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Vorwort zur fünften Auflage
Der fortgesetzte literarische und sachliche «Erfolg» dieses Buches gibt mir, dem Verfasser, zu denken. Es kann dem Leser nur nützlich sein, wenn ich ihm an meinen Erwägungen Anteil gebe. – Ich sehe mich in die Mitte zwischen zwei Fragen gestellt:
Habe ich denn, als ich diese Arbeit tat, so sehr gesagt, wonach den Leuten die Ohren jückten [vgl. 2.Tim. 4,3], was nach dem Kriege speziell in Deutschland sozusagen in der Luft lag, was den besondern «Archonten dieses Äons» [vgl. Eph. 1,21] in unsrer Zeit genehm und willkommen war – dass ich damit gestraft werden musste, ziemlich weitgehend Mode zu werden, gestraft mit der Existenz von regelrechten «Barthianern»
(wie es in der Bismarckzeit «Ritschlianer» gab)? Dass nun jedes in diesem Buch gesagte Wort über menschliche allzu menschliche Blasenbildungen besonders religiöser Art, ihre Ursachen, Art und Wirkungen, geradewegs gegen mich selber sich zu richten scheint? Ich meinte doch damals, als ich das Buch schrieb, gegen den Strom zu schwimmen, gegen verschlossene Türen zu hämmern, niemandem oder den wenigsten zu Gefallen zu reden. Habe ich mich darin getäuscht? Wer kennt seine Zeitgenossen, wer kennt sich selber ganz? Wer das Maß, in dem er treibt und getrieben wird? Muss es mich nicht stutzig machen, zu sehen, welche theologischen Bücher zu gleicher Zeit ähnlichen Eindruck gemacht haben? Habe ich mich über die Welt und über mich selbst dahin getäuscht, dass ich als schlechter Theologe nolens volens der Knecht des Publikums gewesen bin, täuscht sich auch der Leser, der etwas für geistgemäß hält, was doch nur zeitgemäß, für Paulus, Luther und
Calvin, was doch nur ein Absud aus Nietzsche, Kierkegaard und Cohen ist – ist das die Wahrheit, was bleibt mir dann übrig, als das Gericht zu anerkennen, unter das ich dann offenbar gerade in Form des bewussten «Erfolges» gestellt bin? Warum sollte das nicht die Wahrheit sein? Ist es nicht die Wahrheit, so ist es sicher nicht mein und meines Buches Verdienst. Man hat es mir seiner Zeit als Hochmut ausgelegt, als ich im Vorwort zur ersten |36 Auflage sagte,
dieses Buch könne warten.1 War es Hochmut, so rächt es sich vielleicht jetzt damit, dass das Buch im Unterschied zu vielen besseren Büchern nicht zu warten brauchte, sondern mit anderem, was auch eitel ist [vgl. Pred. 1,2], den Beifall fand, mit dem sein Urteil gesprochen ist. Dass alles Fleisch wie Gras ist [vgl. 1.Petr. 1,24a], das pflegt auf Erden in Form von bedenklichen Erfolgen noch sichtbarer zu werden als in Form von entsprechenden Misserfolgen. Das ist meine erste Frage und ich wollte wohl, dass gerade meine geneigten Leser sich mit mir von ihr betroffen fühlen und an ihrem Gewicht mitXXVItragen möchten. Schon damit sie sich so wenig wundern möchten wie ich, wenn es auch hier eines Tages deutlich weiter heißen wird: Das Gras ist verdorret und die Blume ist abgefallen [vgl. 1.Petr. 1,24b].
Die zweite Frage ist noch ernsthafter. Es könnte ja auch sein, dass alle im Sinn jener ersten Frage zu erhebenden Einwände recht hätten und dass dann doch, bei aller mitlaufenden weltlichen Eitelkeit und Verkehrtheit kraft der justificatio forensis
mit dem, was in diesem Buch gesehen und gesagt (gleichzeitig und unabhängig und anders als von mir übrigens wirklich auch von andern gesehen und gesagt) ist, etwas herausgestellt wäre, was die Theologie und Kirche unsrer Zeit hören, an dem sie sich orientieren musste, wie es denn weithin tatsächlich geschehen ist. Aber wie stehe ich dann da? Und mit mir wiederum gerade der geneigte Leser?
