§ 1 ZWINGLI IM URTEIL DES LUTHERTUMS
2.XI.22
Eine eingehendere Beschäftigung mit Ulrich Zwingli ist ein Unternehmen, das sich jedenfalls in Deutschland nicht von selbst versteht. Sie brauchen nicht weit zu gehen, um die Meinung zu hören, daß das Studium Zwinglis und seiner
Theologie allenfalls für Schweizer geboten und nützlich, für andere Reformierte im Hinblick auf die überragende Bedeutung Calvins verhältnismäßig entbehrlich und für die allgemeine theologische Forschung jedenfalls keine wichtige Angelegenheit sei. Diese Meinung begründet sich natürlich auf ein ganz bestimmtes historisches Urteil über Zwinglis Leistung und Bedeutung für
das Ganze der Reformation und des Protestantismus. Der Name Zwingli ist in der neuen Dogmengeschichte ein Zeichen, dem in mehr als gewöhnlicher Weise widersprochen wird [Lk. 2,34]. Sein Werk erscheint dann etwa als Stumpengeleise1, das unnötiger- und unerfreulicherweise an einer bestimmten
Stelle von der großen Bahn der lutherischen Reformation seitwärts abbiegt ins geschichtlich Bedeutungslose oder doch Unbeträchtliche, wenn nicht gar als ein Teil jenes großen Irrwegs, für den sonst die Namen Münzer, Karlstadt, Schwenckfeld, Sebastian Franck, die Bezeichnungen Täufer- und Schwärmertum charakteristisch sind. Das Vorhandensein dieses historischen Urteils
macht sich selbst bei den Theologen bemerkbar, die, Ausnahmen von der Regel, Zwingli aufmerksam, freundlich und positiv gegenüberstehen. Ich nenne Hundeshagen, Beiträge zur Kirchenverfassungsgeschichte, I. Bd., Wiesbaden 1864
📖2,
I. Aug. Dorner Geschichte der protestantischen Theologie,
München 1867
📖3, A. Ritschl, Rechtfertigung und Versöhnung, I. Bd., |4 4. Kap.
📖4 Sie befinden sich sichtlich in der Defensive und sind so in ihrer Weise
ebenfalls Zeugen für die opinio communis der übrigen Historiker. Ed. Zeller, Das theologische System Zwinglis (Theologische Jahrbücher 1853)
📖5 und
Christoph Sigwart, Ulrich Zwingli, 1855
📖6 - beide als Tübinger Theologen Zwingli freundlich gesinnt - sind sogar ungewollte direkte Bestätigungen dieser opinio communis, sofern sie den Eindruck zu bestärken
scheinen, daß Zwingli mehr als Renaissancephilosoph denn als Reformator anzusprechen sei, und P. Wernle, Der evangelische Glaube nach den Hauptschriften der Reformatoren, II. Bd., Tübingen 1919
📖7, wird doch wohl auf die meisten Leser als
Unterstreichung des bekannten Satzes wirken, daß das Wesentliche und Gute an Zwingli eben das Lutherische, das darüber Hinausgehende aber entweder nicht wesentlich oder nicht gut oder keines
von beidem sei. An dem Vorhandensein jenes historischen Urteils dürfte so oder so nicht viel zu ändern sein. Es macht sich selbst bei reformierten Autoren wie etwa in der Reformationsgeschichte von Hermelink8 mit einer gewissen Selbstverständlichkeit geltend. Auf Grund dieses historischen Urteils dann jene Meinung von der relativen Unwichtigkeit eines eingehenderen Zwingli-Studiums. |
Ich rede von diesem Urteil, weil es uns sofort mitten in die Sache hineinführt. Denn es ist wie alle historischen Urteile dieser wertenden |5
