, wenn es nicht
       aus einem latenten Gegensatz hervorgeht, dessen er sich auch dann bewusst ist, wenn er
       scheinbar oder wirklich keinem ausgesprochenen Gegner gegenübersteht. <pb ed="A" n="842"/> Es
       muss der Glaube beständig und also ohne Rücksicht darauf, ob und wie er sich konkret
       angefochten sieht, im Atemholen, d. h. aber eben in der Bewegung begriffen sein, in der er
       bei sich selbst und also frei sein will. Allein in dieser Bewegung wird er ja kämpfen können.
       Eben in dieser Bewegung muss er sich aber schon befinden, indem er und bevor er in den Kampf
       tritt. Nur aus dieser Bewegung der Reserve heraus kann er sich dann verteidigen, kann er dann
       angreifen, wenn die Stunde dafür im Besonderen geschlagen hat. Man wird es seinem Verhalten
       im Kampf anmerken, ob er von daher kommt oder nicht kommt. Es ist nicht gut, wenn man erst im
       letzten Augenblick, wenn der Bräutigam schon kommt, nach dem nötigen Öl laufen muss [vgl.
        <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.10">Mt. 25,10</ref>]. Man kann dabei zu spät
       kommen. Das heißt aber: der Gegensatz des Glaubens zu den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> muss insofern ein permanenter sein,
       als er beständig geübt sein will. Er kann nur dann in fruchtbarer Weise akut werden, wenn er
       im Stillen schon zur Regel und zur Gewohnheit geworden ist. Die Ablehnung, der Protest, der
       Streit muss im gegebenen Fall aus dem glaubenden Menschen hervorbrechen mit der Naturgewalt
       einer inneren Notwendigkeit. Er muss lange geschwiegen haben, um im gegebenen Fall laut und
       deutlich reden zu können. Er muss das Ja und das Nein des Glaubens in höchster
       Grundsätzlichkeit in sich selbst bewegt haben, bevor er es der ihn und Andere bedrängenden
        <term ref="kbga-keywords-176">Versuchung</term> und Anfechtung kräftig entgegenwerfen kann.
       Er muss von inneren <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungen</term> schon herkommen, um
       die äußeren recht <pb xml:id="p246" ed="pga"/> vollziehen zu können. Man wird insofern nicht
       leugnen können, dass dem Kampf des Glaubens gegen die <term key="Glaube, und Weltanschauung, Kampf">Weltanschauungen</term> als solchem, so
       unvermeidlich er zu seiner Zeit ist, doch nur sekundäre Bedeutung zukommt gegenüber seinem
       eigenen inneren Leben, gegenüber der Frage und Aufgabe seiner eigenen Auferbauung. Dass der
       glaubende Mensch und dass die Kirche des Glaubens in dieser <term key="Glaube, Auferbauung">Auferbauung</term> begriffen sind, das ist ihre eigentliche Aktion gegen die <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term>. Es muss die Kirche und es muss der einzelne
       glaubende Mensch bei sich sein, d. h. leben mit den <term key="Propheten">Propheten</term>
       und <term ref="kbga-keywords-273">Aposteln</term>, durch deren Glauben unser Glaube bestimmt,
       erzogen und gestaltet wird. Es muss die Kirche eine Schule des offenbarten Wortes <term key="Kirche, Schule des offenbarten Wortes Gottes">Gottes</term>, <pb ed="A" n="843"/> und es
       muss jeder einzelne glaubende Mensch dessen Schüler sein. Die Freiheit des <term key="Freiheit, des Glaubens">Glaubens</term> muss im Gebrauch stehen, bevor die <term ref="kbga-keywords-176">Versuchung</term> kommt, durch die ihm seine Freiheit bestritten
       wird, bevor er darum kämpfen muss. Sie muss auch inmitten jedes Kampfes unabhängig von diesem
       im Gebrauch stehen. Sonst ist seine Kampfesstellung hohl, seine Ablehnung unglaubwürdig, sein
       Protest blechern, sein Streit ein müßiger Pfaffenstreit<note xml:id="n181">Mit den Begriffen
        «Pfaffenstreit» oder «Pfaffengezänk» wurde der Kirchenkampf von deutsch-christlicher bzw.
        nationalsozialistischer Seite gern als innerkirchliche Rechthaberei abgetan; eine auch im
        Kontext ähnliche Aufnahme dieser Kennzeichnung findet sich schon bei <bibl corresp="kbga-bibls-5158"><persName ref="kbga-actors-1620">H. Gollwitzer</persName>, <hi rend="italic">Zur Frage der
         Kirchengemeinschaft. Hinweise und Bedenken</hi>, in: EvTh 3 (1936), S. 398–405, dort
        S. 399</bibl>: «Um <foreign xml:lang="lat">articuli fundamentales</foreign>, um heilsnotwendige Sätze des christlichen Glaubens geht
        es, oder der Kirchenkampf war ein Pfaffengezänk.»</note>. Die Kirche und der einzelne
       glaubende Mensch wissen ja sonst nicht, für was sie kämpfen, und sie haben sonst auch die
       Waffen nicht, mit denen sie kämpfen könnten. Man wird insofern sagen müssen, dass die äußeren
       Entscheidungen im Gegensatz des Glaubens zu den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> immer bestimmt sind durch die ihnen vorangehenden inneren
       Entscheidungen, in denen dieser Gegensatz latent war, in denen jene äußeren Entscheidungen
       vorbereitet wurden. Es können die äußeren diese inneren <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungen</term> nur sichtbar machen.</p>
        </div>

        <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Es machte z. B. die Ablehnung der <term key="Gnosis">Gnosis</term> durch die Kirche des
       zweiten Jahrhunderts nur sichtbar, dass diese Kirche trotz aller ihrer Schwachheiten nicht
       umsonst durch die Schule des Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testamentes</term> und des
        <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gegan<pb xml:id="p247" ed="pga" break="no"/>gen war. Es machte umgekehrt die verhängnisvolle mittelalterliche Rezeption des <persName ref="kbga-actors-11">Aristoteles</persName> nur sichtbar, dass die Kirche mindestens seit
       der Karolingerzeit und letztlich schon von <persName ref="kbga-actors-2218">Konstantin</persName> her trotz aller Gegenbewegungen im Ganzen zunächst einer
       schleichenden <term key="Kirche, Verweltlichung">Verweltlichung</term> verfallen war. Und es
       machte die große Niederlage des <term key="Protestantismus">Protestantismus</term> in seiner
       Auseinandersetzung mit der <term ref="kbga-keywords-140">Aufklärung</term><note xml:id="n182">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-34">Prot.Theol., S. 115–152</bibl>.</note> nur sichtbar,
       dass er schon in der vorangehenden Periode seiner vermeintlichen <term ref="kbga-keywords-334">Rechtgläubigkeit</term> nicht mehr recht bei seiner Sache gewesen
       war, sich selber nicht mehr recht verstanden hatte, auf dem Wege seiner inneren
       Entscheidungen längst nicht mehr in den Spuren <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> und <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName>, d. h. in ihrer
       lebendigen und freien <term ref="kbga-keywords-757">Nachfolge</term> geblieben war.</p>
      </div>

      <div>
      <p rend="margin-top"> Die Kirche und der einzelne glaubende Mensch haben immer in dem Maß gewusst oder nicht
       gewusst, um was es ging, und also versagt oder nicht versagt im Kampf mit den <term key="Glaube, und Weltanschauung, Kampf">Weltanschauungen</term>, als sie in der inneren
       Auferbauung ihres <term key="Glaube, Auferbauung">Glaubens</term> begriffen oder nicht
       begriffen waren. Auch im Blick auf diesen Zusammenhang müssen wir nun <pb ed="A" n="844"/>
       fortfahren: Es gibt keine <term key="Glaube, Apologie"><hi rend="italic">Apologie</hi></term>, d. h. keine Defensive und Offensive des Glaubens den Weltanschauungen
       gegenüber, die in etwas Anderem bestehen könnte als in dem Aufweis von deren grundsätzlicher
       Verschiedenheit und Geschiedenheit – dem Aufweis des eigenen Lebens des Glaubens auf der
       einen und dem des ihm widerstrebenden Lebens der Weltanschauungen auf der anderen <term key="Glaube, und Weltanschauung">Seite</term>. Gerade von seiner eigenen inneren Linie her
       wird der Glaube immer nur das leisten können und wollen. Er wird der wahrhaftig schweren
       Aufgabe, die ihm damit gestellt ist, nicht ausweichen dürfen: wie könnte er Glaube sein und
       sich als solcher erhalten, wenn er sich dieser Aufgabe entziehen wollte? Die Last, die ihm
       damit auferlegt ist, wird ihm gerade schwer genug sein: Er wird ja immer wieder mit dem
       Anfang <term key="«mit dem Anfang anfangen»">anfangen</term><note xml:id="n183">Die Parole
        «mit dem Anfang anfangen» begegnet in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Schriften immer wieder, zuerst in einer Predigt
        vom <date when="1916-03-13">13. März 1916</date>: <bibl corresp="kbga-bibls-829"><hi rend="italic">Predigten 1916</hi>,
        <ref type="pub" target="..volume/29/p116#p116">S. 116</ref>.<ref type="pub" target="..volume/29/p118#p118">118</ref>.<ref type="pub" target="..volume/29/p120#p120">120</ref></bibl>. Innerhalb der <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD: I/2, S. 971; III/4, S. 107</bibl>. Der späteste Beleg: <bibl corresp="kbga-bibls-5157"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>,
         <hi rend="italic">Einführung in die evangelische Theologie</hi>, Zürich 1962,
        S. 182</bibl>.</note> müssen, und es wird ja an jedem einzelnen Punkt deutlich genug um nicht
       weniger als um das Ganze gehen. Er wird es aber an der Erfüllung dieser Aufgabe genug sein
       lassen. Er wird wissen, dass er sich gerade um der Erfüllung dieser Aufgabe willen nicht mit
       anderen, nicht mit solchen belasten darf, die ihn bei der Erfüllung <pb xml:id="p248" ed="pga"/> dieser Aufgabe stören müssten, mit denen er sich selbst, wollte er ihnen
       nachgehen, untreu werden und entgegenwirken würde. |</p>
      <p> Die Aufgabe des Glaubens kann, auch in der Defensive und Offensive den Weltanschauungen
       gegenüber, keine andere sein als die, sich selbst treu zu sein und also den Weltanschauungen
       gegenüber sein anderslautendes <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term> abzulegen.
       Dieses Bekenntnis ist seine <term key="Glaube, Apologie">Apologie</term>. Sie wird in dem Maß
       verheißungsvoll und wirksam sein, als es das Bekenntnis des Glaubens wirklich <hi rend="italic">ist</hi> und also die Reserve des Glaubens nicht nur behauptet, sondern aus
       ihr herkommt, sie also wirklich enthält und dann auch sichtbar machen kann. Der Kampf des
       Glaubens ist die Ankündigung seiner Reserve. Damit und so ist er der Sieg, der die Welt
       überwindet [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.5.4">1.Joh. 5,4</ref>]. Damit
       bezieht und hält er seinen Ort, der ja nicht der Ort Gottes, sondern ein menschlicher, aber
       nun eben dieser, sein Ort ist. Die Weltanschauungen zu stürzen und zu beseitigen oder auch
       nur harmlos und unschädlich zu machen, ist nicht seine Sache. Hier kann und darf er der
       Weltregierung <term key="Gott, Herr und Lenker der Geschichte">Gottes</term> in der Tat nicht
       vorgreifen wollen. <pb ed="A" n="845"/> Sie sorgt dafür, dass deren Bäume nicht in den Himmel
       wachsen. Sie hat schon dafür gesorgt, dass die Gefahr jeder alten und neuen Weltanschauung
       ihre natürlichen Grenzen hat. Die Sorge um deren Eindämmung und schließliche Beseitigung ist
       dem Glauben abgenommen, so wie ihm ja auch die Sorge um den Sturz der <term key="Götter, Beseitigung">Götter</term> aufs wirksamste abgenommen ist. Es kann aber
       wiederum auch das nicht seine Sache sein, sich selbst den Weltanschauungen <term key="Glaube, und Weltanschauung">gegenüber</term> dadurch zu erhalten, dass er sich mit
       ihnen auseinander- und ins Reine setzt. Von allem Anderen abgesehen ist auch das eine
       unnötige Sorge, weil der Gott, der der Grund und Gegenstand des Glaubens ist, Macht genug
       hat, ihn, der im besondersten Sinn des Wortes <hi rend="italic">seine</hi> Sache ist, nicht
       untergehen zu lassen, sondern zu erhalten, obwohl das von allen Weltanschauungen her gesehen
       ebenso unnütz wie unmöglich ist. Die Sache des Glaubens kann nur und ausschließlich die sein,
       sich selber und damit Gott innerlich und äußerlich treu zu sein: innerlich in seiner
       ständigen, stillen Auferbauung, äußerlich in seinem Bekenntnis, wobei das <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term> nur das notwendige Äußerlichwerden der inneren
        <term key="Glaube, Auferbauung">Auferbauung</term> sein kann. Indem er sich und eben damit
       Gott auf dieser zusammenhängenden Linie von innen nach außen treu bleibt, erfüllt er seine
       schwere Aufgabe, kämpft er den Kampf, der ihm befohlen ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.12.1">Hebr. 12,1</ref>], <pb xml:id="p249" ed="pga"/> leistet er
       das, was in der Ökonomie des göttlichen Wollens und Wirkens höchst zentral gerade von ihm
       verlangt ist. Indem das und nur das die Apologie des <term key="Glaube, Apologie">Glaubens</term> ist, hat er den Weltanschauungen gegenüber zweifellos eine bescheidene
       Funktion. Eben sie darf ihm nicht leid werden. Eben ihrer darf er sich nicht schämen. Eben
       über sie darf er nicht hinausstreben. Er soll ihnen gegenüber nur bei sich selbst bleiben,
       nur sein eigenes Werk tun, nur in seiner eigenen Freiheit sich zu bewegen nicht aufhören. Das
       ist der Inhalt aller echten <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungen</term> des Glaubens
       gegenüber den Weltanschauungen, und eben in der Bescheidenheit seiner Entscheidungen liegt
       seine Größe und Stärke ihnen gegenüber. Eben das können sie ihm ja in ihrem ruhelosen Wechsel
       und Gestaltwandel nicht nachtun. Der Glaube ist zuhause; sie sind es nicht. Darin triumphiert
       er, daran müssen sie zuletzt scheitern. Dass er nur an diesem Verhältnis nichts ändere: <pb ed="A" n="846"/> in keiner Weise und unter keinem Vorwand! Täte er das, so wäre er im Voraus
       verloren. Tut er es nicht, so hat er schon gesiegt, indem er sich dem <term key="Glaube, und Weltanschauung, Kampf">Kampfe</term> gestellt hat. – Diese Kampfregel – die
       Regel der Entscheidungen des Glaubens in dieser Sache – wird jetzt noch zu entfalten
       sein.</p>
      </div>
    </div>
  </div>
  <!-- nächste Seite - "Rechtfertigung des Glaubens" -->
   <div>
    <div>
      <div>

      <p rend="margin-top">1. Der Glaube kann sich den Weltanschauungen gegenüber <hi rend="italic">nicht <term key="Glaube, und Weltanschauung, Rechtfertigung">rechtfertigen</term></hi> wollen. Weder
       damit, dass er sich ihnen empfiehlt, noch damit, dass er sich vor ihnen verantwortet und
       entschuldigt, noch auch nur damit, dass er sich ihnen zu erklären versucht. Das Alles liefe
       ja eben darauf hinaus, dass er sich ihnen gegenüber rechtfertigen wollte. Er würde sie damit
       als legitime oder doch als machthabende Herrscher anerkennen. Er würde damit ihrem
       prinzipiellen und systematischen Anspruch grundsätzlich recht geben. Er würde zugeben, dass
       er durch sie mit Recht in Frage gestellt sei. Er würde zugeben, dass er selbst das Bedürfnis
       habe, sich vor ihnen zu rechtfertigen, und dass er es scheuen müsse, sich vor ihnen nicht
       rechtfertigen zu können. Er würde damit seine Unsicherheit verraten. Solche Rechtfertigung
       des Glaubens den Weltanschauungen <term key="Glaube, und Weltanschauung, Rechtfertigung">gegenüber</term> ist nicht gefordert, nicht nötig, nicht möglich, nicht erlaubt. In der
        <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term> des Glaubens kann diese Rechtfertigung
       nicht gesucht und nicht versucht werden. Mit seiner Einfalt hat sie nichts zu tun.</p>
     <!-- </div><div type="ditigal_division"> -->
      </div>
     
      <div type="excursus">
      <p rend="margin-top"><pb xml:id="p250" ed="pga" rend="noPipe"/> Man hat sich auf die Stelle <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.3.15">1.Petr. 3,15</ref> jedenfalls überall da mit Unrecht
       berufen, wo man unter christlicher <term ref="kbga-keywords-1316">Apologetik</term> die
       Selbstrechtfertigung des Christentums vor dem Forum der jeweils in Geltung stehenden <term key="Glaube, und Weltanschauung, Rechtfertigung">Weltanschauung</term> seiner nicht
       christlichen Umwelt verstehen wollte. Es heißt dort, dass die Christen vor dem Terror derer,
       die ihnen Böses zufügen wollen, nicht erschrecken, dass sie sich durch ihn nicht erschüttern
       lassen sollen. «Heiliget aber den Herrn Christus in euren Herzen» <foreign xml:lang="el-GR">ἓτοιμοι ἀεὶ πρὸς ἀπολογίαν παντὶ τῷ αἰτοῦντι ὑμᾶς λόγον περὶ τῆς ἐν ὑμῖν ἐλπίδος</foreign>
       – doch solle das mit Sanftmut und in Ehrerbietung geschehen und vor allem in gutem Gewissen,
       damit die Verleumder ihres Wandels durch ihre Unschuld objektiv zu Schanden gemacht würden.
       Die Stelle bezieht sich deutlich auf die Verantwortung der Christen in der <term key="Christen, Verfolgung">Verfolgung</term> und in den mit ihr zusammenhängenden
       Gerichtsverhandlungen. In diesen wird man sie wegen ihres <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnisses</term> und ihres Lebens und also wegen der in ihnen <pb ed="A" n="847"/>
       lebendigen Hoffnung zur Rede stellen. Ihre Erklärung darüber wird die <term key="Glaube, Apologie"><foreign xml:lang="el-GR">ἀπολογία</foreign></term> sein, zu der sie
       bereit sein werden, wenn sie den Herrn Christus heiligen in ihren Herzen: darum bereit, weil
       sie sie kraft dieser <term ref="kbga-keywords-53">Heiligung</term> nicht scheuen, weil sie
       sie in dieser Heiligung mit Sanftmut und Ehrerbietung abgeben und wieder in dieser Heiligung
       auf alle Fälle in objektiver Unschuld abgeben werden. So schreibt auch <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
       <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.1.15">Phil. 1,15</ref>, dass er als Gefangener
        <foreign xml:lang="el-GR">εὶς ἀπολογίαν τοῦ εὐαγγελίου</foreign> bestellt sei. Was er unter
        <foreign xml:lang="el-GR">ἀπολογία</foreign> des Evangeliums versteht, das hat er <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.1.7">1,7</ref> durch den erklärenden Zusatz <foreign xml:lang="el-GR">καὶ βεβαιώσει</foreign> deutlich gemacht. Dass sie zu einem Vorstoß des
        <term ref="kbga-keywords-59">Evangeliums</term> (<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.1.12">1,12</ref>) und ihm selbst zum Heil (<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.1.19">1,19</ref>) dienen werde: zum Großwerden Christi an seinem Leibe, sei es
       durch Leben oder durch Tod (<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.1.20">1,20</ref>),
       das erwartet er von dieser Aktion. Der heidnische Richter mit seinem Urteil über ihn wird in
       Wahrheit <hi rend="italic">Zeuge dieses</hi> Geschehens sein. Nicht mehr als das! Die
       Kompetenz, über das Evangelium zu richten, hat ihm <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> offenbar nicht zugesprochen, sondern mit seiner freudigen Aussicht auch
       auf ein mögliches Todesurteil gerade abgesprochen. Und eben auf eine mögliche, unschuldige
       Verurteilung der Christen als Folge ihrer <foreign xml:lang="el-GR">ἀπολογία</foreign> wird
       ja auch <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.3.17">1.Petr. 3,17</ref> ausdrücklich
       hingewiesen. Was eine <foreign xml:lang="el-GR">ὰπολογία</foreign> im Sinn des Neuen <term ref="kbga-keywords-74">Testamentes</term> ist, das entnehme man <ref type="can" subtype="bible" target="Act.22.1 Act.22.21">Act. 22,1–21</ref>, wo wieder <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> unter diesem Titel ganz einfach die Geschichte
       seiner Bekehrung vor Damaskus erzählt. Und schließlich halte man <ref type="can" subtype="bible" target="Luk.12.11. Luk12.59">Luk. 12,11f.</ref> daneben, wo den vor Gericht geschleppten
       Jüngern empfohlen wird, sich nicht darüber Sorge zu machen, wie oder was sie zu ihrer <term key="Glaube, Apologie">Verteidigung</term> reden sollen. «Denn der Heilige <term ref="kbga-keywords-179">Geist</term> wird euch in jener Stunde lehren, was ihr sagen sollt.»
       Dazu <ref type="can" subtype="bible" target="Luk.21.14 Luk.21.38">Luk. 21,14f.</ref>: «Nehmt es euch zu Herzen, dass ihr
       nicht Vorsorge treffen sollt für eure Verteidigung. Denn ich werde euch Mund und Weisheit
       geben, der alle eure Widersacher nicht werden widerstehen oder widersprechen können.» Es ist
       doch wohl nicht möglich, die Aktion, für die dem Christen ausgerechnet die stellvertretende
       Verteidigung des Heiligen Geistes und Jesu selber so bestimmt in Aussicht gestellt wird, als
       Appell an einen anderen Richter als Gott selbst zu verstehen.</p>
      </div>

      <div>
      <p rend="margin-top"><pb xml:id="p251" ed="pga" rend="noPipe"/> Eine Rechtfertigung des Glaubens vor dem Forum
       einer <term key="Glaube, und Weltanschauung, Rechtfertigung">Weltanschauung</term> kann darum
        <hi rend="italic">nicht gefordert</hi> sein, weil es keine Weltanschauung gibt, die <pb ed="A" n="848"/> zu dem ihr damit zugeschriebenen Richteramt die Legitimation und die Würde
       hätte. Es ist doch überaus merkwürdig, dass man im 19. Jahrhundert ausdrücklich dies, dass
       das Christentum die «absolute <term key="Christentum, «absolute Religion»">Religion»</term><note xml:id="n184">Der Begriff «absolute Religion» stammt von <bibl corresp="kbga-bibls-5100"><persName ref="kbga-actors-167">G. W. Fr. Hegel</persName>, <hi rend="italic">Vorlesungen über die Philosophie der Religion</hi>, Bd. 2: <hi rend="italic">Vorlesungen
         über die Beweise vom Dasein Gottes</hi>, Dritter Teil: <hi rend="italic">Die Absolute
         Religion</hi>, Werke (<ref type="pub" target="#fn_n24">Anm. 27</ref>), Bd. 17, Frankfurt/M.1986, S. 185–344.</bibl> Aus späterer Zeit
        vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-5287"><persName ref="kbga-actors-380">R. Seeberg</persName>, <hi rend="italic">Christliche Dogmatik</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Religionsphilosophisch-apologetische
         und erkenntnistheoretische Grundlegung – Allgemeiner Teil: Die Lehren von Gott, dem
         Menschen und der Geschichte</hi>, Erlangen / Leipzig 1924, S. 178–195</bibl>: «§ 8. Das
        Christentum als die absolute Religion».</note> und als solche die einzig probehaltige <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> sei, als Grund dafür geltend machte, dass es einem
       Wahrheitsbeweis in Auseinandersetzung mit den Axiomen und Grundsätzen der jeweils üblichen
       Spekulation und <term ref="kbga-keywords-911">Erfahrungswissenschaft</term> unterworfen
       werden müsse. Wer außer Gott, der sein Grund und Gegenstand ist, kann denn über den Glauben
       Richter sein? Und welche Weltanschauung hat sich denn darüber ausgewiesen, dass sie Gott
       dabei vertreten könnte, so dass der Glaube an sie zu appellieren hätte, als stünde sie an
       Gottes Statt, als stehe und falle er also damit, dass er sich ihr gegenüber über sein gutes
       Recht ausweise? Würde er, indem er sich dazu herbeiließe, nicht gehorsam sein an einer
       Stelle, wo Gehorsam gar nicht in Betracht kommen kann, weil irgend eine ernst zu nehmende
       Autorität da unmöglich sichtbar sein [kann], eine legitime Forderung da unmöglich zu
       vernehmen ist? Die Weltanschauungen sind fremde <term key="Weltanschauung, fremde Richter">Richter</term>,<note xml:id="n185">Die Ablehnung «fremder Richter» ist ein zentraler Punkt
        schon der legendären Gründungsurkunde der Alten Eidgenossenschaft von <date when="1291">1291</date> und für das
        Selbstverständnis der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> bis in die heutige
        Zeit von kaum zu unterschätzender Bedeutung. Im «Bundesbrief» heißt es: «Wir haben auch
        einhellig gelobt und festgesetzt, dass wir in den Tälern durchaus keinen Richter, der das
        Amt irgendwie um Geld oder Geldeswert erworben hat oder nicht unser Einwohner oder Landmann
        ist, annehmen sollen» (modernisierte Fassung).</note> die im Gebiet des Glaubens keinen
       Respekt fordern können, keine Tellenhüte<note xml:id="n186">Gemeint ist der Hut des
        Landvogts, den zu grüßen und ihm damit Respekt zu erweisen <persName ref="kbga-actors-2125">Wilhelm Tell</persName> sich weigert. Vgl.
         <bibl corresp="kbga-bibls-846"><persName ref="kbga-actors-764">Fr.
          Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi>, 3. Aufzug, 3.
