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        <title type="volume" n="vol-47">Der Römerbrief 1922</title>
        <title type="content">11. Kapitel: Die Hoffnung der Kirche</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: 11. Kapitel: Die Hoffnung der Kirche, in: Der Römerbrief 1922, 1922</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47019 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Der Römerbrief 1922, hrsg. v. van der Kooi, Cornelis / Tolstaja, Katja (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2010, S. 527–570.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Der Römerbrief 1922</title>
          <title type="text">11. Kapitel: Die Hoffnung der Kirche</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>van der Kooi, Cornelis</editor>
          <editor>Tolstaja, Katja</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2010</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 527–570</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Der Römerbrief, 4.-7. Tsd., Zweiter Abdruck der neuen Bearbeitung, München 1923 </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Karl Barth: Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, München 1922 Urtext</bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, 1921. Druckmanuskript<ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/91174">KBA 12375</ref>. </bibl>
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<head>11. Kapitel<lb/>
DIE HOFFNUNG DER KIRCHE</head>
<head><hi rend="smallCaps">Die Einheit Gottes</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.1 Röm.11.10">11,1–10</ref></head>
<p>
   <hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.1 Röm.11.2">V. 1‒2a</ref> Nun sage ich: Sollte Gott sein Volk verstoßen haben? Unmöglich! Denn auch ich bin ein Israelit, aus <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName></hi> <hi rend="bold">Stamm, aus dem Geschlechte <persName ref="kbga-actors-3657">Benjamin</persName></hi><hi rend="bold">. Gott hat sein Volk, das er erkannte, nicht verstoßen.</hi>
</p>
<p><hi rend="italic">«Sollte Gott sein Volk verstoßen haben?»</hi> «Das Licht<term type="begriffe" key="Licht, und Finsternis"/> scheint in der Finsternis» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>]. Wie soll die zweite Hälfte des johanneischen Wortes lauten? «Die Finsternis hat es nicht begriffen»? oder nach neuerer besserer Deutung: «Die Finsternis hat es nicht überwältigt»?<note xml:id="n01"> Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3686"><persName ref="kbga-actors-846">Th. Zahn</persName>, <hi rend="italic">Das Evangelium des Johannes</hi>, Leipzig 1921<hi rend="sup">5.6.</hi>, S. 62–64</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3687"><persName ref="kbga-actors-175">W. Heitmüller</persName>, <hi rend="italic">Das Johannes-Evangelium</hi>, in: <hi rend="italic">Die Schriften des Neuen Testamentes</hi>, hrsg. von J. Weiß, 2. Bd., 3. Abschnitt, Göttingen 1907, S. 162–314, dort S. 192</bibl>. Nach <bibl corresp="kbga-bibls-3688">W. Bauer, <hi rend="italic">Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der übrigen urchristlichen Literatur</hi>, Berlin/New York 1988<hi rend="sup">6</hi>, S. 816</bibl>, ist es das Verständnis der Stelle schon in den «meisten griech[ischen] Ausl[egungen] seit <persName ref="kbga-actors-308">Orig[enes]</persName>».</note> Näherliegend<note n="a" type="textcritical" xml:id="na"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Naheliegender».</note> scheint doch, auf die Sache gesehen, immer wieder das Erste<note n="b" type="textcritical" xml:id="nb"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Erstere».</note> zu sein. Müssen wir nicht stehen bleiben bei jenem starren Nein!<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/>, das in der Tat, soweit das Auge reicht, das letzte Wort des Menschen ist? Bei jenem Atheismus<term type="begriffe" key="Atheismus"/> der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, des Atheismus"/>, der sich, sobald sie unausweichbar vor der Entscheidung für oder gegen ihr eigenes Thema steht, als ihr eigentliches Wesen enthüllt? Bei jenem Satanismus<term type="begriffe" key="satanisch/Satanismus"/> des Großinquisitors<term type="begriffe" key="Großinquisitor"/>, der Gott kennt, aber – aus Menschenliebe<term type="begriffe" key="Liebe, Menschenliebe"/> – nicht kennen und darum lieber Christus töten als dem Wort von der Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes seinen Lauf lassen will?<note xml:id="n02"> In der Erzählung «Der Großinquisitor» in<bibl corresp="kbga-bibls-2099"> <persName ref="kbga-actors-530">F. M. Dostojewskis</persName> Roman <hi rend="italic">Die Brüder Karamasoff</hi>, 5. Buch, Kap. V</bibl>, erscheint Christus im Sevilla des 16. Jahrhunderts, wo er vom Großinquisitor<term type="begriffe" key="Großinquisitor"/> gefangen genommen und mit dem Tod bedroht wird. Der wichtigste Punkt seiner Anschuldigung ist, dass Christus dem schwachen Menschen zu viel Freiheit zugemutet hat.</note> Hat Gott selbst seine Arme um<pb ed="pga" xml:id="p528" break="no"/>sonst ausgebreitet nach seinem Volk (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.21">10,21</ref>), geschieht das Unerhörte, dass Gott selbst in der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, verrät Gott"/> (in welcher Kirche <hi rend="italic">nicht?</hi>) fort und fort verraten ist, verraten<term type="begriffe" key="Verrat, an Gott"/> an den Menschen, der, auch wenn er Gott dient, gerade <hi rend="italic">nicht Gott</hi> dienen, gerade das mit aller Kunst und Kraft verleugnen will, dass Gott selbst Gott ist<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/> – wo soll dann noch Hoffnung sein? Wie soll es von diesem toten Punkt aus in irgend einem Sinn weitergehen? Kann es eine Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/> geben für die, die die Hoffnung mit eigenen Händen gemordet<term type="begriffe" key="Kirche, hat Christus gekreuzigt"/> und verscharrt haben? Eine Hoffnung für <persName ref="kbga-actors-2301">Judas Ischarioth</persName>? Wahrlich, diese Frage muss in ihrer ganzen Bitterkeit<term type="begriffe" key="Bitterkeit"/> gestellt sein; sie darf in ihrer ganzen erdrückenden Schwere nicht mehr vergessen werden; sie muss, wenn es eine Hoffnung gibt, als das alle illusionären Hoffnungen<term type="begriffe" key="Hoffnung, illusionäre"/> verzehrende Feuer<term type="begriffe" key="verzehrendes Feuer"/> weiterbrennen. «Sollte Gott sein Volk verstoßen haben?» Ohne den Hintergrund dieser Frage wäre Hoffnung nicht Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>.</p>
<p><pb ed="A" n="376"/> Wie aber soll es hier eine Hoffnung geben? Woher nehmen wir den Mut, dieser vernichtend naheliegenden Frage ein <hi rend="italic">«Unmöglich!»</hi> entgegenzustellen? Sicher nicht aus irgend einem Argument, das doch wieder für den Menschen sprechen würde, sicher nicht aus einer vorhandenen oder erstrebten <hi rend="italic">andern</hi> menschlich-anschaulichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> als der in der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> gegebenen; also weder aus der Möglichkeit einer verbesserten noch aus der einer neuen Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, neue"/>. Die <hi rend="italic">andre</hi> Möglichkeit, die der Mensch, die die Kirche in der Tat hat und deren Versäumnis ihre Schuld<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/> ist, sie ist ja eben die göttlich-unanschauliche, Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> und mit jeder Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, auf neue Menschlichkeit"/>, die wir auf verbesserte oder neue Menschlichkeiten<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/> und Anschaulichkeiten<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> setzen würden, würde jene Schuld automatisch vergrößert, nicht aber aufgehoben. Nur mit dem Unmöglichen<term type="begriffe" key="Unmögliche"/> selbst, nur mit Gott können wir jenes «Unmöglich!» begründen.</p>
<p>Dann begründen wir es aber, indem wir paradoxerweise an die Spitze auch dieser Erwägung (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.1 Röm.9.5">9,1–5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.1">10,1</ref>) die Erklärung stellen: <hi rend="italic">«Denn auch ich bin ein Israelit, aus <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName></hi> <hi rend="italic">Stamm, aus dem Geschlechte <persName ref="kbga-actors-3657">Benjamin</persName>.»</hi> Wie könnte die Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/> der Kirche gesehen werden von Einem, der nicht auf <hi rend="italic">Gott</hi> hofft? Wie könnte aber einer <pb ed="pga" xml:id="p529"/> auf Gott hoffen, der sich nicht ganz und gar vor Gott <hi rend="italic">gebeugt</hi><term type="begriffe" key="Beugung"/> hat? Und wie könnte sich Einer wirklich vor Gott beugen, wenn nicht in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/>: «<hi rend="italic">Auch ich bin</hi> – Israelite<term type="begriffe" key="Israel"/>, aus <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Stamm, aus dem Geschlechte <persName ref="kbga-actors-3657">Benjamin</persName>», auch ich bin – der Großinquisitor<term type="begriffe" key="Großinquisitor"/>, der Verräter<term type="begriffe" key="Verräter"/>, der Widerstrebende und Ungehorsame, der unter dem Vorwande, Gott und den Menschen zu dienen, um jeden Preis den Menschen vor Gott retten will, der Vielgewandte, der durchaus (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.18">10,18</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.19">19</ref>) gehört und verstanden hat, um was es geht, und der doch alles Gehört- und Verstandenhaben nur dazu benützt, sich und anderen zu verbergen, dass es darum geht, <hi rend="italic">Gott</hi> die Ehre<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> zu geben! Strecken wir die Waffen, wer wir auch<note n="c" type="textcritical" xml:id="nc"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «doch». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> seien: Wir <hi rend="italic">sind</hi> Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und Religion"/> mit allem, was dazu gehört. Wir <hi rend="italic">treiben</hi> das höchst fragwürdige Geschäft und wir <hi rend="italic">tragen</hi> den höchst bedenklichen Stempel dieser oder jener Religionsunternehmung<term type="begriffe" key="Religionsunternehmung"/> (und wenn es eine solche eigenster Erfindung wäre!). Wir <hi rend="italic">sind</hi> also jüdisch<term type="begriffe" key="Religion, jüdische"/>, katholisch<term type="begriffe" key="Religion, katholische"/>, lutherisch<term type="begriffe" key="Religion, lutherische"/> oder reformiert<term type="begriffe" key="Religion, reformierte"/> (vor Konfessionswechsel<term type="begriffe" key="Konfessionswechsel"/> hin <hi rend="italic">oder</hi> her wird dringend gewarnt<note xml:id="n03"> Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
<date when="1921-08-03">3.8.1921</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p508#p508">S. 508</ref></bibl>: «Dank für die Haecker-Notizen. Ich habe daraufhin die kleine ‹Warnung› vor Konfessionswechsel eingerückt.» Der Publizist <persName ref="kbga-actors-591">Theodor Haecker</persName> (1879–1945) war nach eingehender Beschäftigung mit <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName> und <persName ref="kbga-actors-2944">Newman</persName> am
<date when="1921-04-05">5.4.1921</date> zum Katholizismus übergetreten.</note>!), wir <hi rend="italic">stehen auf</hi> oder wir <hi rend="italic">sitzen unter</hi> allerlei Kanzeln und Kathedern (gegen «Laien<term type="begriffe" key="Laie"/>» und «Theologen<term type="begriffe" key="Theologe"/>» sowie gegen Pfarrer<term type="begriffe" key="Pfarrer"/> und Professoren<term type="begriffe" key="Theologie, Professor"/> ist gleichmäßig viel zu erinnern!), wir <hi rend="italic">rollen</hi> auf den Geleisen einer alten großen (oder wenn es denn durchaus nicht anders geht: einer neuen kleinen!) christlichen Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinschaft"/>. Und nun meinen wir zu wissen um die Tragik und um den – <pb ed="A" n="377"/> Humor<term type="begriffe" key="Humor"/> dieses ganzen Seins, Treibens, Tragens, Stehens, Sitzens und Rollens. Wir haben vernommen, was <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName> dagegen einzuwenden hat und haben ihm recht gegeben. Wir seufzen täglich über dieses «Auch ich bin», über seine «Ehre» und «Kraft» noch mehr als über seine Schmach und Schwachheit<term type="begriffe" key="Schwachheit"/>. Wir hoffen seine Problematik<term type="begriffe" key="Problematik"/> nicht zu vergessen, sondern in jedem Wort und Schritt davon Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> abzulegen. Wir wissen aber, dass dieses «Auch ich bin» nicht nur menschlich, sondern noch viel mehr von Gott aus unvermeidlich ist. Anders denn in der Katastrophe<term type="begriffe" key="Katastrophe"/> der <pb ed="pga" xml:id="p530"/> menschlichen<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> Gipfelmöglichkeit<term type="begriffe" key="Gipfel"/> (und das ist eben die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> in jeder Gestalt) kann die göttliche Möglichkeit nicht begriffen werden. Anders denn durch das radikalste Trotzdem!<term type="begriffe" key="Gott, Trotzdem!"/> Gottes (und wo wird es so deutlich wie in der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, dass es zwischen Gott und Mensch <hi rend="italic">nur</hi> dieses Trotzdem gibt?) kann der Mensch nicht gerechtfertigt<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> werden. Anders denn als Jude<term type="begriffe" key="Jude"/> wird man das Judentum<term type="begriffe" key="Judentum"/>, anders denn als Pharisäer<term type="begriffe" key="Pharisäer"/> den Pharisäismus<term type="begriffe" key="Pharisäismus"/>, anders denn als Theologe<term type="begriffe" key="Theologe"/> die Theologie<term type="begriffe" key="Theologie"/> nicht los. Eben um ihrer besonderen Not<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> und Schuld<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/> willen, eben um deswillen, dass sie menschlich gesprochen <hi rend="italic">keine</hi> Hoffnung hat, <hi rend="italic">hat</hi> die Kirche <hi rend="italic">die</hi> Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/>, die Hoffnung auf Gott.</p>
<p><hi rend="italic">«Gott hat sein Volk, das er erkannte, nicht verstoßen.»</hi> Also nicht vom sichern Ufer, nicht vom glücklich davonrudernden (und auch nicht vom hilfreich herbeirudernden!) Rettungsboot, sondern vom sinkenden Schiffe selber aus ist das gesagt. Was es heißt: an <hi rend="italic">Gott</hi> sündigen, <hi rend="italic">Gott</hi> verraten<term type="begriffe" key="Verrat, an Gott"/>, <hi rend="italic">Gott</hi> leugnen, das weiß nur der, der weiß, dass er selber Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Gemeinschaft von Sündern"/> ist mit allem, was dazu gehört. Weiß er das nicht, weiß er etwa für sich immer noch etwas Besseres als die Kirche mit ihrem Jammer, sieht und geht er für sich immer noch einen kleinen Privatweg um die Verlegenheit<term type="begriffe" key="Verlegenheit"/> gerade der Kirche herum, entzieht er sich also jenem «Auch ich bin», dann kennt er jedenfalls die <hi rend="italic">Not</hi><term type="begriffe" key="Not, von Gott"/> nicht, die Gott<term type="begriffe" key="Gott, als Gott"/> als Gott dem Menschen bereitet, und so auch nicht die <hi rend="italic">Schuld</hi><term type="begriffe" key="Schuld"/>, in die der Mensch Gott als Gott gegenüber verhaftet ist. Und darum dann auch nicht die <hi rend="italic">Hoffnung</hi><term type="begriffe" key="Hoffnung"/>, die eben in dem liegt, was in der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und Gott"/> schmerzlich offenbar wird: dass unsre Not<term type="begriffe" key="Not, von Gott"/> von <hi rend="italic">Gott</hi> kommt und dass wir <hi rend="italic">Gott</hi> gegenüber schuldig sind. Denn wie ist es doch? Ist es <hi rend="italic">Gott</hi>, der den ganzen Tag seine Hände ausbreitet nach einem ungehorsamen und widersprechenden Volk (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.21">10,21</ref>) und nehmen wir das so existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> ernst, dass wir uns zu diesem Volk gar nicht erst stellen müssen, sondern wissen, dass wir auf <hi rend="italic">alle</hi> Fälle zu ihm gehören, dann haben wir eben darum, dass es <hi rend="italic">Gott</hi> ist, an dem wir zerschellen<term type="begriffe" key="Zerschellen an Gott"/>, die unüberwindliche, die siegreiche Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/> für dieses Volk und für uns selbst. Ist es <hi rend="italic">Gott</hi>, der seine Hände nach uns <pb ed="A" n="378"/> ausbreitet, was kann dann <hi rend="italic">unser</hi> Ungehorsam und Widersprechen, und wenn es noch so satanisch<term type="begriffe" key="satanisch/Satanismus"/> wäre, bedeuten? Was der tote Punkt, an dem <hi rend="italic">wir</hi> endigen? Was der Mord und das Begräbnis, die <hi rend="italic">wir</hi> der Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> bereiten? Was der Verrat<term type="begriffe" key="Verrat, an Christus"/> an Christus, den <hi rend="italic">wir</hi> verüben? <hi rend="italic">Geküsst</hi> wird der Großinquisitor<term type="begriffe" key="Großinquisitor"/> von Christus «auf seine blutleeren neunzigjährigen Lippen». «Das <pb ed="pga" xml:id="p531"/> war seine ganze Antwort.»<note xml:id="n04"> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zitiert nach<bibl corresp="kbga-bibls-2099"> <persName ref="kbga-actors-530">F. M. Dostojewski</persName>, <hi rend="italic">Die Brüder Karamasoff</hi>, Sämtliche Werke, 1. Abt., Bd. IX/1, München 1908, S. 527</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1842"><persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName>, <hi rend="italic">Dostojewski</hi>, München 1921, S. 61</bibl>, und auch <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
<date when="1921-08-03">3.8.1921</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p508#p508">S. 508</ref></bibl>: «Zum ganzen Abschnitt gab mir übrigens nun bereits dein <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewski</persName> Dampf und ein Zitätchen. Ich habe ihn nun mit trefflichem Eindruck ruhig gelesen  […]. Besonders die große Analyse im letzten Teil ist höchst verdienstlich; ich lese immer wieder darin.»</note> Und eben diese einzige, diese ganze Antwort<term type="begriffe" key="Antwort"/> ist die Hoffnung der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/>: das schlechthin unableitbare, grundlose, nur in Gott selbst begründete ewige Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/>, das alles Denken übersteigt. Dass der Mensch Gott erkennt<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/>, das rettet ihn nicht, das richtet ihn. Dass er von Gott <hi rend="italic">erkannt</hi> ist, das rettet ihn, das richtet ihn auf. <hi rend="italic">Gott</hi> ist der Erste<term type="begriffe" key="Gott, der Erste und Letzte"/>, darum auch der Letzte. <hi rend="italic">Gott</hi><term type="begriffe" key="Gott, erwählt und verwirft"/> verwirft, darum erwählt er auch. <hi rend="italic">Gott</hi> verdammt<term type="begriffe" key="Verdammnis"/>, darum begnadigt<term type="begriffe" key="Begnadigung"/> er auch. <hi rend="italic">Gott</hi> führt in die Hölle<term type="begriffe" key="Hölle"/>, darum auch wieder heraus [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.2.6">1.Sam 2,6</ref>]. <hi rend="italic">Gott</hi> stellt die Frage, die in der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Gesellschaft"/> als in der offenen, schwärenden Wunde der menschlichen Gesellschaft zum Aufbrechen kommt, darum gibt er auch die Antwort<term type="begriffe" key="Gott, Antwort"/>. Die <hi rend="italic">Einheit</hi><term type="begriffe" key="Gott, Einheit"/> Gottes, die Identität des Zürnenden<term type="begriffe" key="Gott, Zorn identisch mit Erbarmen"/> mit dem Erbarmer<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/>, des Deus absconditus<term type="begriffe" key="Deus absconditus"/> mit dem, der Jesus Christus von den Toten erweckte, des Gottes <persName ref="kbga-actors-3667">Esaus</persName> mit dem Gotte <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Gott, Esaus/Jakobs"/>, mit einem Wort: <hi rend="italic">die</hi> Einheit<term type="begriffe" key="Gott, Einheit"/> Gottes, die sich in ihrer vollen Unanschaulichkeit und Unerhörtheit im <hi rend="italic">Kreuze</hi> Christi offenbarte, sie ist unsre Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/>. Und darum – <hi rend="italic">ohne</hi> alle andere Hoffnung, ohne Unterstützung, Vermittlung, Überleitung und Mitwirkung anderer Hoffnungen ist’s gemeint – «Das Licht<term type="begriffe" key="Licht, und Finsternis"/> scheint in der Finsternis, aber die Finsternis hat es <hi rend="italic">nicht überwältigt!</hi>» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>]. «Nicht verstoßen wird der Herr sein Volk um seines großen Namens willen, denn freilich hat er euch angenommen zu seinem Volk!» (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.12.22">1.Sam. 12,22</ref> LXX).</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.2 Röm.11.6">V. 2b‒6</ref> Oder wisst ihr nicht, was die Schrift sagt</hi>
in der Geschichte des <hi rend="bold"><persName ref="kbga-actors-2281">Elia</persName>, als er sich bei Gott beschwerte gegen Israel: Herr, deine Propheten töteten sie, deine Altäre zerschlugen sie, und ich bin allein übrig geblieben, und mir trachten sie nach dem Leben. Aber was sagt ihm das Gotteswort? Ich habe mir erhalten siebentausend Mann, die ihre Kniee nicht beugten vor der Baalschande. So ist nun auch in der Zeit des Jetzt ein Rest vorhanden durch die Wahl der Gnade. Weil aber durch Gnade, darum nicht durch Werke, sonst wäre ja Gnade nicht Gnade.</hi></p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p532" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Herr, deine Propheten töteten</hi><note n="d" type="textcritical" xml:id="nd"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «<hi rend="italic">töten</hi>».</note> <hi rend="italic">sie, deine Altäre zerschlugen sie, und ich bin allein übrig geblieben, und mir trachten sie nach dem Leben.»</hi> Die Einheit<term type="begriffe" key="Gott, Einheit"/> Gottes als die Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/> der Kirche will in ihrer ganzen Paradoxie<term type="begriffe" key="Kirche, in der Paradoxie geglaubt"/> und Unzulänglichkeit<note n="e" type="textcritical" xml:id="ne">Druckmanuskript: «Unzugänglichkeit».</note> <hi rend="italic">geglaubt</hi><term type="begriffe" key="Kirche, in der Unzulänglichkeit geglaubt"/> sein. Besser sie bleibt ganz verborgen, besser die Kirche hat gar keine Hoffnung, als dass <pb ed="A" n="379"/> <anchor type="note" xml:id="fn-f"/>etwa, was doch nur geglaubt werden kann, vermeintlich doch wieder gesehen oder dass versucht wird, es zu sehen<note n="f" target="fn-f" type="textcritical" xml:id="nf"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «etwa doch wieder gesehen oder zu sehen versucht wird, was doch nur geglaubt werden kann». Die von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinem Handexemplar notierte, oben in den Text übernommene Änderung ist im <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>) fehlerhaft ausgeführt worden: «etwa, was doch nur geglaubt werden kann, vermeintlich doch wieder gesehen oder doch versucht wird, es zu sehen».</note>. <hi rend="italic">Diese</hi> Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/> muss, weil sie die <hi rend="italic">letzte</hi>, die <hi rend="italic">einzige</hi> ist, ganz rein, echt und real sein; ganz klar muss es sein, dass es Gott selber und nur er ist, der hier, indem er die Frage aufwirft, auch die Antwort<term type="begriffe" key="Gott, Antwort"/> gibt. Die Lage der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> kann darum nicht scharf genug gesehen werden, wie sie ist. Sie ist die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Ahabs und Isebels"/> <persName ref="kbga-actors-2146">Ahabs</persName> und <persName ref="kbga-actors-3683">Isebels</persName>, sagen wir rücksichtslos. Was <persName ref="kbga-actors-2281">Elia</persName> gegen jene zu klagen hatte (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.19.10">1.Kön. 19,10</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.19.14">14</ref>), das ist’s, was vom Evangelium<term type="begriffe" key="Evangelium, Gegensatz zur Kirche"/> aus gegen sie zu sagen ist. Wenn gestern nicht, dann sicher heute; wenn heute nicht, dann sicher morgen; wenn nicht in dieser Hinsicht, dann sicher in jener. Es genügt aber jede einzelne Hinsicht für sich allein, um die Anklage<term type="begriffe" key="Anklage"/> zu rechtfertigen. Ein relatives Verhältnis zwischen Jahwe<term type="begriffe" key="Gott, Jahwe"/> und Baal<term type="begriffe" key="Baal"/>, ein «Hinken auf beiden Seiten» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.18.21">1.Kön. 18,21</ref>] kann es ja bekanntlich nicht geben, sondern wenn <persName ref="kbga-actors-2149">Baal</persName><term type="begriffe" key="Baal"/> an einer Stelle unzweideutig hervorguckt (sagen wir z. B. in der Theologie<term type="begriffe" key="Theologie"/>, in der Predigt<term type="begriffe" key="Predigt"/>, in der Stellung der Kirche zur Politik<term type="begriffe" key="Kirche, und Politik"/>), so ist es klar, dass <hi rend="italic">er</hi> der Herr des Hauses ist; denn <persName ref="kbga-actors-9695">Jahwe</persName> denkt sicher nicht daran, es etwa mit ihm zu teilen. Die «verabsolutierenden» Anklagen eines <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName><note xml:id="n05"> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dachte wohl vor allem an die von <bibl corresp="kbga-bibls-1814"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName> in <hi rend="italic">Der Augenblick</hi></bibl> an dem «offiziellen Christentum» geübte Kritik. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> besaß die Schrift in der Übersetzung von <bibl corresp="kbga-bibls-1814">Chr. Schrempf, KGW 12, Jena 1909<hi rend="sup">2</hi> </bibl>(<bibl corresp="kbga-bibls-3506">SKS 13, S. 127–418</bibl>). Viele Unterstreichungen belegen seine Lektüre.</note>, eines <persName ref="kbga-actors-240">Kutter</persName><note xml:id="n06"> Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an Thurneysen vom
