§ 43,2 Des Menschen Menschlichkeit
I. Die vollständigen Texteinheiten
§ 43,2 Des Menschen Menschlichkeit
305Das hier wiedergegebene Typoskript1 stammt aus der ersten
Fassung der Anthropologie, die ursprünglich in KD III/1
Im Typoskript erhalten ist vom ursprünglichen § 43 nur dieser zweite Abschnitt, den Barth in der zweiten Hälfte des Wintersemesters 1943/44 im Kolleg vortrug. In ihm greift Barth mehrmals auf den verlorenen ersten Abschnitt «Des Menschen Besonderheit» zurück, etwa auf den dort im zweiten Drittel eingeführten Begriff «Aufgerufensein» sowie auf den im letzten Drittel in fünf Unterpunkten entfalteten Begriff «Verantwortung». Im letzten dieser Punkte und damit am Ende des ganzen Abschnitts § 43,1 nahm Barth das individuelle menschliche Sein in den Blick.5
§ 43,2 Des Menschen Menschlichkeit
306Was ist der Mensch, das menschliche Sein in seiner besonderen Geschöpflichkeit und also in seinem Unterschied zum göttlichen und inmitten alles sonstigen Seins? Das war die Frage, die uns jetzt beschäftigt hat. Unsere Voraussetzung war: der Mensch ist das Wesen, dessen Gott gedacht und sich angenommen, mit dem Gott sich verbündet hat. Von dieser Voraussetzung her haben wir geantwortet: Menschsein heißt Aufgerufensein zur Erkenntnis seiner eigenen Geschöpflichkeit und zur Verantwortung vor seinem Schöpfer, der der Schöpfer des Himmels und der Erde ist. Indem das geschieht, indem der Mensch ist in Gottes Wort, tritt er in die Mitte der ganzen Geschöpfwelt, betätigt und bewährt er seine Besonderheit. Auf die formale Frage: Was ist der Mensch? haben wir uns diese formale Antwort gegeben: Das ist der Mensch, das ist das Besondere seiner Menschlichkeit. Eben in dieser formalen Frage und Antwort verbirgt sich aber unverkennbar ein materiales Problem, das wir als solches ebenso genau ins Auge fassen müssen, wenn wir des Menschen in der Geschöpfwelt wirklich ansichtig werden wollen: Wer ist der Mensch, dessen Sein in jenem Aufgerufensein besteht? oder: Worin besteht das Menschliche, dessen Besonderheit die Betätigung und Bewährung dieses Seins ist? Noch könnte es nach unseren auf der bisher verfolgten Linie angestellten Überlegungen so aussehen, als hätten wir an der entscheidenden Stelle mit einer unbekannten Größe gerechnet, als hätten wir das Seiende, dessen Sein wir umschrieben und das wir «Mensch» genannt haben, bloß supponiert, als sei es noch ungewiss, wie dieses menschliche Sein als Aufgerufensein sich von einer Fiktion unterscheide, weil ja dessen Substrat: das Seiende, der Mensch selber, in jener formalen Definition noch gar nicht sichtbar geworden sei. |
Wir haben die materiale Frage nach dem Menschen selber oder nach der Menschlichkeit als solcher bis jetzt in der Tat mit Bewusstsein fast ganz offen gelassen. Mit Bewusstsein, weil dies eine besondere, eben die materiale Frage ist, deren Beantwortung eine möglichst geschlossene Beantwortung der formalen Frage nach dem Sein jenes Seienden vorangehen musste. 1028 Wir mussten schon wissen, was der ist, nach dem wir nun weiter zu fragen haben. In gänzlicher Geschlossenheit, unter völliger Ignorierung dieser zweiten Frage haben |307 wir aber auch jene erste nicht beantworten können. Ich erinnere an den fünften Punkt unserer Analyse des Begriffs der Verantwortung.6 Auf die Frage: Was ist der Mensch, das Sein in der Verantwortung? mussten wir dort, um vollständig zu sein, zuletzt wohl oder übel antworten: der Einzelne, je Dieser und Dieser, je Ich und Du, je der Mensch selbst, der durch das Wort Gottes in Anspruch genommen und verpflichtet, zur Entsprechung des Wortes Gottes, zu einem gefragten und fragenden Sein gemacht, zur Freiheit berufen ist. Indem wir auch dort auf die formale Frage antworteten, haben wir faktisch schon dort eine materiale Antwort gegeben und das, was jetzt weiter zu sagen ist, wenigstens im Umriss bereits angedeutet. Aber die besondere Frage: Wer ist der Mensch? wer ist der, der im Geschehen jenes Aufgerufenseins zur Selbsterkenntnis und Selbstverantwortung in die Mitte der ganzen Geschöpfwelt tritt? wessen Sein ist dieses Aufgerufensein? kann mit diesem Hinweis nicht erledigt sein. Sie verlangt nach besonderer und ebenso geschlossener Beantwortung.
Es ist selbstverständlich, dass unsere Voraussetzung die gleiche bleibt: wir treiben nach wie vor theologische Anthropologie, d. h. wir fragen nach wie vor und nun erst recht nach dem Menschen, dessen Gott gedenken und sich annehmen, mit dem Gott sich verbinden wollte. Wir denken nach wie vor an das Volk Israel, an Jesus Christus, an seine Kirche. Aus dieser geschichtlichen Auszeichnung des Menschen haben wir nicht nur abzulesen, was, sondern auch wer er ist. Aus der Wirklichkeit, in der Gott sich selbst gerade zu dem seinigen und gerade ihn zum Seinigen gemacht hat, und aus der biblischen Bezeugung dieser Wirklichkeit – aus ihr allein ergibt sich, was es mit jenem bis dahin nur angedeuteten, fast nur supponierten Substrat, mit dem Menschen selber, mit des Menschen Menschlichkeit auf sich hat. Wir können hier noch weniger als zuvor abbiegen zu einer anderen Erkenntnisquelle. Auch diese zweite Frage als solche haben wir nicht erfunden, sondern sie ist uns von dorther ge1029stellt, wo wir auch ihre Beantwortung zu suchen haben. Was es heißt, als Partner im Bund mit Gott geschaffen zu sein, das wissen wir nun. Wer aber ist dieser Partner, den Gott sich eben dazu erschaffen hat, damit er mit |308 ihm im Bunde sei? Dieser materialen Frage lässt sich gerade im Blick auf die Wahrheit des Bundes nicht ausweichen: ihr noch viel weniger als der nun beantworteten formalen Frage. Gerade7 deren nun hinter uns liegende Beantwortung aus der Wirklichkeit des Bundes: Menschsein heißt Aufgerufensein, hängt ja nicht als theoretische Wahrheit irgendwo in der Luft, wie denn auch die biblische Bezeugung jener Wirklichkeit keine theoretische Wahrheitslehre, sondern eben Zeugnis, Verkündigung, Anrede und Appell ist. Gewiss ist jene Antwort und ist ihre biblische Bezeugung Wahrheit, aber Wahrheit, die auf Jemanden zukommt, die Jemanden angeht, die nicht nur von Aufgerufensein redet, sondern Jemanden als den Aufgerufenen meint, ihn als solchen bezeichnet, bestimmt und festhält, die diesen Jemand nötigt, sich selbst als Aufgerufenseienden zu erkennen, zu verantworten, zu verhalten. Dieser Jemand selbst ist aus jener Antwort nicht wegzudenken. Was aus jener Erkenntnisquelle kommt zur Aufklärung über den Menschen, das richtet sich an den Menschen, das ist Erleuchtung des Menschen selber. Was von dorther zu hören ist, das ist grundsätzlich nicht in der dritten, sondern in der zweiten Person gesagt. Hörten wir es nicht so, dann könnte und würde es uns auch über den Menschen nicht unterrichten können. Die entscheidenden, seine Wahrheit als Wahrheit vermittelnden, die eigentlich eröffnenden Momente des Wortes Gottes sind das sprechende Ich Gottes und das angesprochene Du des Menschen. Der Bund Gottes mit dem Menschen ist ja Gottes Geschichte mit dem Menschen, die sich immer wieder darin vollzieht, dass Gott sich selber Ich und den Menschen Du nennt. Das ist der göttliche Aufruf, und im Verhältnis zu diesem Aufruf ist des Menschen Sein, was es ist: ein Aufgerufensein. Eben weil er dieses Geschöpf ist, ist also der Mensch selber der Aufgerufene – wir können schon von da aus eine erste Definition wagen: Gottes geschöpfliches Du. Indem er als Part1030ner im Bunde mit Gott dieses Du zu hören bekommt, wird nämlich offenbar, wer er durch Gott und vor Gott und also in Wahrheit ist, als wen ihn Gott erschaffen hat. Es enthüllt also das Du des ihm im Bunde mit Gott gesagten göttli|309chen Wortes seine geschöpfliche Wirklichkeit. Es offenbart ihn selbst als den Seienden, der jenes Aufgerufenseins teilhaftig ist. Nicht als Er oder Es, nicht als ein ihm gegenüber neutral Seiendes, sondern als sein geschöpfliches Du hat Gott den Menschen gewählt und gewollt, hat er ihn aus dem Nichtsein ins Sein gerufen, hat er ihm seine eigene, von der seinigen verschiedene geschöpfliche, die menschliche Wirklichkeit gegeben. Dass dem so ist, ergibt sich daraus, dass Gott ihn als das anredet. Gott sagt in dieser Anrede, was ist. Gott bestätigt in dieser Anrede die Tat seiner Setzung des Menschen. Gerade der Bund bezeugt auch hier die Schöpfung. Wer ist der Mensch als Gottes Geschöpf? Gott sagt Du zu diesem Geschöpf: das ist das Sichere des Bundes, von dem wir ausgehen. Und eben daraus schließen wir – in der Gewissheit, dass Gott treu ist und also nicht trügen kann: Du bist der Mensch als Gottes Geschöpf. Des Menschen Menschlichkeit besteht darin, dass er Gottes geschöpfliches Du ist.
Man kann diesen Satz dadurch scheinbar verständlicher machen, dass man ihn objektiviert. Man kann nämlich sagen: Der Mensch ist geschöpfliche Person, oder, schon weniger gut, er sei «personhaft» oder «persönlich», er sei oder habe geschöpfliche Persönlichkeit. Man meint damit – vorausgesetzt, dass man das Richtige meint – eben dies, dass der Mensch, indem er von Gott, der sich selbst Ich nennt, als Du angeredet wird, in seinem realen, mit seiner Erschaffung gesetzten Verhältnis zu Gott eben das, nämlich Du und insofern dann auch Ich und so Subjekt seines Erkennens, Wollens und Handelns ist. Der Begriff der Person oder der Persönlichkeit ist also ein Versuch, das Du-Sein des Menschen in seinem Verhältnis zum göttlichen Ich-Sein und sein darauf begründetes eigenes Ich-Sein nun doch auf den Nenner eines sachlich, neutral beschreibenden Begriffs zu bringen. Man muss dann – immer vorausgesetzt, dass man wenigstens das Richtige meint – denselben Begriff auch auf Gott, und zwar primär auf Gott, anwenden, indem man Gott als den, der 1031 zuerst Ich sagt und Ich ist, als die ursprüngliche, schöpferische Person dem Menschen als der durch Gottes Ich angeredeten, weil geschaffenen Person gegenüberstellt. Diese Redeweise wird sich schon als Abkürzung häufig nicht vermeiden lassen. Man wird sich das dadurch nicht notwendig verwehren lassen, dass die Bibel sie nicht kennt. Eine gewisse Warnung ist uns damit doch gegeben. Der Begriff der Person hat schon in der Trinitätslehre und später in der Gotteslehre überhaupt mehr zur Verwirrung als zur Klärung beigetragen.8 Und diejenige Würde, die man ihm speziell in der neueren theologischen Anthropologie |310 weithin gegeben hat,9 verdient er schon gar nicht. Er bedeutet ursprünglich so etwas wie «Maske» und will also sagen, dass das damit bezeichnete Wesen eine eigene, durch das ihm verliehende Gesicht charakterisierte Rolle spiele. Wenn das zur Bezeichnung dessen, was hier vom Menschen zu sagen ist, allenfalls durchgehen möchte, so kann es doch zu diesem Zweck gerade in der theologischen Anthropologie von ferne nicht genügen: Das Du-Sein des Menschen ist nun einmal keine ihm bloß übertragene Rolle, sondern gerade Du und dementsprechend dann auch Ich ist er selbst – und das ohne alle Möglichkeit, sich hinter irgend einer Maske zu verbergen –, so gewiss er von Gott als Du angeredet wird und so gewiss Gott die Wahrheit redet. Gerade die uns so geläufigen Begriffe «persönlich» oder «personhaft» sind schon darum (wie der Begriff «verantwortlich») mindestens höchst erläuterungsbedürftig, weil sie Adjektive sind und also nicht verraten, sondern eher verhüllen, dass das Gemeinte keine Eigenschaft, sondern schlechterdings das Subjekt Mensch als solches ist. Es ist aber noch grundsätzlicher zu fragen, ob es überhaupt gut ist, gerade das, worin der Mensch nun wirklich nicht neutral, keine Sache, gerade das, dass er von Gott her und durch Gott er selber ist, nun doch mit einem neutralen sachlichen Ausdruck bezeichnen, gerade das nun doch objektivieren zu wollen. Es wird vielmehr, auch wenn Rigorosität hier nicht am Platze wäre, gut sein, diesen Ausdruck so weit als möglich zu vermeiden oder doch zurückzudrängen, ihn jedenfalls nicht zu gebrauchen, ohne ihn von dem her, 1032 was damit allein gemeint sein kann, zu interpretieren.
Der Mensch ist Gottes geschöpfliches Du. Das ist seine Menschlichkeit. Das ist er selber, der Aufgerufene. Indem wir ihn Gottes geschöpfliches Du nennen, haben wir ihn unterschieden von einem anderen, dem göttlichen
Du seines Schöpfers. Gott nennt den Menschen Du, weil er sein Du ist,
weil er ihn als sein Du erschaffen hat. Er10 hat
ihn aber darum und daraufhin als sein Du erschaffen, weil er selbst, der ihm als Ich
gegenübertritt und als Schöpfer ursprünglich gegenübersteht, nicht nur Ich, sondern auch Du
ist. Gott ist in sich selber und nicht erst im Gegenüber zu seinem Geschöpf die ewige Liebe
des |311 Vaters zum Sohne, des Sohnes zum Vater im Heiligen Geist. Gott redet sein Wort
nicht erst seit der Schöpfung und nicht nur innerhalb der Zeit seiner Geschöpfwelt, sondern
vor dieser und über ihr und nach ihr zu sich selber, zu seiner Zeit. Er war auch abgesehen von
seinem Geschöpf nie einsam; er ist es nicht; er wird es nie sein. Sein Zusammensein mit dem
Geschöpf entspringt nicht seinem Bedürfnis nach einem Anderen als seinem Partner, es
entspringt seiner Freiheit, dem Überfluss seiner ewigen Liebe. Gott hat die Fülle aller Andersheit in
seinem eigenen Wesen, bevor er sie außer sich hat. Er ist auch Du in sich selber. Sagt er Du
zu einem geschöpflichen Sein, indem er es als sein Du erschaffen hat, so ist dieses Du kein
Neues und Fremdes für ihn, so wiederholt er gerade in diesem Du sich selber: nun aber außer
sich selbst, nun in der von ihm verschiedenen Wirklichkeit. Der Mensch wäre nicht Du, wenn
Gott selbst es nicht zuerst wäre: eben er, der ihn als Ich anredet und ihm als Ich
gegenübersteht. Eben dieser hat ihn daraufhin zum Du geschaffen, dass er selber zuerst Du ist.
Er schuf den Menschen nicht nach einem fremden, sondern nach seinem eigenen
Bilde [vgl.
Indem er Gottes geschöpfliches Du und als solches Gottes Ebenbild ist, ist darüber entschieden, dass er auch geschöpfliches Ich ist. Man bemerke: er ist zuerst und vor allem Du. In der theologischen Grammatik ist das Du und nicht das Ich die erste Person. Auch Gott selbst ist darin Ich, dass er ein Du hat, der Vater den Sohn, der Sohn den Vater. In diesen Relationen ist er das Ich der ewigen Liebe. So ist auch der Mensch darum und darin Ich, dass er von Gott als Du angeredet, weil als Gottes geschöpfliches Du geschaffen ist. Als dieses Objekt ist er Subjekt. So gesetzt kann und wird er sich selbst setzen. Aber in der Tat: 1034 als dieses Objekt ist er auch Subjekt; indem er Du ist, ist er auch Ich, das Gott gegenüber für sich ist, das auf Gottes Du von seiner Seite mit Du zu antworten in der Lage und aufgerufen ist. Wir behaupten das nicht auf Grund einer allgemeinen Erwägung des Verhältnisses von Du und Ich, wir behaupten es im Blick darauf, dass Gott den Menschen nach seinem eigenen Bild zum Du geschaffen hat. Weil das göttliche Du auch Ich und weil dieses göttliche Du das Urbild des Menschen ist, darum ist auch der Mensch nicht nur Du, sondern auch Ich. Es ist seine Gottebenbildlichkeit, die an zweiter Stelle auch das nach sich zieht und in sich schließt. Gottes unbegreiflicher Gnade verdankt er auch das, dass er wie Gott Ich sagt und Ich ist, als sein Geschöpf, an seiner Stelle und in seiner Weise auch Ich sagen und sein und als solches seinerseits zu Gott Du sagen kann.
Das also ist der Mensch – unsere Definition hat sich jetzt etwas erweitert –: Gottes geschöpfliches Du, das als solches auch geschöpfliches Ich ist. Das ist die Menschlichkeit, in der er von Gott aufgerufen ist zur Erkenntnis seiner Geschöpflichkeit und zur Verantwortung – die Menschlichkeit, in der er befähigt ist, mit Gott im Bunde zu stehen, Partner dieses Bundes zu sein. Der Mensch ist nur geschöpfliches Du: |313 damit ist er von Gott unterschieden, ihm ursprünglich und endgültig gegenübergestellt. Er ist aber Du: er steht Gott als ein solches Wesen gegenüber, mit dem dieser redet und umgeht, wie er es mit sich selber tut. Er ist nur geschöpfliches Ich: er ist es allein kraft der Folgerichtigkeit der Gnade, in welcher ihm Gott diese ganze Ähnlichkeit mit ihm selber gewähren will. Er ist aber Ich: darin ist er ein solches Wesen, das Gottes Rede und Umgang mit ihm aufnehmen und erwidern, dessen Sein ein Sein in der Erkenntnis seiner Geschöpflichkeit und in der Verantwortung vor Gott sein kann. Das ist der Ort und das ist die Art des Menschen, wie sie sich aus der Aufrichtung und Erhaltung des Bundes zwischen Gott und ihm ergeben, wie sie die notwendige Voraussetzung seiner Teilnahme an diesem Bunde sind. Der Mensch ist darin so wenig neutral wie Gott selbst, er ist darin kein bloßes Es, sondern eben Er, der Mensch, dass er inmitten der Geschöpfwelt Gottes Du und als solches auch Ich ist. 1035 Darauf begründet sich seine Menschlichkeit. Darin hat, d. h. darin betätigt er sie. Darum, weil er Du und Ich ist, kann er von Gott in Anspruch genommen und verpflichtet sein, kann sein Sein zu einer Entsprechung des Wortes Gottes, kann es gefragtes und fragendes Sein werden, kann es frei sein. Darin unterscheidet sich vor allem seine Einzelnheit von der Individualität, die ja auch den einzelnen Wesen der ihn umgebenden sonstigen Geschöpfwelt bis herunter zur Individualität jeder Mücke und jedes Blattes an jedem Baum eigentümlich ist. Wir wissen nicht, ob solche Individualität auch dort ein entsprechendes Geheimnis in sich schließt. Wir wissen aber, dass jedenfalls die menschliche Individualität das tut: der Mensch ist Einzelner, je dieser und dieser Mensch, indem er Du und Ich ist – zuerst Du und dann als solches auch Ich. Und indem er11 dies ist: Du und Ich, ist er11 Gottes geschöpfliches Ebenbild, sofern eben das Du- und Ichsein das Wesen der göttlichen Liebe und also das göttliche Wesen selber ist. Indem auch der Mensch Du und Ich ist, wiederholt und bestätigt er inmitten der Geschöpfwelt das Geheimnis der Relationen des göttlichen Seins. Eben darin besteht sein eigenes Geheimnis. Und eben darin besteht seine Eignung zur Gemeinschaft mit dem göttlichen Sein, die im Bunde Ereignis wird. |314 Eben durch diese Gnade seiner besonderen Erschaffung zu Gottes Ebenbild wird es möglich, dass Gott mit ihm und er mit Gott so redet und umgeht, wie es im Bunde Gottes mit ihm geschichtliche Wirklichkeit wird. Die Gnade dieser seiner gottebenbildlichen Natur ist die in dieser Wirklichkeit vorausgesetzte und Ereignis werdende Möglichkeit.
Aber nun ist das alles doch erst Prolegomenon zu der auf die Frage: Wer ist der Mensch? zu gebenden eigentlichen Antwort.
1036 Wenn es
Des Menschen Schöpfer ist darin Gott, ist darin die ewige Liebe, dass er in und durch sich selber Du und Ich ist. Er ist es in Freiheit. Er ist es in Souveränität und Majestät. Er ist es a se. Das will sagen: er bedarf dazu keines Anderen, keines Gegenüber, keines Zweiten seinesgleichen, das ihn als solches zum Du und damit dann auch zum Ich erst machen, das ihm diesen seinen «persönlichen» Charakter erst verschaffen müsste. Er bedarf dazu keiner Hilfe von außen. Er bedarf keines fremden Beistandes, um Er zu sein. Er ist Er. Er konstituiert sich selber. Er ist seine eigene Geschichte zu seiner Zeit, indem er von Ewigkeit zu Ewigkeit der Vater und der Sohn ist im Heiligen Geiste. Er wird nicht darum zum Schöpfer einer von ihm verschiedenen Wirklichkeit und er wird nicht darum zum Herrn einer in der geschaffenen Zeit sich abspielenden Geschichte, weil er sich selbst nicht genügte. Er wird es im Überströmen seiner eigenen Seligkeit und |315 Herrlichkeit, die nicht gemindert wäre, auch wenn er das nicht würde. Er genügt sich selber als Du und also auch dazu, Ich zu sein. Er braucht sein Du nicht erst zu suchen, ihm braucht es nicht erst zu begegnen, ihm kann es nie fehlen und eben darum auch dies nicht, 1037 dass er ursprünglich und wahrhaft Ich ist. Er hat die Fülle der Andersheit in sich selber und eben damit auch die Fülle der Eigenheit durch sich selber, indem er aus sich selber auch die Fülle der Gemeinschaft ist. Er ist selbst sein Zweiter und so sein Erster: der Vater dem Sohne, der Sohn dem Vater, indem er sich selbst als der Heilige Geist auch der Dritte ist. Er ist in diesen Relationen seines eigenen dreieinigen Wesens. Das ist die Art Gottes, Du und Ich zu sein.
