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        <title type="volume" n="vol-47">Der Römerbrief 1922</title>
        <title type="content">2. Kapitel: Menschengerechtigkeit</title>
        <title type="citation_line_1">2. Kapitel: Menschengerechtigkeit, in: Der Römerbrief 1922, 1922</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47010 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Der Römerbrief 1922, hrsg. v. van der Kooi, Cornelis / Tolstaja, Katja (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2010, S. 83–110.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Der Römerbrief 1922</title>
          <title type="text">2. Kapitel: Menschengerechtigkeit</title>
          <editor>van der Kooi, Cornelis</editor>
          <editor>Tolstaja, Katja</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2010</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 83–110</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Der Römerbrief, 4.-7. Tsd., Zweiter Abdruck der neuen Bearbeitung, München 1923 </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Karl Barth: Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, München 1922 Urtext</bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, 1921. Druckmanuskript<ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/91174">KBA 12375</ref>. </bibl>
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        <head>2. Kapitel<lb/>
            MENSCHENGERECHTIGKEIT</head>
            <head><hi rend="smallCaps">Der Richter</hi></head> 
            <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.1 Röm.2.13">2,1–13</ref></head>
            
        <p><hi rend="italic"> Wessen</hi> Lage ist es, die als «Enthüllung des Zornes Gottes» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">1,18</ref>) begriffen werden muss<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/>? <hi rend="italic">Wessen</hi> Gott ist Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>, der bekannte Gott dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt, Gott dieser W."/>? <hi rend="italic">Wer</hi> ist ehrfurchtslos<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> und unbotmäßig<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/> und damit von Gott preisgegeben? Ist vom Menschen<term type="begriffe" key="Mensch"/> überhaupt, von jedem Menschen die Rede? Ist die Schranke<term type="begriffe" key="Schranke"/>, die als solche nicht anerkannt ist und darum Schranke bleibt, und die diesem Gottesverhältnis entsprechende Entleerung und Verfinsterung des Lebens die Voraussetzung, von der wir alle herkommen? Oder ist doch nur von bestimmten, wenn auch von den meisten Menschen die Rede? Ist der Zorn Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> doch nur eine geschichtlich und seelisch<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> bedingte Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> neben andern? Gibt es in der Nacht des göttlichen Zorns nicht auch Kämpfer im Heere des Lichts<term type="begriffe" key="«Kämpfer im Heer des Lichts»"/><note xml:id="n01"> Der Ausdruck stammt aus dem Roman <bibl corresp="kbga-bibls-3530"><hi rend="italic">Helmut Harringa</hi> von <persName ref="kbga-actors-3912">Hermann Popert</persName>, Dresden 1910 (1916<hi rend="sup">31</hi> – Seitenzählung jeweils unverändert), S. 45</bibl>: «Helmut Harringa [...] hat erkannt, wozu er auf dieser Erde ist. [...] In heiliger Ergriffenheit hebt er die rechte Hand. [...] Und kein Ohr auf Erden hört es, wie seine Lippen klar und schlicht den Fahneneid sprechen: ‹Ich will ein Krieger sein im Heere des Lichts.›» Wiederholt auf S. 175. Ob <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> den Ausdruck aus eigener Lektüre des Buches gekannt hat, lässt sich nicht mehr feststellen. Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-1641">Barth, Konfirmandenunterricht, <ref type="pub-" target="../volume/18/p134#p134">S. 134</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3212">ders., <hi rend="italic">Predigten 1920</hi>, hrsg. von H. Schmidt (Gesamtausgabe, Abt.I), Zürich 2005, <ref type="pub-" target="../volume/42/p311#p311">S. 311</ref></bibl>.</note>, die als solche nicht mehr im Dunkeln sind? Gibt es neben Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> und Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/> nicht auch eine Gerechtigkeit der Menschen<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, des Menschen"/>? Ist nicht viel Ehrfurcht und Demut<term type="begriffe" key="Ehrfurcht und Demut"/> denkbar und vorhanden, kraft welcher der Mensch eine höhere Stufe des Daseins<term type="begriffe" key="Dasein, höhere Stufe des D.?"/> einnimmt, auf welcher stehend er jener allgemeinen Todeswürdigkeit<term type="begriffe" key="Tod"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.32">1,32</ref>) entnommen ist? Ist nicht auch der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, geschichtlich und seelisch"/> eine geschichtliche und seelische<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, geschichtliche,, und seelische"/>? Wird nicht der Glaubende in die Lage versetzt sein, sich kraft seines Glaubens dem, <pb ed="pga" xml:id="p084"/> was uns alle bändigt<note xml:id="n02"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1871"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Epilog zu Schillers «Glocke»</hi>, V.31f.</bibl>: 
                <q rend="block">
                    <lg>
                        <l>Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine,</l> 
                        <l>Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.</l></lg></q></note>, zu entziehen, sich der Last der Gottesfremdheit dieser Welt zu entledigen, einen dem Gewöhnlichen und Allgemeinen entgegengesetzten Boden zu gewinnen, von dem aus er («Wir aber») vielleicht bedauernd und teilnahmsvoll, aber doch grundsätzlich nicht mehr beteiligt, hinüberblicken kann und darf zu denen, die noch nicht in seiner Lage sind, die «es» noch nicht begriffen und sich angeeignet haben? Sollte nicht durch das Hören der längst verkündigten Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> Gottes eine Insel der Seligen<term type="begriffe" key="Insel, der Seligen"/><note xml:id="n03"> Nach <bibl corresp="kbga-bibls-3531"><persName ref="kbga-actors-4246">Hesiod</persName>, <hi rend="italic">Opera et dies</hi>, 171</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 70</bibl>.</note> entstanden sein mitten im Meer der Unseligkeit? Gibt nicht die vorstellbare Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>,
            dem unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName>, <persName ref="kbga-actors-2198">Isaaks</persName> und <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName> die Ehre zu geben, die ebenso vorstellbare Möglichkeit an die Hand, dem lastenden Zorne Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> entronnen zu sein? Eröffnet <pb ed="A" n="31"/> nicht der denkbare Ausnahmefall, dass ein Mensch sich in die göttliche Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, göttliche"/> unsres Da-Seins und So-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen in der göttlichen Krisis"/> aufrichtig hineinstellt und so Gottes Mitkritiker wird, diesem Menschen den Ausweg aus der Finsternis? Oder sollte wirklich jener Ring von Ursache und Wirkung<term type="begriffe" key="Ursache, und Wirkung"/>, Abfall<term type="begriffe" key="Abfall, und Sturz"/> und Sturz unentrinnbar geschlossen sein, immer und überall bezeichnend für den Menschen als Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, als Mensch"/>, für die Welt als Welt<term type="begriffe" key="Welt"/>?</p>
            <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.1 Röm.2.2">V. 1‒2</ref> Darum hast du doch keine Entschuldigung, o Mensch, wer du auch seist, mit deinem Urteil. Denn indem du über den andern urteilst, verurteilst du dich selbst, treibst du doch, indem du urteilst, in der gleichen Richtung. Wir wissen aber, dass Gottes Urteil nach</hi>
            dem Maßstab <hi rend="bold">der Wahrheit erfolgt über alles, was in jener Richtung treibt.</hi></p>
            <p><hi rend="italic">«Keine Entschuldigung»</hi>, kein Grund und keine Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, sich auszunehmen<note n="a" type="textcritical" xml:id="na"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «aufzunehmen».</note>, weder für die Nicht-Wisser<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/> des unbekannten Gottes<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18 Röm.1.19">1,18f.</ref>) – noch für die Wissenden! Auch die Wissenden gehören der Zeit an, auch sie sind Menschen. Keine Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/>, die den Menschen dem Zorne Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn und Menschengerechtigkeit"/> entrückte! Keine dingliche Größe, keine örtliche Höhe<term type="begriffe" key="Höhe, des Menschen"/>, die ihn vor Gott rechtfertigte<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/>! Keine Verfassung oder Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/>, keine Gesinnung<term type="begriffe" key="Gesinnung"/> oder Stimmung<term type="begriffe" key="Stimmung"/>, kein Einsehen und <pb ed="pga" xml:id="p085"/> Begreifen, das als solches Gott wohlgefällig<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/> wäre! Mensch ist Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, ist M."/> und ist in der Menschenwelt. «Was vom Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/> geboren ist, das ist Fleisch» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.6">Joh. 3,6</ref>]. Alles <hi rend="italic">Ding</hi><term type="begriffe" key="Ding"/> hat seine <hi rend="italic">Zeit.<note xml:id="n04"> Vgl. den Refrain des Chorals <bibl type="song" corresp="kbga-songs-20">«Sollt’ ich meinem Gott nicht singen» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, GERS (1891) 3; RG (1998) 724; EG 325</bibl>: «Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb’ in Ewigkeit». Vgl. auch <ref type="can" subtype="bible" target="Pred.3.1">Pred. 3,1</ref>.</note></hi> Was <hi rend="italic">im</hi> Menschen und <hi rend="italic">durch</hi> den Menschen Sein und Gestalt und Ausdehnung gewinnt, das ist immer, überall und als solches Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> und Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/>. Menschenreich ist nie Gottesreich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/>. Niemand ist ausgenommen, niemand entlastet, niemand entschuldigt. Es gibt keine glücklichen Besitzenden<term type="begriffe" key="Besitz Gottes?"/><note xml:id="n05"> Nach dem Rechtsgrundsatz «<foreign xml:lang="lat">Beati possidentes</foreign>», dessen Formulierung auf ein Fragment aus der <bibl corresp="kbga-bibls-3532">«Danaë» des <persName ref="kbga-actors-2023">Euripides</persName></bibl> zurückgeht; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 314</bibl>.</note>.</p>
        <p><hi rend="italic">«Indem du über den andern urteilst, verurteilst du dich selbst.»</hi> Indem du dich auf einen Standpunkt stellst, setzest du dich selbst ins Unrecht. Indem du «ich» oder «wir» oder «das ist’s!» sagst, vertauschest du die Herrlichkeit des Unvergänglichen mit dem Abbild des Vergänglichen<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.23">1,23</ref>). Indem du dem unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> die Ehre zu geben unternimmst, als unternähmest du etwas <hi rend="italic">Mögliches</hi>, verkapselst du die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> aufs neue. Du nimmst Ehrfurcht und Demut<term type="begriffe" key="Ehrfurcht und Demut"/> als <hi rend="italic">dein</hi> Gutes in Anspruch – und bist eben damit ehrfurchtslos<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> und unbotmäßig<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/>. Du entledigst dich, unter dem Vorwand deiner Einsichten<term type="begriffe" key="Einsicht, und Ausblick"/> und Ausblicke, der Last der Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> – und eben deshalb liegt sie schwerer auf dir als auf jedem andern. Du trennst dich als Wissender des Geheimnisses Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Geheimnis"/> von deinen Brüdern, vielleicht mit dem besten Willen, ihnen zu helfen, nachdem du über sie hinausgeschritten bist – und weißt eben darum von Gottes Geheimnis<term type="begriffe" key="Gott, Geheimnis"/> gar nichts und bist zum Helfen <pb ed="A" n="32"/> der Ungeeignetste. Du siehst fremde Torheit<term type="begriffe" key="Torheit"/> ein als <hi rend="italic">fremde</hi> Torheit – und deine eigene Torheit schreit eben darin zum Himmel. Auch das Neinsagen<term type="begriffe" key="Neinsagen/Neinsager"/>, die Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> in das Paradox<term type="begriffe" key="Paradox, des Daseins/Lebens"/> des Lebens, die Beugung<term type="begriffe" key="Beugung"/> unter Gottes Gericht<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/> <hi rend="italic">ist’s nicht</hi>, auch das Warten<term type="begriffe" key="Warten"/> auf Gott, auch die «Gebrochenheit»<term type="begriffe" key="Gebrochenheit"/>, auch die Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/> des «biblischen Menschen»<term type="begriffe" key="Mensch, «biblischer»"/><note xml:id="n06"> Zu den Stichworten «Gebrochenheit» und «Haltung des biblischen Menschen» vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3533"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <ref type="pub" target="48064"><hi rend="italic">Biblische Fragen, Einsichten und Ausblicke</hi></ref> (1920), W.G.Th., S. 70–98, bes. S. 76f.86f.</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-3572">Anfänge I, S. 49–76, bes. 55f.64f.</bibl></note> <hi rend="italic">ist’s nicht</hi>, sofern sie Haltung<term type="begriffe" key="Haltung, biblische"/>, Standpunkt, Methode<term type="begriffe" key="Methode"/>, System<term type="begriffe" key="System"/>, Sache sein, sofern der Mensch sich damit von andern Menschen ab<pb ed="pga" xml:id="p086" break="no"/>heben will. Auch der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/>, sofern er in irgend einem Sinn mehr als Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/> sein will, ist Unglaube. Denn da ist sie ja wieder, die Sklavenunbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/>, die die aufbrechende Wahrheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/>, die Unruhe<term type="begriffe" key="Unruhe"/> aller Unruhen, darniederhalten will. Da ist sie ja wieder, die Hybris<term type="begriffe" key="Hybris"/>, die Überheblichkeit, die die Distanz<note n="b" type="textcritical" xml:id="nb"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Distanzen».</note> zwischen Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Distanz, zwischen Mensch und Gott"/> verkennt und unfehlbar den Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/> auf den Thron erheben wird. Da ist sie ja wieder, die Identifizierung des Menschen mit Gott, die unvermeidlich seine Isolierung ihm gegenüber nach sich ziehen wird, die Romantik des Unmittelbaren<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit, romantische"/> mit ihrem alten Geschrei: Hier ist der Tempel des Herrn! (<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.7.4">Jer. 7,4</ref>). Eben das, was du jetzt tust, ist der Widerstand des Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, Widerstand gegen Gott"/>, der den Zorn Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn gegen widerständigen Menschen"/> herausfordert. «Indem du über den andern urteilst, verurteilst du dich selbst.»</p>