<date when="1921-08-03">3.8.1921</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p508#p508">S. 508</ref></bibl>: «Beachte übrigens das kleine Denkmal (in ernstem Sinn), das <persName ref="kbga-actors-240">Kutter</persName> bekommt und zwar [...] in einem Atem mit <persName ref="kbga-actors-2281">Elia</persName>.» Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3689"><persName ref="kbga-actors-240">H. Kutter</persName>, <hi rend="italic">Sie müssen! Ein offenes Wort an die christliche Gesellschaft</hi>, Jena 1910 9. Tsd., z. B. S. 75</bibl>: «Ja, es gibt keine größere Gefahr für unsere Zwerghaftigkeit als den lebendigen Gott, kein größeres Unglück für unsere Eitelkeit als Ihn; der gewaltsamste Revolutionär ist der lebendige Gott, der rücksichtsloseste Umstürzler ist Er.» «Wie Spreu wird er die feigen Verlegenheiten und Bedenklichkeiten unseres Christentums auseinander fegen».</note> sind also gerade <hi rend="italic">als solche</hi> im Recht, <pb ed="pga" xml:id="p533"/> können gerade <hi rend="italic">als solche</hi> nicht stark genug unterstrichen, nicht offen genug aufgenommen werden. Handelt es sich um <hi rend="italic">Gott</hi> (und in der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und Gott"/> <hi rend="italic">handelt</hi> es sich jedenfalls um Gott), dann heißt das, dass es bei jeder Einzelheit ums Ganze geht, dann ist auch die stärkste «Übertreibung» einer Einzelheit nicht stark genug, um an die Problematik<term type="begriffe" key="Problematik"/> des Ganzen zu erinnern, und keine wehleidige Verwahrung, es möchte die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> neben diesem und jenem Baalsmäßigen<term type="begriffe" key="Baal"/> doch auch allerlei von Jahwe<term type="begriffe" key="Gott, Jahwe"/> haben, kann dann der Wucht des so geführten Indizienbeweises widerstehen, darf dann eine Schutzwehr sein gegen die Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/>, Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> zu tun. Also hier gilt nicht Geduld, sondern prophetische Ungeduld, nicht beschaulicher Humor<term type="begriffe" key="Humor"/>, sondern ungehemmte Offensive, nicht historische Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, historische"/>, sondern bis auf den Sattelknopf durchhauende<note xml:id="n07"> Vgl. aus<bibl corresp="kbga-bibls-3690"><persName ref="kbga-actors-814"> L. Uhlands</persName> Gedicht «Schwäbische Kunde»</bibl>:
<q rend="block">
<lg>
<l>Er schwingt es [scil. das Schwert] auf des Reiters Kopf,</l>
 <l>Haut durch bis auf den Sattelknopf.</l></lg></q></note> Wahrheitsliebe<term type="begriffe" key="Liebe, zur Wahrheit"/>, die auch dem Vorwurf der Ungerechtigkeit<term type="begriffe" key="Ungerechtigkeit"/> gegen diesen und jenen braven Mann (weder die Baalspriester<term type="begriffe" key="Baal"/> in Israel<term type="begriffe" key="Israel, Baalspriester"/> noch die dänischen und schweizerischen Pfarrer<term type="begriffe" key="Pfarrer"/> waren ja alle <hi rend="italic">so</hi> schlimm!) jedenfalls <hi rend="italic">nicht</hi> aus dem Wege geht.</p>
<p><hi rend="italic">«Ich habe mir erhalten siebentausend Mann, die ihre Kniee nicht beugten vor der Baalschande»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.19.18">1.Kön. 19,18</ref>). Das ist die andere Seite, die <persName ref="kbga-actors-2281">Elia</persName> nicht sieht. Aber wie sollte er sie auch sehen, und wenn er noch so feine Augen für kirchengeschichtliche<term type="begriffe" key="Kirchengeschichte"/> Feinheiten hätte? Ist es doch wirklich nicht eine verborgene Unterströmung etwa, sondern die <hi rend="italic">andere</hi>, <pb ed="A" n="380"/> die <hi rend="italic">ganz</hi> andere Seite der Kirchengeschichte, die hier durch das Gotteswort enthüllt wird. Die Siebentausend sind, so paradox<term type="begriffe" key="paradox"/> und textwidrig das klingen mag, keine 7000, keine Quantität (kein «nicht ganz geringer Teil des Volkes», <persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName><note xml:id="n08"> <bibl corresp="kbga-bibls-3478"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Römerbrief, S. 68</bibl>.</note>), keine Minoritätsgemeinde<term type="begriffe" key="Minorität"/> von Stillen im Lande<term type="begriffe" key="Stillen im Lande"/>, die <persName ref="kbga-actors-2281">Elia</persName> etwa da und dort hätte antreffen, als solche erkennen und namhaft machen können. Er hat ganz recht mit seinem «Ich bin allein übrig»; der Prophet als solcher <pb ed="pga" xml:id="p534"/> ist immer schlechthin allein und einzigartig, und weder zu vermehren noch zu vermindern ist das Quantum seiner einsamen Seele<term type="begriffe" key="Einsamkeit"/>. Nicht als 7000 psychologische Individuen<term type="begriffe" key="Individuum"/>, sondern unmittelbar, als <hi rend="italic">ganze siebentausend</hi> in überwältigender Menge unanschaulich eintretend für den einsamen <persName ref="kbga-actors-2281">Elia</persName>, als <hi rend="italic">nur siebentausend</hi> in ihrer verschwindenden Minderzahl unanschaulich eintretend für die Gesamtheit des Volkes Israel<term type="begriffe" key="Israel"/>, in ihrer Qualität als Objekte der Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung"/> mitten in der Verwerfung, als die unsichtbare Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/> mitten in der Kirche <persName ref="kbga-actors-3667">Esaus</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Esaus"/> – so stehen die Siebentausend der Aufrechten vor Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst» / Stehen vor Gott"/>〈, vor Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/>, <hi rend="italic">sein</hi> Volk, das <hi rend="italic">er</hi> nicht verstoßen hat. Also dass <hi rend="italic">Gottes</hi> Erkennen der Seinigen nicht aufhört (nicht dass da auch Etliche sind, die ihn etwa kennen!), dass <hi rend="italic">Gottes</hi> Gnade<term type="begriffe" key="Gott, Gnade"/> unendlich ist (nicht dass da 7000 Begnadigte sind!), dass <hi rend="italic">Gottes</hi> Einheit<term type="begriffe" key="Gott, Einheit"/> triumphiert in der unabsehbaren Problematik<term type="begriffe" key="Problematik"/> der Kirchengeschichte<term type="begriffe" key="Kirchengeschichte"/> (nicht dass da so und so viele sind, die zu einem gewissen Frieden mit sich selbst kommen!), <hi rend="italic">das</hi> sagt das Gotteswort. Es redet vom Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/>, es redet von der Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung"/>, es redet von Gott, also nicht von <persName ref="kbga-actors-555">Assisi</persName><term type="begriffe" key="Assisi"/> oder Boll<term type="begriffe" key="Bad Boll"/>, nicht von einer Oase in der Wüste<term type="begriffe" key="Wüste"/> (was übrigens auch das <persName ref="kbga-actors-555">Assisi</persName><term type="begriffe" key="Assisi"/> des <hi rend="italic">Franz</hi> und das Boll<term type="begriffe" key="Bad Boll"/> <hi rend="italic"><rs type="person" ref="kbga-actors-48 kbga-actors-47">Blumhardts</rs></hi> in ihrem fruchtbaren Augenblick am allerwenigsten waren!). Denn diese Wüste<term type="begriffe" key="Wüste"/> hat keine Oasen. <hi rend="italic">Gewiss</hi> wird die unanschauliche Qualität der Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung"/> anschaulich da und dort, an diesem und jenem, aber eben in ihrer Unanschaulichkeit<term type="begriffe" key="Unanschaulichkeit"/>, selber als Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> und Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/>. <hi rend="italic">Sub</hi>marin<term type="begriffe" key="Insel, submarine"/> ist die Insel<term type="begriffe" key="Insel, der Wahrheit"/> der Wahrheit, wie wir früher (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.18">8,18</ref>) feststellten<note xml:id="n09"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p417#p417">S. 417</ref>.</note>. <hi rend="italic">Ich, ich</hi> habe <hi rend="italic">mir</hi> erhalten siebentausend Mann! Hier will Gott allein
recht<term type="begriffe" key="Gott, Recht"/> haben und retten. Er <hi rend="italic">hat</hi> aber recht, er <hi rend="italic">rettet</hi> aber<term type="begriffe" key="Gott, Errettung"/>. <persName ref="kbga-actors-2281">Elia</persName> ist <hi rend="italic">nicht</hi> allein, und <hi rend="italic">nicht</hi> verstoßen ist <hi rend="italic">ganz</hi> Israel<term type="begriffe" key="Israel"/>: weil Gott hier eintritt, gerade hier, wo alle menschliche Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, menschliche"/> ein Ende hat, weil Gott in seinem Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> nur gewartet hat auf das Schreien des Einsamen in Israel, um <hi rend="italic">ihm und ganz</hi> Israel<term type="begriffe" key="Israel"/> zu beweisen, dass er der Barmherzige<term type="begriffe" key="Gott, Barmherzigkeit"/> ist.</p>
<p><hi rend="italic">«So ist nun auch in der Zeit des Jetzt ein Rest vorhanden durch die Wahl der Gnade. Weil aber durch Gnade, darum nicht durch Werke, sonst wäre ja Gnade nicht Gnade.»</hi> <pb ed="A" n="381"/> Das Verhältnis der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und ihr Thema"/> zu ihrem Thema ist das Verhältnis von Zeit und Ewigkeit, Mensch und Gott. Damit ist sie, ist jede Kirche erledigt. Aber vielleicht auch ge<pb ed="pga" xml:id="p535" break="no"/>rechtfertigt. Vielleicht: wenn nämlich dieses Verhältnis in seiner richtenden, ein für allemal erledigenden Bedeutung selber zum Gotteswort wird; wenn der Mensch in gründlichster Demütigung seiner Ohnmacht und seines Zerschellens<term type="begriffe" key="Zerschellen an Gott"/> an der Macht<term type="begriffe" key="Gott, Macht"/> Gottes gewahr wird – wenn also der Schleier der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/> zerreißt im ewigen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/> der Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, ewiger Augenblick"/>, wenn Christus der Herr zum Menschen sich neigt<note xml:id="n10"> Vgl. den Choral von <bibl type="song" corresp="kbga-songs-123"><persName ref="kbga-actors-8791">N. Kaiser</persName>: «Wenn Christus, der Herr, zum Menschen sich neigt» (GERS [1891] 251)</bibl>.</note>. Dass das geschieht, geschehen ist, geschehen wird, dass dieses Geschehen die – Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> ist, das ist’s, was wir als Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> verkündigen. Und sofern das geschieht, ist <persName ref="kbga-actors-2281">Elia</persName> <hi rend="italic">nicht</hi> einsam<term type="begriffe" key="Einsamkeit"/>, ist die Kirche (die <hi rend="italic">ganze</hi> Kirche, <hi rend="italic">jede</hi> Kirche!) <hi rend="italic">nicht</hi> verstoßen. «In der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, des Jetzt"/> des Jetzt» ist mitten in der Kirche <persName ref="kbga-actors-3667">Esaus</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Esaus"/> die Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/> schon da: in sehenden Augen, in hörenden Ohren<term type="begriffe" key="Sehen und Hören"/>, in aufmerkenden Herzen<term type="begriffe" key="Herz"/>, in jener Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zu Gott, ausgegossen in die Herzen durch den heiligen Geist<term type="begriffe" key="Geist, Heiliger G."/> [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5">5,5</ref>], in Worten, die mehr sind als Worte, in der Bereitschaft Vieler, dem Willen<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> Gottes zu gehorchen. Wer sind diese Vielen? Wiederum keine zählbaren 7000, sondern ein, wenn als Quantität angesprochener, alsbald verschwindender, alsbald überhaupt nicht in Betracht kommender «Rest<term type="begriffe" key="Rest"/>». Wieder kann man auf der aus dem Meer auftauchenden Insel<term type="begriffe" key="Insel, der Wahrheit"/> der Wahrheit – ertrinken, denn sobald einer täppischen Fußes sie betreten will, bedeckt sie sich aufs Neue mit der verhüllenden Flut. Wieder ist es die «Wahl der Gnade<term type="begriffe" key="Gott, Gnadenwahl"/>», die alle Menschen angeht und auf die Keiner ein Recht hat, welche sich hier manifestiert, nicht aber wird hier dieser oder jener so und so heißende Mensch gerechtfertigt<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/>. Wieder stehen diese und jene Menschen, an denen Gottes Gedanken<term type="begriffe" key="Gott, Gedanke"/> (über Alle!) etwa sichtbar werden, durch Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, allein durch G."/> <hi rend="italic">allein</hi> da als das, was sie sind, und durch Gnade <hi rend="italic">allein</hi> mögen sie sichtbar werden in dieser ihrer göttlichen Qualität, und Gnade <hi rend="italic">allein</hi> (Gnade für Alle!) ist’s, was an ihnen durch Gnade sichtbar werden kann. Wieder ist also dieser Rest<term type="begriffe" key="Rest"/> gerade nicht dort zu suchen, wo eine <hi rend="italic">direkte</hi> Betrachtung der menschlichen Dinge Emporstiege, Höhepunkte, Gnadenzeiten, Durchbrüche, Erweckungen<term type="begriffe" key="Erweckung, religiöse"/>, Reformationen<term type="begriffe" key="Reformation"/> und dergleichen, d. h. aber – «Werke<term type="begriffe" key="Werke"/>» zu konstatieren unternimmt. «Sonst wäre ja Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> nicht Gnade.» Mag er <hi rend="italic">auch dort</hi> zu finden sein; dann aber jedenfalls auch dort nur, sofern <hi rend="italic">Gott</hi> sich auch <pb ed="pga" xml:id="p536"/> auf solchen Höhenkurven menschlich-religiöser Entwicklung finden lassen kann, sofern auch dort «Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/>»
(<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.16">10,16</ref>) stattfindet. Aber gerade darum <hi rend="italic">nicht nur dort</hi>, zum Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis"/> aller geradlinigen Betrachtung sicher nicht nur dort (wird er dort <hi rend="italic">gesucht</hi>, sogar sicher <hi rend="italic">gerade dort nicht!</hi>), sondern ebenso sehr, ja vielleicht erst recht und noch ganz anders in <pb ed="A" n="382"/> den Tiefenkurven, wo von «Werken», wie die Kirchenhistoriker<term type="begriffe" key="Kirchenhistoriker"/> sie lieben, gar nicht die Rede sein kann, wo es offenkundig ist, dass <hi rend="italic">alle</hi> und <hi rend="italic">jede</hi> Zeit ganz und gar «Zwischenzeit<term type="begriffe" key="Zeit, Zwischenzeit"/>» ist, wo <hi rend="italic">nur</hi> Gott für Gott die Augen öffnen, wo <hi rend="italic">nur</hi> Gott in der menschlichen Armseligkeit und Verlorenheit sich selbst wiederfinden und erkennen kann. Das Erkennen <hi rend="italic">Gottes</hi> selber entscheidet, gleichviel ob die Kurve der Kirchengeschichte<term type="begriffe" key="Kirchengeschichte"/> nach oben oder unten weist, gleichviel ob wilde Alemannen<term type="begriffe" key="Alemannen"/> oder domestizierte Fromme des 19. Jahrhunderts sein Objekt sind. Weil <hi rend="italic">Gott</hi> sein Volk erkannte (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.2">11,2</ref>), <hi rend="italic">darum</hi> hat er es nicht verstoßen. Aus <hi rend="italic">Gnade</hi><term type="begriffe" key="Gnade, Erwählung"/> erwählt ist der Mensch, das ist die demütigende und gerade insofern rechtfertigende und rettende Botschaft vom «vorhandenen Rest»<term type="begriffe" key="Rest"/>, dessen Licht «jetzt»<term type="begriffe" key="«Jetzt»"/> inmitten der Not<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> und Schuld der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/> aufleuchtet. Dass Gott <hi rend="italic">sich selber</hi> «jetzt» rechtfertigt<term type="begriffe" key="Gott, rechtfertigt sich selbst"/>, <hi rend="italic">seine eigene</hi> Einheit<term type="begriffe" key="Gott, Einheit"/> «jetzt» beweist, das allein kann die Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/> der Kirche sein. Das aber <hi rend="italic">ist</hi> ihre Hoffnung, so gewiss <hi rend="italic">Gott</hi> «jetzt»<term type="begriffe" key="«Jetzt»"/> in Christus sich offenbart<term type="begriffe" key="Gott, offenbart sich in Christus"/> als der, der unsre Not<term type="begriffe" key="Not, von Gott"/> ist und an dem wir schuldig geworden sind.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.7 Röm.11.10">V. 7‒10</ref> Wie steht es nun? Was Israel sucht, das erlangte es nicht; die Auserwählten aber erlangten<note n="g" type="textcritical" xml:id="ng"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>) und <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «erlangen». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar im <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> nicht ausgeführt.</note> es. Die übrigen aber wurden<note n="h" type="textcritical" xml:id="nh"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>) und <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «werden». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar im <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> nicht ausgeführt.</note> verstockt, wie geschrieben steht: Gott gab ihnen einen Geist des Tiefschlafs, Augen zum Nicht-Sehen und Ohren zum Nicht-Hören bis auf den heutigen Tag. Und <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName></hi> <hi rend="bold">spricht: Ihr Tisch möge ihnen zur Schlinge und zur Falle und zum Ärgernis und zur Strafe werden! Finster mögen ihre Augen sein zum Nicht-Sehen, und ihren Rücken mögest du beugen ein für allemal!</hi></p>
<p>Wir machen, um unzweideutig zu demonstrieren, dass wir <hi rend="italic">Gott</hi> meinen, wenn wir von der Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/> der Kirche reden, noch einmal <hi rend="italic">Halt</hi> bei Gottes <hi rend="italic">Nein</hi><term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> über die Kirche. Nur im Ringen mit diesem <pb ed="pga" xml:id="p537"/> Nein kann ja die Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/> erscheinen, kann die Hoffnung rein, echt und real sein. Dieses Nein besteht in der nochmals (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.31">9,31</ref>) festzustellenden Tatsache, dass <hi rend="italic">«Israel</hi><term type="begriffe" key="Israel"/> <hi rend="italic">nicht erlangte, was es sucht».</hi> Es erlangt es nicht und es wird es nicht erlangen. Wir wissen, <hi rend="italic">was</hi> es sucht: jene <hi rend="italic">eigene</hi> Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, eigene"/> unter bewusster Eskamotierung der <hi rend="italic">göttlichen</hi><term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.3">10,3</ref>), jene Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Selbstrechtfertigung"/> und Rettung des <hi rend="italic">Menschen</hi> durch die Inthronisierung des <hi rend="italic">frommen</hi> Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, frommer"/>. Wo wäre die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Inthronisierung des frommen Menschen"/>, die nicht nach kurzem zauderndem Bedenken immer wieder <hi rend="italic">das</hi> suchte? Wer, der weiß, wie Kirche zustande kommt, könnte sich selbst von der Schuld <hi rend="italic">dieses</hi> Suchens freisprechen? Also die Hoffnung, <hi rend="italic">dieses</hi> zu erlangen, kann sich nicht erfüllen. Alle Hoffnungen <hi rend="italic">dieser</hi> Art werden immer wieder scheitern an ihrer eigenen Unmöglichkeit, an der Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Unmöglichkeit"/> Gottes. Aber <hi rend="italic">meint</hi> die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> bei diesem Suchen nicht etwas <pb ed="A" n="383"/> ganz Anderes, etwas, an das sie sich nicht heranwagt, weil der Mensch als Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, als Mensch"/> das gar nicht suchen kann und weil sie sich, wenn sie sich daran heranwagte, ihre eigene völlige Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/> eingestehen müsste? Ist es nicht so, dass nicht das Suchen selbst hier schuldhaft ist (im Gegenteil: Suchet Ihn, so werdet ihr leben! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Am.5.4">Am. 5,4</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Am.5.6">6</ref>]<note xml:id="n11"> Vgl. auch den auf diese Verse anspielenden Titel des Predigtbandes von<bibl corresp="kbga-bibls-1461"> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> <hi rend="italic">Suchet Gott, so werdet ihr leben!</hi>, Bern 1917</bibl>.</note>), sondern das Vergessen<term type="begriffe" key="Vergessen"/>, dass der <hi rend="italic">Mensch</hi> hier nicht suchen kann, die Überhebung<term type="begriffe" key="Überheblichkeit"/>, mit der er meint suchen zu können, ohne schon <hi rend="italic">gefunden</hi> zu haben, die Unbedachtheit, mit der er das schon Gefundene <hi rend="italic">preisgibt</hi>, um dann sicher umsonst zu suchen?</p>
<p>An der Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> der menschlichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, die mit der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> zusammenfällt, steht der nicht-vergessende, der sich nicht-überhebende, der nicht-unbedachte Mensch, der sich unter das Gericht<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/> Gottes gebeugt und so Gerechtigkeit erlangt hat: Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes. <hi rend="italic">«Die Auserwählten haben es erlangt»</hi>, das, was die Kirche bei ihrem Suchen eigentlich meint. Wir haben uns eingeschärft, dass diese «Auserwählten» nicht diese und jene sind, nicht da und dort, nicht so und so heißen. Aus Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> sind sie, was sie sind. Sie sind nicht nachzuweisen. Sie sind nicht aufs Programm zu nehmen. Man kann nichts mit ihnen anfangen, nicht mit ihnen rechnen. Sie werden keine Kirchenlichter<term type="begriffe" key="Kirchenlichter"/> werden. Sie werden keine Schule machen. Sie werden keine «Anregungen» geben, es wäre denn den Anstoß<term type="begriffe" key="Anstoß"/> zum ewigen Leben<term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/><note xml:id="n12"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p095#fn_n15">S. 95f., Anm. 15</ref>.</note> <pb ed="pga" xml:id="p538"/> und auch diesen nur in Form des Ärgernisses<term type="begriffe" key="Ärgernis, und ewiges Leben"/>. Sie sind hier und sie sind dort, nur sicher nie da, wo Da! gerufen wird. Sie tragen diesen und jenen Namen, nur sicher nie den, auf den sie angeredet werden. Sie sind bekannt als die Unbekannten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.6.9">2.Kor. 6,9</ref>]. Sie tauchen auf, um wieder zu verschwinden. Ihre Auserwähltheit<term type="begriffe" key="Auserwählung"/> und ihr «Erlangen» gewinnt keine historische Breite, weder in erbaulichen Lebensgeschichten<term type="begriffe" key="Lebensgeschichte"/> noch in gesegneten Einflüssen auf die Kirchengeschichte<term type="begriffe" key="Kirchengeschichte"/>. Was an ihnen etwa historische Breite gewinnt, ist sicher nicht ihre Erwähltheit und ihr Erlangen. Also auch in ihnen, in diesen Trägern ihrer eigenen Hoffnung, kann die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, erkennt Gottes Freiheit und Verborgenheit"/> nur die grenzenlose Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> und Verborgenheit<term type="begriffe" key="Gott, Verborgenheit"/> Gottes erkennen und nur in dieser Freiheit<term type="begriffe" key="Gnade, Freiheit"/> und Verborgenheit seine Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Verborgenheit"/> und nur in seiner Gnade ihre eigene Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/>. Auch an ihnen kann sie immer nur lernen: «Was Israel<term type="begriffe" key="Israel"/> sucht, das erlangt es nicht.»</p>