Wenn12 nun die Gottebenbildlichkeit des Menschen dies bedeuten würde, dass er so Du und Ich sei, wie Gott es ist, dann wäre auf die Frage: Wer ist der Mensch? folgende Antwort zu geben: Es müsste dann dieses zweite, geschaffene Du und Ich jenem göttlichen zwar in numerischer Verschiedenheit nicht nur, sondern auch in völliger Unterordnung und Abhängigkeit gegenüberstehen. Es wäre ja eben durch jenes geschaffen. Es wäre also ganz von jenem her, ganz auf jenes bezogen. Ganz und allein Gott hätte es als Du gewollt und gesetzt, und ganz allein indem Gott es als solches anspräche, würde es sich als solches erkennen. Und wieder ganz allein auf Grund der Schöpfung und Offenbarung Gottes könnte es auch Ich sein und sich als solches behaupten. Es wäre aber eben dieses sein unmittelbares Sein von Gott her nun doch die einzige Grenze, Bedingung und Bestimmung seines Du- und Ich-Seins. Innerhalb dieser Grenze wäre auch es souverän und majestätisch. Unmittelbar von Gott her wäre es auch unmittelbar zu Gott hin. In dem durch seine Geschöpflichkeit und also durch seine Abhängigkeit von Gott umschränkten Raum bedürfte auch es keines Anderen, keines Gegenüber, keines Zweiten seinesgleichen. Es bedürfte wohl Gottes, aber außer Gott keiner Hilfe und keines Beistandes. Der Mensch wäre in diesem Raum durch sich selbst, was er ist, wie Gott es in dem seinigen ist. Immer unter der Voraussetzung, dass er durch Gott dazu bevollmächtigt, d. h. durch Gott als Ich und Du konstituiert ist, würde [er] sich nun doch ohne Hinzutritt eines Dritten selber konstituieren. Er würde sich selbst an |316 seinem Ort ebenso genügen wie Gott an dem seinigen. Er wäre seine eigene Geschichte zu seiner Zeit, wie Gott es in Ewigkeit ist. Ihm mangelte, indem 1038 Gott ihn zum Du geschaffen und als solches anredete, kein anderes Du. Er wäre sich selber Du und Ich zugleich und hätte als solches nicht seinesgleichen. Nur dass er durch Gott ist, was er ist, bliebe vorbehalten. Und eben damit, dass er sich selber Du und Ich ist, würde er dann auch diesen Vorbehalt und also seinem Schöpfer Genüge leisten. Wenn die Erkenntnis seiner Geschöpflichkeit dann wohl darin bestehen müsste, dass er sich diesen Vorbehalt und also seine Bedingtheit durch Gott als das Urbild seines eigenen Du- und Ichseins immer wieder vor Augen zu halten hätte, so könnte doch seine Verantwortung vor ihm nur darin bestehen, dass er diesem Urbild gemäß nun wirklich immer wieder durch und in sich selber Gottes Du und damit Ich wäre. Er könnte seine Beanspruchung und Verpflichtung durch Gott und für Gott nur darin sehen, dass er es Gott in sich und für sich in jenem freien und seligen Selbstgenügen gleichzutun habe. Er könnte sich selbst nur damit zur Entsprechung des Wortes Gottes hergeben und darstellen, dass er seiner ihm durch Gottes Gnade verliehenen Natur getreu wäre; denn eben diese seine Natur als solche wäre dann offenbar die Fülle dieser Gnade; sie selbst und als solche wäre dann das Wort Gottes, durch das und in dem der Mensch ist. Er könnte praktisch wiederum nur nach sich selbst fragen und gefragt sein. Seine Freiheit bestünde nur darin, sich selbst zu wählen und zu wollen. Und nicht nur als Einzelner, sondern als ein Einziger würde er dann sein in solcher Verantwortung: der Einzelne je für sich, und auch wenn es viele solcher Einzelner geben sollte, ein jeder Einzelne für sich, als ob es keine Anderen gäbe, als ob er der Einzige wäre. Das ist es, was die Gottebenbildlichkeit des Menschen notwendig bedeuten müsste, wenn sie darin bestünde, dass der Mensch so Du und Ich ist, wie Gott es ist.
Die Voraussetzung13, dass sie wirklich darin bestehe, ist die Voraussetzung aller mystischen Anthropologie. Auch die Mystik beginnt jedenfalls nie damit, dass sie die Kreaturgrenze leugnet und aufhebt. Sie beginnt vielmehr regelmäßig mit der Anerkennung der numerischen Verschiedenheit von Schöpfer |317 und Geschöpf, ja mit der Unter1039streichung des unendlichen Abstandes zwischen beiden und also der schlechthinnigen Abhängigkeit14 des Menschen von Gott. Sie weiß und betont, dass der Mensch allein durch Gott und ohne Gott nichts ist. Sie weiß wohl und sie kann es auch meisterhaft sagen, wie der Mensch allein dadurch Ich wird, dass Gott ihn als sein Du setzt und anredet, wie sein Ich allein damit Bestand haben kann, dass es sich als das Ich dieses von Gott gesetzten und angeredeten Du verhält. Das ist aber das Eigentümliche der mystischen Anthropologie, dass sie das menschliche Du- und Ichsein nicht nur als unmittelbar von Gott her, sondern auch als unmittelbar zu Gott hin versteht, und das eben darum, weil sie seine Gottebenbildlichkeit bei aller vorläufigen Hervorhebung der Kreaturgrenze und also der numerischen Verschiedenheit von Schöpfer und Geschöpf nun doch als Gottgleichheit versteht. Sie schreibt nämlich dem Menschen ein der Art nach gleiches Du- und Ichsein zu wie Gott selber. Sie rechnet nicht damit, dass er in seinem, dem geschöpflichen Raum eines Anderen, eines Zweiten, eines Gegenübers real bedürfe, um Du und Ich zu sein. Sie kennt nicht seinesgleichen neben ihm. Sie sieht ihn vielmehr umgeben von lauter schweigender und für sein Du- und Ichsein real uninteressanter, von einer ihm hinsichtlich dieser seiner Natur überflüssigen Mitkreatur. Sie sagt von ihm, dass er wohl Gottes bedürfe, im Übrigen aber wie Gott sich selbst zu genügen, sich selbst Alles zu sein in der Lage sei. Sie verweist ihn wohl theoretisch auf Gott; sie kann ihn aber praktisch nur auf sich selbst verweisen. Gott selbst als das schöpferische Sein ist ja zu hoch und zu fern, als dass der Mensch sich praktisch an ihn in seiner reinen Gottheit als an das Urbild seines eigenen Seins halten könnte. Es ist ihm aber auch nicht nötig, sich in diesem Sinn an Gott selbst zu halten. Jener hohe und ferne Gott hat ja im Menschen selbst das ihm gleiche Wesen. Die Mitkreatur wiederum ist stumm und uninteressant; sie hat ihm hinsichtlich seines Menschseins nichts zu sagen und nichts zu bieten. Es ist aber auch nicht nötig, dass sie das tue, weil der Mensch selbst als Gott gleiches Wesen in der Lage ist, sich selber Alles zu sa1040gen und zu bieten, dessen er bedürftig ist. So kann als praktische Form der Hinkehr zu Gott wirklich nur die Abkehr von allen anderen Kreaturen15 |318 und positiv die Einkehr des Menschen bei sich selbst übrig bleiben. So betätige ich meine Gemeinschaft mit Gott und so erfülle ich den Sinn meines Menschseins, so kehre ich, wenn ich Gott und mein Menschsein vergessen und verlassen haben sollte, zu beiden, zu Gott und zu mir selbst zurück, indem ich, von Gott selbst ihm gleich geschaffen, in die Zwiesprache und in den Verkehr mit mir selbst eintrete und eben darin verharre. Indem ich bei mir selbst bin, bin ich auch bei Gott, wie eben Gott selbst Gott ist, indem er bei sich selbst ist. Mag mir, was außer mir ist, als Bild und Gleichnis des unaussprechlichen Friedens meiner Gemeinschaft mit Gott nützlich und erfreulich sein. Mag es mir erlaubt und geboten sein, in der Weise bei mir selbst zu sein, dass ich immer wieder von mir selbst ausgehe zu jenen Bildern und Gleichnissen, um eben von ihnen immer wieder zu mir selbst zurückzukehren. Es bleibt mir doch Alles, was außer mir ist, grundsätzlich entbehrlich, und ich muss es auch praktisch und faktisch entbehren können. Alles, was außer mir ist, ist ja nur Bild und Gleichnis. Bilder und Gleichnisse aber sind nur geschöpflich. Sie können mir darum jenen Frieden der Gottesgemeinschaft selbst und als solchen wohl andeuten, aber weder wirklich zeigen noch geben, wie sie ihn mir letztlich auch nicht verhüllen und nehmen können. Sie sind überdies vergänglich, wie alles Geschöpfliche vergänglich ist. Ich muss also jederzeit damit rechnen, sie wieder zu verlieren, wie nützlich und erfreulich sie mir auch noch eben gewesen sein mögen. Ein Bild aber ist nicht nur Bild, ein Gleichnis nicht nur Gleichnis, und das bin ich selber als die wegen ihrer Gottgleichheit unerschütterliche und unzweideutige Einheit von Du und Ich. In ihr habe ich es als in einem vollkommenen Spiegel mit dem hohen und fernen Gott selbst zu tun. Ihr gerecht zu werden bin ich in Anspruch genommen und verpflichtet. Indem ich ihr gerecht werde, bin ich die Entsprechung des Wortes Gottes. Von ihr her bin ich 1041 gefragt und frage ich mich selbst. In ihr bin ich frei. In ihr bin ich dieser und dieser einzelne Mensch vor Gott und für Gott, ich selbst: der Einzelne, der für mich auch der Einzige ist.
Wir müssen uns, um weiter klar zu sehen, die Konsequenzen vor Augen halten, die dann unvermeidlich wären, wenn diese Voraussetzung zuträfe, wenn es sich wirklich so verhielte, dass des Menschen Gottebenbildlichkeit seine Gottgleichheit bedeutete. Das Bestehen einer eigentlichen Konkurrenz zwischen ihm und seinem Schöpfer wäre dann offenbar schon theoretisch schwer und praktisch wohl gar nicht zu leugnen. Er wäre ja dann unverkennbar so etwas wie ein zweiter Gott: merkwürdigerweise in die Schranken der Geschöpflich|319keit gebannt, widerspruchsvollerweise von seinem Schöpfer schlechthin abhängig, aber gerade seiner Natur nach ihm gleich, eine Wiederholung seines Seins als die freie Liebe, die in und durch sich selber selig ist.16 Man frage sich, ob es dann, wenn der Mensch dies wäre, noch eine reale Bedeutung haben, ob es dann nicht ein bloßer Vorbehalt ohne innere Tragweite sein sollte, daran festzuhalten, dass er seinen Schöpfer über sich, dass er in der Hinkehr zu ihm sein eigenes Sein zu verwirklichen habe. Was heißt dann «über sich», was heißt dann «Hinkehr», wenn dieser Andere, auch wenn ich ihm den Namen Gott gebe, auch wenn ich mir nicht anmaße, mir selbst diesen Namen zu geben, keine andere Art als eben die meine hat, weil er mir, indem er mich schuf, die seinige mitgeteilt hat? Was heißt «zu Gott hin», wenn unser Sein zu Gott hin ein unmittelbares ist? Bedeutete die mir verliehene Gottebenbildlichkeit, wenn sie dieses mein unmittelbares Sein zu Gott hin bedeutete, nicht mindestens notwendig, dass der Schöpfer mir gegenüber abgedankt, d. h. auf ein weiteres Handeln mir gegenüber verzichtet hat, dass er mich an meinem geschöpflichen Ort sein eigenes, das göttliche Werk auf eigene Faust tun heißt? Was soll die Doppelheit des Verhältnisses des Menschen zu Gott und seines Verhältnisses zu sich selbst, wenn ich faktisch und praktisch eben in meinem Verhältnis zu mir selbst mein Verhältnis zu Gott zu verwirklichen habe? Und müsste mit der mir verliehenen Gott1042 ^@+ebenbildichkeit, wenn sie dies bedeuten würde, nicht nun doch auch der Vorbehalt der Kreaturgrenze und also des numerischen Unterschiedes von Schöpfer und Geschöpf früher oder später ins Wanken kommen? Ist er nicht von Haus aus erschüttert und aufgehoben, kann er überhaupt geltend gemacht werden, wenn der Mensch Gott gleich [ist], d. h. wenn er gleich Gott sich selber als Du und Ich zu genügen vermag? Sollte ein Gott Gleiches von Gott selbst numerisch verschieden sein können? Wer kann Gott gleich sein außer Gott selber? Was soll letztlich auch die Doppelheit von Gott und Mensch und was die Erinnerung an des Menschen Schöpfung durch Gott, wenn der Mensch so Du und Ich ist wie Gott, wenn er gerade in dem, was das innerste Wesen Gottes, sein Sein als Vater und Sohn durch den Heiligen Geist ausmacht, Gott gleich ist? Ist Schöpfung dann mehr als ein |320 unzutreffendes Wort für die Zeugung und für das Erzeugtsein des Sohnes durch den Vater? Ist der Mensch dann real etwas Anderes als in den göttlichen Relationen und also als der Vater und der Sohn und in seinem Geist, der die Einheit beider vollzieht, auch der Heilige Geist? Kann man auch nur sagen, dass das so weitreichende Konsequenzen seien, dass sie dem Menschen praktisch auch verborgen bleiben könnten? Könnte er sich wirklich verwahren dagegen, sie zu ziehen? Hat es damit seine Richtigkeit, dass er Gott der Art nach gleich ist, dann ist doch schwer abzusehen, inwiefern ihm diese Konsequenzen verborgen bleiben könnten, inwiefern er sich nicht früher oder später zu ihnen bekennen müsste. Ist er Gott darin gleich, dass er [und]17 wie er durch sich selbst Du und Ich ist, dann muss er ihm doch wohl auch darin gleich sein, dass er um sich selbst und also um seine eigene Gottheit weiß. Eine andere Konsequenz kann ihm aber auf keinen Fall verborgen, sondern muss ihm, wenn jene Voraussetzung zutrifft, sofort und ohne weiteres offenbar sein: die nämlich, dass er, indem er als Du und Ich Gott gleich und auf sich selbst gestellt ist, nun auch wirklich auf sich selbst zu stehen hat. Er hat dann wirklich nicht seinesgleichen, der ihm Hilfe und Beistand sein könnte, er muss nun wirklich ohne einen Anderen auskommen. Ein wirklich Anderer kann ihm ja auch Gott, indem ihn dieser sich selbst gleich ge1043 ^@+macht hat, nicht sein. Er muss sich nun, indem er an seinem Ort Gott gleich ist, damit abfinden, sich selbst auch der Andere zu sein. Er muss nun sich selber bezeugen und garantieren, dass er Du und damit Ich und also Mensch ist. Gott hat ihm, indem er ihn als Menschen schuf, als ein solches Wesen entlassen und verlassen, das dieses Zeugnisses und dieser Garantie fähig, das aber eben auf dieses Zeugnis und diese Garantie nun auch tatsächlich angewiesen ist. Er kann sich wohl an Gott halten als an den, der ihn als dieses Wesen geschaffen, der ihm also ursprünglicher Zeuge und Garant seines Menschseins ist. Aber eben an Gott kann er sich ja nur halten, indem er sich an sich selber hält. Er muss es nun übernehmen und aushalten, an seinem Ort in der |321 Einzigkeit Gottes zu existieren. Das kann eine unheimliche Erhöhung des Menschen bedeuten, aber auch eine fürchterliche Verlorenheit. Das kann von seiner Seite als frevelhafter Hochmut in die Erscheinung treten; das kann aber auch bedeuten, dass er in die tiefste Besorgnis und Verzweiflung versinken muss. Eines ist dann wohl nicht besser als das Andere, und ungut ist dann wohl auch die Resignation, in der er die Mitte zwischen beiden halten könnte und möchte. |
Denn es ist offenbar so oder so eine gefährliche Sache, Mensch zu sein und nun doch die Rolle Gottes spielen, ja wirklich das Werk Gottes tun zu sollen. Der Vorbehalt möchte ja gelten, wie er kann und mag: dass Gott auch immer noch außer und über ihm Gott sei. Er möchte dann wohl als Quelle des Trostes und der Weisung, der Disziplin und der Ermutigung des an seinem Ort so einzigen Menschen aufs Neue hervorgeholt und zur Geltung gebracht werden. Aber wie soll er nun eigentlich zur Geltung kommen? Wie soll Gott dem ihm gleichen Menschen zu Hilfe kommen? Sollte er dann, wenn er Gott wirklich gleich wäre, nicht gerade der göttlichen Hilfe unzugänglich geworden sein? Was kann ihm gerade Gott noch sagen oder bieten, nachdem er ihn sich selbst gleich gemacht – in der Gefahr, in der er sich eben deswegen befindet, weil er es Gott gleich tun sollte und nun doch nur der Mensch ist, dem es auf dieser Höhe schwindeln und der unter die 1044 ser Last zusammenbrechen muss? |
Die Geschichte eines Gnadenbundes zwischen Gott und
diesem Menschen ist in sich unmöglich. Denn was soll überhaupt geschehen zwischen Gott und dem Menschen, wenn er diesen so geschaffen hat, dass er
ihm gar nichts mehr zu sagen und zu bieten hat, weil ja eben sein eigenstes Innerstes, seine
freie Liebe, auch das Wesen des Menschen, wenn der Mensch nun eben darauf angewiesen ist, auf
eigene Faust und von sich aus aus diesem göttlichen Innersten heraus zu leben? Und die
Geschichte eines Gnadenbundes
könnte die Geschichte zwischen Gott und diesem Menschen, auch wenn sie als Geschichte möglich
wäre, schon gar nicht sein. Gnade gibt es nicht zwischen Gleichen, sondern nur zwischen
Ungleichen. Gnade Gottes für den Menschen müsste zum
vornherein dies ausschließen und beseitigen, dass der Mensch Gott gleich, dass er an seinem
geschöpflichen Ort der Art des Schöpfers teilhaftig ist. Gnade müsste ihn vor allem und
zuerst nicht in die unentrinnbare Gefahr versetzt haben, die diese |322 Gottgleichheit für ihn bedeutet. Hat Gott das nicht getan, wie soll er dem Menschen dann
gnädig sein? Wie soll er ihm gnädig sein, wenn gerade die Gnade seiner Schöpfung darin
bestanden hat, dass er ihn in jene unentrinnbare Gefahr versetzte? Jesus Christus als Versöhner zwischen Gott und Mensch ist überflüssig und
unmöglich zugleich, wenn jene Voraussetzung gilt: überflüssig, weil der Mensch ja als solcher
ohnehin Gott gleich ist – und unmöglich, weil er als solcher in unvermeidlicher Konkurrenz
mit Gott und also sich in einem Zustand befindet, in welchem er durch einen Mittler ebensowenig wie durch Gott selbst mit Gott versöhnt
werden kann. Hat ihn aber Gott so geschaffen, dass er ihm unmöglich gnädig sein kann, dass
ein Bund, eine Versöhnung
zwischen Gott und ihm zum vornherein ausgeschlossen ist, kann auch Jesus Christus ihm nur
bestätigen, was er aus und durch sich selbst ist und als was er sich aus und durch sich
selbst zu betätigen hat – was soll dann in jener Gefahr, unter dem Fluch jenes Anspruchs und
jener Last, denen er nicht gewachsen sein kann, in jener Mitte zwischen Hochmut und Verzweiflung,
aus ihm werden? Wie soll er da bestehen? Wie soll er da auch nur einen Augen|1045|blick
existieren können? Wäre das gerade die Gnade seiner Schöpfung, dass er wäre wie Gott [vgl.
Man kann nur spielen mit diesem Gedanken. Man kann ihn nicht vollziehen. Man würde wohl sofort des zeitlichen und ewigen Todes sterben, wenn man auch nur diesen Gedanken vollziehen könnte. In diesem Gedanken wenigstens würde ja dann dieses Furchtbare wirklich sein: ein vor Gott unmögliches Sein und dessen gnadenlose Verdammnis, ein Anfang, der sofort sein |323 Ende in Schrecken sein müsste. Man kann freilich auch diesen Gedanken nicht vollziehen. Man kann nur spielen damit. Aber auch das ist schlimm genug. Man spielt dann mit dem ewigen Feuer. Die Mystik spielt mit diesem Gedanken. Wir sahen: sie beginnt sicher nie mit der Leugnung der Kreaturgrenze, sondern so oder so sicher vielmehr mit der Beteuerung des unendlichen Abstandes zwischen Gott und dem Menschen.
Noch scheint Alles in Ordnung zu sein. Die Mystik fährt aber fort mit der Feststellung, dass der Mensch diesseits der Kreaturgrenze außer Gott keinen Anderen habe und auch keines Anderen bedürfe, sondern eben in seinem Verhältnis zu Gott als seinem einzigen wirklichen Verhältnis sich selber zu genügen aufgefordert und in der Lage sei. 1046 Sie fährt fort mit der Proklamation des Menschen selbst als des einen einzigen wesentlichen Bildes und Gleichnisses der Gottheit. Sie fährt eben darum fort mit der Anweisung, dass seine Hinkehr zu Gott sich als seine Einkehr zu sich selbst zu vollziehen habe. Eben damit befindet sie sich aber mindestens in unaufhaltsamer Annäherung zu einer Konkurrenz des Menschen mit Gott. Gerade indem Gott dem Menschen so unerreichbar hoch und fern gegenübersteht, um nun doch im Menschen ein in sich vollkommenes Ebenbild seiner eigenen Selbstgenugsamkeit und Seligkeit zu haben, kann es nicht anders sein, als dass dieser – wenn auch im Diesseits der Geschöpflichkeit und also in den Schranken der Zeit und einer endlichen Seinsweise – dasselbe ist wie Gott in seinem Jenseits. Was bedeutet dann aber der Unterschied? Mit welcher realen Kraft wird dann jene Beteuerung fortzusetzen und aufrecht zu erhalten sein? Kann es anders sein, als dass sie auch in den nüchterneren, d. h. aber weniger konsequenten Formen der Mystik praktisch tonlos werden muss: ein theoretisch respektierter Rest, mit dem doch faktisch nichts mehr anzufangen ist? Und ist es zu verwundern, dass alle konsequente, ihrem natürlichen Schwung nachgebende Mystik nun doch zur Lehre von einer Vergottung des Menschen fortschreitet:
Wenn das nicht die kühne, vom Menschen her unternommene und vollzogene Überschreitung der Kreaturgrenze ist, was dann? Es ist aber wirklich nicht einzusehen, wie diese Überschreitung20 unterlassen werden könnte. Es braucht sogar nicht einmal Kühnheit dazu. Gerade die großen Mystiker haben sie immer mit einer gewissen entwaffnenden Kindlichkeit und Selbstverständlichkeit ins Werk gesetzt. Sie kann auch in großer Demut und Keuschheit ins Werk gesetzt werden. Es ist aber sachlich einfach notwendig, dass sie ins Werk gesetzt wird. Es kann vom Ansatz der mystischen Anthropologie her keine Ruhe geben, bis es wirklich so weit ist: «Ich senk mich in dich hinunter». Dass gerade von einem «Sichhinuntersenken» 1047 die Rede ist, ist kein Zufall: es handelt sich wirklich um einen Vorgang nach dem natürlichen Gesetz des Schwergewichts; der gottgleiche Mensch fällt oder senkt sich notwendig dort hinunter, wohin er gehört: in die Einheit mit dem Gott, dem er gleich ist. Was bleibt ihm schon übrig? Ist er Gott gleich, dann muss er selber Gott sein, und es ist wieder nur notwendig und folgerichtig, dass er davon auch singen und sagen21 muss. Es würde ihm ja auch nichts helfen, wenn er etwa davon schweigen, ja wenn er jenes «Sichhinuntersenken» auch sich selber verborgen halten würde. Er ist faktisch unaufhaltsam unterwegs nach dort drunten, wo er, der Gott Gleiche, außer Gott niemand und nichts zum Beistand hat, sondern wie Gott, er selber mit Gott Einer, sein eigener Helfer und Tröster sein muss. Alles Andere um ihn ist ja Gott nicht gleich, kann ihm also kein Beistand sein:
325Das klingt freilich nach
Es gibt von da aus eine mystische Fröhlichkeit, in der das begreifliche Hochgefühl dieser wahrhaft majestätischen Lebenssituation zum Ausdruck kommt. Es gibt von da aus auch eine mystische Traurigkeit, in der sich ebenso begreiflicherweise die schwere Bedrängnis dieser verlassenen Situation kundgibt. Es ist die eine so unheimlich wie die andere und am unheimlichsten gewiss die Stille, 1049 in die sich der Mystiker, zwischen den beiden Extremen hin-^^ und hergezogen, am liebsten flüchten wird. Denn hinter dem allem steht das «Sichhinuntersenken» in die Tiefe, wo es außer dem Gott in uns jedenfalls praktisch keinen anderen gibt. Liegt es so ferne, die letzte Konsequenz zu ziehen und also auch theoretisch mit einem anderen Gott nicht weiter zu rechnen? Gottlosigkeit ist kein «Zerrbild» der Mystik, sondern das notwendige Ende ihres Weges.25 Ist der Mensch selbst sich nicht alles, was Gott ihm sein könnte, wenn er Gott gleich, in göttlicher Art Du und Ich in einer Person ist? Dass die Mystik historisch immer eine mehr oder weniger ausgesprochene Affinität und Tendenz zum Atheismus gehabt hat, lässt sich kaum bestreiten. Sachlich ist der Zusammenhang ganz klar: Indem sie sich im Unterschied zu jedem geschichtlichen Verhältnis von Gott und Mensch ihrer Wesentlichkeit rühmen kann, indem sie jenes nur noch als zufällige und vergängliche Illustration des in seinem Verhältnis zu Gott sich selbst genügenden Menschen zu würdigen weiß, kann der Atheismus, dem das Verhältnis von Gott und Mensch als solches zur bloßen Illustration der Selbstgenügsamkeit des Menschen geworden ist, sich rühmen, im Verhältnis zu einer immer noch frommen Mystik seinerseits wesentlich zu sein, ist die Mystik, sofern sie ihre letzte Konsequenz nicht selber ziehen will, tatsächlich die fromme Vorform der Gottlosigkeit. Eben darin spiegelt sich aber das viel Schwerwiegendere, das eigentlich Furchtbare: dass der Mensch seinerseits, wenn er wirklich Gott gleich sein sollte, vor dem wirklichen Gott, dem nur Gott selbst gleich sein kann, im Nu vergehen müsste.26 Die fromme Mystik hat das oft genug – und das eben ist ihr Spiel mit |327 dem Feuer: «Lass mich ganz verschwinden»27 – zu beschreiben versucht. Die gottlose Mystik zog es anstelle dessen vor, den offenkundig überflüssigen Gott vor dem souverän und a se existierenden Menschen zum Verschwinden zu bringen. Zum höchsten Glück sind beide Gedanken gleich unvollziehbar. Es kann aber nicht ratsam sein, sich auf einen Weg zu begeben, auf welchem man zuletzt entweder dem einen oder dem anderen dieser Gedanken sich wenigstens nähern muss.
