1922

3. Kapitel: Gottesgerechtigkeit

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3. Kapitel
GOTTESGERECHTIGKEIT

Das Gesetz

3,1–20

Geschichte ist das Spiel der vermeintlichen Vorzüge des Geistes und der Kraft der einen Menschen vor den andern, der durch die Ideologie von Recht und Freiheit heuchlerisch verhüllte Kampf ums Dasein, das Auf- und Abwogen alter und neuer Menschengerechtigkeiten, die einander gegenseitig an Feierlichkeit und Nichtigkeit überbieten. Das Gericht Gottes ist das Ende der Geschichte. Ein Tröpfchen Ewigkeit hat mehr Gewicht als das ganze Meer der der Zeit unterworfenen Dinge. Am Maßstab Gottes gemessen verlieren die Vorzüge der Menschen ihre Höhe, ihren Ernst, ihre Tragweite, sie werden verhältnismäßig. Auch die höchsten, die geistigsten, die gerechtesten Gegensätze unter Menschen erscheinen hier, wie sie sind: in ihrer natürlichen, innerweltlichen, profanen «materialistischen» Bedeutung. Die Täler werden erhöht, die Hügel erniedrigt [vgl. Jes. 40,4]. Der «Kampf der Guten mit den Bösen» ist aus. Die Menschen treten in eine Linie. Ihr «Verborgenes» (2,16) steht im Gericht vor Gott, aber vor Gott allein.

Aber das Gericht Gottes ist das Ende der Geschichte, nicht der Anfang einer neuen zweiten Geschichte. Die Geschichte ist erledigt, sie wird nicht fortgesetzt. Was jenseits des Gerichtes ist, das ist von dem, was noch diesseits ist, nicht nur relativ, sondern absolut verschieden und getrennt. Gott spricht, Gott ist als Richter erkannt. Und die Veränderung, die da ins Auge gefasst werden muss, wo Gott spricht und als Richter erkannt ist, ist so radikal, dass gerade sie Zeit und Ewigkeit, Menschengerechtigkeit und Gottesgerechtigkeit, Diesseits und Jenseits in unzerreißbarer Weise verbindet. Das Ende ist auch das Ziel. Der Erlöser ist auch der Schöpfer. Der, der richtet, ist auch der, der alles zurechtbringt. Die Aufdeckung des Un-Sinns ist auch die Offenbarung des Sinns. Das Neue ist auch die tiefste Wahr|112heit des Alten. Die radikalste Erledigung der Geschichte, das Nein, unter das alles Fleisch kommt, die absolute Krisis, die Gott für die Welt des Menschen, der Zeit und der Dinge bedeutet, ist auch 52 der rote Faden, der sich durch ihr Da-Sein und So-Sein hindurchzieht. Das Vergängliche ist, als solches erkannt, das Gleichnis des Unvergänglichen. Die letzte Beugung unter Gottes Zorn ist der Glaube an seine Gerechtigkeit. Denn als der unbekannte Gott wird Gott erkannt. Er ist gerade als solcher kein Ding an sich, keine metaphysische Wesenheit neben andern Wesenheiten, kein Zweiter, Anderer, Fremder neben dem, was ohne ihn wäre, sondern der ewige, der reine Ursprung alles dessen, was ist, als das Nicht-Sein aller Dinge ihr wahres Sein. Gott ist treu.

So wird auch aller Offenbarungseindruck in der Geschichte, so wenig sich Menschengerechtigkeit seiner rühmen, so wenig sie daraus eine Sicherung und Beruhigung entnehmen kann, durch das Gericht nicht ausgelöscht, nicht vernichtet, sondern bestätigt, bewährt und bekräftigt. In der radikalen Aufhebung der geschichtlichen und seelischen Wirklichkeit, in der umfassenden Relativierung ihrer Stufen und Gegensätze erscheint ihre wahre, ihre ewige Bedeutung.

V. 1‒4 Was hat denn der Jude noch Besonderes! Oder was für einen Wert die Beschneidung? Einen großen in jeder Beziehung. Vor allem darin, dass ihnen die Kundgebungen Gottes anvertraut wurden. Denn wie ist’s damit? Wenn Einige das Vertrauen getäuscht haben, wird etwa ihre Untreue die Treue Gottes aufheben? Unmöglich!a Sondern es muss sich zeigen: Gott ist wahr, jeder Mensch aber ein Lügner, wie geschrieben steht: Damit du Recht behaltest in deinen Worten und siegest, wo über dich geurteilt wird!

«Was hat denn der Jude noch Besonderes?» Gibt es überhaupt, im Ernst gesprochen, etwas Besonderes, wenn alles unter den Zorn Gottes gestellt ist, alle Besonderheit als Rettung, Ausnahmebildung und Beruhigung aufgehoben ist? Gibt es Höhepunkte in der Geschichte, die mehr sind als größte Wellen im Strom der Vergänglichkeit, stärkste Schatten unter andern Schatten? Besteht eine Beziehung zwischen all dem, was als Offenbarungseindruck geschichtlich und seelisch wahr|113nehmbar wird, und der Offenbarung des unbekannten Gottes selbst? Eine Beziehung zwischen dem Harren der als Berufene und Erleuchtete, als Helden und Propheten, als Menschen guten Willens über die Bühne dieser Weltzeit Gehenden und dem kommenden Reiche Gottes, in welchem alles neu wird? Und es steht hinter dieser Frage die andere, allgemeine, nach dem Verhältnis dessen, was tatsächlich erfahrbar geschieht, und dem ewigen Gehalt alles Geschehens, nach dem Verhältnis des Da-Seins und So-Seins der Dinge zu ihrem wahren Sein, des Erlebensb zum Erkennen. Oder ist etwa durch den Blick auf Gott den Richter 53 alle Beziehung, alles Verhältnis zwischen hier und dort geleugnet? Sollte die Entfernung, die Distanz Gott gegenüber, in die wir uns bei tieferer Besinnung versetzt sehen, eine gänzliche Ferne zwischen Gott und Welt bedeuten? «Was für einen Wert hat die Beschneidung?»

Wir antworten: «Einen großen in jeder Beziehung.» Unheimlich groß, unheimlich stark ist Beziehung und Verhältnis zwischen Gott und Welt, dort und hier. Gerade nachdem erkannt ist, dass die Verdinglichung und Vermenschlichung des Göttlichen in einer besonderen Religionsgeschichte oder Heilsgeschichte keine Beziehung zu Gott ist, weil Gott als Gott dabei preisgegeben wird, kann nun auch festgestellt werden, dass alles, was in der bekannten Welt geschieht, Inhalt und Bedeutung hat von dem unbekannten Gott her, dass aller Offenbarungseindruck ein Hinweis ist auf Offenbarung selbst, dass alles Erleben Erkenntnis als seine eigene Krisis in sich trägt und alle Zeit als ihre eigene Aufhebung Ewigkeit. Gericht ist nicht Vernichtung, sondern Aufrichtung. Reinigung ist nicht Entleerung, sondern Erfüllung. Gott hat den Menschen nicht verlassen, sondern Gott ist treu (3,31).

«Ihnen wurden die Kundgebungen Gottes anvertraut.» So zweideutig und fragwürdig die Stellung eines Gerechten, eines nach Gott suchenden und auf Gott wartenden Menschen als Stellung eines Menschen ist (2,17–25), so klar und notwendig ist sie als Symptom dessen, was Gott will und tut. Beweis eines göttlichen Zutrauens ist es, dass solche Menschen mitten in der Welt sind, was sie sind. Sie sind es, weil das Gottesreich verheißen ist. Indem sie durch eigene oder fremde |114 «Erlebnisse» gezwungen sind, stillzustehen vor dem, was sie nicht kennen, sind sie der Beweis, dass dieses Nicht-Gekannte als solches Gegenstand von Erkenntnis werden könnte. Indem sie sich des Unmöglichen erinnern, sind sie der Beweis, dass eben das Unmögliche: Gott, im Bereich der Möglichkeit steht, freilich nicht als eine Möglichkeit unter andern, sondern, wie gerade an ihnen anschaulich wird, als die unmögliche Möglichkeit. Die Kundgebungen Gottes, die sie haben und hüten, sind fassliche Zeugnisse des Unfasslichen: dass es für diese erlösungsunfähige Welt eine Erlösung gibt. Ob das, was sie haben und hüten, Mose ist oder Johannes der Täufer, Plato oder der Sozialismus oder auch einfach die dem schlichten alltäglichen Tun innewohnende sittliche Vernunft, gleichviel: es ist Berufung, Verheißung, Gleichnisfähigkeit in diesem Haben und Hüten, Angebot und offene Türe tiefster Erkenntnis. Ihr Anspruch auf eine besondere Stellung, ihr Anspruch, besonders gehört zu werden, ist nicht not54­wendig eine Anmaßung, sofern ihnen tatsächlich Kundgebungen Gottes anvertraut sind.

«Wenn auch einige dies Vertrauen getäuscht haben, wird etwa ihre Untreue die Treue Gottes aufheben?» Also verborgen und verschüttet ist der wahre Gehalt unsres Lebens, unerkannt der unbekannte Gott, unfruchtbar die Spuren seiner Treue, unbenützt seine Verheißung und sein Angebot. Aber diese Feststellung mag für den Augenblick auf sich beruhen. Von Gott aus gesehen ist dieser Vertrauensmissbrauch doch nur eine zufällige Wahrheit, die Tat «Einiger» (und wenn die «Einigen» alle wären!), keine Widerlegung und kein Hindernis dessen, dasc er will und tut. Gottes Treue kann getäuscht, aber nicht aufgehoben werden. Gottes Angebot kann Undank finden, aber es wird nicht zurückgezogen. Gottes Güte wird dem widerstrebenden Menschen zum Gericht, aber sie ist darum nicht weniger Güte. Die ganze Widergöttlichkeit des Geschichtsverlaufs ändert nichts daran, dass es in diesem Geschichtsverlauf immer und überall jene Besonderheiten, jene Offenbarungseindrücke, jene Gelegenheiten und offenen Türen gibt, die, von Gott aus gesehen, zur Besinnung rufen, zur Erkenntnis leiten könnten. Es bleibt, wo Menschen sind, die auf Gott harren, eine Sendung, ein character indele|115bilis1, und wenn er vor ihren eigenen und vor aller Augen in tiefste Unkenntlichkeit gehüllt wäre und wenn die schwersten seelischen und geschichtlichen Katastrophen darüber gingen. Gott hat sich nie und nirgends umsonst offenbart. Wo «Gesetz» ist (2,14), und wenn es noch so ausgebrannte Schlacke wäre, da ist auch ein Wort der Treue Gottes.

«Es muss sich zeigen: Gott ist wahr, jeder Mensch aber ein Lügner!» Was vermag denn die Untreue der begnadigten Menschen? Sie vermag nur, «die Voraussetzung der ganzen christlichen Philosophie» (Calvin)2 zu bewähren: Gott ist wahr;d Gott ist die Antwort, die Hilfe, der Richter, der Erlöser, nicht der Mensch, weder der östliche noch der westliche, noch der deutsche Mensch und auch nicht der biblische Mensch, weder der Fromme noch der Held, noch der Weise, weder der Wartende noch der Wirkende und auch nicht der Übermensch – Gott allein, Gott selbst! Wenn wir es je vergessen sollten, so muss uns die Unzulänglichkeit aller Offenbarungsträger gegenüber der Offenbarung die Distanz wieder in Erinnerung rufen, uns wieder an den Anfang, an den Ursprung stellen. Auch der Offenbarungsträger selber lebt davon, dass es in seiner eigenen Unzulänglichkeit an den Tag tritt: Gott ist Gott! «Ich glaubte, darum redete ich, ich wurde aber tief erniedrigt», bekennt er (Ps. 116,10–14) und fährt fort: «Ich 55 sprach in meinem Entsetzen («in meiner Ekstase» LXX): Jeder Mensch ist ein Lügner!» Jeder Mensch!! Eben aus der Einsicht in diesen umfassenden Gegensatz des Menschen zu Gott, aus ihr allein, entspringt Gotteserkenntnis, neue Gottesgemeinschaft, neuer Gottesdienst: «Wie soll ich dem Herrn vergelten alles, was er mir vergilt? Ich will den Kelch des Heils ergreifen und den Namen des Herrn anrufen. Ich will meine Gelübde dem Herrn bezahlen vor seinem ganzen Volk.»

«Damit du Recht behaltest in deinen Worten und siegest, wo über dich geurteilt wird» (Ps. 51,6). Es hat keinen Sinn, im Blick auf das |116 immer und überall offenkundige Versagen der Berufenen ihre Berufung zu bezweifeln oder gar den, der sie berufen hat, zu kritisieren. Der Wert der Kundgebungen Gottes ist unabhängig vom Verlauf der menschlichen Geschichte, ja noch mehr: sie erweisen sich gerade darin als Kundgebungen Gottes, dass das, was im Geschichtsverlauf als ihre Wirkung sichtbar wird, zugleich immer auch ein Versagen, eine Nicht-Wirkung ist. Wo der Mensch in der im 51. Psalm beschriebenen Lage ist, wo er im Lichte Gottes nichts an sich selber findet als seine Unreinheit, wo er an kein anderes Opfer mehr zu denken vermag als an seinen geängsteten Geist, sein geängstetes und zerschlagenes Herz, da wird Gott als der Sieger triumphierend erkannt. Es beharrt also über dem Steigen und Fallen der Wellen der Geschichte, der menschlichen Untreue zum Trotz, ja in der menschlichen Untreue, die Treue Gottes. Es beharrt das «Besondere» (3,1), das der «Jude» nicht hat, aber empfangen hat.

V. 5‒8 Beweist aber unsre Unbotmäßigkeit Gottes Gerechtigkeit, was sollen wir dazu sagen? Ist dann Gott nicht selbst unbotmäßig im Verhängen seines Zorns? (Ich rede nach menschlicher Logik!) Unmöglich! Wie kommt es denn dazu, dass Gott die Welt richtet?*1 Wenn ich mich damit rechtfertigen dürfte, dass Gottes Wahrheit in meiner Lüge groß wurde zu seiner Verherrlichung, was erklärt dann die Tatsache, dass ich selbst als Sünder gerichtet bin? Und wahrhaftig, es geht nicht nach dem Wort, das uns einige |117 lästerlicherweise unterschieben: Lasset uns das Böse tun, damit das Gute daraus komme! Die so reden, bekräftigen ihre Verurteilung.

«Beweist aber unsre Unbotmäßigkeit Gottes Gerechtigkeit, ist dann Gott nicht selbst un56botmäßig im Verhängen seines Zorns?» Die soeben (3,1–4) gewonnene Einsicht von der Überlegenheit, mit der Gott im Versagen seiner Auserwählten erst recht sich als Gott offenbart, scheint ein eigentümliches Licht auf das Wesen dieses Gottes zu werfen. «Unbotmäßigkeit», willkürlich herrische Ich-Sucht des Menschen (1,18) ist’s offenbar, was auch in den Auserwählten die Wahrheit gefangen hält, was ihr Versagen verursacht. Beweist nun menschliche Unbotmäßigkeit göttliche Gerechtigkeit, was ist es dann mit dieser Gerechtigkeit? Ist sie nicht selbst «Unbotmäßigkeit»: ist Gott dann nicht selber willkürlich herrisch, ein in seiner Frevelhaftigkeit geradezu fürchterliches höchstes Ich? Zeugt dann nicht sein Zorn, unsre Hingabe an die Herrschaft des Nicht-Gottes (1,22–32) gegen ihn selbst? Ist dann nicht der Zustand der Welt und des Menschen der wahre Ausdruck von Gottes innerstem Wesen, welches ist eine unergründliche launenhafte Tyrannei? Beweist der Un-Sinn der Geschichte ihren verborgenen Sinn, ist dann nicht notwendig dieser Sinn selbst Unsinn?

«Nach menschlicher Logik», will sagen für ein scheinbar sehr konsequentes, in Wirklichkeit aber sehr unkritisches, allzu lineares, im Rechnen mit Gott unerfahrenes, verwildertes Denken eine in der Tat naheliegende Folgerung. Solche Logik rechnet eben aller Belehrung zum Trotz doch immer wieder nur mit Gegebenheiten, die sie aneinanderreiht, nicht aber mit einem Nicht-Gegebenen, das aller Gegebenheiten Voraussetzung ist. Sie übersieht, echt menschlich, mit wem sie es zu tun hat, wenn von Gott die Rede ist. Sie übersieht, dass der Schluss von der Wirkung auf die Ursache Gott gegenüber nicht bündig ist, weil Gott kein bekanntes Ding unter Dingen ist.

