An die Römer
451. Kapitel
EINGANG
Der Verfasser an die Leser
Paulus, Knecht des Christus Jesus, berufen zum Apostel, ausgesondert für die Heilsbotschaft Gottes, welche dieser längst verkündigen ließ durch seine Propheten in den heiligen Schriften,
handelnd von seinem Sohn: geboren aus Davids Geschlecht nach dem Fleisch, kräftig eingesetzt als Sohn Gottes nach dem Heiligen Geist durch
seine Auferstehung von den Toten ‒ von Jesus Christus unserm Herrn, durch welchen wir Gnade und Apostelamt empfangen haben, der
in der Heilsbotschaft sich bewährenden Treue
Gottes Gehorsam zu verschaffen unter allen Völkern zur Ehre seines Namens, unter welchen auch ihr seid als von Jesus Christus Berufene, ‒ an alle Geliebten Gottes zu Rom,
die zur Heiligkeit Berufenen! Gnade über euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus!
«Paulus, Knecht des Christus Jesus, berufen zum Apostel.» «Nicht die für eigenes Schaffen begeisterte Genialität» (Zündel)1, sondern ein an seinen Auftrag gebundener Sendbotea ist es, der hier das Wort ergreift. Nicht ein Herr, sondern ein Knecht, der Minister seines Königs. Mag Paulus sein, wer und was er will, der Inhalt seiner Sendung ist letzten Grundes nicht in ihm, sondern in unüberwindlicher Fremdheit, in unerreichbarer Ferne über ihm. Er kann sich seines Apostelberufs nicht als eines Momentes seiner eigenen Lebensentwicklung bewusst werden. «Der Apostelberuf ist ein paradoxes Fak|46tum, das im ersten und letzten Augenblick seines Lebens außerhalb seiner persönlichen Identität mit ihm selbst steht» (Kierkegaard).2 Er ist und bleibt er selbst, jeder Mensch ist ihm wesentlich gleich nahe. Aber im Widerspruch zu sich selbst und im Unterschied zu jedem andern Menschen ist er zugleich von Gott berufen und ausgesendet. Also ein Pharisäer? Ja ein Pharisäer, wenn auch höherer Ordnung3, ein «Ausgesonderter», ein Vereinzelter, ein Verschiedener. In Reih und Glied mit jedermann, Stein unter Steinen in jeder Beziehung, nur in seiner Beziehung zu Gott 4 ein Fall für sich. Gerade als Apostel ohne ein geordnetes Verhältnis zur menschlichen Gemeinschaft in ihrer geschichtlichen Wirklichkeit, von da aus gesehen vielmehr b-eine nur als Ausnahme mögliche, ja unmögliche
Erscheinung-b. Das Recht dieser seiner Stellung und die Glaubwürdigkeit seiner Rede ruhen in Gott. Sie können direkt so wenig eingesehen werden wie Gott selber. Eben daher nimmt er den Mut, Gehör fordernd auch an andre heranzu|47treten, ohne Besorgnis, sich selbst zu überheben und ihnen zu nahe zu treten. Gerade das gibt ihm Autorität, dass er nur an die Autorität Gottes selbst appellieren kann und willc.
Die «Heilsbotschaft Gottes» hat Paulus auszurichten: zu Handen der Menschen die ganz und gar neue, die unerhört gute und frohe Wahrheit Gottes. Aber eben: Gottes! Also keine religiöse Botschaft, keine Nachrichten und Anweisungen über die Göttlichkeit oder Vergöttlichung des Menschen, sondern Botschaft von einem Gott, der ganz anders ist4, von dem der Mensch als Mensch nie etwas wissen noch haben wird und von dem ihm eben darum das Heil kommt. Also kein direkt zu verstehendes, einmalig zu erfassendes Ding unter Dingen, sondern das unter Furcht und Zittern5 immer neu zu vernehmende, weil immer neu gesprochene Wort des Ursprungs6 aller Dinge. Also nicht Erlebnisse7, Erfahrungen und Empfindungen, und wären es solche höchsten Ranges,
sondern schlichte objektive Erkenntnis dessen, was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört [vgl. 1.Kor. 2,9]. |48 Also aber auch eine Mitteilung, die nicht nur auf Notiznahme, sondern auf Teilnahme, nicht nur auf Verstand, sondern auf Verständnis, nicht nur auf Mitgefühl, sondern auf Mitarbeit rechnet, eine Mitteilung, die Glauben an Gott, an Gott selbst, voraussetzt, indem sie ihn schafft.
Eben weil es die Botschaft von Gott ist, darum «längst verkündigt», darum kein Einfall von heute, sondern der Sinn, der reife Ertrag der Geschichte, Frucht der Zeit als Same der Ewigkeit, erfüllte Weissagung. Es ist das Wort, das die Propheten von jeher sprachen, das jetzt vernehmbar und vernommen wird. Das ist das Wesen der dem Apostel aufgetragenen Heilsbotschaft und zugleich die Bewährung seiner Rede und die Kritik, der sie untersteht: Die Worte der Propheten, die lange unter Verschluss gehaltenen, sied reden nun; was Jeremia, Hiob und der Prediger Salomo längst verkündigt, das wird nun gehört; man kann nun sehen und verstehen, was geschrieben steht; wir haben nun «einen Eingang in das ganze Alte Testament» (Luther)8. Also auf dem Boden der offenbar gewordenen und wohlverstandenen Geschichte steht, der hier redet. «Er verbittet sich sofort die Ehre eines Neuerers» (Schlatter).9
5 «Jesus Christus unser Herr», das ist die Heilsbotschaft, das ist der Sinn der Geschichte. In diesem Namen begegnen und trennen sich zwei Welten10, schneiden sich zwei Ebenen, eine bekannte und eine |49 unbekannte. Die bekannte ist die von Gott geschaffene, aber aus ihrer ursprünglichen Einheit mit Gott herausgefallene und darum erlösungsbedürftige Welt des «Fleisches», die Welt des Menschen, der Zeit und der Dinge, unsre Welt. Diese bekannte Ebene wird geschnitten von einer andern unbekannten, von der Welt des Vaters11, der Welt der ursprünglichen Schöpfung und endlichen Erlösung. Aber diese Beziehung zwischen uns und Gott, zwischen dieser Welt und der Welt Gottes will erkannt sein. Das Sehen der Schnittlinie zwischen beiden ist nicht selbstverständlich. ‒ Der Punkt der Schnittlinie, wo sie zu sehen ist und gesehen wird, ist Jesus, Jesus von Nazareth, der «historische» Jesus, «geboren aus Davids Geschlecht nach dem Fleisch». «Jesus» als historische Bestimmung bedeutet die Bruchstelle zwischen der uns bekannten Welt und einer unbekannten. Zeit, Dinge und Menschen erheben sich an dieser Stelle der uns bekannten Welt an sich nicht über andre Zeiten, Dinge und Menschen, wohl aber, sofern sie jenen Punkt begrenzen, der die verborgene Schnittlinie von Zeit und Ewigkeit, Ding und Ursprung, Mensch und Gott sichtbar werden lässt. Also Offenbarungszeit und Entdeckungszeit sind die Jahre 1‒30. Sie ist die Zeit, in der, wie der Blick auf David zeigt, die neue, andersartige, göttliche Bestimmung aller Zeit gesehen wird und die ihre Besonderheit unter andern Zeiten selbst auch wieder aufhebt, indem sie die Möglichkeit eröffnet, dass jede Zeit Offenbarungszeit und Entdeckungszeit werden könnte. Jener Punkt der Schnittlinie selbst aber hat wie die ganze unbekannte Ebene, deren Vorhandensein er ankündigt, gar keine Ausdehnung auf der uns bekannten Ebene. Die Ausstrahlungen oder vielmehr die erstaunlichen Einschlagstrichter und Hohlräume, durch die er sich innerhalb der historischen Anschaulichkeit bemerkbar macht, sind, auch wenn sie
«Leben Jesu»12 heißen, nicht die andre Welt, die sich in Jesus mit unsrer Welt berührt. Und sofern diese unsre Welt in Jesus von der andern Welt berührt wird, hört sie auf, historisch, zeitlich, dinglich, direkt anschaulich zu |50 sein. ‒ Jesus ist «kräftig eingesetzt als Sohn Gottes nach dem Heiligen Geist durch seine Auferstehung von den Toten». Dieses sein Eingesetztsein ist die wahre Bedeutung Jesu, als solche freilich gerade historisch nicht zu bestimmen. Jesus als der Christus, der Messias, ist das Ende der Zeit, er ist nur als Paradox (Kierkegaard)13, er ist nur als der Sieger (Blumhardt)14, er ist nur als Ur-Geschichte 6 (Overbeck)15 zu |51 verstehen. Jesus als der Christus ist die uns unbekannte Ebene, die die uns bekannte senkrecht von oben16 durchschneidet. Jesus als der Christus kann innerhalb der historischen Anschaulichkeit nur als Problem, nur als Mythus verstanden werden. Jesus als der Christus bringt die Welt des Vaters, von der wir innerhalb der historischen Anschaulichkeit nichts wissen und nie etwas wissen werden. ‒ Die Auferstehung von den Toten aber ist die Wende, das «Einsetzen» jenes Punktes von oben und die entsprechende Einsicht von unten. Die Auferstehung ist e-die Offenbarung, die Entdeckung Jesu als des Christus, die Erscheinung Gottes und die Erkenntnis Gottes-e in ihm, der Eintritt der Notwendigkeit, Gott die Ehre zu geben und mit dem Unbekannten und Unanschaulichen in Jesus zu rechnen, Jesus als das Ende der Zeit, als das Paradox, als Urgeschichte, als Sieger gelten zu lassen. In der Auferstehung berührt die neue Welt des Heiligen Geistes die alte Welt des Fleisches. Aber sie berührt sie wie die Tangente einen Kreis17, ohne sie zu berühren, und gerade indem sie sie nicht |52 berührt, berührt sie sie als ihre Begrenzung, als neue Welt. So ist die Auferstehung das Ereignis vor den Toren Jerusalems im Jahre 30, sofern sie dort «eintrat», entdeckt und erkannt wurde. Und sie ist es auch wieder gar nicht, sofern ihre Notwendigkeit, Erscheinung und Offenbarung nicht durch jenes Eintreten, Entdecken und Erkennen bedingt, sondern selbst ihr Bedingendes ist. Sofern Jesus sich offenbart und entdeckt wird als der Messias, ist er ja schon vor dem Ostertag «eingesetzt als Sohn Gottes», so gewiss er es auch nach dem Ostertag ist. ‒ Das ist die Bedeutung Jesu: die Einsetzung des Menschensohns als Sohn Gottes. Was er abgesehen von dieser Einsetzung ist, das ist so wichtig und so unwichtig wie alles Zeitliche, Dingliche
und Menschliche an sich sein kann. «Ob wir auch Christus nach dem Fleische gekannt haben, so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr.» [2.Kor. 5,16b]. Indem er war, ist er; aber indem er ist, liegt was er war, dahinten. Keine Vermählung und Verschmelzung zwischen Gott und Mensch findet hier statt, kein Aufschwung des Menschen ins göttliche und keine Ergießung Gottes ins menschliche Wesen18, sondern was uns in Jesus dem Christus berührt, indem es uns nicht berührt, das ist das Reich Gottes, des Schöpfers und Erlösers. Es ist aktuell geworden. Es ist nahe herbeigekommen (3,21f. [vgl. Mt. 4,17 par.]). ‒ Dieser Jesus Christus ist «unser Herr». Durch seine Gegenwart in der Welt und in unserm Leben sind wir als Menschen aufgehoben und in Gott begründet, durch den Blick auf ihn still gestellt und in Bewegung versetzt, Wartende und Eilende19. Weil er als der Herr über Paulus und den Römern steht, darum ist «Gott» im Römerbriefe kein leeres Wort.