            <p><hi rend="italic">«Treibst du doch urteilend in der gleichen Richtung.»</hi> Also was von den Menschen überhaupt zu sagen ist, das ist auch von den Gottesmännern<term type="begriffe" key="Gottesmann"/> zu sagen. Sie sind als Menschen nicht anders als andre Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, als Mensch"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.1">1,1</ref>). Es gibt keine besondere Gottesgeschichte als Partikel, als Quantität in der allgemeinen Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>. Alle Religions<term type="begriffe" key="Religionsgeschichte"/>- und Kirchengeschichte<term type="begriffe" key="Kirchengeschichte"/> spielt sich ganz und gar in der Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> ab. Die sog. «Heilsgeschichte»<term type="begriffe" key="Heilsgeschichte"/> aber ist nur die fortlaufende Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> aller Geschichte, nicht eine Geschichte <hi rend="italic">in</hi> oder <hi rend="italic">neben</hi> der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>. Es gibt keine Heiligen<term type="begriffe" key="Heiligkeit"/> unter Unheiligen. Gerade sofern sie es sein wollten, sind sie es nicht. Gerade ihre Kritik<term type="begriffe" key="Kritik"/>, ihr Protest<term type="begriffe" key="Protest"/>, ihre Anklage, sofern sie sie der Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> entgegenschleudern, statt selber darunter zu stehen, stellt sie unvermeidlich in die Reihe. Innerweltlich ist diese Anklage, aus der Not kommt sie, nicht aus der Hilfe, Wort <hi rend="italic">über</hi> das Leben ist sie, nicht das Leben selbst, künstliches Licht in der Nacht, nicht Sonnenaufgang und Tagesanbruch. Gilt auch von <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, dem Propheten<term type="begriffe" key="Prophet"/> und Apostel<term type="begriffe" key="Apostel/Apostelamt"/> des Gottesreiches! Gilt von <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName> wie von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wie von <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName> wie von <rs type="person" ref="kbga-actors-47 kbga-actors-48">Blumhardt</rs>! Gilt auch vom hl. <persName ref="kbga-actors-555">Franziskus</persName>, der an «Liebe», Kindlichkeit und Strenge Jesus weit übertrifft und gerade damit wesentlich als Ankläger wirkt, um von der vernichtenden Heiligkeit<term type="begriffe" key="Heiligkeit"/> <persName ref="kbga-actors-1412">Tolstois</persName> nicht zu reden.<note xml:id="n07"> Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
            <date when="1920-11-17">17.11.1920</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p442#p442">S. 442</ref></bibl>: «Ich mache deine Anmerkungen alle nutzbar. Neben <persName ref="kbga-actors-555">Franz [v. Assisi]</persName> habe ich <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.1 Röm.2.13">2,1–13</ref> auch noch <persName ref="kbga-actors-1412">Tolstoj</persName> aufmarschieren lassen.»</note> Getrieben und treibend schwimmt <hi rend="italic">alles</hi> <pb ed="pga" xml:id="p087"/> Menschliche<term type="begriffe" key="menschlich"/> mit dem Strom, über dem es zu schweben oder dem es gar zu widerstehen scheint. Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> wohnt <pb ed="A" n="33"/> in keinem Sinn unter Gerechten.<note xml:id="n08"> Vgl. <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, Brief an <persName ref="kbga-actors-2507">Georg Spenlein</persName>, Augustiner in Memmingen, vom <date when="1516-04-08">8.4.1516</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-19">WA.B 1, 35,29</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Christus enim non nisi in peccatoribus habitat.</foreign>»</note> Gott allein will recht haben. Und es ist die Tragik aller Gottesmänner<term type="begriffe" key="Gottesmann"/>, dass sie sich, kämpfend<term type="begriffe" key="Kampf, für Gott"/> für Gottes Recht, selber ins Unrecht setzen müssen. Es muss aber so sein; denn die Gottesmänner<term type="begriffe" key="Gottesmann"/> sollen nicht an die Stelle Gottes treten.</p>
        <p><hi rend="italic">«Wir wissen: Gottes Urteil erfolgt nach dem Maßstab</hi><term type="begriffe" key="Maßstab, der Wahrheit"/> <hi rend="italic">der Wahrheit.»</hi> Wirkliche Gottesmänner<term type="begriffe" key="Gottesmann"/> wissen um diese ihre tragische und paradoxe<term type="begriffe" key="Paradox"/> Lage. Sie wissen, was sie tun, wenn sie sich auf einen Standpunkt stellen, wissen, dass es das eigentlich nicht gibt, und halten sich durch ihren Beruf nicht für entschuldigt. Sie wissen, dass der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, geschichtlich-seelisch"/> nur insofern Glaube ist, als er <hi rend="italic">keine</hi> geschichtliche und seelische<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, geschichtliche,, und seelische"/> beansprucht, sondern unsagbare Gotteswirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, göttliche"/> ist. Sie wissen, dass das «vernünftige Schauen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">1,20</ref>) keine Methode<term type="begriffe" key="Methode"/> ist, kein Fündlein, sondern ewiger Erkenntnisgrund<term type="begriffe" key="Erkenntnisgrund"/>. Sie wissen, dass der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, nicht gerecht machend"/> an sich so wenig gerecht macht wie alle andern Menschlichkeiten<term type="begriffe" key="Menschlichkeit"/>. Sie werden sich doch dem Paradox<term type="begriffe" key="Paradox"/> nicht etwa dadurch entziehen, dass sie eine neue Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> und Dinglichkeit<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/> daraus machen! Sie werden doch das göttliche Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> nicht dadurch entkräften, dass sie es in allzu große Nähe ihres eigenen menschlichen Nein bringen! Sie werden doch der Schärfe des Gerichts<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/> nicht dadurch entweichen, dass sie die ihm schuldige Beugung<term type="begriffe" key="Beugung"/> als Station auf einem in der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit"/> zurückzulegenden Heilsweg (<foreign xml:lang="lat">ordo salutis!</foreign><term type="begriffe" key="Heilsordnung/ordo salutis"/><note xml:id="n09"> Unter dieser Bezeichnung wurden in der spätorthodoxen lutherischen Dogmatik die einzelnen Elemente und Stufen des Gnadenempfangs zusammengefasst. In der weiteren Lehrentwicklung erfolgte «insofern eine Akzentverschiebung, als sich im Pietismus [...] die Neigung verstärkte, die Heilsordnung als ein zeitliches Nacheinander von verschiedenen Stufen und notwendigerweise zu durchlaufenden Erlebniszuständen auszugeben» (<bibl corresp="kbga-bibls-3535">G. Hornig, <hi rend="italic">Lehre und Bekenntnis im Protestantismus</hi>, in: <hi rend="italic">Handbuch der Dogmen- und Theologiegeschichte</hi>, hrsg. von C. Andresen, Bd. 3, Göttingen 1984, S. 71–287, dort S. 85</bibl>). Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-1727"><persName ref="kbga-actors-162">K. von Hase</persName>, <hi rend="italic">Hutterus redivivus oder Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche. Ein dogmatisches Repertorium für Studirende</hi>, Leipzig 1862<hi rend="sup">10</hi>, S. 293–304</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1728"><persName ref="kbga-actors-1122">Chr. E. Luthardt</persName>, <hi rend="italic">Kompendium der Dogmatik</hi>, Leipzig 1873<hi rend="sup">4</hi>, S. 202–205</bibl>;<bibl corresp="kbga-bibls-1457"> <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Moderne Theologie und Reichsgottesarbeit</hi> (1909), V.u.kl.A. 1905-1909, <ref type="pub-" target="../volume/21/p334#p334">S. 334–366</ref>, dort <ref type="pub-" target="../volume/21/p343#p343">S. 343</ref></bibl>.</note>) durchmachen, um sie dann <pb ed="pga" xml:id="p088"/> als etwas <hi rend="italic">schon</hi> Durchgemachtes hinter sich zu lassen! Sie werden doch aus der aufbrechenden Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/> der Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> in keinem Sinn einen Schlupfwinkel<term type="begriffe" key="Schlupfwinkel"/> für sich, eine Festung gegen andre machen. Sie wissen, dass Gottes Urteil<term type="begriffe" key="Gott, Urteil"/> nach dem Maßstab der Wahrheit<term type="begriffe" key="Maßstab, der Wahrheit"/> erfolgt. Wer kann da widerstehen, wo der Mensch am Maßstab der Wahrheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/> gemessen wird? Wie und wann und wo sollte da nicht <hi rend="italic">alles</hi> umfallen?</p>
            <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.3 Röm.2.5">V. 3‒5</ref> Rechnest du etwa, o Mensch, mit deinem Beurteilen und deinem Selbermitmachen dieser ganzen Richtung, gerade du werdest dem Urteil Gottes entgehen? Oder missverstehst du den Reichtum seiner Güte und sein Ansichhalten und seine Geduld, merkst nicht, dass die Gottesgüte dich zur Buße treiben will? Dann häufst du mit deiner Hartnäckigkeit und deinem unbußfertigen Herzen einen Schatz von Zorn auf den Tag des Zorns und der Enthüllung des gerechten Gerichtes Gottes.</hi></p>
            <p><hi rend="italic">«Rechnest du etwa, gerade du werdest dem Urteil Gottes entgehen?»</hi> Das wäre die falsche Rechnung menschlicher Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, des Menschen"/>. Eine falsche Buchung<term type="begriffe" key="Buchung"/> gleichsam: was in das Haben Gottes einzutragen wäre, trägt sie in ihr eigenes Haben ein. Was ihr von Gott gegeben ist, das macht sie zu einer <pb ed="A" n="34"/> menschlichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> und Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, menschliche"/>. Was ihr in Ewigkeit geschenkt ist, das beansprucht sie als Recht in der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>. Sie übersieht, wie wenig das sagen will, in dieser Welt auf einer höheren Warte zu stehen<term type="begriffe" key="Höhe, des Menschen"/>. Sie übersieht, dass jetzt und hier eine Frage an sie gerichtet ist, die sie nicht zu beantworten vermag. Sie übersieht, dass die Weltgeschichte<term type="begriffe" key="Weltgeschichte"/> <hi rend="italic">nicht</hi> das Weltgericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> ist<note xml:id="n10"> Vgl. die Schlusszeile der vorletzten Strophe in <bibl corresp="kbga-bibls-1343"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schillers</persName> Gedicht «Resignation»</bibl>: «Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.»</note>. Und indem sie törichterweise nach dem greift, was sichtbar und zeitlich ist, lässt sie fahren, was unsichtbar und ewig ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.18">2.Kor. 4,18</ref>]. Gerade damit, dass sie sich des Glaubens überhebt, als wäre er Menschenwerk<term type="begriffe" key="Werk, des Menschen"/>, steht das Gotteswerk<term type="begriffe" key="Werk, Gottes"/> im Glauben still, kommt auch der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/> unter das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, unter G."/> der Nichtswürdigkeit und Vergänglichkeit<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/> alles Irdischen. Du wirst dem Urteil Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Urteil"/>, das nach dem Maßstab<term type="begriffe" key="Maßstab, der Wahrheit"/> der Wahrheit erfolgt, um so weniger entgehen, je mehr du ihm entgehen willst.</p>