«Wie kommt es denn dazu, dass Gott die Welt richtet?» Könnte man im Sinne dieses Einwands Gott als letzte Ursache an die andern Sachen in dieser Welt anreihen und von diesen aus Schlüsse auf ihn ziehen, wie steht es dann mit der Tatsache, dass die ganze gegenständliche Welt offenbar einer letzten Krisis und Problematik unterworfen ist? Kein Gegenstand ohne das Denken des Gegenstandes. Kein Merkmal, das wir an einem Gegenstande feststellen, ohne ein voraus|118eilendes Wissen, das uns den Begriff dieses Merkmals an die Hand gibt. Also, wenn Gott ein Gegenstand in der Welt ist, keine Aussage über Gott («Willkür», «Tyrannei»), die nicht diesem überlegenen Vorauswissen entstammte. Wäre Gott im Sinne des Einwands 3,5 ein Gegenstand unter Gegenständen, wäre er also selbst dieser Krisis unterworfen, so wäre er offenbar gar nicht Gott, sondern der wahre Gott wäre im Ursprung dieser 57 Krisis zu suchen. Und das ist offenbar der Fall: der Einwand 3,5 redet gar nicht von Gott, sondern von Nicht-Gott, dem bekannten Gott dieser Welt. Der wahre Gott ist aber der aller Gegenständlichkeit entbehrende Ursprung der Krisis aller Gegenständlichkeit, der Richter, das Nicht-Sein der Welt (mit Einschluss jenes «Gottes» menschlicher Logik). Eben von diesem wahren Gott, dem Richter der Welt, der selber nicht Partei ist in der Welt, reden wir. Die allzu naheliegende Folgerung von uns auf Gott erreicht ihr Ziel nicht, sie ist ein Kurzschluss. Der wahre Gott ist nicht «unbotmäßig», nicht willkürlich, nicht launisch. Denn in seinem Gericht, im Gegensatz zu ihm kommt uns diee in unsrer Welt herrschende Unbotmäßigkeit, Willkür und Laune erst in ihrer Fragwürdigkeit zum Bewusstsein. Ohne ihn kämen wir gar nicht dazu, jene falsch adressierte Anklage zu erheben.

«Wenn ich mich damit rechtfertigen dürfte, dass Gottes Wahrheit in meiner Lüge groß wurde, was erklärt dann, dass ich selbst als Sünder gerichtet bin?» Das Motiv jenes Einwandes ist offenbar das Bedenken gegen die aus der Einsicht von der göttlichen Überlegenheit scheinbar sich ergebende menschliche Unverantwortlichkeit – oder auch der Wunsch, solche Unverantwortlichkeit sich zu sichern: Beharrt, ja triumphiert die Treue Gottes auch in der Untreue der Auserwählten, dann kann sich ja jeder beruhigen bei dem Gedanken, dass in seiner Lüge die Wahrheit Gottes groß wird. Aber auch dieser Schluss ist haltlos. Er geht von der Voraussetzung aus, dass der Mensch überhaupt in der Lage ist, in seinem Tun Gottes Wahrheit groß werden zu lassen, als Mensch etwas zu sein zu Gottes Verherrlichung. Diese Voraussetzung ist falsch. So gewiss Gott nicht Welt ist, so gewiss kann der Mensch weder durch seinen Gehorsam noch durch seine Lüge der Wahrheit und Herrlichkeit Gottes etwas hinzufügen noch wegneh|119men. Gott bewahrheitet und verherrlicht sich selbst. An ihm entscheidet es sich alleweil, ob unser Tun Gehorsam oder Lüge ist, er «bezahlt» einen jeglichen nach seinen Werken (2,6), er triumphiert in seinem Annehmen oder Verwerfen, Begnadigen oder Verurteilen. Ich aber habe am einen wie am andern keine Rechtfertigung, keine Entschuldigung, keine Bestätigung meines Seins und Tuns; ich kann mich, begnadigt oder verurteilt, nur beugen unter seinen Spruch, und, es gehe, wie es gehe, ihm die Ehre geben. Das ist Aufrichtigkeit gegen Gott, im Gegensatz zu den Vernünfteleien der Zwischenfrage, warum Gott Gott ist. Wer die Aufhebung der menschlichen Verantwortlichkeit durch die göttliche Souveränität fürchtet oder wünscht, der halte sich die Tat58sache vor Augen, dass er als Sünder vor Gott gerichtet ist. Ist das wahr, oder ist das nicht wahr? In der aufrichtigen Beantwortung dieser Frage und in der Furcht des Herrn, die sich daraus ergibt, besteht die menschliche Verantwortlichkeit. Wer sich im Gerichte Gottes weiß, der rechnet das, was Gott (für ihn oder gegen ihn) tut, zu Gottes, nicht zu seiner eigenen Ehre, so sicher wie der, der Gott als den Richter kennt, die Unehre der Welt nicht Gott zur Unehre rechnet (3,5–7). Das Bedenken vor der Anerkennung des «geknechteten Willens»4 des Menschen ist also unnütz, und der heimliche Wunsch, der sich an diese Anerkennung knüpfen möchte, ist eitel. Gerade in dieser Anerkennung, die die Herrlichkeit Gottes auch da sieht, wo der Mensch verworfen ist, ist die freie und freudige Beugung vor Gott und der Verzicht auf alle faulen Künste.

«Und wahrhaftig, es geht nicht nach dem Wort: Lasset uns das Böse tun, damit das Gute daraus komme! Die so reden, bekräftigen ihre Verurteilung.» Das geradlinige Reden über Gott und Mensch als zwei auf gleichem Fuß verkehrende Partner ist gerade die schlimmste Verkrümmung der Wahrheit. Sonnenklar scheint ein Satz sich aus dem andern zu ergeben: Gott lässt das Gute kommen. Gott lässt das Gute kommen – auch wenn wir das Böse tun. Also lasst uns das Böse tun, es kommt ja doch das Gute. Aber diese Sonnenklarheit ist Finsternis. «Die so reden, bekräftigen ihre Verurteilung.» Denn Gott und |120 Mensch ist nicht einerlei. Weder können wir das Böse auf Rechnung Gottes tun, noch kommt das Gute, das daraus kommen mag, auf unsre Rechnung. Was wir tun, ist nie von Gott getan, und was daraus kommt, kommt nie von uns. Täuschen wir uns darin, so verkennen wir bei scheinbar gewonnener Einsicht in die göttliche Souveränität aufs Neue die Distanzen. Wir sind eben nicht Gott, nicht souverän! Das Böse ist böse trotz des Guten, das von Gott daraus kommt. Der Un-Sinn der Geschichte ist Un-Sinn, trotz des Sinnes, der von Gott her darin ist. Untreue ist Untreue trotz der Treue Gottes, die sich durch sie nicht irre machen lässt. Welt ist Welt trotz des Erbarmens, mit dem Gott sie umgibt und trägt. Dulden und anerkennen und bejahen wir uns selbst, bejahen wir den Lauf der Welt, wie sie ist, so preisen wir damit nicht den allmächtigen Gott, sondern bekräftigen unsre ohnehin ausgesprochene Verurteilung, bestätigen die Gerechtigkeit des göttlichen Zorns, nur dass uns die Überheblichkeit, mit der wir uns dabei Gott an die Seite stellen, mit der wir gar noch etwas für Gott zu tun meinen, der einzig rettenden Möglichkeit beraubt, uns zugleich Gott auf Gnade und Ungnade in die Arme zu werfen. Indem wir mit 59 der Ausrede des Fatalismus dem Gericht entrinnen wollen, verfallen wir dem Gericht gerade wegen dieser Ausrede. Denn die Berufung auf «Gott» zugunsten unsrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist Götzendienst und Gottlosigkeit, ist nichts anderes als die «Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit» (1,18), die den Zorn Gottes unvermeidlich macht.

V. 9‒18 Wie steht es nun? Können wir einen Vorwand nehmen? Keineswegs: Es bleibt bei der von uns erhobenen Anklage, dass Juden und auch Griechen alle unter der Sünde stehen, wie geschrieben steht: Es gibt keinen Gerechten, nicht einen. Es gibt keinen Einsichtigen. Es gibt keinen, der nach Gott fragt. Alle sind abgewichen, alle miteinander unbrauchbar geworden. Es gibt keinen, der das Gute tut, es gibt auch nicht einen einzigen. Ein offenes Grab ist ihre Kehle, mit ihrer Zunge betrügen sie, Schlangengift ist hinter ihren Lippen, ihr Mund voll Fluch und Bitterkeit, eilend ihre Füße zum Blutvergießen, Verwüstung und Jammer ist auf ihren Wegen, und den Weg des Friedens erkannten sie nicht. Es ist keine Gottesfurcht in ihren Augen.

121«Können wir einen Vorwand nehmen?», nämlich aus dem Blick auf die auch im Abfall des Menschen beharrende Treue Gottes? Wir haben gesehen (3,5–8): Nein! So gewiss die Einsicht in die Souveränität Gottes alle Beruhigungsmittel der Menschengerechtigkeit zerstört, so gewiss wird sie keine neuen Beruhigungsmittel schaffen. Der Mensch ist nicht dazu in die Luft gestellt, um alsbald wieder Boden zu finden. Hinter dem siegreichen Willen Gottes kann sich niemand verstecken, sondern wer ihn erkennt, der kommt ins Gericht, in die Erschütterung hinein und – nicht mehr heraus.

«Es bleibt bei der Anklage, dass alle unter der Sünde stehen.» Es bleibt bei der Feststellung (1,18-2,29), dass die Menschen: Juden und Griechen, Gotteskinder und Weltkinder von Natur, als Menschen Kinder des Zorns [vgl. Eph. 2,3] sind, ohne Ausnahme noch Ausweg hingegeben an die Fremdherrschaft der Sünde (5,12–14). Unbekannt ist und bleibt uns Gott. Heimatlos sind und bleiben wir in dieser Welt. Sünder sind wir und Sünder bleiben wir. Wer Menschheit sagt, der sagt unerlöste Menschheit. Wer Geschichte sagt, der sagt Beschränktheit und Vergänglichkeit. Wer Ich sagt, der sagt Gericht. In dem Engpass dieser Lage gibt es kein Ausweichen weder nach vorwärts noch nach rückwärts. Unter dieser Anklage können wir schlechterdings nur verharren. Nur wer hier verharrt und in keiner Weise entrinnen will, auch nicht durch die eben (3,5–8) abgefertigten Sophismen «menschlicher Logik», nur der kann Gott preisen in seiner Treue (3,1–4).

60 «Wie geschrieben steht». Ist denn das alles etwas so Neues und Unerhörtes? Resignation infolge von Enttäuschungen? Pessimistischer Enthusiasmus? Vergewaltigung des reichen Menschheitslebens? Bruch mit der Geschichte? Hochmütiger gnostischer Radikalismus?5 Nein, diese ungern gehörte «Anklage» steht geschrieben, sie ist «längst verkündigt» (1,2). Gerade die ganze Geschichte schreit doch diese Anklage gegen sich selber. Was heißt geschichtliches Denken, wenn gerade diese Anklage beharrlich überhört wird? Hat von allen Beachtlichen, Anständigen, ernst zu Nehmenden der Geschichte, von allen Propheten, Psalmsängern, Philosophen, Kirchenvätern, Refor|122matoren, Dichtern und Künstlern auch nur einer, wenn es darauf ankam, den Menschen gut oder auch nur des Guten fähig genannt? Ist etwa die Lehre von der «Erbsünde» nur eine «Lehre» neben andern und nicht viel mehr (in ihrem grundsätzlichen Sinn! vgl. aber 5,12) die Lehre, die sich aus jeder ehrlichen Geschichtsbetrachtung ergibt, die Lehre, auf die sich alle in der Geschichte auftretenden «Lehren» letztlich zurückführen lassen? Kann man denn in dieser Sache «anderer Ansicht» sein als die Bibel, Augustin und die Reformatoren? Was zeigt, was lehrt denn die Geschichte (aktiv und passiv)?

Die verhältnismäßige Gottähnlichkeit wenigstens einiger gewisser Menschen? Nein, sondern: «Es gibt keinen Gerechten, auch nicht einen.»

Das Vorhandensein wesentlichen Tiefsinns, wesentlicher Lebenserfahrung unter uns Menschen? Nein, sondern: «Es gibt keinen Einsichtigen.» Das ergreifende Bild der stillen Frömmigkeit oder des feurigen Gottsuchens großer Wahrheitszeugen, «das Gebet»6 etwa? Nein, sondern: «Es gibt keinen, der nach Gott fragt.»

Das Urwüchsige, Gesunde, Echte, Originelle, interessant Bewegte, Ideale, Charaktervolle, Liebevolle, Geistreiche, Himmelstürmende, Schlichte, Gediegene dieser und jener Persönlichkeit und ihrer Werke? Nein, sondern: «Alle sind abgewichen, alle miteinander unbrauchbar geworden. Es gibt keinen, der das Gute tut, es gibt auch nicht einen einzigen.»

Oder irgendwelche irgendwie noch schönere menschliche Eigenschaften und Leistungen geistlicher oder weltlicher, innerer oder äußerer, bewusster oder unbewusster, tätiger oder leidender, theoretischer oder praktischer Art? Nein, sondern: «Ein offenes Grab ist ihre Kehle, mit ihrer Zunge betrügen sie, Schlangengift ist hinter ihren Lippen, ihr Mund voll Fluch und Bitterkeit.» Das ist’s, 61 was schließlich von den Gedanken und Worten des Menschen zu halten ist. Und «eilend ihre Füße zum Blutvergießen, Verwüstung und Jammer ist auf ihren Wegen, und den Weg des Friedens erkannten sie nicht», das ist’s, was von der Menschen Taten und Werken zu sagen ist.

«Es ist keine Gottesfurcht in ihren Augen», das zeigt, das lehrt die Geschichte. Gottesfurcht als solche wird nie sichtbar, nie greifbar, nie |123 im direkten Sinn «wirklich» in dieser Welt. Sie wird geschichtlich und seelisch nichtf wahrnehmbar. Was wahrnehmbar wird, das ist allemal nicht Gottesfurcht. So steht es geschrieben: Hiob 14,4; Ps. 14,1–3; 5,10; 140,4; 10,7; Jes. 59,7–8; Ps. 36,2. Haben die Männer, die das alles geschrieben und die Unzähligen, die es mit ihnen gedacht und gesagt haben, keine Augen für das positiveg Große in der Menschheit? Doch! Sie bestreiten es nicht. Sie könnten es auch dankbar anerkennen und preisen, wenn es sich darum handelte, Religion, Moral und Kultur in ihrem Eigenwert, in ihrer Bedeutung innerhalb der Welt zu beurteilen. Aber ihr Thema, das eigentliche Thema der Geschichte ist weder die Bestreitung noch die Bestätigung des Menschen an sich, sondern die Erkenntnis der Problematik, in der der Mensch sich befindet im Verhältnis zu dem, was er nicht ist, zu Gott, seinem ewigen Ursprung. Von daher der Radikalismus ihres Angriffs! Er hat mit der relativen Kritik, die an aller Religion, Moral und Kultur zu üben ist, wesentlich nichts zu tun, kann sich aber eben deshalb auch nicht aufhalten bei der relativen Anerkennung, die alles Menschliche auf seinem Boden beanspruchen darf. Seine Beunruhigung stammt aus einer Tiefe, die weit hinter der Unruhe des Alltags liegt, und greift eben darum aus nach einer Ruhe, die der Alltag des Menschen nicht kennt. Sein Nein ist so umfassend, weil es aus einem so umfassenden Ja entspringt. Nicht Pessimismus, nicht Selbstzerfleischung, nicht öde Freude am Negieren ist das Wesen der Männer, die diesen Angriff führen, wohl aber grimmige Abneigung vor Illusionen, entschiedenste Ablehnung, sich vor hohlen Hüten zu beugen7, dringendes, einseitiges Ausschauen nach dem Wesentlichen, gänzlicher Verzicht auf alle Versuche, sich der Wirklichkeit der Lage zwischen Gott und Mensch zu entziehen, ausgesprochener Unwille, sich durch vorletzte und drittletzte Wahrhei|124ten täuschen zu lassen über die Wahrheit, mit der alle menschliche Lebensbetrachtung aufhören muss, um mit ihr neu anzufangen. Sie geben der materialistischen, der profanen, der «skeptischen»8 Weltanschauung das Recht, das ihr durchaus gehört, und bahnen sich mit diesem letzten Verzicht den Weg zur Erkenntnis Gottes selbst und damit des ewigen Sinns der Welt und der Geschichte. 62 Anders als in der Negation des Geschöpfes ist die Position des Schöpfers und der ewige Sinn des Geschöpfes noch nie erkannt worden. Das sagt uns die Geschichte.

V. 19‒20 Wir wissen aber: Was das Gesetz da sagt, das spricht es gerade zu denen, die es mit dem Gesetz halten ‒ damit jeder Mund gestopft und die ganze Welt vor Gott schuldig werde. Denn es gibt keine Gerechtigkeit vor ihm auf Grund der Werke des Gesetzes für alles, was Fleisch heißt. Was durch das Gesetz zustande kommt, das ist die Erkenntnis der Sünde!