<p><hi rend="italic">«Die Übrigen aber wurden verstockt.»</hi> Das Licht<term type="begriffe" key="Licht, und Finsternis"/> scheint in der Finsternis [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>] – nicht überwältigt! aber in der <hi rend="italic">Finsternis!</hi> Hoffnungslosigkeit<term type="begriffe" key="Hoffnungslosigkeit"/> ist Hoffnungslosigkeit. Der tote Punkt<term type="begriffe" key="Punkt, toter"/> ist der tote Punkt. Keine Kontinuität zwischen der Seele des Einen und des Andern, zwischen den Trägern der Hoffnung und denen, zu denen sie getragen wird, keine Übertragung, keine Ansteckung, kein «Einfluss» von jenen auf diese. Nur in Gott ist der Zusammen<pb ed="A" n="384" break="no"/>hang. Nur von Gott werden auch diese erlangen, was sie, wenn sie es nicht von Gott erlangen, vergeblich suchen. Nur <hi rend="italic">Hinweis</hi><term type="begriffe" key="Hinweis"/> auf Gott, aber nicht göttlicher Anfang, göttlicher Same, Zellkern oder dergleichen etwa können die Erwählten für die <hi rend="italic">Andern</hi> sein (das Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> Gottes nur <hi rend="italic">anzukündigen</hi>, nicht aufzurichten, hat auch der synoptische<term type="begriffe" key="Synopse"/> Jesus seine Jünger ausgesandt <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.7">Mt. 10,7</ref>!), sind sie doch selber immer wieder in der einen großen, der einzigen, der (<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.28">Mt. 10,28</ref> ausdrücklich als solche bezeichneten) tödlichen Gefahr, Gottes uneingedenk zu sein, und darum, sofern sie nicht Hinweisende sind, ganz und gar zu diesen <hi rend="italic">Andern</hi> gehörig und mit ihnen «verstockt», gegen die göttliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> hermetisch abgeschlossen. Es bleibt dabei, und <hi rend="italic">so</hi> muss die Kirche ihre Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/> begreifen lernen, dass, wenn <hi rend="italic">Gott</hi> nicht das <hi rend="italic">Wunder</hi><term type="begriffe" key="Wunder"/> tut (und eben das Wunder Gottes ist es, was sich in den Auserwählten meldet!), <hi rend="italic">keine</hi> Hoffnung vorhanden ist. Es bleibt dann bei der einzigen anschaulichen Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, die, sofern die Kirche dabei verharrt, <hi rend="italic">anschauliche</hi> Wahrheit zu verkündigen<term type="begriffe" key="Verkündigung"/>, über <hi rend="italic">jede</hi> Kirchentüre, <pb ed="pga" xml:id="p539"/> über <hi rend="italic">jedes</hi> Predigtmanuskript<term type="begriffe" key="Predigtmanuskript"/>, auf die erste Seite <hi rend="italic">jedes</hi> religiösen Buches geschrieben werden müsste: «Die Übrigen wurden verstockt.» Die «Übrigen» sind so wenig eine Quantität wie die «Auserwählten». <hi rend="italic">Alle</hi> sind die «Übrigen», sofern Gott nicht durch Gott erkannt wird. Denn Gott will durch Gott erkannt sein: <hi rend="italic">darum</hi> das Erscheinen der Auserwählten, <hi rend="italic">darum</hi> auch der Ausschluss der «Übrigen», zu denen alsbald auch die Auserwählten<term type="begriffe" key="Auserwählung"/> gehören, sofern ihr Dasein nicht mehr <hi rend="italic">das</hi> bedeutet.</p>
<p>Es bleibt dann bei der ganzen Not der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> <persName ref="kbga-actors-3667">Esaus</persName>, dass sie von Gott mit <hi rend="italic">«Tiefschlaf»</hi>, mit <hi rend="italic">«nicht-sehenden Augen»</hi> und <hi rend="italic">«nicht-hörenden Ohren»</hi><term type="begriffe" key="Nicht-Hören"/> geschlagen ist, dass von Gott aus ihr <hi rend="italic">«Tisch»</hi>, ihr ganzes Tun, <hi rend="italic">«zur Schlinge und zur Falle und zum Ärgernis und zur Strafe»</hi> werden muss, dass Gott <hi rend="italic">«ihren Rücken beugt»</hi> unter das nicht als Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> und Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/> begriffene und doch nicht zu vermeidende Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>. <hi rend="italic">Dieser</hi> Gott also, der so unbarmherzig Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> sagt, <hi rend="italic">indem</hi> er seine Barmherzigkeit<term type="begriffe" key="Gott, Barmherzigkeit"/> offenbart, der so unerbittlich ausschließt, indem er allen sich zuwendet, der so verborgen bleibt, ja erst recht als der verborgene<term type="begriffe" key="Gott, verborgen"/> Gott sich kundgibt, indem er seinen Namen nennt – <hi rend="italic">er</hi> ist die Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/> der Kirche: <hi rend="italic">seine</hi> Einheit<term type="begriffe" key="Gott, Einheit"/>, <hi rend="italic">seine</hi> Identität<term type="begriffe" key="Gott, Identität"/>, <hi rend="italic">seine</hi> Gnade<term type="begriffe" key="Gott, Gnade"/> und <hi rend="italic">seine</hi> Wahrheit<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/>. So und nicht anders ist er unser Vater<term type="begriffe" key="Gott, Vater"/> in Jesus Christus, dem Gekreuzigten<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Gekreuzigter und Auferstandener"/> und Auferstandenen. Woher soll der Kirche so viel Hoffnung kommen, um auf <hi rend="italic">diesen</hi> Gott ihre Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/> zu setzen?</p> 

</div> 




<div>
<head><hi rend="smallCaps">Ein Wort an die draußen</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.11 Röm.11.24">11,11–24</ref></head>
<p> <hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.11">V. 11</ref> Nun sage ich: Sind sie dazu angerannt, damit sie fallen sollten? Unmöglich! Sondern durch ihren Fall geschieht die Rettung der Heiden – um auch sie selbst eifersüchtig zu machen.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Sind sie dazu angerannt, damit sie fallen sollten? Unmöglich!»</hi> Der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und Heiden"/>, jeder Kirche gegenüber sehen wir die «Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>», die «Andern» stehen – Kirche ihrerseits ziemlich sicher, aber nehmen wir sie einmal in ihrer relativen Unkirchlichkeit gegenüber der uns zunächst <pb ed="pga" xml:id="p540"/> liegenden Kirche als die Nichtmithörenden und Nichtmitredenden, als die unbeteiligten Zuschauer<term type="begriffe" key="Zuschauer"/> und Zeugen des kirchlichen Versuchs, des kirchlichen Misslingens. Sie sehen auf alle Fälle – die Welt, bzw. eine Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> hat es an der andern von jeher gesehen, auch wenn sie dazu geschwiegen hat –, dass da ein Misslingen stattfindet, ein Straucheln, ein «Anrennen» an ein unsichtbares Hindernis. Sind wir selber auch nur einigermaßen gesunde, romantisch<term type="begriffe" key="romantisch"/> unangekränkelte «Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>», so werden wir etwa einer katholischen<term type="begriffe" key="Messe, katholische"/> Messe kaum anders beiwohnen können als mit der Grundempfindung, dass es so nicht geht, wenn wir es nicht mit dem Heidelberger Katechismus<term type="begriffe" key="Heidelberger Katechismus"/> sogar <hi rend="italic">noch</hi> kräftiger ausdrücken wollen.<note xml:id="n13"> <bibl corresp="kbga-bibls-439"><hi rend="italic">Heidelberger Katechismus</hi>, Frage 80, BSRK 704,30-32</bibl>: «Unnd ist also die Meß im grund nichts anderst, denn ein verleugnung des einigen opffers und leidens Jesu Christi, und eine vermaledeyte Abgötterey.»</note> Sind wir selber irgendwo «drinnen» (und wir sind es alle!), so wollen wir uns darüber klar sein, dass die jeweils, von uns aus gesehen, Draußenstehenden, uns gegenüber nicht besser daran sind. Die jeweiligen «Heiden<term type="begriffe" key="Kirche, und Heiden"/>» sind eben immer in der glücklichen Lage, festzustellen, dass ihnen die Kirche <hi rend="italic">nicht</hi> imponiert, <hi rend="italic">nicht</hi> den Eindruck einer wesentlichen Unternehmung macht, vielleicht ehrwürdig, aber jedenfalls <hi rend="italic">nicht</hi> glaubwürdig erscheint. Dass es sich in der jeweiligen Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und Wort Gottes"/> um das Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> Gottes handle, das hören sie zwar behaupten, sie sehen es aber nicht beweisen<note n="i" type="textcritical" xml:id="ni"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «bewiesen».</note>. Die draußen haben als solche eine feine Witterung für die Not<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> und Schuld der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/>, für das göttliche Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, das ihr entgegengestellt ist. Sie sehen den Stachel, wider den die da drinnen nicht löcken können [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.5">Act. 9,5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Act.26.14">26,14</ref>]. Was von Gott aus gegen die Kirche zu sagen ist, das wird tatsächlich, mit Verstand oder Unverstand, immer auch von der «Welt<term type="begriffe" key="Welt"/>» aus gegen sie gesagt. Aber eben darum kann das, was von der Welt gegen die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> gesagt wird, immer nur im Sinne dessen aufgefasst werden, was von Gott aus gegen sie zu sagen ist, nicht anders. Also nicht so, als ob etwa die Ohnmacht, die Verlegenheit<term type="begriffe" key="Kirche, Verlegenheit"/>, die tiefe Unglaubwürdigkeit<term type="begriffe" key="Kirche, Unglaubwürdigkeit"/>, in der sich die Not<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> und Schuld der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/> der Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> gegenüber immer wieder manifestieren wird, eine letzte, eine metaphysische<term type="begriffe" key="metaphysisch"/> Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> wäre. <hi rend="italic">Nicht</hi> erledigt, <hi rend="italic">nicht</hi> überwunden ist die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, sie ist <hi rend="italic">nicht</hi> aus, und wenn die «Heiden<term type="begriffe" key="Kirche, und Heiden"/>» <pb ed="A" n="386"/> noch zehnmal deutlicher an ihr sehen wür<pb ed="pga" xml:id="p541" break="no"/>den, was sie sehen. So wenig die Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> selbst in ihrer Not und Schuld von Gott fallen gelassen ist, so wenig ihr fragwürdiger Gipfel<term type="begriffe" key="Gipfel"/>, die Kirche. «Welt» und «Kirche» sind ja, was sie sind, nur in Relation<term type="begriffe" key="Relation, Welt und Kirche"/> zueinander. Wie sollte da von
absoluter Ausschließlichkeit der einen gegenüber der andern die Rede sein können? Absolut ist ihrer beider Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> zu <hi rend="italic">Gott.</hi> Von <hi rend="italic">Gott</hi> aus gesehen ist es allerdings «aus» mit der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und Welt"/>, aber ebenso sehr mit der Welt<term type="begriffe" key="Welt, und Kirche"/>: «aus» mit Israel<term type="begriffe" key="Israel"/> <hi rend="italic">und</hi> mit den Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>. Also: Unmöglich dazu sind sie angerannt (am Stein des Anstoßes<term type="begriffe" key="Anstoß, Stein des Anstoßes"/> und Fels des Ärgernisses<term type="begriffe" key="Ärgernis, Fels des Ärgernisses"/> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.33">9,33</ref>), damit sie fallen sollten.</p>
<p><hi rend="italic">«Sondern durch ihren Fall geschieht die Rettung der Heiden.»</hi> Not<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> und Schuld der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/> ist ein Moment jenes unanschaulichen «Ganges» Gottes <anchor type="note" xml:id="fn-j"/>von der Verwerfung zur Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/><note n="j" target="fn-j" type="textcritical" xml:id="nj"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «von der Erwählung zur Verwerfung».</note>, vom Nein zum Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, von <persName ref="kbga-actors-3667">Esau</persName> zu <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName>, von Pharao<term type="begriffe" key="Pharao"/> zu <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName>, <anchor type="note" xml:id="fn-k"/>in dem er seine souveräne Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> betätigt, in dem er sich selbst kundgibt, in dem<note n="k" target="fn-k" type="textcritical" xml:id="nk"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «in welchem [...] in welchem [...] in welchem». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> er die Versöhnung<term type="begriffe" key="Versöhnung"/> der Welt vollzieht (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.22 Röm.9.23">9,22–23</ref>), eben darum aber keine letzte Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/>, kein metaphysisches Zweites neben seiner Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gott, Gerechtigkeit"/> und Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/>, sondern nur die in der Zeit seine ewige Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, ewige"/> und Herrlichkeit, seinen Willen<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/>, allen zu helfen, die Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/> der Kirche bedeckende Zorneswolke. «Sein Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn währt einen Augenblick"/> währt einen Augenblick und lebenslang seine Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, lebenslang"/>; den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude» (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.30.6">Ps. 30,6</ref>). Verwerfung gibt es nur als Schatten des Lichtes<term type="begriffe" key="Licht, und Schatten"/> der <hi rend="italic">Erwählung</hi><term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/>. Gottes Nein ist nur die diesem Menschen in dieser Welt unvermeidlich zugekehrte Kehrseite von Gottes <hi rend="italic">Ja</hi><term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>. <persName ref="kbga-actors-3667">Esau</persName>
ist <persName ref="kbga-actors-3667">Esau</persName> nur, sofern er nicht <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName></hi> ist. Pharaos<term type="begriffe" key="Pharaos"/> unanschauliche Verstockung<term type="begriffe" key="Verstockung"/> dient zum Erweis derselben Gotteskraft wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName></hi> unanschauliches Berufensein<term type="begriffe" key="Berufung"/>. Stellvertretend<note n="l" type="textcritical" xml:id="nl"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Selbstvertretend».</note> muss der <hi rend="italic">Mensch</hi>, der die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Gottes"/> Gottes empfängt, mit der ganzen Not<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> und Schuld<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/>, die das mit sich bringt, einstehen für den Menschen, der die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Gottes"/> <hi rend="italic">Gottes</hi> empfängt und darin seine Hoffnung hat. Der Erste<note n="m" type="textcritical" xml:id="nm"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Erstere». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> ist aber Israel<term type="begriffe" key="Israel"/>, ist die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>. In ihrem Versagen<term type="begriffe" key="Kirche, Versagen"/>, in ihrer Katastrophe<term type="begriffe" key="Kirche, Katastrophe der K."/> wird der Zweite<note n="n" type="textcritical" xml:id="nn"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Letztere». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> geboren. «Durch ihren Fall<term type="begriffe" key="Fall"/> geschieht die <pb ed="pga" xml:id="p542"/> Rettung der Heiden.» «Wo die Sünde zum Überfließen<term type="begriffe" key="Sünde, Überfließen"/> kam, da überströmte die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">5,20</ref>). Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/> ist die unerhörterweise mögliche und wirkliche Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/> des Menschen aus dem unvermeidlichen Los der <hi rend="italic">Verwerfung.</hi> Nur in der Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/> seines <hi rend="italic">Nein</hi> kann Gottes Ja<term type="begriffe" key="Gott,Ja/Nein"/> bestehen. <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName> ist <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName>, weil er nicht <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-3667">Esau</persName></hi> ist. Und keine Berufung<term type="begriffe" key="Berufung"/> <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName>, die nicht die Berufung eines unheilbar verstockten<term type="begriffe" key="Verstockung"/> <hi rend="italic">Pharao</hi> wäre. So geschieht durch das Fallen der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und Heiden"/> die Rettung der Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>. Aber <hi rend="italic">wie</hi> geschieht sie? In der Bewährung der göttlichen <hi rend="italic">Gnade</hi><term type="begriffe" key="Gnade"/> über aller menschlichen <pb ed="A" n="387"/> Ungerechtigkeit<term type="begriffe" key="Ungerechtigkeit, des Menschen"/>. Ihr (der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> <hi rend="italic">Gottes)</hi> steht die gen Himmel schreiende Menschenungerechtigkeit der Heiden weniger im Wege als die Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>. Dieser relative (und negative) Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zwischen Kirche und Heidentum"/> zur Kirche also ist das fruchtbare Moment des Heidentums<term type="begriffe" key="Heidentum, Gegensatz zur Kirche"/>. So sind die Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/> nur gerechtfertigt gegenüber der <hi rend="italic">Kirche</hi><term type="begriffe" key="Kirche"/> und nicht anders. Indem Gott sich der <hi rend="italic">Kirche</hi> gegenüber immer wieder als der Alleinmächtige<term type="begriffe" key="Gott, Alleinmacht"/> beweisen will, indem das Menschenwerk der <hi rend="italic">Kirche</hi><term type="begriffe" key="Kirche, Menschenwerk"/> immer wieder an Gott zerschellen<term type="begriffe" key="Zerschellen an Gott"/> muss, wendet sich das Blatt zugunsten derer draußen; indem die <hi rend="italic">Kirche</hi><term type="begriffe" key="Kirche, hat Christus gekreuzigt"/> Christus kreuzigt, kommt das Heil<term type="begriffe" key="Heil"/> zu den Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>.</p>
<p><hi rend="italic">«Um auch sie selbst eifersüchtig zu machen»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.19">9,19</ref>). Der beschriebene Zusammenhang lässt den Gedanken an einen metaphysischen<term type="begriffe" key="metaphysisch"/> Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> zwischen psychologischen Individuen<term type="begriffe" key="Individuum"/> «draußen» und «drinnen» nur aufkommen, um ihn alsbald wieder verschwinden zu lassen. Objekte, Träger, Werkzeuge des <hi rend="italic">einen</hi> göttlichen Tuns<term type="begriffe" key="göttliches Tun"/> sind sie beide. Als <hi rend="italic">göttliche</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> ist die Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/> immer auch die Möglichkeit der <hi rend="italic">Verworfenen.</hi> Gottes Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> leuchtet hinüber auch in die letzte Tiefe seines <hi rend="italic">Nein</hi>, gerade weil dieses so radikal, weil es das <hi rend="italic">göttliche</hi> Nein ist. Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an den Gott Jakobs"/> an den <hi rend="italic">Gott</hi> <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Gott, Esaus/Jakobs"/> ist die provozierende Bevorzugung <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName> auch für <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-3667">Esau</persName></hi>. Und an dem <hi rend="italic">göttlichen</hi> Ursprung der Berufung<term type="begriffe" key="Berufung"/> <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName> hat auch <hi rend="italic">Pharao</hi><term type="begriffe" key="Pharao"/> in seiner Verstockung<term type="begriffe" key="Verstockung"/> Anteil – und wäre es nur durch «Eifersucht<term type="begriffe" key="Eifersucht"/>», durch die tiefe Beunruhigung<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/>, die das Dasein der Erwählten, d. h. aber die Demonstration der göttlichen Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> und Gnadenwahl<term type="begriffe" key="Gott, Gnadenwahl"/> für die Verworfenen notwendig bedeutet. Eben diese Eifersucht<term type="begriffe" key="Eifersucht"/>, diese <hi rend="italic">Beunruhigung</hi><term type="begriffe" key="Beunruhigung"/> ist – menschlich geredet – die Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/> der Kirche, das letzte Wort<term type="begriffe" key="Wort, letztes"/>, mit dem sich das, was mit dem nicht-erwählten Menschen geschehen wird und zu geschehen hat, in subjektiven Kategorien beschreiben lässt. <pb ed="pga" xml:id="p543"/> Dazu ist die Kirche «angerannt» - dazu ihr Misslingen, ihre Unglaubwürdigkeit<term type="begriffe" key="Unglaubwürdigkeit"/>, der unfreiwillige Humor<term type="begriffe" key="Humor"/>, mit dem sie umgeben ist, dazu der tief verborgene Schaden<term type="begriffe" key="Schaden Josephs"/> <persName ref="kbga-actors-2897">Josephs</persName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Am.6.6">Am. 6,6</ref>] – damit sie die in dem allem sich offenbarende Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes aufs Neue erkenne, damit sie der heilsamen, fruchtbaren, verheißungsvollen Eifersucht<term type="begriffe" key="Eifersucht"/> und Unruhe<term type="begriffe" key="Unruhe"/> aufs Neue teilhaftig werde, damit sie für Gott aufs Neue – offen werde. Ist diese Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis"/>, diese Unruhe, diese Offenheit<term type="begriffe" key="Offenheit"/> aufs Neue da, dann hat die Not<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> und Schuld der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/> ihr Ziel und damit ihr Ende<term type="begriffe" key="Kirche, Ende der K."/>, ihre Erfüllung<term type="begriffe" key="Erfüllung"/> – in Gott – erreicht.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.12 Röm.11.15">V. 12‒15</ref> Ist aber ihr Fall Reichtum für die Welt und ihre Entleertheit Reichtum für die Heiden, um wie viel mehr ihre Erfüllung! Zu euch Heiden sage ich das! Gerade sofern ich Heidenapostel bin, suche ich die Ehre meines Amtes darin, die</hi> <pb ed="A" n="388"/> <hi rend="bold">von meinem Fleisch eifersüchtig zu machen und Einige von ihnen zu retten. Denn ist ihre Wegwerfung Versöhnung der Welt, was ist dann ihre Aufnahme anderes als Leben aus dem Tode?</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Ist aber ihr Fall Reichtum für die Welt und ihre Entleertheit Reichtum für die Heiden, um wie viel mehr dann ihre Erfüllung?»</hi> An der Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, göttliche"/> <hi rend="italic">Gottes</hi> anrennen, an <hi rend="italic">Gott</hi> zuschanden werden, an <hi rend="italic">Gott</hi> sterben<term type="begriffe" key="Sterben, an Gott"/> müssen, das ist ein hoffnungsvolles Geschehen. Wem das widerfährt, der kann wohl gefallen sein, aber nur gefallen, um an eben dem Hindernis, an dem er zu Fall<term type="begriffe" key="Fall"/> gekommen, sich wieder aufzurichten – nicht endgültig, nicht in einem metaphysischen<term type="begriffe" key="metaphysisch"/>, starren, absoluten, über die Zeitgrenze etwa hinausgreifenden Sinne gefallen. An <hi rend="italic">Gott</hi> zu Falle kommen, das bedeutet, weil Gott <hi rend="italic">Gott</hi><term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/> ist, um der <hi rend="italic">Freiheit</hi><term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes willen die Möglichkeit, wieder aufzustehen. Damit also haben die, die von außen das Versagen<term type="begriffe" key="Versagen"/>, die «Entleertheit<term type="begriffe" key="Entleertheit"/>» der Kirche feststellen, zu rechnen. <hi rend="italic">Dieses</hi> Ende<term type="begriffe" key="Kirche, Ende der K."/> ist <hi rend="italic">kein</hi> Ende. 