            <p> <pb ed="pga" xml:id="p089" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Merkst du nicht, dass die Gottesgüte dich zur Buße treiben will?»</hi> Wie kommt es denn dazu, dass es überhaupt solche Kämpfer im Heere des Lichts<term type="begriffe" key="«Kämpfer im Heer des Lichts»"/> gibt, Menschen mit Einsichten<term type="begriffe" key="Einsicht, und Ausblick"/> und Ausblicken, Menschen, die wie die Juden zur Zeit Jesu etwas gemerkt haben von den letzten Dingen<term type="begriffe" key="Ding, letzte Dinge"/>, Menschen, denen das Harren<term type="begriffe" key="Harren"/> auf Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, auf Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> etwas Bekanntes ist? Solche Menschen sind darum nicht weniger Menschen, und die Welt, in der sie leben, ist darum nicht weniger Welt. Aber über, hinter und an solchen Menschen ist ein Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> geschehen. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> ist ihnen widerfahren: das Unbegreifliche<term type="begriffe" key="Unbegreifliche"/>, dass der Herr mit ihnen redete aus dem Wetter<term type="begriffe" key="Wetter"/> wie mit <persName ref="kbga-actors-2193">Hiob</persName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.38.1">Hiob 38,1</ref>]. Sie erschraken einmal in ihrer Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> und Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/>, sie wurden aufgerüttelt aus dem Traum, als ob <hi rend="italic">der</hi> Gott sei, den wir so heißen, der Schleier des religiösen Nebels<term type="begriffe" key="Nebel, religiöser"/> und der göttlichen Zorneswolke<term type="begriffe" key="Gott, Zorneswolke"/> zerriss und sie sahen – den Unerforschlichen<term type="begriffe" key="Gott, unerforschlich"/>, hörten – sein Nein!<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, fühlten – die Schranke<term type="begriffe" key="Schranke"/>, das Gericht<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/>, das Paradox<term type="begriffe" key="Paradox, des Daseins/Lebens"/> unsres Daseins, ahnten notvoll und hoffnungsvoll, um was es geht im Leben des Menschen. Sie kamen unter Furcht und Zittern<term type="begriffe" key="«Furcht und Zittern»"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.12">Phil. 2,12</ref>] zur Besinnung<term type="begriffe" key="Besinnung"/>, zum Respekt<term type="begriffe" key="Respekt"/>, zum «vernünftigen Schauen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">1,20</ref>]. Sie wurden zum Anhalten genötigt – vor Gott selbst. Aber was ist das alles? Ist das Mystik<term type="begriffe" key="Mystik"/>, Intuition<term type="begriffe" key="Intuition"/>, Ekstase<term type="begriffe" key="Ekstase"/>, Wunderwerk besonders veranlagter und geführter Menschen? Ist das ein Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> reiner Seelen oder eine Entdeckung kluger Köpfe oder eine Errungenschaft festen Willens oder ein Ergebnis innigen Betens<term type="begriffe" key="Gebet"/>? Nein, denn andere sind reiner und klüger, energischer und inniger, und Gott hat nie mit ihnen geredet. Es gibt Mystiker und Ekstatiker, die nie «vernünftig geschaut» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">1,20</ref>] haben. An dem, was der Mensch hinzubringt, kann es nicht liegen, das ist vor Gott immer, als ob es nichts wäre; was sein Erschrecken und Erwachen <hi rend="italic">vor Gott</hi> ist, das gehört als solches <hi rend="italic">nicht ihm</hi>. Wo Gott redet und <pb ed="A" n="35"/> erkannt wird, da kann von einem Sein und Haben und Genießen des Menschen nicht die Rede sein. Wer von Gott erwählt <hi rend="italic">ist</hi>, der wird nie sagen, dass er Gott erwählt <hi rend="italic">hat.</hi> Die Tatsache, dass Ehrfurcht und Demut<term type="begriffe" key="Ehrfurcht und Demut"/> vor Gott in einem Menschen Raum hat, die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> des Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube, als Unmöglichkeit"/> ist nur als Unmöglichkeit zu verstehen, als unerklärlicher «Reichtum seiner Güte»<term type="begriffe" key="Gott, Güte"/>: Wie habe <hi rend="italic">ich</hi> das verdient, dass ich blind<term type="begriffe" key="blind/Blinder"/> und doch sehend bin? – als unerklärliches «Ansichhalten» seines Zornes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn,, Ansichhalten"/>: Wie komme gerade <hi rend="italic">ich</hi> dazu, eine Ausnahme unter Tausenden zu machen? – als unerklärliche «Geduld» <pb ed="pga" xml:id="p090"/> Gottes über mir<term type="begriffe" key="Gott, Geduld"/>: Was kann denn Gott von <hi rend="italic">mir</hi> erwarten, dass er gerade mir diese unerhörte
            Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> gegeben hat? Nichts, gar nichts lässt sich zur Begründung und Erklärung dieses «ich» und «mir» vorbringen; es steht vollständig in der Luft, es ist das reine absolute vertikale Wunder<term type="begriffe" key="Wunder, absolutes vertikales"/>. Jedes Wort, das darüber als über ein Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> des Menschen gesagt wird, schon die Behauptung, dass es <hi rend="italic">ist</hi>, ist zu viel. Wir stehen ja wiederum vor <hi rend="italic">der</hi> Schnittlinie<term type="begriffe" key="Schnittlinie"/>, die selber keine Ausdehnung haben kann! Das ergibt sich aber aus dieser Dialektik<term type="begriffe" key="Dialektik"/> des Wunders<term type="begriffe" key="Wunder"/>: «die Gottesgüte will dich zur Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> leiten.» Was von Gott aus und nur von Gott aus am Menschen wahr wird, das kann nie etwas anderes werden als neuer Ruf zu Gott, neuer Ruf zur Umkehr, zur Ehrfurcht und Demut<term type="begriffe" key="Ehrfurcht und Demut"/>, Aufforderung aufs neue alle Sicherheit fahren zu lassen, allen Ruhm<term type="begriffe" key="Ruhm"/> preiszugeben, aufs neue Gott, dem unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> die Ehre zu geben, als wäre es noch nie, als wäre noch gar nichts geschehen. Jeder Anspruch, jedes Eigentumsrecht, das daraus abgeleitet wird, ist Missverständnis<term type="begriffe" key="Missverständnis"/> der Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung"/>, Missverständnis des ergangenen Rufes, Missverständnis Gottes. Jede positive Behauptung einer Ausnahmestellung macht den, der etwas von Gott gemerkt hat, dem gleich, der noch <hi rend="italic">gar nichts</hi> gemerkt hat. «Merkst du nicht, dass die Gottesgüte<term type="begriffe" key="Gott, Güte"/> dich zur Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> treiben will?» Weißt du nicht, dass <hi rend="italic">das</hi> das einzige mögliche und wirkliche Merken ist?</p>
            <p>Merkst du es nicht, <hi rend="italic">«dann häufst du dir mit deiner Hartnäckigkeit und deinem unbußfertigen Herzen einen Schatz von Zorn».</hi> Dieses Missverstehen<term type="begriffe" key="Missverständnis"/> verdichtet, verdickt und verhärtet sich nämlich sofort zu einem Klumpen von Missverstand und alles, was der Mensch nun weiter denkt, redet und tut, kommt, und wenn es das Höchste und Reinste wäre, wenn jener Anfang einmal gemacht ist, zu diesem Klumpen. Es entsteht das typisch «religiöse» Leben<term type="begriffe" key="Leben, «religiöses»"/> (als etwas Besonderes im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zum Leben"/> zum Leben überhaupt), dem in seiner romantischen<term type="begriffe" key="romantisch"/> Unglaubwürdigkeit<term type="begriffe" key="Unglaubwürdigkeit"/> durch keine Reden an seine Verächter<term type="begriffe" key="Verächter"/><note xml:id="n11"> Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-212"><persName ref="kbga-actors-360">Fr. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern</hi> (1799)</bibl>.</note> zu helfen ist. Es entsteht aus der Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/> des Propheten<term type="begriffe" key="Prophet"/> die Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> <pb ed="A" n="36"/> des Pharisäers<term type="begriffe" key="Pharisäer"/>; Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> aber ist als solche Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> und Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/>. Noch verbirgt die missverstandene<term type="begriffe" key="Missverständnis"/> Gottesgüte<term type="begriffe" key="Gott, Güte"/>: das dingliche<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/>, gegenständ<pb ed="pga" xml:id="p091" break="no"/>liche Vorhandensein einer auf Gott gerichteten<term type="begriffe" key="gerichtet auf Gott"/> Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/> dem zum Pharisäer<term type="begriffe" key="Pharisäer"/> gewordenen Propheten<term type="begriffe" key="Prophet"/> die Herrschaft von Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott, Herrschaft"/>, unter der er schon steht, die drohende Ansammlung des göttlichen Zornes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/>. Noch verbirgt ihm seine gefälschte Bilanz den Ernst seiner Lage. Noch mag er höher<term type="begriffe" key="Höhe, des Menschen"/> und höher bauen seinen Babelsturm<term type="begriffe" key="Babelsturm"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.11.1 Gen.11.9">Gen. 11,1–9</ref>] von Gottesansprüchen, Gottessicherheiten, Gottesgenüssen, aber hinter diesem Vorhang <hi rend="italic">seines</hi> Lebenstages lauert schon der <hi rend="italic">ewige</hi> Tag des Zorns<term type="begriffe" key="Tag, des Zorns"/> und des gerechten Gerichts<term type="begriffe" key="Gericht"/>. Er <hi rend="italic">ist</hi>, stehend auf seiner Höhe<term type="begriffe" key="Höhe, des Menschen"/>, schon gestürzt. Er <hi rend="italic">ist</hi>, der Gottesfreund, schon Gottes erbittertster und gehasstester Feind<term type="begriffe" key="Feind, Gottes"/>. Er <hi rend="italic">ist</hi>, der Gerechte, schon gerichtet. Er darf sich nicht wundern, wenn das, was er ist, plötzlich auch erscheinen und ausgesprochen werden sollte.</p>
        <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.6 Röm.2.11">V. 6‒11</ref></hi> Denn der Maßstab<term type="begriffe" key="Maßstab"/>, an dem der Mensch gemessen ist, ist nicht von dieser Welt. Er ist ewig, wie Gott selbst<term type="begriffe" key="Gott, ewig"/>, er ist Gott selbst. Gott sucht im Menschen immer wieder Offenheit<term type="begriffe" key="Offenheit"/> für sich, für sich allein. Er begründet<term type="begriffe" key="begründet in Gott"/> uns, indem er uns aufhebt<term type="begriffe" key="aufgehoben bei Gott"/>. Er macht uns lebendig, indem er uns tötet <term type="begriffe" key="Gott, tötet und macht lebendig"/>[vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.2.6">1.Sam. 2,6</ref>]. Wir werden erlöst, indem wir alle verwandelt werden: beim Schall der letzten Posaune<term type="begriffe" key="Posaune(, letzte)"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.52">1.Kor. 15,52</ref>]. <hi rend="italic">Darum</hi> geht es. Vor diesem Gott steht auch der Gerechte, <hi rend="italic">gerade</hi> der Gerechte, der Glaubende, vor dem Gott, <hi rend="bold">welcher einem jeden bezahlen<note xml:id="n12"> Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
            <date when="1920-11-12">12.11.1920</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p441#p441">S. 441</ref></bibl>: «Beachte das <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἀποδώσει</foreign> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.6">V. 6</ref> mit seinem alttestamentlichen (resp. LXX) Hintergrund und neuer Übersetzung.» In <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I</bibl> hatte Barth übersetzt (<ref type="pub-" target="../volume/16/p047#p047">S. 47</ref>): «welcher vergelten wird einem jeden».</note> wird nach seinen Werken: denen, die mit der Beharrlichkeit, wie sie des guten Werkes</hi>
            Kennzeichen ist, die <hi rend="bold">Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit</hi>
            Gottes <hi rend="bold">suchen, mit ewigem Leben! Auf die aber, die, knechtisch gesinnt und der Wahrheit ungehorsam, der Unbotmäßigkeit gehorchen,</hi>
            wartet <hi rend="bold">Zorn und Grimm! Bedrängnis und Verlegenheit also über jedes Menschen Seele, der das Böse tut, des Juden zuerst, aber auch des Griechen. Herrlichkeit aber, Ehre und Frieden über jeden, der das Gute tut, den Juden zuerst, aber auch den Griechen. Denn bei Gott ist kein Ansehen der Person.</hi></p>
            <p><hi rend="italic">«Er wird einem jeden bezahlen nach seinen Werken.»</hi> Wer? Er, vor dem alle Menschen nichtig und lügnerisch sind. Er, den der Mensch über seinem ungerecht errafften Reichtum<term type="begriffe" key="Reichtum"/> nie vergessen<term type="begriffe" key="Vergessen"/> sollte. Er, der <pb ed="pga" xml:id="p092"/> es einmal für allemal gesagt hat, dass <hi rend="italic">sein</hi> die Macht und das Erbarmen ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.62.10 Ps.62.13">Ps. 62,10–13</ref> LXX). Er, von dem der Mensch bekennen muss: ich weiß ihn nicht!<note n="c" type="textcritical" xml:id="nc"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: <hi rend="italic">«nicht!»</hi></note>, um dann zu erkennen, dass er von ihm erkannt ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Spr.24.12">Spr. 24,12</ref> LXX). Er, Gott, «bezahlt»<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/> die Werke<term type="begriffe" key="Werk, des Menschen"/> der Menschen, er ist’s, der ihren Wert<term type="begriffe" key="Wert"/> oder Unwert schafft durch die Schätzung, die er ihnen zuteil werden lässt. An ihm also entscheidet es sich, was gut und böse<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/> ist. An ihm erleben wir unsern Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> oder unsern Un-Sinn<term type="begriffe" key="Unsinn, Un-Sinn"/>, unsern Himmel oder unsre <pb ed="A" n="37"/> Hölle<term type="begriffe" key="Hölle"/>. Die «Werke»<term type="begriffe" key="Werk, des Menschen"/>, unser Tun und Lassen als Menschen, unsre Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/> und Verfassung in ihrer seelischen und geschichtlichen<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Gestalt, sie haben auch <hi rend="italic">nur</hi> seelische und geschichtliche Bedeutung. Mag diese so hoch sein, als sie will, wir dürfen sie nicht überschätzen, nicht ins Ewige erheben, der ewige Käufer, der Eine und Einzige, der sie ewig bezahlt<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/>, ewig wertet, ist Gott und immer wieder Gott.</p>
            <p>Und nun kann das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> geschehen, dass er <hi rend="italic">«denen, die seine Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit suchen, mit ewigem Leben»</hi><term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/> bezahlt<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/>, dass also dem, was in menschlicher<term type="begriffe" key="menschlich"/> Beschränktheit<term type="begriffe" key="Beschränktheit"/> geschichtlich und seelisch<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> als Ehrfurcht und Demut<term type="begriffe" key="Ehrfurcht und Demut"/> vor Gott, als Suchen Gottes selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/> und Gottes allein<term type="begriffe" key="«Gott, allein»"/> wirklich wird, ein tatsächliches Finden Gottes<term type="begriffe" key="Finden Gottes"/> entspricht. Es kann geschehen, dass das Gefäß des Glaubens bei aller offenkundigen Unansehnlichkeit den Inhalt des ewigen Lebens<term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/> hat. Es kann geschehen, dass die «Beharrlichkeit» menschlichen Wartens und Eilens<term type="begriffe" key="Warten, und Eilen"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.12">2.Petr. 3,12</ref>] das Kennzeichen des «guten Werkes»<term type="begriffe" key="Werk, gutes W."/> ist, das in einem Menschen und durch ihn geschieht. Es kann geschehen, dass das, was Einer in dieser Welt in der ganzen Schwachheit<term type="begriffe" key="Fleisch, Schwachheit des F."/> des «Fleisches», unter allen Symptomen höchster Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/> tut, das Gute ist und die Herrlichkeit, die Ehre und den Frieden der kommenden Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/> schon in sich trägt. Aber diese Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> ist menschlich weder zu verwirklichen noch auch nur als wirklich vorzustellen. Sie besteht, wenn sie besteht, ganz und gar nur als Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> von Gott aus. Ihr gegenüber rücken Jude und Grieche, Gottesmensch und Weltmensch auf eine Linie: der Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/> und nur der Verheißung sind beide teilhaftig. Nie und in keiner Form wird die Verwirklichung solcher Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> sich als Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> von andern Menschengerechtigkeiten oder -ungerechtigkeiten<term type="begriffe" key="Ungerechtigkeit, des Menschen"/> abzu<pb ed="pga" xml:id="p093" break="no"/>heben in die Lage kommen. Nie wird der Glaubende, der Täter des guten Werkes<term type="begriffe" key="Werk, gutes W."/>, dies sein Werk als seinen Besitz<term type="begriffe" key="Besitz Gottes?"/> gegen den Nicht-Besitz anderer ausspielen. Nie wird er sagen: <hi rend="italic">ich</hi> tue!, sondern immer: <hi rend="italic">Gott</hi> tut! Nie wird er sagen: Gott <hi rend="italic">hat</hi> bezahlt!, sondern immer: Gott <hi rend="italic">wird</hi> bezahlen! <term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.13">2,13</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.30">3,30</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.17">5,17</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.19">19</ref>). Nie wird Ehrfurcht und Demut<term type="begriffe" key="Ehrfurcht und Demut"/> vor Gott etwas anderes sein wollen als Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/>, Entbehren und Hoffen. Denn <hi rend="italic">Gottes</hi> ist und bleibt die Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/>, die der Mensch in dieser Welt verehrt und sucht.</p>
