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        <title type="volume" n="vol-47">Der Römerbrief 1922</title>
        <title type="content">3. Kapitel: Gottesgerechtigkeit</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: 3. Kapitel: Gottesgerechtigkeit, in: Der Römerbrief 1922, 1922</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47011 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Der Römerbrief 1922, hrsg. v. van der Kooi, Cornelis / Tolstaja, Katja (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2010, S. 111–159.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Der Römerbrief 1922</title>
          <title type="text">3. Kapitel: Gottesgerechtigkeit</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>van der Kooi, Cornelis</editor>
          <editor>Tolstaja, Katja</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2010</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 111–159</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Der Römerbrief, 4.-7. Tsd., Zweiter Abdruck der neuen Bearbeitung, München 1923 </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Karl Barth: Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, München 1922 Urtext</bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, 1921. Druckmanuskript<ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/91174">KBA 12375</ref>. </bibl>
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            <head>3. Kapitel<lb/>
            GOTTESGERECHTIGKEIT</head>
            <head><hi rend="smallCaps">Das Gesetz</hi></head> 
            <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.1 Röm.3.20">3,1–20</ref></head>
            
            <p> Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> ist das Spiel der vermeintlichen Vorzüge des Geistes und der Kraft der einen Menschen vor den andern, der durch die Ideologie<term type="begriffe" key="Ideologie"/> von Recht und Freiheit heuchlerisch verhüllte Kampf ums Dasein<term type="begriffe" key="Dasein, Kampf ums D."/>, das Auf- und Abwogen alter und neuer Menschengerechtigkeiten<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/>, die einander gegenseitig an Feierlichkeit und Nichtigkeit überbieten. Das Gericht Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/> ist das Ende der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, Ende der G."/>. Ein Tröpfchen Ewigkeit hat mehr Gewicht als das ganze Meer der der Zeit unterworfenen Dinge<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>. Am Maßstab<term type="begriffe" key="Maßstab"/> Gottes gemessen verlieren die Vorzüge der Menschen ihre Höhe<term type="begriffe" key="Höhe, des Menschen"/>, ihren Ernst, ihre Tragweite, sie werden verhältnismäßig. Auch die höchsten, die geistigsten, die gerechtesten Gegensätze unter Menschen erscheinen hier, wie sie sind: in ihrer natürlichen, innerweltlichen, profanen «materialistischen<term type="begriffe" key="Materialismus"/>» Bedeutung. Die Täler werden erhöht, die Hügel erniedrigt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.40.4">Jes. 40,4</ref>]. Der «Kampf<term type="begriffe" key="Kampf"/> der Guten mit den Bösen» ist aus. Die Menschen treten in <hi rend="italic">eine</hi> Linie. Ihr <hi rend="italic">«Verborgenes»</hi><term type="begriffe" key="Verborgene des Menschen"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.16">2,16</ref>) steht im Gericht vor Gott<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/>, aber vor Gott <hi rend="italic">allein</hi>.</p>
            <p>Aber das Gericht Gottes ist das <hi rend="italic">Ende</hi> der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, Ende der G."/>, nicht der Anfang einer neuen zweiten Geschichte. Die Geschichte ist erledigt<term type="begriffe" key="Erledigung"/>, sie wird nicht fortgesetzt. Was jenseits des Gerichtes ist, das ist von dem, was noch diesseits<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/> ist, nicht nur relativ, sondern absolut<term type="begriffe" key="relativ, und absolut"/> verschieden und getrennt. <hi rend="italic">Gott</hi> spricht<term type="begriffe" key="Gott, spricht"/>, <hi rend="italic">Gott</hi> ist als Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/> erkannt. Und die Veränderung, die da ins Auge gefasst werden muss, wo Gott spricht und als Richter erkannt ist, ist so radikal, dass gerade <hi rend="italic">sie</hi> Zeit und Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> und Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/>, Diesseits und Jenseits<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/> in unzerreißbarer Weise verbindet. Das Ende<term type="begriffe" key="Ende"/> ist auch das Ziel<term type="begriffe" key="Ziel"/>. Der Erlöser ist auch der Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer und Erlöser"/>. Der, der richtet, ist auch der, der alles zurechtbringt. Die Aufdeckung des Un-Sinns<term type="begriffe" key="Unsinn, Un-Sinn"/> ist auch die Offenbarung des Sinns<term type="begriffe" key="Sinn"/>. Das Neue ist auch die tiefste Wahr<pb ed="pga" xml:id="p112" break="no"/>heit<term type="begriffe" key="Wahrheit, des Neuen und Alten"/> des Alten. Die radikalste Erledigung<term type="begriffe" key="Erledigung"/> der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>, das Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, unter das alles Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> kommt, die absolute Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, absolute"/>, die Gott für die Welt des Menschen<term type="begriffe" key="Welt, des Menschen"/>, der Zeit und der Dinge bedeutet, ist auch <pb ed="A" n="52"/> der rote Faden<term type="begriffe" key="Geschichte, roter Faden"/>, der sich durch ihr Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen in der göttlichen Krisis"/> hindurchzieht. Das Vergängliche <hi rend="italic">ist</hi>, als solches erkannt, das Gleichnis des Unvergänglichen<term type="begriffe" key="«Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis»"/>. Die letzte Beugung<term type="begriffe" key="Beugung"/> unter Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> ist der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, an Gerechtigkeit Gottes"/> an seine Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>. Denn als der <hi rend="italic">unbekannte</hi> Gott wird Gott <hi rend="italic">erkannt</hi><term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>. Er ist gerade als solcher kein Ding an sich<term type="begriffe" key="Ding, an sich"/>, keine metaphysische<term type="begriffe" key="metaphysisch"/> Wesenheit neben andern Wesenheiten, kein Zweiter, Anderer, Fremder neben dem, was ohne ihn wäre, sondern der ewige, der reine Ursprung<term type="begriffe" key="Gott, Ursprung"/> alles dessen, was ist, als das Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, Sein und Nicht-Sein"/> aller Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/> ihr wahres Sein. Gott ist treu<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/>.</p>
            <p>So wird auch aller Offenbarungseindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> in der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, Offenbarung"/>, so wenig sich Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> seiner rühmen, so wenig sie daraus eine Sicherung und Beruhigung entnehmen kann, durch das Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> nicht ausgelöscht, nicht vernichtet, sondern bestätigt, bewährt und bekräftigt. In der radikalen Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der geschichtlichen und seelischen Wirklichkeit"/> der geschichtlichen und seelischen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, geschichtliche,, und seelische / «geschichtlich und seelisch»"/>, in der umfassenden Relativierung ihrer Stufen<term type="begriffe" key="Stufe"/> und Gegensätze erscheint ihre wahre, ihre ewige Bedeutung.</p>
            <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.1 Röm.3.4">V. 1‒4</ref> Was hat denn der Jude noch Besonderes! Oder was für einen Wert die Beschneidung? Einen großen in jeder Beziehung. Vor allem darin, dass ihnen die Kundgebungen Gottes anvertraut wurden. Denn wie ist’s damit? Wenn Einige das Vertrauen getäuscht haben, wird etwa ihre Untreue die Treue Gottes aufheben? Unmöglich!<note n="a" type="textcritical" xml:id="na"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «<hi rend="bold">Unmöglich?</hi>». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> Sondern es muss sich zeigen: Gott ist wahr, jeder Mensch aber ein Lügner, wie geschrieben steht: Damit du Recht behaltest in deinen Worten und siegest, wo über dich geurteilt wird!</hi></p>
            <p><hi rend="italic">«Was hat denn der Jude noch Besonderes?»</hi> Gibt es überhaupt, im Ernst gesprochen, etwas Besonderes, wenn alles unter den Zorn Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> gestellt ist, alle Besonderheit als Rettung, Ausnahmebildung und Beruhigung aufgehoben ist? Gibt es Höhepunkte in der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, Höhepunkte"/>, die mehr sind als größte Wellen im Strom der Vergänglichkeit<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/>, stärkste Schatten<term type="begriffe" key="Schatten"/> unter andern Schatten? Besteht eine Beziehung zwischen all dem, was als Offenbarungseindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> geschichtlich und seelisch<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> wahr<pb ed="pga" xml:id="p113" break="no"/>nehmbar wird, und der Offenbarung des unbekannten Gottes<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> selbst? Eine Beziehung zwischen dem Harren<term type="begriffe" key="Harren"/> der als Berufene<term type="begriffe" key="Berufung"/> und Erleuchtete<term type="begriffe" key="Erleuchteter"/>, als Helden<term type="begriffe" key="Held"/> und Propheten<term type="begriffe" key="Prophet"/>, als Menschen guten Willens über die Bühne dieser Weltzeit Gehenden und dem kommenden Reiche Gottes<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/>, in welchem alles neu wird? Und es steht hinter dieser Frage die andere, allgemeine, nach dem Verhältnis dessen, was tatsächlich erfahrbar geschieht, und dem ewigen Gehalt alles Geschehens<term type="begriffe" key="Geschehen, Gehalt des Geschehens"/>, nach dem Verhältnis des Da-Seins und So-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, der Dinge"/> der Dinge zu ihrem wahren Sein, des Erlebens<term type="begriffe" key="Erleben"/><note n="b" type="textcritical" xml:id="nb"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Strebens».</note> zum Erkennen<term type="begriffe" key="Erkennen"/>. Oder ist etwa durch den Blick auf Gott den Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/> <pb ed="A" n="53"/> alle Beziehung, alles Verhältnis zwischen hier und dort geleugnet? Sollte die Entfernung, die Distanz Gott<term type="begriffe" key="Distanz, zwischen Mensch und Gott"/> gegenüber, in die wir uns bei tieferer Besinnung<term type="begriffe" key="Besinnung"/> versetzt sehen, eine gänzliche Ferne zwischen Gott und Welt bedeuten? «Was für einen Wert hat die Beschneidung?»<term type="begriffe" key="Beschneidung"/></p>
            <p>Wir antworten: <hi rend="italic">«Einen großen in jeder Beziehung.»</hi> Unheimlich groß, unheimlich stark ist Beziehung und Verhältnis zwischen Gott und Welt, dort und hier. Gerade nachdem erkannt ist, dass die Verdinglichung<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/> und Vermenschlichung<term type="begriffe" key="Vermenschlichung"/> des Göttlichen in einer besonderen Religionsgeschichte<term type="begriffe" key="Religionsgeschichte"/> oder Heilsgeschichte<term type="begriffe" key="Heilsgeschichte"/> <hi rend="italic">keine</hi> Beziehung zu Gott ist, weil Gott als Gott<term type="begriffe" key="Gott, als Gott"/> dabei preisgegeben wird, kann nun auch festgestellt werden, dass alles, was in der bekannten Welt geschieht, Inhalt und Bedeutung hat von dem unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> her, dass aller Offenbarungseindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> ein Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/> ist auf Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> selbst, dass alles Erleben<term type="begriffe" key="Erleben"/> Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, als Krisis"/> als seine eigene Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> in sich trägt und alle Zeit als ihre eigene Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Zeit"/> Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>. Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> ist nicht Vernichtung, sondern Aufrichtung. Reinigung<term type="begriffe" key="Reinigung"/> ist nicht Entleerung, sondern Erfüllung. Gott hat den Menschen nicht verlassen, sondern Gott ist treu<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.31">3,31</ref>).</p>
            <p><hi rend="italic">«Ihnen wurden die Kundgebungen Gottes</hi><term type="begriffe" key="Kundgebungen Gottes"/> <hi rend="italic">anvertraut.»</hi> So zweideutig und fragwürdig die Stellung eines Gerechten, eines nach Gott suchenden und auf Gott wartenden Menschen als Stellung eines <hi rend="italic">Menschen</hi> ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.17 Röm.2.25">2,17–25</ref>), so klar und notwendig ist sie als Symptom dessen, was <hi rend="italic">Gott</hi> will und tut. Beweis eines göttlichen Zutrauens ist es, dass solche Menschen mitten in der Welt sind, was sie sind. Sie sind es, weil das Gottesreich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> verheißen ist. Indem sie durch eigene oder fremde <pb ed="pga" xml:id="p114"/> «Erlebnisse»<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> gezwungen sind, stillzustehen vor dem, was sie nicht kennen, sind sie der Beweis, dass dieses Nicht-Gekannte als solches Gegenstand von Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, des Nicht-Gekannten"/> werden <hi rend="italic">könnte</hi>. Indem sie sich des Unmöglichen<term type="begriffe" key="Unmögliche"/> erinnern, sind sie der Beweis, dass eben das Unmögliche: Gott, im Bereich der Möglichkeit steht, freilich nicht als eine Möglichkeit unter andern, sondern, wie gerade an ihnen anschaulich wird, als die unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/>. Die Kundgebungen Gottes<term type="begriffe" key="Kundgebungen Gottes"/>, die sie haben und hüten, sind fassliche Zeugnisse<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> des Unfasslichen: dass es für diese erlösungsunfähige Welt eine Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/> gibt. Ob das, was sie haben und hüten, <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> ist oder <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes der Täufer</persName>, <persName ref="kbga-actors-322">Plato</persName> oder der Sozialismus<term type="begriffe" key="Sozialismus"/> oder auch einfach die dem schlichten alltäglichen Tun innewohnende sittliche Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft, sittliche"/>, gleichviel: es ist Berufung<term type="begriffe" key="Berufung"/>, Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/>, Gleichnisfähigkeit<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> in diesem Haben und Hüten, Angebot und offene Türe tiefster Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis"/>. Ihr Anspruch auf eine besondere Stellung, ihr Anspruch, besonders gehört zu werden, ist nicht not<pb ed="A" n="54" break="no"/>­wendig eine Anmaßung, sofern ihnen tatsächlich Kundgebungen Gottes<term type="begriffe" key="Kundgebungen Gottes"/> anvertraut sind.</p>
            <p><hi rend="italic">«Wenn auch einige dies Vertrauen getäuscht haben, wird etwa ihre Untreue die Treue Gottes aufheben?»</hi> Also verborgen und verschüttet ist der wahre Gehalt unsres Lebens, unerkannt der unbekannte Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, unfruchtbar die Spuren<term type="begriffe" key="Spuren"/> seiner Treue, unbenützt seine Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/> und sein Angebot<term type="begriffe" key="Gott, Angebot"/>. Aber diese Feststellung mag für den Augenblick auf sich beruhen. Von Gott aus gesehen ist dieser Vertrauensmissbrauch doch nur eine zufällige Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, zufällige"/>, die Tat «Einiger» (und wenn die «Einigen» alle wären!), keine Widerlegung und kein Hindernis dessen, das<note n="c" type="textcritical" xml:id="nc"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «was».</note> <hi rend="italic">er</hi> will und tut. Gottes Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> kann getäuscht, aber nicht aufgehoben werden. Gottes Angebot<term type="begriffe" key="Gott, Angebot"/> kann Undank finden, aber es wird nicht zurückgezogen. Gottes Güte<term type="begriffe" key="Gott, Güte"/> wird dem widerstrebenden Menschen zum Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>, aber sie ist darum nicht weniger Güte. Die ganze Widergöttlichkeit des Geschichtsverlaufs<term type="begriffe" key="Geschichte"/> ändert nichts daran, dass es <hi rend="italic">in</hi> diesem Geschichtsverlauf immer und überall jene Besonderheiten, jene Offenbarungseindrücke<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, jene Gelegenheiten und offenen Türen gibt, die, von Gott aus gesehen, zur Besinnung<term type="begriffe" key="Besinnung"/> rufen, zur Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> leiten <hi rend="italic">könnten.</hi> Es bleibt, wo Menschen sind, die auf Gott harren<term type="begriffe" key="Harren"/>, eine Sendung<term type="begriffe" key="Sendung"/>, ein <foreign xml:lang="lat">character indele<pb ed="pga" xml:id="p115" break="no"/>bilis</foreign><note xml:id="n01"> Nach der römisch-katholischen Sakramentenlehre prägen Taufe, Firmung und Weihesakrament einen «<foreign xml:lang="lat">characterem in anima, hoc est signum quoddam spirituale et indelebile</foreign>», ein: ein «geistiges und unauslöschliches» Merkmal (<bibl corresp="kbga-bibls-25">DH 1609</bibl>).</note>, und wenn er vor ihren eigenen und vor aller Augen in tiefste Unkenntlichkeit<term type="begriffe" key="Unkenntlichkeit"/> gehüllt wäre und wenn die schwersten seelischen und geschichtlichen<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Katastrophen<term type="begriffe" key="Katastrophe"/> darüber gingen. Gott hat sich nie und nirgends umsonst offenbart<term type="begriffe" key="Offenbarung"/>. Wo «Gesetz»<term type="begriffe" key="Gesetz"/> ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.14">2,14</ref>), und wenn es noch so ausgebrannte Schlacke wäre, da ist auch ein Wort der Treue Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/>.</p>
            <p><hi rend="italic">«Es muss sich zeigen: Gott ist wahr, jeder Mensch aber ein Lügner!»</hi> Was vermag denn die Untreue<term type="begriffe" key="Untreue"/> der begnadigten Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/>? Sie vermag nur, «die Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, der christlichen Philosophie"/> der ganzen christlichen Philosophie<term type="begriffe" key="Philosophie, christliche"/>» (<persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>)<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-3479"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, col. 48</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Prius membrum [scil. Deum veracem esse] est primarium axioma totius christianae philosophiae</foreign>.»</note> zu bewähren: <hi rend="italic">Gott</hi> ist wahr<term type="begriffe" key="Gott, wahrer G."/>;<note n="d" type="textcritical" xml:id="nd"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «wahr!».</note> <hi rend="italic">Gott</hi> ist die Antwort<term type="begriffe" key="Gott, Antwort"/>, die Hilfe, der Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/>, der Erlöser<term type="begriffe" key="Gott, Erlöser"/>, <hi rend="italic">nicht</hi> der Mensch, weder der östliche<term type="begriffe" key="östlich"/> noch der westliche<term type="begriffe" key="westlich"/>, 
            noch der deutsche Mensch<term type="begriffe" key="Deutsche"/> und auch nicht der biblische Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, «biblischer»"/>, weder der Fromme<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/> noch der Held<term type="begriffe" key="Held"/>, noch der Weise, weder der Wartende<term type="begriffe" key="Warten"/> noch der Wirkende und auch nicht der Übermensch<term type="begriffe" key="Übermensch"/> – Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/>, Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>! Wenn wir es je vergessen sollten, so muss uns die Unzulänglichkeit<term type="begriffe" key="Unzulänglichkeit"/> aller Offenbarungsträger<term type="begriffe" key="Offenbarungsträger"/> gegenüber der Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> die Distanz<term type="begriffe" key="Distanz, zwischen Mensch und Gott"/> wieder in Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Offenbarung"/> rufen, uns wieder an den Anfang<term type="begriffe" key="Anfang"/>, an den Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/> stellen. Auch der Offenbarungsträger<term type="begriffe" key="Offenbarungsträger"/> selber lebt davon, dass es in seiner eigenen Unzulänglichkeit<term type="begriffe" key="Unzulänglichkeit"/> an den Tag tritt: <hi rend="italic">Gott</hi> ist Gott<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/>! «Ich glaubte, darum redete ich, ich wurde aber tief erniedrigt», bekennt er (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.116.10 Ps.116.14">Ps. 116,10–14</ref>) und fährt fort: «Ich <pb ed="A" n="55"/> sprach in meinem Entsetzen<term type="begriffe" key="Entsetzen"/> («in meiner Ekstase<term type="begriffe" key="Ekstase"/>» LXX): <hi rend="italic">Jeder Mensch ist ein Lügner!</hi>» Jeder Mensch!!<term type="begriffe" key="Mensch, Lügner"/> Eben aus der Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> in diesen umfassenden Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zwischen Mensch und Gott"/> des Menschen zu Gott, aus ihr allein, entspringt Gotteserkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/>, neue Gottesgemeinschaft<term type="begriffe" key="Gottesgemeinschaft"/>, neuer Gottesdienst: «Wie soll ich dem Herrn vergelten alles, was er mir vergilt? Ich will den Kelch des Heils ergreifen und den Namen des Herrn anrufen. Ich will meine Gelübde dem Herrn bezahlen vor seinem ganzen Volk.»</p>
            <p><hi rend="italic">«Damit du Recht behaltest in deinen Worten und siegest, wo über dich geurteilt wird»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.51.6">Ps. 51,6</ref>). Es hat keinen Sinn, im Blick auf  das <pb ed="pga" xml:id="p116"/> immer und überall offenkundige Versagen<term type="begriffe" key="Versagen"/> der Berufenen ihre Berufung<term type="begriffe" key="Berufung"/> zu bezweifeln oder gar den, der sie berufen hat, zu kritisieren. Der Wert der Kundgebungen Gottes<term type="begriffe" key="Kundgebungen Gottes"/> ist unabhängig vom Verlauf der menschlichen Geschichte, ja noch mehr: sie erweisen sich gerade darin als Kundgebungen <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Kundgebungen Gottes"/>, dass das, was im Geschichtsverlauf<term type="begriffe" key="Geschichte"/> als ihre Wirkung sichtbar wird, zugleich immer auch ein Versagen<term type="begriffe" key="Versagen"/>, eine Nicht-Wirkung ist. Wo der Mensch in der im <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.51">51. Psalm</ref> beschriebenen Lage ist, wo er im Lichte Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Licht"/> nichts an sich selber findet als seine Unreinheit<term type="begriffe" key="Unreinheit"/>, wo er an kein anderes Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/> mehr zu denken vermag als an seinen geängsteten Geist<term type="begriffe" key="Geist, des Menschen"/>, sein geängstetes und zerschlagenes Herz<term type="begriffe" key="Herz"/>, <hi rend="italic">da</hi> wird Gott als der Sieger<term type="begriffe" key="Gott, Sieger"/> triumphierend erkannt. Es beharrt also über dem Steigen und Fallen der Wellen der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>, der menschlichen Untreue<term type="begriffe" key="Untreue"/> zum Trotz, ja <hi rend="italic">in</hi> der menschlichen Untreue, die Treue Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/>. Es beharrt das «Besondere» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.1">3,1</ref>), das der «Jude» nicht <hi rend="italic">hat</hi>, aber <hi rend="italic">empfangen</hi> hat.</p>
            <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.5 Röm.3.8">V. 5‒8</ref> Beweist aber unsre Unbotmäßigkeit Gottes Gerechtigkeit, was sollen wir</hi>
            dazu <hi rend="bold">sagen? Ist</hi>
            dann <hi rend="bold">Gott nicht</hi>
            selbst <hi rend="bold">unbotmäßig im Verhängen seines Zorns? (Ich rede nach menschlicher Logik!) Unmöglich! Wie kommt es</hi>
            denn <hi rend="bold">dazu, dass Gott die Welt richtet?</hi><note n="*1" type="original" xml:id="s1"><persName ref="kbga-actors-38">Bengel</persName><note xml:id="n03"> <bibl corresp="kbga-bibls-3520"><persName ref="kbga-actors-38">Bengel</persName>, Bd. II, S. 21</bibl>, erörtert nicht ausdrücklich die textkritische Frage, ob in <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.6">Röm. 3,6</ref> Präsens oder Futur zu lesen sei. Doch heißt es dort: «<foreign xml:lang="lat">Consequentia nectitur a minori ad majus, ut in <hi rend="italic">negativis</hi> fieri debet: Si Deus injuste ageret, inferens iram in Judaeum injuste agentem: quod jam est absurdum dictu: sane non posset universum mundum judicare. <hi rend="italic">Affirmative</hi> sic procederet: Qui universum mundum (juste) judicat, is sane etiam in hoc unico casu juste judicabit. Vicissim a majori ad minus concluditur</foreign>, <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.6.2">1 Cor. 6,2.</ref>» Der Satz: «<foreign xml:lang="lat">Qui [...] judicat, is [...] judicabit</foreign>.» ist in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen. <persName ref="kbga-actors-38">Bengel</persName> setzt in seiner Ausgabe <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Η ΚΑΙΝΗ ΔΙΑΘΗΚΗ</foreign>
          <bibl corresp="kbga-bibls-3545"><hi rend="italic">. Novum Testamentum Graecum</hi>, Tübingen 1734, S. 223</bibl>, jedoch das Futur <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">κρινεῖ</foreign>.</note> liest wohl mit Recht nicht <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">κρινεῖ</foreign>, sondern <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">κρίνει</foreign> wie <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.16">2,16</ref> entsprechend dem <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">κρίνομαι</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.7">V. 7</ref>. «Die Welt richten» im Präsens findet sich auch <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.6.2">1.Kor. 6,2</ref>.<term type="begriffe" key="Textkritik"/></note> <hi rend="bold">Wenn</hi>
