1922

2. Kapitel: Menschengerechtigkeit

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2. Kapitel
MENSCHENGERECHTIGKEIT

Der Richter

2,1–13

Wessen Lage ist es, die als «Enthüllung des Zornes Gottes» (1,18) begriffen werden muss? Wessen Gott ist Nicht-Gott, der bekannte Gott dieser Welt? Wer ist ehrfurchtslos und unbotmäßig und damit von Gott preisgegeben? Ist vom Menschen überhaupt, von jedem Menschen die Rede? Ist die Schranke, die als solche nicht anerkannt ist und darum Schranke bleibt, und die diesem Gottesverhältnis entsprechende Entleerung und Verfinsterung des Lebens die Voraussetzung, von der wir alle herkommen? Oder ist doch nur von bestimmten, wenn auch von den meisten Menschen die Rede? Ist der Zorn Gottes doch nur eine geschichtlich und seelisch bedingte Möglichkeit neben andern? Gibt es in der Nacht des göttlichen Zorns nicht auch Kämpfer im Heere des Lichts1, die als solche nicht mehr im Dunkeln sind? Gibt es neben Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit nicht auch eine Gerechtigkeit der Menschen? Ist nicht viel Ehrfurcht und Demut denkbar und vorhanden, kraft welcher der Mensch eine höhere Stufe des Daseins einnimmt, auf welcher stehend er jener allgemeinen Todeswürdigkeit (1,32) entnommen ist? Ist nicht auch der Glaube eine geschichtliche und seelische Wirklichkeit? Wird nicht der Glaubende in die Lage versetzt sein, sich kraft seines Glaubens dem, |84 was uns alle bändigt2, zu entziehen, sich der Last der Gottesfremdheit dieser Welt zu entledigen, einen dem Gewöhnlichen und Allgemeinen entgegengesetzten Boden zu gewinnen, von dem aus er («Wir aber») vielleicht bedauernd und teilnahmsvoll, aber doch grundsätzlich nicht mehr beteiligt, hinüberblicken kann und darf zu denen, die noch nicht in seiner Lage sind, die «es» noch nicht begriffen und sich angeeignet haben? Sollte nicht durch das Hören der längst verkündigten Heilsbotschaft Gottes eine Insel der Seligen3 entstanden sein mitten im Meer der Unseligkeit? Gibt nicht die vorstellbare Möglichkeit, dem unbekannten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs die Ehre zu geben, die ebenso vorstellbare Möglichkeit an die Hand, dem lastenden Zorne Gottes entronnen zu sein? Eröffnet 31 nicht der denkbare Ausnahmefall, dass ein Mensch sich in die göttliche Krisis unsres Da-Seins und So-Seins aufrichtig hineinstellt und so Gottes Mitkritiker wird, diesem Menschen den Ausweg aus der Finsternis? Oder sollte wirklich jener Ring von Ursache und Wirkung, Abfall und Sturz unentrinnbar geschlossen sein, immer und überall bezeichnend für den Menschen als Menschen, für die Welt als Welt?

V. 1‒2 Darum hast du doch keine Entschuldigung, o Mensch, wer du auch seist, mit deinem Urteil. Denn indem du über den andern urteilst, verurteilst du dich selbst, treibst du doch, indem du urteilst, in der gleichen Richtung. Wir wissen aber, dass Gottes Urteil nach dem Maßstab der Wahrheit erfolgt über alles, was in jener Richtung treibt.

«Keine Entschuldigung», kein Grund und keine Möglichkeit, sich auszunehmena, weder für die Nicht-Wisser des unbekannten Gottes (1,18f.) – noch für die Wissenden! Auch die Wissenden gehören der Zeit an, auch sie sind Menschen. Keine Menschengerechtigkeit, die den Menschen dem Zorne Gottes entrückte! Keine dingliche Größe, keine örtliche Höhe, die ihn vor Gott rechtfertigte! Keine Verfassung oder Haltung, keine Gesinnung oder Stimmung, kein Einsehen und |85 Begreifen, das als solches Gott wohlgefällig wäre! Mensch ist Mensch und ist in der Menschenwelt. «Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch» [Joh. 3,6]. Alles Ding hat seine Zeit.4 Was im Menschen und durch den Menschen Sein und Gestalt und Ausdehnung gewinnt, das ist immer, überall und als solches Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit. Menschenreich ist nie Gottesreich. Niemand ist ausgenommen, niemand entlastet, niemand entschuldigt. Es gibt keine glücklichen Besitzenden5.

«Indem du über den andern urteilst, verurteilst du dich selbst.» Indem du dich auf einen Standpunkt stellst, setzest du dich selbst ins Unrecht. Indem du «ich» oder «wir» oder «das ist’s!» sagst, vertauschest du die Herrlichkeit des Unvergänglichen mit dem Abbild des Vergänglichen (1,23). Indem du dem unbekannten Gott die Ehre zu geben unternimmst, als unternähmest du etwas Mögliches, verkapselst du die Wahrheit aufs neue. Du nimmst Ehrfurcht und Demut als dein Gutes in Anspruch – und bist eben damit ehrfurchtslos und unbotmäßig. Du entledigst dich, unter dem Vorwand deiner Einsichten und Ausblicke, der Last der Welt – und eben deshalb liegt sie schwerer auf dir als auf jedem andern. Du trennst dich als Wissender des Geheimnisses Gottes von deinen Brüdern, vielleicht mit dem besten Willen, ihnen zu helfen, nachdem du über sie hinausgeschritten bist – und weißt eben darum von Gottes Geheimnis gar nichts und bist zum Helfen 32 der Ungeeignetste. Du siehst fremde Torheit ein als fremde Torheit – und deine eigene Torheit schreit eben darin zum Himmel. Auch das Neinsagen, die Einsicht in das Paradox des Lebens, die Beugung unter Gottes Gericht ist’s nicht, auch das Warten auf Gott, auch die «Gebrochenheit», auch die Haltung des «biblischen Menschen»6 ist’s nicht, sofern sie Haltung, Standpunkt, Methode, System, Sache sein, sofern der Mensch sich damit von andern Menschen ab|86heben will. Auch der Glaube, sofern er in irgend einem Sinn mehr als Hohlraum sein will, ist Unglaube. Denn da ist sie ja wieder, die Sklavenunbotmäßigkeit, die die aufbrechende Wahrheit Gottes, die Unruhe aller Unruhen, darniederhalten will. Da ist sie ja wieder, die Hybris, die Überheblichkeit, die die Distanzb zwischen Gott und Mensch verkennt und unfehlbar den Nicht-Gott auf den Thron erheben wird. Da ist sie ja wieder, die Identifizierung des Menschen mit Gott, die unvermeidlich seine Isolierung ihm gegenüber nach sich ziehen wird, die Romantik des Unmittelbaren mit ihrem alten Geschrei: Hier ist der Tempel des Herrn! (Jer. 7,4). Eben das, was du jetzt tust, ist der Widerstand des Menschen, der den Zorn Gottes herausfordert. «Indem du über den andern urteilst, verurteilst du dich selbst.»

«Treibst du doch urteilend in der gleichen Richtung.» Also was von den Menschen überhaupt zu sagen ist, das ist auch von den Gottesmännern zu sagen. Sie sind als Menschen nicht anders als andre Menschen (1,1). Es gibt keine besondere Gottesgeschichte als Partikel, als Quantität in der allgemeinen Geschichte. Alle Religions- und Kirchengeschichte spielt sich ganz und gar in der Welt ab. Die sog. «Heilsgeschichte» aber ist nur die fortlaufende Krisis aller Geschichte, nicht eine Geschichte in oder neben der Geschichte. Es gibt keine Heiligen unter Unheiligen. Gerade sofern sie es sein wollten, sind sie es nicht. Gerade ihre Kritik, ihr Protest, ihre Anklage, sofern sie sie der Welt entgegenschleudern, statt selber darunter zu stehen, stellt sie unvermeidlich in die Reihe. Innerweltlich ist diese Anklage, aus der Not kommt sie, nicht aus der Hilfe, Wort über das Leben ist sie, nicht das Leben selbst, künstliches Licht in der Nacht, nicht Sonnenaufgang und Tagesanbruch. Gilt auch von Paulus, dem Propheten und Apostel des Gottesreiches! Gilt von Jeremia wie von Luther wie von Kierkegaard wie von Blumhardt! Gilt auch vom hl. Franziskus, der an «Liebe», Kindlichkeit und Strenge Jesus weit übertrifft und gerade damit wesentlich als Ankläger wirkt, um von der vernichtenden Heiligkeit Tolstois nicht zu reden.7 Getrieben und treibend schwimmt alles |87 Menschliche mit dem Strom, über dem es zu schweben oder dem es gar zu widerstehen scheint. Christus wohnt 33 in keinem Sinn unter Gerechten.8 Gott allein will recht haben. Und es ist die Tragik aller Gottesmänner, dass sie sich, kämpfend für Gottes Recht, selber ins Unrecht setzen müssen. Es muss aber so sein; denn die Gottesmänner sollen nicht an die Stelle Gottes treten.