        Szene</bibl>.</note> aufzurichten haben.</p>

      <p><pb xml:id="p252" ed="pga" rend="noPipe"/> Es kommt dazu, dass eine solche <term key="Glaube, und Weltanschauung, Rechtfertigung">Rechtfertigung</term> auch <hi rend="italic">nicht nötig</hi>, sondern für den Glauben durchaus entbehrlich ist. Was er
       nötig hat, ist allezeit und überall die <term ref="kbga-keywords-51">Rechtfertigung</term>
       Gottes. Die ergreift und hat er, wenn er nur wirklich Glaube ist; um die weiß der Mensch,
       solange und sofern er im Glauben wach sein wird. Eine andere Rechtfertigung als diese hat er
       nicht nötig. Das will sagen: es gibt keine von Gott verschiedene Instanz, der gegenüber er
       sich erst empfehlen, entschuldigen, erklären müsste, um seines Rechtes gewiss zu sein. Er
       wird sich ja in Gestalt des <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnisses</term> und der <term ref="kbga-keywords-252">Verkündigung</term> auch den Menschen nicht dazu erklären, um sich
       ihnen, sondern um sie für sich annehmbar zu machen. Er wird sich also gerade in seiner
       Souveränität und nicht als Bittsteller, geschweige denn als Angeklagter erklären. Die
       glaubenden Menschen mögen angeklagt werden und sich verteidigen müssen. Ihr Glaube niemals.
       Und darum wird ihr <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term> und ihre <term ref="kbga-keywords-252">Verkündigung</term> Angriff sein, aber nicht Verteidigung – oder
       eben: Verteidigung gerade seiner Selbständigkeit, Behauptung seines <pb ed="A" n="849"/>
       Rechtes, sich außer von Gott von niemand richten zu lassen. Die Zustimmung, Legitimation und
       Autorisierung von Seiten einer Weltanschauung kann der Glaube entbehren. Von dorther kann ihm
       nichts genommen und nichts gegeben werden. Ob man ihn von dorther achte oder verachte, er
       lebt nicht davon und er stirbt nicht daran. So hat er von dorther nichts zu fürchten und
       nichts zu hoffen. So kann er darauf verzichten, sich von dorther rechtfertigen zu lassen,
       selbst wenn er darauf hoffen dürfte, dass das geschehen könnte. |</p>
      <p> Es kommt aber dazu, dass eine solche <term key="Glaube, und Weltanschauung, Rechtfertigung">Rechtfertigung</term> auch <hi rend="italic">nicht möglich</hi> ist. Eine <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term>,
       heiße sie, wie sie wolle, müsste schlecht beieinander sein, wenn ihre Vertreter sich
       entschließen sollten, dem Glauben – dem wirklichen christlichen Glauben nämlich – jene
       Zustimmung, Legitimation und Autorisierung wirklich zu gewähren. Wenn Menschen zum Glauben
       kommen, dann ist ihre Weltanschauung zu Boden gefallen, und es wird dann keine Rede davon
       sein, dass diese Menschen den Glauben – sie werden dann vielmehr sich selbst durch den
       Glauben <term ref="kbga-keywords-51">gerechtfertigt</term> finden. Sie sind dann vom
       Richterstuhl über den Glauben längst heruntergestiegen und sind im Glauben <term key="Mensch, Gehorsam">gehorsam</term> geworden. Wo der Mensch im Besitz einer
       Weltanschauung auf dem Richterstuhl sitzt, da wird auch die angelegentlichste
       Selbstrechtfertigung des Glaubens nicht zu dem ge<pb xml:id="p253" ed="pga" break="no"/>wünschten Ziele führen. Er wird sich dann im besten Fall freundlich – so freundlich, dass
       er sich nachher selbst nicht wiedererkennt – interpretieren, der betreffenden Weltanschauung
       anpassen und <term ref="kbga-keywords-1136">gleichschalten</term><note xml:id="n187">Im
        nationalsozialistischen Sprachgebrauch wurde der aus der Elektrotechnik entlehnte Begriff
        der «Gleichschaltung» im Sinne einer gewaltsam erzwungenen oder auch freiwillig erfolgenden
        Anpassung aller politisch-gesellschaftlichen Strukturen an die herrschende Ideologie und
        Herrschaftsstruktur verwendet; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-126">Schmitz-Berning
         (<ref type="pub" target="#fn_n141">Anm. 141</ref>), S. 277–280</bibl>; Belege auch in: <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A.
         1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p296#fn_n73">S. 296, Anm. 73</ref></bibl>.</note> und in diesem Narrenkleid allenfalls akzeptieren
       lassen dürfen. Er wird aber in seiner echten und eigentlichen Gestalt nie und nimmer das
       Wohlgefallen oder auch nur die Nachsicht jenes Richters finden. Ihn wird man im Rahmen irgend
       einer Weltanschauung bestimmt nicht brauchen und gelten lassen können. Und so wird er sich
       auf der Suche nach jener <term key="Glaube, und Weltanschauung, Rechtfertigung">Rechtfertigung</term> letztlich auch immer umsonst erniedrigt und dem fremden Richter
       unterworfen haben. Er müsste nicht dieser <term key="Weltanschauung, fremde Richter">Richter</term> sein, wenn der Glaube bei ihm Gerechtigkeit zu finden erwarten dürfte. |</p>
      <p>Der letzte Grund ist der schwerste und der eigentlich entscheidende: Es kommt dazu, dass es
       dem Glauben auch <hi rend="italic">nicht erlaubt</hi> ist, <pb ed="A" n="850"/> solche
       Rechtfertigung zu suchen. Er müsste ja, indem er sich dazu aufmachte, vergessen haben, dass
       er der Glaube – und was eine <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> ist. Als Glaube
       darf er die Autorität einer Weltanschauung nicht anerkennen, auch wenn die Stimme, die er von
       dorther gebieterisch reden zu hören meint, noch viel lauter und eindringlicher ertönte. Als
       Glaube darf er dem Bedürfnis, sich dort zu entschuldigen und zu empfehlen, und wäre es noch
       so stark, nicht nachgeben. Als Glaube darf er eine Anerkennung von dorther nicht suchen und
       dürfte er sie nicht annehmen, selbst wenn das Wunder geschehen sollte, dass sie ihm von
       dorther wirklich zuteil würde. Er darf es nicht, weil der glaubende Mensch eben damit
       offenkundig aufhörte, sich auf Gott zu verlassen. Dass er das tun darf, das kann nur von Gott
       kommen und eben damit gerechtfertigt sein. Kommt eine andere Rechtfertigung auch nur in
       Frage, wird nach einem anderen Dürfen auch nur geschielt, dann hat der Mensch offenbar schon
       aufgehört, sich auf Gott zu verlassen. Er ist dann nicht mehr Glaube. An seine Stelle ist
       dann faktisch schon die Weltanschauung getreten, vor deren Forum er <pb xml:id="p254" ed="pga"/> jetzt um die Erlaubnis einkommt, sich auf Gott verlassen zu dürfen. Man kann nicht an Gott
       glauben und sich zu diesem Glauben von einem <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term> her und im Rahmen eines <term key="Weltanschauung, System">Systems</term>
       legitimieren und autorisieren lassen. Man hat sich, indem man das tut, schon für den
       Unglauben entschieden. Das ist das Heillose, was da droht. Und eben darum ist es zuletzt und
       vor allem nicht erlaubt, sondern verboten, jene <term key="Glaube, und Weltanschauung, Rechtfertigung">Rechtfertigung</term> zu suchen.</p>
      <p> Die erste Regel aller echten Entscheidungen des Glaubens in Sachen der <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> wäre also dahin zu formulieren,
       dass seine Haltung ihnen gegenüber auf alle Fälle seine <term ref="kbga-keywords-51">Rechtfertigung</term> durch Gott und also den Verzicht auf jede Selbstrechtfertigung vor
       ihnen zum Ausdruck bringen muss.</p>
      </div>
    </div>
  </div>
<!-- nächste Seite - Glaube nicht auf Weltanschauung begründen -->
      <div>
        <div>
          <div>
      <p rend="margin-top">2. Der Glaube soll sich <hi rend="italic">nicht</hi> auf eine Weltanschauung <hi rend="italic">begründen</hi>
       <term key="Glaube, und Weltanschauung, keine mögliche Begründung">wollen</term>. Das könnte
       und würde da geschehen, wo er sich selbst mitsamt seinem objektiven Grunde in Gott und also
       mit Gott selber als sogenannte <term ref="kbga-keywords-211">Religion</term> und also als
       eine menschliche Möglichkeit und Wirklichkeit verstehen wollte. Indem er sich im Rahmen der
       übrigen menschlichen Möglich<pb ed="A" n="851" break="no"/>keiten und Wirklichkeiten
       ebenfalls als solche, vielleicht als unentbehrlich, vielleicht sogar in zentraler und vitaler
       Bedeutung für alle anderen und für das ganze humane Wesen auswiese, würde er sich insofern
       auf eine Weltanschauung begründet haben, als ja jede <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> auch eine bestimmte Konzeption vom Menschen, seiner Natur, seiner
       Geschichte und Existenz in sich schließt. In dem von einem bestimmten <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzip</term> her entworfenen und <term key="Weltanschauung, System">systematisch</term> entfalteten Bild vom <term key="Weltanschauung, Menschenbild">Menschen</term> würde sich der Glaube an bestimmter
       Stelle wiedererkennen, vielleicht als integrierendes und notwendiges, vielleicht sogar als
       konstituierendes Moment dieses Bildes wiedererkennen. Er würde sich durch diesen im Spiegel
       des Menschenbildes erkennbaren Anblick als Element und Funktion des menschlichen Wesens nicht
       nur gerechtfertigt, sondern gehalten, getragen und gestärkt sehen. Er würde dort seiner
       Wurzel und seines Fundamentes gewahr, von dieser seiner Wurzel und diesem seinem Fundamente
       her zu leben in der Lage sein. Er würde sich dessen immer wieder vergewissern und eben dessen
       sich trösten, daran sich aufrichten und halten dürfen, dass der Mensch ohne ihn nicht
       vollständig und wirklich Mensch wäre, dass er aus der Wahrheit des <pb xml:id="p255" ed="pga"/> menschlichen Wesens und Daseins, aus dem Bestande und aus der Geschichte der <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> nicht wegzudenken sei. Er würde sich dann auf seine
       eigene Unentbehrlichkeit für den Menschen berufen und gründen können. Auch dieses Verfahren
       ist nicht durchführbar. Es beruht auf einer Täuschung hinsichtlich der im Rahmen einer
       Weltanschauung verstandenen Humanität: der Grund, den der Glaube in diesem Bilde finden soll,
       erweist sich faktisch als <term key="Glaube, und Weltanschauung, keine mögliche Begründung">unauffindbar</term>. Und er beruht auf einer Täuschung hinsichtlich des Glaubens selbst:
       der Grund, den er in jenem Bilde finden könnte, würde ihn nicht tragen können. Und es ist
       schließlich auch von dem Wunsch, der der Vater dieses Gedankens ist,<note xml:id="n188">Vgl.
         <bibl corresp="kbga-bibls-5156"><persName ref="kbga-actors-382">W. Shakespeare</persName>, <hi rend="italic">History of
         Henry IV</hi>, Part II, Act 4, Scene 5</bibl>: «<foreign xml:lang="eng">Thy wish was father, Harry, to that thought</foreign>.»
        Meist wie auch hier abgekürzt gebrauchte Redewendung, die den seit jeher geläufigen Gedanken
        zum Ausdruck bringt, dass (reines) Wunschdenken gegenüber der Realität nicht
        standhält.</note> zu sagen, dass er ein dem Glauben verbotener Wunsch ist.</p>
         </div>
         <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Mit einer auch nur vermeintlich biblischen Begründung dieses Wunsches und dieses Verfahrens
       haben wir uns nicht auseinanderzusetzen, weil eine solche nicht versucht worden ist und auch
       wohl nicht versucht werden könnte. Die Interpretation des Glaubens als <term key="Glaube, Interpretation als Religion">Religion</term> ist eine moderne <pb ed="A" n="852"/> Erfindung. Sie wurde im 17. Jahrhundert, in klassischer Weise von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2407">Hugo Grotius</persName></hi> (<bibl corresp="kbga-bibls-5118">De veritate religionis christianae, 1627</bibl><note xml:id="n189">Ursprünglicher Titel: <bibl corresp="kbga-bibls-5118"><persName ref="kbga-actors-2407">H.
          Grotius</persName>, <hi rend="italic">Sensus librorum sex, quos pro veritate religionis
          christianae, batavice scripsit</hi>, Paris 1627</bibl> (spätere Ausgaben unter dem oben
        angegebenen Titel). Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5126"> H. R. Guggisberg, Art. «Grotius, Hugo», in: TRE
         14, S. 277–280, dort S. 278,42ff</bibl>.</note>) gemacht und zunächst von einigen unter den
       späteren Vertretern der protestantischen <term ref="kbga-keywords-339">Orthodoxie</term>
       aufgenommen, von der <term ref="kbga-keywords-140">Aufklärung</term> des 18. Jahrhunderts
       entfaltet, ist aber erst von <persName ref="kbga-actors-216"><hi rend="italic">Kant</hi></persName> und <persName ref="kbga-actors-1040"><hi rend="italic">Herder</hi></persName> und dann vor allem von <persName ref="kbga-actors-360"><hi rend="italic">Schleiermacher</hi></persName> und <persName ref="kbga-actors-167"><hi rend="italic">Hegel</hi></persName> und von der von ihnen ausgehenden neuprotestantischen
        <term ref="kbga-keywords-502">Theologie</term> zur sogenannten <term key="Religionsphilosophie">Religionsphilosophie</term> gestaltet<note xml:id="n190">Den hier
        andeutungsweise ausgeführten Überblick bietet <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ausführlicher in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/2,
        S. 310–317</bibl>.</note> und d. h. eben zur Begründung der <term ref="kbga-keywords-211">Religion</term> und damit des Glaubens aus dem Bestand und der Geschichte der <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> fruchtbar gemacht worden. Die Voraussetzung der
        <term key="Religionsphilosophie">Religionsphilosophie</term> und der von ihr zu liefernden
       Glaubensbegründung ist ein <term key="Welt, Weltbild">Weltbild</term>, in welchem dem
       Menschen – sei es die Idee des Menschen oder der Menschheit, sei es deren geschichtliche
       Wirklichkeit, seien es schließlich die Grenzen des Menschen als <pb xml:id="p256" ed="pga"/>
       solche – die Rolle der organisierenden Mitte und also des <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzips</term> zu spielen zugedacht ist. Wir brauchen den Verschiedenheiten der auf diesem
       Boden möglichen Konzeptionen vom Menschen in ihren Wandlungen vom kritischen zum emotionalen
       zum spekulativen <term ref="kbga-keywords-1379">Idealismus</term> und über den <term key="Positivismus">Positivismus</term> bis hin zu der Skepsis der modernen <term key="Philosophie, Existentialphilosophie">Existentialphilosophie</term>, wir brauchen auch
       den Varianten der auf diesem Boden versuchten Glaubensbegründung, so gewaltig sie auch
       voneinander abweichen, hier nicht nachzugehen. Es macht nämlich keinen wesentlichen
       Unterschied aus, ob man zentral an der Natur oder zentral an der Geschichte oder zentral an
       der Existenz des Menschen als solcher interessiert ist, um dann von da oder von dort aus den
       Nachweis anzutreten, dass der Mensch nicht denkbar, dass er faktisch nie Mensch gewesen, dass
       er als Mensch nicht wirklich sei ohne den Aspekt, unter welchem er sich eben im Glauben
       versteht. Entscheidend ist eben dieser Rückgriff auf den Menschen, dieser Appell an ihn als
       an das letzte Wirkliche und also als an das Maß aller <term key="Weltanschauung, Mensch als Maß aller Dinge">Dinge</term>.<note xml:id="n191">Vgl.
         <persName ref="kbga-actors-3712">Protagoras</persName> (ca. 481–411 v. Chr.): <foreign xml:lang="el-GR">πάντων χρημάτων μέτρον ἐστὶν ἄνθρωπος, τῶν μὲν ὄντων ὡς ἔστιν, τῶν δὲ οὐκ
         ὄντων ὡς οὐκ ἔστιν</foreign> / «Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, dass sie
        sind, der nichtseienden, dass sie nicht sind» (<bibl corresp="kbga-bibls-5125"><persName ref="kbga-actors-2014">H. Diels</persName>, <hi rend="italic">Die Fragmente der
          Vorsokratiker. Griechisch und Deutsch</hi>, hrsg. von W. Kranz, Bd. 2, Berlin 1952<hi rend="sup">6</hi>, S. 263 [80 B 1]</bibl>).</note> Entscheidend ist der Nachweis, dass der
       Mensch, indem er nur sich selber recht verstehe, auch den Glauben verstehe oder doch
       verstehen könne, dass er jedenfalls, indem er seiner selbst ansichtig werde, auch des Glau<pb ed="A" n="853" break="no"/>bens – seiner Möglichkeit, seines Problems mindestens oder
       allermindestens der leeren Stelle des Problems des Glaubens – ansichtig werden müsse. Auf
       diesen Nachweis hat die neuprotestantische <term ref="kbga-keywords-502">Theologie</term>
       ihre <term key="Religionsphilosophie">Religionsphilosophie</term> und mit ihr ihre <term ref="kbga-keywords-1316">Apologetik</term> und insofern sich selbst und mit sich selbst den
       christlichen Glauben begründet. Ihre Wissenschaft wollte mehr als Rechtfertigung, sie wollte
       eben Begründung des Glaubens vollziehen und bieten: Begründung dort, wo sie den Grund aller
       Dinge überhaupt zu finden meinte, Begründung im Menschen also. Wahrheit, <term ref="kbga-keywords-340"><foreign xml:lang="el-GR">ἀλήθεια</foreign></term> hieß für sie so
       oder so: Offenbarung des Menschen. Und eben in ihr meinte sie so oder so auch die Offenbarung
       des Glaubens, eben im vollständigen Menschen meinte sie auch den glaubenden Menschen zu
       entdecken. Seine Anlage meinte sie ohne die Anlage zum Glauben, seine Entfaltung in der <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term> meinte sie ohne die Geschichte des Glaubens, seine
       Wirklichkeit meinte sie ohne die Wirklichkeit oder mindestens ohne das Problem des Glaubens
       nicht sehen und verstehen und aus dieser Unentbehrlichkeit des Glaubens meinte sie dessen
       Begründung ablesen zu können.<note xml:id="n192">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-936"><persName ref="kbga-actors-360">Fr. D.
         E. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Über die Religion. Reden an die Gebildeten
         unter ihren Verächtern</hi>, zum Hundertjahr-Gedächtnis hrsg. von R. Otto, Göttingen
         1906<hi rend="sup">2</hi>, S.  90 </bibl>(<bibl corresp="kbga-bibls-212">Kritische Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 2, hrsg. von G.
        Meckenstock, Berlin / New York 1984, S. 252,9f.</bibl>; R<hi rend="sup">1</hi>, S. 144): «Der
        Mensch wird mit der religiösen Anlage geboren wie mit jeder anderen […].» (im Exemplar
        <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> unterstrichen).</note></p>
         </div>

     <div>
      <p rend="margin-top"><pb xml:id="p257" ed="pga" rend="noPipe"/>Aber eben dieser Grund des Glaubens ist in
       Wirklichkeit <hi rend="italic">nicht auffindbar</hi>. Was im Menschen auffindbar ist, das ist
       immer der Mensch selber. In der sogenannten <hi rend="italic">Natur</hi> des <term key="Mensch, Natur">Menschen</term>, d. h. in seinem ihn vom Tier unterscheidenden
       geistig-vernünftigen Wesen ist auffindbar die Idee einer gesetzlichen Bestimmung und Ordnung
       seines Denkens und Wollens und die Idee der Unendlichkeit von deren Gegenständen, einer
       unendlichen Objektwelt, die dann wohl auch in der Vorstellung einer unendlichen Welt ihre
       Zusammenfassung oder in der Vorstellung eines von der unendlichen Welt verschiedenen,
       besonderen unendlichen Wesens, in der Idee der Gottheit also, ihre Krönung finden mag, wobei
       es naheliegend und passend erscheinen mag, jene Gesetzlichkeit des Subjekts mit dieser
       Zusammenfassung oder Krönung des Objekts in Verbindung zu bringen. Es ist offenkundig, dass
       der Mensch in diesem Bilde seiner Natur, obwohl es an bestimmter Stelle auch die Gottheit in
       sich schließen kann, bei sich selber bleibt: auf sich selber gestützt und durch sich selber
       getragen. Es hat der Glaube als des Menschen <term key="Glaube, Gehaltensein durch Gott">Gehaltensein</term> durch Gott, vollzogen und garan<pb ed="A" n="854" break="no"/>tiert
       durch dessen <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>, in diesem Bilde keine Stelle. In
       diesem Bilde ist der Mensch als Träger der Idee Gottes sein Offenbarer. In diesem Bilde wird
       Gott durch den Menschen gehalten, bedingt, vorausgesetzt, begründet und nicht umgekehrt. Was
       in diesem Bilde Gott heißt, das ist letzte und höchste Unterstreichung der Freiheit, in der
       der Mensch sich selber bewegt, oder auch der Autorität, die er selber sich gesetzt hat. Darum
       kann hier auch der Glaube nicht in seiner eigenen <term key="Glaube, Freiheit">Freiheit</term> und Autorität sichtbar werden. Die Entdeckung eines religiösen a <term key="Religion / Religionen, religiöses Apriori">priori</term><note xml:id="n193">Der Begriff
        «religiöses Apriori» wurde eingeführt von <bibl corresp="kbga-bibls-1489"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName>, <hi rend="italic">Psychologie und
          Erkenntnistheorie in der Religionswissenschaft. Eine Untersuchung über die Bedeutung der
          Kantischen Religionslehre für die heutige Religionswissenschaft</hi>, Tübingen 1905, bes.
         S. 43ff</bibl>.</note> neben oder über dem theoretischen, praktischen, ästhetischen kann
       über diesen Mangel nicht hinweghelfen. Nehmen wir an, ein solches sei auffindbar, so ist doch
       mit ihm und in ihm der freie und souveräne <term ref="kbga-keywords-1244">Gott</term>, der
       der Gegenstand und Ursprung des Glaubens ist, noch nicht aufgefunden, sondern nur eine
       Beziehung zu einem jenseitigen Objekt, dessen Wesen und Existenz nun doch auf alle Fälle
       gerade durch den apriorischen Charakter jener Beziehung an den Menschen gebunden, bei aller
       noch so stark beton<pb xml:id="p258" ed="pga" break="no"/>ten Jenseitigkeit als <hi rend="italic">sein</hi> Objekt gekennzeichnet und also gerade nicht im Besitz jener Freiheit
       und Souveränität wäre. In der Natur des <term key="Mensch, Natur">Menschen</term>, wie tief
       und umfassend sie auch verstanden werden mag, ist mehr als <hi rend="italic">seine</hi> Natur
       nicht aufzufinden. Die Natur des Glaubens, in welchem der Mensch nicht aus sich selber,
       sondern aus Gott lebt, ist im Spiegel der menschlichen Natur als solcher nicht zu entdecken,
       sie könnte dort nur durch eine Art von Betrug nachträglich hineingezeichnet werden. |</p>
      <p>Man wird aber dasselbe auch von der menschlichen <term ref="kbga-keywords-398"><hi rend="italic">Geschichte</hi></term> sagen müssen. Es mag sehr wohl so sein, dass die Welt-
       und Geistesgeschichte ohne das Phänomen der <term ref="kbga-keywords-211">Religion</term>
       nicht zu verstehen ist. Aber was wir in der <term key="Religionsgeschichte">Religionsgeschichte</term> wahrnehmen, was in allen ihren Räumen auffindbar ist, das ist
       das allerdings offenkundige Bedürfnis des Menschen, seine eigene subjektive Existenz in ihrer
       unendlichen Bestimmung<note xml:id="n194">Tskr.: «Beziehung»; Konjektur der Hrsg., die ein am
        Rand notiertes Fehlerzeichen <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> aufnimmt.</note> mit der eines ebenfalls unendlichen
       Objektes in Beziehung zu bringen, das sind die vielen und immer wieder erfolgreichen Versuche
       des Menschen, diesem Bedürfnis in Form von Vorstellungen über dieses höchste Objekt und in
       Form einer Gestaltung der besonderen Beziehung zu ihm Genüge zu tun. Wobei das
       ­Ent855scheidende, Gleichmäßige und Beharrende in dem großen Wechsel der Religionen
       schließlich doch nur der religiöse Drang und Impetus des Menschen selber bleibt. Der Glaube,
       der kein solcher Drang wäre, der mit irgendwelchen Bedürfnissen und Versuchen des Menschen
       gar nichts zu tun hätte, sondern der ihm schlicht und in bestimmter Gestalt gegeben wäre,
       damit er aus und mit ihm leben dürfe – dieser Glaube ist im Bild der geschichtlichen
       Religionen nirgends wahrzunehmen. Auch dann nicht, wenn man dieses Bild der Geschichte, wie
       es sich gehört, durch das der christlichen <term key="Religion / Religionen, christliche">Religion</term> ergänzt und vervollständigt. Denn auch das, was im geschichtlichen <term ref="kbga-keywords-807">Christentum</term> als solchem sichtbar wird, fällt aus dem Rahmen
       des Grundphänomens der übrigen <term ref="kbga-keywords-211">Religion</term> nicht
        heraus.<note xml:id="n195">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/2,
         S. 306–309.357–363</bibl>.</note> Es wird eine geschichtliche Betrachtung auch des
       Christentums immer darauf hinauslaufen, dass es sich auch in ihm um eine allerdings
        bemerkenswerte <pb xml:id="p259" ed="pga"/> Äußerung des allgemein wahrnehmbaren religiösen
       Dranges des geschichtlichen Menschen, um eine bei aller Eigenart doch nicht einzigartige
       Variante des allgemeinen religiösen Bedürfens und Experimentierens handle. Was wäre denn an
       den Vorstellungen oder an dem Kult dieser Religion so originell, dass es uns auch nur
       berechtigte, gerade sie als die «absolute» <term key="Christentum, «absolute» Religion">Religion</term><note xml:id="n196">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n184">Anm. 184</ref>.</note> zu bezeichnen? Und in welcher Zeit der <term ref="kbga-keywords-464">Kirchengeschichte</term> wäre denn gerade hier der Glaube zu finden,
       in welchem nicht zuerst der Mensch, sondern zuerst Gott handelnd auf dem Plane ist? Den
       Glauben hat in der Geschichte wie in der Natur des <term key="Mensch, Natur">Menschen</term>
       immer nur der Glaube selbst entdeckt. Von einer geschichtlich-anthropologisch orientierten
        <term key="Weltanschauung, historisch-anthropologische">Weltanschauung</term> her wird er
       konsequenterweise auch in der <term ref="kbga-keywords-110">Bibel</term>, auch in der
       Geschichte des <term ref="kbga-keywords-464">Christentums</term> nie zu sehen sein. Was von
       hier aus zu sehen ist, ist viel merkwürdige Religion. Der Glaube verbirgt sich, solange und
       sofern er in jenem Bilde gesucht wird. Er wird sich in diesem Bilde immer vergeblich suchen,
       d. h. er wird sich in dem, was in diesem Bilde erkennbar ist, nicht wiedererkennen. Er kann
       also mit diesem Bilde nicht begründet werden. |</p>
      <p>Man wird aber dasselbe auch von dem Begründungsversuch sagen müssen, der sich, statt auf
       die Natur oder auf die Geschichte, mehr auf die <hi rend="italic">Grenzen</hi> der <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term><note xml:id="n197">Vgl. den Titel der Schrift von
         <bibl corresp="kbga-bibls-1157"><persName ref="kbga-actors-293">P. Natorp</persName>, <hi rend="italic">Religion innerhalb der Grenzen der Humanität. Ein Kapitel zur Grundlegung
          der Sozialpädagogik</hi>, Tübingen 1908<hi rend="sup">2</hi></bibl>.</note> bezieht: von
       der Ableitung des Glaubens aus der entscheidend von ihrer <pb ed="A" n="856"/> Zufälligkeit,
       Bedrohtheit, ja Verlorenheit her verstandenen menschlichen Existenz.<note xml:id="n198">Vgl.
        dazu <bibl corresp="kbga-bibls-5155"><persName ref="kbga-actors-204">K. Jaspers</persName>, <hi rend="italic">Psychologie
         der Weltanschauungen</hi>, (Berlin 1919), unveränd. Nachdr. der 6. Aufl. 1971</bibl>, Berlin u. a.