53 7 Von Jesus Christus «Gnade und Apostelamt» des Paulus. Gnade ist die unbegreifliche Tatsache, dass Gott an einem Menschen Wohlgefallen hat und dass ein Mensch sich in Gott freuen kann. Nur wenn sie als unbegreiflich erkannt wird, ist Gnade Gnade. Eben darum gibt es Gnade nur im Widerschein der Auferstehung, als Geschenk des Christus, der die Distanz zwischen Gott und Mensch überbrückt, indem er sie aufreißt. Aber indem Gott den Menschen erkennt von weither und vom Menschen erkannt wird in seiner unerforschlichen Höhe, kommt der Mensch zu seinen Mitmenschen unvermeidlich in das Verhältnis eines «Sendboten». «Ein Zwang ist über mir. Wehe mir, wenn ich die Heilsbotschaft nicht verkündigte!» (1.Kor. 9,16). Nur um ein Mehr oder Minder kann es sich handeln bei dem Unterschied zwischen Paulus und andern Christen. Wo die Gnade des Christus ist, da nimmt der Mensch auch bei der größten Zurückhaltung und Skepsis Teil an der Verkündigung der Wende aller Zeiten und Dinge, der Auferstehung. Ihm ist das Dasein der Welt zur Frage geworden, mit der er ringen, und das Dasein Gottes zur Hoffnung, um die er ringen muss. Nicht um die Durchsetzung und Verbreitung seiner Überzeugung handelt es sich, sondern um die Bezeugung der Treue Gottes20, der er inf Christus begegnet und der er Gegentreue schuldig geworden ist, indem er sie erkannt hat. Solche Gegentreue eines Menschen, der Glaube, der die Gnade annimmt, ist von selbst Aufforderung zum Gehorsam, die auch an andre Menschen sich richtet. Sie ruft, sie leuchtet, sie rüttelt auf, sie ist Mission, und außer ihr gibt es keine andre Mission. Der Name dessen, in dem die zwei Welten sich begegnen und scheiden, muss zu Ehren gebracht werden. Gnade gibt Vollmacht, es zu tun, weil Gnade selber Gebrochenheit ist (5,2).
Der gleiche Gott, der den Paulus zum Apostel der Völker gemacht (1,1), hat auch die römischen Christen in Beschlag genommen für sein nahe herbeigekommenes Reich [Mt. 4,17 par.]. Als die zur Heiligkeit Berufenen gehören sie nicht mehr sich selbst und nicht mehr der alten vergehenden Welt, sondern dem, der sie berufen hat. Auch für sie ist der Menschensohn eingesetzt als Gottessohn durch die Kraft der Auf|54erstehung. Auch sie sind jetzt und hier gefangen in der Erkenntnis der großen Not und Hoffnung, Ausgesonderte und Vereinzelte für Gott auch sie in ihrer Weise. Auch ihre neue Voraussetzung ist «Gnade und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus». Möchte diese Voraussetzung immer neu geschehen! Möchte ihre Ruhe ihre Unruhe sein und ihre Unruhe ihre Ruhe! Das ist der Anfang und das Ende und der Inhalt des Römerbriefes.
Persönliches
V. 8 Vor allem danke ich meinem Gott durch Jesus Christus, denn von eurem Glauben redet man in der ganzen Welt. Die Auferstehung hat ihre Kraft bewiesen: auch in Rom sind Christen. Sie sind es ohne persönliches Zutun des Paulus. Aber wer auch immer ihnen den Ruf des Christus gebracht haben mag (1,6): sie sind berufen. Grund genug zum Danken: Der Stein ist weggewälzt von des Grabes Türe [vgl. Mk. 16,4 par.], das Wort läuft, Jesus lebt, er ist auch in der Welthauptstadt. Die Christen weit und breit haben gelauscht bei der Nachricht (16,19). Ist’s auch nur ein Gleichnis21, so ist’s doch ein Gleichnis. Nicht für die Frömmigkeit oder andre menschlich anschauliche Vorzüge der römischen Christen dankt Paulus seinem Gott, sondern einfach für ihr Dasein als Christen. Besondere Eigenschaften, besondere Taten sind weniger wichtig als die Tatsache, dass die Fahne aufgepflanzt, der Name des Herrn genannt und bekannt, das Reich Gottes erwartet und verkündigt wird. Darin besteht ja der Glaube, die der Treue Gottes begegnende Gegentreue des Menschen. Wo diese Tatsache sich findet, da ist die durch die Auferstehung Jesu eingeleitete Krisis im Gang, da offenbart sich seine Einsetzung als Sohn Gottes (1,4), da hat der Knecht des Herrn Grund zum Danken. Und weil die Türen in Rom dem Herrn offen sind, darum auch ihm, dem Knecht.
55V. 9‒10 Ein mehr als zufälliger und äußerlicher Zusammenhang zwischen Paulus und den römischen Christen besteht längst. Denn der Gott, welchen ich verehre in meinem Geist dadurch,
dass ich die Heilsbotschaft seines Sohnes
verkündige, ist mein Zeuge, wie unablässig ich für euch einstehe in meiner Anbetung, nicht ohne das Verlangen, es möchte mir doch endlich einmal möglich werden, mit Gottes Willen zu euch zu kommen. Der Sendbote gehört ihnen (er gehört aber vielen 1,14!), so gewiss er Gott gehört. Der Geist des Begnadigten, des Zeugen, den der Eifer um die Ehre seines Herrn verzehrt (1,5 [vgl. Ps. 69,10; Joh. 2,17]), kann den Geistern derer, die von derselben Offenbarung und Entdeckung bewegt sind, nicht ferne und fremd sein. Seine Anbetung ist Arbeit um ihretwillen so gut wie um seinetwillen. Betet er, so betet er für sie, so gut wie sie, wenn sie im Ringen nicht nachlassen, auch für ihn beten (15,30). Das Aufmerken auf die Heilsbotschaft begründet Solidarität auch unter denen, die sich nie sahen, deren Wege in dieser Welt sich nie berührten. Aus dieser Gemeinschaft in der Sache darf dann auch der Wunsch aufsteigen nach persönlicher Begegnung. Die sich in Gott kennen, 9 möchten sich begreiflicherweise auch von Angesicht kennen lernen, wenn es sein darf. Aber darf es sein? Muss es sein? Nicht durchaus, mit dem Reiche Gottes hat ja dieser Wunsch direkt nichts zu tun. Gottes Wille muss vor allem geschehen, vielleicht dass dann die Erfüllung menschlicher Wünsche hinzugetan wird, vielleicht auch nicht. Was im Zusammenhang mit dem, was Gott will, sein soll, schickt sich dann auch. Unterdessen heißt es sich als die Unbekannten gegenseitig das Beste zutrauen und fernerhin den Willen Gottes zu erkennen suchen. Er wird erkannt in der aufrichtig zustande gekommenen Übereinstimmung zwischen der äußerlich und innerlich gegebenen Lage mit der den Christen ermöglichten Einsicht in das Rechte (12,2). Dieses Erkennen des Augenblicks ist der einzige Weg, auf dem die Erfüllung menschlicher Wünsche denkbar ist.
V. 11‒12 Ich sehne mich ja danach, euch zu sehen, weil ich euch etwas mitteilen möchte von der Gnade des Geistes zu eurer Bestärkung, oder besser: damit es in eurer Mitte zu einer gemeinsamen Tröstung komme durch den Glauben, dem ihr und ich beieinander begegnen werden. Jener Wunsch hat seinen Grund. Menschen, die sich auf Gottes Wegen begegnen, haben einander etwas |56 mitzuteilen. Es kann einer dem andern etwas sein, freilich nicht indem er ihm etwas sein will, also gerade nicht etwa durch seinen innern Reichtum, nicht durch das, was er ist, wohl aber durch das, was er nicht ist, durch seine Armut, durch sein Seufzen und Hoffen, Warten und Eilen, durch alles das in seinem Wesen, was auf ein anderes hinweist, das über seinen Horizont und über seine Kraft geht. Ein Apostel ist nicht ein positiver, sondern ein negativer Mensch, ein Mensch, an dem ein solcher Hohlraum sichtbar wird. Damit ist er andern etwas, damit teilt er ihnen Gnade mit, damit bestärkt er sie in der Aufmerksamkeit, im Harren, in der Anbetung. Der Geist gibt Gnade durch ihn, gerade weil ihm nichts daran liegt, selbst positiv zur Geltung zu kommen. Und dabei wird der Mitteilende von selbst zum Empfangenden, je mehr er mitteilt, der Empfangende zum Mitteilenden, je mehr er empfängt. Vernünftigerweise fragt man sich unter Christen nicht: Kommt’s von dir oder von mir? Denn es kommt weder von dir noch von mir, g-wir beide sind nichts und haben nichts-g. Genug, dass es da ist, über uns, hinter uns, jenseits von unsh: das, was beide, den Überlegenen und den Anfänger, tröstet in ihrer menschlichen, äußerlichen und innerlichen Gebrechlichkeit und Anfechtung, der Glaube, nämlich die Glaubensbotschaft, der Glaubensinhalt, die Treue Gottes. Das Verlangen nach solch gemeinsamem Anklopfen an den Türen des Himmelreichs, nach solch gemeinsamer Bewegung durch den Geist 10 darf sich wohl in uns regen, so gewiss Gemeinsamkeit an sich etwas Leeres und Unwichtiges ist.