«Was das Gesetz sagt, das spricht es zu denen mit dem Gesetz.» Die es mit dem Gesetz halten, sind die Idealisten, die Bevorzugten, die ein Erlebnis Gottes oder doch die Erinnerung eines solchen haben (2,14; 3,2). Kundgebung Gottes, Hinweis auf Gott ist ihr Offenbarungseindruck, ihre Religion, ihre Frömmigkeit. Sie sind gerichtet, auf Gott gerichtet – aber eben darum auch von Gott gerichtet. Gerade sie können die Lage zwischen Gott und Mensch am wenigsten verkennen, können am wenigsten dem Missverständnis verfallen, als ob einige, z. B. sie selbst, um ihres seelischen und geschichtlichen Vorsprungs willen Gott gegenüber gesichert und entschuldigt wären (2,1), können am wenigsten «nach menschlicher Logik» (3,5) daran rütteln, dass Gott Gott ist, können am wenigsten der Spannung, der Beunruhigung, dem Unfrieden, der fortgesetzten Unterhöhlung und Infragestellung ausweichen, in die der Mensch durch Gott versetzt ist. Gerade der Glaube ist ja, wenn er wirklich Glaube an Gott ist, Hohlraum, Beugung vor dem, was wir nie werden, nie haben, nie tun können, vor dem, der nie Welt, nie Mensch wird, es wäre denn in der Aufhebung, in der Erlösung, in der Auferstehung alles dessen, was wir |125 jetzt und hier Mensch und Welt heißen. Die Stimme des Gesetzes, der Religion, der Frömmigkeit haben wir soeben (3,10–18) gehört. Der leere Kanal redet von dem Wasser, das ihn nicht durchströmt. Der Wegweiser redet von dem Ziel, das da, wo er steht, nicht ist. Der Abdruck («die Ausprägung» 2,20) redet von dem Siegelring, der da, wo der Abdruck ist, nicht ist, sondern nur sein – Negativ hinterlassen hat. Die Geschichte selbst – und zwar nicht die chronique scandaleuse des Menschen, sondern die Geschichte der menschlichen Höhepunkte – ist die Anklage gegen die Geschichte.

«Damit jeder Mund gestopft und die ganze Welt vor Gott schuldig sei.» Der Jude hat ein «Besonderes» (3,1). Er kann es wissen, dass wir von Gott nichts wissen. Er kann Halt machen vor dem, was kein Auge gesehen, kein Ohr 63 gehört, was in keines Menschen Herz gekommen ist [vgl. 1.Kor. 2,9]. Er kann Gott fürchten. Religion ist die Möglichkeit, dass dem Menschen die letzte Zuversicht außer der auf Gott selbst, auf Gott allein genommen wird. Frömmigkeit ist die Möglichkeit, dass uns der letzte denk- und vorstellbare Boden auch noch unter den Füßen weggezogen wird. Das Votum der Geschichte, das gerade an die gerichtet ist, die es mit der Geschichte halten, kann gerade sie dahin bringen, dass sie, zum letzten Verzicht genötigt, vor Gott selbst verstummen. Wenn diese Möglichkeit sich realisiert, wenn die, die es mit dem Gesetz halten, hören, was das Gesetz sagt, hören, dass Gott allein recht hat, wenn ihre Religion zur Aufhebung auch ihrer Religion, ihre Frömmigkeit zur restlosen Beugung auch ihrer Frömmigkeit, ihre seelische und geschichtliche Höhe zur Erniedrigung aller menschlichen Höhe wird, wenn gerade mit ihrem Mund jeder rechthaberische, siegesgewisse, auch noch eine Wahrheit verkünden wollende menschliche Mund gestopft, wenn gerade in ihrer an der Spitze der Welt wandelnden Person die ganze Welt vor Gott schuldig wird – dann bestätigt, bewährt und bekräftigt sich ihr Besonderes. Dann tritt der ewige Sinn der Geschichte zutage. Dann behauptet Gott seine Treue zum Menschen, die sich durch die Untreue des Menschen nicht irre machen lässt.

«Es gibt keine Gerechtigkeit vor ihm auf Grund der Werke des Gesetzes für alles, was Fleisch heißt.» «Geh nicht ins Gericht mit deinem Knechte, denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht» (Ps. 143,2). «In Wahrheit, ich weiß, wie es steht: Wie sollte der Sterbliche vor dem |126 Herrn gerecht sein? Wenn er mit ihm ins Gericht gehen wollte, so könnte er sich nicht stellen, weil er unter tausenden nicht auf eines seiner Worte zu antworten vermöchte» (Hiob 9,2–3 LXX). «Längst verkündigt» (1,2) ist also wahrhaftig auch die Verallgemeinerung jener einzelnen Zeugnisse der Geschichte gegen die Geschichte, die wir uns in Erinnerung gerufen (3,10–18), ausdrücklich ausgesprochen auch die grundsätzliche Bedeutung, die wir ihnen beigemessen haben. Der «Lebendige» (Ps. 143[,2]), der ebenso gut der «Sterbliche» (Hiob 9) heißen kann, der Mensch zwischen Geburt und Tod, verhaftet in den Kampf ums Dasein, essend, trinkend, und vor allem schlafend, freiend und sich freien lassend [vgl. Mt. 24,38 par.], der geschichtliche, der zeitliche, der fleischliche Mensch, er ist als solcher nicht gerecht vor Gott. Fleisch heißt radikalste Unzulänglichkeit des Geschöpfs gegenüber dem Schöpfer, Fleisch heißt Unreinheit, Fortschritt im Kreis herum, Nur-Menschlichkeit. Fleisch heißt unqualifizierte und nach menschlichem Ermessen unqualifizierbare Weltlichkeit. Für alles, was Fleisch heißt, gibt es 64 keine Gerechtigkeit vor Gott. Denn die «Werke des Gesetzes», sofern Gott sie in des Menschen Herz schreibt (2,15), sprechen gegen den fleischlichen Menschen, nicht für ihn. Sie geben ihm keine Sicherung, keine Beruhigung, keine Entschuldigung. Sie sind Abbau, nicht Aufbau seiner Gerechtigkeit. Sie sind von uns aus, innerhalb der fleischlich-menschlichen Sphäre betrachtet, Negation, nicht Position. Sie sind immer nur von Gott aus betrachtet etwas Wertvolles, Schätzbares, Ausgezeichnetes. Es bleibt dem Menschen, den wir kennen, kein Halt, keine Ruhe, keine Festung, auch nicht in den verborgensten Tiefen und Untiefen seines Wesens, so gewiss Gott «das Verborgene der Menschen» richtet (2,16), nämlich das am Menschen, was nur ihm bekannt ist und bekannt sein kann. Es bleibt unter allen Werken des Menschen nichts übrig, was er zu seinen Gunsten aufführen könnte, so gewiss Gott und Gott allein einen jeden «bezahlt nach seinen Werken» (2,6). Was der Mensch für gerecht und würdig erklärt, das ist als solches Fleisch und vor Gott ungerecht und unwürdig. Was aber Gott für gerecht erklärt und nach seiner Schätzung «bezahlt», das ist als solches nicht Fleisch, nicht unser Eigenes, nicht in dieser Welt als Größe und Gewicht geltend zu machen. Gott allein ist die Antwort auf die Frage, ist die Hilfe aus der Not, die uns durch Distanzh zwischen Schöpfer und Geschöpf bereitet ist. Wohlberech|127tigt ist der Seufzer «Mein Geist ist betrübt in mir, mein Herz in mir erschüttert. Ich gedachte der alten Tage und sann nach über alle deine Worte. Ich breitete meine Hände aus nach dir, mein Herz vor dir wie ein dürres Land» (Ps. 143,4–6). Und wohl berechtigt ist die Klage: «Wenn er an mir vorübergeht, so sehe ich ihn nicht. Wenn er sich verwandelt, wer will ihn wieder umkehren heißen? oder wer wird zu ihm sagen: Was tatest du? Vor ihm werden gebeugt die Gewalten unter dem Himmel. Wer aber bin ich, dass er mich höre oder meine Worte vernehme? Wenn ich auch gerecht bin, so wird er mich doch nicht hören, sondern nur als den, der mich richtet, kann ich ihn anflehen. Wenn ich ihn auch anrufe und er hört mich, so kann ich’s doch nicht glauben, dass er meine Stimme gehört hat. Wird er mich nicht aufreiben in der Dunkelheit? Vielfach hat er mich ja mit Wunden geschlagen, wer weiß, warum? Er lässt mich nicht Atem schöpfen, er erfüllt mich mit Bitterkeit, er ist stärker als meine Kraft – wer wird seinem Gericht widerstehen? Denn wenn ich auch gerecht bin, so erklärt mich doch mein eigener Mund als gottlos; wenn ich auch tadellos bin, so erweise ich mich doch als falsch; wenn ich auch fromm bin, so weiß doch meine Seele nichts davon, außer dass mein Leben dahingerafft werden wird» (Hiob 9,11–21 LXX). Hier also: in der 65 Tiefe solchen Seufzens und Klagens muss Stellung nehmen, wer es mit dem Gesetz hält, wem es mit Religion und Frömmigkeit ernst ist. Er weiß, dass das «Werk des Gesetzes», das, was der Mensch wahrhaft in Gott tut, sein beständiges Gericht ist.

«Was durch das Gesetz zustande kommt, das ist die Erkenntnis der Sünde.» «Was hat der Jude Besonderes?» fragten wir (3,1). Die Antwort ist nun gegeben. Er hat ein Besonderes: er hat Gesetz, Offenbarungseindruck, Erlebnis, Religion, Frömmigkeit, Einsicht, Ausblick, biblische Haltung. Und das Gesetz eben ist es, das die, die das Gesetz haben, aus aller Sentimentalität und Romantik herausreißen und vor die offene Kluft zwischen Schöpfer und Geschöpf, Geist und Fleisch führen müsste. Das Gesetz stellt sie unter Anklage und erklärt sie vor Gott als Sünder. Das Gesetz nimmt ihnen alles Ihrige und liefert sie Gott aus auf Gnade oder Ungnade. Geschieht das, hört der Mensch das Votum des Gesetzes, versteht er also sich selbst in seiner Besonderheit, in seinem Erlebnis, in seiner Frömmigkeit, dann hört er letzte Wahrheit, Erlösungswahrheit und Versöhnungswahrheit, |128 Wahrheit von jenseits der Gräber. Im Hinblick auf solches Hören und Verstehen mögen wir sagen: Es gibt Höhepunkte der Geschichte. Sie sind dort zu finden, wo die Geschichte über sich selbst hinausweist, wo in der Geschichte ein Befremden, ein Entsetzen über die Geschichte stattfindet. Offenbarungseindruck ist ewige Realität, wo er als Eindruck nichts, als Hinweis auf Offenbarung alles ist. Das Harren der Frommen ist im Reiche Gottes, sofern sie wahrhaftig nur Harrende sind und gerade der Frömmigkeit ihres Harrens vergessen haben. Es ist ewiger Gehalt in allem Tatsächlichen, sofern alles bloß Tatsächliche ein Zeugnis ist seiner radikalen Fragwürdigkeit. Es nimmt alles Da-Sein und So-Sein Anteil am Sein, sofern sein Nicht-Sein erkannt ist. Und gerade der Blick auf Gott den Richter zeigt die einzige positive Beziehung zwischen hier und dort, es zeigt sich in der Erkenntnis der grundsätzlichen Entfernung zwischen Gott und Welt die eine einzigei mögliche Gegenwart Gottes in derj Welt. Denn im Lichte dieser grundsätzlichen, alles umfassenden Krisis wird Gott als Gott, in seiner Majestät, verstanden. – Das ist das Besondere des Juden, der Wert der Beschneidung. Als der unbekannte Gott wird Gott erkannt: als der, der den Gottlosen gerecht erklärt (4,5), der die Toten erweckt und das Nicht-Seiende als Seiendes anspricht (4,17), als der, an den man nur ohne Hoffnung auf Hoffnung hin glauben kann (4,18). Wenn der «Jude» diese besondere Möglichkeit realisiert, wenn er die Grenze zweier Welten, auf die er gestellt ist, als solche erkennt, dann mag er sich immerhin seines 66 Besonderen freuen. Aber dieses Realisieren und Erkennen liegt selbst schon jenseits der uns bekannten Möglichkeiten. Es ist das möglich werdende Unmögliche.

129

Jesus

3,21–26

V. 21‒22a Jetzt aber ist abgesehen vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes offenbart, die vom Gesetz und den Propheten bezeugt ist, nämlich die Gerechtigkeit Gottes durch seine Treue in Jesus Christus für alle, die glauben.

«Jetzt aber». Wir stehen vor einer umfassenden und unwiderstehlichen Aufhebung der Welt der Zeit, der Dinge und der Menschen, vor einer durchdringenden, aufs Letzte gehenden Krisis, vor einer Aufrollung alles Seins durch sein überlegenes Nicht-Sein. Welt ist Welt. Wir wissen nun (1,18-3,20), was das bedeutet. Aber woher diese Krisis? Woher auch nur das Bewusstsein davon, die Fähigkeit, sie auch nur ins Auge zu fassen? Woher die Möglichkeit, die Welt Welt zu nennen und sie als solche im Gegensatz zu einem andern, Unbekannten zu begrenzen? Woher die Möglichkeit, die Zeit als Zeit, die Dinge als Dinge, den Menschen als Menschen zu benennen und mit einem unvermeidlichen «nur» zu begreifen? Woher die Möglichkeit, alles Sein und Geschehen zu schätzen und – abzuschätzen mit den ehernen Gedanken der Dinglichkeit, der Bedingtheit, der Relativität? Aus welcher überlegenen Höhe diese kritischen Gedanken? Und aus welcher Tiefe unser Wissen von letzten unbekannten Dingen, an denen wir doch alles messen, unser erschütterndes Wissen von unserm Richter, den wir nicht schauen und von dem wir doch gerichtet sind? Alle diese Woher? weisen offenbar strahlenförmig zurück auf einen Punkt, von dem wir herkommen, auf eine Voraussetzung, von der wir ausgegangen sind. Von Dorther sind wir, ist die Welt geschaut, begrenzt, aufgehoben, aufgerollt, gerichtet. Aber kein Punkt neben andern Punkten ist dieser Punkt, und keine Voraussetzung neben andern Voraussetzungen ist diese Voraussetzung. Redet der Ursprung, redet Wiedererinnerung an unsre Heimat bei dem Herrn Himmels und der Erde [vgl. Mt. 11,25 par.], dann spaltet sich der Himmel und öffnen sich die Gräber [vgl. Mt. 27,52], dann steht die Sonne still zu Gibea, und der Mond im Tale Ajalon [vgl. Jos. 10,12]. Die unzeitliche Zeit also, den unräumlichen Ort, die unmögliche Möglichkeit, das Licht vom unerschaffnen Lichte9 bezeichnet das «Jetzt aber», mit dem 67 |130 die Botschaft von der Wendung, vom nahe herbeigekommenen Gottesreich, vom Ja im Nein, von der Errettung in der Welt, von der Freisprechung in der Verurteilung, von der Ewigkeit in der Zeit, vom Leben im Tode sich selbst begründet. «Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde verging» [Apk. 21,1]. Gott spricht.

«Abgesehen vom Gesetz». Dass Gott spricht, dass wir, von ihm erkannt, uns und die Welt in seinem Lichte sehen, das ist in und neben allen Religionen, allem Erleben, aller auf Gott gerichteten Haltung des Menschen etwas Anderes, Eigenes, Besonderes, Neues. Es geht durch alles Haben, teilweise Haben und Nicht-Haben der Menschen mitten hindurch. Es ist die Wahrheit aller Religion, aber eben darum nie identisch mit ihrer Wirklichkeit. Es ist der Sinn aller Religions- und Kirchengeschichte, ja aller Geschichte überhaupt, aber eben darum nicht ein Teil, nicht eine Strecke, nicht eine Geschichte in der Geschichte. (Es ist, sofern auch es eine Geschichte in der Geschichte hat, der Fragwürdigkeit aller geschichtlichen Dinge nicht entzogen.) Es ist die Begründung alles dessen, was als Offenbarungseindruck, Anbetung, Glaube (im weitesten Sinn) geschichtlich und seelisch anschaulich wird; es fällt aber eben darum nie und nirgends damit zusammen. Es wird nicht anschaulich neben andern Anschaulichkeiten; es wird anschaulich als das Unanschauliche. Die Stimme Gottes, die seine Kraft ist (1,16), ist und bleibt die Stimme Gottes. Wäre und bliebe sie es nicht, jenseits aller menschlichen Stimmen, so wäre sie nicht die Kraft Gottes. Gott spricht, wo «Gesetz» ist. Er spricht aber auch da, wo kein «Gesetz» ist. Er spricht auch da, wo «Gesetz» ist, nicht darum, weil «Gesetz» da ist, sondern, weil er sprechen will. Gott ist frei.