oder abschätzenden Art nicht nur ein historisches, sondern ein sachliches Urteil. Es beruht nicht nur auf objektiver Feststellung von Tatsachen und Zusammenhängen, sondern auf einer ganz bestimmten subjektiven Einstellung zu ihnen. Es ist das Urteil des Luthertums,
auch dann, wenn es zufällig mehr oder weniger bestimmt auch von reformierten Theologen vorgetragen wird. Das Luthertum kann, wenn es nicht sehr feinfühlig ist, sehr
genau weiß, was es will, Calvin und den Calvinismus allenfalls vertragen. Zwingli und das zwinglische Element in der reformierten Kirche und Theologie kann es nicht vertragen. Es kann ihn vielleicht mit weitgehender Gerechtigkeit historisch würdigen, sein letztes Wort aber wird, wenn es mit rechten Dingen
zugeht, immer ein Wort des Bedauerns, des Mißtrauens und der Ablehnung sein müssen. Daß Ritschl Zwingli so anerkennen und belobigen konnte, wie er es getan hat9, würde ich ihm, wenn ich Lutheraner
wäre, sehr übelnehmen. Und diese notwendige sachliche Ablehnung Zwinglis durch das Luthertum kann nun das historische Urteil unmöglich unberührt lassen. Das Bild der Reformationszeit wird bei allem Bemühen
um historische Voraussetzungslosigkeit ein anderes sein, wenn man als konfessionsbewußter Lutheraner gewisse Bedenken und Vorwürfe einfach erheben muß gegen Zwingli, als wenn man als konfessionsbewußter Reformierter diese Bedenken und Vorwürfe vielleicht versteht
und doch Zwingli keinen Augenblick anders haben möchte, als er gewesen ist, weil man seine Motive und Tendenzen, alles Einzelne vorbehalten, in ihrer ganzen Besonderheit als notwendig, als seine eigenen empfindet. Und da nun das Luthertum von jeher
konfessionsbewußter gewesen ist als das Reformiertentum und zudem jedenfalls in der deutschen Theologie unbestritten die Führung hat, erklärt es sich leicht, wie es zu jener opinio communis, der sich auch die deutschen Reformierten nicht ganz entziehen
können, gekommen ist. Wenn ich ihr Urteil sachlich und nicht rein historisch nenne und als das Urteil des Luthertums bezeichne, so möchte ich es damit auch nicht von ferne etwa als unrichtig und wertlos hinstellen.
Im Gegenteil: Gegner haben scharfe Augen, schärfere in der Regel als Parteigänger und schärfere auf alle Fälle als sogenannte Unparteiische und Neutrale. Aus einem Buch wie etwa dem von |6 Friedrich Julius Stahl, Die lutherische Kirche und die Union, Berlin 1859
📖10, ist, wenn man einigermaßen überlegen zu lesen versteht, über Zwinglis Charakter und Bedeutung erheblich viel mehr zu lernen als aus viel wohlgemeinten reformierten oder unionistischen Zwingli-Apologien11. Lassen wir also zur Einführung in die Problematik, die uns
diesen Winter beschäftigen soll, gerade dieses Urteil, das Urteil des Luthertums als solches in einigen seiner Vertreter in der Neuzeit zu uns reden.
Das negative Bild, das sich uns dabei in lauter einzelnen Zügen ergeben wird, zeigt uns vielleicht deutlicher als irgendeine andere Einführung, auf was es im Folgenden positiv ankommen wird.
Es schickt sich dabei, um den Ton anzugeben, einige verstreute Äußerungen von Luther selbst vorauszuschicken. Die berühmteste zuerst. Sie findet sich in Luthers Brief vom 1. Juni 1530 (Enders 7,352f.
📖) an den Prediger Jakob Probst in Bremen in einem Bericht über das Marburger Gespräch.