V. 13 Ihr sollt aber wissen, Brüder, dass ich mir schon oft vorgenommen hatte, zu euch zu kommen – wurde aber daran bis jetzt verhindert –, um auch in eurer Mitte, wie
ich es auch unter den übrigen Heiden
getan, Ernte zu halten. Der Wunsch des Paulus, nach Rom zu reisen, der offenbar einem Wunsch der römischen Christen entgegenkommt, war schon öfters sein Vorsatz. Aber noch ist an zu vielen Orten der Anfang, den Rom hat, noch nicht gemacht. Da führte ihn sein Lebenswerk, die Sämannsarbeit auf jungfräulicher Erde (15,20–22) immer wieder andre Wege. Es blieb aber die Sehn|57sucht und die Absicht, auch dort zu ernten, wo er nicht gesät [vgl. Mt. 25,24.26 par.], auch dort zu arbeiten, wo andre vorgearbeitet. Mit dem Willen Gottes (1,10) konnte es bis jetzt nicht geschehen.
V. 14‒15 Griechen und Barbaren, Gebildeten und Einfältigen bin ich
ja mich selbst schuldig und so ist es ganz mein Wunsch, auch euch in Rom die Heilsbotschaft zu verkündigen. Paulus ist in Pflicht genommen (1,1), das bedeutet eine Schranke seiner persönlichen Wünsche, aber auch eine Möglichkeit ihrer Erfüllung. Landesgrenzen und Kulturschranken werden ihn sicher nicht zurückhalten, und wenn es denn sein soll, wird er auf dem Geistes- und Religionsjahrmarkt ini Rom ebenso ungescheut seines Amtes walten wie unter den Albernen von Ikonium und Lystra [vgl. Act. 14,1–20]. Letztlich kann ja auch der Grundsatz, nur da zu reden, wo die Heilsbotschaft noch nicht gehört ist, kein Gesetz der Meder und Perser [vgl. Dan. 6,9.16] sein; denn wer könnte letztlich sagen, dass er die Heilsbotschaft schon gehört hat?! Auch die christlichen Römer gehören zu dem Völkerheer, dem er sich selbst als Gottgeweihter schuldig weiß. Er wird auch ihnen das Alte als das Neue sagen. Das Bekannte ist ja in diesem Fall immer und für alle das Nicht-Bekannte, dessen man sich zu «erinnern» (15,15) nie genug tun kann. Vorläufig mag der Versuch gemacht sein, durch ein schriftliches Wort jene Gemeinsamkeit des Anklopfens und der Bewegung herzustellen.
58
Die Sache
Denn ich schäme mich der Heilsbotschaft nicht. Ist sie doch die Kraft Gottes zur Errettung für jeden, der glaubt, für den Juden zuerst und auch für den Griechen. Denn die Gerechtigkeit Gottes enthüllt sich in ihr: aus Treue dem Glauben, wie geschrieben steht: Der Gerechte wird leben aus
meiner Treue.
«Ich schäme mich nicht.» Die Heilsbotschaft braucht den 11 Streit der Weltreligionen und Weltanschauungen weder aufzusuchen noch zu fliehen. Sie steht, als Botschaft von der Begrenzung der bekannten Welt durch eine andere, unbekannte, außer Wettbewerb mit all den Versuchen, innerhalb der bekannten Welt verhältnismäßig unbekannte höhere Daseinskreise auch noch zu entdecken und zugänglich zu machen. Sie ist nicht eine Wahrheit neben andern, sie stellt alle Wahrheiten in Frage. Sie ist Angel, nicht Türe. Wer sie versteht, der ist, indem er in dem Streit ums Ganze, um die Existenz versetzt wird, befreit von allem Streit. Apologetik, Sorge um den Sieg der Heilsbotschaft, gibt es nicht. Sie ist als Aufhebung und Begründung alles Gegebenen der Sieg, der die Welt überwindet [vgl. 1.Joh. 5,4]. Sie braucht nicht vertreten und getragen zu werden, sie vertritt und trägt die, die sie hören und verkündigen. Um ihretwillen ist das Kommen des Paulus in das von allen Geistern bewegte Rom nicht notwendig, so gewiss er um ihretwillen getrost und ohne Scham kommen kann und kommen wird. Wir wären Gott entbehrlich, Gott müsste sich unser schämen, wenn er nicht Gott wäre – jedenfalls nicht umgekehrt.
Die Heilsbotschaft der Auferstehung ist «Kraft Gottes». Sie ist seine «virtus» (Vulgata), die Enthüllung und Erkenntnis seiner Bedeutung, seine betätigte Vorzüglichkeit vor allen Göttern. Sie ist die Handlung, das Wunder aller Wunder, in dem Gott sich bekannt gibt als der, der er ist, nämlich als der unbekannte Gott, der in einem Lichte wohnt, da niemand zukann [vgl. 1.Tim. 6,16], der Heilige, der Schöpfer und Erlöser. «Was ihr unwissend verehrt habt, das verkündige ich euch!» (Act. 17,23). Alle Göttlichkeiten, die diesseits der durch die Auferstehung gezogenen Linie bleiben, die in Tempeln wohnen, welche von Händen gemacht sind, und die von Menschenhänden bedient werden, alle Göttlichkeiten, die «jemandes bedürfen», nämlich des |59 Menschen, der sie zu kennen meint (Act. 17,24–25), sind nicht Gott. Gott ist der unbekannte Gott. Als solcher gibt er allen Leben und Odem und alles [Act. 17,25b]. Und so ist seine Kraft weder eine Naturkraft noch eine Seelenkraft, noch irgend eine von den höheren und höchsten Kräften, von denen wir wissen oder möglicherweise wissen könnten, weder ihre oberste, noch ihre Summe, noch ihr Born, sondern die Krisis aller Kräfte, das ganz andere, an dem gemessen sie etwas sind und nichts, nichts und etwas, ihr erstes Bewegendes und ihre letzte Ruhe, ihr sie alle aufhebender Ursprung und ihr sie alle begründendes Ziel. Rein und überlegen steht die Kraft Gottes nicht neben und nicht («supranatural») über, sondern jenseits aller bedingt-bedingenden Kräfte, nicht mit ihnen zu verwechseln, nicht an sie anzureihen, nur 12 mit äußerster Vorsicht mit ihnen zu vergleichen. Die Kraft Gottes, die Einsetzung Jesu zum Christus (1,4) ist im strengsten Sinn Voraus-Setzung, frei von allem greifbaren Inhalt. Sie geschieht im Geiste und will im Geiste erkannt sein. Sie ist selbstgenugsam, unbedingt und in sich wahr. Sie ist das schlechthin Neue, das in der Besinnung des Menschen auf Gott der entscheidende, der wendende Faktor wird. Eben um das Aussprechen und Vernehmen dieser Botschaft handelt es sich zwischen Paulus und seinen Hörern und Lesern. Auf diese Botschaft bezieht sich alle Lehre, alle Moral, aller Kultus der Christusgemeinde, sofern das alles nur Einschlagstrichter ist, nur Hohlraum sein will, in dem die Botschaft sich selbst darstellt. Die Christusgemeinde kennt keine an sich heiligen Worte, Werke und Dinge, sie kennt nur Worte, Werke und Dinge, die als Negationen auf den Heiligen hinweisen. Es bezöge sich alles «christliche» Wesen nicht auf die Heilsbotschaft, es wäre menschliches Beiwerk, gefährlicher religiöser Rest, bedauerliches Missverständnis, sofern es allenfalls statt Hohlraum Inhalt, statt konkav konvex, statt negativ positiv, statt Ausdruck des Entbehrens und der Hoffnung Ausdruck eines Habens und Seins sein wollte. Wollte es das, würde es aus Christus-tum zum
Christen-tum, zu einem Friedensschluss oder auch nur zu einem modus vivendi mit der diesseits der Auferstehung in sich selbst schwingenden Weltwirklichkeit, so hätte es mit der Kraft Gottes nichts mehr zu tun.22 Das sog. Evangelium stünde in diesem Fall durchaus nicht |60 außer Wettbewerb, sondern im schwersten Gedränge zwischen den andernj Welt-Religionen und Welt-Anschauungen. Denn auf die Befriedigung religiöser Bedürfnisse, auf die Herstellung wirksamer Illusionen über unser Wissen von Gott und besonders über unser Leben mit ihm versteht sich die Welt sicher besser als ein sich selbst missverstehendes Christentumk. Es wäre dann aller Anlass da, sich des «Evangeliums» zu schämen. Paulus aber meint die Kraft des unbekannten Gottes: «Was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, was in keines Menschen Herz gekommen ist» [vgl. 1.Kor. 2,9]. Darum schämt er sich des Evangeliums nicht.