Was soll ich sagen, wenn hier vielleicht ohne mich und gegen mich etwas Wahres, Rechtes, Notwendiges an den Tag gekommen ist, für dessen reine Fortsetzung, Vertiefung und Durchführung ich als einer von denen, die im entscheidenden Augenblick ins Horn stießen, nun doch so verantwortlich bin, wie es mir (zu meinem Entsetzen, muss ich ehrlich sagen) durch die entstandene Lage zugemutet scheint. Ich kann auch in dieser Hinsicht nur sagen, dass ich, als ich im fernen Frieden meines Aargauer Pfarrhauses an dem Buche schrieb, wohl das vermutlich jedem eifrigen Autor bekannte Gefühl hatte, Richtiges und Wichtiges vorzubringen, aber keine Ahnung, dass die Sache so weit führen, dass der Apostel Paulus, wie ich ihn zu hören meinte, solches Echo erwecken, dass ich mit |37
diesem Buch so vielen ernsthaften Menschen das Recht geben werde, mich mit der Frage nach weiteren Zusammenhängen, Konsequenzen und Anwendungen oder auch nur nach ausdrücklichen Wiederholungen des hier ans Licht Gestellten in die Enge zu treiben. Als ob ich der Mann dazu wäre! Admiral Tirpitz schreibt in seinen Lebenserinnerungen, es sei leicht ein Fähnlein auf die Stange zu setzen, aber schwer, es mit Ehren wieder herunterzuholen.2 Ich füge hinzu: und noch schwerer – wenn allenfalls das Herunterholen irgendwie nicht in Frage kommen sollte –, es mit Ehren droben zu behalten. Und das ist mein Fall: Ich wollte schon oft, ich hätte dies Buch nicht geschrieben, wenn ich mir wieder und wieder klar machte, was nun, da ich es geschrieben, weiter zu tun wäre. Besonders da es mich Leichtbewaffneten über Nacht auch noch in das verantwortungsvolle Amt eines Universitätslehrers hineingebracht hat, wo jeder Tag in sehr konkreter Weise zur Aufforderung wird, den angesetzten Pflug nun wirklich zu führen, wo aber auch jeder Tag ebenso konkret daran erinnert, wie unendlich schwer es im einzelnen XXVII ist, auf dem Feld der christlichen Lehre das bitter notwendige «Neue» zu pflügen [vgl. Jer. 4,3; Hos. 10,12]. Darf man den «Erfolg» meines Römerbriefes auch von dieser günstigeren Seite deuten, ist das Buch trotz allem, was dagegen mit Recht gesagt werden kann, ein Zeichen dafür, dass eine wenn auch sehr bescheidene Bresche geschlagen ist in die Mauer der innern und äußern Not des modernen Protestantismus – wie beschämend und bedrückend ist es dann für mich und für meinen Leser, gerade wenn er ein geneigter, verstehender, mitgehender Leser ist, dass wir in diesem Augenblick nicht ganz andere Leute sind, nun Schlag auf Schlag das zu sagen und zu tun, was jetzt – wenn nicht alles eine Fata Morgana gewesen sein soll – gesagt und getan werden müsste, um der Not und zugleich der Hoffnung der Kirche gerecht zu werden! Ich lese eben folgende trefflichen Verse, die ein mir persön|38lich unbekannter Pfarrer im Hessenland mir zugedacht haben soll (abgedruckt in «Kirche und Welt» Januar 1926)3:
Gott braucht Menschen, keine Leute
mit der großen Menschheitsphrase –
Hunde braucht er, die ins Heute
stecken scharfe Hundenasen
und darin das Ewige spüren;
wär’s auch noch so tief verborgen
und dann bleiben, treiben, führen
an der Fährte bis ins Morgen.
Ja: Gott braucht...! Und ein solcher Domini canis4 wollte ich wohl sein, und für diesen Orden möchte ich auch alle meine Leser gewinnen, und insofern könnte ich mir eine verständnisvollere Rezension meiner Bücher als diese gar nicht denken. Aber auch keine kritischere! Denn wer kann seiner Länge eine Elle zusetzen? [vgl. Mt. 6,27 par.]. Und so wird der «Erfolg» wohl, auch von dieser Seite gedeutet, faktisch ein Gericht sein, in dem wir stehen.
Man wird beide Deutungen der problematischen Tatsache im Auge behalten müssen. Ich wünsche gerade meinem sinnigen und willigen Leser (von und zu den andern will ich diesmal nicht reden), dass er mit mir einsieht die Strenge und die Güte, die uns miteinander dazu treiben, zu bedenken, dass wir einen Herrn haben. Irgend ein Äquivalent für die konkrete Bedrohung und Bedrängnis, in der man im 16. Jahrhundert (immer ein wenig unter dem Galgen) als protestantischer Christ und Theologe seines Glaubens lebte, wird ja auch im 20. Jahrhundert für die, die kämpfende Kirche zu sein sich nicht scheuen möchten, nicht zu umgehen sein. Ich für meinen Teil brauche mich |39 nur der Dialektik des Begriffes «Erfolg» zu erinnern, um wenigstens etwas von diesem Äquivalent alsbald zu Gesicht zu bekommen. Moniti discamus!5
Das ist’s, was ich dem Buche diesmal vorausschicken wollte.
Münster i. W., im Februar 1926