«Wir wissen: Gottes Urteil erfolgt nach dem Maßstab der Wahrheit.» Wirkliche Gottesmänner wissen um diese ihre tragische und paradoxe Lage. Sie wissen, was sie tun, wenn sie sich auf einen Standpunkt stellen, wissen, dass es das eigentlich nicht gibt, und halten sich durch ihren Beruf nicht für entschuldigt. Sie wissen, dass der Glaube nur insofern Glaube ist, als er keine geschichtliche und seelische Wirklichkeit beansprucht, sondern unsagbare Gotteswirklichkeit ist. Sie wissen, dass das «vernünftige Schauen» (1,20) keine Methode ist, kein Fündlein, sondern ewiger Erkenntnisgrund. Sie wissen, dass der Glaube an sich so wenig gerecht macht wie alle andern Menschlichkeiten. Sie werden sich doch dem Paradox nicht etwa dadurch entziehen, dass sie eine neue Gegebenheit und Dinglichkeit daraus machen! Sie werden doch das göttliche Nein nicht dadurch entkräften, dass sie es in allzu große Nähe ihres eigenen menschlichen Nein bringen! Sie werden doch der Schärfe des Gerichts nicht dadurch entweichen, dass sie die ihm schuldige Beugung als Station auf einem in der Zeit zurückzulegenden Heilsweg (ordo salutis!9) durchmachen, um sie dann |88 als etwas schon Durchgemachtes hinter sich zu lassen! Sie werden doch aus der aufbrechenden Gottesgerechtigkeit der Heilsbotschaft in keinem Sinn einen Schlupfwinkel für sich, eine Festung gegen andre machen. Sie wissen, dass Gottes Urteil nach dem Maßstab der Wahrheit erfolgt. Wer kann da widerstehen, wo der Mensch am Maßstab der Wahrheit Gottes gemessen wird? Wie und wann und wo sollte da nicht alles umfallen?

V. 3‒5 Rechnest du etwa, o Mensch, mit deinem Beurteilen und deinem Selbermitmachen dieser ganzen Richtung, gerade du werdest dem Urteil Gottes entgehen? Oder missverstehst du den Reichtum seiner Güte und sein Ansichhalten und seine Geduld, merkst nicht, dass die Gottesgüte dich zur Buße treiben will? Dann häufst du mit deiner Hartnäckigkeit und deinem unbußfertigen Herzen einen Schatz von Zorn auf den Tag des Zorns und der Enthüllung des gerechten Gerichtes Gottes.

«Rechnest du etwa, gerade du werdest dem Urteil Gottes entgehen?» Das wäre die falsche Rechnung menschlicher Gerechtigkeit. Eine falsche Buchung gleichsam: was in das Haben Gottes einzutragen wäre, trägt sie in ihr eigenes Haben ein. Was ihr von Gott gegeben ist, das macht sie zu einer 34 menschlichen Möglichkeit und Wirklichkeit. Was ihr in Ewigkeit geschenkt ist, das beansprucht sie als Recht in der Zeit. Sie übersieht, wie wenig das sagen will, in dieser Welt auf einer höheren Warte zu stehen. Sie übersieht, dass jetzt und hier eine Frage an sie gerichtet ist, die sie nicht zu beantworten vermag. Sie übersieht, dass die Weltgeschichte nicht das Weltgericht ist10. Und indem sie törichterweise nach dem greift, was sichtbar und zeitlich ist, lässt sie fahren, was unsichtbar und ewig ist [vgl. 2.Kor. 4,18]. Gerade damit, dass sie sich des Glaubens überhebt, als wäre er Menschenwerk, steht das Gotteswerk im Glauben still, kommt auch der Glaube unter das Gesetz der Nichtswürdigkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen. Du wirst dem Urteil Gottes, das nach dem Maßstab der Wahrheit erfolgt, um so weniger entgehen, je mehr du ihm entgehen willst.

89«Merkst du nicht, dass die Gottesgüte dich zur Buße treiben will?» Wie kommt es denn dazu, dass es überhaupt solche Kämpfer im Heere des Lichts gibt, Menschen mit Einsichten und Ausblicken, Menschen, die wie die Juden zur Zeit Jesu etwas gemerkt haben von den letzten Dingen, Menschen, denen das Harren auf Gott selbst, auf Gott allein etwas Bekanntes ist? Solche Menschen sind darum nicht weniger Menschen, und die Welt, in der sie leben, ist darum nicht weniger Welt. Aber über, hinter und an solchen Menschen ist ein Wunder geschehen. Gnade ist ihnen widerfahren: das Unbegreifliche, dass der Herr mit ihnen redete aus dem Wetter wie mit Hiob [vgl. Hiob 38,1]. Sie erschraken einmal in ihrer Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit, sie wurden aufgerüttelt aus dem Traum, als ob der Gott sei, den wir so heißen, der Schleier des religiösen Nebels und der göttlichen Zorneswolke zerriss und sie sahen – den Unerforschlichen, hörten – sein Nein!, fühlten – die Schranke, das Gericht, das Paradox unsres Daseins, ahnten notvoll und hoffnungsvoll, um was es geht im Leben des Menschen. Sie kamen unter Furcht und Zittern [vgl. Phil. 2,12] zur Besinnung, zum Respekt, zum «vernünftigen Schauen» [1,20]. Sie wurden zum Anhalten genötigt – vor Gott selbst. Aber was ist das alles? Ist das Mystik, Intuition, Ekstase, Wunderwerk besonders veranlagter und geführter Menschen? Ist das ein Erlebnis reiner Seelen oder eine Entdeckung kluger Köpfe oder eine Errungenschaft festen Willens oder ein Ergebnis innigen Betens? Nein, denn andere sind reiner und klüger, energischer und inniger, und Gott hat nie mit ihnen geredet. Es gibt Mystiker und Ekstatiker, die nie «vernünftig geschaut» [1,20] haben. An dem, was der Mensch hinzubringt, kann es nicht liegen, das ist vor Gott immer, als ob es nichts wäre; was sein Erschrecken und Erwachen vor Gott ist, das gehört als solches nicht ihm. Wo Gott redet und 35 erkannt wird, da kann von einem Sein und Haben und Genießen des Menschen nicht die Rede sein. Wer von Gott erwählt ist, der wird nie sagen, dass er Gott erwählt hat. Die Tatsache, dass Ehrfurcht und Demut vor Gott in einem Menschen Raum hat, die Möglichkeit des Glaubens ist nur als Unmöglichkeit zu verstehen, als unerklärlicher «Reichtum seiner Güte»: Wie habe ich das verdient, dass ich blind und doch sehend bin? – als unerklärliches «Ansichhalten» seines Zornes: Wie komme gerade ich dazu, eine Ausnahme unter Tausenden zu machen? – als unerklärliche «Geduld» |90 Gottes über mir: Was kann denn Gott von mir erwarten, dass er gerade mir diese unerhörte Möglichkeit gegeben hat? Nichts, gar nichts lässt sich zur Begründung und Erklärung dieses «ich» und «mir» vorbringen; es steht vollständig in der Luft, es ist das reine absolute vertikale Wunder. Jedes Wort, das darüber als über ein Erlebnis des Menschen gesagt wird, schon die Behauptung, dass es ist, ist zu viel. Wir stehen ja wiederum vor der Schnittlinie, die selber keine Ausdehnung haben kann! Das ergibt sich aber aus dieser Dialektik des Wunders: «die Gottesgüte will dich zur Buße leiten.» Was von Gott aus und nur von Gott aus am Menschen wahr wird, das kann nie etwas anderes werden als neuer Ruf zu Gott, neuer Ruf zur Umkehr, zur Ehrfurcht und Demut, Aufforderung aufs neue alle Sicherheit fahren zu lassen, allen Ruhm preiszugeben, aufs neue Gott, dem unbekannten Gott die Ehre zu geben, als wäre es noch nie, als wäre noch gar nichts geschehen. Jeder Anspruch, jedes Eigentumsrecht, das daraus abgeleitet wird, ist Missverständnis der Erwählung, Missverständnis des ergangenen Rufes, Missverständnis Gottes. Jede positive Behauptung einer Ausnahmestellung macht den, der etwas von Gott gemerkt hat, dem gleich, der noch gar nichts gemerkt hat. «Merkst du nicht, dass die Gottesgüte dich zur Buße treiben will?» Weißt du nicht, dass das das einzige mögliche und wirkliche Merken ist?

Merkst du es nicht, «dann häufst du dir mit deiner Hartnäckigkeit und deinem unbußfertigen Herzen einen Schatz von Zorn». Dieses Missverstehen verdichtet, verdickt und verhärtet sich nämlich sofort zu einem Klumpen von Missverstand und alles, was der Mensch nun weiter denkt, redet und tut, kommt, und wenn es das Höchste und Reinste wäre, wenn jener Anfang einmal gemacht ist, zu diesem Klumpen. Es entsteht das typisch «religiöse» Leben (als etwas Besonderes im Gegensatz zum Leben überhaupt), dem in seiner romantischen Unglaubwürdigkeit durch keine Reden an seine Verächter11 zu helfen ist. Es entsteht aus der Gottesgerechtigkeit des Propheten die Menschengerechtigkeit 36 des Pharisäers; Menschengerechtigkeit aber ist als solche Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit. Noch verbirgt die missverstandene Gottesgüte: das dingliche, gegenständ|91liche Vorhandensein einer auf Gott gerichteten Haltung dem zum Pharisäer gewordenen Propheten die Herrschaft von Nicht-Gott, unter der er schon steht, die drohende Ansammlung des göttlichen Zornes. Noch verbirgt ihm seine gefälschte Bilanz den Ernst seiner Lage. Noch mag er höher und höher bauen seinen Babelsturm [vgl. Gen. 11,1–9] von Gottesansprüchen, Gottessicherheiten, Gottesgenüssen, aber hinter diesem Vorhang seines Lebenstages lauert schon der ewige Tag des Zorns und des gerechten Gerichts. Er ist, stehend auf seiner Höhe, schon gestürzt. Er ist, der Gottesfreund, schon Gottes erbittertster und gehasstester Feind. Er ist, der Gerechte, schon gerichtet. Er darf sich nicht wundern, wenn das, was er ist, plötzlich auch erscheinen und ausgesprochen werden sollte.