Die Kraft Gottes ist Kraft «zur Errettung». Der Mensch befindet sich in dieser Welt im Gefängnis. Tiefere Besinnung wird sich über die Beschränktheit der Möglichkeiten, die uns jetzt und hier zur Verfügung stehen, keiner Unklarheit hingeben. Wir sind aber Gott ferner, unser Abfall von ihm ist größer (1,18; 5,12) und die Konsequenzen sind immer noch weitgehender (1,24; 5,12), als wir uns träumen lassen. Der Mensch ist sein eigener Herr. Seine Einheit mit Gott ist in einer Weise zerrissen, die uns die Wiederherstellung nicht einmal mehr vorstellbar werden lässt. Seine Geschöpflichkeit 13 ist seine Fessel. Seine Sünde ist seine Schuld. Sein Tod ist sein Schicksal. Seine Welt ist ein gestaltlos auf- und abwogendes Chaos von natürlichen, seelischen und einigen andern Kräften. Sein Leben ist ein Schein. Das ist unsre Lage. «Gibt es einen Gott?» Eine sehr wohl aufzuwerfende Frage! Diese Welt in ihrer Einheit mit Gott begreifen zu wollen, ist entweder sträflicher religiöser Übermut oder letzte Einsicht in das, was jenseits von Geburt und Tod wahr ist, Einsicht von Gott aus. Der religiöse Übermut muss verschwinden, wenn die Einsicht von Gott aus Platz greifen soll. Solange falsche Münzen umlaufen, sind auch die echten |61 verdächtig. Die Heilsbotschaft bietet die Möglichkeit letzter Einsicht. Aber zu ihrer Verwirklichung muss sie alle vorletzten Einsichten außer Kurs setzen. Sie redet von Gott, wie er ist, sie meint ihn selbst, ihn allein. Sie redet von dem Schöpfer, der unser Erlöser wird, und von dem Erlöser, der unser Schöpfer ist. Sie ist im Begriff, uns ganz und gar umzukehren. Sie kündigt uns Verwandlung unsrer Geschöpflichkeit in Freiheit an, Vergebung unsrer Sünden, Sieg des Lebens über den Tod, Wiederbringung alles dessen, was verloren ist. Sie ist der Alarmruf und das Feuerzeichen einer kommenden neuen Welt. Was heißt das alles? Wir können es jetzt und hier, gebunden an das Dies und Das, nicht wissen. Wir können es nur vernehmen, und die Besinnung auf Gott, die durch die Heilsbotschaft geschaffen wird, vernimmt es. Die Welt hört nicht auf, Welt zu sein, und der Mensch bleibt Mensch, indem er es vernimmt. Ihm bleibt zu tragen die ganze Last der Sünde und der ganze Fluch des Todes. Keine Selbsttäuschungen über den Tatbestand unsres Da-Seins und So-Seins! Die Auferstehung, die unser Ausgang ist, ist auch unsre Schranke. Aber die Schranke ist auch der Ausgang. Das Neinl, das uns entgegentritt, ist das Nein Gottes. Was uns fehlt, ist auch das, was uns hilft. Was uns
begrenzt, das ist neues Land. Was alle Weltwahrheit aufhebt, das ist auch ihre Begründung. Gerade weil Gottes Nein! ganz ist, ist es auch sein Ja! So haben wir in der Kraft Gottes den Ausblick, das Tor, die Hoffnung. Und damit die Richtung des schmalen Wegs auch in dieser Welt, die Möglichkeit, immer den nächsten kleinsten Schritt in «getroster Verzweiflung» (Luther)23 zu gehen. Der Gefangene wird zum Wächter, der, auf seinen Posten gebannt wie jener in seine Zelle, dem grauenden Tag entgegensieht. «Hier stehe ich auf meiner Wache und trete auf den Wall, um auszuspähen, damit ich erfahre, was er mir sage und was er mir auf meine Klage antworten wird. Da antwortete mir der Herr und sprach: Schreibe die Offenbarung auf und bringe sie auf eine Tafel, damit man sie deutlich lesen könne. Noch wartet die 14 Offenbarung |62 auf ihre Zeit, aber sie drängt dem Ende entgegen und wird nicht trügen. Wenn sie verzieht, so harre ihrer, denn sie bewährt sich gewiss und bleibt nicht aus» (Hab. 2,1–3).
Die Heilsbotschaft fordert «Glauben». Nur für den Glaubenden ist sie «Kraft Gottes zur Errettung». Ihre Wahrheit ist also nicht direkt mitzuteilen und nicht direkt einzusehen. «Nach dem Geiste» ist Christus eingesetzt zum Sohn Gottes (1,4). «Geist ist Leugnung der direkten Unmittelbarkeit. Ist Christus wahrer Gott, so muß er in Unkenntlichkeit sein. Die direkte Kenntlichkeit ist gerade für die Götzen charakteristisch» (Kierkegaard).24 Kraft Gottes zur Errettung ist etwas so Neues, so Unerhörtes und Unerwartetes in dieser Welt, dass es in ihr nur als Widerspruch auftreten, vernommen und angenommen werden kann. Die Heilsbotschaft erklärt sich nicht und empfiehlt sich nicht, sie bittet nicht und unterhandelt nicht, sie droht nicht und verspricht nicht. Sie verweigert sich selbst überall da, wo sie nicht um ihrer selbst willen Gehör findet. «Der Glaube richtet sich auf die unsichtbaren Dinge. Damit also Gelegenheit für den Glauben ist, muß alles, was geglaubt wird, verborgen sein. Es wird aber am tiefsten verborgen, wenn es dem Augenschein, den Sinnen und der Erfahrung gerade entgegengesetzt ist. Wenn Gott also lebendig macht, so tut er es, indem er tötet; wenn er rechtfertigt, so tut er es, indem er uns schuldig macht;
wenn er uns in den Himmel führt, so tut er es, indem er uns zur Hölle führt» (Luther).25 Die Heilsbotschaft ist nur glaubwürdig,
sie kann überhaupt nur geglaubt werden. Darin besteht ihr Ernst, dass sie sich zur Wahl stellt: dem, der dem Widerspruch und dem Verharren im Widerspruch nicht gewachsen ist, zum Ärgernis – dem, der der Notwendigkeit des Widerspruchs nicht ausweichen kann, zum Glauben. Das ist der Glaube:
der Respekt vor dem göttlichen Inko|63gnito26, die Liebe zu Gott im Bewusstsein des qualitativen Unterschieds von Gott und
Mensch27, Gott und Welt, die Bejahung der Auferstehung als Weltenwende, also die Bejahung des göttlichen Nein! im Christus, das erschütterte Haltmachen vor Gott. Wer die Begrenzung der Welt durch eine widersprechende Wahrheit, die Begrenzung seiner selbst durch einen widersprechenden Willen erkennt, wem es schwer wird, wider den Stachel zu löcken [vgl. Act. 26,14], weil er zu viel weiß von diesem Widerspruch, als dass er ihm entrinnen könnte, sondern sich damit abfinden muss, damit zu leben (Overbeck)28, wer sich also schließlich bekennt zu diesem Widerspruch und sich unterwindet, sein Leben darauf zu gründen, der glaubt. Wer Gott vertraut, Gott selbst und Gott allein, d. h. wer die Treue Gottes darin erkennt, dass wir in den Widerspruch zum Da-Sein und So-Sein dieser Welt versetzt sind, wer diese 15 Treue mit Gegentreue erwidert, wer mit Gott Dennoch! sagt und Trotzdem!, der glaubt. Und der Glaubende findet in der Heilsbotschaft die Kraft Gottes zur Errettung, die vorlaufenden Strahlen der ewigen Seligkeit und den Mut, sich auf Wache zu stellen. Aber freie Wahl zwischen Ärgernis und Glaube ist dieses Finden ganz und gar und in jedem Augenblick. Und es sind, wo es zum Glauben kommt, die Wärme der Empfindung, die Wucht der Überzeugtheit, die erreichte Stufe von Gesinnung und Gesittung immer nur begleitende, diesseitige und darum an sich unwichtige Merk|64male des eigentlichen Vorgangs. Merkmale des Glaubensvorgangs werden auch sie nicht als positive Größen, sondern als Negationen anderer positiven Größen, als Etappen einer Aufräumungsarbeit, durch die im «Diesseits» der Platz frei werden soll für das «Jenseits». Eben darum ist der Glaube niemals identisch mit der «Frömmigkeit» und wenn sie die reinste und feinste wäre. Und sofern «Frömmigkeit» ein Merkmal des Glaubensvorgangs ist, ist sie es als
Aufhebung anderer Weltgegebenheiten – vor allem aber offenbar als ihre eigene Aufhebung. Der Glaube lebt aus sich selber, weil er aus Gott lebt. Das ist das «Centrum Paulinum» (Bengel).29
Glauben soll und glauben kann jedermann. Wahlberechtigt gegenüber der Heilsbotschaft ist «der Jude und der Grieche». Sie stellt ja das Da-Sein und So-Sein der Welt in Frage und ist damit unmittelbar an jeden Menschen gerichtet. So gewiss die tiefe Problematik unsres Lebens eine allgemein menschliche Angelegenheit ist, so gewiss auch der göttliche Widerspruch im Christus, in der sie dem Menschen zum Bewusstsein kommen will. Mag der «Jude», der religiös-kirchliche Mensch «zuerst» zur Wahl aufgerufen sein, weil er von Haus aus an jenem Rand dieser Welt steht, wo die Schnittlinie der Ebene neuer Dimension (1,4) eigentlich gesehen werden müsste (2,17–20; 3,1–2; 9,4–5; 10,14–15), so begründet doch dieser Vorsprung keinen Vorrang. Die Frage: «religiös oder nicht religiös?» ist grundsätzlich keine Frage mehr, um von «kirchlich oder weltlich?» gar nicht zu reden. Die Möglichkeit, die Heilsbotschaft zu hören, ist gleich allgemein wie die Verantwortlichkeit dafür, dass sie gehört wird, und wie die Verheißung, die denen gegeben ist, die sie hören.
Denn was sich in ihr enthüllt, ist das große, allgemeine, jeden Menschen auf jeder Stufe belastende Geheimnis der «Gerechtigkeit Gottes». Die in der ganzen Welt, unter Juden und Griechen, höchst fragliche Übereinstimmung Gottes mit sich selbst kommt im Christus ans Licht und zu Ehren. Was der Mensch diesseits der Auferstehung Gott nennt, das ist in charakteristischer Weise Nicht-16Gott. Gott – der seine Schöpfung nicht erlöst, Gott – der der Ungerechtigkeit der Menschen den Lauf lässt, Gott – der sich nicht als Gott zu uns bekennt, |65 Gott als höchste Bejahung des Da-Seins und So-Seins der Welt und derm Menschen, das ist das Unerträgliche, das ist Nicht-Gott, trotz der höchsten Attribute, mit denen wir es im höchsten Affekt schmücken. Der Schrei des Empörers gegen diesen Gott kommt der Wahrheit näher als die Künste derer, die ihn rechtfertigen wollen. Nur in Ermangelung eines Bessern, in Ermangelung des Mutes der Verzweiflung wird der ausgesprochene Atheismus diesseits der Auferstehung im allgemeinen vermieden. Im Christus aber redet Gott, wie er ist, und straft den Nicht-Gott dieser Welt Lügen. Er bejaht sich selbst, indem er uns, wie wir sind, und die Welt, wie sie ist, verneint. Er gibt sich selbst als Gott zu erkennen, jenseits unsres Abfalls, jenseits der Zeit, der Dinge und der Menschen, als der Erlöser der Gefangenen [vgl. Ps. 126,1] und gerade damit als der Sinn alles dessen, was ist, als der Schöpfer. Er bekennt sich zu uns, indem er die Distanzen zwischen uns und ihm schafft und wahrt. Er begnadigt uns, indem er unsre Krisis einleitet, indem er uns ins Gericht bringt. Er verbürgt uns die Realität unsrer Errettung, indem er im Christus Gott sein und als Gott anerkannt sein will. Er «rechtfertigt» uns, indem er sich selbst rechtfertigt.