        1990, wo die Grenzsituation – in Kampf (S. 257–259), Tod (S. 259–270), Zufall (S. 270–273)
        und Schuld (S. 273–280) unterschieden – als Frage nach dem Endzweck (S. 230) bzw. Reihe ins
        Absolute / Unendliche / Ganze gefasst wird (S. 230f.).</note> Dass des Menschen <term key="Mensch, Selbstbejahung">Selbstbejahung</term> trotz und mit Inbegriff seines
       Unendlichkeitsstrebens nur eine begrenzte Bedeutung hat, dass er einer sehr wirksamen und
       höchst übermächtigen <term key="Mensch, Verneinung">Verneinung</term> konfrontiert ist und
       dass er bei seinem Selbstverständnis der Verrechnung gerade dieser Komponente sehr dringlich
       bedarf, das lässt sich allerdings be<pb xml:id="p260" ed="pga" break="no"/>grifflich und
       geschichtlich sehr wohl einleuchtend machen, und dass sich von hier aus das Problem der <term ref="kbga-keywords-211">Religion</term>, die Frage nach einem jenseitigen, jenen Konflikt
       überwindenden Grund und Halt der menschlichen Existenz noch einmal in ganz neuem Sinn
       aufwerfen lässt, das ist auch einsichtig. Es ist aber auch von hier aus nicht einsichtig, wie
       es zu mehr als zu einem von der Existenz des Menschen aus aufzustellenden Postulat solcher
       Überwindung kommen soll. Und es ist wieder nicht einsichtig, dass als Gegenstand dieses
       Postulates gerade der Glaube aufzuweisen sein solle. Sollte das Postulat gewichtig und
       sinnvoll aufgestellt sein, dann müsste die Zufälligkeit, Verlorenheit und Bedrohtheit der
       menschlichen Existenz in letzter Radikalität: sie müsste als diejenige Verneinung des
       Menschen durch <term key="Mensch, Verneinung">Gott</term> verstanden sein, die die Kehrseite
       wiederum seiner göttlichen <term key="Mensch, Bejahung">Bejahung</term> ist. Sie müsste dann
       nicht nur als die Situation des Menschen angesichts des Todes, sondern als die Situation
       beschrieben sein, die der Mensch, indem er auf Gott vertraut, hinter sich gelassen hat, weil
       er ihr durch Gott entrissen worden ist. Das bedeutet aber: es müsste dann der Glaube schon
       auf dem Plan sein und an der echten Grenze der Humanität sich selber postulieren. Dann wäre
       aber eben jene <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> und <term ref="kbga-keywords-5">Anthropologie</term> mit ihrer Todesangst, mit ihrer Skepsis und ihrem
       Pessimismus schon zu Boden gefallen. Jenes Bild vom übermächtig bedrängten und gefährdeten
       Menschen wäre dann schon preisgegeben. In diesem Bilde, im Rahmen jener Anthropologie ist der
       Glaube so wenig wahrzunehmen wie in der des <term ref="kbga-keywords-1379">Idealismus</term>
       und des <term ref="kbga-keywords-1323">Historismus</term>. Es können ja die Grenzen der <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> wirklich auch anders interpretiert werden als so,
       dass sie gerade das Postulat des Glaubens notwendig machen müssten, und wenn der <pb ed="A" n="857"/> Glaube nicht selbst auf dem Plan ist, dann werden sie ganz bestimmt sehr anders als
       gerade so interpretiert werden. Es wird dann die in dieser <term ref="kbga-keywords-5">Anthropologie</term> geschilderte Verzweiflung des Menschen sicher so tief gar nicht gehen
       können, dass diese[r] sich nicht endlich und zuletzt selbst zu trösten vermöchte. Es wird
       dann wohl gerade der an sich selbst verzweifelnde Mensch in noch kräftigerer Weise als der
       naiv sich bejahende Mensch des <term ref="kbga-keywords-1379">Idealismus</term> bei sich
       selber sein und sich selber zu genügen wissen. |</p>
      <p>Es würde aber ein im Menschen selbst liegender Grund des Glaubens diesen auch <hi rend="italic">nicht tragen</hi>, selbst wenn er auffindbar wäre. Der <pb xml:id="p261" ed="pga"/> Glaube ist getragen, er ist also begründet, wenn und sofern er von Gott getragen
       und in ihm <term key="Glaube, Begründung">begründet</term> ist. Er lebt nicht aus und in sich
       selber, sondern aus und in der Wirklichkeit der Offenbarung <term ref="kbga-keywords-8">Gottes</term>. Er ist die Liebe, die daraufhin Ereignis wird, dass der Mensch von Gott
       geliebt ist. Er hat seinen Gegenstand und Ursprung, er hat sein Zentrum außerhalb seiner
       selbst und also außerhalb des Menschen. Es bejaht der glaubende Mensch sich <term key="Mensch, Selbstbejahung">selber</term> nur eben darin, dass er es liebt, das von Gott
        <term ref="kbga-keywords-37">geliebte</term> Geschöpf <term key="Glaube, liebt es von Gott geliebt zu sein">Gottes</term> zu sein. Würde er aufhören,
       das zu tun, würde er seine Begründung außerhalb des Menschen, seine exzentrische Mitte
       aufgeben, würde er nicht mehr an Gott hangen, dann würde er aufhören, Glaube zu sein. Der
       Mensch ohne Grund in Gott stürzt automatisch ins Bodenlose des Unglaubens. Die Begründung des
       Glaubens auf ein Bild des Menschen könnte tatsächlich, auch wenn der Glaube in diesem Bild
       nachweisbar wäre, nur eine Beschreibung dieses Sturzes sein. Im Bild des Menschen, wie tief
       und umfassend es allenfalls auch entworfen sein möchte, kann der Glaube keinen Anker haben,
       nicht zur Ruhe und von daher auch nicht in Bewegung kommen. Nehmen wir an: er fände darin
       u. a. – also neben und in seiner sonstigen Natur, Geschichte und Existenz – so oder so auch
       den Glauben, so würde er sich auf dieses sein Bild doch keineswegs stützen und verlassen, so
       würde von diesem Bild doch keinerlei den Glauben begründende und bewegende Kraft ausgehen. Es
       hätte dieses Bild weder die Autorität noch die Macht, ihn im Glauben und auf dem Weg, in den
       Werken des Glaubens zu erhalten. Es könnte ihm wohl <pb ed="A" n="858"/> Bestätigung sein,
       dass Andere vor ihm geglaubt haben, und damit dann wohl auch Erinnerung daran, dass auch er
       selbst das einmal getan hat. Es könnte ihm wohl Einladung und Aufforderung sein, das wieder
       zu tun. Es würde aber gerade das Entscheidende, nämlich das Getragensein des Menschen und
       also die Begründung und Erhaltung des Glaubens durch <term key="Glaube, Begründung">Gott</term> in diesem Bilde nicht Ereignis sein und als solches auch nicht wirksam sein
       können. Es würde ihm wohl den Zusammenhang und die Verwurzelung des Glaubens im menschlichen
       Wesen und Dasein, es würde ihm wohl den «religiösen» Aspekt des Glaubens anschaulich, aber
       eben darum nicht seine Entstehung und seinen Bestand in der Höhe über allem menschlichen
       Wesen und Dasein eindrücklich und glaubwürdig machen. Es böte dem Glauben als solchem keine
       Nahrung. Der Glaube <pb xml:id="p262" ed="pga"/> nährt sich vom Glauben, aber nicht von dessen
       Bild im menschlichen Wesen und Dasein: gerade nicht von dem Glauben, der als Element der
        <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> aufgewiesen, verstanden und dargestellt wird,
       und wenn die Einfühlungskunst, in der das unter Umständen geschehen kann, noch so groß wäre.
       Wo er unter diesem Aspekt erscheint, da kann er auch nur unter diesem Aspekt Interesse
       finden.</p>
      </div>
      <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Man hat der neuprotestantischen <term ref="kbga-keywords-502">Theologie</term>, ihrer
       Exegese, Geschichtsdarstellung und Glaubenslehre oft vorgeworfen, dass sie «unerbaulich» sei,
       d. h. zur Auferbauung, Erhaltung, Ernährung und Erneuerung des Glaubens nichts beitrage.<note xml:id="n199">Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-5154"><persName ref="kbga-actors-1100">G. Krüger</persName>, <hi rend="italic">Die unkirchliche Theologie</hi>, in: ChW 14 (1900), Sp. 804–807</bibl>. Nach <persName ref="kbga-actors-1100">Krüger</persName>
        erblicke diese ihre vornehmste Aufgabe darin, «Seelen zu gefährden» (<bibl corresp="kbga-bibls-5154">Sp. 805</bibl>).</note> Man
       irrte sich freilich, wenn man diesen Vorwurf auf ihre kritische Haltung der <term ref="kbga-keywords-110">Bibel</term>, auf ihre gewisse respektlose Art der kirchlichen <term key="Tradition, kirchliche">Überlieferung</term> gegenüber, auf ihr freies Umgehen mit
       beidem bezogen hat. Aber der Vorwurf an sich besteht nicht zu Unrecht. Man tritt mit ihm der
       Theologie jener Zeit schon darum nicht zu nahe, weil sie selbst geradezu eine Art Stolz, die
       Ehre ihrer <term key="Theologie, Wissenschaftlichkeit">Wissenschaftlichkeit</term> darein
       setzte, nicht «erbaulich» zu sein. Sie war es darum in der Tat nicht, weil sie den Glauben
       selbst eigentlich immer nur in Zitaten und historischen Darstellungen zu Worte kommen ließ –
       insofern konnte dann auch sie erbaulich sein! –, in ihren eigenen Darlegungen aber sein
       Zeugnis dadurch unterdrückte, dass sie ihn nur als Gestalt der <term ref="kbga-keywords-211">Religion</term> und nicht in seiner eigenen Gestalt aufzeigte und re<pb ed="A" n="859" break="no"/>den ließ. Dass sie ihn eben damit zu begründen bzw. gerade so begründet von ihm
       zu reden gedachte, war die eigentümliche Tragik, in die sich diese Theologie verwickelte.
       Gerade in dieser Gestalt konnte ja unmöglich begründet, konnte also auch nicht erweckend,
       nicht Teilnahme erregend, nicht zum Glauben aufrufend von ihm geredet werden. Man war immer
       draußen, nie recht, nur gelegentlich drinnen, man war immer beim Betrachten, nie
       verantwortlich beteiligt, nie im Leben des Glaubens selber, wenn man sie hörte und las. Das
       und nicht ihre freie Haltung war das «Unerbauliche» und gleichzeitig das höchst Unsachliche
       dieser <term ref="kbga-keywords-502">Theologie</term>, über das man dadurch, dass sie als
        <term key="Religionswissenschaft">Religionswissenschaft</term> interessant war, schwer
       getröstet werden konnte<note xml:id="n200">Tskr.: «könnte»; Korrektur durch die Hrsg.</note>.
       Als <term key="Theologie, Glaubenswissenschaft">Glaubenswissenschaft</term> war sie
       ausgesprochen uninteressant und konnte sie nur uninteressant sein.</p>
       </div>
      <div>
      <p rend="margin-top"> Soll der Glaube <term key="Glaube, Begründung">begründet</term> werden, dann muss er frei
       für sich selbst reden, er muss sich dann gerade so darstellen dürfen, wie er sich selbst
       versteht: gerade so also, wie es ihm durch die <term key="Religionsphilosophie">Religionsphilosophie</term>, d. h. durch das Schema der anthropozentrischen <term key="Weltanschauung, anthropozentrische">Weltanschauung</term> ver<pb xml:id="p263" ed="pga" break="no"/>boten wird, und also in seiner absoluten Beziehung zur heiligen <term ref="kbga-keywords-70">Trinität</term>, nicht in seiner relativen Beziehung zu irgend einer
       vorausbestimmten Konzeption der <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term>. Er muss in
       seiner eigenen Sprache seine eigene Sache vortragen dürfen, die zuerst die Sache Gottes mit
       dem <term key="Glaube, Sache Gottes mit dem Menschen">Menschen</term>, dann erst die Sache
       des Menschen mit <term key="Glaube, Sache des Menschen mit Gott">Gott</term> ist. Wenn er das
       dürfte, dann könnte der Glaube den Glauben begründen, erwecken, tragen, nähren. In seiner
       Freiheit – hätte die Freiheit des freien <term key="Christentum, freies">Christentums</term><note xml:id="n201">Am <date when="1900-05-25">25. Mai 1900</date> war
        in <placeName ref="kbga-places-11">Boston</placeName> das «Council of Unitarian and Other
        Liberal Religious Thinkers and Workers» gegründet worden; im <date when="1910-08">August 1910</date> fand in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> dessen erste Versammlung auf deutschem Boden statt.
        Zur Zielsetzung vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5152"><hi rend="italic">Fünfter Weltkongreß für Freies Christentum und
         Religiösen Fortschritt. Berlin, 5. Bis <date when="1910-08-10">10. August 1910</date>.
         Protokoll der Verhandlungen</hi>, hrsg. von M.
         Fischer und Fr. M. Schiele,
        Berlin-Schöneberg 1910, S. 333</bibl>: «Das Wesen eines freien Christentums wird man in Kürze mit
        folgenden zwei Merkmalen bezeichnen können: es ersetzt erstlich die kirchlich-autoritative
        Bindung durch eine aus der Kraft des überlieferten Gemeingeistes sich frei und individuell
        bildende Innerlichkeit; es verwandelt zweitens die alte christliche Grundidee einer
        wunderbaren Heilung der durch die Sünde tödlich infizierten Menschheit in den Gedanken einer
        erlösenden Erhebung und Befreiung der Persönlichkeit durch Gewinnung eines höheren
        Personlebens und Gemeinschaftslebens aus Gott.»</note> und der freien Theologie doch darin
       bestanden, ihm diese Freiheit zu lassen! – würde er Gottes Zeuge und Mitarbeiter sein. Wie
       kann man erwarten, dass der Glaube den Glauben begründe, wenn man ihn um des
       anthropozentrischen Schemas willen als Zeugen Gottes gar nicht brauchen kann, seine Freiheit,
       dies zu sein, also unterdrücken muss? Eben damit beraubt man ihn des Einzigen, worin er sich
       selber und auf Grund dessen dann auch die <term key="Theologie, Glaubenswissenschaft">Wissenschaft</term> von ihm interessant sein kann. Eben der als <term ref="kbga-keywords-211">Religion</term> verstandene Glaube kann sich selber nicht begründen,
       nicht tragen. Er unterscheidet sich vom wirklichen, dem freien Glauben wie eine getrocknete
       von einer <pb ed="A" n="860"/> frischen Blume, wie ein ausgestopfter von einem lebendigen
       Löwen, wie eine hübsche Gestirnskarte vom wirklichen Sternenhimmel. Man hat zur Begründung
       des Glaubens bei aller Anstrengung und Kunst tatsächlich nichts geleistet, wenn man ihn so,
       wenn man ihn anthropologisch begründet hat. Man ist dann seiner Begründung vielmehr hindernd
       und verwirrend in den Weg getreten. Man hat dann seinen wirklichen Grund verdeckt. Man hat
       dann das Interesse in eine <pb xml:id="p264" ed="pga"/> falsche Richtung gelenkt: dorthin, wo
        <term key="Glaube, Begründung">Begründung</term>, Ernährung und Erhaltung des Glaubens
       niemals zu erwarten ist. Man hat dann der fatalen Verwechslung zwischen dem religiösen <term key="Erlebnis, religiöses">Erlebnis</term> und dem Werk des Heiligen <term ref="kbga-keywords-179">Geistes</term>, zwischen den Ausdrücken religiöser Erfahrung und dem
        <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term> zu Jesus Christus, zwischen dem Ergebnis
       irgend einer religiösen Objektsetzung<note xml:id="n202">Zum Begriff «Objektsetzung» vgl.
         <bibl corresp="kbga-bibls-5124"><persName ref="kbga-actors-293">P. Natorp</persName>, <hi rend="italic">Sozialpädagogik. Theorie der Willenserziehung auf der Grundlage der
          Gemeinschaft</hi>, Stuttgart 1920<hi rend="sup">4</hi>, S. 69</bibl>: «Man kann als das
        Unterscheidende des Willens in anderer Wendung auch bezeichnen die praktische Objektsetzung,
        d. i. Setzung eines Gegenstands als sein sollend […]. »</note> und Gott dem <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> und also zwischen dem religiösen und dem glaubenden
       Menschen Tür und Tor geöffnet. Wie soll der Mensch zum Glauben kommen, wenn man ihm angibt,
       dass er, indem er religiös sei, im Glauben mindestens teilweise schon mittendrin stehe? Und
       was ist das für eine Auseinandersetzung des Glaubens mit den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term>, die darauf hinausläuft, dass man
       ihn an eine, die anthropozentrische <term key="Weltanschauung, anthropozentrische">Weltanschauung</term>, zum vornherein verkauft und verraten hat? Wie soll er, nachdem dies
       schon im Ansatz geschehen ist, begründet werden können? |</p>
      <p>Die entscheidende Schwierigkeit besteht aber auch hier darin, dass der Glaube selbst sich
       immer dagegen <hi rend="italic">verwahren</hi> wird, auf diese Weise begründet zu werden. Es
       gibt auch von dieser Seite gesehen ein von der Sache selbst her sehr wohl vernehmbares
       Verbot. Und dass der Grund des Glaubens in der <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term>
       nicht auffindbar ist – dass er, selbst wenn er es wäre, den Glauben nicht tragen könnte, das
       wird man wohl erst einsehen und zugeben, wenn man dieses Verbot gehört hat. Der Glaube führt
       sich, wenn er wach und bei sich selber ist, ganz und ausschließlich auf die Macht der
       göttlichen <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> zurück. Er tut wohl ein
       menschliches Werk in menschlicher Freiheit. Er wäre nicht der Glaube, wenn er es nicht täte.
       Er wird aber seine Existenz mitsamt seinem menschlichen Werk immer als freie Gabe <term key="Glaube, freie Gabe Gottes">Gottes</term> verstehen. Er wird sich selbst also nicht aus
       dem herleiten, <pb ed="A" n="861"/> sich selbst nicht für in dem <term key="Glaube, Begründung">begründet</term> halten, was da menschlich ist und geschieht.
       Sofern da in der Tat etwas Menschliches ist und geschieht, befindet sich der Glaube ja
       zweifellos in der Sphäre und Gestalt der <term ref="kbga-keywords-211">Religion</term>. Aber
       das kann doch nur sein Pseudonym und seine Maske <pb xml:id="p265" ed="pga"/> sein. Von da aus
       sich zu verstehen wird er sich selbst doch schon im Ansatz verbieten: verbieten müssen, so
       gewiss er, wenn er dessen auch nur fähig wäre, nicht mehr der Glaube wäre, seinen Grund in
       Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> schon verleugnet und losgelassen hätte.
       Ihn von hier aus zu verstehen, mag dem noch nicht oder nicht mehr glaubenden Menschen
       insofern und solange erlaubt oder doch physisch möglich sein, als er als solcher den Glauben
       nur von außen, nur in seinem menschlichen Werk zu sehen und zu verstehen in der Lage ist. Was
       der Unglaube sieht und versteht, das ist eben die Religion. Der glaubende Mensch selbst aber,
       dem sein Glaube kein Phänomen, sondern der im Leben und in der Tat des Glaubens begriffen
       ist, wird des Selbstverständnisses, laut dessen auch er <term ref="kbga-keywords-211">Religion</term> wäre, von Haus aus unfähig sein. Es wird also sein Zeugnis mit der
       Feststellung des Zuschauers, dass der Glaube eine menschliche Möglichkeit und Verwirklichung
       sei, nicht übereinstimmen, sondern es wird sich ihm entgegenstellen; es wird dagegen
       bestimmten Protest erheben. Der Glaube bedankt sich dafür, so begründet zu werden, wie ihn
       die <term key="Religionsphilosophie">Religionsphilosophie</term> begründen möchte. Wenn sie
       es nicht weiß, dass sein Grund in der <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term>
       unauffindbar ist und, wäre er auffindbar, ihn nicht zu tragen vermöchte, so wird er es
       wissen, weil er zuvor um seinen wirklichen Grund weiß, weil er über den Versuch, ihn so zu
       begründen, wie man es dort tun möchte, nur lachen kann, wie Gott im Himmel lacht über den,
       der in seinem Herzen sagt: Es ist kein Gott!<note xml:id="n203">Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.2.4">Ps. 2,4</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.14.1">14,1</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.37.13">37,13</ref>;
         <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.53.2">53,2</ref>.</note></p>
       </div>
<div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Man muss sich schon wundern, dass die neuprotestantische <term ref="kbga-keywords-502">Theologie</term>, die es doch gerade mit der geschichtlichen Wirklichkeit auch des Glaubens
       so ernst nehmen wollte, nicht wenigstens dieses Gelächter gehört hat, das – um von den
       biblischen Glaubenszeugnissen nicht zu reden – durch die ganze <term ref="kbga-keywords-464">Kirchengeschichte</term> hindurch, bei dem so besonders eifrig studierten <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> z. B. und bei so vielen Anderen, ihrem Versuch
        ent<pb ed="A" n="862" break="no"/>gegentönte, noch bevor er unternommen war. Aber da war
       wirklich kein guter Engel, der sie davor warnte, sogar die extremsten und, wie man meinen
       sollte, unmissverständlichsten Äußerungen der Alten ihres sachlichen Gehaltes als Hinweise
       auf den göttlichen Grund des <term key="Glaube, Begründung">Glaubens</term> zu berauben, sie
       als religiöse Paradoxe oder als <term ref="kbga-keywords-1307">mystischen</term> Überschwang
       oder als <term ref="kbga-keywords-113">metaphysische</term> Wanderungen halb zu bewundern,
       halb zu belächeln, aber jedenfalls in ihrer sachlichen Bedeutung zu verkennen. Da war keine
       himmlische Stimme, die sie davon abhielt, den Grund <pb xml:id="p266" ed="pga"/> des Glaubens
       nun doch dort zu suchen, wo der Glaube selbst ihn zu haben sich ausdrücklich genug verwahrte.
       Wo blieb hier auch nur die historische Offenheit? Der Glaube muss, wenn nicht abwesend
       gewesen sein, so doch sehr tief geschlafen haben, als die Historiker so unhistorisch waren:
       sonst hätte ihnen ja der Protest und das Verbot, die der Glaube hier immer ausgesprochen hat,
       der unfreiwillige <term key="Humor">Humor</term> ihres eigenen Verständnisses des Glaubens im
       Verhältnis zu dem der Alten zum Problem werden und dann das ganze Unternehmen aufhalten und
       abschließen müssen. Dass man diesen unfreiwilligen Humor gar nicht bemerkte, dass man seiner
       Sache an dieser Stelle so sicher werden und bleiben konnte trotz jenes Protestes und
       Verbotes, das ist eines der großen Rätsel der neueren <term key="Theologie, Theologiegeschichte">Theologiegeschichte</term>.</p>
      </div>
     <div>
      <p rend="margin-top"> Ob man eine Tatsache, die sich über ihre Interpretation selber so deutlich ausgesprochen
       hat, wie es beim Glauben der Fall ist, dieser ihrer eigenen Interpretation so entgegen
       verstehen und behandeln darf, wie es in der religionsphilosophischen Begründung des <term key="Glaube, Begründung, religionsphilosophische">Glaubens</term> geschehen ist? – auf diese
       Frage reduziert sich hier schließlich die Entscheidung. Wenn man das darf, dann begründe man
       den Glauben ­fernerhin aus dem Zusammenhang der anthropozentrischen <term key="Weltanschauung, anthropozentrische">Weltanschauung</term>. Wenn man das nicht darf,
       wenn man das Widerstreben des Glaubens gegen diese Behandlung wahrnimmt und respektieren zu
       müssen meint, dann wird man das eben lassen. Vom Glauben selbst aus kann nur gesagt werden,
       dass man das nicht darf. |</p>
      <p> Wir werden also eine zweite Regel aller echten <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungen</term> des Glaubens in Sachen der <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltan<pb ed="A" n="863" break="no"/>schauungen</term> dahin formulieren, dass seine
       Haltung ihnen gegenüber auf alle Fälle seine <term key="Glaube, Begründung">Begründung</term>
       durch Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> und also den Verzicht auf seine
       Begründung in der <term ref="kbga-keywords-470">Humanität</term> in sich schließen muss.</p>
      </div>
    </div>
  </div>
  <!-- nächste Seite - "Weltanschauung - 3. Glaube soll Weltanschauung nicht interpretieren" -->
   <div>
    <div>
      <div>
      <p rend="margin-top">3. Der Glaube soll die Weltanschauungen <hi rend="italic">nicht</hi> zu seinen Gunsten <hi rend="italic">interpretieren</hi> wollen. Wir haben es hier und in der nachher zu nennenden
       letzten Möglichkeit mit den eigentlich versuchlichen unter den verkehrten Lösungen unserer
       Frage zu tun. Es scheint einladend, den Weltanschauungen vom Glauben her dadurch beizukommen,
       dass man sie scheinbar akzeptiert, aber doch nur, indem man sie zum vornherein einer
       bestimmten Deutung unterwirft, durch die sie einen Sinn bekommen, in welchem sie ganz oder
       doch annähernd dasselbe sagen und verlangen wie das <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term> und Gebot des Glaubens: einen Sinn, in welchem sie also zum Glauben nicht
       mehr im Gegen<pb xml:id="p267" ed="pga" break="no"/>satz, sondern gewissermaßen in Parallele
       stehen als Aktionen, welche in anderen Worten, in exoterischer Gestalt, das Gleiche meinen
       und wollen wie der Glaube in seiner esoterischen Gestalt und Sprache. Es handelt sich, wie
       man sieht, um eine ziemlich genaue Umkehrung des Verfahrens, in welchem es sich der Glaube
       seinerseits gefallen lässt, von einer Weltanschauung her zu deren Gunsten interpretiert und
       in dieser Interpretation akzeptiert zu werden. Warum sollte die Klugheit solcher Absicht und
       die zu ihrer Ausführung erforderliche exegetische Kunst nur die Sache des nichtglaubenden,
       warum nicht zuerst und erst recht die Sache des glaubenden Menschen sein? Überlegenheit und
       Stärke scheint ja auf Seite dessen zu sein, der den Anderen gelten lassen kann, um ihn doch
       sofort zu durchschauen, besser zu verstehen, als er sich selbst versteht,<note xml:id="n204">Zu dieser hermeneutischen Formel vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3525"><persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Kritik der reinen
          Vernunft</hi>, Akademie-Ausgabe, Bd. 3, Berlin 1904/11, S. 246</bibl>: «Ich merke nur an,
        daß es gar nichts Ungewöhnliches sei, sowohl im gemeinen Gespräche als in Schriften durch
        die Vergleichung der Gedanken, welche ein Verfasser über seinen Gegenstand äußert, ihn sogar
        besser zu verstehen, als er sich selbst verstand, indem er seinen Begriff nicht genugsam
        bestimmte und dadurch bisweilen seiner eigenen Absicht entgegen redete oder auch dachte.»