            ich mich damit rechtfertigen dürfte, dass <hi rend="bold">Gottes Wahrheit in meiner Lüge groß wurde zu seiner Verherrlichung, was erklärt</hi>
            dann die Tatsache, <hi rend="bold">dass ich selbst als Sünder gerichtet bin? Und</hi>
            wahrhaftig, es geht <hi rend="bold">nicht nach dem Wort, das uns einige <pb ed="pga" xml:id="p117"/>  lästerlicherweise unterschieben: Lasset uns das Böse tun, damit das Gute</hi>
            daraus <hi rend="bold">komme! Die</hi>
            so reden, <hi rend="bold">bekräftigen ihre Verurteilung.</hi></p>
            <p><hi rend="italic">«Beweist aber unsre Unbotmäßigkeit Gottes Gerechtigkeit, ist dann Gott nicht selbst un</hi><pb ed="A" n="56"/><hi rend="italic">botmäßig im Verhängen seines Zorns?»</hi> Die soeben (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.1 Röm.3.4">3,1–4</ref>) gewonnene Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> von der Überlegenheit<term type="begriffe" key="Gott, Überlegenheit"/>, mit der Gott im Versagen<term type="begriffe" key="Versagen"/> seiner Auserwählten erst recht sich als Gott offenbart, scheint ein eigentümliches Licht auf das Wesen dieses Gottes zu werfen<term type="begriffe" key="Gott, sein Wesen"/>. «Unbotmäßigkeit»<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/>, willkürlich<term type="begriffe" key="Willkür"/> herrische Ich-Sucht<term type="begriffe" key="Ich, Ich-Sucht"/> des Menschen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">1,18</ref>) ist’s offenbar, was auch in den Auserwählten die Wahrheit gefangen<term type="begriffe" key="Gefangenhalten der Wahrheit"/> hält, was ihr Versagen<term type="begriffe" key="Versagen"/> verursacht. Beweist nun menschliche Unbotmäßigkeit göttliche Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>, was ist es dann mit dieser Gerechtigkeit? Ist sie nicht selbst «Unbotmäßigkeit»: ist Gott dann nicht selber willkürlich herrisch<term type="begriffe" key="Gott, Willkür?"/>, ein in seiner Frevelhaftigkeit geradezu fürchterliches höchstes Ich? Zeugt dann nicht sein Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/>, unsre Hingabe an die Herrschaft des Nicht-Gottes<term type="begriffe" key="Nicht-Gott, Herrschaft"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.22 Röm.1.32">1,22–32</ref>) gegen ihn selbst? Ist dann nicht der Zustand der Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> und des Menschen der wahre Ausdruck von Gottes innerstem Wesen<term type="begriffe" key="Gott, sein Wesen"/>, welches ist eine unergründliche launenhafte Tyrannei<term type="begriffe" key="Gott, Tyrann?"/>? Beweist der Un-Sinn der Geschichte<term type="begriffe" key="Unsinn, der Geschichte"/> ihren verborgenen Sinn<term type="begriffe" key="Sinn, der Geschichte"/>, ist dann nicht notwendig dieser Sinn selbst Unsinn?</p>
            <p><hi rend="italic">«Nach menschlicher Logik»</hi><term type="begriffe" key="Logik"/>, will sagen für ein scheinbar sehr konsequentes, in Wirklichkeit aber sehr unkritisches, allzu lineares, im Rechnen mit Gott unerfahrenes, verwildertes Denken eine in der Tat naheliegende Folgerung. Solche Logik rechnet eben aller Belehrung zum Trotz doch immer wieder nur mit Gegebenheiten<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/>, die sie aneinanderreiht, nicht aber mit einem Nicht-Gegebenen<term type="begriffe" key="Nicht-Gegebene"/>, das aller Gegebenheiten Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, des Nicht-Gegebenen"/> ist. Sie übersieht, echt menschlich<term type="begriffe" key="menschlich"/>, mit wem sie es zu tun hat, wenn von Gott die Rede ist. Sie übersieht, dass der Schluss von der Wirkung auf die Ursache<term type="begriffe" key="Ursache, und Wirkung"/> Gott gegenüber nicht bündig ist, weil Gott kein bekanntes Ding unter Dingen<term type="begriffe" key="Ding, unter Dingen"/> ist.</p>
            <p><hi rend="italic">«Wie kommt es denn dazu, dass Gott die Welt richtet?»</hi> Könnte man im Sinne dieses Einwands Gott als letzte Ursache<term type="begriffe" key="Ursache"/> an die andern Sachen in dieser Welt anreihen und von diesen aus Schlüsse auf ihn ziehen, wie steht es dann mit der Tatsache, dass die ganze gegenständliche Welt offenbar einer letzten Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, letzte"/> und Problematik<term type="begriffe" key="Problematik"/> unterworfen ist? Kein Gegenstand ohne das Denken des Gegenstandes. Kein Merkmal, das wir an einem Gegenstande feststellen, ohne ein voraus<pb ed="pga" xml:id="p118" break="no"/>eilendes Wissen, das uns den Begriff dieses Merkmals an die Hand gibt. Also, wenn Gott ein Gegenstand in der Welt ist, keine Aussage über Gott («Willkür»<term type="begriffe" key="Gott, Willkür?"/>, «Tyrannei<term type="begriffe" key="Gott, Tyrann?"/>»), die nicht diesem überlegenen<term type="begriffe" key="Gott, Überlegenheit"/> Vorauswissen entstammte. Wäre Gott im Sinne des Einwands <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.5">3,5</ref> ein Gegenstand unter Gegenständen, wäre er also selbst dieser Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> unterworfen, so wäre er offenbar gar nicht Gott, sondern der wahre Gott wäre im Ursprung dieser <pb ed="A" n="57"/> Krisis zu suchen. Und das ist offenbar der Fall: der Einwand <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.5">3,5</ref> redet gar nicht von Gott, 
            sondern von Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>, dem bekannten Gott dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt, Gott dieser W."/>. Der wahre Gott<term type="begriffe" key="Gott, wahrer G."/> ist aber der aller Gegenständlichkeit<term type="begriffe" key="Gegenständlichkeit"/> entbehrende Ursprung der <hi rend="italic">Krisis</hi><term type="begriffe" key="Krisis, Ursprung der K."/> aller Gegenständlichkeit, der Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/>, das Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein"/> der Welt (mit Einschluss jenes «Gottes» menschlicher Logik<term type="begriffe" key="Logik"/>). Eben von diesem wahren Gott<term type="begriffe" key="Gott, wahrer G."/>, dem Richter der Welt, der selber nicht Partei ist in der Welt, reden wir. Die allzu naheliegende Folgerung von uns auf Gott erreicht ihr Ziel nicht, sie ist ein Kurzschluss. Der wahre Gott ist <hi rend="italic">nicht</hi> «unbotmäßig», <hi rend="italic">nicht</hi> willkürlich, <hi rend="italic">nicht</hi> launisch. Denn in <hi rend="italic">seinem</hi> Gericht<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/>, im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zum Gericht"/> zu <hi rend="italic">ihm</hi> kommt uns die<note n="e" type="textcritical" xml:id="ne"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «uns ja die».</note> in unsrer Welt herrschende Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/>, Willkür<term type="begriffe" key="Willkür"/> und Laune erst in ihrer Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/> zum Bewusstsein. Ohne ihn kämen wir gar nicht dazu, jene falsch adressierte Anklage zu erheben.</p>
            <p><hi rend="italic">«Wenn ich mich damit rechtfertigen dürfte, dass Gottes Wahrheit in meiner Lüge groß wurde, was erklärt dann, dass ich selbst als Sünder gerichtet bin?»</hi> Das Motiv jenes Einwandes ist offenbar das Bedenken gegen die aus der Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> von der göttlichen Überlegenheit<term type="begriffe" key="Gott, Überlegenheit"/> scheinbar sich ergebende menschliche Unverantwortlichkeit – oder auch der Wunsch, solche Unverantwortlichkeit sich zu sichern: Beharrt, ja triumphiert die Treue Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> auch in der Untreue<term type="begriffe" key="Untreue"/> der Auserwählten, dann kann sich ja jeder beruhigen bei dem Gedanken, dass in seiner Lüge<term type="begriffe" key="Mensch, Lügner"/> die Wahrheit Gottes groß wird. Aber auch dieser Schluss ist haltlos. Er geht von der Voraussetzung aus, dass der Mensch überhaupt in der Lage ist, in seinem Tun Gottes Wahrheit<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/> groß werden zu lassen, als Mensch etwas zu sein zu Gottes Verherrlichung<term type="begriffe" key="Verherrlichung, Gottes"/>. Diese Voraussetzung ist falsch. So gewiss Gott nicht Welt ist, so gewiss kann der Mensch weder durch seinen Gehorsam noch durch seine Lüge der Wahrheit und Herrlichkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> etwas hinzufügen noch wegneh<pb ed="pga" xml:id="p119" break="no"/>men. Gott bewahrheitet und verherrlicht sich selbst. An <hi rend="italic">ihm</hi> entscheidet es sich alleweil, ob unser Tun Gehorsam oder Lüge ist, <hi rend="italic">er</hi> «bezahlt» einen jeglichen nach seinen Werken<term type="begriffe" key="Werk"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.6">2,6</ref>), <hi rend="italic">er</hi> triumphiert in seinem Annehmen oder Verwerfen, Begnadigen oder Verurteilen. Ich aber habe am einen wie am andern <hi rend="italic">keine</hi> Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/>, <hi rend="italic">keine</hi> Entschuldigung, <hi rend="italic">keine</hi> Bestätigung meines Seins und Tuns; ich kann mich, begnadigt oder verurteilt, nur beugen unter <hi rend="italic">seinen</hi> Spruch, und, es gehe, wie es gehe, ihm die Ehre<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> geben. <hi rend="italic">Das</hi> ist Aufrichtigkeit<term type="begriffe" key="Aufrichtigkeit"/> gegen Gott, im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zur Vernünftelei"/> zu den Vernünfteleien der Zwischenfrage, warum Gott Gott ist<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/>. Wer die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der menschlichen Verantwortlichkeit"/> der menschlichen Verantwortlichkeit<term type="begriffe" key="Verantwortlichkeit"/> durch die göttliche Souveränität<term type="begriffe" key="Gott, Souveränität"/> fürchtet oder wünscht, der halte sich die Tat<pb ed="A" n="58" break="no"/>sache vor Augen, dass er als Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> vor Gott gerichtet ist. Ist das wahr, oder ist das nicht wahr? In der aufrichtigen Beantwortung <hi rend="italic">dieser</hi> Frage und in der Furcht des Herrn<term type="begriffe" key="Furcht, des Herrn"/>, die sich daraus ergibt, besteht die menschliche Verantwortlichkeit<term type="begriffe" key="Verantwortlichkeit"/>. Wer sich im Gerichte Gottes weiß, der rechnet das, was Gott (für ihn oder gegen ihn) tut, zu Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/>, nicht zu seiner eigenen Ehre, so sicher wie der, der Gott als den Richter kennt<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/>, die Unehre der Welt nicht Gott zur Unehre rechnet (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.5 Röm.3.7">3,5–7</ref>). Das Bedenken vor der Anerkennung des «geknechteten Willens»<term type="begriffe" key="Wille, geknechteter"/><note xml:id="n04"> Anspielung auf die von <bibl corresp="kbga-bibls-1326"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName> 
            in <hi rend="italic">De servo arbitrio</hi> (1525), WA 18, 600-787</bibl>, entfaltete Lehre vom unfreien «geknechteten Willen»; s. z. B. 635,7-9: «<foreign xml:lang="lat">Summa, si sub Deo huius saeculi sumus, sine opere et spiritu Dei veri, captivi tenemur ad ipsius voluntatem  […], ut non possimus velle, nisi quod ipse velit.</foreign>»</note> des Menschen ist also unnütz, und der heimliche Wunsch, der sich an diese Anerkennung knüpfen möchte, ist eitel. Gerade in dieser Anerkennung, die die Herrlichkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> auch da sieht, wo der Mensch verworfen ist, ist die freie und freudige <hi rend="italic">Beugung</hi><term type="begriffe" key="Beugung"/> vor Gott und der Verzicht auf alle faulen Künste.</p>
            <p><hi rend="italic">«Und wahrhaftig, es geht nicht nach dem Wort: Lasset uns das Böse tun, damit das Gute daraus komme! Die so reden, bekräftigen ihre Verurteilung.»</hi> Das geradlinige Reden über Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/> als zwei auf gleichem Fuß verkehrende Partner ist gerade die schlimmste Verkrümmung der Wahrheit. Sonnenklar scheint ein Satz sich aus dem andern zu ergeben: Gott lässt das Gute kommen. Gott lässt das Gute kommen – auch wenn wir das Böse tun. Also lasst uns das Böse tun, es kommt ja doch das Gute<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>. Aber diese Sonnenklarheit ist Finsternis. «Die so reden, bekräftigen ihre Verurteilung<term type="begriffe" key="Verurteilung"/>.» Denn Gott und <pb ed="pga" xml:id="p120"/> Mensch<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/> ist nicht einerlei. Weder können wir das Böse auf Rechnung Gottes tun, noch kommt das Gute, das daraus kommen mag, auf unsre Rechnung. Was wir tun, ist nie von Gott getan, und was daraus kommt, kommt nie von uns. Täuschen wir uns darin, so verkennen wir bei scheinbar gewonnener Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> in die göttliche Souveränität<term type="begriffe" key="Gott, Souveränität"/> aufs Neue die Distanzen<term type="begriffe" key="Distanz, zwischen Mensch und Gott"/>. <hi rend="italic">Wir</hi> sind eben <hi rend="italic">nicht</hi> Gott, <hi rend="italic">nicht</hi> souverän! Das Böse ist böse<term type="begriffe" key="Böse, ist böse"/> trotz des Guten, das von Gott daraus kommt. Der Un-Sinn der Geschichte ist Un-Sinn<term type="begriffe" key="Unsinn, der Geschichte"/>, trotz des Sinnes<term type="begriffe" key="Sinn, der Geschichte"/>, der von Gott her darin ist. Untreue ist Untreue<term type="begriffe" key="Untreue"/> trotz der Treue Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/>, die sich durch sie nicht irre machen lässt. Welt ist Welt<term type="begriffe" key="Welt, ist W."/> trotz des Erbarmens<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/>, mit dem Gott sie umgibt und trägt. Dulden und anerkennen und bejahen<term type="begriffe" key="Bejahung"/> wir uns selbst, bejahen wir den Lauf der Welt<term type="begriffe" key="Welt"/>, wie sie ist, so preisen wir damit nicht den allmächtigen Gott, sondern bekräftigen unsre ohnehin ausgesprochene Verurteilung<term type="begriffe" key="Verurteilung"/>, bestätigen die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, des göttlichen Zorns"/> des göttlichen Zorns<term type="begriffe" key="Gott, Zorn ist Gerechtigkeit Gottes"/>, nur dass uns die Überheblichkeit<term type="begriffe" key="Überheblichkeit"/>, mit der wir uns dabei Gott an die Seite stellen, mit der wir gar noch etwas für Gott zu tun meinen, der einzig rettenden Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> beraubt, uns zugleich Gott auf Gnade und Ungnade in die Arme zu werfen. Indem wir mit <pb ed="A" n="59"/> der Ausrede des Fatalismus<term type="begriffe" key="Fatalismus"/> dem Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> entrinnen wollen, verfallen wir dem Gericht gerade <hi rend="italic">wegen</hi> dieser Ausrede. Denn die Berufung auf «Gott» zugunsten <hi rend="italic">unsrer</hi> Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist Götzendienst<term type="begriffe" key="Götzendienst"/> und Gottlosigkeit<term type="begriffe" key="Gottlosigkeit"/>, ist nichts anderes als die «Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> und Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">1,18</ref>), die den Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> Gottes unvermeidlich macht.</p>
            <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.9 Röm.3.18">V. 9‒18</ref> Wie steht es nun? Können wir einen Vorwand nehmen? Keineswegs: Es bleibt bei der von uns erhobenen Anklage, dass Juden und auch Griechen alle unter der Sünde stehen, wie geschrieben steht: Es gibt keinen Gerechten, nicht einen. Es gibt keinen Einsichtigen. Es gibt keinen, der nach Gott fragt. Alle sind abgewichen, alle miteinander unbrauchbar geworden. Es gibt keinen, der das Gute tut, es gibt auch nicht einen einzigen. Ein offenes Grab ist ihre Kehle, mit ihrer Zunge betrügen sie, Schlangengift ist hinter ihren Lippen, ihr Mund voll Fluch und Bitterkeit, eilend ihre Füße zum Blutvergießen, Verwüstung und Jammer ist auf ihren Wegen, und den Weg des Friedens erkannten sie nicht. Es ist keine Gottesfurcht in ihren Augen.</hi></p> 
            <p><pb ed="pga" xml:id="p121" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Können wir einen Vorwand nehmen?»</hi>, nämlich aus dem Blick auf die auch im Abfall<term type="begriffe" key="Abfall, des Menschen von Gott"/> des Menschen beharrende Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes? Wir haben gesehen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.5 Röm.3.8">3,5–8</ref>): Nein! So gewiss die Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> in die Souveränität<term type="begriffe" key="Gott, Souveränität"/> Gottes alle Beruhigungsmittel der Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> zerstört, so gewiss wird sie keine neuen Beruhigungsmittel schaffen. Der Mensch ist nicht dazu in die Luft gestellt<term type="begriffe" key="«in die Luft stellen»"/>, um alsbald wieder Boden zu finden. Hinter dem siegreichen Willen Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> kann sich niemand verstecken, sondern wer ihn erkennt, der kommt ins Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>, in die Erschütterung<term type="begriffe" key="Erschütterung"/> hinein und – nicht mehr heraus.</p>
            <p><hi rend="italic">«Es bleibt bei der Anklage, dass alle unter der Sünde stehen.»</hi> Es bleibt bei der Feststellung (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18 Röm.2.29">1,18-2,29</ref>), dass die Menschen: Juden<term type="begriffe" key="Jude"/> und Griechen<term type="begriffe" key="Grieche"/>, Gotteskinder<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> und Weltkinder<term type="begriffe" key="Weltkinder"/> von Natur, als Menschen Kinder des Zorns [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.3">Eph. 2,3</ref>] sind, ohne Ausnahme noch Ausweg hingegeben an die Fremdherrschaft der <hi rend="italic">Sünde</hi><term type="begriffe" key="Sünde, Fremdherrschaft"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12 Röm.5.14">5,12–14</ref>). Unbekannt ist und bleibt uns Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>. Heimatlos sind und bleiben wir in dieser Welt. Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> sind wir und Sünder bleiben wir. Wer Menschheit<term type="begriffe" key="Menschheit"/> sagt, der sagt unerlöste Menschheit. Wer Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> sagt, der sagt Beschränktheit<term type="begriffe" key="Beschränktheit"/> und Vergänglichkeit<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/>. Wer Ich sagt, der sagt Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>. In dem Engpass dieser Lage gibt es kein Ausweichen weder nach vorwärts noch nach rückwärts. Unter dieser Anklage<term type="begriffe" key="Anklage"/> können wir schlechterdings nur verharren. Nur wer hier verharrt und in keiner Weise entrinnen will, auch nicht durch die eben (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.5 Röm.3.8">3,5–8</ref>) abgefertigten Sophismen<term type="begriffe" key="Sophismus"/> «menschlicher Logik»<term type="begriffe" key="Logik"/>, nur der kann Gott preisen in seiner Treue (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.1 Röm.3.4">3,1–4</ref>).</p>
            <p><pb ed="A" n="60"/> <hi rend="italic">«Wie geschrieben steht».</hi> Ist denn das alles etwas so Neues und Unerhörtes? Resignation infolge von Enttäuschungen? Pessimistischer Enthusiasmus<term type="begriffe" key="Enthusiasmus"/>? Vergewaltigung des reichen Menschheitslebens? Bruch mit der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>? Hochmütiger gnostischer<term type="begriffe" key="gnostisch"/> Radikalismus?<note xml:id="n05"> Diese Fragen können auch als Aufzählung von Aspekten der Kritik am <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I</bibl> gelesen werden; vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p008#p008">S. 8–22</ref>.</note> Nein, diese ungern gehörte «Anklage»<term type="begriffe" key="Anklage"/> <hi rend="italic">steht geschrieben</hi>, sie ist «längst verkündigt» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.2">1,2</ref>). Gerade die ganze <hi rend="italic">Geschichte</hi><term type="begriffe" key="Geschichte"/> schreit doch diese Anklage gegen sich selber. Was heißt geschichtliches Denken, wenn gerade diese Anklage<term type="begriffe" key="Anklage"/> beharrlich überhört wird? Hat von allen Beachtlichen, Anständigen, ernst zu Nehmenden der Geschichte, von allen Propheten<term type="begriffe" key="Propheten"/>, Psalmsängern<term type="begriffe" key="Psalmsänger"/>, Philosophen<term type="begriffe" key="Philosoph"/>, Kirchenvätern<term type="begriffe" key="Kirchenväter"/>, Refor<pb ed="pga" xml:id="p122" break="no"/>matoren<term type="begriffe" key="Reformatoren"/>, Dichtern<term type="begriffe" key="Dichter"/> und Künstlern <term type="begriffe" key="Künstler"/> auch nur einer, wenn es darauf ankam, den Menschen gut oder auch nur des Guten fähig genannt? Ist etwa die Lehre von der «Erbsünde»<term type="begriffe" key="Erbsünde"/> nur <hi rend="italic">eine</hi> «Lehre» neben andern und nicht viel mehr (in ihrem grundsätzlichen Sinn! vgl. aber <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12">5,12</ref>) <hi rend="italic">die</hi> Lehre, die sich aus jeder ehrlichen Geschichtsbetrachtung ergibt, <hi rend="italic">die</hi> Lehre, auf die sich alle in der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> auftretenden «Lehren» letztlich zurückführen lassen? Kann man denn in dieser Sache «anderer Ansicht» sein als die Bibel<term type="begriffe" key="Bibel"/>, <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> und die Reformatoren<term type="begriffe" key="Reformatoren"/>? Was zeigt, was lehrt denn die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> (aktiv und passiv)?</p>
            <p>Die verhältnismäßige Gottähnlichkeit<term type="begriffe" key="Gottähnlichkeit"/> wenigstens einiger gewisser Menschen? Nein, sondern: <hi rend="italic">«Es gibt keinen Gerechten, auch nicht einen.»</hi></p>
            <p>Das Vorhandensein wesentlichen Tiefsinns, wesentlicher Lebenserfahrung unter uns Menschen? Nein, sondern: <hi rend="italic">«Es gibt keinen Einsichtigen.»</hi> Das ergreifende Bild der stillen Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, stille"/> oder des feurigen Gottsuchens großer Wahrheitszeugen<term type="begriffe" key="Zeuge, der Wahrheit"/>, «das Gebet»<term type="begriffe" key="Gebet"/><note xml:id="n06"> Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-169">Heiler</persName>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p367#p367">S. 367f</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p387#p387">387</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p395#p395">395</ref></bibl>.</note> etwa? Nein, sondern: <hi rend="italic">«Es gibt keinen, der nach Gott fragt.»</hi></p>
            <p>Das Urwüchsige, Gesunde, Echte, Originelle, interessant Bewegte, Ideale, Charaktervolle, Liebevolle, Geistreiche, Himmelstürmende<term type="begriffe" key="himmelstürmend"/>, Schlichte, Gediegene dieser und jener Persönlichkeit und ihrer Werke? Nein, sondern: <hi rend="italic">«Alle sind abgewichen, alle miteinander unbrauchbar geworden. Es gibt keinen, der das Gute tut, es gibt auch nicht einen einzigen.»</hi></p>
            <p>Oder irgendwelche irgendwie <hi rend="italic">noch</hi> schönere menschliche Eigenschaften und Leistungen geistlicher oder weltlicher, innerer oder äußerer, bewusster oder unbewusster, tätiger oder leidender, theoretischer oder praktischer Art? Nein, sondern: <hi rend="italic">«Ein offenes Grab ist ihre Kehle, mit ihrer Zunge betrügen sie, Schlangengift ist hinter ihren Lippen, ihr Mund voll Fluch und Bitterkeit.»</hi> Das ist’s, <pb ed="A" n="61"/> was schließlich von den Gedanken und Worten des Menschen zu halten ist. Und <hi rend="italic">«eilend ihre Füße zum Blutvergießen, Verwüstung und Jammer ist auf ihren Wegen, und den Weg des Friedens erkannten sie nicht»</hi>, das ist’s, was von der Menschen Taten und Werken zu sagen ist.</p>
            <p><hi rend="italic">«Es ist keine Gottesfurcht in ihren Augen»</hi>, das zeigt, das lehrt die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>. Gottesfurcht<term type="begriffe" key="Furcht, des Herrn"/> als solche wird nie sichtbar, nie greifbar, nie <pb ed="pga" xml:id="p123"/> im direkten Sinn «wirklich» in dieser Welt. Sie wird geschichtlich und seelisch<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> nicht<note n="f" type="textcritical" xml:id="nf"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «<hi rend="italic">nicht</hi>».</note> wahrnehmbar. Was wahrnehmbar wird, das ist allemal <hi rend="italic">nicht</hi> Gottesfurcht<term type="begriffe" key="Furcht, des Herrn"/>. <hi rend="italic">So</hi> steht es geschrieben: <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.14.4">Hiob 14,4</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.14.1 Ps.14.3">Ps. 14,1–3</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.5.10">5,10</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.140.4">140,4</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.10.7">10,7</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.59.7 Jes.59.8">Jes. 59,7–8</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.36.2">Ps. 36,2</ref>. Haben die Männer, die das alles geschrieben und die Unzähligen, die es mit ihnen gedacht und gesagt haben, keine Augen für das positive<note n="g" type="textcritical" xml:id="ng"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «positiv».</note> Große in der Menschheit<term type="begriffe" key="Menschheit"/>? Doch! Sie bestreiten es nicht. Sie könnten es auch dankbar anerkennen und preisen, wenn es sich darum handelte, Religion<term type="begriffe" key="Religion, Eigenwert"/>, Moral<term type="begriffe" key="Moral, Eigenwert"/> und Kultur<term type="begriffe" key="Kultur, Eigenwert"/> in ihrem Eigenwert, in ihrer Bedeutung innerhalb der Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> zu beurteilen. Aber ihr Thema, das eigentliche Thema der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> ist weder die Bestreitung noch die Bestätigung des Menschen an sich, sondern die Erkenntnis der Problematik<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Problematik des Menschen"/>, in der der Mensch sich befindet im Verhältnis zu dem, was er <hi rend="italic">nicht</hi> ist, zu Gott, seinem ewigen Ursprung<term type="begriffe" key="Gott, Ursprung"/>. Von daher der Radikalismus ihres Angriffs<term type="begriffe" key="Angriff, radikaler"/>! Er hat mit der relativen Kritik, die an aller Religion<term type="begriffe" key="Religion, relative Kritik"/>, Moral<term type="begriffe" key="Moral, relative Kritik"/> und Kultur<term type="begriffe" key="Kultur, relative Kritik"/> zu üben ist, wesentlich nichts zu tun, kann sich aber eben deshalb auch nicht aufhalten bei der relativen Anerkennung, die alles Menschliche auf seinem Boden beanspruchen darf. Seine Beunruhigung<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/> stammt aus einer Tiefe, die weit hinter der Unruhe des Alltags liegt, und greift eben darum aus nach einer Ruhe<term type="begriffe" key="Ruhe, und Unruhe"/>, die der Alltag des Menschen nicht kennt. Sein Nein ist so umfassend, weil es aus einem so umfassenden Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> entspringt. Nicht Pessimismus, nicht Selbstzerfleischung, nicht öde Freude am Negieren ist das Wesen der Männer, die diesen Angriff<term type="begriffe" key="Angriff"/> führen, wohl aber grimmige Abneigung vor Illusionen, entschiedenste Ablehnung, sich vor hohlen Hüten zu beugen<note xml:id="n07"> Anspielung auf die Weigerung, sich vor dem Hut <persName ref="kbga-actors-9078">Geßlers</persName> auf der Stange zu beugen. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-846"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi>, 3. Aufzug, 3. Szene, V.1739–1741</bibl>: 