V. 6‒11 Denn der Maßstab, an dem der Mensch gemessen ist, ist nicht von dieser Welt. Er ist ewig, wie Gott selbst, er ist Gott selbst. Gott sucht im Menschen immer wieder Offenheit für sich, für sich allein. Er begründet uns, indem er uns aufhebt. Er macht uns lebendig, indem er uns tötet [vgl. 1.Sam. 2,6]. Wir werden erlöst, indem wir alle verwandelt werden: beim Schall der letzten Posaune [vgl. 1.Kor. 15,52]. Darum geht es. Vor diesem Gott steht auch der Gerechte, gerade der Gerechte, der Glaubende, vor dem Gott, welcher einem jeden bezahlen12 wird nach seinen Werken: denen, die mit der Beharrlichkeit, wie sie des guten Werkes Kennzeichen ist, die Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit Gottes suchen, mit ewigem Leben! Auf die aber, die, knechtisch gesinnt und der Wahrheit ungehorsam, der Unbotmäßigkeit gehorchen, wartet Zorn und Grimm! Bedrängnis und Verlegenheit also über jedes Menschen Seele, der das Böse tut, des Juden zuerst, aber auch des Griechen. Herrlichkeit aber, Ehre und Frieden über jeden, der das Gute tut, den Juden zuerst, aber auch den Griechen. Denn bei Gott ist kein Ansehen der Person.

«Er wird einem jeden bezahlen nach seinen Werken.» Wer? Er, vor dem alle Menschen nichtig und lügnerisch sind. Er, den der Mensch über seinem ungerecht errafften Reichtum nie vergessen sollte. Er, der |92 es einmal für allemal gesagt hat, dass sein die Macht und das Erbarmen ist (Ps. 62,10–13 LXX). Er, von dem der Mensch bekennen muss: ich weiß ihn nicht!c, um dann zu erkennen, dass er von ihm erkannt ist (Spr. 24,12 LXX). Er, Gott, «bezahlt» die Werke der Menschen, er ist’s, der ihren Wert oder Unwert schafft durch die Schätzung, die er ihnen zuteil werden lässt. An ihm also entscheidet es sich, was gut und böse ist. An ihm erleben wir unsern Sinn oder unsern Un-Sinn, unsern Himmel oder unsre 37 Hölle. Die «Werke», unser Tun und Lassen als Menschen, unsre Haltung und Verfassung in ihrer seelischen und geschichtlichen Gestalt, sie haben auch nur seelische und geschichtliche Bedeutung. Mag diese so hoch sein, als sie will, wir dürfen sie nicht überschätzen, nicht ins Ewige erheben, der ewige Käufer, der Eine und Einzige, der sie ewig bezahlt, ewig wertet, ist Gott und immer wieder Gott.

Und nun kann das Wunder geschehen, dass er «denen, die seine Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit suchen, mit ewigem Leben» bezahlt, dass also dem, was in menschlicher Beschränktheit geschichtlich und seelisch als Ehrfurcht und Demut vor Gott, als Suchen Gottes selbst und Gottes allein wirklich wird, ein tatsächliches Finden Gottes entspricht. Es kann geschehen, dass das Gefäß des Glaubens bei aller offenkundigen Unansehnlichkeit den Inhalt des ewigen Lebens hat. Es kann geschehen, dass die «Beharrlichkeit» menschlichen Wartens und Eilens [vgl. 2.Petr. 3,12] das Kennzeichen des «guten Werkes» ist, das in einem Menschen und durch ihn geschieht. Es kann geschehen, dass das, was Einer in dieser Welt in der ganzen Schwachheit des «Fleisches», unter allen Symptomen höchster Fragwürdigkeit tut, das Gute ist und die Herrlichkeit, die Ehre und den Frieden der kommenden Welt schon in sich trägt. Aber diese Möglichkeit ist menschlich weder zu verwirklichen noch auch nur als wirklich vorzustellen. Sie besteht, wenn sie besteht, ganz und gar nur als Möglichkeit von Gott aus. Ihr gegenüber rücken Jude und Grieche, Gottesmensch und Weltmensch auf eine Linie: der Verheißung und nur der Verheißung sind beide teilhaftig. Nie und in keiner Form wird die Verwirklichung solcher Möglichkeit sich als Menschengerechtigkeit von andern Menschengerechtigkeiten oder -ungerechtigkeiten abzu|93heben in die Lage kommen. Nie wird der Glaubende, der Täter des guten Werkes, dies sein Werk als seinen Besitz gegen den Nicht-Besitz anderer ausspielen. Nie wird er sagen: ich tue!, sondern immer: Gott tut! Nie wird er sagen: Gott hat bezahlt!, sondern immer: Gott wird bezahlen! (2,13; 3,30; 5,17.19). Nie wird Ehrfurcht und Demut vor Gott etwas anderes sein wollen als Hohlraum, Entbehren und Hoffen. Denn Gottes ist und bleibt die Herrlichkeit, die der Mensch in dieser Welt verehrt und sucht.

Es kann aber auch das andre, das schreckliche Wunder geschehen: Dass «auf die, die der Unbotmäßigkeit nachgehen, Zorn und Grimm wartet», dass einer menschlichen Augen vielleicht unzweifelhaften Ehrfurcht und Demut kein Finden des wahren Gottes, sondern ein Finden des Nicht-Gottes (1,23; 2,1–2) entspricht: die Anwartschaft auf die Enthüllung des göttlichen Unwillens (2,5). Es kann geschehen, dass Gott das Werk 38 des Menschen mit Zorn und Grimm «bezahlt», dass das, was als prophetische Ergriffenheit offenkundig dasteht, vor ihm «knechtische Gesinnung» ist: «die Denkart und Lebensanschauung des Taglöhners, welcher ohne die Hingebung des Eigentümers seine Arbeit lediglich um des Lohnes willen zu tun pflegt» (Zahn)13. Weithin leuchtender Gehorsam gegen die Wahrheit kann höchster Ungehorsam, mit Händen zu greifende Demut nichts als Unbotmäßigkeit sein. Was der Mensch «gut meint», kann ein Werk der Bosheit sein und tief im Gerichtsschatten stehen. Auch diese Möglichkeit wird menschlich nicht greifbar werden. Auch sie besteht von Gott, nur von Gott aus. Niemand ist je sicher vor ihr: wiederum rücken Jude und Grieche, Gottesmensch und Weltmensch ihr gegenüber auf eine Linie, stehen unter derselben Drohung. Nie und in keiner Form ist Menschengerechtigkeit sicher vor der Möglichkeit, in den Augen des göttlichen Käufers keinen Wert zu haben, ungekauft liegen zu bleiben. Nie wird Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit etwas anderes sein |94 als sie ist, auch nicht auf den höchsten Stufen, in den feinsten Gestalten dessen, was wir geschichtlich und seelisch Glauben heißen. Nie wird sich der Richter das Recht entwinden lassen, auch die Gerechten zu richten. Erd richtet, er selbst, er allein.

«Denn bei Gott ist kein Ansehen der Person». Was seelisch und geschichtlich sichtbar werden kann als Vorzug eines Menschen vor einem andern, das ist nur die «Person», die Gestalt, die Maske14, die übernommene Rolle im Schauspiel. Maske ist alles, was den Menschen unter den Mitmenschen ausgezeichnet erscheinen lässt. Es hat seinen Wert in sich, es bedeutet aber keine ewige Auszeichnung, keine, die über die Krisis alles Vergänglichen am Unvergänglichen hinausreicht. Der Maßstab, mit dem Gott misst, ist nicht von dieser Welt. Gott sieht nicht die Maske an. Vor Gott steht auch der Gerechte nicht in der Rolle des Gerechten, sondern als das, was er in Wirklichkeite ist: vielleicht als Sucher des Unvergänglichen begnadigt, vielleicht als unbotmäßiger Knecht verdammt, auf alle Fälle durchschaut und eingesehen: Mensch ist Mensch und Gott ist Gott. Was bleibt da übrig von den lockenden Sicherungen des Pharisäismus?

V. 12‒13 Die fern vom Gesetz sündigten, werden auch fern vom Gesetz verderben. Und die im Angesicht des Gesetzes sündigten, werden durch das Gesetz gerichtet werden. Denn nicht die Hörer des Gesetzes sind gerecht vor Gott, sondern die Täter des Gesetzes werden gerecht erklärt werden.

Noch einmal fragen wir (2,4): Wie kommt denn Menschengerechtigkeit zustande? Antwort: Durch göttliche Offenbarung, durch Eröffnung und Mitteilung des göttlichen «Gesetzes»f, durch göttliche 39 Nähe und Erwählung, die hier einen Menschen und da einen in die Lage versetzt, zu glauben, Gott in Ehrfurcht und Demut gehorsam zu werden (2,14). Aber was vom Herrn geschieht, das ist ein Wunder vor unsern Augen [vgl. Ps. 118,23], das gibt dem Menschen keinen Anspruch auf Vorzug und Sicherung. Sünder ist Sünder. Wer sündigt |95 nicht? Abfall ist Abfall. Wer ist nicht abgefallen? Mag auch der Stufenunterschied zwischen denen, die fern von dem ihnen unbekannten Gesetz, und denen, die im Gegensatz zu dem ihnen bekannten Gesetz sündigen, zwischen menschlichem Unglauben und Glauben sichtbar und wichtig werden auf der Oberfläche, die wir Seele und Geschichte nennen, so fällt doch die eigentliche Entscheidung über den Menschen, die Entscheidung über sein Verderben oder Heil, über sein Verbleiben unter Gottes Zorn oder sein Gerettetwerden nicht nach Maßgabe dieses Unterschiedes. Es gibt hier und dort ein Verlorengehen. Entscheidend ist das Tun des Gesetzes: die Verwirklichung der von Gott gebotenen Möglichkeit, also der Inhalt, die Bedeutung, der Sinn der Haltung, die der Mensch einnimmt, und dieser Sinn wird ihm von Gott zugesprochen oder nicht zugesprochen, er ist Gottes und nicht des Menschen Sinn in dem, was der Mensch ohne oder mit Gesetz ist und lebt. Das «Hören des Gesetzes», das Merken, Verstehen, Erleben der Offenbarung tut’s nicht, auch nicht das Erleben der höchsten Offenbarung. Was vom Menschen ist, kann den Menschen nicht retten, es ist «nicht gerecht vor Gott». «Täter des Gesetzes» sind seine hörenden Hörer, die «Juden, die es im Verborgenen sind» (2,29). Die Gerechtigkeit dieser Gerechten aber besteht darin: sie «werden gerecht erklärt werden». Wohlverstanden, nicht: «sie sind gerecht», nicht einmal: «sie sind gerecht erklärt», sondern, damit der letzte Schein menschlichen Rechthabens, auch der letzte Schein einer Gegebenheit und Dinglichkeit dieser Gerechtigkeit verschwinde: «sie werden gerecht erklärt werden» (2,6). Sie haben in dieser Welt der Ungerechtigkeit die Anwartschaft der Gerechtigkeit der kommenden Welt, sie haben in der Zeit den Anstoß zu einer ewigen Bewegung empfangen15. Ihre Gerechtigkeit besteht darin, dass sie ihre ganze |96 Menschengerechtigkeit immer wieder Gott ausliefern, dem sie gehört. Sie besteht in ihrem grundsätzlichen Verzicht auf eigene Gerechtigkeit. Wo das Gesetz solche Täter, wo die Offenbarung solchen Glauben findet, da ist Christus: «das Ziel des Gesetzes zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt» (10,4–5). Da ist Erkenntnis dessen, der uns zuerst erkannt hat. Der Richter aber ist und bleibt der Richter, bis Himmel und Erde neu werden [vgl. 2.Petr. 3,13].