        Vgl. auch: <bibl corresp="kbga-bibls-3596"><persName ref="kbga-actors-360">Fr. D. E. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Hermeneutik</hi>, hrsg. von H. Kimmerle, Heidelberg 1974<hi rend="sup">2</hi>, S. 50.56.83.87.108 </bibl>(<bibl corresp="kbga-bibls-5288">ders., <hi rend="italic">Vorlesungen zur Hermeneutik und
         Kritik</hi>, Kritische Gesamtausgabe, Abt. II, Bd. 4, hrsg. von W. Virmond, Berlin / New
        York 2012, S. 34.67.75.128.133</bibl>); <bibl corresp="kbga-bibls-5289">ders., <hi rend="italic">Über den Begriff der Hermeneutik.
         Erste Abhandlung (vorgetragen am <date when="1829-08-13">13. August 1829</date>)</hi>, in:
        ders., <hi rend="italic">Akademievorträge</hi>, Kritische Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 11,
        hrsg. von M. Rössler unter Mitwirkung von L. Emersleben, Berlin / New York 2002, S. 599–622,
        dort S. 618</bibl>. <p>
         <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> spielte auch sonst mehrfach auf diese
         Formel an, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5123"><hi rend="italic">Not und Verheißung der
           christlichen Verkündigung</hi> (1922), in: V.u.kl.A. 1922–1925, <ref type="pub" target="../volume/19/p065#p065">S. 65–97</ref>, dort
          <ref type="pub" target="../volume/19/p077#p077">S. 77</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-452"><hi rend="italic">Das Wort Gottes als Aufgabe
           der Theologie</hi> (1922), in: a.a.O., <ref type="pub" target="../volume/19/p144#p144">S. 144–175</ref>, dort S. 151</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1709"><hi rend="italic">Das christliche Leben. Die Kirchliche Dogmatik
           IV/4. Fragmente aus dem Nachlaß. Vorlesungen 1959–1961</hi>, hrsg. von H.-A. Drewes / E.
          Jüngel (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1999<hi rend="sup">3</hi>,
        <ref type="pub-" target="../volume/07/p440#p440">S. 440</ref></bibl>.</p></note> und ihn daraufhin gewissermaßen friedlich zu expropriieren. Und
       auf genügend hoher Warte scheint sich ja der Glaube den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> gegenüber zu befinden, um sich
       ihnen gegenüber gerade dieses gewissermaßen imperiale Verfahren leisten zu können. Und wenn
       auch es den Frieden zwischen den beiden Partnern zum Ergebnis hat, aber nun einen solchen
        Frie<pb xml:id="p268" ed="pga" break="no"/>den, in <pb ed="A" n="864"/> welchem der Glaube
       nicht der unterliegende und verlierende, sondern offenkundig der siegreiche und gewinnende
       Teil ist, warum sollte dann gerade dieses Verfahren nicht zur Anwendung kommen? Der Glaube
       als die überlegene Sinngebung aller Weltanschauungen und gerade so ihre wirkliche, ihre
       positive Überwindung: man wird das wohl als eine verlockende Perspektive bezeichnen dürfen.
       Es wäre aber, vom Glauben aus geurteilt, kein reales, kein vorsichtiges und letztlich und
       entscheidend wiederum ein verbotenes Denken, das sich auf diesen Weg verlocken ließe.</p>
           </div>
<div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Wir werden, um gerecht zu sein, zugestehen müssen, dass auch hinter den Versuchen, den
       Glauben gegenüber den <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term> zu rechtfertigen,
       und hinter denen, ihn in einer Weltanschauung zu begründen, mehr oder weniger deutlich fast
       immer auch diese Intention zu bemerken ist: Man meinte sie zugunsten des Glaubens
       interpretieren zu sollen und zu können. Man wollte den Glauben nicht verkaufen und verraten.
       Man meinte und behauptete subjektiv in guter Treue, dass man die Weltanschauungen <hi rend="italic">nicht fürchte</hi> und dass man sich auch <hi rend="italic">nicht</hi> auf sie
        <hi rend="italic">stützen</hi> wolle. Man wollte sie aber auch nicht auf sich beruhen
       lassen. Man witterte in ihnen sogenannte <term key="Weltanschauung, Wahrheitsmomente">Wahrheitsmomente</term>.<note xml:id="n205">Möglicherweise eine Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-5197"><persName ref="kbga-actors-63">E. Brunner</persName>, <hi rend="italic">Religionsphilosophie
         evangelischer Theologie</hi> (Handbuch der Philosophie, Abt. 2/F), München 1926</bibl>, wo jedes
        der vier Kapitel des Hauptteils («Der Sinn der Offenbarung») diesen Begriff im Titel führt:
        «Das Wahrheitsmoment des Rationalismus: Offenbarung und Vernunft» (S. 24), «Das
        Wahrheitsmoment des Subjektivismus: Offenbarung und religiöses Erlebnis (S. 49), «Das
        Wahrheitsmoment des Historismus: Offenbarung und Religionsgeschichte» (S. 57), «Das
        Wahrheitsmoment der Orthodoxie: Die Bibel als das Wort Gottes» (S. 77).</note> Man wollte
       sich diese nicht entgehen lassen. Man fühlte sich ebenso durch sie angezogen, wie stark den
       widerstrebenden Momenten gegenüber. Man hielt dieses Widerstrebende für zufällig und
       beiläufig. Man dachte, seiner Meister werden, es retouchieren, korrigieren und auch wohl ganz
       beseitigen zu können. Man hielt dafür, dass man die Weltanschauungen nur kritisch zu
       verstehen und der nötigen Kritik entsprechend etwas zurechtzustellen brauche, um, ohne den
       Boden des Glaubens zu verlassen, auch ihnen ihr Recht geben, ja sich selbst beiläufig auch
       auf ihren Boden stellen zu können. Denn wenn man das nicht für unentbehrlich hielt, wenn man
       sich auf die Weltanschauungen nicht geradezu stützen wollte, so hielt man es doch für
       wünschenswert und möglich, sich durch sie zusätzlich bereichern, schmücken und doch wohl auch
       helfen zu lassen. So manche Wege zu den Menschen konnten dem Glauben abgekürzt und leichter
       erscheinen, wenn er sich, ohne sich selbst etwas zu vergeben, gewissermaßen in das Gewand der
        <pb ed="A" n="865"/> jeweils geltenden Weltanschauung <pb xml:id="p269" ed="pga"/> hüllte,
       ihre Sprache sprach und sich den Zeitgenossen dadurch empfehlen konnte, dass er sich ihre
       Anliegen, Wünsche und Hoffnungen zu eigen machte und zugleich in besserer Weise sie zu
       befriedigen versprach. Schon die älteren <term key="Kirchenväter">Kirchenväter</term> haben
       sich der Stelle <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.11.2">Ex. 11,2</ref> gefreut, wo
       den aus Ägypten ausziehenden Israeliten geradezu geboten wird, sich von ihren ägyptischen
       Nachbarn deren silberne und goldene Gefäße geben zu lassen. Man deutete sie dahin, dass es
       den Christen nicht nur erlaubt, sondern geboten sei, sich die Schätze der antiken <term key="Philosophie, antike">Philosophie</term> anzueignen und nach bestem Können zunutze zu
       machen: «<foreign xml:lang="lat">quaecunque<note xml:id="n206">Tskr.: «<foreign xml:lang="lat">quae cumque</foreign>»
         (korrigiert nach <bibl corresp="kbga-bibls-4855"><hi rend="italic">Adversus haereses</hi> IV, 30,1; FChr 8/4,
         S. 238</bibl>).</note> illi cum labore comparant, his nos, in fide quum simus, sine labore
        utimur</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-4510"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1063">Irenäus</persName></hi></bibl>). Und eben das ist es, was ja dann
       in allen Jahrhunderten so reichlich geschehen ist. Die Rezeption des von den Arabern auf dem
       Umweg über <placeName ref="kbga-places-1027">Nordafrika</placeName> nach <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName>
        zurückgebrachten <term key="Aristotelismus">Aristotelismus</term> durch die <term ref="kbga-keywords-21">Scholastik</term> ist das
       hier am stärksten in die Augen springende Beispiel, und man muss beachten, dass die Kirche
       sich in dieser Sache nicht weniger siegreich vorkam und gab als in den <term key="Kreuzzüge">Kreuzzügen</term>, in denen sie gleichzeitig die politische und militärische Macht des
        <term ref="kbga-keywords-807">Christentums</term> gegenüber den <term key="Heiden">Heiden</term> zu Ehren zu bringen gedachte. Aber ebenso selbstverständlich hatte ja viel
       früher schon <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> den durch <persName ref="kbga-actors-2748">Plotin</persName> interpretierten <persName ref="kbga-actors-322">Plato</persName> nun auch noch der christlichen Interpretation unterworfen und damit eine
       Tradition eröffnet, die sich in Kampf und Frieden mit der aristotelischen durch alle
       Folgezeiten hindurch lebendig genug erhalten hat. Christlich-theologisch wurde im 17.
       Jahrhundert sofort auch <persName ref="kbga-actors-2710">Descartes</persName><note xml:id="n207">So bei verschiedenen niederländischen Theologen wie <persName ref="kbga-actors-2870">Abraham Heidanus</persName> (1597–1687), <persName ref="kbga-actors-10348">Johann Christoph Clauberg</persName> (1622–1665),
         <persName ref="kbga-actors-5215">Christoph Wittich</persName> (1625–1665), <persName ref="kbga-actors-10349">Hermann Alexander Roëll</persName> (1653–1718). Zum Einfluss
        des Cartesianismus in Deutschland vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5290"><persName ref="kbga-actors-6589">J.
         Bohatec</persName>, <hi rend="italic">Die cartesianische Scholastik in der Philosophie und
         reformierten Theologie des 17. Jahrhunderts</hi>, Teil I: <hi rend="italic">Entstehung,
         Eigenart, Geschichte und philosophische Ausprägung der cartesianischen Scholastik</hi>,
        Leipzig 1912, S. 51–62</bibl>.</note> und wurden im 19. Jahrhundert auch <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName>, <persName ref="kbga-actors-2562">Fries</persName> und
        <persName ref="kbga-actors-167">Hegel</persName> gedeutet.<note xml:id="n208">Unmittelbar
        wurde die Philosophie <persName ref="kbga-actors-216">Immanuel Kants</persName> aufgenommen
        von <persName ref="kbga-actors-1316">Julius August Ludwig Wegscheider</persName> (1771–1849)
        und <persName ref="kbga-actors-10350">Johann Heinrich Tieftrunk</persName>
        (1759–1837). Die Philosophie von <persName ref="kbga-actors-2562">Jakob Friedrich
         Fries</persName> (1773–1843) wurde seitens der Theologie aufgegriffen von <persName ref="kbga-actors-422">Wilhelm Leberecht de Wette</persName> (1780–1849). – Bedeutende
        Vertreter des Hegelianismus in der Systematischen Theologie waren <persName ref="kbga-actors-10351">Karl Daub</persName> (1765–1836; zuerst Kant-, dann Schellinganhänger, seit 1818
        Hegelianer) und <persName ref="kbga-actors-1126">Philipp Konrad Marheineke</persName>
        (1780–1846).</note> Aber in welchem Prinzip und in welchem System gerade der Neuzeit hätten
       die Christen jene silbernen und goldenen Gefäße der Ägypter nicht wiedererkannt? In<note xml:id="n209">Tskr.: «in»; Änderung dieser sonst für <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nicht untypischen Schreibweise
        durch die Hrsg. in Angleichung an die folgenden Sätze.</note> der Nachfolge wel<pb xml:id="p270" ed="pga" break="no"/>cher von den modernen <term key="Weltanschauung, moderne">Weltanschauungen</term> bis hin zu der von <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>, <persName ref="kbga-actors-150">­Haeckel</persName>, <persName ref="kbga-actors-791">Steiner</persName>, <persName ref="kbga-actors-168">Heidegger</persName> und <persName ref="kbga-actors-345">Rosenberg</persName> würde man
       nicht mindestens auch ein paar mehr oder weniger ansehnliche Theologen und manchmal ganze
       Schwärme von solchen gefunden haben?<note xml:id="n210">Wenigstens partiell wurde die
        Philosophie <persName ref="kbga-actors-301"><hi rend="italic">Nietzsches</hi></persName>
        spätestens in den 1920er Jahren von zahlreichen Theologen rezipiert, besonders an Nietzsches
        Historismus-Kritik, aber auch an andere Elemente seiner Philosophie knüpften – teils
        zustimmend, teils kritisch – z. B. <persName ref="kbga-actors-410">Ernst
         Troeltsch</persName> und <persName ref="kbga-actors-406">Paul Tillich</persName> an; zur
        Mitarbeit auch von Theologen im von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-150">Ernst
         Haeckel</persName></hi> initiierten Monistenbund s. oben, <ref type="pub" target="#fn_n96">Anm. 96</ref>; mit <persName ref="kbga-actors-748">Friedrich Rittelmeyer</persName> (1872–1938) wurde ein evangelischer
        Pfarrer Mitbegründer und erster «Erzoberlenker» der sich auf <persName ref="kbga-actors-791"><hi rend="italic">Steiner</hi></persName> berufenden «Christengemeinschaft»; zur Nähe
         <persName ref="kbga-actors-512">Rudolf Bultmanns</persName> zur Philosophie <persName ref="kbga-actors-168"><hi rend="italic">Heideggers</hi></persName> vgl. oben, <ref type="pub" target="#fn_n97">Anm. 97f.</ref>;
        eine positive <persName ref="kbga-actors-345"><hi rend="italic">Rosenberg</hi></persName>-Rezeption unter Theologen findet sich lediglich beim radikalen
        Teil der «<orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName>» und noch radikaleren, völkischen Gruppierungen, vgl. etwa
         <bibl corresp="kbga-bibls-5291"><persName ref="kbga-actors-10352">Fr. Andersen</persName>, <hi rend="italic">Sechs
         Vorträge über Alfred Rosenberg: «Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts». In
         volkstümlicher Darstellung und Beleuchtung</hi>, Flensburg 1936</bibl>;<bibl corresp="kbga-bibls-5292"><persName ref="kbga-actors-8574"> K. Hutten</persName>, <hi rend="italic">Christus oder
         Deutschglaube? Ein Kampf um die deutsche Seele</hi>, Stuttgart 1935</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5293"><persName ref="kbga-actors-10353">H. Schlemmer</persName>, <hi rend="italic">Evangelische Gedanken zu
         Rosenbergs «Mythus»</hi>, Görlitz 1935<hi rend="sup">2</hi></bibl>.</note> Wo hätten diese Bienen
       nicht Honig zu suchen und zu finden gewusst? Dass man das Christentum vor den
       Weltanschauungen rechtfertigen <pb ed="A" n="866"/> oder dass man es durch den Anschluss an
       sie begründen wolle, das hat man ja in allen diesen Entwicklungen gelegentlich, aber doch
       verhältnismäßig nur selten offen zugegeben, obwohl es sich offenkundig immer auch darum
       gehandelt hat. Die charakteristische Rede war aber in der Regel eben die, dass man sich die
       von den Erfindern der betreffenden Weltanschauungen entdeckten und vertretenen <term key="Weltanschauung, Wahrheitsmomente">«Wahrheitsmomente»</term> nicht entgehen lassen dürfe
       und auch nicht entgehen zu lassen brauche, dass man es sich sehr wohl leisten könne und mit
       Rücksicht auf den schon von den alten <term key="Apologeten">Apologeten</term> behaupteten
       und vermeintlich immer wieder wahrgenommen <foreign xml:lang="el-GR">λόγος
        σπερματικός</foreign><note xml:id="n211">Der Ausdruck geht zurück auf <persName ref="kbga-actors-1077">Justin</persName> († um 165). Er bezeichnet den in die Vernunft des
        Menschen eingesäten «Samen» der Wahrheit, nämlich die angeborene Gotteserkenntnis vor und
        außerhalb der biblischen Offenbarung. In der <hi rend="italic">zweiten Apologie</hi> heißt
        es: <foreign xml:lang="el-GR">Ἕκαστος γάρ τις ἀπὸ μέρους τοῦ σπερματικοῦ θείου Λόγου τὸ
         συγγενὲς ὁρῶν καλῶς ἐφθέγξατο</foreign> (Iust. 2 apol. 13,3 [<bibl corresp="kbga-bibls-5294"><hi rend="italic">Iustini
         Martyris Apologiae pro Christiani. Iustini Martyris Dialogus cum Tryphone</hi>, hrsg. von
        M. Marcovich, Berlin / New York 2005, S. 157</bibl>]; vgl. a.a.O., [<bibl corresp="kbga-bibls-5294">7]8,3 [S. 149]</bibl>).</note> auch
       leisten müsse, zeitgemäß zu sein, d. h. die Selbstidentifikation des <term key="Christentum, Selbstidentifikation mit Weltanschauungen">Christentums</term> mit der
       jeweilig geltenden <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> nicht zu versäumen, nicht
       um diese in globo zu anerkennen und zu übernehmen, wohl aber um sie «von innen zu
        überwinden»<note xml:id="n212">Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-397"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth,</persName>
         <hi rend="italic">Theologische Existenz heute!</hi> (Anm. 62), S. 333</bibl>, wo er diese
        Wendung als öfters zu hörendes Argument zur Verteidigung des Entschlusses, der Kirchenpartei
        der «<orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen»</orgName> beizutreten,
        zitiert.</note>, sie ihrer Bedenklichkeit bzw. <pb xml:id="p271" ed="pga"/> Gefährlichkeit zu
       berauben, dafür sie fruchtbar zu machen in majorem Dei gloriam<note xml:id="n213">«<foreign xml:lang="lat">Ad maiorem Dei gloriam</foreign>»: der auf Papst <persName ref="kbga-actors-1364">Gregor I.</persName> zurückgehende Wahlspruch des Jesuitenordens
        (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828"><persName ref="kbga-actors-1505">Büchmann</persName>,
         S. 388</bibl>).</note>, wie es zuerst die <term ref="kbga-keywords-1224">jesuitische</term>, dann doch deutlich genug auch die <term ref="kbga-keywords-502">neuprotestantische</term> Parole gewesen ist. Das <term ref="kbga-keywords-807">Christentum</term> bzw. die christliche Theologie und dann doch auch die christliche Praxis
       haben auf dem Feld dieser «inneren Überwindungen» der <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term> wirklich erstaunlich viele und reiche Siege davongetragen, und dass
       das möglich war und noch mehr: dass der Glaube alle diese merkwürdigen Siege bis auf diesen
       Tag überstanden hat, darin darf man gewiss auch ein Zeichen seiner ungewöhnlichen
       Widerstandsfähigkeit erkennen. Ein geschichtlicher Faktor von weniger innerer Gesundheit als
       der christliche Glaube würde gewiss gerade alle diese merkwürdigen Siege schwerlich überlebt
       haben. Eben damit haben wir nun aber doch schon gesagt, dass man auch diese Form der
       Auseinandersetzung des Glaubens mit den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> nicht als normal und vorbildlich bezeichnen kann. Es waren
       letztlich und in der Sache doch alles Unglücksfälle, die dem Glauben auf diesem Wege
       widerfahren sind. Sie haben ihn darum nicht verderben können, weil zu allen Zeiten dafür
       gesorgt war, dass er diesen Weg, indem er ihn antrat, faktisch immer nur ein Stück weit, aber
       nie zu Ende gehen konnte. Das spricht also nicht für die Rich<pb ed="A" n="867" break="no"/>tigkeit dieses Weges. Der Glaube erhielt sich nicht kraft, sondern trotz jener
       Interpretationen.</p>
        </div>
        <div>
      <p rend="margin-top">Es war und ist nie ein <hi rend="italic">reales</hi> Denken, durch das man sich zu diesen
       Interpretationen veranlassen ließ. Von einem realen Denken des Glaubens ist da zu reden, wo
       er zwischen allen Angeboten von links und rechts mitten hindurch seiner eigenen Sache
       nachgeht, d. h. seinem eigenen Gegenstand und seinem eigenen Leben mit ihm zugewendet bleibt
       und ihm gerecht zu werden nicht müde wird. Der Glaube <hi rend="italic">hat</hi> eine <term key="Glaube, Interpretationsaufgabe">Interpretationsaufgabe</term>, und diese muss und wird
       in der Tat zu jeder Zeit als eine neue begriffen und angegriffen werden. Er wird also die in
       Form der Weltanschauungen der wechselnden Zeiten sich darstellenden Angebote von links und
       rechts gewiss nicht übersehen und nicht ignorieren können. Die herrschende <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> wird ja jedes Mal charakteristisch sein für den
       Menschen, auch für den glaubenden Menschen der betreffenden Zeit. Sie ist jeweils die Luft,
       in der auch der Glaube wohl oder übel atmen muss. Er hat die Aufgabe, sich selbst nun auch in
       dieser Luft und also in der Konfrontation mit dieser und dieser <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauung</term> zu behaupten; also wird er sich auch
       in <pb xml:id="p272" ed="pga"/> dieser Situation jeweils ganz neu zu verstehen haben. Eine
       jeweils neue Interpretation wird er also sich selber bzw. der ihn begründenden Offenbarung
        <term ref="kbga-keywords-8">Gottes</term> zuzuwenden haben. Der glaubende Mensch wird sich
       durch die Weltanschauung seiner Gegenwart auf die Probe, er wird sich durch sie aufs Neue in
       die <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term> und vor die Wahl gestellt sehen. Und zu
       deren rechtem Vollzug wird er auf alles das, wovon er bisher gelebt, und auf die Art, wie er
       davon gelebt oder vielleicht nicht gelebt hat, zurückkommen, er wird sich seiner besser und
       vielleicht anders als bisher vergewissern müssen. Er wird sich angesichts des neuen
       Gesprächspartners gewisser Versäumnisse, deren er sich schuldig gemacht, gewisser Lücken und
       Mängel seines bisherigen Selbstverständnisses bewusst werden. Er wird sich allerlei Schlaf,
       dessen er gar nicht gewahr gewesen war oder doch nicht gewahr sein wollte, beschämt und
       erschrocken aus den Augen reiben. Er wird sich eingestehen, dass es gar nicht an ihm liegt,
       wenn er bisher im Glauben bestanden <pb ed="A" n="868"/> hat, und dass es auch nicht an ihm
       liegen wird, wenn er jetzt weiter im Glauben stehen wird. Er wird also der Weltanschauung
       seiner Zeit durchaus nicht in irgend einer Selbstgerechtigkeit und voreingenommenen
       Sicherheit entgegentreten, als ob er ihr überlegen sei, als ob er ihrer Überwindung von sich
       aus sicher sein könne. Er wird sogar deutlicher als jeder Andere empfinden, dass jede
       ordentliche Weltanschauung als solche etwas dämonisch <term key="Weltanschauung, dämonisch imponierend">Imponierendes</term> hat. Er wird an ihrer <term ref="kbga-keywords-176">Versuchung</term> nicht vorbei, sondern er wird ihr ins Gesicht
       sehen. Und er wird wissen, dass er ihr aus sich selber heraus sicher nicht gewachsen ist. Er
       wird aber, indem er das tut, faktisch nicht ihr, sondern der <term key="Glaube, Begründung">Wiederbegründung</term> und Auferbauung seines <term key="Glaube, Auferbauung">Glaubens</term> und also dessen Grund und Gegenstand zugewendet sein. Er wird, gerade indem
       er als Mensch ganz offen und ehrlich ein Zeitgenosse unter Zeitgenossen ist, zu Gott und
       seinen Zeugnissen fliehen: zu dem exemplarischen Glauben der <term key="Propheten">Propheten</term> und <term ref="kbga-keywords-273">Apostel</term>, von welchem sein Glaube
       herkommt und von dem her er auch jetzt die ihm nötige neue Gestalt empfangen muss. Er wird
       also die <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheitsregel</term>, der er verpflichtet ist, nicht
       aus den Augen verlieren, sondern nun erst recht, nun mit erneuerter Schärfe und Treue ins
       Auge fassen. Es wird dies sein Auge einfältig bleiben und kein Schalk werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.22 Mt.6.23">Mt. 6,22f.</ref>]. Diese Sachlichkeit seines <term key="Glaube, Sachlichkeit">Glaubens</term> kann er allerdings nicht abstreifen. In ihr ist
       er fest, ohne dass er darum ein Vor<pb xml:id="p273" ed="pga" break="no"/>urteil hätte. In
       ihr ist er zuerst beschäftigt, bevor er sich und auch indem er sich mit dieser oder jener
        <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauung</term> beschäftigt. In ihr und nur in
       ihr kann er ganz und eigentlich beschäftigt sein. Eben diese Sachlichkeit müsste er aber
       aufgeben, wenn er sich die Aufgabe stellen wollte, die <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> seiner Zeit ins Christliche zu übersetzen. Nehmen wir an, dass ihm
       das technisch bis zu einem gewissen Grade möglich wäre. Wie aber käme er dazu? Wer hätte ihn
       dazu berufen und autorisiert? Wer hätte ihm gesagt, dass das notwendig und nützlich sei? Wer
       hätte ihm den dabei anzuwendenden Schlüssel in die Hand gedrückt? Und wer hätte ihm vor allem
       erlaubt, seiner eigenen, der wirklich von ihm geforderten <term key="Glaube, Interpretationsaufgabe">Interpretationsaufgabe</term> dabei den Rücken zu
       kehren? |</p>
      <p>Man kann den wissenschaftlichen <pb ed="A" n="869"/> und man kann auch den frommen Ernst so
       vieler Christen und Theologen, die sich immer wieder dieser anderen <term key="Theologie, «andere Aufgabe»">Aufgabe</term><note xml:id="n214">Im Zusammenhang wohl
        eine Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-1099"><persName ref="kbga-actors-63">E.