«Reichtum für die Welt», «Reichtum für die Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>» ist die Not<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> und Schuld der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/>, jenes Versagen<term type="begriffe" key="Versagen"/>, jene «Entleertheit<term type="begriffe" key="Entleertheit"/>» Israels<term type="begriffe" key="Israel"/>, wie sie sich in der Kreuzigung<term type="begriffe" key="Kreuzigung"/> Christi offenbart, wie sie der Welt ja nur im Lichte<term type="begriffe" key="Licht"/> des Kreuzes<term type="begriffe" key="Kreuz"/> Christi offenbar sein kann. Denn in dieser Katastrophe<term type="begriffe" key="Kirche, Katastrophe der K."/>, im <hi rend="italic">Sehen</hi> dieser Katastrophe offenbart Gott, dass er sich seiner Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/>, seiner Unanschaulichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Unanschaulichkeit"/>, seiner «ewigen Kraft<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/> und Gottheit<term type="begriffe" key="Gott, Gottheit"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">1,20</ref>) nicht begeben hat, dass er selber, er allein Gott sein will über allen Menschenwerken<term type="begriffe" key="Menschenwerk"/>. Wo sich <hi rend="italic">das zeigt</hi>, wo das <hi rend="italic">gesehen wird</hi>, drinnen oder draußen, da findet dann eben in solchem Zeigen und Sehen <hi rend="italic">Erwäh<pb ed="pga" xml:id="p544" break="no"/>lung</hi><term type="begriffe" key="Erwählung"/> statt, Kundgebung des auferstandenen Herrn, der «reich ist für alle, die ihn anrufen<term type="begriffe" key="Anrufung"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.12">10,12</ref>), da gibt er <hi rend="italic">den Demütigen Gnade</hi><term type="begriffe" key="Gnade"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.5.5">1.Petr. 5,5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.4.6">Jak. 4,6</ref>]. Unanschaulich jenseits des Kreuzes<term type="begriffe" key="Kreuz"/> <hi rend="italic">ist</hi> ja (gezeigt von <hi rend="italic">Gott</hi>, gesehen mit von <hi rend="italic">Gott</hi> sehend gemachten Augen!) die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>. 
Da <hi rend="italic">hat</hi> sich Gott bewiesen und bewährt, da <hi rend="italic">hat</hi> sich Gott in Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an den Ursprung"/> gerufen als der Ursprung<term type="begriffe" key="Gott, Ursprung"/> aller Dinge, als der Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer und Erlöser"/> und Erlöser, da <hi rend="italic">hat</hi> Gott, indem er <hi rend="italic">an</hi> der Fülle des menschlichen Besitzes den Fall<term type="begriffe" key="Fall"/>, das Minus<term type="begriffe" key="Minus, und Plus"/>, den Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/>, das Versagen<term type="begriffe" key="Versagen"/>, die Entleertheit<term type="begriffe" key="Entleertheit"/>, die Unanschaulichkeit<term type="begriffe" key="Unanschaulichkeit"/> erscheinen lässt, die Fülle <hi rend="italic">seines</hi> Besitzes erscheinen lassen. Die Fülle seines <hi rend="italic">Besitzes!</hi> Seine Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> also, sein Plus, seinen Reichtum<term type="begriffe" key="Gott, Reichtum"/>, seine Barmherzigkeit<term type="begriffe" key="Gott, Barmherzigkeit"/>, seine Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Anschaulichkeit"/>. Der Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/> an der Fülle des menschlichen Besitzes hat ein Ende, wie diese Fülle selbst ein Ende hat. <hi rend="italic">Gottes</hi> Fülle<term type="begriffe" key="Gott, Fülle"/> aber, das Plus, das für jenes Minus<term type="begriffe" key="Minus, und Plus"/> eintritt, hat kein Ende. Das Ende der Kirche ist der Anfang der Fülle<term type="begriffe" key="Kirche, Ende der K. und Gottes Fülle"/> Gottes, die nicht nur unendlich, sondern <hi rend="italic">ewig</hi> ist und also nicht nur die <pb ed="A" n="389"/> Begrenzung, sondern die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Endlichen"/> des ihr gegenüberstehenden Endlichen, in der es also keine Erwählten<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/> <hi rend="italic">und</hi> Verworfenen, Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/> <hi rend="italic">und</hi> Juden<term type="begriffe" key="Jude"/>, Draußenstehende <hi rend="italic">und</hi> Drinnenstehende gibt, weil in ihr Alle Einer sind in Christus Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Einer sein in Christus"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.3.28">Gal. 3,28</ref>]. Ist die <hi rend="italic">negative</hi> Bedeutung des Endes der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Ende der K."/> (die Bedeutung des Kreuzes<term type="begriffe" key="Kreuz"/> Christi!) die Tat der Selbstbefreiung<term type="begriffe" key="Gott, Selbstbefreiung"/> Gottes aus allen menschlichen Schranken<term type="begriffe" key="Schranke"/>, 
die Möglichkeit und Wirklichkeit der Gnadenwahl<term type="begriffe" key="Gott, Gnadenwahl"/> Gottes und der Versöhnung<term type="begriffe" key="Versöhnung"/> des Menschen mit ihm, das Aufblitzen<term type="begriffe" key="Blitz"/> des ewigen Augenblicks<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/> in der Zeit, so ist ihre <hi rend="italic">positive</hi> Bedeutung (die Bedeutung der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Christi"/> Christi!) das ewige Licht<term type="begriffe" key="Licht"/> selbst, die Ewigkeit, die ganz und gar keine Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> mehr neben sich hat, das Leben des Auferstandenen, die geschehende und geschehene Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, die Verunmöglichung der Verwerfung durch die Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/>. Dass die <hi rend="italic">letzten</hi> Dinge<term type="begriffe" key="Ding, letzte Dinge"/> in Frage kommen (Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Todes"/> des Todes <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.15">11,15</ref><ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.26">; 1.Kor. 15,26</ref>!), wenn das Ende der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Ende der K.und Erfüllung"/> in Frage kommt, dass, wo «Entleertheit<term type="begriffe" key="Entleertheit"/>» (heilsame Entleertheit!) festzustellen ist, «Erfüllung<term type="begriffe" key="Erfüllung"/>» (noch ganz anders heilsame Erfüllung!) vor der Türe steht, dessen mögen sich also die Zuschauer<term type="begriffe" key="Kirche, und Zuschauer"/> der Kirche und ihres Misslingens bewusst sein. Dass die Kirche <hi rend="italic">aus</hi> ist, das dürfte nur unter Furcht und Zittern<term type="begriffe" key="«Furcht und Zittern»"/>, das dürfte besser gar nicht festzustellen sein, denn wer ertrüge es, zu wissen, was <hi rend="italic">dann</hi> ist?</p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p545" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Zu euch Heiden sage ich das. Gerade sofern ich Heidenapostel bin, sehe ich die Ehre meines Amtes darin, die von meinem Fleisch eifersüchtig zu machen und Einige von ihnen zu retten.»</hi> Die «draußen», gerade sie, müssen das alles hören und bedenken. Sie sind gerechtfertigt<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> durch die Not<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> und Schuld der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/>. Der Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, der Verwerfung"/> der Verwerfung<term type="begriffe" key="Augenblick, der Erwählung"/> jener drinnen ist der Augenblick ihrer eigenen Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/>. Was Israel<term type="begriffe" key="Israel, Gericht und Rettung"/> richtet, die Alleinherrlichkeit Gottes, das rettet sie – sie in der ganzen, fast keinen Augenblick zu rechtfertigenden oder zu beschönigenden Blöße ihrer fast unqualifizierten Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/>, sie in ihrer ganzen, zu keinerlei ernsthaftem Anspruch berechtigten und hoffentlich auch keinen solchen erhebenden menschlichen Schwachheit<term type="begriffe" key="Schwachheit"/>. <hi rend="italic">Ihr</hi> Apostel<term type="begriffe" key="Apostel/Apostelamt"/> ist <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, gerade an sie sieht er das Evangelium<term type="begriffe" key="Evangelium"/> gerichtet, weil ihm ihre Blöße und Schwachheit ein Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> ist für jede<note n="o" type="textcritical" xml:id="no"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «jene».</note> Nacktheit und Armut des vor Gott stehenden<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/> und von Gott gerechtfertigten Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, bloß/nackt"/> im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> zu dem andern Menschen, der gerade in der gesunden Fülle seiner eigenen Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, eigene"/> jedenfalls nicht vor Gott steht, nicht zu rechtfertigen ist. Aber eben das hält <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> auch bei <hi rend="italic">Israel</hi><term type="begriffe" key="Israel"/> fest, führt ihn immer wieder zu <hi rend="italic">Israel</hi> zurück, nötigt ihn, wie es <persName ref="kbga-actors-1745">Lukas</persName> sicher zutreffend beschreibt, mit seiner Verkündigung<term type="begriffe" key="Verkündigung"/> immer bei <hi rend="italic">Israel</hi> einzusetzen<note xml:id="n14"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1453"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Die Missionsthätigkeit des Paulus nach der Darstellung der Apostelgeschichte</hi>, in: V.u.kl.A.1905–1909, <ref type="pub-" target="../volume/21/p148#p148">S. 148–243</ref>, bes. <ref type="pub-" target="../volume/21/p186#p186">S. 186–192</ref></bibl>.</note>. <pb ed="A" n="390"/> Denn die Blöße<term type="begriffe" key="Mensch, bloß/nackt"/>, <anchor type="note" xml:id="fn-p"/>in der sich der «Heide<term type="begriffe" key="Heide"/>»<note n="p" target="fn-p" type="textcritical" xml:id="np"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «in der der ‹Heide› sich». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> befindet und die im Kontrast zu der Fülle Israels seine Offenheit<term type="begriffe" key="Offenheit"/> für Gott bedeutet, sie kann doch eben darum nichts anderes bedeuten als die Lage, in der sich der Mensch überhaupt, also auch Israel<term type="begriffe" key="Israel, gegenüber Gott"/>, Gott gegenüber befindet, den Punkt, wo jenseits seiner eigenen Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, eigene"/>, die sein Gericht ist, auch für Israel<term type="begriffe" key="Israel, Gericht und Vergebung"/> das göttliche Trotzdem!<term type="begriffe" key="Gott, Trotzdem!"/> der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> in Betracht kommt. Und umgekehrt: Dass die Vergebung der jenseitige Sinn der menschlichen Blöße<term type="begriffe" key="Mensch, bloß/nackt"/> der Weltkinder<term type="begriffe" key="Weltkinder"/> ist, woher sollte das zu wissen sein, wenn nicht gerade von dorther, wo in der Erschöpfung der letzten, höchsten, der religiösen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> des Menschen der Sinn seiner und jedes Menschen Lage in Gott erkannt ist: anderswoher als von der kapitulie<pb ed="pga" xml:id="p546" break="no"/>renden Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, kapitulierend"/> aus ist der Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> die Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> tatsächlich noch nie verkündigt worden<term type="begriffe" key="Verkündigung"/>. Ist also einerseits die Welt der Spiegel<term type="begriffe" key="Spiegel/Spiegelbild"/>, in dem die Kirche, demütigender- und verheißungsvollerweise, sich selbst erkennen muss, so ist die
Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Spiegel zur Gotteserkenntnis"/> andrerseits der Spiegel, ohne den die Welt<term type="begriffe" key="Welt, Beziehung zu Gott"/> sich selbst nicht in ihrer Beziehung zu Gott erkennen würde. Wobei wiederum daran erinnert sei, dass «Kirche» und «Welt» hier nicht als historische, sondern als dialektische<term type="begriffe" key="dialektisch"/> Größen zu verstehen sind. Wie durch eine eiserne Klammer<term type="begriffe" key="Klammer(, eiserne)"/> sind Kirche und Welt zusammengehalten durch den unendlichen qualitativen Unterschied<term type="begriffe" key="«qualitativer Unterschied zwischen Gott und Mensch»"/> von Gott und Mensch, die dort des Menschen Verwerfung, hier seine Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/> bedeutet, der aber ein Auseinanderfallen der Menschen in die zwei entsprechenden Gruppen schlechthin unmöglich macht. Müssen es sich die einen gefallen lassen, durch die andern beunruhigt<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/>, «eifersüchtig»<term type="begriffe" key="Eifersucht"/> gemacht zu werden, so dürfen diese Andern<note n="q" type="textcritical" xml:id="nq"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Letztern». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> ihre Andersheit<term type="begriffe" key="Andersheit"/> nur in dem erkennen, was auch jene rechtfertigt, was nicht säumen wird, alsbald auch «Einige» von Jenen zu «retten», herauszureißen aus ihrer Verstockung<term type="begriffe" key="Verstockung"/>, zum Zeichen, dass Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/> und nicht Verderben auch ihrer aller ewige Zukunft<term type="begriffe" key="Zukunft, ewige"/> ist. Der «Heidenapostel» wäre nicht der Gesandte Jesu Christi, wenn er sich nicht ebenso sehr an den Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/> im <hi rend="italic">Juden</hi><term type="begriffe" key="Jude"/> wenden würde wie an den Heiden im <hi rend="italic">Heiden.</hi> Und der Heide wäre nicht der Erwählte Gottes, wenn er etwa dabei beharren wollte, dass der Jude als solcher der Verworfene, dass die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> erledigt sei.</p>
<p><hi rend="italic">«Denn ist ihre Wegwerfung Versöhnung der Welt, was ist dann ihre Aufnahme anderes als Leben aus dem Tode?»</hi> Die «Wegwerfung<term type="begriffe" key="Kirche, Wegwerfung"/>» der Kirche besteht in der Tatsache, dass der in der Kirche unternommene letzte, höchste Versuch des Menschen, der Versuch, Gottes Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> zu hören und zu reden, als titanisch<term type="begriffe" key="titanisch"/> gerichtet und unmöglich ist, dass gerade er den Menschen belastet, wie ihn kein anderer Versuch belasten kann. Beweis: die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, hat Christus gekreuzigt"/> hat Christus gekreuzigt. Sie sucht Gott und <pb ed="A" n="391"/> verwirft ihn, wenn er ihr begegnet, denn sie vermag ihn nicht zu fassen. In der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Katastrophe"/> dieser Katastrophe<term type="begriffe" key="Kirche, Katastrophe der K."/> vollzieht sich die «Versöhnung<term type="begriffe" key="Versöhnung"/> der Welt» mit Gott. Wo das geschehen<note n="r" type="textcritical" xml:id="nr">Druckmanuskript: «gesehen».</note> ist, dass in der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Sündenerkenntnis und Neugeburt"/> der alte Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, alter"/> auf dem Gipfel<term type="begriffe" key="Gipfel"/> seiner Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> zum <pb ed="pga" xml:id="p547"/> Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> wird an Gott und an Gott sterben<term type="begriffe" key="Sterben, an Gott"/> muss, da wird der neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> geboren, der «Frieden<term type="begriffe" key="Friede, mit Gott"/> mit Gott» hat (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1">5,1</ref>). «Als Feinde sind wir versöhnt worden mit Gott durch das Blut seines Sohnes» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.9">5,9</ref>). Wo anders sollte dieses «als Feinde<term type="begriffe" key="Feind, Gottes"/>» und dieses «versöhnt» gesehen werden als im Zusammenbruch der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Zusammenbruch"/>? Wo anders ist <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> selbst auf die Schwelle<term type="begriffe" key="Schwelle"/> der neuen Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/> getreten als <anchor type="note" xml:id="fn-s"/>in der sich längsschnittartig durch sein zeitliches Leben hinziehenden<note n="s" target="fn-s" type="textcritical" xml:id="ns"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «in der längsschnittartig durch sein zeitliches Leben sich hinziehenden». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> Erledigung des Pharisäismus<term type="begriffe" key="Pharisäismus"/>? Gerade die <hi rend="italic">zusammenbrechende</hi> Kirche, gerade der <hi rend="italic">sich selbst erledigende</hi> Pharisäismus<term type="begriffe" key="Pharisäismus"/> hat aber, eben in dieser unterstrichenen Eigenschaft, eine letzte Daseinsberechtigung. An <hi rend="italic">diesem</hi> Juden<term type="begriffe" key="Jude"/> ist der Heide<term type="begriffe" key="Heide"/>, an <hi rend="italic">dieser</hi> Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> ist die Welt<term type="begriffe" key="Welt, Interesse an der Kirche"/> durchaus interessiert. Die Menschheit ist darauf angewiesen, dass es immer wieder eine Stelle gibt, wo die letzten Konsequenzen der ihr gegebenen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> gezogen werden, um in ihrer offenbaren Unmöglichkeit die Konsequenz der Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> Gottes erscheinen zu lassen. Und nun wissen wir, dass «Wegwerfung»<term type="begriffe" key="Kirche, Wegwerfung"/> kein letztes Wort<term type="begriffe" key="Wort, letztes"/> ist, wie für den ganzen menschlichen Lebensversuch nicht, so auch nicht für den in der Kirche unternommenen. Wie ja auch die Worte «Versöhnung<term type="begriffe" key="Versöhnung"/>» und «Friede<term type="begriffe" key="Friede, mit Gott"/> mit Gott» in ihrer ganzen Unerhörtheit noch keine letzten Worte sind. Jenseits der «Wegwerfung»<term type="begriffe" key="Kirche, Wegwerfung"/> wartet die «Aufnahme», die Aufnahme der menschlichen Unmöglichkeiten in die <hi rend="italic">Möglichkeit</hi><term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> <hi rend="italic">Gottes</hi>, die <hi rend="italic">Einheit</hi><term type="begriffe" key="Einheit"/> von Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/> und Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/>, das Anziehen der
<hi rend="italic">Unverweslichkeit</hi><term type="begriffe" key="Unverweslichkeit"/> durch das Verwesliche [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.53">1.Kor. 15,53</ref>], die <hi rend="italic">Verewigung</hi> der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, der <hi rend="italic">neue</hi> Himmel und die <hi rend="italic">neue</hi> Erde<term type="begriffe" key="Neuer Himmel und neue Erde"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.13">2.Petr. 3,13</ref>]. Das alles wartet auch auf die – kirchliche Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/>. Und wird es nirgends so deutlich wie gerade an der Kirche, was «Wegwerfung»<term type="begriffe" key="Kirche, Wegwerfung"/> ist, so kann auch, was es ist um die «Aufnahme» dieses Menschen in dieser Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> in die Einheit<term type="begriffe" key="Einheit, des Menschen mit Gott"/> mit Gott, nirgends so deutlich werden wie eben an der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>: Wenn der <hi rend="italic">Mensch</hi> in Wahrheit und realiter Gottes Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> hört und redet, wenn das Evangelium<term type="begriffe" key="Evangelium, und nicht Christentum predigen"/> (aber wirklich das <hi rend="italic">Evangelium</hi>, nicht irgend ein Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/>!) gepredigt wird in der ganzen Welt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.13">Mt. 26,13</ref> par.], wenn das Programm der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und Programm Gottes"/> ausgeführt wird als das Programm Gottes, <hi rend="italic">dann</hi> – aber was sagen wir «dann»? dann ist keine Zeit und alle Zeit! – <hi rend="italic">dort</hi> also sagen wir, um das zeitliche Miss<pb ed="pga" xml:id="p548" break="no"/>verständnis der eschatologischen<term type="begriffe" key="Möglichkeit, eschatologische"/> Möglichkeit, um die es hier geht, zu durchkreuzen – dort, wo die in der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> verkörperte Menschenmöglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> zusammenfällt mit dem, was diese bedeutet und meint: mit der Möglichkeit <pb ed="A" n="392"/> Gottes<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> selbst, Gottes allein, dort ist, was <hi rend="italic">mehr</hi> ist als Versöhnung<term type="begriffe" key="Versöhnung"/>, als Friede<term type="begriffe" key="Friede, mit Gott"/> mit Gott, dort ist <hi rend="italic">«Leben</hi> aus dem <hi rend="italic">Tode»</hi><term type="begriffe" key="Leben, aus dem Tode"/>. Mit andern Worten: <anchor type="note" xml:id="fn-t"/>Das Nichtwegwerfen, sondern die Aufnahme<note n="t" target="fn-t" type="textcritical" xml:id="nt"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Die Nicht-Wegwerfung, sondern Aufnahme». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Anbruch des Tages Jesu Christi"/>, die Realisierung der Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/> ist identisch mit dem <hi rend="italic">Anbruch</hi> des Tages<term type="begriffe" key="Tag, des Jesus Christus"/> Jesu Christi, identisch mit dem <hi rend="italic">Erscheinen</hi><term type="begriffe" key="Kirche, Erscheinen der Herrlichkeit Gottes"/> der Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> Gottes, deren wir uns jetzt in Hoffnung – aber nur in Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> – rühmen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.2">5,2</ref>), identisch mit der <hi rend="italic">in Gott erlösten Welt.</hi> Wo also Hoffnung ist, da ist – und das eben ist «euch Heiden»<term type="begriffe" key="Heide"/>, euch Zuschauern<term type="begriffe" key="Zuschauer"/> da draußen, so sehr ihr als solche (gerade <hi rend="italic">sofern</hi> ihr als solche!) gerechtfertigt<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> seid, zu sagen – Hoffnung <hi rend="italic">auch</hi> für die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, <hi rend="italic">gerade</hi> für die Kirche, da ist alle Hoffnung als solche Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/> für die Kirche, weil in der Hoffnung für die Kirche <hi rend="italic">alle</hi> Hoffnung beschlossen liegt. Wenn irgendwo, dann muss sich an diesem Punkt, wo die Krankheit<term type="begriffe" key="Krankheit"/> der Welt zum Ausbruch kommt, die Wendung zur Gesundung vollziehen. Worauf warten wir? Wir warten darauf, das Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> Gottes existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> zu hören, existentiell zu reden. Wenn also irgend ein Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/> allgemein-menschliche Aufmerksamkeit verdient (und tatsächlich trotz allem immer wieder auf sich zieht!),