            <p>Es kann aber auch das andre, das schreckliche Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> geschehen: Dass <hi rend="italic">«auf die, die der Unbotmäßigkeit nachgehen, Zorn und Grimm wartet»</hi>, dass einer menschlichen Augen vielleicht unzweifelhaften Ehrfurcht und Demut<term type="begriffe" key="Ehrfurcht und Demut"/> <hi rend="italic">kein</hi> Finden<term type="begriffe" key="Finden Gottes"/> des wahren Gottes<term type="begriffe" key="Gott, wahrer G."/>, 
            sondern ein Finden des Nicht-Gottes<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.23">1,23</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.1 Röm.2.2">2,1–2</ref>) entspricht: die Anwartschaft auf die Enthüllung des göttlichen Unwillens (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.5">2,5</ref>). Es kann geschehen, dass Gott das Werk<term type="begriffe" key="Werk, des Menschen"/> <pb ed="A" n="38"/> des Menschen mit Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> und Grimm «bezahlt»<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/>, 
            dass das, was als prophetische Ergriffenheit<term type="begriffe" key="Ergriffenheit"/> offenkundig dasteht, vor ihm «knechtische Gesinnung»<term type="begriffe" key="Gesinnung"/> ist: «die Denkart und Lebensanschauung des Taglöhners, welcher ohne die Hingebung des Eigentümers seine Arbeit lediglich um des Lohnes<term type="begriffe" key="Lohn"/> willen zu tun pflegt» (<persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>)<note xml:id="n13"><bibl corresp="kbga-bibls-3467"><persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>, S. 113–115</bibl>: «die Denkart und Lebensanschauung des Taglöhners, welcher ohne die Hingebung des Eigentümers (cf <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.10.12">Jo 10,12</ref>) seine Arbeit lediglich um des Lohnes willen zu tun pflegt, den er schon am Abend ausbezahlt bekommt (<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.20.8">Mt 20,8</ref>).» Der Ausdruck «knechtische Gesinnung» lässt sich bei <bibl corresp="kbga-bibls-3467"><persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName> nicht nachweisen, nur S. 115</bibl>: 
            «Aus dieser selbstsüchtigen und überhaupt niedrigen Gesinnung», und wiederholt «gemeine Gesinnung»; S. 116: «niedrige, selbstsüchtige und kurzsichtige Gesinnung».</note>. Weithin leuchtender Gehorsam gegen die Wahrheit kann höchster Ungehorsam<term type="begriffe" key="Ungehorsam"/>, mit Händen zu greifende Demut nichts als Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/> sein. Was der Mensch «gut meint», kann ein Werk<term type="begriffe" key="Werk, der Bosheit"/> der Bosheit sein und tief im Gerichtsschatten<term type="begriffe" key="Schatten"/> stehen. Auch diese Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> wird menschlich nicht greifbar werden. Auch sie besteht von Gott, nur von Gott aus. Niemand ist je sicher vor ihr: wiederum rücken Jude<term type="begriffe" key="Jude"/> und Grieche<term type="begriffe" key="Grieche"/>, Gottesmensch und Weltmensch ihr gegenüber auf eine Linie, stehen unter derselben Drohung<term type="begriffe" key="Drohung"/>. Nie und in keiner Form ist Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> sicher vor der Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, in den Augen des göttlichen Käufers keinen Wert<term type="begriffe" key="Wert"/> zu haben, ungekauft liegen zu bleiben. Nie wird Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> und Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/> etwas anderes sein <pb ed="pga" xml:id="p094"/> als sie ist, auch nicht auf den höchsten Stufen<term type="begriffe" key="Stufe"/>, in den feinsten Gestalten dessen, was wir geschichtlich und seelisch<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, geschichtlich-seelisch"/> heißen. Nie wird sich der Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/> das Recht entwinden lassen, auch die Gerechten zu richten. Er<note n="d" type="textcritical" xml:id="nd"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): <hi rend="italic">«Er»</hi>.</note> richtet, er selbst, er allein.</p>
            <p><hi rend="italic">«Denn bei Gott ist kein Ansehen der Person».</hi> Was seelisch und geschichtlich<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> sichtbar werden kann als Vorzug eines Menschen vor einem andern, das ist nur die «Person», die Gestalt, die Maske<term type="begriffe" key="Maske"/><note xml:id="n14"> «Maske» ist die Grundbedeutung von «persona» und ebenfalls eine Bedeutung von <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">πρόσωπον</foreign>.</note>, die übernommene Rolle im Schauspiel. Maske ist alles, was den Menschen unter den Mitmenschen ausgezeichnet erscheinen lässt. Es hat seinen Wert<term type="begriffe" key="Wert"/> in sich, es bedeutet aber keine <hi rend="italic">ewige</hi> Auszeichnung, keine, die über die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> alles Vergänglichen<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/> am Unvergänglichen<term type="begriffe" key="unvergänglich/Unvergänglichkeit"/> hinausreicht. Der Maßstab<term type="begriffe" key="Maßstab"/>, mit dem Gott misst, ist nicht von dieser Welt. Gott sieht nicht die Maske<term type="begriffe" key="Maske"/> an. Vor Gott steht<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/> auch der Gerechte nicht in der Rolle des Gerechten, sondern als das, was er in Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/><note n="e" type="textcritical" xml:id="ne"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «Wahrheit».</note> ist: vielleicht als Sucher des Unvergänglichen begnadigt, vielleicht als unbotmäßiger Knecht<term type="begriffe" key="Knecht"/> verdammt, auf alle Fälle durchschaut und eingesehen: Mensch ist Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, ist M."/> und Gott ist Gott<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/>. Was bleibt da übrig von den lockenden Sicherungen des Pharisäismus<term type="begriffe" key="Pharisäismus"/>?</p>
            <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.12 Röm.2.13">V. 12‒13</ref> Die fern vom Gesetz sündigten, werden auch fern vom Gesetz verderben. Und die im</hi>
            Angesicht des <hi rend="bold">Gesetzes sündigten, werden durch das Gesetz gerichtet werden. Denn nicht die Hörer des Gesetzes sind gerecht vor Gott, sondern die Täter des Gesetzes werden gerecht erklärt werden.</hi></p>
            <p>Noch einmal fragen wir (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.4">2,4</ref>): Wie kommt denn Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> zustande? Antwort: Durch göttliche Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, göttliches Gesetz"/>, durch Eröffnung und Mitteilung<term type="begriffe" key="Mitteilung"/> des göttlichen «Gesetzes»<term type="begriffe" key="Gesetz"/><note n="f" type="textcritical" xml:id="nf"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «<hi rend="italic">‹Gesetzes›</hi>».</note>, durch göttliche <pb ed="A" n="39"/> Nähe<term type="begriffe" key="Gott, Nähe"/> und Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung"/>, die hier einen Menschen und da einen in die Lage versetzt, zu glauben, Gott in Ehrfurcht und Demut<term type="begriffe" key="Ehrfurcht und Demut"/> gehorsam zu werden (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.14">2,14</ref>). 
            Aber was vom Herrn geschieht, das ist ein <hi rend="italic">Wunder</hi><term type="begriffe" key="Wunder, vor unsern Augen"/> vor unsern Augen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.118.23">Ps. 118,23</ref>], das gibt dem <hi rend="italic">Menschen</hi> keinen Anspruch auf Vorzug und Sicherung. <term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/>Sünder ist Sünder. Wer sündigt <pb ed="pga" xml:id="p095"/> nicht? Abfall ist Abfall<term type="begriffe" key="Abfall, des Menschen von Gott"/>. Wer ist nicht abgefallen? Mag auch der Stufenunterschied<term type="begriffe" key="Stufe"/> zwischen denen, die fern von dem ihnen unbekannten Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, und denen, die im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zum Gesetz"/> zu dem ihnen bekannten Gesetz sündigen, zwischen menschlichem Unglauben und Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/> sichtbar und wichtig werden auf der Oberfläche, die wir Seele und Geschichte<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> nennen, so fällt doch die eigentliche Entscheidung<term type="begriffe" key="Entscheidung"/> über den Menschen, 
            die Entscheidung über sein Verderben oder Heil, über sein Verbleiben unter Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> oder sein Gerettetwerden<term type="begriffe" key="Erlösung"/> <hi rend="italic">nicht</hi> nach Maßgabe dieses Unterschiedes. Es gibt hier und dort ein Verlorengehen. Entscheidend ist das <hi rend="italic">Tun</hi> des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Tun des"/>: die Verwirklichung der von Gott gebotenen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, also der Inhalt, die Bedeutung, der Sinn der Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/>, die der Mensch einnimmt, und dieser Sinn wird ihm von <hi rend="italic">Gott</hi> zugesprochen oder nicht zugesprochen, er ist <hi rend="italic">Gottes</hi> und nicht des Menschen Sinn <hi rend="italic">in</hi> dem, was der Mensch ohne oder mit Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, Mensch ohne und mit"/> ist und lebt. Das <hi rend="italic">«Hören des Gesetzes»</hi>, das Merken, Verstehen, Erleben<term type="begriffe" key="Erleben"/> der Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Erleben"/> tut’s nicht, auch nicht das Erleben der höchsten Offenbarung. Was vom Menschen ist, kann den Menschen nicht retten, es ist <hi rend="italic">«nicht gerecht vor Gott»</hi><term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott"/>. <hi rend="italic">«Täter des Gesetzes»</hi> sind seine hörenden Hörer, die «Juden<term type="begriffe" key="Jude"/>, die es im Verborgenen sind» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.29">2,29</ref>). 
            Die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> <hi rend="italic">dieser</hi> Gerechten aber besteht darin: sie <hi rend="italic">«werden gerecht erklärt werden».</hi> Wohlverstanden, nicht: «sie sind gerecht», nicht einmal: «sie sind gerecht erklärt», sondern, damit der letzte Schein menschlichen Rechthabens, auch der letzte Schein einer Gegebenheit<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> 
            und Dinglichkeit<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/> dieser Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> verschwinde: «sie werden gerecht erklärt werden<term type="begriffe" key="Gerechterklärung"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.6">2,6</ref>). 
            Sie haben in dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> der Ungerechtigkeit<term type="begriffe" key="Ungerechtigkeit"/> die Anwartschaft der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, der kommenden Welt"/> der kommenden Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/>, sie haben in der <hi rend="italic">Zeit</hi> den Anstoß<term type="begriffe" key="Anstoß"/> zu einer
            <hi rend="italic">ewigen</hi> Bewegung<term type="begriffe" key="Bewegung, des Menschen durch Gott"/> empfangen<note xml:id="n15"> Anspielung auf eine Äußerung von <persName ref="kbga-actors-4051">Claus Harms</persName> über die Wirkung von <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Reden auf seine religiöse Entwicklung; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3537"><persName ref="kbga-actors-4051">Cl. Harms</persName>, <hi rend="italic">Lebensbeschreibung (verfasset von ihm selber), mit den 95 Thesen des Verfassers</hi> (Bibliothek theologischer Klassiker, Bd. 7), Gotha 1888, S. 80</bibl>: Nach der intensiven Lektüre der Reden «legte ich das Buch hin, ging um den Kleinen Kiel, den einsamen Gang, den Gang der Stillen in der Stadt, und auf diesem Gange war’s, daß ich wie mit einem Male allen Rationalismus und alle Ästhetik und alles Selbstwissen und alles Selbsttun in dem Werke des Heils als nichtig und als ein Nichts erkannte, und mir die Notwendigkeit wie einblitzte, daß unser Heil von anderer Herkunft sein müßte. Ist dieses wem mysteriös, mystisch, und diese Erzählung eine Mythe, ein Phantasma, so nehm’ er’s so; ich kann’s nicht deutlicher geben, hab’ aber daran, was ich die Geburtsstunde meines höhern Lebens nenne; doch richtiger gesagt: 
            die Todesstunde meines alten Menschen nach seiner Erkenntnis in göttlichen Dingen, anders gesprochen, wie Stilling gesprochen von dem Eindruck, den <persName ref="kbga-actors-1040">Herder</persName> auf ihn gemacht habe: ich empfing von diesem Buch den Stoß zu einer ewigen Bewegung.»</note><term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>. Ihre Gerechtigkeit besteht darin, dass sie ihre ganze <pb ed="pga" xml:id="p096"/> Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> immer wieder Gott ausliefern, dem sie gehört. Sie besteht in ihrem grundsätzlichen Verzicht auf eigene Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, eigene"/>. 