          Brunner</persName>, <hi rend="italic">Die andere Aufgabe der Theologie</hi>, in: ZZ 7
         (1929), S. 255–276</bibl>. In dieser Schrift hatte <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> für eine Erweiterung der bisher gemeinsam vertretenen Theologie um eine
        «andere Aufgabe» plädiert, die er die «eristische» nannte: «Es wäre also die Aufgabe der
        eristischen Theologie, zu zeigen, wie durch das Wort Gottes die menschliche Vernunft teils
        als Quelle lebensfeindlichen Irrtums enthüllt, teils in ihrem eigenen unvollendeten Suchen
        erfüllt wird» (<bibl corresp="kbga-bibls-1099">a.a.O., S. 260</bibl>; im Exemplar <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> ab «zeigen» unterstrichen). <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> äußerte sich wiederholt kritisch dazu; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5122"><hi rend="italic">Die Theologie und der heutige Mensch</hi>
         (1930), in V.u.kl.A. 1930–1933, S. 8–43, dort S. 38f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/1, S. 25–28</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/1, S. 98.108.138f</bibl>.;
        vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-46"><hi rend="italic">Fides quaerens intellectum.
          Anselms Beweis der Existenz Gottes im Zusammenhang seines theologischen Programms</hi>
         (1931), hrsg. von E. Jüngel / I. U. Dalferth (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2002<hi rend="sup">3</hi>, S. 69 (mit Anm. f)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3279"><hi rend="italic">Nein! Antwort an Emil Brunner</hi> (ThExh 14), München 1934,
        S. 57f</bibl>.</note> zugewendet haben, gewiss nicht verkennen. Man kann aber wiederum nicht
       verkennen, dass diese andere Aufgabe eine dem Glauben selbst fremde ist. Man kann ihr immer
       nur nachgehen, indem man die Aufgabe des Glaubens selbst unterdessen liegen lässt. Versäumt
       man es nicht, gleichzeitig auch der Aufgabe des Glaubens selbst nachzugehen, so teilt man
       doch seine Zeit und seine Kraft zwischen ihr und dieser fremden Aufgabe. Will man nur das
       Beste, so will man doch die Flucht zu Gott und zu seinen Zeugnissen nicht als das Allerbeste
       anerkennen, so ist man doch offenkundig von der Aufgabe, seinen Glauben selbst nun erst recht
        und <pb xml:id="p274" ed="pga"/> besser zu verstehen, nicht so in Anspruch genommen, dass man
       sie nicht wenigstens teilweise auch zurückschieben könnte. Unter seinem Gesetz und Imperativ
       steht man dann nicht. Denn das ist ja sicher, dass man sich bei jener anderen Interpretation
       gewissermaßen auf eigene Faust und Verantwortung betätigen muss. Man besteigt damit aus
       eigenem Willen und auf eigenes Risiko einen Richterstuhl, von dem aus man die <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term> zu überblicken, ihre Elemente zu unterscheiden,
       ihre Intentionen und Aufstellungen im Einzelnen zu würdigen, sie kritisieren, aber auch
       zurechtstellen zu können meint. Und das Alles vom Glauben her: so also, dass man den Glauben
       dabei gewissermaßen in Sicherheit hinter sich hat und nur anzuwenden braucht. Man sollte aber
       den Glauben nie hinter sich zu haben meinen. Man hat ihn sonst immer schon verlassen; man ist
       sonst immer schon aus ihm herausgetreten; man operiert dann faktisch schon ohne ihn. |</p>
      <p> Der Glaube des im Glauben stehenden Menschen ist immer vor ihm und nimmt ihn gerade in
       seiner Begegnung mit einer Weltanschauung ganz für sich in Anspruch: ganz für die jetzt
       nötige und geforderte neue Besinnung auf seinen <term key="Glaube, Begründung">Grund</term>,
       ganz für seine neue <term key="Glaube, Auferbauung">Auferbauung</term> von dorther. Lässt der
       Mensch sich verlocken, jenen Richterstuhl zu besteigen, lässt er sich dafür in Anspruch
       nehmen, den christlichen Grund einer Weltanschauung zu ermitteln, dann bedeutet das vom
       Glauben her gesehen immer eine Zerstreuung. Der Mensch tut dann, als ob er mit dem Glauben im
       Reinen wäre, den Kampf um dessen Erneuerung und Gestaltung zu kämpfen jedenfalls
       augenblicklich nicht <pb ed="A" n="870"/> nötig hätte. Er leistet sich dann im besten Fall
       gewissermaßen einen Luxus an Stelle dessen, was ihm unentbehrlich wäre. Und eben die Meinung,
       dass er sich diesen Luxus leisten könne, ist hier das Bedenkliche, das Unreale. Er ist es dem
       Glauben schuldig, sich angesichts jeder Weltanschauung aufs Neue ihm zuzuwenden, sich seines
       Versagens ihm gegenüber Rechenschaft zu geben, ihm neue Freiheit zu verstatten, sich neu und
       ernstlich unter sein Gesetz zu beugen. Er ist es aber keiner Weltanschauung schuldig, sich
       ihr gegenüber als Meister zu erweisen, ihr den Stachel zu nehmen, den sie als solche sicher
       trägt, sie harmlos, brauchbar und annehmbar zu machen und also sich so lange in sie
       hineinzudenken, sie so lange umzudenken, bis sie sich zur Not mit dem Glauben vereinigen und
       wohl gar zu einem besonderen Triumph des Glaubens gestalten lässt. Gerade der <pb xml:id="p275" ed="pga"/> glaubende Mensch wird sich den Auftrag dazu nicht zuschreiben und
       die Macht dazu nicht zu haben meinen. Gerade er wird die rechte Auseinandersetzung mit der
       Weltanschauung seiner Zeit davon und nur davon erwarten, dass er ihr das rechte – das rechte!
       – <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term> seines Glaubens <term key="Glaube, und Weltanschauung">gegenüberstellt</term>. Gerade er wird sie tatsächlich auf
       sich beruhen lassen: Nicht weil sie ihn nicht interessierte, aber darum, weil er zuerst
       anders interessiert ist und weil sie ihm nur von diesem seinem anderweitigen Interesse her,
       nur in dessen Wahrnehmung interessant sein kann. Nicht weil sie ihn nichts anginge, aber weil
       sie ihn so, in seiner eigenen Entgegenstellung zu ihr angeht, weil also die Begründung seiner
       eigenen positiven Stellung das Anliegen ist, dem er sich praktisch allein widmen kann, gerade
       wenn er ihr gerecht werden will. Dass ihre «Wahrheitsmomente» zur Geltung kommen, das braucht
       seine Sorge nicht zu sein. Was können die Wahrheitsmomente einer <term key="Weltanschauung, Wahrheitsmomente">Weltanschauung</term> sein als die unvermeidlich von
       ihr mitgeführten und in einen verkehrten Zusammenhang gebrachten Elemente der <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheitserkenntnis</term>, deren er selber in seinem Glauben in
       ihrem ursprünglichen, echten und fruchtbaren Zusammenhang teilhaftig ist und eben jetzt in
       der Begegnung mit dieser Weltanschauung, d. h. aber in seiner eigenen Erneuerung ganz neu
       teilhaftig werden soll. Damit sie zu Ehren kommen, dazu braucht er sich <pb ed="A" n="871"/>
       nicht auf den Boden der <term key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> zu stellen,<note xml:id="n215">Zur Ablehnung des Verfahrens, sich mit dem Gesprächspartner «auf dessen
        eigenen Boden» zu stellen, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-46"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <hi rend="italic">Fides quaerens intellectum</hi>
         (Anm. 214), S. 63</bibl>.</note> in deren Zusammenhang er sie jene Gastrolle spielen sieht.
       Ihrer wird er von seinem eigenen Grunde her, ihrer wird er, wenn er sich jetzt nur erst recht
       auf sich selber stellt, ganz sicher auch und besser ansichtig werden. Sie werden ihm nicht
       entgehen und werden dann auch seinem <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term> nicht
       mangeln, gerade wenn er dieses mit dem überflüssigen Bekenntnis zu jener Weltanschauung
       unverworren lässt. Ihm ist nicht aufgetragen, aufs Geratewohl nach irgendwelchen verirrten
       Wahrheitsmomenten zu fischen, sondern sein eigenes Leben zu leben, auf seiner eigenen Linie
       zu denken und sich so in alle <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> führen zu lassen
       [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16.13">Joh. 16,13</ref>]. Hat er das
       Zutrauen nicht, dass ihm das ohne Zweifel widerfahren wird, wie sollte er dann glauben?
       Glaubt er aber, wie sollte er sich <pb xml:id="p276" ed="pga"/> dann von der Aufgabe, nun erst
       recht und besser zu glauben, auch nur einen Augenblick abwenden lassen?</p>
        </div>
      </div>
    </div>
        <!-- nächste Seite - "Interpretationen auf unvorsichtigen Denken basierend" -->
         <div>
      <p>Der andere und schwerere Vorwurf, der jenen Interpretationen zu machen ist, besteht darin,
       dass das Denken, aus dem sie hervorgehen, immer ein <hi rend="italic">unvorsichtiges</hi>
       Denken ist. Man muss ja dabei immer vergessen oder übersehen, was eine Weltanschauung ist und
       will. Man muss sich dabei immer einreden und so stellen, als handle es sich bei diesen
       Gebilden um eines von den guten <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfen</term> Gottes,
       an die der glaubende Mensch mit der zutraulichen Erwartung herantreten darf, es möchte ein
       Widerschein der göttlichen <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> auch auf ihnen
       liegen, es möchte ihm also die <term ref="kbga-keywords-62">Wahrheit</term> und <term ref="kbga-keywords-186">Güte</term> des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term>
       indirekt auch in ihnen erkennbar werden. Und nun wird ja in der Tat zu sagen sein, dass an
       der göttlichen Realisierung und <term ref="kbga-keywords-51">Rechtfertigung</term> des
       Geschöpfs auch die Weltanschauungen Anteil haben. Wir haben ja dasselbe sogar von den Göttern
       gesagt: sie sind nicht Nichts vor <term key="Götter, Verneinung">Gott</term>, und sie sind
       auch nicht von ihm verworfen und so auch für uns nicht verwerflich, sofern sie eigentlich und
       in ihrer wahren Natur Geschöpfe, nur durch die verkehrte Einbildung des Menschen zum Wesen
       und zur Existenz von Göttern erhoben sind; sie haben insofern auch Anteil am Frieden <term key="Frieden, Gottes">Gottes</term> und seiner Schöpfung. So sind auch die menschlichen
        <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term> nicht einfach des <term key="Teufel">Teufels</term>, sondern sie <pb ed="A" n="872"/> haben ein geschöpfliches Substrat, in
       welchem auch sie dieses Gottesfriedens teilhaftig sind. Von Gott geschaffen ist und bleibt ja
       auch der Gott verlassende und in die Irre gehende Menschengeist. Man nehme seinen Prinzipien,
       heißen sie, wie sie wollen, ihren usurpierten Charakter als solche, so bleiben übrig gewisse
       Elemente ehrlicher menschlicher Erfahrung, ehrlichen menschlichen Denkens, gewisse Momente
       der den Menschen umgebenden Natur und seiner eigenen Geschichte, auf denen als solchen jener
       Widerschein der göttlichen Offenbarung gewiss liegen, in denen die <term ref="kbga-keywords-62">Wahrheit</term> und <term ref="kbga-keywords-186">Güte</term> des
        <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> ihm tatsächlich erkennbar werden kann. Und so
       nehme man den Systemen ihren Charakter als Bilder, mit denen der Mensch sich die Wirklichkeit
       verdecken <term key="Weltanschauung, Verdeckung der Wirklichkeit">will</term>, so bleiben
       übrig gewisse anspruchslose und nötige Orientierungsversuche, die als solche nicht <term ref="kbga-keywords-785">Ungehorsam</term> sein müssen, sondern <term key="Mensch, Gehorsam">Gehorsam</term> sein können, in denen eine Spiegelung der göttlichen <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> wiederzuerkennen gewiss nicht ausgeschlossen sein
       kann. So nehme man den Weltanschau<pb xml:id="p277" ed="pga" break="no"/>ungen die aktive und
       passive <term key="Weltanschauung, Herrschaft">Magie</term> ihrer Herrschaft, so bleibt übrig
       das Geheimnis des tätigen und leidenden, lebenden und sterbenden Menschen, das Gott selbst
       als groß und heilig genug angesehen, das er selbst offenbar gerade dazu geschaffen hat, um es
       in seiner ganzen Geringfügigkeit vor ihm nun doch zum geschöpflichen Wohnort seines eigenen
       Geheimnisses zu machen. Hinter jeder Weltanschauung stehen irgendwo – von ihr verdeckt,
       verleugnet und verkehrt – die geschöpflichen <term key="Schöpfung, Urphänomene">Urphänomene</term>, denen gerade der glaubende Mensch unmöglich misstrauisch, sondern in
       der Tat nur in zutraulicher Erwartung gegenüberstehen kann, in deren Mitte er ja von seinem
        <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>
       <term ref="kbga-keywords-37">geliebt</term> ist, in deren Mitte er wiederum gerade das lieben
       darf, der von seinem Schöpfer <term key="Glaube, liebt es von Gott geliebt zu sein">Geliebte</term> zu sein. Aber die Weltanschauungen als solche sind nicht die Urphänomene,
       und in ihnen als solchen sind diese auch nicht zu finden. Die Weltanschauungen als solche
       gehören wie die Götter zu dem großen Zwischenreich der Entfernung und <term key="Weltanschauung, Entfremdung des Geschöpfs">Entfremdung</term> des Geschöpfs von seinem
       Schöpfer und damit auch von seiner eigenen <term key="Weltanschauung, Verdeckung der Wirklichkeit">Realität</term> und <term ref="kbga-keywords-51">Rechtfertigung</term> und damit dann wie<pb ed="A" n="873" break="no"/>derum
       von seiner Eignung zum Spiegel der göttlichen <term ref="kbga-keywords-106">Herrlichkeit</term>. Wer diese in den Weltanschauungen als solchen zu finden hofft, der
       hofft vergeblich, der irrt sich grundsätzlich. Von diesen Disteln sind keine Trauben zu
       ernten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.16">Mt. 7,16</ref>]. |</p>
      <p> Und eben darin besteht die Unvorsichtigkeit jener Interpretationen, dass die, die sie
       unternehmen, immer wieder vergessen und übersehen, dass, wo nichts ist, auch nichts zu
       finden, bzw. dass, wo nur die Auflehnung des <term key="Schöpfung, Auflehnung gegen Gott">Geschöpfs</term> ist, dieses selbst und in ihm die Herrlichkeit des Schöpfers nun einmal
       nicht zu finden ist. Man nennt die Sache darum am besten «Unvorsichtigkeit», weil es ja wahr
       ist, dass irgendwo hinter den Weltanschauungen die Urphänomene stehen, in denen das wirkliche
       Geschöpf und also die Herrlichkeit <term ref="kbga-keywords-106">Gottes</term> wohl zu finden
       wären. So ist die gute Meinung jener Interpretationen nicht zu verkennen: zu diesen
       Urphänomenen möchte man natürlich vorstoßen, und dass es hinter allen Weltanschauungen solche
       gibt, das ist natürlich das Wahrheitsmoment in der so problematischen Redensart von den
       Wahrheitsmomenten aller <term key="Weltanschauung, Wahrheitsmomente">Weltanschauungen</term>.
       Aber es sind immer und so auch hier gerade die guten Meinungen, die die größten Unglücksfälle
       hervorrufen. Ist die Unvorsichtigkeit, um die es sich in jenen Interpretationen handelt,
       nicht unerklärlich, so ist sie darum <pb xml:id="p278" ed="pga"/> nicht minder sträflich und
       verhängnisvoll. Sie beruht auf der ganz unangebracht optimistischen Anschauung, dass es
       möglich sei, durch irgendwelche Abstraktionen und Reduktionsprozesse: durch eine
       übersichtliche Subtraktionsrechnung womöglich von der menschlichen Verkehrtheit aus zum
       göttlich Richtigen, in diesem Falle also: von den Weltanschauungen zu den dahinter stehenden
        <term key="Schöpfung, Urphänomene">Urphänomenen</term> vorzustoßen. So einfach geht das
       nicht. So leicht ist das Verhältnis zwischen menschlichem Irrtum und göttlicher <term ref="kbga-keywords-62">Wahrheit</term> nicht zu behandeln, dass man die göttliche Wahrheit
       bloß zu erkennen brauchte, um damit auch dem menschlichen Irrtum gegenüber alsbald so
       überlegen frei zu werden, dass man ihn nicht nur als solchen erkennen, sondern darüber hinaus
       die göttliche Wahrheit mitten im Irrtum selbst für sich feststellen, mitten aus dem Irrtum
       heraus sich aneignen und also diesen als in einem Schmelzprozess nachträglich fruchtbar
       machen könnte. |</p>
      <p><pb ed="A" n="874"/> Wie Gott sich in den Göttern durchaus nicht wiedererkennt und auch vom Menschen gerade in
       den Göttern auf keinen Fall, auch nicht auf Grund der frömmsten Umdeutungskunst,
       wiedererkannt sein will, so kann sich auch der Glaube in den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> unmöglich wiedererkennen, so kann
       er an sie unmöglich in der Weise herantreten, als wären sie eine Art Bergwerk, aus dessen
       Tiefe er nur mit dem genügenden Fleiß die da vorhandenen Wahrheitsmomente heraufzuholen
       brauchte, um alsbald auch von ihnen allerlei Anregung, Bestätigung, Bereicherung und
       Bestärkung zu empfangen. Wie sollten sie keine <term key="Weltanschauung, Wahrheitsmomente">Wahrheitsmomente</term> enthalten? Es ist ja tatsächlich so, dass es auch Irrtum nur an der
       Wahrheit gibt, dass auch der Irrtum die Wahrheit braucht, um auch nur als Irrtum Lebenskraft
       zu haben. Damit ist nun aber wirklich nicht darüber entschieden, dass wir die Wahrheit statt
       ausschließlich bei der Wahrheit selbst auch im Irrtum finden könnten, sie also auch dort zu
       suchen hätten. Der sich in den Weltanschauungen irrt, ist ja der Mensch selber, der sich eben
       damit, dass er sich zum Entwurf und zur Konstruktion jener Bilder aufmacht, von Gott und
       damit von der <term ref="kbga-keywords-62">Wahrheit</term> abgewendet hat, der die Wahrheit,
       indem er das tut, nicht mehr vor sich, sondern nur noch hinter seinem Rücken haben kann. Dass
       er sie in dieser Stellung zu ihr finden könne, ist eine grobe Selbsttäuschung, und dass er
       sie in dieser Stellung suchen solle, ist eine Anweisung, mit der man ihn nur noch <pb xml:id="p279" ed="pga"/> mehr und tiefer in die Irre schicken kann. Sofern er jenen Bildern
       zugewendet ist, ist er der Wahrheit abgewendet. Er müsste ihr das Gesicht zukehren, sie also
       vor sich haben. Er müsste aber, um das zu tun, den Bildern den Rücken kehren. Er dürfte
       gerade von seiner weltanschaulichen Orientierung nichts mehr erwarten. Es müsste ihm klar
       geworden sein, dass gerade die Weltanschauungen, vom Glauben <term key="Glaube, und Weltanschauung">her</term> gesehen und geurteilt, ebenso Gespenster sind,
       wie die Götter, von Gott her gesehen, <term key="Götter, Nichtse">Nichtse</term><note xml:id="n216">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n11">Anm. 11</ref>.</note> sind.
       Gespenstern kann man, auch wenn man ernstlich damit rechnet, dass es Gespenster gibt, nur den
       Rücken kehren. Gespenster kann man, auch wenn man ernstlich mit ihrer Existenz rechnet, nicht
       ernst nehmen. Mit ihnen kann man nicht verkehren, nicht Austausch haben wollen. Von ih<pb ed="A" n="875" break="no"/>nen kann man sich nicht anregen, nicht bestätigen, nicht
       bereichern, nicht bestärken lassen. Gespenster wird man sinnvollerweise ja auch nicht
       kritisieren und korrigieren können. Sie haben zu unserem wirklichen Leben nichts beizutragen,
       wie wir unsererseits zu ihrem eigenartigen Leben nichts beizutragen haben. Wer es anders
       meint und hält mit ihnen, der steht in Gefahr, der ist sicher der Gefahr schon erlegen,
       selber gespenstisch statt wirklich zu leben. |</p>
      <p> Das ist der greifbare Irrtum in der Unvorsichtigkeit jener Interpretationen: Sie nehmen
       ernst, was der Glaube nicht ernst nehmen kann, ohne eben damit in Unglauben umzuschlagen. Es
       kann der Glaube den Unglauben und damit die <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> nur in jenem Winkel von 180 Graden hinter sich haben. Und so setzt
       sich der glaubende Mensch mit ihnen auseinander, dass er, indem er sie sieht – natürlich
       sieht er sie und soll er sie scharf und offen sehen! –, kraft seines Glaubens die Wendung
       vollzieht, in der er sie gänzlich hinter sich bekommt, statt sie vor sich zu haben. Eben so
       bekommt er dann auch die <term ref="kbga-keywords-62">Wahrheit</term> vor sich. Er wäre zum
       Reiche <term ref="kbga-keywords-434">Gottes</term> offenbar nicht geschickt, er müsste sich
       selbst auf- und preisgeben, wenn er die Hand an den Pflug legen und dann doch wieder
       zurückblicken, doch wieder dorthin blicken wollte, wohin nur der Unglaube blicken kann [vgl.