Das Gericht

2,14–29

V. 14‒16 Wenn es nun geschieht, dass Heiden, die das Gesetz nicht haben, in ihrem Naturzustand tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, ohne das Gesetz zu haben, sich selber Gesetz. Solche legen das vom Gesetz geforderte Werk vor: eingeschrieben in ihren Herzen (wobei ihr Gewissen und ihre sich untereinander verklagenden oder auch entschuldigenden Gedanken Zeugen sind) an dem Tage nämlich, da Gott das Verborgene der Menschen beurteilt (laut meiner Heilsbotschaft) durch Christus Jesus.

Eine höchst anstößige, verwunderliche, unanschauliche Mitteilung aus den Einsichten, die sich ergeben, wenn Gott als der Richter verstanden ist: Menschen, die keine Offenbarung haben, stehen vor Gott da als solche, die eine Offenbarung haben, Schlafende als Wachende, Ungläubige als Gläubige, Ungerechte als Gerechte! Diese erstaunliche Tatsache, dieses hölzerne Eisen muss nun der Menschengerechtigkeit vor Augen gestellt werden.

97«Heiden, die das Gesetz nicht haben, tun, was das Gesetz fordert.» «Das Gesetz» ist die von Gott gegebene, aber eben gegebene und für einmal abgeschlossene Offenbarung, der von göttlicher Offenbarung hinterlassene Eindruck in der Zeit, in der Geschichte, im Leben des Menschen, die heilige Schlacke geschehenen Wunders, der ausgebrannte Krater göttlicher Rede, die ernste Erinnerung an die ehrfürchtige und demütige Haltung, in die gewisse Menschen dabei gezwungen wurden, der leere Kanal, in dem zu anderer Zeit unter andern Umständen für andere Menschen das lebendige Wasser des Glaubens, des vernünftigen Schauens floss, ein Kanal, der gebildet ist von Begriffen, Anschauungen und Geboten, die alle an jene Haltung gewisser andrer Menschen erinnern, zu ihrer Aufrechterhaltung auffordern. Menschen, «die das Gesetz haben», sind Anwohner dieses Kanals. Sie haben einen Eindruck von dem wahren, dem unbekannten Gott: entweder in Form einer überlieferten oder übernommenen Religion oder auch in Form eines eigenen früheren Erlebnisses. Sie haben darin so oder so den Hinweis auf Gott, auf die Krisis unsres Daseins, auf die neue Welt, die die Grenze unsrer Welt ist. Eben um dieses Hinweises willen ist ihnen der Eindruck von Offenbarung immer noch eindrücklich und bemühen sie sich, ihn sich eindrücklich zu erhalten. «Heiden, die das Gesetz nicht haben», fehlt irgendwie dieser Hinweis. Ihr persönliches Leben und ihre geschichtliche Erfahrung ist ohne Eindruck von Offenbarung und darum kennen sie 41 auch die Bemühung nicht, sich diesen Eindruck zu erhalten. Man kann sie Schlafende nennen, sofern nichts in ihrer Haltung davon zeugt, dass sie etwa beunruhigt wären durch eigene oder fremde Erinnerung an das, was wir nicht wissen. Man kann sie Ungläubige nennen, sofern kein Staunen, kein Respekt vor dem, was über ihnen ist, keine Gebrochenheit an ihnen sichtbar wird. Man kann sie Ungerechte nennen, sofern sie den Lauf der Welt unbedenklich bejahen und ungehemmt mitmachen. Man kann sie in der Tat in keiner Weise als Anwohner des leeren Offenbarungskanals ansprechen. Aber nun kann es geschehen, dass Heiden, die das Gesetz nicht haben, «tun, was das Gesetz fordert». Das Tun des Gesetzes ist ja eben, weil Gott der Richter ist, etwas anderes als das Haben und Hören des Gesetzes (2,13). «Das Gesetz tun» heißt: Offenbarung findet statt, Gott redet, Ehrfurcht und Demut sind selbstverständlich, denn der Mensch steht vor |98 Gott. Da ist Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Aber Offenbarung ist von Gott. Sie lässt sich nicht nötigen, durchaus dem leeren Kanal zu folgen. Sie kann ihm folgen, sie kann sich aber auch ein neues Flussbett graben. Gebunden an die Eindrücke, die sie etwa sonst und früher hinterlassen, ist sie nicht. Sie ist frei. Und darum ist es doch ein Irrtum, die «Heiden» so ohne weiteres Schläfer, Ungläubige und Ungerechte zu nennen. Auch sie können Gottesfürchtige, von Gott Erwählte sein – ohne andern als solche kenntlich zu werden. Der Glaube selbst und als solcher ist immer in Unkenntlichkeit gehüllt. Es gibt in den «Heiden» eine Beunruhigung, Erschütterung und Ehrfurcht, die von den Kanalanwohnern nur nicht gesehen und verstanden wird. Gott aber sieht und versteht sie. Gottesgerechtigkeit hat sich ihnen längst aufgetan, wo Menschengerechtigkeit sie immer noch misstrauisch von der Seite ansieht. «In ihrem Naturzustande» tun sie das Gesetz; in ihrer heitern Kreatürlichkeit und Weltlichkeit, in der schlichten, anspruchslosen Sachlichkeit ihres Tuns sind sie von Gott erkannt und erkennen ihn wieder, sind sie nicht ohne Einsicht in die Vergänglichkeit alles Menschlichen, nicht ohne Ausblick auf den silbernen Rand von Erlösung und Vergebung, der die finstere Wolke unsres Daseins umgrenzt, nicht ohne Respekt vor dem Nein, das die Geschöpfe vom Schöpfer scheidet, und vor dem Ja, das sie zu Geschöpfen des Schöpfers macht. Auch ihr Leben gewiss nur ein Gleichnis, aber vielleicht ein so vollkommenes Gleichnis, dass es schon darin seine Rechtfertigung hat. Welt, die im Argen liegt [vgl. 1.Joh. 5,19], gewiss, aber vielleicht bereits so zersetzte, aufgelöste, unterhöhlte Welt, dass das Erbarmen Gottes näher, glaubwürdiger erscheint als mancherorts, wo das «Reich Gottes» in voller Blüte steht. Letzter bösester Skeptizismus 42 vielleicht, gänzliche Unzugänglichkeit für alles «Höhere», gänzliche Unfähigkeit, sich noch von irgend etwas imponieren zu lassen; aber vielleicht gerade darum und darin wirkliche Gebrochenheit, Sinn für Gott, für Gott selbst. Nörgelnde Unrast vielleicht, alles bemängelnder Protest und innerer Unfriede; aber gerade darum und darin der Hinweis auf den Frieden Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft [vgl. Phil. 4,7]. Was fordert denn das Gesetz? An was will doch das Gesetz die erinnern, die es haben? Doch wohl gerade an das, was uns aus den Weltkindern oft so merkwürdig stark anschaut. Sollten sie tatsächlich «das Gesetz tun»? Sollten sie an der fließenden |99 Quelle stehen? Warum nicht? Wer wird dem «Reichtum der Güte Gottes» (2,4) Schranken ziehen wollen, der selber wirklich weiß von ihr, der das gänzlich Unverdiente, Unbegreifliche, Unableitbare der Offenbarung verstanden hat?

«Sie sind sich selber Gesetz.» Gibt es Menschen, die das Gesetz tun, ohne es zu haben, so empfangen sie es eben damit, dass sie es tun, so sind sie sich selber Gesetz geworden. Das lebendige Wasser gräbt sich auch sein Bett und auch der scheinbare Vorzug der Kanalanwohner fällt dahin. Ein neues wildes Flussbett wird es sein, ein sehr ungewohnter, andersartiger Eindruck von Offenbarung, eine befremdliche Form von Glauben, was da sichtbar wird. Aber wer will da bestreiten, wo nur Gott bestreiten könnte? Die Religion und das Erlebnis der Menschen Dostojewskis sind doch wohl an allerlei andre Religionen und Erlebnisse zu wagen!16 Kein Anlass von Seite derer, die «das Gesetz haben» (und wenn es «das Evangelium» wäre!), solche Menschen nur als Missionsobjekte zu betrachten, allzu gütig von «religiösen Ansätzen» bei ihnen zu reden, wo vielleicht längst ganz andre Eindrücke von Gott sind, als wir sie je hatten und haben werden. «Sie sind sich selber Gesetz.» Auch wenn es auf Religion und Erlebnisse ankäme – es kommt nicht darauf an –, Gott kann den «Heiden» auch das geben und gibt es ihnen.

