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        <title type="volume" n="vol-47">Der Römerbrief 1922</title>
        <title type="content">1. Kapitel: Eingang</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: 1. Kapitel: Eingang, in: Der Römerbrief 1922, 1922</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47009 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Der Römerbrief 1922, hrsg. v. van der Kooi, Cornelis / Tolstaja, Katja (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2010, S. 45–82.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Der Römerbrief 1922</title>
          <title type="text">1. Kapitel: Eingang</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>van der Kooi, Cornelis</editor>
          <editor>Tolstaja, Katja</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2010</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 45–82</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Der Römerbrief, 4.-7. Tsd., Zweiter Abdruck der neuen Bearbeitung, München 1923 </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Karl Barth: Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, München 1922 Urtext</bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, 1921. Druckmanuskript<ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/91174">KBA 12375</ref>. </bibl>
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        <head type="top">An die Römer</head>

        <head><pb ed="pga" xml:id="p045" rend="noPipe"/>1. Kapitel<lb/>EINGANG</head>

<head><hi rend="smallCaps">Der Verfasser an die Leser</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.1 Röm.1.7">1,1–7</ref></head>

<p><hi rend="bold"><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, Knecht des Christus Jesus, berufen zum Apostel, ausgesondert für die Heilsbotschaft Gottes, welche dieser längst verkündigen ließ durch seine Propheten in den heiligen Schriften,</hi>
handelnd <hi rend="bold">von seinem Sohn: geboren aus <persName ref="kbga-actors-2172">Davids</persName> Geschlecht nach dem Fleisch, kräftig eingesetzt als Sohn Gottes nach dem Heiligen Geist durch</hi>
seine <hi rend="bold">Auferstehung von den Toten ‒ von Jesus Christus unserm Herrn, durch welchen wir Gnade und Apostelamt empfangen haben, der</hi>
in der Heilsbotschaft sich bewährenden <hi rend="bold">Treue</hi>
Gottes <hi rend="bold">Gehorsam zu verschaffen unter allen Völkern zur Ehre seines Namens, unter welchen auch ihr seid als von Jesus Christus Berufene, ‒ an alle Geliebten Gottes zu <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName>, 
die zur Heiligkeit Berufenen! Gnade über euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus!</hi>
</p>
<p><term type="begriffe" key="Apostel/Apostelamt"/><hi rend="italic">«<persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, Knecht des Christus Jesus, berufen zum Apostel.»</hi> «Nicht die für eigenes Schaffen begeisterte Genialität» (<persName ref="kbga-actors-851">Zündel</persName>)<note xml:id="n01"> <bibl corresp="kbga-bibls-68"><persName ref="kbga-actors-851">Fr. Zündel</persName>, <hi rend="italic">Aus der Apostelzeit</hi>, Zürich 1886, S. 350</bibl>: «Dieses ‹wider Willen› [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.9.17">1.Kor. 9,17</ref>] ist eine unerläßliche Eigenschaft, weil es jener für eigenes Schaffen begeisterten Genialität, die nur allzugerne mithelfen will, als schützende Schranke direkt entgegensteht.»</note>, sondern ein an seinen Auftrag gebundener Sendbote<term type="begriffe" key="Sendbote"/><note n="a" type="textcritical" xml:id="na"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «<hi rend="italic">Sendbote</hi>».</note> ist es, der hier das Wort ergreift. Nicht ein Herr, sondern ein Knecht<term type="begriffe" key="Knecht, Gottes"/>, der Minister seines Königs. Mag <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sein, wer und was er will, der Inhalt seiner Sendung<term type="begriffe" key="Sendung"/> ist letzten Grundes nicht <hi rend="italic">in</hi> ihm, sondern in unüberwindlicher Fremdheit, in unerreichbarer Ferne <hi rend="italic">über</hi> ihm. Er kann sich seines Apostelberufs nicht als eines Momentes seiner eigenen Lebensentwicklung bewusst werden. «Der Apostelberuf ist ein paradoxes Fak<pb ed="pga" xml:id="p046" break="no"/>tum<term type="begriffe" key="Faktum, paradoxes"/>, das im ersten und letzten Augenblick seines Lebens außerhalb seiner persönlichen Identität<term type="begriffe" key="Identität"/> mit ihm selbst steht» (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>).<note xml:id="n02"> <bibl corresp="kbga-bibls-3504"><persName ref="kbga-actors-221">S. Kierkegaard</persName>, <hi rend="italic">Das Buch über Adler</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Der Begriff des Auserwählten</hi>. Übersetzung und Nachwort von Th. Haecker, Hellerau 1917, S. 5–272, dort S. 166</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3505">Pap. VII 2 B 235, S. 139f.</bibl>): «Ein Apostel entwickelt sich nicht so, daß er sukzessiv wird, was er <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">κατα δυναμιν</foreign> ist, denn dem Apostelberuf voraus geht keine potentielle Möglichkeit; jeder Mensch ist ihm wesentlich gleich nah. Ein Apostel kann niemals so zu sich selbst kommen, daß er seines Apostelberufes als eines Momentes seiner eignen Lebensentwicklung sich bewußt wird. Der Apostelberuf ist ein paradoxes Faktum, das im ersten und letzten Augenblick seines Lebens paradox außerhalb seiner persönlichen Identität mit ihm selbst steht.» Vgl. in der Abhandlung <bibl corresp="kbga-bibls-2206"><hi rend="italic">Über den Unterschied zwischen einem Apostel und einem Genie</hi>, a.a.O., S. 313–333, S. 317</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 11, S. 99</bibl>), <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaards</persName> letzte Fassung des Gedankens. An beiden Stellen finden sich in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar Unterstreichungen.</note> Er ist und bleibt er selbst, jeder Mensch ist ihm wesentlich gleich nahe. Aber im Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> zu sich selbst und im Unterschied zu jedem andern Menschen ist er zugleich von Gott berufen und ausgesendet. Also ein Pharisäer<term type="begriffe" key="Pharisäer"/>? Ja ein Pharisäer, wenn auch höherer Ordnung<note xml:id="n03"> Vgl. die Selbstbezeichnung <persName ref="kbga-actors-360">Fr. Schleiermachers</persName> in einem in Gnadenfrei geschriebenen Brief an ­<persName ref="kbga-actors-2593">Georg Reimer</persName> vom <date when="1802-04-30">30.4.1802</date>: «Hier entwickelte sich zuerst die mystische Anlage, die mir so wesentlich ist und mich unter allen Stürmen des Skepticismus gerettet und erhalten hat. Damals keimte sie auf, jezt ist sie ausgebildet und ich kann sagen, daß ich nach Allem wieder ein <orgName ref="kbga-actors-5483">Herrnhuter</orgName> geworden bin, nur von einer höhern Ordnung.» (<bibl corresp="kbga-bibls-3507"><hi rend="italic">Aus <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName></hi> <hi rend="italic">Leben. In Briefen</hi>, Bd.1, hrsg. v. L. Jonas und W. Dilthey, Berlin 1860<hi rend="sup">2</hi> = Berlin / New York 1974, S. 294f.</bibl>; 
  <bibl corresp="kbga-bibls-3508">Kritische Gesamtausgabe, 5. Abt., Bd. 5: <hi rend="italic">Briefwechsel 1801-1802</hi>, hrsg. von A. Arndt und W. Virmond, Berlin/New York 1999, S. 393, Z.16–21)</bibl>.</note>, ein <hi rend="italic">«Ausgesonderter»</hi>, ein Vereinzelter, ein Verschiedener. In Reih und Glied mit jedermann, Stein unter Steinen in jeder Beziehung, nur in seiner Beziehung zu Gott<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> <pb ed="A" n="4"/> ein Fall für sich. Gerade als Apostel ohne ein geordnetes Verhältnis zur menschlichen Gemeinschaft in ihrer geschichtlichen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, geschichtliche"/>, von da aus gesehen vielmehr <anchor type="note" xml:id="fn-b"/>eine nur als Ausnahme mögliche, ja unmögliche
Erscheinung<note n="b" target="fn-b" type="textcritical" xml:id="nb"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «eine ausnahmsweise, ja unmögliche Erscheinung». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>. Das Recht dieser seiner Stellung und die Glaubwürdigkeit seiner Rede ruhen in Gott. Sie können direkt so wenig eingesehen werden wie Gott selber. Eben daher nimmt er den Mut, Gehör fordernd auch an andre heranzu<pb ed="pga" xml:id="p047" break="no"/>treten, ohne Besorgnis, sich selbst zu überheben und ihnen zu nahe zu treten. Gerade das gibt ihm Autorität, dass er nur an die Autorität Gottes selbst appellieren kann und will<note n="c" type="textcritical" xml:id="nc"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «<hi rend="italic">will</hi>».</note>.<term type="begriffe" key="Apostel/Apostelamt"/></p>
<p>Die <hi rend="italic">«Heilsbotschaft Gottes»</hi><term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> hat <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> auszurichten: zu Handen der Menschen die ganz und gar neue, die unerhört gute und frohe Wahrheit<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/> Gottes. Aber eben: <hi rend="italic">Gottes!</hi> Also keine religiöse<term type="begriffe" key="religiös"/> Botschaft, keine Nachrichten und Anweisungen über die Göttlichkeit<term type="begriffe" key="Göttlichkeit"/> oder Vergöttlichung<term type="begriffe" key="Vergöttlichung"/> des Menschen, sondern Botschaft von einem Gott, der ganz anders ist<term type="begriffe" key="Gott, der ganz andere"/><note xml:id="n04"> Zu dieser Ausdrucksweise dürfte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> angeregt worden sein durch <bibl corresp="kbga-bibls-52"><persName ref="kbga-actors-311">R. Otto</persName>, 
<hi rend="italic">Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen</hi>, Breslau 1918<hi rend="sup">2</hi>, S. 28ff</bibl>. Er hatte das Buch seit Mai 1919 in seinem Besitz und las es «mit ziemlicher Freude»: «Die Sache ist zwar psychologisch orientiert, weist aber deutlich über die Grenze hinaus auf das Moment des ‹Numinosum›, dem rational nicht beizukommen ist, weil es das ‹Ganz Andre›, das Göttliche an Gott ist.» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p330#p330">S. 330</ref></bibl>).</note>, von dem der Mensch als Mensch nie etwas wissen noch haben wird und von dem ihm eben darum das Heil kommt. Also kein direkt zu verstehendes, einmalig zu erfassendes Ding unter Dingen<term type="begriffe" key="Ding, unter Dingen"/>, sondern das unter Furcht und Zittern<term type="begriffe" key="«Furcht und Zittern»"/><note xml:id="n05"> Möglicherweise ist damals der häufige Gebrauch dieser paulinischen Wendung (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.7.15">2.Kor. 7,15</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.12">Phil. 2,12</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.6.5">Eph. 6,5</ref>) mit veranlasst durch die so betitelte Schrift von <bibl corresp="kbga-bibls-3509"><persName ref="kbga-actors-221">S. Kierkegaard</persName> (<hi rend="italic">Frygt og Bæven</hi>, 1843</bibl>).</note> immer neu zu vernehmende, weil immer neu gesprochene Wort des Ursprungs<term type="begriffe" key="Ursprung"/><note xml:id="n06"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr009#fn_n02">S. IX, Anm. 2</ref>.</note> aller Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/>. Also nicht Erlebnisse<term type="begriffe" key="Erlebnis"/><note xml:id="n07"> Zum Begriff «Erlebnis» vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3510"><persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Die Lage und Aufgabe der evangelischen Dogmatik in der Gegenwart</hi> (1906), in: ders., <hi rend="italic">Gesammelte Aufsätze</hi>, hrsg. von F. W. Schmidt, Tübingen 1923, S. 95–188, dort S. 161</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar angestrichen): «Es wäre das Schlimmste für einen Christen, wenn er vergessen könnte, daß das Erwachen der Religion in ihm selbst sein eigenes, für keinen andern faßbares Erlebnis bleibt. Die Offenbarung Gottes ist [...] ein Ereignis unseres inneren Lebens.» «Wenn uns das Unentrinnbare zu freier Hingabe bringt, so stehen wir vor dem Gott, der uns lebendig macht.» Vgl. zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Irrewerden an diesem Begriff seine Auseinandersetzung mit <persName ref="kbga-actors-329">M. Rade</persName> und <persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName> in: <bibl corresp="kbga-bibls-966">K. Barth - M. Rade, <hi rend="italic">Ein Briefwechsel</hi>, hrsg. von Chr. Schwöbel, Gütersloh 1981, S. 105–122</bibl>.</note>, Erfahrungen<term type="begriffe" key="Erfahrung"/> und Empfindungen, und wären es solche höchsten Ranges, 
sondern schlichte objektive Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> dessen, was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.9">1.Kor. 2,9</ref>]. <pb ed="pga" xml:id="p048"/> Also aber auch eine Mitteilung, die nicht nur auf Notiznahme, sondern auf Teilnahme, nicht nur auf Verstand, sondern auf Verständnis, nicht nur auf Mitgefühl, sondern auf Mitarbeit<term type="begriffe" key="Mensch, als Mitarbeiter"/> rechnet, eine Mitteilung, die Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/> an Gott, an Gott selbst, voraussetzt, indem sie ihn schafft.</p>
<p>Eben weil es die Botschaft von Gott ist, darum <hi rend="italic">«längst verkündigt»</hi>, darum kein Einfall von heute, sondern der Sinn, der reife Ertrag der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>, Frucht der Zeit als Same der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, erfüllte Weissagung<term type="begriffe" key="Weissagung"/>. Es ist das Wort, das die Propheten<term type="begriffe" key="Propheten"/> von jeher sprachen, das jetzt vernehmbar und vernommen wird. Das ist das Wesen der dem Apostel aufgetragenen Heilsbotschaft und zugleich die Bewährung seiner Rede und die Kritik<term type="begriffe" key="Kritik"/>, der sie untersteht: Die Worte der Propheten<term type="begriffe" key="Propheten"/>, die lange unter Verschluss gehaltenen, sie<note n="d" type="textcritical" xml:id="nd"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «gehaltenen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.16.27">16,27</ref>), sie».</note> reden nun; was <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName>, <persName ref="kbga-actors-2193">Hiob</persName> und der Prediger <persName ref="kbga-actors-2245">Salomo</persName> längst verkündigt, das wird nun gehört; man kann nun sehen und verstehen, was geschrieben steht; wir haben nun «einen Eingang in das ganze Alte Testament<term type="begriffe" key="Altes Testament"/>» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>)<note xml:id="n08"> <bibl corresp="kbga-bibls-2553"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, WA.DB 7, 27,21-24 (vgl. 26,12-15)</bibl>: «Darumb es auch scheinet, als habe S. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> in dieser Epistel wollen ein mal in die kuertze verfassen, die gantze Christliche vnd Euangelische lere, vnd einen Eingang bereiten in das gantze alte Testament.»</note>. Also auf dem Boden der offenbar gewordenen und wohlverstandenen Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/> steht, der hier redet. «Er verbittet sich sofort die Ehre eines Neuerers» (<persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName>).<note xml:id="n09"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3477"><persName ref="kbga-actors-359">Schlatter</persName>, <hi rend="italic">Der Römerbrief ausgelegt für Bibelleser</hi>, Calw/Stuttgart 1887, S. 8</bibl>: «Er wehrt den Gedanken ab, als wäre er ein Neuerer, der ein eignes ‹paulinisches› Evangelium erfunden hätte.» 1902<hi rend="sup">4</hi>, S. 12: «Er wehrt den Gedanken ab, als hätte er ein eigenes ‹Paulinisches› Evangelium erfunden.»</note></p>
<p><pb ed="A" n="5"/> <hi rend="italic">«Jesus Christus unser Herr»</hi>, das ist die Heilsbotschaft, das ist der Sinn der Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>.<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> In diesem Namen<term type="begriffe" key="Jesus Christus, der Christus"/> begegnen und trennen sich zwei Welten<note xml:id="n10"> Die Rede von «zwei Welten» ist seit 1915 ein fester Topos bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1641">Konfirmandenunterricht, <ref type="pub-" target="../volume/18/p109#p109">S. 109</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/18/p113#p113">113</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/18/p116#p116">116</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/18/p367#p367">367f.</ref> u.ö.</bibl>; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-2031">ders., <hi rend="italic">Predigten 1915</hi>, hrsg. von H. Schmidt (Gesamtausgabe, Abt.I), Zürich 1996, z. B. <ref type="pub" target="../volume/27/p197#p197">S. 197</ref>.<ref type="pub" target="../volume/27/p405#p405">405</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-829"><hi rend="italic">Predigten 1916</hi>, hrsg. von H. Schmidt (Gesamtausgabe, Abt.I), Zürich 1998, <ref type="pub" target="../volume/29/p210#p210">S. 210f.</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3512"><hi rend="italic">Predigten 1917</hi>, hrsg. von H. Schmidt (Gesamtausgabe, Abt.I), Zürich 1999, <ref type="pub-" target="../volume/32/p053#p053">S. 53</ref></bibl>.</note>, schneiden sich zwei Ebenen<term type="begriffe" key="Ebene"/>, eine bekannte und eine <pb ed="pga" xml:id="p049"/> unbekannte. Die bekannte ist die von Gott geschaffene, aber aus ihrer ursprünglichen Einheit<term type="begriffe" key="Einheit, mit Gott"/> mit Gott herausgefallene und darum erlösungsbedürftige Welt des «Fleisches»<term type="begriffe" key="Fleisch"/>, die Welt<term type="begriffe" key="Welt, des Menschen"/> des Menschen, der Zeit und der Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/>, unsre Welt. Diese bekannte Ebene<term type="begriffe" key="Ebene"/> wird geschnitten von einer andern unbekannten<term type="begriffe" key="Ebene, unbekannte"/>, von der Welt des Vaters<term type="begriffe" key="Gott, Vater"/><note xml:id="n11"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3513"><persName ref="kbga-actors-240">H. Kutter</persName>, <hi rend="italic">Die Welt des Vaters. Predigten über Lukastexte</hi>, Zürich 1901</bibl>.</note>, der Welt der ursprünglichen Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung, ursprüngliche"/> und endlichen Erlösung<term type="begriffe" key="Erlösung, Enderlösung"/>. Aber diese Beziehung zwischen uns und Gott<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/>, zwischen dieser Welt und der Welt Gottes will erkannt sein. Das Sehen der Schnittlinie<term type="begriffe" key="Schnittlinie"/> zwischen beiden ist nicht selbstverständlich. ‒ Der Punkt der Schnittlinie<term type="begriffe" key="Schnittlinie"/>, wo sie zu sehen ist und gesehen wird, ist <hi rend="italic">Jesus</hi>, Jesus von <placeName ref="kbga-places-948">Nazareth</placeName>, der «historische» Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/>, <hi rend="italic">«geboren aus <persName ref="kbga-actors-2172">Davids</persName></hi> <hi rend="italic">Geschlecht nach dem Fleisch».</hi> «Jesus» als historische Bestimmung bedeutet die Bruchstelle zwischen der uns bekannten Welt und einer unbekannten. Zeit, Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/> und Menschen<term type="begriffe" key="Welt, der Zeit(, Dinge und Menschen)"/> erheben sich an dieser Stelle der uns bekannten Welt an sich nicht über andre Zeiten, Dinge und Menschen, wohl aber, sofern sie jenen Punkt begrenzen, der die verborgene Schnittlinie<term type="begriffe" key="Schnittlinie"/> von Zeit und Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, Ding<term type="begriffe" key="Ding"/> und Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/>, Mensch und Gott sichtbar werden lässt. Also Offenbarungszeit<term type="begriffe" key="Offenbarungszeit"/> und Entdeckungszeit sind die Jahre <date to="0030" from="0001">1‒30</date>. Sie ist die Zeit, in der, wie der Blick auf <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName> zeigt, die neue, andersartige, göttliche Bestimmung<term type="begriffe" key="Bestimmung, göttliche"/> <hi rend="italic">aller</hi> Zeit <hi rend="italic">gesehen</hi> wird und die ihre Besonderheit unter andern Zeiten selbst auch wieder aufhebt<term type="begriffe" key="Aufhebung"/>, indem sie die Möglichkeit eröffnet, dass jede Zeit Offenbarungszeit<term type="begriffe" key="Offenbarungszeit"/> und Entdeckungszeit werden könnte. Jener Punkt der Schnittlinie<term type="begriffe" key="Schnittlinie"/> selbst aber hat wie die ganze unbekannte Ebene<term type="begriffe" key="Ebene, unbekannte"/>, deren Vorhandensein er ankündigt, gar keine Ausdehnung auf der uns bekannten Ebene<term type="begriffe" key="Ebene"/>. Die Ausstrahlungen oder vielmehr die erstaunlichen Einschlagstrichter<term type="begriffe" key="Einschlagstrichter"/> und Hohlräume<term type="begriffe" key="Hohlraum"/>, durch die er sich innerhalb der historischen Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit, historische"/> bemerkbar macht, sind, auch wenn sie