                <q rend="block">
                    <lg>
                        <l>Was rechte Leute sind, die machen lieber</l>
                        <l>Den langen Umweg um den halben Flecken,</l> 
                        <l>Eh sie den Rücken beugten vor dem Hut.</l></lg></q></note>, 
            dringendes, einseitiges Ausschauen nach dem Wesentlichen, gänzlicher Verzicht auf alle Versuche, sich der Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> der Lage zwischen Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/> zu entziehen, ausgesprochener Unwille, sich durch vorletzte<term type="begriffe" key="Vorletzte"/> und drittletzte Wahrhei<pb ed="pga" xml:id="p124" break="no"/>ten täuschen zu lassen über <hi rend="italic">die</hi> Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, 
            mit der alle menschliche Lebensbetrachtung aufhören muss, um mit ihr neu anzufangen. Sie geben der materialistischen<term type="begriffe" key="Materialismus"/>, der profanen, der «skeptischen»<term type="begriffe" key="Skepsis"/><note xml:id="n08"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>, Christentum und Kultur, S. 11</bibl> («der <hi rend="italic">Skeptizismus</hi> als die einzige Denkart, die sich wirklich» mit der Geschichtsschreibung «verträgt») und S. 294–296 (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 43 und S. 333–335</bibl>).</note> Weltanschauung<term type="begriffe" key="Weltanschauung"/> das Recht, das ihr durchaus gehört, und bahnen sich mit diesem letzten Verzicht den Weg zur Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> Gottes selbst und damit des <hi rend="italic">ewigen</hi> Sinns<term type="begriffe" key="Sinn, der Geschichte"/> der Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> und der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>. <pb ed="A" n="62"/> Anders als in der Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> des Geschöpfes<term type="begriffe" key="Schöpfer und Geschöpf"/> ist die Position des Schöpfers<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/> und der <hi rend="italic">ewige</hi> Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> des Geschöpfes noch nie erkannt worden. <hi rend="italic">Das</hi> sagt uns die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>.</p>
            <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.19 Röm.3.20">V. 19‒20</ref> Wir wissen aber: Was das Gesetz</hi> da <hi rend="bold">sagt, das spricht es</hi> gerade <hi rend="bold">zu denen,</hi> die es <hi rend="bold">mit dem Gesetz</hi> halten <hi rend="bold">‒ damit jeder Mund gestopft und die ganze Welt vor Gott schuldig werde. Denn es gibt keine Gerechtigkeit vor ihm auf Grund der Werke des Gesetzes für alles, was Fleisch heißt.</hi> Was <hi rend="bold">durch das Gesetz</hi> zustande kommt, das ist die <hi rend="bold">Erkenntnis der Sünde!</hi></p>
            <p><hi rend="italic">«Was das Gesetz sagt, das spricht es zu denen mit dem Gesetz.»</hi> Die es mit dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> halten, sind die Idealisten, die Bevorzugten, die ein Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> <hi rend="italic">Gottes</hi> oder doch die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> eines solchen haben (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.14">2,14</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.2">3,2</ref>). Kundgebung <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="begriffe" key="Kundgebungen Gottes"/>, Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/> auf <hi rend="italic">Gott</hi> ist ihr Offenbarungseindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, ihre Religion<term type="begriffe" key="Religion, und Offenbarung"/>, ihre Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, und Offenbarung"/>. Sie sind <hi rend="italic">gerichtet, auf</hi> Gott gerichtet<term type="begriffe" key="gerichtet auf Gott"/> – aber eben darum auch <hi rend="italic">von</hi> Gott gerichtet. Gerade sie können die Lage zwischen Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/> am wenigsten verkennen, können am wenigsten dem Missverständnis<term type="begriffe" key="Missverständnis"/> verfallen, als ob einige, z. B. sie selbst, um ihres seelischen und geschichtlichen<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Vorsprungs willen Gott gegenüber gesichert und entschuldigt wären (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.1">2,1</ref>), können am wenigsten «nach menschlicher Logik<term type="begriffe" key="Logik"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.5">3,5</ref>) daran rütteln, dass Gott Gott<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/> ist, können am wenigsten der Spannung<term type="begriffe" key="Spannung"/>, der Beunruhigung<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/>, dem Unfrieden, der fortgesetzten Unterhöhlung<term type="begriffe" key="Unterhöhlung"/> und Infragestellung<term type="begriffe" key="Infragestellung"/> ausweichen, in die der Mensch durch Gott versetzt ist. Gerade der Glaube ist ja, wenn er wirklich Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, als Hohlraum"/> an Gott ist, Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/>, Beugung<term type="begriffe" key="Beugung"/> vor dem, was wir <hi rend="italic">nie werden, nie haben, nie tun</hi> können, vor dem, der <hi rend="italic">nie Welt, nie Mensch</hi> wird, es wäre denn in der Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen und der Welt"/>, in der Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, in der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als heilsgeschichtliches Ereignis"/> alles dessen, was wir <pb ed="pga" xml:id="p125"/> jetzt und hier Mensch und Welt heißen. Die Stimme des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, der Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, der Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/> haben wir soeben (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.10 Röm.3.18">3,10–18</ref>) gehört. Der leere Kanal<term type="begriffe" key="Kanal der Offenbarung"/> redet von dem Wasser, das ihn <hi rend="italic">nicht</hi> durchströmt. Der Wegweiser<term type="begriffe" key="Wegweiser"/> redet von dem Ziel<term type="begriffe" key="Ziel"/>, das da, wo er steht, <hi rend="italic">nicht</hi> ist. Der Abdruck<term type="begriffe" key="Abdruck"/> («die Ausprägung» <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.20">2,20</ref>) redet von dem Siegelring, der da, wo der Abdruck ist, <hi rend="italic">nicht</hi> ist, sondern nur sein – Negativ<term type="begriffe" key="Negativ"/> hinterlassen hat. Die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> selbst – und zwar nicht die chronique scandaleuse<term type="begriffe" key="chronique scandaleuse"/> des Menschen, sondern die Geschichte der menschlichen Höhepunkte<term type="begriffe" key="Geschichte, Höhepunkte"/> – ist die Anklage<term type="begriffe" key="Anklage"/> gegen die Geschichte.</p>
            <p><hi rend="italic">«Damit jeder Mund gestopft und die ganze Welt vor Gott schuldig sei.»</hi> Der Jude<term type="begriffe" key="Jude"/> <hi rend="italic">hat</hi> ein «Besonderes» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.1">3,1</ref>). Er kann es wissen, dass wir von Gott nichts wissen. Er kann Halt machen vor dem, was kein Auge gesehen, kein Ohr <pb ed="A" n="63"/> gehört, was in keines Menschen Herz gekommen ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.9">1.Kor. 2,9</ref>]. Er kann Gott fürchten<term type="begriffe" key="Furcht, des Herrn"/>. Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> ist die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, dass dem Menschen die letzte Zuversicht <hi rend="italic">außer</hi> der auf Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, auf Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> genommen wird. Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/> ist die Möglichkeit, dass uns der letzte denk- und vorstellbare Boden auch noch unter den Füßen weggezogen wird. Das Votum der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>, das gerade an die gerichtet ist, die es mit der Geschichte halten, kann gerade sie dahin bringen, dass sie, zum letzten Verzicht genötigt, vor Gott selbst verstummen. Wenn diese Möglichkeit sich realisiert, wenn die, die es mit dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> halten, <hi rend="italic">hören</hi>, was das Gesetz sagt, hören, dass Gott allein recht hat, wenn ihre Religion zur Aufhebung auch ihrer Religion<term type="begriffe" key="Religion, Aufhebung"/>, ihre Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, Beugung"/> zur restlosen Beugung<term type="begriffe" key="Beugung"/> auch ihrer Frömmigkeit, ihre seelische und geschichtliche<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Höhe zur Erniedrigung aller menschlichen Höhe<term type="begriffe" key="Höhe, des Menschen"/> wird, wenn gerade mit <hi rend="italic">ihrem</hi> Mund <hi rend="italic">jeder</hi> rechthaberische, siegesgewisse, auch noch eine Wahrheit verkünden wollende menschliche Mund gestopft, wenn gerade in <hi rend="italic">ihrer</hi> an der Spitze der Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> wandelnden Person die <hi rend="italic">ganze</hi> Welt vor Gott schuldig wird – dann bestätigt, bewährt und bekräftigt sich ihr Besonderes. Dann tritt der ewige Sinn<term type="begriffe" key="Sinn, der Geschichte"/> der Geschichte zutage. Dann behauptet Gott seine Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> zum Menschen, die sich durch die Untreue<term type="begriffe" key="Untreue"/> des Menschen nicht irre machen lässt.</p>
            <p><hi rend="italic">«Es gibt keine Gerechtigkeit vor ihm auf Grund der Werke des Gesetzes für alles, was Fleisch heißt.»</hi> «Geh nicht ins Gericht mit deinem Knechte, denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht» (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.143.2">Ps. 143,2</ref>). «In Wahrheit, ich weiß, wie es steht: Wie sollte der Sterbliche vor dem <pb ed="pga" xml:id="p126"/> Herrn gerecht sein? Wenn er mit ihm ins Gericht gehen wollte, so könnte er sich nicht stellen, weil er unter tausenden nicht auf eines seiner Worte zu antworten vermöchte» (<ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.9.2 Hiob.9.3">Hiob 9,2–3</ref> LXX). «Längst verkündigt» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.2">1,2</ref>) ist also wahrhaftig auch die Verallgemeinerung jener einzelnen Zeugnisse<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> <hi rend="italic">gegen</hi> die Geschichte, die wir uns in Erinnerung gerufen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.10 Röm.3.18">3,10–18</ref>), ausdrücklich ausgesprochen auch die grundsätzliche Bedeutung, die wir ihnen beigemessen haben. Der «Lebendige» (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.143.2">Ps. 143[,2]</ref>), der ebenso gut der «Sterbliche» (<ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.9">Hiob 9</ref>) heißen kann, der Mensch zwischen Geburt<term type="begriffe" key="Tod, Geburt und T."/> und Tod, verhaftet in den Kampf ums Dasein<term type="begriffe" key="Dasein, Kampf ums D."/>, essend, trinkend, und vor allem schlafend, freiend und sich freien lassend [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.24.38">Mt. 24,38</ref> par.], der geschichtliche, der zeitliche, der fleischliche Mensch<term type="begriffe" key="Mensch"/>, er ist als solcher <hi rend="italic">nicht</hi> gerecht<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott"/> vor Gott. Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> heißt radikalste Unzulänglichkeit<term type="begriffe" key="Unzulänglichkeit"/> des Geschöpfs gegenüber dem Schöpfer, Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> heißt Unreinheit<term type="begriffe" key="Unreinheit"/>, Fortschritt<term type="begriffe" key="Fortschritt"/> im Kreis herum, Nur-Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/>. Fleisch heißt unqualifizierte und nach menschlichem Ermessen unqualifizierbare Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/>. Für alles, was Fleisch heißt, gibt es <pb ed="A" n="64"/> keine Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott"/> vor Gott. Denn die «Werke des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Werk"/>», sofern Gott sie in des Menschen Herz<term type="begriffe" key="Herz"/> schreibt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.15">2,15</ref>), sprechen gegen den fleischlichen Menschen, nicht für ihn. Sie geben ihm keine Sicherung, keine Beruhigung, keine Entschuldigung. Sie sind Abbau, nicht Aufbau <hi rend="italic">seiner</hi> Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>. Sie sind von <hi rend="italic">uns</hi> aus, innerhalb der fleischlich-menschlichen Sphäre betrachtet, Negation<term type="begriffe" key="Negation"/>, nicht Position. Sie sind immer nur von <hi rend="italic">Gott</hi> aus betrachtet etwas Wertvolles, Schätzbares, Ausgezeichnetes. Es bleibt dem <hi rend="italic">Menschen</hi>, den wir kennen, kein Halt, keine Ruhe, keine Festung, auch nicht in den verborgensten Tiefen und Untiefen seines Wesens, so gewiss <hi rend="italic">Gott</hi> «das Verborgene<term type="begriffe" key="Verborgene des Menschen"/> der Menschen» richtet (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.16">2,16</ref>), nämlich das am Menschen, was nur ihm bekannt ist und bekannt sein kann. Es bleibt unter allen Werken<term type="begriffe" key="Werk, des Menschen"/> des Menschen nichts übrig, was er zu <hi rend="italic">seinen</hi> Gunsten aufführen könnte, so gewiss <hi rend="italic">Gott</hi> und Gott allein einen jeden «bezahlt nach seinen Werken»<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.6">2,6</ref>). Was der <hi rend="italic">Mensch</hi> für gerecht und würdig erklärt, das ist als solches Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> und vor Gott ungerecht und unwürdig. Was aber <hi rend="italic">Gott</hi> für gerecht erklärt<term type="begriffe" key="Gerechterklärung"/> und nach seiner Schätzung «bezahlt»<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/>, das ist als solches nicht Fleisch, nicht unser Eigenes, nicht in dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> als Größe und Gewicht geltend zu machen. Gott allein ist die Antwort<term type="begriffe" key="Gott, Antwort"/> auf die Frage, ist die Hilfe<term type="begriffe" key="Gott, Hilfe"/> aus der Not, die uns durch Distanz<note n="h" type="textcritical" xml:id="nh"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «durch die Distanz».</note> zwischen
            Schöpfer und Geschöpf<term type="begriffe" key="Schöpfer und Geschöpf, Distanz"/> bereitet ist. Wohlberech<pb ed="pga" xml:id="p127" break="no"/>tigt ist der Seufzer<term type="begriffe" key="Seufzen"/> «Mein Geist<term type="begriffe" key="Geist, des Menschen"/> ist betrübt in mir, mein Herz in mir erschüttert. Ich gedachte der alten Tage und sann nach über alle deine Worte. Ich breitete meine Hände aus nach dir, mein Herz vor dir wie ein dürres Land» (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.143.4 Ps.143.6">Ps. 143,4–6</ref>). Und wohl berechtigt ist die Klage: «Wenn er an mir vorübergeht, so sehe ich ihn nicht. Wenn er sich verwandelt, wer will ihn wieder umkehren heißen? oder wer wird zu ihm sagen: Was tatest du? Vor ihm werden gebeugt die Gewalten unter dem Himmel. Wer aber bin ich, dass er mich höre oder meine Worte vernehme? Wenn ich auch gerecht bin, so wird er mich doch nicht hören, sondern nur als den, der mich richtet, kann ich ihn anflehen. Wenn ich ihn auch anrufe und er hört mich, so kann ich’s doch nicht glauben, dass er meine Stimme gehört hat. Wird er mich nicht aufreiben in der Dunkelheit? Vielfach hat er mich ja mit Wunden geschlagen, wer weiß, warum? Er lässt mich nicht Atem schöpfen, er erfüllt mich mit Bitterkeit, er ist stärker als meine Kraft – wer wird seinem Gericht widerstehen? Denn wenn ich auch gerecht bin, so erklärt mich doch mein eigener Mund als gottlos<term type="begriffe" key="Mensch, gottloser"/>; wenn ich auch tadellos bin, so erweise ich mich doch als falsch; wenn ich auch fromm bin, so weiß doch meine Seele nichts davon, außer dass mein Leben dahingerafft werden wird» (<ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.9.11 Hiob.9.21">Hiob 9,11–21</ref> LXX). Hier also: in der <pb ed="A" n="65"/> Tiefe solchen Seufzens<term type="begriffe" key="Seufzen"/> und Klagens muss Stellung nehmen, wer es mit dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> hält, wem es mit Religion<term type="begriffe" key="Religion, Ernsthaftigkeit"/> und Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, Ernsthaftigkeit"/> ernst ist. Er weiß, dass das «Werk<term type="begriffe" key="Gesetz, Werk"/> des Gesetzes», das, was der Mensch wahrhaft in Gott tut, sein beständiges Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> ist.</p>
            <p><hi rend="italic">«Was durch das Gesetz zustande kommt, das ist die Erkenntnis der Sünde.»</hi> «Was hat der Jude<term type="begriffe" key="Jude"/> Besonderes?» fragten wir (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.1">3,1</ref>). Die Antwort ist nun gegeben. Er hat ein Besonderes: er hat Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, Offenbarungseindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/>, Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/>, Ausblick<term type="begriffe" key="Ausblick"/>, biblische Haltung<term type="begriffe" key="Haltung, biblische"/>. Und das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> eben ist es, das die, die das Gesetz haben, aus aller Sentimentalität<term type="begriffe" key="Sentimentalität"/> und Romantik<term type="begriffe" key="Romantik"/> herausreißen und vor die offene Kluft zwischen Schöpfer und Geschöpf<term type="begriffe" key="Schöpfer und Geschöpf, Distanz"/>, Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> und Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> führen müsste. Das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> stellt sie unter Anklage<term type="begriffe" key="Anklage"/> und erklärt sie vor Gott als Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>. Das Gesetz nimmt ihnen alles Ihrige und liefert sie Gott aus auf Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> oder Ungnade. Geschieht das, <hi rend="italic">hört</hi> der Mensch das Votum des Gesetzes, versteht er also sich selbst in seiner Besonderheit, in seinem Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, in seiner Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/>, dann hört er letzte Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, letzte"/>, Erlösungswahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, Erlösung-"/> und Versöhnungswahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, Versöhnung-"/>, <pb ed="pga" xml:id="p128"/> Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, jenseits der Gräber"/> von jenseits der Gräber. Im Hinblick auf solches Hören und Verstehen mögen wir sagen: Es <hi rend="italic">gibt</hi> Höhepunkte<term type="begriffe" key="Geschichte, Höhepunkte"/> der Geschichte. Sie sind dort zu finden, wo die Geschichte über sich selbst hinausweist, wo <hi rend="italic">in</hi> der Geschichte ein Befremden, ein Entsetzen<term type="begriffe" key="Entsetzen"/> <hi rend="italic">über</hi> die Geschichte stattfindet. Offenbarungseindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> <hi rend="italic">ist</hi> ewige Realität<term type="begriffe" key="Realität"/>, wo er als Eindruck<term type="begriffe" key="Eindruck"/> nichts, als Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/> auf Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> alles ist. Das Harren<term type="begriffe" key="Harren"/> der Frommen <hi rend="italic">ist</hi> im Reiche<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> Gottes, sofern sie wahrhaftig nur Harrende sind und gerade der Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/> ihres Harrens vergessen haben. Es <hi rend="italic">ist</hi> ewiger Gehalt in allem Tatsächlichen, sofern alles bloß Tatsächliche ein Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> ist seiner radikalen Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/>. Es nimmt alles Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein"/> Anteil am Sein, sofern sein Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, Sein und Nicht-Sein"/> erkannt ist. Und gerade der Blick auf Gott den Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/> zeigt die einzige positive Beziehung zwischen hier und dort, es zeigt sich in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Entfernung von Gott und Welt"/> der grundsätzlichen Entfernung zwischen Gott und Welt die eine einzige<note n="i" type="textcritical" xml:id="ni"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «einzig».</note> mögliche Gegenwart<term type="begriffe" key="Gott, Gegenwart"/> Gottes in der<note n="j" type="textcritical" xml:id="nj"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Gottes ist der».</note> Welt. Denn im Lichte dieser grundsätzlichen, alles umfassenden Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, umfassende"/> wird Gott als Gott<term type="begriffe" key="Gott, als Gott"/>, in seiner Majestät, verstanden. – Das ist das Besondere des Juden<term type="begriffe" key="Jude"/>, der Wert der Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung"/>. Als der <hi rend="italic">unbekannte</hi>
            Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> wird Gott erkannt: als der, der den Gottlosen<term type="begriffe" key="Mensch, gottloser"/> gerecht erklärt<term type="begriffe" key="Gerechterklärung"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.5">4,5</ref>), der die Toten erweckt und das Nicht-Seiende<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, Sein und Nicht-Sein"/> als Seiendes anspricht (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.17">4,17</ref>), als der, an den man nur ohne Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> auf Hoffnung hin <hi rend="italic">glauben</hi> kann (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.18">4,18</ref>). Wenn der «Jude»<term type="begriffe" key="Jude"/> diese besondere Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> realisiert, wenn er die Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> zweier Welten, auf die er gestellt ist, als solche erkennt, dann mag er sich immerhin seines <pb ed="A" n="66"/> Besonderen freuen. Aber dieses Realisieren und Erkennen<term type="begriffe" key="Erkennen"/> liegt selbst schon jenseits der uns bekannten Möglichkeiten. Es ist das möglich werdende Unmögliche<term type="begriffe" key="Möglichkeit, des Unmöglichen"/>.</p> </div> 
            
            <div>
            <pb ed="pga" xml:id="p129"/>
            <head><hi rend="smallCaps">Jesus</hi></head>
            <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21 Röm.3.26">3,21–26</ref></head>
           
            <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21 Röm.3.22">V. 21‒22a</ref> Jetzt aber ist abgesehen vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes offenbart, die vom Gesetz und den Propheten bezeugt ist,</hi>
            nämlich <hi rend="bold">die Gerechtigkeit Gottes durch</hi>
            seine <hi rend="bold">Treue in Jesus Christus für alle, die glauben.</hi></p>
            <p><hi rend="italic">«Jetzt aber».</hi> Wir stehen vor einer umfassenden und unwiderstehlichen Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Zeit"/> der Welt der Zeit, der Dinge und der Menschen<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/>, vor einer durchdringenden, aufs Letzte gehenden Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/>, vor einer Aufrollung alles Seins durch sein überlegenes Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, Sein und Nicht-Sein / Gott, Überlegenheit"/>. Welt ist Welt<term type="begriffe" key="Welt, ist W."/>. Wir wissen nun (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18 Röm.3.20">1,18-3,20</ref>), was das bedeutet. Aber woher diese Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, Ursprung der K."/>? Woher auch nur das Bewusstsein davon, die Fähigkeit, sie auch nur ins Auge zu fassen? Woher die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, die Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> Welt zu nennen und sie als solche im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> zu einem andern, Unbekannten zu begrenzen? Woher die Möglichkeit, die Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/> als Zeit, die Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/> als Dinge, den Menschen als Menschen zu benennen und mit einem unvermeidlichen «nur» zu begreifen? Woher die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, alles Sein und Geschehen<term type="begriffe" key="Geschehen"/> zu schätzen und – abzuschätzen mit den ehernen Gedanken der Dinglichkeit<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/>, der Bedingtheit<term type="begriffe" key="Bedingtheit"/>, der Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/>? Aus welcher überlegenen Höhe<term type="begriffe" key="Höhe, des Menschen"/> diese kritischen Gedanken? Und aus welcher Tiefe unser Wissen von letzten unbekannten Dingen<term type="begriffe" key="Ding, letzte Dinge"/>, an denen wir doch alles messen, unser erschütterndes Wissen von unserm Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/>, den wir nicht schauen und von dem wir doch gerichtet sind? Alle diese <hi rend="italic">Woher?</hi> weisen offenbar strahlenförmig zurück auf einen Punkt<term type="begriffe" key="Punkt"/>, von dem wir herkommen, auf eine Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung"/>, von der wir ausgegangen sind. Von <hi rend="italic">Dorther</hi> sind wir, ist die Welt geschaut, begrenzt, aufgehoben, aufgerollt, gerichtet. Aber kein Punkt neben andern Punkten ist <hi rend="italic">dieser</hi> Punkt, und keine Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung"/> neben andern Voraussetzungen ist <hi rend="italic">diese</hi> Voraussetzung. Redet der Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/>, redet Wiedererinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, Wiedererinnerung an Heimat"/> an unsre Heimat<term type="begriffe" key="Gott, Heimat"/> bei dem Herrn Himmels und der Erde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.25">Mt. 11,25</ref> par.], dann spaltet sich der Himmel und öffnen sich die Gräber [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.52">Mt. 27,52</ref>], dann steht die Sonne still zu <placeName ref="kbga-places-1332">Gibea</placeName><term type="begriffe" key="Gibea"/>, und der Mond im Tale <placeName ref="kbga-places-1333">Ajalon</placeName><term type="begriffe" key="Ajalon"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jos.10.12">Jos. 10,12</ref>]. Die unzeitliche Zeit also, den unräumlichen Ort, die unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/>, das Licht<term type="begriffe" key="«Licht vom unerschaffnen Lichte»"/> vom unerschaffnen Lichte<note xml:id="n09"> Aus Strophe 1 des Chorals <bibl type="song" corresp="kbga-songs-57">«Morgenglanz der Ewigkeit» von Chr. Knorr von Rosenroth, GERS (1891) 43; RG (1998) 572; EG 450</bibl>.</note> bezeichnet das «Jetzt aber», mit dem <pb ed="A" n="67"/> <pb ed="pga" xml:id="p130"/> die Botschaft von der Wendung<term type="begriffe" key="Wendung"/>, vom nahe herbeigekommenen Gottesreich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/>, vom Ja im Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, von der Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/> in der Welt, von der Freisprechung<term type="begriffe" key="Freisprechung, in der Verurteilung"/> in der Verurteilung, von der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> in der Zeit, vom Leben im Tode sich selbst begründet. «Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde<term type="begriffe" key="Neuer Himmel und neue Erde"/>; denn der erste Himmel und die erste Erde verging» [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.1">Apk. 21,1</ref>]. <hi rend="italic">Gott</hi> spricht<term type="begriffe" key="Gott, spricht"/>.</p>