dann ist es das, das sich innerhalb der Mauern abspielt, wo Gottes Wort zu hören und zu reden immer wieder, und immer wieder vergeblich, unternommen wird.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.16 Röm.11.18">V. 16‒18</ref> Ist aber der Anbruch heilig, so ist es auch der Teig. Und ist die Wurzel heilig, so sind es auch die Zweige. Sind aber einige von den Zweigen ausgebrochen worden, du aber bist als wilder Ölbaumzweig an ihre Stelle eingepfropft und teilhaftig worden der fetten Wurzel des echten Ölbaumes, so überhebe dich nicht über die Zweige! Aber auch wenn du dich überhebst, so trägst du doch nicht die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Ist aber der Anbruch heilig, so ist es auch der Teig. Und ist die Wurzel heilig, so sind es auch die Zweige.»</hi> Der heilige «Anbruch», die heilige «Wurzel» ist die letzte, die eschatologische Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, eschatologische"/>, <anchor type="note" xml:id="fn-u"/>die <pb ed="pga" xml:id="p549"/> das Thema und als solches<note n="u" target="fn-u" type="textcritical" xml:id="nu"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «welche das Thema und welche als solches». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> das Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> und die Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/> der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, entsteht durch Verheißung"/> ist. An ihr entsteht die Kirche und muss sie immer wieder entstehen. An ihr wird sie und muss sie immer wieder zuschanden werden. An ihr wird sie, hoffend, wo nichts zu hoffen ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.18">4,18</ref>), <hi rend="italic">nicht</hi> zuschanden werden (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.5">5,5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.33">9,33</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.11">10,11</ref>). Man lasse sich durch die Gleichnisse<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> von Anbruch<term type="begriffe" key="Anbruch"/> und Teig, Wurzel<term type="begriffe" key="Wurzel"/> und Zweigen<term type="begriffe" key="Zweig"/> nicht zu der Annahme verleiten, als ob hier etwa von einem «organischen», kontinuierlichen, immanenten Verhältnis der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> zu ihrem Ursprung und Ende die Rede sei. Mag sein, dass <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> bei den Worten «Anbruch» und «Wurzel» an die Erzväter<term type="begriffe" key="Erzväter"/> denkt, mag sein an die Auserwählten aus <pb ed="A" n="393"/> Israel<term type="begriffe" key="Israel"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.9">11,9</ref>), aber auch dann an diese geschichtlichen Figuren nur als an die Träger jener eschatologischen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, eschatologische"/>, auf keinen Fall aber an eine ober- oder unterirdische geschichtliche Tradition, an einen irgendwie innerweltlichen Zusammenhang. Denn aus aller anschaulichen Analogie<term type="begriffe" key="Analogie"/> herausfallend ist die Heiligkeit des Ursprungs<term type="begriffe" key="Ursprung"/> und Endes<term type="begriffe" key="Ende"/>, die Teilnahme der Mitte an dieser Heiligkeit<term type="begriffe" key="Heiligkeit"/>, der Zusammenhang also zwischen der Kirche <persName ref="kbga-actors-3667">Esaus</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Esaus"/>, die wir kennen, und der Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/>, die wir nicht kennen. Die Heiligkeit<term type="begriffe" key="Gott, Heiligkeit"/> Gottes in strengster Transzendenz und Wunderbarkeit, die Heiligkeit des Gottes, der in einem Lichte wohnt, da niemand zu kann<term type="begriffe" key="Licht, da niemand zu kann"/> [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.6.16">1.Tim. 6,16</ref>], ist die Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/> der Kirche. Sie <hi rend="italic">ist</hi> aber ihre Hoffnung, haben wir eben (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.13 Röm.11.15">11,13–15</ref>) gehört, weil die Größe der Not und Schuld der Menschheit<term type="begriffe" key="Menschheit"/> gerade an der Stelle «Kirche» nur noch als Frage<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/>, der <hi rend="italic">diese</hi> Antwort entspricht, aufgefasst werden kann. Und diese Hoffnung <hi rend="italic">heiligt</hi> die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, durch Hoffnung geheiligt"/> in ihrer ganzen Unheiligkeit und wird sie immer wieder heiligen.</p>
<p><hi rend="italic">«Sind aber einige von den Zweigen ausgebrochen worden, du aber bist als wilder Ölbaumzweig an ihre Stelle eingepfropft und teilhaftig worden der fetten Wurzel des echten Ölbaumes, so überhebe dich nicht über die Zweige!»</hi> «<persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> ist eben ein Stadtkind – Jesus aber war vom Lande» (<persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>).<note xml:id="n15"><bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 99f.</bibl></note> Nein, wahrhaftig nicht darum leistet sich <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> dieses gärtnerisch unmögliche Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/>, sondern weil das Unbegreifliche<term type="begriffe" key="Unbegreifliche"/>, um das es hier geht, jedes mögliche Gleichnis ausschließt. <pb ed="pga" xml:id="p550"/> Die Zweige<term type="begriffe" key="Zweig"/> des edlen Ölbaumes<term type="begriffe" key="Ölbaum"/> ausgeschnitten: die Verwerfung<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/> der Kirche. Der wilde Ölbaumzweig an Stelle jener dem edlen Baum aufgepfropft: die Erwählung derer draußen. Es ist eines so ungeheuerlich wie das andere. Aber gerade darum handelt es sich: Gott lässt sich nicht finden, von denen, die ihn suchen, lässt sich finden von denen, die ihn nicht suchen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.20">10,20</ref>), nur weil er <hi rend="italic">Gott</hi> ist, weil er an Beiden als <hi rend="italic">Gott</hi> sich erweisen will. <hi rend="italic">Er</hi> ist die heilige Wurzel<term type="begriffe" key="Wurzel"/> des Baumes, aus dem ausgeschnitten auch das Edelreis<term type="begriffe" key="Zweig, Edelreis"/> nicht mehr wachsen kann, auf den aufgepfropft auch der Wildling<term type="begriffe" key="Zweig, Wildling"/> Leben und Nahrung hat. Nicht so also, als ob etwa der Wildling vor dem Edelreis<term type="begriffe" key="Zweig, Edelreis"/>, der Heide<term type="begriffe" key="Heide"/> vor dem Juden<term type="begriffe" key="Jude"/>, der draußen vor dem drinnen an sich einen Vorzug hätte. Der Hochmut, mit dem die draußen in ihrer vermeintlichen Frei- und Wildgewachsenheit auf die in der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> heruntersehen möchten, ist immer noch unmöglicher als der umgekehrte. Ist die Blöße<term type="begriffe" key="Mensch, bloß/nackt"/> jener vor Gott nicht schlechter, so ist sie doch jedenfalls vor ihm auch nicht besser als die an sich immerhin respektable Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> derer da drinnen. Denn wohlverstanden: In <hi rend="italic">der</hi><note n="v" type="textcritical" xml:id="nv"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «derjenigen». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> Nacktheit, in der der Mensch Gott angenehm ist, in <pb ed="A" n="394"/> <hi rend="italic">der</hi><note n="w" type="textcritical" xml:id="nw"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «derjenigen». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> Kindlichkeit<term type="begriffe" key="Kindlichkeit"/> oder Jämmerlichkeit, in der er in der Lage ist, vor Gott gerechtfertigt<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> und gerettet zu werden, steht er <hi rend="italic">nur</hi> vor Gott<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/>, von Gottes Gnaden<term type="begriffe" key="von Gottes Gnaden"/>, nicht etwa um seiner «heidnischen», unkirchlichen, weltkindlichen Eigenschaften willen. Nur <hi rend="italic">Gleichnis</hi><term type="begriffe" key="Gleichnis"/> dieser <hi rend="italic">Gott</hi> angenehmen Blöße<term type="begriffe" key="Mensch, bloß/nackt"/> ist <hi rend="italic">ihre</hi> Blöße! Weder irgend eine ursprüngliche Natürlichkeit tut es, noch proletarische<term type="begriffe" key="Proletarier"/> Schlichtheit und Geradlinigkeit, noch das viel bewunderte oder viel postulierte «untheologische» Denken und Reden des religiösen «Laien»<term type="begriffe" key="Laie"/>, noch irgend eine andre Schwachbewusstheit, Unter- oder Unbewusstheit – so wenig die kirchliche Bewusstheit es tut. Was sich <hi rend="italic">im Menschen</hi> abspielt von den Exerzitien<term type="begriffe" key="Exerzitien"/> im Benediktinerkloster<term type="begriffe" key="Kloster"/> bis zum Weltanschauungszirkel<term type="begriffe" key="Weltanschauungszirkel"/> des sozialdemokratischen Volkshauses, das sind alles Stufen<term type="begriffe" key="Stufe"/> an <hi rend="italic">einer</hi> Leiter. Der Armut im Geiste<term type="begriffe" key="Geist"/> aber, der <hi rend="italic">absoluten</hi> Unkirchlichkeit, die Jesus selig gepriesen hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3">Mt. 5,3</ref>] und<note n="x" type="textcritical" xml:id="nx"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «gepriesen und».</note> die den Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/> vor Gott gerecht<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott"/> macht, hat sich noch Keiner rühmen<term type="begriffe" key="Rühmen"/> können, weil sie als solche – noch nie da gewesen ist. Dass die göttliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> für ihn besteht – während sie <pb ed="pga" xml:id="p551"/> offenbar für den da drinnen nicht besteht – das wird auch der da draußen nur als Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> anbeten, nicht aber als <hi rend="italic">sein</hi> Vorrecht, als <hi rend="italic">seinen</hi> Vorsprung geltend machen können.</p>
<p><hi rend="italic">«Aber auch wenn du dich überhebst, so trägst du doch nicht die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.»</hi> Will sagen: <hi rend="italic">Wenn</hi> du es denn, lieber Heide<term type="begriffe" key="Heide"/>, Zuschauer<term type="begriffe" key="Zuschauer"/>, Ästhet<term type="begriffe" key="Ästhetik"/>, Freideutscher<term type="begriffe" key="Freideutsche Jugend"/><note xml:id="n16"> Gemeint sind die Anhänger der sich seit dem Fest auf dem Hohen Meißner am <date from="1913-10-12" to="1913-10-13">12./13.10.1913</date> «<orgName ref="kbga-actors-9756">Freideutsche Jugend</orgName>» nennenden Jugendbewegung. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3691"><persName ref="kbga-actors-9696">W. Uhsadel</persName>, Art. «Jugendbewegung I. Geschichte und Bedeutung», in: RGG<hi rend="sup">3</hi> III, Sp. 1013–1018, bes. Sp. 1015</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3678"><persName ref="kbga-actors-5231">H. Blüher</persName>, <hi rend="italic">Der Charakter der Jugendbewegung</hi>, Lauenburg 1921, S. 40–43</bibl>.</note>, Sozialist<term type="begriffe" key="Sozialismus"/>, Naturfreund<term type="begriffe" key="Naturfreunde Schweiz"/><note xml:id="n17"> 1905 wurden in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName>, <placeName ref="kbga-places-435">Luzern</placeName>, <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> und <placeName ref="kbga-places-1337">Davos</placeName> die ersten Ortsgruppen der «<orgName ref="kbga-actors-9757">Naturfreunde Schweiz</orgName>» gegründet.</note> oder was immer du dich zu sein rühmst, nicht lassen kannst, dich im Bewusstsein deines autochthonen und «autonomen» Gottesverhältnisses<term type="begriffe" key="Gottesverhältniss"/>, oder wie du das nennen magst, über die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> zu erheben – und du kannst es wahrscheinlich nicht lassen, weil du selber längst wieder in einer kleinen Kirche bist! – so ändert das nicht das Geringste daran, dass du – im glücklichsten Fall – von der Möglichkeit lebst, die die Kirche unmöglich macht, dass du – im glücklichsten Fall – dort recht hast, wo sie unrecht hat, dass du – noch einmal: im glücklichsten Fall! – in dem Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> stehst, das der Kirche zum Nein werden muss. Du lebst also von dem, was jenseits deiner Möglichkeit und ihrer Unmöglichkeit, <anchor type="note" xml:id="fn-y"/>jenseits deines Rechts und ihres Unrechts, jenseits deines Ja<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> und ihres Nein<note n="y" target="fn-y" type="textcritical" xml:id="ny"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «jenseits von deinem Recht und ihrem Unrecht, jenseits von deinem Ja und ihrem Nein». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> steht. «Die Wurzel<term type="begriffe" key="Wurzel"/> <hi rend="italic">trägt dich</hi>». Größenwahn, zu meinen, es könnte auch umgekehrt sein, du mit deiner Echtheit, Reinheit, Ehrlichkeit, Laienhaftigkeit<term type="begriffe" key="Laie"/> etwa könntest selber die Wurzel<term type="begriffe" key="Wurzel"/>, die Quelle des Göttlichen sein! Die Kirche mit ihrer Not<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> und Schuld<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/> magst du scheinbar eine Weile los werden, das aber, was die Kirche bedrängt und richtet, wirst auch du nicht los. Was du bist, bist du nur, sofern dasselbe Etwas dich <anchor type="note" xml:id="fn-z"/>jetzt befreit – von deiner Überhebung<term type="begriffe" key="Überhebung"/>! <pb ed="A" n="395"/> Wer sich dieser Befreiung überhebt<note n="z" target="fn-z" type="textcritical" xml:id="nz"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «jetzt befreit – wenn es so ist! Wer sich dieses Etwas überhebt». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, der ist eben damit mit der Kirche in gleicher Not und Schuld<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K. / Kirche, Schuld der K."/>; er ist nicht mehr <pb ed="pga" xml:id="p552"/> draußen, sondern längst ebenso sehr oder noch viel schlimmer <hi rend="italic">drinnen</hi>, ein abgehauener Zweig<term type="begriffe" key="Zweig"/> – es könnte auch abgehauene <hi rend="italic">Wildlinge</hi><term type="begriffe" key="Zweig, Wildling"/> geben! – wie jene, über die er sich überheben wollte.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.19 Röm.11.22">V. 19–22</ref></hi>
Davon ist nun noch zu reden: <hi rend="bold">Du wirst nun sagen: Die Zweige wurden ausgebrochen, damit ich eingepfropft würde! Sehr wohl! Wegen des Unglaubens wurden sie ausgebrochen, du aber stehst, wo du stehst, wegen des Glaubens. Versteige dich nicht in deinem Sinn, sondern fürchte dich! Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht schonte, so wird er auch deiner nicht schonen. Schau du an die Güte und Strenge Gottes: über den Gefallenen die Strenge, über dir aber die Güte Gottes – wenn du nämlich bei dieser Güte bleibst, sonst wirst auch du ausgeschnitten.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Die Zweige wurden ausgebrochen, damit ich eingepfropft würde!»</hi> Das ist nun freilich die triumphierende Behauptung, mit der die Erwählten da «draußen» jeweilen der «Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>» gegenüber auf den Plan zu treten pflegen. <hi rend="italic">Muss</hi> es sein? Könnte es nicht auch anders sein? Es muss offenbar sein: Heute, heute und von uns, von uns ist Gott und sein Reich oder «das Leben» oder «die Entscheidung» gesehen, erfasst, verstanden, erlebt, erfahren, bezeugt, betätigt, verbreitet. Verlassen die alten Wege, zerbrochen die alten Tafeln, überwunden die «Männer von gestern», gestürzt die Götzen von «<hi rend="italic">vor</hi> dem großen Ereignis»! Und nun kommt – unser Tag. Usf.</p>
<p><hi rend="italic">«Sehr wohl!»</hi> ist dazu zu sagen. Wer wollte die Möglichkeit solcher Rede grundsätzlich bestreiten? So hat die Parole noch immer gelautet, wenn der göttliche Zugwind hier eine Türe öffnete, dort eine andere zuschlug, wenn die göttliche Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> hier die Menschen befreite, dort sie bedrängte, hier ein Gefäß zur Zierde und dort eins für den Schmutz schuf, hier Licht<term type="begriffe" key="Licht, und Schatten"/> und dort Schatten verbreitete. Und Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> wesentlicher Wahrheit wenigstens war dann solches Reden, solche Stimmung, soweit es überhaupt einen Sinn hatte und nicht bloßes Missverständnis war zum vornherein. Als Lobpreis Gottes, warum sollte es nicht angestimmt werden von den Erwählten da draußen: das Lied von der Zeit, in der es eine Lust sei zu leben<note xml:id="n18"> Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-2197">U. von Huttens</persName> Ausruf: «<foreign xml:lang="lat">O seculum! O literae! Iuvat vivere</foreign>» («O Jahrhundert! O Wissenschaften! Es ist eine Lust zu leben») (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 91</bibl>).</note>?</p> 

<p><pb ed="pga" xml:id="p553" rend="noPipe"/>Aber: <hi rend="italic">«Wegen des Unglaubens wurden sie ausgebrochen, du aber stehst, wo du stehst, wegen des Glaubens.»</hi> Das ist das Kriterium der Erwählten, das jedenfalls zur Vorsicht mahnt. Es ist gefährlich, seine eigene Stellung im Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> Gottes zu erwägen. Es ist gefährlich, sich <pb ed="A" n="396"/> selbst als Figur in einer Heilsgeschichte<term type="begriffe" key="Heilsgeschichte"/> zu sehen und mit andern zu vergleichen! Es ist gefährlich, es allzu gut zu wissen, wer und was man ist. Besser wir überließen es ganz und gar Gott, das von uns zu wissen. Denn in <hi rend="italic">seinem</hi> Wissen liegt ja doch die Entscheidung darüber, ob das alles wahr oder im selben Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, der Wahrheit und Lüge"/> Lüge und Einbildung ist. Der Grund der Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/> ist der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/>. Der Grund der Verwerfung ist der Unglaube. Aber wer ist<note n="aa" type="textcritical" xml:id="naa">Druckmanuskript: «<hi rend="italic">ist»</hi>.</note> etwa <hi rend="italic">gläubig?</hi> Wer etwa <hi rend="italic">nicht ungläubig?</hi> Unanschaulich, ungreifbar, ungewiss <hi rend="italic">für uns</hi> ist Glaube und Unglaube in Gott selbst begründet. Die Wurzel<term type="begriffe" key="Wurzel"/>, die Wurzel tut es. Und was sollte etwa (der <hi rend="italic">Wurzel</hi> gegenüber!) der Wildling<term type="begriffe" key="Zweig, Wildling"/> vor dem abgehauenen Edelreis<term type="begriffe" key="Zweig, Edelreis"/> voraushaben?</p>
<p>Also: <hi rend="italic">«Versteige dich nicht in deinem Sinn, sondern fürchte dich!»</hi> «Der Ton der absoluten Heilsgewißheit<term type="begriffe" key="Heilsgewißheit"/> von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28 Röm.8.39">8,28f.</ref> klingt hier nicht gerade nach» (<persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>).<note xml:id="n19"> <bibl corresp="kbga-bibls-3478"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Römerbrief, S. 70</bibl>.</note> Doch, durchaus! Denn was dort gesagt ist, ist gesagt von «denen, die Gott lieben», und die <hi rend="italic">Liebe</hi><term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zu Gott entspringt immer wieder der <hi rend="italic">Furcht</hi><term type="begriffe" key="Furcht, des Herrn"/> Gottes, von der wir hier neuerdings hören, dass sie, gerade und durchaus <hi rend="italic">sie</hi>, der Anfang<term type="begriffe" key="Anfang, der Erkenntnis"/> der Erkenntnis ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.1.7">Spr. 1,7</ref>]. Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> ist kein Ding<term type="begriffe" key="Ding"/> (wie etwa «Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/>»), dessen man sich rühmen<term type="begriffe" key="Rühmen"/>, das man Gott und den Menschen darwägen und gegen sie ausspielen, auf Grund dessen man sich versteigen könnte. Glaube entspringt unter Furcht und Zittern<term type="begriffe" key="«Furcht und Zittern»"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.12">Phil. 2,12</ref>] der Erkenntnis, dass Gott <hi rend="italic">Gott</hi> ist<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/>. Was nicht dort entspringt, das ist nicht Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/>, sondern Unglaube und begründet Verwerfung<term type="begriffe" key="Verwerfung"/>. «Heilsgewissheit<term type="begriffe" key="Heilsgewissheit"/>» (wenn denn dieses fragliche Wort gebraucht sein soll) ist jedenfalls nicht eine Eigenschaft, die von irgend jemand irgendwoher gegen (oder auch für!) eine Kirche ins Feld geführt werden könnte. Es gibt kein furchtbareres Missverständnis<term type="begriffe" key="Missverständnis"/> der Reformatoren<term type="begriffe" key="Reformatoren"/>! <hi rend="italic">Gott</hi> entscheidet, und wie seine Güte<term type="begriffe" key="Gott, Güte"/>, so ist auch seine Strenge<term type="begriffe" key="Gott, Strenge"/> (als <hi rend="italic">seine</hi> Güte, als <hi rend="italic">seine</hi> Strenge!) alle Morgen neu [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Klagel.3.23">Klagel. 3,23</ref>]. <hi rend="italic">Die</hi> schau an! <pb ed="pga" xml:id="p554"/> <hi rend="italic">Gnadenwahl</hi><term type="begriffe" key="Gott, Gnadenwahl"/> gilt! «Heilsgewissheit<term type="begriffe" key="Heilsgewissheit"/>» <hi rend="italic">ohne</hi> exklusivste doppelte Prädestination<term type="begriffe" key="Prädestination, doppelte"/>, Heilsgewissheit im Sinn des neuern Protestantismus<term type="begriffe" key="Protestantismus, neuerer"/> ist schlimmer als Heidentum<term type="begriffe" key="Heidentum"/>! «<persName ref="kbga-actors-2287">Hagars</persName> Magdgeist macht sich groß, wenn er etwas empfangen hat. Aber das ist der Weg, hinausgestoßen zu werden» (<persName ref="kbga-actors-9647">Steinhofer</persName>).<note xml:id="n20"> <bibl corresp="kbga-bibls-3487"><persName ref="kbga-actors-9647">Steinhofer</persName>, S. 77</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3485"><persName ref="kbga-actors-3717">Rieger</persName>, S. 211</bibl> (bei beiden: «etwas empfängt»).</note> Und es muss nun daran erinnert werden, dass jene gegenüber der Kirche schon so oft erhobene Siegersprache der Draußenstehenden tatsächlich noch immer die Glocke war, die eine neue – Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, neue"/> einläutete, die auf die Not<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> und Schuld<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/> der alten nicht lange zu warten brauchte, die alsbald mit ihr zu den abgehauenen Zweigen<term type="begriffe" key="Zweig"/> gehörte. <hi rend="italic">«Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschonte, so wird er auch deiner nicht schonen.</hi> <pb ed="A" n="397"/> <hi rend="italic">Schau du an die Güte und Strenge Gottes: über den Gefallenen die Strenge, über dir aber die Güte Gottes – wenn du nämlich bei dieser Güte bleibst, sonst wirst auch du ausgeschnitten.»</hi> Man hüte sich vor «Laien<term type="begriffe" key="Laien"/>», die ihre Laienhaftigkeit als ein Bene geltend machen und ausspielen, vor Weltkindern<term type="begriffe" key="Weltkinder"/>, die ihrer Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/> bewusst und affektiert froh sind, womöglich noch mehr als vor allen Pfaffen<term type="begriffe" key="Pfaffe"/>. Die wirklich Erwählten draußen werden jene Siegerparole <hi rend="italic">nicht</hi> ausgeben.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.23 Röm.11.24">V. 23‒24</ref> Und auch jene, wenn sie nicht beharren im Unglauben, werden eingepfropft werden. Denn Gott ist kräftig, sie wieder einzupfropfen. Denn wenn du aus dem deiner Natur gemäßen wilden Ölbaum ausgeschnitten und wider deine Natur dem edlen eingepfropft wurdest, um wie viel mehr werden diese, deren Natur das entspricht, ihrem eigenen Ölbaum eingepfropft werden!</hi></p>
<p>Unerschütterlich und unangreifbar besteht die Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/> der Kirche. «Der Israel<term type="begriffe" key="Israel, Zerstreuung und Sammlung"/> zerstreut hat, der wird es auch wieder sammeln» (<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.31.10">Jer. 31,10</ref>). Von Gott kommt Beides: die Verwerfung und die Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/>. Wunderbar, unbegreiflich und dunkel ist immer wieder Beides. Wunderbarer, unbegreiflicher und dunkler aber ist die Erwählung derer, die Gott <hi rend="italic">nicht</hi> suchten, als die Erwählung derer, die ihn immer suchten. Sie haben Anlass, auf Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> allein und darum <hi rend="italic">mit</hi> der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> und für sie zu hoffen.</p> 
</div> 



<div>


 <pb ed="pga" xml:id="p555"/>