«Leben Jesu»<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Leben Jesu»"/><note xml:id="n12"> Siehe zu den zahlreichen «Leben-Jesu»-Darstellungen z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-2661"><persName ref="kbga-actors-1243">A. Schweitzer</persName>, <hi rend="italic">Geschichte der Leben-Jesu-Forschung</hi>, Tübingen 1913<hi rend="sup">2</hi></bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-152"><persName ref="kbga-actors-398">D. Fr. Strauß</persName>, <hi rend="italic">Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet</hi>, 2 Bde., Tübingen 1835/36</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3514">ders., <hi rend="italic">Das Leben Jesu für das deutsche Volk</hi>, Leipzig 1864</bibl>.</note> heißen, nicht die andre Welt, die sich in Jesus mit unsrer Welt berührt. Und sofern diese unsre Welt in Jesus von der andern Welt berührt wird, hört sie auf, historisch, zeitlich, dinglich<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/>, direkt anschaulich zu <pb ed="pga" xml:id="p050"/> sein. ‒ Jesus ist <hi rend="italic">«kräftig eingesetzt als Sohn Gottes nach dem Heiligen Geist durch seine Auferstehung von den Toten».</hi><term type="begriffe" key="Auferstehung, als heilsgeschichtliches Ereignis / Auferstehung, von den Toten"/> Dieses sein Eingesetztsein<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Einsetzung als Sohn Gottes"/> ist die wahre Bedeutung Jesu, als solche freilich gerade historisch nicht zu bestimmen<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/>. Jesus als <hi rend="italic">der Christus</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, als Christus"/>, der Messias<term type="begriffe" key="Messias"/>, ist das Ende der Zeit<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Ende der Zeit"/>, er ist nur als Paradox<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Paradox"/> (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>)<note xml:id="n13"> Oft von <persName ref="kbga-actors-221">S. Kierkegaard</persName> benutzter Begriff zur Bestimmung des Verhältnisses von Gottes Offenbarung und menschlicher Wirklichkeit. Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3504"><hi rend="italic">Das Buch über Adler</hi>, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p046#fn_n02">S. 46, Anm. 2</ref>), S. 89</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3505">Pap. VII 2 B 235, S. 75f.</bibl>): «Das Christentum ist die paradoxe Wahrheit, es ist das Paradox: daß das Ewige einmal geworden ist in der Zeit. [...] Daß das Ewige einmal in der Zeit geworden ist, ist nicht eine Wahrheit, die ihre Probe in der Zeit bestehn soll, nicht etwas, das von <hi rend="italic">Menschen geprüft werden soll</hi>, sondern ist das Paradox, <hi rend="italic">an welchem die Menschen geprüft werden sollen»</hi>.– <bibl corresp="kbga-bibls-3504">S. 92</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3505">Pap. VII 2 B 235, S. 78</bibl>): «Das Christliche <hi rend="italic">hat</hi> keine Geschichte, denn das Christliche ist dieses Paradox, daß Gott einmal Mensch geworden ist in der Zeit.»</note>, er ist nur als der Sieger <term type="begriffe" key="Jesus Christus, Sieger"/>(<persName ref="kbga-actors-48">Blumhardt</persName>)<note xml:id="n14"> Der Ruf «Jesus ist Sieger!» stammt aus der von <persName ref="kbga-actors-48">Johann Christoph Blumhardt</persName> (1805–1880) im Jahre 1843 in Möttlingen erlebten Leidens- und Heilungsgeschichte der <persName ref="kbga-actors-2015">Gottliebin Dittus</persName> und wurde bekannt als Parole im Leben und Wirken Blumhardts wie auch seines Sohnes <persName ref="kbga-actors-47">Christoph Blumhardt</persName> (1842–1919). Er wurde am Höhe- und Endpunkt dieser Geschichte aus dem Munde von Gottliebins Schwester Katharina vernommen. Siehe <bibl corresp="kbga-bibls-3515"><persName ref="kbga-actors-851">Fr. Zündel</persName>, <hi rend="italic">Johann Christoph Blumhardt</hi>. <hi rend="italic">Ein Lebensbild</hi>, 6. völlig neubearbeitete Auflage von H. Schneider, Gießen 1920, S. 154–156</bibl>: «Die Hauptsache kam aber diesmal nicht an <persName ref="kbga-actors-2015">Gottliebin</persName> [...], sondern an ihre Schwester Katharina, welche früher nicht das mindeste dieser Art erfahren hatte, nun aber so rasend wurde, daß sie nur mit Mühe festgehalten werden konnte.» «Um 2 Uhr morgens brüllte der angebliche Satans-Engel, wobei das Mädchen den Kopf und Oberleib weit über die Lehne des Stuhles zurückbog, mit einer Stimme, die man kaum bei einer menschlichen Kehle für möglich halten sollte, die Worte heraus: ‹Jesus ist Sieger!› ‹Jesus ist Sieger!›»</note>, er ist nur als Ur-Geschichte<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Urgeschichte"/> <pb ed="A" n="6"/> (<persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>)<note xml:id="n15"> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> knüpft an bei dem Begriff «Urgeschichte» von <persName ref="kbga-actors-312">Fr. Overbeck</persName>, der ihn in <bibl corresp="kbga-bibls-1340">Christentum und Kultur, S. 20–28</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 52–60</bibl>), einführt, um zu besonderer Vorsicht im Umgang mit der Überlieferung des Urchristentums zu mahnen, weil auf diesem Gebiet
alles «im Dunkeln» (<bibl corresp="kbga-bibls-1340">S. 20</bibl> [<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 53</bibl>]) liege. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> fasst seine eigene Deutung zusammen in <bibl corresp="kbga-bibls-220"><hi rend="italic">Die christliche Dogmatik im Entwurf</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Die Lehre vom Worte Gottes. Prolegomena zur christlichen Dogmatik</hi> (1927), hrsg. von G. Sauter (Gesamtausgabe, Abt.II), Zürich 1982, S. <ref type="pub-" target="../volume/14/p309#p309">309f.</ref></bibl>: «Unter ‹Urgeschichte› verstand <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-312">Franz Overbeck</persName></hi> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1340">Christentum und Kultur, S. 20ff.</bibl>) die hinter den neutestamentlichen Quellen als großes X sichtbare, historischer Erforschung und Darstellung gleichzeitig sich darbietende und sich entziehende Entstehungsgeschichte der christlichen Kirche und Verkündigung. Der Begriff war für Overbeck also ein geschichtswissenschaftlicher Hilfsbegriff. Wir nehmen ihn  […] auf als theologischen Begriff zur Bezeichnung des eigentümlichen Verhältnisses von Offenbarung und Geschichte  […]. <hi rend="italic">Offenbarung ist Urgeschichte.</hi>»</note> zu <pb ed="pga" xml:id="p051"/> verstehen. Jesus als der Christus ist die uns unbekannte Ebene<term type="begriffe" key="Ebene, unbekannte"/>, die die uns bekannte<term type="begriffe" key="Ebene"/> senkrecht von oben<term type="begriffe" key="«senkrecht von oben»"/><note xml:id="n16"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-68"><persName ref="kbga-actors-851">Fr. Zündel</persName>, <hi rend="italic">Aus der Apostelzeit</hi>, Zürich 1886, S. 26</bibl> (zu <ref type="can" subtype="bible" target="Act.2.1 Act.2.13">Act. 2,1–13</ref>): «Es war aber gewiß ein Gewaltiges, als die Erschütterung des senkrecht vom Himmel hernieder fahrenden Sturmes den Aposteln kund gab, daß ein unerhört Neues geworden sei.» In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar ist der betreffende Passus unterstrichen. Die im Anschluss an diesen Satz <persName ref="kbga-actors-851">Zündels</persName> gebildete Wendung «senkrecht von oben», die später zu einem der Schlagworte der dialektischen Theologie wurde, zuerst bei <bibl corresp="kbga-bibls-3517">K. Barth, <hi rend="italic">Der Christ in der Gesellschaft</hi> (1919), W.G.Th., S. 40</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-3572">Anfänge I, S. 9</bibl>. Vgl. dazu die Bemerkung <bibl corresp="kbga-bibls-1802"><persName ref="kbga-actors-646">W. Köhlers</persName> (Pseudonym: Justinus) in: <hi rend="italic">Zur religiösen Lage der Gegenwart</hi>, in: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 141 (1920), Nr. 1732 vom
<date when="1920-10-21">21.10.1920</date></bibl>: «Das Barthsche Erlebnis ‹senkrecht vom Himmel herunter› ist erkenntnistheoretisch barer Unsinn.»</note> durchschneidet. Jesus als der Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, als Christus"/> kann innerhalb der historischen Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit, historische"/> <hi rend="italic">nur</hi> als Problem, <hi rend="italic">nur</hi> als Mythus<term type="begriffe" key="Mythus"/> verstanden werden. Jesus als der Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, als Christus"/> bringt die Welt des Vaters<term type="begriffe" key="Gott, Vater"/>, von der wir innerhalb der historischen Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit, historische"/> nichts wissen und nie etwas wissen werden. ‒ Die <hi rend="italic">Auferstehung</hi><term type="begriffe" key="Auferstehung, als heilsgeschichtliches Ereignis"/> von den Toten<term type="begriffe" key="Auferstehung, von den Toten"/> aber ist die Wende<term type="begriffe" key="Wende"/>, das «Einsetzen» jenes Punktes von oben und die entsprechende Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> von unten. Die Auferstehung ist <anchor type="note" xml:id="fn-e"/>die <hi rend="italic">Offenbarung</hi><term type="begriffe" key="Offenbarung, Auferstehung"/>, die Entdeckung Jesu als des Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, als Christus"/>, die Erscheinung Gottes<term type="begriffe" key="Erscheinung, Gottes"/> und die Erkenntnis Gottes<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/><note n="e" type="textcritical" xml:id="ne" target="fn-e"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «die Offenbarung und Entdeckung Jesu als des Christus, die Erscheinung und Erkenntnis Gottes». Korrektur teilweise in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> in ihm, der Eintritt der Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/>, Gott die Ehre zu geben und mit dem Unbekannten und Unanschaulichen<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/> in Jesus zu rechnen, Jesus als das Ende der Zeit<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Ende der Zeit"/>, als das Paradox<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Paradox"/>, als Urgeschichte<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Urgeschichte"/>, als Sieger<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Sieger"/> gelten zu lassen. In der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als heilsgeschichtliches Ereignis"/> berührt die neue Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/> des Heiligen Geistes<term type="begriffe" key="Geist, Heiliger G."/> die alte Welt<term type="begriffe" key="Welt, alte"/> des Fleisches<term type="begriffe" key="Fleisch"/>. Aber sie berührt sie wie die Tangente einen Kreis<term type="begriffe" key="Kreis"/><note xml:id="n17"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1694"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Buch des Richters, S. 155</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 22, S. 81 [NB 11:135a]</bibl>): «Christus verhält sich eigentlich zur Erde wie eine Tangente (anders kann das Göttliche sich auch nicht verhalten): er hatte nicht, wo er sein Haupt hinlegte. Eine Tangente ist ja eine gerade Linie, die den Kreis in einem einzigen Punkte berührt.»</note>, ohne sie zu berühren, und gerade indem sie sie <hi rend="italic">nicht</hi> <pb ed="pga" xml:id="p052"/> berührt, berührt sie sie als ihre Begrenzung<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/>, als <hi rend="italic">neue</hi> Welt. So ist die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als geschichtlicher Vorfall"/> das Ereignis vor den Toren <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalems</placeName> im Jahre <date when="0030">30</date>, sofern sie dort «eintrat», entdeckt und erkannt wurde. Und sie ist es auch wieder gar nicht, sofern ihre Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/>, Erscheinung<term type="begriffe" key="Erscheinung"/> und Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> nicht durch jenes Eintreten, Entdecken und Erkennen bedingt, sondern selbst ihr Bedingendes ist. Sofern Jesus sich offenbart und entdeckt wird als der Messias<term type="begriffe" key="Messias"/>, ist er ja schon <hi rend="italic">vor</hi> dem Ostertag<term type="begriffe" key="Ostertag"/> «eingesetzt als Sohn Gottes»<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Einsetzung als Sohn Gottes"/>, so gewiss er es auch <hi rend="italic">nach</hi> dem Ostertag ist. ‒ Das ist die Bedeutung Jesu: die Einsetzung<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Einsetzung als Sohn Gottes"/> des Menschensohns als <hi rend="italic">Sohn Gottes.</hi> Was er abgesehen von dieser Einsetzung ist, das ist so wichtig und so unwichtig wie alles Zeitliche, Dingliche<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/>
und Menschliche<term type="begriffe" key="menschlich"/> an sich sein kann. «Ob wir auch Christus nach dem Fleische<term type="begriffe" key="Jesus Christus, nach dem Fleische"/> gekannt haben, so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr.» [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.16">2.Kor. 5,16b</ref>]. Indem er <hi rend="italic">war, ist</hi> er; aber indem er <hi rend="italic">ist</hi>, liegt was er <hi rend="italic">war</hi>, dahinten. Keine Vermählung und Verschmelzung zwischen Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/> findet hier statt, kein Aufschwung<term type="begriffe" key="Aufschwung, des Menschen?"/> des Menschen ins göttliche und keine Ergießung Gottes<term type="begriffe" key="Ergießung Gottes"/> ins menschliche Wesen<term type="begriffe" key="menschlich"/><note xml:id="n18"> Vgl. unten <ref type="pub" target="../volume/47/p406#fn_n49">S. 406f., Anm. 49</ref> und <ref type="pub" target="../volume/47/p406#fn_n50">50</ref>.</note>, sondern was uns in Jesus dem Christus berührt, indem es uns nicht berührt, das ist das Reich Gottes<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/>, des Schöpfers<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer und Erlöser"/> und Erlösers. Es ist aktuell geworden. Es ist nahe herbeigekommen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21 Röm.3.22">3,21f.</ref> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.17">Mt. 4,17 par.</ref>]). ‒ Dieser Jesus Christus ist <hi rend="italic">«unser Herr».</hi> Durch seine Gegenwart in der Welt und in unserm Leben sind wir als Menschen aufgehoben<term type="begriffe" key="aufgehoben bei Gott"/> und in Gott begründet<term type="begriffe" key="begründet in Gott"/>, durch den Blick auf ihn still gestellt und in Bewegung<term type="begriffe" key="Bewegung"/> versetzt, Wartende und Eilende<term type="begriffe" key="Warten, und Eilen"/><note xml:id="n19"> Anspielung auf <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.12">2.Petr. 3,12</ref>: «… dass ihr wartet und eilet zu der Zukunft des Tages des Herrn …» Die Wendung «warten und eilen» begegnet bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> häufig. Er assoziiert mit ihr die Quintessenz der eschatologischen Botschaft von <persName ref="kbga-actors-47">Chr. Blumhardt</persName> und gebraucht sie auch selber gern, um die christliche Haltung angesichts des Eschaton zu charakterisieren. 
Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1654"><hi rend="italic">Vergangenheit und Zukunft</hi> (1919), in: Neuer freier Aargauer, Jg. 14 (1919), Nr. 204 und 205</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-3572">Anfänge I, S. 37–49, dort S. 48f.</bibl>: «Das Einzigartige, wir sagen mit vollem Bedacht: das Prophetische in <persName ref="kbga-actors-47">Blumhardts</persName> Botschaft und Sendung lag darin, wie sich das Eilen und Warten, das Weltliche und das Göttliche, das Gegenwärtige und das Kommende in seinem Reden und Tun begegnete, vereinigte, ergänzte, immer wieder suchte und fand.»</note>. Weil er als der Herr über <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und den Römern steht, darum ist «Gott» im Römerbriefe<term type="begriffe" key="Römerbrief, ’Gott’ kein leeres Wort"/> kein leeres Wort.