            Wo das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, Tun des"/> solche Täter, wo die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> solchen Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, und Offenbarung"/> findet, da ist Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/>: «das Ziel des Gesetzes<term type="begriffe" key="Ziel, des Gesetzes"/> zur Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, des Glaubenden"/> für jeden, der glaubt» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.4 Röm.10.5">10,4–5</ref>). Da ist Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> dessen, der uns zuerst erkannt hat. Der Richter aber ist und bleibt der Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/>, bis Himmel und Erde<term type="begriffe" key="Neuer Himmel und neue Erde"/> neu werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.13">2.Petr. 3,13</ref>].<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/></p> 
        
        <div> 
            <head><hi rend="smallCaps">Das Gericht</hi></head>
            <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.14 Röm.2.29">2,14–29</ref></head>
            
            <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.14 Röm.2.16">V. 14‒16</ref> Wenn</hi>
            es <hi rend="bold">nun</hi>
            geschieht, dass <hi rend="bold">Heiden, die das Gesetz nicht haben, in ihrem Naturzustand tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, ohne das Gesetz zu haben, sich selber Gesetz. Solche legen das vom Gesetz geforderte Werk vor: eingeschrieben in ihren Herzen (wobei ihr Gewissen und ihre sich untereinander verklagenden oder auch entschuldigenden Gedanken Zeugen sind) an dem Tage</hi>
            nämlich, <hi rend="bold">da Gott das Verborgene der Menschen beurteilt (laut meiner Heilsbotschaft) durch Christus Jesus.</hi></p>
            <p>Eine höchst anstößige, verwunderliche, unanschauliche Mitteilung aus den Einsichten<term type="begriffe" key="Einsicht"/>, die sich ergeben, wenn <hi rend="italic">Gott</hi> als der Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/> verstanden ist: Menschen, die keine Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> haben, stehen vor Gott<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/> da als solche, die eine Offenbarung haben, Schlafende als Wachende<term type="begriffe" key="Wachende und Schlafende"/>, Ungläubige als Gläubige, Ungerechte als Gerechte! Diese erstaunliche Tatsache, dieses hölzerne Eisen muss nun der Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> vor Augen gestellt werden.</p> 
            <p><pb ed="pga" xml:id="p097" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Heiden, die das Gesetz nicht haben, tun, was das Gesetz fordert.» «Das Gesetz»</hi> <term type="begriffe" key="Gesetz, von Gott gegeben"/> ist die von Gott gegebene, aber eben gegebene und für einmal abgeschlossene Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Gesetz"/>, der von göttlicher Offenbarung hinterlassene Eindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> in der Zeit, in der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>, im Leben des Menschen, die heilige Schlacke geschehenen Wunders<term type="begriffe" key="Wunder"/>, der ausgebrannte Krater göttlicher Rede, die ernste Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Offenbarung"/> an die ehrfürchtige und demütige<term type="begriffe" key="Ehrfurcht und Demut"/> Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/>, in die gewisse Menschen dabei gezwungen wurden, der leere Kanal<term type="begriffe" key="Kanal der Offenbarung"/>, in dem zu anderer Zeit unter andern Umständen für andere Menschen das lebendige Wasser des Glaubens, des vernünftigen Schauens floss, ein Kanal, der gebildet ist von Begriffen, Anschauungen<term type="begriffe" key="Anschauung"/> und Geboten, die alle an jene Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/>
            gewisser andrer Menschen erinnern, zu ihrer Aufrechterhaltung auffordern. Menschen, «die das Gesetz haben», sind Anwohner dieses Kanals<term type="begriffe" key="Kanal der Offenbarung"/>. Sie haben einen Eindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> von dem wahren<term type="begriffe" key="Gott, wahrer G."/>, dem unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>: entweder in Form einer überlieferten oder übernommenen Religion<term type="begriffe" key="Religion, überlieferte"/> oder auch in Form eines eigenen früheren Erlebnisses<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>. Sie haben darin so oder so den Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/> auf Gott, auf die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> unsres Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/>, auf die neue Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/>, die die Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> unsrer Welt ist. Eben um dieses Hinweises willen ist ihnen der Eindruck von Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> immer noch eindrücklich und bemühen sie sich, ihn sich eindrücklich zu erhalten. <hi rend="italic">«Heiden</hi><term type="begriffe" key="Heide"/><hi rend="italic">, die das Gesetz nicht haben»</hi>, fehlt irgendwie dieser Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/>. Ihr persönliches Leben und ihre geschichtliche Erfahrung ist ohne Eindruck von Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> und darum kennen sie <pb ed="A" n="41"/> auch die Bemühung nicht, sich diesen Eindruck zu erhalten. Man kann sie Schlafende<term type="begriffe" key="Wachende und Schlafende"/> nennen, sofern nichts in ihrer Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/> davon zeugt, dass sie etwa beunruhigt wären durch eigene oder fremde Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an das Nichtwissen"/> an das, was wir nicht wissen. Man kann sie Ungläubige nennen, sofern kein Staunen, kein Respekt<term type="begriffe" key="Respekt"/> vor dem, was über ihnen ist, keine Gebrochenheit<term type="begriffe" key="Gebrochenheit"/> an ihnen sichtbar wird. Man kann sie Ungerechte nennen, sofern sie den Lauf der Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> unbedenklich bejahen<term type="begriffe" key="Bejahung"/> und ungehemmt mitmachen. Man kann sie in der Tat in keiner Weise als Anwohner des leeren Offenbarungskanals<term type="begriffe" key="Kanal der Offenbarung"/> ansprechen. Aber nun kann es geschehen, dass Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>, die das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> nicht haben, <hi rend="italic">«tun, was das Gesetz fordert».</hi> Das Tun des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Tun des"/> ist ja eben, weil Gott der Richter ist<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/>, etwas anderes als das Haben und Hören des Gesetzes (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.13">2,13</ref>). «Das Gesetz tun» heißt: Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Gesetz"/> findet statt, Gott redet, Ehrfurcht und Demut<term type="begriffe" key="Ehrfurcht und Demut"/> sind selbstverständlich, denn der Mensch <hi rend="italic">steht</hi> vor <pb ed="pga" xml:id="p098"/> Gott<term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/>. Da ist Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott"/>, die vor Gott gilt. Aber Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, ist von Gott"/> ist von Gott. Sie lässt sich nicht nötigen, durchaus dem leeren Kanal<term type="begriffe" key="Kanal der Offenbarung"/> zu folgen. Sie kann ihm folgen, sie kann sich aber auch ein neues Flussbett graben. Gebunden an die Eindrücke, die sie etwa sonst und früher hinterlassen, ist sie nicht. Sie ist frei<term type="begriffe" key="Offenbarung, ist frei"/>. Und darum ist es doch ein Irrtum, die «Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>» so ohne weiteres Schläfer, Ungläubige und Ungerechte zu nennen. Auch sie können Gottesfürchtige, von Gott Erwählte<term type="begriffe" key="Erwählung"/> sein – ohne andern als solche kenntlich zu werden. Der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Unkenntlichkeit"/> selbst und als solcher ist immer in Unkenntlichkeit<term type="begriffe" key="Unkenntlichkeit"/> gehüllt. Es gibt in den «Heiden» eine Beunruhigung<term type="begriffe" key="Beunruhigung"/>, Erschütterung<term type="begriffe" key="Erschütterung"/> und Ehrfurcht, die von den Kanalanwohnern<term type="begriffe" key="Kanal der Offenbarung"/> nur nicht gesehen und verstanden wird. Gott aber sieht und versteht sie. Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/> hat sich ihnen längst aufgetan, wo Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> sie immer noch misstrauisch von der Seite ansieht. <hi rend="italic">«In ihrem Naturzustande»</hi> tun sie das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, Tun des"/>; in ihrer heitern Kreatürlichkeit<term type="begriffe" key="Kreatürlichkeit"/> und Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/>, in der schlichten, anspruchslosen Sachlichkeit ihres Tuns sind sie von Gott erkannt und erkennen ihn wieder<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/>, sind sie nicht ohne Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> in die Vergänglichkeit<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/> alles Menschlichen<term type="begriffe" key="menschlich"/>, nicht ohne Ausblick auf den silbernen Rand<term type="begriffe" key="Rand"/> von Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung"/> und Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/>, der die finstere Wolke unsres Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/> umgrenzt, nicht ohne Respekt<term type="begriffe" key="Respekt"/> vor <hi rend="italic">dem</hi> Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, das die Geschöpfe<term type="begriffe" key="Schöpfer und Geschöpf"/> vom Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/> scheidet, und vor <hi rend="italic">dem</hi> Ja, das sie zu Geschöpfen des Schöpfers macht. Auch ihr Leben gewiss nur ein Gleichnis<term type="begriffe" key="Gleichnis"/>, aber vielleicht ein so vollkommenes Gleichnis, dass es schon darin seine Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> hat. Welt, die im Argen liegt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.5.19">1.Joh. 5,19</ref>], gewiss, aber vielleicht bereits so zersetzte, aufgelöste, unterhöhlte Welt, dass das Erbarmen Gottes näher, glaubwürdiger erscheint als mancherorts, wo das «Reich Gottes»<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> in voller Blüte steht. Letzter bösester Skeptizismus<term type="begriffe" key="Skepsis"/> <pb ed="A" n="42"/> vielleicht, gänzliche Unzugänglichkeit für alles «Höhere», gänzliche Unfähigkeit, sich noch von irgend etwas imponieren zu lassen; aber vielleicht gerade darum und darin <hi rend="italic">wirkliche</hi> 
            Gebrochenheit<term type="begriffe" key="Gebrochenheit"/>, Sinn<term type="begriffe" key="Sinn, für Gott"/> für Gott, für Gott selbst. Nörgelnde Unrast vielleicht, alles bemängelnder Protest<term type="begriffe" key="Protest"/> und innerer Unfriede; aber gerade darum und darin der Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/> auf den Frieden Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Friede"/>, welcher höher ist als alle Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.7">Phil. 4,7</ref>]. Was fordert denn das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>? An was will doch das Gesetz die erinnern, die es haben? Doch wohl gerade an das, was uns aus den Weltkindern<term type="begriffe" key="Weltkinder"/> oft so merkwürdig stark anschaut. Sollten <hi rend="italic">sie</hi> tatsächlich «das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, Tun des"/> tun»? Sollten <hi rend="italic">sie</hi> an der <hi rend="italic">fließenden</hi> <pb ed="pga" xml:id="p099"/> Quelle stehen? Warum nicht? Wer wird dem «Reichtum der Güte
            Gottes»<term type="begriffe" key="Gott, Güte"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.4">2,4</ref>) Schranken ziehen wollen, der selber wirklich weiß von ihr, der das gänzlich Unverdiente, Unbegreifliche<term type="begriffe" key="Unbegreifliche"/>, Unableitbare der Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, unableitbar"/> verstanden hat?</p>
            <p><hi rend="italic">«Sie sind sich selber Gesetz.»</hi> Gibt es Menschen, die das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, Tun des"/> tun, ohne es zu haben, so empfangen sie es eben damit, dass sie es tun, so sind sie sich selber Gesetz geworden. Das lebendige Wasser gräbt sich auch sein Bett und auch der <hi rend="italic">scheinbare</hi> Vorzug der Kanalanwohner<term type="begriffe" key="Kanal der Offenbarung"/> fällt dahin. Ein neues wildes Flussbett wird es sein, ein sehr ungewohnter, andersartiger Eindruck von Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, eine befremdliche Form von Glauben, was da sichtbar wird. Aber wer will da bestreiten, wo nur Gott bestreiten könnte? Die Religion<term type="begriffe" key="Religion, und Erlebnis"/> und das Erlebnis der Menschen <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewskis</persName> sind doch wohl an allerlei andre Religionen und Erlebnisse zu wagen!<note xml:id="n16"> Zu der hier vorausgesetzten Auffassung des Menschenbildes <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewskis</persName> und dem theologischen Verständnis dieses Bildes vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1842"><persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName>, <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-530">Dostojewski</persName></hi>, München 1921, S. 21</bibl>: «Wo [...] die Einsicht in die ganz besonders tiefe <hi rend="italic">Gefangenschaft</hi> des Mannes als Mann und des Weibes als Weib sich Bahn bricht, da ist der Schritt nicht mehr weit zu dem Seufzen nach einer neuen, ganz und gar andern Gestalt des Menschen, wo weder Mann noch Weib sein wird. In diesem Seufzen aber liegt Gotteserkenntnis, denn das ist das Seufzen nach etwas, das keinem Übergriff des Menschen mehr zugänglich ist, das Seufzen nach Auferstehung.» – S. 32: «Und das ist im wesentlichen das Bild, das wir von allen Gestalten <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewskis</persName> empfangen, <hi rend="italic">sein</hi> Bild des Menschen überhaupt. Krank scheinen sie alle, diese Menschen, wie an einer geheimen Wunde, an der tiefen, bohrenden Frage ihres Lebens, die sie nicht beantworten können, bis sie eben in ihrem Kranksein an einer letzten Frage den Sinn des Lebens erkennen.»</note> Kein Anlass von Seite derer, die «das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> haben» (und wenn es «das Evangelium<term type="begriffe" key="Evangelium"/>» wäre!), solche Menschen nur als Missionsobjekte zu betrachten, allzu gütig von «religiösen Ansätzen» bei ihnen zu reden, wo vielleicht längst ganz andre Eindrücke von Gott sind, als wir sie je hatten und haben werden. «Sie sind sich selber Gesetz.» Auch wenn es auf Religion<term type="begriffe" key="Religion, und Erlebnis"/> und Erlebnisse<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> ankäme – es kommt <hi rend="italic">nicht</hi> darauf an –, Gott kann den «Heiden»<term type="begriffe" key="Heide"/> auch das geben und gibt es ihnen.</p>