«Aus Treue» enthüllt sich die Gerechtigkeit Gottes, aus seiner Treue zu uns. Der wahre Gott hat des Menschen nicht vergessen. Der Schöpfer hat die Schöpfung nicht aufgegeben. Mag das Geheimnis «durch Weltalter hindurch verschwiegen» gewesen sein und verschwiegen werden (16,26), mag immer wieder dem Menschen sein Nicht-Gott erträglicher sein als der göttliche Widerspruch dagegen, mag uns die Enthüllung des Unenthüllbaren das Unmögliche sein, vor dem nur die Gedankenlosigkeit nicht zurückschrecktn, es beharrt doch die Treue Gottes zum Menschen, es beharrt die tiefste Übereinstimmung dessen, was Gott will, mit dem, was der Mensch, nach Befreiung von sich selbst sich sehnend, im Verborgenen auch will, es beharrt die göttliche Antwort, die uns gegeben ist, wenn die letzte menschliche Frage in uns wach wird. «Wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde, in welchen Gerechtigkeit wohnt» [vgl. 2.Petr. 3,13]. Dass wir in dieses Warten versetzt sind, daran erkennen wir Gottes Treue.
66«Dem Glauben» enthüllt sich, was Gott aus Treue enthüllt. Jenen, die verzichtet haben auf direkte Mitteilung, wird es mitgeteilt. Zu denen, die es mit ihm wagen wollen, redet Gott, wie er ist. Die die Last des göttlichen Neino auf sich nehmen, werden getragen von dem größeren göttlichen Ja. Die Mühseligen und Be17ladenen werden erquickt [vgl. Mt. 11,28]. Die dem Widerspruch nicht ausweichen, sind in Gott geborgen. Die sich aufrichtig ins Warten versetzen lassen, erkennen daran, dass sie warten dürfen, sollen und können, Gottes Treue. Die vor Gott Respekt haben und den Abstand wahren, leben mit Gott.
An ihnen erfüllt sich die Weissagung: Der Gerechte wird leben aus Treue! (Hab. 2,4). Der «Gerechte» ist der zum Wächter gewordene Gefangene, der Hüter an der Schwelle der göttlichen Wirklichkeit.30 Eine andere Gerechtigkeit gibt es nicht als die des Mannes, der sich in das Gericht Gottes stellt, des Erschrockenen und Hoffenden. Er wird leben: er hat die Anwartschaft des wirklichen Lebens, indem er die Nichtigkeit dieses Lebens erkannt hat, und er ist in diesem Leben nie ohne den Widerschein des wirklichen Lebens, im Vergänglichen nie ohne den Hinblick auf das Unvergängliche. Die große Unmöglichkeit hat ihm ja das Ende und das Ziel der kleinen Unmöglichkeiten angekündigt. Er wird leben aus der Treue Gottes. Ob man sagt: aus der Treue Gottes oder: aus dem Glauben des Menschen, es ist dasselbe. Schon die Überlieferung dieses Prophetenworts weist nach beiden Richtungen.31 Die Treue Gottes ist es, dass er uns als der ganz andere, als der Heilige mit seinem Nein in so unentrinnbarer Weise entgegentritt und nachgeht. Und der Glaube des Menschen ist die Ehrfurcht, die sich dieses Nein gefallen lässt, der Wille zum Hohlraum, das bewegte Verharren in der Negation. Wo die Treue Gottes dem Glauben des Menschen begegnet, da enthüllt sich seine Gerechtigkeit. Da wird der Gerechte leben.
Das ist die Sache, um die es im Römerbrief geht.
67
DIE NACHT
Ursache
V. 18 Denn es enthüllt sich der Zorn Gottes vom Himmel her über die ganze Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit der Menschen, die die Wahrheit in
den Fesseln ihrer Unbotmäßigkeit gefangen halten.
Gott! Wir wissen nicht, was wir damit sagen. Wer glaubt, der weiß, dass wir es nicht wissen. Wer glaubt, liebt mit Hiob den Gott, der in seiner unerforschlichen Höhe nur zu fürchten ist, liebt mit Luther den deus absconditus32. Ihm enthüllt sich die Gerechtigkeit Gottes. Er wird gerettet, nur er. «Nur der Gefangene wird frei, nur der Arme wird reich, nur der Schwache stark, nur der Demütige erhöht, nur was leer ist, wird voll, nur das Nichts wird Etwas» (Luther).33 Über der Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit der Menschen aber enthüllt sich Gottes Zorn.
Der «Zorn Gottes» ist das Gericht, unter dem wir stehen, sofern wir den Richter nicht lieben. Das Nein, das uns entgegengestellt ist, sofern wir es nicht bejahen. Der immer und überall angemeldete Protest gegen das Da-Sein und So-Sein der Welt, sofern wir ihn uns nicht zu eigen machen. Die Problematik des Lebens, sofern wir sie nicht verstehen. Unsre Begrenztheit und Vergänglichkeit, sofern sie uns nicht als Notwendigkeit bewusst ist. Das Gericht, unter dem wir stehen, ist ja Tatsache, ganz abgesehen von unsrer Stellung dazu. Es ist die für unser Leben bezeichnendste Tatsache. Ob sie in das Licht der kommenden Welt und der Errettung, die sie bringt, tritt, das hängt ab von |68 unsrer Beantwortung der Glaubensfrage. Sie ist aber Tatsache, auch wenn wir statt des Glaubens das Ärgernis wählen (1,16). Dass die Zeit ein Nichts ist gemessen an der Ewigkeit, dass alle Dinge Schein sind, gemessen an ihrem Ursprung und Ende, dass wir Sünder sind und dass wir sterben müssen, das alles ist, auch wenn uns die Schranke nicht zum Ausgang wird. Das Leben geht in seiner ganzen Fragwürdigkeit seinen Gang und wir mit ihm, auch wenn wir das große Fragezeichen, das uns gesetzt ist, nicht sehen. Der Mensch ist verloren, auch wenn er nichts von Errettung weiß. Die Schranke bleibt dann 19 Schranke und wird nicht zum Ausgang. Der Gefangene bleibt Gefangener und wird nicht zum Wächter. Das Warten ist dann nicht Freude, sondern bittersüße Ergebung ins Unvermeidliche. Der Widerspruch ist dann nicht Hoffnung, sondern leidvolle Widersetzlichkeit. Das fruchtbare Paradox unsres Daseins ist dann sein heimlicher Wurmfraß. Die Negation ist dann das – was man gewöhnlich so heißt. An die Stelle des heiligen Gottes tritt dann das Schicksal, die Materie, das All, der Zufall, Ananke. Es verrät Einsicht, wenn wir anfangen, es zu vermeiden, dem Nicht-Gott des Unglaubens (1,17) den Namen «Gott» zu geben. Aber eine letzte Konsequenz des göttlichen Zornes ist auch das, was wir ohne den Glauben an die Auferstehung «Gott» nennen. Auch der Gott, der im Widerspruch zu seinem Namen das Da-Sein und So-Sein dieser Welt bejaht, ist Gott: Gott in seinem Zorn, Gott, der um uns Leid trägt, Gott, der sich nur noch von uns abwenden, nur noch Nein sagen kann – darum eben von allen Aufrichtigen nur noch unter Vorbehalt Gott genannt: Gottes Zorn kann ja nicht sein letztes Wort, seine wahre Enthüllung sein! Nicht-Gott kann ja nicht im Ernste Gott heißen! Aber tatsächlich ist’s immer Gott, auf den wir stoßen. Auch der Unglaube stößt auf Gott; nur dass er nicht durchstößt zu der ihm verborgenen Wahrheit Gottes und darum an Gott zerschellt wie Pharao (9,15–18). «Jede Hemmung und Schädigung des von Gott geschaffenen Lebens, die gesamte Hinfälligkeit und Gebundenheit des kreatürlichen Lebens mit Einschluss des Todesverhängnisses ist eine Reaktion Gottes» (Zündel)34; nur freilich, dass wir, sofern wir uns |69 diese göttliche Reaktion nicht als Erkenntnis zu eigen machen, daran verderben müssen. Die ganze Welt ist Gottes Spur; nur freilich, dass sie, sofern wir statt des Glaubens das Ärgernis wählen, in ihrer absoluten Rätselhaftigkeit eine einzige Spur von Gottes Zorn ist. Gottes Zorn ist die dem Unglauben enthüllte Gerechtigkeit Gottes; denn Gott lässt seiner nicht spotten [vgl. Gal. 6,7]. Gottes Zorn ist Gottes Gerechtigkeit außer und ohne Christus.