</p>

<p><pb ed="pga" xml:id="p053" rend="noPipe"/> <pb ed="A" n="7"/> Von Jesus Christus <hi rend="italic">«Gnade und Apostelamt»</hi> des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>. Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> ist die unbegreifliche Tatsache, dass Gott an einem Menschen Wohlgefallen<term type="begriffe" key="Gott, Wohlgefallen"/> hat und dass ein Mensch sich in Gott freuen kann. Nur wenn sie als unbegreiflich erkannt wird, ist Gnade Gnade. Eben darum gibt es Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Auferstehung"/> nur im Widerschein<term type="begriffe" key="Widerschein"/> der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als heilsgeschichtliches Ereignis"/>, als Geschenk des Christus, der die Distanz<term type="begriffe" key="Distanz, zwischen Mensch und Gott"/> zwischen Gott und Mensch überbrückt, indem er sie aufreißt. Aber indem Gott den Menschen erkennt von weither und vom Menschen erkannt wird in seiner unerforschlichen Höhe, kommt der Mensch zu seinen Mitmenschen unvermeidlich<term type="begriffe" key="unvermeidlich"/> in das Verhältnis eines «Sendboten<term type="begriffe" key="Sendbote"/>». «Ein Zwang ist über mir. Wehe mir, wenn ich die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> <hi rend="italic">nicht</hi> verkündigte!» (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.9.16">1.Kor. 9,16</ref>). Nur um ein Mehr oder Minder kann es sich handeln bei dem Unterschied zwischen <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und andern Christen. Wo die Gnade des Christus ist, da nimmt der Mensch auch bei der größten Zurückhaltung und Skepsis<term type="begriffe" key="Skepsis"/> Teil an der Verkündigung<term type="begriffe" key="Verkündigung"/> der Wende<term type="begriffe" key="Wende"/> aller Zeiten und Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/>, der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als heilsgeschichtliches Ereignis"/>. Ihm ist das Dasein<term type="begriffe" key="Dasein"/> der Welt zur Frage<term type="begriffe" key="Frage"/> geworden, mit der er ringen, und das Dasein Gottes zur Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>, um die er ringen muss. Nicht um die Durchsetzung und Verbreitung seiner Überzeugung handelt es sich, sondern um die Bezeugung der Treue Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/><note xml:id="n20"> Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p022#p022">S. 22</ref>.</note>, der er in<note n="f" type="textcritical" xml:id="nf"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «im».</note> Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «im Christus»"/> begegnet und der er Gegentreue schuldig geworden ist, indem er sie erkannt hat. Solche Gegentreue eines Menschen, der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, Annahme der Gnade"/>, der die Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> annimmt, ist von selbst Aufforderung zum Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/>, die auch an andre Menschen sich richtet. Sie ruft, sie leuchtet, sie rüttelt auf, sie ist Mission<term type="begriffe" key="Mission"/>, und außer ihr gibt es keine andre Mission. Der Name dessen, in dem die zwei Welten sich begegnen und scheiden, muss zu Ehren gebracht werden. Gnade gibt Vollmacht, es zu tun, weil Gnade selber Gebrochenheit<term type="begriffe" key="Gnade, Gebrochenheit"/> ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.2">5,2</ref>).<term type="begriffe" key="Gnade"/></p>
<p>Der gleiche Gott, der den <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zum Apostel der Völker gemacht (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.1">1,1</ref>), hat auch die <hi rend="italic">römischen Christen</hi><term type="begriffe" key="römische Christen"/> in Beschlag genommen für sein nahe herbeigekommenes Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.17">Mt. 4,17</ref> par.]. Als die zur Heiligkeit<term type="begriffe" key="Heiligkeit"/> Berufenen gehören sie nicht mehr sich selbst und nicht mehr der alten vergehenden Welt, sondern dem, der sie berufen hat. Auch für sie ist der Menschensohn eingesetzt als Gottessohn<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Sohn Gottes"/> durch die Kraft der Auf<pb ed="pga" xml:id="p054" break="no"/>erstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/>. Auch sie sind jetzt und hier gefangen<term type="begriffe" key="Mensch, als Gefangener"/> in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Not und Hoffnung"/> der großen Not und Hoffnung, Ausgesonderte und Vereinzelte<term type="begriffe" key="Vereinzelung"/> für Gott auch sie in ihrer Weise. Auch ihre neue Voraussetzung ist «Gnade und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus». Möchte diese Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, Gnade und Friede"/> immer neu <hi rend="italic">geschehen!</hi> Möchte ihre Ruhe ihre Unruhe<term type="begriffe" key="Ruhe, und Unruhe"/> sein und ihre Unruhe ihre Ruhe! Das ist der Anfang und das Ende und der Inhalt des Römerbriefes<term type="begriffe" key="Römerbrief, Anfang/Ende und Inhalt des R."/>.</p> 
<div>
 <head> <hi rend="smallCaps">Persönliches</hi></head> 
 <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.8 Röm.1.15">1,8–15</ref></head>
    
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.8">V. 8</ref> Vor allem danke ich meinem Gott durch Jesus Christus, denn von eurem Glauben redet man in der ganzen Welt.</hi> Die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als geschichtlicher Vorfall"/> hat ihre Kraft bewiesen: auch in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> sind Christen. Sie sind es ohne persönliches Zutun des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>. Aber wer auch immer ihnen den Ruf des Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Ruf von"/> gebracht haben mag (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.6">1,6</ref>): sie <hi rend="italic">sind</hi> berufen. Grund genug zum Danken: Der Stein ist weggewälzt von des Grabes Türe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.16.4">Mk. 16,4</ref> par.], das Wort läuft, Jesus lebt, er ist auch in der Welthauptstadt. Die Christen weit und breit haben gelauscht bei der Nachricht (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.16.19">16,19</ref>). Ist’s auch nur ein Gleichnis<note xml:id="n21"> Vgl. den «Chorus Mysticus» in <bibl corresp="kbga-bibls-1624"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust II</hi>, V.12104f. (5. Akt, Bergschluchten)</bibl>: <q rend="block"><lg><l>Alles Vergängliche</l> <l>Ist nur ein Gleichnis [...].</l></lg></q> </note>, so ist’s doch ein Gleichnis<term type="begriffe" key="«Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis»"/>. Nicht für die Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/> oder andre menschlich<term type="begriffe" key="menschlich"/> anschauliche Vorzüge der römischen Christen<term type="begriffe" key="römische Christen"/> dankt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> seinem Gott, sondern einfach für ihr Dasein<term type="begriffe" key="Dasein"/> als Christen. Besondere Eigenschaften, besondere Taten sind weniger wichtig als die Tatsache, dass die Fahne aufgepflanzt, der Name des Herrn genannt und bekannt, das Reich Gottes<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> erwartet und verkündigt wird. Darin besteht ja der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, als Gegentreue"/>, die der Treue Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> begegnende Gegentreue des Menschen. Wo diese Tatsache sich findet, da ist die durch die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als heilsgeschichtliches Ereignis"/> Jesu eingeleitete Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> im Gang, da offenbart sich seine Einsetzung als Sohn Gottes<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Einsetzung als Sohn Gottes"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.4">1,4</ref>), da hat der Knecht<term type="begriffe" key="Knecht, Gottes"/> des Herrn Grund zum Danken. Und weil die Türen in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> dem Herrn offen sind, darum auch ihm, dem Knecht.</p> 
    <p><pb ed="pga" xml:id="p055" rend="noPipe"/><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.9 Röm.1.10">V. 9‒10</ref></hi> Ein mehr als zufälliger und äußerlicher Zusammenhang zwischen <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und den römischen Christen<term type="begriffe" key="römische Christen"/> besteht längst. <hi rend="bold">Denn der Gott, welchen ich verehre in meinem Geist dadurch,</hi>
    dass ich <hi rend="bold">die Heilsbotschaft seines Sohnes</hi>
    verkündige, <hi rend="bold">ist mein Zeuge, wie unablässig ich für euch einstehe in meiner Anbetung, nicht ohne das Verlangen, es möchte mir doch endlich einmal möglich werden, mit Gottes Willen zu euch zu kommen.</hi> Der Sendbote<term type="begriffe" key="Sendbote"/> gehört ihnen (er gehört aber vielen <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.14">1,14</ref>!), so gewiss er Gott gehört. Der Geist<term type="begriffe" key="Geist, des Begnadigten"/> des Begnadigten<term type="begriffe" key="Mensch, Begnadigter"/>, des Zeugen<term type="begriffe" key="Zeuge"/>, den der Eifer<term type="begriffe" key="Eifer"/> um die Ehre seines Herrn verzehrt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.5">1,5</ref> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.69.10">Ps. 69,10</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.2.17">Joh. 2,17</ref>]), kann den Geistern derer, die von derselben Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung"/> und Entdeckung bewegt sind, nicht ferne und fremd sein. Seine Anbetung ist Arbeit um ihretwillen so gut wie um seinetwillen. Betet er, so betet er für sie, so gut wie sie, wenn sie im Ringen nicht nachlassen, auch für ihn beten (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.15.30">15,30</ref>). Das Aufmerken auf die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> begründet Solidarität<term type="begriffe" key="Solidarität"/> auch unter denen, die sich nie sahen, deren Wege in dieser Welt sich nie berührten. Aus dieser Gemeinschaft in der Sache darf dann auch der Wunsch aufsteigen nach persönlicher Begegnung. Die sich in Gott kennen, <pb ed="A" n="9"/> möchten sich begreiflicherweise auch von Angesicht kennen lernen, wenn es sein darf. Aber darf es sein? Muss es sein? Nicht durchaus, mit dem Reiche Gottes<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> hat ja dieser Wunsch direkt nichts zu tun. Gottes Wille<term type="begriffe" key="Gott, Wille"/> muss vor allem geschehen, vielleicht dass dann die Erfüllung menschlicher Wünsche<term type="begriffe" key="menschlich"/> hinzugetan wird, vielleicht auch nicht. Was im Zusammenhang mit dem, was Gott will, sein soll, schickt sich dann auch. Unterdessen heißt es sich als die Unbekannten gegenseitig das Beste zutrauen und fernerhin den Willen Gottes zu erkennen suchen. Er wird erkannt in der aufrichtig zustande gekommenen Übereinstimmung zwischen der äußerlich und innerlich gegebenen Lage mit der den Christen ermöglichten Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> in das Rechte (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.2">12,2</ref>). Dieses Erkennen<term type="begriffe" key="Erkennen, des Augenblicks"/> des Augenblicks ist der einzige Weg, auf dem die Erfüllung menschlicher Wünsche<term type="begriffe" key="menschlich"/> denkbar ist.</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.11 Röm.1.12">V. 11‒12</ref> Ich sehne mich ja danach, euch zu sehen, weil ich euch etwas mitteilen möchte von der Gnade des Geistes zu eurer Bestärkung, oder besser: damit es in eurer Mitte zu einer gemeinsamen Tröstung komme durch den Glauben, dem ihr und ich beieinander begegnen werden.</hi> Jener Wunsch hat seinen Grund. Menschen, die sich auf Gottes Wegen begegnen, haben einander etwas <pb ed="pga" xml:id="p056"/> mitzuteilen. Es kann einer dem andern etwas sein, freilich nicht indem er ihm etwas sein <hi rend="italic">will</hi>, also gerade nicht etwa durch seinen innern Reichtum, nicht durch das, was er <hi rend="italic">ist</hi>, wohl aber durch das, was er <hi rend="italic">nicht ist</hi>, durch seine Armut, durch sein Seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/> und Hoffen, Warten und Eilen<term type="begriffe" key="Warten, und Eilen"/>, durch alles das in seinem Wesen, was auf ein anderes hinweist<term type="begriffe" key="Hinweis"/>, das <hi rend="italic">über</hi> seinen Horizont und <hi rend="italic">über</hi> seine Kraft geht. Ein Apostel<term type="begriffe" key="Apostel/Apostelamt"/> ist nicht ein positiver, sondern ein negativer Mensch, ein Mensch, an dem ein solcher Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/> sichtbar wird. Damit <hi rend="italic">ist</hi> er andern etwas, damit teilt er ihnen Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> mit, damit bestärkt er sie in der Aufmerksamkeit<term type="begriffe" key="Aufmerksamkeit"/>, im Harren<term type="begriffe" key="Harren"/>, in der Anbetung<term type="begriffe" key="Anbetung"/>. Der Geist gibt Gnade<term type="begriffe" key="Gnade, Geist"/> durch ihn, gerade weil ihm nichts daran liegt, selbst positiv zur Geltung zu kommen. Und dabei wird der Mitteilende von selbst zum Empfangenden, je mehr er mitteilt, der Empfangende zum Mitteilenden, je mehr er empfängt. Vernünftigerweise fragt man sich unter Christen nicht: Kommt’s von dir oder von mir? Denn es kommt weder von dir noch von mir, <anchor type="note" xml:id="fn-g"/>wir beide sind nichts und haben nichts<note n="g" target="fn-g" type="textcritical" xml:id="ng"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «wir sind und haben beide nichts». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar. Diese oben in den Text übernommene Korrektur ist im <ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>) unrichtig ausgeführt worden: «wir beide sind und haben nichts».</note>. Genug, <hi rend="italic">dass es da ist</hi>, über uns, hinter uns, jenseits von uns<note n="h" type="textcritical" xml:id="nh"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «jenseits uns».</note>: das, was beide, den Überlegenen und den Anfänger, tröstet<term type="begriffe" key="Trost"/> in ihrer menschlichen, äußerlichen <hi rend="italic">und</hi> innerlichen Gebrechlichkeit und Anfechtung<term type="begriffe" key="menschlich"/>, der <hi rend="italic">Glaube</hi><term type="begriffe" key="Glaubensinhalt"/>, nämlich die Glaubens<hi rend="italic">botschaft</hi>, der Glaubens<hi rend="italic">inhalt</hi>, die Treue Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/>. Das Verlangen nach solch gemeinsamem Anklopfen an den Türen des Himmelreichs, nach solch gemeinsamer Bewegung<term type="begriffe" key="Bewegung, des Menschen durch Gott"/> durch den Geist<term type="begriffe" key="Geist"/> <pb ed="A" n="10"/> darf sich wohl in uns regen, so gewiss Gemeinsamkeit an sich etwas Leeres und Unwichtiges ist.</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.13">V. 13</ref> Ihr sollt aber wissen, Brüder, dass ich mir schon oft vorgenommen hatte, zu euch zu kommen – wurde aber daran bis jetzt verhindert –, um auch in eurer Mitte, wie</hi>
    ich es <hi rend="bold">auch unter den übrigen Heiden</hi>
    getan, <hi rend="bold">Ernte zu halten.</hi> Der Wunsch des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, nach <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> zu reisen, der offenbar einem Wunsch der römischen Christen<term type="begriffe" key="römische Christen"/> entgegenkommt, war schon öfters sein Vorsatz. Aber noch ist an zu vielen Orten der Anfang, den Rom hat, noch nicht gemacht. Da führte ihn sein Lebenswerk, die Sämannsarbeit auf jungfräulicher Erde (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.15.20 Röm.15.22">15,20–22</ref>) immer wieder andre Wege. Es blieb aber die Sehn<pb ed="pga" xml:id="p057" break="no"/>sucht und die Absicht, auch dort zu ernten, wo <hi rend="italic">er nicht</hi> gesät<term type="begriffe" key="Ernte, Saat und Ernte"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.24">Mt. 25,24</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.26">26</ref> par.], auch dort zu arbeiten, wo andre vorgearbeitet. Mit dem Willen Gottes (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.10">1,10</ref>) konnte es bis jetzt <hi rend="italic">nicht</hi> geschehen.</p>
    <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.14 Röm.1.15">V. 14‒15</ref> Griechen und Barbaren, Gebildeten und Einfältigen bin ich</hi>
    ja mich selbst <hi rend="bold">schuldig und so ist es ganz mein Wunsch, auch euch in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> die Heilsbotschaft zu verkündigen.</hi> <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> ist in Pflicht genommen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.1">1,1</ref>), das bedeutet eine Schranke<term type="begriffe" key="Schranke"/> seiner persönlichen Wünsche, aber auch eine Möglichkeit ihrer Erfüllung. Landesgrenzen und Kulturschranken werden ihn sicher nicht zurückhalten, und wenn es denn sein soll, wird er auf dem Geistes- und Religionsjahrmarkt<term type="begriffe" key="Jahrmarkt, des Geistes und der Religion"/> in<note n="i" type="textcritical" xml:id="ni"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «zu».</note> <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName><term type="begriffe" key="Rom"/> ebenso ungescheut seines Amtes walten wie unter den Albernen von <placeName ref="kbga-places-1330">Ikonium</placeName> und <placeName ref="kbga-places-1331">Lystra</placeName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.14.1 Act.14.20">Act. 14,1–20</ref>]. Letztlich kann ja auch der Grundsatz, nur da zu reden, wo die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> <hi rend="italic">noch nicht</hi> gehört ist, kein Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, der Meder und Perser"/> der Meder und Perser [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Dan.6.9">Dan. 6,9</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Dan.6.16">16</ref>] sein; denn wer könnte letztlich sagen, dass er die Heilsbotschaft <hi rend="italic">schon</hi> gehört hat?! Auch die christlichen Römer gehören zu dem Völkerheer, dem er sich selbst als Gottgeweihter schuldig weiß. Er wird auch ihnen das Alte als das Neue sagen. Das Bekannte ist ja in diesem Fall immer und für alle das Nicht-Bekannte, dessen man sich zu «erinnern» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.15.15">15,15</ref>) nie genug tun kann. Vorläufig mag der Versuch gemacht sein, durch ein schriftliches Wort jene Gemeinsamkeit des Anklopfens und der Bewegung<term type="begriffe" key="Bewegung, des Menschen durch Gott"/> herzustellen.</p> </div> 
    <div>
    <pb ed="pga" xml:id="p058"/>
    <head><hi rend="smallCaps">Die Sache</hi></head> 
    <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16 Röm.1.17">1,16–17</ref></head>
    
    <p><hi rend="bold">Denn ich schäme mich der Heilsbotschaft nicht. Ist sie doch die Kraft Gottes zur Errettung für jeden, der glaubt, für den Juden zuerst und auch für den Griechen. Denn die Gerechtigkeit Gottes enthüllt sich in ihr: aus Treue dem Glauben, wie geschrieben steht: Der Gerechte wird leben aus</hi>
    meiner <hi rend="bold">Treue.</hi> </p>
    <p> «Ich <hi rend="italic">schäme mich nicht</hi>.» Die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> braucht den <pb ed="A" n="11"/> Streit der Weltreligionen<term type="begriffe" key="Religion, Weltreligion"/> und Weltanschauungen<term type="begriffe" key="Weltanschauung"/> weder aufzusuchen noch zu fliehen. Sie steht, als Botschaft von der Begrenzung<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> der bekannten Welt durch eine andere, unbekannte, außer Wettbewerb mit all den Versuchen, innerhalb der bekannten Welt verhältnismäßig unbekannte höhere Daseinskreise<term type="begriffe" key="Dasein"/> auch noch zu entdecken und zugänglich zu machen. Sie ist nicht eine Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> neben andern, sie stellt alle Wahrheiten in Frage<term type="begriffe" key="Infragestellung"/>. Sie ist Angel, nicht Türe. Wer sie versteht, der ist, indem er in dem Streit ums Ganze, um die Existenz<term type="begriffe" key="Existenz"/> versetzt wird, befreit von allem Streit. Apologetik<term type="begriffe" key="Apologetik"/>, Sorge um den Sieg der Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/>, gibt es nicht. Sie ist als Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung"/> und Begründung<term type="begriffe" key="Begründung"/> alles Gegebenen<term type="begriffe" key="Gegebene"/> der Sieg, der die Welt überwindet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.5.4">1.Joh. 5,4</ref>]. Sie braucht nicht vertreten und getragen zu werden, sie vertritt und trägt die, die sie hören und verkündigen. Um ihretwillen ist das Kommen des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> in das von allen Geistern bewegte Rom nicht notwendig, so gewiss er um ihretwillen getrost und ohne Scham kommen kann und kommen wird. Wir wären <hi rend="italic">Gott</hi> entbehrlich, Gott müsste sich <hi rend="italic">unser</hi> schämen, wenn er nicht Gott wäre – jedenfalls nicht umgekehrt.</p>