<head><hi rend="smallCaps">Das Ziel</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.25 Röm.11.36">11,25–36</ref></head>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.25 Röm.11.36">V. 25‒27</ref> Denn ich möchte, Brüder, dass ihr an diesem Geheimnis nicht vorübergeht und euch in euren zufälligen Gedanken darüber bewegt: Verstockung kam teilweise<note n="ab" type="textcritical" xml:id="nab"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Teilweise Verstockung kam». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> über Israel bis auf den Eintritt der Erfüllung für die Heiden. Und unter diesen Umständen wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: Kommen wird der Erlöser aus</hi><note n="*1" type="original" xml:id="s1"><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zitiert <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.26">V. 26</ref> <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.59.20">Jes. 59,20</ref> nach LXX aber mit der auffallenden Veränderung <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐκ</foreign> statt <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἕνεκεν Σιών</foreign>. Ob bei diesem <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐκ</foreign> nicht, wie schon <persName ref="kbga-actors-903">Beza</persName> vermutete, eine Abbreviatur oder ein Versehen eines Abschreibers vorliegt<note xml:id="n21"> <bibl corresp="kbga-bibls-3693"><persName ref="kbga-actors-903">Th. von Beza</persName>, <hi rend="italic">Jesu Christi domini nostri Novum Testamentum, sive Novum Foedus</hi>. Cujus Graeco contextui respondent interpretationes duae, una vetus, altera Theodori Bezae (1598), Cambridge 1642, S. 440</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Ex Zion  […]: pro quo Graeca editio recte habet</foreign> <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἕνεκα Σ[ιών</foreign>]: <foreign xml:lang="lat">ac fortassis librariorum culpa ex</foreign> <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἕνεκα</foreign> <foreign xml:lang="lat">factum est</foreign> <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐκ</foreign>.»</note>, möchte ich trotz seiner sicheren Bezeugung und trotz des stillen Einverständnisses, mit dem, soweit ich sehe, alle Kommentare über diesen Anstoß hinweggehen, mindestens in Frage stellen.<note xml:id="n22"><bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 101</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3468"><persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName>, S. 393</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3467"><persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>, S. 525, Anm. 70</bibl>, z. B. erwähnen <persName ref="kbga-actors-903">Bezas</persName> Konjekturerwägung nicht. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> spielt vermutlich auch auf die zu seinen Exegetica gehörende Auslegung von <bibl corresp="kbga-bibls-3694"><persName ref="kbga-actors-9697">L. I. Rückert</persName> an: <hi rend="italic">Commentar über den Brief Pauli an die Römer</hi>, 2. Bd., Leipzig 1839<hi rend="sup">2</hi>, S. 151</bibl>: «Die Vermuthungen von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-3012">Vitringa</persName></hi>, daß auch in der LXX ursprünglich <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐκ Σ.</foreign> gestanden, von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-903">Beza</persName></hi><hi rend="italic">, Est, Koppe</hi>, daß <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐκ</foreign> nur durch Abkürzung aus <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἕνεκεν</foreign> hervor gegangen, ermangeln aller Begründung.»</note> «<foreign xml:lang="lat">Aptius ad propositum quadrabat loquutio, qua utitur propheta</foreign>», bemerkt <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> mit Recht.<note xml:id="n23"><bibl corresp="kbga-bibls-3479"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, col. 227</bibl>.</note> Ist das <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐκ</foreign> paulinisch, und ich möchte die Konjektur <persName ref="kbga-actors-903">Bezas</persName> vorläufig nicht wagen, so muss ihm jedenfalls, wie unten versucht, bei der Erklärung Rechnung getragen werden.</note> <hi rend="bold">Zion und wird wegtun die Ehr</hi><pb ed="A" n="398" break="no"/><hi rend="bold">furchtslosigkeiten von <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName></hi><hi rend="bold">, und das wird der Bund mit ihm sein, der von mir aus geschlossen wird: dass ich wegnehmen werde ihre Sünden.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Ich möchte, dass ihr an diesem Geheimnis nicht vorübergeht und euch in euren zufälligen Gedanken darüber bewegt.»</hi> Hoffen  heißt: <pb ed="pga" xml:id="p556"/> den Blick fest auf die hoffnungslose Wirklichkeit gerichtet, wissen um ihre Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/>, wissen um das Ziel<term type="begriffe" key="Ziel"/>, das ihr jenseitiger Sinn ist und dem sie unanschaulich zustrebt. Diese hoffnungslose Wirklichkeit in ihrer verborgenen Doppelsinnigkeit, in ihrer nur durch das indirekte Wissen der Hoffnung zu sprengenden Verschlossenheit und Unbegreiflichkeit ist das <hi rend="italic">«Geheimnis»</hi> (Mysterium). «Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/>» dürfte in der Sprache des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> das sein, was wir das Paradox<term type="begriffe" key="Paradox"/> nennen. Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/> ist das Dasein des Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, der Sünde"/> der Sünde, der den Anbruch des Tages<term type="begriffe" key="Tag, des Jesus Christus"/> Jesu Christi verhindert (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Thess.2.7">2.Thess. 2,7</ref>). Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/> ist die störende Ungleichzeitigkeit der Lebenden und der schon Entschlafenen der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, der Toten"/> gegenüber (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.51">1.Kor. 15,51</ref>). Geheimnis ist das zunächst durchaus fragwürdige Einswerden von Mann und Weib in der Ehe<term type="begriffe" key="Ehe"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.32">Eph. 5,32</ref>). Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/> ist vor allem das Evangelium<term type="begriffe" key="Evangelium, Menschenwort"/> selbst als Menschenwort, aus dem das Gotteswort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> erst hervorbrechen möchte. «<foreign xml:lang="lat">Quoties desperationem nobis iniicit longior mora, occurrit mysterii nomen</foreign>» (<persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>).<note xml:id="n24"><bibl corresp="kbga-bibls-3479"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, col. 225</bibl> (dort: «occurrat»).</note> So ist nun auch die Lage zwischen Gott<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/> und Mensch, wie sie sich unter dem Gesichtspunkt der <hi rend="italic">Kirche</hi><term type="begriffe" key="Kirche"/> gestaltet, <hi rend="italic">«Geheimnis»</hi>. Ein unerträgliches Rätsel<term type="begriffe" key="Rätsel, der Kirche"/> ist uns damit aufgegeben, dass wir direkt immer nur von der Not und Schuld Israels<term type="begriffe" key="Israel, Not und Schuld"/>, von der Kirche <persName ref="kbga-actors-3667">Esaus</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Esaus"/> wissen und wissen werden, dass statt der Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/>, die die Kirche vollziehen, <anchor type="note" xml:id="fn-ac"/>ja die sie sein<note n="ac" target="fn-ac" type="textcritical" xml:id="nac"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «ja sein».</note> möchte, vielmehr gerade in der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und Offenbarung"/> durchaus immer und überall Verhüllung<term type="begriffe" key="Verhüllung"/> stattfindet und dass es andrerseits Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, geht an Kirche vorbei"/> und Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung"/> gibt, die glatt an der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und Erwählung"/>, immer wieder an jeder Kirche, vorbeigeht. Dieses Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/> muss vor allem als solches <hi rend="italic">verstanden</hi> werden; man soll nicht daran vorübergehen, nicht verkennen, <anchor type="note" xml:id="fn-ad"/>dass uns hier ein von Gott aufgegebenes Rätsel<term type="begriffe" key="Rätsel, von Gott gegeben"/> im Wege<note n="ad" target="fn-ad" type="textcritical" xml:id="nad"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «dass hier ein von Gott aufgegebenes Rätsel uns im Wege».</note> steht, angesichts dessen notwendig Gott selbst auf den Plan gerufen werden muss, angesichts dessen «getroste Verzweiflung<term type="begriffe" key="Verzweiflung"/>»<note xml:id="n25"> Siehe <ref type="pub" target="../volume/47/p061#fn_n23">S. 61, Anm. 23</ref>.</note> und «Wir heißen euch hoffen!»<note xml:id="n26"> Schlusszeile des Gedichtes <bibl corresp="kbga-bibls-3365">«Symbolum» (1815) von <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName></bibl>; das Ausrufzeichen von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>.</note> die letzten menschlichen <pb ed="pga" xml:id="p557"/> Worte sind, dem gegenüber aber «zufällige Gedanken», Einstellungen, wie man sie den zufälligen, durch das Dies und Das des zeitlichen Geschehens<term type="begriffe" key="Geschehen"/> aufgegebenen Rätseln gegenüber zu beziehen pflegt, nicht am Platze sind. «Zufällige Gedanken» gegenüber der Not<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> und Schuld der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/> sind alle die ungeduldigen, nur subjektiv zu erklärenden, rechthaberischen Aufgeregtheiten, Gereiztheiten, Enttäuschtheiten, Wehleidigkeiten, Anmaßlichkeiten und Mär<pb ed="A" n="399" break="no"/>tyrerhaftigkeiten, die sich aus mangelnder Einsicht in die <hi rend="italic">letzte</hi> Problematik<term type="begriffe" key="Problematik"/> der Lage hier zu ergeben pflegen. Es gilt zu bedenken, dass der Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, von Kirche und Reich"/> von Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Gegensatz zum Reich Gottes"/> und Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> Gottes unendlich<note n="ae" type="textcritical" xml:id="nae"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «ein unendlicher».</note> ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.6">9,6</ref>). Kein Mensch kann innerhalb dieses Gegensatzes auf der rechthabenden Seite stehen. Keiner darf anders als in Furcht<term type="begriffe" key="«Furcht und Zittern»"/> und Zittern [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.12">Phil. 2,12</ref>] an den denken, der hier recht hat. Keiner ist kompetent, an der unrechthabenden menschlichen Seite zu verzweifeln, ohne vor allem an sich selbst zu verzweifeln. Keiner hat die Erlaubnis, nicht mehr an die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, als Glaubensgegenstand"/> zu glauben; es wäre denn, er hörte gleichzeitig einmal auf, sich selbst zu rechtfertigen<term type="begriffe" key="Selbstrechtfertigung"/>. Keiner ist in der Lage, hier – <hi rend="italic">nicht</hi> zu hoffen. Wir stehen vor dem Geheimnis<term type="begriffe" key="Gott, Geheimnis"/> <hi rend="italic">Gottes</hi>, wenn wir vor dem Geheimnis der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Geheimnis der"/> stehen. Eben darum ist <hi rend="italic">Hoffnung</hi><term type="begriffe" key="Hoffnung"/> am Platze und nichts sonst.</p>
<p><hi rend="italic">«Verstockung kam teilweise</hi><note n="af" type="textcritical" xml:id="naf"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «<hi rend="italic">Teilweise Verstockung kam</hi>».</note> <hi rend="italic">über Israel bis auf den Eintritt der Erfüllung für die Heiden.»</hi> Die Katastrophe<term type="begriffe" key="Kirche, Katastrophe der K."/> der Kirche bietet uns ein Bild, aus dem wir Gott an keinem Punkte wegdenken können. «Von ihm und durch ihn und zu ihm ist alles» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.36">11,36</ref>). <hi rend="italic">Er</hi> ist der, der die <anchor type="note" xml:id="fn-ag"/>Aufgabe, die die Kirche sich stellt<note n="ag" target="fn-ag" type="textcritical" xml:id="nag">Nicht ausgeführte Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar: «Aufgabe, die sich die Kirche stellt".</note>, zu einer unvermeidlich zu stellenden macht. <hi rend="italic">Er</hi> ist die große Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Unmöglichkeit"/>, die sich ihrer Lösung entgegenstellt. <hi rend="italic">Er</hi> ist es, an dem der Mensch gerade hier schuldig wird. <hi rend="italic">Er</hi> ist es, der hier den Menschen wie mit einer eisernen Klammer<term type="begriffe" key="Klammer(, eiserne)"/> festhält von allen Seiten, der sich ihm gerade darin zu erkennen gibt als der eine Gott, als das Jenseits seiner Not und Schuld, als das Ziel seiner Hoffnung. Derselbe Gott, der den <persName ref="kbga-actors-3722">Saul</persName> erwählt, verwirft denselben <persName ref="kbga-actors-3722">Saul</persName>, um <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName> zu erwählen<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/>. Warum? Weil er Gott ist. «Meine Seele ist still zu Gott, der mir hilft.» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.62.2">Ps. 62,2</ref>] Eben dieses <hi rend="italic">unerhörte</hi> Tun<term type="begriffe" key="göttliches Tun"/> ist <pb ed="pga" xml:id="p558"/> <hi rend="italic">göttliches</hi>, Stille gebietendes Tun, angesichts dessen man hoffen <hi rend="italic">kann</hi>, hoffen <hi rend="italic">muss.</hi> Wäre es weniger unerhört, so wäre es nicht göttliches Tun<term type="begriffe" key="göttliches Tun"/>, so bliebe dem Menschen etwas anderes übrig, als still zu sein und zu hoffen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.30.15">Jes. 30,15</ref>]. Verhüllt<term type="begriffe" key="Verhüllung"/> und verborgen hat sich Gott vor den Augen Israels<term type="begriffe" key="Israel"/>, unkenntlich und unmöglich hat er sich ihm gemacht. Der Mensch als Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, als Mensch"/> <hi rend="italic">kann</hi> Gott nicht erkennen. Mit sehenden Augen sollen sie <hi rend="italic">nicht</hi> sehen, mit hörenden Ohren <hi rend="italic">nicht</hi> hören<term type="begriffe" key="Sehen und Hören"/>. Umsonst all ihr Wollen, Suchen, Nachdenken und Eifern. Der entscheidende Punkt wird verfehlt, muss verfehlt werden. Zur Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> kommt es nicht, kann es, darf es nicht kommen um der <hi rend="italic">echten</hi> Buße willen, «und ob sie wohl fast nach ihr schnappen wie ein Hund nach der Fliege, so entwischt sie ihnen doch» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>)<note xml:id="n27"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 143</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-3695"><hi rend="italic">Kirchenpostille 1522. Epistel am S. Johannes-Tage. Sir. 15,1-6</hi>, WA 10/I,1, 295,6f.</bibl></note>. Das ist «Versto­­ckung<term type="begriffe" key="Verstockung"/>» und das ist die Lage der Kirche <persName ref="kbga-actors-3667">Esaus</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Esaus"/>. Aber eben weil die Bedrängnis<term type="begriffe" key="Israel, Bedrängnis"/> Israels durch seinen Gott <hi rend="italic">so</hi> groß, weil sie unendlich ist, hat sie ein <hi rend="italic">wirkliches</hi> Jenseits<term type="begriffe" key="Jenseits"/>, ein <hi rend="italic">wirkliches</hi> Ende<term type="begriffe" key="Ende"/> in Gott <pb ed="A" n="400"/> selber, der das Jenseits alles Diesseits<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/>, das Ende<term type="begriffe" key="Ende, der Unendlichkeit"/> auch der Unendlichkeit ist. Eben weil die «Verstockung<term type="begriffe" key="Verstockung"/>» von Gott kommt, besteht<note n="ah" type="textcritical" xml:id="nah"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «ist». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> sie <hi rend="italic">erstens</hi> nur «teilweise», nur relativ; es stehen der Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/> der Verworfenen beständig gegenüber die unanschaulichen «Siebentausend» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.4">11,4</ref>) der Erwählten, der in der Bedrängnis schon Getrösteten<term type="begriffe" key="Trost"/>, aus der Bedrängnis<term type="begriffe" key="Bedrängnis"/> schon Geretteten; es wird die himmelhohe Mauer, die den Menschen immer und überall von Gott scheidet, durchsichtig (nämlich wenn das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> geschieht, und also nimmer und
nirgends!): es kennt der Herr die Seinen<term type="begriffe" key="«Es kennt der Herr die Seinen»"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.2.19">2.Tim. 2,19</ref>]. Und es ist <hi rend="italic">zweitens</hi> diese «Verstockung<term type="begriffe" key="Verstockung"/>» nicht mehr als eine zeitliche Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, des Menschen"/> des Menschen. Ewigkeit als Grenzwert der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> ist offenbar ihr Ende, Ewigkeit als Ursprung der Zeit ihr Ziel<term type="begriffe" key="Ziel"/>. Ende<term type="begriffe" key="Ende"/> und Ziel der «Verstockung» ist die eschatologische Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, eschatologische"/> des «Eintritts der Erfüllung für die Heiden» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.12">11,12</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.13">13</ref>). Dieser <hi rend="italic">Gottes</hi>möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> muss offenbar «voran»gehen die Erschöpfung der <hi rend="italic">menschlichen</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, dem Geborenwerden des neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> das Sterben des alten, dem Anbruch der Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/> die Katastrophe<term type="begriffe" key="Kirche, Katastrophe der K."/> der Kirche. Im Lichte der Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> <hi rend="italic">Gottes</hi> und des <hi rend="italic">Lammes</hi> sollen ja die Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/> wandeln, die <pb ed="pga" xml:id="p559"/> gerettet sind in jenem Jerusalem<term type="begriffe" key="Jerusalem, neues"/>, in dem<note n="ai" type="textcritical" xml:id="nai"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «welchem». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> kein Tempel<term type="begriffe" key="Tempel"/> sein wird (<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.22 Apk.21.24">Apk. 21,22–24</ref>). Wissend um dieses Ziel<term type="begriffe" key="Ziel"/> und Ende<term type="begriffe" key="Ende"/> gilt es, den Blick auf die hoffnungslose Wirklichkeit der Verstockung<term type="begriffe" key="Israel, Verstockung"/> Israels zu richten, gilt es, still zu sein und zu hoffen.</p>
<p><hi rend="italic">«Unter diesen Umständen wird ganz Israel</hi><term type="begriffe" key="Israel, Rettung"/> <hi rend="italic">gerettet werden.»</hi> Die Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/> der Verlorenen, die Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> der nicht zu Rechtfertigenden, die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, der Toten"/> der Toten muss genau von dorther kommen, woher ihre Katastrophe<term type="begriffe" key="Kirche, Katastrophe der K."/> gekommen ist. Die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und Offenbarung"/> ist die Verkörperung des <hi rend="italic">Menschen</hi>, der die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, empfangen vom Menschen"/> Gottes empfängt. Dieser ist als solcher verloren, im Unrecht, tot. Das ist der Schaden <persName ref="kbga-actors-2897">Josephs</persName><term type="begriffe" key="Schaden Josephs"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Am.6.6">Am. 6,6</ref>], der in der Kirche zum Ausbruch kommt. Rettung, Rechtfertigung und Auferstehung ist nur davon zu erwarten, dass durch die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Gottes"/> <hi rend="italic">Gottes</hi> an den Menschen der <hi rend="italic">neue</hi> Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> geschaffen wird, der unanschaulich für jenen eintritt, sein Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/>, sein Ziel<term type="begriffe" key="Ziel"/>, seine Erfüllung<term type="begriffe" key="Erfüllung"/> ist, wie jener in seiner unabsehbaren Verstockung<term type="begriffe" key="Verstockung"/> auch für <hi rend="italic">ihn</hi> eintritt, <hi rend="italic">seinen</hi> Platz in dieser Welt wenigstens bezeichnet und offen hält, <hi rend="italic">ihn</hi> freilich auch fortwährend kompromittiert, für <hi rend="italic">ihn</hi> leidet<term type="begriffe" key="Leiden"/> und auf <hi rend="italic">ihn</hi> wartet: er, «das Vorbild des Kommenden» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.14">5,14</ref>). Dieser kommende neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, durch <hi rend="italic">Gottes</hi> Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Gottes"/> gerettet, gerechtfertigt und lebendig gemacht, ist mit den Erwählten aus Israel<term type="begriffe" key="Israel, Erwählung"/> die in Christus erwählte <hi rend="italic">Heidenschaft</hi><term type="begriffe" key="Heide, Erwählung"/>. Wir bedenken auch hier, dass damit keine historische Größe, keine Summe von psychologischen Individuen<term type="begriffe" key="Individuum"/>, von bewussten oder unbewussten «Heidenchristen» ge<pb ed="A" n="401" break="no"/>meint ist. Nur demonstrativen Sinn hat in diesem Zusammenhang das Dasein etwaiger «Heidenchristen». Sondern die Armut, die Blöße, die Blindheit, die Hoffnungslosigkeit<term type="begriffe" key="Hoffnungslosigkeit, der Heiden"/> der Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>, sofern sie im Gegensatz zu der Fülle, Gesundheit, Sattheit und Gewissheit Israels<term type="begriffe" key="Israel"/> <hi rend="italic">den</hi> Menschen bedeutet, der in Christus aus Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Erwählung"/> erwählt ist, ist gemeint. Deutlicher kann der neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/>, «<persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName>», der Erwählte doch wohl nicht als der <hi rend="italic">von Gott geschaffene</hi> Mensch bezeichnet werden als durch diese seine ausdrückliche Kontrastierung zu seinem älteren Bruder, dem <hi rend="italic">als Mensch</hi> Gottes Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> hörenden und redenden «<persName ref="kbga-actors-3667">Esau</persName>». Deutlicher kann es nicht gesagt werden, dass der als <hi rend="italic">Mensch</hi> Gott Erwählende weichen muss dem von <hi rend="italic">Gott</hi> erwählten Menschen. Und das eben muss gesagt und gehört <pb ed="pga" xml:id="p560"/> werden, das eben ist der Sinn der <hi rend="italic">doppelten Prädestination</hi><term type="begriffe" key="Prädestination, doppelte"/>, die Eröffnung des «Geheimnisses<term type="begriffe" key="Gott, Geheimnis"/>» Gottes, das Ziel seiner immer wieder gewahrten Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/>. Wird das gesagt und gehört, vollzieht sich also die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Gottes"/> <hi rend="italic">Gottes</hi> an den Menschen, so tritt eben damit die unmögliche<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/>, die eschatologische Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, eschatologische"/> ein, dass der <hi rend="italic">Mensch</hi>, der sie empfängt und der als solcher nur weichen, nur abnehmen, nur vergehen kann, gerettet<term type="begriffe" key="Errettung"/>, gerechtfertigt<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> und auferweckt<term type="begriffe" key="Auferstehung, der Toten"/> ist: gerettet als der Verlorene, gerechtfertigt als der nicht zu Rechtfertigende, auferweckt von den Toten – die unmögliche in Christus in den Bereich der Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> tretende Begebenheit, dass Gott sich nicht nur in seinem Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn und Erbarmen"/>, sondern noch ganz anders in seinem <hi rend="italic">Erbarmen</hi><term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> als Gott beweist und bewährt. Unter <hi rend="italic">andern</hi> Umständen, durch irgendwelche direkte, geschichtlich oder psychologisch sich begebende Rettungen, Rechtfertigungen und Auferstehungen ist dem Menschen auf dem Gipfel<term type="begriffe" key="Gipfel"/> <hi rend="italic">seiner</hi> Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, dem Menschen, der sich unterwindet, Gottes Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> zu hören und zu reden, nicht zu helfen. Unter diesen<note n="aj" type="textcritical" xml:id="naj"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «<hi rend="italic">diesen</hi>».</note> Umständen, im Futurum<term type="begriffe" key="Futurum, resurrectionis"/> resurrectionis, in der Anschauung der unanschaulichen Existentialität<term type="begriffe" key="Gott, Existentialität"/> Gottes <hi rend="italic">wird</hi> er gerettet werden. Und das gilt dann <hi rend="italic">ganz</hi> Israel<term type="begriffe" key="Israel"/>, der <hi rend="italic">ganzen</hi> Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, <hi rend="italic">jeder</hi> Kirche, Vorbild des <hi rend="italic">Kommenden</hi> ist sie dann, <hi rend="italic">erfüllte</hi> Weissagung<term type="begriffe" key="Weissagung"/>, vom lebendigen Wasser der <hi rend="italic">Offenbarung</hi> durchrauschter Kanal<term type="begriffe" key="Kanal der Offenbarung"/>. «Nur wo Gräber sind, sind Auferstehungen» (<persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>)<note xml:id="n28"> Schlusszeilen aus «Das Grablied» in <bibl corresp="kbga-bibls-3540"><persName ref="kbga-actors-301">Nietzsches</persName> Zarathustra, NW, S. 164</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3541">NWKG, S. 141, Z.12f.</bibl>): «Ja, noch bist du mir aller Gräber Zertrümmerer: Heil dir, mein Wille! Und nur wo Gräber sind, giebt es Auferstehungen.»</note> – aber wo immer Gräber<term type="begriffe" key="Grab"/> sind, da <hi rend="italic">sind</hi> Auferstehungen<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>. Wo die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> (nicht kraft eines Menschenvotums, sondern kraft göttlichen Urteils!) <hi rend="italic">aus</hi> ist, da fängt sie <hi rend="italic">an.</hi> Wo sie ganz ins Unrecht gesetzt ist, da beginnt ihr Recht. Wo jede Kirche (von Gott aus!) erledigt ist, da ist keine erledigt, da ist jede Kirche Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/>, Schwelle<term type="begriffe" key="Schwelle"/>, Pfeil vom andern Ufer<term type="begriffe" key="Pfeil vom andern Ufer"/>, Zeugnis<term type="begriffe" key="Kirche, Zeugnis der Hoffnung"/> der Hoffnung, <term type="begriffe" key="Kirche, Botschafter an Christi statt"/>Botschafter an Christi Statt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.20">2.Kor. 5,20</ref>], eine Hütte Gottes bei den Menschen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.3">Apk. 21,3</ref>]. Wo die Heiden<term type="begriffe" key="Heide, Mission an der Kirche"/> die Kirche missioniert haben mit der Bot<pb ed="A" n="402" break="no"/>schaft von Gottes Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> und Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/>, mit der ganzen Demütigung und Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/>, die diese Botschaft mit sich bringt, da mag dann die Stunde der Mission<term type="begriffe" key="Mission, der Kirche an den Heiden"/> der Kirche an die Heiden <pb ed="pga" xml:id="p561"/> in der Tat geschlagen haben und kann nicht eilig, nicht eifrig, nicht freudig genug ergriffen werden, wie an <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> selber zu sehen ist. Die gebeugte Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und ihr Thema"/> darf und soll erhobenen Hauptes ihr Thema aufnehmen. Die verlorene Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Trägerin der Botschaft"/> wird die Trägerin der Botschaft von der Errettung sein. Die erschrockene Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, redet von Gott"/> mag und muss reden von dem Gott, mit dem man über Mauern springt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Sam.22.30">2.Sam. 22,30</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.18.30">Ps. 18,30</ref>]. Die ihrer Grenzen unerbittlich bewusste Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> mag sich unerschrocken und unermüdlich wagen an ihre erschütternd grenzenlose Aufgabe. Die Weissagung des zweiten <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> von dem Knechte Gottes<term type="begriffe" key="Knecht, Gottes"/>, auf den die Völker hören sollen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.49.1">Jes. 49,1</ref>], sie geht <hi rend="italic">dann</hi>, sie geht <hi rend="italic">dort</hi> in Erfüllung<term type="begriffe" key="Erfüllung"/>. Wo