«Die Gerechtigkeit Gottes». Gott spricht, dass er ist, der er ist. Er rechtfertigt sich selbst vor sich selbst, indem er sich zum Menschen und seiner Welt bekennt, indem er nicht aufhört, sich seiner anzunehmen. Auch Gottes Zorn ist Gottes Gerechtigkeit (1,18). Es ist Gottes Gerechtigkeit, wie sie sich dem Unglauben enthüllt, der das göttliche Nein als Nein hören muss. Aber indem Gott zürnt über dem Unglauben, indem der Mensch ratlos anrennt an die ihm durch Gott gesetzte Schranke, indem er preisgegeben wird an Nicht-Gott, den Gott dieser Welt (1,22f.), ist Gott doch der, der er ist, der Schöpfer der |131 Welt, der Herr aller Dinge, Ja und nicht Nein. Dieses Ja spricht Gott aus. Er macht seinen Anspruch geltend. Es ist der bleibende, der endgültige, der letzte, der entscheidende Anspruch, der auf die Welt gemacht wird. Jenseits der Schranken, vor denen wir stehen, ist immer er, das ist der Inhalt seines Spruchs. Je mehr 68 sie uns in ihrer Schärfe und Unübersteigbarkeit zum Bewusstsein kommen, um so deutlicher und kraftvoller will Gott mit uns reden von seinem Recht und Reich. Je mehr alles Menschliche, all unser Eigenes, unser Gutes wie unser Böses, unser Glaube wie unser Unglaube, durchsichtig werden wie Glas, um so bestimmter sind wir, wie wir sind, von Gott gesehen und erkannt, im Bereich seiner Herrschaft, unter der Wirkung seiner Macht. Gerechtigkeit Gottes ist das Trotzdem!, mit dem Gott sich erklärt als unser Gott und uns zu sich rechnet, und unbegreiflich, grundlos, nur in sich selbst, nur in Gott begründet, von allem «Darum» rein ist dieses Trotzdem! Denn Gottes Wille kennt kein «Warum?». Er will, weil er Gott ist. Gerechtigkeit Gottes ist Vergebung, grundlegende Veränderung des Verhältnisses zwischen Gott und Mensch, Erklärung, dass die menschliche Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit und die durch sie geschaffene Lage der Welt vor ihm unbeträchtlich ist und ihn nicht hindert, uns die Seinigen zu nennen, damit wir die Seinigen seien. Gerechtigkeit Gottes ist k-justitia forensis, justitia aliena10: Der-k an nichts als an sein eigenes Recht gebundene Richter spricht. Und wie er spricht, dass es ist (nicht wie es irgendwie sonst ist), so ist es. Er spricht uns seine Feinde als seine Freunde an. «Darum ist das eine hohe Predigt und himmlische Weisheit, daß wir glauben, unsre Gerechtigkeit, Heil und Trost stehe außer uns, daß wir vor Gott seien gerecht, angenehm, heilig und weise und ist doch in uns |132 eitel Sünde, Ungerechtigkeit und Torheit» (Luther).11 Gerechtigkeit Gottes ist Selbstbefreiung der von uns gefangen gehaltenen Wahrheit (1,18), ganz abgesehen von allem, was unsrerseits zu dieser Befreiung tunlich, möglich oder auch nur denkbar ist, also wörtlich und im strengsten Sinn: Reich, königliche Machtentfaltung Gottes, Wunder, Auferstehung. Gerechtigkeit Gottes ist der Stand in der Luft, außerhalb aller uns bekannten Standmöglichkeit, dort, wo wir nur noch von Gott, von Gott selbst, von Gott allein gehalten sind, dort, wo wir auf Gnade oder Ungnade in seiner Hand sind. – Das ist Gottes Gerechtigkeit, Gottes und der Menschen positives Verhältnis und «von diesem Artikel kann man nicht weichen oder nachgeben, es falle Himmel oder Erde oder was nicht bleiben will» (Luther)12. Kann man denn angesichts der beiläufig 150000 Jahre menschlicher Fragwürdigkeit13 ein anderes positives Verhältnis, etwa ein direktes, geschichtlich und seelisch anschauliches Verhältnis überhaupt in Betracht ziehen? Gibt es auf die Geschichte Asiens, Afrikas und Amerikas, um von Europa nicht zu reden, eine andre Antwort als Gott selbst, Gott allein, Gottes Barmherzigkeit?

Dass Gott gerecht ist, das «ist offenbart». Und das ist 69 unser Woher? und unser Dorther!, unser «Jetzt aber», dass diese Antwort: Gottes Barmherzigkeit triumphiert! uns gegeben ist, dass dieses positive Verhältnis von Gott und Mensch, das absolut paradoxe, besteht. Das ist der Inhalt der Heilsbotschaft (1,1.16), der hier unter Furcht und Zittern, aber unter dem Druck unausweichlicher Notwendigkeit verkündigt wird: das Ewige als Ereignisl Wir verkündigen die Er|133kenntnis des unbekannten Gottes, des Herrn Himmels und der Erde, der nicht in Tempeln wohnt, die von Händen gemacht sind, der niemandes bedarf und der als solcher allen Leben und Atem und alles gibt. Wir verkündigen, dass alles, was dem Menschen von ihm gegeben ist, dazu gegeben ist, dass sie ihn suchten, ihn, der nicht ferne ist einem jeglichen unter uns, ihn, in dem wir leben, weben und sind jenseits alles dessen, was wir leben, weben und sind, ihn, dessen Art dem Menschen auch in seiner Entartung treu bleibt. Wir verkündigen, dass eben darum, weil Gottes Art dem Menschen treu bleibt, die Gottheit keinem Gebilde menschlicher Kunst und Erfindung gleichgesetzt werden kann, dass Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, «jetzt aber» allen Menschen allenthalben ansagen lässt, Buße zu tun. Wir verkündigen den Anbruch des Tages, an dem Gott die Menschenwelt richten will in Gerechtigkeit, in seiner Gerechtigkeit (Act. 17,23–31)! Gottes Gerechtigkeit ist offenbart. Wir können nicht mehr nicht rechnen mit ihr. Wir können das Gegebene nicht mehr anders sehen als im Lichte dieses Vorhergegebenen. Wir können nicht mehr anderswoher kommen als von dieser Voraussetzung her. Wir können das Nein, unter dem wir stehen, nicht mehr anders hören, als aus dem göttlichen Ja heraus, die Stimme menschlicher Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit nicht mehr anders als getragen von der tieferen Stimme der göttlichen Vergebung, den Schrei menschlichen Trotzes nicht mehr anders als übertönt von der ruhigen Harmonie des göttlichen Trotzdem. Nicht mehr anders? Gewiss, sofern wir glauben, was offenbart ist, nicht mehr anders. Sofern wir glauben, sehen wir den Menschen aufgehoben von Gott, aber eben darum auch aufgehoben bei Gott. Wir sehen ihn durch Gott begrenzt, beschränkt, umzäunt, aber eben dieses Begrenzende ist auch sein eigenes Erstes und Letztes. Wir sehen ihn gerichtet, aber eben damit auch zurechtgebracht. Wir sehen Sinn im Un-Sinn der Geschichte. Wir sehen die Wahrheit ihre Fesseln zerreißen. Wir sehen im Menschen mehr als «Fleisch». Wir sehen hereinbrechende Errettung. Wir sehen Gottes beharrende Treue auch im Zusammenbruch der höchsten menschli|134chen Erwartungen und Hoffnungen. Von diesem Offenbarten, Erschienenen, Gezeigten und von uns Ge70sehenen kommen wir her. Von diesem Offenbarten reden wir. Für dieses Offenbarte möchten wir um Aufmerksamkeit werben, wo Augen und Ohren sind, zu sehen und zu hören.

Und dieses Offenbarte, Gottes Gerechtigkeit, ist «bezeugt vom Gesetz und den Propheten». Es ist «längst verkündigt» (1,2). Abraham sah den Tag, da Gott die Welt richtet in Gerechtigkeit [vgl. Joh. 8,56]. Mose sah ihn. Die Propheten sahen ihn. Hiob und die Psalmsänger sahen ihn. Wir haben eine Wolke von Zeugen um uns [vgl. Hebr. 12,1], die alle im Lichte dieses Tages standen; denn der Sinn jeder Epoche ist unmittelbar zu Gott15. Gottes Gerechtigkeit ist die Erfüllung aller Verheißung. Sie ist der Sinn aller Religion. Sie ist die Beantwortung alles menschlichen Hoffens, Sehnens, Strebens und Harrens, um so sicherer, je mehr es nichts anderes sein will als eben Hoffen. Sie ist der ewige Gehalt alles Da-Seins und So-Seins, je deutlicher es unter dem Gericht, unter dem Nein steht. Sie ist der Sinn aller Geschichte, je mehr die Geschichte ihre eigene Anklägerin wird. Sie ist die Erlösung alles Geschaffenen, je bestimmter es, in seiner bloßen Kreatürlichkeit erkannt, über sich selbst hinausweist. Wo Offenbarungseindruck ist – und wo wäre solcher Eindruck gar nicht? –, da ist, und wenn er verhüllt wäre von Deisidämonie und ehrfürchtigem Unwissen schlimmster Art, auch der Hinweis auf den unbekannten Gott (Act. 17,22–23). Wo und wann hätten es nicht «etliche eurer Dichter» auch gesagt? (Act. 17,28). Wo Erlebnis ist, da ist auch Zeugnis von möglicher Erkenntnis. Kein Neues verkündigen wir, aber die wesentliche Wahrheit in allem Alten, das Unvergängliche, dessen Gleichnis alles Vergängliche ist. Dass die Gleichnisse reden, dass die Zeugnisse zeigen, dass die Augen sehen, was schon vor ihnen steht, und die Ohren hören, was schon mit ihnen redet, dass in Wahrheit geglaubt wird, was in der Kirche Gottes immer, überall und von allen geglaubt wurde16, darum handelt es sich.

135Gottes Gerechtigkeit offenbart sich «durch seine Treue in Jesus Christus». Treue Gottes ist jenes göttliche Beharren, kraft welcher es an vielen zerstreuten Punkten der Geschichte immer wieder Möglichkeiten, Gelegenheiten, Zeugnisse für die Erkenntnis seiner Gerechtigkeit gibt. Jesus von Nazareth ist unter diesen vielen Punkten derjenige, an demm die übrigen in ihrer zusammenhängenden Bedeutung als Linie, als der eigentliche rote Faden der Geschichte erkannt werden. Christus ist der Inhalt dieser Erkenntnis: die Gerechtigkeit Gottes selbst. Die Treue Gottes, Jesus der Christus, eines muss sich an dem andern bewähren. – Die Treue Gottes bewährt sich darin, dass uns in Jesus der Christus 71 begegnet. Wir können darum aller menschlichen Unzulänglichkeit zum Trotz in den zerstreuten geschichtlichen Hinweisen auf Gott wirkliche Möglichkeiten für Gott sehen, wir können darum in den weltlichen Spuren göttlicher Kundgebung mehr als weltlichen Zufall finden, wir können uns darum an unsrer Stelle in der Zeit ewiger Verheißung getrösten, weil und wenn wir an einer Stelle der Zeit, an einem Punkte der Wirklichkeit durchleuchteter Zeit, durchleuchteter Wirklichkeit, göttlicher Antwort, Wahrheit anderer Ordnung begegnen. Der Tag Jesu des Christus ist der Tag aller Tage. Das offenbare und gesehene Licht dieses einen Punktes ist das verborgene, das unsichtbare Licht aller Punkte. Einmalige Erkenntnis der Gerechtigkeit Gottes hier ist «Hoffnung der Gerechtigkeit» (Gal. 5,5) für alle­mal und überall. Jesus, erkannt als der Christus, bestätigt, bewährt und bekräftigt alles menschliche Harren. Er ist die Mitteilung, dass es nicht der Mensch, sondern Gott in seiner Treue ist, der harrt. – Dass wir gerade in Jesus von Nazareth den Christus gefunden haben, bewährt sich darin, dass alle Kundgebungen der Treue Gottes Hinweise und Weissagungen sind auf das, was uns eben in Jesus begegnet ist. Die verborgene Kraft des Gesetzes und der Propheten ist der Christus, der uns in Jesus begegnet. Der Sinn aller Religion ist die Erlösung, die Zeitenwende, die Auferstehung, das Unanschauliche Gottes, das uns eben in Jesus zum Stillstehen |136 zwingt. Der Gehalt alles menschlichen Geschehens ist die Vergebung, unter der es steht, wie sie eben von Jesus verkündigt, in ihm verkörpert ist. Dass diese Kraft, dieser Sinn, dieser Gehalt auch anderswo als in Jesus gefunden werde, das braucht uns niemand vorzuhalten, wir selbst sind es, die ja gerade das behaupten, gerade wir können es behaupten. Denn dass Gott allenthalben gefunden wird, dass die Menschheit vor und nach Jesus von Gott gefunden ist, der Maßstab, an dem alles Finden Gottes, alles Von-Gott-gefunden-Werden als solches erkennbar wird, die Möglichkeit, dieses Finden und Gefunden-Werden zu begreifen als Wahrheit ewiger Ordnung – das eben wird in Jesus erkannt und gefunden. Viele wandeln im Lichte der Erlösung, der Vergebung, der Auferstehung; dass wir sie wandeln sehen, dass wir Augen dafür haben, das verdanken wir dem Einen. In seinem Lichte sehen wir das Licht [vgl. Ps. 36,10]. – Und dass es der Christus ist, was wir in Jesus gefunden, das bewährt sich darin, dass Jesus das letzte, das alle andern erklärende und auf den schärfsten Ausdruck bringende Wort der vom Gesetz und den Propheten bezeugten Treue Gottes ist. Die Treue Gottes ist sein Hineingehen und Verharren in der tiefsten menschlichen Fragwürdigkeit und Finsternis. Das Leben Jesu aber ist der vollkommene Gehor72sam gegen den Willen des treuen Gottes. Er stellt sich als Sünder zu den Sündern. Er stellt sich selbst gänzlich unter das Gericht, unter dem die Welt steht. Er stellt sich selbst dorthin, wo Gott nur noch als Frage nach Gott gegenwärtig sein kann. Er nimmt Knechtsgestalt an [vgl. Phil. 2,7]. Er geht zum Kreuz, in den Tod. Er ist auf der Höhe, am Ziel seines Weges eine rein negative Größe: keinesfalls Genie, keinesfalls Träger manifester oder okkulter psychischer Kräfte, keinesfalls Held, Führer, Dichter oder Denker, und gerade an dieser Negation («Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?» [vgl. Mt. 27,46 par.]), gerade darin, dass er einem unmöglichen Mehr, einem unanschaulichen Andern opfert alle genialen, psychischen, heldischen, ästhetischen, philosophischen, überhaupt alle denkbaren menschlichen Möglichkeiten, gerade darin ist er der Erfüller der über sich selbst hinaus weisenden, in Gesetz und Propheten aufs Höchste sich steigernden menschlichen Entwicklungsmöglichkeiten. Darum hat ihn Gott erhöht [vgl. Phil. 2,9], darin wird er als der Christus erkannt, damit wird er das Licht der letzten Dinge, das über allen und allem leuchtet. Wir sehen in ihm Gottes Treue wirk|137lich in der Tiefe der Hölle. Der Messias ist das Ende desn Menschen. Auch da, gerade da ist Gott treu. Der neue Tag der Gerechtigkeit Gottes will anbrechen mit dem Tag des «aufgehobenen» Menschen.