    <p>Die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als heilsgeschichtliches Ereignis"/> ist <hi rend="italic">«Kraft Gottes»</hi>. Sie ist seine «<foreign xml:lang="lat">virtus</foreign>» (Vulgata), die Enthüllung und Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> seiner Bedeutung, seine betätigte Vorzüglichkeit vor allen Göttern. Sie ist die Handlung, das Wunder aller Wunder, in dem Gott sich bekannt gibt als der, der er ist, nämlich als der unbekannte Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, der in einem Lichte wohnt, da niemand zukann<term type="begriffe" key="Licht, da niemand zu kann"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.6.16">1.Tim. 6,16</ref>], der Heilige, der Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer und Erlöser"/> und Erlöser. «Was ihr unwissend verehrt habt, das verkündige ich euch!» (<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.23">Act. 17,23</ref>). Alle Göttlichkeiten<term type="begriffe" key="Göttlichkeit"/>, die diesseits der durch die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, diesseits der A."/> gezogenen Linie bleiben, die in Tempeln wohnen, welche von Händen gemacht sind, und die von Menschenhänden bedient werden, alle Göttlichkeiten, die «jemandes bedürfen», nämlich des <pb ed="pga" xml:id="p059"/> Menschen, der sie zu kennen meint (<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.24 Act.17.25">Act. 17,24–25</ref>), sind nicht Gott. Gott ist der unbekannte Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>. <hi rend="italic">Als solcher</hi> gibt er allen Leben und Odem und alles [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.25">Act. 17,25b</ref>]. Und so ist seine Kraft weder eine Naturkraft noch eine Seelenkraft, noch irgend eine von den höheren und höchsten Kräften, von denen wir wissen oder möglicherweise wissen könnten, weder ihre oberste, noch ihre Summe, noch ihr Born, sondern die Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, aller Kräfte"/> aller Kräfte, das ganz andere<term type="begriffe" key="Gott, der ganz andere"/>, an dem gemessen sie etwas sind und nichts, nichts und etwas, ihr erstes Bewegendes<term type="begriffe" key="Bewegung, des Menschen durch Gott"/> und ihre letzte Ruhe, ihr sie alle aufhebender Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/> und ihr sie alle begründendes Ziel<term type="begriffe" key="Ziel"/>. Rein und überlegen steht die Kraft Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/> nicht neben und nicht («<foreign xml:lang="lat">supranatural</foreign>») über, sondern jenseits aller bedingt-bedingenden Kräfte, nicht mit ihnen zu verwechseln, nicht an sie anzureihen, nur <pb ed="A" n="12"/> mit äußerster Vorsicht mit ihnen zu vergleichen. Die Kraft Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/>, die Einsetzung Jesu zum Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Einsetzung als Sohn Gottes"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.4">1,4</ref>) ist im strengsten Sinn <hi rend="italic">Voraus-</hi>Setzung, frei von allem greifbaren Inhalt. Sie geschieht im Geiste und will im Geiste<term type="begriffe" key="Geist, Erkenntnis im"/> erkannt sein. Sie ist selbstgenugsam, unbedingt und in sich wahr. Sie ist das schlechthin Neue, das in der Besinnung<term type="begriffe" key="Besinnung"/> des Menschen auf Gott der entscheidende, der wendende<term type="begriffe" key="Wende"/> Faktor wird. Eben um das Aussprechen und Vernehmen dieser Botschaft handelt es sich zwischen <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und seinen Hörern und Lesern. Auf diese Botschaft bezieht sich alle Lehre, alle Moral<term type="begriffe" key="Moral"/>, aller Kultus<term type="begriffe" key="Kultus"/> der Christusgemeinde, sofern das alles nur Einschlagstrichter<term type="begriffe" key="Einschlagstrichter"/> ist, nur Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/> sein will, in dem die Botschaft sich selbst darstellt. Die Christusgemeinde kennt keine an sich heiligen Worte, Werke und Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/>, sie kennt nur Worte, Werke und Dinge, die als Negationen<term type="begriffe" key="Negation"/> auf den Heiligen hinweisen<term type="begriffe" key="Hinweis"/>. Es bezöge sich alles «christliche» Wesen <hi rend="italic">nicht</hi> auf die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/>, es wäre menschliches Beiwerk<term type="begriffe" key="menschlich"/>, gefährlicher religiöser Rest<term type="begriffe" key="religiös"/>, bedauerliches Missverständnis, sofern es allenfalls statt Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/> Inhalt, statt konkav konvex, statt negativ positiv, statt Ausdruck des Entbehrens und der Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> Ausdruck eines Habens und Seins sein wollte. Wollte es <hi rend="italic">das</hi>, würde es aus Christus-tum<term type="begriffe" key="Christus−tum"/> zum
    Christen-tum<term type="begriffe" key="Christentum"/>, zu einem Friedensschluss oder auch nur zu einem <foreign xml:lang="lat">modus vivendi</foreign><term type="begriffe" key="modus vivendi"/> mit der diesseits der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, diesseits der A."/> in sich selbst schwingenden Weltwirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, Welt-"/>, so hätte es mit der Kraft Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/> nichts mehr zu tun.<note xml:id="n22"> Vgl. dazu die Charakterisierung der Kirche, wie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sie in der Gestalt <persName ref="kbga-actors-706">Fr. Naumanns</persName> verkörpert sah, in<bibl corresp="kbga-bibls-1654"> <hi rend="italic">Vergangenheit und Zukunft</hi> (1919), in: Neuer freier Aargauer, Jg. 14 (1919), Nr. 204 und 205</bibl> = <bibl corresp="kbga-bibls-3572">Anfänge I, S. 37–49, dort S. 38f.</bibl>: Es ist «<hi rend="italic">die</hi> Kirche, 
    der das Verhältnis der Welt zum Göttlichen eine zum vorneherein feststehende, geordnete und sich selbst gleich bleibende Beziehung ist, die bloß der religiösen Erklärung und Verklärung bedarf. Gott ist, wie er ist, und die Welt ist, wie sie ist, und dem Menschen bleibt neben seinen nächsten Pflichten und Sorgen nichts übrig, als – ‹Religion› zu haben».</note> Das sog. Evangelium<term type="begriffe" key="Evangelium"/> stünde in diesem Fall durchaus nicht <pb ed="pga" xml:id="p060"/> außer Wettbewerb, sondern im schwersten Gedränge zwischen den andern<note n="j" type="textcritical" xml:id="nj"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «den – andern».</note> Welt-Religionen<term type="begriffe" key="Religion, Weltreligion"/> und Welt-Anschauungen<term type="begriffe" key="Weltanschauung"/>. Denn auf die Befriedigung religiöser Bedürfnisse, auf die Herstellung wirksamer Illusionen<term type="begriffe" key="Illusion"/> über unser Wissen von Gott und besonders über unser Leben mit ihm versteht sich die Welt sicher besser als ein sich selbst missverstehendes Christentum<term type="begriffe" key="Christentum"/><note n="k" type="textcritical" xml:id="nk"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «Christen-tum».</note>. Es wäre dann aller Anlass da, sich des «Evangeliums» zu schämen. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> aber meint die Kraft des <hi rend="italic">unbekannten</hi> Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Kraft / Gott, unbekannter"/>: «Was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, was in keines Menschen Herz gekommen ist» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.9">1.Kor. 2,9</ref>]. Darum schämt <hi rend="italic">er</hi> sich des Evangeliums <hi rend="italic">nicht</hi>.<term type="begriffe" key="Evangelium"/></p>
    <p>Die Kraft Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/> ist Kraft <hi rend="italic">«zur Errettung»</hi><term type="begriffe" key="Errettung"/>. Der Mensch befindet sich in dieser Welt im Gefängnis. Tiefere Besinnung<term type="begriffe" key="Besinnung"/> wird sich über die Beschränktheit<term type="begriffe" key="Beschränktheit"/> der Möglichkeiten, die uns jetzt und hier zur Verfügung stehen, keiner Unklarheit hingeben. Wir sind aber Gott ferner, unser Abfall<term type="begriffe" key="Abfall, des Menschen von Gott"/> von ihm ist größer (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">1,18</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12">5,12</ref>) und die Konsequenzen sind immer noch weitgehender (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.24">1,24</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12">5,12</ref>), als wir uns träumen lassen. Der Mensch ist sein eigener Herr<term type="begriffe" key="Mensch, als eigener Herr"/>. Seine Einheit<term type="begriffe" key="Einheit, mit Gott"/> mit Gott ist in einer Weise zerrissen, die uns die Wiederherstellung nicht einmal mehr vorstellbar werden lässt. Seine Geschöpflichkeit<term type="begriffe" key="Geschöpflichkeit"/> <pb ed="A" n="13"/> ist seine Fessel. Seine Sünde<term type="begriffe" key="Sünde, als Schuld"/> ist seine Schuld<term type="begriffe" key="Schuld, und Schicksal"/>. Sein Tod<term type="begriffe" key="Tod"/> ist sein Schicksal. Seine Welt ist ein gestaltlos auf- und abwogendes Chaos<term type="begriffe" key="Chaos"/> von natürlichen, seelischen und einigen andern Kräften. Sein Leben ist ein Schein. Das ist unsre Lage. «Gibt es einen Gott?» Eine sehr wohl aufzuwerfende Frage<term type="begriffe" key="Frage"/>! Diese Welt in ihrer Einheit<term type="begriffe" key="Einheit, mit Gott"/> mit Gott begreifen zu wollen, ist entweder sträflicher religiöser Übermut<term type="begriffe" key="Übermut, religiöser"/> oder letzte Einsicht in das, was jenseits von Geburt und Tod<term type="begriffe" key="Tod, Geburt und T."/> wahr ist, Einsicht<term type="begriffe" key="Einsicht"/> von Gott aus. Der religiöse Übermut<term type="begriffe" key="Übermut, religiöser"/> muss verschwinden, wenn die Einsicht von Gott aus Platz greifen soll. Solange falsche Münzen umlaufen, sind auch die echten <pb ed="pga" xml:id="p061"/> verdächtig. Die Heilsbotschaft bietet die Möglichkeit letzter Einsicht. Aber zu ihrer Verwirklichung muss sie alle vorletzten<term type="begriffe" key="Vorletzte"/> Einsichten<term type="begriffe" key="Einsicht"/> außer Kurs setzen. Sie redet von Gott, wie er ist, sie meint ihn selbst, ihn allein. Sie redet von <hi rend="italic">dem</hi> Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer und Erlöser"/>, der unser Erlöser wird, und von <hi rend="italic">dem</hi> Erlöser, der unser Schöpfer ist. Sie ist im Begriff, uns ganz und gar umzukehren. Sie kündigt uns Verwandlung unsrer Geschöpflichkeit<term type="begriffe" key="Geschöpflichkeit"/> in Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/> an, Vergebung unsrer Sünden<term type="begriffe" key="Vergebung"/>, Sieg<term type="begriffe" key="Sieg, des Lebens"/> des Lebens über den Tod<term type="begriffe" key="Tod"/>, Wiederbringung<term type="begriffe" key="Wiederbringung"/> alles dessen, was verloren ist. Sie ist der Alarmruf und das Feuerzeichen einer kommenden neuen Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/>. Was heißt das alles? Wir können es jetzt und hier, gebunden an das Dies und Das, nicht wissen. Wir können es nur vernehmen, und die Besinnung<term type="begriffe" key="Besinnung"/> auf Gott, die durch die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> geschaffen wird, vernimmt es. Die Welt hört nicht auf, Welt zu sein, und der Mensch bleibt Mensch, indem er es vernimmt. Ihm bleibt zu tragen die <hi rend="italic">ganze</hi> Last der Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/> und der <hi rend="italic">ganze</hi> Fluch<term type="begriffe" key="Fluch"/> des Todes<term type="begriffe" key="Tod"/>. Keine Selbsttäuschungen über den Tatbestand unsres Da-Seins und So-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen"/>! Die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als heilsgeschichtliches Ereignis"/>, die unser Ausgang ist, ist auch unsre Schranke. Aber die Schranke<term type="begriffe" key="Schranke, und Ausgang"/> ist auch der Ausgang. Das Nein<note n="l" type="textcritical" xml:id="nl"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «Nein!».</note>, das uns entgegentritt, ist das Nein Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>. Was uns fehlt, ist auch das, was uns hilft. Was uns
    begrenzt<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/>, das ist neues Land. Was alle Weltwahrheit aufhebt<term type="begriffe" key="Aufhebung, aller Weltwahrheit"/>, das ist auch ihre Begründung. Gerade weil Gottes Nein! ganz ist, ist es auch sein Ja! <term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> So haben wir in der Kraft Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/> den Ausblick, das Tor, die Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>. Und damit die Richtung des schmalen Wegs auch in dieser Welt, die Möglichkeit, immer den nächsten kleinsten Schritt in «getroster Verzweiflung<term type="begriffe" key="Verzweiflung"/>» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>)<note xml:id="n23"> Vgl. <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, Brief an <persName ref="kbga-actors-2507">Georg Spenlein</persName>, Augustiner in Memmingen, vom <date when="1516-04-08">8.4.1516</date>,<bibl corresp="kbga-bibls-19"> WA.B 1, 36,33f.</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Igitur non nisi in illo [scil. Christo], per fiducialem desperationem tui et operum tuorum, pacem invenies</foreign>». Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-1975">WA 39/I, 430,7-9</bibl>.</note> zu gehen. Der Gefangene<term type="begriffe" key="Mensch, als Gefangener"/> wird zum Wächter<term type="begriffe" key="Mensch, als Wächter"/>, der, auf seinen Posten gebannt wie jener in seine Zelle, dem grauenden Tag entgegensieht. «Hier stehe ich auf meiner Wache und trete auf den Wall, um auszuspähen, damit ich erfahre, was er mir sage und was er mir auf meine Klage antworten wird. Da antwortete mir der Herr und sprach: Schreibe die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, schriftliche"/> auf und bringe sie auf eine Tafel, damit man sie deutlich lesen könne. Noch wartet die <pb ed="A" n="14"/> Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarungszeit"/> <pb ed="pga" xml:id="p062"/> auf ihre Zeit, aber sie drängt dem Ende entgegen und wird nicht trügen. Wenn sie verzieht, so harre ihrer, denn sie bewährt sich gewiss und bleibt nicht aus» (<ref type="can" subtype="bible" target="Hab.2.1 Hab.2.3">Hab. 2,1–3</ref>).</p>
    <p>Die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> fordert <hi rend="italic">«Glauben»</hi><term type="begriffe" key="Glaube"/>. Nur für den Glaubenden ist sie «Kraft Gottes zur Errettung»<term type="begriffe" key="Gott, Kraft / Errettung"/>. Ihre Wahrheit ist also nicht direkt mitzuteilen und nicht direkt einzusehen. «Nach dem <hi rend="italic">Geiste</hi>» ist Christus eingesetzt zum Sohn Gottes<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Sohn Gottes"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.4">1,4</ref>). «Geist<term type="begriffe" key="Geist, keine direkte Unmittelbarkeit"/> ist Leugnung der direkten Unmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/>. Ist Christus wahrer Gott<term type="begriffe" key="Gott, wahrer G."/>, so muß er in Unkenntlichkeit<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Unkenntlichkeit"/> sein. Die direkte Kenntlichkeit ist gerade für die Götzen<term type="begriffe" key="Götze"/> charakteristisch» (<persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>).<note xml:id="n24"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1052"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Einübung, S. 122</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 12, S. 139</bibl>): « […] in Unkenntlichkeit sein, in Unkenntlichkeit gehüllt, die Leugnung aller Direktheit ist. Die direkte Kenntlichkeit ist gerade für den Götzen charakteristisch.»</note> Kraft Gottes zur Errettung<term type="begriffe" key="Gott, Kraft / Errettung"/> ist etwas so Neues, so Unerhörtes und Unerwartetes in dieser Welt, dass es in ihr nur als Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> auftreten, vernommen und angenommen werden kann. Die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> erklärt sich nicht und empfiehlt sich nicht, sie bittet nicht und unterhandelt nicht, sie droht nicht und verspricht nicht. Sie verweigert sich selbst überall da, wo sie nicht um ihrer selbst willen Gehör findet. «Der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, an Unsichtbares"/> richtet sich auf die unsichtbaren Dinge. Damit also Gelegenheit für den Glauben ist, muß alles, was geglaubt wird, verborgen sein. Es wird aber am tiefsten verborgen, wenn es dem Augenschein, den Sinnen und der Erfahrung<term type="begriffe" key="Erfahrung"/> gerade entgegengesetzt ist. Wenn Gott also lebendig macht, so tut er es, indem er tötet; wenn er rechtfertigt, so tut er es, indem er uns schuldig macht; 
    wenn er uns in den Himmel führt, so tut er es, indem er uns zur Hölle<term type="begriffe" key="Hölle"/> führt» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n25"> <bibl corresp="kbga-bibls-1326"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">De servo arbitrio</hi> (1525), WA 18, 633,7-11</bibl>: 
    «<foreign xml:lang="lat">Altera est, quod fides est rerum non apparentium. Ut ergo fidei locus sit, opus est, ut omnia quae creduntur, abscondantur. Non autem remotius absconduntur, quam sub contrario obiectu, sensu, experientia. Sic Deus dum vivificat, facit illud occidendo; dum iustificat, facit illud reos faciendo; dum in coelum vehit, facit id ad infernum ducendo</foreign>».</note> Die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> ist nur <hi rend="italic">glaub</hi>würdig, 
    sie kann überhaupt nur <hi rend="italic">geglaubt</hi> werden<term type="begriffe" key="Glaube"/>. Darin besteht ihr Ernst, dass sie sich zur <hi rend="italic">Wahl</hi> stellt: dem, der dem Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> und dem Verharren<term type="begriffe" key="Verharren"/> im Widerspruch nicht gewachsen ist, zum Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, und Glaube"/> – dem, der der Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> des Widerspruchs<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> nicht ausweichen kann, zum ­Glauben. Das ist der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, als Respekt"/>: 
    der Respekt<term type="begriffe" key="Respekt"/> vor dem göttlichen Inko<pb ed="pga" xml:id="p063" break="no"/>gnito<term type="begriffe" key="Inkognito, göttliches"/><note xml:id="n26"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1052"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Einübung</bibl>, S. 118 (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 12, S. 135f.</bibl>): «Und nun der Gottmensch! Er ist Gott, aber wählt dieser einzelne Mensch zu werden. Dies ist wie gesagt das tiefste Inkognito oder die undurchdringlichste Unkenntlichkeit, die möglich ist; denn der Widerspruch zwischen Gottsein und ein einzelner Mensch sein, ist der größtmögliche, der unendlich qualitative. Es ist aber sein Wille, sein freier Beschluß, und darum ein allmächtig festgehaltenes Inkognito.»</note>, die Liebe zu Gott<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> im Bewusstsein des qualitativen Unterschieds von Gott und