1050 Der wirkliche Gott ist allein souverän und a se. Er allein ist durch sich selber Du und Ich in einer Person. Er allein ist in der ersten und der zweiten und eben damit auch in der dritten Relation: der Vater und der Sohn durch den Heiligen Geist. Zu des Menschen Heil ist er allein Gott; denn der Mensch ertrüge es nicht, ihm gleich zu sein; kein Geschöpf ertrüge das. Die Schöpfung eines Gott gleichen Wesens müsste mit dessen sofortiger und gänzlicher Destruktion identisch sein. Dem wirklichen Gott ist zum Heil aller von ihm verschiedenen Wirklichkeit allein er selber gleich. Wir haben bei der ganzen Hypothese, von der wir jetzt sprachen, nicht vom wirklichen Menschen, sondern von einem drohenden Phantom geredet: von dem Menschen, den Gott erschaffen hätte, wenn er ihn in seinem Zorn erschaffen hätte. Den wirklichen Menschen hat Gott in seiner Barmherzigkeit erschaffen: im Überströmen seiner freien Liebe. 28-Der wirkliche Mensch ist eben darum Gott nicht gleich, gerade darin nicht, dass auch er auf eigene Faust Du und Ich in einer Person sein, dass er sich im Gespräch und in der Auseinandersetzung mit sich selbst selber behaupten und genügen müsste. Der wirkliche Mensch ist wohl unmittelbar von Gott her, aber nicht unmittelbar zu Gott hin. Er ist auch in den Grenzen seiner Geschöpflichkeit nicht auf sich selbst gestellt, nicht auf sich selbst angewiesen, nicht sich selbst überlassen. Er ist wohl Du und Ich in einer Person und so Gottes Ebenbild. Er ist es aber nicht so, wie Gott es ist. Er ist wohl angewiesen, sich selber in seiner eigenen Tat zu konstituieren. Er ist aber nicht angewiesen, dies, wie Gott es tut, ohne Beistand, Hilfe und Trost zu tun. Er ist dabei auch in seinem geschöpflichen Raum nicht allein gelassen.-28 Seine Gottebenbildlichkeit |328 ist wirklich Gottes Gnade, und zwar nicht eine Gnade, die sofort in Hass umschlagen, die sofort zu seiner Destruktion führen müsste, weil sie etwas Anderes als tödliche Feindschaft des übermächtigen einen Gottes gegen seinen unmöglichen Konkurrenten gar nicht sein könnte. Sie ist Gnade als Huld, Freundlichkeit und Güte, Gnade als Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Geduld Gottes gegen sein Geschöpf, Gnade als Wohltat und Heil, Gnade voll ewiger Hoffnung für den Begnadigten. Weil sie diese echte Gnade 1051 ist, darum ist seine Gottebenbildlichkeit keine Gottgleichheit. Das ist der Hintergrund, auf dem wir sie nun positiv zu verstehen haben.
Was es heißt, dass Gott den Menschen nach
Er ist es also nicht, wie die altkirchliche Exegese es wollte, wegen seiner geistigen Natur, in die man dann wohl auch noch ein Spiegelbild der göttlichen Trinität hineingeheimnissen wollte. Er ist es auch nicht, wie
die Reformatoren es haben wollten, in seiner ursprünglichen Gerechtigkeit und Heiligkeit vor dem Sündenfall. Er ist es auch nicht wegen der ihm nach der
ersten Schöpfungssage (
Wir sahen: es hat schon seine Richtigkeit damit, dass Gott den Menschen damit zu seinem Partner schuf und geeignet machte, dass er ihm entsprechend dem, was er selber ist, Du-Sein und Ich-Sein zusprach |329 und zueignete. Gott ist nicht einsam; der Mensch soll es auch nicht sein. Gott ist nicht in starrer Einheit; der Mensch soll es auch nicht sein. Gott ist in liebender Übereinstimmung mit sich selbst, der Mensch soll es auch sein. Gott ist in freier Entschließung und Tat; der Mensch soll es auch sein. Gottes Wesen ist es, Du und Ich zu sein in einer Person; eben das soll nach Maßgabe seiner Geschöpflichkeit auch 1052 das Wesen des Menschen sein. Das ist in der einfachsten – eben darum freilich noch nicht in ihrer spezifischen und noch nicht in ihrer konkreten – Form ausgedrückt des Menschen Gottebenbildlichkeit, die Gnade seiner Schöpfung, die Gnade seiner Natur. Darin ist der Mensch Gott ähnlich. In dieser Ähnlichkeit mit Gott tritt gerade er in die Mitte der ganzen Schöpfung.
Die Gnade dieser seiner Ähnlichkeit mit Gott ist seine Möglichkeit, mit Gott seinem Schöpfer in dem von diesem in und mit seiner Erschaffung aufgerichteten Gnadenbunde zu stehen. Soll zwischen Gott und dem Menschen ein Bund bestehen, dann bedarf es zwischen dessen Partnern gerade dieser Ähnlichkeit. Eine bloße analogia entis30 würde dazu nicht genügen. Zwischen dem göttlichen und kreatürlichen Sein sind zwar viele Beziehungen möglich. Soll die Beziehung aber ein Bund sein, dann kann die Analogie zwischen dessen Partnern nicht nur darin bestehen, dass beide je in ihrer Weise sind; sie muss dann darin bestehen, dass beide Du und beide Ich sind und also beide nicht einsam, beide nicht starr in sich verschlossen, beide in freier Übereinstimmung mit sich selbst, beide in freier Entschließung und Tat sind, was sie sind. So und so allein kann die Beziehung zwischen dem göttlichen und dem kreatürlichen Sein die eines Bundes sein. Die Gottebenbildlichkeit des Menschen in dem jetzt angegebenen Sinn begründet die Möglichkeit eines Bundes zwischen Gott und Mensch. |330 Dieser Bund ist aber ein Gnadenbund. Gott ist es dem Menschen nicht schuldig, in diese besondere Beziehung zu ihm zu treten. Er tut es aus freien Stücken. Seine Sache in dieser Beziehung wird immer ganz das Geben, die Sache des Menschen ganz das Annehmen und Danken sein. Darauf beruht es, dass mehr als jene Ähnlichkeit des Menschen mit Gott nicht nur nicht notwendig, sondern auch nicht sinnvoll und heilvoll sein könnte. Wir sahen, wie verhängnisvoll jede Gottgleichheit, jeder darauf begründete Anspruch des Menschen für diesen selbst sein, wie jeder Anspruch des Menschen gerade die ihm zukommende Gnade Gottes in Frage stellen, ja aufheben würde. Die Ähnlichkeit des Menschen mit Gott, die 1053 darin besteht, dass auch er Du und Ich in einer Person ist, ist offenbar eine anspruchslose Ähnlichkeit. Sie gibt ihm kein Recht in die Hand. Sie bekleidet ihn mit keiner Würde, die er Gott gegenüber geltend machen könnte. Sie bedeutet nicht mehr als die formale Möglichkeit, dass er sich von Gott beschenken lassen und Gott für seine Güte danken kann. Sie besteht ja wirklich nur darin, dass er der Mensch ist: ein Wesen, mit dem Gott verkehren, dem er in seiner Gnade begegnen kann.
Eben darum wäre es unangebracht, sie als «Anknüpfungspunkt»31 zu bezeichnen. Imago Dei ist kein «Punkt» neben anderen, nicht eine besondere Eigenschaft des Menschen, an die Gott, indem er ihm gnädig ist, «anknüpfen» würde. Sondern imago Dei ist der Mensch selber und als solcher, das Subjekt seines Seins, der Träger aller seiner Eigenschaften. Der Mensch selber und als solcher ist Gott ähnlich, weil und indem er selber und als solcher mit der Bestimmung zum Partner des Gottesbundes, und zwar zum Gegenstand und Empfänger der Gnade Gottes [ausgezeichnet ist]. In dieser Ähnlichkeit könnte man höchstens ihn selber und als solchen den von Gott gesetzten «Anknüpfungspunkt» für Gottes besonderes, gerade auf ihn gerichtetes Wollen und Handeln nennen.
Diese Ähnlichkeit besteht sachlich darin, dass auch der Mensch Du und Ich in einer Person ist: für den Einen der Andere und so selber Einer. Verweilen wir noch einen Augenblick bei dem darin nachgebildeten Urbild und also dabei, dass eben das in Souveränität und Majestät zuerst das Wesen Gottes ist. Man versteht nämlich von da aus des Menschen besonderes Verhältnis zum Schöpfer aller Dinge, seine |331 Stellung inmitten aller übrigen Geschöpfe. Man versuche es, den horrenden Gedanken eines Gottes zu denken, der in sich selber einsam, starre Einheit und also nicht Du und Ich wäre: eines Gottes, der darum nicht in liebender Übereinstimmung mit sich selbst, der darum nicht in freier Entschließung und Tat Gott wäre, weil ihm gerade das abginge, selber der Andere und der Eine zu sein. Man versuche es also, einen Augenblick den abscheulichen Gottesgedanken aller Unitarier32 zu denken. Man schmücke dieses Wesen mit allen nur denkbaren Vollkommenheiten physischer und moralischer Ordnung, wie es ja auch die Unitarier 1054 immer getan haben. Eines aber wird man nie begreiflich machen und also auch nie mit innerer Begründung sagen können: wie dieses Wesen zum Schöpfer einer von ihm verschiedenen Wirklichkeit werden, auf Grund welcher inneren Möglichkeit dieses Wesen ein Anderes, eine Welt neben sich auch nur wollen, geschweige denn setzen konnte. Es ist wirklich kein Zufall, dass die Vertreter eines solchen Gottesgedankens umgekehrt gerade an dem Verständnis und der Erklärung der Welt als einer von Gott gewollten, gesetzten und getragenen Wirklichkeit immer zu scheitern pflegen und diese Lücke durch allerhand poetischen und sentimentalen Überschwang verdecken müssen. Wie soll der unitarische Gott Schöpfer werden, ein Anderes wollen und setzen, da er in sich selbst verschlossen und gebunden nur der Eine und nicht auch und zuerst der Andere, da seine Einigkeit mit sich selbst keine Gemeinschaft ist? Wie soll also umgekehrt die Welt als der Bereich dieses unitarischen Gottes verstanden werden? Woher nimmt dieser Gott die Andersheit des Geschöpfs, woher ruft er es in seiner Andersheit ihm selbst gegenüber aus dem Nichtsein ins Sein, da ihm selbst gerade die Andersheit nicht eigentümlich, sondern fremd ist? |
Aber lassen wir diesen absurden Gottesgedanken! Dem wirklichen Gott ist die Andersheit
gerade nicht fremd, sondern eigentümlich, indem er selbst der Andere und der Eine ist: der Sohn dem Vater und der Vater dem Sohne der Andere, durch den Heiligen Geist des Vaters |332 und des Sohnes
auch der Eine. Dieser Gott kann Schöpfer werden. Dieser Gott,
der in sich selber die freie Liebe ist, ist nicht
gefesselt und verhindert, ein Anderes neben sich zu wollen und zu haben. Ihm passiert keine
μετάβασις εἰς ἄλλο γένος33,
sondern er entspricht sich selbst, wenn er die Gemeinschaft, in der er sich mit sich selber
befindet, erweitert zur Gemeinschaft mit einem Sein außer ihm selber. Dieser Gott verliert
sich nicht, sondern er betätigt und bestätigt nur seine eigene Natur, wenn er nun auch die
Natur des Himmels, der Erde und des Menschen in ihrer ganzen Andersartigkeit seiner eigenen
gegenüber ins Sein ruft. Er ist freilich auch dazu nicht gebunden und verpflichtet. Seine
Gottheit bedarf keiner Erweiterung und Bereicherung. So ist denn auch die Natur 1055 der von ihm geschaffenen Welt kein Ausfluss und kein Teil seiner göttlichen
Natur. So ist sie geschöpflich, zeitlich, vergänglich im Unterschied zu der seinigen. So ist
sie nur durch ihn und in schlechthiniger Abhängigkeit34 von ihm. So ist sie wirklich anders als er, aber
nun eben in dieser ihrer Andersheit ohne alle Poesie und Sentimentalität ganz und gar seine Welt, der Gegenstand, der Schauplatz, das Werkzeug seiner
Herrlichkeit. Der Schöpfer einer solchen anderen und nun
doch ganz ihm gehörigen Wirklichkeit zu werden und zu sein ist dem Gott nicht unmöglich,
sondern innerlich möglich, der als der trinitarische in
sich selber die freie Liebe ist. Was im Werk der
Schöpfung überströmt und nach außen tritt, das ist sein Eigenstes, das ist er selber. Von
hier aus wird sichtbar, dass und warum das Verhältnis des Menschen zu Gott dem Schöpfer aller Dinge ein besonderes ist, dass und warum er in
seiner Erkenntnis seiner selbst und seiner Geschöpflichkeit und in seiner Verantwortung vor Gott wirklich in die Mitte oder doch in
eine Mitte der ganzen Schöpfung tritt. Wir
können die Frage, ob das exklusiv nur von ihm gilt und zu sagen ist, auch an dieser Stelle
offen lassen. Das ist sicher: Er ist Gott dem Schöpfer gerade in dem ähnlich, er ist gerade
darin «göttlichen Geschlechtes» (
Sie geht nicht weiter als bis dahin. Sie ist Ähnlichkeit, sie ist nicht
Gleichheit. Dass nach dem Bilde Gottes auch der Mensch Du und Ich, der Andere und der
Eine ist in einer Person, das bedeutet nicht, dass das trinitarische Wesen Gottes auch das seinige ist. Das trinitarische Wesen Gottes
bleibt von dem seinigen dadurch unterschieden, dass es aus und durch 1056
sich selber ist. Darin besteht die äußere Möglichkeit der Schöpfung, das ist die Macht
Gottes, jenes Andere aus dem Nichtsein ins Sein zu rufen: dass er aus und durch sich selber
ist. Der der Herr seiner selbst ist, der sich selber ganz besitzt und über sich selber ganz
verfügt, der ist eben darum der Herr über Alles. Ihm sind eben damit alle Dinge möglich [
Der Mensch ist auch Du und Ich, er ist auch
der Andere und der Eine in einer Person. Dass er das auch ist – indem
Gott es in seiner ganz anderen Weise zuerst ist –, darin ist er Gott
ähnlich. Er ist aber dasselbe ganz anders als Gott. Man kann das nicht genug bedenken, wenn man gerade seine Gottebenbildlichkeit und also seine Menschlichkeit recht verstehen 1057
will. Gerade die Ähnlichkeit seines Wesens mit der inneren Möglichkeit Gottes, Schöpfer zu
sein, würde ja sofort in Frage gestellt und aufgehoben, wenn sie Gleichheit mit Gott wäre,
wenn sie die äußere Möglichkeit, die Macht eines schöpferischen Seins in sich schließen
würde. Nicht darin, dass Gott bei sich und sich selber gleich ist, ist er ja Schöpfer, sondern darin, dass er darüber hinaus ein sich
selbst Ungleiches will und setzt. Nicht darin kann also die Gottebenbildlichkeit des Menschen
bestehen, dass er so Du und Ich ist, wie Gott es ist. Das gerechte, barmherzige und geduldige
Urteil Gottes, durch das der wirkliche Mensch geschaffen ist,
lautet: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei [
Wir kommen damit von der uns bis jetzt beschäftigenden einfachsten zu der spezifischen Form der menschlichen Gottebenbildlichkeit. Der Mensch ist darin anders Du und anders Ich als Gott, dass er, indem er von Gott her Du ist, dasselbe auch von einem menschlichen Ich [her] – und dass er, indem er als Gottes Du auch Ich ist, dasselbe auch für ein menschliches Du ist. Das ist die Mittelbarkeit seiner Beziehung zu Gott, seiner Gottebenbildlichkeit und also seiner Menschlichkeit. Sie ist ganz von Gott her konstituiert und nur daraufhin befähigt und beauftragt, sich auch selbst zu konstituieren. Sie ist aber als gottebenbildliche Geschöpflichkeit, anders als das Wesen Gottes, so konstituiert, dass zu einem Menschen der andere gehört, dass je der Eine nur im Gegenüber zum Anderen der Eine, je der Andere nur im Gegenüber zum Einen der Andere sein kann. Mit dem Alleinsein ist es damit vorbei, 1059 dass der Mensch nur der Mensch ist, indem er Seinesgleichen hat und mit Seinesgleichen zusammen ist. Er ist von Gott so geschaffen, so von Gott her und zu Gott hin, dass er eben damit zugleich von Seinesgleichen her zu Seinesgleichen hin ist. Des Menschen Seinesgleichen heißt nicht: er, der Gleiche und also er selbst noch einmal, sondern: ein Gleicher wie er selbst, der doch von ihm unterschieden, der ihm gegenüber ist, weil er auch für sich Du und Ich |336 in einer Person, ein Anderer, weil auch er selbst Einer ist. Indem auch er das ist, ist er dem Menschen gleich. Indem er es für sich ist, ist er von ihm verschieden. In dieser Gleichheit und Verschiedenheit ist er des Menschen Mitmensch. Und weil der Mensch diesem Anderen in derselben Gleichheit und Verschiedenheit gegenübersteht, ist er ihm selber seinesgleichen, ist er Mitmensch für diesen Anderen.35
So ist Menschlichkeit wesentlich Mitmenschlichkeit, Sein als Mensch und Mitmensch. Nicht der Mitmensch schafft den Menschen, das tut Gott ganz allein. Aber eben Gott schafft den Menschen so, dass es ihm wesentlich ist, den Mitmenschen zu haben und selber Mitmensch zu sein. Eben zu seinem Sein von Gott her und zu Gott hin bedarf der Mensch dessen, vom Mitmenschen das Zeugnis, die Garantie, die Bürgschaft seiner eigenen Menschlichkeit zu empfangen und auch ihm Zeuge, Garant und Bürge zu sein für die seinige. Er muss sich ja als dieser und jener Mensch begreifen und betätigen in Selbsterkenntnis und Verantwortung. Eben dieser und jener Mensch ist er aber nicht von sich selbst her und nicht zu sich selbst hin und auch nicht unmittelbar von Gott her und zu Gott hin, sondern vom anderen Menschen her und zu ihm hin. Ihm, der ihm Jener ist, ist er Dieser. Und er, der ihm Dieser ist, ist Jener. Dass ein Jeder Du und Ich ist in einer Person, das verdankt er wohl Gott, aber eben Gott in der Weise, dass er es zugleich dem Zweiten zu verdanken hat, der dasselbe ist und der dasselbe seinerseits Gott und nun doch auch dem Ersten zu verdanken hat. Der Dank gegen Gott gebührt dem Schöpfer, der Dank gegen den Mitmenschen gebührt dem geschöpflichen Zeugen, Garanten und Bürgen der eigenen Menschlichkeit. Aber eben die Schöpfung des Menschen schließt auch die dieses geschöpflichen Zeu1060gen, Garanten und Bürgen in sich und also Dank gegen Gott auch den Dank gegen den Mitmenschen.
Der Mitmensch ist des Menschen unentbehrlicher Helfer zur Menschlichkeit. So lautet ja die unvergessliche positive Erläuterung des
Wortes
Dass Gottebenbildlichkeit nicht Gottgleichheit ist, ist jetzt ganz deutlich. Gott ist in keinem Sinne dadurch Gott, dass [er] einen Mitgott hätte, sondern allein durch sich selber. Der Mensch aber ist auch dadurch Mensch, dass er einen Mitmenschen hat. Kraft dieses Unter|338schiedes ist er Gottes Ebenbild in der Geschöpflichkeit. Denn eben das wird in diesem Unterschied zunächst unübersehbar: des Menschen Geschöpflichkeit. Dass Gott Du und Ich ist in einer Person, das ist wahr ohne jede Beschränkung und Bedingung. Das ist Gottes in ihm selbst begründete innere Herrlichkeit. Das ist sein unergründlich in und aus ihm selber quellendes Leben. Dass der Mensch Du und Ich in einer Person und darin Gottes Bild ist, das ist außer durch Gottes Schöpfungstat und eben auf deren Grund dadurch beschränkt und bedingt, dass er Seinesgleichen hat, den Mitmenschen, der ihm als solcher hilft, Mensch zu sein, dem er aber wiederum selber zur Hilfe bei seinem Menschsein verpflichtet ist. Die ganze Besonderheit seines Seins als Aufgerufensein zur Selbsterkenntnis und zur Verantwortung ist unter dieser Beschränkung und Bedingung zu vollziehen, dass er im Mitmenschen die Hilfe hat, die ihm ein Gegenüber sei, und dass er selber auch ihm Mitmensch und also die Hilfe als Gegenüber sei. Diese Hilfe, die der Mensch zu erfahren und die er selber zu leisten hat, bestimmt und begrenzt den Menschen. Sie ist das große, sichtbare Zeichen seiner unsichtbaren Bestimmung und Begrenzung durch seinen Schöpfer.37 Ein Geschöpf, dieses Geschöpf, der Mitmensch, macht ihm seine Bestimmung und Begrenzung durch Gott sichtbar. Wenn er der Gnade Gottes und des Dankes, den er ihm schuldig ist, vergessen könnte, so wird er doch nicht vergessen können, dass er seine Menschlichkeit seinem Mitmenschen zu verdanken hat und dass er eben dadurch verbunden ist, seinerseits auch ihm zu demselben Dank Anlass zu geben. Und wenn er 1062 [faktisch das ihm gegebene Zeichen nicht übersehen kann, dann]38 eben darum auch nicht die |339 Gnade Gottes und den Dank, den er ihm schuldig ist. Diese Hilfe, die Erinnerung an seine Geschöpflichkeit, kann er sich wirklich nicht selbst geben und kann er sich auch durch kein anderes Geschöpf geben lassen. Er kann ja sich selbst nicht Gegenüber sein. Er kann, dass er Du und Ich in einer Person ist, nicht für sich realisieren. Er kann also das Zeichen des göttlichen Gegenüber und damit das Zeichen seiner eigenen Geschöpflichkeit nicht in seinem Inneren aufrichten. Er würde, auf sich selbst gestellt, die Gnade Gottes und den Dank, den er ihm schuldig ist, alsbald vergessen müssen, ja er würde sich beider gar nicht bewusst werden können. Ihm würde, da er Geschöpf ist, der Schöpfer ein fremder und ihm würde seine eigene Geschöpflichkeit als solche unbekannt bleiben. Er könnte nicht aufgerufen sein, sich vor Gott zu verantworten, weil er weder ihn noch sich selbst, weil er darum auch die Beziehung seines Seins zu dem göttlichen gar nicht erkennen könnte. Er bedarf dazu des Mitmenschen, der ihm ein Gegenüber ist, der Begegnung mit ihm, in welcher er erst als Du angeredet wird und selber Du sagen kann, in welcher er sich dann auch als Ich gegenwärtig und begreiflich wird, aber nicht ohne die Einsicht, dass er eben als Ich nicht einzig ist. Ihm zeigt der Mitmensch das ganz andere, das ursprüngliche Gegenüber Gottes und des Menschen. Ihm bezeugt der andere Mensch, der als solcher unzweideutig nicht er selber ist, der ihm, indem er ihm offen wird, auch verschlossen bleibt, die Andersheit Gottes, für die er in seinem Inneren keinen Zeugen hat. Ihm ist dieser Andere mit dem, was er ihm ist, aber auch mit dem, was er von ihm will und erwartet, der Zeuge, dass der Aufruf Gottes ihm gilt, dass er ihm so wenig entrinnen kann wie sich selber. |
Er kann sich diese Hilfe aber auch von keinem anderen Wesen geben lassen. Denn gerade ein
geschöpfliches Gegenüber, das ihm dieser Zeuge wäre, kann ihm ein anderes Geschöpf als der
Mitmensch so wenig sein, als er es sich selbst sein könnte. Denn was immer die anderen
Geschöpfe in ihrem Inneren sein mögen, das leisten sie dem Menschen nicht, dass sie sich ihm
als Seinesgleichen zu erkennen geben, dass sie ihn als Seinesgleichen ansprechen 1063 und ihrerseits in Anspruch nehmen. Ihm sind und bleiben die anderen Geschöpfe Gegenstände seiner Erkenntnis und seines
Tuns, nicht mehr als das. Er kann ihnen Namen geben [vgl.