        <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.9.62">Lk. 9,62</ref>]. Die Furche, die er so
       pflügen wird, wird eine krumme Furche werden, die über kurz oder lang bestimmt eben dorthin
       führen wird, wohin er zurückzublicken sich leisten zu dürfen meint. Das ist <pb xml:id="p280" ed="pga"/> die Unvorsichtigkeit jener Interpretationen, und man sieht schon, wie sie mit
       jener geteilten Aufmerksamkeit, mit dem mangelnden Realismus zusammenhängt, den wir ihnen
       zuerst vorzuhalten hatten. Es ist nicht an dem, dass die Zeit und Kraft, die dem Glauben auf
       jenem Weg notwendig entzogen werden, hier immerhin auch eine verheißungsvolle Verwendung
        fänden.<note xml:id="n217">Im Tskr. stehen beide Verben des Satzes im Singular: «wird» /
        «fände»: Diese damals und für <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> durchaus nicht unübliche Schreibweise wurde hier durch
        die Hrsg. geändert, da <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Anschluss selbst im Plural auf diesen Satz Bezug
        nimmt.</note> Es ist vielmehr an dem, dass sie auf jenem Weg verloren gehen, weil das, was
       an dessen Ende gesucht wird, eben dort sicher nicht zu finden ist. |</p>
      <p> Die Weltanschauungen als solche sind nun einmal die Verdeckungen der <term key="Weltanschauung, Verdeckung der Wirklichkeit">Wirklichkeit</term> und also auch die
       Verdeckung der <term key="Schöpfung, Urphänomene">Urphänomene</term>, auf die man es bei
       jenen Interpretationen so gutmeinend abgesehen hat. Eine Verdeckung kann durch keine Inter<pb ed="A" n="876" break="no"/>pretation zu einer Offenbarung werden. Es kann aus unten auch
       durch die scharfsinnigste Deutung nicht oben, aus links nicht rechts, aus hinten nicht vorn
       gemacht werden. Es kann kein Optimismus und kein Gottvertrauen aus zweien, die nun einmal
       gerade in dieser Sache zwei und nicht eins sind, dennoch eins machen wollen. Die Verdeckung
       kann nur stehen oder dann fallen. Die Bilder können nur aufrechterhalten oder dann
       preisgegeben werden. Wo das Letztere nicht geschieht, da wird man von allen in ihnen
       entdeckten <term key="Weltanschauung, Wahrheitsmomente">Wahrheitsmomenten</term> keinen
       Gewinn haben. |</p>
      <p>Man muss aber noch mehr sagen: Es wird ja nicht einfach umsonst sein, sondern es wird sich
       positiv rächen, wenn der glaubende Mensch den Weltanschauungen auch nur beiläufig dieselbe
       Aufmerksamkeit zuwendet, die er seinem Glauben schuldig ist. Genauso, wie es sich immer
       positiv rächen wird, wenn er neben Gott beiläufig auch noch den Göttern meint dienen zu
       können. Er alterniert ja dann in Wirklichkeit nicht zwischen zwei Möglichkeiten des Glaubens,
       von denen beide ihre besondere Verheißung haben könnten. Er alterniert ja dann zwischen
       Glaube und Unglaube. Indem er die Weltanschauungen ernst nimmt und gelten lässt als Quelle
       beiläufiger Anregung und Bestärkung, indem er sich darauf einlässt, mit ihnen zu verhandeln,
       ihnen zwar teilweise Unrecht, aber teilweise doch auch Recht zu geben, <pb xml:id="p281" ed="pga"/> hat er sich selbst mindestens teilweise schon auf ihren Boden gestellt, ist er,
       der vor ihnen auf der Flucht zu Gott begriffen sein müsste, mindestens teilweise schon mit
       ihnen auf der Flucht vor <term key="Mensch, Flucht vor Gott">Gott</term> begriffen. Indem er
       sich auf einem noch so kleinen Kreissegment mit ihnen bewegt, bewegt er sich um ihr
       Kreiszentrum und nicht mehr um das des Glaubens. Indem er auch nur einige von ihren
       Absichten, Aufstellungen und Geboten übernimmt, hat er virtuell zu dem Ja gesagt, woraus ihre
       Absichten, Aufstellungen und Gebote ursprünglich hervorgegangen sind und woraus sie immer
       wieder ihre Lebenskraft empfangen. Er ist dann insofern, bei allen Vorbehalten, bei aller
       Kritik, die er sich ihnen gegenüber sonst erlauben mag, schon verzaubert. Und es ist
       offenkundig, dass ihn gerade die <term key="Weltanschauung, Wahrheitsmomente">Wahrheitsmomente</term>, die er ihnen entnehmen zu sollen und zu können meint, <pb ed="A" n="877"/> nur noch tiefer in ihren Zauber verstricken können. Die «Überwindung von
        innen»<note xml:id="n218">Vgl. oben, <ref type="pub" target="#fn_n212">Anm. 212</ref>.</note>, die er der betreffenden Weltanschauung zugedacht hatte, wird im
       selben Maß, als er ihrem Zauber verfällt, vielmehr ihm selbst widerfahren. Jener Zauber und
       also diese seine Überwindung kann ihre Grenzen haben. Es gibt wunderbare Bewahrungen in dem
       gefährlichen Spiel, auf das wir den glaubenden Menschen sich hier einlassen sehen. Aber wenn
       der Glaube und die Kirche auf Grund solcher wunderbaren Bewahrungen in diesem gefährlichen
       Spiel tatsächlich bisher nicht zugrunde gegangen sind, so ist das keine Rechtfertigung dieses
       Spiels, sondern die Rechtfertigung des Gottes, der seine Sache offenbar bisher nicht
       untergehen lassen wollte und konnte. |</p>
      <p> Es hieße aber eben darum Gott versuchen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.6.16">Dtn. 6,16</ref>], wenn man dieses Spiel für normal halten, wenn man sich
       vor ihm nicht warnen lassen wollte. Der Schaden, den es immer wieder angerichtet hat, ist
       gerade groß genug. Durch dieses – in guter Meinung gespielte – Spiel hat sich der Glaube
       immer wieder mehr oder weniger mit dem Unglauben, d.h. mit den Gottesbegriffen, mit den
       Weltbegriffen, mit den Menschenbegriffen und <term ref="kbga-keywords-211">Religionsbegriffen</term> des Äons belastet, der als vergehende Gespensterwelt nur hinter
       ihm liegen dürfte, dem er sich nie wieder hätte gleichschalten dürfen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.2">Röm. 12,2</ref>], auch wenn ihm einige Wahrheitsmomente
       dort noch so verführerisch zu rufen schienen. Indem er dieses Spiel treiben zu dürfen und
       wohl auch <pb xml:id="p282" ed="pga"/> zu müssen meinte, hat der Glaube sich selbst immer
       wieder Wasser in den Wein gegossen,<note xml:id="n219">«Wasser in den Wein gießen» steht
        sprichwörtlich für: die Begeisterung für etwas dämpfen, die Freude verderben o. ä. (vgl.
         <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich V,
         S. 1701</bibl>).</note> manchmal in solchen Quantitäten, dass man schließlich nur noch
       Wasser zu sehen und zu schmecken meinte. Was halfen ihm die scheinbaren Triumphe, die er
       dabei erlebte, was halfen ihm die Freiheit, die Großzügigkeit, die Überlegenheit, in der er
       dieses Spiel tatsächlich oft genug gespielt hat, da der effektive Gewinn dabei nach kurzem
       Schein des Gegenteils doch immer nur der sein konnte, dass er sich selber schwächte, indem
       irgend eine fremdartige Blase sich in seinem Raum ausdehnen, ihn an die Wand drücken, ihn
       sich selber problematisch machen durfte? Die <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term> können ja nicht für den Glauben erobert, sie können vom Glauben nur
       verdrängt <pb ed="A" n="878"/> und abgetan werden. Sie trotzen der «inneren Überwindung». Sie
       lassen sich nicht <term key="Weltanschauung, lässt sich nicht domestizieren">domestizieren</term>. Wer sie ganz oder teilweise erobert, der muss sie dann auch haben,
       wie ein siegreiches Volk die von ihm besetzten Gebiete und die Millionen der von ihm
       gemachten Gefangenen: in der ganzen Eigenart und Eigengesetzlichkeit gefährlich gerade für
       die Sieger und umso gefährlicher, je größer deren Sieg etwa gewesen sein sollte. Denn die
       Weltanschauungen sind lebende und wirksame Gestalten. Man kann sie nur aus- – oder eben
       einschließen. Schließt man sie ein, dann ist etwas Anderes als ihre Entfaltung in ihrem
       eigenen, dem Glauben widerstrebenden Sinn nicht von ihnen zu erwarten. Ein vorsichtiges
       Denken kann nur auf ihren Ausschluss gerichtet sein, weil sie in ihrem Gegensatz zum Glauben
       unverbesserlich sind. |</p>
      <p>Der dritte und entscheidende Grund gegen die Interpretationen ist wiederum der, dass sie
       dem Glauben durch seine eigene Natur <hi rend="italic">verboten</hi> sind. Und wieder ist es
       wohl so, dass sowohl das Unreale wie das Unvorsichtige dieser Interpretationen erst da
       sichtbar sein kann, wo dieses Verbot auf dem Plan ist, in dessen Licht und Gericht das ganze
       Unternehmen zu einem Akt der <term key="Mensch, Untreue">Untreue</term> wird, den sich der
       glaubende Mensch nicht leisten kann, selbst wenn er die überschüssige Zeit und Kraft zum
       Begehen solcher Nebenwege hätte, selbst wenn er auf diesen Nebenwegen etwas Anderes als seine
       eigene mutwillige Bedrohung zu erwarten hätte. Die Untreue und also das Ver<pb xml:id="p283" ed="pga" break="no"/>botene aller der hier in Frage kommenden Interpretationen besteht
       darin, dass der glaubende Mensch sich dabei mindestens so gebärdet, als könnte er die
       Weltanschauungen ernst nehmen, als könnte er also auch nicht glauben. Er macht sich dabei
       mindestens hypothetisch, spielend und beiläufig jene Untreue zu eigen, in der die
       Weltanschauungen ihren Ursprung haben. Indem er mit ihnen spielt, spielt er aber auch mit
       seinem Glauben. Und umgekehrt: indem er sie ernst nimmt, nimmt er gerade seinen Glauben nicht
       ernst. Der Glaube kann und will mit den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> nicht auf die Waage gelegt, mit ihnen nicht verglichen, mit ihnen
       nicht ausgeglichen werden: auch dann nicht, wenn das zu seinen Gunsten geschehen sollte. Er
       bedarf dessen nicht, <pb ed="A" n="879"/> und er kann das auch nicht ertragen. Er freut sich
       nicht, wenn der glaubende Mensch sich jener Siege und Eroberungen erfreuen zu können meint.
       Er steht trauernd abseits. Er räumt dann das Feld. Er lässt sich lieber durch Irrglauben und
        <term key="Glaube, Aberglaube">Aberglauben</term> ersetzen, als dass er sich, um sich für
       jene Siege und Eroberungen zu eignen, die Konzessionen gefallen ließe, die dazu nötig sind.
       In seiner Freiheit hat er keine Lust nach den Früchten, die auf jenen ganz anderen Bäumen
       gewachsen sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.1 Gen.3.7">Gen.
        3,1–7</ref>]. In seiner <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> ist er ganz mit sich
       selber und zugleich ganz direkt mit der durch kein Bild verdeckten Wirklichkeit beschäftigt.
       In seiner Freiheit hat er etwas von der streng herrischen Art Gottes selber, der keine
       anderen Götter neben sich haben kann [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.3">Ex.
        20,3</ref>]. Und in seiner Freiheit ist er zugleich viel zu echt menschlich, als dass er es
       dulden könnte, dass der Mensch sich mit Gott, der Welt und sich selber nur noch durch das
       Medium von selbstgemachten Bildern hindurch verständigen zu können meint. In seiner Freiheit
       durchschaut er die Gespensterhaftigkeit der <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> zum vornherein. Darum wird er jenen Interpretationen immer in den
       Weg treten. |</p>
      <p> Das in der Geschichte des Glaubens und der <term ref="kbga-keywords-464">Kirche</term> zu
       ihrem Heil so wirksam gewesene Wunder der Bewahrung, von dem vorher die Rede war, besteht
       konkret darin, dass der Glaube, so oft er sich auf jene schiefe Ebene locken ließ, es sich
       faktisch doch auch immer wieder verboten hat, sich dem damit gegebenen Abgleiten in
       gänzlicher Hemmungslosigkeit hinzugeben. Irgendeinmal und irgendwie trat jeweilen sein
       rettendes Veto ein. Vom wachen Glauben her wird in dieser Sache etwas Anderes als eben das
       Veto nie zu erwarten sein. Es <pb xml:id="p284" ed="pga"/> kann oft erschütternd lange dauern,
       bis es laut und bis es gehört wird. Man kann aber sicher sein, dass vom wachen Glauben her
       etwas Anderes als das Veto nicht laut werden und nicht zu hören sein wird. Das ist der große
       Trost, das ist aber auch die ernste Mahnung in dieser Sache. Alles kommt darauf an, dass
       dieses Verbot rechtzeitig auf dem Plane ist und dann auch rechtzeitig vernommen wird.</p>
      <p><pb ed="A" n="880"/> Eine dritte Regel für die echten <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungen</term> des
       Glaubens in Sachen der <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> wäre
       danach dahin zu formulieren, dass seine Haltung ihnen gegenüber auf alle Fälle eine
       ernstliche Revision seiner eigenen Stellung im Verhältnis zu seinem <term key="Glaube, Begründung">Grund</term> in Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>, eben damit aber auch den Verzicht auf alle verbessernden Umdeutungen
       der Weltanschauungen in sich schließt.</p>
  </div>
  <!-- nächste Seite - "Schluss" -->
  <div>
      <p rend="margin-top">Wir kommen zum <hi rend="italic">Schluss</hi>. Das Verhältnis des Glaubens zu den
       Weltanschauungen <hi rend="italic">kann</hi> – und wenn der Glaube nicht schläft, sondern
       wacht, dann <hi rend="italic">muss</hi> es durch <hi rend="italic">Entscheidungen</hi>
       geordnet werden. Die Entscheidungen sind dann echt, wenn der Glaube in neuer Zuwendung zu
       seinem eigenen Grund und Gegenstand in Gottes Offenbarung sich selber wiederfindet, um eben
       damit auf jedes direkte oder indirekte Einverständnis mit den Weltanschauungen Verzicht zu
       leisten. Wenn der glaubende Mensch, sofern auch er <hi rend="italic">Mensch</hi> ist, die
       Weltanschauungen nie einfach los sein wird, so wird er doch, sofern er <hi rend="italic">glaubt</hi>, im Kampf, im Akt der <hi rend="italic">Befreiung</hi> von ihnen sein – und,
       sofern diese Befreiung <hi rend="italic">vorwärts</hi> schreitet, ihnen gegenüber tatsächlich
       in der <hi rend="italic">Freiheit</hi> stehen. Von dieser <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> als dem Ziel jener <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidungen</term> des
       Glaubens ist jetzt noch ein letztes Wort zu sagen.</p>
      <p>Man bemerke: Wir kennen nur den <hi rend="italic">kämpfenden</hi> Glauben und also im
       besten Fall seines siegreichen Kampfes nur seine <hi rend="italic">vorwärts</hi> schreitende
       Befreiung von den Weltanschauungen. Wir können also von seiner Freiheit ihnen gegenüber nur
       relative Vorstellungen haben. Wir kennen sie nur als den mehr oder weniger deutlich
       aufleuchtenden Inbegriff des <hi rend="italic">Ziels</hi> seines Befreiungskampfes. Wir
       kennen sie nur als die gegen mancherlei noch bestehende Unfreiheit <hi rend="italic">streitende</hi> und infolge dieser noch vorhandenen Unfreiheit auch immer noch <hi rend="italic">bestrittene</hi> Freiheit. Wer sich hier absoluter Vorstellungen rühmen
       wollte, der würde sich selbst betrügen, und er wäre wohl schon im Begriff, den Glauben als
       ein Prinzip zu behandeln, und also im Begriff, nun <pb xml:id="p285" ed="pga"/> ausgerechnet
       vom Glauben her eine <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauung</term> zu
       entwerfen. Man hüte sich: der glaubende Mensch hat gerade von seinem Glauben, von seiner
       Freiheit, keine absolute Vorstellung. Er hängt im Glauben an Gott. Er hängt <pb ed="A" n="881"/> eben darum nicht an seinem Glauben. Er glaubt, er hat aber darin, dass er glaubt, kein
       Prinzip, kraft dessen er Gott und die Welt und sich selbst und mit sich selbst dann auch die
       Weltanschauungen schon gemeistert hätte. Er ist von Gott gemeistert. Er hält sich also nicht
       für Gott, der die Götter schon unter seine Füße <term key="Götter, Beseitigung">getreten</term> hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.8.7">Ps. 8,7</ref>;
        <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.25">1.Kor. 15,25</ref>]. Er widersteht den
       Weltanschauungen, aber noch stehen sie auch an seinem Horizont, ohne dass sie für ihn
       erledigt wären. So kennt er seine Freiheit ihnen gegenüber nur als relative Freiheit. Eben in
       dieser Relativität <hi rend="italic">kennt</hi> er sie aber. Er kennt sie, in dem Maß, als er
       kämpft und siegreich kämpft, in dieser Relativität sogar immer besser und also als wachsende,
       als immer größer werdende Freiheit. Unter dem angezeigten Vorbehalt darf und muss sie also
       namhaft gemacht werden. Und die <term key="Glaube, Apologie"><hi rend="italic">Apologie</hi></term> des Glaubens gegenüber den Weltanschauungen besteht letztlich und
       substantiell darin, dass eben das geschieht: in dem Hinweis auf diese Freiheit des Glaubens.
       Sie kann darum nur auf diese <term ref="kbga-keywords-658"><hi rend="italic">Freiheit</hi></term> hinweisen, weil der Glaube den Weltanschauungen gegenüber nur in
       dieser Freiheit wirklich gesichert und also effektiv verteidigt ist. Sie kann auf diese
       Freiheit darum nur <hi rend="italic">hinweisen</hi>, weil keine menschliche Apologie diese
       Freiheit in ihrer absoluten Gestalt schaffen, auf den Plan führen und aufzeigen kann, weil
       [nur] Gott selbst sie in der relativen Gestalt, in der wir sie allein kennen, als des
       Glaubens wahre Sicherheit und Verteidigung verwirklichen und sichtbar machen kann. Und sie
       kann darum – so wie wir es jetzt getan haben – nur in einer <hi rend="italic">Entgegenstellung</hi> des Glaubens und der Weltanschauungen, in der möglichst präzisen <hi rend="italic">Unterscheidung</hi> des Wesens und der Werke dieser beiden, im Aufweis der
       möglichen und nötigen echten <term ref="kbga-keywords-26"><hi rend="italic">Entscheidung</hi></term> des Glaubens gegen die <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> als solche bestehen, weil die streitende und umstrittene, die
       relative Freiheit, deren Aufweis für eine menschliche Apologie des <term key="Glaube, Apologie">Glaubens</term> allein in Frage kommen kann, nur auf der Linie einer
       solchen disjungierenden Darstellung sichtbar werden kann. Welches ist diese streitende und
       umstrittene, diese relative Freiheit? Darauf ist jetzt noch Antwort zu geben.</p>
     <!-- </div> <div type="ditigal_division"> -->
      
      <p><pb xml:id="p286" ed="pga" rend="noPipe"/>Die Freiheit von den Weltanschauungen ist in dem Maß, als sie sich <pb ed="A" n="882"/>
       realisiert, die <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> des Glaubens für sich selber
       und also für ein menschliches Leben in jenem wissenden, vertrauenden, erwartungsvollen und
       eben so tätigen <term key="Mensch, Gehorsam">Gehorsam</term> gegen Gottes <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term>. Indem der Mensch von den Weltanschauungen frei wird, wie
       es ihm in den Entscheidungen des Glaubens unvermeidlich widerfahren muss, wird er
       unvoreingenommen, gelöst von allen anderen Voraussetzungen als von der, dass er glauben, dass
       er Gottes Wort jenen Gehorsam entgegenbringen darf, geöffnet und bereit gemacht dafür, sich,
       indem er glaubt, in die Situation zu finden, genau in der Situation auszuharren und vorwärts
       zu gehen, zu ruhen und sich zu bewegen, in der er sich befindet laut des Wortes <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term>, der sein <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>
       und also in der Lage ist, ihm über diese seine Situation authentisch und endgültig Bescheid
       zu sagen, weil sie durch ihn selbst so bestimmt und angeordnet ist. Freiheit von den
       Weltanschauungen heißt Freiheit von den Bildern, in denen die Situation des Menschen
       willkürlich verändert und in dieser Veränderung wiedergegeben wird, den Bildern, mit denen
       seine Situation dem Menschen verdeckt, durch die der Mensch daran verhindert wird, sie zu
       nehmen und sich selbst in sie zu finden so, wie sie ist. Freiheit von den Weltanschauungen
       heißt also: Rückkehr in die Unbefangenheit. Der weltanschaulich orientierte Mensch ist
       befangen. Der glaubende Mensch ist unbefangen. Dass er das ist, das ist sein hoher Vorteil
       vor jenem. Indem der Glaube ihm diesen Vorteil verheißt und gibt, ist er seine eigene <term key="Glaube, Apologie">Apologie</term>, verteidigt und sichert er sich gegenüber den
       Weltanschauungen. Er gibt dem Menschen zurück, was ihm durch jede Weltanschauung genommen
       wird: nicht nur Gott, sondern auch die Welt und nicht zuletzt seine eigene Existenz in ihrer
       Wirklichkeit. Er holt ihn herunter aus aller vermeintlichen Höhe, herauf aus aller
       vermeintlichen Tiefe, herbei aus allen unnötigen Weiten und heraus aus allen unnötigen Engen,
       in die er sich, indem er sich die Wirklichkeit durch die Bilder verdecken ließ, begeben hat.