    Mensch<term type="begriffe" key="«qualitativer Unterschied zwischen Gott und Mensch»"/><note xml:id="n27"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1052"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName>, Einübung, S. 126</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 12, S. 143</bibl>), s. unten <ref type="pub" target="../volume/47/p138#p138">S. 138</ref>.</note>, Gott und Welt, die Bejahung<term type="begriffe" key="Bejahung"/> der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als heilsgeschichtliches Ereignis"/> als Welten<hi rend="italic">wende</hi><term type="begriffe" key="Wende"/>, also die Bejahung<term type="begriffe" key="Bejahung"/> des göttlichen Nein!<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> im Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «im Christus»"/>, das erschütterte Haltmachen vor Gott. Wer die Begrenzung<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> der Welt durch eine widersprechende<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> Wahrheit, die Begrenzung seiner selbst durch einen widersprechenden Willen erkennt, wem es schwer wird, wider den Stachel zu löcken [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.26.14">Act. 26,14</ref>], weil er zu viel weiß von diesem Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/>, als dass er ihm entrinnen könnte, sondern sich damit abfinden muss, damit zu leben (<persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>)<note xml:id="n28"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>, Christentum und Kultur, S. 293</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 332</bibl>): «Gewiß, wir wissen zu viel, <hi rend="italic">zu viel</hi> insbesondere von Dingen, von denen wir nichts wissen können, von letzten Dingen, vom Tod.» - <bibl corresp="kbga-bibls-1340">S. 300</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 338f.</bibl>): «Wir haben vielleicht zu tief in den Grund der Dinge geblickt, sind darum zu einem Moment des Menschenlebens gelangt, in dem wir zu viel von allen Dingen wissen, auch von den verborgensten und unzugänglichsten, wie vor allem von uns selbst und unserem Ende, dem Tod. Von diesem Wissen ist uns nicht zu helfen und wir haben damit zu leben.» In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar sind beide Passagen unterstrichen. Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-3519"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, Unerledigte Anfragen, S. 5f.</bibl></note>, wer sich also schließlich bekennt zu diesem Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> und sich unterwindet, sein Leben darauf zu gründen, der glaubt<term type="begriffe" key="Glaube"/>. Wer Gott vertraut, Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/> und Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/>, d. h. wer die Treue Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> darin erkennt, dass wir in den Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> zum Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, der Welt"/> dieser Welt versetzt sind, wer diese <pb ed="A" n="15"/> Treue mit Gegentreue erwidert, wer mit Gott Dennoch! sagt und Trotzdem!, der glaubt. Und der Glaubende findet in der Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> die Kraft Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/> zur Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/>, die vorlaufenden Strahlen der ewigen Seligkeit<term type="begriffe" key="Seligkeit"/> und den Mut, sich auf Wache zu stellen. Aber freie Wahl zwischen Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, und Glaube"/> und Glaube ist dieses Finden ganz und gar und in jedem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, des Findens der Kraft Gottes"/>. Und es sind, wo es zum Glauben kommt, die Wärme der Empfindung, die Wucht der Überzeugtheit, die erreichte Stufe<term type="begriffe" key="Stufe"/> von Gesinnung<term type="begriffe" key="Gesinnung"/> und Gesittung immer nur begleitende, diesseitige und darum an sich unwichtige Merk<pb ed="pga" xml:id="p064" break="no"/>male des eigentlichen Vorgangs. Merkmale des <hi rend="italic">Glaubens</hi>vorgangs<term type="begriffe" key="Glaubensvorgang"/> werden auch sie nicht als positive Größen, sondern als Negationen<term type="begriffe" key="Negation"/> anderer positiven Größen, als Etappen einer Aufräumungsarbeit, durch die im «Diesseits» der Platz frei werden soll für das «Jenseits»<term type="begriffe" key="Diesseits, und Jenseits"/>. Eben darum ist der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, nicht identisch mit Frömmigkeit"/> niemals identisch mit der «Frömmigkeit» <term type="begriffe" key="Frömmigkeit, reinste und feinste"/> und wenn sie die reinste und feinste wäre. Und sofern «Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, und Glaube"/>» ein Merkmal des Glaubensvorgangs <hi rend="italic">ist</hi>, ist sie es als
    Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, von Weltgegebenheiten"/> anderer Weltgegebenheiten<term type="begriffe" key="Gegebenheit"/> – vor allem aber offenbar als ihre eigene Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Frömmigkeit"/>. Der Glaube lebt aus sich selber, weil er aus Gott lebt. Das ist das «Centrum Paulinum» (<persName ref="kbga-actors-38">Bengel</persName>).<note xml:id="n29"> <bibl corresp="kbga-bibls-3520"><persName ref="kbga-actors-38">Bengel</persName>, Bd. II, S. 42</bibl> (zu <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.18">Röm. 6,18</ref>, im Rückblick auf <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.22">Röm. 3,22</ref>): «Centrum Paulinum, <hi rend="italic">FIDES</hi>».</note></p>
    <p>Glauben <hi rend="italic">soll</hi> und glauben <hi rend="italic">kann</hi> jedermann<term type="begriffe" key="Glaube"/>. Wahlberechtigt gegenüber der Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> ist <hi rend="italic">«der Jude und der Grieche»</hi><term type="begriffe" key="Jude / Grieche"/>. Sie stellt ja das Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, der Welt"/> der <hi rend="italic">Welt</hi> in Frage<term type="begriffe" key="Infragestellung"/> und ist damit unmittelbar an <hi rend="italic">jeden</hi> Menschen gerichtet. So gewiss die tiefe Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, des Daseins/Lebens"/> unsres Lebens eine allgemein menschliche<term type="begriffe" key="menschlich"/> Angelegenheit ist, so gewiss auch der göttliche Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> im Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «im Christus»"/>, in der sie dem Menschen zum Bewusstsein kommen will. Mag der «Jude»<term type="begriffe" key="Jude"/>, der religiös-kirchliche<term type="begriffe" key="religiös, -kirchlich"/> Mensch <hi rend="italic">«zuerst»</hi> zur Wahl aufgerufen sein, weil er von Haus aus an jenem Rand<term type="begriffe" key="Rand"/> dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> steht, wo die Schnittlinie<term type="begriffe" key="Schnittlinie"/> der Ebene<term type="begriffe" key="Ebene"/> neuer Dimension (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.4">1,4</ref>) eigentlich gesehen werden <hi rend="italic">müsste</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.17 Röm.2.20">2,17–20</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.1 Röm.3.2">3,1–2</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.4 Röm.9.5">9,4–5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.14 Röm.10.15">10,14–15</ref>), so begründet doch dieser Vorsprung keinen Vorrang. Die Frage<term type="begriffe" key="Frage"/>: «religiös oder nicht religiös?» ist grundsätzlich keine Frage mehr, um von «kirchlich<term type="begriffe" key="kirchlich"/> oder weltlich?» gar nicht zu reden<term type="begriffe" key="religiös"/>. Die Möglichkeit, die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> zu hören, ist gleich allgemein wie die Verantwortlichkeit<term type="begriffe" key="Verantwortlichkeit"/> dafür, dass sie gehört wird, und wie die Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/>, die denen gegeben ist, die sie hören.</p>
    <p>Denn was sich in ihr enthüllt, ist das große, allgemeine, jeden Menschen auf jeder Stufe<term type="begriffe" key="Stufe"/> belastende Geheimnis der <hi rend="italic">«Gerechtigkeit Gottes».</hi><term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Die in der ganzen Welt, unter Juden<term type="begriffe" key="Jude"/> und Griechen<term type="begriffe" key="Grieche"/>, höchst fragliche Übereinstimmung Gottes mit sich selbst kommt im Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «im Christus»"/> ans Licht und zu Ehren. Was der Mensch diesseits der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, diesseits der A."/> Gott nennt, das ist in charakteristischer Weise Nicht-<pb ed="A" n="16"/>Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>. Gott – der seine Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/> <hi rend="italic">nicht</hi> erlöst, Gott – der der Ungerechtigkeit<term type="begriffe" key="Ungerechtigkeit, des Menschen"/> der Menschen den Lauf lässt, Gott – der sich <hi rend="italic">nicht</hi> als Gott zu uns bekennt, <pb ed="pga" xml:id="p065"/> Gott als höchste Bejahung<term type="begriffe" key="Bejahung"/> des Da-Seins und So-Seins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, der Welt"/> der Welt und der<note n="m" type="textcritical" xml:id="nm"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «des».</note> Menschen<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen"/>, das ist das Unerträgliche, das ist Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>, trotz der höchsten Attribute, mit denen wir es im höchsten Affekt schmü­­cken. Der Schrei des Empörers gegen diesen Gott kommt der Wahrheit<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/> näher als die Künste derer, die ihn rechtfertigen wollen. Nur in Ermangelung eines Bessern, in Ermangelung des Mutes der Verzweiflung<term type="begriffe" key="Verzweiflung"/> wird der ausgesprochene Atheismus<term type="begriffe" key="Atheismus"/> diesseits der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, diesseits der A."/> im allgemeinen vermieden. Im Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «im Christus»"/> aber redet Gott, wie er ist, und straft den Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/> dieser Welt Lügen. Er bejaht<term type="begriffe" key="Bejahung"/> sich selbst, indem er uns, wie wir sind, und die Welt<term type="begriffe" key="Welt"/>, wie sie ist, verneint. Er gibt sich selbst als Gott zu erkennen, jenseits unsres Abfalls<term type="begriffe" key="Abfall, des Menschen von Gott"/>, jenseits der Zeit, der Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/> und der Menschen, als der Erlöser<term type="begriffe" key="Gott, Erlöser"/> der Gefangenen<term type="begriffe" key="Mensch, als Gefangener"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.126.1">Ps. 126,1</ref>] und gerade damit als der Sinn alles dessen, was ist, als der Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/>. Er bekennt sich zu uns, indem er die Distanzen<term type="begriffe" key="Distanz, zwischen Mensch und Gott"/> zwischen uns und ihm schafft und wahrt. Er begnadigt<term type="begriffe" key="Begnadung"/> uns, indem er unsre Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> einleitet, indem er uns ins Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> bringt. Er verbürgt uns die Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> unsrer Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/>, indem er im Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «im Christus»"/> Gott sein und als Gott<term type="begriffe" key="Gott, als Gott"/> anerkannt sein will. Er «rechtfertigt<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/>» uns, indem er sich selbst rechtfertigt<term type="begriffe" key="Gott, rechtfertigt sich selbst"/>.</p>
    <p><hi rend="italic">«Aus Treue»</hi> enthüllt sich die Gerechtigkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>, aus seiner Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> zu uns. Der wahre Gott<term type="begriffe" key="Gott, wahrer G."/> hat des Menschen nicht vergessen. Der Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/> hat die Schöpfung<term type="begriffe" key="Schöpfung"/> nicht aufgegeben. Mag das Geheimnis «durch Weltalter hindurch verschwiegen» gewesen sein und verschwiegen werden (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.16.26">16,26</ref>), mag immer wieder dem Menschen sein Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/> erträglicher sein als der göttliche Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> dagegen, mag uns die Enthüllung des Unenthüllbaren das Unmögliche<term type="begriffe" key="Unmögliche"/> sein, vor dem nur die Gedankenlosigkeit <hi rend="italic">nicht</hi> zurückschreckt<note n="n" type="textcritical" xml:id="nn"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «zurückschrickt».</note>, es beharrt doch die Treue Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> zum Menschen, es beharrt die tiefste Übereinstimmung dessen, was Gott will, mit dem, was der Mensch, nach Befreiung von sich selbst sich sehnend, im Verborgenen auch will, es beharrt die göttliche Antwort, die uns gegeben ist, wenn die letzte menschliche Frage<term type="begriffe" key="Frage, letzte"/> in uns wach wird. «Wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde, in welchen Gerechtigkeit wohnt»<term type="begriffe" key="Neuer Himmel und neue Erde"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.13">2.Petr. 3,13</ref>]. Dass wir in dieses Warten<term type="begriffe" key="Warten"/> versetzt sind, daran erkennen wir Gottes Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/>.</p> 
    <p><pb ed="pga" xml:id="p066" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Dem Glauben»</hi><term type="begriffe" key="Glaube"/> enthüllt sich, was Gott aus Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> enthüllt. Jenen, die verzichtet haben auf direkte Mitteilung<term type="begriffe" key="Mitteilung, direkte"/>, wird es mitgeteilt. Zu denen, die es mit ihm wagen wollen, redet Gott, wie er ist. Die die Last des göttlichen Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/><note n="o" type="textcritical" xml:id="no"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «Nein!».</note> auf sich nehmen, werden getragen von dem größeren göttlichen Ja<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>. Die Mühseligen und Be<pb ed="A" n="17" break="no"/>ladenen werden erquickt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.28">Mt. 11,28</ref>]. Die dem Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> nicht ausweichen, sind in Gott geborgen. Die sich aufrichtig ins Warten<term type="begriffe" key="Warten"/> versetzen lassen, erkennen daran, dass sie warten dürfen, sollen und können, Gottes Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/>. Die vor Gott Respekt<term type="begriffe" key="Respekt"/> haben und den Abstand wahren, leben mit Gott.</p>
    <p>An ihnen erfüllt sich die Weissagung<term type="begriffe" key="Weissagung"/>: <hi rend="italic">Der Gerechte wird leben aus Treue!</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Hab.2.4">Hab. 2,4</ref>). Der «Gerechte» ist der zum Wächter<term type="begriffe" key="Mensch, als Wächter"/> gewordene Gefangene<term type="begriffe" key="Mensch, als Gefangener"/>, der Hüter an der Schwelle der göttlichen Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, göttliche"/>.<note xml:id="n30"> Vgl. die Charakterisierung <persName ref="kbga-actors-312">Overbecks</persName> mit einer Wendung <persName ref="kbga-actors-494">C. A. Bernoullis</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-1340">Overbeck, Christentum und Kultur, S. XXXVI</bibl> [<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 31</bibl>]) als «Wächter ‹an der Schwelle metaphysischer Möglichkeiten›» in <bibl corresp="kbga-bibls-3519"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, Unerledigte Anfragen, S. 5</bibl>.</note> Eine andere Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> gibt es nicht als die des Mannes, der sich in das Gericht Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/> stellt, des Erschrockenen und Hoffenden. Er wird leben: er hat die Anwartschaft des wirklichen Lebens, indem er die Nichtigkeit dieses Lebens erkannt hat, und er ist in diesem Leben nie ohne den Widerschein<term type="begriffe" key="Widerschein"/> des wirklichen Lebens, im Vergänglichen<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/> nie ohne den Hinblick auf das Unvergängliche<term type="begriffe" key="unvergänglich/Unvergänglichkeit"/>. Die <hi rend="italic">große</hi> Unmöglichkeit hat ihm ja das Ende<term type="begriffe" key="Ende"/> und das Ziel<term type="begriffe" key="Ziel"/> der <hi rend="italic">kleinen</hi> Unmöglichkeiten angekündigt<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/>. Er wird leben aus der Treue Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/>. Ob man sagt: aus der Treue Gottes oder: aus dem Glauben des Menschen, es ist dasselbe. Schon die Überlieferung dieses Prophetenworts weist nach beiden Richtungen.<note xml:id="n31"> Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-3468"><persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName>, S. 44.</bibl></note> Die Treue Gottes ist es, dass er uns als der ganz andere<term type="begriffe" key="Gott, der ganz andere"/>, als der Heilige mit seinem Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> in so unentrinnbarer Weise entgegentritt und nachgeht. Und der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, als Ehrfurcht"/> des Menschen ist die Ehrfurcht, die sich dieses Nein gefallen lässt, der Wille zum Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/>, das bewegte Verharren<term type="begriffe" key="Verharren"/> in der Negation<term type="begriffe" key="Negation"/>. Wo die Treue Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> dem Glauben des Menschen begegnet, da enthüllt sich seine Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>. Da wird der Gerechte leben.</p>
    <p>Das ist die Sache, um die es im Römerbrief<term type="begriffe" key="Römerbrief, Anfang/Ende und Inhalt des R."/> geht. </p>  </div>

    <div>
      <pb ed="pga" xml:id="p067"/>
      <head>DIE NACHT</head>
      <head><hi rend="smallCaps">Ursache</hi><term type="begriffe" key="Ursache"/></head>
      <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18 Röm.1.21">1,18–21</ref></head>
      
      <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">V. 18</ref> Denn es enthüllt sich der Zorn Gottes vom Himmel her über die ganze Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit der Menschen, die die Wahrheit in</hi>
      den Fesseln <hi rend="bold">ihrer Unbotmäßigkeit gefangen halten.</hi></p>
      <p>Gott! Wir wissen nicht, was wir damit sagen. Wer glaubt, der weiß, dass wir es nicht wissen. Wer glaubt, liebt mit <persName ref="kbga-actors-2193">Hiob</persName> den Gott, der in seiner unerforschlichen Höhe nur zu fürchten ist, liebt mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> den <foreign xml:lang="lat">deus absconditus</foreign><term type="begriffe" key="Deus absconditus"/><note xml:id="n32"> Ein Hauptbegriff in <bibl corresp="kbga-bibls-1326"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">De servo arbitrio</hi> (1525), WA 18, 600-787; s. z. B. 685,5f.21–27</bibl>.</note>. <hi rend="italic">Ihm</hi> enthüllt sich die Gerechtigkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>. <hi rend="italic">Er</hi> wird gerettet, nur er. «Nur der Gefangene<term type="begriffe" key="Mensch, als Gefangener"/> wird frei, nur der Arme wird reich, nur der Schwache<term type="begriffe" key="Schwachheit, und Kraft"/> stark, nur der Demütige erhöht, nur was leer ist, wird voll, nur das Nichts wird Etwas» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n33"> <bibl corresp="kbga-bibls-1262"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Vorlesung über den Römerbrief 1515/1516</hi>,  hrsg. von J. Ficker, <hi rend="italic">Die Scholien</hi> (Anfänge reformatorischer Bibelauslegung, 1. Bd. [Teil 2]), Leipzig 1908, S. 57, Z.35 – S. 58, Z.2</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2015">WA 56, 218,18-21</bibl>): «<foreign xml:lang="lat">non liberatur nisi captiuus, non locupletatur nisi pauper, non roboratur nisi infirmus, non exaltatur nisi humiliatus, non impletur nisi quod vacuum est, non construitur nisi quod inconstructum est</foreign>.» Vgl. die Wiederholung des Zitates in <bibl corresp="kbga-bibls-3521"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Rechtfertigung und Heiligung</hi> (1927), in: V.u.kl.A.1925–1930, <ref type="pub-" target="../volume/24/p073#p073">S. 73</ref></bibl>.</note> Über der Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> und Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/> der Menschen aber enthüllt sich Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn gegen Ehrfurchtslosigkeit"/>.</p>