«Für alle, die glauben». Das ist das fruchtbare Aber! Das Sehen des neuen Tages ist und bleibt indirekt, die Offenbarung in Jesus ein paradoxes Faktum – so objektiv, so allgemeingültig ihr Inhalt ist. Dass die Verheißungen der Treue Gottes in Jesus dem Christus erfüllt sind, dass gerade Jesus der Christus ist, auf den alle Verheißungen hinweisen, und dass Jesus gerade darum der Christus ist, weil in ihm die Treue Gottes in ihrer letzten Verborgenheit, in ihrem tiefsten Geheimnis erscheint, das alles ist nicht selbstverständlich und wird es nie. Es ist keine seelische, geschichtliche, kosmische, naturhafte Gegebenheit, auch nicht eine solche höchsten Ranges. Es wird nicht durch direkte Einsichtnahme zugänglich: weder durch Erschließungen des Unbewussten17, noch durch mystische Versenkung im Gebet18, noch durch Entwicklung okkulter Geistesfähigkeiten19; es wird vielmehr durch |138 alle Versuche in dieser Richtung nur um so unzugänglicher. Es kann weder überliefert, noch gelehrt, noch erarbeitet werden; wäre es anders, so wäre es ja nicht das Allgemeingültige, nicht Gottes Gerechtigkeit für die Welt, nicht Errettung für alle. Glaube ist die Umkehrung, die radikale Neuorientierung des nackt vor Gott stehenden, des zum Erwerb der einen kostbaren Perle arm gewordenen [vgl. Mt. 13,45–46], des um Jesu willen auch seine Seele verlierenden Menschen [vgl. Mt. 16,25 par.]. Glaube ist selbst Treue Gottes, immer noch und immer 73 wieder verborgen hinter und über allen menschlichen Bejahungen, Gesinntheiten, Errungenschaften Gott gegenüber. Glaube ist darum nie fertig, nie gegeben, nie gesichert, er ist, von der Psychologie aus gesehen, immer und immer aufs neue der Sprung ins Ungewisse, ins Dunkle, in die leere Luft. Fleisch und Blut offenbart uns das nicht (Mat. 16,17): kein Mensch kann es dem andern, keiner sich selber sagen. Was ich gestern hörte, muss ich heute neu hören, werde ich morgen wieder neu hören müssen, und immer ist der Offenbarende Jesu Vater im Himmel, nur er. Die Offenbarung in Jesus ist ja, eben indem sie Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes ist, zugleich die denkbar stärkste Verhüllung und Unkenntlichmachung Gottes. In Jesus wird Gott wahrhaft Geheimnis, macht er sich bekannt als der Unbekannte, redet er als der ewig Schweigende. In Jesus erwehrt sich Gott aller zudringlichen Vertraulichkeit, aller religiösen Unverschämtheit. In Jesus offenbart, wird Gott den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit [vgl. 1.Kor. 1,23]. In Jesus beginnt die Mitteilung Gottes mit einem Zurückstoßen, mit dem Aufreißen eines klaffenden Abgrundes, mit der bewussten Darbietung des kräftigsten Ärgernisses. «Nimm die Möglichkeit des Ärgernisses weg, wie man in der Christenheit getan hat, so ist das ganze Christentum direkte Mitteilung, und dann ist das ganze Christentum abgeschafft. Es ist ein leichtes oberflächliches Etwas geworden, das weder tief genug verwundet noch heilt, die unwahre Erfindung des bloß menschlichen Mitleids, die den unendlichen qualitativen Unterschied zwischen Gott und Mensch vergißt» (Kierkegaard).20 Glaube an Jesus ist das |139 radikale Trotzdem, wie auch sein Inhalt, Gottes Gerechtigkeit, radikales Trotzdem ist. Glaube an Jesus ist das Unerhörte, des gänzlich «lieblosen» Gottes Liebe zu empfinden und zu begreifen, den immer anstößigen und ärgerlichen Willen Gottes zu tun, Gott in seiner ganzen Unanschaulichkeit und Verborgenheit Gott zu nennen. Glaube an Jesus ist das Wagnis aller Wagnisse. Dieses Trotzdem, dieses Unerhörte, dieses Wagnis ist der Weg, den wir zeigen. Wir fordern Glauben, nicht mehr und nicht weniger. Wir fordern ihn nicht in unserm eigenen Namen, sondern im Namen Jesu, in welchem uns selbst diese Forderung in unentrinnbarer Weise begegnet ist. Wir fordern nicht Glauben an unsern Glauben; denn wir wissen, dass das an unserm Glauben, was von uns ist, unglaubwürdig ist. Wir fordern nicht unsern Glauben von andern Menschen; denn wenn andere glauben werden, so werden sie es wie wir selbst auf eigene Gefahr und Verheißung tun. Wir fordern Glauben an Jesus. Wir fordern ihn von allen, von allen jetzt und hier, auf der Lebensstufe, auf der sie sich eben befinden. Es gibt keine menschlichen Voraus74setzungen (pädagogische, intellektuelle, ökonomische, psychologische etwa), die dem Glauben vorgängig erfüllt sein müssten. Es gibt keine menschliche Hinzuleitung, keinen Heilsweg, keine Stufenleiter zum Glauben, die etwa zuerst zurückgelegt sein müsste. Glaube ist immer das erste, die Voraussetzung, die Begründung. Man kann als Jude und als Grieche, als Kind und als Greis, als Gebildeter und als Ungebildeter, als einfacher und als komplizierter Mensch, man kann im Sturm und in der Stille, man kann auf allen Stufen aller nur erdenklichen menschlichen Stufenleitern glauben. Die Forderung des Glaubens geht durch alle Unterschiede der Religion, der Moral, der Lebensführung und Lebenserfahrung, der Einsicht und der sozialen Stellung quer hindurch. Glauben ist für alle gleich leicht und gleich schwer. Glauben ist immer das gleiche Trotzdem, das gleiche Unerhörte, das gleiche Wagnis. Glauben bedeutet für alle die gleiche Verlegenheit und die gleiche Verheißung. Glauben ist für alle der gleiche Sprung ins Leere. Er ist allen möglich, weil er allen gleich unmöglich ist.

V. 22b‒24 Denn es ist kein Unterschied: sie sündigten alle und entbehren der Herrlichkeit Gottes, gerecht erklärt werden sie geschenkweise durch seine Gnade mittelst der Erlösung, die im Christus Jesus ist.

140«Merke: dies ist das Hauptstück und der Mittelplatz dieser Epistel und der ganzen Schrift» (Luther).21

«Es ist kein Unterschied». Die Realität der Gerechtigkeit Gottes bewährt sich in ihrer Universalität. Es ist kein Zufall, dass gerade Paulus, der bei Jesus den Mut gewinnt, auf Gnade allein zu vertrauen, in Jesus auch die göttliche Durchbrechung aller menschlichen Unterschiede sieht. Er hat dort Mut, weil er hier sieht. Er ist der Prophet des Gottesreiches, weil er der Apostel der Heiden ist, im Unterschied zu dem, was später, wo dieser Zusammenhang undeutlich wird, «Mission» heißt. Die Mission des Paulus richtet nicht Unterschiede auf, sondern sie reißt alle Unterschiede ab: Nur indem die Menschen aller Stufen nebeneinander treten, nur indem auch die, die auf den obersten Stufen wohnen, nichts anderes wollen denn «als der Menschheit höchste Kraft mitleidend tragen die Beschwerden der ganzen Zeitgenossenschaft» (S. Preiswerk)22, nur indem die geistlich Reichen ihres Reichtums nicht gedenken (auch nicht um davon auszuteilen!), sondern als die Armen der Armen Brüder werden, nur darin wird Gott erkannt. Nur in der Tiefe realster Gemeinschaft ist auch die aufhebende und tragende Barmherzigkeit Gottes wahr. Der betende Pharisäer [vgl. Lk. 18,11–12] kann wohl Missionar, aber nicht Missionar des Gottesreiches werden. Die ungewohnte Ver75bindung (zwischen Mensch und Mensch) ist es, die die ungewohnte, die heilsame Trennung (zwischen Gott und Mensch), in der Gottes Gerechtigkeit erkannt wird, klarstellen und sicherstellen muss. Es ist ja notwendig, dass das Paradox absolut, dass der Abgrund zwischen Gott und Mensch ganz aufgerissen, dass das Ärgernis ganz gegeben, dass das Christentum ganz als das hingestellt wird, was es ist, als «ein in der Geschichte alles in Frage stellendes Problem von fundamental rätsel|141hafter Natur» (Overbeck)23. Es könnte aber noch etwas übrig bleiben von menschlichen Möglichkeiten, das Paradox zu umgehen, etwas Irreales, Illusionäres, etwas bloß Religiöses, Erlebnishaftes, Moralisches, Intellektuelles, das nicht die allein gewisse und rettende Barmherzigkeit Gottes wäre, solange der Wahn eines bevorzugten Seins und Habens der einen vor den andern nicht ganz abgeschnitten ist. Es muss also gehört und immer wieder gehört werden: «es ist kein Unterschied»! Glaube, Glaube allein ist die Forderung, die an alle gerichtet ist, ist der Weg, den alle gehen können – und doch nicht können. Es muss alles Fleisch stillgestellt werden vor der göttlichen Unanschaulichkeit, damit alles Fleisch den Heiland Gottes sehe [vgl. Lk. 3,6].

«Sie sündigten alle und entbehren der Herrlichkeit Gottes.» In dieser Einsicht vollzieht sich die Aufhebung aller Unterschiede, die ungewohnte Verbindung, die die ungewohnte Trennung gewährleisten muss. Es kann nicht etwas menschlich Positives sein, worin unsre Solidarität untereinander begründet ist. Denn in allem menschlich Positiven («religiöse Anlage», «sittliches Bewusstsein», «Humanität») stecken immer schon die Keime sozialer Zersetzung. Was positiv ist an diesem Positiven, das ist etwas Differenziertes und Differenzen Begründendes. Reale Gemeinschaft zwischen Menschen findet statt im Negativen, in dem, was ihnen fehlt. Als Brüder erkennen wir uns, indem wir uns als Sünder erkennen. Festen Boden hat unsre Solidarität mit den andern dann, wenn wir mit ihnen (oder ohne sie, denn wir dürfen nicht auf die andern warten!) über alles, was wir sind und haben, hinausgreifen und uns selbst begreifen in unsrer radikalen Fragwürdigkeit. «Sie entbehren der Herrlichkeit Gottes.» Die Herrlichkeit Gottes ist Gottes Anschaulichkeit («Gloria divinitas conspicua», Bengel24). Diese Anschaulichkeit fehlt uns. Das ist’s, was uns einigt. Dahin müssen alle Hohen hinuntersteigen, und selig sind, die schon weit unten stehen; denn da, wo es an Anschaulichkeit Gottes fehlt, da entsteht die Glaubensfrage («nicht sehen und doch glauben» [vgl. Joh. |142 20,29]). Da wird die Vergebung, die einzige Rettung, die in Betracht kommt, zu einer sinnvollen Möglichkeit. Mit Pessimismus, Zerknirschtheit und Sündenjammer, mit der 76 «dicken Schwermut» der «Prediger des Todes» (Nietzsche)25, mit dem Gegensatz von orientalischer Selbstzerfleischung26 und griechischer Heiterkeit hat diese Erkenntnis nichts zu tun. Man könnte sie ja ebensowohl als dionysischen Enthusiasmus auffassen, wenn sie nicht weder dies noch jenes wäre, wenn ihr Nein nicht das Nein wäre, das sich ebenso gegen die höchste Lebensverneinung wie gegen die höchste Lebensbejahung wendet, wenn sie nicht Juden und Griechen unter ein Gericht beugte. Sie ist, eben als Erkenntnis unsres tiefsten letzten Entbehrens (unsres Entbehrens in unserm Ja wie in unserm Nein!), Erkenntnis der wahren, der jenseitigen, der ursprünglichen Menschlichkeit. In dieser reinen Menschlichkeit ist der Mensch in der Hand göttlicher Barmherzigkeit.

«Gerecht erklärt werden sie geschenkweise durch seine Gnade.» Dass wir real vor Gott stehen, das ist uns dann verbürgt, wenn wir nichts mehr hören können als das Wort des Richters, mit dem er sich selbst behauptet und – alle Dinge trägt (Hebr. 1,3), wenn unser Hören nichts anderes mehr sein kann als Glaubeno an Gott, Glaube, dass er ist, weil er ist! Solange noch andere Motive wirksam sind als der Glaube, stehen wir nicht vor Gott. Eben darum mussten wir hinter alle Unterschiede zwischen uns Menschen zurückgehen. Gott «erklärt». Er erklärt seine Gerechtigkeit als die Wahrheit hinter und über aller Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen. Er erklärt, dass er sich zu uns bekennt und dass wir zu ihm gehören. Er erklärt, dass wir, seine Feinde, seine geliebten Kinder sind. Er erklärt seinen Beschluss, sein Recht aufzurichten in umfassendster Erneuerung des Himmels |143 und der Erde [vgl. 2.Petr. 3,13]. Forensischer, ursach- und bedingungsloser, nur in Gott selbst begründeter Spruch ist diese Erklärung, creatio ex nihilo, Schöpfung aus dem Nichts. Gewiss: Schöpfung, Schöpfung eines Etwas, Schöpfung einer wirklichen göttlichen Gerechtigkeit in uns und in der Welt ist diese Schöpfung. Denn wenn Gott spricht, so geschieht es [vgl. Ps. 33,9]. Aber neue Schöpfung ist diese Schöpfung, nicht bloß neuer Ausbruch, neuer Erguss, neue Entfaltung aus der alten «schöpferischen Entwicklung»27, in der wir stehen und stehen werden bis an das Ende unsrer Tage. Zwischen der alten und der neuen Schöpfung steht immer das Ende unsrer Tage, das Ende dieses Menschen und dieser Welt. Anderer, ewiger Ordnung ist das Etwas, das Gottes Wort schafft, als alles «Etwas», das wir sonst kennen, nicht geht es aus diesem hervor, nicht reiht es sich ihm an, immer ist und bleibt es neben diesem sonstigen «Etwas» – Nichts: Fleischp und Blut kann das Reich Gottes nicht ererben, so gewiss dieses Sterbliche anziehen muss die Unsterblichkeit und dieses Verwesliche die Unverweslichkeit. 77 Es ist und bleibt, sofern dieses «Anziehen» Gottes und nicht des Menschen Werk ist, das Sterbliche und Verwesliche in der Erwartung des radikalen Wechsels seiner Prädikate, der Verwandlung, der Auferstehung der Toten (1.Kor. 15,50–57). «Wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde» [vgl. 2.Petr. 3,13]. Und so wird auch Gottes Gerechtigkeit in uns und in der Welt nicht menschliche Gerechtigkeit, nicht tritt sie konkurrierend neben die Menschengerechtigkeiten, sondern «euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott» (Kol. 3,3). Ist es nicht verborgen, so ist es nicht Leben! Nicht «angebrochen» ist das Reich Gottes auf Erden, auch nicht in den kleinsten Partikeln, wohl aber angekündigt, nicht «gekommen», auch nicht in der sublimsten Form, wohl aber nahe herbeigekommen [vgl. Mt. 4,17 par.]. Es muss immer wieder, es muss in seiner Offenbarung in Jesus erst recht – geglaubt werden. Denn angekündigt und nahe herbeigekommen q-ist es als neue Welt, nicht als |144 Fortsetzung der alten-q. Wirklich ist und bleibt «unsre» Gerechtigkeit nur als Gottes Gerechtigkeit. Neue Welt ist und bleibt nur die ewige Welt, in deren Widerschein wir jetzt und hier stehen. Wahrheit ist und bleibt die uns zugewendete göttliche Barmherzigkeit nur als Wunder («senkrecht von oben»); ihre geschichtliche und seelische Seite ist immer ihre Unwahrheit. Real vor Gott stehen wir, sofern wir der Realisierung seines Worts im Glauben warten, sofern wir immer wieder begreifen: diese Erklärung, dass wir vor Gott und von Gott aus gerecht sind, geschieht «geschenkweise durch seine Gnade», allein durch seine Gnade. Gnade ist Gottes guter freier Wille, sich unser anzunehmen, die Notwendigkeit dazu, die von ihm aus, nur von ihm aus bestehtr. Dass Gott denen, die reinen Herzens seiner Herrlichkeit entbehren, verheißen muss: sie sollen mich schauen von Angesicht zu Angesicht! [vgl. Mt. 5,8; Ex. 33,11; Dtn. 34,10; 1.Kor. 13,12], dass die gefangen gehaltene Wahrheit Gottes ihre Fesseln zerreißens muss, dass Gott uns ohne Anlass unsrerseits seine Treue halten und beweisen muss – nur weil er Gott ist – das ist die Übermacht der Gnade. Gnade wird keine psychische Kraft in diesem Menschen, keine physische Kraft in dieser Natur, keine kosmische Kraft in dieser Welt. Sie ist und bleibt immer Gottes Kraft (1,16), Ankündigung des neuen Menschen, der neuen Natur, der neuen Welt, des Gottesreiches. Sie ist und bleibt hierseits negativ, unsichtbar, verborgen und wirkt als die Proklamation des Vergehens dieser Welt [vgl. 1.Joh. 2,17], des Endes aller Dinge [vgl. 1.Petr. 4,7] erschütternd, beunruhigend, untergrabend auf alles Hierseitige. Dass sie lauter Ja ist, Rettung, Trost und Aufbau, dass der innere Mensch im Vergehen des äußeren von Tag zu Tage erneuert wird [vgl. 2.Kor. 4,16], das ist wahr durch Gottes 78 Schöpferwort am Tag aller Tage, das muss auf Gottes Schöpferwort hin im Blick auf den in Jesus angekündigten Tag der Erfüllung – geglaubt werden.