            <p><hi rend="italic">«Solche legen das vom Gesetz geforderte Werk vor, eingeschrieben in ihre Herzen.»</hi> Sie kommen in das Gericht Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/>, sie <hi rend="italic">sind</hi> im Gericht – und das, was den Menschen vor Gott rechtfertigt<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/>, findet sich bei ihnen. Inwiefern? Jedes positive «insofern» wäre unzutreffend für <pb ed="pga" xml:id="p100"/> das «Werk»<term type="begriffe" key="Werk"/>, das der gerechtfertigte<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> «Heide»<term type="begriffe" key="Heide"/> Gott vorlegt, mit dem er Gottes Wohlgefallen<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/> findet. Hätte Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> über ihn zu urteilen, er wäre zweifellos verloren. Jedenfalls ist auch das, was Menschengerechtigkeit allenfalls noch an ihm finden würde, <hi rend="italic">nicht</hi> das, was ihn vor Gott rechtfertigt<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/>. Eher noch wird das Gott <pb ed="A" n="43"/> wohlgefällige<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/> «Werk»<term type="begriffe" key="Werk"/> bestehen in dem Ende<term type="begriffe" key="Ende"/>, dem völligen Ende aller Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/>, an dem er sich befindet, in seiner zweifellosen Verlorenheit, in seinem Verzicht auf alle religiösen<term type="begriffe" key="religiös"/> und moralischen Illusionen, in seiner Absage an alle Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> auf <hi rend="italic">dieser</hi> Erde und in <hi rend="italic">diesem</hi> Himmel. Jenseits, jenseits aller Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> und Dinglichkeit<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/>, jenseits alles dessen, was die, die das Gesetz haben, ihm noch zubilligen würden («ein guter Kern<term type="begriffe" key="«guter Kern»"/>», «ein gewisser Idealismus<term type="begriffe" key="Idealismus"/>», «religiöse Ansätze») – jenseits <hi rend="italic">alles</hi> dessen, was der Mitteleuropäer schätzt («Haltung»<term type="begriffe" key="Haltung"/>, «Reife», «Rasse<term type="begriffe" key="Rasse"/>», «Persönlichkeit<term type="begriffe" key="Persönlichkeit"/>», «Innerlichkeit<term type="begriffe" key="Innerlichkeit"/>», «Charakter»), ist das, was er Gott vorzulegen hat und was von Gott mit ewigem Leben<term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/> «bezahlt»<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/> wird (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.6">2,6</ref>). Vielleicht wirklich gar nichts mehr, was noch als Religiosität<term type="begriffe" key="religiös"/> (etwa als unbewusste, außerkirchliche<note xml:id="n17"> Vgl. unten <ref type="pub" target="../volume/47/p518#fn_n18">S. 519, Anm. 18</ref>.</note>!) anzusprechen wäre. Vielleicht wirklich (<persName ref="kbga-actors-530">Dostojewski</persName><note xml:id="n18"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p099#fn_n16">S. 99, Anm. 16</ref>.</note>!) nur noch der nackte Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, bloß/nackt"/> im letzten Stadium. Vielleicht nur noch eine einzige große Not, Verlegenheit und Bedürftigkeit. Vielleicht in der Todesstunde nur noch ein Erschrecken vor dem Geheimnis, eine empörte Auflehnung gegen die Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> unsres Da-Seins und So-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen"/>, das erbitterte Verstummen Eines, der unter Protest das Lokal verlässt. Vielleicht ja auch mehr und Besseres und Schöneres – es kommt <hi rend="italic">nicht</hi> darauf an. Im Himmel aber ist Freude über den einen Sünder<term type="begriffe" key="Sünder, Freude über den S."/>, der Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> tut, mehr denn über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.7">Lk. 15,7</ref>]. Was heißt das, Buße<term type="begriffe" key="Buße"/>? <hi rend="italic">Nicht</hi> die letzte, höchste, feinste Tat der Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> für Gott, sondern die erste grundlegende Tat der Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/> für den Menschen: das «Werk», das Gott «eingeschrieben in ihre Herzen», und das darum, weil es von Gott ist und nicht vom Menschen, Freude im Himmel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.7">Lk. 15,7</ref>] veranlasst, das
            Ausblicken nach Gott, nach Gott selbst, das doch nur von ihm, von ihm selbst gesehen wird.</p> 
            <p><pb ed="pga" xml:id="p101" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Wobei ihr Gewissen und ihre sich untereinander anklagenden oder auch entschuldigenden Gedanken Zeugen sind.»</hi> Denn wer hört die Stimme des Gewissens<term type="begriffe" key="Gewissen"/>, wie sie auch in den Gesetzlosen<term type="begriffe" key="Mensch, gesetzloser"/> und Gottlosen<term type="begriffe" key="Mensch, gottloser"/> redet? Wer durchschaut die Dialektik<term type="begriffe" key="Dialektik"/> von Gott und Verhängnis<term type="begriffe" key="Verhängnis"/>, Verhängnis und Schuld<term type="begriffe" key="Schuld"/>, Schuld und Sühne<note xml:id="n19"> Anspielung auf den Titel von <bibl corresp="kbga-bibls-3538"><persName ref="kbga-actors-530">F. M. Dostojewskis</persName> Roman <hi rend="italic">Преступление и наказание</hi> (<hi rend="italic">Verbrechen und Strafe)</hi>, der durch mehrere Übersetzer ungenau als <hi rend="italic">Schuld und Sühne</hi></bibl> übersetzt worden ist.</note>, Sühne und – Gott, in der die Menschen stehen? Gott hört. Gott durchschaut. Zu ihm redet auch das Verschwiegene, das kaum Gewusste, die «Schickung im Zusammenhang» (<persName ref="kbga-actors-1000">Gellert</persName>)<note xml:id="n20"> Vgl. <bibl type="song" corresp="kbga-songs-290">Strophe 4 des Chorals «Nach einer Prüfung kurzer Tage» von <persName ref="kbga-actors-1000">Chr. F. Gellert</persName>, GERS (1891) 348</bibl>: 
                <q rend="block">
                    <lg>
                        <l>Da werd’ ich das im Licht erkennen,</l> 
                        <l>Was ich auf Erden dunkel sah,</l> 
                        <l>Das wunderbar und heilig nennen,</l> 
                        <l>Was unerforschlich hier geschah;</l> 
                        <l>Da denkt mein Geist mit Preis und Dank</l> 
                        <l>Die Schickung im Zusammenhang.</l></lg></q></note>. Vor ihm zeugt gerade alles das für den Menschen, was vor menschlichen Richtern nie zeugen kann. Er weiß, was wir nicht wissen. Daher die unbegreifliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, dass die Gesetzlosen ins Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> und doch frei <hi rend="italic">aus</hi> dem Gericht kommen.</p>
            <p><pb ed="A" n="44"/> Denn <hi rend="italic">«an dem Tage, da Gott das Verborgene der Menschen</hi><term type="begriffe" key="Verborgene des Menschen"/> <hi rend="italic">beurteilt durch Christus Jesus»</hi>, geschieht es, dass «Heiden»<term type="begriffe" key="Heide"/> ihr «Werk»<term type="begriffe" key="Werk"/> vorlegen und Gottes Wohlgefallen<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/> finden. Woher die Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, auch die Gottlosen<term type="begriffe" key="Mensch, gottloser"/> in Gott zu begreifen, die Querschnitte des «Gesetzes»<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, die die Menschen scheiden in Religiöse<term type="begriffe" key="religiös"/> und Unreligiöse, Moralische<term type="begriffe" key="Moral"/> und Unmoralische, wegzudenken und den Längsschnitt<term type="begriffe" key="Längsschnitt"/> einzusehen, der überall, auch in den Tiefen, Zugänge zu Gott offenkundig macht? Es ist <hi rend="italic">«laut meiner Heilsbotschaft»</hi><term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> der in der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als heilsgeschichtliches Ereignis"/> angebrochene <hi rend="italic">neue</hi> Tag des Menschen, der Tag des Christus Jesus<term type="begriffe" key="Tag, des Jesus Christus"/>, der dieses Licht bringt. Er bringt ja die Wende aller Zeit zur Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, er reißt «das Verborgene der Menschen»<term type="begriffe" key="Verborgene des Menschen"/> auf, er offenbart, dass wir Menschen von Gott aus eingesehen sind. <hi rend="italic">«Durch Christus Jesus»</hi> beurteilt Gott den Menschen. Das bedeutet Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, Bedeutung"/>: Verneinung und Bejahung<term type="begriffe" key="Bejahung"/>, Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> und Leben des Menschen. Ein Ende ist im Christus erschienen, aber auch ein Anfang<term type="begriffe" key="Ende, und Anfang"/>, ein Vergehen, aber auch ein Neuwerden, und immer beides der <hi rend="italic">ganzen</hi> Welt, <hi rend="italic">allen</hi> Menschen. <pb ed="pga" xml:id="p102"/> Denn der im Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «im Christus»"/> erschienene Erlöser<term type="begriffe" key="Gott, Erlöser"/> ist auch der Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer und Erlöser"/> aller Dinge, der nichts zurücklässt. Also die Hohen und die Niedern, die Gerechten und die Ungerechten bekommen im Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «im Christus»"/> <hi rend="italic">gleichen</hi> Zugang zum Vater, nachdem ihnen das <hi rend="italic">gleiche</hi> Halt!<term type="begriffe" key="Halt!"/> vor dem unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> geboten worden ist. <hi rend="italic">Alles</hi> Fleisch ist wie Gras [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.40.6">Jes. 40,6</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.1.24">1.Petr. 1,24</ref>], und Gott will, dass <hi rend="italic">allen</hi> Menschen geholfen werde (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16">1,16</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.29">3,29</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.2">10,2</ref> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.2.4">1.Tim. 2,4</ref>]). Gerade darum beurteilt Gott <hi rend="italic">«das Verborgene des</hi><note n="g" type="textcritical" xml:id="ng"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «<hi rend="italic">der</hi>».</note> <hi rend="italic">Menschen»</hi><term type="begriffe" key="Verborgene des Menschen"/>. Was alle angeht, das Weltumfassende: die Verdammnis<term type="begriffe" key="Verdammnis"/>, in der wir stehen, und das Erbarmen, die Macht der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/>, von der wir gehalten und getragen sind, es ist unanschaulich, es richtet sich an «das Verborgene der Menschen»<term type="begriffe" key="Verborgene des Menschen"/>. Nur da ist und wird es wahr. Es ist nicht wahr, solange sich noch diese Menschen auf der Lichtseite, jene auf der Schattenseite<term type="begriffe" key="Schatten, Licht und Schatten"/> anschaulich gegenüberstehen. Gerade dieser Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, von Licht und Schatten"/> aber wird bedeutungslos, wenn Mitternacht anbricht – oder Mittag, wenn beide Seiten in Finsternis gehüllt oder beide Seiten von Licht erfüllt werden. Christus ist Mitternacht und Mittag<term type="begriffe" key="Jesus Christus, ist Mitternacht und Mittag"/>. Über allem Trennenden der Menschen wird das Umfassende Gottes erkennbar. Gott selbst wirft die Gottesfrage<term type="begriffe" key="Gottesfrage"/> auf und beantwortet sie, stellt <hi rend="italic">alle</hi> Menschen auf <hi rend="italic">allen</hi> Stufen<term type="begriffe" key="Stufe"/> zu <hi rend="italic">allen</hi> Zeiten unter <hi rend="italic">eine</hi>
            Warnung<term type="begriffe" key="Warnung"/> und Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/>. Unanschaulich, unnahbar, für immer unüberschreitbar, für immer beunruhigend ist die Schnittlinie<term type="begriffe" key="Schnittlinie"/>, die er damit zieht. Immer wieder verweist sie uns auf das «Verborgene»<term type="begriffe" key="Verborgene des Menschen"/>, wo Gott selbst urteilt. Aber gerade dieses Harte der Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> von Christus ist auch ihr Befreiendes, Gütiges, Herzliches: Der Gott, <pb ed="A" n="45"/> der uns allen fremd ist, kann und will sich auch uns allen bekannt geben. Der Gott, den wir alle nicht verstehen, wird sich keinem ganz unbezeugt lassen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.14.17">Act. 14,17</ref>]. Der verborgene Gott<term type="begriffe" key="Gott, verborgen"/> ist dem «Verborgenen der Menschen»<term type="begriffe" key="Verborgene des Menschen"/> nicht ferne, um so weniger, je deutlicher es uns wird, dass eben «im Verborgenen» Gottes und des Menschen die Entscheidungen<term type="begriffe" key="Entscheidung"/> fallen. <hi rend="italic">Dieser</hi> Gott, Gott selbst, der frei<term type="begriffe" key="Gott, ist frei"/> an allem vorübergeht, was bloß Eindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> von ihm ist, dieser Gott ist die Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, der Heiden"/> der Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/> im Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>.</p>
            <p>Aller Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> aber ist, weil <hi rend="italic">Gott</hi> der Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/> ist, höchste Zurückhaltung nahegelegt. Ihre sorgenvolle Kritik<term type="begriffe" key="Kritik"/> an den <pb ed="pga" xml:id="p103"/>  Gottlosen<term type="begriffe" key="Mensch, gottloser"/> könnte ganz gegenstandslos sein, ihr Eifer<term type="begriffe" key="Eifer"/> um deren Bekehrung<term type="begriffe" key="Bekehrung"/> weit danebenfahren. Jenseits von <hi rend="italic">ihrem</hi> Gut und Böse<term type="begriffe" key="Gut und Böse"/><note xml:id="n21"> Anspielung auf den Titel von <bibl corresp="kbga-bibls-2414"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsches</persName> Schrift <hi rend="italic">Jenseits von Gut und Böse</hi> (1886)</bibl>.</note> ist der Arm Gottes in Bewegung<term type="begriffe" key="Bewegung"/>. Sie wird wohl daran tun, sich nicht zu weit vorzuwagen.</p>
            <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.17 Röm.2.25">V. 17‒25</ref> Wenn</hi>
            es <hi rend="bold">aber</hi>
            geschieht, dass <hi rend="bold">du dich einen Juden nennst, verlässest dich auf den Besitz des Gesetzes und rühmst dich Gottes und kennst seinen Willen und hast Einsicht in das, worauf es ankommt, als einer, der im Gesetz unterrichtet ist – traust dir aber auch zu, selbst ein Führer der Blinden zu sein, ein Licht für die in der Finsternis, ein Erzieher der Unverständigen, ein Lehrer der Unmündigen, weil du im Gesetz die</hi>
            vollkommene <hi rend="bold">Ausprägung der Erkenntnis und der Wahrheit</hi>
            vor dir <hi rend="bold">hast – der du den andern belehrst, dich selbst belehrst du nicht? Verkündigst, man solle nicht stehlen, und stiehlst? Sprichst, man solle nicht die Ehe brechen, und brichst sie? Verabscheust die Götzen und beraubst das Heiligtum? Rühmst dich des Gesetzes und entehrst Gott durch deine Übertretung des Gesetzes? Denn euretwegen wird der Name Gottes gelästert unter den Heiden, wie geschrieben steht. Die Beschneidung hat Wert, wenn du das Gesetz erfüllst. Wenn du aber ein Übertreter des Gesetzes bist, so wird deine Beschnittenheit</hi>
            gleich <hi rend="bold">Unbeschnittenheit.</hi></p>