Luther erzählt da etwas spöttisch, wie die Schweizer mit vielen Worten versprochen hätten, die Gegenwart des Leibes Christi im Abendmahl mit ihnen, den Sachsen, zu bekennen
«veraciter et spiritualiter», wenn wir sie nur Brüder nennen und so Eintracht mit ihnen heucheln wollten. Darum bat Zwingli offen und unter Tränen vor dem Landgrafen und allen Anwesenden, indem er wörtlich sagte: Es sind keine Leute auf Erden, mit denen ich lieber wollt
eins sein, denn mit den Wittenbergern. Denn sie konnten meinen Ausdruck nicht ertragen «Vos habetis alium spiritum quam nos». Da brannten sie jedesmal alle auf, so oft sie das hören mußten. Schließlich haben wir ihnen soviel
eingeräumt, daß sie zwar nicht unsere Brüder seien, aber immerhin die Liebe, die man auch dem Feind schuldet, bei uns nicht vermissen sollten. Als Häretiker habe man sie entlassen, wenn auch mit der Abmachung, die literarische Fehde einzustellen in der Hoffnung, daß Gott ihnen noch das Herz öffnen könnte.12 Seine Ansicht über Zwingli hatte Luther schon zwei Jahre vorher im Großen Bekenntnis vom Abendmahl (E.A. 30,225
📖) dahin |7 zusammengefaßt: «Ich bekenne für mich, daß ich den Zwingel für einen
Unchristen halte mit aller seiner Lehre; denn er hält und lehret kein Stück des christlichen Glaubens recht, und ist ärger worden siebenmal, denn da er ein Papist war, nach dem Urteil Christi Matth. 12,45: es wird mit
solchem Menschen hernach ärger, denn es vorhin war. Solch Bekenntnis tu ich, auf daß ich für Gott und der Welt entschuldigt sei als der ich
mit Zwingels Lehre nicht teilhaftig bin noch sein will ewiglich.»13 Man beachte: «in keinem Stück» des christlichen Glaubens lehrt Zwingli
recht; es handelt sich also für Luther nicht etwa bloß um den Gegensatz in der Abendmahlslehre, sondern irgendwie um das Ganze. Und darum sein Beschluß: «Ich habe Sorge leider, daß ich ein wahrer Prophet sein muß, da ich geschrieben
habe, es werde kein Ketzermeister bekehrt. So will ich nun sie fahren lassen nach der Lehre St. Pauli, Tit. 3,10: Einen Ketzer sollt du meiden, wenn er einmal oder zwier vermahnt ist. Denn sie werdens hinfurt nicht besser machen: es ist heraus, was sie vermögen.»14 |
Auf einen solchen über die Abendmahlsdifferenz weit hinausgreifenden Gegensatz weist auch eine wenig bekannte Stelle aus den Tischreden hin (E.A. 61,16
📖), wo Zwingli schwärmerische Vermessenheit und «Dummkühnheit» vorgeworfen wird. «Perrumpamus!» habe er gesprochen,
lasset uns hindurchreißen oder durchbrechen! In drei Jahren wollte er Hispania, Frankreich, Engeland und ganz Deutschland zum Evangelium bringen, und dabei vergaß er, die erste Bitte zu beten: Dein Name werde geheiligt! «Mit diesem seinem gedichten Siege und
Viktorie machte er sich selbs zu Schanden, dem Evangelio einen bösen Namen, daß es verlästert ward, und stärkte das Papsttum.»15 Als Zwingli in der Schlacht von Kappel gefallen war, da hat Luther in
einem Brief an Wenzeslaus Link in Nürnberg vom 3. Januar 1532 (Enders 9,139
📖) dieses Ereignis ein Gottesgericht genannt und mit dem Ende von Thomas Münzer ausdrücklich in Parallele gesetzt. Er, Luther, habe ja prophezeit, Gott werde die tollen wütenden Lästerungen nicht lange
dulden, von denen jene voll waren, |8 die unseren Brotgott verlachten, uns Fleischfresser, Blutsäufer und Blutdurstige und anderes Schreckliche nannten.16 Und auf die an ihn
gerichtete Frage, ob es möglich und erlaubt sei, einen Menschen als ewig verdammt zu betrachten, hat Luther einmal bei Tisch exemplifiziert (E.A. 62,15
📖): «Ich wünschte und wollt von Herzen gerne, daß
Zwingel selig wäre, aber ich besorge das Widerspiel, weil Christus befiehlt, daß wir sollen also richten und urteilen, Gott werde, die ihn verleugnen und nicht kennen oder die ihn für den Leuten verleugnen und Lügen strafen, wiederum
