Psalm 118,19-26
1. Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit! Ist das nicht uns allen aus dem Herzen geredet? Vor verschlossenen Toren, die sich auftun sollten, stehen wir ja alle. Der Eine vor einem schwarzen Fleck, der in sein Gewissen eingebrannt ist und von dem er weiß, daß er ihn von sich aus auf keinen Fall wegbringen wird. Der Andere vor einem Menschen, mit dem er ganz und gar nicht ins Reine kommen kann, wie oft er es auch schon versuchte. Der Andere vor einem Unvermögen seines Charakters, seiner Naturanlage, die er nicht ändern kann. Der Andere vor einem Weh, das er in seiner Seele trägt und das sich nicht will vergessen lassen. Der Andere vor widrigen Verhältnissen, die sich seiner Arbeit, seiner geistigen Entwicklung, seiner Lebensfreude in den Weg stellen und die sich nun einmal nicht wegräumen lassen. Der Andere vielleicht auch einfach und doch gar nicht einfach vor einem körperlichen Leiden, das ihn Tag und Nacht begleitet und durch das sich der früher oder später drohende Tod ihm ankündigt. Und stehen wir nicht alle, wenn wir auf das nun bald verflossene Jahr zurückblicken, vor den bangen, finsteren Rätseln, die uns die Zukunft unseres Volkes und der anderen Völker aufgibt, vor dem dumpfen Druck, der heute auf dem ganzen Geistesleben liegt, vor den bitteren Enttäuschungen, die das Kriegsende und der Friedensschluß1 allen denen gebracht hat, die auf die Anzeichen einer neuen Geburt der Menschheit hofften, vor dem großen Mangel an Klarheiten, Kräften, Führern, |436 stehen wir nicht alle vor der mehr als je offenbaren Ohnmacht, Zerrissenheit, Verweltlichung und babylonischen Sprachverwirrung gerade unseres sogenannten Christentums? Und wir wissen es ja, jeder Einzelne mit seiner Not und Verlegenheit und wir alle mit denen, die uns gemeinsam sind, es ist nicht nur etwas, nicht nur dies und das, nicht nur ein zufälliges Übel, an dem wir leiden, sondern es sind die Tore der Gerechtigkeit, die Tore des wahren, sinnreichen Lebens, die Tore Gottes, die uns verschlossen sind. Es ist für jeden Einzelnen und so auch für uns alle das Ganze, das in Frage steht, es ist der Abgrund, vor dem eigentlich Jeder steht, auch wenn er nur das, was ihn persönlich quält, aufrichtig ins Auge faßt, der Abgrund, über den keine Brücke von Fortschritt und Entwicklung hinüberführt, der Abgrund, der uns vom Himmel trennt.
Denn den Himmel tragen wir im Herzen, ob wir ihn auch oft
vergessen haben. Könnten wir den Himmel aus unserem Herzen reißen, wir könnten ruhiger,
zufriedener, harmonischer, glücklicher sein, wir könnten uns leichter mit unseren Nöten
abfinden. Weil wir den Himmel im Herzen tragen, darum fehlt uns immer Alles, wenn uns
etwas fehlt, darum brennen uns unsere Nöte so stark, jeden an dem Punkt, wo es ihn
gerade trifft. Nicht irgend ein Türlein zu Glück, Tugend, Frieden
und Beruhigung, sondern die Tore der Gerechtigkeit sind uns verschlossen. Und durch das
Auftun der Tore der Gerechtigkeit allein kann uns geholfen
werden. Und nun ist’s heute Weihnacht. Und wir alle mit unseren
einzelnen und gemeinsamen Nöten sollen es hören dürfen: Euch ist
heute der Heiland geboren [
Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit! Ich sage noch einmal: Ist das nicht uns allen aus dem Herzen geredet!? Und ist es nicht etwas Wunderbares, daß der heutige Tag, die Botschaft von Christus, uns daran erinnert, daß es keine Vermessenheit ist, keine Überspanntheit, keine Phantasie, kein Übermut, auch nicht für den unglücklichsten und schlechtesten Menschen, auch nicht für die Menschen einer so dunklen, verworrenen Zeit wie der unsrigen, wenn wir mitseufzen, mitflehen, mitrufen: Ja, tut mir auf!
O Herr, hilf! o Herr, laß wohl gelingen! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!
2. Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit, daß ich da hineingehe und dem Herrn danke! Und damit wir uns nicht lange fragen, wie es denn möglich werden soll, daß wir nun gleich zu danken haben, wo wir doch voll Fragen, Sorgen und Zweifel sind, wollen wir gleich weiterlesen: «Ich danke dir, daß du mich demütigst und hilfst mir.» Seht, da kommen wir auf den merkwürdigen Zusammenhang zwischen der Weihnachtsgeschichte und unserer Demütigung und dem Danken für die Demütigung, weil uns gerade durch die Demütigung geholfen ist. Wenn wir diesen Zusammenhang erfassen, so recht in ihn hineingehen, dann wird uns aufgetan.