Denn «durch die Erlösung, die im Christus Jesus ist», ist dieses Schöpferwort gesprochen. Was ist im Christus Jesus? Das Entsetzenerregende, dass in der Geschichte eine Aufhebung dieser Geschichte, im bekannten Zusammenhang der Dinge eine Zerreißung dieses Zu|145sammenhangs, in der Zeit eine Stillstellung dieser Zeit stattfindet: «Dein Name werde geheiligt! Dein Reich komme! Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel!» [Mt. 6,9–10 par.] Der Menschensohn verkündigt das Sterben dieses Menschen, verkündigt Gott als den Ersten und Letzten. Und das Echo antwortet, als unzweideutiges Zeugnis dessen, was da verkündigt wird: «Er predigt gewaltig» [vgl. Mt. 7,29 par.], «Er ist von Sinnen» [Mk. 3,21], «Er verführt das Volk» [Joh. 7,12], «Er ist der Zöllner und Sünder Geselle» [vgl. Mt. 11,19 par.]. Eine Möglichkeit unter andern Möglichkeiten ist Jesus von Nazareth, der «Christus nach dem Fleische» [vgl. 2.Kor. 5,16], aber die Möglichkeit, die alle Symptome des Unmöglichen an sich trägt. Eine Geschichte in der Geschichte, dinglich unter Dingen, zeitlich in der Zeit, menschlich in der Menschheit ist sein Leben, aber Geschichte voll Sinn, Dinglichkeit voll Hinweis auf Ursprung und Ende, Zeit voll Erinnerung der Ewigkeit, Menschlichkeit voll redender Gottheit. In der Weltlichkeit dieses Stückes Welt löst sich (vor sehenden Augen, vor hörenden Ohren! [vgl. Mt. 13,13 par.]) etwas von dieser Welt, das gibt der Welt einen neuen Schein, das leuchtet wohl mitten in der Nacht28, das ist – Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen des Wohlgefallens! [Lk. 2,14] – Gott selber, der alle Weltlichkeit zu sich ziehen, der einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen will [vgl. 2.Petr. 3,13]. Wir sehen jetzt das Bild dieser Welt und ihrer Reiche: groß und hoch und sehr glänzend und schrecklich anzusehen, aus Gold, Silber, Erz, Eisen und Ton gefügt. Wir sehen aber auch in der Verborgenheit des Lebens Jesu den Stein sich t-lösen, der das Bild an seine Füße trifft und zermalmt sie ohne Zutun von Menschenhand-t, und es wird zermalmt das ganze Bild, verweht vom Wind wie Spreu auf der Sommertenne. «Der Stein aber, |146 der das Bild schlug, ward ein großer Berg, dass er die ganze Welt füllte» (Dan. 2,27–35). Der Satan ist vom Himmel gefallen wie ein Blitz [vgl. Lk. 10,18], sein Reich ist aus, das Reich Gottes kommt, so gewiss seine Vorboten da sind: «Die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein, die Tauben hören, die Toten stehen auf und den Armen wird die Heilsbotschaft verkündigt und – selig ist, wer sich nicht an mir ärgert», wer durch die Weltlichkeit dieses Stü­­ckes Welt, des «Lebens Jesu» hindurch sieht die kommende 79 Erlösung, hört das schöpferische Reden Gottes, wer hinfort keines andern mehr wartet, sondern von dieser Erlösung, von diesem Reden Gottes alles erwartet (Mt. 11,1–4 [par.]). Selig ist, wer glaubt, was nur geglaubt werden, was aber angesichts dessen, was im Christus Jesus ist, geglaubt werden kann.

V. 25‒26 Diesen bestimmte Gott zur Versöhnungsdecke durch seine Treue in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit in der Vergebung der früher unter seinem Ansichhalten geschehenen Sünden, zum Erweis seiner Gerechtigkeit im jetzigen Augenblick: dass er es sei, der gerecht ist und gerecht erklärt den, der in der ­Treue, die in Jesus sich bewährt, begründet ist.

«Diesen bestimmte Gott zur Versöhnungsdecke durch seine Treue in seinem Blut.» Die29 «Versöhnungsdecke» ist im alttestamentlichen Kultus die Kapporeth (das Hilasterion LXX), die goldene Platte, die, von zwei Engelgestalten (Cherubim) mit ihren Flügeln überschattet, den Inhalt der Bundeslade, die Kundgebungen Gottes, zugleich anzeigt und bedeckt (Ex. 25,17–21). Sie ist der Ort, über dem Gott selbst wohnt (1.Sam. 4,4; 2.Sam. 6,2; Ps. 80,2), der Ort, von wo aus Gott mit Mose redet (Ex. 25,22; Num. 7,89), vor allem aber der Ort, wo am großen Versöhnungstag die Versöhnung des Volkes mit seinem Gott unter Besprengung mit Blut vollzogen wird (Lev. 16,14–15). Gerade dass sie nur Ort und nicht mehr, aber höchst qualifizierter Ort ist, ist der überaus treffende Vergleichspunkt mit Jesus. Als solcher Ort, über |147 dem Gott wohnt, von wo aus er redet, als Ort der Versöhnung ist Jesus von Ewigkeit her im Ratschlusse Gottes bestimmt und jetzt, in der Zeit, vor die Menschen hin, in die Geschichte hineingestellt. Das Leben Jesu ist der von Gott zur Versöhnung qualifizierte, der von ihm zum Zweck der Versöhnung gleichsam unterminierte und geladene Ort der Geschichte. «Gott war in Christus tätig zur Versöhnung der Welt mit sich selbst» (2.Kor. 5,19). Das Reich Gottes ist an diesem Ort nahe herbeigekommen [vgl. Mt. 4,17 par.], so nahe, dass sein Kommen, seine erlösende Kraft und Bedeutung gerade hier gemerkt, so nahe, dass gerade hier das Wohnen Gottes bei den Menschenkindern, das Reden Gottes mit ihnen, der Wille Gottes, die Welt heimzurufen in seinen Frieden, unmöglich verkannt werden könnte, sot nahe, dass gerade hier der Glaube sich als gebieterische Notwendigkeit aufdrängen müsste. Aber wie die Kapporeth des Alten Bundes das Dasein der göttlichen Zeugnisse ebensowohl verdeckte als anzeigte, wie sie sowohl die Verborgenheit als die Gegenwart Gottes verkündigte, so ist auch das Reich Gottes in Jesus, die Versöhnungstätigkeit Gottes in ihm, der in ihm angebrochene Tag der Erlösung 80 (3,24) ebensowohl verhüllt als offenbart. Es ist zu merken, es ist nicht zu verkennen, es drängt sich auf, dass Jesus der Christus ist, aber in der schärfsten Paradoxie, es kann nur geglaubt werden. Versöhnung geschieht am Ort der Versöhnung nur durch Blut, durch die solenne Erinnerung daran, dass Gott durch Töten lebendig macht. Versöhnung geschieht auch in Jesus nur «durch Gottes Treue in seinem Blut», d. h. aber in der Hölle seiner vollkommenen Solidarität mit aller Sünde, aller Schwachheit, allem Weh des Fleisches, im Geheimnis seiner für uns rein negativen Größe, im Abblenden und Auslöschen aller Lichter (Held, Prophet, Wundertäter), die menschlich leuchten und die, weil und solange Jesus Mensch unter Menschen war, auch in seinem Leben leuchteten, im absoluten Ärgernis seines Kreuzestodes. Eben in seinem Blut bewährt sich Jesus als der Christus, bewährt er sich als das erste und letzte Wort der Treue Gottes zum Menschengeschlecht, als die Eröffnung der unmöglichen Möglichkeit unsrer Errettung, als das Licht vom unerschaffnen Lichte, als der Ankündiger des Gottesreiches. «Blut ist die Grundfarbe im Gemälde des Erlösers» (Ph. Fr. |148 Hiller)30, weil in seinem Weg zum Kreuz, im Dahingeben seines Lebens, in seinem Tod erst der Radikalismus der Erlösung, die er nahe herbeibringt, die Neuheit der neuen Welt, die er ankündigt, ans Licht tritt. Ans Licht oder erst recht in den Schatten, wenn wir diesem Radikalismus, wenn wir der Ankündigung dieser Neuheit der Gotteswelt und des innern Menschen nicht gewachsen sind. Denn «dieser wird gesetzt zu einem Fall und Auferstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – und es wird ein Schwert durch deine Seele dringen –, auf dass vieler Herzen Gedanken offenbar werden» (Lk. 2,34–35). Das Geheimnis der Versöhnung im Blute Jesu ist und bleibt Gottes Geheimnis und seine Eröffnung, das Anschaulichwerden des Unanschaulichen ist immer wieder Gottes Tat, Tat seiner Treue oder (was dasselbe ist) Tat des Glaubens. Sofern aber diese Tat Gottes geschieht, sofern seine Treue beharrt, sofern das Wagnis des Glaubens gewagt wird, ist uns im Blute Jesu der Anbruch des neuen Welttages, die Realität der Barmherzigkeit Gottes und unsrer Errettung, unser kommendes Überkleidetwerden mit der Behausung, die nicht von Händen gemacht, die ewig, die im Himmel ist (2.Kor. 5,1f.), gezeigt, angesagt, verbürgt und gewährleistet. Wir stehen dann jetzt und hier schon im Abglanz der kommenden Dinge, nicht ohne Bedrängnis, aber auch nicht ohne Hoffnung, krank an Gott, wie wir sind, aber in der Krisis, an Gott zu gesunden. «Darum müssen wir uns unter dieser Gluckhenne Flügel schmiegen und nicht in eigenen Glaubens 81 Vermessenheit ausfliegen, der Küchelweih wird uns sonst geschwinde fressen» (Luther).31

«Zum Erweis seiner Gerechtigkeit». Immer und überall war Vergebung der Sünden, immer und überall war über Menschen das Wunder des Reichtums göttlicher Güte, des Ansichhaltens seines Zornes, |149 der göttlichen Geduld (2,4), immer und überall sind Menschen an Gott krank gewesen und gesund geworden. Durch Jesus aber haben wir die Augen bekommen, zu sehen, dass es so ist. Gottes Gerechtigkeit hat sich uns in ihm erwiesen, gezeigt. Wir sind durch ihn in den Stand gesetzt, die Geschichte («die früher geschehenen Sünden») von Gott aus zu sehen, im Lichte seiner alles aufhebenden Barmherzigkeit. Wir wissen durch ihn, was diese Barmherzigkeit bedeutet: das Ende und den neuen Anfang aller Dinge. Wir wissen, was sie für uns bedeutet: dass sie uns zur Buße leiten will (2,4; 6,2f.). Gottes Gerechtigkeit ist nur durch ihn verständlich und unmissverständlich geworden als die tatsächliche Ordnung und Macht über den Menschen und ihrer Geschichte. Immer und überall sehen wir nun unter der uns in Jesus gegebenen Voraussetzung nicht nur (mit dem Gesetz 3,20) Fleisch und Sünde, sondern darüber und dahinter den Richter, der, indem er verurteilt, freispricht, wo immer er «im Verborgenen der Menschen» (2,14) die Begründung in seiner Treue, die Begründung im Glauben findet. Er ist gerecht und er erklärt gerecht, wo der Sprung ins Leere gewagt ist. Glauben wir an Jesus, so glauben wir an die Realität und Universalität der Treue Gottes. Glauben wir an Jesus, so ist uns die Gerechtigkeit und Gerechtsprechung Gottes als die unmögliche Möglichkeit erwiesen, gezeigt. Von dieser Voraussetzung aus sehen wir uns selbst, treten wir an die Menschen heran. Von dieser Voraussetzung aus wagen wir es, an uns selbst und an die Menschen zu glauben, so gewiss wir es, abgesehen von dieser Voraussetzung, nicht tun können. Von dieser Voraussetzung aus haben wir den Mut, an alle (3,22) die Forderung des Glaubens zu richten – des Glaubens eben an diese Voraussetzung. Weil Gott gerecht ist und gerecht erklärt, haben wir Frieden mit Gott (5,1).

150

Allein durch den Glauben

3,27–30

V. 27‒28 Wo bleibt nun das Rühmen? Es wurde ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das der Werke? Nein, aber durch das Gesetz der Treue Gottes! Denn wir rechnen, dass 82 der Mensch gerecht erklärt wird durch Treue Gottes, abgesehen von den Werken des Gesetzes.

«Wo bleibt nun das Rühmen? Es wurde ausgeschlossen.» Wahrheit von jenseits der Gräber hat in Jesus zu uns geredet: Gott ist gerecht. Gott erklärt gerecht. Er selbst, er allein. Nur von Gott, immer wieder nur von Gott aus gibt es eine Gerechtigkeit des Menschen. Das istu die Voraussetzung unsrer kritischen Stellung dem Gesetz, der Religion, dem Erlebnis des Menschen, der Geschichte, allem Da-Sein und So-Sein der Welt, allen Gegebenheiten gegenüber. Alles im Menschen und durch ihn Seiende und Geschehende ist eben in Jesus gemessen an Gott, der ihm Wert oder Unwert zuspricht nach seinem Wohlgefallen. Alles, was ist, muss in diese Unruhe hinein, muss auf diese Waagschale sich legen lassen, muss diese Probe bestehen. Diese kritische Stellung bedeutet ein Verstehen des Weltlichen, ein Begreifen des Menschlichen, ein Sehen des Geschichtlichen in seinem profanen relativen und letztlich sinnlosen Zusammenhang, aber auch in seinem Sinn als Gleichnis, als Zeugnis (3,21), als Erinnerung der ganz andern Welt, des ganz andern Menschen, der ganz andern Geschichte, als Gleichnis, Zeugnis und Erinnerung Gottes. Nur eines ist von dieser kritischen Stellung aus nicht mehr zu verstehen, zu begreifen, zu sehen: Dinge, Erlebnisse und Menschen, die an sich, ohne sich unter das Gericht Gottes zu beugen, ohne der göttlichen Rechtfertigung zu warten, wichtig, groß und in irgend einem Sinn göttlich zu sein begehren und behaupten, Vermischungen von Zeit und Ewigkeit, angebliches dingliches Hereinragen, Hereinbrechen, Erscheinen der Gotteswelt in dieser Welt (zu welcher auch alle noch so tiefen Hintergründlichkeiten und «höheren Welten» gehören32!), also Jenseitigkeiten, die doch |151 nur verbesserte Diesseitigkeiten sind, unechte Immanenzen und unradikale Transzendenzen aller Art, relative Verhältnisse von Gott und Mensch: Göttlichkeiten, die irgendwie als ein Sein, Haben und Tun des Menschen auftreten, und Menschlichkeiten, die sich irgendwie als ein Sein, Haben und Tun Gottes ausgeben. Dieses ganze Zwischenreich muss sich die Aufdeckung seiner wahren Natur gefallen lassen. Denn sterben und immer wieder sterben muss um Jesus herum der Mensch, der nicht unter dem Nein und Ja Gottes steht, der Mensch, der nicht unterwegs ist von der Versöhnung («durch Blut» 3,25) zur Erlösung, vom Kreuz zur Auferstehung, also der ungebrochene Mensch, der Mensch, der das Göttliche, das Eigentliche, das Reale irgendwie dinglich, zeitlich, menschlich zu sehen, zu wissen, zu haben, zu tun oder es garv zu sein wähnt – uneingedenk, dass er nichts hat, was er 83 nicht empfangen hätte [vgl. 1.Kor. 4,7] und immer neu empfangen müsste –, der Mensch, der sich immer noch oder schon wieder drücken will um das Paradox des Glaubens, der Mensch, der immer noch nicht oder schon nicht mehr alle Gewissheiten, Sicherheiten, Anschaulichkeiten, Gemütlichkeiten fahren lassen will, um allein durch Gnade gerettet zu werden, der Mensch, der noch irgend einen Anlass hätte, sich anders als «auf Hoffnung» (4,18; 5,2; 15,17) zu «rühmen». Die Möglichkeit, sich vor Gott auf eine nur unter Menschen beträchtliche Größe oder vor den Menschen auf eine nur vor Gott bestehende Größe zu berufen, die Möglichkeit, das Große der Zeit in die Ewigkeit oder das Große der Ewigkeit in die Zeit hinüber zu projizieren, die Möglichkeit, Größe vor den Menschen als vorausgegebene Rechtfertigung aus dem menschlichen Zusammenhang in das göttliche Gericht oder Größe vor Gott als nachträgliche Gerechtigkeit aus dem göttlichen Gericht in den menschlichen Zusammenhang hinüberzutragen, diese Möglichkeit ist «ausgeschlossen», abgehauen! Die große Unmöglichkeit der Gerechtigkeit Gottes stellt sich gerade dieser scheinbar so möglichen Möglichkeit einer vorlaufenden oder nachgehenden Menschengerechtigkeit als absolutes Hindernis in den Weg. Unmöglich ist es, w-sich irgend eines Dinges zu rühmen, das-w vorher oder nachher ist, vor oder nach dem Augen|152blick33 (der kein Augenblick in der Zeit ist), da die letzte Posaune geblasen wird [vgl. 1.Kor. 15,52], da der Mensch in seiner Blöße vor Gott steht und in seiner Blöße mit der Gerechtigkeit Gottes bekleidet wird. Kein realer Faktor ist, von Jesus aus gesehen, alles menschliche Sein, Haben und Tun, das noch nicht unter das göttliche Nein gebeugt oder nicht mehr in der Erwartung des göttlichen Ja ist. Kein realer Faktor, weder vor Gott noch vor den Menschen, ist alle Menschengerechtigkeit, die nicht durch göttliche Verurteilung und göttlichen Freispruch aufgehört hat, Menschengerechtigkeit zu sein.