nicht kennen; item, daß die, so nicht glauben, allbereit verdampt seien. Das Urteil Gottes ist gewiß, das wir fällen mögen über alle Gottlose und sie verdammen; Gott sollte ihm denn ein sonderlich
Privilegium und Dispensation furbehalten; das gehet seinen Weg.»17
Am 31. August 1543 hat Luther an den Zürcherischen Buchdrucker Christoph Froschauer, der ihm eine von den Zürcher Theologen hergestellte lateinische Bibelausgabe übersandt hatte, folgenden Brief gerichtet
(Enders 15,219
📖): «Dem ehrbaren, fürsichtigen Christoffen Froschauer zu Zürich, Drucker, meinem günstigen, guten Freunde. Gnade und Friede im Herrn. Ehrbar fürsichtiger
guter Freund. Ich hab die Bibel, so ihr habt mir durch eure Buchführer zugeschickt und geschenkt, empfangen, und eurethalben weiß ich euch guten Dank. Aber weil es eine Arbeit ist eurer Prediger, mit
welchen ich, noch die Kirche Gottes, keine Gemeinschaft haben kann, ist mirs leid, daß sie so fast sollen umsonst arbeiten und doch dazu verloren sein. Sie sind genugsam
verwarnet, daß sie sollten von ihrem Irrtum abstehen und die armen Leute nicht so jämmerlich mit sich zur Hölle führen. Aber da hilft keine Vermahnung, müssen sie fahren lassen. Darum dürft ihr mir nicht mehr
schicken oder schenken, was sie machen oder arbeiten. Ich will ihrer Verdammnis und lästerlicher Lehre mich nicht teilhaftig, sondern unschuldig wissen, wider sie beten und lehren bis an mein Ende. Gott bekehre doch etliche und helfe
der armen Kirchen, daß sie solcher falschen, verführerischen Prediger einmal los werden, Amen, wiewohl sie des Alles lachen, aber einmal weinen werden, wenn sie Zwingels Gericht,
dem sie folgen, auch finden wird. Gott behüte euch |9 und alle unschuldigen Herzen für ihrem Gift, Amen.
Freitags nach Augustini 1543. Martinus Luther D. eigene Hand.»18
Und noch kurz vor seinem Tod, am 17. Januar 1546, hat Luther an Jakob Probst Folgendes geschrieben (Enders 17,11
📖). Der Brief fängt an mit den Worten: «Alt, abgelebt, verdrossen, ermüdet, erschlafft und beinahe einäugig schreibe ich dir, mein Jakobus, und in der Hoffnung auf die wie mir scheint wohlverdiente Ruhe.»
Dann aber fährt er bald in alter Energie und Unversöhnlichkeit weiter, wie folgt: «Was du mir meldest über die Schweizer, daß sie so hitzig gegen mich schreiben, daß sie mich verurteilen als einen unseligen Menschen mit einem unseligen Charakter,
das freut mich sehr. Denn das habe ich gesucht, das habe ich gewollt in meiner letzten Schrift, durch die sie beleidigt sind, daß sie öffentlich bezeugen sollten,
daß sie meine Feinde seien. Das habe ich erreicht und, wie ich schon sagte: darüber freue ich mich. Mir, der ich also der unseligste aller Menschen bin, genügt die Seligpreisung des Psalms: ‹Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Sakramentierer noch tritt auf den Weg der Zwinglianer,
noch sitzet, da die Zürcher sitzen.
› (‹Beatus vir qui non abiit in consilio Sacramentariorum, nec stetit in via Cinglianorum, nec sedet in cathedra Tigurinorum.›) Da hast du meine Meinung.»19 |
Luthers Stellungnahme hat jedenfalls den Vorzug, ganz und gar unzweideutig zu sein. Wie man in seiner Umgebung von Zwingli dachte und redete, dafür mögen noch zwei Worte von Melanchthon angeführt sein. Melanchthon war ein Mann, der zwei oder vielleicht noch mehr Gesichter hatte. Er hat sich in späteren Jahren gegenüber Butzer, Calvin und Bullinger sehr entgegenkommend benommen,
den berühmten Abendmahlsartikel der von ihm verfaßten Augsburger Konfession 1540 dahin abgeändert20, daß auch die Reformierten ihn zur Not annehmbar finden konnten, und z. B.