Was zwischen dem Menschen und dem Mitmenschen ist, das ist das Zeichen und Bild dessen, was zwischen Gott und dem Menschen ist. Was
zwischen dem Menschen und den anderen Geschöpfen ist, kann das nicht sein, 1064 gerade so wie das, was er im Verhältnis zu sich selbst ist, dieses Zeichen und Bild nicht
sein kann. Das ist die Beschränkung und Bedingung des menschlichen Seins durch seine
wesentliche Mitmenschlichkeit, durch die es sich
von Gott unterscheidet, in dessen göttlichem Sein es ein Analogon solcher Beschränkung und
Bedingung nicht gibt. Gott bedarf keines Zeichens, um seiner selbst |341 eingedenk zu sein. Der Mensch bedarf dazu eines Zeichens; denn er ist Gottes Ebenbild in der Geschöpflichkeit, und er bedarf
dazu gerade dieses Zeichens: er ist Gottes Ebenbild, indem er Mensch und Mitmensch ist. Er braucht und
hat dieses Zeichen als Zeugnis für das, was er vor Gott und im Verhältnis zu ihm ist. Mehr
als Zeichen kann es ihm nicht sein. Der Mitmensch ist ja nicht Gott, sondern Mensch und
Geschöpf wie er selber. Er hat ihn nicht erschaffen, sondern er ist mit ihm von Gott
geschaffen. Er kann also auch nicht als Gott an ihm handeln. Er kann ihm Gott nicht ersetzen.
Und er kann auch nicht an des Menschen eigener Stelle handeln; er kann ihm auch das nicht
abnehmen, selber Du und Ich zu sein in einer Person. Der Andere wird nicht der Eine, und der
Eine wird nicht der Andere; es lebt ein jeder sein eigenes Leben als Aufgerufensein zu eigener Selbsterkenntnis und Verantwortung. Er braucht
und hat aber eben dazu und also zu seiner Menschlichkeit das Zeichen des Mitmenschen, der «Hilfe, die ihm ein Gegenüber sei» [
Der entscheidende innere Grund dafür, dass wir des Menschen Gottebenbildlichkeit gerade
darin zu erkennen haben, dass er Mensch und Mitmensch ist, liegt darin, dass Gott selber in
Jesus Christus nun eben Mensch und Mitmensch geworden ist. 1065 Es ist offenbar sinnvoll, auf die Frage: wer ist der Mensch? allgemein zu
antworten: er ist auf alle Fälle der, als der Gott sich selber, indem sein Wort Fleisch wurde
[vgl.
Und nun ist zunächst Eines ganz klar: man kann gerade diesen Einzigen, den Menschen Jesus Christus, auf keinen Fall sehen und verstehen, indem man ihn als einen Menschen für sich betrachtet. Er ist gerade nicht für sich, wie Gott es in sich selber ist. Er ist gerade nicht Du und Ich in einer Person durch sich selber nach dieser innergöttlichen Art. Oder vielmehr: es ist gerade Gott in seiner göttlichen Art, der hier, der in dem Menschen Jesus Christus sichtbar wird als der, der auf dieses Vorrecht verzichtet und mit diesem Verzicht den Menschen offenbar macht als das Wesen, das jenes Fürsichseins und Durchsichselbstseins nicht teilhaftig ist. Wir hörten schon, dass Gott darum frei ist, der Schöpfer einer von ihm verschiedenen Wirklichkeit zu werden, weil er in sich selbst und im Frieden mit sich selbst nicht |342 nur der Eine, sondern auch der Andere ist, der Vater und der Sohn in der Einheit des Heiligen Geistes, weil er also die Andersheit schon in sich selber hat und eben darum außer sich selbst haben kann. Aber diese Freiheit Gottes geht noch weiter. Ist das Geschöpf nicht frei, sich selbst Gott gleichzustellen, müsste es alsbald verderben und vergehen, indem es diese Gleichstellung auch nur unternehmen, ja auch nur denken würde, so hört umgekehrt Gott damit nicht auf Gott zu sein, so vergibt er sich und verliert er gar nichts dadurch, dass er sich jene Andersheit außer sich selbst zu eigen macht, dass er sich dem Geschöpf gleichstellt, ja selber Geschöpf wird. Und eben das ist die in und mit der Schöpfung schon angebahnte und offenbarte Gnade des Bundes in dessen Vollendung: dass Gott jene Andersheit außer sich selbst sich selber aneignet, dass er selber Geschöpf, nämlich Mensch wird. Und was eben damit geschieht, ist jedenfalls auch – und das ist’s, was uns jetzt nötigt, dieses innerste Geheimnis des Wortes Gottes zu berühren – die Offenbarung des wesentlichen Menschen. Wo sollten wir den authenti1066schen Kommentar zur menschlichen Natur zu suchen haben, wenn nicht hier, wo Gott in eigener Person ihn gegeben, und zwar dadurch gegeben hat, dass er seine eigene Natur mit der des Menschen vereinigt hat? Was es mit dieser auf sich hat, das muss uns offenbar wenn irgendwo, dann hier sichtbar werden. Wo sollte uns ihre Wahrheit auf- und einleuchten, wenn nicht hier? Und wie sollten wir uns ihrer gerade hier aufleuchtenden und einleuchtenden Wahrheit widersetzten können?
Wir haben vor allem zu bedenken, dass wir gerade hier auch authentisch und vollständig über die wahre Natur Gottes unterrichtet werden. Ist es an dem, dass der Schöpfer hier auch Geschöpf ist, hat er also die Freiheit, das zu sein, und den Willen, von dieser Freiheit Gebrauch zu machen, dann wird daraus klar, dass jenes Fürsichsein und Durchsichselbstsein Gottes, seine Aseität, Souveränität und Majestät, mit der Herrlichkeit einer höchsten Selbstsucht und eines höchsten Selbstgenusses nichts zu tun hat. Gottes Heiligkeit ist vielmehr gerade darin göttlich, dass sie Barmherzigkeit ist. Und indem Gott barmherzig ist bis zur Erniedrigung seiner selbst zur Gleichheit und Einheit mit dem geschöpflichen Sein, bis zur Vereinigung seiner eigenen Natur mit der menschlichen, wird seine Heiligkeit nicht geringer, sondern gerade darin betätigt und bestätigt sie sich als seine, |343 die göttliche Heiligkeit. Es ist seiner Herrlichkeit wesentlich, nach außen überströmende Herrlichkeit zu sein. Er gibt sich gerade damit nicht preis, sondern gerade damit beweist er sich als Gott, dass er sich in dem ihm selbst fremden, dem geschöpflichen Raum auch preisgeben kann und tatsächlich preisgibt. Das ist es, was uns in Jesus Christus als die göttliche Vollkommenheit offenbar wird. Wir haben darum wahrlich nichts zu fürchten für die Hoheit und Würde des Menschen, wenn wir nun auf derselben Linie zu vernehmen haben, was es mit seiner gottebenbildlichen Vollkommenheit auf sich hat.
Der im Bilde Jesu Christi erkennbare Mensch ist entsprechend dem
Bilde Gottes, das uns in demselben Jesus Christus offenbar ist, auf keinen Fall der sich
selbst suchende und genießende, auf keinen Fall der sich 1067 selbst helfende
und von sich selbst befriedigte, auf keinen Fall der im geschöpflichen Raum für sich und
durch sich selbst seiende Mensch. Wenn uns dieser Mensch aus irgend einem anderen Grund als
Möglichkeit oder Ideal plausibel erscheinen möchte, so wird uns sein Bild spätestens an
dieser Stelle, nämlich dann, wenn wir ihm das Bild Jesu Christi entgegenhalten, gründlich
zerschlagen. Hier kann auch das scheinbar tiefste und edelste Motiv, dieses Bild zu formen
und aufzurichten, nämlich des Menschen Sehnsucht und Wunsch, Gott gleich zu sein, keinen Raum mehr haben. Hier entpuppt sich ja der
Irrtum dieses Motivs als Irrtum gerade hinsichtlich des göttlichen Wesens. Hier zeigt sich ja
eben Gott selbst in einem ganz anderen Bilde. Gerade Gott würde laut
dieses Bildes der Mensch gerade damit nicht gleich, dass er sich ihm
in jener Selbstgenügsamkeit gleichstellen wollte. Denn gerade Gottes wahre und höchste
Selbstgenügsamkeit schließt laut des Bildes, in welchem er uns im Bilde Jesu Christi sichtbar
wird, nicht aus, sondern ein, dass er sich auch preisgeben, dass er darauf auch verzichten
kann, sich selber zu genügen, und mehr noch: dass er das tatsächlich getan hat. Eben darum
erhebt sich der Mensch keineswegs zum seligen Sein der Gottheit, eben darum fällt [er]
vielmehr so furchtbar ins Leere, darum gerät er mindestens auf die schiefe Ebene, auf der
gleitend er nur im ewigen Tod endigen könnte, wenn er im
geschöpflichen Raum für sich und durch sich selbst sein zu sollen und zu können meint. Gerade
Gott, der ihn hier, in diesem seinem geschöpflichen Raum, damit aufgesucht und gefunden hat,
dass er selbst Mensch wurde, ist so ganz anders. Gerade |344 dem
wirklichen Gott gleich zu werden, kann so gar nicht auf dem Weg jenes eitlen Strebens
erreicht werden. Gerade vollkommen zu werden, wie der himmlische Vater vollkommen ist [
Wer den Namen Jesus Christus ausspricht, der sagt damit: Dieser, der
Mensch Jesus, und Jener, der Andere, der nicht Jesus ist und ohne den
nun doch auch Jesus nicht Jesus wäre. Wer den Namen Jesus Christus ausspricht, der sagt
damit: Jesus und
Gerade die Menschlichkeit Jesu Christi besteht vor allem darin, dass er – seines
göttlichen Ursprungs und Wesens und auch seiner geschöpflichen Abhängigkeit allein von Gott
unbeschadet – zugleich ganz von jenem Anderen, von dem von ihm selbst verschiedenen
Mitmenschen her ist. Er wird von
Wir dürfen und müssen wieder bis auf den vor aller Schöpfung im Schoße des ewigen Gottes
gefassten Ratschluss zurückgehen: er ist ja kein anderer
als der, den Gott tatsächlich vollzogen und uns damit bekannt gemacht hat. Das ist der Mensch
Jesus im Sinn der ewigen Gemeinschaft des
Vaters und des Sohnes im Heiligen Geiste: der Mensch, der
nicht von sich selber, sondern vom Anderen her, der dadurch Dieser ist, dass er sich Jenen,
wie er ist, ganz und gar vorgegeben sein lässt. Er ist der Mensch, der nicht selber verfügt,
sondern über sich verfügen lässt, nicht disponiert, sondern sich zur Disposition stellt, der
nichts zu bestimmen findet, sondern es sich gefallen lässt, dass über ihn bestimmt, und zwar
durch seinen Mitmenschen über ihn bestimmt ist. Dieser Sanftmütige, dieser von Herzen
Demütige [
Wir sehen denselben Sachverhalt von der anderen Seite, wenn wir weiter darauf achten, dass
Jesu Menschlichkeit – wieder unbeschadet seines
göttlichen Ursprungs und Wesens und unbeschadet seiner geschöpflichen Bindung an Gott allein
– darin besteht, dass er zugleich ganz zu jenem Anderen, zu dem von ihm selbst verschiedenen
Mitmenschen hin ist. Er ist «nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene
und gebe sein Leben zur Bezahlung für Viele» (
Das ist der Mensch Jesus. Eben das ist sein Eigenes
und Eigentümliches im Unterschied zu dem von ihm verschiedenen Menschen. Man |349 sieht ihn nur in diesem Akt seines Dienstes 1073 und nur in der
Totalität dieses seines Aktes, in der gänzlichen Beschränktheit und Bedingtheit des Weges,
den er sich selbst damit vorgeschrieben hat. Wieder ist es so, dass eben der Gott, der in ihm
und in dem er Dieser ist, ihn von Ewigkeit her nicht anders als eben so gesehen und gewollt
hat. Es ist der Mensch Jesus im Sinn der Gemeinschaft des Vaters mit dem Sohn im Heiligen
Geist eben Dieser, der nicht zu sich selber, sondern zum
Anderen hin, dessen Aktivität sein diesem Anderen zu leistender Dienst
ist, dessen Wille und Werk in der Menschlichkeit dieses Anderen sein
letztes Ziel hat, dessen eigene Menschlichkeit also in seinem auf jenen ausgerichteten Willen
und Werk besteht. In diesem Einsatz und in dieser Hingabe seiner selbst ist Jesus Jesus. Und
eben dieser Einsatz und diese Hingabe ist es, die ihn zu dem von Gott geliebten Menschen macht, im Blick auf den dann
auch der Andere, jeder andere Mensch, der Gegenstand der Liebe Gottes ist. Man sieht von hier aus besonders deutlich,
wie es kommt, dass nicht nur dieser Eine, sondern mit ihm der Andere,
der nicht Jesus, sondern
Man42 kann den Menschen
Jesus – jedenfalls den, der im Neuen
Testament als Jesus der Christus bezeugt wird – gar
nicht zu Gesicht bekommen, wenn man sich diesem doppelten Sachverhalt verschließt, wenn man
der Grundsätzlichkeit und Radikalität nicht gewahr ist, in der dieser Mensch vom Mitmenschen her und zu ihm hin und so wirklich nur mit ihm zusammen
Mensch ist: Du und Ich in einer Person. Wie es auch mit anderen Menschen stehe: er
jedenfalls wäre dem schlechterdings undurchsichtig, der sein Menschsein als ein Fürsichsein
und Durchsichselbstsein im geschöpflichen Raum verstehen wollte. Sieht man nur ihn, dann
sieht man ihn gar nicht. Sieht man ihn, dann sieht man mit ihm, bei ihm, um ihn im näheren, ferneren und fernsten
Umkreis die Seinigen; man sieht dann mit ihm den Mitmenschen, seine Jünger, das Volk, seine
Feinde, die Unzähligen, die seinen Namen nie gehört haben: jeden Einzelnen von ihnen darin
dem Anderen gleich, dass jeder Einzelne von ihnen sein Mitmensch ist. Sieht man ihn, dann sieht man ihn
als den Ihrigen, d. h. als den, der als Einer von ihnen in ihrer Mitte nicht sich selbst,
sondern – passiv und aktiv – ihnen, und zwar je in seiner Weise einem Jeden von ihnen gehört,
einem Jeden der Nahen und Fernen gerade sein Jesus ist. So steht er wirklich in ihrer Mitte,
so himmelhoch über ihnen. So ist er der Meister unter seinen Jüngern und unter
dem Volk, so der Messias
Israels, so der Herr seiner Kirche, so der König auch inmitten seiner Feinde [vgl.
352Eben die Menschlichkeit Jesu Christi ist nun aber der Schlüssel zum Geheimnis der Menschlichkeit überhaupt und als solcher. Indem Er unseresgleichen wurde, erfahren wir, wer wir sind, die Menschen. Indem Er Gottes menschliches Ebenbild ist, tut es sich auf, was es mit der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen als solchen auf sich hat.
Wir haben zunächst zu realisieren, dass sich das nicht etwa von selbst auftut. Mitmenschlichkeit als wesentliche Menschlichkeit ist 1076 gerade darum, weil sie des Menschen Gottebenbildlichkeit ist, die Gnade seiner Schöpfung, deren Erkenntnis wiederum Gnade und also Offenbarung ist.
Das Zeichen des Mitmenschen ist uns freilich gegeben. Wir leben ja faktisch nicht ohne den Mitmenschen, sondern mit
ihm. Wir haben also, was wir brauchen: den Zeugen, Garanten und Bürgen
unserer Menschlichkeit.
Die heilsame Beschränkung und Bedingung, die uns nötig ist, um Menschen zu sein, liegt vor.
Wir haben ein konkretes Woher und Wohin unseres menschlichen Seins und eben darin die
Bestätigung, dass der ewige Gott mit uns ist. Die «Hilfe, die ihm ein Gegenüber sei» [
Sie wäre aber nicht Gnade, wenn sie uns auch von Natur, d. h. in und mit unserem Geschaffensein durch Gott, in und mit unserem eigenen Vollbringen unseres Daseins als solchem, offenbar wäre. Es versteht sich nicht von selbst, dass wir das uns gegebene Zeichen als solches erkennen. Es könnte in höchster Realität und Deutlichkeit aufgerichtet und für uns nun doch umsonst aufgerichtet sein. Es könnte wohl reden und uns doch nicht sagen, was es uns zu sagen hat. Wir haben den Mitmenschen wohl und wir leben wohl mit ihm, von ihm und zu ihm hin, ob wir es wissen und wollen oder nicht. Aber |353 bezeugt, garantiert und verbürgt er uns denn wirklich, was zu bezeugen, zu garantieren, zu verbürgen der Sinn seiner Gegenwart ist: unsere eigene Menschlichkeit und eben damit die Gegenwart des ewigen Gottes? Die «Hilfe, die ihm ein Gegenüber sei», ist da, aber hilft sie uns denn 1077 und lassen wir uns denn dadurch helfen, dass sie da ist? Die konkrete Beschränkung und Bedingung unseres Daseins findet statt und ist wirksam, aber gefällt sie uns denn und lassen wir es uns denn gefallen, dass und wie sie wirksam ist? Sind wir nun wirklich nicht auf uns selbst angewiesen, wirklich nicht uns selbst überlassen? Schauen wir wirklich nicht mehr sehnsüchtig nach allerhand anderen Kreaturen aus, ob sie uns vielleicht helfen möchten, Menschen zu sein, und nicht mehr sehnsüchtig nach irgend einer Gottgleichheit, in der wir etwas Höheres und Besseres als bloß Menschen sein könnten? Freut und tröstet es uns denn etwa, in unserer faktisch nicht zu leugnenden Mitmenschlichkeit Gottes Ebenbild zu sein und die Verheißung seiner Gemeinschaft mit uns zu besitzen? Und wenn es wahr ist, dass unsere Natur eben wegen dieser uns faktisch gegebenen Mitmenschlichkeit voll heimlicher Gnade ist – ja, was haben wir denn etwa davon? ist es denn ebenso wahr, dass wir dieser unserer Natur entsprechend dankbar sind?
Das ist das mit des Menschen Erschaffung zu Gottes Ebenbild gestellte Problem seiner Menschlichkeit. Man beachte wohl: es ist das durch die Fülle der Gnade des Schöpfers gestellte Problem der Menschlichkeit. Es würde nicht gestellt sein ohne die Güte Gottes, deren Spiegelbild eben dies ist: unsere Mitmenschlichkeit. Auch dies, schon dies, dass der Mensch faktisch nicht ohne den Mitmenschen, sondern mit ihm ist, ist dieses Spiegelbild der Güte Gottes. Aber nun ist ja der Mensch der von Gott Aufgerufene, aufgerufen zur Erkenntnis seiner Geschöpflichkeit und aufgerufen, sich in dieser seiner Geschöpflichkeit vor Gott zu verantworten, sich als sein Geschöpf herzugeben und darzustellen. Eben damit wird seine Menschlichkeit zum Problem: wird er sein, der er ist? Das will sagen: wird er sich selbst als der, der er ist, und also als Mensch und Mitmensch betätigen und bestätigen? Wird er dieser seiner Gottebenbildlichkeit Ehre machen? Wird sie als Akt seiner eigenen Freiheit Ereignis werden? Das Problem erlaubt nur eine, nur seine positive Lösung. In Übereinstimmung mit dem Willen und der Tat des Schöpfers und also von der |354 wesentlichen Mensch1078lichkeit des Menschen her kann eine andere nicht in Frage kommen. Aber eben diese kommt tatsächlich in Frage. Eben diese positive Lösung muss als solche, d. h. als Lösung eines Problems, als Beantwortung einer Frage, als Erfüllung einer Aufgabe, vollzogen werden. Das Problem liegt vor. Der Mensch selbst, d. h. die Zukunft des Menschen ist das Problem: wird er der sein, als der er aufgerufen ist? Wird er seine Geschöpflichkeit erkennen? Wird er die Verantwortung dieser seiner Geschöpflichkeit vor Gott vollziehen? Er hat keine andere Möglichkeit als diese. Er könnte mit jeder anderen nur seine eigene Unmöglichkeit ergreifen. Aber auch diese seine einzige Möglichkeit will als solche von ihm ergriffen sein. Er wäre nicht dieses Wesen, der Mensch, wenn ihm das erspart, wenn seine Zukunft nicht sein Problem wäre. Wird er seine einzige Möglichkeit ergreifen? Das ist das Problem seiner Menschlichkeit, ja im Blick auf die Natur dieser Frage muss der Mensch selbst als das Problem seiner Menschlichkeit bezeichnet werden. Und er wird auch seine positive Lösung sein.
Es ist aber nicht an dem, dass er das aus sich selber sein wird. Er
muss sich selbst erkennen. Er muss sich selbst verantworten. Er muss seine faktische Mitmenschlichkeit verstehen als seine wesentliche
Menschlichkeit, als seine Gottebenbildlichkeit,
und er muss sie als solche wollen und betätigen im Akt seiner Freiheit. Nicht als ob er eine andere Wahl hätte, aber eben
er muss diese allein mögliche Wahl vollziehen. Aber eben dass er das tut, das nimmt er nicht aus sich selber.
Dass er das tun, dass er der heimlichen Gnade seiner Natur entsprechen und also danken muss,
dass er sich seiner Mitmenschlichkeit und in ihr seiner Gottebenbildlichkeit und in ihr der
göttlichen Verheißung freuen und trösten, dass er sich seine Beschränkung und Bedingung durch
den Mitmenschen gefallen lassen, dessen Zeugnis, Garantie und Bürgschaft für seine eigene
Menschlichkeit annehmen,
dass er sich von ihm dienen lassen muss, um ihm wieder zu dienen, um so, in dieser konkreten
äußeren Beziehung von Du und Ich auch innerlich, selber Mensch zu sein – dieses Muss, dieses Gesetz der Menschlichkeit kann, so wahr, heilig und gerecht es
ist [vgl.
Nehmen wir einen Augenblick an, dass es sich aus irgend einem Grunde: sei es, dass es so
Gottes unbegreiflicher Wille, sei es, dass es durch des Menschen eigene Schuld so wäre, so
verhielte: er wäre zwar faktisch Mensch und Mitmensch, ihm wäre also das Zeichen seiner wesentlichen Mitmenschlichkeit objektiv
gegeben. Aber eben damit wäre er nun allein gelassen. Alles käme nun darauf an, dass er von
sich aus, in seiner eigenen Einsicht und Kraft dieses Zeichen erkennte und von dem, was er
nötig hat und was ihm faktisch gegeben ist, den rechten Gebrauch machte. Die Gnade seiner
Schöpfung wäre heimlich da, aber nun wäre es seine Sache, sie in dieser ihrer Heimlichkeit zu
entdecken und aus ihr hervorzuholen. Was könnte dann Anderes geschehen als das, was nach
Der Mitmensch als solcher ist eben wirklich nicht Gott, der uns als solcher helfen und der
uns als solcher verpflichten könnte. Der Mitmensch als solcher ist als die Bezugsperson, die
er uns an sich sein könnte und müsste, nicht brauchbar: ein Stab, der uns durch die Hand
geht, wo er uns stützen sollte [vgl.