      <p>Der <hi rend="italic">«Zorn Gottes»</hi> <term type="begriffe" key="Gott, Zorn als Gericht"/> ist das Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>, unter dem wir stehen, sofern wir den Richter <hi rend="italic">nicht</hi> lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>. Das Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, das uns entgegengestellt ist, sofern wir es <hi rend="italic">nicht</hi> bejahen<term type="begriffe" key="Bejahung"/>. Der immer und überall angemeldete Protest<term type="begriffe" key="Protest"/> gegen das Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, der Welt"/> der Welt, sofern wir ihn uns <hi rend="italic">nicht</hi> zu eigen machen. Die Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, des Daseins/Lebens"/> des Lebens, sofern wir sie <hi rend="italic">nicht</hi> verstehen. Unsre Begrenztheit und Vergänglichkeit<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/>, sofern sie uns <hi rend="italic">nicht</hi> als Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> bewusst ist. Das Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>, unter dem wir stehen, ist ja Tatsache, ganz abgesehen von unsrer Stellung dazu. Es ist die für unser Leben bezeichnendste Tatsache. Ob sie in das Licht der kommenden Welt<term type="begriffe" key="Welt, kommende/neue"/> und der Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/>, die sie bringt, tritt, das hängt ab von <pb ed="pga" xml:id="p068"/>  unsrer Beantwortung der Glaubensfrage<term type="begriffe" key="Glaubensfrage"/>. Sie ist aber Tatsache, auch wenn wir statt des Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube"/> das Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, und Glaube"/> wählen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16">1,16</ref>). Dass die Zeit ein Nichts ist gemessen an der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, dass alle Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/> Schein sind, gemessen an ihrem Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/> und Ende<term type="begriffe" key="Ende"/>, dass wir Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> sind und dass wir sterben müssen, das alles <hi rend="italic">ist</hi>, auch wenn uns die Schranke<term type="begriffe" key="Schranke, und Ausgang"/> nicht zum Ausgang wird. Das Leben geht in seiner ganzen Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/> seinen Gang und wir mit ihm, auch wenn wir das große Fragezeichen, das uns gesetzt ist, nicht sehen. Der Mensch ist verloren, auch wenn er nichts von Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/> weiß. Die Schranke bleibt dann <pb ed="A" n="19"/> Schranke<term type="begriffe" key="Schranke, und Ausgang"/> und wird nicht zum Ausgang. Der Gefangene<term type="begriffe" key="Mensch, als Gefangener"/> bleibt Gefangener und wird nicht zum Wächter<term type="begriffe" key="Mensch, als Wächter"/>. Das Warten<term type="begriffe" key="Warten"/> ist dann nicht Freude, sondern bittersüße Ergebung ins Unvermeidliche<term type="begriffe" key="unvermeidlich"/>. Der Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> ist dann nicht Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/>, sondern leidvolle Widersetzlichkeit. Das fruchtbare Paradox<term type="begriffe" key="Paradox, des Daseins/Lebens"/> unsres Daseins ist dann sein heimlicher Wurmfraß. Die Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> ist dann das – was man gewöhnlich so heißt. An die Stelle des heiligen Gottes tritt dann das Schicksal<term type="begriffe" key="Schicksal"/>, die Materie, das All<term type="begriffe" key="Weltall"/>, der Zufall, Ananke. Es verrät Einsicht, wenn wir anfangen, es zu vermeiden, dem Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/> des Unglaubens<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.17">1,17</ref>) den Namen «Gott» zu geben. Aber eine letzte Konsequenz des göttlichen Zornes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> ist auch das, was wir ohne den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, an Auferstehung"/> an die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als heilsgeschichtliches Ereignis"/> «Gott» nennen. Auch der Gott, der im Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> zu seinem Namen das Da-Sein und So-Sein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, der Welt"/> dieser Welt bejaht<term type="begriffe" key="Bejahung"/>, ist Gott: Gott in seinem Zorn, Gott, der um uns Leid trägt, Gott, der sich nur noch von uns abwenden, nur noch Nein<term type="begriffe" key="Gott,       Ja/Nein"/> sagen kann – darum eben von allen Aufrichtigen nur noch unter Vorbehalt Gott genannt: Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn ist nicht sein letztes Wort"/> <hi rend="italic">kann</hi> ja nicht sein letztes Wort<term type="begriffe" key="Wort, letztes"/>, seine wahre Enthüllung sein! Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/> <hi rend="italic">kann</hi> ja nicht im Ernste Gott heißen! Aber tatsächlich ist’s immer Gott, auf den wir stoßen. Auch der Unglaube<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/> stößt auf Gott; nur dass er nicht durchstößt zu der ihm verborgenen Wahrheit Gottes<term type="begriffe" key="Wahrheit, Gottes"/> und darum an Gott zerschellt<term type="begriffe" key="Zerschellen an Gott"/> wie Pharao<term type="begriffe" key="Pharao"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.15 Röm.9.18">9,15–18</ref>). «Jede Hemmung und Schädigung des von Gott geschaffenen Lebens, die gesamte Hinfälligkeit<term type="begriffe" key="Hinfälligkeit, des Lebens"/> und Gebundenheit des kreatürlichen Lebens mit Einschluss des Todesverhängnisses<term type="begriffe" key="Todesverhängnis"/> ist eine Reaktion Gottes» (<persName ref="kbga-actors-851">Zündel</persName>)<note xml:id="n34"> <bibl corresp="kbga-bibls-3467"><persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>, S. 87f.</bibl>: «Denn in allem, worin auch der Fromme nicht einen Beweis der Schöpfergüte Gottes, sondern eine Hemmung und Schädigung des von Gott geschaffenen Lebens erkennen kann, in der gesamten Hinfälligkeit und Gebundenheit des kreatürlichen Lebens mit Einschluß des Todesverhängnisses soll er eine Reaktion Gottes gegen die menschliche Sünde [...] erkennen.» Diese Passage ist in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen. Zur irrtümlichen Zuschreibung des Zitats an <persName ref="kbga-actors-851">Fr. Zündel</persName> vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief I, <ref type="pub-" target="../volume/16/p025#fn_n15">S. 25, Anm. 15</ref></bibl>; siehe auch oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr023#pr023">S. XXIII</ref>.</note>; nur freilich, dass wir, sofern wir uns <pb ed="pga" xml:id="p069"/> diese göttliche Reaktion nicht als Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> zu eigen machen, daran verderben müssen. Die ganze Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> ist Gottes Spur; nur freilich, dass sie, sofern wir statt des Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube"/> das Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, und Glaube"/> wählen, in ihrer absoluten Rätselhaftigkeit<term type="begriffe" key="Rätsel, der Welt"/> eine einzige Spur von Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn als Gerechtigkeit Gottes"/> ist. Gottes Zorn ist die dem Unglauben<term type="begriffe" key="Glaube, Glaube/Unglaube"/> enthüllte Gerechtigkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>; denn Gott lässt seiner nicht spotten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>]. Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn als Gerechtigkeit Gottes"/> ist Gottes Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, ohne Christus"/> außer und ohne Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/>.</p>
      <p>Was heißt das: außer und ohne Christus? Gottes Zorn enthüllt sich <hi rend="italic">«über der ganzen Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit des</hi><note n="p" type="textcritical" xml:id="np"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «der».</note> <hi rend="italic">Menschen.»</hi> Das sind die bezeichnenden Merkmale unsres Verhältnisses zu Gott, wie es sich diesseits der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, diesseits der A."/> gestaltet. Es ist <hi rend="italic">ehrfurchtslos.</hi><term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> Wir meinen zu wissen, was wir sagen, wenn wir «Gott» sagen. Wir weisen ihm die höchste Stelle in unsrer Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> zu. Wir stellen ihn damit grundsätzlich auf eine Linie mit uns und mit den Dingen<term type="begriffe" key="Ding"/>. Wir meinen, er «bedürfe jemandes» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.25">Act. 17,25</ref>], und wir meinen, unsre Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> zu ihm ordnen zu können, wie wir andre Beziehungen <pb ed="A" n="20"/> ordnen. Wir schieben uns zudringlich in seine Nähe und wir ziehen ihn unbedenklich in unsre Nähe. Wir erlauben uns, in ein Gewohnheitsverhältnis zu ihm zu treten. Wir erlauben uns, mit ihm zu rechnen, als ob das nichts Besonderes wäre. Wir wagen es, uns als seine Vertrauten, Gönner, Sachwalter und Unterhändler aufzuspielen<note xml:id="n35"> Von den Theologen als «Unterhändler[n] des Christentums» spricht <bibl corresp="kbga-bibls-1340"><persName ref="kbga-actors-312">Overbeck</persName>, Christentum und Kultur, S. 273</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-2922">OWN 6/1, S. 312</bibl>). In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar sind die betreffenden Sätze unterstrichen. Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-3519"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, Unerledigte Anfragen, S. 21</bibl>.</note>. Wir verwechseln die Ewigkeit mit der Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>. Das ist das Ehrfurchtslose<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> unsres Gottesverhältnisses<term type="begriffe" key="Gottesverhältnis"/>. Und es ist <hi rend="italic">unbotmäßig.</hi><term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/> Wir selber sind heimlich die Herren<term type="begriffe" key="Mensch, als eigener Herr"/> in diesem Verhältnis. Es handelt sich uns nicht um Gott, sondern um unsre Bedürfnisse, nach denen sich Gott zu richten hat. Unser Übermut<term type="begriffe" key="Übermut"/> verlangt zu allem andern auch noch Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis"/> und Zugänglichkeit einer Überwelt. Unser Tun ruft <pb ed="pga" xml:id="p070"/> nach tieferer Begründung, nach jenseitiger<term type="begriffe" key="jenseitig"/> Belobigung und Belohnung<term type="begriffe" key="Lohn"/>. Unsre Lebenslust begehrt nach frommen Stunden, nach Verlängerungen in die Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit"/>. Indem wir Gott auf den Weltenthron setzen, meinen wir uns selbst<term type="begriffe" key="Mensch, als eigener Herr"/>. Indem wir an ihn «glauben<term type="begriffe" key="Glaube, als Selbstrechtfertigung"/>», rechtfertigen, genießen und verehren wir uns selbst<term type="begriffe" key="Selbstrechtfertigung"/>. Unsre Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/> besteht darin, dass wir uns selbst und die Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> feierlich bestätigen, dass wir uns den Widerspruch<term type="begriffe" key="Widerspruch"/> andächtig ersparen. Sie besteht darin, dass wir uns unter allen Zeichen der Demut und Ergriffenheit gegen Gott selbst auflehnen. Wir verwechseln die Zeit mit der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>. Das ist unsre Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/>. – Und das ist unser Gottesverhältnis<term type="begriffe" key="Gottesverhältnis"/> außer und ohne Christus, diesseits der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, diesseits der A."/>, <hi rend="italic">bevor</hi> wir zur Ordnung gerufen werden: <hi rend="italic">Gott</hi> selbst ist als Gott<term type="begriffe" key="Gott, als Gott"/> nicht anerkannt und das, was Gott heißt, ist in Wahrheit der <hi rend="italic">Mensch</hi> selbst. Wir dienen dem Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>, indem wir uns selbst leben.</p>
      <p><hi rend="italic">«Die die Wahrheit in Unbotmäßigkeit</hi><term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/> <hi rend="italic">gefangen halten.»</hi> Das zweitgenannte Merkmal ist zeitlich das erste. Man verliert sich zuerst an sich selbst und dann an den Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>. Man hört zuerst die Verheißung: Ihr werdet sein wie Gott! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.5">Gen. 3,5</ref>] und verliert dann den Sinn für die Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit, Sinn für die E."/>. Man überhebt zuerst die<note n="q" type="textcritical" xml:id="nq"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «den».</note> Menschen und verkennt dann die Distanzen Gott gegenüber<term type="begriffe" key="Distanz, zwischen Mensch und Gott"/>. Der Nerv des Gottesverhältnisses<term type="begriffe" key="Gottesverhältnis"/> außer und ohne Christus ist Sklavenunbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/>. Weil wir von uns selbst denken, was wir nur von Gott denken dürften, können wir von Gott nicht höher denken, als wir von uns selbst denken. Weil wir uns selbst sind, was uns Gott sein müsste, ist uns Gott nicht mehr, als wir uns selbst sind. Die heimliche Identifizierung mit Gott zieht die offene Isolierung ihm gegenüber nach sich. Der kleine Gott muss des großen Gottes füglich entbehren. Der Mensch hat die Wahrheit, nämlich Gottes Heiligkeit<term type="begriffe" key="Gott, Heiligkeit"/>, eingefangen und eingekapselt, seinen Maßen angepasst und damit ihres Ernstes und ihrer Tragweite beraubt, sie gemein, unschädlich und unnütz gemacht, in Unwahrheit verwandelt. Das wird durch <pb ed="A" n="21"/> seine Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> ans Licht gebracht, und seine Ehrfurchtslosigkeit wird nicht verfehlen, ihn in immer neue Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/> zu stürzen. Ist der Mensch sich selber Gott<term type="begriffe" key="Mensch, als eigener Herr"/>, dann <hi rend="italic">muss</hi> der Abgott<term type="begriffe" key="Abgott"/> ins Wesen treten. Und steht der Abgott<term type="begriffe" key="Abgott"/> in Ehren, dann <hi rend="italic">muss</hi> sich der Mensch als der wahre Gott, als der Schöp<pb ed="pga" xml:id="p071" break="no"/>fer dieses seines Geschöpfes<term type="begriffe" key="Schöpfer und Geschöpf"/> fühlen. – Das ist der Widerstand, der uns den Blick auf die Ebene<term type="begriffe" key="Ebene"/> neuer Dimension, die unsrer Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> und unsre Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/> bedeutet, unmöglich macht. Über diesem Widerstand kann sich nur Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> enthüllen.</p>
      <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.19 Röm.1.21">V. 19‒21</ref> So steht es: Der Gottesgedanke ist ihnen bekannt, Gott hat ihn ihnen bekannt gemacht. Kann doch seine Unanschaulichkeit von der Erschaffung der Welt her an seinen Werken vernünftig geschaut werden</hi> (und <hi rend="bold">das</hi> eben <hi rend="bold">ist seine ewige Kraft und Gottheit!), so dass sie keine Entschuldigung haben. So steht es: Ihrer Kenntnis Gottes zum Trotz haben sie ihm nicht als Gott Ehre und Dank erwiesen, sondern entleert worden ist ihr Denken und verfinstert ihr unverständiges Herz.</hi></p>
      <p><hi rend="italic">«Der Gottesgedanke ist ihnen bekannt.»</hi> Das ist die Tragik in der Leidensgeschichte der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, Leidensgeschichte"/>: Sie, die in der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, als heilsgeschichtliches Ereignis"/> aufbrechende Wahrheit der Begrenzung<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> und Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/> des Menschen durch den unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, ist <hi rend="italic">bekannte</hi> Wahrheit. 
      Die primitivste und die fortgeschrittenste Selbstbesinnung<term type="begriffe" key="Selbstbesinnung"/> des Menschengeistes<term type="begriffe" key="Geist, des Menschen"/> werden sich in «verzweifelnder Demut», in «Selbstironisierung der Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft"/>» (<persName ref="kbga-actors-81">H. Cohen</persName>)<note xml:id="n36"> <bibl corresp="kbga-bibls-3522"><persName ref="kbga-actors-81">H. Cohen</persName>, <hi rend="italic">System der Philosophie</hi>, Zweiter Teil, <hi rend="italic">Ethik des reinen Willens</hi>, Berlin 1904, S. 406</bibl> (1907<hi rend="sup">2</hi> = <bibl corresp="kbga-bibls-3523">Werke, hrsg. von H. Holzhey, Bd. 7, Hildesheim/New York 1981, S. 429</bibl>): «Wir wissen aus der Logik, wie der Begriff des Absoluten bei <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-322">Platon</persName></hi> in innerlichstem Zusammenhange mit der 
      <hi rend="italic">Hypothesis</hi> entstanden ist; als Ausdruck verzweifelnder Demut des tiefsten Menschengeistes, der Selbstironisierung der Vernunft. Da alles Sein auf der Grundlegung des Denkens beruht, so erhebt sich das tiefsinnige Verlangen nach einem Grunde, der von dieser Grundlegung unabhängig sei.»</note> immer wieder finden in der Einsicht unsrer Begrenztheit<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/> und im Ausblick auf den Begrenzenden, der unsrer Begrenztheit Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Begrenztheit"/> ist. Wir wissen, dass Gott der ist, den <hi rend="italic">wir nicht</hi> wissen, und dass eben dieses Nicht-Wissen<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/> das Problem und der Ursprung unsres Wissens ist. Wir wissen, dass Gott die Persönlichkeit ist, die <hi rend="italic">wir nicht</hi> sind, und dass eben dieses unser Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein"/> unsre Persönlichkeit<term type="begriffe" key="Persönlichkeit"/> aufhebt<term type="begriffe" key="aufgehoben bei Gott"/> und begründet<term type="begriffe" key="begründet in Gott"/>. <hi rend="italic">Dieser</hi> Gottesgedanke, die Einsicht in die absolute Heteronomie<term type="begriffe" key="Heteronomie"/>, unter der wir stehen, ist <hi rend="italic">autonom</hi><term type="begriffe" key="Autonomie"/><hi rend="italic">:</hi> Wir widerstehen nicht etwas Fremdem, sondern unserm Eigensten, nicht etwas Fernem, sondern dem Nächstliegenden<note n="r" type="textcritical" xml:id="nr"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Nächstliegendsten». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, wenn wir <pb ed="pga" xml:id="p072"/> ihm widerstehen. Die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> an ihn begleitet uns als Frage<term type="begriffe" key="Frage"/> und Warnung beständig. Er ist der verborgene Abgrund<term type="begriffe" key="Gott, der verborgene Abgrund"/>, aber auch die verborgene Heimat<term type="begriffe" key="Gott, Heimat"/><note xml:id="n37"> Der Begriff «Heimat» begegnet seit 1917/18 als theologisch qualifizierter Begriff häufig in <bibl corresp="kbga-bibls-1641"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, Konfirmandenunterricht</bibl>, siehe Register, S. 456.</note> am Anfang und Ende aller unsrer Wege. Sind wir ihm untreu, so sind wir uns selbst untreu.</p>
      <p>Denn Gottes <hi rend="italic">«Unanschaulichkeit kann geschaut werden»</hi><term type="begriffe" key="Gott, Unanschaulichkeit"/>. Wir haben das vergessen<term type="begriffe" key="Vergessen"/>, wir müssen es uns wieder sagen lassen. Es ist nicht der notwendige Stand der Dinge zwischen Gott und uns, dass uns unsre Unbescheidenheit, Unbedenklichkeit und <pb ed="A" n="22"/> Unerschrockenheit ihm gegenüber so natürlich ist. Platonische Weisheit hat als Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/> alles Gegebenen<term type="begriffe" key="Gegebene"/> längst das Nicht-Gegebene<term type="begriffe" key="Nicht-Gegebene"/> erkannt.<note xml:id="n38"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3522"><persName ref="kbga-actors-81">H. Cohen</persName>, a.a.O. (s. oben Anm. 36), S. 97</bibl> (1907<hi rend="sup">2</hi> = <bibl corresp="kbga-bibls-3523">Werke, Bd. 7, S. 101</bibl>): «Die Logik vollzieht und begründet die Reinheit im letzten Grunde durch das <hi rend="italic">Urteil des Ursprungs.</hi> Der Ursprung ist der tiefste Ankergrund, den das reine Denken festlegt. Nichts darf dem reinen Denken als gegeben gelten; auch das Gegebene muss es sich selbst erzeugen. Auch das Was, als das Etwas, darf ihm nicht das letzte Wort der begrifflichen Sprache sein. Vor dem Nichts darf er nicht zurückschrecken.»</note> Nüchternste Lebensklugheit hat längst festgestellt, dass die Furcht des Herrn<term type="begriffe" key="Furcht, des Herrn"/> der Anfang<term type="begriffe" key="Anfang, der Erkenntnis"/> der Erkenntnis ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.1.7">Spr. 1,7</ref>]. Offene unbestechliche Augen wie die des Hiobdichters und des Predigers <persName ref="kbga-actors-2245">Salomo</persName> haben längst im Spiegel<term type="begriffe" key="Spiegel/Spiegelbild"/> der Anschauung<term type="begriffe" key="Anschauung"/> ihr Urbild, das Unanschauliche<term type="begriffe" key="Gott, Unanschaulichkeit"/>, die unerforschliche Höhe Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Höhe"/> wiedergefunden. Immer ist die Rede des Herrn aus dem Wetter<term type="begriffe" key="Wetter"/> vernehmbar [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.38.1">Hiob 38,1</ref>], immer fordert sie auf zu der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis"/>, dass wir unweislich reden, was uns zu hoch ist und was wir nicht verstehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.42.3">Hiob 42,3</ref>], wenn wir als Gottes Lobredner oder Ankläger mit ihm rechten wie mit unsresgleichen. Immer liegt die Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, des Da-Seins und So-Seins"/> unsres Da-Seins und So-Seins, die Eitelkeit<term type="begriffe" key="Eitelkeit"/>, die gänzliche Fragwürdigkeit<term type="begriffe" key="Fragwürdigkeit"/> alles dessen, was ist und was wir sind, als aufgeschlagenes Lehrbuch vor uns. Was sind denn Gottes <hi rend="italic">«Werke»</hi> in ihrer absoluten Rätselhaftigkeit<term type="begriffe" key="Rätsel, der Werke Gottes"/> (zoologischer Garten!<note xml:id="n39"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p310#p310">S. 310</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p474#p474">474</ref></bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th.II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p088#p088">S. 88</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/04/p164#p164">164</ref></bibl>.</note>) anderes als lauter Fragen<term type="begriffe" key="Frage"/>, auf die es keine direkte Antwort gibt, auf die Gott allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/>, allein Gott selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/> die Antwort<term type="begriffe" key="Gott, Antwort"/> ist? Das göttliche Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>, das uns in unsre Schranken<term type="begriffe" key="Schranke"/> und damit über unsre Schranken hinausweist, kann <hi rend="italic">«von der Erschaffung der Welt her»</hi> an seinen Werken <hi rend="italic">«vernünftig geschaut»</hi>, bei ruhigem, sachlichem, religiös un<pb ed="pga" xml:id="p073" break="no"/>voreingenommenem Betrachten festgestellt und begriffen werden. Nichts kann hindern, dass der Gottesgedanke uns in die heilsamste Krisis<term type="begriffe" key="Krisis, heilsamste"/> versetzt, wenn wir es nicht selbst hindern. Wir stehen schon in ihr, sofern wir nur «vernünftig schauen» wollen. Und was «vernünftigem Schauen» immer einwandfreie Tatsache war: Gottes Unanschaulichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Unanschaulichkeit"/>, das eben ist, in Übereinstimmung mit der Auferstehungsbotschaft<term type="begriffe" key="Auferstehung, Auferstehungsbotschaft"/>, Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/> <hi rend="italic">«ewige Kraft und Gottheit»</hi><term type="begriffe" key="Gott, Gottheit"/>. Gerade das. Dass wir von Gott nichts wissen können, dass wir nicht Gott sind, dass der Herr zu fürchten ist, das ist seine Vorzüglichkeit vor allen Göttern, das ist’s, was ihn als
