Februar 1924

Vorwort zur vierten Auflage

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Vorwort zur vierten Auflage

Das Bedenken, wie vieles in diesem Buch auf Grund fremder und gemeinsamer Weiterarbeit verdeutlicht, zurechtgestellt, anders gesagt werden müsste, hat mich seit der vorhergehenden Auflage nicht verlassen, im Gegenteil. Aber mit Flicken mag ich nicht erst anfangen und zu einer Umgestaltung an Haupt und Gliedern, wie ich sie 1920 unternehmen konnte, werde ich wohl noch lange keine Zeit finden, wie ich auch die überlegene Stelle noch nicht sehe, von der aus die Sache in entscheidender Weise besser zu machen wäre. Sehe ich sie einmal, dann wird sich sicher auch die nötige Zeit finden, um ganze Arbeit zu tun. Vorläufig muss das Buch wieder so ausgehen, wie es ist. Die Leser, auf die es ankommt, werden es sich ja nicht verdrießen XXIV lassen, an Hand der laufenden theologischen Aussprache, soweit sie aus größerer oder geringerer Nähe auch die Probleme des «Römerbriefs» berührt, die bei der Lektüre notwendigen Vorbehalte und Erweiterungen selber vorzunehmen.

Aus der äußern Geschichte des Buches ist gewiss erwähnenswert, dass Jülicher es inzwischen in einer zweiten Rezension, sein «letztes Wort» sagend, als «der Hybris eines Pneumatikers» entsprungen erklärt hat1, während das Organ der holländischen Gereformeerden, befremdet über all die darin enthaltenen «negaties», «tot groote voorzichtigkeit» ihm gegenüber ermahnt und von seiner Art erklärt, sie könne «daarom de onze niet zijn»2. Mehr zu denken gaben mir meh|33rere Voten von katholisch-theologischer Seite, bei denen ich teilweise auf ein sachliches Verständnis dessen, worum es hier geht, und vor allem auf ein theologisches Diskussionsniveau gestoßen bin, das ich nicht eben vielen von meinen verehrlichen Rezensenten diesseits des großen Grabens zuerkennen könnte. Wie soll man diese mir wirklich unerwartete Begegnung in gewissen gemeinsamen Grundsätzen deuten? Erich Przywara S. J. konstatiert bei unsrer «Schule»(!) im Gegensatz zu der Otto-Heilerschen «eine urechte Wiedergeburt des Protestantismus», den «Gluthauch alter Reformatorenleidenschaft».3 Joseph Engert meint und beweist umgekehrt, der Inhalt meines «Römerbriefs» lasse sich in allen Hauptpunkten (mit Ausnahme der in Kap. 9–11 entwickelten Lehre von der Kirche!) ebenso gut, nur viel klarer und einfacher in den Sätzen des Thomas, des Tridentinums und des römischen Katechismus ausdrücken.4 Beides ist offenbar nicht ganz dasselbe. Vielleicht müssen sich auch die katholischen Herren Gesprächspartner erst unter sich verständigen, als was sie uns eigent|34lich anreden wollen. Dann werden wir ihnen weitere Antwort nicht schuldig bleiben. Vorläufig gestehe ich aber offen, dass ich die hier aufgetauchte Möglichkeit einer nicht nur historischen, sondern sachlichen Unterhaltung mit den Theologen der alten Kirche als ein gutes und verheißungsvolles Zeichen für beide Teile aufgefasst habe. Wer sich, wie «wir» es allerdings möchten, in die Nähe der reformatorischen Theologie begibt, der wird sich auch der ebendamit sich einstellenden Nähe der Voraussetzung jener: der Nähe der mittelalterlichen Theologie (bei gründlichstem Abscheu vor allen mystizisierenden, hochkirchlichen und «evangelisch-katholischen» Dilettantismen) nicht schämen dürfen und – tut es auch nicht.

Sachfußnoten

1
A. Jülicher, Barth, Prof. Karl: Der Römerbrief. 2. Auflage in neuer Bearbeitung, in: ThLZ, Jg. 47 (1922), Sp. 537–542. 📖 Die Rezension schließt mit den Worten: «Aber, daß Barths Versuch, den Paulus mit Beschlag zu belegen für eine Weltanschauung, die schon seinem naiven Schrift- (und dadurch in gewissem Sinn doch wieder Buchstaben-) glauben ins Gesicht schlägt, der Hybris eines Pneumatikers entspringt und nicht aus nüchterner Wissenschaft, ist das letzte Wort, das ich über einen Römerbrief Barths sagen werde.»↩
2
Die Worte beziehen sich auf die abweisende Beurteilung von F. W. Grosheide, Karl Barths verklaring van den Brief aan de Romeinen, in: De Reformatie. Weekblad tot ontwikkeling van het gereformeerde leven, Jg. 3 (1922/23), Nr. 28 vom 13.4.1923. 📖 Dort heißt es auf S. 221 (in deutscher Übersetzung): «Unsere Zeit ist eine Zeit [...] von Negationen.» «Aber es läuft falsch, wenn Barth meint, die Absolutheit Gottes nur dadurch zum Ausdruck bringen zu können, dass alles andere relativ und zur Negation gemacht wird [...]. Barths Erklärung des Römerbriefs mahnt uns darum zu großer Vorsicht. Mögen wir uns daran erfreuen, dass hier nicht der Tod im Topf ist, dass von einem Eingehen auf den Text, von einem persönlichen Miterleben die Rede ist [...], die Art, mit der dies geschieht, lässt der Autorität eines über uns stehenden Wortes Gottes kein Recht widerfahren [...] und kann deshalb nicht die unsere sein.»↩
3
E. Przywara, Gott in uns oder Gott über uns? (Immanenz und Transzendenz im heutigen Geistesleben), in: StZ, Jg. 53, 105. Bd. (1923), S. 343–362, dort S. 350.355 📖; wieder abgedruckt in: ders., Ringen der Gegenwart, Gesammelte Aufsätze, 2. Bd., Augsburg 1929, S. 543–578, dort S. 553.564 📖.↩
4
J. Engert, Metaphysik und Historismus im Christentum, in: Hochland, Jg. 21 (1923/24), S. 502–517.638–651; dort S. 506 📖: «Wenn Barth sich einmal die Mühe nehmen wollte, zu erforschen, was die Alten mit ihrer Typologie und dem doppelten Sinn der Schrift sagen wollten (dem sensus historicus und mysticus, etwa nach Thomas von Aquin, Summa theologica I q I a 10 📖), dann würde er seine Anschauungen in viel klarerer Form wiederfinden.» – S. 508: Das von Barth richtig herausgehobene «absolut Theozentrische des Christentums Pauli» entspricht dem «Wesen aller katholischen Frömmigkeit», «ausgesprochen vor allem in der Gnadenlehre», zu der «das einzige authentische Buch» «das Tridentinum» ist. – S. 515 zu Barths Auslegung von Röm. 12–14: «Ich finde, daß das alles viel einfacher – in jedem katholischen Katechismus gesagt ist».↩