Aber gestehen wir es uns nur offen – wir haben ja auch wirklich keinen Grund, es uns zu
verbergen: Wir haben bei dieser Feststellung nicht nur auf
Von da aus haben wir
Es mag der Erläuterung dienen, wenn wir uns an dieser Stelle beiläufig
der Entwicklung und Darstellung zuwenden, die
Nach ihm gibt es zwei «Grundworte» oder vielmehr Grundwortpaare: Ich-Du und Ich-Es, «wobei ohne Änderung des Grundwortes für Es auch eins der Worte Er und Sie eintreten kann» (S. 9)49. Ihr Gegensatz und Zwiespalt inhä|361riert schon der Schöpfung (S. 31)50. In der Ich-Es-Beziehung stehe ich vor Gegenständen. Ich erfahre sie. Ich gebrauche und benütze sie. Ich verfolge bestimmte Zwecke mit ihnen, ich habe sie. Die Es-Welt ist die von mir in Raum und Zeit einzuordnende und zu meisternde Welt. Sie ist die Welt der Mittelbarkeit. «Diese Welt ist einigermaßen zuverlässig. Sie hat Dichte und Dauer, ihre Gliederung lässt sich überschauen, man kann sie immer wieder hervorholen, man repetiert sie mit geschlossenen Augen und prüft mit geöffneten nach; sie steht ja da, deiner Haut anliegend, wenn du’s so annimmst, in deiner Seele eingekauert, wenn du’s so vorziehst, sie ist ja dein Gegenstand, sie bleibt es nach deinem Gefallen, und bleibt dir urfremd, außer und in dir. Du nimmst sie wahr, nimmst sie dir zur ‹Wahrheit›, sie lässt sich von dir nehmen, aber sie gibt sich dir nicht» (S. 40)51. 1085 Sie gibt sich mir eben darum nicht, weil sie mir gegenständlich ist und bleibt. Sie erschließt sich mir nicht in ihrem Wesen. Sie ist mir, indem ich sie habe, immer schon Vergangenheit. Sie bleibt mir insofern unwirklich. Die Ich-Es-Beziehung als solche ist keine Beziehung. Sie ist es nur latent. Sie kann zur Beziehung höchstens werden. Ich finde mich mit dem Es ab, indem ich es (in einem äußeren Bezirk) einrichte und (in einem inneren Bezirk) fühle, in «zwei sauber umzirkten Revieren» (S. 53)52. «Aber das abgetrennte Es der Einrichtungen ist ein Golem und das abgetrennte Ich der Gefühle ein umherflatternder Seelenvogel» (S. 54)53. Dem Es als solchem gegenüber kann und werde ich mich im Grunde, indem ich es erfahre und gebrauche, immer behalten. Es ist und bleibt ein Etwas, im besten Fall eine Summe von Eigenschaften, die als solche nicht mich selbst, nicht mich in meiner Totalität in Anspruch nimmt. Das Grundwort Ich-Es ist freilich nicht vom Übel, wie die Materie nicht vom Übel ist. Es ist aber vom Übel wie die Materie, die sich anmaßt, das Seiende zu sein. «Wenn der Mensch es walten lässt, überwuchert ihn die unablässig wachsende Es-Welt, entwirklicht sich ihm das eigene Ich, bis der Alp über ihm und das Gespenst in ihm einander das Geständnis ihrer Unerlöstheit zuraunen» (S. 57)54. Menschen, die nur in der Es-Welt leben, werden zu keinen Personen, sondern zu Eigenwesen, die sich ihrer Umwelt gegenüber absetzen, in der Absicht, von ihr zu leben, um eben so in Wirklichkeit zu sterben (S. 75)55. Sie können sich nicht als Seiende, sondern nur |362 als Soseiende erkennen (S. 76)56, ihre Dynamik erschöpft sich in ihrer Abgrenzung von der Umwelt und in deren Besitznahme, beides am Es und also beides im Unwirklichen geübt (S. 77)57.
Das andere Grundwort ist das der Ich-Du-Beziehung. Auch sie ist eine
Beziehung des Ich. Daraus ergibt sich, dass das Ich des Menschen zwiefältig und zwiespältig
ist. Das Grundwort Ich-Du kann im Unterschied zu dem Ich-Es nur mit dem ganzen Wesen des
Menschen gesprochen werden (S. 9)58. «Wer Du spricht, hat kein Etwas zum Gegenstand. Denn wo Etwas ist, ist
anderes Etwas, jedes Es grenzt an andere Es, Es ist nur dadurch, dass es an andere grenzt. Wo
aber Du gesprochen wird, ist kein Etwas. Du grenzt nicht. 1086 Wer Du
spricht, hat kein Etwas, hat nichts. Aber er
steht in der Beziehung» (S. 10f.)59.
Das Grundwort Ich-Du stiftet die Welt der Beziehung in ihren drei Sphären: das Leben mit der
Natur, das Leben mit den Menschen, das Leben mit den geistigen Wesenheiten (S. 12)60. Das
Leben mit der Natur: Ich kann freilich den Baum als Es betrachten, als Bild aufnehmen,
ihn als Bewegung verspüren, ihn in eine Gattung einreihen und als Exemplar beobachten, ich
kann ihn nur noch als Ausdruck des Gesetzes und der Gesetze erkennen, ich kann ihn zur Zahl,
zum reinen Zahlenverhältnis verflüchtigen und verewigen. «In all dem bleibt der Baum mein
Gegenstand und hat seinen Platz und seine Frist, seine Art und Beschaffenheit. Es kann aber
auch geschehen, aus Willen und Gnade in Einem, dass ich, den Baum betrachtend, in die
Beziehung zu ihm eingefasst werde, und nun ist er kein Es mehr. Die Macht der
Ausschließlichkeit hat mich ergriffen. Dazu tut nicht not, dass ich auf irgend eine der
Weisen meiner Betrachtung verzichte ... Alles, was dem Baum zugehört, ist mit darin, seine
Form und seine Mechanik, seine Farben und seine Chemie, seine Unterredung mit den Elementen
und seine Unterredung mit den Gestir|363nen, und alles in
einer Ganzheit. Kein Eindruck ist der Baum, kein Spiel meiner Vorstellung, kein
Stimmungswert, sondern er leibt mir gegenüber und hat mit mir zu schaffen wie ich mit ihm –
nur anders ... So hätte er denn ein Bewusstsein, der Baum, dem unseren ähnlich? Ich erfahre
es nicht. Aber wollt ihr wieder, weil es euch an euch geglückt scheint, das Unzerlegbare
zerlegen? Mir begegnet keine Seele des Baums und keine Dryade, sondern er selber»
(S. 13f.)61. Und so weiß
Entsprechend der zwiefältigen Haltung des Menschen, in der er je in der einen oder in der anderen dieser beiden Beziehungen steht, ist seine ganze Welt für ihn zwiefältig (S. 39)67. Und diese Zwiefältigkeit kann durch keine Flucht in die Ideenwelt als in ein Drittes und Übergegensätzliches überwunden werden. «Für den wirklichen Menschen geht die eigentliche Grenze auch quer durch die Welt der Ideen» (S. 20)68. 1088 Ein ideales «Ur-Seiendes oder Seinsollendes» wäre doch nur eine neue Form der Es-Menschheit, die mit einer leibhaften Menschheit, zu der ein Mensch wahrhaft Du spricht, nichts gemein hat. «Die edelste Fiktion ist ein Fetisch, die erhabenste Fiktivgesinnung ist ein Laster. Die Ideen thronen ebensowenig über unseren Köpfen, wie sie in ihnen hausen; sie wandeln unter uns und treten uns an; beklagenswert, wer das Grundwort ungesprochen lässt, aber erbärmlich, wer sie statt dessen mit einem Begriff oder einer Parole anredet, als wäre es ihr Name!» (S. 21)69. Zwischen den beiden Grundworten, Beziehungen und Welten bestehen aber die folgenden zwei echten Verhältnisse:
Die Ich-Du-Welt transformiert sich notwendig fortwährend zur Ich-Es-Welt. «In bloßer Gegenwart lässt sich nicht leben, sie würde einen aufzehren, wenn da nicht vorgesorgt wäre, dass sie rasch und gründlich überwunden wird. Aber in bloßer Vergangenheit lässt sich leben, ja nur in ihr lässt sich ein Leben einrichten. Man braucht nur jeden Augenblick mit Erfahren und Gebrauchen zu füllen, und er brennt nicht mehr.» Ohne Es-Beziehung lässt sich nicht leben. Aber wer mit dem Es allein lebt, ist nicht der Mensch (S. 43)70. «Das aber ist die erhabene Schwermut unsres Loses, dass jedes Du in unsrer Welt zum Es werden muss. So ausschließlich gegenwärtig es in der unmittelbaren Beziehung war: sowie sie sich ausgewirkt hat oder vom Mittel durchsetzt worden ist, wird es zum Gegenstand unter Gegenständen, zum vornehmsten etwa, dennoch zu einem von ihnen, in Maß und Grenze gesetzt. ... Der Mensch, der eben noch |365 einzig und unbeschaffen, nicht vorhanden, nur gegenwärtig, nicht erfahrbar, nur erfüllbar war, ist nun wieder ein Er oder eine Sie, eine Summe von Eigenschaften, ein figurhaftes Quantum geworden. Nun kann ich aus ihm wieder die Farbe seiner Haare, die seiner Rede, die seiner Güte holen; aber solange ich es kann, ist er mein Du nicht mehr und noch nicht wieder. Jedem Du in der Welt ist seinem Wesen nach verhängt, Ding zu werden oder doch immer wieder in die Dinghaftigkeit einzugehen. ... Das Es ist die ewige Puppe, das Du der ewige Falter» (S. 24f.)71. Warum ist das die erhabene Schwermut unseres Loses? Weil eben der unvermeidliche Schritt vom Du zum Es den Schritt heraus aus der Wirklichkeit in die Unwirklichkeit bedeutet. 1089 Aber eigentlich katastrophal würde dieser Vorgang doch nur dann, wenn der Mensch sich mit dessen Ergebnis abfände, statt immer wieder für eine neue Begegnung und also für eine Rückkehr in die Ich-Du-Beziehung bereit zu sein. «Ohne Es kann der Mensch nicht leben. Aber wer mit ihm allein lebt, ist nicht der Mensch» (S. 43)72.
Nun aber die Umkehrung, das andere Verhältnis: die Ich-Es-Welt kann sich in die Ich-Du-Welt transformieren. Wie das einzelne Du nach Ablauf des Beziehungsvorgangs zu einem Es werden muss, so kann das einzelne Es «durch Eintritt in den Beziehungsvorgang zu einem Du werden» (S. 42)73. Was zum Es sich gewandelt hat, «dem ist, dem zum Ding unter Dingen Erstarrten, der Sinn und die Bestimmung eingetan, dass es sich immer wieder entwandle. Immer wieder … soll das Gegenständliche zu Gegenwart entbrennen, einkehren im Element, daraus es kam, von Menschen gegenwärtig geschaut und gelebt werden» (S. 50)74. «Es steht bereit, ihnen allzeit selbst zum Du zu werden und die Du-Welt aufzutun; nein, es steht nicht bereit, es kommt immerdar auf sie zu und rührt sie an» (S. 52)75.
Wer aber bin Ich in jenen beiden Beziehungen und ihren Transformationen? Auch das Ich des Menschen ist, wie wir hörten, zwiefältig. «Denn das Ich des Grundworts Ich-Du ist ein anderes als das des Grundworts Ich-Es» (S. 9)76. In der Ich-Es-Beziehung bin ich nicht wirklich Ich. Ich bin Ich in der Ich-Du-Beziehung. «Der Mensch wird am Du zum Ich» (S. 36)77. «Person erscheint, indem sie zu anderen Personen in Beziehung tritt» (S. 75)78. Und wer zu anderen Personen in Beziehung steht, der nimmt eben damit an einer Wirklich|366keit teil, an einem Sein, das nicht bloß an ihm und nicht bloß außer ihm ist. In dieser Teilnahme wird das Ich selber wirklich und umso wirklicher, je vollkommener die Teilnahme ist (S. 75)79. Kein Mensch ist freilich reine Person, und so lebt auch keiner ganz wirklich, wie umgekehrt auch keiner nur reines Eigenwesen ist und also ganz unwirklich lebt. Wir leben eben im zwiefältigen Ich. «Aber es gibt Menschen, die so personbestimmt sind, dass man sie Person, und so eigenwesenbestimmte, dass man sie Eigenwesen nennen darf. Zwischen jenen und diesen trägt sich die wahre Geschichte aus» (S. 77)80. 1090 «Nach seinem Ich-Sagen – danach, was er meint, wenn er Ich sagt – entscheidet sich, wohin ein Mensch gehört und wohin seine Fahrt geht. Das Wort ‹Ich› ist das wahre Schibboleth der Menschheit» (S. 78)81. Man höre das Mitleid oder Grauen erregende, das peinliche oder widerwärtige Ich des Eigenmenschen! Es wird immer misstönig sein: «Wer das abgetrennte Ich mit großem Anfangsbuchstaben spricht, deckt die Schande des Weltgeistes auf, der zur Geistigkeit erniedrigt worden ist» (S. 78)82. Wie schön und rechtmäßig klingt dagegen das zulängliche wahre und reine Ich-Sagen der großen Verbundenen, das Ich des Sokrates als das Ich des unendlichen Gespräches, das noch in der Einsamkeit das Daimonion Du sagen lässt – das Ich Goethes in seinem reinen Umgang mit der Natur, das Ich Jesu als das Ich der unbedingten Beziehung, «darin der Mensch sein Du so Vater nennt, dass er selbst nur noch Sohn und nichts Anderes mehr ist als Sohn» (S. 79f.)83. Zu Personen und Eigenwesen kommt dann freilich als düsterer dritter Ich-Sager noch hinzu das dämonische Du dessen, der seinerseits kein Du kennt, weil er nur in der Sphäre seiner Sache lebt, der Mensch, an dem wohl unermesslich teilgenommen wird als an einer Wirklichkeit, der aber selber an keiner Wirklichkeit teilnimmt: Napoleon, «der Herr des Zeitalters», dessen Ich nur das notwendige Satzsubjekt seiner Feststellungen und Anordnungen, das Ich eines Vollzugs ist, das sich erst, als es aus seiner Sache geworfen war, auf sich selber besinnen durfte. Jedes Urteil versagt gegenüber solcher Erscheinung, und jeder Versuch, sie nachzuahmen, könnte nur «die Heillosigkeit des eigenen Selbstwiderspruchs» verraten (S. 80f.)84.
Die wahre Geschichte zwischen Person und Eigenwesen und also die wahre Geschichte des zwiefältigen Ich ist die seiner Beziehung zum ewigen Du. Jedes geeinzelte Du ist ein Durchblick zu ihm. Die Erfülltheit und die Unerfülltheit der Beziehungen zum Du aller Wesen kommt aus deren Mittlertum: durch jedes geeinzelte Du spricht das Grundwort das ewige Du an, das seinem Wesen nach nicht Es werden kann. Man hat es mit vielen Namen angesprochen, und zwar auch und immer stärker in der Es-Sprache. «Aber alle Gottesnamen |367 bleiben geheiligt: weil in ihnen nicht bloß von Gott, sondern auch zu ihm geredet worden ist.» 1091 Was wiegt alle Irr-Rede über Gottes Wesen und Werke gegen die eine Wahrheit, dass alle Menschen, die Gott angesprochen haben, ihn selbst meinten? (S. 89)85. Ihn spricht auch der vermeintlich Gottlose an, wenn er mit seinem ganzen hingegebenen Wesen das von keinem Anderen einzuschränkende Du seines Lebens anspricht. Der vollkommene Beziehungsvorgang zwischen ihm und uns ist eine Begegnung, in der uns wohl unser Wille, nicht aber die uns widerfahrende Gnade einsichtig wird (S. 90)86. Das ewige Du tritt mir gegenüber, und ich trete in unmittelbare Beziehung zu ihm. «So ist die Beziehung Erwähltwerden und Erwählen, Passion und Aktion in einem … die Tätigkeit des ganz gewordenen Menschen, die man das Nichttun genannt hat», sofern nichts Einzelnes von ihm in Bewegung ist und in die Welt eingreift, sofern er als Ganzer und in seiner Ganzheit ruhend wirkt (S. 91)87.
Um zu dieser letzten Begegnung auszugehen, bedarf es aber nicht etwa eines Abstreifens der Sinnenwelt als einer Scheinwelt. Es gibt keine Scheinwelt. Es gibt nur die wirkliche Welt in ihrer Zwiefältigkeit und Zwiespältigkeit. Nur der Bann des Abgetrenntseins ist abzutun. Und alle Vorschrift, alle angebbare Vorbereitung, Übung und dergleichen hat noch in der Es-Welt seinen Platz, hat also mit dem ureinfachen Faktum der Begegnung noch nichts zu schaffen. Nicht, wie die Mystik meint, das Ich ist aufzugeben, sondern der «falsche Selbstbehauptungstrieb, der den Menschen von der unzuverlässigen, undichten, dauerlosen, unübersehbaren, gefährlichen Welt der Beziehung in das Haben der Dinge flüchten lässt» (S. 91f.)88. «In der Beziehung zu Gott sind unbedingte Ausschließlichkeit und unbedingte Einschließlichkeit eins. Wer in die absolute Beziehung tritt, den geht nichts Einzelnes mehr an, nicht Dinge und nicht Wesen, nicht Erde und nicht Himmel; aber Alles ist in die Beziehung eingeschlossen. Denn nicht von Allem absehen heißt in die reine Beziehung treten, sondern Alles im Du sehen; nicht der Welt entsagen, sondern sie in ihren Grund stellen. Von der Welt wegblicken, das hilft nicht zu Gott; auf die Welt hinstarren, das hilft auch nicht zu ihm; aber wer die Welt in ihm schaut, steht in seiner Gegenwart. ‹Hier Welt, dort Gott› – das ist Es-Rede; und ‹Gott in der Welt› 1092 – das ist andere Es-Rede; aber nichts ausschalten, nichts dahinterlassen, alles – all die Welt mit im Du begreifen, der Welt ihr Recht und ihre Wahrheit geben, nichts neben Gott, aber auch alles in ihm fassend, das ist vollkommene Beziehung. Man findet Gott nicht, wenn man in der Welt bleibt, man findet Gott nicht, wenn man aus der Welt geht. Wer mit dem ganzen Wesen zu seinem Du ausgeht und alles Weltwesen ihm zuträgt, findet ihn, den man nicht suchen kann. Gewiss ist Gott ‹das ganz Andere›; aber er ist auch das |368 ganz Selbe: das ganz Gegenwärtige. Gewiss ist er das Mysterium tremendum89, das erscheint und niederwirft; aber er ist auch das Geheimnis des Selbstverständlichen, das mir näher ist als mein Ich. Wenn du das Leben der Dinge und der Bedingtheit ergründest, kommst du an das Unauflösbare, wenn du das Leben der Dinge und der Bedingtheit bestreitest, gerätst du vor das Nichts, wenn du es heiligst, begegnest du dem lebendigen Gott. Der Du-Sinn des Menschen, dem aus den Beziehungen zu allem einzelnen Du die Enttäuschung des Es-Werdens widerfährt, strebt über sie alle hinaus und doch nicht hinweg seinem ewigen Du zu. Nicht wie man etwas sucht: es gibt in Wahrheit kein Gott-Suchen, weil es nichts gibt, wo man ihn nicht finden könnte. Wie töricht und hoffnungslos wäre Einer, der vom Weg seines Lebens abwiche, um Gott zu suchen: ob er auch alle Weisheit der Einsamkeit und alle Macht der Sammlung gewänne, ihn verfehlte er. Vielmehr ist es, wie wenn Einer seines Wegs geht und nur eben wünscht, es möchte der Weg sein; in der Kraft seines Wunsches äußert sich sein Streben. Jedes Beziehungsereignis ist eine Station, das ihm einen Blick in das erfüllende auftut; so ist er in Allen des Einen unteilhaftig, aber teilhaftig auch, weil er gegenwärtig ist. Gegenwärtig, nicht suchend, geht er seines Wegs; daher hat er die Gelassenheit zu allen Dingen und die Berührung, die ihnen hilft. Aber wenn er gefunden hat, ist sein Herz ihnen nicht abgewandt, ob ihm nun auch Alles in Einem begegnet. Er segnet alle Zellen, die ihn beherbergt haben, und alle, in denen er noch einkehren wird. Denn dieses Finden ist nicht ein Ende des Wegs, nur seine ewige Mitte» (S. 93f.)90. Die Gottesbeziehung ist also «nicht eine Beziehung neben den anderen; sie ist die 1093 Allbeziehung, in die alle Ströme sich ausgießen, ohne darum zu versiegen. Meer und Ströme – wer will hier scheiden und Grenzen bestimmen? Das ist nur das Eine Fluten von Ich zu Du, immer unendlicher, die Eine grenzenlose Flut des Wirklichen Lebens. Man kann sein Leben nicht zwischen eine wirkliche Beziehung zu Gott und ein unwirkliches Ich-Es-Verhältnis zur Welt aufteilen – zu Gott wahrhaft beten und die Welt benützen. Wer die Welt als das zu benützende kennt, kennt auch Gott nicht anders» (S. 124)91. «In jeder Sphäre (Natur, Mensch, geistige Wesenheiten), in jedem Beziehungsakt, durch jedes uns gegenwärtig Werdende blicken wir an den Saum des ewigen Du hin, aus jedem vernehmen wir ein Wehen von ihm, in jedem Du reden wir das ewige an, in jeder Sphäre nach ihrer Weise. Alle Sphären sind in ihm beschlossen, es in |369 keiner. Durch alle strahlt die eine Gegenwart. Wir aber können jede der Gegenwart entheben» (S. 118)92.