das Wort vom Kreuz<term type="begriffe" key="Wort, vom Kreuz"/> erkannt ist und gilt als die Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Unmöglichkeit"/> <hi rend="italic">Gottes</hi>, die sich allem Fleisch in den Weg stellt, da ist erkannt und da gilt: Christus ist auferstanden! als die <hi rend="italic">Möglichkeit</hi> Gottes im Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> und in der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.24">Joh. 4,24</ref>].</p>
<p><hi rend="italic">«Kommen wird der Erlöser aus Zion und wird wegtun die Ehrfurchtslosigkeiten von <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName></hi><hi rend="italic">. Und das wird der Bund mit ihnen sein, der von mir aus geschlossen wird: Dass ich wegnehmen werde ihre Sünden.»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.59.20">Jes. 59,20</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.27.9">27,9</ref>). Wir unterstreichen mit diesen Reminiszenzen aus der Eschatologie<term type="begriffe" key="Eschatologie, jüdische"/> des alten Testamentes<term type="begriffe" key="Altes Testament"/>, dass es die <hi rend="italic">göttliche</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Möglichkeit"/> ist, die wir als Schlüssel des «Geheimnisses», als Ziel der dunklen Entwicklungen der Kirchengeschichte<term type="begriffe" key="Kirchengeschichte"/>, in denen wir uns befinden, betrachtet wissen wollen. Von <hi rend="italic">letzten</hi> Dingen<term type="begriffe" key="Ding, letzte Dinge"/>, von der Erscheinung der Parusie<term type="begriffe" key="Parusie"/> Jesu Christi selbst haben wir geredet. <hi rend="italic">Er</hi> ist die «Erfüllung für die Heiden», das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> des göttlichen Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, gesprochen zu der unerlösten Menschheit. <hi rend="italic">Er</hi> ist der Erlöser<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Erlöser"/>. <hi rend="italic">Er</hi> ist das existentiell vor Gott stehende<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/>, aus zweien eins gewordene Individuum<term type="begriffe" key="Individuum"/>, in dem die Verwerfung überwunden und verschlungen ist durch die Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/>. «Aus Zion»<term type="begriffe" key="Zion"/> kommt er, von oben, aus dem unanschaulichen Grund der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, aus dem auch ihre Verwerfung kam, aus der Herrlichkeit des Thrones Gottes, königliche Würde und königliche Macht mit ihm, und Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/> bedeutet sein Erscheinen, das zu <hi rend="italic">keiner</hi> Zeit stattfindet, weil es <hi rend="italic">aller</hi> Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> Geheimnis<term type="begriffe" key="Geheimnis"/>, Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung"/>, Grundlegung und Ewigkeit ist. Und darum ist auch sein Werk das Unerhörte: das «Abtun der Ehrfurchtslosigkeiten von <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName>», das Abstreifen der Hüllen all des Unvermeidlichen, Beschränkten, Verkehrten, Esaumäßigen, von dem jetzt und hier die unanschauliche Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/> bedeckt ist, das Schließen des neuen Bundes<term type="begriffe" key="Bund, neuer"/>, der von Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, <pb ed="A" n="403"/> <pb ed="pga" xml:id="p562"/> von Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> ausgeht, und der besteht in der «Wegnahme», in einem Fortraffen, Löschen, Tilgen, Vernichten der Sünden und der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>, in der Rückkehr des Menschen in die ihm jetzt und hier <hi rend="italic">gänzlich</hi> verlorene Einheit<term type="begriffe" key="Einheit, des Menschen mit Gott"/> mit Gott. Wir stehen wieder an der Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> des Sagbaren und brechen ab. Eben diese Grenze ist das Ende der «Versto­­ckung»<term type="begriffe" key="Verstockung"/>, das Ziel der unbegreiflichen Wege Gottes<term type="begriffe" key="Weg, «unbegreiflicher Weg»"/>.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.28 Röm.11.32">V. 28‒32</ref> Auf die Heilsbotschaft gesehen sind sie freilich Feinde um euretwillen, auf die Erwählung gesehen aber Geliebte Gottes um der Väter willen. Denn unwiderruflich sind die Gnadenerweise und ist die Berufung Gottes. Denn wie ihr einst Gott ungehorsam waret, jetzt aber Erbarmen fandet durch ihren Ungehorsam, so wurden jetzt auch sie ungehorsam durch das euch widerfahrene Erbarmen, damit auch sie jetzt</hi><note n="*2" type="original" xml:id="s2">Für die Streichung des zweiten <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">νῦν</foreign> in <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.31">V. 31</ref> kann ich nicht mehr eintreten.<note xml:id="n29"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p455#fn_na">S. 455, Anm. <choice><sic ed="pga">*</sic><corr type="misprint" resp="sm">a</corr></choice></ref></bibl>: «Das zweite <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">νῦν</foreign> in <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.31">V. 31</ref> ist ein sinnstörender Schreibfehler».</note> Es gehört zu der fast unerträglichen eschatologischen<term type="begriffe" key="eschatologisch"/> Spannung in dieser Stelle, dass da, wo man nach dem <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ποτέ</foreign> von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.30">V. 30</ref> vielleicht ein <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">τότε</foreign> erwartet, dieses überraschende <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">νῦν</foreign> eintritt.</note> <hi rend="bold">Erbarmen fänden. Denn verschlossen hat Gott alle unter den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Auf die Heilsbotschaft gesehen Feinde um euretwillen, auf die Erwählung gesehen Geliebte Gottes um der Väter willen.»</hi> Wir versuchen es nun, den Inhalt dieser drei Kapitel auf den schärfsten Ausdruck zu bringen. «Kirche»<term type="begriffe" key="Kirche, zweideutiges Faktum"/> ist ein zweideutiges Faktum, haben wir gesehen. Die ganze Zweideutigkeit<term type="begriffe" key="Zweideutigkeit"/> der menschlichen Natur und Kultur<term type="begriffe" key="Kultur"/> kommt in ihr zum Ausdruck. – <anchor type="note" xml:id="fn-ak"/>Sofern sich unter dem Gesichtspunkt menschlicher Pragmatik<term type="begriffe" key="Pragmatik"/> gegenüberstehen<note n="ak" target="fn-ak" type="textcritical" xml:id="nak"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Sofern unter dem Gesichtspunkt menschlicher Pragmatik sich gegenüberstehen». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> hier die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> von Christus als das Eine, dort das Menschenwerk<term type="begriffe" key="Menschenwerk"/> der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Menschenwerk"/> als das Andere, ist zweifellos die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Feindschaft gegen Gott wird offenbar"/> der Ort, wo die Feindschaft<term type="begriffe" key="Feind, Gottes"/> des Menschen gegen Gott offenkundig wird, wo seine Gleichgültigkeit<term type="begriffe" key="Gleichgültigkeit"/>, sein Missverständnis, sein Widerstand ihre sublimste und auch wieder ihre naivste Form gewinnen, wo der tote Punkt<term type="begriffe" key="Punkt, toter"/> zwischen zwei <pb ed="pga" xml:id="p563"/> Welten sichtbar wird, an dem es auch für den gewaltigsten Ansturm gegenüberstehender, noch so groß gedachter Gotteskräfte kein Vorwärts mehr geben kann.
Der von der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und frommer Mensch"/> erstrebte und erreichte fromme und als solcher gerechtfertigte Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, frommer"/> mit seinem Wissen, Tun und Beten scheint irgendwie das letzte unüberwindlich starke Hindernis diesseits der Barrikade. Alles, was der Mensch überhaupt unternimmt, um sich Gottes zu erwehren, erscheint gesammelt, wuchtig konzentriert, bis auf die Zähne bewaffnet in <hi rend="italic">diesem</hi> Menschen. Darum die «Tempelreinigung»<term type="begriffe" key="Tempelreinigung"/><note xml:id="n30"> Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.21.12 Mt.21.13">Mt. 21,12–13</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.11.15 Mk.11.17">Mk. 11,15–17</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.45 Lk.19.46">Lk. 19,45–46</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.2.14 Joh.2.16">Joh. 2,14–16</ref>. In der von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> benutzten <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>-Bibel von 1892 ist die Perikope mit «Reinigung des Tempels» bzw. «Jesus reinigt den Tempel» überschrieben.</note>! Eben darum muss angesichts <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen der Gedanke an einen direkten Weg zwischen Gott <pb ed="A" n="404"/> und Mensch<term type="begriffe" key="Gott, und Mensch"/> als aussichtslos endgültig aufgegeben werden. Eben darum erscheint aber auch gerade angesichts <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen die Möglichkeit des indirekten Weges, der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/>, des Erbarmens<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> Gottes. Bote dieses indirekten Weges, Zeuge<term type="begriffe" key="Zeuge, der Vergebung"/> der Vergebung, Gefäß des Erbarmens<term type="begriffe" key="Gefäße des Zorns/Erbarmens"/> [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.23">9,23</ref>] ist <hi rend="italic">diesem</hi> Menschen gegenüber immer der andere<note n="al" type="textcritical" xml:id="nal"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «<hi rend="italic">andere</hi>».</note> Mensch, der Draußenstehende, der Weltmensch, der Heide<term type="begriffe" key="Heide"/>: in der ganzen Anschaulichkeit seiner Bedürftigkeit, seines Preisgegebenseins, seiner Wehrlosigkeit. An ihm erscheint die Beseitigung jenes Hindernisses. An ihm wird es klar, wie Gott<term type="begriffe" key="Gott, und Mensch"/> und Mensch zueinander stehen. An ihm verherrlicht sich Gottes forensische<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, forensische"/> Gerechtigkeit. Weil Gott es darauf abgesehen hat, an diesem <hi rend="italic">anderen</hi> Menschen seine Ehre<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> und sein Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> klar zu machen («um euretwillen»), muss <hi rend="italic">dieser</hi> Mensch, der das Ziel<term type="begriffe" key="Kirche, Ziel der K."/> und Ergebnis der Kirche ist, als <hi rend="italic">«Feind»</hi><term type="begriffe" key="Feind, Gottes"/> der Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> diesseits der Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> stehen. Die Sünde muss überfließen<term type="begriffe" key="Sünde, Überfließen"/>, damit die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> überströmen kann
(<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">5,20</ref>). Aber wo wäre die Heidenschaft, die in dieser «Feindschaft», in diesem «Überfließen der Sünde», in der ganzen Verlorenheit dieser Situation mit Israel<term type="begriffe" key="Israel"/> nicht solidarisch<term type="begriffe" key="Solidarität"/> eins wäre? – <anchor type="note" xml:id="fn-am"/>Sofern aber unter dem Gesichtspunkt der göttlichen unanschaulichen Pragmatik<term type="begriffe" key="Pragmatik, unanschauliche"/> die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> von Christus und die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> als unwürdige Trägerin des göttlichen Wortes<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> sich gar nicht<note n="am" target="fn-am" type="textcritical" xml:id="nam">Nicht ausgeführte Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar: «Sofern sich aber [...] Wortes gar nicht».</note> als zwei gegenüberstehen <hi rend="italic">können</hi>, weil jene doch nichts <pb ed="pga" xml:id="p564"/> anderes ist als die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/>, die Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung"/> aus Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Erwählung"/> allein, die gerade die <hi rend="italic">Feinde</hi><term type="begriffe" key="Feind, Gottes"/> Gottes angeht (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.10">5,10</ref>), sofern eben der <hi rend="italic">nicht</hi> zu rechtfertigende, <hi rend="italic">nicht</hi> zu rettende Mensch die göttliche Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/> hat, sofern er in seinem ganzen Ungehorsam<term type="begriffe" key="Ungehorsam"/> zum vornherein unter dem Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> Gottes steht und seiner Ehre<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> dienen muss («um der Väter willen», um <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> des Heiden Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/> willen), sind offenbar auch die drinnen, ja gerade sie, die «Geliebten Gottes». Geopfert und preisgegeben ist ja dann <hi rend="italic">in</hi> der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und frommer Mensch"/> der fromme Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, frommer"/> in seiner gefährlichen gottwidrigen Eigengröße. Raum ist dann geschaffen <hi rend="italic">in</hi> der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Raum für Gerechtigkeit der Heiden"/> für die forensische Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, forensische"/> der Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>. Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Kirche, Gemeinschaft der Heiligen"/> der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> Suchenden <hi rend="italic">und darum</hi> Heiligen, der Verlorenen <hi rend="italic">und darum</hi> Geretteten, der Sterbenden <hi rend="italic">und darum</hi> Lebenden ist ja dann die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Ort der Verlorenen und Geretteten"/>. Gesammelt und konzentriert erscheint ja dann in der Not und Schuld <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen, des wissenden, tätigen, betenden Menschen der Kirche die Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, des Menschen"/> des Menschen überhaupt, die unerhörte Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> und Rettung alles dessen, was der Mensch, nicht-wissend, was er tut, unternimmt und vollendet. Er selber, der fromme Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, frommer"/> ist dann der – Heide<term type="begriffe" key="Heide"/>: am <hi rend="italic">Ende</hi> jeden direkten Weges zu Gott angelangt der Bote des indirekten, <hi rend="italic">als</hi> Zeuge der Katastrophe<term type="begriffe" key="Katastrophe"/> menschlicher Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, menschliche"/> der Zeuge<term type="begriffe" key="Zeuge, der Auferstehung"/> der Auferstehung, <hi rend="italic">als</hi> Gefäß <pb ed="A" n="405"/> des Zornes<term type="begriffe" key="Gefäße des Zorns/Erbarmens"/> das Gefäß des Erbarmens [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.22 Röm.9.23">9,22–23</ref>]! Und wo wäre ein Israel<term type="begriffe" key="Israel"/>, das nicht wirklich <hi rend="italic">mit</hi> der Heidenschaft<term type="begriffe" key="Heide"/> in dieser seligen Lage wäre? Wenn Israel<term type="begriffe" key="Israel, Erwählung"/> es wagen würde, sich auf den Boden der Erwählung seiner Väter zu stellen, wenn die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, allein durch den Glauben"/> es wagen würde, allein durch den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, Abrahams"/> <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> bewegt und gehalten, zu opfern, herzugeben, herabzusteigen, demütig, sachlich, ernst zu werden, wie groß könnte sie von einem Augenblick zum andern dastehen, groß, weil nicht
mehr groß, groß allein durch Gottes Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/>!</p>
<p><hi rend="italic">«Unwiderruflich sind die Gnadenerweise und ist die Berufung Gottes.»</hi> «Wird etwa ihre Untreue die Treue Gottes aufheben?» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.3">3,3</ref>). «Gottes Wort ist nicht hinfällig» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.6">9,6</ref>). «Gott hat sein Volk nicht verstoßen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.2">11,2</ref>). Wahrer als das Recht, in dem sich die draußen gegenüber denen drinnen befinden, wahrer als das Unrecht, in das sich die drinnen denen draußen gegenüber setzen, wahrer als die ganze anschauliche Pragmatik<term type="begriffe" key="Pragmatik"/>, die sich aus diesem Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, von Kirche und Welt"/> von Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> und Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> zu ergeben scheint, ist immer wieder das Thema der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und ihr Thema"/>: die göttliche, die unanschauliche Pragmatik<term type="begriffe" key="Pragmatik, unanschauliche"/>, dass er, er selbst, er allein es <pb ed="pga" xml:id="p565"/> ist, der Recht<term type="begriffe" key="Gott, Recht"/> und Unrecht gibt und nimmt, das Thema von der Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes, die das Gericht, aber auch die Aufrichtung der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, ihre furchtbare Reinigung, aber auch ihre Erfüllung bedeutet. Die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> in jenen Wahrheiten ist Gott, nichts sonst. <hi rend="italic">Seine</hi> Gnadenerweise, <hi rend="italic">seine</hi> Berufung<term type="begriffe" key="Berufung"/> werden durch die <hi rend="italic">Verwerfung</hi> seiner Erwählten nur bestätigt<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/>, wie sie sich fort und fort nicht anders bestätigen <hi rend="italic">können</hi> und <hi rend="italic">werden</hi> als durch die <hi rend="italic">Erwählung</hi> der Verworfenen, denn Beides ist unanschaulich eins und dasselbe in Gott. Unveräußerlich bleibt das Anliegen der Menschheit, das in jeder Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> seinen Ausdruck sucht, und wenn, wie es tatsächlich der Fall ist, alle Kirchen diesem Anliegen gegenüber versagen sollten. Unwiderruflich die <hi rend="italic">Sendung</hi><term type="begriffe" key="Sendung"/>, die überall da stattfindet, wo Menschen dieses Anliegen zum Bewusstsein kommt, und wenn, wie es wiederum tatsächlich der Fall ist, jeder Mensch mit diesem Bewusstsein<note n="an" type="textcritical" xml:id="nan"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Bewußtwerden».</note> in die Katastrophe<term type="begriffe" key="Katastrophe"/> alles Menschentums hineingerissen würde. <hi rend="italic">Unverschlossen</hi> die Möglichkeit, die sich öffnet, wo immer der Mensch seine Not<term type="begriffe" key="Not"/> als von Gott bereitet und seine Schuld<term type="begriffe" key="Schuld"/> als Schuld an Gott erkennt, und wenn er – wir alle wissen es nicht anders! – darüber hinaus keine Hoffnung hätte.</p>
<p><hi rend="italic">«Wie ihr einst Gott ungehorsam waret, jetzt aber Erbarmen fandet durch ihren Ungehorsam, so wurden auch sie jetzt ungehorsam durch das euch widerfahrene Erbarmen, damit auch sie jetzt Erbarmen fänden.»</hi> «Er redet aber von dem <pb ed="A" n="406"/> wunderlichen Regiment Gottes in seiner Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, unter dem Regiment Gottes"/>, daß die, so den Namen und Ruhm des Volkes Gottes und der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, als Israel"/> (als das Volk Israel<term type="begriffe" key="Israel"/>) haben, um ihres Unglaubens<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/> willen verworfen werden, die andern aber, die zuvor nicht Gottes Volk und unter dem Ungehorsam<term type="begriffe" key="Ungehorsam"/> gewesen, nun sie das Evangelium<term type="begriffe" key="Evangelium, Christusglaube"/> annehmen und an Christum glauben, vor Gott die rechte Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, rechte K. durch Evangelium"/> und selig werden» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n31"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 147f.</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): <bibl corresp="kbga-bibls-3696"><hi rend="italic">Epistel am Sonntag Trinitatis. Röm. 11,33-36</hi> (Crucigers Sommerpostille), WA 21, 515,5-10</bibl> (WA wie auch, orthographisch modernisiert, Eberle: «die zuvor nicht Gottes Volck und unter dem unglauben gewesen»).</note> Ja, «wunderlich», paradox und unerhört ist die Art und Weise, in der sich das Regiment Gottes in seiner Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, unter dem Regiment Gottes"/> auswirkt. Finsternis, Verwerfung<term type="begriffe" key="Verwerfung"/>, Esaumäßigkeit, «Ungehorsam<term type="begriffe" key="Ungehorsam"/>» ist der Generalnenner, über dem sich zunächst <hi rend="italic">alles</hi> Menschliche als solches <pb ed="pga" xml:id="p566"/> befindet. Diesem «Einst» steht in voller Unanschaulichkeit das «Jetzt» der Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, ewiger Augenblick"/> in seiner Bewegung <hi rend="italic">von</hi> hier <hi rend="italic">nach</hi> dort gegenüber. «Jetzt aber», im Licht des ewigen Augenblicks<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/>, im Licht des Tages<term type="begriffe" key="Tag, des Jesus Christus"/> Jesu Christi «fandet <hi rend="italic">ihr</hi> Erbarmen», ihr Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>, ihr da draußen, ihr Unheilbaren, ihr Hoffnungslosen<term type="begriffe" key="Hoffnungslosigkeit"/>! Jetzt werden Verworfene erwählt<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/> und in <hi rend="italic">ihnen</hi> erscheint die Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/>. Jetzt hat an Gottes Uhr <hi rend="italic">ihre</hi> Stunde geschlagen. Wie aber? Die Kraft, d. h. aber die Göttlichkeit des ihnen widerfahrenen Erbarmens erweist sich in seinem schneidenden <hi rend="italic">Kontrast</hi><term type="begriffe" key="Kontrast"/> zum menschlichen Ungehorsam<term type="begriffe" key="Ungehorsam"/>, im <hi rend="italic">Heraus</hi>gerissenwerden der Erwählten aus der Reihe der Verworfenen, im <hi rend="italic">Gegensatz</hi> von Licht<term type="begriffe" key="Gegensatz, von Licht und Finsternis"/> und Finsternis. Darum und darin ist dies Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> <hi rend="italic">Gottes</hi> Erbarmen, dass <anchor type="note" xml:id="fn-ao"/>es sich <hi rend="italic">Ungehorsamen</hi> (wer wäre das nicht?) zuwendet<note n="ao" target="fn-ao" type="textcritical" xml:id="nao"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «es <hi rend="italic">Ungehorsamen</hi>  […] sich zuwendet». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> unter gleichzeitiger rücksichtsloser Aufdeckung und Bestrafung des Ungehorsams. Gottes Erbarmen ohne die Manifestation von Gottes <hi rend="italic">Heiligkeit</hi><term type="begriffe" key="Gott, Heiligkeit"/> wäre nicht <hi rend="italic">Gottes</hi> Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/>. Wir reden aber von dem Erbarmen, das sich im Tod<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> und Auferstehen<term type="begriffe" key="Auferstehung, Christi"/> Christi offenbart. Dem Erwählten nun widerfährt jene Zuwendung Gottes, das Auferstehen Christi, dem Verworfenen jene Aufdeckung und Bestrafung, das Sterben Christi. Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> Gottes ist auch das, was <hi rend="italic">ihm</hi> widerfährt. Er kann mit dem, was ihm widerfährt, nur einstehen für den Erwählten; denn dessen Sache ist wahrlich seine eigene. Also (zu den Erwählten gesagt): «Durch ihren Ungehorsam<term type="begriffe" key="Ungehorsam"/> fandet ihr Erbarmen!» 