            <p><hi rend="italic">«Abgesehen vom Gesetz».</hi> Dass Gott spricht<term type="begriffe" key="Gott, spricht"/>, dass wir, von ihm erkannt, uns und die Welt in seinem Lichte sehen, das ist in und neben allen Religionen<term type="begriffe" key="Religion"/>, allem Erleben<term type="begriffe" key="Erleben"/>, aller auf Gott gerichteten<term type="begriffe" key="gerichtet auf Gott"/> Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/> des Menschen etwas Anderes, Eigenes, Besonderes, Neues. Es geht durch alles Haben, teilweise Haben und Nicht-Haben der Menschen mitten hindurch. Es ist die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, aller Religion"/> aller Religion, aber eben darum nie identisch mit ihrer Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, der Religion"/>. Es ist der Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> aller Religions<term type="begriffe" key="Religionsgeschichte"/>- und Kirchengeschichte<term type="begriffe" key="Kirchengeschichte"/>, ja aller Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> überhaupt, aber eben darum nicht ein Teil, nicht eine Strecke, nicht eine Geschichte in der Geschichte. (Es ist, sofern auch es eine Geschichte in der Geschichte hat, der Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/> aller geschichtlichen Dinge nicht entzogen.) Es ist die Begründung alles dessen, was als Offenbarungseindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, Anbetung, Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, geschichtlich-seelisch"/> (im weitesten Sinn) geschichtlich und seelisch<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> anschaulich wird; es fällt aber eben darum nie und nirgends damit zusammen. Es wird nicht anschaulich neben andern Anschaulichkeiten<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/>; es wird anschaulich als das Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/>. Die <hi rend="italic">Stimme</hi> Gottes, die seine Kraft<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/> ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16">1,16</ref>), ist und bleibt die Stimme <hi rend="italic">Gottes</hi>. Wäre und bliebe sie es nicht, jenseits aller menschlichen Stimmen, so wäre sie nicht die <hi rend="italic">Kraft</hi> Gottes. Gott spricht<term type="begriffe" key="Gott, spricht"/>, wo «Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>» ist. Er spricht aber auch da, wo kein «Gesetz» ist. Er spricht auch da, wo «Gesetz» ist, nicht darum, weil «Gesetz» da ist, sondern, weil er sprechen <hi rend="italic">will.</hi> Gott ist <hi rend="italic">frei</hi><term type="begriffe" key="Gott, ist frei"/>.</p>
            <p><hi rend="italic">«Die Gerechtigkeit Gottes».</hi> Gott spricht<term type="begriffe" key="Gott, spricht"/>, dass er <hi rend="italic">ist</hi>, der er ist. Er rechtfertigt sich selbst<term type="begriffe" key="Gott, rechtfertigt sich selbst"/> vor sich selbst, indem er sich zum Menschen und seiner Welt bekennt, indem er nicht aufhört, sich seiner anzunehmen. Auch Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn als Gottes Gerechtigkeit"/> ist Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">1,18</ref>). Es ist Gottes Gerechtigkeit, wie sie sich dem Unglauben<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/> enthüllt, der das göttliche Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> als Nein hören muss. Aber indem Gott zürnt über dem Unglauben, indem der Mensch ratlos anrennt an die ihm durch Gott gesetzte Schranke<term type="begriffe" key="Schranke"/>, indem er preisgegeben wird an Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>, den Gott dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt, Gott dieser W."/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.22 Röm.1.32">1,22f.</ref>), ist Gott doch der, der <hi rend="italic">er</hi> ist, der Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/> der <pb ed="pga" xml:id="p131"/> Welt, der Herr aller Dinge, Ja und nicht Nein. Dieses Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> spricht Gott aus. Er macht seinen Anspruch<term type="begriffe" key="Anspruch"/> geltend. Es ist der bleibende, der endgültige, der letzte, der entscheidende Anspruch, der auf die Welt gemacht wird. Jenseits der Schranken<term type="begriffe" key="Schranke"/>, vor denen wir stehen, ist immer <hi rend="italic">er</hi>, das ist der Inhalt seines Spruchs. Je mehr <pb ed="A" n="68"/> sie uns in ihrer Schärfe und Unübersteigbarkeit zum Bewusstsein kommen, um so deutlicher und kraftvoller will Gott mit uns reden von <hi rend="italic">seinem</hi> Recht<term type="begriffe" key="Gott, Recht"/> und Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/>. Je mehr alles Menschliche<term type="begriffe" key="menschlich"/>, all unser Eigenes, unser Gutes wie unser Böses<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/>, unser Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/> wie unser Unglaube, durchsichtig werden wie Glas, um so bestimmter sind wir, wie wir sind, von Gott gesehen und erkannt, im Bereich seiner Herrschaft<term type="begriffe" key="Gott, Herrschaft"/>, unter der Wirkung seiner Macht. Gerechtigkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> ist das <hi rend="italic">Trotzdem!</hi><term type="begriffe" key="Gott, Trotzdem"/>, mit dem Gott sich erklärt als unser Gott und uns zu sich rechnet, und unbegreiflich, grundlos, nur in sich selbst, nur in Gott begründet<term type="begriffe" key="begründet in Gott"/>, von allem «Darum» rein ist dieses Trotzdem! Denn Gottes Wille kennt kein «Warum?». Er will, weil er Gott ist<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/>. Gerechtigkeit Gottes ist <hi rend="italic">Vergebung</hi><term type="begriffe" key="Vergebung"/>, grundlegende Veränderung des Verhältnisses zwischen Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/>, Erklärung, dass die menschliche Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> und Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/> und die durch sie geschaffene Lage der Welt vor ihm unbeträchtlich ist und ihn nicht hindert, uns die Seinigen zu <hi rend="italic">nennen</hi>, damit wir die Seinigen <hi rend="italic">seien.</hi> Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes ist <anchor type="note" xml:id="fn-k"/><foreign xml:lang="lat">justitia forensis<term type="begriffe" key="iustitia, forensis"/>, justitia aliena</foreign><term type="begriffe" key="iustitia, aliena"/><note xml:id="n10"> Kurzformel der reformatorischen Rechtfertigungslehre. Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-437"><hi rend="italic">Apologia Confessionis Augustanae</hi> IV, BSLK 219, 43-48.51f.</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Iustificare vero hoc loco [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1">Röm. 5,1</ref>] forensi consuetudine significat reum absolvere et pronuntiare iustum, sed propter alienam iustitiam, videlicet Christi, quae aliena iustitia communicatur nobis per fidem. Itaque cum hoc loco iustitia nostra sit imputatio alienae iustitiae, aliter hic de iustitia loquendum est, quam cum in philosophia aut in foro quaerimus iustitiam proprii operis [...]. Sed quia iustitia Christi donatur nobis per fidem, ideo fides est iustitia in nobis imputative</foreign>».</note>: Der<note n="k" target="fn-k" type="textcritical" xml:id="nk"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «justitia forensis: Der». Der Zusatz ist am Rand in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar
            notiert.</note> an nichts als an sein eigenes Recht<term type="begriffe" key="Gott, Recht"/> gebundene Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/> spricht. Und wie er <hi rend="italic">spricht</hi><term type="begriffe" key="Gott, spricht"/>, dass es ist (nicht wie es irgendwie sonst ist), <hi rend="italic">so</hi> ist es. Er spricht uns seine Feinde<term type="begriffe" key="Feind, Gottes"/> als seine Freunde<term type="begriffe" key="Freund Gottes"/> an. «Darum ist das eine hohe Predigt und himmlische Weisheit, daß wir glauben, unsre Gerechtigkeit, Heil und Trost stehe <hi rend="italic">außer uns</hi>, daß wir vor Gott seien gerecht<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott"/>, angenehm, heilig und weise und ist doch <hi rend="italic">in uns</hi> <pb ed="pga" xml:id="p132"/> eitel Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>, Ungerechtigkeit<term type="begriffe" key="Ungerechtigkeit"/> und Torheit» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n11"> Predigt über <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.21 Mt.18.35">Mt. 18,21–35</ref> (13.11.1530) in der Fassung der Haus-Postille nach <persName ref="kbga-actors-9663">G. Rörer</persName> in: <bibl corresp="kbga-bibls-3548"><hi rend="italic">Dr. Martin Luthers Sämtliche Schriften</hi>, hrsg. von J. G. Walch, Bd. 13, Halle 1743, Sp. 2185</bibl>; vgl. <persName ref="kbga-actors-9663">Rörers</persName> Nachschrift <bibl corresp="kbga-bibls-3549">WA 32, 162,11-13</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> kannte den Text vielleicht aus <bibl corresp="kbga-bibls-3536"><persName ref="kbga-actors-1122">Chr. E. Luthardt</persName>, <hi rend="italic">Kompendium der Dogmatik</hi>, Leipzig 1873<hi rend="sup">4</hi>, S. 231</bibl> (Unterstreichung in seinem Exemplar).</note> Gerechtigkeit Gottes ist <hi rend="italic">Selbstbefreiung</hi><term type="begriffe" key="Selbstbefreiung"/> der von uns gefangen gehaltenen<term type="begriffe" key="Gefangenhalten der Wahrheit"/> <hi rend="italic">Wahrheit</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">1,18</ref>), ganz abgesehen von allem, was unsrerseits zu dieser Befreiung tunlich, möglich oder auch nur denkbar ist, also wörtlich und im strengsten Sinn: Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/>, königliche Machtentfaltung Gottes, Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/>, Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als heilsgeschichtliches Ereignis"/>. Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes ist der <hi rend="italic">Stand in der Luft</hi><term type="begriffe" key="«in die Luft stellen»"/>, außerhalb aller uns bekannten Standmöglichkeit, dort, wo wir nur noch von Gott, von Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, von Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> gehalten sind, dort, wo wir auf Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> oder Ungnade in seiner Hand sind. – Das ist Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>, Gottes und der Menschen <hi rend="italic">positives</hi> Verhältnis<term type="begriffe" key="Verhältnis, von Gott und Mensch,, positives"/> und «von diesem Artikel kann man nicht weichen oder nachgeben, es falle Himmel oder Erde oder was nicht bleiben will» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>)<note xml:id="n12"> Aus Luthers Vorrede zu den <bibl corresp="kbga-bibls-484"><hi rend="italic">Schmalkaldischen Artikeln</hi>, BSLK 415,21f.</bibl> (dort: «nichts weichen», «es falle Himmel und Erden»).</note>. Kann man denn angesichts der beiläufig 150000 Jahre<term type="begriffe" key="«150’000 Jahre Geschichte»"/> menschlicher Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/><note xml:id="n13"> Vgl. unten <ref type="pub" target="../volume/47/p141#fn_n23">S. 141, Anm. 23</ref>.</note> ein <hi rend="italic">anderes</hi> positives Verhältnis, etwa ein direktes, geschichtlich und seelisch<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> anschauliches Verhältnis überhaupt in Betracht ziehen? Gibt es auf die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> Asiens, Afrikas und Amerikas, um von Europa nicht zu reden, eine <hi rend="italic">andre</hi> Antwort als Gott<term type="begriffe" key="Gott, Antwort"/> selbst, Gott allein, Gottes Barmherzigkeit<term type="begriffe" key="Gott, Barmherzigkeit"/>?</p>
            <p>Dass Gott gerecht ist, das <hi rend="italic">«ist offenbart».</hi> Und das ist <pb ed="A" n="69"/> unser Woher? und unser Dorther!, unser «Jetzt aber», dass diese Antwort: Gottes Barmherzigkeit<term type="begriffe" key="Gott, Barmherzigkeit"/> triumphiert! uns <hi rend="italic">gegeben</hi> ist, dass dieses positive Verhältnis von Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Verhältnis, von Gott und Mensch,, positives"/>, das absolut paradoxe, <hi rend="italic">besteht.</hi> Das ist der Inhalt der Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.1">1,1</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16">16</ref>), der hier unter Furcht und Zittern<term type="begriffe" key="«Furcht und Zittern»"/>, aber unter dem Druck unausweichlicher Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> verkündigt wird: das Ewige als Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/><note n="l" type="textcritical" xml:id="nl"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «das Unbeschreibliche, es ist Ereignis». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.<note xml:id="n14"> Anspielung auf die Verse des «Chorus mysticus» am Schluss von<bibl corresp="kbga-bibls-1624"> <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethes</persName> <hi rend="italic">Faust II</hi>, V.12106–12109 (5. Akt, Bergschluchten)</bibl>: 
                <q rend="block">
                    <lg>
                        <l>Das Unzulängliche,</l> 
                        <l>Hier wird’s Ereignis;</l> 
                        <l>Das Unbeschreibliche,</l> 
                        <l>Hier ist’s getan  […].</l></lg></q></note>.</note> Wir verkündigen die Er<pb ed="pga" xml:id="p133" break="no"/>kenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> des unbekannten<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> Gottes, des Herrn Himmels und der Erde, der nicht in Tempeln wohnt, die von Händen gemacht sind, der niemandes bedarf und der als solcher allen Leben und Atem und alles gibt. Wir verkündigen, dass alles, was dem Menschen von ihm gegeben ist, dazu gegeben ist, dass sie <hi rend="italic">ihn</hi> suchten, <hi rend="italic">ihn</hi>, der nicht ferne ist einem jeglichen unter uns, <hi rend="italic">ihn</hi>, in dem wir leben, weben und sind jenseits alles dessen, was <hi rend="italic">wir</hi> leben, weben und sind, <hi rend="italic">ihn</hi>, dessen Art dem Menschen auch in seiner Entartung<term type="begriffe" key="Entartung"/> treu bleibt. Wir verkündigen, dass eben darum, weil Gottes Art dem Menschen treu bleibt, die Gottheit keinem Gebilde menschlicher Kunst<term type="begriffe" key="Kunst"/> und Erfindung<term type="begriffe" key="Erfindung"/> gleichgesetzt werden kann, dass Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, «jetzt aber» allen Menschen allenthalben ansagen lässt, Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> zu tun. Wir verkündigen den Anbruch des Tages, an dem Gott die Menschenwelt richten will in Gerechtigkeit, in <hi rend="italic">seiner</hi> Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.23 Act.17.31">Act. 17,23–31</ref>)! Gottes Gerechtigkeit ist offenbart. Wir können nicht mehr <hi rend="italic">nicht</hi> rechnen mit ihr. Wir können das Gegebene<term type="begriffe" key="Gegebene"/> nicht mehr <hi rend="italic">anders</hi> sehen als im Lichte dieses Vorhergegebenen. Wir können nicht mehr <hi rend="italic">anders</hi>woher kommen als von dieser Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung"/> her. Wir können das Nein, unter dem wir stehen, nicht mehr anders hören, als aus dem göttlichen Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> heraus, die Stimme menschlicher Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> und Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/> nicht mehr anders als getragen von der tieferen Stimme der göttlichen Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/>, den Schrei menschlichen Trotzes nicht mehr anders als übertönt von der ruhigen Harmonie<term type="begriffe" key="Harmonie"/> des göttlichen Trotzdem<term type="begriffe" key="Gott, Trotzdem"/>. Nicht mehr anders? Gewiss, sofern wir glauben<term type="begriffe" key="Glaube, und Offenbarung"/>, was offenbart ist, nicht mehr anders. Sofern wir glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/>, sehen wir den Menschen aufgehoben<term type="begriffe" key="aufgehoben bei Gott"/> <hi rend="italic">von</hi> Gott, aber eben darum auch aufgehoben <hi rend="italic">bei</hi> Gott. Wir sehen ihn durch Gott begrenzt<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/>, beschränkt, umzäunt, aber eben dieses Begrenzende ist auch sein eigenes Erstes<term type="begriffe" key="Gott, der Erste und Letzte"/> und Letztes. Wir sehen ihn
            gerichtet, aber eben damit auch zurechtgebracht. Wir sehen Sinn<term type="begriffe" key="Sinn, der Geschichte"/> im Un-Sinn der Geschichte<term type="begriffe" key="Unsinn, der Geschichte"/>. Wir sehen die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> ihre Fesseln zerreißen. Wir sehen im Menschen<term type="begriffe" key="Mensch"/> mehr als «Fleisch»<term type="begriffe" key="Fleisch"/>. Wir sehen hereinbrechende Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/>. Wir sehen Gottes beharrende Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> auch im Zusammenbruch der höchsten menschli<pb ed="pga" xml:id="p134" break="no"/>chen Erwartungen<term type="begriffe" key="Erwartung"/> und Hoffnungen<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>. Von diesem Offenbarten, Erschienenen, Gezeigten und von uns Ge<pb ed="A" n="70" break="no"/>sehenen kommen wir her. Von diesem Offenbarten<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> reden wir. Für dieses Offenbarte möchten wir um Aufmerksamkeit<term type="begriffe" key="Aufmerksamkeit"/> werben, wo Augen und Ohren sind, zu sehen und zu hören<term type="begriffe" key="Sehen und Hören"/>.</p>
            <p>Und dieses Offenbarte, Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>, ist <hi rend="italic">«bezeugt vom Gesetz und den Propheten».</hi> Es ist «längst verkündigt» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.2">1,2</ref>). <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> sah den Tag, da Gott die Welt richtet<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/> in Gerechtigkeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.56">Joh. 8,56</ref>]. <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> sah ihn. Die Propheten<term type="begriffe" key="Propheten"/> sahen ihn. <persName ref="kbga-actors-2193">Hiob</persName> und die Psalmsänger<term type="begriffe" key="Psalmsänger"/> sahen ihn. Wir haben eine Wolke von Zeugen<term type="begriffe" key="Zeuge"/> um uns [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.12.1">Hebr. 12,1</ref>], die alle im Lichte dieses Tages standen; denn der Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> jeder Epoche<term type="begriffe" key="Epoche"/> ist unmittelbar zu Gott<note xml:id="n15"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3550"><persName ref="kbga-actors-1183">L. von Ranke</persName>, <hi rend="italic">Weltgeschichte</hi>, 9.Theil, 2.Abt., <hi rend="italic">Ueber die Epochen der neueren Geschichte. Vorträge dem Könige Maximilian II. von Bayern gehalten</hi>, hrsg. von A. Dove, Leipzig 1888, S. 5</bibl>: «Ich aber behaupte: jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, und ihr Werth beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst, in ihrem eigenen Selbst.»</note>. Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> ist die Erfüllung <hi rend="italic">aller</hi> Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, Gottes Gerechtigkeit"/>. Sie ist der Sinn <hi rend="italic">aller</hi> Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>. Sie ist die Beantwortung <hi rend="italic">alles</hi> menschlichen Hoffens, Sehnens, Strebens und Harrens<term type="begriffe" key="Harren"/>, um so sicherer, je mehr es nichts anderes sein will als eben Hoffen. Sie ist der ewige Gehalt <hi rend="italic">alles</hi> Da-Seins und So-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, ewige Gehalt"/>, je deutlicher es unter dem Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>, unter dem Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> steht. Sie ist der Sinn <hi rend="italic">aller</hi> Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>, je mehr die Geschichte ihre eigene Anklägerin wird. Sie ist die Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/> <hi rend="italic">alles</hi> Geschaffenen, je bestimmter es, in seiner bloßen Kreatürlichkeit<term type="begriffe" key="Kreatürlichkeit"/> erkannt, über sich selbst hinausweist. Wo Offenbarungseindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> ist – und wo wäre solcher Eindruck gar nicht? –, da ist, und wenn er verhüllt wäre von Deisidämonie<term type="begriffe" key="Deisidämonie"/> und ehrfürchtigem Unwissen schlimmster Art, auch der Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/> auf den unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.22 Act.17.23">Act. 17,22–23</ref>). Wo und wann hätten es nicht «etliche eurer Dichter» <hi rend="italic">auch</hi> gesagt? (<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.28">Act. 17,28</ref>). Wo Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> ist, da ist auch Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> von möglicher Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis"/>. Kein Neues verkündigen wir, aber die wesentliche Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> in allem Alten, das Unvergängliche, dessen Gleichnis alles Vergängliche ist<term type="begriffe" key="«Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis»"/>. Dass die Gleichnisse<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> reden, dass die Zeugnisse<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> zeigen, dass die Augen sehen, was schon vor ihnen steht, und die Ohren hören<term type="begriffe" key="Sehen und Hören"/>, was schon mit ihnen redet, dass in Wahrheit geglaubt wird, was in der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Gottes"/> Gottes immer, überall und von allen geglaubt wurde<note xml:id="n16"> <bibl corresp="kbga-bibls-3551"><persName ref="kbga-actors-3011">Vincenz von Lerinum</persName>, <hi rend="italic">Commonitorium</hi> II, PL 50,640</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">In ipsa item Catholica Ecclesia magnopere curandum est ut id teneamus quod ubique, quod semper, quod ab omnibus creditum est. Hoc est etenim vere proprieque catholicum</foreign>».</note>, <hi rend="italic">darum</hi> handelt es sich.</p> 