Was aber geschieht in dieser Beziehung? Gefühle wie Abhängigkeitsgefühl oder Kreaturgefühl
können das metaphysische und metapsychische Faktum der vollkommenen Beziehung doch nur
begleiten.93 Entscheidend ist
nicht das, was wir faktisch fühlend wissen: dass wir Gott brauchen. Entscheidend ist dies,
dass Gott uns braucht: zu eben dem, was der Sinn unseres Lebens ist, dass wir selbst an der
Schöpfung teilnehmen, dem Schaffenden begegnen, uns ihm hinreichen, seine Helfer und
Gefährten sind (S. 97)94. Zwei große Diener gehen durch die Zeiten: das Gebet und das Opfer, beide von aller Magie dadurch
unterschieden, dass sie sich «vor das Angesicht stellen», in die Vollendung des heiligen
Grundwortes, das Wechselwirkung bedeutet. Gebet und Opfer sprechen Du,
und sie vernehmen (S. 97f.)95. Ihnen steht der
Irrtum aller mystischen Versenkungslehren gegenüber, die sich mit Unrecht auf das
Johannesevangelium berufen, ist doch gerade dieses «das Evangelium der reinen Beziehung»,
nämlich der des Vaters und des Sohnes, d. h. Gottes und des Menschen (S. 98f[f].)96. Annehmbar ist von
den Lehren der Mystik nur die vom Einswerden der Seele, sofern man sie als das Einswerden des
Menschen mit sich selber verstehen darf: «Die Kräfte sammeln sich in den Kern ein. Alles, was
sie abziehen will, wird einbewältigt, das Wesen steht allein in sich selbst und jubiliert,
wie
In solchem Leben in der reinen Beziehung zum ewigen Du hin besteht der die Eswelt durchdringende und verwandelnde Geist. Umkehr ist die Wesenstat des Menschen, in welcher er sich Gott als dem Kontinuum und der Mitte der Duwelt zuwendet und in welcher der Geist in der Begegnung zwischen Ich und Du Ereignis wird – und das vielleicht nicht nur in uns, sondern vielleicht auch als Selbsterlösung des Alls in seiner Hinwendung zu dem Urgrund, von dem es sich abgewendet hatte. Aber hier versagt unser Wissen um die Zwiefalt und um deren Überwindung vor der Paradoxie des Urgeheimnisses (S. 116f.)102. Und nun gibt es unter den drei Sphären der Duwelt, in die wir auch hinsichtlich der Begegnung mit dem ewigen Du gewiesen sind, eine, nämlich die des Lebens mit dem Menschen, die sich vor den anderen dadurch auszeichnet, dass hier die Beziehung «sprachgewaltig» wird (S. 117)103, in welcher Ich und Du nicht nur in Beziehung, sondern auch in «Redlichkeit» stehen. «Hier ist das Gegenüber zur vollen Wirklichkeit des Du erblüht, hier allein gibt es denn auch als unverlierbare Wirklichkeit Schauen und Geschautwerden, Erkennen und Erkanntwerden, Lieben und Geliebtwerden. Dies ist das Hauptportal, in dessen umfangende Öffnung die beiden Seiten eingehen. ‹Wenn ein Mann mit seinem Weibe beisammen ist, sind sie von der Sehnsucht der ewigen Hügel umweht.› Die Beziehung zum Menschen ist das eigentliche Gleichnis der Beziehung zu Gott: darin wahrhafter Ansprache wahrhafte Ant|371wort zuteil wird. Nur dass in Gottes Antwort sich Alles, sich das All als Sprache offenbart».104
Das aber heißt Offenbarung: das Urphänomen der Tatsache, «dass der Mensch aus dem Moment der höchsten Begegnung nicht als der gleiche hervorgeht, als der er in ihn eingegangen ist», die Wirklichkeit, dass wir empfangen, was wir zuvor nicht hatten.105 Der Mensch empfängt: nicht einen Inhalt, wohl aber eine Gegenwart als Kraft. Und diese Gegenwart und Kraft schließt ungeschieden in sich: die Fülle wirklicher Gegenseitigkeit, wirklichen Aufgenommenwerdens und Verbundenseins und die unaussprechliche Bestätigung des Sinnes, und zwar des Sinnes dieses unseres Lebens, dieser unserer Welt, der in diesem Leben, an dieser Welt von uns bewährt werden will (S. 127)106. 1096 Erfahren kann man diesen Sinn nicht. Er kann aber empfangen und er kann getan werden! Getan! Er kann ja nicht in mir verschlossen, er will durch mich in die Welt geboren werden (S. 127f.)107. Es kann aber, so gewiss er sich nicht in einem allgemein gültigen und annehmbaren Wissen ausprägt, diese seine Bewährung auch nicht als ein allgemein geltendes, auf Tafeln zu verzeichnendes Sollen tradiert werden. «Zu bewähren vermag den empfangenen Sinn jeder nur mit der Einzigkeit seines Wesens und in der Einzigkeit seines Lebens. Wie uns zur Begegnung keine Vorschrift führen kann, so führt auch aus ihr keine. ... Wie man mit dem bloßen Du auf den Lippen zu dieser Begegnung gelangt, so wird man mit ihm auf den Lippen aus ihr zur Welt entlassen.» Das Geheimnis hat sich uns als Heil kundgetan, es ist geblieben, was es war. Wir haben es erkannt, aber wir haben keine Erkenntnis von ihm, die uns seine Geheimnishaftigkeit minderte und milderte. Wir können nur gehen und bewähren. Und auch dies «sollen» wir nicht – wir können – wir müssen (S. 128)108. «Das ist die ewige, die im Jetzt und Hier gegenwärtige Offenbarung. Ich weiß von keiner, die nicht im Urphänomen die gleiche wäre, ich glaube an keine. Ich glaube nicht an eine |372 Selbstbenennung Gottes […] vor den Menschen. Das Wort der Offenbarung ist: Ich bin, der Ich bin. Das Offenbarende ist das Offenbarende. Das Seiende ist, nichts weiter. Der ewige Kraftquell strömt, die ewige Berührung harrt, die ewige Stimme tönt, nichts weiter» (S. 129)109. Denn auch die gewaltigen Offenbarungen am Anfang der großen Gemeinschaften, in den Wenden der Menschenzeit, die Offenbarungen Gottes in besonderer Gestalt, auf die sich die Religionen berufen, sind ja wesentlich nichts Anderes als die eine, ewige Offenbarung (S. 134)110. Kann uns solche Offenbarung Gegenwart bleiben, und wie kann das geschehen? Wirkliche Offenbarung hat in der Tat eine Kontinuität: «Die Momente der höchsten Begegnung sind […] nicht Blitze in der Finsternis, sondern wie aufsteigender Mond in einer klaren Sternennacht» (S. 132).111 Diese Kontinuität kann aber nicht darin bestehen, dass wir auch das ewige Du zum Es, zu einem Gott-Ding und Glaubensobjekt machen. Einsammlung und Ausgehen muss stets erneute Wesensbewegung und Wesens 1097 tat bleiben. Sie müssen es immer wieder werden. Es darf sich also die Dennoch-Zuversicht des Kämpfers, der Gottferne und Gottnähe kennt, nie verwandeln in die Sicherheit des Nutznießers, ihm könne nichts geschehen, weil er glaube, dass Einer sei, der ihm nichts geschehen lasse. Glaube und Kult dürfen nicht aus Ergänzungen zum Ersatz der Beziehungsakte werden (S. 131)112. Es muss die Gestalt Gottes aus der Erstarrung zum Gegenstand, der sie im Glauben und im Kult immer wieder zu verfallen droht113, immer wieder Gegenwart werden, indem Glaube und Kult sich im wahren Gebet vereinigen und reinigen zur lebendigen Beziehung (S. 136)114. Der Mensch wird der Beziehung zu Gott, deren er teilhaftig geworden ist, gerecht werden, wenn er nach seiner Kraft, nach dem Maß jedes Tages neu Gott in der Welt verwirklicht. Darin liegt die einzige echte Bürgschaft der Kontinuität (S. 132)115. «Im Ausgesandtsein bleibt Gott dir Gegenwart» (S. 133)116. Die Geschichte im Ganzen aber ist das Hin und Her der Zeiten, in denen das wesende Wort erscheint, die Verbundenheit von Ich und Welt sich erneuert – der anderen Zeiten, in denen das wirkende Wort regiert und das Einvernehmen zwischen Ich und Welt sich erhält – und der noch anderen Zeiten, in denen das Wort geltend wird und in denen sich die Entwirklichung, die Verfremdung zwischen Ich und Welt vollzieht, «bis der große Schauder kommt und das Atemanhalten im Dunkel und das bereitende Schweigen». Doch ist diese Bahn kein Kreislauf. Sie ist es darum |373 nicht, weil die Krisen in jedem Äon akuter werden und weil in demselben Maß auch die Theophanie näher rückt. «Die Geschichte ist eine geheimnisvolle Annäherung. Jede Spirale ihres Wegs führt uns in ein tieferes Verderben und in grundhaftere Umkehr zugleich. Das Ereignis aber, dessen Weltseite Umkehr heißt, dessen Gottesseite heißt Erlösung» (S. 137f.)117.
Die Größe und das Verdienst von
Sieht man von diesem doppelten Abstrich ab, so erkennt man doch in der klaren Entgegenstellung und Verbindung von Gott und Mensch unschwer den Ursprung und Sinn von Bubers Thema und das eigentümliche Pathos seiner These, mit der er inmitten des verworrenen Humanismus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg bei aller Verbundenheit mit ihren Tendenzen und ihrer Sprache wie ein Gast aus einer längst vergessenen Welt auf den Plan getreten ist. Es konnte schon wegen dieses ihres geschichtlichen Zusammenhangs nicht 1099 anders sein, als dass sie Eindruck machte und bis heute Eindruck macht. – Versuchen wir es, deutlich zu machen, wie sich jener große Abstrich vom wirklichen Alten Testament in dieser Konzeption ausgewirkt hat:
3741. Der Titel von
2. Es hängt damit zusammen, dass die Grenze der Menschlichkeit, in der nach Buber des Menschen Not besteht, aus der er erlöst werden kann, verhältnismäßig harmlos die Ich-Es-Beziehung ist. Sie steht darum unter einem negativen Vorzeichen, weil das Ich in ihr nicht mit der Wirklichkeit der Dinge und auch nicht mit der Wirklichkeit Gottes in Beziehung steht und insofern selbst nicht wirklich Ich ist. Das ist schlimm genug. Aber schlimmer als so ist die Sache immerhin nicht. Eines eigentlichen Abfalls von sich selbst kann das Ich sich auch in der Ich-Es-Beziehung nicht schuldig machen. Kann es doch schöpfungsmäßig ebensowohl in der negativen Ich-Es-Beziehung wie in der positiven Ich-Du-Beziehung stehen, bleibt es doch in seiner Substanz von beiden unberührt. Und es bleibt ja, indem es der Ich-Es-Beziehung verfällt, auch auf der anderen Seite: auf Seiten des im Menschen, in der Natur, in den geistigen Wesenheiten latenten und seiner harrenden Du, es bleibt auch auf |375 Seiten des ewigen Du grundsätzlich alles beim Alten und in Ordnung. Auch Gottes Ehre ist dadurch nicht so verletzt, dass der Mensch zur Mitwirkung bei ihrer Wiederherstellung etwa außerstande wäre. Etwas Irreparables ist damit, dass der Mensch wieder einmal der Ich-Es-Beziehung verfällt, überhaupt nicht geschehen. Er hat sich damit eigentlich und letztlich doch weder an sich selber, noch am Du, noch am ewigen Du so verfehlt, dass er nicht wieder zurück könnte. Und so bleibt die Grenze zwischen Personen und Eigenwesen fließend, so kann aus dem Eigenwesen eine Person, aus der Person ein Eigenwesen werden. Es wird darum nicht nur aus einer vielleicht löblichen Zurückhaltung im Gebrauch der biblischen Sprache, sondern nun doch auch aus der Sache zu erklären sein, dass die Begriffe Sünde und Schuld in Bubers Entwurf weder wörtlich vorkommen noch inhaltliche Äquivalente haben. Die beschriebene Katastrophe ist transitorisch, und so kann denn auch ihre Beschreibung immer wieder schnell genug in die der entsprechenden Wiederherstellung übergehen. Ein Dazwischentreten Gottes, die Errichtung und Durchführung eines besonderen Treuebundes, in welchem Gott die verlorene Sache des Menschen zu seiner eigenen machen würde, ist nicht vorgesehen: sie ist aber auch nicht nötig. Die Sache des Menschen ist eben keine verlorene Sache. Das Prob1101lem seiner Erlösung ist dem Menschen zwar allen Ernstes gestellt. Es ist auch ein ziemlich schweres Problem, weil das Abgleiten in die Ich-Es-Beziehung mit einer gewissen Naturnotwendigkeit immer wieder über ihn kommt. Es ist aber auch kein so schweres Problem, und es ist in Gestalt der vielen latenten Du, von denen er als von den Repräsentanten des ewigen Du beständig umgeben ist, nicht zu wenig göttliche Gnade auf dem Plan, als dass es dem Menschen nicht auch ohne ein solches göttliches Dazwischentreten aufgeladen werden dürfte.
3. Der Abfall von der Ich-Du-Beziehung in die Ich-Es-Beziehung kann aber schon darum weder
schlechthin verwerflich noch schlechthin gefährlich sein, er kann die Substanz der
Menschlichkeit nur schon darum nicht angreifen, weil die ganze Dialektik der beiden
Beziehungen ja schon der Schöpfung inhäriert. Das Ich nimmt in seiner Zwiefältigkeit doch nur
Anteil an der dem ganzen von Gott verschiedenen Kosmos eigentümlichen Zwiefältigkeit.
4. Die Beseitigung jener Not durch die Wiederherstellung der Ich-Du-Beziehung in der
vollkommenen Begegnung mit dem ewigen Du geschieht nun allerdings nicht mit der Planmäßigkeit
und Notwendigkeit, in der es zu ihrer Aufhebung und Zerstörung kommt. Auf jene Flucht der
Gegenwart, auf jenes Abgleiten in die Ich-Es-Beziehung kann man sich leider 1103 (und doch auch wieder zum Glück!) verlassen, wogegen man sich auf das Anheben der
entgegengesetzten Bewegung in gar keiner Weise verlassen kann. Gerade sie hat zunächst nur
den Charakter einer Möglichkeit. Gerade sie kann sich zwar verwirklichen, aber dass sie es
tun wird, dafür empfängt der in die Ich-Es-Beziehung verfangene Mensch keine Gewähr, dazu
wird ihm von nirgendswoher verholfen. Was außer ihm ist, das ist zwar lauter Bereitschaft,
Warten und Harren, das kann schließlich wohl auch auf ihn zukommen, ihn anrühren. |377 Für ihn eintreten kann und wird doch nichts, was außer ihm ist.
Auch das ewige Du selbst kann und wird das auf keinen Fall tun. Auch es ist ihm, sofern er in
die Ich-Es-Beziehung verfangen ist, nur latent gegenwärtig, und da ist keine angebbare
Gestalt, Vorschrift oder Tradition, in der es sich ihm anbieten würde. Ist es ein Angebbares,
dann ist es ja für ihn schon zum Es erstarrt. Wie sollte es ihm da helfen, was sollte es ihm
da sein können? Wir hören die Worte «Gnade» und «Offenbarung» auch bei
3795. Wir haben bei dem Allem die Stellen und
Zusammenhänge nicht übersehen, in denen
Dass es dem Menschen gut ist, nicht allein zu sein [vgl.
Eben er stellt freilich das Sein des Menschen mit dem Mitmenschen, vom Mitmenschen her und
zu ihm hin, zunächst und vor allem so dar, dass uns die Meinung, wir könnten und müssten
diese Darstellung von uns aus vollziehen, grundsätzlich und ein für allemal vergehen muss.
Eben er nimmt uns den Wahn, als sei es unsere Sache, das Geheimnis der menschlichen Natur, das das Geheimnis der Gnade Gottes ist, von uns aus
aufzutun. Eben er zeigt uns, dass das, was sich in dieser Sache von uns aus aufzutun pflegt,
dem
Das Zweite in unserem Zusammenhang nun auch positiv Wichtige folgt gerade aus diesem
Ersten: Weil und indem Jesus der ist, der er ist: in seiner Mitmenschlichkeit der gottebenbildliche Mensch, und
weil und indem er uns als dieser offenbar wird, ist er die nun nicht mehr verborgene, sondern
greifbare Gestalt der Gnade der menschlichen
Natur. Wir haben gesehen, dass dies die
verborgene Gnade der Erschaffung und also
der Natur des Menschen ist, dass er ja faktisch nicht allein, sondern mit dem Mitmenschen,
dass die «Hilfe, die ihm ein Gegenüber sei» [
Das ist die Macht dieses Zeichens, die in der Macht
dessen beruht, auf den es ursprünglich und zuerst zeigt: es redet nicht von dem an uns
gestellten Anspruch und nicht von unserer Ohnmacht diesem Anspruch gegenüber, es sagt uns
nicht, dass wir menschlich sein sollten, und es klagt uns nicht an, dass wir unmenschlich
seien – oder vielmehr: es tut das Alles nur beiläufig und nachträglich, indem es davon |385 redet, dass Gott nicht gesonnen ist, seinen Willen mit dem Menschen
aufhalten zu lassen, und darum nicht gesonnen, uns uns selbst, unserem eigenen Bemühen und
unserem eigenen Versagen zu überlassen, dass er es vielmehr zu seiner Sache gemacht hat,
unsere Menschlichkeit zu erhalten, zu behaupten, in Schutz zu nehmen und zu verteidigen, sie
zu retten vor ihrer Bedrohung durch unsere Menschlichkeit – sie für
uns zu retten gegen uns selber. Eben das ist es doch, was in dem
Menschen Jesus als dem eigentlichen und ursprünglichen geschöpflichen Bilde Gottes Ereignis
ist: in ihm unsere Menschlichkeit, Menschlichkeit für uns und uns
zugesprochen, in ihm uns zu eigen gemacht, weil an unserer Stelle realisiert. Indem der ewige
Gott selbst 1113 dieser Mensch Jesus ist, setzt er sich dafür, dass wir werden,
was wir von uns selbst aus nicht werden können: wirkliche Menschen, der Mensch mit dem
Menschen und eben so sein geschöpfliches Ebenbild. Was dieser Mensch ist, das gilt für uns; denn eben
er ist Jesus und wir, Jesus nicht ohne, sondern mit
uns, der Geliebte Gottes, in
welchem Gott auch
Die anthropologische Konsequenz aus dieser christologischen Voraussetzung ist nun schlicht die, dass unserem faktischen menschlichen Sein 1114 eine objektive Bedeutsamkeit eignet und innewohnt. Sie ist ihm darum objektiv eigen, weil sie von seiner Problematik und Brüchigkeit unabhängig und also unzerstörbar ist. Sie besteht in grundsätzlich überlegenem Gegensatz zu dieser Problematik und Brüchigkeit, und eben von ihr aus wird diese durchleuchtet. So kann sie von ihr nicht alteriert werden. Es ist nur zu wahr, dass unser faktisches Sein als Mensch und Mitmensch dem Wesentlichen, was das bedeutet, nicht gerecht wird. Es ist aber noch wahrer, dass es in seiner ganzen Ungerechtigkeit eben dieses Wesentliche bedeutet. Und ihm kommt dieses Bedeuten darum unveräußerlich und unzerstörbar zu, weil unser menschliches Sein als Mensch und Mitmensch ursprünglich und zuerst in Jesus verwirklicht ist und weil wir, indem auch wir faktisch immer Mensch und Mitmensch sind, seinesgleichen sind und also an der in ihm geschehenen Verwirklichung Anteil haben. Ob wir es wissen oder nicht wissen, wollen oder nicht wollen, unser Sein ist bedeutend, denn es steht nun einmal in diesem Zusammenhang mit dem seinigen, und in diesem Zusammenhang kann es gar nicht unbedeutend sein.
Was aber ist in diesem Zusammenhang das Bedeutsame unseres faktischen menschlichen, nämlich unseres mitmenschlichen Seins? Wir kommen damit zum Schluss zu der konkreten Form der menschlichen Gottebenbildlichkeit. Wir sahen zuerst: diese besteht allgemein darin, dass der Mensch in Ähnlichkeit mit Gott selber Du und Ich ist. Wir sahen dann weiter: sie besteht im Besonderen, sie besteht als geschöpfliche Gottebenbildlichkeit darin, dass er Mensch und Mitmensch ist, der Mensch mit dem anderen Menschen. Hier bleibt uns nun noch der letzte und entscheidende Schritt ins Besonderste zu tun. Wer ist der |387 Mensch mit dem anderen Menschen? Welches ist das faktische menschliche (als Mitmenschlichkeit bestimmte) Sein in der ihm durch seinen Zusammenhang mit der Menschlichkeit Jesu eigenen Bedeutsamkeit? Dass ihm von daher und nur von daher seine Bedeutsamkeit zukommt, dass es von daher und nur von daher beglaubigtes Zeichen ist, muss uns nun beherrschend vor Augen stehen. Wir können also 1115 die bedeutsame Form der Mitmenschlichkeit unseres faktischen Seins auf alle Fälle nur in einer solchen Bestimmung dieses unseres Seins zu finden erwarten, in der es diesen Zusammenhang spiegelt, in der es eben dies abbildet und darstellt: wie Jesus Mensch und Mitmensch ist, ganz von ihm her und ganz zu ihm hin, Ich durch das Du und Ich für das Du. Wir fragen also, in welcher Hinsicht, unter welchem Gesichtspunkt unser faktisches menschliches Sein diesem Urbild entspricht, unter welcher Bestimmung es von daher beglaubigtes Zeichen ist. Wir fragen, unter welcher Gestalt der Mensch und der Mitmensch so da sind, dass sie miteinander und in diesem Miteinander auch ein Jeder für sich nun eben – aller Problematik und Brüchigkeit ihres Vollbringens ungeachtet – in ihrem Zusammenhang mit der Menschlichkeit Jesu das geschöpfliche Ebenbild Gottes sind. Auf die so gestellte Frage ist nun abschließend zu antworten: Wir reden vom Mann und von der Frau, wenn wir vom Menschen als von Gottes Ebenbild, wenn wir von seiner Mitmenschlichkeit und also von seiner wesentlichen Menschlichkeit reden.
Es gibt auch andere wichtige Gestalten des Verhältnisses von Mensch und Mitmensch als
diese. Der Mensch ist auch Vater und Kind, auch Mutter und Kind, auch Bruder und Schwester,
auch begabter im Verhältnis zum unbegabten, so begabter im Verhältnis zum anders begabten, er
ist auch charakterisierter im Verhältnis zum anders charakterisierten Menschen; er ist Mensch
dieser im Verhältnis zum Menschen jener Zone, Zeit und Rasse; er ist vor allem je dieses
Individuum im Verhältnis zu jedem anderen. Wir können aber zur entscheidenden Bestimmung von
des Menschen Menschlichkeit schon darum nicht bei
einem dieser anderen Verhältnisse stehen bleiben, weil sie streng genommen alle miteinander
geschichtliche Verhältnisse sind: Verhältnisse eines wenn auch ursprünglichen Werdens, aber
doch nicht des darin vorausgesetzten Seins des Menschen, sekundäre Verhältnisse, die allesamt
ein primäres voraussetzen. Dass |388 der Mensch Mann und Frau ist, das
ist nicht nur eine weitere und vielleicht tiefste Gestalt seiner Unterscheidung von und
seiner Verbindung mit seinesgleichen. Sondern eben in 1116 diesem Verhältnis
ist er zuerst und hat er ursprünglich seinesgleichen, ist er Mensch mit dem Mitmenschen, mit
dem er nicht einer ist und ohne den er nun doch auch nicht Dieser, der Mensch, sein würde.
Nur als der, der in diesem Verhältnis ist, ist er dann auch in allen anderen. Und alles
Konkrete, was er in jenen anderen Verhältnissen ist, ist immer noch Abstraktion von dem
Konkreten seines Seins in diesem Verhältnis. Alle als Zähler in jenen anderen Verhältnissen
namhaft zu machenden Bestimmungen stehen auf dem Nenner der
Grundbestimmung, dass der Mensch Mann oder Frau,
Mensch und Mitmensch in diesem Verhältnis ist.
Des Menschen Mitmenschlichkeit und also seine Gottebenbildlichkeit
gerade hier und nicht anderswo zu suchen sind wir schon durch
Der naheliegende Einwand kann nicht verfangen: dass die geschlechtliche Differenzierung eine Bestimmung sei, die der Mensch mit 1117 dem Tiere gemeinsam habe, dass in ihr also seine Gotteben|389bildlichkeit nicht bestehen könne. Dass die geschlechtliche Differenzierung dem Menschen und dem Tier gemeinsam ist, das unterstreicht allerdings sehr deutlich, dass wir es im Menschen mit dem Ebenbilde Gottes im geschöpflichen Raume zu tun haben; es erinnert uns daran, dass wir uns auch auf der höchsten Spitze unserer Natur diesseits der Kreaturgrenze und also in der Nachbarschaft und im Zusammenhang mit der ganzen übrigen Schöpfung befinden, dass gerade diese Spitze Gottes Gnade und Wahl und als solche nicht in einen geschöpflichen Vorzug und Anspruch zu übersetzen ist. Darüber hinaus wäre ja immerhin zu bemerken, dass die geschlechtliche Differenzierung beim Menschen von der des Tieres insofern bedeutsam verschieden ist, dass sie schon physisch die einzig reale Differenzierung innerhalb des Menschengeschlechtes bildet. Das Tier existiert in vielen, bis zur fast gänzlichen Fremdartigkeit verschiedenen Geschlechtern, Arten und Unterarten, der Mensch – da die Rassenunterschiede nun einmal keinen Artunterschied in sich schließen – in einer einzigen Art, die letztlich allein durch den Unterschied von Mann und Frau noch einmal in sich verschieden ist. Entscheidend ist dies, dass es nun eben der Mensch (und unseres Wissens allein der Mensch) ist, dem Gott sich zu Seinesgleichen und in der Menschlichkeit Jesu nun eben so zu Seinesgleichen machen wollte und gemacht hat, dass eben sein Sein als Mann und Frau als die natürliche Entsprechung dieser seiner besonderen Zuwendung zu ihm und damit nun doch als das geschöpfliche Bild seines eigenen inneren Wesens sichtbar werden muss. Dass auch das Tier männlich und weiblich ist, kann diese Auszeichnung des Menschen weder bedrohen noch aufheben. Was dieser Tatsache zu entnehmen ist, könnte nur dies sein, dass die Bedeutsamkeit des in der Natur des Menschengeschlechts aufgerichteten Zeichens dadurch bestätigt wird, dass es gerade im nächsten Umkreis der uns umgebenden Schöpfung diese in der Tat auffallende Analogie hat. Dass wir mit einem uns freilich undurchsichtigen Zusammenhang zwischen dem Willen Gottes mit dem Menschen und 1118 seinem Willen mit der ganzen Schöpfung zu rechnen haben, diese auch von anderer Seite wenigstens von ferne aufleuchtende Wahrheit ist es, die wir jenem Einwand gerne entnehmen werden.