«Durch welches Gesetz? Durch das der Werke? Nein, aber durch das Gesetz der Treue Gottes!» Auf welchem Boden ist dieses Unmöglich! ausgesprochen und wahr? Unter welcher Ordnung vollzieht sich dieses Abschneiden aller Menschengerechtigkeit? In welcher Luft dieses Sterben des Menschen, der noch irgend einen Anlass, sich zu rühmen, hat oder sucht? Was ist das für ein «Gesetz», was für eine Religion, Frömmigkeit oder Moral, was für ein Erlebnis, in dem sich das ereignet? Wer Gesetz, Religion, Erlebnis sagt, der sagt Erfahren, Wissen, Fühlen, Tun, «Werk» des Menschen. Gibt es ein anderes Gesetz als das «Gesetz der Werke»? Was wissen wir von den Taten und Werken Gottes? Höchstes Missverständnis droht gerade hier: Es 84 könnte ja das Wissen von den letzten Dingen als Maximalleistung menschlicher Intelligenz, das Stillwerden vor Gott selbst (wenn z. B. die Sprüche des Angelus Silesius34 als psychologische Rezepte gemeint sein oder gelesen werden sollten!) als kühnster Schwung menschlicher Frömmigkeit, das Stehen im «Augenblick» (der doch kein Augenblick ist, da man stehen kann) als höchstes extremstes menschliches Erlebnis, es könnte die «Todesweisheit» (Overbeck)35 |153 als allerneueste menschliche Lebensweisheit aufgefasst werden! Es könnte als Triumph des Pharisäismus der neue Pharisäismus, fürchterlicher als jeder frühere, auftreten, der es fertig bringt, nicht einmal «selbstgerecht», sondern zu allem auch noch demütig zu sein! Menschengerechtigkeit ist ja zu allem fähig, auch zur Selbstaufhebung und -auslöschung, wenn es sein muss (Buddhismus, Mystik, Pietismus36). Man hüte sich vor diesem Missverständnis mehr als vor allen andern; es hat schon so manchen, der unmittelbar vor den Toren der Gerechtigkeit Gottes stand, im letzten Augenblick noch «ausgeschlossen». Denn die Beugung unter das göttliche Nein und die Erwartung des göttlichen Ja ist wahrlich nicht ein letzter frechster titanischer Schlag des nach der Immanenz und Transzendenz Gottes lüsternen Menschen. Auf dem Boden des «Gesetzes der Werke» hört das «Rühmen» des Menschen nicht auf und fängt die Realität der Gerechtigkeit Gottes nicht an. Wer sich einmal rühmen, wer einmal als Mensch vor Menschen und vor Gott recht haben will, der wird sich auch der tiefsten Versenkung ins Nicht-Ich und Nicht-Sein immer noch rühmen (womöglich seiner Unsicherheit und Gebrochenheit!) und – als Mensch (nur als Mensch!) recht habend dastehen. Nein, der Boden des «Gesetzes der Werke» muss uns unter den Füßen zusammengebrochen sein. Kein «Werk», auch nicht das feinste und geistigste, auch nicht ein negatives Werk kann mehr in Betracht kommen. Unser Erlebnis ist das, was nicht unser Erlebnis ist, unsre Religion besteht in der Aufhebung unsrer Religion, unser Gesetz ist die grundsätzliche Außerkraftsetzung alles menschlichen Erfahrens, Wissens, Habens und Tuns. Nichts Menschliches bleibt übrig, was mehr sein wollte als Hohlraum, Entbehren, Möglichkeit und Hinweis, als unscheinbarste unter den Erscheinungen dieser Welt, als Staub und Asche vor Gott |154 [vgl. Hiob 42,6], wie alles, was in der Welt ist. Der Glaube bleibt nur als Glaube übrig, ohne Selbstwert (auch ohne den Selbstwert der Selbstverleugnung!), ohne Eigenkraft (auch ohne die Eigenkraft der Demut!), ohne eine Größe sein zu wollen, weder vor Gott noch vor den Menschen. Das ist der Boden, die Ordnung, das Licht, wo der «Ruhm» aufhört und die reale Gerechtigkeit Gottes anfängt. Also kein Boden, auf den man sich stellen, keine 85 Ordnung, die man befolgen, keine Luft, in der man atmen kann. Vom Menschen aus, von dem aus gesehen, was sonst Religion, Gesinnung, Gesetz heißt, vielmehr das Bodenlose, der Anarchismus, der luftleere Raum. Es ist das «Gesetz der Treue Gottes» oder, was dasselbe ist: «das Gesetz des Glaubens», der Ort, wo nur noch Gott uns halten kann, der Ort, wo alles andere außer Gott selbst, Gott allein, außer Betracht fällt, der Ort, der überhaupt kein Ort ist, sondern nur das Moment der Bewegung des Menschen durch Gott, den treuen Gott, der der Schöpfer des Menschen und alles Menschlichen ist und sein Erlöser, wo der Mensch sich selbst und alles Menschliche ihm hingibt. Und dieser Moment der Bewegung des Menschen durch Gott ist selbst jenseits des Menschen, kann in keinem Sinn zum Weg, zur Methode, zum System werden. Es ruht in Gottes Wohlgefallen, dessen Grund wiederum nur in Gott selber zu suchen und zu finden ist. Dieses «Gesetz des Geistes des Lebens» (8,2) ist der Standpunkt (der kein Standpunkt ist!), von dem aus wir das «Rühmen» irgend eines Menschen «ausgeschlossen» sehen.

«Denn wir rechnen, dass der Mensch gerecht erklärt wird durch Treue Gottes, abgesehen von den Werken des Gesetzes.» Der Übergang vom Standpunkt der Religionen zum «Standpunkt» Jesu bedeutet den Übergang von einer altgewohnten zu einer unerhört neuen «Rechnungs»weise zwischen Gott und den Menschen. Alle Religion «rechnet» entweder mit Werken des Menschen in der Welt, mit einer irgendwie anschaulichen Haltung und Handlungsweise des Menschen, die an sich den Anspruch machen kann, das göttliche Wohlgefallen zu erregen, der göttlichen «Bezahlung» würdig zu sein (2,6) - oder aber mit von Gott «bezahlten» Werken der Menschen, mit einer von Gott ausgehenden Veränderung der Haltung und Handlungsweise des Menschen, die als solche in der Welt anschaulich und kenntlich wird. Für alle Religion gibt es, abgesehen von dem «Augenblick» , |155 da der Mensch nackt vor Gott stehend von Gott bekleidet wird, abgesehen von dem Moment der Bewegung des Menschen durch Gott, ein Vorher und Nachher dieses Augenblicks, das diesem an Würde und Bedeutung gleich oder doch nahe kommt oder doch nicht ganz inkommensurabel, nicht ganz unvergleichlich ist. Daher in aller Religion die Möglichkeit, sich eines menschlich-göttlichen Seins, Habens und Tuns zu «rühmen». Daher in aller Religion die Möglichkeit, das Paradox des Glaubens zu umgehen oder wieder zu umgehen. Vom «Standpunkt» Jesu aus muss anders «gerechnet» werden: Es gibt grundsätzlich keine «Werke» des Menschen, die wegen ihrer Bedeutung in der Welt das Wohl86gefallen Gottes erregen oder die als Gott wohlgefällig weltliche Bedeutung beanspruchen könnten. Was in der Welt geschieht, das ist in Jesus unter das göttliche Nein gebeugt, auf die Erwartung des göttlichen Ja angewiesen. «Abgesehen» wird gerade von jedem Vorher oder Nachher des Augenblicks, da der Mensch vor Gott steht und von Gott bewegt ist, von jedem Vorher oder Nachher, das dem Augenblick selbst angemessen oder auch nur vergleichbar wäre. Ein anderes ist und bleibt das, was Gott ist und tut, ein anderes das Sein und Tun des Menschen. Unüberschreitbar ist zwischen hier und dort die Todeslinie gezogen – die Todeslinie, die freilich die Lebenslinie, das Ende, das der Anfang, das Nein, das das Ja ist. Gott erklärt, Gott spricht, Gott bezahlt, Gottes Wohlgefallen wählt und wertet. Ja: Schöpferwort ist diese Erklärung, Realität wird gesetzt durch sein Wort, Wert ist, wo Gott Wert findet. Aber: Gottes Werk und Tat ist das Geschaffene und darum ein neues Geschaffenes. Gott gehört, was er bezahlt, und nicht mehr dem Menschen. Vor Gott hat Wert, was er wertet, und darum gerade nicht in dieser Welt. Seine Treue wird verherrlicht durch die Gerechterklärung des Menschen, der neue Mensch steht auf, die neue Welt erscheint, der neue Tag bricht an in der Kraft der Treue Gottes, aber nicht verherrlicht ist und wird dieser Mensch in dieser Welt im Lichte dieses Tages. Ja: dieses Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit und dieses Verwesliche die Unverweslichkeit [vgl. 1.Kor. 15,53]. Aber: sofern dieses Anziehen geschieht durch Gottes Schöpferwort, ist das Sterbliche der Sterblichkeit, das Verwesliche der Verweslichkeit, ist die Welt ihrer Zeitlichkeit, Dinglichkeit und Menschlichkeit entnommen, nicht aber ist die Sterblichkeit und Verweslichkeit, nicht ist diese Welt dadurch ir|156gendwie erhöht, bestätigt und verklärt. Es ist und bleibt der «Augenblick» gegenüber allem Vorher und Nachher etwas Eigenes, Anderes, Fremdes, er pflanzt sich nicht fort im Nachher, so wenig er im Vorher seine Wurzel hat, er steht in keinem zeitlichen, ursächlichen, logischen Zusammenhang, er ist immer und überall das schlechthin Neue, er ist immer das Sein, Haben und Tun des Gottes, der allein Unsterblichkeit hat [vgl. 1.Tim. 6,16]. Credo, quia absurdum37! Freigesprochen ist der Mensch immer nur als vor Gott Verurteilter. Leben kommt immer nur aus dem Tode, Anfang nur aus dem Ende, Ja nur aus dem Nein. Gerechtigkeit durch das Blut Jesu (3,25) ist immer Gerechtigkeit, «abgesehen von den Werken des Gesetzes», abgesehen von allem, was menschlicherseits (vor Gott und vor den Menschen) als Gerechtigkeit angesprochen werden könnte, und darum Gerechtigkeit, der sich der Mensch nie anders als «auf Hoffnung», d. h. aber in Gott «rühmen» 87 kann. Zwischen uns und Gott steht und wird stehen bis ans Ende der Tage das Kreuz, einigend, aber auch Distanz schaffend, verheißungsvoll, aber auch warnend. Das Paradox des Glaubens ist nie zu umgehen und wird nirgends aufgehoben. Sola fide, allein durch den Glauben38 steht der Mensch vor Gott, ist er von ihm bewegt: Die Treue Gottes kann, eben weil sie Treue Gottes ist, nur geglaubt werden! Mehr wäre weniger. Das ist die neue Rechnung.

V. 29‒30 Oder ist Gott nur der Juden Gott? Nicht auch der Heiden Gott? Wahrlich, auch der Heiden Gott! So gewiss er ein Gott ist, und der wird gerecht erklären die Beschnittenen aus Treue und die Unbeschnittenen durch Treue.

«Ist Gott nur der Juden Gott? Nicht auch der Heiden? Wahrlich auch der Heiden!» Mehr Gewissheit, Sicherheit, Bürgschaft für die Wahrheit des göttlichen Wortes wäre in der Tat weniger. Menschliche Anschaulichkeit würde das, was hier zu schauen ist, unanschaulich |157 machen. Menschliche Gewissheit wäre Nicht-Wissen des hier zu Wissenden. Gott ist nur durch Gott zu verstehen, seine Treue allein durch den Glauben. Jede Behauptung eines menschlichen Seins, Habens und Tuns des Göttlichen, jede angeblich direkte Beziehung zu ihm raubt ihm seine Göttlichkeit, zieht es herab auf die Stufe der Zeit, der Dinge und des Menschen, beseitigt seine reale Bedeutung. Denn die Realität des Göttlichen hängt an seiner Universalität. Seine Universalität aber hängt daran, dass jeder Mund gestopft und die ganze Welt vor Gott schuldig werde (3,19), dass das menschliche Entbehren der Herrlichkeit Gottes in seiner Allgemeinheit einwandfrei festgestellt ist (3,23). Gäbe es in der Welt Seiende, Besitzende und Handelnde in Beziehung auf Gott, im Gegensatz zu weniger oder gar nicht Seienden, Besitzenden und Handelnden, dann wäre «Gott» offenbar eine seelische und geschichtliche Größe neben andern, bloß relativ verschieden von andern seelischen und geschichtlichen Kräften, Lichtern und Gütern. Gott wäre dann «nur der Juden Gott», nur der so und so gearteten und geführten Menschen Gott, wie «Religion» eine Spezialität der und jener Kreise, Epochen und Stimmungen. Gott wäre verhältnismäßig billig zu haben und auch verhältnismäßig leicht zu entbehren. Es wäre dann mit dem Worte «Gott» vielleicht sehr viel gesagt, aber nicht Gerechtigkeit, nicht Erlösung, nicht Auferstehung – nicht das Letzte, nicht alles, nicht das Ewige. Und darum ist weniger (weniger Gewissheit, Sicherheit und Bürgschaft!) mehr. Das ewige, das letzte Wort ist das Wort «Gott», wenn wir damit, allein durch den Glauben, die unmögliche Möglich88keit der göttlichen Treue bezeichnen. Die Treue Gottes im Paradox des Glaubens genügt uns, weil wir damit auf sicherem Grund stehen, einen sichern Weg gehen. Jedes Einswerden des Menschen mit Gott in der Welt fällt dahin. Um so klarer wird, dass Gott aller Menschen Gott ist, der Heiden wie der Juden. Um so klarer wird, dass Gott keine seelische und geschichtliche Größe ist, sondern als das Maß und der Inbegriff und der Ursprung aller Größe absolut verschieden von allem, was uns Licht, Kraft und Gut ist. Um so klarer leuchtet Gottes «ewige Kraft und Gottheit» (1,20). So verstanden, ist mit dem Worte «Gott» nicht etwas, sondern alles gesagt, nicht etwas Vorletztes, sondern das Letzte. Es ist das Wort des Gerichts, der Forderung, der Hoffnung, das an alle gerichtet ist und das für alle Bedeutung, und zwar entscheidende Bedeutung hat.

158«So gewiss er ein Gott ist, und der wird gerecht erklären die Beschnittenen aus Treue und die Unbeschnittenen durch Treue.» Aus der Mannigfaltigkeit alles an sich wichtig sein Wollenden, aller abgeleiteten und usurpierten Gottheit in dieser Welt bricht in Jesus hervor die Einheit Gottes. In der allein durch den Glauben zu erkennenden Gerechtigkeit Gottes die Realität und Lebendigkeit und Persönlichkeit des einen Schöpfers und Erlösers. Gelegt sind in Jesus die Koordinaten ewiger Wahrheit: verbindend hier, was gewohnheitsmäßig auseinanderstrebt: Mensch und Mensch, scheidend dort, was gewohnheitsmäßig ineinanderfließen will: Mensch und Gott. Im Lichte dieser Krisis wird Gott erkannt und geehrt und geliebt. – Und hier wie dort ist in Jesus das wiedergebracht, was die Gewohnheit der Religion mit ihrem Scheiden und Verbinden eigentlich meint. Die höchste Entfernung zwischen Gott und Mensch ist ihre wahre Einheit. Indem Zeit und Ewigkeit, Menschengerechtigkeit und Gottesgerechtigkeit, Diesseits und Jenseits in Jesus in unzweideutiger Weise auseinandergerissen werden, sind sie in ihm auch in Gott zusammengefasst, in ebenso unzweideutiger Weise vereinigt. Hinweis, Gleichnis, Möglichkeit, Erwartung ist alles «Gesetz», alles Sein, Haben und Tun des Menschen, alles Da-Sein und So-Sein der Welt und insofern immer auch Entbehren, Ungenügen, Hohlraum und Sehnsucht. Aber indem es als solches erkannt wird, leuchtet darüber die Treue Gottes, der freispricht, indem er verurteilt, lebendig macht, indem er tötet, Ja sagt, wo nur noch sein Nein zu hören ist. Als der unbekannte Gott wird Gott in Jesus erkannt. – Es ist aber auch die höchste Verbindung zwischen Mensch und Mensch nichts anderes als die wahre Eigenheit, das wahre Geschichtliche und 89 Individuelle, das wahre «Besondere» (3,1) jedes einzelnen Menschen. Nicht vernichtet, sondern realisiert werden die besonderen Möglichkeiten jedes einzelnen durch die Beziehung auf ihren eigentlichen Inhalt: das Unmögliche. Nicht ausgelöscht, sondern begründet wird die Persönlichkeit jedes einzelnen durch die große Unruhe des «noch nicht» und «nicht mehr». Gerade die an alle gerichtete Forderung des Glaubens ist das Schöpferwort, das aus dem Chaos der Vereinzelung den Einzelnen hervorruft, dass er werde. «Wer seine Seele verliert um meinetwillen, der wird sie gewinnen» [vgl. Mt. 16,25 par.]. Der beiden, dem «Beschnittenen» und dem «Unbeschnittenen», allen Ruhm nimmt, der den Sünder heraufruft |159 aus seiner Tiefe und den Gerechten herab von seiner Höhe, der ist es, der auch beide gerecht erklären wird (denn ihre Gegenwart ist immer noch nicht ihre in ihm ruhende Zukunft), sofern sie allein durch den Glauben vor ihm stehen. Wo der Glaube ist, da ist die Treue Gottes. Wo der «Ruhm» aufhört, da fängt das «Besondere» (3,1) an. Da ist Vergebung, Erlösung, neue Schöpfung.