       Er dispensiert ihn vom Kriechen wie vom Fliegen, von der Nachahmung des Tieres ebenso wie von
       der des <term ref="kbga-keywords-977">Engels</term>, er befreit ihn von allen Tyranneien
       ebenso wie von allen Anarchien. Er stellt ihn auf den Boden und erlaubt es ihm, als Mensch zu
       stehen und zu <pb ed="A" n="883"/> gehen: ohne Überhebung und Anspruch, aber eben darum auch
       ohne Täuschung seiner selbst und Anderer. Er verweist ihn in seine Grenzen, <pb xml:id="p287" ed="pga"/> eben damit aber auch hinein in seine <term ref="kbga-keywords-1250">Bestimmung</term>. Er eröffnet ihm eben so und hier seine eigentlichen Möglichkeiten. Er
       eröffnet ihm eben so und hier den Weg zu der wahren Größe seiner Geschöpflichkeit, zur wahren
        <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term>. Er nimmt ihm also in Wahrheit
       nichts, er gibt ihm alles, indem er ihn zur Entscheidung gegen alle Weltanschauungen nötigt,
       indem er ihn von diesen frei macht. Er nimmt ihm nur seine Gefangenschaft. Er zerreißt nur
       die Schleier, durch die hindurch er Alles sehen, er beseitigt nur die Schranken, in denen er
       sich bewegen musste, er löscht nur die Vorurteile aus, mit denen er sich selbst belastet, er
       zerbricht nur das Joch des Gesetzes, unter das er gebeugt war, er löst nur den Krampf, in
       welchem er lebte, solange er sich durch eine Weltanschauung für gebunden hielt. Was würde ihm
       damit verwehrt, da ihm eben damit die «Tore der Gerechtigkeit» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.118.19">Ps. 118,19</ref>] nach allen Seiten geöffnet werden? Was
       würde er damit verlieren, da ihm eben damit der höchste und vollste Gewinn mit einem Schlag
       zugeschoben wird? Was jenseits der <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term> des
       Glaubens liegt, das ist des Menschen Beziehung zur Wirklichkeit und also sehr schlicht: die
       Erkenntnis der <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term>. Was kann der Mensch mehr
       verlangen? Und eben damit rechtfertigt und verteidigt, eben damit empfiehlt und begründet
       sich der Glaube, eben damit führt er seine Sache dem Menschen gegenüber und macht er sich ihm
       einleuchtend und überzeugend im Gegensatz zu den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term>: dass er und er allein ihn in diese Beziehung versetzt: eben in die
       Beziehung, die durch die Weltanschauungen immer nur verfälscht, unterbrochen und zerstört
       werden kann, dass in ihm und in ihm allein <term ref="kbga-keywords-19">Erkenntnis</term> der
        <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> Ereignis wird. Das leistet ihm der Glaube,
       dass er ihm diesen Vorteil bringt. Keine Weltanschauung kann dem Menschen das leisten. Jede
       Weltanschauung wird ihm gerade das nur nehmen können. |</p>
      <p> In der <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> für das, was ist, existiert der
       glaubende und nur der glaubende Mensch. Wir vergessen nicht, dass seine Freiheit streiten
       muss und umstritten ist. Er kennt und hat seinen Glauben ja nur im Kampf, im besten Fall in
       einem siegreich <pb ed="A" n="884"/> vorwärtsschreitenden Kampf, und also diese Freiheit im
       besten Fall als relative und wachsende Freiheit: im Streit mit der Unfreiheit, der er, so
       gewiss die Weltanschauungen auch [in] seinem Horizont immer noch sichtbar und wirksam sind,
       ein Stück weit auch noch verfallen ist. Eben als relative <pb xml:id="p288" ed="pga"/> und
       wachsende Freiheit besteht sie aber zweifellos darin, dass er für das, was ist, jedenfalls
       nicht mehr verschlossen, sondern offen ist. In dieser Freiheit kann Gott dem Menschen Gott,
       kann die Welt ihm die Welt, kann er selbst sich er selbst sein. Dieser Satz soll jetzt noch
       in Kürze entwickelt werden.</p>
      <p> 1. Die Freiheit des Glaubens von den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> ist die Freiheit, in der Gott dem Menschen Gott sein kann. Im
       Rahmen der Weltanschauungen kann das nimmermehr geschehen. Die Geschichte des christlichen
        <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnisses</term> und der christlichen <term ref="kbga-keywords-10">Theologie</term> ist darum eine Geschichte von so viel
       Unglücksfällen, weil man sich die Wirklichkeit Gottes immer wieder durch das Medium der
       wechselnden Weltanschauungen hindurch verständlich zu machen, tatsächlich aber zu <term key="Weltanschauung, Verdeckung der Wirklichkeit">verdecken</term> suchte. Als der, der er
       ist, hat sich Gott damit bekannt gemacht, dass er in seiner <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> selber von sich selber geredet hat. Die Freiheit des Glaubens besteht
       darin, dass er sich an den Bescheid, der dem Menschen damit gegeben ist, ohne Vorbehalt
       halten, dass er in seinem Bekenntnis und in seiner Theologie diesen Bescheid aufnehmen und
       ihm entsprechen darf, ohne zuvor von anderswoher dies und das heranzubringen, indem er schon
       zu wissen meint, was der Sinn und Inhalt dieses Bescheides, noch bevor er laut geworden ist,
       auf alle Fälle sein müsse – und also ohne, indem er diesen Bescheid aufnimmt, durch solches
       Vorwissen gebunden zu sein. Die Produktion solchen Vorwissens und also solcher Voreinnahme
       des dem göttlichen Bescheid konfrontierten Menschen ist das störende Werk aller
       Weltanschauungen. Es gibt <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term>, die es dem
       Menschen überhaupt und zum vornherein unmöglich machen wollen, sich auf diesen Bescheid auch
       nur einzulassen, geschweige denn, sich an ihn zu halten. Aber es hilft wenig oder vielmehr
       nichts, wenn in anderen Weltanschauungen die Möglichkeit dafür offen gelassen <pb ed="A" n="885"/> wird. Indem sie Gott und Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>
       nicht aus-, sondern an bestimmter Stelle einschließen, sind sie für die Erkenntnis der
       Wirklichkeit Gottes im Grunde nicht das kleinere, sondern das größere Hindernis. |</p>
      <p> Die <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> des Glaubens wird sich gerade gegenüber
       den für das Christliche nicht verschlossenen, sondern so oder so offenen Weltanschauungen
       erst recht bewähren müssen. Gerade hier ereignen sich ja die großen Vorentscheidungen
       hinsichtlich der Aufnahme des Wortes <pb xml:id="p289" ed="pga"/>
       <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term>, in welchen es in bestimmte Grenzen gewiesen, in
       welchen die Anschauungen und Begriffe, in denen es, um an- und aufgenommen zu werden, Gestalt
       gewinnen muss, zum Voraus in irgend einer bestimmten Füllung festgelegt werden, in welchen es
       zum vornherein domestiziert, in welchen ihm heimlich oder offen ein «Bis hieher und nicht
        weiter!»<note xml:id="n220">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3617"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, Die Räuber, 2. Akt, 1. Szene</bibl>: «Hat
        man doch die Giftmischerei beinahe in den Rang einer ordentlichen Wissenschaft erhoben und
        die Natur durch Experimente gezwungen ihre Schranken anzugeben, dass man nunmehr des Herzens
        Schläge Jahr’ lang vorausrechnet und zu dem Pulse spricht: bis hieher und nicht
        weiter!»</note> zugerufen, in welchen es einem ihm fremden Zusammenhang eingeordnet und
       dienstbar gemacht wird. Gerade hier kommt es damit zu den großen verhängnisvollen <term key="Weltanschauung, Verdeckung der Wirklichkeit">Verdeckungen</term> der göttlichen
       Wirklichkeit. In der Freiheit des Glaubens kommt es zur Durchbrechung nicht erst und nicht
       nur der ungläubigen, sondern gerade auch und zuerst der sogenannten gläubigen Weltbilder. Das
       der Freiheit des Glaubens teilhaftige <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term> und die
       derselben Freiheit teilhaftige <term ref="kbga-keywords-10">Theologie</term> werden sich
       dadurch vor anderen auszeichnen, dass sie dem, was Gott selber von sich sagen und zeigen
       wollte, voraussetzungslos entgegentreten und standhalten. Sie werden dem Wort Gottes
       erlauben, sich selbst zu erklären, ohne schon zum vornherein eine Kunde darüber zu besitzen,
       woher und wie es zu erklären sei. Sie werden auch die <term ref="kbga-keywords-110">Bibel</term> als die menschliche Urkunde des Wortes Gottes keiner Gesamtbetrachtung aller
       Dinge, aller <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term>, aller <term ref="kbga-keywords-211">Religionen</term>, aller <term ref="kbga-keywords-1385">Literatur</term> unterwerfen, sondern ihr Zeugnis so hören und so aufnehmen und
       weitergeben, wie es sich selber gibt. Sie werden, was Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, <term ref="kbga-keywords-911">Wissenschaftlichkeit</term> ist, nicht schon zuvor festgestellt
       haben, um ihren Gegenstand daran zu messen und ihre Erkenntnis des Gegenstandes und ihre
       Aussagen von ihm danach einzurichten. Sie werden sie sich vielmehr von ihrem Gegenstand her
       vorschreiben, sie werden ihre Begriffe und Anschauungen durch die von ihnen zu erkennende und
       bekennende <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> formen lassen, statt die Wahrheit
        <pb ed="A" n="886"/> zu formen nach ihren mitgebrachten Begriffen und Anschauungen. Sie
       werden Gottes <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term> seine Freiheit lassen, und gerade so
       werden sie selber freies <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term> sein und freie <term ref="kbga-keywords-10">Theologie</term>. |</p>
      
      <p><pb xml:id="p290" ed="pga" rend="noPipe"/> Wo diese <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> ist, da kann Gott dem Menschen Gott
       sein. Da steht er ihm ja praktisch und nicht bloß theoretisch als <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> und Herr gegenüber. Da waltet er souverän. Da liebt
       der Mensch nichts Anderes als eben dies: das von Gott geliebte <term key="Glaube, liebt es von Gott geliebt zu sein">Geschöpf</term> zu sein. Da gibt er Gott
       seine Ehre, da kommt aber in seiner Erkenntnis unvermeidlich auch er selbst zu Ehren. Da kann
       dann auch der Mensch fröhlich essen und trinken vor Gott [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Pred.5.17 Pred.5.18">Pred. 5,17f.</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Pred.9.7">9,7</ref>]. Da kann sein Glaube mit Gespensterfurcht nichts mehr zu tun
       haben. Der Gespensterfurcht einflößt, ist nur der durch eine Weltanschauung mutwillig <term key="Weltanschauung, Verdeckung der Wirklichkeit">verdeckte</term> Gott. Hinter dieser Maske
       muss er dem Menschen furchtbar sein. Fällt die Maske und sieht er ihm in das Angesicht, das
       er selber als das seinige offenbar gemacht hat, dann ist die Furcht zu Ende, dann beginnt
       eben damit der freudige Wandel vor ihm. <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term>,
        <term ref="kbga-keywords-1417">Dogma</term>, <term ref="kbga-keywords-10">Theologie</term>
       werden überall da zu einer unfreudigen, sorgenvollen, finsteren Angelegenheit, wo es Gott als
       ihrem Gegenstand durch das dazwischen geschobene Medium einer Weltanschauung unmöglich
       gemacht wird, dem Menschen als Gott zu begegnen und dann auch in seinem Bekenntnis als Gott
       lebendig zu sein. Wenn der Glaube von den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> frei wird, dann wird er auch freudig, weil Gott ihm dann endlich in
       seiner Wirklichkeit begegnen kann. Das ängstliche Meinen und Raten über Gott, die schwachen
       und dunklen Hinweise auf ihn, die trockenen, wenig sagenden und immer ein wenig ungläubig
       klingenden Definitionen seines Wesens, die Flucht in die <term ref="kbga-keywords-113">metaphysischen</term> oder auch <term ref="kbga-keywords-1215">ethischen</term>
       Umschreibungen, aber auch die Flucht in die historischen oder <term ref="kbga-keywords-355">psychologischen</term> Referate – diese Symptome eines unfreien Glaubens alle miteinander
       werden dann mit der Krankheit selbst, die sie hervorgebracht, in Wegfall kommen können. Der
       Glaube kann dann atmen; er kann dann ruhig von Gott her und zu Gott hin denken. Er wird dann
       nicht nur über Gott, er wird dann aus Gott und mit Gott zu reden wissen. Eben das ist es, was
       er da immer getan hat, wo er durch die Bilder hindurch und an den Bildern vorbei zu Gott
       selber vorzusto<pb ed="A" n="887" break="no"/>ßen [vermochte], vielmehr durch die Bilder
       hindurch und an ihnen vorbei durch sein Wort, in welchem er sich selbst den Menschen gegeben
       hat, wieder erreicht, erweckt, ermutigt und getröstet und in Bewegung gesetzt wurde. Da kann
       und wird der Glaube denn auch gewaltig für sich selber sprechen, sein eigener <term key="Apologeten">Apologet</term> und also keiner anderen <term ref="kbga-keywords-1316">Apologetik</term> bedürftig sein. <pb xml:id="p291" ed="pga"/> Die Wirklichkeit Gottes ist
       dann die Verteidigung und Rechtfertigung, der Grund, das Licht und die Kraft seines
       Zeugnisses. Seine Zeugen brauchen dann wirklich nicht besorgt zu sein, was oder wie sie reden
       sollen [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.12.11 Lk.12.12">Lk. 12,11f.</ref>]: vor ihrem eigenen Gewissen nicht
       und vor dem der Anderen auch nicht. Gott selber spricht dann, indem sie im Glauben
       sprechen. |</p>
      <p> Das ist die Verheißung der <term key="Freiheit, Verheißung">Freiheit</term>, von der wir
       hier reden. Wenn die <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> gebaut und erhalten und
       erneuert wurde, dann geschah es, indem diese Freiheit auf dem Plan war und indem diese ihre
       Verheißung in Erfüllung ging. Und immer, wenn diese Freiheit auf dem Plan sein und ihre
       Verheißung in Erfüllung gehen wird, wird auch die Kirche gebaut, erhalten und erneuert
       werden. Die Pforten der Unterwelt werden sie dann nicht überwältigen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.18">Mt. 16,18</ref>]. Die Kirche kann immer nur dadurch in
       Frage gestellt werden, dass sie selbst diese <term key="Freiheit, des Glaubens">Freiheit</term> des Glaubens in Frage stellt. Wir täuschen uns nicht: sie war tatsächlich
       immer auch in Frage gestellt. Es gab kein <term ref="kbga-keywords-146">Bekenntnis</term>,
       kein <term ref="kbga-keywords-1417">Dogma</term>, keine <term ref="kbga-keywords-10">Theologie</term> zu irgend einer Zeit der Kirche, die ganz aus dieser Freiheit geboren, die
       nicht auch von irgendwelcher weltanschaulichen Unfreiheit belastet gewesen wäre. Das Wort
        <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term> ist wohl noch von keinem einzigen Menschen ganz
       ohne irgendwelche mitgebrachte Voraussetzungen und also ganz störungsfrei gehört und die
        <term ref="kbga-keywords-110">Bibel</term> ist wohl noch von keinem einzigen Christen ganz
       ohne Brille und also ganz unbefangen gelesen worden. Wir wissen nur um die streitende und
       umstrittene <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> für die Wirklichkeit Gottes und
       also auch nur um eine in ihrem Glauben streitende und umstrittene <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term>. Es fehlt auch bei den größten Durchbrüchen des
       Glaubens oder vielmehr des Wortes <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term> noch viel daran,
       dass die Bilder die Freiheit des <term key="Freiheit, des Glaubens">Glaubens</term> nun
       wirklich gar nicht mehr beschränken und also die Wirklichkeit Gottes gar nicht mehr
       beschatten und verdecken dürften. Es fehlt darum auch in den größten <pb ed="A" n="888"/> Zeiten des Glaubens immer noch viel an jener <term ref="kbga-keywords-1458">Freudigkeit</term>, in der er sein eigener <term key="Apologeten">Apologet</term> sein
       dürfte, an jener Kraft, in der Gott im Wort des Glaubens seiner Zeugen selber sprechen und
       dann zweifellos siegreich sprechen möchte. Wir kennen von dem allem nur Anfänge und
       Anzeichen. Die in der Gewalt dieser Freiheit ohne Widerstreit freudig, sorgenlos und hell
       triumphierende Kirche ist eine eschatologische Größe. Wir kennen ihren Triumph nur im
       Widerstreit. Das genügt aber auch. Dass <pb xml:id="p292" ed="pga"/> wir ihn wenigstens im
       Widerstreit kennen können, das ist nicht zu leugnen. Und eben das genügt zu dem, was nötig
       ist, nämlich als Aufruf, den Kampf unsererseits jedenfalls aufzunehmen. Befreiung ist
       möglich, wie unvollkommen sie immer in Gang komme. Und <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> wird immer ihr Ergebnis sein, und wenn es eine noch so beschränkte Freiheit
       wäre. Und die Freiheit wird immer jene Verheißung der <term ref="kbga-keywords-1458">Freude</term> haben, und diese ihre <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term> wird
       auch immer – und wäre es auch nur in Form des bescheidensten Anfangs und Anzeichens – in
       Erfüllung gehen: Gott wird des Menschen Gott werden, der – und wäre es auch nur mit dem
       kleinen Finger – in jener Freiheit lebt. Es heißt ja vom Glauben, dass er, auch wenn er nicht
       größer wäre als ein Senfkorn, Berge versetze [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.17.20">Mt. 17,20</ref>]. Täuschen wir uns auch darüber nicht und darüber noch
       weniger als über die große menschliche Unvollkommenheit, in der wir den Glauben und seine
       Freiheit in der Tat allein kennen. Dass wir glauben und im Glauben für Gott frei sein dürfen,
       ist noch wichtiger als dies, dass wir immer nur in größter Unvollkommenheit <term key="Glaube, Unvollkommenheit">glauben</term> und frei sein werden. Es wäre die größte aller
       Täuschungen, wenn man meinen wollte, die Aufnahme des Kampfes des Glaubens und die Betätigung
       seiner <term key="Freiheit, des Glaubens">Freiheit</term> um deswillen unterlassen oder auch
       nur hinausschieben zu müssen und zu dürfen. Er darf und er muss in ganzer Kraft und mit
       größter Hoffnung in aller Unvollkommenheit, in der das sicher geschehen wird, sofort
       aufgenommen werden.</p>
      </div>
      <!-- nächste Seite "2. Die Freiheit des Glaubens" -->
      <div>
      <p> 2. Die Freiheit des Glaubens von den <term key="Glaube, und Weltanschauung">Weltanschauungen</term> ist die Freiheit, in der die Welt dem Menschen die Welt sein kann.
       Auch die Welt ist nicht frei, d. h. auch für die Welt ist der Mensch nicht frei, wo die
       Weltanschauungen regieren. Und eben das ist die Belastung, der des Menschen Verhältnis <pb ed="A" n="889"/> zur Welt unterworfen ist, dass er auch von ihrer Wirklichkeit dadurch
       ferngehalten ist, dass die Weltanschauungen als deren willkürliche Deutungen sich dauernd
       zwischen ihn und jene hineinschieben, ihm jene dauernd verdecken wollen. Die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> ist die Offenbarung auch der <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term> in ihrer Wirklichkeit. Und die Freiheit des <term key="Freiheit, des Glaubens">Glaubens</term> besteht auch darin, dass der Mensch dieser
       Wirklichkeit der Geschöpfwelt als solcher begegnen, dass er ihr in seinem Verhalten und
       Handeln entsprechen, dass er auch nach dieser Seite in der Wahrheit leben darf. Er muss auch
       ihrer Wirklichkeit nicht widersprechen, in<pb xml:id="p293" ed="pga" break="no"/>dem er sich ein Bild
       von ihr macht, indem er ihr den so oder so gesponnenen und gefärbten Schleier dieses Bildes
       überwirft, indem er sein Verhalten und Handeln in ihr von den Punkten und Linien dieses
       Bildes abhängig macht. Das ist ja auch hier das störende Werk aller <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term>: Sie sind von irgend einer Stelle aus mächtig
       zwischen den Menschen und die Welt hineingekommene Voraussetzungen, an die er sich
       hinsichtlich seines Denkens, Wollens und Lebens in der Welt für gebunden erachtet. Sie sind
       eigenmächtig vollzogene Einsetzungen irgendwelcher bestimmter Gesetze seines Denkens, Wollens
       und Lebens. Sie sind Behauptungen – aber tatsächlich nicht mehr als Behauptungen – über die
       Wirklichkeit der Welt: aus ihr angeblich abgelesen und angeblich in ihrem Namen und Auftrag
       aufgestellt, in Wahrheit von ihr an irgend einer Stelle abstrahiert, d. h. aber
       hinweggezogen, so dass sie sie gerade nicht mehr wiedergeben, wie sie ist, so dass die Welt
       dem Menschen in ihnen gerade nicht mehr die wirkliche Welt sein kann. Irgend eine mächtige
        <term key="Synthese">Synthese</term> mit ihren Gliedern und deren Zusammenhang ist an ihre
       Stelle getreten. Alles Denken, Wollen und Leben geschieht nun im Dienst und nach Maßgabe
       seines Verhältnisses zu dieser Synthese, ist nun nicht mehr auf die Welt, sondern auf das in
       dieser Synthese zustande gekommene <term key="Welt, Weltbild">Weltbild</term>
       gerichtet. |</p>
      <p>Dass es auch lockere, lückenhafte, gewisse Fragen vorläufig oder sogar endgültig offen
       lassende Weltbilder und genau gesehen wohl überhaupt nur solche gibt, dass wahrscheinlich
       noch keine Weltanschauung auch nur einen einzigen Menschen so gänzlich gemeistert <pb ed="A" n="890"/> hat, dass sie es vermocht hätte, ihn von der wirklichen Welt so gänzlich
       abzusperren, wie es theoretisch der Fall sein müsste, das ist wohl wahr. Es ist aber auch
       wahr, dass jede Weltanschauung als solche die Drohung solcher Absperrung ist, und es ist auch
       wahr, dass sie, soweit sie herrschen kann, solche Absperrung tatsächlich vollziehen muss. Es
       wäre der durch eine Weltanschauung ganz beherrschte Mensch der wirklichen Welt zweifellos
       ganz <term key="Mensch, Entfremdung">entfremdet</term>. Und es gibt Freiheit für die
       wirkliche Welt für jeden Menschen nur in dem Maß, als er von seiner Weltanschauung neben dem,
       dass er teilweise von ihr beherrscht ist, teilweise auch frei geblieben ist. Es gibt aber
       Freiheit von den Weltanschauungen und also Freiheit für die wirkliche Welt nur in der
       Freiheit des <term key="Freiheit, des Glaubens">Glaubens</term>, weil nur der Glaube den
        Weltan<pb xml:id="p294" ed="pga" break="no"/>schauungen in reinem, grundsätzlichem und
       effektivem Gegensatz <term key="Glaube, und Weltanschauung">gegenübertreten</term> kann. Es
       ist letztlich immer der ihnen in irgend einer Nähe oder Ferne gegenüberstehende Glaube, der
       die Weltanschauungen tatsächlich lockert und lückenhaft macht, der sie hindert, so gänzlich
       zu herrschen, wie sie es alle tun möchten, und also die wirkliche Welt so völlig <term key="Weltanschauung, Verdeckung der Wirklichkeit">zuzudecken</term>, wie sie es theoretisch
       tun müssten. Der Glaube kann und wird sich jene Absperrung auf keinen Fall gefallen lassen.
       Der Glaube kämpft für die <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> auch in dieser
       Hinsicht, und zwar selbstverständlich nicht nur für eine teilweise, sondern für die ganze
       Freiheit, in der die Welt dem Menschen die wirkliche Welt sein kann. Er kämpft also nicht nur
       dafür, dass im Gefüge jener <term key="Synthese">Synthesen</term> gewisse Lücken und Fragen
       offen bleiben möchten, sondern dafür, dass der Mensch mit solchem synthetischen
       Weltverständnis überhaupt, mit jenen Bildern als solchen (ob sie geschlossen oder lückenhaft
       seien) in Ruhe gelassen, dass es ihm auf der ganzen Linie erlaubt werde, ebenso in der
       wirklichen Welt zu atmen, wie er vor dem wirklichen Gott atmen möchte. Er widersteht den
       milden Tyrannen ebenso wie den strengen und jenen vielleicht darum nur umso ernster und
       intensiver, weil die Weltfremdheit, die der Herrschaft aller weltanschaulicher <term key="Weltanschauung, Tyrannei">Tyranneien</term> folgen muss, dort einen gewissen Geschmack
       von Freiheit hat und darum als weniger bemerk<pb ed="A" n="891" break="no"/>bar nur umso
       gefährlicher ist. Man muss dieses Widerstehen des Glaubens recht verstehen. |</p>
      <p>Der Glaube widerstrebt nicht der <term ref="kbga-keywords-911"><hi rend="italic">Wissenschaft</hi></term>. Im Gegenteil: gerade der Glaube ist die Freiheit zur <term key="Glaube, Freiheit zur Wissenschaft">Wissenschaft</term>, die Freiheit zu wirklichem
       Sehen und immer besserem Sehen und also zum wirklichen Erforschen und Kennen der wirklichen
       Welt. Da ist gar keine Dimension der wirklichen Welt, in der der glaubende Mensch nicht als
       solcher interessierter Frager und Sucher wäre. Da ist keine Sparte der natürlichen und
       geistigen Existenz in der Geschöpflichkeit, über die er nicht in rückhaltloser Offenheit
       entsprechend dem Maß seines Auffassungsund Verstandesvermögens belehrt und immer besser
       belehrt werden möchte. Indem er von der Wahrheit des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> herkommt, kann er hinsichtlich seines Geschöpfs nur der Wahrheit
       entgegengehen wollen. Die Wissenschaft ist ihm <term key="Glaube, und Wissenschaft">dringlich</term>, so gewiss ihm die wirkliche Welt als Werk ihres Schöpfers nicht nur
       ehrwürdig, sondern lieb ist: kraft dessen, dass er sich in ihrer Mitte und selber zu ihr <pb xml:id="p295" ed="pga"/> gehörig von Gott geliebt weiß und eben dies lieben darf, in ihrer
       Mitte und selber zu ihr gehörig von Gott <term key="Glaube, liebt es von Gott geliebt zu sein">geliebt</term> zu sein. Einer für die
       Wirklichkeit Gottes offenen <term ref="kbga-keywords-10">Theologie</term> wird eine für die
       wirkliche Welt ebenso offene Weltwissenschaft notwendig entsprechen müssen. Die
       Weltanschauungen aber sind, wie sie keine wirkliche Theologie sein und begründen können, so
       auch auf keinem Gebiet wirkliche <term key="Weltanschauung, keine wirkliche Weltwissenschaft">Weltwissenschaft</term> oder auch nur deren legitime Voraussetzungen oder Konsequenzen. Wo
       die Weltanschauungen anfangen, da hört die wirkliche Wissenschaft auf. Da bricht nämlich ihr
       Sehen und Forschen ab, um in einem Dichten und Trachten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.6.5">Gen. 6,5</ref>] zur Ruhe zu kommen oder auch in flatternde Unruhe zu
       geraten, die mit ihrem guten und gebotenen Werk nichts zu tun hat, sondern nur anzeigt, dass
       der Mensch dieses Werks müde geworden ist und an Stelle dessen in einem spekulierenden
       Träumen das bessere Teil gefunden zu haben meint. Wirkliche Wissenschaft hat sich noch nie
       auf den Wegen der Weltbildner betreffen<note xml:id="n221">Älterer, gehobener Sprachgebrauch
        für «antreffen».</note> lassen. Weltbildner zu werden ist die <term ref="kbga-keywords-176">Versuchung</term>, gehört aber nicht zum Wesen des wissenschaftlichen Menschen. Der
       wissenschaftliche Mensch weiß, dass ihm die wirkliche Welt genau in dem Augenblick entgehen
       müsste und würde, wo er sie, statt sie als solche zu sehen und immer besser zu sehen, durch
       das Medium eines Weltbildes und nach An<pb ed="A" n="892" break="no"/>weisung von dessen
       Punkten und Linien beschauen würde. Er kennt freilich die Stimme wohl, die ihm einflüstern
       möchte, dass die <term ref="kbga-keywords-911">Wissenschaft</term> erst dann «befriedigend»
       werde, wenn sie von einem solchen <term key="Welt, Weltbild">Weltbild</term> herkomme und ihm
       entgegengehe. Er kennt die Versuchung, zur Synthese zu schreiten und dann von dieser <term key="Synthese">Synthese</term> aus und zu deren größerer Ehre weiter zu forschen. Er
       widersteht ihr aber auch, weil er weiß, dass seine Wissenschaft, von der Synthese aus
       vorgehend und nach der Synthese hinstrebend, alsbald zur <term key="Wissenschaft, Pseudowissenschaft">Pseudowissenschaft</term> werden, sein Verhältnis zur
       wirklichen Welt nicht weiter klären könnte, sondern notwendig stören und schließlich
       zerstören müsste. Es ist aber der Glaube die allein zuverlässige Macht, in der der
       wissenschaftliche Mensch es so halten, die ihn in Stand setzen wird, ehrlicher Analytiker und
       gerade so wirklicher Erforscher und Kenner der wirklichen Welt zu sein und zu bleiben. |</p>
     <!-- </div><div type="ditigal_division"> -->
      <p><pb xml:id="p296" ed="pga" rend="noPipe"/> Der Glaube widersteht nicht der <term key="Glaube, und Wissenschaft">Wissenschaft</term>, wohl aber jener <term ref="kbga-keywords-176">Versuchung</term> des wissenschaftlichen Menschen grundsätzlich und
       dauernd, wo eine wissenschaftliche Gesinnung ohne den Glauben ihr doch nur zufällig und
       gelegentlich widerstrebend allerlei weltanschauliche Ausflüge des wissenschaftlichen Menschen
       heimlich oder offen dann doch und zum Schaden seiner <term ref="kbga-keywords-911">Wissenschaft</term> zu erlauben pflegt. Und der Glaube leistet das darum, er ist darum der
       solide Grund wissenschaftlicher <term key="Freiheit, der Wissenschaft">Freiheit</term>, weil
       er nach der <term key="Synthese">Synthese</term> nicht erst zu fragen hat, weil er weiß, dass
       sie in dem Zusammensein des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> mit der wirklichen
       Welt schon vollzogen ist, so dass der der wirklichen Welt zugewandten<note xml:id="n222">Tskr.: «die der wirklichen Welt zugewandte»; Korrektur durch die Hrsg.</note> Wissenschaft
       eine andere Aufgabe als die der voraussetzungslosen, gänzlich bilderfreien Analyse
       tatsächlich nicht gestellt sein kann und dass eben diese Aufgabe befriedigend genug ist, um
       sich gänzlich von ihr in Anspruch nehmen zu lassen. Die Zeit und die Kraft, der Ernst und die
       Freudigkeit des wissenschaftlichen Menschen werden durch den Glauben frei für diese ihm
       wirklich gestellte Aufgabe. Er wird durch den Glauben bescheiden gemacht und gerade so auf
       zuverlässig festen Boden gestellt werden. Wie ihm das anders als eben durch den Glauben
       widerfahren könnte, das ist allerdings nicht abzusehen.</p>
      <p><pb ed="A" n="893"/> Wir könnten fortfahren und zu zeigen versuchen, wie der Glaube auch der <term key="Glaube, und Technik"><hi rend="italic">Technik</hi></term>, der <term key="Glaube, und Wirtschaft"><hi rend="italic">Wirtschaft</hi></term>, der <term key="Glaube, und Politik"><hi rend="italic">Politik</hi></term>, der <term key="Glaube, und Kunst"><hi rend="italic">Kunst</hi></term> nicht widersteht. Wir können
       hier nur andeuten. Der Glaube macht den Menschen auch in diesen Formen seines Verhaltens und
       Handelns in der Welt frei, indem er ihn von den Bildern zu der wirklichen Welt der echten
       Gegenstände seines Tuns zurückruft. Zum geschöpflichen Sein des Menschen inmitten der <term key="Mensch, Geschöpf unter Geschöpfen">Geschöpfwelt</term> gehört ja nicht nur dies, dass
       er um sie weiß. Sondern es hat sein ganzes Wissen um sie sein Telos darin, dass er in und mit
       ihr lebe: in der Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten, Möglichkeiten und Kräften der
       Natur und der Geschichte, aber auch in deren Betrachtung und Anschauung. In ihr und mit ihr
       zu leben, das schließt aber die Aufgabe in sich, dass der Mensch sich ihr gegenüber zu
       behaupten und abzugrenzen, und wiederum: dass er sich selbst ihr anzupassen sich angesichts
       der ihm durch sie gesetzten Bedingungen rüstig und fähig zu machen, und <pb xml:id="p297" ed="pga"/> wiederum: dass er sie als seinen Lebensraum zu gestalten und zu ordnen hat. Der
       glaubende Mensch wird nicht der letzte, sondern der erste sein, diese Aufgabe und seine <term key="Mensch, Verantwortung">Verantwortlichkeit</term> für deren Ausführung zu anerkennen und
       sie, dem Maß seines Verstehens und Könnens entsprechend, selbst in Angriff zu nehmen. Ihm
       steht die Welt als Gottes Geschöpf, ihm steht also ihre Realisierung und Rechtfertigung durch
       Gott vor Augen. Ihm ist sie das ihm durch seinen eigenen <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> verordnete <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Mitgeschöpf</term>. Er liebt
       es, in seiner Beziehung und Gemeinschaft mit ihr von Gott geliebt zu <term key="Glaube, liebt es von Gott geliebt zu sein">sein</term>. Er kann ihr also nicht
       gleichgültig und noch weniger mutlos und erschrocken gegenüberstehen. Er muss und wird sie
       respektieren, und zwar aktiv respektieren. Er muss seine Gemeinschaft mit ihr, indem er sie
       erkennt, auch ins Werk setzen. Wie würde er sonst glauben, dass er und sie, er mit ihr
       zusammen, von Gott geschaffen ist? |</p>
      <p> Eine für die Wirklichkeit Gottes offene <term ref="kbga-keywords-10">Theologie</term> wird
       also nicht nur eine ebenso offene Welt<hi rend="italic">wissenschaft</hi>, sondern auch eine
       ihr entsprechend offene Welt<hi rend="italic">gestaltung</hi> zur Seite haben müssen. Es wird
       aber hier womöglich noch mehr als bei der <term ref="kbga-keywords-911">Wissenschaft</term>
       Alles darauf ankommen, dass es die wirkliche Welt ist, die dabei des Menschen Gegenüber, den
       Gegenstand seines Werkes bildet. Die Welt der Weltanschauungen ist nicht die wirkliche Welt.