Auch der andere hier ebenfalls naheliegende Einwand ist gegenstandslos: dass Gott doch nicht Mann und Frau sei, dass also des |390 Menschen Gottebenbildlichkeit nicht in seinem Sein als Mann und Frau bestehen könne. In der Tat ist Gott nicht Mann und Frau, wie er überhaupt nicht Mensch und Mitmensch, überhaupt nicht Du und Ich in zwei Personen, sondern in einer Person ist. Gottebenbildlichkeit heißt nicht Gottgleichheit, sondern Gottähnlichkeit, und das tertium comparationis besteht darin, dass auch der Mensch (wie Gott selber) Gottes Du und als solches (wie Gott selber) Ich ist. Er ist aber Gottes Du und insofern Ich in der Geschöpflichkeit. Und eben weil er es geschöpflich ist, ist er es nicht wie Gott aus und durch sich selber, sondern im Verhältnis von Mensch und Mitmensch. Und was das Verhältnis von Mensch und Mitmensch ist, das ist urbildlich wirklich und offenbar in der Mitmenschlichkeit Jesu. Und eben von ihr aus als dem Urbild und der Norm des Menschlichen ergibt sich das Sein des Menschen als Mann und Frau als des Menschen natürliche, allen anderen Bestimmungen seines Seins vorangehende Gottebenbildlichkeit. Sie hat als solches nichts Gleiches in Gott – es wäre denn die Einheit von Heiligkeit und Barmherzigkeit, in der Gott das Geschöpf überhaupt wollte und in der er sich selbst zu des Menschen Verbündetem machen wollte. Aber zwischen diesem Gleichen und dem Sein des Menschen als Mann und Frau liegt der Abgrund der creatio ex nihilo, der jeden Rückschluss von der geschöpflichen auf die schöpferische Natur unmöglich macht, der es uns also selbstverständlich verbietet, Gott selber so etwas wie ein androgynes Wesen zuzuschreiben.
Das Sein des Menschen als Mann und Frau ist das Abbild und die Verheißung des Gnadenbundes und seines Herrn. Darum und darin ist es bedeutsam und ist gerade in ihm die Gottebenbildlichkeit der menschlichen Natur sichtbar und zu erkennen. Der Sinn der Gottebenbildlichkeit des 1119 Menschen ist ja seine Eignung zum Partner Gottes im Gnadenbund. Darin, dass er Mann und Frau ist, ist von seiner Seite die Bedingung erfüllt, die ihn zu dem Wesen macht, dem Gott Verbündeter sein, dessen er sich in Jesus Christus persönlich annehmen kann. Indem Mensch und Mitmensch einander das sind, was Mann und Frau sich gegenseitig sein können, ist der Mensch unter allen Wesen dasjenige, mit dem Gott in diese Handlungsgemeinschaft und besondere Seinsgemeinschaft treten kann. Wir wissen nicht, ob er das nicht auch sonst, nicht auch ohne Erfüllung gerade dieser Bedingung tun könnte. Wir können nur sagen, dass die Handlungs- und |391 Seinsgemeinschaft zwischen Gott und Mensch dann eine ganz andere sein müsste als die, die in der Aufrichtung des Gnadenbundes und in dessen Erfüllung in Jesus Christus Ereignis und Offenbarung geworden ist. Auch die beiden Partner, Gott und der Mensch, müssten dann jedenfalls ganz andere Wesen sein als die, die wir hier handeln sehen. Halten wir uns daran, dass diese Handlungs- und Seinsgemeinschaft nun eben so und nicht anders Ereignis und Offenbarung geworden ist und dass wir auch Gott und den Menschen nicht anders kennen als so, wie sie hier wirklich sind, dann müssen wir sagen, dass das Gottebenbildliche der menschlichen Natur darin besteht, dass der Mensch in dieser besonderen Zweisamkeit existiert: als Mann und als Frau. Denn eben darin ist er von Natur das Abbild und die Verheißung dieser Gemeinschaft: der Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch, die in der Menschlichkeit Jesu exemplarisch dargestellt ist. Eben darin erfüllt er die Bedingung, die ihn zu jenem Wesen macht, das Gottes Partner sein kann.
Des Menschen Gottebenbildlichkeit besteht zunächst darum gerade in diesem Verhältnis, weil der Mann nicht ohne die Frau der Mann, die Frau nicht ohne den Mann die Frau sein kann, weil also beide nicht ohne einander Mensch sein können. Jede denkbare Definition männlichen und weiblichen Wesens ist als Bezeichnung irgend einer Korrelation, Gegenüberstellung und Ergänzung eine Beschreibung und Erläuterung dieses «Nicht ohne einander». Jede Betätigung und Entfaltung des Mannes oder der Frau zielt offen oder heimlich, direkt oder indirekt, verbindend 1120 oder auch gegensätzlich auf eine Bestätigung dessen, dass sie «nicht ohne einander» sind. Dass er Mann und Frau ist: Mann mit der Frau und Frau mit dem Manne, das ist der Raum, in welchem sich der Mensch zwar in großen Extremen bewegen, den er aber nicht überschreiten und verlassen kann. Mann und Frau können sich weit voneinander entfernen. Sie werden aber faktisch nie aufhören, um einander zu wissen. Sie können sich gegeneinander wenden, sie können aber nicht aufhören, füreinander da zu sein. Ihre Beziehung aufeinander ist für beide notwendige Bedingung ihrer menschlichen Wahrheit und Lebendigkeit, das Maß ihrer Freude und ihres Leides, ihres Stolzes und ihrer Demütigung, ihrer Ehre und ihrer Unehre. Ihre Menschlichkeit wäre in dem Maß bedroht, als sie sich einem rein männlichen oder rein weiblichen Wesen nähern woll|392ten. Sie wäre aber auch in dem Maß bedroht, als sie zwischen diesen Extremen eine neutrale Mitte aufsuchen und halten wollten. Menschlich ist hier nur die Beziehung hin und her und kein Für-sich-Sein hüben oder drüben. Und menschlich ist hier nur das männliche oder das weibliche Wesen: kein indifferentes, kein neutrales zwischen diesen Gegensätzen. In dieser Sache gibt es keine Willkür, die nicht als solche eine unmittelbare Gefahr bedeuten würde. Des Menschen Menschlichkeit steht und fällt damit, dass der Mann der Mann, die Frau die Frau ist und bleibt. Sie steht und fällt aber auch damit, dass die Beziehung zwischen beiden offen und lebendig bleibt.
Die Art, wie die Menschheit nach den beiden ersten Kapiteln der Genesis
als Zusammensein beider konstituiert wird, zeigt das in einer nicht misszuverstehenden Weise.
Man legt aber bestimmt auch
Es ist jenes «Nicht ohne einander», in welchem weder der Unterschied noch die Beziehung fehlen kann, das den Menschen zum Menschen macht. Dass er 1122 Mensch und Mitmensch ist, darüber ist damit, dass er Mann und Frau ist, ursprünglich und ultimativ entschieden. Kein anderes Verhältnis zwischen Mensch und Mitmensch kann das leisten. Dieses allein ist unvergesslich, unumkehrbar, unverwischbar, unumgehbar. Hier allein ist der Unterschied und die Bezie|394hung notwendig, so notwendig wie die Existenz selber, die notwendige Form der Existenz.
Und eben weil dem so ist, ist der Mensch in seiner Natur – in diesem seinem konkreten Sein als Miteinandersein – das Abbild und die Verheißung des Gnadenbundes und seines Herrn und eben darum Gottes Ebenbild. Es ist klar, dass die Notwendigkeit des Unterschiedes und der Beziehung von Mann und Frau keine erste und keine letzte, keine absolute, sondern nur eine relative, keine schöpferische, sondern nur eine geschöpfliche, keine in sich selbst, sondern eine in Gott begründete Notwendigkeit ist. Es handelt sich wirklich nicht darum, sie in den Himmel zu erheben. Aber eben sie ist es, die der himmlischen Notwendigkeit, dem Willen Gottes in der Aufrichtung des Gnadenbundes und der Offenbarung seines Sohnes zu dessen Verwirklichung auf Erden unmittelbar gegenübersteht, die als irdische Notwendigkeit das Spiegelbild jener himmlischen ist.
Zuerst und in der Höhe sind das Du und das Ich Gottes, in welchem das Überströmen seiner Herrlichkeit, in welchem die Gnade der Schöpfung und des Bundes ihren Grund haben, «nicht ohne einander», sondern miteinander und also unterschieden und bezogen zugleich in der unbegreiflichen Einheit des trinitarischen Wesens. Was ist und was soll daneben das Sein des Menschen als Mann und Frau? Was besagt alle Notwendigkeit, in der wir sie zusammen sehen müssen, alle Unmöglichkeit, den einen Menschen ohne diesen seinen anderen zu sehen? Was heißt «notwendig», was heißt «unmöglich» im Blick auf irgend eine geschöpfliche Tatsache und Beziehung und so auch auf diese? Von einer mehr als abbildlichen, mehr als verheißungsmäßigen Notwendigkeit und Unmöglichkeit im Blick auf das menschliche Sein zu reden, wäre gewiss frevelhaft, weil wir ihm damit göttliches Sein zuschreiben würden. Es wäre aber wieder frevelhaft, nun eben von einer 1123 abbildlichen und verheißungsmäßigen Notwendigkeit und Unmöglichkeit nicht zu reden, da die Dinge sich an dieser Stelle auf Erden tatsächlich so verhalten wie im Himmel, da an dieser Stelle im geschöpflichen Raum ein Ähnliches nun einmal stattfindet wie in Gott selber: ein Sein des Einen nicht ohne den Anderen, ein notwendiges Miteinandersein, die Unmöglichkeit einer Abstraktion zwischen Sein und Miteinandersein. Es ist klar: das Erste, das ursprünglich Wahre und Wirkliche, der Grund und Sinn dieses Seins als |395 Miteinandersein ist nicht im Menschen, weder im Mann noch in der Frau, und auch nicht in beiden zusammen, sondern in Gott; denn in ihm und in ihm allein ist es aus sich selber, ist es ewig und darum keiner Begründung bedürftig. Es ist klar: dann erst, von Gott getrennt durch den Abgrund der creatio ex nihilo, ist dasselbe auch im Menschen; erst dann und daraufhin kann auch im Blick auf ihn von einem notwendigen Sosein, von der Unmöglichkeit jedes Andersseins geredet werden. Alle Behauptungen über Mann und Frau, über die Unvergesslichkeit, Unumkehrbarkeit, Unverwischbarkeit, Unumgehbarkeit ihres Unterschiedes und ihrer Beziehung würden als willkürliche Spekulation in der Luft stehen, wenn sie als direkte Aussagen des Menschen über sich selbst auftreten und gelten wollen würden. |
Der Ernst und das Gewicht dieser Aussagen ist daran gebunden, dass sie nur indirekte
Aussagen sind, dass sie primär und eigentlich von Gott und dann erst von dem von Gott
geschaffenen und mit Gott konfrontierten Menschen reden. In dieser Folge aber werden sie
unvermeidlich. Indem der Mensch in der Wirklichkeit Gottes als in der untrüglichen Quelle der
Erkenntnis auch alles Geschaffenen sich selbst anschaut, kann er – in der Tiefe und diesseits
des Abgrunds der creatio ex nihilo – nicht
umhin, sich selbst, seine Natur als Mensch und Mitmensch, als Mann und Frau, in einer solchen Notwendigkeit begründet zu finden,
die der Notwendigkeit entspricht und ähnlich ist, in welcher zuerst und in
der Höhe Gott bei und mit sich selber ist. Er kann also gerade in Erkenntnis Gottes nicht umhin, sich selbst darin, dass auch er
«nicht ohne einander», und also darin, dass er Mann und Frau ist, als Gottes Ebenbild zu
erkennen. Die Priorität des göttlichen Urbildes steht fest. Sie kann
und darf in keinem 1124 Augenblick vergessen oder außer Acht gelassen werden.
Sie gilt in ontischer wie in noetischer Hinsicht. Aber eben weil und indem sie gilt, gilt
auch die Folge: die Wirklichkeit und die Erkenntnis seines kreatürlichen Abbildes. Gott ist
der Schöpfer, und so kann das Sein als Miteinandersein
nur in ihm ursprünglich sein. So ist er der Inbegriff und das Maß alles Seins als
Miteinandersein. Aber eben Gott als Schöpfer ist faktisch nicht ohne sein Geschöpf, dem er in
seiner Geschöpflichkeit ein dem seinigen ähnliches Sein als Miteinandersein zusprechen und
zueignen wollte. Ist dem so, dann ist dieses Geschöpf – und das ist eben der |396 Mensch – das geschöpfliche Abbild Gottes; dann hat der Schöpfer in diesem
Geschöpf ein Wesen, das ihm in der ganzen Relativität seiner Geschöpflichkeit in diesem
seinem Sein als Miteinandersein ähnlich, das ihm in dieser Beziehung verwandt, «seines
Geschlechts» ist [vgl.
Und nun ist ja diese konkrete Abbildlichkeit der menschlichen Natur keine müßige Auszeichnung und Glorie: weder des Menschen als solchen noch im Besonderen dessen, dass er gerade so, als Mann und Frau, Mensch und Gottes Ebenbild ist. Irgend eine Eitelkeit kann daraus, dass ihm die Gottebenbildlichkeit seiner Natur zur Erkenntnis wird, nicht folgen und irgend eine Überschätzung gerade des Geschlechtsverhältnisses als der konkreten Gestalt dieser Gottebenbildlichkeit auch nicht. Vom Begriff des Abbildes ist ja der der Verheißung nicht zu trennen. Sondern das ist der Sinn und die Ab1125sicht, in welcher Gott den Menschen zu seinem geschöpflichen Abbild macht: dass er, indem er sein Abbild ist, sich selber in seiner Natur in der einfachsten und naheliegendsten Gestalt die göttliche Verheißung sei, nämlich die Verheißung des Bundes in der Gegenwart, des Beistandes, der Gnade Gottes als des Herrn des Bundes. Er findet sich also als das Geschöpf, das Gott nach seinem eigenen Bilde geschaffen, keinen Augenblick und in keiner Hinsicht sich selbst überlassen. Er kann also sich selbst nicht haben, er kann nicht er selbst sein, ohne eben damit das Wort und die Zusage Gottes zu haben, dass er mit ihm sein wolle, ja ohne eben damit sich selber dieses Wort und diese Zusage Gottes zu sein. Ist der Mensch seines Geschlechts, ihm ähnlich als sein Abbild, so kann und wird ihn ja Gott eben darum nicht im Stiche lassen. Und erkennt er sich als seines Geschlechts, als Gottes Abbild, dann erkennt |397 er eben damit, dass Gott ihm, indem er ihn schuf, Treue geschworen hat, dann empfängt er eben damit die Hoffnung, dass Gott ihm Treue halten wird, wie er sich selber treu ist. Diese Erkenntnis erlaubt keine Eitelkeit hinsichtlich der Auszeichnung, auf die sie sich bezieht. Sie erlaubt auch keine Überschätzung der besonderen Form dieser Auszeichnung. Ist das Sein des Menschen als Mann und Frau das Abbild des göttlichen Seins als Miteinandersein und ist dieses Abbild als solches die Verheißung, die dem Menschen mit dieser seiner Natur gegeben ist, dann kann deren Erkenntnis nur dies bedeuten und nach sich ziehen, dass der Mensch sich selber zum Gleichnis wird, dessen Gegenstand und Inhalt er sich nicht selber sein kann, den er vielmehr in Gott zu suchen und dessen Erfüllung er allein von Gott her zu erwarten hat. Was wäre das Gleichnis an sich und als solches ohne das, dem verglichen es Gleichnis ist? Das menschliche Sein als Mann und Frau ist in der Notwendigkeit, in der es ein Miteinandersein als Sein in der Verschiedenheit und in der Beziehung ist, das Gleichnis des göttlichen Seins. Es ist ihm ähnlich darin, dass auch ihm Notwendigkeit eignet. Es ist ihm darin unähnlich, dass sie ihm nur sekundär und darum nur als relative Notwendigkeit eignet. Mehr als diese Gleichnishaftigkeit, in der es zugleich Abbild und Verheißung ist, kommt nicht in Frage. Die Grenze 1126 bleibt gewahrt. In des Menschen Sein als solchem ist weder die Kreatur Gott noch Gott Kreatur geworden. Des Menschen Sein als Mann und Frau ist als solches kreatürliches Sein vor Gott. Es ist aber solches kreatürliches Sein, das des Wesens und des Werkes Gottes Gleichnis ist. Insofern ist es eben Zeichen, insofern kann und darf es als das ursprünglichste aller Sakramente bezeichnet werden.128
1127 Die Vergleichbarkeit zwischen dem menschlichen Sein und dem göttlichen und also des Menschen Gottebenbildlichkeit ist aber doch noch genauer und einleuchtender, als wir es im bisher Gesagten deutlich machen konnten. Wir fanden sie darin, dass das Sein und Miteinandersein des Menschen als Mann und Frau die geschöpfliche Wiederholung dessen ist, dass Gott in seiner inneren, trinitarischen Natur |398 Du und Ich ist und miteinander ist. Wir fanden in dieser Ähnlichkeit und Verwandtschaft des menschlichen mit dem göttlichen Wesen so etwas wie ein dem Menschen von Haus aus in und mit seiner eigenen Existenz mitgegebenes Unterpfand der göttlichen Treue und Gnade: Gott wird ja den, dem er und der ihm so nahe steht, nicht wohl vergessen und im Stiche lassen können. Im Hinblick darauf nannten wir jenes menschliche Sein und Miteinandersein das Abbild und die Verheißung des Gnadenbundes und seines Herrn. Aber hier besteht offenbar noch eine gewisse Dunkelheit und Unsicherheit. Einmal darum, weil uns doch jenes innere Sein Gottes als Du und Ich in einer Person als solches nicht offenbar, sondern verborgen ist. Und sodann darum, weil es nun doch noch wie ein bloßes Postulat aussehen könnte, wenn wir aus jener Ähnlichkeit und Verwandtschaft zwischen Gott und Mensch so einfach schließen, dass etwas Anderes als129 Treue und Gnade gegen den Menschen von Gott nicht zu erwarten sein möchte. Wir haben tatsächlich das Entscheidende, was hier zu sagen ist, noch nicht gesagt. Es hat nämlich mit der Vergleichbarkeit zwischen dem menschlichen Sein und jenem inneren Sein Gottes als Du und Ich in einer Person darum seine Richtigkeit, weil uns diese zwar als solche verborgen, in der von ihm angenommenen Gestalt der Gnade aber offenbar ist, so dass wir das Verglichene: Gottes Wesen und Natur, im Verhältnis zu der unser eigenes Sein Gleichnis ist, tatsächlich sehen können. Und weil dieses Verglichene sichtbar die Gestalt der göttlichen Gnade ist, darum ist es kein bloßer Rückschluss, kein willkürliches Postulat, sondern ebenfalls direkte Erkenntnis, wenn wir das Gleichnis und also unser menschliches Sein als das Abbild und die Verheißung nun gerade des Gnadenbundes und seines Herrn verstehen und bezeichnen. Im Verhältnis zu dem Gott, der nicht nur verborgen, sondern auch offenbar ist, 1128 hat des Menschen Natur gerade für die göttliche Treue und Gnade eine unmittelbare Gewähr. Zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Sein besteht hier eine direkte Vergleichbarkeit. Ohne sie würde die indirekte, von der wir bisher sprachen, in der Luft stehen. Durch sie ist auch jene indirekte begründet. Direkt vergleichbar ist aber eben das menschliche und das in der Gestalt der Gnade göttliche Sein. Hier |399 haben wir in Sachen der Erkenntnis von des Menschen Gottebenbildlichkeit festen Boden unter den Füßen. Eben was hier zu sehen ist, muss jetzt noch entfaltet werden.
Die offenbare Gestalt des inneren göttlichen Seins und also die Gestalt der göttlichen Gnade ist die Menschlichkeit Jesu Christi. Wir haben sie verstanden als seine wesentliche Mitmenschlichkeit. Wir könnten nun einfach fortfahren: indem das Sein und Miteinandersein des Menschen als Mann und Frau die Spitze und der Inbegriff dessen ist, was wir als Mitmenschlichkeit kennen, steht dieses unser Sein und Miteinandersein der Menschlichkeit Jesu Christi gegenüber als deren Gleichnis und eben darum als konkretes Abbild, als konkrete Verheißung des Gnadenbundes und seines Herrn. Wir sind uns darin, dass wir an dieser Stelle von Natur notwendig auch mitmenschlich, unmöglich ohne einander sind, die unmittelbare Gewähr dafür, dass die Gnade der Menschlichkeit Jesu uns angeht und betrifft. Wir sind ja durch diese Konstituierung und Struktur unseres menschlichen Seins in sichtbarer Analogie und also in sichtbarem Zusammenhang mit dem seinigen. Wir können, indem wir Mann und Frau und so Mensch sind, gar nicht existieren, ohne uns selbst Zeugnis dessen zu sein: der Mensch ist das Geschöpf, mit dem Gott sich in Jesus Christus verbündet hat. Wir können nur als seinesgleichen existieren: nur als die, mit denen, von denen her und für die er Mensch ist – nur als die, mit denen sich Gott in seiner Person verbündet hat. Denn was wir als unser eigenes Wesen erkennen, indem wir uns als Mann und Frau in unaufhebbarer Verschiedenheit und Beziehung sehen, das ist die Spiegelung seines Angesichts, seiner wesentlichen Mitmenschlichkeit – das ist also, weil seine Mitmenschlichkeit die gnädige Gestalt des inneren Seins Gottes selber ist, unsere Gottebenbildlichkeit. Die Erkenntnis unserer Gottebenbildlichkeit, der Vergleichbarkeit zwischen 1129 menschlichem und göttlichem Sein aus Gottes Offenbarung hat in der Tat auch diese einfachste Form. Wir haben es hier gewissermaßen mit dem Kern und der Substanz der Erkenntnis zu tun, die nun noch weiter zu entfalten ist. Die Ökonomie der biblischen Offenbarung der Menschlichkeit Jesu Christi nötigt uns hier nämlich noch zu einiger Entfaltung.