Aber indem wir das aussprechen, wissen wir, dass wir von der uns unbekannten Möglichkeit reden, die selbst wieder – und immer wieder! – nur geglaubt werden kann.

Originalfußnoten

*1
Bengel3 liest wohl mit Recht nicht κρινεῖ, sondern κρίνει wie 2,16 entsprechend dem κρίνομαι V. 7. «Die Welt richten» im Präsens findet sich auch 1.Kor. 6,2.↩

Textkritische Fußnoten

a
1. Abdruck (19222): «Unmöglich?». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
b
2. Abdruck (19233): «Strebens».↩
c
Druckmanuskript: «was».↩
d
Druckmanuskript: «wahr!».↩
e
Druckmanuskript: «uns ja die».↩
f
Druckmanuskript: «nicht».↩
g
1. Abdruck (19222): «positiv».↩
h
1. Abdruck (19222): «durch die Distanz».↩
i
Druckmanuskript: «einzig».↩
j
2. Abdruck (19233): «Gottes ist der».↩
k-k
1. Abdruck (19222): «justitia forensis: Der». Der Zusatz ist am Rand in Barths Handexemplar notiert.↩
l
1. Abdruck (19222): «das Unbeschreibliche, es ist Ereignis». Korrektur in Barths Handexemplar.14.↩
m
1. Abdruck (19222): «an welchem». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
n
1. Abdruck (19222): «der». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
o
Druckmanuskript: «Glaube».↩
p
Druckmanuskript: «Nichts! Fleisch».↩
q-q
1. Abdruck (19222): «ist es als neue, nicht als Fortsetzung der alten Welt».↩
r
Druckmanuskript: «dazu besteht».↩
s
2. Abdruck (19233): «zerreiben».↩
t-t
Druckmanuskript: «lösen ohne Zutun von Menschenhand, der das Bild an seine Füße trifft und zermalmt sie».↩
t
1. Abdruck (19222): «werden, so».↩
u
2. Abdruck (19233): «in».↩
v
1. Abdruck (19222): «oder gar». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
w-w
1. Abdruck (19222): «sich irgend etwas zu rühmen, was». Korrektur in Barths Handexemplar.↩

Sachfußnoten

1
Nach der römisch-katholischen Sakramentenlehre prägen Taufe, Firmung und Weihesakrament einen «characterem in anima, hoc est signum quoddam spirituale et indelebile», ein: ein «geistiges und unauslöschliches» Merkmal (DH 1609 📖).↩
2
Calvin, col. 48 📖: «Prius membrum [scil. Deum veracem esse] est primarium axioma totius christianae philosophiae.»↩
3
Bengel, Bd. II, S. 21 📖, erörtert nicht ausdrücklich die textkritische Frage, ob in Röm. 3,6 Präsens oder Futur zu lesen sei. Doch heißt es dort: «Consequentia nectitur a minori ad majus, ut in negativis fieri debet: Si Deus injuste ageret, inferens iram in Judaeum injuste agentem: quod jam est absurdum dictu: sane non posset universum mundum judicare. Affirmative sic procederet: Qui universum mundum (juste) judicat, is sane etiam in hoc unico casu juste judicabit. Vicissim a majori ad minus concluditur, 1 Cor. 6,2.» Der Satz: «Qui [...] judicat, is [...] judicabit.» ist in Barths Exemplar unterstrichen. Bengel setzt in seiner Ausgabe Η ΚΑΙΝΗ ΔΙΑΘΗΚΗ . Novum Testamentum Graecum, Tübingen 1734, S. 223 📖, jedoch das Futur κρινεῖ.↩
4
Anspielung auf die von M. Luther in De servo arbitrio (1525), WA 18, 600-787 📖, entfaltete Lehre vom unfreien «geknechteten Willen»; s. z. B. 635,7-9: «Summa, si sub Deo huius saeculi sumus, sine opere et spiritu Dei veri, captivi tenemur ad ipsius voluntatem […], ut non possimus velle, nisi quod ipse velit.»↩
5
Diese Fragen können auch als Aufzählung von Aspekten der Kritik am Römerbrief I 📖 gelesen werden; vgl. oben S. 8–22.↩
6
Anspielung auf Heiler. Vgl. Bw.Th.I, S. 367f.387.395 📖.↩
7
Anspielung auf die Weigerung, sich vor dem Hut Geßlers auf der Stange zu beugen. Vgl. Fr. von Schiller, Wilhelm Tell, 3. Aufzug, 3. Szene, V.1739–1741 📖:
Was rechte Leute sind, die machen lieber
Den langen Umweg um den halben Flecken,
Eh sie den Rücken beugten vor dem Hut.
↩
8
Vgl. Overbeck, Christentum und Kultur, S. 11 📖 («der Skeptizismus als die einzige Denkart, die sich wirklich» mit der Geschichtsschreibung «verträgt») und S. 294–296 (OWN 6/1, S. 43 und S. 333–335 📖).↩
9
Aus Strophe 1 des Chorals «Morgenglanz der Ewigkeit» von Chr. Knorr von Rosenroth, GERS (1891) 43; RG (1998) 572; EG 450 🎵.↩
10
Kurzformel der reformatorischen Rechtfertigungslehre. Vgl. z. B. Apologia Confessionis Augustanae IV, BSLK 219, 43-48.51f. 📖: «Iustificare vero hoc loco [Röm. 5,1] forensi consuetudine significat reum absolvere et pronuntiare iustum, sed propter alienam iustitiam, videlicet Christi, quae aliena iustitia communicatur nobis per fidem. Itaque cum hoc loco iustitia nostra sit imputatio alienae iustitiae, aliter hic de iustitia loquendum est, quam cum in philosophia aut in foro quaerimus iustitiam proprii operis [...]. Sed quia iustitia Christi donatur nobis per fidem, ideo fides est iustitia in nobis imputative».↩
11
Predigt über Mt. 18,21–35 (13.11.1530) in der Fassung der Haus-Postille nach G. Rörer in: Dr. Martin Luthers Sämtliche Schriften, hrsg. von J. G. Walch, Bd. 13, Halle 1743, Sp. 2185 📖; vgl. Rörers Nachschrift WA 32, 162,11-13 📖. Barth kannte den Text vielleicht aus Chr. E. Luthardt, Kompendium der Dogmatik, Leipzig 18734, S. 231 📖 (Unterstreichung in seinem Exemplar).↩
12
Aus Luthers Vorrede zu den Schmalkaldischen Artikeln, BSLK 415,21f. 📖 (dort: «nichts weichen», «es falle Himmel und Erden»).↩
13
Vgl. unten S. 141, Anm. 23.↩
14
Anspielung auf die Verse des «Chorus mysticus» am Schluss vonJ. W. von Goethes Faust II, V.12106–12109 (5. Akt, Bergschluchten) 📖:
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan […].
↩
15
Vgl. L. von Ranke, Weltgeschichte, 9.Theil, 2.Abt., Ueber die Epochen der neueren Geschichte. Vorträge dem Könige Maximilian II. von Bayern gehalten, hrsg. von A. Dove, Leipzig 1888, S. 5 📖: «Ich aber behaupte: jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, und ihr Werth beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst, in ihrem eigenen Selbst.»↩
16
Vincenz von Lerinum, Commonitorium II, PL 50,640 📖: «In ipsa item Catholica Ecclesia magnopere curandum est ut id teneamus quod ubique, quod semper, quod ab omnibus creditum est. Hoc est etenim vere proprieque catholicum».↩
17
Anspielung auf die Rolle des Unbewussten in der damaligen psychoanalytischen Diskussion, mit der Barth persönlich bekannt wurde durch die Begegnung mit Dr. Ewald Jung (1879–1943), einem Vetter von Carl Gustav Jung (s. Bw.Th.I, S. 26f. und S. 38f. 📖). Vgl. zum Verhältnis Barths zur Psychoanalyse in dieser Zeit W. Schildmann, Karl Barths Träume. Zur verborgenen Psychodynamik seines Werkes, Zürich 2006, S. 9–15 📖.↩
18
Vgl. Heiler, S. 309–317 📖; vgl. auch das Gedicht «Versenkung» von E. Spann-Rheinsch, in: ChW, Jg. 34 (1920), Sp. 129 📖.↩
19
Dies bezieht sich wohl auf die Anthroposophie R. Steiners (1861–1925). Nach Steiner kann jedermann zur Erkenntnis höherer Welten gelangen, wenn er nur die in ihm angelegten Erkenntniskräfte ausbildet. Methodisch genaue Anleitung wird ihn von Stufe zu Stufe aufwärts führen. Vgl. R. Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, Berlin 1904 📖. Barth dürfte vor allem durch die ChW über die Anthroposophie und ihre spiritistischen Züge unterrichtet gewesen sein; vgl. ChW, Jg. 31 (1917), Sp. 603–607.619–622.634–638 (Fr. Rittelmeyer) 📖, Jg. 32 (1918), Sp. 18–24.34–36.58–60 (Joh. Müller) 📖, Sp. 195–200.213–219 (Fr. Rittelmeyer) 📖, Sp. 455–459 (Chr. Geyer) 📖, Jg. 34 (1920), Sp. 165–170 (W. Bruhn) 📖. Barth kam aber auch durch den neu gewonnenen Freund G. Merz mit anthroposophischem Gedankengut in Berührung; vgl. Barths Brief an Thurneysen vom 19.2.1920, Bw.Th.I, S. 367 📖: «Merz ist sehr gut, kennt den Römerbrief besser als ich. Er kommt von Rittelmeyer und hat noch einige entsprechende Residuen». Pfarrer Fr. Rittelmeyer (1872–1938) schloss sich der Anthroposophie an und wurde 1922 zum Mitbegründer der «Christengemeinschaft».↩
20
Kierkegaard, Einübung, S. 126 📖 (SKS 12, S. 143 📖).↩
21
Eberle, S. 83 📖 (in Barths Exemplar unterstrichen): Marginalie Luthers zur Übersetzung von Röm. 3,23, WA.DB 7, 38f. 📖↩
22
Aus Strophe 5 des Chorals «Zerstreut und mannigfach geschieden» von S. Preiswerk, in: Evangelischer Liederkranz aus älterer und neuerer Zeit, Basel 1844, S. 155f., Nr. 124 📖. Die Strophe lautet:
Laß uns ein Salz der Erde werden,
Und als der Menschheit erste Kraft
Mitleidend tragen die Beschwerden
Der ganzen Zeitgenossenschaft.
↩
23
Overbeck, Christentum und Kultur, S. 7 📖 (OWN 6/1, S. 39 📖): «In Wahrheit hat das moderne Bestreben, das Christentum der Geschichte untertan zu machen, nur die Frage aufgeregt, ob es in der Menschengeschichte mehr ist und sein kann als ein Rätsel, nämlich ein in der Geschichte Alles in Frage stellendes Problem von fundamental rätselhafter Natur.»↩
24
Bengel, Bd. I, S. 517 📖 (zu Act. 7,2): «Gloria, divinitas conspicua».↩
25
Nietzsche, Zarathustra, Von den Predigern des Todes, NW, S. 64 📖 (NWKG, S. 52, Z.1–3 📖): «Eingehüllt in dicke Schwermuth und begierig auf die kleinen Zufälle, welche den Tod bringen: so warten sie und beißen die Zähne auf einander.»↩
26
Vgl. Nietzsche, Zarathustra, Von den Predigern des Todes, NW, S. 63 📖 (NWKG, S. 51, Z.9–11 📖): «Da sind die Fürchterlichen, welche in sich das Raubthier herumtragen und keine Wahl haben, es sei denn Lüste oder Selbstzerfleischung.»↩
27
Möglicherweise eine Anspielung auf Henri Bergson, L’Evolution créatrice (1907), deutsche Übersetzung: Die schöpferische Entwicklung (1912) 📖, worin der Philosoph das Leben als einen schöpferischen Prozess mit immer neuen, differenzierteren Formen deutet.↩
28
Vgl. die Strophe 4 von M. Luthers Weihnachtschoral «Gelobet seist du, Jesu Christ» (GERS [1891] 367; RG [1998] 392; EG 23) 🎵:
Das ewig Licht geht da herein,
gibt der Welt ein’ neuen Schein;
es leucht’ wohl mitten in der Nacht
und uns des Lichtes Kinder macht. Halleluja!
↩
29
Vgl. zu diesem Abschnitt Barths Brief an Thurneysen vom 3.12.1920, Bw.Th.I, S. 448 📖: «Die Wendung von Osiander zu Luther macht sich gegenüber der ersten Auflage geltend wie eine Katastrophe, und ich frage mich oft, wie ich damals so blind sein konnte, ‹es› nicht zu sehen. Wenn nur der Spektakel über die literarische Sensation dieser retractatio die Aufmerksamkeit auf die Sache nicht übertäuben wird.»↩
30
Ph. Fr. Hiller, Neues System aller Vorbilder Jesu Christi durch das ganze alte Testament. Neue verbesserte Auflage, mit einem biographischen Vorwort von A. Knapp, Ludwigsburg 1858, S. 33 📖: «So ist nun Blut die Grundfarbe an dem Gemälde des Erlösers.»↩
31
Eberle, S. 83 📖 (in Barths Exemplar unterstrichen; Hervorhebung von Barth): Kirchenpostille 1522. Epistel in der Früh-Christmeß. Tit. 3,4-7, WA 10/I, 1, 125,9-11 📖. - «Küchelweih» wird der Königsweih als Hühner- und insbesondere Küken-(«Küchlein»-)Dieb genannt. Luther verwendet ihn noch gelegentlich als Bild für den Teufel: WA 28, 137,30f. 📖; WA 47, 539,2f 📖.↩
32
Siehe oben S. 137, Anm. 19.↩
33
Für Barth ist S. Kierkegaards Bestimmung des «Augenblicks» prägend; vgl. z. B.Der Begriff der Angst, übersetzt von Chr. Schrempf, KGW 5, Jena 1912, S. 87 📖 (SKS 4, S. 393 📖): «Der Begriff, um den sich im Christentum alles dreht, das, was alles neu machte, ist die Fülle der Zeit; sie ist aber der Augenblick als das Ewige, und doch ist dieses Ewige zugleich das Zukünftige und das Vergangene.»↩
34
Angelus Silesius, Der Cherubinische Wandersmann, hrsg. von W. Bölsche, Jena/Leipzig 1905. 📖↩
35
Overbeck, Christentum und Kultur, S. 279 📖 (OWN 6/1, S. 318 📖): «Das Christentum will uns Menschen helfen und verdient schon darum unsern Haß nicht, auch wenn es das Vermögen dazu, uns zu helfen, nicht hätte. Dieses Vermögen aber hat es ohne Zweifel nicht, und wäre es auch nur aus dem Grunde, weil es uns allen Ernstes auf die Letzten Dinge, d. h. über uns selbst hinaus verweist und damit nur Todesweisheit ist.» In Barths Exemplar ist dieser Absatz unterstrichen, der zweite Satz ist doppelt angestrichen am Rand mit einer Rückverweisung: «sic S. 66» (OWN 6/1, S. 99). Diesen kritisch gemeinten Begriff wendet Barth in seiner Overbeck Rezeption ins Positive: Barth, Unerledigte Anfragen, S. 15 📖.↩
36
Zu diesen Stichworten wurde Barth vielleicht veranlasst durch Heiler, S. 284–346, besonders S. 302–317 📖. Siehe auch unten S. 269, Anm. 20.↩
37
Eine Tertullian zugeschriebene Aussage, deren Formulierung wahrscheinlich anknüpft (vgl. z. B. A. Adam, Lehrbuch der Dogmengeschichte, Bd. 1, Gütersloh 1965, S. 163 📖) an Tertullians Schrift De carne Christi, V, 4, CChr. SL 2, 881 [Z.26–29] 📖: «Crucifixus est dei Filius; non pudet, quia pudendum est. Et mortuus est dei filius; credibile est, quia ineptum est. Et sepultus resurrexit; certum est, quia impossibile.»↩
38
Kurzformel der lutherischen Rechtfertigungslehre, gewonnen aus Luthers Übersetzung von Röm. 3,28. Vgl. WA.DB 7, 38f. 📖↩