            <p><pb ed="pga" xml:id="p135" rend="noPipe"/>Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> offenbart sich <hi rend="italic">«durch seine Treue in Jesus Christus».</hi> Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes ist jenes göttliche Beharren<term type="begriffe" key="Beharren"/>, kraft welcher es an vielen zerstreuten Punkten der Geschichte immer wieder Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, Gelegenheiten, Zeugnisse<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> für die Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Gerechtigkeit Gottes"/> seiner Gerechtigkeit gibt. Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/> von <placeName ref="kbga-places-948">Nazareth</placeName> ist unter diesen vielen Punkten derjenige, an dem<note n="m" type="textcritical" xml:id="nm"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «an welchem». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> die übrigen in ihrer zusammenhängenden Bedeutung als Linie, als der eigentliche rote Faden der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, roter Faden"/> erkannt werden. Christus ist der Inhalt dieser Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Jesus Christus ist Inhalt"/>: die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes selbst. Die Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes, Jesus der Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, als Christus"/>, eines muss sich an dem andern bewähren. – Die <hi rend="italic">Treue Gottes</hi> bewährt sich darin, dass uns in Jesus der Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, der Christus"/> <pb ed="A" n="71"/> begegnet. Wir können <hi rend="italic">darum</hi> aller menschlichen Unzulänglichkeit<term type="begriffe" key="Unzulänglichkeit"/> zum Trotz in den zerstreuten geschichtlichen Hinweisen<term type="begriffe" key="Hinweis"/> auf Gott wirkliche Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> für Gott sehen, wir können <hi rend="italic">darum</hi> in den weltlichen Spuren göttlicher Kundgebung<term type="begriffe" key="Kundgebungen Gottes"/> mehr als weltlichen Zufall finden, wir können uns <hi rend="italic">darum</hi> an unsrer Stelle in der Zeit ewiger Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, ewige"/> getrösten<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, weil und wenn wir an <hi rend="italic">einer</hi> Stelle der Zeit, an einem Punkte der Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> durchleuchteter<term type="begriffe" key="durchleuchtet"/> Zeit, durchleuchteter Wirklichkeit, göttlicher Antwort<term type="begriffe" key="Gott, Antwort"/>, Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, anderer Ordnung"/> anderer Ordnung begegnen. Der Tag Jesu des Christus<term type="begriffe" key="Tag, des Jesus Christus"/> ist der Tag <hi rend="italic">aller</hi> Tage. Das offenbare und gesehene Licht<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Licht"/> dieses einen Punktes ist das verborgene, das unsichtbare Licht aller Punkte. Einmalige Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Gerechtigkeit Gottes"/> der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes <hi rend="italic">hier</hi> ist «Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, der Gerechtigkeit"/> der Gerechtigkeit» (<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.5">Gal. 5,5</ref>) für <hi rend="italic">alle</hi>­mal und überall. Jesus, erkannt als der Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, als Christus"/>, bestätigt, bewährt und bekräftigt <hi rend="italic">alles</hi> menschliche Harren<term type="begriffe" key="Harren"/>. Er ist die Mitteilung<term type="begriffe" key="Mitteilung"/>, dass es nicht der Mensch, sondern Gott in seiner Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> ist, der harrt. – Dass wir gerade in <hi rend="italic">Jesus von <placeName ref="kbga-places-948">Nazareth</placeName></hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/> den Christus gefunden haben, bewährt sich darin, dass alle Kundgebungen<term type="begriffe" key="Kundgebungen Gottes"/> der Treue Gottes Hinweise<term type="begriffe" key="Hinweis"/> und Weissagungen<term type="begriffe" key="Weissagung"/> sind auf das, was uns eben in <hi rend="italic">Jesus</hi> begegnet ist. Die verborgene Kraft des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, und Propheten"/> und der Propheten ist der Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, der Christus"/>, der uns in <hi rend="italic">Jesus</hi> begegnet. Der Sinn aller Religion<term type="begriffe" key="Religion, Sinn ist die Erlösung"/> ist die Erlösung, die Zeitenwende<term type="begriffe" key="Wende, der Zeiten"/>, die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>, das Unanschauliche
            Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Unanschaulichkeit"/>, das uns eben in <hi rend="italic">Jesus</hi> zum Stillstehen <pb ed="pga" xml:id="p136"/> zwingt. Der Gehalt alles menschlichen Geschehens<term type="begriffe" key="Geschehen, Gehalt des Geschehens"/> ist die Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/>, unter der es steht, wie sie eben von <hi rend="italic">Jesus</hi> verkündigt, in ihm verkörpert ist. Dass diese Kraft, dieser Sinn, dieser Gehalt auch anderswo als in Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/> gefunden werde, das braucht uns niemand vorzuhalten, wir selbst sind es, die ja gerade das behaupten, gerade wir <hi rend="italic">können</hi> es behaupten. Denn <hi rend="italic">dass</hi> Gott allenthalben gefunden wird, <hi rend="italic">dass</hi> die Menschheit<term type="begriffe" key="Menschheit"/> vor und nach Jesus von Gott gefunden ist, der Maßstab<term type="begriffe" key="Maßstab"/>, an dem alles Finden Gottes, alles Von-Gott-gefunden-Werden als solches erkennbar wird, die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, dieses Finden und Gefunden-Werden zu begreifen als Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, ewiger Ordnung"/> ewiger Ordnung – das eben wird in Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> erkannt und gefunden. <hi rend="italic">Viele</hi> wandeln im Lichte der Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/>, der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>; dass wir sie wandeln <hi rend="italic">sehen</hi>, dass wir Augen dafür haben, das verdanken wir dem <hi rend="italic">Einen.</hi> In <hi rend="italic">seinem</hi> Lichte<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Licht"/> sehen wir das Licht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.36.10">Ps. 36,10</ref>]. – Und dass es <hi rend="italic">der Christus</hi> ist, was wir in Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, als Christus"/> gefunden, das bewährt sich darin, dass Jesus das letzte, das alle andern erklärende und auf den schärfsten Ausdruck bringende Wort<term type="begriffe" key="Wort, letztes"/> der vom Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, und Propheten"/> und den Propheten bezeugten Treue<term type="begriffe" key="Treue, Gottes"/> Gottes ist. Die Treue Gottes ist sein Hineingehen und Verharren in der tiefsten menschlichen Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/> und Finsternis. Das Leben Jesu<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/> aber ist der vollkommene Gehor<pb ed="A" n="72" break="no"/>sam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/> gegen den Willen<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> des treuen Gottes. Er stellt sich als Sünder zu den Sündern<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>. Er stellt sich selbst gänzlich unter das Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>, unter dem die Welt steht. Er stellt sich selbst dorthin, wo Gott nur noch als Frage nach Gott gegenwärtig sein kann. Er nimmt Knechtsgestalt<term type="begriffe" key="Knecht"/> an [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.7">Phil. 2,7</ref>]. Er geht zum Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/>, in den Tod. Er ist auf der Höhe<term type="begriffe" key="Höhe"/>, am Ziel<term type="begriffe" key="Ziel"/> seines Weges eine rein negative Größe: keinesfalls Genie, keinesfalls Träger manifester oder okkulter psychischer<term type="begriffe" key="psychisch"/> Kräfte, keinesfalls Held<term type="begriffe" key="Held"/>, Führer, Dichter<term type="begriffe" key="Dichter"/> oder Denker, und gerade an dieser Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> («Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.46">Mt. 27,46</ref> par.]), gerade darin, dass er einem unmöglichen <hi rend="italic">Mehr</hi>, einem unanschaulichen <hi rend="italic">Andern opfert</hi><term type="begriffe" key="Opfer"/> alle genialen<term type="begriffe" key="genial"/>, psychischen<term type="begriffe" key="psychisch"/>, heldischen, ästhetischen<term type="begriffe" key="Ästhetik"/>, philosophischen<term type="begriffe" key="Philosophie"/>, überhaupt alle denkbaren menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, 
            gerade darin ist er der Erfüller der über sich selbst hinaus weisenden, in Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, und Propheten"/> und Propheten aufs Höchste sich steigernden menschlichen Entwicklungsmöglichkeiten. <hi rend="italic">Darum</hi> hat ihn Gott erhöht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.9">Phil. 2,9</ref>], <hi rend="italic">darin</hi> wird er als der Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> erkannt, <hi rend="italic">damit</hi> wird er das Licht<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Licht"/> der letzten Dinge<term type="begriffe" key="Ding, letzte Dinge"/>, 
            das über allen und allem leuchtet. Wir sehen in ihm Gottes Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> wirk<pb ed="pga" xml:id="p137" break="no"/>lich in der Tiefe der Hölle<term type="begriffe" key="Hölle"/>. Der Messias<term type="begriffe" key="Messias / Jesus Christus, Ende des Menschen"/> ist das Ende des<note n="n" type="textcritical" xml:id="nn"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «der». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> Menschen<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Ende des Menschen"/>. Auch da, gerade da ist Gott treu. Der neue Tag der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes will anbrechen mit dem Tag des «aufgehobenen» Menschen<term type="begriffe" key="aufgehoben bei Gott"/>.</p>
            <p><hi rend="italic">«Für alle, die glauben».</hi> Das ist das fruchtbare Aber! Das Sehen des neuen Tages ist und bleibt indirekt, die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> in Jesus ein paradoxes<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Paradox"/> Faktum<term type="begriffe" key="Faktum, paradoxes"/> – so objektiv, so allgemeingültig ihr Inhalt ist. Dass die Verheißungen<term type="begriffe" key="Verheißung, der Treue Gottes"/> der Treue Gottes in Jesus dem Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, als Christus"/> erfüllt sind, dass gerade Jesus der Christus ist, auf den alle Verheißungen<term type="begriffe" key="Verheißung, Jesus Christus"/> hinweisen<term type="begriffe" key="Hinweis"/>, und dass Jesus gerade darum der Christus ist, weil in ihm die Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes in ihrer letzten Verborgenheit, in ihrem tiefsten Geheimnis erscheint, das alles ist nicht selbstverständlich und wird es nie. Es ist keine seelische, geschichtliche<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/>, kosmische, naturhafte Gegebenheit, auch nicht eine solche höchsten Ranges. Es wird nicht durch direkte Einsichtnahme<term type="begriffe" key="Einsicht"/> zugänglich: weder durch Erschließungen des Unbewussten<term type="begriffe" key="Unbewußte"/><note xml:id="n17"> Anspielung auf die Rolle des Unbewussten in der damaligen psychoanalytischen Diskussion, mit der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> persönlich bekannt wurde durch die Begegnung mit Dr. <persName ref="kbga-actors-629">Ewald Jung</persName> (1879–1943), einem Vetter von <persName ref="kbga-actors-6004">Carl Gustav Jung</persName> (s. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p026#p026">S. 26f.</ref> und <ref type="pub" target="3029">S. 38f.</ref></bibl>). Vgl. zum Verhältnis <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zur Psychoanalyse in dieser Zeit <bibl corresp="kbga-bibls-1573">W. Schildmann, <hi rend="italic">Karl Barths Träume. Zur verborgenen Psychodynamik seines Werkes</hi>, Zürich 2006, S. 9–15</bibl>.</note>, noch durch mystische<term type="begriffe" key="Mystik"/> Versenkung im Gebet<term type="begriffe" key="Gebet"/><note xml:id="n18"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1715"><persName ref="kbga-actors-169">Heiler</persName>, S. 309–317</bibl>;
            vgl. auch das Gedicht <bibl corresp="kbga-bibls-3552">«Versenkung» von <persName ref="kbga-actors-9664">E. Spann-Rheinsch</persName>, in: ChW, Jg. 34 (1920), Sp. 129</bibl>.</note>, noch durch Entwicklung okkulter<term type="begriffe" key="okkult"/> Geistesfähigkeiten<note xml:id="n19"> Dies bezieht sich wohl auf die Anthroposophie <persName ref="kbga-actors-791">R. Steiners</persName> (1861–1925). Nach <persName ref="kbga-actors-791">Steiner</persName> kann jedermann zur Erkenntnis höherer Welten gelangen, wenn er nur die in ihm angelegten Erkenntniskräfte ausbildet. Methodisch genaue Anleitung wird ihn von Stufe zu Stufe aufwärts führen. 
            Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1812"><persName ref="kbga-actors-791">R. Steiner</persName>, <hi rend="italic">Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?</hi>, Berlin 1904</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dürfte vor allem durch die <orgName ref="kbga-actors-5420">ChW</orgName> über die Anthroposophie<term type="begriffe" key="Anthroposophie"/> und ihre spiritistischen Züge unterrichtet gewesen sein; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3553">ChW, Jg. 31 (1917), Sp. 603–607.619–622.634–638 (<persName ref="kbga-actors-748">Fr. Rittelmeyer</persName>)</bibl>, <bibl corresp="kbga-bibls-3554">Jg. 32 (1918), Sp. 18–24.34–36.58–60 (<persName ref="kbga-actors-8648">Joh. Müller</persName>)</bibl>, <bibl corresp="kbga-bibls-3555">Sp. 195–200.213–219 (<persName ref="kbga-actors-748">Fr. Rittelmeyer</persName>)</bibl>, <bibl corresp="kbga-bibls-3556">Sp. 455–459 (<persName ref="kbga-actors-567">Chr. Geyer</persName>)</bibl>, <bibl corresp="kbga-bibls-3557">Jg. 34 (1920), Sp. 165–170 (<persName ref="kbga-actors-62">W. Bruhn</persName>)</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> kam aber auch durch den neu gewonnenen Freund <persName ref="kbga-actors-275">G. Merz</persName> mit anthroposophischem Gedankengut in Berührung; vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
            <date when="1920-02-19">19.2.1920</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p367#p367">S. 367</ref></bibl>: «<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName></hi> ist sehr gut, kennt den Römerbrief besser als ich. Er kommt von <persName ref="kbga-actors-748">Rittelmeyer</persName> und hat noch einige entsprechende Residuen». Pfarrer <persName ref="kbga-actors-748">Fr. Rittelmeyer</persName> (1872–1938) schloss sich der Anthroposophie an und wurde 1922 zum Mitbegründer der «<orgName ref="kbga-actors-8646">Christengemeinschaft</orgName>».</note>; es wird vielmehr durch <pb ed="pga" xml:id="p138"/> alle Versuche in dieser Richtung nur um so unzugänglicher. Es kann weder überliefert, noch gelehrt, noch erarbeitet werden; wäre es anders, so wäre es ja nicht das Allgemeingültige, nicht Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> für die Welt, nicht Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/> für alle. Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, als Neuorientierung"/> ist die Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/>, die radikale Neuorientierung des nackt<term type="begriffe" key="Mensch, bloß/nackt"/> vor Gott stehenden<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/>, des zum Erwerb der einen kostbaren Perle arm gewordenen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.45 Mt.13.46">Mt. 13,45–46</ref>], des um Jesu willen auch seine Seele verlierenden Menschen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.25">Mt. 16,25</ref> par.]. Glaube ist selbst Treue<term type="begriffe" key="Glaube, Treue Gottes"/> Gottes, immer noch und immer <pb ed="A" n="73"/> wieder verborgen hinter und über allen menschlichen Bejahungen<term type="begriffe" key="Bejahung"/>, Gesinntheiten, Errungenschaften Gott gegenüber. Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, als Sprung ins Ungewisse"/> ist darum nie fertig, nie gegeben, nie gesichert, er ist, von der Psychologie<term type="begriffe" key="Psychologie"/> aus gesehen, immer und immer aufs neue der Sprung<term type="begriffe" key="Sprung, ins Leere"/> ins Ungewisse, ins Dunkle, in die leere Luft. Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch, und Blut"/> und Blut offenbart uns <hi rend="italic">das</hi> nicht (<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.17">Mat. 16,17</ref>): kein Mensch kann es dem andern, keiner sich selber sagen. Was ich gestern hörte, muss ich heute neu hören, werde ich morgen wieder neu hören müssen, und immer ist der Offenbarende Jesu Vater im Himmel, nur er. Die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, in Jesus"/> in Jesus ist ja, eben indem sie Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, der Gerechtigkeit Gottes"/> der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes ist, zugleich die denkbar stärkste Verhüllung<term type="begriffe" key="Verhüllung"/> und Unkenntlichmachung<term type="begriffe" key="Gott, Unkenntlichmachung"/> Gottes. In Jesus wird Gott wahrhaft Geheimnis<term type="begriffe" key="Gott, Geheimnis"/>, macht er sich bekannt als der Unbekannte<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, redet er als der ewig Schweigende<term type="begriffe" key="Gott, Schweigen"/>. In Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> erwehrt sich Gott aller zudringlichen Vertraulichkeit, aller religiösen Unverschämtheit<term type="begriffe" key="Unverschämtheit, religiöse"/>. In Jesus offenbart, wird Gott den Juden<term type="begriffe" key="Jude"/> ein Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, Juden"/> und den Griechen eine Torheit<term type="begriffe" key="Torheit, Griechen"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.23">1.Kor. 1,23</ref>]. In Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> beginnt die Mitteilung<term type="begriffe" key="Mitteilung"/> Gottes mit einem Zurückstoßen, mit dem Aufreißen eines klaffenden Abgrundes<term type="begriffe" key="Abgrund, zwischen Gott und Mensch"/>, mit der bewussten Darbietung des kräftigsten Ärgernisses<term type="begriffe" key="Ärgernis, Christentum"/>. «Nimm die Möglichkeit des Ärgernisses weg, wie man in der Christenheit getan hat, so ist das ganze Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/> direkte Mitteilung<term type="begriffe" key="Mitteilung, direkte"/>, und dann ist das ganze Christentum abgeschafft. Es ist ein leichtes oberflächliches Etwas geworden, das weder tief genug verwundet noch heilt, die unwahre Erfindung des bloß menschlichen Mitleids, die den unendlichen qualitativen Unterschied zwischen Gott und Mensch<term type="begriffe" key="«qualitativer Unterschied zwischen Gott und Mensch»"/> vergißt» (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>).<note xml:id="n20">
            <bibl corresp="kbga-bibls-1052"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Einübung, S. 126</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 12, S. 143</bibl>).</note> Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, an Jesus"/> an Jesus ist das <pb ed="pga" xml:id="p139"/> radikale Trotzdem, wie auch sein Inhalt, Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>, radikales Trotzdem<term type="begriffe" key="Gott, Trotzdem"/> ist. Glaube an Jesus ist das Unerhörte, des gänzlich «lieblosen» Gottes Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, Gottes"/> zu empfinden und zu begreifen, den immer anstößigen und ärgerlichen Willen<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> Gottes zu tun, Gott in seiner ganzen Unanschaulichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Unanschaulichkeit"/> und Verborgenheit Gott<term type="begriffe" key="Gott, verborgen"/> zu nennen. Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, an Jesus"/> an Jesus ist das Wagnis<term type="begriffe" key="Wagnis, des Glaubens"/> aller Wagnisse. Dieses Trotzdem, dieses Unerhörte, dieses Wagnis ist der Weg, den wir zeigen. Wir fordern Glauben, nicht mehr und nicht weniger. Wir fordern ihn nicht in unserm eigenen Namen, sondern im Namen Jesu, in welchem uns selbst diese Forderung in unentrinnbarer Weise begegnet ist. Wir fordern nicht Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/> an unsern Glauben; denn wir wissen, dass das an unserm Glauben, was von uns ist, unglaubwürdig ist. Wir fordern nicht unsern Glauben von andern Menschen; denn wenn andere glauben werden, so werden sie es wie wir selbst auf eigene Gefahr und Verheißung tun. Wir fordern Glauben an Jesus<term type="begriffe" key="Glaube, an Jesus"/>. Wir fordern ihn von allen, von allen jetzt und hier, auf der Lebensstufe<term type="begriffe" key="Stufe"/>, auf der sie sich eben befinden. Es gibt keine menschlichen Voraus<pb ed="A" n="74" break="no"/>setzungen (pädagogische, intellektuelle<term type="begriffe" key="intellektuell"/>, ökonomische<term type="begriffe" key="ökonomisch"/>, psychologische<term type="begriffe" key="psychologisch"/> etwa), die dem Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, voraussetzungslos"/> vorgängig erfüllt sein müssten. Es gibt keine menschliche Hinzuleitung, keinen Heilsweg<term type="begriffe" key="Heilsweg"/>, keine Stufenleiter zum Glauben, die etwa zuerst zurückgelegt sein müsste. Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> ist immer das erste, die Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, des Glaubens"/>, die Begründung. Man kann als Jude<term type="begriffe" key="Jude"/> und als Grieche<term type="begriffe" key="Grieche"/>, als Kind und als Greis, als Gebildeter und als Ungebildeter, als einfacher und als komplizierter Mensch, man kann im Sturm und in der Stille, man kann auf allen Stufen<term type="begriffe" key="Glaube, auf allen Lebensstufen"/> aller nur erdenklichen menschlichen Stufenleitern glauben. Die Forderung des Glaubens geht durch alle Unterschiede der Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, der Moral<term type="begriffe" key="Moral"/>, der Lebensführung und Lebenserfahrung, der Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> und der sozialen Stellung quer hindurch. Glauben ist für alle gleich leicht und gleich schwer. Glauben ist immer das gleiche Trotzdem<term type="begriffe" key="Gott, Trotzdem"/>, das gleiche Unerhörte, das gleiche Wagnis<term type="begriffe" key="Wagnis, des Glaubens"/>. Glauben bedeutet für alle die gleiche Verlegenheit und die gleiche Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, als Glaube"/>. Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/> ist für alle der gleiche Sprung ins Leere<term type="begriffe" key="Sprung, ins Leere"/>. Er ist allen möglich, weil er allen gleich unmöglich ist<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/>.</p>
            <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.22 Röm.3.24">V. 22b‒24</ref> Denn es ist kein Unterschied: sie sündigten alle und entbehren der Herrlichkeit Gottes, gerecht erklärt werden sie geschenkweise durch seine Gnade mittelst der Erlösung, die im Christus Jesus ist.</hi></p> 
            <p><pb ed="pga" xml:id="p140" rend="noPipe"/>«Merke: dies ist das Hauptstück und der Mittelplatz dieser Epistel und der ganzen Schrift» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n21"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 83</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen): Marginalie <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> zur Übersetzung von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.23">Röm. 3,23</ref>, <bibl corresp="kbga-bibls-113">WA.DB 7, 38f.</bibl></note></p>
            <p><hi rend="italic">«Es ist kein Unterschied».</hi> Die Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes bewährt sich in ihrer Universalität<term type="begriffe" key="Universalität"/>. Es ist kein Zufall, dass gerade <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, der bei Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> den Mut gewinnt, auf Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, allein"/> allein zu vertrauen, in Jesus auch die göttliche Durchbrechung aller menschlichen Unterschiede sieht. Er hat dort Mut, weil er hier sieht. Er ist der Prophet des Gottesreiches, weil er der Apostel der Heiden ist, im Unterschied zu dem, was später, wo dieser Zusammenhang undeutlich wird, «Mission<term type="begriffe" key="Mission"/>» heißt. Die Mission des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> richtet nicht Unterschiede auf, sondern sie reißt alle Unterschiede ab: Nur indem die Menschen aller Stufen<term type="begriffe" key="Stufe"/> nebeneinander treten, nur indem auch die, die auf den obersten Stufen wohnen, nichts anderes wollen denn «als der Menschheit<term type="begriffe" key="Menschheit"/> höchste Kraft mitleidend tragen die Beschwerden der ganzen Zeitgenossenschaft» (<persName ref="kbga-actors-736">S. Preiswerk</persName>)<note xml:id="n22"> Aus <bibl corresp="kbga-bibls-3559">Strophe 5 des Chorals «Zerstreut und mannigfach geschieden» von <persName ref="kbga-actors-736">S. Preiswerk</persName>, in: <hi rend="italic">Evangelischer Liederkranz aus älterer und neuerer Zeit</hi>, Basel 1844, S. 155f., Nr. 124</bibl>. Die Strophe lautet:
                <q rend="block">
                    <lg> 
                        <l>Laß uns ein Salz der Erde werden,</l> 
                        <l>Und als der Menschheit erste Kraft</l> 
                        <l>Mitleidend tragen die Beschwerden</l> 
                        <l>Der ganzen Zeitgenossenschaft.</l></lg></q></note>, nur indem die geistlich Reichen ihres Reichtums nicht gedenken (auch nicht um davon auszuteilen!), sondern als die Armen der Armen Brüder werden, nur darin wird Gott erkannt. Nur in der Tiefe realster Gemeinschaft ist auch die aufhebende und tragende Barmherzigkeit<term type="begriffe" key="Gott, Barmherzigkeit"/> Gottes wahr. Der betende Pharisäer<term type="begriffe" key="Pharisäer"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.11 Lk.18.12">Lk. 18,11–12</ref>] kann wohl Missionar, aber nicht Missionar des Gottesreiches<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> werden. Die ungewohnte <hi rend="italic">Ver</hi><pb ed="A" n="75"/><hi rend="italic">bindung</hi> (zwischen Mensch und Mensch) ist es, die die ungewohnte, die heilsame <hi rend="italic">Trennung</hi> (zwischen Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/>), in der Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> erkannt wird, klarstellen und sicherstellen muss. Es ist ja notwendig, dass das Paradox<term type="begriffe" key="Paradox"/> absolut, dass der Abgrund zwischen Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Abgrund, zwischen Gott und Mensch"/> ganz aufgerissen, dass das Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, Christentum"/> ganz gegeben, dass das Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/> ganz als das hingestellt wird, was es ist, als «ein in der Geschichte alles in Frage<term type="begriffe" key="Infragestellung"/> stellendes Problem von fundamental rätsel<pb ed="pga" xml:id="p141" break="no"/>hafter<term type="begriffe" key="Rätsel, des Christentums"/> Natur» (<persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>)<note xml:id="n23"><bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>, Christentum und Kultur, S. 7</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 39</bibl>): «In Wahrheit hat das moderne Bestreben, das Christentum der Geschichte untertan zu machen, nur die Frage aufgeregt, ob es in der Menschengeschichte mehr ist und sein kann als ein Rätsel, nämlich ein in der Geschichte Alles in Frage stellendes Problem von fundamental rätselhafter Natur.»</note>. Es könnte aber noch etwas übrig bleiben von menschlichen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, das Paradox<term type="begriffe" key="Paradox"/> zu umgehen, etwas Irreales, Illusionäres, etwas bloß Religiöses<term type="begriffe" key="religiös"/>, Erlebnishaftes<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, Moralisches<term type="begriffe" key="Moral"/>, Intellektuelles<term type="begriffe" key="intellektuell"/>, das nicht die allein gewisse und rettende Barmherzigkeit<term type="begriffe" key="Gott, Barmherzigkeit"/> Gottes wäre, solange der Wahn eines bevorzugten Seins und Habens der einen vor den andern nicht ganz abgeschnitten ist. Es muss also gehört und immer wieder gehört werden: «es ist kein Unterschied»!
            Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/>, Glaube <hi rend="italic">allein</hi> ist die Forderung, die an <hi rend="italic">alle</hi> gerichtet ist, ist der Weg, den <hi rend="italic">alle</hi> gehen können – und doch nicht können. Es muss <hi rend="italic">alles</hi> Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> stillgestellt werden vor der göttlichen Unanschaulichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Unanschaulichkeit"/>, damit <hi rend="italic">alles</hi> Fleisch den Heiland Gottes sehe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.3.6">Lk. 3,6</ref>].</p>
            <p><hi rend="italic">«Sie sündigten alle und entbehren der Herrlichkeit Gottes.»</hi> In dieser Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> vollzieht sich die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, aller Unterschiede"/> aller Unterschiede, die ungewohnte Verbindung, die die ungewohnte Trennung gewährleisten muss. Es kann nicht etwas menschlich Positives sein, worin unsre Solidarität<term type="begriffe" key="Solidarität"/> untereinander begründet ist. Denn in allem menschlich Positiven («religiöse<term type="begriffe" key="religiös"/> Anlage», «sittliches<term type="begriffe" key="sittlich"/> Bewusstsein», «Humanität»<term type="begriffe" key="Humanität"/>) stecken immer schon die Keime sozialer Zersetzung. Was positiv ist an diesem Positiven, das ist etwas Differenziertes und Differenzen Begründendes. Reale Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinschaft"/> zwischen Menschen findet statt im Negativen, in dem, was ihnen fehlt. Als Brüder erkennen wir uns, indem wir uns als Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> erkennen. Festen Boden hat unsre Solidarität<term type="begriffe" key="Solidarität"/> mit den andern dann, wenn wir mit ihnen (oder ohne sie, denn wir dürfen nicht auf die andern warten!) über alles, was wir sind und haben, hinausgreifen und uns selbst begreifen in unsrer radikalen Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/>. «Sie entbehren der Herrlichkeit Gottes.» Die Herrlichkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> ist Gottes Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Anschaulichkeit"/> («<foreign xml:lang="lat">Gloria divinitas conspicua</foreign>», <persName ref="kbga-actors-38">Bengel</persName><note xml:id="n24"><bibl corresp="kbga-bibls-3520"><persName ref="kbga-actors-38">Bengel</persName>, Bd. I, S. 517</bibl> (zu Act. 7,2): «<foreign xml:lang="lat"><hi rend="italic">Gloria</hi>, divinitas conspicua</foreign>».</note>). Diese Anschaulichkeit fehlt uns. Das ist’s, was uns einigt. Dahin müssen alle Hohen hinuntersteigen, und selig sind, die schon weit unten stehen; denn da, wo es an Anschaulichkeit Gottes fehlt, da entsteht die Glaubensfrage<term type="begriffe" key="Glaubensfrage"/> («nicht sehen und doch glauben» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.20.29">Joh. <pb ed="pga" xml:id="p142"/> 20,29</ref>]). Da wird die Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/>, die einzige Rettung, die in Betracht kommt, zu einer sinnvollen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>. Mit Pessimismus, Zerknirschtheit und Sündenjammer<term type="begriffe" key="Sündenjammer"/>, mit der <pb ed="A" n="76"/> «dicken Schwermut» der «Prediger des Todes» (<persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>)<note xml:id="n25"> <bibl corresp="kbga-bibls-3540"><persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>, Zarathustra, Von den Predigern des Todes, NW, S. 64</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3541">NWKG, S. 52, Z.1–3</bibl>): «Eingehüllt in dicke Schwermuth und begierig auf die kleinen Zufälle, welche den Tod bringen: so warten sie und beißen die Zähne auf einander.»</note>, mit dem Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, von Selbstzerfleischung und Heiterkeit"/> von orientalischer<term type="begriffe" key="orientalisch"/> Selbstzerfleischung<term type="begriffe" key="Selbstzerfleischung"/><note xml:id="n26"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3540"><persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>, Zarathustra, Von den Predigern des Todes, NW, S. 63</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3541">NWKG, S. 51, Z.9–11</bibl>): «Da sind die Fürchterlichen, welche in sich das Raubthier herumtragen und keine Wahl haben, es sei denn Lüste oder Selbstzerfleischung.»</note> und griechischer<term type="begriffe" key="griechisch"/> Heiterkeit hat diese Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis"/> nichts zu tun. Man könnte sie ja ebensowohl als dionysischen<term type="begriffe" key="dionysisch"/> Enthusiasmus<term type="begriffe" key="Enthusiasmus"/> auffassen, wenn sie nicht <hi rend="italic">weder</hi> dies <hi rend="italic">noch</hi> jenes wäre, wenn ihr Nein nicht <hi rend="italic">das</hi> Nein wäre, das sich ebenso gegen die höchste Lebensverneinung wie gegen die höchste Lebensbejahung<term type="begriffe" key="Bejahung"/> wendet, wenn sie nicht Juden<term type="begriffe" key="Jude"/> und Griechen<term type="begriffe" key="Grieche"/> unter <hi rend="italic">ein</hi> Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> beugte. Sie ist, eben als Erkenntnis unsres tiefsten letzten Entbehrens (unsres Entbehrens in unserm Ja<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> wie in unserm Nein!), Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der ursprünglichen Menschlichkeit"/>
            der wahren, der jenseitigen, der ursprünglichen Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit, jenseitige, ursprüngliche"/>. In dieser <hi rend="italic">reinen</hi> Menschlichkeit ist der Mensch in der Hand göttlicher Barmherzigkeit<term type="begriffe" key="Gott, Barmherzigkeit"/>.</p>
            <p><hi rend="italic">«Gerecht erklärt werden sie geschenkweise durch seine Gnade.»</hi> Dass wir real vor Gott stehen<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/>, das ist uns dann verbürgt, wenn wir nichts mehr hören <hi rend="italic">können</hi> als das Wort des Richters<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/>, mit dem er sich selbst behauptet und – alle Dinge trägt (<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.1.3">Hebr. 1,3</ref>), wenn unser Hören nichts anderes mehr sein <hi rend="italic">kann</hi> als Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/><note n="o" type="textcritical" xml:id="no"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «Glaube».</note> an Gott, Glaube, <hi rend="italic">dass</hi> er ist, <hi rend="italic">weil</hi> er ist! Solange noch andere Motive wirksam sind als der Glaube, stehen<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/> wir nicht vor Gott. Eben darum mussten wir hinter alle Unterschiede zwischen uns Menschen zurückgehen. <hi rend="italic">Gott</hi> «erklärt». 
            Er erklärt <hi rend="italic">seine</hi> Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> als die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, über aller Gerechtigkeit"/> hinter und über aller Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, des Menschen"/> und Ungerechtigkeit der Menschen<term type="begriffe" key="Ungerechtigkeit, des Menschen"/>. Er erklärt, dass er sich zu uns bekennt und dass wir zu ihm gehören. Er erklärt, dass wir, seine Feinde<term type="begriffe" key="Feind, Gottes"/>, seine geliebten Kinder<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> sind. Er erklärt seinen Beschluss, sein Recht aufzurichten in umfassendster Erneuerung des Himmels <pb ed="pga" xml:id="p143"/> und der Erde<term type="begriffe" key="Neuer Himmel und neue Erde"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.13">2.Petr. 3,13</ref>]. Forensischer<term type="begriffe" key="forensisch"/>, ursach- und bedingungsloser, nur in Gott selbst begründeter Spruch ist diese Erklärung, <foreign xml:lang="lat">creatio ex nihilo</foreign><term type="begriffe" key="creatio ex nihilo"/>, Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung, aus dem Nichts"/> aus dem Nichts. Gewiss: Schöpfung, Schöpfung eines Etwas, Schöpfung einer wirklichen göttlichen Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> in uns und in der Welt ist diese Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/>. Denn wenn Gott spricht<term type="begriffe" key="Gott, spricht"/>, so geschieht es [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.33.9">Ps. 33,9</ref>]. Aber <hi rend="italic">neue</hi> Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung, neue"/> ist diese Schöpfung, nicht bloß neuer Ausbruch, neuer Erguss, neue Entfaltung aus der alten «schöpferischen Entwicklung»<note xml:id="n27"> Möglicherweise eine Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-3560"><persName ref="kbga-actors-492">Henri Bergson</persName>, <hi rend="italic">L’Evolution créatrice</hi> (1907), deutsche Übersetzung: <hi rend="italic">Die schöpferische Entwicklung</hi> (1912)</bibl>, worin der Philosoph das Leben als einen schöpferischen Prozess mit immer neuen, differenzierteren Formen deutet.</note>, in der wir stehen und stehen werden bis an das Ende<term type="begriffe" key="Ende, der Tage"/> unsrer Tage. Zwischen der alten und der neuen Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung, neue"/> steht immer das Ende unsrer Tage, das Ende dieses Menschen und dieser Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/>. Anderer, ewiger Ordnung ist das Etwas, das Gottes Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> schafft, als alles «Etwas», das wir sonst kennen, nicht geht es aus diesem hervor, nicht reiht es sich ihm an, immer ist und bleibt es neben diesem sonstigen «Etwas» – Nichts: Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch, und Blut"/><note n="p" type="textcritical" xml:id="np"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «Nichts! Fleisch».</note> und Blut kann das Reich Gottes nicht ererben, so gewiss <hi rend="italic">dieses</hi> Sterbliche anziehen muss die Unsterblichkeit<term type="begriffe" key="Unsterblichkeit"/> und <hi rend="italic">dieses</hi> Verwesliche die Unverweslichkeit<term type="begriffe" key="Unverweslichkeit"/>. <pb ed="A" n="77"/> Es ist und bleibt, sofern dieses «Anziehen» Gottes<term type="begriffe" key="Werk, Gottes"/> und nicht des Menschen Werk ist, das Sterbliche und Verwesliche in der <hi rend="italic">Erwartung</hi><term type="begriffe" key="Erwartung"/> des radikalen Wechsels seiner Prädikate, der Verwandlung, der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, der Toten"/> der Toten (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.50 1.Kor.15.57">1.Kor. 15,50–57</ref>). «Wir <hi rend="italic">warten</hi> eines neuen Himmels und einer neuen Erde» <term type="begriffe" key="Neuer Himmel und neue Erde"/>[vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.13">2.Petr. 3,13</ref>]. Und so wird auch Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> in uns und in der Welt nicht
            menschliche Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, des Menschen"/>, nicht tritt sie konkurrierend neben die Menschengerechtigkeiten<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/>, sondern «euer Leben ist <hi rend="italic">verborgen</hi> mit dem Christus in Gott» <term type="begriffe" key="Leben, mit Christus in Gott verborgen"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.3">Kol. 3,3</ref>). Ist es nicht verborgen, so ist es nicht Leben! Nicht «angebrochen» ist das Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> Gottes auf Erden, auch nicht in den kleinsten Partikeln, wohl aber <hi rend="italic">angekündigt</hi>, nicht «gekommen», auch nicht in der sublimsten Form, wohl aber <hi rend="italic">nahe herbeigekommen</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.17">Mt. 4,17</ref> par.]. Es muss immer wieder, es muss in seiner Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, in Jesus"/> in Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> <hi rend="italic">erst recht</hi> – geglaubt werden. Denn angekündigt und nahe herbeigekommen <anchor type="note" xml:id="fn-q"/>ist es als <hi rend="italic">neue</hi> Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/>, nicht als <pb ed="pga" xml:id="p144"/> Fortsetzung der alten<note n="q" target="fn-q" type="textcritical" xml:id="nq"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «ist es als <hi rend="italic">neue</hi>, nicht als Fortsetzung der alten Welt».</note>. Wirklich ist und bleibt «unsre» Gerechtigkeit nur als <hi rend="italic">Gottes</hi> Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>. Neue Welt ist und bleibt nur die <hi rend="italic">ewige</hi> Welt, in deren Widerschein<term type="begriffe" key="Widerschein"/> wir jetzt und hier stehen. Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, als göttliche Barmherzigkeit"/> ist und bleibt die uns zugewendete göttliche Barmherzigkeit nur als <hi rend="italic">Wunder</hi><term type="begriffe" key="Wunder"/> («senkrecht von oben»<term type="begriffe" key="«senkrecht von oben»"/>); ihre geschichtliche und seelische<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Seite ist immer ihre Unwahrheit. Real vor Gott stehen<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/> wir, sofern wir der Realisierung seines Worts im Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/> <hi rend="italic">warten</hi>, sofern wir immer wieder begreifen: diese Erklärung, dass wir vor Gott und von Gott aus gerecht sind, geschieht «geschenkweise durch seine Gnade», <hi rend="italic">allein</hi> durch seine Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, allein durch G."/>. Gnade ist Gottes guter freier Wille<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/>, sich unser anzunehmen, die Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> dazu, die von ihm aus, nur von ihm aus besteht<note n="r" type="textcritical" xml:id="nr"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «dazu besteht».</note>. Dass Gott denen, die reinen Herzens seiner Herrlichkeit entbehren, verheißen <hi rend="italic">muss:</hi> sie sollen mich schauen von Angesicht zu Angesicht! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.8">Mt. 5,8</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.33.11">Ex. 33,11</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.34.10">Dtn. 34,10</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.12">1.Kor. 13,12</ref>], dass die gefangen gehaltene<term type="begriffe" key="Gefangenhalten der Wahrheit"/> Wahrheit Gottes ihre Fesseln zerreißen<note n="s" type="textcritical" xml:id="ns"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «zerreiben».</note> <hi rend="italic">muss</hi>, dass Gott uns ohne Anlass unsrerseits seine Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> halten und beweisen <hi rend="italic">muss</hi> – nur weil er Gott ist – das ist die Übermacht der Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Übermacht"/>. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> wird keine psychische<term type="begriffe" key="psychisch"/> Kraft in <hi rend="italic">diesem</hi> Menschen, keine physische<term type="begriffe" key="physisch"/> Kraft in <hi rend="italic">dieser</hi> Natur, keine kosmische<term type="begriffe" key="Kosmos"/> Kraft in <hi rend="italic">dieser</hi> Welt. Sie ist und bleibt immer <hi rend="italic">Gottes</hi> Kraft<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16">1,16</ref>), Ankündigung des <hi rend="italic">neuen</hi> Menschen, der <hi rend="italic">neuen</hi> Natur, der <hi rend="italic">neuen</hi> Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/>, des <hi rend="italic">Gottes</hi>reiches<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/>. Sie ist und bleibt hierseits negativ, unsichtbar, verborgen und wirkt als die Proklamation des Vergehens dieser Welt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.2.17">1.Joh. 2,17</ref>], des Endes aller Dinge<term type="begriffe" key="Ende, aller Dinge"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.4.7">1.Petr. 4,7</ref>] erschütternd, beunruhigend, untergrabend auf alles Hierseitige. Dass sie lauter Ja<term type="begriffe" key="Ja"/> ist, Rettung, Trost und Aufbau, dass der innere Mensch im Vergehen des äußeren von Tag zu Tage erneuert wird [vgl.
            <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.16">2.Kor. 4,16</ref>], das ist wahr durch Gottes <pb ed="A" n="78"/> Schöpferwort<term type="begriffe" key="Schöpferwort"/> am Tag aller Tage, das muss auf Gottes Schöpferwort<term type="begriffe" key="Schöpferwort"/> hin im Blick auf den in Jesus angekündigten Tag<term type="begriffe" key="Tag, des Jesus Christus"/> der Erfüllung – geglaubt werden.</p>
            <p>Denn <hi rend="italic">«durch die Erlösung, die im Christus Jesus ist»</hi>, ist dieses Schöpferwort<term type="begriffe" key="Schöpferwort"/> gesprochen. Was ist im Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «im Christus»"/> Jesus? Das Entsetzenerregende, dass <hi rend="italic">in</hi> der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> eine Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Geschichte"/> dieser Geschichte, <hi rend="italic">im</hi> bekannten Zusammenhang der Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/> eine Zerreißung dieses Zu<pb ed="pga" xml:id="p145" break="no"/>sammenhangs, <hi rend="italic">in</hi> der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/> eine Stillstellung dieser Zeit stattfindet: «<hi rend="italic">Dein</hi> Name werde geheiligt! <hi rend="italic">Dein</hi> Reich komme! <hi rend="italic">Dein</hi> Wille geschehe auf Erden wie im Himmel!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.9 Mt.6.10">Mt. 6,9–10</ref> par.] Der Menschensohn verkündigt das Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/> dieses Menschen, verkündigt Gott als den Ersten<term type="begriffe" key="Gott, der Erste und Letzte"/> und Letzten. Und das Echo antwortet, als unzweideutiges Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> dessen, was da verkündigt wird: «Er predigt gewaltig» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.29">Mt. 7,29</ref> par.], «Er ist von Sinnen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.3.21">Mk. 3,21</ref>], «Er verführt das Volk» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.7.12">Joh. 7,12</ref>], «Er ist der Zöllner und Sünder Geselle» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.19">Mt. 11,19</ref> par.]. Eine Möglichkeit unter andern Möglichkeiten ist Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/> von <placeName ref="kbga-places-948">Nazareth</placeName>, der «Christus nach dem Fleische»<term type="begriffe" key="Jesus Christus, nach dem Fleische"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.16">2.Kor. 5,16</ref>], aber <hi rend="italic">die</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, die alle Symptome des Unmöglichen<term type="begriffe" key="Unmögliche"/> an sich trägt. Eine Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> in der Geschichte, dinglich<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/> unter Dingen, zeitlich in der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/>, menschlich<term type="begriffe" key="menschlich"/> in der Menschheit ist sein Leben, aber Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> voll Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/>, Dinglichkeit<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/> voll Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/> auf Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/> und Ende<term type="begriffe" key="Ende"/>, Zeit voll Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, der Ewigkeit"/> der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/> voll redender Gottheit. In der Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/> dieses Stückes Welt löst sich (vor sehenden Augen, vor hörenden Ohren!<term type="begriffe" key="Sehen und Hören"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.13">Mt. 13,13</ref> par.]) etwas von <hi rend="italic">dieser</hi> Welt, das gibt der Welt einen neuen Schein, das leuchtet wohl mitten in der Nacht<note xml:id="n28"> Vgl. die <bibl type="song" corresp="kbga-songs-5">Strophe 4 von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luthers</persName>
            Weihnachtschoral «Gelobet seist du, Jesu Christ» (GERS [1891] 367; RG [1998] 392; EG 23)</bibl>: 
            <q rend="block">
                <lg>
                    <l>Das ewig Licht geht da herein,</l> 
                    <l>gibt der Welt ein’ neuen Schein;</l> 
                    <l>es leucht’ wohl mitten in der Nacht</l> 
                    <l>und uns des Lichtes Kinder macht. Halleluja!</l></lg></q></note>, das ist – Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen des Wohlgefallens! [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.14">Lk. 2,14</ref>] – Gott selber, der alle Weltlichkeit zu sich ziehen, der einen neuen Himmel und eine neue Erde<term type="begriffe" key="Neuer Himmel und neue Erde"/> schaffen will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.13">2.Petr. 3,13</ref>]. Wir sehen jetzt das Bild dieser Welt und ihrer Reiche: groß und hoch und sehr glänzend und schrecklich anzusehen, aus Gold, Silber, Erz, Eisen und Ton gefügt. Wir sehen aber auch in der Verborgenheit des Lebens Jesu<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/> den Stein sich <anchor type="note" xml:id="fn-t"/>lösen, der das Bild an seine Füße trifft und zermalmt sie ohne Zutun von Menschenhand<note n="t" target="fn-t" type="textcritical" xml:id="nt"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «lösen ohne Zutun von Menschenhand, der das Bild an seine Füße trifft und zermalmt sie».</note>, und es wird zermalmt das ganze Bild, verweht vom Wind wie Spreu auf der Sommertenne. «Der Stein aber, <pb ed="pga" xml:id="p146"/> der das Bild schlug, ward ein großer Berg, dass er die ganze Welt füllte» (<ref type="can" subtype="bible" target="Dan.2.27 Dan.2.35">Dan. 2,27–35</ref>). Der Satan ist vom Himmel gefallen wie ein
            Blitz [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.18">Lk. 10,18</ref>], sein Reich ist aus, das Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> Gottes kommt, so gewiss seine Vorboten da sind: «Die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein, die Tauben hören, die Toten stehen auf und den Armen wird die Heilsbotschaft verkündigt und – selig ist, wer sich nicht an mir ärgert», wer durch die Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/> <hi rend="italic">dieses</hi> Stü­­ckes Welt, des «Lebens Jesu<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Leben Jesu»"/>» hindurch <hi rend="italic">sieht</hi> die kommende <pb ed="A" n="79"/> Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, <hi rend="italic">hört</hi> das schöpferische Reden Gottes<term type="begriffe" key="Schöpferwort"/>, wer hinfort keines andern mehr wartet, sondern von <hi rend="italic">dieser</hi> Erlösung, von <hi rend="italic">diesem</hi> Reden Gottes <hi rend="italic">alles</hi> erwartet (<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.1 Mt.11.4">Mt. 11,1–4</ref> [par.]). Selig ist, wer glaubt, was nur <hi rend="italic">geglaubt</hi> werden, was aber angesichts dessen, was im Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «im Christus»"/> Jesus ist, geglaubt werden <hi rend="italic">kann.</hi></p>
            <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.25 Röm.3.26">V. 25‒26</ref> Diesen bestimmte Gott zur Versöhnungsdecke durch seine Treue in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit in der Vergebung der früher unter seinem Ansichhalten geschehenen Sünden, zum Erweis seiner Gerechtigkeit im jetzigen Augenblick: dass er es sei, der gerecht ist und gerecht erklärt den, der in der ­Treue,</hi>
            die <hi rend="bold">in Jesus</hi>
            sich bewährt, begründet <hi rend="bold">ist.</hi></p>
            <p><hi rend="italic">«Diesen bestimmte Gott zur Versöhnungsdecke durch seine Treue in seinem Blut.»</hi> Die<note xml:id="n29"> Vgl. zu diesem Abschnitt <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
            <date when="1920-12-03">3.12.1920</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p448#p448">S. 448</ref></bibl>: «Die Wendung von <persName ref="kbga-actors-718">Osiander</persName> zu <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> macht sich gegenüber der ersten Auflage geltend wie eine Katastrophe, und ich frage mich oft, wie ich damals so blind sein konnte, ‹es› nicht zu sehen. Wenn nur der Spektakel über die literarische Sensation dieser <foreign xml:lang="lat">retractatio</foreign> die Aufmerksamkeit auf die <hi rend="italic">Sache</hi> nicht übertäuben wird.»</note> «Versöhnungsdecke<term type="begriffe" key="Kapporeth"/>» ist im alttestamentlichen Kultus die Kapporeth (das Hilasterion LXX), die goldene Platte, die, von zwei Engelgestalten (<placeName ref="kbga-places-1336">Cherubim</placeName>) mit ihren Flügeln überschattet, den Inhalt der Bundeslade, die Kundgebungen Gottes<term type="begriffe" key="Kundgebungen Gottes"/>, zugleich anzeigt und bedeckt (<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.25.17 Ex.25.21">Ex. 25,17–21</ref>). Sie ist der <hi rend="italic">Ort</hi>, über dem Gott selbst wohnt (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.4.4">1.Sam. 4,4</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="2.Sam.6.2">2.Sam. 6,2</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.80.2">Ps. 80,2</ref>), der <hi rend="italic">Ort</hi>, von wo aus Gott mit <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> redet (<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.25.22">Ex. 25,22</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Num.7.89">Num. 7,89</ref>), vor allem aber der <hi rend="italic">Ort</hi>, wo am großen Versöhnungstag<term type="begriffe" key="Versöhnungstag"/> die Versöhnung<term type="begriffe" key="Versöhnung"/> des Volkes mit seinem Gott unter Besprengung mit Blut vollzogen wird (<ref type="can" subtype="bible" target="Lev.16.14 Lev.16.15">Lev. 16,14–15</ref>). Gerade dass sie nur <hi rend="italic">Ort</hi> und nicht mehr, aber höchst qualifizierter Ort ist, ist der überaus treffende Vergleichspunkt mit Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/>. Als solcher <hi rend="italic">Ort</hi>, über <pb ed="pga" xml:id="p147"/> dem Gott wohnt, von wo aus er redet, als Ort der Versöhnung ist Jesus von Ewigkeit her im Ratschlusse Gottes bestimmt und jetzt, in der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, vor die Menschen hin, in die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> hineingestellt. Das Leben Jesu<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/> ist der von Gott zur Versöhnung<term type="begriffe" key="Versöhnung"/> qualifizierte, der von ihm zum Zweck der Versöhnung gleichsam unterminierte und geladene Ort der Geschichte. «Gott war in Christus tätig zur Versöhnung der Welt mit sich selbst» (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.19">2.Kor. 5,19</ref>). Das Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> Gottes ist an diesem Ort nahe herbeigekommen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.17">Mt. 4,17</ref> par.], so nahe, dass sein Kommen, seine erlösende Kraft und Bedeutung gerade hier gemerkt, so nahe, dass gerade hier das Wohnen Gottes bei den Menschenkindern<term type="begriffe" key="Menschenkinder"/>, das Reden Gottes mit ihnen, der Wille Gottes, die Welt heimzurufen in seinen Frieden<term type="begriffe" key="Gott, Friede"/>, unmöglich verkannt werden könnte, so<note n="t" type="textcritical" xml:id="nt2"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «werden, so».</note> nahe, dass gerade hier der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, als Notwendigkeit"/> sich als gebieterische Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> aufdrängen <hi rend="italic">müsste.</hi> Aber wie die Kapporeth<term type="begriffe" key="Kapporeth"/> des Alten Bundes das Dasein der göttlichen Zeugnisse<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> ebensowohl verdeckte als anzeigte, wie sie sowohl die Verborgenheit<term type="begriffe" key="Gott, verborgen"/> als die Gegenwart<term type="begriffe" key="Gott, Gegenwart"/> Gottes verkündigte, so ist auch das Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> Gottes in Jesus, die Versöhnungstätigkeit Gottes in ihm, der in ihm angebrochene Tag der Erlösung<term type="begriffe" key="Tag, des Jesus Christus"/> <pb ed="A" n="80"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.24">3,24</ref>) ebensowohl verhüllt<term type="begriffe" key="Verhüllung"/> als offenbart. Es ist zu merken, es ist nicht zu verkennen, es drängt sich auf, dass Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, als Christus"/> der Christus ist, aber in der schärfsten Paradoxie<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Paradox"/>, es kann nur <hi rend="italic">geglaubt</hi> werden. Versöhnung <hi rend="italic">geschieht</hi> am <hi rend="italic">Ort</hi> der Versöhnung nur durch <hi rend="italic">Blut</hi><term type="begriffe" key="Blut"/><hi rend="italic"/>, durch die solenne Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> daran, dass Gott durch Töten lebendig macht. Versöhnung<term type="begriffe" key="Versöhnung"/> geschieht auch in Jesus nur «durch Gottes Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> in seinem <hi rend="italic">Blut</hi>», d. h. aber in der Hölle<term type="begriffe" key="Hölle"/> seiner vollkommenen Solidarität<term type="begriffe" key="Solidarität"/> mit aller
            Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>, aller Schwachheit<term type="begriffe" key="Fleisch, Schwachheit des F."/>, allem Weh des Fleisches, im Geheimnis seiner für uns rein negativen Größe, im Abblenden und Auslöschen aller Lichter (Held<term type="begriffe" key="Held"/>, Prophet<term type="begriffe" key="Prophet"/>, Wundertäter<term type="begriffe" key="Wundertäter"/>), die menschlich leuchten und die, weil und solange Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/> Mensch unter Menschen war, auch in seinem Leben leuchteten, im absoluten Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, des Kreuzes"/> seines Kreuzestodes<term type="begriffe" key="Kreuz"/>. Eben in seinem Blut<term type="begriffe" key="Blut"/> bewährt sich Jesus als der Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, als Christus"/>, bewährt er sich als das erste und letzte Wort<term type="begriffe" key="Wort, letztes"/> der Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes zum Menschengeschlecht, als die Eröffnung der unmöglichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> unsrer Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/>, als das Licht vom unerschaffnen Lichte<term type="begriffe" key="«Licht vom unerschaffnen Lichte»"/>, als der Ankündiger des Gottesreiches. «Blut<term type="begriffe" key="Blut"/> ist die Grundfarbe im Gemälde des Erlösers» (<persName ref="kbga-actors-2192">Ph. Fr. <pb ed="pga" xml:id="p148"/> Hiller</persName>)<note xml:id="n30"> <bibl corresp="kbga-bibls-3561"><persName ref="kbga-actors-2192">Ph. Fr. Hiller</persName>, <hi rend="italic">Neues System aller Vorbilder Jesu Christi durch das ganze alte Testament.</hi> Neue verbesserte Auflage, mit einem biographischen Vorwort von <persName ref="kbga-actors-643">A. Knapp</persName>, Ludwigsburg 1858, S. 33</bibl>: «So ist nun Blut die Grundfarbe an dem Gemälde des Erlösers.»</note>, weil in seinem Weg zum Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/>, im Dahingeben seines Lebens, in seinem Tod erst der Radikalismus der Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, die er nahe herbeibringt, die <hi rend="italic">Neu</hi>heit der neuen Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/>, die er ankündigt, ans Licht tritt. Ans Licht oder erst recht in den Schatten<term type="begriffe" key="Schatten, Licht und Schatten"/>, wenn wir <hi rend="italic">diesem</hi> Radikalismus, wenn wir der Ankündigung <hi rend="italic">dieser</hi> Neuheit der Gotteswelt und des innern Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> nicht gewachsen sind. Denn «dieser wird gesetzt zu einem Fall und Auferstehen vieler in Israel<term type="begriffe" key="Israel"/> und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – und es wird ein Schwert durch deine Seele dringen –, auf dass vieler Herzen Gedanken offenbar werden» (<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.34 Lk.2.35">Lk. 2,34–35</ref>). Das Geheimnis der Versöhnung<term type="begriffe" key="Versöhnung"/> im Blute Jesu ist und bleibt <hi rend="italic">Gottes</hi> Geheimnis<term type="begriffe" key="Gott, Geheimnis"/> und seine Eröffnung, das Anschaulichwerden des Unanschaulichen<term type="begriffe" key="Gott, Anschaulichkeit"/> ist immer wieder <hi rend="italic">Gottes</hi> Tat<term type="begriffe" key="Gott, Tat"/>, Tat seiner Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> oder (was dasselbe ist) Tat des Glaubens. Sofern aber diese Tat<term type="begriffe" key="Gott, Tat"/> Gottes geschieht, sofern seine Treue beharrt, sofern das Wagnis des Glaubens<term type="begriffe" key="Wagnis, des Glaubens"/> gewagt wird, ist uns im Blute Jesu der Anbruch des neuen Welttages, die Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> der Barmherzigkeit<term type="begriffe" key="Gott, Barmherzigkeit"/> Gottes und unsrer Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/>, unser kommendes Überkleidetwerden<term type="begriffe" key="Überkleidung"/> mit der Behausung, die nicht von Händen gemacht, die ewig, die im Himmel ist (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.1 2.Kor.5.10">2.Kor. 5,1f.</ref>), gezeigt, angesagt, verbürgt und gewährleistet. Wir stehen dann jetzt und hier schon im Abglanz<term type="begriffe" key="Abglanz"/> der kommenden Dinge, nicht ohne Bedrängnis<term type="begriffe" key="Bedrängnis"/>, aber auch nicht ohne Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>, krank an Gott<term type="begriffe" key="«krank an Gott»"/>, wie wir sind, aber in der Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/>, an Gott zu gesunden. «Darum müssen wir uns unter dieser Gluckhenne Flügel schmiegen und nicht in <hi rend="italic">eigenen</hi> Glaubens <pb ed="A" n="81"/> Vermessenheit ausfliegen, der Küchelweih wird
            uns sonst geschwinde fressen» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n31"> <bibl corresp="kbga-bibls-3558"><persName ref="kbga-actors-3665">Eberle</persName>, S. 83</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen; Hervorhebung von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>): <bibl corresp="kbga-bibls-3562"><hi rend="italic">Kirchenpostille 1522. Epistel in der Früh-Christmeß. Tit. 3,4-7</hi>, WA 10/I, 1, 125,9-11</bibl>. - «Küchelweih» wird der Königsweih als Hühner- und insbesondere Küken-(«Küchlein»-)Dieb genannt. Luther verwendet ihn noch gelegentlich als Bild für den Teufel: <bibl corresp="kbga-bibls-3563">WA 28, 137,30f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3565">WA 47, 539,2f</bibl>.</note></p>
            <p><hi rend="italic">«Zum Erweis seiner Gerechtigkeit».</hi> Immer und überall <hi rend="italic">war</hi> Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> der Sünden, immer und überall <hi rend="italic">war</hi> über Menschen das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> des Reichtums göttlicher Güte<term type="begriffe" key="Gott, Güte"/>, des Ansichhaltens seines Zornes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn,, Ansichhalten"/>, <pb ed="pga" xml:id="p149"/> der göttlichen Geduld<term type="begriffe" key="Gott, Geduld"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.4">2,4</ref>), immer und überall <hi rend="italic">sind</hi> Menschen an Gott krank<term type="begriffe" key="«krank an Gott»"/> gewesen und gesund geworden. Durch Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> aber haben wir die Augen bekommen, zu sehen, dass es so ist. Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> hat sich uns in ihm erwiesen, gezeigt. Wir sind durch ihn in den Stand gesetzt, die Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> («die früher geschehenen Sünden») von Gott aus zu sehen, im Lichte seiner alles aufhebenden Barmherzigkeit<term type="begriffe" key="Barmherzigkeit"/>. Wir wissen durch ihn, was diese Barmherzigkeit bedeutet: das Ende und den neuen Anfang<term type="begriffe" key="Ende, und Anfang"/> aller Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/>. Wir wissen, was sie für <hi rend="italic">uns</hi> bedeutet: dass sie uns zur Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> leiten will (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.4">2,4</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.2 Röm.6.23">6,2f.</ref>). Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> ist nur durch ihn verständlich und unmissverständlich geworden als die tatsächliche Ordnung und Macht über den Menschen und ihrer Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>. Immer und überall sehen wir nun unter der uns in Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> gegebenen Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, in Jesus"/> nicht nur (mit dem Gesetz <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.20">3,20</ref>) Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> und Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>, sondern darüber und dahinter den Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/>, der, indem er verurteilt, freispricht<term type="begriffe" key="Freisprechung, in der Verurteilung"/>, wo immer er «im Verborgenen der Menschen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.14">2,14</ref>) die Begründung in seiner Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/>, die Begründung im Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, im Verborgenen des Menschen"/> findet. Er ist gerecht und er erklärt gerecht, wo der Sprung<term type="begriffe" key="Sprung, ins Leere"/> ins Leere gewagt ist. Glauben wir an Jesus<term type="begriffe" key="Glaube, an Jesus"/>, so glauben wir an die Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> und Universalität<term type="begriffe" key="Universalität"/> der Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes. Glauben wir an Jesus<term type="begriffe" key="Glaube, an Jesus"/>, so ist uns die Gerechtigkeit und Gerechtsprechung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> Gottes als die unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> erwiesen, gezeigt. Von dieser Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, des Glaubens"/> aus sehen wir uns selbst, treten wir an die Menschen heran. Von dieser Voraussetzung aus wagen wir es, an uns selbst und an die Menschen<term type="begriffe" key="Mensch"/> zu glauben, so gewiss wir es, abgesehen von dieser Voraussetzung, <hi rend="italic">nicht</hi> tun können. Von dieser Voraussetzung aus haben wir den Mut, an alle (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.22">3,22</ref>) die Forderung des Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube"/> zu richten – des Glaubens eben an diese Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, des Gerechtseins Gottes"/>. Weil Gott gerecht ist und gerecht erklärt<term type="begriffe" key="Gerechterklärung"/>, haben wir Frieden mit Gott<term type="begriffe" key="Friede, mit Gott"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1">5,1</ref>).</p> 
            </div>

            <div>
            <pb ed="pga" xml:id="p150"/> 
            <head><hi rend="smallCaps">Allein durch den Glauben</hi></head> 
            <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.27 Röm.3.30">3,27–30</ref></head>
            
            <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.27 Röm.3.28">V. 27‒28</ref> Wo</hi>
            bleibt <hi rend="bold">nun das Rühmen? Es wurde ausgeschlossen. Durch welches Gesetz?</hi>
            Durch das <hi rend="bold">der Werke? Nein, aber durch das Gesetz der Treue</hi>
            Gottes<hi rend="bold">!</hi> <hi rend="bold">Denn wir rechnen, dass</hi> <pb ed="A" n="82"/> <hi rend="bold">der Mensch gerecht erklärt wird durch Treue</hi>
            Gottes<hi rend="bold">,</hi> <hi rend="bold">abgesehen von den Werken des Gesetzes.</hi></p>
            <p><hi rend="italic">«Wo bleibt nun das Rühmen</hi><term type="begriffe" key="Rühmen"/><hi rend="italic">? Es wurde ausgeschlossen.»</hi> Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> von jenseits der Gräber hat in Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> zu uns geredet: <hi rend="italic">Gott</hi> ist gerecht. <hi rend="italic">Gott</hi> erklärt gerecht. Er selbst, er allein. Nur von Gott, immer wieder nur von Gott aus gibt es eine Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, des Menschen"/> des Menschen. Das ist<note n="u" type="textcritical" xml:id="nu"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «in».</note> die Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung"/> unsrer kritischen Stellung dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, der Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, dem Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> des Menschen, der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>, allem Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, der Welt"/> der Welt, allen Gegebenheiten<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> gegenüber. Alles im Menschen und durch ihn Seiende und Geschehende<term type="begriffe" key="Geschehen"/> ist eben in Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> gemessen an Gott, der ihm Wert<term type="begriffe" key="Wert"/> oder 
            Unwert zuspricht nach seinem Wohlgefallen<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/>. Alles, was ist, muss in diese Unruhe<term type="begriffe" key="Unruhe"/> hinein, muss auf diese Waagschale sich legen lassen, muss diese Probe bestehen. Diese kritische Stellung bedeutet ein Verstehen des Weltlichen<term type="begriffe" key="weltlich"/>, ein Begreifen des Menschlichen<term type="begriffe" key="menschlich"/>, ein Sehen des Geschichtlichen in seinem profanen relativen und letztlich sinnlosen Zusammenhang, aber auch in seinem Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> als Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/>, als Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21">3,21</ref>), als Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> der ganz andern Welt, des ganz andern Menschen, der ganz andern Geschichte, 
            als Gleichnis, Zeugnis und Erinnerung Gottes. Nur eines ist von dieser kritischen Stellung aus nicht mehr zu verstehen, zu begreifen, zu sehen: Dinge, Erlebnisse und Menschen, die <hi rend="italic">an sich</hi>, ohne sich unter das Gericht <hi rend="italic">Gottes</hi> zu beugen, ohne der <hi rend="italic">göttlichen</hi> Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> zu warten, wichtig, groß und in irgend einem Sinn göttlich zu sein begehren und behaupten, Vermischungen von Zeit und Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, angebliches dingliches<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/> Hereinragen, Hereinbrechen, Erscheinen der Gotteswelt in <hi rend="italic">dieser</hi> Welt (zu welcher auch alle noch so tiefen Hintergründlichkeiten und «höheren Welten» gehören<note xml:id="n32"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p137#fn_n19">S. 137, Anm. 19</ref>.</note>!), 
            also Jenseitigkeiten<term type="begriffe" key="Jenseitigkeit"/>, die doch <pb ed="pga" xml:id="p151"/> nur verbesserte Diesseitigkeiten<term type="begriffe" key="Diesseitigkeit"/> sind, unechte Immanenzen<term type="begriffe" key="Immanenz und Transzendenz"/> und unradikale Transzendenzen aller Art, relative Verhältnisse von Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/>: Göttlichkeiten<term type="begriffe" key="Göttlichkeit"/>, die irgendwie als ein Sein, Haben und Tun<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/> des Menschen auftreten, und Menschlichkeiten<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/>, 
            die sich irgendwie als ein Sein, Haben und Tun<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), Gottes"/> Gottes ausgeben. Dieses ganze Zwischenreich muss sich die Aufdeckung seiner wahren Natur gefallen lassen. Denn sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/> und immer wieder sterben muss um Jesus herum der Mensch, der nicht unter dem Nein und Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> Gottes steht, der Mensch, der nicht unterwegs ist von der Versöhnung<term type="begriffe" key="Versöhnung"/> («durch Blut<term type="begriffe" key="Blut"/>» <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.25">3,25</ref>) zur Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, vom Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/> zur Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>, also der
            ungebrochene<term type="begriffe" key="Ungebrochenheit"/> Mensch, der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch"/>, der das Göttliche, das Eigentliche, das Reale irgendwie dinglich, zeitlich, menschlich zu sehen, zu wissen, zu haben, zu tun oder es gar<note n="v" type="textcritical" xml:id="nv"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «oder gar». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> zu sein wähnt – uneingedenk, dass er nichts hat, was er <pb ed="A" n="83"/> nicht empfangen hätte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.4.7">1.Kor. 4,7</ref>] und immer neu empfangen müsste –, der Mensch, der sich immer noch oder schon wieder drücken will um das Paradox<term type="begriffe" key="Paradox, des Glaubens"/> des Glaubens, der Mensch, der immer noch nicht oder schon nicht mehr alle Gewissheiten<term type="begriffe" key="Gewissheit"/>, Sicherheiten, Anschaulichkeiten<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/>, Gemütlichkeiten fahren lassen will, um allein durch Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, allein durch G."/> gerettet zu werden, der Mensch, der noch irgend einen Anlass hätte, sich anders als «auf Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.18">4,18</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.2">5,2</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.15.17">15,17</ref>) zu «rühmen»<term type="begriffe" key="Rühmen"/>. Die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, sich vor Gott auf eine nur unter Menschen beträchtliche Größe oder vor den Menschen auf eine nur vor Gott bestehende Größe zu berufen, die Möglichkeit, das Große der Zeit in die Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> oder das Große der Ewigkeit in die Zeit hinüber zu projizieren, die Möglichkeit, Größe vor den Menschen als vorausgegebene Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> aus dem menschlichen Zusammenhang in das göttliche Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> oder Größe vor Gott als nachträgliche Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, des Menschen"/> aus dem göttlichen Gericht in den menschlichen Zusammenhang hinüberzutragen, <hi rend="italic">diese</hi> Möglichkeit ist «ausgeschlossen», abgehauen! Die große Unmöglichkeit der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes stellt sich gerade dieser scheinbar so möglichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> einer vorlaufenden oder nachgehenden Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> als absolutes Hindernis in den Weg. Unmöglich ist es, <anchor type="note" xml:id="fn-w"/>sich irgend eines Dinges<term type="begriffe" key="Ding"/> zu rühmen<term type="begriffe" key="Rühmen"/>, das<note n="w" target="fn-w" type="textcritical" xml:id="nw"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «sich irgend etwas zu rühmen, was». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> vorher oder nachher ist, <hi rend="italic">vor</hi> oder <hi rend="italic">nach</hi> dem <hi rend="italic">Augen<pb ed="pga" xml:id="p152" break="no"/>blick</hi><note xml:id="n33"> Für <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ist S. <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaards</persName> Bestimmung des «Augenblicks» prägend; vgl. z. B.<bibl corresp="kbga-bibls-3566"> <hi rend="italic">Der Begriff der Angst</hi>, übersetzt von Chr. Schrempf, KGW 5, Jena 1912, S. 87</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 4, S. 393</bibl>): «Der Begriff, um den sich im Christentum alles dreht, das, was alles neu machte, ist die Fülle der Zeit; sie ist aber der Augenblick als das Ewige, und doch ist dieses Ewige zugleich das Zukünftige und das Vergangene.»</note> (der kein Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, eschatologischer"/> in der Zeit ist), da die letzte Posaune<term type="begriffe" key="Posaune(, letzte)"/> geblasen wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.52">1.Kor. 15,52</ref>], da der Mensch in seiner Blöße<term type="begriffe" key="Mensch, bloß/nackt"/> vor Gott steht<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/> und in seiner Blöße mit der Gerechtigkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> bekleidet wird. <hi rend="italic">Kein</hi> realer Faktor ist, von Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> aus gesehen, alles menschliche Sein, Haben und Tun<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/>, das noch nicht unter das göttliche Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> gebeugt<term type="begriffe" key="Beugung / Gott, Ja/Nein"/> oder nicht mehr in der Erwartung<term type="begriffe" key="Erwartung"/> des göttlichen Ja ist. <hi rend="italic">Kein</hi> realer Faktor, weder vor Gott noch vor den Menschen, ist alle Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/>, die nicht durch göttliche Verurteilung und
            göttlichen Freispruch<term type="begriffe" key="Freisprechung, in der Verurteilung"/> aufgehört hat, <hi rend="italic">Menschen</hi>gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> zu sein.</p>
            <p><hi rend="italic">«Durch welches Gesetz? Durch das der Werke? Nein, aber durch das Gesetz der Treue Gottes!»</hi> Auf welchem Boden ist dieses Unmöglich! ausgesprochen und wahr? Unter welcher Ordnung vollzieht sich dieses Abschneiden aller Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/>? In welcher Luft dieses Sterben<term type="begriffe" key="Sterben"/> <hi rend="italic">des</hi> Menschen, der noch irgend einen Anlass, sich zu rühmen<term type="begriffe" key="Rühmen"/>, hat oder sucht? Was ist das für ein «Gesetz», was für eine Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/> oder Moral<term type="begriffe" key="Moral"/>, was für ein Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, in dem sich <hi rend="italic">das</hi> ereignet? Wer Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, Erlebnis sagt, der sagt Erfahren, Wissen, Fühlen, Tun, «Werk» des Menschen<term type="begriffe" key="Werk, des Menschen"/>. Gibt es ein anderes Gesetz als das «Gesetz der Werke»<term type="begriffe" key="Gesetz, der Werke"/>? Was wissen wir von den Taten und Werken Gottes<term type="begriffe" key="Werk, Gottes"/>? Höchstes Missverständnis<term type="begriffe" key="Missverständnis"/> droht gerade hier: Es <pb ed="A" n="84"/> könnte ja das Wissen von den letzten Dingen<term type="begriffe" key="Ding, letzte Dinge"/> als Maximalleistung menschlicher Intelligenz, das Stillwerden vor Gott selbst (wenn z. B. die Sprüche des <persName ref="kbga-actors-864">Angelus Silesius</persName><note xml:id="n34"> <bibl corresp="kbga-bibls-1544"><persName ref="kbga-actors-864">Angelus Silesius</persName>, <hi rend="italic">Der Cherubinische Wandersmann</hi>, hrsg. von W. Bölsche, Jena/Leipzig 1905.</bibl></note> als psychologische Rezepte<term type="begriffe" key="Psychologie"/> gemeint sein oder gelesen werden sollten!) als kühnster Schwung menschlicher Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, menschliche"/>, das Stehen im «Augenblick» <term type="begriffe" key="Augenblick, Stehen im"/> (der doch kein Augenblick ist, da man stehen kann) als höchstes extremstes menschliches Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, es könnte die «Todesweisheit<term type="begriffe" key="Todesweisheit"/>» (<persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>)<note xml:id="n35"><bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>, Christentum und Kultur, S. 279</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 318</bibl>): «Das Christentum will uns Menschen helfen und verdient schon darum unsern Haß nicht, auch wenn es das Vermögen dazu, uns zu helfen, nicht hätte. Dieses Vermögen aber hat es ohne Zweifel nicht, und wäre es auch nur aus dem Grunde, weil es uns allen Ernstes auf die <hi rend="italic">Letzten Dinge</hi>, d. h. über uns selbst hinaus verweist und damit nur Todesweisheit ist.» In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar ist dieser Absatz unterstrichen, der zweite Satz ist doppelt angestrichen am Rand mit einer Rückverweisung: «sic S. 66» (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 99</bibl>). Diesen kritisch gemeinten Begriff wendet <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seiner <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName> Rezeption ins Positive: <bibl corresp="kbga-bibls-3519"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, Unerledigte Anfragen, S. 15</bibl>.</note> <pb ed="pga" xml:id="p153"/> als allerneueste menschliche Lebensweisheit aufgefasst werden! Es könnte als Triumph des Pharisäismus<term type="begriffe" key="Pharisäismus"/> der <hi rend="italic">neue</hi> Pharisäismus, fürchterlicher als jeder frühere, auftreten, der es fertig bringt, nicht einmal «selbstgerecht», sondern zu allem auch noch demütig zu sein! Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> ist ja zu allem fähig, auch zur Selbstaufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, Selbst-"/> und -auslöschung, wenn es sein muss (Buddhismus<term type="begriffe" key="Buddhismus"/>, Mystik<term type="begriffe" key="Mystik"/>, Pietismus<term type="begriffe" key="Pietismus"/><note xml:id="n36"> Zu diesen Stichworten wurde <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vielleicht veranlasst durch <bibl corresp="kbga-bibls-1715"><persName ref="kbga-actors-169">Heiler</persName>, S. 284–346, besonders S. 302–317</bibl>. Siehe auch unten <ref type="pub" target="../volume/47/p269#fn_n20">S. 269, Anm. 20</ref>.</note>). Man hüte sich vor diesem Missverständnis mehr als vor allen andern; es hat schon so manchen, der unmittelbar vor den Toren der Gerechtigkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> stand, im letzten Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, letzter"/> noch