jenen Brief Luthers an Froschauer von 154321 als einen Anfall des Wittenberger Achilles behandelt, von dem man am besten schweige, den man wie eine Wun|10de geheim halten müsse.22 Aber wenn er unter Lutheranern war, konnte er, jedenfalls zur Zeit des Marburger Gesprächs, auch anders reden. Er hat damals an den Kurfürsten Johann von Sachsen geschrieben: «Zwingli und seine Genossen reden unschicklich davon,
wie der Mensch vor Gott gerecht geschätzt werde, und treiben die Lehre vom Glauben nicht genugsam, sondern reden also davon, als wären die Werke,
so dem Glauben folgen, dieselbige Gerechtigkeit.»23 Und zur selben Zeit an Martin Gorolicius, Pastor zu Braunschweig:
«Ich habe nun, da ich die Fahnenträger dieser Sekte öffentlich gehört habe, gemerkt, daß ihre Lehre nicht christlich ist. In allen Büchern der Zwinglianer ist von der Rechtfertigung durch den Glauben keine Rede. Wenn sie Glauben sagen,
so meinen sie nicht das Vertrauen auf die Vergebung der Sünden und auf unsere gnädige Aufnahme, Erhörung und Bewahrung durch Gott, sondern ein historisches Fürwahrhalten.» (Ritschl I,160f.
📖)24 Ritschl hat diese Sätze verleumderisch genannt.25
Lassen wir die Frage vorläufig auf sich beruhen. Sie sind jedenfalls bezeichnend dafür, wie stark der Gegensatz in Wittenberg auch abgesehen vom Abendmahlsstreit, auch gerade in dieser Zentralfrage der Reformation empfunden wurde. |
Der Verdacht, den man gegen Zwingli hatte, ist natürlich bei den übrigen Epigonen Luthers nicht schwächer und die Tonart, in der man von ihm redete, nicht freundlicher geworden. Ich wollte hier nur das Faktum dieser ursprünglichen
gründlichen Ablehnung, die Zwingli von seinem großen deutschen Zeit- und Streitgenossen widerfahren ist, feststellen. Über den Sinn dieses Faktums werden wir uns später Rechenschaft zu geben haben.
Doch wenden wir uns nun zu einigen Stimmen aus dem neuen Luthertum, die für die heutige Einschätzung Zwinglis einigermaßen |11 bezeichnend sind. Daß die Sprache hier gemäßigter und humaner,
die Begründung überlegener und vorsichtiger wird als bei Luther selbst, versteht sich ja von selber. Wir werden aber sofort sehen, daß es sich, in den gemilderten Sitten des 19. und 20. Jahrhunderts vollzogen und in das Gewand historischer Überlegenheit gehüllt, um dieselbe ursprüngliche gründliche Ablehnung handelt wie im 16. Jahrhundert.
Als Ersten möchte ich hier einen nicht-theologischen Historiker zu Worte kommen lassen, und zwar keinen geringeren als Leopold von Ranke, der im 3. Kapitel des 5. Buches seiner Reformationsgeschichte (Meisterwerke, S. 64f.)
📖 folgendermaßen über Zwingli urteilt:
«Wollen wir ihn mit Luther vergleichen, so hatte er nicht so gewaltige Stürme zu bestehen, wie sie in Luther die geheimsten Tiefen des inneren Seelenlebens erschütterten. Da er sich nie so unbedingt dem bestehenden Kirchenwesen hingegeben,
so hatte er sich auch jetzt nicht mit so gewaltsamer und schmerzlicher Anstrengung davon loszureißen. Was ihn zum Reformator machte, war nicht jenes tiefere Verständnis der Idee des Glaubens und ihres Verhältnisses zur Erlösung, von welchem Luther ausgegangen, sondern vor Allem,
daß er bei seinem wahrheitsuchenden Studium der Schrift Kirche und Leben mit dem allgemeinen Inhalt derselben in Widerspruch begriffen sah. Auch war Zwingli kein Universitätsgelehrter; die herrschenden Lehrmeinungen hatte er niemals ernstlich geteilt; eine hohe Schule umzubilden,