Aber wiederum ist dies Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> Gottes wirkliches und kräftiges <hi rend="italic">Erbarmen</hi> darum und darin, dass er nur dazu den Ungehorsam<term type="begriffe" key="Ungehorsam"/> des Menschen an dem Verworfenen aufdeckt und bestraft, um sich dem Ungehorsamen (noch einmal: wer wäre das nicht?) <hi rend="italic">zuzuwenden</hi>. Auf den Verworfenen liegt die durch das Licht<term type="begriffe" key="Licht, und Finsternis"/> des Erbarmens erst als solche qualifizierte Finsternis («Durch das euch widerfahrene Erbarmen wurden sie jetzt ungehorsam»), aber wie sollte es anders sein, als dass «jetzt» (in demselben ewigen «Jetzt»<term type="begriffe" key="«Jetzt»"/>, das dort erhöht, hier stürzt, dort und hier aber Gottes Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> und Majestät<term type="begriffe" key="Gott, Majestät"/> verkündigt!) die Erwählten ihrerseits einstehen <pb ed="A" n="407"/> für die Verworfenen, die auch ihre, der Erwählten<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/> Last zu tragen haben, dass das <hi rend="italic">ihnen</hi> widerfahrene<note n="ap" type="textcritical" xml:id="nap"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «widerfahrende».</note> <pb ed="pga" xml:id="p567"/> Erbarmen auch von jenen gefunden wird. Es ist der neue Generalnenner <hi rend="italic">alles</hi> Menschlichen, der im «Jetzt»<term type="begriffe" key="«Jetzt»"/> der Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> unanschaulich anschaulich wird.</p>
<p><hi rend="italic">«Denn verschlossen hat Gott alle unter den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.»</hi> Dazu <persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>: «Mit diesem tröstlichen und fröhlichen Ergebnis endet die Kap. 9 begonnene Untersuchung.»<note xml:id="n32"><bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 102.</bibl> Der Satz ist in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen, am Rande steht: «Schmach und Schande».</note> Wir wenden uns staunend ab, um festzustellen, dass wir es hier vielmehr mit dem grimmig beunruhigenden Axiom zu tun haben, in dem der Schlüssel des ganzen Römerbriefs<term type="begriffe" key="Römerbrief, Schlüssel des R."/> (und nicht nur des Römerbriefs!) zu finden sein dürfte. Was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> (und nicht nur <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>!) meint, wenn er von Gott, Gerechtigkeit, Mensch, Sünde, Gnade, Tod, Auferstehung, Gesetz, Gericht, Errettung, Erwählung, Verwerfung, Glaube, Liebe, Hoffnung<term type="begriffe" key="Glaube, Liebe(, Hoffnung)"/>, wenn er – vom Tag<term type="begriffe" key="Tag, des Jesus Christus"/> Jesu Christi redet, was für Kategorien anzuwenden sind, um diese Urworte zu buchstabieren, das entscheidet sich am Verständnis oder Unverständnis dieser Stelle. Sie ist das Maß, an dem alles gemessen, die Waage, auf der alles gewogen sein will. Sie ist in ihrer Art für jeden Hörer oder Leser selber das Kriterium der <hi rend="italic">doppelten Prädestination</hi><term type="begriffe" key="Prädestination, doppelte"/>, deren letzten Sinn sie offenbar deuten will. Prägnant ist das göttliche «Verschließen» zu nehmen, von dem hier die Rede ist, prägnant das göttliche «Erbarmen», prägnant das erste und prägnant das zweite «Alle» – letzteres auf die Gefahr hin, von <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> zu denen gerechnet zu werden, die «nimis crasse delirant»<note xml:id="n33"><bibl corresp="kbga-bibls-3479"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, col. 229</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Emphasis est in verbo misereri. Significat enim nullis obstrictum esse Deum, atque ideo gratis servare omnes, quia sint ex aequo perditi. Porro nimis crasse delirant, qui hinc colligunt omnes fore salvos.</foreign>»</note>. Hier ist der verborgene<term type="begriffe" key="Gott, verborgen"/>, der unbekannte<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, der unbegreifliche Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbegreiflich"/>, dem kein Ding unmöglich ist, Gott der <hi rend="italic">Herr</hi>, der als solcher unser <hi rend="italic">Vater</hi><term type="begriffe" key="Gott, Vater"/> ist in Jesus Christus. Hier ist Gottes Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> in ihrer ganzen drängenden Nähe, in ihrem ganzen Reichtum, aber auch in ihrer ganzen Unfassbarkeit. Hier der Anfang und das Ende, der Weg und das Ziel der Gedanken Gottes<term type="begriffe" key="Gedanke, Gott"/>. Hier der Gegenstand des Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube, Gegenstand des"/> (der nie zum «Gegenstand» werden kann). Hier das Wesen des Christentums<term type="begriffe" key="Christentum, Wesen des"/> (das über alle «Wesen» ist). Die Kirche <hi rend="italic">hat</hi> eine <pb ed="pga" xml:id="p568"/>  Hoffnung<term type="begriffe" key="Kirche, Hoffnung der K."/>. Dies ist sie. Eine andere hat sie <hi rend="italic">nicht.</hi> Möchte sie diese <hi rend="italic">ergreifen.</hi> «Merk diesen Hauptspruch, der alle Welt und menschliche Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, des Menschen"/> verdammt und allein Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> hebet, durch den Glauben zu erlangen» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n34"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 147</bibl>: <bibl corresp="kbga-bibls-3054">Randglosse zu Röm. 11,32, WA.DB 7, 67, vgl. S. 66</bibl> (WA wie auch, orthographisch modernisiert, Eberle: «Merck diesen Heubtspruch, der alle werck und menschliche Gerechtigkeit verdampt, und allein Gottes barmhertzigkeit hebet, durch den glauben zu erlangen.»)</note></p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.33 Röm.11.36">V. 33‒36</ref> O Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Gerichte und wie unbegreiflich seine Wege! Denn wer hat die Vernunft des Herrn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen, oder wer hat ihm etwas gegeben, das er ihm vergelten müsste? Denn von</hi> <pb ed="A" n="408"/> <hi rend="bold">ihm und durch ihn und zu ihm ist alles. Sein ist die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.</hi></p>
<p>Die <hi rend="italic">«Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes»</hi> ist (im Gegensatz zur 1. Aufl. dieses Buches muss es hier gesagt sein) durchaus seine <hi rend="italic">Unerforschlichkeit</hi><term type="begriffe" key="Gott, unerforschlich"/><note xml:id="n35"> Siehe <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p459#p459">S. 459f</ref></bibl>.</note>. Dass der Deus absconditus<term type="begriffe" key="Deus absconditus"/> <hi rend="italic">als solcher</hi> in Jesus Christus Deus revelatus<term type="begriffe" key="Deus revelatus"/> ist, das ist der Inhalt des Römerbriefs<term type="begriffe" key="Römerbrief, Anfang/Ende und Inhalt des R."/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16 Röm.1.17">1,16–17</ref>). Wohl verstanden: Nur dass es <hi rend="italic">dieses Subjekt</hi> (<foreign xml:lang="lat">Deus absc.</foreign>) ist, das dieses Prädikat (<foreign xml:lang="lat">Deus revel.</foreign>) hat, kann Inhalt des Römerbriefs, der Theologie<term type="begriffe" key="Theologie"/>, des Gotteswortes<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> im Menschenmund sein. Das <hi rend="italic">kann</hi> es und <hi rend="italic">soll</hi> es aber auch sein. In weiser Zurückhaltung <hi rend="italic">diesen</hi> Inhalt wieder zu fassen, das ist, bei vollem Bewusstsein, dass damit «nichts» getan ist, eine mögliche und (im Blick auf die sie begrenzende Unmöglichkeit!) verheißungsvolle Aufgabe. Das andere aber: dass dieses Subjekt (<foreign xml:lang="lat">Deus absc.</foreign><term type="begriffe" key="Deus absconditus"/>) <hi rend="italic">dieses Prädikat</hi> (<foreign xml:lang="lat">Deus revel.</foreign><term type="begriffe" key="Deus revelatus"/>) hat, d. h. aber der Geist<term type="begriffe" key="Geist, Wahrheit"/> selbst, die Fülle der göttlichen Wahrheit<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/>, die Existentialität<term type="begriffe" key="Existentialität"/> des göttlichen Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, <hi rend="italic">das</hi> steht nicht im Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief"/>, <hi rend="italic">das</hi> wird weder gesagt noch geschrieben, aber wahrhaftig auch nicht «getan», weil <hi rend="italic">das</hi> überhaupt nicht Gegenstand menschlichen Bemühens sein kann. Tritt <hi rend="italic">das</hi> ein, dann hat nicht der Mensch, sondern Gott geredet und gehandelt; dann ist das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> geschehen. Der ehrfürchtige <hi rend="italic">Verweis</hi> auf Gott und sein Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/>, die Stellung <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes des Täufers</persName> also<term type="begriffe" key="Isenheimer Altar"/>, ist die äußerste Grenze menschlichen Bemühens und Gelingens. «Wer diese Epistel wohl im Herzen hat, der hat des <hi rend="italic">Alten</hi> <pb ed="pga" xml:id="p569"/> Testamentes Licht und Kraft bei sich», hat <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, vermutlich mit vollem Bedacht, gesagt<note xml:id="n36"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558">Eberle, S. 208</bibl>: <bibl corresp="kbga-bibls-2553"><hi rend="italic">Vorrede auf die Epistel S. Pauli an die Römer</hi>, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, WA.DB 7, 27,24f. (vgl. 26,15f.)</bibl>.</note>; denn Licht und Kraft des <hi rend="italic">Neuen</hi> Testamentes<term type="begriffe" key="Neues Testament"/> hat niemand «bei sich», das tritt als solches nicht in die Erscheinung, <hi rend="italic">das</hi> ist nicht ein Fall <hi rend="italic">neben</hi> jenem Fall. <hi rend="italic">Das</hi> also, die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> selbst, das «Positive», das, was mehr als Wort ist, bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, bei der Theologie<term type="begriffe" key="Theologie"/> zu «vermissen», hat, sofern Jenes ehrlich geleistet ist, niemand das Recht. Er wende sich an Gott selbst mit der Frage, warum <hi rend="italic">das</hi> in keinem Buche steht (auch nicht in der Synopse<term type="begriffe" key="Synopse"/>!) und überhaupt als menschliche Leistung nirgends vorliegt, und sei dankbar, wenn es der Theologie<term type="begriffe" key="Theologie"/> möglicherweise gelungen ist, ihn zu veranlassen, sich mit <hi rend="italic">dieser</hi> Frage wirklich an Gott <hi rend="italic">selbst</hi> zu wenden. «Vernünftig geschaut» wird in den Werken Gottes seine <hi rend="italic">Unanschaulichkeit</hi><term type="begriffe" key="Gott, Unanschaulichkeit"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">1,20</ref>), und «erforscht» wird in den Tiefen Gottes seine <hi rend="italic">Unerforschlichkeit</hi><term type="begriffe" key="Gott, unerforschlich"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.10">1.Kor. 2,10</ref>). Gott erkennen heißt anbetend stillstehen vor ihm selber, der in einem Lichte wohnt, da niemand zu kann<term type="begriffe" key="Licht, da niemand zu kann"/> [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.6.16">1.Tim. 6,16</ref>]. Immer wieder gerade vor der <hi rend="italic">verborgenen</hi> Tiefe seines Reichtums, seiner
Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/>, seines Lebens<term type="begriffe" key="Gott, Leben"/>, seiner <pb ed="A" n="409"/> Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/>! Immer wieder gerade vor der <hi rend="italic">verborgenen</hi> Tiefe seiner Weisheit<term type="begriffe" key="Gott, Weisheit"/>, seiner Gedanken<term type="begriffe" key="Gott, Gedanke"/>, seiner Gerichte<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/> und Wege, seines Ganges von hier nach dort! Immer wieder gerade vor der <hi rend="italic">verborgenen</hi> Tiefe der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der verborgenen Tiefe Gottes"/>, mit der er uns erkennt, bevor wir ihn erkennen, mit der er uns nicht loslässt, die wir immer ohne ihn sind!</p>
<p><hi rend="italic">«Wie unerforschlich sind seine Gerichte und wie unbegreiflich seine Wege!»</hi> Warum Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung, und Verwerfung"/>? Warum Verwerfung? mussten und müssen wir immer wieder fragen und mussten und müssen immer wieder die eine Antwort hören: Darum, weil Gott nicht Gott<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/> wäre, wenn er nicht unerforschlicherweise verwerfen, unbegreiflicherweise erwählen würde, wenn<note n="aq" type="textcritical" xml:id="naq">Nicht ausgeführte Korrektur am Rand in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar: «erwählen, wenn».</note> er sich nicht in der großen <hi rend="italic">Verborgenheit</hi><term type="begriffe" key="Verborgenheit"/> seines Schreitens von Sieg zu Sieg<term type="begriffe" key="Gott, Sieg"/> als Gott erweisen würde: als der, der sich <hi rend="italic">aller erbarmen</hi> will und wird.</p>
<p><hi rend="italic">«Wer hat die Vernunft des Herrn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.40.13">Jes. 40,13</ref>). <hi rend="italic">«Oder wer hat ihm etwas gegeben, das er  ihm <pb ed="pga" xml:id="p570"/> vergelten müsste?»</hi> (wahrscheinlich <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.41.2">Hiob 41,2</ref>, dort vom Leviathan-Krokodil gesagt!). Direkte Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> dieses Gottes? Nein! Mitwirkung bei seinen Beschlüssen? Nein! Möglichkeit, ihn zu fassen, zu binden, zu verpflichten, in ein reziprokes Verhältnis<term type="begriffe" key="Verhältnis, von Gott und Mensch"/> zu ihm zu treten? Nein! <hi rend="italic">Keine</hi> «Föderaltheologie<term type="begriffe" key="Theologie, Föderaltheologie?"/>»<note xml:id="n37">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3697"><persName ref="kbga-actors-1208">O. Scheel</persName>, Art. «Föderaltheologie», in: RGG<hi rend="sup">1</hi> II, Sp. 922–924, dort Sp. 922</bibl>: «Die Wurzeln dieser den Gnadenbund Gottes (<foreign xml:lang="lat">foedus Dei gratuitum</foreign>) mit den Menschen in den Mittelpunkt stellenden und darnach die Dogmatik gestaltenden Theologie reichen bis in die Reformationszeit zurück.» «Der Föderalbegriff, die Anschauung von einem Bunde zwischen Gott und den Menschen, durch den Gott den Menschen die Sündenvergebung, das neue Leben und die Seligkeit verheißt, die Menschen sich zum Glauben und zur Buße verpflichten, und der durch äußere Symbole, die Sakramente genannt werden, bekräftigt wird [...], ist orientiert an der geschichtlichen Offenbarung und Erlösungstat Gottes.»</note>! <hi rend="italic">Er</hi> ist Gott<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/>, er selbst, er allein. <hi rend="italic">Das</hi> ist das Ja des Römerbriefes<term type="begriffe" key="Römerbrief"/>.</p>
<p><hi rend="italic">«Denn von ihm und durch ihn und zu ihm ist alles. Sein ist die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.»</hi> <persName ref="kbga-actors-1382">Mark Aurel</persName> hat in seinen Selbstgesprächen fast wörtlich dasselbe gesagt. In einem Selenehymnus und sogar auf einem Zauberring wurden diese Formeln wiedergefunden. <persName ref="kbga-actors-6461">Philo</persName> und andern waren sie nicht unbekannt.<note xml:id="n38"> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> entnahm diese Hinweise offenbar aus <bibl corresp="kbga-bibls-3581"><persName ref="kbga-actors-248">Lietzmann</persName>, S. 102</bibl>. In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar sind die in Frage kommenden Zitate unterstrichen.</note> Warum nur hat die hellenistische Mystik<term type="begriffe" key="Mystik, hellenistische"/>, die bekanntlich wie das Spätjudentum<term type="begriffe" key="Judentum, Spätjudentum"/> ungefähr alles auch wusste, <hi rend="italic">das</hi> nicht lauter, deutlicher, erschreckender und verheißender zu sagen gewusst? Warum nur erscheint die Entlehnung, die <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hier vornimmt, sogar auf der Fläche der geschichtlichen Dinge so sehr viel origineller als das Original? Aber sei dem, wie ihm wolle, wie könnte <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> <hi rend="italic">diese</hi> Kapitel bedeutungsvoller schließen, als indem er hörbar, drohend und Hoffnung erweckend <hi rend="italic">das</hi> sagt, was – die andern auch wissen<note xml:id="n39"> Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p026#p026">S. 26</ref>.</note>? </p> 



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