            «ausgeschlossen». Denn die Beugung<term type="begriffe" key="Beugung"/> unter das göttliche Nein und die Erwartung<term type="begriffe" key="Erwartung"/> des göttlichen Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> ist wahrlich nicht ein letzter frechster titanischer<term type="begriffe" key="titanisch"/> Schlag des nach der Immanenz<term type="begriffe" key="Immanenz und Transzendenz"/> und Transzendenz Gottes lüsternen Menschen. Auf dem Boden des «Gesetzes der Werke»<term type="begriffe" key="Gesetz, der Werke"/> hört das «Rühmen»<term type="begriffe" key="Rühmen"/> des Menschen <hi rend="italic">nicht</hi> auf und fängt die Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes <hi rend="italic">nicht</hi> an. Wer sich einmal rühmen<term type="begriffe" key="Rühmen"/>, wer einmal als Mensch vor Menschen und vor Gott recht haben will, der wird sich auch der tiefsten Versenkung ins Nicht-Ich<term type="begriffe" key="Nicht-Ich"/> und Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein"/> immer noch rühmen (womöglich seiner Unsicherheit und Gebrochenheit<term type="begriffe" key="Gebrochenheit"/>!) und – als Mensch (nur als Mensch!) recht habend dastehen. Nein, der Boden des «Gesetzes der Werke<term type="begriffe" key="Gesetz, der Werke"/>» muss uns unter den Füßen zusammengebrochen sein. Kein «Werk», auch nicht das feinste und geistigste, <hi rend="italic">auch nicht ein negatives Werk</hi> kann mehr in Betracht kommen. Unser Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> ist das, was nicht unser Erlebnis ist, unsre Religion<term type="begriffe" key="Religion, Aufhebung"/> besteht in der Aufhebung unsrer Religion, unser Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> ist die grundsätzliche Außerkraftsetzung alles menschlichen Erfahrens<term type="begriffe" key="Erfahrung"/>, Wissens, Habens und Tuns. Nichts Menschliches bleibt übrig, was mehr sein wollte als Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/>, Entbehren, Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> und Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/>, als unscheinbarste unter den Erscheinungen<term type="begriffe" key="Erscheinung"/> dieser Welt, als Staub und Asche vor Gott <pb ed="pga" xml:id="p154"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.42.6">Hiob 42,6</ref>], wie alles, was in der Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> ist. Der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> bleibt nur als Glaube übrig, ohne Selbstwert<term type="begriffe" key="Wert"/> (auch ohne den Selbstwert der Selbstverleugnung!), ohne Eigenkraft (auch ohne die Eigenkraft der Demut<term type="begriffe" key="Demut"/>!), ohne eine Größe sein zu wollen, weder vor Gott noch vor den Menschen. Das ist der Boden, die Ordnung, das Licht, wo der «Ruhm<term type="begriffe" key="Ruhm"/>» aufhört und die reale Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes anfängt. Also kein Boden, auf den man sich stellen, keine <pb ed="A" n="85"/> Ordnung, die man befolgen, keine Luft, in der man atmen kann. Vom Menschen aus, von dem aus gesehen, was sonst Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, Gesinnung<term type="begriffe" key="Gesinnung"/>, Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> heißt, vielmehr das Bodenlose, der Anarchismus<term type="begriffe" key="Anarchismus"/>, der luftleere Raum. Es ist das «Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, der Treue Gottes"/> der Treue Gottes» oder, was dasselbe ist: «das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, des Glaubens"/> des Glaubens», der Ort, wo nur noch Gott uns halten kann, der Ort, wo alles andere außer Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/>, außer Betracht fällt, der Ort, der überhaupt kein Ort ist, sondern nur das Moment der Bewegung<term type="begriffe" key="Bewegung, des Menschen durch Gott"/> des Menschen durch Gott, den treuen Gott, der der Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer und Erlöser"/> des Menschen und alles Menschlichen<term type="begriffe" key="menschlich"/> ist und sein Erlöser, wo der Mensch sich selbst und alles Menschliche <hi rend="italic">ihm</hi> hingibt. Und dieser Moment der Bewegung des Menschen durch Gott<term type="begriffe" key="Bewegung, des Menschen durch Gott"/> ist selbst jenseits des Menschen, kann in keinem Sinn zum Weg, zur Methode<term type="begriffe" key="Methode"/>, zum System werden. Es ruht in Gottes Wohlgefallen<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/>, 
            dessen Grund wiederum nur in Gott selber zu suchen und zu finden ist. Dieses «Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, des Geistes"/> des Geistes des Lebens» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.2">8,2</ref>) ist der Standpunkt (der kein Standpunkt ist!), von dem aus wir das «Rühmen»<term type="begriffe" key="Rühmen"/> irgend eines Menschen «ausgeschlossen» sehen.</p>
            <p><hi rend="italic">«Denn wir rechnen, dass der Mensch gerecht erklärt wird durch Treue Gottes, abgesehen von den Werken des Gesetzes.»</hi> Der Übergang vom Standpunkt der Religionen<term type="begriffe" key="Religion"/> zum «Standpunkt» Jesu<term type="begriffe" key="Jesus"/> bedeutet den Übergang von einer altgewohnten zu einer unerhört neuen «Rechnungs»weise zwischen Gott und den Menschen. Alle Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> «rechnet» <hi rend="italic">entweder</hi> mit Werken des Menschen in der Welt, mit einer irgendwie anschaulichen Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/> und Handlungsweise des Menschen, die an sich den Anspruch machen kann, das göttliche Wohlgefallen<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/> zu erregen, der göttlichen «Bezahlung»<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/> würdig zu sein (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.6">2,6</ref>) - <hi rend="italic">oder aber</hi> mit von Gott «bezahlten» Werken<term type="begriffe" key="Werk, des Menschen"/> der Menschen, mit einer von Gott ausgehenden Veränderung der Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/> und Handlungsweise des Menschen, die als solche in der Welt anschaulich<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> und kenntlich wird. Für alle Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> gibt es, abgesehen von dem «Augenblick» <term type="begriffe" key="Augenblick, vor Gott"/>, <pb ed="pga" xml:id="p155"/> da der Mensch nackt vor Gott<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/> stehend<term type="begriffe" key="Mensch, bloß/nackt"/> von Gott bekleidet wird, abgesehen von dem Moment der Bewegung des Menschen durch Gott<term type="begriffe" key="Bewegung, des Menschen durch Gott"/>, ein <hi rend="italic">Vorher</hi> und <hi rend="italic">Nachher</hi><term type="begriffe" key="Vorher und Nachher"/> dieses Augenblicks<term type="begriffe" key="Augenblick, vor Gott"/>, das diesem an Würde und Bedeutung gleich oder doch nahe kommt oder doch nicht ganz inkommensurabel, nicht ganz unvergleichlich ist. Daher in aller Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, sich eines menschlich-göttlichen Seins, Habens und Tuns<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun)"/> zu «rühmen». Daher in aller Religion die Möglichkeit, das Paradox des Glaubens<term type="begriffe" key="Paradox, des Glaubens"/> zu umgehen oder wieder zu umgehen. Vom «Standpunkt» Jesu<term type="begriffe" key="Jesus"/> aus muss anders «gerechnet» werden: Es gibt grundsätzlich keine «Werke» des Menschen<term type="begriffe" key="Werk, des Menschen"/>, die wegen ihrer Bedeutung in der Welt das Wohl<pb ed="A" n="86" break="no"/>gefallen<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/> Gottes erregen oder die als Gott wohlgefällig weltliche Bedeutung beanspruchen könnten. Was in der Welt geschieht, das ist in Jesus unter das göttliche Nein gebeugt<term type="begriffe" key="Beugung"/>, auf die Erwartung<term type="begriffe" key="Erwartung"/> des göttlichen Ja angewiesen<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>. «Abgesehen» wird gerade von jedem Vorher oder Nachher des Augenblicks<term type="begriffe" key="Augenblick, vor Gott"/>, da der Mensch vor Gott steht<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/> und von Gott bewegt ist<term type="begriffe" key="Bewegung, des Menschen durch Gott"/>, von jedem Vorher oder Nachher, das dem Augenblick selbst angemessen oder auch nur vergleichbar wäre. Ein anderes ist und bleibt das, was Gott ist und tut, ein anderes das Sein und Tun des Menschen. Unüberschreitbar ist zwischen hier und dort die Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/> gezogen – die Todeslinie<term type="begriffe" key="Todeslinie"/>, die freilich die Lebenslinie<term type="begriffe" key="Lebenslinie"/>, das Ende, das der Anfang<term type="begriffe" key="Ende, und Anfang"/>, das Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, das das Ja ist. <hi rend="italic">Gott</hi> erklärt, <hi rend="italic">Gott</hi> spricht<term type="begriffe" key="Gott, spricht"/>, <hi rend="italic">Gott</hi> bezahlt<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/>, <hi rend="italic">Gottes</hi> Wohlgefallen<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/> wählt und wertet. Ja: <hi rend="italic">Schöpfer</hi>wort<term type="begriffe" key="Schöpferwort"/> ist diese Erklärung, <hi rend="italic">Realität</hi><term type="begriffe" key="Realität"/> wird gesetzt durch sein Wort,
            <hi rend="italic">Wert</hi><term type="begriffe" key="Wert"/> <hi rend="italic">ist</hi>, wo Gott Wert findet. Aber: <hi rend="italic">Gottes</hi> Werk<term type="begriffe" key="Werk, Gottes"/> und Tat<term type="begriffe" key="Gott, Tat"/> ist das Geschaffene und darum ein <hi rend="italic">neues</hi> Geschaffenes. <hi rend="italic">Gott</hi> gehört, was er bezahlt<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/>, und <hi rend="italic">nicht</hi> mehr dem Menschen. Vor <hi rend="italic">Gott</hi> hat Wert<term type="begriffe" key="Wert"/>, was er wertet, und darum gerade <hi rend="italic">nicht</hi> in dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt"/>. Seine Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> wird verherrlicht durch die Gerechterklärung<term type="begriffe" key="Gerechterklärung"/> des Menschen, der neue Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> steht auf, die neue Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/> erscheint, der neue Tag<term type="begriffe" key="Tag, neuer"/> bricht an in der Kraft der Treue Gottes, aber <hi rend="italic">nicht</hi> verherrlicht ist und wird <hi rend="italic">dieser</hi> Mensch in <hi rend="italic">dieser</hi> Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> im Lichte <hi rend="italic">dieses</hi> Tages. Ja: dieses Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit<term type="begriffe" key="Unsterblichkeit"/> und dieses Verwesliche die Unverweslichkeit<term type="begriffe" key="Unverweslichkeit"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.53">1.Kor. 15,53</ref>]. Aber: sofern dieses Anziehen geschieht durch Gottes Schöpferwort<term type="begriffe" key="Schöpferwort"/>, ist das Sterbliche der Sterblichkeit<term type="begriffe" key="Sterblichkeit"/>, das Verwesliche der Verweslichkeit, ist die Welt<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/> ihrer Zeitlichkeit<term type="begriffe" key="Zeitlichkeit"/>, Dinglichkeit<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/> und Menschlichkeit<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/> <hi rend="italic">entnommen</hi>, nicht aber ist die Sterblichkeit<term type="begriffe" key="Sterblichkeit"/> und Verweslichkeit, nicht ist <hi rend="italic">diese</hi> Welt dadurch ir<pb ed="pga" xml:id="p156" break="no"/>gendwie erhöht, bestätigt und verklärt. Es ist und bleibt der «Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, vor Gott"/>» gegenüber allem Vorher und Nachher<term type="begriffe" key="Vorher und Nachher"/> etwas Eigenes, Anderes, Fremdes, er pflanzt sich nicht fort im Nachher, so wenig er im Vorher seine Wurzel<term type="begriffe" key="Wurzel"/> hat, er steht in keinem zeitlichen, ursächlichen, logischen Zusammenhang, er ist immer und überall das schlechthin Neue, er ist immer das Sein, Haben und Tun<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), Gottes"/> des Gottes, der allein Unsterblichkeit<term type="begriffe" key="Unsterblichkeit"/> hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.6.16">1.Tim. 6,16</ref>]. <foreign xml:lang="lat">Credo, quia absurdum</foreign><term type="begriffe" key="absurdum"/><note xml:id="n37"> Eine <persName ref="kbga-actors-798">Tertullian</persName> zugeschriebene Aussage, deren Formulierung wahrscheinlich anknüpft (vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3567">A. Adam, <hi rend="italic">Lehrbuch der Dogmengeschichte</hi>, Bd. 1, Gütersloh 1965, S. 163</bibl>) an <bibl corresp="kbga-bibls-3569"><persName ref="kbga-actors-798">Tertullians</persName> Schrift <hi rend="italic">De carne Christi</hi>, V, 4, CChr. SL 2, 881 [Z.26–29]</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Crucifixus est dei Filius; non pudet, quia pudendum est. Et mortuus est dei filius; credibile est, quia ineptum est. Et sepultus resurrexit; certum est, quia impossibile</foreign>.»</note>! Freigesprochen ist der Mensch immer nur als vor Gott Verurteilter. Leben<term type="begriffe" key="Leben"/> kommt immer nur aus dem Tode<term type="begriffe" key="Tod"/>, Anfang nur aus dem Ende<term type="begriffe" key="Ende, und Anfang"/>, Ja<term type="begriffe" key="Mensch, Ja/Nein"/> nur aus dem Nein. Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, durch das Blut Jesu"/> durch das Blut<term type="begriffe" key="Blut"/> Jesu (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.25">3,25</ref>) ist immer Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/>, «abgesehen von den Werken<term type="begriffe" key="Werk, W. des Gesetzes"/> des Gesetzes», abgesehen von allem, was menschlicherseits (vor Gott und vor den Menschen) als Gerechtigkeit angesprochen werden könnte, und darum Gerechtigkeit, der sich der Mensch nie anders als «auf Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>», d. h. aber in Gott «rühmen» <pb ed="A" n="87"/> kann. Zwischen uns und Gott steht und wird stehen bis ans
            Ende<term type="begriffe" key="Ende, der Tage"/> der Tage das Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/>, einigend, aber auch Distanz schaffend, verheißungsvoll, aber auch warnend. Das Paradox des Glaubens<term type="begriffe" key="Paradox, des Glaubens"/> ist <hi rend="italic">nie</hi> zu umgehen und wird <hi rend="italic">nirgends</hi> aufgehoben. Sola fide<term type="begriffe" key="sola fide"/>, <hi rend="italic">allein durch den Glauben</hi><term type="begriffe" key="Glaube, allein durch den G."/><note xml:id="n38"> Kurzformel der lutherischen Rechtfertigungslehre, gewonnen aus <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Übersetzung von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.28">Röm. 3,28</ref>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-113">WA.DB 7, 38f.</bibl></note> steht der Mensch vor Gott<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/>, ist er von ihm bewegt<term type="begriffe" key="Bewegung, des Menschen durch Gott"/>: Die Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes kann, eben weil sie Treue <hi rend="italic">Gottes</hi> ist, <hi rend="italic">nur</hi> geglaubt werden! Mehr wäre weniger. Das ist die neue Rechnung<term type="begriffe" key="Gott, Rechnung"/>.</p>
            <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.29 Röm.3.30">V. 29‒30</ref> Oder ist Gott nur der Juden Gott? Nicht auch der Heiden Gott? Wahrlich, auch der Heiden</hi>
            Gott<hi rend="bold">! So gewiss er</hi> <hi rend="bold italic">ein</hi> <hi rend="bold">Gott ist, und der wird gerecht erklären die Beschnittenen aus Treue und die Unbeschnittenen durch Treue.</hi></p>
            <p><hi rend="italic">«Ist Gott nur der Juden Gott? Nicht auch der Heiden? Wahrlich auch der Heiden!»</hi> Mehr Gewissheit<term type="begriffe" key="Gewissheit"/>, Sicherheit, Bürgschaft für die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> des göttlichen Wortes wäre in der Tat weniger. Menschliche Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> würde das, was hier zu schauen ist, unanschaulich <pb ed="pga" xml:id="p157"/> machen. Menschliche Gewissheit<term type="begriffe" key="Gewissheit"/> wäre Nicht-Wissen<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/> des hier zu Wissenden. Gott ist nur durch Gott zu verstehen, seine Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> allein durch den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, allein durch den G."/>. Jede Behauptung eines menschlichen Seins, Habens und Tuns<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/> des Göttlichen, jede angeblich direkte Beziehung zu ihm raubt<term type="begriffe" key="Raub an Gott"/> ihm seine Göttlichkeit<term type="begriffe" key="Göttlichkeit"/>, zieht es herab auf die Stufe der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/>, der Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/> und des Menschen, beseitigt seine reale Bedeutung. Denn die Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> des Göttlichen hängt an seiner Universalität<term type="begriffe" key="Universalität"/>. Seine Universalität aber hängt daran, dass <hi rend="italic">jeder</hi> Mund gestopft und die <hi rend="italic">ganze</hi> Welt vor Gott schuldig werde (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.19">3,19</ref>), dass das menschliche Entbehren der Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> Gottes in seiner Allgemeinheit einwandfrei festgestellt ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.23">3,23</ref>). Gäbe es in der Welt Seiende, Besitzende und Handelnde in Beziehung auf Gott, im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> zu weniger oder gar nicht Seienden, Besitzenden<term type="begriffe" key="Besitz Gottes?"/> und Handelnden, dann wäre «Gott» offenbar eine seelische und geschichtliche<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Größe neben andern, bloß relativ verschieden von andern seelischen und geschichtlichen Kräften, Lichtern und Gütern. Gott wäre dann «nur der Juden<term type="begriffe" key="Jude"/> Gott», nur der so und so gearteten und geführten Menschen Gott, wie «Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>» eine Spezialität der und jener Kreise, Epochen<term type="begriffe" key="Epoche"/> und Stimmungen. Gott wäre verhältnismäßig billig zu haben und auch verhältnismäßig leicht zu entbehren. Es wäre dann mit dem Worte «Gott» vielleicht sehr viel gesagt, aber nicht Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/>, nicht Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, nicht Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/> – nicht das Letzte<term type="begriffe" key="Letzte"/>, nicht alles, nicht das Ewige<term type="begriffe" key="Gott, ewig"/>. Und darum ist weniger (weniger Gewissheit<term type="begriffe" key="Gewissheit"/>, Sicherheit und Bürgschaft!) <hi rend="italic">mehr</hi>. Das ewige, das letzte Wort<term type="begriffe" key="Wort, letztes"/> ist das Wort «Gott», wenn wir damit, allein durch den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, allein durch den G."/>, die unmögliche Möglich<pb ed="A" n="88" break="no"/>keit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> der göttlichen Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> bezeichnen. Die Treue Gottes im Paradox des Glaubens<term type="begriffe" key="Paradox, des Glaubens"/> genügt uns, weil wir <hi rend="italic">damit</hi> auf sicherem Grund stehen, einen sichern Weg gehen. Jedes Einswerden des Menschen mit Gott in der Welt fällt dahin. Um so klarer wird, dass Gott aller Menschen Gott ist, der Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/> wie der Juden<term type="begriffe" key="Jude"/>. Um so klarer wird, dass Gott keine seelische und geschichtliche<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Größe ist, sondern als das Maß und der Inbegriff und der Ursprung aller Größe absolut verschieden von allem, was <hi rend="italic">uns</hi> Licht, Kraft und Gut ist. Um so klarer leuchtet Gottes «ewige Kraft<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/> und Gottheit<term type="begriffe" key="Gott, Gottheit"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">1,20</ref>). So verstanden, ist mit dem Worte «Gott» nicht etwas, sondern alles gesagt, nicht etwas
            Vorletztes<term type="begriffe" key="Vorletzte"/>, sondern das Letzte<term type="begriffe" key="Letzte"/>. Es ist das Wort des Gerichts<term type="begriffe" key="Gericht"/>, der Forderung, der Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>, das an <hi rend="italic">alle</hi> gerichtet ist und das für <hi rend="italic">alle</hi> Bedeutung, und zwar entscheidende Bedeutung hat.</p> 
            <p><pb ed="pga" xml:id="p158" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«So gewiss er ein Gott ist, und der wird gerecht erklären die Beschnittenen aus Treue und die Unbeschnittenen durch Treue.»</hi> Aus der Mannigfaltigkeit alles an sich wichtig sein Wollenden, aller abgeleiteten und usurpierten Gottheit<term type="begriffe" key="Gottheit"/> in dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> bricht in Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> hervor die Einheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Einheit"/>. In der allein durch den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, allein durch den G."/> zu erkennenden Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes die Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> und Lebendigkeit und Persönlichkeit des einen Schöpfers<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer und Erlöser"/> und Erlösers. Gelegt sind in Jesus die Koordinaten ewiger Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, ewige"/>: verbindend hier, was gewohnheitsmäßig auseinanderstrebt: Mensch und Mensch, scheidend dort, was gewohnheitsmäßig ineinanderfließen will: Mensch und Gott. Im Lichte dieser Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, im Lichte der K."/> wird Gott erkannt und geehrt und geliebt. – Und hier wie dort ist in Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> das wiedergebracht, was die Gewohnheit der Religion<term type="begriffe" key="Religion, Gewohnheit"/> mit <hi rend="italic">ihrem</hi> Scheiden und Verbinden eigentlich meint. Die höchste <hi rend="italic">Entfernung zwischen Gott und Mensch</hi><term type="begriffe" key="Distanz, zwischen Mensch und Gott"/> ist ihre wahre Einheit<term type="begriffe" key="Einheit"/>. Indem Zeit und Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> und Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/>, Diesseits und Jenseits<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/> in Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> in unzweideutiger Weise auseinandergerissen werden, sind sie in ihm auch in Gott zusammengefasst, in ebenso unzweideutiger Weise vereinigt. Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/>, Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/>, Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, Erwartung<term type="begriffe" key="Erwartung"/> ist alles «Gesetz», alles Sein, Haben und Tun<term type="begriffe" key="Sein(, Haben und Tun), des Menschen"/> des Menschen, alles Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, der Welt"/> der Welt und insofern immer auch Entbehren, Ungenügen, Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/> und Sehnsucht. Aber indem es als solches erkannt wird, leuchtet darüber die Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes, der freispricht, indem er verurteilt<term type="begriffe" key="Freisprechung, in der Verurteilung"/>, lebendig macht, indem er tötet<term type="begriffe" key="Gott, tötet und macht lebendig"/>, Ja sagt, wo nur noch sein Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> zu hören ist. Als der <hi rend="italic">unbekannte</hi> Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> wird Gott in Jesus<term type="begriffe" key="Jesus"/> <hi rend="italic">erkannt</hi>. – Es ist aber auch die höchste <hi rend="italic">Verbindung zwischen Mensch und Mensch</hi> nichts anderes als die wahre Eigenheit, das wahre Geschichtliche und <pb ed="A" n="89"/> Individuelle, das wahre «Besondere» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.1">3,1</ref>) jedes einzelnen Menschen. Nicht vernichtet, sondern realisiert werden die besonderen Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> jedes einzelnen durch die Beziehung auf ihren eigentlichen Inhalt: das Unmögliche<term type="begriffe" key="Unmögliche"/>. Nicht ausgelöscht, sondern begründet<term type="begriffe" key="Begründung"/> wird die Persönlichkeit<term type="begriffe" key="Persönlichkeit"/> jedes einzelnen durch die große Unruhe<term type="begriffe" key="Unruhe"/> des «noch nicht»<term type="begriffe" key="«noch nicht»"/> und «nicht mehr». Gerade die an alle gerichtete Forderung des Glaubens ist das Schöpferwort<term type="begriffe" key="Schöpferwort"/>, das aus dem Chaos<term type="begriffe" key="Chaos"/> der Vereinzelung<term type="begriffe" key="Vereinzelung"/> den Einzelnen<term type="begriffe" key="Einzelne"/> hervorruft, dass er werde. «Wer seine Seele verliert um meinetwillen, der wird sie gewinnen» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.25">Mt. 16,25</ref> par.]. Der beiden, dem
            «Beschnittenen» und dem «Unbeschnittenen», allen Ruhm<term type="begriffe" key="Ruhm"/> nimmt, der den Sünder heraufruft <pb ed="pga" xml:id="p159"/> aus seiner Tiefe und den Gerechten herab von seiner Höhe<term type="begriffe" key="Höhe, des Menschen"/>, der ist es, der auch beide gerecht erklären<term type="begriffe" key="Gerechterklärung"/> <hi rend="italic">wird</hi> (denn ihre Gegenwart ist immer noch nicht ihre in ihm ruhende Zukunft<term type="begriffe" key="Zukunft"/>), sofern sie allein durch den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, allein durch den G."/> vor ihm stehen<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/>. Wo der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, als Treue Gottes"/> ist, da ist die Treue Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/>. Wo der «Ruhm<term type="begriffe" key="Ruhm"/>» aufhört, da fängt das «Besondere» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.1">3,1</ref>) an. Da ist Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/>, Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/>, neue Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung, neue"/>.</p>
            <p>Aber indem wir das aussprechen, wissen wir, dass wir von der uns unbekannten Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> reden, die selbst wieder – und immer wieder! – nur geglaubt werden kann.  </p> 
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