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Vorwort zur sechsten Auflage
Die mehr als zweieinhalb Jahre, die seit der fünften Auflage ins Land gegangen sind, haben auch meinen gewissen Abstand von diesem Buch merklich vergrößert. Nicht, dass ich in Auslegung des Paulus und der Heiligen Schrift überhaupt heute etwas sachlich Anderes zu sagen hätte. Der entscheidende sachliche Anstoß, den man an diesem Buche genommen hat, ist derselbe, zu dem ich mich auch heute bekennen muss. Solange nicht eingesehen ist, dass er notwendig gegeben werden muss, dass der Widerspruch dagegen also unangebracht ist, oder solange ich nicht überführt worden bin, dass ich ihn zu Unrecht gegeben habe, werde ich ihn wohl weiter geben müssen, und so mag er denn auch in der ursprünglichen Form, in der er mir einst selber zum Anstoß wurde, in diesem Buche weiter sichtbar sein. Ich möchte es aber doch nicht ziehen lassen ohne das ausdrückliche Bekenntnis, dass ich, wenn ich heute wieder vor der Aufgabe dieses Buches stünde, um dasselbe zu sagen, alles ganz anders sagen müsste, weil ich unterdessen gelernt habe, dass Paulus einerseits viel mannigfaltiger, andererseits aber auch noch viel monotoner redet, als ich ihn damals habe reden lassen. Vieles wäre kürzer und vieles ausführlicher, vieles vorsichtiger und umsichtiger, vieles auch entschiedener und eindeutiger zu sagen. Viel Beiwerk, das durch meine eigene und die allgemeine damalige Lage bedingt war, wäre wegzuschneiden, und viele Zusammenhänge, die mir damals noch nicht bewusst waren, wären sichtbar zu machen. Den Vorbehalt, der durch die Tatsache gegeben ist, dass ich, seit dieses Buch geschrieben wurde, sieben Jahre älter geworden und dass unterdessen unser aller Hefte korrigiert worden sind, wird sich also der Leser von heute vor Augen halten müssen. Die in der Zeit seit der fünften Auflage begonnene Veröffentlichung meines Entwurfs zur Dogmatik1 bedeutet für dieses Buch insofern eine Entlastung, als eine |41 ernsthafte Kritik seines Inhalts sich nun mindestens auch an jene zweite umfassende Arbeit mit der in ihr angestrebten größeren Breite und Präzision wird halten müssen. Weiterfragende Leser werden also, wenn sie nach der Lektüre dieses Buches noch immer Zutrauen zu mir haben, von jener und von der übrigen anderweitigen Fortsetzung des hier Begonnenen auch Kenntnis nehmen müssen. In Neuendettelsau «darf man von Karl Barth sagen, daß er schon leise anfängt, ein Mann von gestern zu werden» («Freimund» vom
8. November 1928).2 Sicher, sicher! Die Toten reiten schnell3 und die erfolgreichen (vgl. Vorwort zur fünften Auflage) Theologen noch schneller. Wie hätte ich dieses Buch schreiben können, wenn ich darauf nicht theoretisch und praktisch einigermaßen vorbereitet gewesen wäre, bevor ich ein «Mann von heute» wurde? Habe ich dazu die «Zeit» und die «Geschichte» so gering geachtet, wie man es mir wenigstens vorgeworfen |42 hat4, dass ich gekränkt sein dürfte, wenn man mir nun ankündigt, dass auch mein Tag einen Abend haben und einmal ein gestern gewesener Tag sein werde? Dessen ungeachtet bin ich dankbar, den Raum noch zu haben, mich immer wieder ein wenig verbessern und erklären zu können und also alle Gutwilligen, auch wenn sie mich vielleicht mit Recht für unverbesserlich halten sollten, bitten zu dürfen, wenigstens noch keine Nekrologe zu schreiben, bis meinerseits eben wirklich ausgeredet und das sub specie Aeterni5 längst vorhandene «Gestern» auch in der Zeit einwandfrei offenbar geworden sein wird.
Münster i. W., am 1. Advent 1928