Die Gestalt der göttlichen Gnade hat ja im Alten Testament zunächst die Form eines Bundes, in welchem Gott und der Mensch sich |400 als dessen Partner nur gegenüberzustehen und nur in diesem Gegensatz zusammenzugehören scheinen: hier Jahve, dort das Volk Israel. Hier Jahve in seiner Heiligkeit, an die kein Mensch herantreten kann, in seiner Freiheit, in der er durch niemand und nichts als durch sich selber gebunden ist, in seinem Anspruch, für dessen Recht er keine Gründe anzugeben braucht und gegen den es keinen Widerspruch gibt. Dort Israel in der ganzen Zufälligkeit und Geringfügigkeit seiner Existenz, in seiner ganzen menschlichen Eigenart und Eigenwilligkeit, in seiner fast ununterbrochen bewiesenen Untreue. Aber das Gegenüber und die Entfernung zwischen hier und dort sind schon in dieser Form des Bundes nur scheinbar. Sie machen wohl die Verschiedenheit der beiden Partner sichtbar. Sie ändern aber nichts an ihrer Beziehung. Diese beiden Partner sind nicht ohne einander. Sondern eben dieser Jahve ist eben dieses Israels Gott. Gerade das, dass er heilig ist, will er nicht für sich, gerade das will er mit diesem Israel gemeinsam haben. Gerade seine Freiheit ergießt sich gewissermaßen in den engen Kanal seiner Erwählung dieses Volkes: gerade so und darin ist er frei, sich zu dieses Menschenvolkes Gott zu machen. Gerade seine Erhabenheit über alle Völker, über die ganze Welt erscheint im Alten Testament nun doch nur als eine nachträgliche, geschichtlich erst spät gewonnene Erkenntnis aus der Kondeszendenz, in der er in der Beschränkung dieses engsten Raumes Meister sein wollte und gewesen ist.130 Er ist Alles, was er ist, in diesem Bunde, nichts daneben, nichts in irgend einer allgemeinen oder anders interessierten Göttlichkeit. Er ist nicht ohne Israel. Und eben dieses Israel ist dieses Jahves Volk, nichts sonst und nichts daneben: das Volk, das Jahves Wort und Werk nicht entlaufen, 1130 das ihm weder so noch so verloren gehen kann: weder in der Richtung irgend einer gottwidrigen Herrlichkeit, noch in der Richtung irgend eines gottverlassenen Elends. Will es dort ausbrechen, so bleibt immer dafür gesorgt, dass ihm Jahve hindernd in den Weg tritt. Scheint es hier untergehen zu müssen, so bleibt immer gesorgt dafür, dass Jahve es auch noch in seinem tiefsten Sturz auffängt |401 und hält. Vor ihm ist es zufällig und gering: das ist die Grenze seines Lebens und seines Sterbens. Gegen ihn sündigt es in seiner Eigenart und Eigenwilligkeit: das ist der Fluch seiner Übertretung, aber auch seine Hoffnung mitten in der Übertretung und deren Folgen. Ihm bricht es die Treue, aber auch dieses Schlimmste geschieht nicht außerhalb, sondern innerhalb des Raumes, den Jahves Treue abgesteckt hat und der als solcher nicht verschwinden und auch nicht durchbrochen und verlassen werden kann. Jahves Anspruch und Jahves Protest verstummen nicht, und so hat auch Jahves Verheißung kein Ende in diesem Volk. Es ist nicht, es ist nie und nirgends ohne Jahve. |
Das ist die Mitmenschlichkeit Jesu in der Zeit der Erwartung, in der noch verhüllten Gestalt der Geschichte und der Botschaft des Alten Testamentes. Was hier noch verhüllt ist, ist dies, dass Gott der Mensch ist, der als solcher mit dem Menschen, von ihm her und für ihn ist. Der Mitmensch, mit dem er ist, ist doch schon hier ganz unverhüllt auf dem Plane. Und auch das ist unverhüllt: dass Gott und wie er, in welcher Völligkeit der Anteilnahme und Hingabe er mit diesem Mitmenschen ist. Der Mensch Jesus wird nicht anders, nicht völliger, er wird gerade so mit ihm sein, wie Jahve nach dem Alten Testament mit Israel ist. Und der Mitmensch, mit dem der Mensch Jesus ist, wird eben der sein, den wir schon im Alten Testament als das von Gott erwählte, begrenzte und getragene Volk Israel erkennen. So ist schon das Alte Testament das materiell vollständige Zeugnis von Gottes Gnade. So offenbart schon es den Bund, dessen Partner nicht ohne einander sind. Und so ist des Menschen Sein als Mann und Frau die Spiegelung schon des alttestamentlichen Bundesverhältnisses, der Gestalt der Gnade schon in dieser ihrer ersten, verhüllten Form. So ist es kein Zufall, dass das menschliche Sein und Miteinandersein von 1131 Mann und Frau schon im Alten Testament als Bild jenes Bundesverhältnisses – oder vielmehr: dass schon jenes Bundesverhältnis des Alten Testamentes als das Urbild, als die eigentliche und ursprüngliche Wahrheit und Wirklichkeit des menschlichen Seins und Miteinanderseins von Mann und Frau sichtbar gemacht wird. Es kann gar nicht anders sein. Dass der Mensch notwendig und unauflöslich in dieser konkreten Mitmenschlichkeit, als Mann und Frau, Mensch ist, das zeigt zuerst und vor allem auf Jahves Wählen und Israels Erwähltsein, auf die in dieser Form anhebende Gestalt des Gnadenbundes, auf |402 das so sich offenbarende Du und Ich des verborgenen inneren Seins Gottes. Das ist also schon und zuerst in diesem Sinn die klare Gottebenbildlichkeit des Menschen.
Der ersten, verhüllten Form der göttlichen Gnade folgt aber nach dem Neuen Testament die zweite, unverhüllte. Wir sahen: sie unterscheidet sich nicht dadurch von der ersten, dass etwa die Gnade selber eine andere geworden wäre. Dass Jahve Israels Gott, Israel Jahves Volk ist, das ist die Gnade, die von Anfang an unüberbietbar auf dem Plan ist und die auch jetzt, am Ende und Ziel von Israels Geschichte und Sendung, nicht überboten wird. Aber dass Jahve selbst Israel, nämlich Einer aus Israel und dass er so und also als Mensch Israels Gott und dass Israel so, in der Gemeinschaft mit diesem einen Menschen aus seiner Mitte, sein Volk ist, das ist das Neue der neutestamentlichen Geschichte und Botschaft, die neue Form, in der die eine ewige Gnade hier offenbar wird. Der Mensch Jesus – nicht an Stelle Jahves, sondern als der wirkliche und wahre, als der seine Verheißung selbst erfüllende, als der sein Reich in Person antretende und regierende Jahve: er ist das Neue dieser zweiten Form der Gestalt der Gnade. Auch der Schein eines bloßen Gegenübers und Gegensatzes von hier und dort, von Gott und Mensch verschwindet jetzt. Er war schon im alttestamentlichen Raum nur Schein gewesen. Es waren Gott und Mensch schon dort nie ohne einander, sondern in der Kraft und Wahrheit höchster Einheit miteinander gewesen. Der Schein konnte aber dort noch dagegen sprechen und müsste, wenn man das Alte Testament nicht im Neuen zu Ende lesen wollte, immer wieder dagegen sprechen. Insofern ist das Al1132te Testament Verhüllung, insofern erst Verheißung und noch nicht Erfüllung. Die Mitmenschlichkeit Jesu, von der das Alte Testament Zeugnis gibt, indem es von Jahve und Israel redet, beruht nach dem, was uns auch das Neue Testament von Jahve und Israel, aber nun eben im Blick auf den Menschen Jesus zu sagen hat, auf Jesu Gottmenschlichkeit. Das will sagen: Es ist jenes Sein Jesu als Mensch und Mitmensch nicht etwa als eine höchste und feinste Blüte und Frucht der menschlichen Natur als solcher zu verstehen. Die menschliche Natur hat als solche solche Blüte und Frucht nicht hervorzubringen. Es ist genug, dass sie in ihrer schöpfungsmäßigen Struktur deren Zeichen und Gleichnis sein darf. Das hat also das Neue Testament, indem es den Menschen Jesus verkündigte, wirklich nicht |403 gesagt, dass es den Menschen, diesem Menschen aus Israel, nun auf einmal gelungen sei, zugleich zu sein, was die menschliche Natur als solche nur bedeuten kann. Was es mit dem Menschen als solchen, auch mit dem Menschen aus Israel auf sich hat, das bleibt vom Alten Testament her auch im Neuen in fester und ungebrochener Erinnerung, das wird im Gegensatz Israels zu seinem Messias nun erst recht sichtbar gemacht. Was Jesus ist als Mensch mit dem Mitmenschen, das ist er nach dem Neuen Testament vielmehr darum, weil er als der Sohn des Vaters selber Gott ist. Er ist es nicht, indem Israel ihn hervorbrachte, sondern indem Gott ihn von Israel her und für Israel auf den Plan stellte. Er ist es, weil das göttliche Sein und Miteinandersein in der Gestalt von Gottes Gnade dem Schein ihrer alttestamentlichen Form zuwider von Anfang an so gemeint war und nun eben auch so offenbart wurde: als das persönliche Sein und Miteinandersein Gottes und des Menschen in dieser einen Person: in ihr dann auch als sein Sein und Zusammensein mit allen Anderen, aber zunächst, und zwar zunächst für sich – die Einzigkeit Gottes seiner Kreatur gegenüber muss gewahrt bleiben und bleibt gewahrt! – in dieser einen und einzigen Person. In ihm erkennen wir gründlich und abschließend, was es ursprünglich und eigentlich ist um jenes «Nicht ohne einander», in welchem wir die wesentliche Menschlichkeit und also die Gottebenbildlichkeit des Menschen zu suchen haben.
1133Jesus ist Gott, nicht ohne Mensch zu sein. Gott ist nicht ohne Israel, nicht ohne den Menschen – so hieß es noch verhüllt im Alten Testament, nun aber unverhüllt: er ist nicht, ohne selbst Israel, selbst Mensch zu sein. Das heißt aber zum Einen: Er ist es nicht, ohne sich die laut der Geschichte und Botschaft des Alten Testamentes so andere, ja widerstrebende Natur des Menschen zu eigen, nicht ohne sie zu seiner persönlichen Sache zu machen und ihr eben damit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das ist seine nun unverhüllte Gnade: er kennt, erwählt und liebt den Menschen nicht nur von ferne und von außen. Er nimmt ihn in sein Herz auf, er kennt ihn in seiner eigenen Person. Er erwählt sich selber dazu, ohne aufzuhören, Gott zu sein, auch Mensch zu sein; er liebt ihn, indem er sich selbst, seinen eigenen Sohn, nun gerade im Menschen lieben will. Und dass er in Jesus nicht Gott ist, ohne Mensch zu sein, d. h. zum Andern: Er ist es nicht, ohne Mensch und Mitmensch, und also nicht, ohne eben in dieser Form |404 dem Menschen, jedem Menschen als solchem, das zu sein, was Jahve für Israel zu sein geschworen hat und nach diesem Schwur in Ewigkeit bleiben wird. Jedem Menschen: das bisher scheinbar verschlossene Tor zur ganzen Menschenwelt muss jetzt aufgehen, wie es nach dem neutestamentlichen Zeugnis tatsächlich aufgegangen ist. Gott ist nicht mehr Gott, ohne eben als dieser eine und einzige Mensch Jesus der Heiland, Fürsprecher und Erlöser aller Menschen und eines jeden einzelnen von ihnen zu sein. So offenbart sich seine göttliche Natur in Jesus; so ist sie nach dieser ihrer Offenbarung in Gottes Innerstem beschaffen; das ist und will Gott in jenem seinem geheimsten Inneren, in der Majestät, in der er Du und Ich in einer Person ist durch sich selber; das ist seine Heiligkeit: diese seine Barmherzigkeit, in der er seiner selbst nicht schont, sich selber nicht vorbehält, sondern sich selber gibt – dazu völlig hergibt, Mensch und Mitmensch zu sein.
Die andere Seite desselben Sachverhalts ist diese, dass Jesus Mensch ist, nicht ohne Gott zu sein. Israel nicht ohne Jahve, so hieß es noch verhüllt im Alten
Testament, nun aber unverhüllt: Israel, der
Mensch, nicht ohne 1134 Gott zu sein. Das heißt aber wieder zum Einen: Der
Mensch nicht ohne radikal durchgreifende Reinigung und Heiligung, Erneuerung und Erhebung seiner laut der Geschichte und Botschaft des
Alten Testamentes Gott gegenüber so anderen, ja
widerstrebenden Natur. Das ist die nun unverhüllte
Begnadigung des Menschen: dass er Gott nun kein Fremder mehr ist, kein scheinbar bloß von
ferne und von außen von ihm Erwählter und Geliebter, dass seine Erwählung nun damit zu ihrem Ziel gekommen ist, dass er den
wiedererwählt, der ihn erwählte, und sein Geliebtsein damit, dass er wiederliebt, der ihn
zuerst geliebt hat [vgl.
Das – oder vielmehr Dieser, Jesus in seiner Einheit als wahrer Mensch und wahrer Gott, ist der Inhalt des neutestamentlichen Zeugnisses von Gottes Gnade. Das ist die erfüllte Verheißung, der vollendete Bund: der Eine, in dem die beiden Partner Einer, in dem Gott Mensch und der Mensch Gott geworden ist – der Eine, in welchem das «Nicht ohne einander» nun wirklich unmissverständlich, weil jeder Hülle entblößt worden ist. 1135 Und nun ist das Sein des Menschen als Mann und Frau auch und erst recht die Spiegelung eben dieser Einheit, das Abbild und die Verheißung der Gnade auch und erst recht in dieser zweiten, unverhüllten Form. Ist dies das Letzte und Erste, was vom Menschen zu sagen ist: dass er Mann und Frau ist, dann steht er eben in diesem Letzten und Ersten seiner Natur dem Letzten und Ersten gegenüber, was Gott getan, worin Gott seine eigene Natur offenbar machen wollte, der großen Heils- und Offenbarungstatsache, dass Gott nicht Gott sein wollte, ohne in Jesus Mensch zu sein, und dass er den Menschen nicht Mensch sein lassen wollte, ohne dass er in Jesus Gott sein durfte. Verglichen damit ist unsere Mitmenschlichkeit Gleichnis Gottes und nun eben direkt: das Gleichnis, das Abbild und die Verheißung des Gnadenbundes und seines Herrn.
Die dritte und letzte Form der Gnade entspricht der dritten und letzten Zeit, die mit dem Tod und der Auferstehung Jesu begonnen hat. Was sich in der Person des Mensch gewordenen Sohnes Gottes zu einer Einheit zusammengeschlossen hatte, die eigentlich nur in jener Einheit von Du und Ich im Geheimnis des göttlichen Wesens ihresgleichen hat, das tritt nun – in dieser Zeit der Erinnerung an ihn, die auch die Zeit der Erwartung seiner Wiederkunft ist131 – wieder ausein|406ander. Das Sein und Miteinandersein der beiden Partner, Gottes und des Menschen, in einer Person, ist in dem einen Jesus Ereignis und nur in ihm. Darum ist er die Mitte, darum der Herr des Bundes, darum die vollendete und zugleich die ursprüngliche Form der Gnade und ihrer Offenbarung, darum die Fülle der Menschlichkeit, darum das Ebenbild Gottes. Er ist darin einzig, wie eben Gott selbst einzig ist und bleibt. Was auf ihn folgt als dritte und letzte Form der Gnade, das muss uns die beiden Partner, darin ähnlich der Zeit des Alten Testamentes, noch einmal in ihrer Verschiedenheit zeigen. Die vollkommene Beziehung zwischen ihnen hat ja auch in ihm ihre vollkommene Verschiedenheit nicht etwa verschlungen und aufgehoben: es ist Gott auch in ihm Gott und der Mensch auch in ihm Mensch geblieben. Es wird freilich, was auf ihn folgt, auch die vollkommene Beziehung nie wieder in Frage stellen, 1136 es wird also jener über dem Alten Testament liegende Schein einer Fremdheit zwischen Gott und Mensch nicht wiederkehren können. Es wird vielmehr in dieser dritten Zeit ganz unmöglich sein, nicht schon jene erste Zeit, jenem Schein zuwider, teleologisch 132-als die seinige-132, als Zeit der Erwartung der in ihm verwirklichten vollkommenen Beziehung zu verstehen. Sie ist in ihm unwiderruflich und erleuchtend nach rückwärts wie nach vorwärts Ereignis geworden. Aber eben in und mit ihr auch die vollkommene Verschiedenheit der beiden Partner. |
So besteht die dritte und letzte Form der Gnade in dem Sein und Miteinandersein Jesu und der Seinen, Jesu und seiner Gemeinde, Jesu und der bekannten und unbekannten, der offenen und heimlichen Bürger seines Reiches – mit einem Wort: Jesu und derer, denen zugut er wahrer Gott und wahrer Mensch ist, die seine, des Gottmenschen Mitmenschen sind. Was er original und einzig ist, das ist er ja eben nicht für sich, sondern für sie, in übergreifender Einheit mit ihnen. Und was er besitzt, das gibt er ihnen: objektiv und virtuell jedem Menschen, subjektiv und aktuell jedem an ihn glaubenden Menschen. In sein Reich gehört jeder Mensch als solcher; in seine Gemeinde, wo diese Zugehörigkeit bejaht, ergriffen und sichtbar wird, ein Jeder, der an ihn glaubt; sein Eigentum sind sie alle. Und sie sind alle dadurch sein Eigentum, dass er sich zu ihrem Eigentum, zu ihresgleichen ge|407macht hat. Dieses unverdiente Geschenk macht sie wiederum zu seinesgleichen. Er stellt sich zu ihnen in der vollkommenen Beziehung von Gott und Mensch, die in ihm wirklich ist. Eben so und damit, dass sie darauf bei ihm stehen dürfen, gilt sie auch ihnen, kommt das, was in ihm wirklich ist, auch ihnen zugute. So also entfaltet sich auch und aufs Neue die vollkommene Verschiedenheit. Was Jahve hier und Israel dort im Alten Testament waren, das wiederholt sich, indem Jesus hier das Haupt, die Menschen dort die aktuellen oder doch virtuellen Glieder seines Leibes sind. Aber die vollkommene Beziehung kann nun auch nicht mehr weggedacht werden. Gerade sie ist ja das Besondere in Jesus als dem Haupt seines Leibes. Und indem er das Haupt seines Leibes ist, versetzt er ja gerade die von ihm vollkommen Verschiedenen in die Gemeinschaft mit dem, was sein Besonderes ist, be1137hält er gerade sein Besonderes nicht für sich, lässt er sie gerade an ihm Anteil nehmen. |
Vollkommenere Verschiedenheit ist nicht denkbar als die zwischen Jesus und den Seinen. Denn nur durch ihn, durch den Heiligen
Geist, der sein Geist ist und der nur durch seine Gabe
auch der ihrige werden kann, werden und sind sie die Seinen, regiert er sie und weckt er sie
zum Glauben und damit zur Erkenntnis seines Regimentes und zu
dessen williger und freudiger Anerkennung. Sie sind nichts, was sie nicht durch ihn sind. Sie
sind nur durch ihn. Man möchte wohl sagen, dass der Unterschied zwischen Jahve und Israel blass erscheint neben diesem Unterschied, wenn man
nicht umgekehrt sagen müsste, dass er erst im Lichte dieses Unterschiedes in seiner ganzen
Schärfe sichtbar wird: eben in dem Lichte, in welchem nun doch auch die vollkommene Beziehung
im vollkommenen Unterschied unübersehbar wird. Denn auch vollkommenere Beziehung als die
zwischen Jesus und den Seinen ist darum nicht denkbar, weil sie durch ihn, nämlich durch den
Heiligen Geist, der sein Geist und seine Gabe ist, wirklich die Seinigen werden: die ihm und
zu ihm Gehörigen, die von ihm nicht mehr zu Trennenden, die von ihm nicht nur äußerlich
Regierten, sondern innerlich Bestimmten, die durch ihn Seienden und also seines eigenen Seins
Teilhaftigen. Erweckt er sie zum Glauben, zur Erkenntnis und zum
Gehorsam, dann erkennen sie sich selbst – nämlich
daraufhin, dass er sie so nennt – als seine Brüder und Schwestern, als solche, die mit ihm,
dem Sohn, Gottes Kinder sind. Hören sie ihn, dann wird in |408 solchem
Hören das Wort auch in ihnen Fleisch [vgl.
Das ist Gottes Gnade in Jesus Christus, in Jesu wesentlicher Mitmenschlichkeit, nach dem in der Sache einhelligen Zeugnis des Alten und des Neuen Testamentes, in der Wirklichkeit, in der sie die Kirche glauben und der Welt verkündigen darf: die dritte und letzte Form der Gnade, die nun auch durch keine weitere Form mehr zu überbieten ist, deren hier erreichte vollkommene Form nur noch auf ihre Offenbarung wartet: auf die Wiederkunft Jesu Christi, auf die Auferstehung aller Toten und auf ihr Gericht durch eben den barmherzigen Richter, der sich den Seinen schon jetzt und hier als der Herr des Gnadenbundes zwischen Gott und Mensch bekannt gemacht hat. Was das heißt als Bestimmung der menschlichen Natur: «Nicht ohne einander», das steht uns zuhöchst und zuletzt eben in dieser vollkommenen Form der Gnade vor Augen: in dem Verhältnis zwischen Jesus und den Seinen, das in seinem inneren, klaren Kreis sein Verhältnis zu seiner Ge|409meinde ist. Hier ist es eben klar: der Mensch, nämlich der Mensch, der selber Gott ist mit dem Mitmenschen, der Mensch also, der als des Mitmenschen Haupt ganz mit ihm, ganz von ihm her und ganz für ihn ist. Und nun ist des Menschen natürliches Sein als Mann und Frau in ihrer Verschiedenheit und Beziehung, nun ist die Menschlichkeit in dieser Zweiheit und Einheit nach dem ausdrücklichen Hinweis des neutestamentlichen Zeugnisses zuhöchst und zuletzt die Spiegelung eben dieser vollkommenen Verschiedenheit und Beziehung, die zwischen Jesus und den Seinen, 1139 zwischen ihm und seiner Gemeinde Ereignis ist. Das macht unser menschliches Sein zum kräftigen, glaubwürdigen Zeichen, das macht es objektiv bedeutsam: dass es dieser Wirklichkeit gegenübersteht. So ist Gott selbst Du und Ich in einer Person im Geheimnis seines inneren Wesens; so sind Gott und Mensch beieinander nach dem Zeugnis des Alten, so sind sie Einer nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes: so wie Jesus und die Seinen Zwei und in der Zweiheit Einer sind. Und eben dieser Zweiheit und Einheit, eben dieser Verschiedenheit und Beziehung Abbild und Verheißung im schöpfungsmäßigen Stand und Zustand des Menschen ist sein Sein als Mann und Frau, als die erste und letzte Gestalt seiner Mitmenschlichkeit. Eben an die Ähnlichkeit mit dieser Zweiheit und Einheit kommt unter allen Verschiedenheiten und Beziehungen, in denen der Mensch existiert, nur diese eine heran.
Und eben diese kann darum nur im Lichte dieser ihrer Ähnlichkeit mit dem Verhältnis zwischen Christus und seiner Gemeinde eigentlich und letztlich verstanden und gewürdigt werden. Man tritt dem Mann und man tritt der Frau zu nahe, wenn man ihr Wesen und ihr gegenseitiges Verhältnis unter anderen Gesichtspunkten als unter diesem letztlich verstehen, und man tritt ihnen erst recht zu nahe, wenn man ihr Sein und Miteinandersein unter ein anderes Gesetz als eben unter das des Evangeliums von der Gnade Gottes in Jesus Christus stellen will. Die physiologisch-psychologischen Formeln, die hier auffindbar und mit mehr oder weniger Glück schon aufgefunden worden sind, mögen als solche ihren Wert, sie können aber gerade als ursprüngliche und abschließende Bezeichnungen der Menschlichkeit des Mannes und der Frau keinen Wert haben.
410Man hat eben weder den Mann damit wirklich und verbindlich erfasst, dass man ihn als den Erzeuger, den Träger menschlicher Äußerlichkeit, Objektivität, Freiheit und Meisterschaft, als den Planenden, Erobernden, Führenden und auch immer irgendwie Schweifenden bezeichnet – noch auch die Frau, wenn man sie dem Manne gegenüberstellt als die Gebärende, die Vertreterin menschlicher Innerlichkeit, Subjektivität, Abhängigkeit und Fügsamkeit, als 1140 die Verstehende, Schmückende, Dienende und letztlich immer irgendwie Wohnende; das und Ähnliches mag an sich mehr oder weniger wahr, richtig und wichtig gesagt sein, es bedeutet aber darum kein wirkliches und verbindliches Erfassen, weder des Mannes noch der Frau, es würde sich besonders zur Begründung eines Gesetzes ihres Seins der an beide gerichteten göttlichen Forderung darum nicht eignen, weil gerade ihrer beider Menschlichkeit, weil gerade sie selbst als Menschen durch solche Formeln nicht zu erreichen sind, sondern besten Falles irgend ein Wie ihrer Menschlichkeit, besten Falles allerlei, was sie als Menschen auch sind.
Dass sie als Mann und Frau unter allen denkbaren psychologischen und physiologischen Bestimmungen ihrer
Verschiedenheit und Beziehung Menschen sind, je für sich und beide
zusammen Du und Ich, der Mensch und «die Hilfe, die ihm ein Gegenüber sei» [