Was heißt das: außer und ohne Christus? Gottes Zorn enthüllt sich «über der ganzen Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit desp Menschen.» Das sind die bezeichnenden Merkmale unsres Verhältnisses zu Gott, wie es sich diesseits der Auferstehung gestaltet. Es ist ehrfurchtslos. Wir meinen zu wissen, was wir sagen, wenn wir «Gott» sagen. Wir weisen ihm die höchste Stelle in unsrer Welt zu. Wir stellen ihn damit grundsätzlich auf eine Linie mit uns und mit den Dingen. Wir meinen, er «bedürfe jemandes» [vgl. Act. 17,25], und wir meinen, unsre Beziehung zu ihm ordnen zu können, wie wir andre Beziehungen 20 ordnen. Wir schieben uns zudringlich in seine Nähe und wir ziehen ihn unbedenklich in unsre Nähe. Wir erlauben uns, in ein Gewohnheitsverhältnis zu ihm zu treten. Wir erlauben uns, mit ihm zu rechnen, als ob das nichts Besonderes wäre. Wir wagen es, uns als seine Vertrauten, Gönner, Sachwalter und Unterhändler aufzuspielen35. Wir verwechseln die Ewigkeit mit der Zeit. Das ist das Ehrfurchtslose unsres Gottesverhältnisses. Und es ist unbotmäßig. Wir selber sind heimlich die Herren in diesem Verhältnis. Es handelt sich uns nicht um Gott, sondern um unsre Bedürfnisse, nach denen sich Gott zu richten hat. Unser Übermut verlangt zu allem andern auch noch Erkenntnis und Zugänglichkeit einer Überwelt. Unser Tun ruft |70 nach tieferer Begründung, nach jenseitiger Belobigung und Belohnung. Unsre Lebenslust begehrt nach frommen Stunden, nach Verlängerungen in die Ewigkeit. Indem wir Gott auf den Weltenthron setzen, meinen wir uns selbst. Indem wir an ihn «glauben», rechtfertigen, genießen und verehren wir uns selbst. Unsre Frömmigkeit besteht darin, dass wir uns selbst und die Welt feierlich bestätigen, dass wir uns den Widerspruch andächtig ersparen. Sie besteht darin, dass wir uns unter allen Zeichen der Demut und Ergriffenheit gegen Gott selbst auflehnen. Wir verwechseln die Zeit mit der Ewigkeit. Das ist unsre Unbotmäßigkeit. – Und das ist unser Gottesverhältnis außer und ohne Christus, diesseits der Auferstehung, bevor wir zur Ordnung gerufen werden: Gott selbst ist als Gott nicht anerkannt und das, was Gott heißt, ist in Wahrheit der Mensch selbst. Wir dienen dem Nicht-Gott, indem wir uns selbst leben.
«Die die Wahrheit in Unbotmäßigkeit gefangen halten.» Das zweitgenannte Merkmal ist zeitlich das erste. Man verliert sich zuerst an sich selbst und dann an den Nicht-Gott. Man hört zuerst die Verheißung: Ihr werdet sein wie Gott! [vgl. Gen. 3,5] und verliert dann den Sinn für die Ewigkeit. Man überhebt zuerst dieq Menschen und verkennt dann die Distanzen Gott gegenüber. Der Nerv des Gottesverhältnisses außer und ohne Christus ist Sklavenunbotmäßigkeit. Weil wir von uns selbst denken, was wir nur von Gott denken dürften, können wir von Gott nicht höher denken, als wir von uns selbst denken. Weil wir uns selbst sind, was uns Gott sein müsste, ist uns Gott nicht mehr, als wir uns selbst sind. Die heimliche Identifizierung mit Gott zieht die offene Isolierung ihm gegenüber nach sich. Der kleine Gott muss des großen Gottes füglich entbehren. Der Mensch hat die Wahrheit, nämlich Gottes Heiligkeit, eingefangen und eingekapselt, seinen Maßen angepasst und damit ihres Ernstes und ihrer Tragweite beraubt, sie gemein, unschädlich und unnütz gemacht, in Unwahrheit verwandelt. Das wird durch 21 seine Ehrfurchtslosigkeit ans Licht gebracht, und seine Ehrfurchtslosigkeit wird nicht verfehlen, ihn in immer neue Unbotmäßigkeit zu stürzen. Ist der Mensch sich selber Gott, dann muss der Abgott ins Wesen treten. Und steht der Abgott in Ehren, dann muss sich der Mensch als der wahre Gott, als der Schöp|71fer dieses seines Geschöpfes fühlen. – Das ist der Widerstand, der uns den Blick auf die Ebene neuer Dimension, die unsrer Welt Grenze und unsre Errettung bedeutet, unmöglich macht. Über diesem Widerstand kann sich nur Gottes Zorn enthüllen.
V. 19‒21 So steht es: Der Gottesgedanke ist ihnen bekannt, Gott hat ihn ihnen bekannt gemacht. Kann doch seine Unanschaulichkeit von der Erschaffung der Welt her an seinen Werken vernünftig geschaut werden (und das eben ist seine ewige Kraft und Gottheit!), so dass sie keine Entschuldigung haben. So steht es: Ihrer Kenntnis Gottes zum Trotz haben sie ihm nicht als Gott Ehre und Dank erwiesen, sondern entleert worden ist ihr Denken und verfinstert ihr unverständiges Herz.
«Der Gottesgedanke ist ihnen bekannt.» Das ist die Tragik in der Leidensgeschichte der Wahrheit: Sie, die in der Auferstehung aufbrechende Wahrheit der Begrenzung und Aufhebung des Menschen durch den unbekannten Gott, ist bekannte Wahrheit.
Die primitivste und die fortgeschrittenste Selbstbesinnung des Menschengeistes werden sich in «verzweifelnder Demut», in «Selbstironisierung der Vernunft» (H. Cohen)36 immer wieder finden in der Einsicht unsrer Begrenztheit und im Ausblick auf den Begrenzenden, der unsrer Begrenztheit Aufhebung ist. Wir wissen, dass Gott der ist, den wir nicht wissen, und dass eben dieses Nicht-Wissen das Problem und der Ursprung unsres Wissens ist. Wir wissen, dass Gott die Persönlichkeit ist, die wir nicht sind, und dass eben dieses unser Nicht-Sein unsre Persönlichkeit aufhebt und begründet. Dieser Gottesgedanke, die Einsicht in die absolute Heteronomie, unter der wir stehen, ist autonom: Wir widerstehen nicht etwas Fremdem, sondern unserm Eigensten, nicht etwas Fernem, sondern dem Nächstliegendenr, wenn wir |72 ihm widerstehen. Die Erinnerung an ihn begleitet uns als Frage und Warnung beständig. Er ist der verborgene Abgrund, aber auch die verborgene Heimat37 am Anfang und Ende aller unsrer Wege. Sind wir ihm untreu, so sind wir uns selbst untreu.
Denn Gottes «Unanschaulichkeit kann geschaut werden». Wir haben das vergessen, wir müssen es uns wieder sagen lassen. Es ist nicht der notwendige Stand der Dinge zwischen Gott und uns, dass uns unsre Unbescheidenheit, Unbedenklichkeit und 22 Unerschrockenheit ihm gegenüber so natürlich ist. Platonische Weisheit hat als Ursprung alles Gegebenen längst das Nicht-Gegebene erkannt.38 Nüchternste Lebensklugheit hat längst festgestellt, dass die Furcht des Herrn der Anfang der Erkenntnis ist [vgl. Spr. 1,7]. Offene unbestechliche Augen wie die des Hiobdichters und des Predigers Salomo haben längst im Spiegel der Anschauung ihr Urbild, das Unanschauliche, die unerforschliche Höhe Gottes wiedergefunden. Immer ist die Rede des Herrn aus dem Wetter vernehmbar [vgl. Hiob 38,1], immer fordert sie auf zu der Erkenntnis, dass wir unweislich reden, was uns zu hoch ist und was wir nicht verstehen [vgl. Hiob 42,3], wenn wir als Gottes Lobredner oder Ankläger mit ihm rechten wie mit unsresgleichen. Immer liegt die Problematik unsres Da-Seins und So-Seins, die Eitelkeit, die gänzliche Fragwürdigkeit alles dessen, was ist und was wir sind, als aufgeschlagenes Lehrbuch vor uns. Was sind denn Gottes «Werke» in ihrer absoluten Rätselhaftigkeit (zoologischer Garten!39) anderes als lauter Fragen, auf die es keine direkte Antwort gibt, auf die Gott allein, allein Gott selbst die Antwort ist? Das göttliche Nein, das uns in unsre Schranken und damit über unsre Schranken hinausweist, kann «von der Erschaffung der Welt her» an seinen Werken «vernünftig geschaut», bei ruhigem, sachlichem, religiös un|73voreingenommenem Betrachten festgestellt und begriffen werden. Nichts kann hindern, dass der Gottesgedanke uns in die heilsamste Krisis versetzt, wenn wir es nicht selbst hindern. Wir stehen schon in ihr, sofern wir nur «vernünftig schauen» wollen. Und was «vernünftigem Schauen» immer einwandfreie Tatsache war: Gottes Unanschaulichkeit, das eben ist, in Übereinstimmung mit der Auferstehungsbotschaft, Gottes «ewige Kraft und Gottheit». Gerade das. Dass wir von Gott nichts wissen können, dass wir nicht Gott sind, dass der Herr zu fürchten ist, das ist seine Vorzüglichkeit vor allen Göttern, das ist’s, was ihn als
Gott, als Schöpfer und Erlöser bezeichnet (1,16). Die Schnittlinie von Zeit und Ewigkeit, von gegenwärtiger und zukünftiger Welt (1,4) läuft tatsächlich durch die ganze Geschichte, sie ist «längst verkündigt» (1,2), sie könnte immer gesehen werden. Nicht unvermeidlich enthüllt sich der Zorn Gottes über den in seinem Gericht stehenden Menschen; sie könnten den Richter erkennen und lieben. «So dass sie keine Entschuldigung haben», wenn sie nicht sehen und nicht hören; es geschieht mit sehenden Augen und mit hörenden Ohren [vgl. Mt. 13,13 par.]. Unentschuldbar ist ihre Ehrfurchtslosigkeit, denn die «vernünftig geschauten» Werke Gottes reden von seiner «ewigen Kraft» und protestieren im voraus gegen den Dienst des bekannten Nicht-Gottes, durch den Gott den natürlichen, seelischen und sonstigen Kräften dieser Welt beigesellt wird. 23 Unentschuldbar ist auch ihre Unbotmäßigkeit, denn die «vernünftig geschauten» Tatsachen zeugen von der «ewigen Gottheit» Gottes und protestieren im voraus gegen den religiösen Übermut, der im Taumel seiner Erlebnisse von Gott redet und sich selbst meint. – Haben wir die Wahrheit Gottes eingekapselt und damit seinen Zorn herausgefordert, so liegt das nicht daran, dass wir keine andere Möglichkeit hatten. «Gott ist nicht ferne von einem jeglichen unter uns, denn in ihm leben, weben und sind wir» (Act. 17,27–28). Die Lage könnte von ihm aus eine andere sein.