festhaltend an Allem, was sich erhalten ließ, und abweichend nur in den wesentlichsten Punkten, war nicht sein Beruf. Die Aufgabe seines Lebens sah er vielmehr darin, die Republik, die ihn aufgenommen,
religiös und sittlich umzugestalten, die Eidgenossenschaft zu ihren ursprünglichen Grundsätzen zurückzurufen. Wenn Luther vorzugsweise eine Verbesserung der Lehre beabsichtigte, welcher Leben und Sitte dann von selbst nachfolgen müsse, so nahm Zwingli
einen unmittelbaren Anlauf auf die Verbesserung des Lebens: er faßte vornehmlich die praktische Bedeutung des allgemeinen Inhalts der Schrift ins Auge: seine ursprünglichen Gesichtspunkte waren moralisch-politischer Natur: es ist kein
Zweifel, daß auch sein religiöses Bestreben hierdurch eine eigentümliche Färbung empfing.»26 |
12 Wer wollte bestreiten, daß das alles sehr fein und vornehm gesagt ist und auf sehr guter Beobachtung beruht? Aber daß die ganze Kontrastierung zwischen der Tiefe des Seelenlebens und der Problematik des öffentlichen Lebens, zwischen Lehre und Sitte, zwischen
Religion einerseits, Moral und Politik andererseits bereits das lutherische Urteil oder doch die lutherische Fragestellung in sich schließt, das ist darum doch nicht zu übersehen. Was die Frage des Prioritätsverhältnisses der deutschen und
der schweizerischen Reformation betrifft, so ist Ranke der Ansicht, daß Zwingli allerdings schon vor 1517 Gesinnungen entwickelt, Lehren ausgesprochen habe, die auf eine Reform hinzielten. Indes seien Überzeugungen dieser Art damals vielen gemein gewesen. Das Entscheidende sei der Kampf mit
den geistlichen Gewalten, und diesen habe Luther zuerst und allein ausgehalten. «Als Luther von Rom verdammt wurde, bezog Zwingli noch eine Pension von Rom. Luther hatte schon vor Kaiser und Reich gestanden, ehe Zwingli eine Anfechtung erfuhr.» «Der ganze Kreis, in dem sich dieser bewegte, war ein anderer.
Während wir dort immer die obersten Gewalten der Welt in Tätigkeit erblicken, ist hier zunächst von der Loslösung einer Stadt von ihrem Bistum die Rede.»27 In seiner Darstellung des Abendmahlsstreites (S. 78–91
📖) äußert sich
Ranke dann allerdings sehr zurückhaltend, wagt es, sichtlich unter dem Einfluß der unionistischen Tendenzen seiner Zeit, nicht, für Luther irgendwie Partei zu ergreifen, sondern begnügt sich mit der Feststellung, Luther sei eben so viel wie möglich konservativ, historisch
gesinnt gewesen, tiefsinnig und von dem Mysterium durchdrungen, Zwingli dagegen bei weitem durchgreifender im Verwerfen und Umbilden, den Bedürfnissen des täglichen Lebens zugewandt, nüchtern, verständig. Er schließt mit dem Gedanken, daß, von der
göttlichen Vorsehung bestimmt, beide Auffassungen miteinander ihren Gang zu machen hatten.28 Aber es läßt sich ohne Weiteres denken, was für eine Bedeutung gerade die letztgenannte Formulierung des Gegensatzes in den Augen aller theologisch interessierten Leser Rankes gewinnen mußte und gewonnen hat. Nicht
umsonst ist Ranke neben dem Tübinger Sigwart
📖29 ein Haupt|13gewährsmann des Schriftstellers, auf den wir nun zu reden kommen müssen, des schon erwähnten Friedrich Julius Stahl in seinem Werk «Die lutherische Kirche und die Union», 1859
📖.30 Auch Stahl war nicht Theologe, sondern Jurist31, aber, versehen mit der eindringenden Verständnis- und
Anpassungsfähigkeit des geborenen Juden, konfessionell feinfühliger und bewußter als die meisten Theologen nicht nur seiner Zeit.