       Es können die <term key="Technik">Technik</term>, die <term ref="kbga-keywords-1306">Wirtschaft</term>, die <term ref="kbga-keywords-382">Politik</term>, die <term ref="kbga-keywords-1171">Kunst</term> im Dienst der <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term> der Weltgestaltung – der [Gestaltung der] <pb ed="A" n="894"/>
       wirklichen Welt nämlich – gerade darum nicht dienen, weil des Menschen Tun dann von
       bestimmten weltfremden Gestalten regiert und dirigiert wird. Es wird sich der von einer
       Weltanschauung besessene Mensch in seinem praktischen Verhalten der Geschöpfwelt gegenüber
       benehmen, als ob er nicht ihr Mitgeschöpf, sondern selber ihr Schöpfer und Herr wäre. Er wird
       ihr also seine eigene Gesinnung aufzudrängen, er wird sie der dieser seiner Gesinnung
       entsprechenden Konzeption zu unterwerfen versuchen. Er wird sich der großen Verwechslung
       schuldig machen, die Regel dieser seiner Gesinnung und Konzeption, seiner eigenen <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzipien</term> und <term key="Weltanschauung, System">Systeme</term> für die <term key="Welt, «Eigengesetzlichkeit»">«Eigengesetzlichkeit»</term>
       der wirklichen Welt zu halten. Und eben auf Grund dieser Verwechslung wird er in einer
       verzauberten <term key="Welt, verzauberte">Welt</term><note xml:id="n223">Vgl. oben, <ref type="pub" target="#fn_n65">Anm. 65</ref>.</note> leben, er wird sich an seinem Werk in
        dieser <pb xml:id="p298" ed="pga"/> Welt abwechselnd berauschen, sofern es ihm scheinbar
       gelingt, sich mit seiner Prätension der Wirklichkeit gegenüber durchzusetzen, und entsetzen,
       sofern ihm das faktisch nie gelingt, sofern nämlich die von ihm verkannte und vergewaltigte
       Geschöpfwelt sich auf allen jenen Gebieten notwendig gegen ihn wenden und ihm eben die Lüge,
       mit der er ihr gegenübergetreten ist, in Form von allen möglichen Greueln zurückgeben wird.
       Und hier, diesen Verwechslungen gegenüber, setzt der Protest des <term key="Glaube, Protest">Glaubens</term> ein. Hier wird der glaubende Mensch von Haus und Grund aus nicht dabei sein
       können. Hier wird ihm, indem er die Wirklichkeit Gottes erkennen darf, auch die Wirklichkeit
       der Welt nicht ganz verborgen sein und ihn auf allen jenen Gebieten und nach allen Seiten zum
       Kämpfer für die <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> machen. |</p>
      <p> Ein von der <term key="Technik">Technik</term> her entworfenes <term key="Welt, Weltbild">Weltbild</term> ist ein Schreckgespenst, das mit der wirklichen Welt zum Glück nichts zu
       tun hat. Man kann aber auch von der <term ref="kbga-keywords-1306">Wirtschaft</term>, von der
        <term ref="kbga-keywords-382">Politik</term>, von der <term ref="kbga-keywords-1171">Kunst</term> her die wirkliche Welt nur verhüllen, um sie dann in einer Schreckgestalt nach
       der anderen auf den Plan zu führen, indem man von ihnen aus Weltbilder entwirft und in Umlauf
       setzt. Mit der erlaubten und gebotenen Arbeit zur Gestaltung der wirklichen Welt, mit der
       Bemühung, sich in ihr zurechtzufinden und sie als Lebensraum zu gewinnen, <pb ed="A" n="895"/>
       sie als solchen zu formen, haben diese Unternehmungen nichts zu tun. Die wirkliche Arbeit,
       die hier zu tun wäre, setzt bei aller fieberhaften Geschäftigkeit, die dann gerade einsetzen
       mag, aus: es herrscht dann in Wahrheit ein geschäftiger Müßiggang<note xml:id="n224">Vgl.
         <bibl corresp="kbga-bibls-5139"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Götz von
         Berlichingen</hi>, 4. Akt (Jaxthausen)</bibl>: «Ach! Schreiben ist geschäftiger Müßiggang,
        […].»</note>, dessen Werke sich notwendig gegen den Menschen richten müssen, so gewiss sie
       schon in ihrem Ansatz gegen Gott gerichtet sind. Was notwendig geschehen müsste, was dem
       Menschen dienen und helfen würde, das geschieht ja dann sicher nicht, sondern in höchster
       Geistesmacht und unter größter Kraftanwendung sicher gerade das, was dem Menschen das Leben
       sofort oder allmählich unmöglich machen muss. Des Menschen natürliches Wollen und Können
       verfängt sich dann. Und die Bestimmungen der verschiedenen Programme überkreuzen sich dann.
       Innere und äußere Konflikte werden dann unvermeidlich. Katastrophen werden dann in umso
       größerem Umfang möglich und wirklich, <pb xml:id="p299" ed="pga"/> als formaler Ernst und
       formale Tüchtigkeit auf allen Seiten – aber eben auf allen Seiten in verkehrten
       Zusammenhängen – auf dem Plane sind. Es kann dann nicht anders sein, als dass die Welt vor
       lauter von allen Seiten höchst konsequent und höchst leidenschaftlich betriebener
       Weltgestaltung zur Hölle wird. Sie kann nichts dafür. Sie ist nicht die Bilderwelt, in der
       dieser Aufruhr herrscht. Es liegt nicht im Wesen der <term key="Technik">Technik</term>, den
       Menschen abwechselnd zum Tyrannen und zum Sklaven zu machen. Es liegt nicht im Wesen der
        <term ref="kbga-keywords-1306">Wirtschaft</term>, Klassenkampf von oben oder von unten zu
       sein. Es liegt nicht im Wesen der <term ref="kbga-keywords-382">Politik</term>, dass sie die
       Kunst gegenseitiger Überlistung und Vergewaltigung sein muss. Es liegt nicht im Wesen der
        <term ref="kbga-keywords-1171">Kunst</term>, die verfälschenden Bilder der Wirklichkeit,
       denen der Mensch ohnehin dient, darüber hinaus auch noch mit der nötigen ästhetischen
       Verklärung zu umgeben. Die wirkliche Welt entspricht durchaus nicht diesem menschlichen
       Verfahren ihr gegenüber, und so könnte auch das menschliche Verfahren ihr gegenüber in allen
       jenen Sparten sehr wohl ein anderes sein. Die wirkliche Welt ist aber bedeckt von der
       Bilderwelt, wo der Mensch sein Wollen und Tun in den Dienst der Bilder zu stellen statt
       seines Glaubens zu leben entschlossen bleibt. In der Höhe hinter den Bildern rasen dann die
       falschen Götter und bewei<pb ed="A" n="896" break="no"/>sen in den Taten ebenso wie in den
       Leiden der Menschen, dass sie für diese leider keine <term key="Götter, Nichtse">Nichtse</term><note xml:id="n225">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n11">Anm. 11</ref>.</note> sind. Wo aber geglaubt wird, da ist die Grenze dieses Zaubers schon
       sichtbar, hat sein Ende schon angefangen. Und wo wach und ernstlich geglaubt wird, wird sich
       das noch mitten im Aufruhr der entfesselten Geister und Elemente schon bemerkbar machen. Der
       Glaube als die Freiheit von den <term key="Glaube, Freiheit von den Weltanschauungen">Weltanschauungen</term> ist die Proklamation der Freiheit von den Irrtümern und
       Verwirrungen, die deren <term key="Weltanschauung, Herrschaft">Herrschaft</term> gerade auf
       den praktischen Gebieten notwendig anrichten muss. |</p>
      <p> Der Glaube ist nicht die Rückkehr zur <term ref="kbga-keywords-328">Natur</term><note xml:id="n226">«Rückkehr zur Natur» oder das Schlagwort «Zurück zur Natur!» / «<foreign xml:lang="fre">Retour à la
        nature</foreign>!» wurde und wird – obwohl es sich bei <persName ref="kbga-actors-1846">Jean Jacques
         Rousseau</persName> nicht wörtlich findet – gern als Quintessenz besonders seines
        Erziehungsromans <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-5183">Emile, ou de l’éducation</bibl></hi> betrachtet (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 259</bibl>); so schon <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>: «Auch ich rede von ‹Rückkehr zur Natur›, obwohl es eigentlich nicht
        ein Zurückgehn, sondern <hi rend="italic">ein Hinaufkommen</hi> ist – hinauf in die hohe,
        freie, selbst furchtbare Natur und Natürlichkeit […]. Aber Rousseau – wohin wollte <hi rend="italic">der</hi> eigentlich zurück?» (<bibl corresp="kbga-bibls-882"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Götzendämmerung oder Wie
          man mit dem Hammer philosophirt</hi>, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15
         Bänden, hrsg. von G Colli / W. Montinari, Bd. 6, München / Berlin 1999, S. 55–162, dort
         S. 150</bibl>).</note>: auch das könnte nur die Parole eines weltanschaulichen Programms
       defaitistischer <pb xml:id="p300" ed="pga"/> Färbung sein, dessen Proklamierung die Lage nur
       noch mehr verwirren könnte. Der Glaube als Akt dankbaren <term key="Glaube, Akt des Gehorsams">Gehorsams</term> gegen den <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> ist vielmehr immer – es handelt sich darum, der Wirklichkeit aktiven und
       nicht nur passiven Respekt entgegenzubringen – die Entscheidung für die <term ref="kbga-keywords-1184">Kultur</term>, aber nun gerade für eine programmfreie,
       unprinzipielle, unsystematische, nur an der Wirklichkeit der Welt (weil zuerst an der
       Wirklichkeit Gottes!) und sonst an gar nichts orientierte Kultur. Der Glaube ist in der <term key="Glaube, ist in der Liebe tätig">Liebe</term> tätig [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.6">Gal. 5,6</ref>] und nicht untätig. Er ist aber auf gar nichts als darauf
       festgelegt, dass die von Gott realisierte und gerechtfertigte Welt dem Menschen als <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Mitgeschöpf</term> gegeben, zu seinem Lebensraum geeignet und
       dass der Mensch zu ihrer Gestaltung berufen und befähigt ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.28">Gen. 1,28</ref>]. Zur Erfüllung dieser mit ihrer und
       seiner <term ref="kbga-keywords-1250">Bestimmung</term> gestellten Aufgabe bedarf der Mensch
       keiner Bilder, keiner <term key="Weltanschauung, Prinzip">Prinzipien</term> und keiner <term key="Weltanschauung, System">Systeme</term>, die ihn vielmehr bei der Erfüllung dieser
       Aufgabe immer nur gestört haben und immer nur stören können. Alle <term key="Technik">Technik</term>, <term ref="kbga-keywords-1306">Wirtschaft</term>, <term ref="kbga-keywords-382">Politik</term> und <term ref="kbga-keywords-1171">Kunst</term> ist
       in dem Maß gesund und brauchbar, als sie sich den <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term> zum Trotz von deren Bildern nicht stören lässt und ihnen zum Trotz
       an die wirkliche Welt gebunden bleibt. Die <term ref="kbga-keywords-186">Güte</term> und
       Geduld <term ref="kbga-keywords-482">Gottes</term> hat es auch hier verhindert, dass der
       Wahnsinn je so groß wurde, wie er es wohl hätte werden können. Fragt man sich unter Menschen,
       was etwa diesen Wahnsinn effektiv aufhalten und brechen könnte, so ist außer dem Glauben nun
       doch nichts zu nennen. Denn in ausschließendem Gegensatz zu den den Wahnsinn verursachenden
        Weltanschau<pb ed="A" n="897" break="no"/>ungen wird außer Gott selbst immer nur der <term key="Glaube, und Weltanschauung">Glaube</term> stehen: sein freies Verhalten und Handeln in
       der Welt. Man lasse ihm freie Bahn! Warum hat man das bis jetzt immer nur in bescheidenen
       Ansätzen tun wollen? Warum hat man zwar zu allen Zeiten geglaubt, um dann doch in der Praxis
       von einer weltanschaulichen Gebundenheit in die andere zu stürzen? Wie meinte man glauben und
       dann sich gerade der aus dem Glauben folgenden wirklichen Weltoffenheit zugunsten irgend
       eines Programms nun doch versagen zu können?</p>
        </div>
        <!-- nächste Seite - "3. Freiheit des Glaubens von Weltanschauung" -->
        <div>
      <p><pb xml:id="p301" ed="pga" rend="noPipe"/> 3. Die Freiheit des Glaubens von den
       Weltanschauungen ist die Freiheit, in der der Mensch dem Menschen Mensch sein kann. Hier
       dürfte die Tragweite der ganzen Entscheidung am deutlichsten werden. Man muss ja wohl sagen:
       Gerade um des Menschen, um seiner <term ref="kbga-keywords-658">Befreiung</term> willen
       widerstrebt der Glaube den Weltanschauungen. Immer der Mensch ist ja der eigentlich Leidende,
       wenn es zu den großen Verdeckungen Gottes und der <term key="Weltanschauung, Verdeckung der Wirklichkeit">Welt</term> kommt. Verdeckt wird dann auch
       und vor allem der Mensch dem Menschen. Wir sahen schon, wie die Proklamation und Durchsetzung
       jeder Weltanschauung die Aufrichtung eines <term key="Weltanschauung, Gesetz">Gesetzes</term>
       bedeutet. Die Wirkung dieses Gesetzes ist tödlich. |</p>
      <p> Keine Weltanschauung erlaubt es dem Menschen, Mensch zu sein. Sie wird ihm vielmehr eine
       Maske vorbinden, ein Kostüm vorschreiben, eine <term key="Mensch, Rolle">Rolle</term> ihm zum
       Auswendiglernen übergeben, in der er seiner selbst verlustig gehen muss, wobei es
       gleichgültig ist, ob sie die Rolle eines Engels oder eines Tiers, eines Tyrannen oder eines
       Sklaven, eines Philosophen oder eines Narren, eines Schwerarbeiters oder eines Bummlers,
       eines Massenmenschen oder eines Individualisten, eines Philisters oder eines Zigeuners, eines
       Optimisten oder eines Kopfhängers, eines Genießers oder eines Asketen, eines Untermenschen
       oder eines Übermenschen ist. Er ist jedenfalls verurteilt, eine Rolle zu spielen, statt dass
       er er selbst sein dürfte. In dieser Rolle kann er begreiflicherweise weder dem wirklichen
       Gott noch der wirklichen Welt gerecht werden, kann er weder einer freien <term ref="kbga-keywords-10">Theologie</term> noch einer freien <term ref="kbga-keywords-911">Weltwissenschaft</term> und Weltgestaltung fähig sein. Der wirkliche Gott und die wirkliche
       Welt können natürlich nur dem wirklichen Menschen sichtbar und bedeutsam werden. Der Mensch
       in der <pb ed="A" n="898"/> Rolle wird ihnen so fremd bleiben, wie sie ihm fremd bleiben
       müssen. Und eben in der Rolle muss und wird vor allem er selber unwirklich und also
       unmenschlich werden: als Mensch sich selber und als Mensch auch seinen Mitmenschen
       unkenntlich. Er wird, in dem Maß, als er wirklich von einer Weltanschauung beherrscht ist,
       vor allem sich selber unkenntlich. Kann er sich selber in seiner Wirklichkeit nicht aufheben
       und beseitigen, so kann er sich doch sich selber gegenüber verleugnen und zum Schatten
       machen, indem er unter das fremde Gesetz tritt, so muss er sich dann beständig unter dieser
       fremden Gestalt sehen, haben, pflegen und betätigen. Er darf nicht mehr zu Worte <pb xml:id="p302" ed="pga"/> kommen; er muss es sich selbst entziehen, sobald er es ergreifen
       möchte. Er ist nicht mehr Herr im eigenen Hause; er selber hat sich ja herausgeworfen und
       muss es immer wieder tun. Er kann nicht mehr leben; er selber hat sich ja dazu verurteilt,
       stattdessen ein Programm auszuführen. Und dabei weiß er im Grunde sehr wohl, dass er sich
       anlügt, dass der, der ihn unter seinem eigenen Namen so behandelt, durchaus nicht er selber
       ist. Dabei steht er dem, der ihn da so wunderlich tyrannisiert und doch er selber sein will,
       bestimmt mit irgend einem Ingrimm oder doch in trauernder Resignation gegenüber und wird es
       nicht unterlassen, ihm Betrug mit Betrug zu vergelten. Er kann nur kranken an sich selber,
       der von einer <term key="Weltanschauung, Herrschaft">Weltanschauung</term> beherrschte
       Mensch, weil er selber, der sich dazu bestimmt und gemacht hat, in Wirklichkeit nicht er
       selber, sondern – ob Übermensch oder Untermensch – ein ihm fremder Unmensch ist. Und in eben
       dem Maß, als er unter dieser Herrschaft steht, wird er natürlich auch den Mitmenschen als
        <term ref="kbga-keywords-800">Mensch</term> unkenntlich werden. Es entsteht nun zunächst im
       Kleinen das, was man die gute oder auch schlechte Gesellschaft nennt, in der niemand sich
       selber zeigen, jeder im Gegenspiel und Zusammenspiel mit den anderen Maskierten und
       Kostümierten sich selber als das Bestimmte nach Leibeskräften geben muss, das er sich selber
       für zugedacht hält, jeder um jeden Preis seinen Platz erhalten und ausfüllen muss, weil die
       Erwartung nun einmal besteht, weil er selbst sich nun einmal darauf festgelegt hat, dass an
       seinem Platz das und das gespielt werden <term key="Mensch, Rolle">müsse</term>. Von daher
        der <pb ed="A" n="899"/> ganze Scheinverkehr, die ganzen Scheingespräche, Scheingegensätze
       und Scheinliebenswürdigkeiten, Scheinvergnügen und Scheinleiden, die ganzen Scheinprobleme
       und <term key="Mensch, Scheinwelt">Scheinlösungen</term> des Umgangs der Menschen
       untereinander, mit denen sie ihre Tage zubringen wie ein Geschwätz [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.90.9">Ps. 90,9</ref>], weil er der Umgang wirklicher Menschen mit
       anderen wirklichen <term ref="kbga-keywords-800">Menschen</term> so gerade nicht sein kann.
       Und das wiederholt sich dann im Großen in der menschlichen <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term>, die darum die Geschichte von so viel Irrtum, Gewalt und Leid ist und
       sein muss, weil es den Menschen unter der Herrschaft der <term key="Weltanschauung, Herrschaft">Weltanschauungen</term> unmöglich gegeben sein kann, als
       wirkliche Menschen neben-, mit- und füreinander zu leben, weil sie unter deren Herrschaft als
       Vertreter von Klassen und Rassen, Nationen, Staatsauffassungen, Wirtschaftsideologien und
       Lebensgefühlen nur gegeneinander stehen, sich gegenseitig <pb xml:id="p303" ed="pga"/> nur zu
       nahe treten und Unrecht tun können, weil sie sich damit als die wirklichen Menschen, die sie
       alle im Grunde sind, gegenseitig voreinander verborgen und verleugnet haben, weil keiner für
       den Anderen zu Hause sein darf: so gewiss er ja tatsächlich auch bei sich selber nicht zu
       Hause ist. |</p>
      <p> Hier erhebt sich der grundsätzliche Widerspruch des <term key="Glaube, und Weltanschauung">Glaubens</term>. Man sieht freilich gerade hier, dass er sehr grundsätzlich sein [muss],
       dass er nicht etwa seinerseits im Namen einer religiösen oder christlichen Weltanschauung
       erhoben werden darf, weil er sonst nur eine neue Maskierung und Kostümierung des <term key="Mensch, Rolle">Menschen</term> bedeuten, die allgemeine Entzweiung nur vermehren,
       vertiefen und verschärfen würde. Es ist bekannt, wie oft das geschehen ist: wie oft sich der
       Mensch vermeintlich gerade um des Glaubens willen sich selbst und dem Mitmenschen
       unmenschlich und also unkenntlich gemacht hat. Der Glaube ist nicht schuld an dieser
       Verwechslung. Er widerstrebt aller, auch der religiösen, auch der christlichen, auch der
       gläubigen Unkenntlichmachung des wirklichen Menschen. Er gibt ihm die <term key="Freiheit, der Ehrlichkeit">Freiheit</term> der Ehrlichkeit. Er erlaubt und gebietet
       ihm, sich jeder Maske und jedes Kostüms zu begeben und zu sich selber und eben damit auch zum
        <term ref="kbga-keywords-800">Mitmenschen</term> zu kommen. Denn eben damit, dass er ihn
       ehrlich macht, gibt er ihn auch dem Mitmenschen zurück. Er öffnet ihn nach innen wie nach
       außen. Er tut das aber, indem <pb ed="A" n="900"/> er ihn zwischen den wirklichen Gott und die
       wirkliche Welt mitten hineinstellt: unter Gott als den Herrn, von dessen <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> er lebt, und vor die Welt, die Gottes Instrument ist ihm
       zugut und in der er seine <term key="Mensch, Gottesliebe">Liebe</term> zu ihm üben und
       betätigen soll. Indem die verschlossenen Türen hier und dort aufgetan werden, können und
       müssen sie auch für ihn selbst aufgehen. Und hier ist nun wirklich nichts zu
       befürchten. |</p>
      <p>Indem der Glaube mit der freien <hi rend="italic">Gnade</hi>
       <term key="Gnade, Gottes frei G.">Gottes</term> anfängt, ist ja gesorgt dafür, dass von einer
       herrenlosen Selbstbehauptung des glaubenden Menschen in dieser <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> keine Rede sein kann. Herrenlose Selbstbehauptung steht am Anfang aller
       Herrschaft der <term key="Weltanschauung, Herrschaft">Weltanschauungen</term>. Von ihr gerade
       befreit der Glaube den Menschen und eben damit dann auch von dem Gesetz, zu dem die Rebellion
       gegen die Gnade ihn unweigerlich führen muss. Das Leben des wirklichen Menschen beginnt genau
       jenseits des Endes seiner herrenlosen Selbstbehauptung. Hier wird er zum Knecht <term key="Mensch, Knecht Gottes">Gottes</term> nicht nur, sondern in der <pb xml:id="p304" ed="pga"/> Liebe zu einem untertänigen Knecht aller <term key="Mensch, Knecht aller Dinge">Dinge</term>.<note xml:id="n227">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1302"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Von der Freiheit eines
          Christenmenschen. 1520</hi>, in: WA 7, 12–38, dort Z. 21,3f.</bibl>: «Eyn Christen mensch
        ist eyn dienstpar knecht aller ding und yderman unterthan.»</note> Hier wird es dann
       allerdings auch wirksam, dass es die <hi rend="italic">freie</hi> Gnade <term ref="kbga-keywords-492">Gottes</term> ist, mit der der Glaube anfängt. Es ist also wahr:
       Hier tritt das Kind in die Spuren des Vaters, das Leben des glaubenden Menschen in Analogie
       zum Leben des Gottes, an den er glaubt. Hier ist er als Geschöpf in der Hand seines <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> frei, d. h. Herr seiner eigenen Möglichkeiten, ein
       freier Herr aller <term key="Mensch, freier Herr aller Dinge">Dinge</term>,<note xml:id="n228"><bibl corresp="kbga-bibls-1302">Vgl. a.a.O., Z. 1f.</bibl>: «Eyn Christen
        mensch ist eyn freyer herr über alle ding und niemandt unterthan.»</note> wie Gott es als
       Schöpfer ist. Hier wird er sich über sich selbst nicht im Unklaren, mit sich selbst nicht
       uneins sein, sich selbst nicht fürchten, nicht verstecken, nicht betrügen müssen. Und von
       hier aus kann er auch seinen <term ref="kbga-keywords-800">Mitmenschen</term> kein Fremder
       bleiben. Von hier aus muss der wirkliche Mensch inmitten des <term key="Mensch, Scheinwelt">Scheins</term> der guten und der bösen Gesellschaft und schließlich auch inmitten der
       heillosen <term key="Mensch, Unruhe">Unruhe</term> und Qual der ganzen menschlichen <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term> ein unverrückbarer Block der <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> und ein unübersehbares Licht des <term ref="kbga-keywords-589">Friedens</term> werden. Es lohnt sich schon zu glauben und damit
       frei zu werden, da das die <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term> des Glaubens ist.
       Es kann nicht anders sein, als dass der Mensch nicht nur Gott, sondern auch sich selbst und
       Anderen angenehm wird, indem er glaubt. |</p>
      <p>Und so vollenden wir jetzt die Reihe, als deren erste Glieder wir die freie <term ref="kbga-keywords-10">Theo<pb ed="A" n="901" break="no"/>logie</term>, die freie <term ref="kbga-keywords-911">Weltwissenschaft</term> und Weltgestaltung genannt haben. Ihr
       letztes Glied ist: der freie <term key="Mensch, freier M.">Mensch</term>. Dass seine und alle
       diese <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> im Streit und umstritten ist, wissen wir
       und braucht, so wahr es ist, jetzt nicht noch einmal unterstrichen zu werden. Es soll jetzt
       vielmehr nur noch dies gesagt sein: dass die kleinste Regung dieser streitenden und
       umstrittenen Freiheit des <term key="Freiheit, des Glaubens">Glaubens</term> unendlich viel
       besser und begehrenswerter ist als die ganze trügerische Tugend, Weisheit, Machtentfaltung in
       der Gefangenschaft unter den <term key="Weltanschauung">Weltanschauungen</term>.</p>
     </div>

    </div>
   </div>
  </body>
 </text>
</TEI>