«Solche legen das vom Gesetz geforderte Werk vor, eingeschrieben in ihre Herzen.» Sie kommen in das Gericht Gottes, sie sind im Gericht – und das, was den Menschen vor Gott rechtfertigt, findet sich bei ihnen. Inwiefern? Jedes positive «insofern» wäre unzutreffend für |100 das «Werk», das der gerechtfertigte «Heide» Gott vorlegt, mit dem er Gottes Wohlgefallen findet. Hätte Menschengerechtigkeit über ihn zu urteilen, er wäre zweifellos verloren. Jedenfalls ist auch das, was Menschengerechtigkeit allenfalls noch an ihm finden würde, nicht das, was ihn vor Gott rechtfertigt. Eher noch wird das Gott 43 wohlgefällige «Werk» bestehen in dem Ende, dem völligen Ende aller Menschengerechtigkeit, an dem er sich befindet, in seiner zweifellosen Verlorenheit, in seinem Verzicht auf alle religiösen und moralischen Illusionen, in seiner Absage an alle Hoffnung auf dieser Erde und in diesem Himmel. Jenseits, jenseits aller Anschaulichkeit und Dinglichkeit, jenseits alles dessen, was die, die das Gesetz haben, ihm noch zubilligen würden («ein guter Kern», «ein gewisser Idealismus», «religiöse Ansätze») – jenseits alles dessen, was der Mitteleuropäer schätzt («Haltung», «Reife», «Rasse», «Persönlichkeit», «Innerlichkeit», «Charakter»), ist das, was er Gott vorzulegen hat und was von Gott mit ewigem Leben «bezahlt» wird (2,6). Vielleicht wirklich gar nichts mehr, was noch als Religiosität (etwa als unbewusste, außerkirchliche17!) anzusprechen wäre. Vielleicht wirklich (Dostojewski18!) nur noch der nackte Mensch im letzten Stadium. Vielleicht nur noch eine einzige große Not, Verlegenheit und Bedürftigkeit. Vielleicht in der Todesstunde nur noch ein Erschrecken vor dem Geheimnis, eine empörte Auflehnung gegen die Notwendigkeit unsres Da-Seins und So-Seins, das erbitterte Verstummen Eines, der unter Protest das Lokal verlässt. Vielleicht ja auch mehr und Besseres und Schöneres – es kommt nicht darauf an. Im Himmel aber ist Freude über den einen Sünder, der Buße tut, mehr denn über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen [vgl. Lk. 15,7]. Was heißt das, Buße? Nicht die letzte, höchste, feinste Tat der Menschengerechtigkeit für Gott, sondern die erste grundlegende Tat der Gottesgerechtigkeit für den Menschen: das «Werk», das Gott «eingeschrieben in ihre Herzen», und das darum, weil es von Gott ist und nicht vom Menschen, Freude im Himmel [vgl. Lk. 15,7] veranlasst, das Ausblicken nach Gott, nach Gott selbst, das doch nur von ihm, von ihm selbst gesehen wird.

101«Wobei ihr Gewissen und ihre sich untereinander anklagenden oder auch entschuldigenden Gedanken Zeugen sind.» Denn wer hört die Stimme des Gewissens, wie sie auch in den Gesetzlosen und Gottlosen redet? Wer durchschaut die Dialektik von Gott und Verhängnis, Verhängnis und Schuld, Schuld und Sühne19, Sühne und – Gott, in der die Menschen stehen? Gott hört. Gott durchschaut. Zu ihm redet auch das Verschwiegene, das kaum Gewusste, die «Schickung im Zusammenhang» (Gellert)20. Vor ihm zeugt gerade alles das für den Menschen, was vor menschlichen Richtern nie zeugen kann. Er weiß, was wir nicht wissen. Daher die unbegreifliche Möglichkeit, dass die Gesetzlosen ins Gericht und doch frei aus dem Gericht kommen.

44 Denn «an dem Tage, da Gott das Verborgene der Menschen beurteilt durch Christus Jesus», geschieht es, dass «Heiden» ihr «Werk» vorlegen und Gottes Wohlgefallen finden. Woher die Möglichkeit, auch die Gottlosen in Gott zu begreifen, die Querschnitte des «Gesetzes», die die Menschen scheiden in Religiöse und Unreligiöse, Moralische und Unmoralische, wegzudenken und den Längsschnitt einzusehen, der überall, auch in den Tiefen, Zugänge zu Gott offenkundig macht? Es ist «laut meiner Heilsbotschaft» der in der Auferstehung angebrochene neue Tag des Menschen, der Tag des Christus Jesus, der dieses Licht bringt. Er bringt ja die Wende aller Zeit zur Ewigkeit, er reißt «das Verborgene der Menschen» auf, er offenbart, dass wir Menschen von Gott aus eingesehen sind. «Durch Christus Jesus» beurteilt Gott den Menschen. Das bedeutet Krisis: Verneinung und Bejahung, Tod und Leben des Menschen. Ein Ende ist im Christus erschienen, aber auch ein Anfang, ein Vergehen, aber auch ein Neuwerden, und immer beides der ganzen Welt, allen Menschen. |102 Denn der im Christus erschienene Erlöser ist auch der Schöpfer aller Dinge, der nichts zurücklässt. Also die Hohen und die Niedern, die Gerechten und die Ungerechten bekommen im Christus gleichen Zugang zum Vater, nachdem ihnen das gleiche Halt! vor dem unbekannten Gott geboten worden ist. Alles Fleisch ist wie Gras [vgl. Jes. 40,6; 1.Petr. 1,24], und Gott will, dass allen Menschen geholfen werde (1,16; 3,29; 10,2 [vgl. 1.Tim. 2,4]). Gerade darum beurteilt Gott «das Verborgene desg Menschen». Was alle angeht, das Weltumfassende: die Verdammnis, in der wir stehen, und das Erbarmen, die Macht der Vergebung, von der wir gehalten und getragen sind, es ist unanschaulich, es richtet sich an «das Verborgene der Menschen». Nur da ist und wird es wahr. Es ist nicht wahr, solange sich noch diese Menschen auf der Lichtseite, jene auf der Schattenseite anschaulich gegenüberstehen. Gerade dieser Gegensatz aber wird bedeutungslos, wenn Mitternacht anbricht – oder Mittag, wenn beide Seiten in Finsternis gehüllt oder beide Seiten von Licht erfüllt werden. Christus ist Mitternacht und Mittag. Über allem Trennenden der Menschen wird das Umfassende Gottes erkennbar. Gott selbst wirft die Gottesfrage auf und beantwortet sie, stellt alle Menschen auf allen Stufen zu allen Zeiten unter eine Warnung und Verheißung. Unanschaulich, unnahbar, für immer unüberschreitbar, für immer beunruhigend ist die Schnittlinie, die er damit zieht. Immer wieder verweist sie uns auf das «Verborgene», wo Gott selbst urteilt. Aber gerade dieses Harte der Heilsbotschaft von Christus ist auch ihr Befreiendes, Gütiges, Herzliches: Der Gott, 45 der uns allen fremd ist, kann und will sich auch uns allen bekannt geben. Der Gott, den wir alle nicht verstehen, wird sich keinem ganz unbezeugt lassen [vgl. Act. 14,17]. Der verborgene Gott ist dem «Verborgenen der Menschen» nicht ferne, um so weniger, je deutlicher es uns wird, dass eben «im Verborgenen» Gottes und des Menschen die Entscheidungen fallen. Dieser Gott, Gott selbst, der frei an allem vorübergeht, was bloß Eindruck von ihm ist, dieser Gott ist die Hoffnung der Heiden im Gericht.

Aller Menschengerechtigkeit aber ist, weil Gott der Richter ist, höchste Zurückhaltung nahegelegt. Ihre sorgenvolle Kritik an den |103 Gottlosen könnte ganz gegenstandslos sein, ihr Eifer um deren Bekehrung weit danebenfahren. Jenseits von ihrem Gut und Böse21 ist der Arm Gottes in Bewegung. Sie wird wohl daran tun, sich nicht zu weit vorzuwagen.

V. 17‒25 Wenn es aber geschieht, dass du dich einen Juden nennst, verlässest dich auf den Besitz des Gesetzes und rühmst dich Gottes und kennst seinen Willen und hast Einsicht in das, worauf es ankommt, als einer, der im Gesetz unterrichtet ist – traust dir aber auch zu, selbst ein Führer der Blinden zu sein, ein Licht für die in der Finsternis, ein Erzieher der Unverständigen, ein Lehrer der Unmündigen, weil du im Gesetz die vollkommene Ausprägung der Erkenntnis und der Wahrheit vor dir hast – der du den andern belehrst, dich selbst belehrst du nicht? Verkündigst, man solle nicht stehlen, und stiehlst? Sprichst, man solle nicht die Ehe brechen, und brichst sie? Verabscheust die Götzen und beraubst das Heiligtum? Rühmst dich des Gesetzes und entehrst Gott durch deine Übertretung des Gesetzes? Denn euretwegen wird der Name Gottes gelästert unter den Heiden, wie geschrieben steht. Die Beschneidung hat Wert, wenn du das Gesetz erfüllst. Wenn du aber ein Übertreter des Gesetzes bist, so wird deine Beschnittenheit gleich Unbeschnittenheit.

Eine anstößige, verwunderliche, unanschauliche Mitteilung von der andern Seite: Hier sind die Wachenden, und in Gottes Urteil sind sie Schlafende, die Gläubigen und sind ungläubig, die Gerechten und sind ungerecht. Hier ist Eindruck von Offenbarung und – Welt ist Welt auch hier. Menschengerechtigkeit muss auch von dieser Möglichkeit, die im Gerichte Gottes eintreten kann, Kenntnis nehmen.