      Gott<term type="begriffe" key="Gott, als Gott"/>, als Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer und Erlöser"/> und Erlöser bezeichnet (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16">1,16</ref>). Die Schnittlinie<term type="begriffe" key="Schnittlinie"/> von Zeit und Ewigkeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/>, von gegenwärtiger und zukünftiger Welt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.4">1,4</ref>) läuft tatsächlich durch die ganze Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>, sie ist «längst verkündigt» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.2">1,2</ref>), sie könnte immer gesehen werden. Nicht unvermeidlich<term type="begriffe" key="unvermeidlich"/> enthüllt sich der Zorn Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn im Gericht"/> über den in seinem Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> stehenden Menschen; sie könnten den Richter<term type="begriffe" key="Gott, Richter"/> erkennen und lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>. <hi rend="italic">«So dass sie keine Entschuldigung haben»</hi>, wenn sie nicht sehen und nicht hören<term type="begriffe" key="Sehen und Hören"/>; es geschieht mit sehenden Augen und mit hörenden Ohren [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.13">Mt. 13,13</ref> par.]. Unentschuldbar ist ihre Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/>, denn die «vernünftig geschauten» Werke Gottes reden von seiner «<hi rend="italic">ewigen</hi> Kraft»<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/> und protestieren<term type="begriffe" key="Protest"/> im voraus gegen den Dienst des bekannten Nicht-Gottes<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>, durch den Gott den natürlichen, seelischen und sonstigen Kräften dieser Welt<term type="begriffe" key="Weltkraft"/> beigesellt wird. <pb ed="A" n="23"/> Unentschuldbar ist auch ihre Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/>, denn die «vernünftig geschauten» Tatsachen zeugen von der «<hi rend="italic">ewigen</hi> Gottheit<term type="begriffe" key="Gott, ewig"/>» Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Gottheit"/> und protestieren<term type="begriffe" key="Protest"/> im voraus gegen den religiösen Übermut<term type="begriffe" key="Übermut, religiöser"/>, der im Taumel seiner Erlebnisse<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> von Gott redet und sich selbst meint. – Haben wir die Wahrheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/> eingekapselt und damit seinen Zorn herausgefordert, so liegt das nicht daran, dass wir keine andere Möglichkeit hatten. «Gott ist nicht ferne von einem jeglichen unter uns, denn in ihm leben, weben und sind wir» (<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.27 Act.17.28">Act. 17,27–28</ref>). Die Lage könnte von ihm aus eine andere sein.</p>
      <p>Aber <hi rend="italic">«ihrer Kenntnis Gottes zum Trotz»:</hi> Die Kenntnis Gottes<term type="begriffe" key="Kenntnis Gottes"/>, die mit dem einfachen Blick auf die Unbegreiflichkeit, Unvollkommenheit und Unbeträchtlichkeit unsres Lebens gegeben ist, wurde nicht zur Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/>. Die Unanschaulichkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Unanschaulichkeit"/> scheint uns unerträglicher als die doch so fragliche Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/> dessen, was wir «Gott» zu nennen belieben. Aus der ewigen und grundsätzlichen <pb ed="pga" xml:id="p074"/> Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, des Schöpfers"/> des Schöpfers<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/> wurde ein Ding an sich<term type="begriffe" key="Ding, an sich"/><note xml:id="n40"> Grundbegriff in der Transzendentalphilosophie <persName ref="kbga-actors-216">Immanuel Kants</persName> zur Bezeichnung der intelligiblen Ursache der Erscheinungen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3524"><persName ref="kbga-actors-644">H. Knittermeyer</persName>, Art. «Ding an sich», in: RGG<hi rend="sup">3</hi> II, Sp. 199</bibl>.</note>, über und neben den Dingen, aus der lebendigen Abstraktion von allen Konkretheiten eine Konkretheit, wenn auch die höchste, unter anderen, aus <hi rend="italic">dem</hi> Geist <hi rend="italic">ein</hi> Geist<term type="begriffe" key="Geist"/>, aus dem Unnahbaren und <hi rend="italic">darum</hi> so Nahen der ewig ungewisse Gegenstand unsrer Erlebnisse<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>. Statt in seinem Lichte<term type="begriffe" key="Gott, Licht"/> – dem ewigen, da «niemand zukann»<term type="begriffe" key="Licht, da niemand zu kann"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.6.16">1.Tim. 6,16</ref>] – das Licht zu sehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.36.10">Ps. 36,10</ref>], lassen wir ihn <hi rend="italic">ein</hi> Licht unter andern sein, wenn auch das größte, das unsinnliche, übernatürliche, zünden folgerichtig <hi rend="italic">eigene</hi> Lichter an und suchen ebenso folgerichtig auch in den Dingen<term type="begriffe" key="Ding"/> ihr <hi rend="italic">eigenes</hi> Licht. Wo bleibt die <hi rend="italic">«Ehre»</hi>, die wir ihm schuldig sind, wenn Gott uns nicht mehr der Unbekannte<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, und wo der <hi rend="italic">«Dank»</hi>, der ihm gebührt, wenn er uns nicht mehr das ist, das<note n="s" type="textcritical" xml:id="ns"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «der ist, der».</note> wir nicht sind? Gegen <persName ref="kbga-actors-8920">Zeus</persName>, den Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>, der an seine Stelle getreten ist, lehnt sich <persName ref="kbga-actors-3913">Prometheus</persName> mit Recht auf.<note xml:id="n41"> Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-1915"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethes</persName> Gedicht «Prometheus»</bibl>.</note></p>
      <p>So ist das Licht in uns Dunkelheit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.23">Mt. 6,23</ref> par.], der Zorn Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> über uns unvermeidlich<term type="begriffe" key="unvermeidlich"/> geworden. <hi rend="italic">«Entleert worden ist ihr Denken und verfinstert ihr unverständiges Herz.»</hi> Nun ist unsre Schranke bloß unsre Schranke<term type="begriffe" key="Schranke"/>, und Gottes Nein ist und bedeutet Nein<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/>. Sinnlos auf sich selbst gestellt, steht der Mensch den sinnlos waltenden Weltkräften<term type="begriffe" key="Weltkraft"/><note xml:id="n42"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1267"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, «Das Lied von der Glocke», V.340f.</bibl>: 
        <q rend="block">
          <lg>
        <l>Wo rohe Kräfte sinnlos walten,</l> 
        <l>Da kann sich kein Gebild gestalten.</l></lg></q></note> gegenüber. Denn Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> bekommt unser Leben in dieser Welt nur durch seine Beziehung auf den wahren Gott<term type="begriffe" key="Gott, wahrer G."/>. Diese Beziehung aber müsste hergestellt werden dadurch, dass unser Denken und unser Herz<term type="begriffe" key="Herz"/> (durch «vernünftiges Schauen») gebrochen wird durch die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, der Ewigkeit"/> der Ewigkeit. Eine andere Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> zu dem wahren Gott<term type="begriffe" key="Gott, wahrer G."/> als die, die auf dem Wege <persName ref="kbga-actors-2193">Hiobs</persName> zustande kommt, gibt es nicht. Findet diese Brechung nicht statt, dann ist das Denken leer, formal, bloß kritisch, unfruchtbar, unfähig, die <pb ed="A" n="24"/> Fülle der Erscheinungen<term type="begriffe" key="Erscheinung"/> zu meistern, das Einzelne im Zusammenhang des Gan<pb ed="pga" xml:id="p075" break="no"/>zen zu begreifen; das ungebrochene Denken<term type="begriffe" key="Ungebrochenheit"/> begibt sich selbst seiner wirklichen Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung"/> auf die Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/>. Und es entzieht sich umgekehrt das ungebrochene Herz<term type="begriffe" key="Herz, ungebrochenes"/>, die durch keine letzte Einsicht bewachte Empfindung von den Dingen, der Herrschaft des Denkens: finster, blind, unkritisch, dem Zufall preisgegeben, stellt es eine Wesenheit für sich dar. Herzlos, begreifend ohne Anschauung<term type="begriffe" key="Anschauung"/> und darum leer ist das Denken und gedankenlos, anschauend ohne Begriff und darum blind<term type="begriffe" key="blind/Blinder"/> ist das Herz<term type="begriffe" key="Herz"/> geworden.<note xml:id="n43"> Anspielung auf den bekannten Grundsatz der Erkenntnistheorie <persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName>: «Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind»: <bibl corresp="kbga-bibls-3525"><persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Kritik der reinen Vernunft</hi>, B 75, Akademie-Ausgabe, 1. Abt., Bd. 3, Berlin 1904, S. 75</bibl>.</note> Weltfremd ist die Seele und seelenlos die Welt,<term type="begriffe" key="Welt"/> wenn sie sich nicht finden in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> des unbekannten Gottes<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, wenn der Mensch dem wahren Gott<term type="begriffe" key="Gott, wahrer G."/> ausweicht, an den er sich selbst und die Welt verlieren müsste, um beides wiederzufinden.</p>
      <p>Das ist die Ursache der Nacht, in der wir wandern, die Ursache<term type="begriffe" key="Ursache"/> des Zornes Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/>, der über uns enthüllt ist.</p> </div>

      <div>
      <head><hi rend="smallCaps">Wirkung</hi></head>
      <head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.22 Röm.1.32">1,22–32</ref></head>
      
      <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.22">V. 22</ref> Sie bildeten sich ein, weise zu sein, und wurden zu Narren.</hi> Das Weltbild <hi rend="italic">ohne</hi> Paradox<term type="begriffe" key="Paradox"/> und <hi rend="italic">ohne</hi> Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit"/>, das Wissen <hi rend="italic">ohne</hi> den Hintergrund des Nicht-Wissens<term type="begriffe" key="Nicht-Wissen"/>, die Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> <hi rend="italic">ohne</hi> den unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, die Lebensauffassung <hi rend="italic">ohne</hi> die Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> an das uns entgegengestellte Nein!<term type="begriffe" key="Gott, Ja/Nein"/> hat viel für sich. Die Einfachheit, Geradlinigkeit und Ungehemmtheit vor allem, die verhältnismäßige Sicherheit und Ausgeglichenheit, die weitgehende Übereinstimmung mit der «Erfahrung»<term type="begriffe" key="Erfahrung"/> und mit den Erfordernissen des praktischen Lebens, die wohltuende Unklarheit und Dehnbarkeit aller Begriffe und Maßstäbe<term type="begriffe" key="Maßstab"/>, der liberale<term type="begriffe" key="liberal"/> Ausblick auf unendliche Möglichkeiten, der sich da bietet – das alles wird diesen Boden immer wieder zutrauenerweckend machen. Man kann sich, nachdem man einmal auf das «vernünftige Schauen» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">1,20</ref>) verzichtet hat, auf diesem Boden wohl einbilden, wei<pb ed="pga" xml:id="p076" break="no"/>se<term type="begriffe" key="Weisheit"/> zu sein. Die Nacht hat auch ihre Weisheit. Aber die Entleerung des Denkens und die Verfinsterung des Herzens<term type="begriffe" key="Herz"/>, die hier eingetreten ist, ist darum nicht weniger Tatsache. Der Glanz jener ungebrochenen<term type="begriffe" key="Ungebrochenheit"/> Weisheit wird den Gang der Dinge nicht aufhalten, der unter Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn"/> unvermeidlich<term type="begriffe" key="unvermeidlich"/><note n="t" type="textcritical" xml:id="nt"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «Zorn der unvermeidliche». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> geworden ist. Denn dass Gott nicht als Gott<term type="begriffe" key="Gott, als Gott"/> erkannt ist, <pb ed="A" n="25"/> das bedeutet nicht bloß einen innerlichen oder theoretischen Fehler, sondern eine falsche Grundeinstellung<term type="begriffe" key="Einstellung"/> dem Leben gegenüber. Aus einem leeren Denken und finstern Herzen kommt notwendig auch ein verkehrtes Handeln. Und je mehr sich der ungebrochene Mensch<term type="begriffe" key="Ungebrochenheit"/> auf seinen sichern Weg zugute tut, um so sicherer ist er sein eigener Narr, um so sicherer ist die Moral<term type="begriffe" key="Moral"/>, die Lebensgestaltung, die sich auf das Vergessen<term type="begriffe" key="Vergessen"/> des Abgrundes<term type="begriffe" key="Gott, Abgrund"/>, auf das Vergessen der Heimat<term type="begriffe" key="Gott, Heimat"/> gründet, Lüge. Es sollte nicht schwer fallen, das einzusehen.</p>
      <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.23 Röm.1.24">V. 23‒24</ref> Und sie vertauschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit dem Abbild der Gestalt des vergänglichen Menschen und der Vögel und der Vierfüßler und der Würmer. Darum hat sie Gott nach den Begierden ihrer Herzen der Unreinheit preisgegeben, dass ihre Leiber an ihnen selbst entehrt wurden.</hi></p>
      <p><hi rend="italic">«Sie vertauschten die Herrlichkeit des Unvergänglichen mit dem Abbild des Vergänglichen»</hi>, d. h. der Sinn für das Spezifische an Gott geht verloren: der Gedanke an die Gletscherspalte, an die Polarregion, an die Verwüstungszone, die zu überschreiten ist, wenn der Schritt vom Vergänglichen<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/> zum Unvergänglichen<term type="begriffe" key="unvergänglich/Unvergänglichkeit"/> wirklich getan sein soll. Die Distanz zwischen Gott und dem Menschen<term type="begriffe" key="Distanz, zwischen Mensch und Gott"/> hat keine grundsätzliche, scharfe, säureartig zersetzende, ein für allemal zu beachtende Bedeutung mehr. Der Unterschied zwischen der Unvergänglichkeit<term type="begriffe" key="unvergänglich/Unvergänglichkeit"/>, Ursprünglichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Ursprung"/> und Überlegenheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Überlegenheit"/> und der Vergänglichkeit<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/>, Relativität<term type="begriffe" key="Relativität"/> und Bedingtheit<term type="begriffe" key="Bedingtheit"/> unsres Daseins und Soseins<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen"/> verwischt sich<term type="begriffe" key="«qualitativer Unterschied zwischen Gott und Mensch»"/>. Das Auge, das hier sehen sollte, ist geblendet. Es entsteht in der Mitte zwischen hier und dort, zwischen uns und dem ganz anderen<term type="begriffe" key="Gott, der ganz andere"/>, der religiöse Nebel<term type="begriffe" key="Nebel, religiöser"/> oder Brei, wo unter den verschiedenartigsten, bald mehr, bald weniger sexuell<term type="begriffe" key="Sexualität"/> gefärbten Identifizierungskünsten und Vermischungsprozessen jetzt die humanen oder animalen Vorgänge zu Gotteserlebnissen<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> erhoben, jetzt das Sein und Tun Gottes als hu<pb ed="pga" xml:id="p077" break="no"/>manes oder animales Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> «erfahren»<term type="begriffe" key="Erfahrung"/> wird.<note xml:id="n44"> Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-1715"><persName ref="kbga-actors-169">Heiler</persName>, S. 340</bibl>: «Das Beten der Brautmystik» «verbindet mit der ausschließlichen Hinwendung auf Gott das Verlangen nach lustbetonten Stimmungen und Affekten, hinter dem ein gewisser Egoismus, eine geheime Genußfreude sich verbirgt.» «Das Verhältnis zu Gott ist, wie im naiven Beten, der deutliche Reflex einer soziologischen Beziehung, des irdischen Liebes- und Brautverhältnisses. Dem intimen Liebesverhältnis entsprechend, treten Scheu, Ehrfurcht und Abhängigkeitsgefühl im Beten zurück.» «Die Niveauunterschiede zwischen Mensch und Gott verschwinden». Im Exemplar <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> sind der erste und der letzte Satz mit einem Ausrufzeichen versehen und unterstrichen, der zweite Satz am Rande markiert.</note> Der Kern in diesem Nebel<term type="begriffe" key="Nebel, religiöser"/> ist der Wahn, als könne auch ohne das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> (senkrecht von oben<term type="begriffe" key="«senkrecht von oben»"/>), ohne die Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, alles Gegebenen"/> alles Gegebenen<term type="begriffe" key="Gegebene"/>, abgesehen von <hi rend="italic">der</hi> Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, jenseits von Geburt und Tod"/>, die jenseits von Geburt und Tod<term type="begriffe" key="Tod, Geburt und T."/> liegt, eine Einheit<term type="begriffe" key="Einheit, mit Gott"/> oder auch nur eine Bündnisfähigkeit zwischen Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/> bestehen. Das religiöse Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, auf welcher Stufe<term type="begriffe" key="Stufe"/> es sich auch abspiele, ist, sofern es mehr als Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/>, sofern es Inhalt, Besitz<term type="begriffe" key="Besitz Gottes?"/> und Genuss Gottes zu sein meint, die unverschämte und misslingende Vorwegnahme<term type="begriffe" key="Vorwegnahme"/> dessen, was immer nur von dem unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> aus wahr sein und werden kann. Es ist in seiner Geschichtlichkeit, Dinglichkeit<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/> und Konkretheit immer der Verrat<term type="begriffe" key="Verrat, an Gott"/> an Gott. Es ist die Geburt des Nicht-Gottes<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>, der Götzen<term type="begriffe" key="Götze"/>. Denn in der Mitte jenes Nebels<term type="begriffe" key="Nebel, religiöser"/> wird