            <p>Eine anstößige, verwunderliche, unanschauliche Mitteilung von der <hi rend="italic">andern</hi> Seite: Hier sind die Wachenden, und in Gottes Urteil<term type="begriffe" key="Gott, Urteil"/> sind sie Schlafende<term type="begriffe" key="Wachende und Schlafende"/>, die Gläubigen und sind ungläubig, die Gerechten und sind ungerecht. Hier ist Eindruck von Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> und – Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> ist Welt auch hier. Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> muss auch von dieser Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, die im Gerichte Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/> eintreten kann, Kenntnis nehmen.</p>
            <p><hi rend="italic">«Du nennst dich einen Juden.»</hi><term type="begriffe" key="Jude"/> Du bist nicht der erste Beste. Du hast eine Vergangenheit hinter dir und doch wohl auch eine entsprechende Zukunft<term type="begriffe" key="Zukunft"/> vor dir. Dein Leben steht in einem Zusammenhang, der erwarten lässt, du werdest eine Ausnahme bilden in der Welt des Fleisches<term type="begriffe" key="Fleisch"/>. Du hast den Namen, dass du lebest [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.3.1">Apk. 3,1</ref>] – <pb ed="A" n="46"/> im Gegensatz zu den vielen, denen man diesen Namen wirklich nicht geben kann. <hi rend="italic">«Du verlässest dich auf das Gesetz.»</hi> Du bist umgeben <pb ed="pga" xml:id="p104"/> von Spuren<term type="begriffe" key="Spuren"/> des lebendigen Gottes<note xml:id="n22"> Möglicherweise Anspielung auf den Titel der Autobiographie des Pastors und Volksschriftstellers <bibl corresp="kbga-bibls-3539"><persName ref="kbga-actors-9660">Otto Funcke</persName> (1836–1910) <hi rend="italic">Fußspuren des lebendigen Gottes in meinem Lebenswege</hi>, 2 Bde., Altenburg 1898/1900</bibl>.</note><term type="begriffe" key="Spuren / Gott, lebendiger"/>, du bemühst dich, sie dir als solche deutlich zu erhalten. Du freust dich der Autorität, die das, was du von Gott weißt, über dich hat und die es dir gibt – im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> zu dem Chaos<term type="begriffe" key="Chaos"/> der Meinungen und Maßstäbe da draußen. <hi rend="italic">«Du rühmst dich Gottes.»</hi> Wie solltest du es nicht tun, da du ja tatsächlich einen Eindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> von ihm, eine Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> an ihn hast, da ja dein Blick unablässig und unter Gebet<term type="begriffe" key="Gebet"/> dorthin gerichtet ist, wo in der Tat Gott stehen müsste – im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zu Zweifler und Atheisten"/> zu den Zweiflern und Atheisten<term type="begriffe" key="Atheismus"/>, die behaupten, dass dort, wo du hinblickst, ein leerer Fleck sei. <hi rend="italic">«Du kennst den Willen Gottes.»</hi> Du weißt auch das, dass die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> an Gott Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/> bedeutet, dass von dorther, wo du unablässig hinblickst, ein Eingriff in dein Leben, ein Angriff<term type="begriffe" key="Angriff, auf die Welt"/> auf die Welt ausgehen müsste, und du weißt, in welcher Richtung das zu geschehen hätte. Du bist nicht ohne die Unruhe<term type="begriffe" key="Unruhe"/>, dass etwas getan werden sollte, und nicht ohne den Eifer<term type="begriffe" key="Eifer"/>, tatsächlich allerlei zu tun – im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zu Gedankenlosen"/> zu den Gedankenlosen, die sich von dumpfer Schicksalsmacht<term type="begriffe" key="Schicksal"/> treiben lassen. <hi rend="italic">«Du hast Einsicht in das, worauf es ankommt.»</hi> Du hast einen ererbten und erworbenen Sinn für das Wesentliche, für die historischen und psychologischen<term type="begriffe" key="Psychologie"/> Nuancen, für das Echte, Bezeichnende, Wichtige und besonders für alles Verdächtige und Gefährliche. Du hast immer eine geistreiche Anmerkung zu machen, immer ein zutreffendes Urteil abzugeben. Du weißt deine Stellung unter trefflicher Begründung gegen andre abzugrenzen. Du siehst tief, denn du bist tief – im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zu den Oberflächlichen"/> zu den tausend Oberflächlichen, den Dilettanten<term type="begriffe" key="Dilettanten des Lebens"/> des Lebens<note xml:id="n23"> Vermutlich Anspielung auf den Titel von <bibl corresp="kbga-bibls-2751"><persName ref="kbga-actors-9291">Cl. Viebigs</persName> Roman <hi rend="italic">Dilettanten des Lebens</hi> (1897)</bibl>.</note>.  – Kurz, du <hi rend="italic">hast viel.</hi> Was wolltest du mehr haben? Was könnte ein Mensch noch haben, das du nicht hättest? Groß ist die dir gebotene Gelegenheit, groß der Reichtum der Güte Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Güte"/> über dir, groß das Ansichhalten seines Zornes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn,, Ansichhalten"/> über dir, groß seine Geduld<term type="begriffe" key="Gott, Geduld"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.4">2,4</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.2">3,2</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.11">4,11</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.4 Röm.9.5">9,4–5</ref>). Groß ist offenbar das, was von dir erwartet wird.</p>
            <p>Und nun <hi rend="italic">«traust du dir zu, ein Führer der Blinden zu sein».</hi> Du fühlst nicht mit Unrecht, dass du eine Mission<term type="begriffe" key="Mission"/> hast. Du vergleichst dich und deinen Eindruck von Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> mit den vielen, die sol<pb ed="pga" xml:id="p105" break="no"/>chen Eindruck nicht haben. Du empfindest in diesem Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> deine Berufung<term type="begriffe" key="Berufung"/>. Du ahnst das Vorhandensein eines göttlichen Planes, einer Teleologie<term type="begriffe" key="Teleologie"/>, in der du eine entscheidende Rolle zu übernehmen hast. Du übernimmst sie, du hast sie schon übernommen, zuversichtlich und im Bewusstsein einer heiligen Verpflichtung. Deinen Eindruck von Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, den du so ernsthaft und begeistert<term type="begriffe" key="Begeisterung"/> <pb ed="A" n="47"/> <hi rend="italic">hast</hi> («im Gesetz die vollkommene Ausprägung der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, im Gesetz"/> und der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, im Gesetz"/>»), du möchtest ihn auch den andern, den Blinden<term type="begriffe" key="blind/Blinder"/>, den in Finsternis Wandelnden, den Unverständigen und Unmündigen vermitteln, du möchtest ihn fortsetzen, verbreitern, propagieren, auswalzen, damit er Besitz möglichst vieler werde. Kraft dessen, <anchor type="note" xml:id="fn-h"/>was du bist und was du hast<note n="h" target="fn-h" type="textcritical" xml:id="nh"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «was du bist und hast». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, fühlst du dich gedrängt zum Handeln, eingesetzt als Gottes Mitarbeiter<term type="begriffe" key="Mensch, als Mitarbeiter"/>.</p>
            <p>Aber <hi rend="italic">«der du den andern belehrst, dich selbst belehrst du nicht?»</hi> Mission<term type="begriffe" key="Mission"/> setzt eine Sendung<term type="begriffe" key="Sendung"/> voraus, Belehrung ein Belehrtsein, Austeilen ein Empfangenhaben. Was ist’s denn mit dem Haben des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, wenn es nicht getan wird, wenn Gott sich nicht bekennt zu diesen Habenden? Mit dem Eindruck von Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, wenn die Offenbarung selbst nicht weiter geht? Mit der Blickrichtung dorthin, wo Gott stehen würde<note n="i" type="textcritical" xml:id="ni"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «müsste».</note>, wenn er gar nicht mehr dort steht? Was hilft dir im Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> dein Wohnen am Kanal<term type="begriffe" key="Kanal der Offenbarung"/>, wenn er leer ist? Und könnte er nicht leer sein? Wer bist du denn? Was hast du denn? Woher kommst du denn? Was ergießest du dich denn so nach allen Seiten? Was ist’s denn mit dem neuen Geist<term type="begriffe" key="Geist, neuer"/>, den du in andern pflanzen willst? Auch dein Eindruck von Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, deine Ergriffenheit<term type="begriffe" key="Ergriffenheit"/>, dein Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, deine Begeisterung<term type="begriffe" key="Begeisterung"/> ist Fleisch<term type="begriffe" key="Fleisch"/>, ist von dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt"/>. Wird gerade <hi rend="italic">deine</hi> religiöse<term type="begriffe" key="religiös"/> Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/> den Zorn Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn gegen religiöse Weltlichkeit"/> weniger zu fürchten haben als andre? Ist’s nicht Gefangenhaltung der Wahrheit<term type="begriffe" key="Gefangenhalten der Wahrheit"/>, Vertauschung des Unvergänglichen mit dem Abbild des Vergänglichen<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">1,18</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.23">23</ref>] hier wie dort? Was bist du, wenn Gott selbst nicht für dich eintritt? Wenn er das «Werk»<term type="begriffe" key="Werk"/> nicht findet bei dir, im Verborgenen deines Herzens<term type="begriffe" key="Verborgene des Menschen"/>: das Gebet<term type="begriffe" key="Gebet"/> des Zöllners [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.13">Lk. 18,13</ref>], die Bitte des verlorenen Sohnes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.21">Lk. 15,21</ref>], das Schreien der Witwe vor dem ungerechten Richter [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.3">Lk. 18,3</ref>]? Dann steht dein Tun da als das, <pb ed="pga" xml:id="p106"/> was es ist: deine Rechtlichkeit als Diebstahl (wer stiehlt nicht?), deine Reinheit als Ehebruch (wann wäre Sexualität<term type="begriffe" key="Sexualität"/> rein?), deine Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, als Anmaßung"/> als eitle Anmaßung (denn welcher Fromme träte Gott <hi rend="italic">nicht</hi> zu nahe?). Oder lohnt es sich etwa, im Gerichte Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/> die Stufen<term type="begriffe" key="Stufe"/> höherer und niederer Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/> zu unterscheiden? Fehlt deinem Leben die Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/>, die nur Gott selbst ihm geben kann, dann fehlt ihm <hi rend="italic">jede</hi> Rechtfertigung. Hast du nicht <hi rend="italic">mehr</hi> aufzuweisen als deinen Eindruck von Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, dann hast du gar nichts aufzuweisen. Berufst du dich nur auf deinen Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, Berufung auf G."/>, so kannst du dich auf gar nichts berufen. Ist Gott nicht für dich, so ist alles wider dich [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.31">8,31</ref>].</p>
            <p>Und noch mehr: <hi rend="italic">«Du rühmst dich des Gesetzes und entehrst Gott durch die Übertretung des Gesetzes.»</hi> Ist Gott nicht für dich, so kannst du auch nicht für ihn, sondern nur gegen ihn sein. Denn die Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> ist scharfsichtig. Sie wird deine vermeintliche Überlegenheit<term type="begriffe" key="Überlegenheit"/> nicht gelten lassen. Sie wird <pb ed="A" n="48"/> dich bald als Fleisch von ihrem Fleisch und Bein von ihrem Bein erkennen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.23">Gen. 2,23</ref>]. Bist du selber verwerflich, so kannst du auch nicht handeln, wirken, anleiten<note n="j" type="textcritical" xml:id="nj"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «arbeiten».</note> für Gott. In ihr Gegenteil verkehrt sich dann die Stellung, die du nicht mit Unrecht eigentlich einnehmen möchtest. Das Gegenteil von Mission<term type="begriffe" key="Mission"/> treibst du, indem du Mission treibst, ohne gesendet zu sein. Denn wo Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> ist, da erwartet die «Welt» nun einmal Tun des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Tun des"/>; wo Eindruck von Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/> ist, da sucht sie Offenbarung selbst. Sie glaubt ja mit Langmut immer wieder an den höhern Anspruch, den die Gotteskinder<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> in ihrer Mitte erheben. Sie wäre für Realitäten<term type="begriffe" key="Realität"/> durchaus nicht unempfänglich. Wohl aber ist sie unempfänglich für Illusionen<term type="begriffe" key="Illusion"/>. Sieht sie sich getäuscht in den Berufenen<term type="begriffe" key="Berufung"/> und Erleuchteten<term type="begriffe" key="Erleuchteter"/>, merkt sie wieder einmal, dass ihr doch nur potemkinsche Dörfer<term type="begriffe" key="Potemkinsche Dörfer"/><note xml:id="n24"> Trügerische Vorspiegelungen oder «Luftschlösser»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 657f.</bibl> Als Fürst <persName ref="kbga-actors-9661">Grigori A. Potemkin</persName> 1787 die Krim erobert hatte und die Kaiserin <persName ref="kbga-actors-9662">Katharina die Große</persName> das neu erworbene Gebiet besuchen wollte, «suchte er sie durch schnell aufgebaute Dörfer und militärische Schauspiele über dessen wahren Zustand zu täuschen».</note> vorgezaubert werden, ist es nichts Anderes, nichts Neues, nichts Bezwingendes, was ihr in den Gotteskindern<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> entgegentritt, dann wendet sie sich nach kurzem Staunen von dem befremdlichen Schauspiel <pb ed="pga" xml:id="p107"/> nichtwirklicher Gottesgemeinschaft<term type="begriffe" key="Gottesgemeinschaft"/> ab und fühlt sich als «Welt»<term type="begriffe" key="Welt"/> aufs neue bestärkt und gerechtfertigt. Mit richtigem Instinkt für die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> lässt sie sich nichts vormachen, verwahrt sie sich dagegen, sich zu dem «Gott» der Frommen bekehren zu lassen. «Gott» <hi rend="italic">ist</hi> eben Ideologie<term type="begriffe" key="Ideologie"/>, wo Menschen den Standpunkt Gottes einnehmen ohne Gott, wo Gott selber<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/> nicht eins und alles ist, sondern Menschen, wenn auch im feinsten, edelsten Sinn mit Gott etwas sein und etwas machen<note n="k" type="textcritical" xml:id="nk"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «sein und machen». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> wollen. Der Einwand, der Protest<term type="begriffe" key="Protest"/> gegen «Gott» hat recht, wo nur leere Kanäle<term type="begriffe" key="Kanal der Offenbarung"/> Gottes zu sehen sind. Aber wo bleiben dann die Mitarbeiter Gottes<term type="begriffe" key="Mensch, als Mitarbeiter"/>? «Um euretwillen wird der Name Gottes gelästert unter den Heiden» (<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.62.5">Jes. 62,5</ref>). Die Erwählten, die Gotteskinder<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> sind es, die das Reich Gottes<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> aufhalten! Sollte uns diese Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> nicht zu denken geben in jedem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick"/>, wo wir versucht sind, aus der Prophetie<term type="begriffe" key="Prophetie"/> der Wartenden und Eilenden<term type="begriffe" key="Warten, und Eilen"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.12">2.Petr. 3,12</ref>] eine letzte höchste Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> zu machen? Diese Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, die ja längst und weithin
            Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> ist!</p>
            <p><hi rend="italic">«Wenn du aber ein Übertreter des Gesetzes bist, so wird deine Beschnittenheit gleich Unbeschnittenheit.»</hi> Unvermeidlich bricht dann der Relativismus herein: Der Eindruck von Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, den die Gotteskinder<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> haben, wird zu einem menschlichen<term type="begriffe" key="menschlich"/>, weltlichen Wert<term type="begriffe" key="Wert"/> neben andern. Ihr Anspruch auf einen absoluten Vorzug ihrer Stellung vor andern ist erledigt<term type="begriffe" key="Erledigung"/>. Ihre Religionen<term type="begriffe" key="Religion"/>, Sittlichkeiten<term type="begriffe" key="Sittlichkeit"/> und Weltanschauungen<term type="begriffe" key="Weltanschauung"/> sind kommende und gehende Größen. Ihre Kirchengeschichte<term type="begriffe" key="Kirchengeschichte, profane"/> wird profan, kommt unter das Zeichen: «Der echte Ring vermutlich ging – verloren! «<note xml:id="n25"> <bibl corresp="kbga-bibls-568"><persName ref="kbga-actors-244">G. E. Lessing</persName>, <hi rend="italic">Nathan der Weise</hi>, 3. Aufzug, 7. Auftritt, V.509f.</bibl></note> Denn wo <hi rend="italic">Gott</hi> den Wert<term type="begriffe" key="Wert"/> nicht findet, den <hi rend="italic">er</hi> schätzt und entsprechend «bezahlt» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.6">2,6</ref>)<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/>, da können die menschlichen Vor<pb ed="A" n="49" break="no"/>zugsstellungen nichts Besonderes bedeuten. Die Unreinheit<term type="begriffe" key="Unreinheit"/> und Unheiligkeit, die <hi rend="italic">er</hi> «im Verborgenen der Menschen»<term type="begriffe" key="Verborgene des Menschen"/> findet, entwerten notwendig den Eindruck von Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, den Menschen bei sich selbst oder andre bei ihnen vorfinden mögen. Die Gottesstreiter ohne Gott gleichen dem Wanderer, der beim Wegweiser<term type="begriffe" key="Wegweiser"/> stehen bleibt, statt den gewiesenen Weg zu <hi rend="italic">gehen</hi>. Sinnlos ist der Wegweiser geworden, sinnlos ihr Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, sinnloser"/>, ihr Beten<term type="begriffe" key="Gebet"/>, ihre biblische <pb ed="pga" xml:id="p108"/> Haltung<term type="begriffe" key="Haltung, biblische"/>. Das Sakrament<term type="begriffe" key="Sakrament"/> der Beschneidung<term type="begriffe" key="Beschneidung"/> bei den Juden<term type="begriffe" key="Jude"/> und jedes andre Sakrament<term type="begriffe" key="Sakrament"/> ist nicht mehr Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinschaft, mit Gott"/> mit Gott, sondern (<persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und der Liberalismus<term type="begriffe" key="Liberalismus"/> behalten unter dem Zorne Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> recht!) es <hi rend="italic">bedeutet</hi> sie nur noch<note xml:id="n26"> Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Interpretation des Satzes «<foreign xml:lang="lat">Hoc est corpus meum</foreign>» im Abendmahlsstreit; vgl. z. B. dessen <bibl corresp="kbga-bibls-3142"><hi rend="italic">Ad Matthaeum Alberum</hi> <hi rend="italic">de coena dominica epistola</hi> (1524): <persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Sämtliche Werke</hi>, Bd. 3 (= CR 90), Leipzig 1914, S. 344, Z.9 – S. 345, Z.3; S. 345, Z.22–30</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Nos cardinem huius rei in brevissima syllaba versari arbitramur: videlicet in hoc verbo ‹est›, cuius significantia non perpetuo pro ‹esse› accipitur, sed etiam pro ‹significare›.» «Nunc <hi rend="italic">Christi</hi> verbum mihi in manum sume <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.26">Math. 26</ref>: Accepit <hi rend="italic">Iesus</hi> panem etc., dicens: Accipite et comedite! Hoc ‹est› corpus meum; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.22.19">Luc. 22</ref>: quod pro vobis traditur. Hic mihi pro ‹est› ‹significat› pone: Accipite et comedite! Hoc ‹significat› corpus meum, quod pro vobis traditur. Tunc nimirum iste erit sensus: Accipite et comedite! hoc enim, quod nunc facere iubeo, significabit vobis aut rememorabit corpus meum, quod iamiam pro vobis traditur.</foreign>» Mit der Zusammenstellung weist <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> darauf hin, dass in der liberalen Theologie eine Sakramentsauffassung vertreten wird, welche der <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> gleicht; vgl. z. B. <persName ref="kbga-actors-420">P. Wernles</persName> Kritik an dem von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I</bibl> vertretenen «Taufsakramentalismus» (<bibl corresp="kbga-bibls-3418"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, S. 169</bibl>).</note>.
            Der Krater, um den die Heiligen wartend sitzen, ist ausgebrannt. Die heilige Form ist nur noch als Form heilig, und keine Vergeistigungsversuche<term type="begriffe" key="Geist, Vergeistigung"/> werden der fortschreitenden Entleerung auch dieser Heiligkeit wehren können. Beschnittenheit<term type="begriffe" key="Beschneidung"/> ist tatsächlich gleich Nicht-Beschnittenheit, Glaube gleich Unglaube<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/>, Gottseligkeit gleich Gottlosigkeit<term type="begriffe" key="Gottlosigkeit"/>.</p>
            <p>So ist die Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> auch in ihrem eigenen Hause angegriffen. Sie könnte sich irren – nicht nur im Blick auf die da draußen, die «Heiden»<term type="begriffe" key="Heide"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.14 Röm.2.16">2,14–16</ref>), sondern auch im Blick auf sich selbst. Sie kommt im Gerichte Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/> <hi rend="italic">gründlich</hi> ins Wanken. Es gibt keinen Anspruch, kraft dessen etwas Menschliches<term type="begriffe" key="menschlich"/> <hi rend="italic">in</hi> dieser Welt nicht auch <hi rend="italic">von</hi> dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> wäre [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.17.11">Joh. 17,11</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.17.16">16</ref>].</p>
            <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.26 Röm.2.29">V. 26‒29</ref> Wenn nun ein Unbeschnittener die Ordnungen des Gesetzes hält, wird dann nicht seine Unbeschnittenheit</hi>
            tatsächlich <hi rend="bold">als Beschnittenheit verrechnet werden? Und dann urteilt der in seinem Naturzustand</hi>
            betrachtet <hi rend="bold">Unbeschnittene, der aber am Ziel des Gesetzes steht, über dich, der trotz Buchstabe und Beschneidung Übertreter des Gesetzes ist. Jude ist nicht mehr, der es bekannterweise ist, und Beschneidung nicht das, was bekannterweise in der Fleischeswelt geschieht, sondern das ist der Jude, der es im <pb ed="pga" xml:id="p109"/> Verborgenen ist, und</hi>
            das ist seine <hi rend="bold">Beschneidung, was am Herzen geschieht, im Geist, nicht nach dem Buchstaben – dessen Belohnung nicht von Menschen, sondern von Gott kommt.</hi></p>
            <p>Eine letzte Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, letzte"/> ist aufgetaucht. Der Ring von Ursache und Wirkung<term type="begriffe" key="Ursache, und Wirkung"/>, Abfall<term type="begriffe" key="Abfall, und Sturz"/> und Sturz ist in der Tat unentrinnbar geschlossen. Es könnte aber dieser Ring als Ganzes eingeschlossen und getragen sein von einem unbegreiflichen göttlichen Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/>. Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> an sich ist Einbildung; es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt. Es könnte aber eine Gerechtigkeit vor Gott<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott"/> und von Gott her geben<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>. Es gibt keine sichtbaren Kreise von Heiligen<term type="begriffe" key="Heilige"/>, Ausgenommenen, Helden<term type="begriffe" key="Held"/>, Übermenschen<note xml:id="n27"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3540"><persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>, Zarathustra, z. B. Zarathustra’s Vorrede 3, NW, S. 13</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3541">NWKG, S. 8, Z.13–15</bibl>): «<hi rend="italic">Ich lehre euch den Übermenschen.</hi> Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?»</note><term type="begriffe" key="Übermensch"/> und Gerechten, gebildet durch den Besitz von Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, Offenbarungseindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>, Gesinnung<term type="begriffe" key="Gesinnung"/>, Moral<term type="begriffe" key="Moral"/> und Sakrament<term type="begriffe" key="Sakrament"/>. Es könnte aber einen neuen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> geben, jenseits <pb ed="A" n="50"/> aller Gegensätze, von Gott und nach Gott geschaffen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.24">Eph. 4,24</ref>]. «Unbeschnittenheit als Beschnittenheit verrechnet?!» Also Gottlosigkeit<term type="begriffe" key="Gottlosigkeit"/> von Gott als Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, und Gottlosigkeit"/> «bezahlt»<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/> mit ewigem Leben<term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/>? Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> und Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/> eingetragen in Gottes Bücher als Ehrfurcht und Demut<term type="begriffe" key="Ehrfurcht und Demut"/>? Die verlorene Welt in Gottes Gericht<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/> freigesprochen und gerettet? Also auch aller menschliche Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/> als solcher von Gott <hi rend="italic">nicht</hi> anerkannt, sondern «verschlossen unter den Unglauben – auf dass er sich aller <hi rend="italic">erbarme</hi>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.32">11,32</ref>)? Ohne alles Verdienst, ohne alle anschauliche Begründung, ohne alle menschliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/>, etwas dafür oder dagegen zu tun! Ein unfassbares Hereinbrechen Gottes selbst, des unbekannten Gottes in den uns bekannten Zusammenhang der Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/>, die unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> der neuen Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/>! Unmöglich bei den Menschen, möglich bei Gott [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.26">Mt. 19,26</ref> par.]! <hi rend="italic">Gott</hi> verrechnet nach <hi rend="italic">seinem</hi> Maßstab<term type="begriffe" key="Maßstab"/>. <hi rend="italic">Gott</hi> führt hier Ungläubige an das «Ziel des Gesetzes<term type="begriffe" key="Ziel, des Gesetzes"/>», in das Licht seiner Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinschaft, mit Gott"/>, und lässt dort Gläubige stehen in der Welt, die im Argen liegt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.5.19">1.Joh. 5,19</ref>]. Er geht an allem vorbei, was «bekannterweise», was dinglich<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/> und anschaulich<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> geschieht, und richtet im Verborgenen<term type="begriffe" key="Gott, verborgen"/> nach <hi rend="italic">seinem</hi> Recht. <hi rend="italic">Gott</hi> ist der Geist<term type="begriffe" key="Geist, wohnt in Herzen"/>, der in den Herzen<term type="begriffe" key="Herz"/> wohnt oder auch nicht wohnt, ganz unabhängig von dem, was nach dem Buchstaben menschlicher <pb ed="pga" xml:id="p110"/> Tafeln<term type="begriffe" key="Tafeln"/> zu erwarten oder nicht zu erwarten ist. <hi rend="italic">Gott</hi> belohnt<term type="begriffe" key="Gott, bezahlt und belohnt"/>, was <hi rend="italic">er</hi> belohnen will, er selbst, er allein. Was wollen wir
            dazu oder dagegen sagen? Hat Gott etwa nicht recht? Kennen wir ein besseres Recht, das wir seinem Recht<term type="begriffe" key="Gott, Recht"/> entgegenzustellen hätten? Ist Gott nicht die ewige Wahrheit<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/> unsres Lebens, indem er seine Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> ist? Was wollen wir denn mit unsern Wahrheiten? <hi rend="italic">Gottes</hi> Ehre will leuchten, <hi rend="italic">Gottes</hi> Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> sich offenbaren, <hi rend="italic">darum muss</hi> die Pragmatik<term type="begriffe" key="Pragmatik"/> seines Tuns so unanschaulich, so unerhört sein. Gott lebt nicht von dem Recht, das wir ihm geben; er ist Gott eigenen Rechtes<term type="begriffe" key="Gott, Recht"/>. Gott ist nicht Grund neben Gründen, nicht Antwort, die wir am Ende doch wieder selbst zu geben vermöchten – <hi rend="italic">darum</hi> sein unkenntliches<term type="begriffe" key="Unkenntlichkeit"/>, unbegründetes Auftreten, sein Richten nach eigenem Recht<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/>. Es <hi rend="italic">gibt</hi> einen Anspruch auf Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/> vom Zorne Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn und Errettung"/>: da, wo aller Anspruch aufgegeben, von Gott selbst niedergeschlagen ist, da, wo Gottes Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> als endgültig, Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn ist unentrinnbar"/> als unentrinnbar, Gott als Gott<term type="begriffe" key="Gott, als Gott"/> erkannt ist. Da, wo <hi rend="italic">die</hi> Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte, zwischen Gott und Mensch"/> zwischen Gott und Mensch beginnt, von der keine Geschichte zu erzählen ist, weil sie nur geschieht, ewig geschieht. Da, wo der Mensch es wagt – aber auch das ist kein Rezept für die Seligkeit<term type="begriffe" key="Seligkeit"/>, sondern ihr ewiger Erkenntnisgrund<term type="begriffe" key="Erkenntnisgrund"/> –, sich in die Luft zu stellen<term type="begriffe" key="«in die Luft stellen»"/><note xml:id="n28"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>, Christentum und Kultur, S. 77</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 110</bibl>): «daß wir Menschen überhaupt nur vorwärts kommen, indem wir uns von Zeit zu Zeit in die Luft stellen und daß unser Leben unter Bedingungen verläuft, die uns nicht gestatten, uns dieses Experiment zu ersparen». Die Passage ist in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen, am Rand angestrichen und mit einem Kreuz markiert. Bei <persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName> ist der Kontext: Das Festhalten an der Bibel ist fatal für den Glauben. Um von der religiösen Überschätzung der Bibel wegzukommen, muss die Menschheit sich «in die Luft stellen» (wie beim «Uebergang vom Alten Testament zum Neuen»). Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-3519"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, Unerledigte Anfragen, S. 7.13.</bibl></note> und den unerforschlichen Gott<term type="begriffe" key="Gott, unerforschlich"/> zu lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>. Darum handelt es sich in Jesus Christus<term type="begriffe" key="Jesus"/>.  </p>  
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