«Du nennst dich einen Juden.» Du bist nicht der erste Beste. Du hast eine Vergangenheit hinter dir und doch wohl auch eine entsprechende Zukunft vor dir. Dein Leben steht in einem Zusammenhang, der erwarten lässt, du werdest eine Ausnahme bilden in der Welt des Fleisches. Du hast den Namen, dass du lebest [vgl. Apk. 3,1] – 46 im Gegensatz zu den vielen, denen man diesen Namen wirklich nicht geben kann. «Du verlässest dich auf das Gesetz.» Du bist umgeben |104 von Spuren des lebendigen Gottes22, du bemühst dich, sie dir als solche deutlich zu erhalten. Du freust dich der Autorität, die das, was du von Gott weißt, über dich hat und die es dir gibt – im Gegensatz zu dem Chaos der Meinungen und Maßstäbe da draußen. «Du rühmst dich Gottes.» Wie solltest du es nicht tun, da du ja tatsächlich einen Eindruck von ihm, eine Erinnerung an ihn hast, da ja dein Blick unablässig und unter Gebet dorthin gerichtet ist, wo in der Tat Gott stehen müsste – im Gegensatz zu den Zweiflern und Atheisten, die behaupten, dass dort, wo du hinblickst, ein leerer Fleck sei. «Du kennst den Willen Gottes.» Du weißt auch das, dass die Erinnerung an Gott Gehorsam bedeutet, dass von dorther, wo du unablässig hinblickst, ein Eingriff in dein Leben, ein Angriff auf die Welt ausgehen müsste, und du weißt, in welcher Richtung das zu geschehen hätte. Du bist nicht ohne die Unruhe, dass etwas getan werden sollte, und nicht ohne den Eifer, tatsächlich allerlei zu tun – im Gegensatz zu den Gedankenlosen, die sich von dumpfer Schicksalsmacht treiben lassen. «Du hast Einsicht in das, worauf es ankommt.» Du hast einen ererbten und erworbenen Sinn für das Wesentliche, für die historischen und psychologischen Nuancen, für das Echte, Bezeichnende, Wichtige und besonders für alles Verdächtige und Gefährliche. Du hast immer eine geistreiche Anmerkung zu machen, immer ein zutreffendes Urteil abzugeben. Du weißt deine Stellung unter trefflicher Begründung gegen andre abzugrenzen. Du siehst tief, denn du bist tief – im Gegensatz zu den tausend Oberflächlichen, den Dilettanten des Lebens23. – Kurz, du hast viel. Was wolltest du mehr haben? Was könnte ein Mensch noch haben, das du nicht hättest? Groß ist die dir gebotene Gelegenheit, groß der Reichtum der Güte Gottes über dir, groß das Ansichhalten seines Zornes über dir, groß seine Geduld (2,4; 3,2; 4,11; 9,4–5). Groß ist offenbar das, was von dir erwartet wird.

Und nun «traust du dir zu, ein Führer der Blinden zu sein». Du fühlst nicht mit Unrecht, dass du eine Mission hast. Du vergleichst dich und deinen Eindruck von Offenbarung mit den vielen, die sol|105chen Eindruck nicht haben. Du empfindest in diesem Gegensatz deine Berufung. Du ahnst das Vorhandensein eines göttlichen Planes, einer Teleologie, in der du eine entscheidende Rolle zu übernehmen hast. Du übernimmst sie, du hast sie schon übernommen, zuversichtlich und im Bewusstsein einer heiligen Verpflichtung. Deinen Eindruck von Offenbarung, den du so ernsthaft und begeistert 47 hast («im Gesetz die vollkommene Ausprägung der Erkenntnis und der Wahrheit»), du möchtest ihn auch den andern, den Blinden, den in Finsternis Wandelnden, den Unverständigen und Unmündigen vermitteln, du möchtest ihn fortsetzen, verbreitern, propagieren, auswalzen, damit er Besitz möglichst vieler werde. Kraft dessen, h-was du bist und was du hast-h, fühlst du dich gedrängt zum Handeln, eingesetzt als Gottes Mitarbeiter.

Aber «der du den andern belehrst, dich selbst belehrst du nicht?» Mission setzt eine Sendung voraus, Belehrung ein Belehrtsein, Austeilen ein Empfangenhaben. Was ist’s denn mit dem Haben des Gesetzes, wenn es nicht getan wird, wenn Gott sich nicht bekennt zu diesen Habenden? Mit dem Eindruck von Offenbarung, wenn die Offenbarung selbst nicht weiter geht? Mit der Blickrichtung dorthin, wo Gott stehen würdei, wenn er gar nicht mehr dort steht? Was hilft dir im Gericht dein Wohnen am Kanal, wenn er leer ist? Und könnte er nicht leer sein? Wer bist du denn? Was hast du denn? Woher kommst du denn? Was ergießest du dich denn so nach allen Seiten? Was ist’s denn mit dem neuen Geist, den du in andern pflanzen willst? Auch dein Eindruck von Offenbarung, deine Ergriffenheit, dein Erlebnis, deine Begeisterung ist Fleisch, ist von dieser Welt. Wird gerade deine religiöse Weltlichkeit den Zorn Gottes weniger zu fürchten haben als andre? Ist’s nicht Gefangenhaltung der Wahrheit, Vertauschung des Unvergänglichen mit dem Abbild des Vergänglichen [vgl. 1,18.23] hier wie dort? Was bist du, wenn Gott selbst nicht für dich eintritt? Wenn er das «Werk» nicht findet bei dir, im Verborgenen deines Herzens: das Gebet des Zöllners [vgl. Lk. 18,13], die Bitte des verlorenen Sohnes [vgl. Lk. 15,21], das Schreien der Witwe vor dem ungerechten Richter [vgl. Lk. 18,3]? Dann steht dein Tun da als das, |106 was es ist: deine Rechtlichkeit als Diebstahl (wer stiehlt nicht?), deine Reinheit als Ehebruch (wann wäre Sexualität rein?), deine Frömmigkeit als eitle Anmaßung (denn welcher Fromme träte Gott nicht zu nahe?). Oder lohnt es sich etwa, im Gerichte Gottes die Stufen höherer und niederer Weltlichkeit zu unterscheiden? Fehlt deinem Leben die Rechtfertigung, die nur Gott selbst ihm geben kann, dann fehlt ihm jede Rechtfertigung. Hast du nicht mehr aufzuweisen als deinen Eindruck von Offenbarung, dann hast du gar nichts aufzuweisen. Berufst du dich nur auf deinen Glauben, so kannst du dich auf gar nichts berufen. Ist Gott nicht für dich, so ist alles wider dich [vgl. 8,31].

Und noch mehr: «Du rühmst dich des Gesetzes und entehrst Gott durch die Übertretung des Gesetzes.» Ist Gott nicht für dich, so kannst du auch nicht für ihn, sondern nur gegen ihn sein. Denn die Welt ist scharfsichtig. Sie wird deine vermeintliche Überlegenheit nicht gelten lassen. Sie wird 48 dich bald als Fleisch von ihrem Fleisch und Bein von ihrem Bein erkennen [vgl. Gen. 2,23]. Bist du selber verwerflich, so kannst du auch nicht handeln, wirken, anleitenj für Gott. In ihr Gegenteil verkehrt sich dann die Stellung, die du nicht mit Unrecht eigentlich einnehmen möchtest. Das Gegenteil von Mission treibst du, indem du Mission treibst, ohne gesendet zu sein. Denn wo Gesetz ist, da erwartet die «Welt» nun einmal Tun des Gesetzes; wo Eindruck von Offenbarung ist, da sucht sie Offenbarung selbst. Sie glaubt ja mit Langmut immer wieder an den höhern Anspruch, den die Gotteskinder in ihrer Mitte erheben. Sie wäre für Realitäten durchaus nicht unempfänglich. Wohl aber ist sie unempfänglich für Illusionen. Sieht sie sich getäuscht in den Berufenen und Erleuchteten, merkt sie wieder einmal, dass ihr doch nur potemkinsche Dörfer24 vorgezaubert werden, ist es nichts Anderes, nichts Neues, nichts Bezwingendes, was ihr in den Gotteskindern entgegentritt, dann wendet sie sich nach kurzem Staunen von dem befremdlichen Schauspiel |107 nichtwirklicher Gottesgemeinschaft ab und fühlt sich als «Welt» aufs neue bestärkt und gerechtfertigt. Mit richtigem Instinkt für die Wahrheit lässt sie sich nichts vormachen, verwahrt sie sich dagegen, sich zu dem «Gott» der Frommen bekehren zu lassen. «Gott» ist eben Ideologie, wo Menschen den Standpunkt Gottes einnehmen ohne Gott, wo Gott selber, Gott allein nicht eins und alles ist, sondern Menschen, wenn auch im feinsten, edelsten Sinn mit Gott etwas sein und etwas machenk wollen. Der Einwand, der Protest gegen «Gott» hat recht, wo nur leere Kanäle Gottes zu sehen sind. Aber wo bleiben dann die Mitarbeiter Gottes? «Um euretwillen wird der Name Gottes gelästert unter den Heiden» (Jes. 62,5). Die Erwählten, die Gotteskinder sind es, die das Reich Gottes aufhalten! Sollte uns diese Möglichkeit nicht zu denken geben in jedem Augenblick, wo wir versucht sind, aus der Prophetie der Wartenden und Eilenden [vgl. 2.Petr. 3,12] eine letzte höchste Menschengerechtigkeit zu machen? Diese Möglichkeit, die ja längst und weithin Wirklichkeit ist!