Aber «ihrer Kenntnis Gottes zum Trotz»: Die Kenntnis Gottes, die mit dem einfachen Blick auf die Unbegreiflichkeit, Unvollkommenheit und Unbeträchtlichkeit unsres Lebens gegeben ist, wurde nicht zur Erkenntnis. Die Unanschaulichkeit Gottes scheint uns unerträglicher als die doch so fragliche Anschaulichkeit dessen, was wir «Gott» zu nennen belieben. Aus der ewigen und grundsätzlichen |74 Voraussetzung des Schöpfers wurde ein Ding an sich40, über und neben den Dingen, aus der lebendigen Abstraktion von allen Konkretheiten eine Konkretheit, wenn auch die höchste, unter anderen, aus dem Geist ein Geist, aus dem Unnahbaren und darum so Nahen der ewig ungewisse Gegenstand unsrer Erlebnisse. Statt in seinem Lichte – dem ewigen, da «niemand zukann» [vgl. 1.Tim. 6,16] – das Licht zu sehen [vgl. Ps. 36,10], lassen wir ihn ein Licht unter andern sein, wenn auch das größte, das unsinnliche, übernatürliche, zünden folgerichtig eigene Lichter an und suchen ebenso folgerichtig auch in den Dingen ihr eigenes Licht. Wo bleibt die «Ehre», die wir ihm schuldig sind, wenn Gott uns nicht mehr der Unbekannte, und wo der «Dank», der ihm gebührt, wenn er uns nicht mehr das ist, dass wir nicht sind? Gegen Zeus, den Nicht-Gott, der an seine Stelle getreten ist, lehnt sich Prometheus mit Recht auf.41
So ist das Licht in uns Dunkelheit [vgl. Mt. 6,23 par.], der Zorn Gottes über uns unvermeidlich geworden. «Entleert worden ist ihr Denken und verfinstert ihr unverständiges Herz.» Nun ist unsre Schranke bloß unsre Schranke, und Gottes Nein ist und bedeutet Nein. Sinnlos auf sich selbst gestellt, steht der Mensch den sinnlos waltenden Weltkräften42 gegenüber. Denn Sinn bekommt unser Leben in dieser Welt nur durch seine Beziehung auf den wahren Gott. Diese Beziehung aber müsste hergestellt werden dadurch, dass unser Denken und unser Herz (durch «vernünftiges Schauen») gebrochen wird durch die Erinnerung der Ewigkeit. Eine andere Beziehung zu dem wahren Gott als die, die auf dem Wege Hiobs zustande kommt, gibt es nicht. Findet diese Brechung nicht statt, dann ist das Denken leer, formal, bloß kritisch, unfruchtbar, unfähig, die 24 Fülle der Erscheinungen zu meistern, das Einzelne im Zusammenhang des Gan|75zen zu begreifen; das ungebrochene Denken begibt sich selbst seiner wirklichen Beziehung auf die Dinge. Und es entzieht sich umgekehrt das ungebrochene Herz, die durch keine letzte Einsicht bewachte Empfindung von den Dingen, der Herrschaft des Denkens: finster, blind, unkritisch, dem Zufall preisgegeben, stellt es eine Wesenheit für sich dar. Herzlos, begreifend ohne Anschauung und darum leer ist das Denken und gedankenlos, anschauend ohne Begriff und darum blind ist das Herz geworden.43 Weltfremd ist die Seele und seelenlos die Welt, wenn sie sich nicht finden in der Erkenntnis des unbekannten Gottes, wenn der Mensch dem wahren Gott ausweicht, an den er sich selbst und die Welt verlieren müsste, um beides wiederzufinden.
Das ist die Ursache der Nacht, in der wir wandern, die Ursache des Zornes Gottes, der über uns enthüllt ist.
Wirkung
V. 22 Sie bildeten sich ein, weise zu sein, und wurden zu Narren. Das Weltbild ohne Paradox und ohne Ewigkeit, das Wissen ohne den Hintergrund des Nicht-Wissens, die Religion ohne den unbekannten Gott, die Lebensauffassung ohne die Erinnerung an das uns entgegengestellte Nein! hat viel für sich. Die Einfachheit, Geradlinigkeit und Ungehemmtheit vor allem, die verhältnismäßige Sicherheit und Ausgeglichenheit, die weitgehende Übereinstimmung mit der «Erfahrung» und mit den Erfordernissen des praktischen Lebens, die wohltuende Unklarheit und Dehnbarkeit aller Begriffe und Maßstäbe, der liberale Ausblick auf unendliche Möglichkeiten, der sich da bietet – das alles wird diesen Boden immer wieder zutrauenerweckend machen. Man kann sich, nachdem man einmal auf das «vernünftige Schauen» (1,20) verzichtet hat, auf diesem Boden wohl einbilden, wei|76se zu sein. Die Nacht hat auch ihre Weisheit. Aber die Entleerung des Denkens und die Verfinsterung des Herzens, die hier eingetreten ist, ist darum nicht weniger Tatsache. Der Glanz jener ungebrochenen Weisheit wird den Gang der Dinge nicht aufhalten, der unter Gottes Zorn unvermeidlicht geworden ist. Denn dass Gott nicht als Gott erkannt ist, 25 das bedeutet nicht bloß einen innerlichen oder theoretischen Fehler, sondern eine falsche Grundeinstellung dem Leben gegenüber. Aus einem leeren Denken und finstern Herzen kommt notwendig auch ein verkehrtes Handeln. Und je mehr sich der ungebrochene Mensch auf seinen sichern Weg zugute tut, um so sicherer ist er sein eigener Narr, um so sicherer ist die Moral, die Lebensgestaltung, die sich auf das Vergessen des Abgrundes, auf das Vergessen der Heimat gründet, Lüge. Es sollte nicht schwer fallen, das einzusehen.
V. 23‒24 Und sie vertauschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit dem Abbild der Gestalt des vergänglichen Menschen und der Vögel und der Vierfüßler und der Würmer. Darum hat sie Gott nach den Begierden ihrer Herzen der Unreinheit preisgegeben, dass ihre Leiber an ihnen selbst entehrt wurden.
«Sie vertauschten die Herrlichkeit des Unvergänglichen mit dem Abbild des Vergänglichen», d. h. der Sinn für das Spezifische an Gott geht verloren: der Gedanke an die Gletscherspalte, an die Polarregion, an die Verwüstungszone, die zu überschreiten ist, wenn der Schritt vom Vergänglichen zum Unvergänglichen wirklich getan sein soll. Die Distanz zwischen Gott und dem Menschen hat keine grundsätzliche, scharfe, säureartig zersetzende, ein für allemal zu beachtende Bedeutung mehr. Der Unterschied zwischen der Unvergänglichkeit, Ursprünglichkeit und Überlegenheit Gottes und der Vergänglichkeit, Relativität und Bedingtheit unsres Daseins und Soseins verwischt sich. Das Auge, das hier sehen sollte, ist geblendet. Es entsteht in der Mitte zwischen hier und dort, zwischen uns und dem ganz anderen, der religiöse Nebel oder Brei, wo unter den verschiedenartigsten, bald mehr, bald weniger sexuell gefärbten Identifizierungskünsten und Vermischungsprozessen jetzt die humanen oder animalen Vorgänge zu Gotteserlebnissen erhoben, jetzt das Sein und Tun Gottes als hu|77manes oder animales Erlebnis «erfahren» wird.44 Der Kern in diesem Nebel ist der Wahn, als könne auch ohne das Wunder (senkrecht von oben), ohne die Aufhebung alles Gegebenen, abgesehen von der Wahrheit, die jenseits von Geburt und Tod liegt, eine Einheit oder auch nur eine Bündnisfähigkeit zwischen Gott und Mensch bestehen. Das religiöse Erlebnis, auf welcher Stufe es sich auch abspiele, ist, sofern es mehr als Hohlraum, sofern es Inhalt, Besitz und Genuss Gottes zu sein meint, die unverschämte und misslingende Vorwegnahme dessen, was immer nur von dem unbekannten Gott aus wahr sein und werden kann. Es ist in seiner Geschichtlichkeit, Dinglichkeit und Konkretheit immer der Verrat an Gott. Es ist die Geburt des Nicht-Gottes, der Götzen. Denn in der Mitte jenes Nebels wird
vergessen, 26 dass alles Vergängliche zwar ein Gleichnis, aber auch nur ein Gleichnis ist. Es wird die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit dem Abbild (Ps. 106,20) vergänglicher Wesenheiten. Es wird irgend eine von den Beziehungen des Menschen zu den Gegenständen seiner Furcht oder seines Verlangens, zu einem hilfreichen Mittel seines Daseins, zu einem Ergebnis seines eigenen Denkens oder Tuns oder zu einer eindrücklichen Erscheinung der Natur oder Geschichte an sich wichtig, so wichtig genommen, als ob nicht auch diese Beziehung gebrochen wäre durch ihren eigenen letztlichen Hinweis auf den Schöpfer, auf den Unbekannten, dessen Herrlichkeit eben nicht mit der bekannten Herrlichkeit eines Abbilds vertauscht werden kann, und wenn diese noch so fein und rein wäre, weil sie nicht ihresgleichen ist. Aus der vermeintlich unmittelbaren Begegnung mit Gott, die nur dann wahr wäre, wenn sie nicht wahr sein, sich nicht zu einer «Erfahrung» verdichten, wenn sie sich selbst sofort wieder aufheben und nur offener Raum, Hinweis, Anlass und Gelegenheit sein |78 wollte, entstehen nun gerade jene mittelbaren, abgeleiteten, indirekten, herrenlosen Gottheiten, Kräfte, Mächte und Gewalten (8,38), die das Licht des wahren Gottes verfärben und verdunkeln. Nirgends mehr Mittelbarkeiten als im Reiche der romantischen Unmittelbarkeit (Indien!45). Und wo immer jene qualifizierte Distanz zwischen dem Menschen und dem Letzten, der ihn begründet, übersehen und missachtet wird, da muss sich der Fetischismus einstellen, der an «Vögeln und Vierfüßlern und Würmern» und zuletzt und zuerst an der «Gestalt des vergänglichen Menschen» («Persönlichkeit», «das Kind», «die Frau»46) und an dessen geistig-materiellen Schöpfungen, Bildungen und Darstellungen (Familie, Volk, Staat, Kirche, Heimat usf.u) Gott erlebt – und Gott, der jenseits von allem Dies und Das wohnt, preisgibt. So wird Nicht-Gott, so werden die Götzen aufgerichtet.