Ja, es ist wahr, wir sind voll Fragen,
Sorgen und Zweifel. Und daß wir’s sind, das ist ja eben unser
Draußenstehen vor den geschlossenen Toren der Gerechtigkeit. Aber ich sage euch,
gerade das ist auch unser Hineingehen. Und selig sind nicht die, die nichts zu fragen haben, nicht die Unbesorgten und
Zweifellosen, sondern selig sind, die drau|438ßen stehen und wissen, daß sie draußen stehen, die suchend,
bittend und anklopfend draußen stehen, denn sie werden hineinkommen [vgl.
Wir möchten wohl alle immer wieder fragen, warum es denn so sein muß und ob es nicht auch anders sein könnte. Könnte er sich denn unser nicht annehmen, wenn wir in Glanz und Sicherheit und Frieden aufgerichtet vor ihm da stünden? Ja seht, das könnte er freilich, wenn wir nur im Glanz und in der Sicherheit und im Frieden nach ihm fragen würden. Im Fragen nach Gott ist die Gemeinschaft mit ihm, und so kann er auch der Gott der Glücklichen, der Gesunden, der Braven, der Zufriedenen sein, wenn sie nach ihm fragen wollen, und so ist Gottes Gnade auch über den sonnigen Zeiten und Seiten unseres Lebens und des Menschheitslebens, wenn auch da wirklich nach ihm gefragt wird. Aber das Fragen nach Gott ist ja bereits Demut, ein Heruntersteigen von der Höhe, ein Sich-Beugen der Aufrecht-Stehenden. Wo nach Gott gefragt wird, da verliert die Herrlichkeit des Menschen, und wenn sie noch so groß wäre, ihren eigenen Glanz, da ist keine Freude mehr möglich ohne einen tiefsten, letzten Schmerz, keine Tugend ohne Sünde und Erkenntnis der Sünde, kein Glaube ohne das |439 Bewußtsein der Ferne von Gott, keine Ruhe ohne eine letzte Unruhe. Da ist es klar und wird es immer wieder klar, daß der Mensch nichts ist vor Gott. Und gerade aus diesem Nichts, aus dieser letzten Tiefe, aus dieser Demut heraus kommt es dann zur Gemeinschaft mit Gott, und nur in der Demut bleibt es dabei. In der Demut müssen sich also die Guten mit den Bösen, die leichten mit den beschwerten Herzen, die Glücklichen mit den Unglücklichen, die Zufriedenen mit den Unzufriedenen finden und begegnen und einigen, und es kommt zuletzt nicht so sehr darauf an, ob wir mehr zu diesen oder mehr zu jenen gehören.
Das aber muß uns ganz klar sein, daß unsere Sicherheit, unsere
Gerechtigkeit, unsere Ruhe, unser Christentum sogar, sowie sie beginnen wollen zu
leuchten im eigenen Glanz, sowie wir dabei unsere eigenen Herren sein, unser eigenes
Geschäft besorgen wollen, uns von Gott scheiden. Ohne die Frage
nach Gott selber wird auch das Göttlichste in unserem Leben ungöttlich, das höchste Recht zum höchsten Unrecht4, die größte Weisheit zur
größten Torheit. Da entsteht dann jene Tugendhaftigkeit, die auf
hölzernen Stelzen [?] durchs Leben schreitet, ohne Tadel, aber auch ohne Segen und
Wirksamkeit. Da entsteht dann jene Frömmigkeit, die keinen
anderen, gewissen Grund hat als des eigenen Herzens Härtigkeit und keinen anderen
Erfolg, als daß jedermann davor davonläuft. Da entsteht dann jene Bildung, die sich anmaßt, Alles zu wissen, weil sie gerade das Eine nicht wissen
will. Da entsteht dann jene pausbäckige Harmonie mit dem
Unendlichen, bei der es zuletzt in der Seele des Menschen so trostlos langweilig
aussieht wie in einem wohlaufgeräumten Schulzimmer. Und über dem allem steht
geschrieben: Was Hände bauten, können Hände stürzen5. Denn alle diese voreiligen Friedensschlüsse bewähren sich ja doch nicht, «nach
dem Gesetz der Gerechtigkeit haben sie getrachtet und haben es nicht erreicht», wie
Und darum müssen wir danken dafür, daß wir von Gott gedemütigt
werden. Wenn die Fragen, die Sorgen, die Zweifel aufwachen, wie
es das Kennzeichen unserer heutigen Zeit ist, können die stolzen Tempel, die wir uns erbaut und in denen wir Gott zu vergessen begannen,
zusammenbrechen; wenn der Mensch sich seiner Grenzen wieder