«Wenn du aber ein Übertreter des Gesetzes bist, so wird deine Beschnittenheit gleich Unbeschnittenheit.» Unvermeidlich bricht dann der Relativismus herein: Der Eindruck von Offenbarung, den die Gotteskinder haben, wird zu einem menschlichen, weltlichen Wert neben andern. Ihr Anspruch auf einen absoluten Vorzug ihrer Stellung vor andern ist erledigt. Ihre Religionen, Sittlichkeiten und Weltanschauungen sind kommende und gehende Größen. Ihre Kirchengeschichte wird profan, kommt unter das Zeichen: «Der echte Ring vermutlich ging – verloren! «25 Denn wo Gott den Wert nicht findet, den er schätzt und entsprechend «bezahlt» (2,6), da können die menschlichen Vor49zugsstellungen nichts Besonderes bedeuten. Die Unreinheit und Unheiligkeit, die er «im Verborgenen der Menschen» findet, entwerten notwendig den Eindruck von Offenbarung, den Menschen bei sich selbst oder andre bei ihnen vorfinden mögen. Die Gottesstreiter ohne Gott gleichen dem Wanderer, der beim Wegweiser stehen bleibt, statt den gewiesenen Weg zu gehen. Sinnlos ist der Wegweiser geworden, sinnlos ihr Glaube, ihr Beten, ihre biblische |108 Haltung. Das Sakrament der Beschneidung bei den Juden und jedes andre Sakrament ist nicht mehr Gemeinschaft mit Gott, sondern (Zwingli und der Liberalismus behalten unter dem Zorne Gottes recht!) es bedeutet sie nur noch26. Der Krater, um den die Heiligen wartend sitzen, ist ausgebrannt. Die heilige Form ist nur noch als Form heilig, und keine Vergeistigungsversuche werden der fortschreitenden Entleerung auch dieser Heiligkeit wehren können. Beschnittenheit ist tatsächlich gleich Nicht-Beschnittenheit, Glaube gleich Unglaube, Gottseligkeit gleich Gottlosigkeit.

So ist die Menschengerechtigkeit auch in ihrem eigenen Hause angegriffen. Sie könnte sich irren – nicht nur im Blick auf die da draußen, die «Heiden» (2,14–16), sondern auch im Blick auf sich selbst. Sie kommt im Gerichte Gottes gründlich ins Wanken. Es gibt keinen Anspruch, kraft dessen etwas Menschliches in dieser Welt nicht auch von dieser Welt wäre [vgl. Joh. 17,11.16].

V. 26‒29 Wenn nun ein Unbeschnittener die Ordnungen des Gesetzes hält, wird dann nicht seine Unbeschnittenheit tatsächlich als Beschnittenheit verrechnet werden? Und dann urteilt der in seinem Naturzustand betrachtet Unbeschnittene, der aber am Ziel des Gesetzes steht, über dich, der trotz Buchstabe und Beschneidung Übertreter des Gesetzes ist. Jude ist nicht mehr, der es bekannterweise ist, und Beschneidung nicht das, was bekannterweise in der Fleischeswelt geschieht, sondern das ist der Jude, der es im |109 Verborgenen ist, und das ist seine Beschneidung, was am Herzen geschieht, im Geist, nicht nach dem Buchstaben – dessen Belohnung nicht von Menschen, sondern von Gott kommt.

Eine letzte Möglichkeit ist aufgetaucht. Der Ring von Ursache und Wirkung, Abfall und Sturz ist in der Tat unentrinnbar geschlossen. Es könnte aber dieser Ring als Ganzes eingeschlossen und getragen sein von einem unbegreiflichen göttlichen Erbarmen. Menschengerechtigkeit an sich ist Einbildung; es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt. Es könnte aber eine Gerechtigkeit vor Gott und von Gott her geben. Es gibt keine sichtbaren Kreise von Heiligen, Ausgenommenen, Helden, Übermenschen27 und Gerechten, gebildet durch den Besitz von Gesetz, Offenbarungseindruck, Gesinnung, Moral und Sakrament. Es könnte aber einen neuen Menschen geben, jenseits 50 aller Gegensätze, von Gott und nach Gott geschaffen [vgl. Eph. 4,24]. «Unbeschnittenheit als Beschnittenheit verrechnet?!» Also Gottlosigkeit von Gott als Frömmigkeit «bezahlt» mit ewigem Leben? Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit eingetragen in Gottes Bücher als Ehrfurcht und Demut? Die verlorene Welt in Gottes Gericht freigesprochen und gerettet? Also auch aller menschliche Glaube als solcher von Gott nicht anerkannt, sondern «verschlossen unter den Unglauben – auf dass er sich aller erbarme» (11,32)? Ohne alles Verdienst, ohne alle anschauliche Begründung, ohne alle menschliche Möglichkeit, etwas dafür oder dagegen zu tun! Ein unfassbares Hereinbrechen Gottes selbst, des unbekannten Gottes in den uns bekannten Zusammenhang der Dinge, die unmögliche Möglichkeit der neuen Welt! Unmöglich bei den Menschen, möglich bei Gott [vgl. Mt. 19,26 par.]! Gott verrechnet nach seinem Maßstab. Gott führt hier Ungläubige an das «Ziel des Gesetzes», in das Licht seiner Gemeinschaft, und lässt dort Gläubige stehen in der Welt, die im Argen liegt [vgl. 1.Joh. 5,19]. Er geht an allem vorbei, was «bekannterweise», was dinglich und anschaulich geschieht, und richtet im Verborgenen nach seinem Recht. Gott ist der Geist, der in den Herzen wohnt oder auch nicht wohnt, ganz unabhängig von dem, was nach dem Buchstaben menschlicher |110 Tafeln zu erwarten oder nicht zu erwarten ist. Gott belohnt, was er belohnen will, er selbst, er allein. Was wollen wir dazu oder dagegen sagen? Hat Gott etwa nicht recht? Kennen wir ein besseres Recht, das wir seinem Recht entgegenzustellen hätten? Ist Gott nicht die ewige Wahrheit unsres Lebens, indem er seine Krisis ist? Was wollen wir denn mit unsern Wahrheiten? Gottes Ehre will leuchten, Gottes Gerechtigkeit sich offenbaren, darum muss die Pragmatik seines Tuns so unanschaulich, so unerhört sein. Gott lebt nicht von dem Recht, das wir ihm geben; er ist Gott eigenen Rechtes. Gott ist nicht Grund neben Gründen, nicht Antwort, die wir am Ende doch wieder selbst zu geben vermöchten – darum sein unkenntliches, unbegründetes Auftreten, sein Richten nach eigenem Recht. Es gibt einen Anspruch auf Errettung vom Zorne Gottes: da, wo aller Anspruch aufgegeben, von Gott selbst niedergeschlagen ist, da, wo Gottes Nein als endgültig, Gottes Zorn als unentrinnbar, Gott als Gott erkannt ist. Da, wo die Geschichte zwischen Gott und Mensch beginnt, von der keine Geschichte zu erzählen ist, weil sie nur geschieht, ewig geschieht. Da, wo der Mensch es wagt – aber auch das ist kein Rezept für die Seligkeit, sondern ihr ewiger Erkenntnisgrund –, sich in die Luft zu stellen28 und den unerforschlichen Gott zu lieben. Darum handelt es sich in Jesus Christus.

Textkritische Fußnoten

a
2. Abdruck (19233): «aufzunehmen».↩
b
1. Abdruck (19222): «Distanzen».↩
c
Druckmanuskript: «nicht!»↩
d
1. Abdruck (19222): «Er».↩
e
Druckmanuskript: «Wahrheit».↩
f
Druckmanuskript: «‹Gesetzes›».↩
g
Druckmanuskript: «der».↩
h-h
1. Abdruck (19222): «was du bist und hast». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
i
Druckmanuskript: «müsste».↩
j
Druckmanuskript: «arbeiten».↩
k
1. Abdruck (19222): «sein und machen». Korrektur in Barths Handexemplar.↩