      vergessen<term type="begriffe" key="Vergessen"/>, <pb ed="A" n="26"/> dass alles Vergängliche zwar ein Gleichnis, aber auch <hi rend="italic">nur</hi> ein Gleichnis ist<term type="begriffe" key="«Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis»"/>. Es wird die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit dem Abbild (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.106.20">Ps. 106,20</ref>) vergänglicher Wesenheiten<term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit / unvergänglich/Unvergänglichkeit"/>. Es wird irgend eine von den Beziehungen<term type="begriffe" key="Beziehung"/> des Menschen zu den Gegenständen seiner Furcht oder seines Verlangens, zu einem hilfreichen Mittel seines Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/>, zu einem Ergebnis seines eigenen Denkens oder Tuns oder zu einer eindrücklichen Erscheinung<term type="begriffe" key="Erscheinung"/> der Natur<term type="begriffe" key="Natur"/> oder Geschichte<term type="begriffe" key="Erscheinung, geschichtliche"/> <hi rend="italic">an sich wichtig</hi>, so wichtig genommen, als ob nicht auch diese Beziehung gebrochen wäre durch ihren eigenen letztlichen Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/> auf den Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/>, auf den Unbekannten<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, dessen Herrlichkeit eben nicht mit der bekannten Herrlichkeit eines Abbilds vertauscht werden kann, und wenn diese noch so fein und rein wäre, weil sie nicht ihresgleichen ist. Aus der vermeintlich unmittelbaren Begegnung mit Gott<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/>, die nur dann wahr wäre, wenn sie <hi rend="italic">nicht</hi> wahr sein, sich <hi rend="italic">nicht</hi> zu einer «Erfahrung»<term type="begriffe" key="Erfahrung"/> verdichten, wenn sie sich selbst sofort wieder aufheben<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Unmittelbarkeit Gottes"/> und nur offener Raum, Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/>, Anlass und Gelegenheit sein <pb ed="pga" xml:id="p078"/> wollte, entstehen nun gerade jene mittelbaren, abgeleiteten, indirekten, herrenlosen Gottheiten, Kräfte, Mächte und Gewalten (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.38">8,38</ref>), die das Licht des wahren Gottes<term type="begriffe" key="Gott, wahrer G."/> verfärben und verdunkeln. Nirgends mehr Mittelbarkeiten<term type="begriffe" key="Mittelbarkeit"/> als im Reiche der romantischen Unmittelbarkeit<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit, romantische"/> (<placeName ref="kbga-places-372">Indien</placeName>!<note xml:id="n45"> Zu dieser Charakterisierung Indiens war <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vielleicht veranlasst durch seine Lektüre von <bibl corresp="kbga-bibls-3527"><persName ref="kbga-actors-508">W. Bonsels</persName>, <hi rend="italic">Indienfahrt</hi>, Frankfurt a.M. 1917</bibl>; s. den Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
      <date when="1920-04-13">13.4.1920</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="3324">S. 378</ref></bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-3527"><persName ref="kbga-actors-508">Bonsels</persName>, S. 244f</bibl>.</note>). Und wo immer jene qualifizierte Distanz<term type="begriffe" key="Distanz, zwischen Mensch und Gott"/> zwischen dem Menschen und dem Letzten<term type="begriffe" key="Gott, der Erste und Letzte"/>, der ihn begründet<term type="begriffe" key="begründet in Gott"/>, übersehen und missachtet wird, da muss sich der Fetischismus<term type="begriffe" key="Fetischismus"/> einstellen, der an <hi rend="italic">«Vögeln und Vierfüßlern und Würmern»</hi> und zuletzt und zuerst an der <hi rend="italic">«Gestalt des vergänglichen Menschen»</hi><term type="begriffe" key="vergänglich/Vergänglichkeit"/> («Persönlichkeit»<term type="begriffe" key="Persönlichkeit"/>, «das Kind», «die Frau»<term type="begriffe" key="Frau"/><note xml:id="n46"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/pr024#pr024">S. XXIV­-XXV</ref>.</note>) und an dessen geistig-materiellen Schöpfungen, Bildungen und Darstellungen (Familie<term type="begriffe" key="Familie"/>, Volk<term type="begriffe" key="Volk"/>, Staat<term type="begriffe" key="Staat"/>, Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, Heimat<term type="begriffe" key="Heimat"/> usf.<note n="u" type="textcritical" xml:id="nu"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «Kirche, Geld, u.s.f.».</note>) Gott erlebt – und Gott, der jenseits von allem Dies und Das wohnt, preisgibt. So wird Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>, so werden die Götzen<term type="begriffe" key="Götze"/> aufgerichtet.</p>
      <p><hi rend="italic">«Darum hat sie Gott preisgegeben».</hi> Jene Vertauschung rächt sich, sie wird ihre eigene Strafe. Das Vergessen<term type="begriffe" key="Vergessen"/> des wahren Gottes<term type="begriffe" key="Gott, wahrer G."/> ist selbst schon das Losbrechen seines Zornes gegen die, die ihn vergessen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">1,18</ref>). Das Unternehmen der Aufrichtung des Nicht-Gottes<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/> rächt sich damit, dass es <hi rend="italic">gelingt.</hi> Die vergötterten<term type="begriffe" key="Vergöttlichung"/> Natur- und Seelenkräfte <hi rend="italic">sind</hi> nun Götter<term type="begriffe" key="Götter"/> und beherrschen als <persName ref="kbga-actors-2900">Jupiter</persName> und <persName ref="kbga-actors-9654">Mars</persName>, <persName ref="kbga-actors-9655">Isis</persName> und <persName ref="kbga-actors-9656">Osiris</persName>, <persName ref="kbga-actors-9657">Kybele</persName> und <persName ref="kbga-actors-9658">Attis</persName> unsre Lebensatmosphäre. Unser Handeln <hi rend="italic">wird</hi> nun bestimmt durch das, was wir ja wollen. Zwangsläufig <hi rend="italic">erreichen</hi> wir das Ziel, das wir uns selbst gesetzt haben: dass alle die von uns in ihrer Bedeutung verkannten Abbilder und Gleichnisse<term type="begriffe" key="Gleichnis"/> sich selbst Zweck und Inhalt und Ende<term type="begriffe" key="Ende"/> werden. Nun wird der Mensch Knecht<term type="begriffe" key="Knecht"/> und Spiel<pb ed="A" n="27" break="no"/>ball der Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/>, all der «Natur»<term type="begriffe" key="Natur"/> und «Kultur»<term type="begriffe" key="Kultur"/>, deren Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, der Natur und Kultur"/> und Begründung in Gott er übersehen, und ihn schützt nun kein Höherer vor dem, was er selbst zu seinem Höchsten gemacht hat. Die Unreinheit seines Gottesverhältnisses<term type="begriffe" key="Gottesverhältnis"/> stürzt auch sein Leben in Unreinheit<term type="begriffe" key="Unreinheit"/>. Hat Gott seine Herrlichkeit verloren, so verliert sie auch der Mensch. Geschändet ist mit dem Innern auch das Äußere, mit den <pb ed="pga" xml:id="p079"/> Seelen die Leiber, denn der Mensch ist Einer. Nun wird die Dinglichkeit<term type="begriffe" key="Dinglichkeit"/> die Kreatürlichkeit seines Lebens zu seiner Unehre. Nun wird Libido<term type="begriffe" key="Libido"/><note xml:id="n47"> Zentralbegriff in der psychoanalytischen Theorie von <persName ref="kbga-actors-985">S. Freud</persName> für den von Kindheit an in verschiedenen Erscheinungsformen im psychischen Leben obwaltenden sexuellen Trieb; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3528"><persName ref="kbga-actors-985">S. Freud</persName>, <hi rend="italic">Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie</hi> (1905), in: ders., <hi rend="italic">Gesammelte Werke</hi>, Bd. 5: <hi rend="italic">Werke aus den Jahren 1904-1905</hi>, hrsg. von A. Freud, Frankfurt a.M. 1972<hi rend="sup">5</hi>, S. 29–145</bibl>.</note>, die Sexualität<term type="begriffe" key="Sexualität"/> im engern und weitern Sinn, als Urkraft seines ganzen Begehrens und Strebens, aufs höchste bedenklich und verdächtig. Nun muss er die ganze Schmach des Weltlaufs als Schmach ertragen, beklagen, verfluchen und in seiner Gottesferne<term type="begriffe" key="Gottesferne"/> immer aufs neue erzeugen. Den bekannten Gott dieser Welt<term type="begriffe" key="Welt, Gott dieser W."/> wollte er erleben. Den bekannten Gott erlebt er nun.</p>
      <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.25 Röm.1.27">V. 25‒27</ref> Sie haben die Wahrheit Gottes umgetauscht gegen die Lüge und die geschaffene Welt als heilig und verehrungswürdig behandelt an Stelle des Schöpfers – welcher ist der Hochgelobte in Ewigkeit! Amen. Darum hat sie Gott preisgegeben an schandbare Leidenschaften: es haben ihre Weiber den natürlichen Geschlechtsverkehr vertauscht mit dem unnatürlichen, und ebenso auch die Männer haben verlassen den natürlichen Verkehr mit dem Weibe und sind in ihrem Verlangen nacheinander entbrannt. Mann an Mann treiben sie Schande und empfangen am eigenen Leibe den zu erwartenden Lohn ihrer Verirrung.</hi></p>
      <p><hi rend="italic">«Sie haben die Wahrheit umgetauscht gegen die Lüge.»</hi> Der Abfall von Gott<term type="begriffe" key="Abfall, des Menschen von Gott"/>, der grundsätzlich eingetretene, wird bald schärfere Formen annehmen. Das unmittelbare<term type="begriffe" key="Unmittelbarkeit"/> Erleben<term type="begriffe" key="Erleben"/> Gottes in der Kreatur könnte eine gelegentliche gleichsam spielerische Verwechslung sein, ein mehr oberflächlicher Irrtum, die Auflösung der Wahrheit Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Wahrheit"/> in die Fülle von allerlei Weltwahrheiten. Aber wenn einmal die Möglichkeit dazu da ist, so wird die ernsthafte Vertauschung der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit und Lüge"/> mit der Lüge nicht lange auf sich warten lassen. Der kleine Nebel<term type="begriffe" key="Nebel"/> in der Mitte zwischen Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/>, wo die Distanzen<term type="begriffe" key="Distanz, zwischen Mensch und Gott"/> sich verwischen, wird zum Wolkenmeer, in dem die Gegenpole<term type="begriffe" key="Pol, Gegenpol"/> als solche unkenntlich werden. Der halbbewusste Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zum unbekannten Gott"/> zu dem unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> wird offenkundig. Das geblendete Auge wird krank. Die gelegentlich auf den Thron erhobenen Mächte und Gewalten leben sich dort ein und umgeben sich mit dem Strahlenkranz der «ewigen Kraft und Gott<pb ed="pga" xml:id="p080" break="no"/>heit» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">1,20</ref>), während der Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/>, der ewige Ursprung<term type="begriffe" key="Gott, Ursprung"/>, immer «abstrakter», «theoretischer», unbeliebter und unbedeutsamer wird. Nicht-Gott<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/>, der Höchst-Konkrete, siegt, wenn auch ein kahler Rest des Unbekannten oberhalb der innerwelt<pb ed="A" n="28" break="no"/>lichen Wichtigkeiten und Herrlichkeiten, ein letztes gelegentlich angerufenes Geheimnis jenseits dessen, was wir Gott heißen, übrig bleibt. Die einzige Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/>: der unbekannte<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, der lebendige Gott<term type="begriffe" key="Gott, lebendiger"/>, erscheint nun luftig, problematisch, irreal – wogegen das höchst Luftige, Problematische und Irreale: die von ihm gelöste Welt, der durch keine Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Gott"/> an ihn gebrochene Mensch<term type="begriffe" key="Gebrochenheit"/> in einem Heiligenschein von Sicherheit, Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> und Realität<term type="begriffe" key="Realität"/> dasteht. Die Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> ist «heilig und verehrungswürdig» – zur Not auch abgesehen vom Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/>: Darüber sind die naturwissenschaftlich-historische<term type="begriffe" key="Naturwissenschaft"/> und die philosophisch-theologische<term type="begriffe" key="Philosophie, philosophisch-theologische Weltanschauung"/> Weltanschauung<term type="begriffe" key="Weltanschauung"/> einiger als es aussieht. Die Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> steht nicht bloß neben Gott, sondern sie ist an seine Stelle getreten, sie ist selbst Gott geworden und fordert «dieselbe Pietät wie der Fromme alten Stils für seinen Gott» 
      (<persName ref="kbga-actors-398">D. Fr. Strauß</persName>)<note xml:id="n48"> <bibl corresp="kbga-bibls-3529"><persName ref="kbga-actors-398">D. Fr. Strauß</persName>, <hi rend="italic">Der alte und der neue Glaube. Ein Bekenntniß</hi> (1872), Gesammelte Schriften, Bd. 6, Bonn 1877, S. 97</bibl>: «Wir fordern für unser Universum dieselbe Pietät, wie der Fromme alten Stils für seinen Gott.»</note>. 
      Die Gegensätze <hi rend="italic">innerhalb</hi> dieser Gottwelt aber (Natur<term type="begriffe" key="Natur"/> und Kultur<term type="begriffe" key="Kultur"/>, Materialismus<term type="begriffe" key="Materialismus"/> und Idealismus<term type="begriffe" key="Idealismus"/>, Kapitalismus<term type="begriffe" key="Kapitalismus"/> und Sozialismus<term type="begriffe" key="Sozialismus"/>, Weltlichkeit<term type="begriffe" key="Weltlichkeit"/> und Kirchlichkeit<term type="begriffe" key="Kirchlichkeit"/>, Imperialismus<term type="begriffe" key="Imperialismus"/> und Demokratie<term type="begriffe" key="Demokratie"/> u. ä.) sind so ernsthaft nicht, wie sie sich geben. Sie sind Gegensätze <hi rend="italic">innerhalb der</hi>
      Welt<term type="begriffe" key="Welt"/>, für die es kein Paradox<term type="begriffe" key="Paradox"/>, kein Nein, keine Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit, keine"/> gibt.</p>
      <p><hi rend="italic">«Darum hat sie Gott preisgegeben!»</hi> Die ungebrochene Natürlichkeit<term type="begriffe" key="Ungebrochenheit"/> ist <hi rend="italic">nicht</hi> rein<term type="begriffe" key="Unreinheit"/>. Es hilft ihr nichts, wenn sie religiös<term type="begriffe" key="religiös"/> verklärt wird. Es ist in ihr immer die Unnatur und Widernatur verborgen, die nur auf die Stunde ihres Durchbruchs wartet. Der Vertauschung von Gott und Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> entspricht, weil sie ein Laufenlassen der Natur<term type="begriffe" key="Natur, des Menschen"/> bedeutet, die Vertauschung des Unentbehrlichen, Unvermeidlichen<term type="begriffe" key="unvermeidlich"/> an seine dämonische<term type="begriffe" key="dämonisch"/> Karikatur, die doch grundsätzlich mit jenem auf einer Linie liegt. Das ohnehin Bedenkliche rollt dem Absurden entgegen. Libido<term type="begriffe" key="Libido"/> wird alles, das Leben Erotik<term type="begriffe" key="Erotik"/> ohne Grenze. Denn die Grenze zwischen dem «Normalen» und dem Perversen öffnet sich, wenn zwischen Gott und Mensch<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/> nicht eine geschlossene Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze"/>, eine letzte unerbittliche Schranke<term type="begriffe" key="Schranke"/> und Hemmung ist.</p> 
      <p><pb ed="pga" xml:id="p081" rend="noPipe"/><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.28 Röm.1.31">V. 28‒31</ref></hi> Noch ist eine letzte Verschärfung dieser Lage denkbar und Tatsache: Auch in dem verkehrten Gottesverhältnis<term type="begriffe" key="Gottesverhältnis"/> ist noch ein Rest von «vernünftigem Schauen», eine letzte warnende Besinnung<term type="begriffe" key="Besinnung"/> auf das dem religiösen Übermut<term type="begriffe" key="Übermut, religiöser"/> widerstehende Geheimnis Gottes<term type="begriffe" key="Gott, Geheimnis"/>. Ein Abglanz<term type="begriffe" key="Abglanz"/> von diesem Geheimnis liegt auch auf den zu Göttern gewordenen Weltkräften<term type="begriffe" key="Weltkraft"/>, auch auf dem vergöttlichten<term type="begriffe" key="Vergöttlichung"/> Weltall<term type="begriffe" key="Weltall"/>, und dieser kahle Rest des Unbekannten oberhalb des Nicht-Gottes<term type="begriffe" key="Nicht-Gott"/> wird sich gelegentlich als Ahnung und Schauer hemmend geltend machen. Aber auch das kann aufhören. Das kranke Auge kann blind<term type="begriffe" key="blind/Blinder"/>, der Mangel an Erkenntnis kann zur Unkenntnis Gottes<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Unkenntnis Gottes"/>, zur «Agnosie»<term type="begriffe" key="Agnosie"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.34">1.Kor. 15,34</ref>) werden: <hi rend="bold">Wie sie das Urteil einbüßten,</hi>
      das <hi rend="bold">zur Erkenntnis Gottes</hi>
        nötig ist (sie sind nicht mehr fähig, im Ernst zu er<pb ed="A" n="29" break="no"/>staunen und zu erschrecken, mit etwas anderem zu rechnen als mit Empfindungen, Erfahrungen<term type="begriffe" key="Erfahrung"/> und Erlebnissen<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, sie denken überhaupt nur noch in mehr oder weniger geistreichen Sophismen<term type="begriffe" key="Sophismus"/>, ohne Oberlicht<term type="begriffe" key="Oberlicht"/> und Hintergrund), <hi rend="bold">so hat Gott sie preisgegeben an ihre nichtsnutzige Vernunft, dass sie nur noch Verkehrtes fertig bringen, angefüllt sind mit lauter Unbotmäßigkeit, Unbrauchbarkeit, Habsucht, Bosheit, voll Neid, Mordlust, Zank, Lug und Trug, Zischler, Verleumder, Pietätlose, Frechlinge, Protzen und Prahler, erfinderisch in Gemeinheiten, den Eltern widerspenstig, einsichtslos und charakterlos, herzlos und erbarmungslos</hi>. So tritt die letzte Entleerung und Zersetzung ein, das Chaos<term type="begriffe" key="Chaos"/> zerfällt in seine Bestandteile und es wird alles möglich. Nun wirbeln die Atome, nun wütet der Kampf ums Dasein<term type="begriffe" key="Dasein, Kampf ums D."/><note xml:id="n49"> Vgl. den Titel von <persName ref="kbga-actors-2013">Ch. Darwins</persName> Buch <bibl corresp="kbga-bibls-2008"><hi rend="italic">On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle of Life</hi>, London 1859</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2396">in der deutschen Übersetzung, hrsg. von H. G. Bronn, Stuttgart 1860: <hi rend="italic">Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe um’s Daseyn.</hi></bibl></note>. Unvernünftig geworden die Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft"/> selbst, ohne Metallgehalt auch die Gedanken der Pflicht und der Gemeinschaft. Eine Welt voll persönlicher Willkür<term type="begriffe" key="Willkür"/> und sozialen Unrechts<term type="begriffe" key="soziales Unrecht"/> tut sich auf – nicht nur im <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> der Kaiserzeit. Die wahre Natur<term type="begriffe" key="Natur, des Menschen"/> unsres ungebrochenen<term type="begriffe" key="Ungebrochenheit"/> Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/> ist es, die sich hier auftut. Unsre Ehrfurchtslosigkeit<term type="begriffe" key="Ehrfurchtslosigkeit"/> und Unbotmäßigkeit<term type="begriffe" key="Unbotmäßigkeit"/> steht unter Gottes Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn im Gericht"/>. Und nun ist uns sein Gericht <hi rend="italic">Gericht</hi><term type="begriffe" key="Gott, Gericht"/> und nichts als das, und wir erfahren die <pb ed="pga" xml:id="p082"/> Unmöglichkeit des Menschen als seine wirkliche und endgültige <hi rend="italic">Unmöglichkeit</hi><term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/>.</p>
      <p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.32">V. 32</ref></hi> Es sollte nicht schwer fallen, diesen Zusammenhang einzusehen, aber <hi rend="bold">sie kennen die Rechtsordnung Gottes, dass, die in solcher Richtung treiben, todeswürdig sind, und doch machen sie nicht nur mit, sondern billigen auch noch diese Richtung.</hi> Das ist die Weisheit der Nacht, die sich selbst zum Narren hält (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.22">1,22</ref>). Narrheit ist sie, weil sie unerschütterlich festhält an einer Flächenbetrachtung der menschlichen Dinge<term type="begriffe" key="Ding"/>, die durch die Tatsachen fortlaufend widerlegt wird. Sie sieht, wohin der ungebrochene Weg<term type="begriffe" key="Ungebrochenheit"/> des Menschen führt, sie ist sich über die Bedeutung seiner Richtung und seines Zieles<term type="begriffe" key="Ziel"/> nicht im unklaren. Sie kennt die Ursache und sieht die Wirkung<term type="begriffe" key="Ursache, und Wirkung"/>, aber sie wagt es nicht, sich Halt!<term type="begriffe" key="Halt!"/> gebieten zu lassen. Immer begleitet die befremdliche Klage über die Hinfälligkeit<term type="begriffe" key="Hinfälligkeit, des Lebens"/> des irdischen Daseins<term type="begriffe" key="Dasein"/> und die in ihrer Begründung auf diesem Boden ebenso wenig einzusehende Anklage gegen die menschliche Sündhaftigkeit den Weg des seinen Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/> vergessenden<term type="begriffe" key="Vergessen"/> Menschen; aber das letzte ist doch immer, dass sie<note n="v" type="textcritical" xml:id="nv"><ref corresp="C">Druckmanuskript</ref>: «wir».</note> den Blick auf diesen Boden heften und das darauf gebaute Ganze bejahen, wollen, fortsetzen, gutheißen und – gegen jeden grundsätzlichen Protest<term type="begriffe" key="Protest"/> in Schutz nehmen. Warum ist es so schwer, sich des Vergessenen<term type="begriffe" key="Vergessen"/> zu erinnern, wo doch die Wirkung dieses Vergessens, das Ende unsrer Nachtwanderung, der <hi rend="italic">Tod</hi><term type="begriffe" key="Tod"/>, so offenkundig ist?  </p>  
    </div>

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