«Darum hat sie Gott preisgegeben». Jene Vertauschung rächt sich, sie wird ihre eigene Strafe. Das Vergessen des wahren Gottes ist selbst schon das Losbrechen seines Zornes gegen die, die ihn vergessen (1,18). Das Unternehmen der Aufrichtung des Nicht-Gottes rächt sich damit, dass es gelingt. Die vergötterten Natur- und Seelenkräfte sind nun Götter und beherrschen als Jupiter und Mars, Isis und Osiris, Kybele und Attis unsre Lebensatmosphäre. Unser Handeln wird nun bestimmt durch das, was wir ja wollen. Zwangsläufig erreichen wir das Ziel, das wir uns selbst gesetzt haben: dass alle die von uns in ihrer Bedeutung verkannten Abbilder und Gleichnisse sich selbst Zweck und Inhalt und Ende werden. Nun wird der Mensch Knecht und Spiel27ball der Dinge, all der «Natur» und «Kultur», deren Aufhebung und Begründung in Gott er übersehen, und ihn schützt nun kein Höherer vor dem, was er selbst zu seinem Höchsten gemacht hat. Die Unreinheit seines Gottesverhältnisses stürzt auch sein Leben in Unreinheit. Hat Gott seine Herrlichkeit verloren, so verliert sie auch der Mensch. Geschändet ist mit dem Innern auch das Äußere, mit den |79 Seelen die Leiber, denn der Mensch ist Einer. Nun wird die Dinglichkeit die Kreatürlichkeit seines Lebens zu seiner Unehre. Nun wird Libido47, die Sexualität im engern und weitern Sinn, als Urkraft seines ganzen Begehrens und Strebens, aufs höchste bedenklich und verdächtig. Nun muss er die ganze Schmach des Weltlaufs als Schmach ertragen, beklagen, verfluchen und in seiner Gottesferne immer aufs neue erzeugen. Den bekannten Gott dieser Welt wollte er erleben. Den bekannten Gott erlebt er nun.
V. 25‒27 Sie haben die Wahrheit Gottes umgetauscht gegen die Lüge und die geschaffene Welt als heilig und verehrungswürdig behandelt an Stelle des Schöpfers – welcher ist der Hochgelobte in Ewigkeit! Amen. Darum hat sie Gott preisgegeben an schandbare Leidenschaften: es haben ihre Weiber den natürlichen Geschlechtsverkehr vertauscht mit dem unnatürlichen, und ebenso auch die Männer haben verlassen den natürlichen Verkehr mit dem Weibe und sind in ihrem Verlangen nacheinander entbrannt. Mann an Mann treiben sie Schande und empfangen am eigenen Leibe den zu erwartenden Lohn ihrer Verirrung.
«Sie haben die Wahrheit umgetauscht gegen die Lüge.» Der Abfall von Gott, der grundsätzlich eingetretene, wird bald schärfere Formen annehmen. Das unmittelbare Erleben Gottes in der Kreatur könnte eine gelegentliche gleichsam spielerische Verwechslung sein, ein mehr oberflächlicher Irrtum, die Auflösung der Wahrheit Gottes in die Fülle von allerlei Weltwahrheiten. Aber wenn einmal die Möglichkeit dazu da ist, so wird die ernsthafte Vertauschung der Wahrheit mit der Lüge nicht lange auf sich warten lassen. Der kleine Nebel in der Mitte zwischen Gott und Mensch, wo die Distanzen sich verwischen, wird zum Wolkenmeer, in dem die Gegenpole als solche unkenntlich werden. Der halbbewusste Gegensatz zu dem unbekannten Gott wird offenkundig. Das geblendete Auge wird krank. Die gelegentlich auf den Thron erhobenen Mächte und Gewalten leben sich dort ein und umgeben sich mit dem Strahlenkranz der «ewigen Kraft und Gott|80heit» (1,20), während der Schöpfer, der ewige Ursprung, immer «abstrakter», «theoretischer», unbeliebter und unbedeutsamer wird. Nicht-Gott, der Höchst-Konkrete, siegt, wenn auch ein kahler Rest des Unbekannten oberhalb der innerwelt28lichen Wichtigkeiten und Herrlichkeiten, ein letztes gelegentlich angerufenes Geheimnis jenseits dessen, was wir Gott heißen, übrig bleibt. Die einzige Wirklichkeit: der unbekannte, der lebendige Gott, erscheint nun luftig, problematisch, irreal – wogegen das höchst Luftige, Problematische und Irreale: die von ihm gelöste Welt, der durch keine Erinnerung an ihn gebrochene Mensch in einem Heiligenschein von Sicherheit, Notwendigkeit und Realität dasteht. Die Welt ist «heilig und verehrungswürdig» – zur Not auch abgesehen vom Schöpfer: Darüber sind die naturwissenschaftlich-historische und die philosophisch-theologische Weltanschauung einiger als es aussieht. Die Welt steht nicht bloß neben Gott, sondern sie ist an seine Stelle getreten, sie ist selbst Gott geworden und fordert «dieselbe Pietät wie der Fromme alten Stils für seinen Gott»
(D. Fr. Strauß)48.
Die Gegensätze innerhalb dieser Gottwelt aber (Natur und Kultur, Materialismus und Idealismus, Kapitalismus und Sozialismus, Weltlichkeit und Kirchlichkeit, Imperialismus und Demokratie u. ä.) sind so ernsthaft nicht, wie sie sich geben. Sie sind Gegensätze innerhalb der
Welt, für die es kein Paradox, kein Nein, keine Ewigkeit gibt.
«Darum hat sie Gott preisgegeben!» Die ungebrochene Natürlichkeit ist nicht rein. Es hilft ihr nichts, wenn sie religiös verklärt wird. Es ist in ihr immer die Unnatur und Widernatur verborgen, die nur auf die Stunde ihres Durchbruchs wartet. Der Vertauschung von Gott und Welt entspricht, weil sie ein Laufenlassen der Natur bedeutet, die Vertauschung des Unentbehrlichen, Unvermeidlichen an seine dämonische Karikatur, die doch grundsätzlich mit jenem auf einer Linie liegt. Das ohnehin Bedenkliche rollt dem Absurden entgegen. Libido wird alles, das Leben Erotik ohne Grenze. Denn die Grenze zwischen dem «Normalen» und dem Perversen öffnet sich, wenn zwischen Gott und Mensch nicht eine geschlossene Grenze, eine letzte unerbittliche Schranke und Hemmung ist.
81V. 28‒31 Noch ist eine letzte Verschärfung dieser Lage denkbar und Tatsache: Auch in dem verkehrten Gottesverhältnis ist noch ein Rest von «vernünftigem Schauen», eine letzte warnende Besinnung auf das dem religiösen Übermut widerstehende Geheimnis Gottes. Ein Abglanz von diesem Geheimnis liegt auch auf den zu Göttern gewordenen Weltkräften, auch auf dem vergöttlichten Weltall, und dieser kahle Rest des Unbekannten oberhalb des Nicht-Gottes wird sich gelegentlich als Ahnung und Schauer hemmend geltend machen. Aber auch das kann aufhören. Das kranke Auge kann blind, der Mangel an Erkenntnis kann zur Unkenntnis Gottes, zur «Agnosie» (1.Kor. 15,34) werden: Wie sie das Urteil einbüßten,
das zur Erkenntnis Gottes
nötig ist (sie sind nicht mehr fähig, im Ernst zu er29staunen und zu erschrecken, mit etwas anderem zu rechnen als mit Empfindungen, Erfahrungen und Erlebnissen, sie denken überhaupt nur noch in mehr oder weniger geistreichen Sophismen, ohne Oberlicht und Hintergrund), so hat Gott sie preisgegeben an ihre nichtsnutzige Vernunft, dass sie nur noch Verkehrtes fertig bringen, angefüllt sind mit lauter Unbotmäßigkeit, Unbrauchbarkeit, Habsucht, Bosheit, voll Neid, Mordlust, Zank, Lug und Trug, Zischler, Verleumder, Pietätlose, Frechlinge, Protzen und Prahler, erfinderisch in Gemeinheiten, den Eltern widerspenstig, einsichtslos und charakterlos, herzlos und erbarmungslos. So tritt die letzte Entleerung und Zersetzung ein, das Chaos zerfällt in seine Bestandteile und es wird alles möglich. Nun wirbeln die Atome, nun wütet der Kampf ums Dasein49. Unvernünftig geworden die Vernunft selbst, ohne Metallgehalt auch die Gedanken der Pflicht und der Gemeinschaft. Eine Welt voll persönlicher Willkür und sozialen Unrechts tut sich auf – nicht nur im Rom der Kaiserzeit. Die wahre Natur unsres ungebrochenen Daseins ist es, die sich hier auftut. Unsre Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit steht unter Gottes Zorn. Und nun ist uns sein Gericht Gericht und nichts als das, und wir erfahren die |82 Unmöglichkeit des Menschen als seine wirkliche und endgültige Unmöglichkeit.
V. 32 Es sollte nicht schwer fallen, diesen Zusammenhang einzusehen, aber sie kennen die Rechtsordnung Gottes, dass, die in solcher Richtung treiben, todeswürdig sind, und doch machen sie nicht nur mit, sondern billigen auch noch diese Richtung. Das ist die Weisheit der Nacht, die sich selbst zum Narren hält (1,22). Narrheit ist sie, weil sie unerschütterlich festhält an einer Flächenbetrachtung der menschlichen Dinge, die durch die Tatsachen fortlaufend widerlegt wird. Sie sieht, wohin der ungebrochene Weg des Menschen führt, sie ist sich über die Bedeutung seiner Richtung und seines Zieles nicht im unklaren. Sie kennt die Ursache und sieht die Wirkung, aber sie wagt es nicht, sich Halt! gebieten zu lassen. Immer begleitet die befremdliche Klage über die Hinfälligkeit des irdischen Daseins und die in ihrer Begründung auf diesem Boden ebenso wenig einzusehende Anklage gegen die menschliche Sündhaftigkeit den Weg des seinen Schöpfer vergessenden Menschen; aber das letzte ist doch immer, dass siev den Blick auf diesen Boden heften und das darauf gebaute Ganze bejahen, wollen, fortsetzen, gutheißen und – gegen jeden grundsätzlichen Protest in Schutz nehmen. Warum ist es so schwer, sich des Vergessenen zu erinnern, wo doch die Wirkung dieses Vergessens, das Ende unsrer Nachtwanderung, der Tod, so offenkundig ist?