Sachfußnoten

1
Der Ausdruck stammt aus dem Roman Helmut Harringa von Hermann Popert, Dresden 1910 (191631 – Seitenzählung jeweils unverändert), S. 45 📖: «Helmut Harringa [...] hat erkannt, wozu er auf dieser Erde ist. [...] In heiliger Ergriffenheit hebt er die rechte Hand. [...] Und kein Ohr auf Erden hört es, wie seine Lippen klar und schlicht den Fahneneid sprechen: ‹Ich will ein Krieger sein im Heere des Lichts.›» Wiederholt auf S. 175. Ob Barth den Ausdruck aus eigener Lektüre des Buches gekannt hat, lässt sich nicht mehr feststellen. Vgl. auch Barth, Konfirmandenunterricht, S. 134 📖; ders., Predigten 1920, hrsg. von H. Schmidt (Gesamtausgabe, Abt.I), Zürich 2005, S. 311 📖.↩
2
Vgl. J. W. von Goethe, Epilog zu Schillers «Glocke», V.31f. 📖:
Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine,
Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.
↩
3
Nach Hesiod, Opera et dies, 171 📖; vgl. Büchmann, S. 70 📖.↩
4
Vgl. den Refrain des Chorals «Sollt’ ich meinem Gott nicht singen» von P. Gerhardt, GERS (1891) 3; RG (1998) 724; EG 325 🎵: «Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb’ in Ewigkeit». Vgl. auch Pred. 3,1.↩
5
Nach dem Rechtsgrundsatz «Beati possidentes», dessen Formulierung auf ein Fragment aus der «Danaë» des Euripides 📖 zurückgeht; vgl. Büchmann, S. 314 📖.↩
6
Zu den Stichworten «Gebrochenheit» und «Haltung des biblischen Menschen» vgl. K. Barth, Biblische Fragen, Einsichten und Ausblicke (1920), W.G.Th., S. 70–98, bes. S. 76f.86f. 📖 = Anfänge I, S. 49–76, bes. 55f.64f. 📖↩
7
Vgl. Barths Brief an Thurneysen vom 17.11.1920, Bw.Th.I, S. 442 📖: «Ich mache deine Anmerkungen alle nutzbar. Neben Franz [v. Assisi] habe ich 2,1–13 auch noch Tolstoj aufmarschieren lassen.»↩
8
Vgl. M. Luther, Brief an Georg Spenlein, Augustiner in Memmingen, vom 8.4.1516, WA.B 1, 35,29 📖: «Christus enim non nisi in peccatoribus habitat.»↩
9
Unter dieser Bezeichnung wurden in der spätorthodoxen lutherischen Dogmatik die einzelnen Elemente und Stufen des Gnadenempfangs zusammengefasst. In der weiteren Lehrentwicklung erfolgte «insofern eine Akzentverschiebung, als sich im Pietismus [...] die Neigung verstärkte, die Heilsordnung als ein zeitliches Nacheinander von verschiedenen Stufen und notwendigerweise zu durchlaufenden Erlebniszuständen auszugeben» (G. Hornig, Lehre und Bekenntnis im Protestantismus, in: Handbuch der Dogmen- und Theologiegeschichte, hrsg. von C. Andresen, Bd. 3, Göttingen 1984, S. 71–287, dort S. 85 📖). Vgl. auch K. von Hase, Hutterus redivivus oder Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche. Ein dogmatisches Repertorium für Studirende, Leipzig 186210, S. 293–304 📖; Chr. E. Luthardt, Kompendium der Dogmatik, Leipzig 18734, S. 202–205 📖;K. Barth, Moderne Theologie und Reichsgottesarbeit (1909), V.u.kl.A. 1905-1909, S. 334–366, dort S. 343 📖.↩
10
Vgl. die Schlusszeile der vorletzten Strophe in Fr. von Schillers Gedicht «Resignation» 📖: «Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.»↩
11
Anspielung auf Fr. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799) 📖.↩
12
Vgl. Barths Brief an Thurneysen vom 12.11.1920, Bw.Th.I, S. 441 📖: «Beachte das ἀποδώσει V. 6 mit seinem alttestamentlichen (resp. LXX) Hintergrund und neuer Übersetzung.» In Römerbrief I 📖 hatte Barth übersetzt (S. 47): «welcher vergelten wird einem jeden».↩
13
Zahn, S. 113–115 📖: «die Denkart und Lebensanschauung des Taglöhners, welcher ohne die Hingebung des Eigentümers (cf Jo 10,12) seine Arbeit lediglich um des Lohnes willen zu tun pflegt, den er schon am Abend ausbezahlt bekommt (Mt 20,8).» Der Ausdruck «knechtische Gesinnung» lässt sich bei Zahn nicht nachweisen, nur S. 115: «Aus dieser selbstsüchtigen und überhaupt niedrigen Gesinnung», und wiederholt «gemeine Gesinnung»; S. 116: «niedrige, selbstsüchtige und kurzsichtige Gesinnung».↩
14
«Maske» ist die Grundbedeutung von «persona» und ebenfalls eine Bedeutung von πρόσωπον.↩
15
Anspielung auf eine Äußerung von Claus Harms über die Wirkung von Schleiermachers Reden auf seine religiöse Entwicklung; vgl. Cl. Harms, Lebensbeschreibung (verfasset von ihm selber), mit den 95 Thesen des Verfassers (Bibliothek theologischer Klassiker, Bd. 7), Gotha 1888, S. 80 📖: Nach der intensiven Lektüre der Reden «legte ich das Buch hin, ging um den Kleinen Kiel, den einsamen Gang, den Gang der Stillen in der Stadt, und auf diesem Gange war’s, daß ich wie mit einem Male allen Rationalismus und alle Ästhetik und alles Selbstwissen und alles Selbsttun in dem Werke des Heils als nichtig und als ein Nichts erkannte, und mir die Notwendigkeit wie einblitzte, daß unser Heil von anderer Herkunft sein müßte. Ist dieses wem mysteriös, mystisch, und diese Erzählung eine Mythe, ein Phantasma, so nehm’ er’s so; ich kann’s nicht deutlicher geben, hab’ aber daran, was ich die Geburtsstunde meines höhern Lebens nenne; doch richtiger gesagt: die Todesstunde meines alten Menschen nach seiner Erkenntnis in göttlichen Dingen, anders gesprochen, wie Stilling gesprochen von dem Eindruck, den Herder auf ihn gemacht habe: ich empfing von diesem Buch den Stoß zu einer ewigen Bewegung.»↩
16
Zu der hier vorausgesetzten Auffassung des Menschenbildes Dostojewskis und dem theologischen Verständnis dieses Bildes vgl. E. Thurneysen, Dostojewski, München 1921, S. 21 📖: «Wo [...] die Einsicht in die ganz besonders tiefe Gefangenschaft des Mannes als Mann und des Weibes als Weib sich Bahn bricht, da ist der Schritt nicht mehr weit zu dem Seufzen nach einer neuen, ganz und gar andern Gestalt des Menschen, wo weder Mann noch Weib sein wird. In diesem Seufzen aber liegt Gotteserkenntnis, denn das ist das Seufzen nach etwas, das keinem Übergriff des Menschen mehr zugänglich ist, das Seufzen nach Auferstehung.» – S. 32: «Und das ist im wesentlichen das Bild, das wir von allen Gestalten Dostojewskis empfangen, sein Bild des Menschen überhaupt. Krank scheinen sie alle, diese Menschen, wie an einer geheimen Wunde, an der tiefen, bohrenden Frage ihres Lebens, die sie nicht beantworten können, bis sie eben in ihrem Kranksein an einer letzten Frage den Sinn des Lebens erkennen.»↩
17
Vgl. unten S. 519, Anm. 18.↩
18
Siehe oben S. 99, Anm. 16.↩
19
Anspielung auf den Titel von F. M. Dostojewskis Roman Преступление и наказание (Verbrechen und Strafe), der durch mehrere Übersetzer ungenau als Schuld und Sühne 📖 übersetzt worden ist.↩
20
Vgl. Strophe 4 des Chorals «Nach einer Prüfung kurzer Tage» von Chr. F. Gellert, GERS (1891) 348 🎵:
Da werd’ ich das im Licht erkennen,
Was ich auf Erden dunkel sah,
Das wunderbar und heilig nennen,
Was unerforschlich hier geschah;
Da denkt mein Geist mit Preis und Dank
Die Schickung im Zusammenhang.
↩
21
Anspielung auf den Titel von Fr. Nietzsches Schrift Jenseits von Gut und Böse (1886) 📖.↩
22
Möglicherweise Anspielung auf den Titel der Autobiographie des Pastors und Volksschriftstellers Otto Funcke (1836–1910) Fußspuren des lebendigen Gottes in meinem Lebenswege, 2 Bde., Altenburg 1898/1900 📖.↩
23
Vermutlich Anspielung auf den Titel von Cl. Viebigs Roman Dilettanten des Lebens (1897) 📖.↩
24
Trügerische Vorspiegelungen oder «Luftschlösser»; vgl. Büchmann, S. 657f. 📖 Als Fürst Grigori A. Potemkin 1787 die Krim erobert hatte und die Kaiserin Katharina die Große das neu erworbene Gebiet besuchen wollte, «suchte er sie durch schnell aufgebaute Dörfer und militärische Schauspiele über dessen wahren Zustand zu täuschen».↩
25
G. E. Lessing, Nathan der Weise, 3. Aufzug, 7. Auftritt, V.509f. 📖↩
26
Anspielung auf Zwinglis Interpretation des Satzes «Hoc est corpus meum» im Abendmahlsstreit; vgl. z. B. dessen Ad Matthaeum Alberum de coena dominica epistola (1524): H. Zwingli, Sämtliche Werke, Bd. 3 (= CR 90), Leipzig 1914, S. 344, Z.9 – S. 345, Z.3; S. 345, Z.22–30 📖: «Nos cardinem huius rei in brevissima syllaba versari arbitramur: videlicet in hoc verbo ‹est›, cuius significantia non perpetuo pro ‹esse› accipitur, sed etiam pro ‹significare›.» «Nunc Christi verbum mihi in manum sume Math. 26: Accepit Iesus panem etc., dicens: Accipite et comedite! Hoc ‹est› corpus meum; Luc. 22: quod pro vobis traditur. Hic mihi pro ‹est› ‹significat› pone: Accipite et comedite! Hoc ‹significat› corpus meum, quod pro vobis traditur. Tunc nimirum iste erit sensus: Accipite et comedite! hoc enim, quod nunc facere iubeo, significabit vobis aut rememorabit corpus meum, quod iamiam pro vobis traditur.» Mit der Zusammenstellung weist Barth darauf hin, dass in der liberalen Theologie eine Sakramentsauffassung vertreten wird, welche der Zwinglis gleicht; vgl. z. B. P. Wernles Kritik an dem von Barth in Römerbrief I 📖 vertretenen «Taufsakramentalismus» (Wernle, S. 169 📖).↩
27
Vgl. Nietzsche, Zarathustra, z. B. Zarathustra’s Vorrede 3, NW, S. 13 📖 (NWKG, S. 8, Z.13–15 📖): «Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?»↩
28
Vgl. Overbeck, Christentum und Kultur, S. 77 📖 (OWN 6/1, S. 110 📖): «daß wir Menschen überhaupt nur vorwärts kommen, indem wir uns von Zeit zu Zeit in die Luft stellen und daß unser Leben unter Bedingungen verläuft, die uns nicht gestatten, uns dieses Experiment zu ersparen». Die Passage ist in Barths Exemplar unterstrichen, am Rand angestrichen und mit einem Kreuz markiert. Bei Overbeck ist der Kontext: Das Festhalten an der Bibel ist fatal für den Glauben. Um von der religiösen Überschätzung der Bibel wegzukommen, muss die Menschheit sich «in die Luft stellen» (wie beim «Uebergang vom Alten Testament zum Neuen»). Vgl. auch Barth, Unerledigte Anfragen, S. 7.13. 📖↩