Geboren 1802, gestorben 1861, war er einer der hauptsächlichsten Träger der hochkirchlich-konservativen Partei im Preußen der fünfziger Jahre, 1852-58 Mitglied des Oberkirchenrats, ein Freund Hengstenbergs und entschlossener Gegner
des theologischen Liberalismus sowohl wie vor Allem der Union. Ich habe mir von unserem hiesigen Vertreter der spezifisch lutherischen Theologie bestätigen lassen, daß Stahl als verständnisvoller Träger eines
entschlossenen Luthertums auch heute noch durchaus ernst zu nehmen ist.32 Das genannte Buch von Stahl ist trotz seines
Gegenwartszweckes in seinen Hauptbestandteilen ein historisches Buch. Man kann es geradezu als eine Auseinandersetzung mit Zwingli bezeichnen. Stahl bekämpft die Union, wie sie in Preußen seit Friedrich Wilhelm III. besteht (nämlich als Bekenntnisunion,
Abendmahlsunion und Kirchenregimentsunion), darum, weil sie auf einer unzulässigen Gleichgültigkeitserklärung der Unterschiede lutherischer und reformierter Theologie beruhe.33 Ihm ist das wesentliche und
charakteristische Element in der reformierten Theologie das zwinglische. Der Calvinismus aber sei nur zwischenhineingekommen als eine gewisse Milderung und Verwischung der ursprünglichen, von Zwingli gezogenen scharfen Linien34,
die sich |14 doch überall in der reformierten Auffassung des Christentums unvermeidlich geltend machten, als ein erster und folgenreichster Unionsversuch, der doch, solange die
reformierte Kirche sich von dem Sauerteig des Zwinglianismus nicht aufs Energischste reinige, unmöglich als gelungen bezeichnet werden könne, zwischen dem und einem Luther nur einigermaßen getreuen Luthertum wohl Duldung und Liebe, aber nimmermehr wirkliche Gemeinschaft bestehen könne.
Denn das in den außerdeutschen reformierten Kirchen offen dominierende, aber auch im deutschen Reformiertentum trotz alles Melanchthonismus unausgeschiedene und wirksame zwinglische Element sei und bleibe für eine nicht verwaschene, sondern ihres Ursprungs bewußte lutherische Theologie und Frömmigkeit schlechthin unannehmbar.35 |
Es ist Stahl gegangen, wie es solchen Radikalen zu gehen pflegt: er hat auf seine sehr präzis gestellte Frage bis auf diesen Tag keine nennenswerte präzise Antwort gefunden. Es gab eben
im 19. Jahrhundert in Deutschland weder eine reformierte Theologie, die ihren Ursprung im Zwinglianismus etwa kräftig herausgearbeitet und betont und damit dem Luthertum seine Eigenart und vielleicht
seine Gefährlichkeit demonstriert hätte, noch, mit Ausnahme gewisser Extremer, eine lutherische Theologie, die gegen das verborgene zwinglische Element im Reformiertentum so kräftig reagiert hätte, wie Stahl es
verlangte, sondern es standen sich im Ganzen hüben und drüben Abschwächungen gegenüber, die sich dann - nicht in Kraft, sondern in Schwachheit - gegenseitig fanden und miteinander vertrugen. Zur Durchführung so schwerer Auseinandersetzungen wie der zwischen den beiden Typen der Reformation braucht es mehr Atem, als die protestantische Theologie des 19. Jahrhunderts zur Verfügung hatte.
Stahl selbst konstatierte in seinem Vorwort mit einer gewissen Wehmut: «Die Macht ist gegen uns, … die Zeitströmung ist gegen uns, die kräftigen Irrtümer in der Kirche selbst sind gegen uns» (S. XI
📖).36
Der Unionsgedanke hat sich auf der ganzen Linie durchgesetzt. Ich halte es aber für durchaus möglich, daß der Protest Stahls gegen diesen Gedanken eines Tages wieder sehr aktuell werden könnte. Die preu|15ßische Union wird ja wohl nicht das letzte Wort in der konfessionellen Frage innerhalb des Protestantismus sein. |
Doch hier interessieren uns nun die historischen Thesen von Stahl.37 Man unterscheide, sagt er, in der Reformation eine Bewegung aus evangelischem und eine aus natürlichem Geiste. Wesentlich auf dem Boden der letzteren, die ein Erzeugnis der neuen humanistischen Bildung war, stand Zwingli. Er ist ein
Geistesverwandter der ungläubigen, ungeheiligten Opposition eines Hutten. Seine Frage war nicht wie die Luthers: Wie soll ich selig werden?, sondern bei ihm erscheint das Wort
Gottes als Mittel für ein tüchtiges schweizerisches Volkstum. Stahl verirrt sich sogar bis zu der Behauptung, Zwinglis ursprünglicher Beweggrund sei die Frage gewesen: Wie erreiche ich für mich und mein Volk eine ähnliche Größe wie die des klassischen Altertums? |