bewußt, des Abgrunds zu seinen Füßen wieder gewahr wird, wenn
er’s wieder sieht, wie er eigentlich dem Nichts gegenübersteht,
wenn nicht Gott ihn hält, und wenn dann das alles nicht nur sein Schicksal ist, das er seufzend oder stumpfsinnig hinnimmt, sondern seine Erkenntnis, daß es so sein muß, wenn er also nicht nur gedemütigt ist, wie wir heute eigentlich alle gedemütigt sind, wenn
wir ehrlich sind, sondern wenn er Gott dankt dafür, daß er ihn
gedemütigt, sein Spielzeug ihm zerbrochen hat, dann wird Christus
geboren. Dann können wir weiterfahren: Was Hände bauten,
können Hände stürzen, das Haus der Freiheit hat uns Gott gegründet; dann geht es der wahren Gerechtigkeit, dem wahren Frieden, dem wahren
Heil, und was wir nur an höchsten Gütern nennen mögen, entgegen. Dann wird uns geholfen. Ich möchte noch mitteilen, wie
3. Wenn wir’s doch verstehen und annehmen wollten, daß dieser Vers vom Zusammenhang von Demütigung, Dank und Hilfe wirklich ein fröhlicher Vers ist, daß Christus wirklich im Stall und nicht anderswo geboren ist, daß unser Heil kommt, wenn uns das Reich genommen, da Fried und Freude lacht, daß wir hinter der engen Pforte dieser bitteren Erkenntnis wirklich den ganzen Jubel der himmlischen Heerscharen hören würden!8
Wir wollen aus unserem Text noch ein paar Anweisungen nehmen zu solch weihnachtlichem Verständnis.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben[, ist zum Eckstein geworden.]9 Das ist die Hauptsache an der Weihnacht, daß wir durch die Niedrigkeit, in der der Heiland auch zu uns kommt, hindurchschauen |442 in seine Herrlichkeit, daß wir die Demut, die er von uns verlangt, nicht ablehnen als etwas Unnützes und Gefährliches. Wir wollen nicht ungeschickte, sondern geschickte Bauleute sein, die es begreifen, daß die Demut uns trägt, wenn wir es ertragen, demütig zu werden. Sie ist eine weltbewegende Kraft für die, die es mit ihr wagen wollen.
Das ist von dem Herrn geschehen und ein Wunder vor unseren Augen. Es ist kein Kunststück, kein schwieriges Werk, das von uns verlangt wird, sondern daß wir uns einfach und natürlich stellen zu dem, was Gott tut. Gerade die dunklen Punkte unseres Lebens können uns zu göttlichen Lichtstrahlen werden, gerade die dumpfe Stille der heutigen Zeit zu einem lauten, erlösenden Heilandsruf, gerade der Tod zum Leben. Nicht wir sind’s, die diese Verwandlung zu vollziehen haben. Nur die Augen müssen wir haben für das Wunder, das auch vor unseren Augen geschehen will.
Dies ist der Tag, den der Herr macht[; lasset uns freuen und
fröhlich darinnen sein.] Es ist ein neuer Tag, der da anbricht,
wo Gott den Demütigen helfen kann, der Tag des Neuen Testaments,
den doch schon
O Herr, hilf! o Herr, laß wohl gelingen! Das ist das Hosiannah10, unter dem der König der Demut einst seinen Einzug hielt. Es kann seitdem nicht mehr verstummen, weder im Himmel noch auf Erden. Es ist das Seufzen derer, die draußen stehen, und zugleich der Jubel derer, die hineingehen. Es ist die Bangigkeit, die uns alle erfüllt, wenn wir sehen, wie groß unsere Demütigung ist, und der Dank derer, die erkennen, daß uns durch Demütigung geholfen wird. Wir hätten dieses Lied nicht erdacht, wir können aber darin einstimmen und den Erfolg eines |443 Lebens, das auf dieses Lied gegründet wird, dem anheim stellen, der es uns heute auf die Lippen legt. Wir sind dann seine Gefährten auf dem Weg durch die Tiefe in die Höhe.
Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Das muß immer
wieder unser Schluß sein, weil es unser Anfang ist, daß wir jetzt und
hier im Dunkel und Schatten des Todes sitzen [vgl.
- Nr. 97 «Fröhlich soll mein Herze springen» von
P. Gerhardt , Strophen 1.3.4 (RG [1998] 400,1.3.5; EG 36,1.3.5) - Nr. 100 «Dies ist der Tag, den Gott gemacht»
von
Chr. F. Gellert , Strophen 1-5 (RG [1998] 408,1-5; EG 42,1-5)