21. Dezember 1919

Psalm 118,14-18

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IV. Advent
Psalm 118,14-18
[Der Herr ist meine Macht und mein Psalm und ist mein Heil. Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten: «Die Rechte des Herrn behält den Sieg; die Rechte des Herrn ist erhöht; die Rechte des Herrn behält den Sieg!» Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen. Der Herr züchtigt mich wohl; aber er gibt mich dem Tode nicht.]

1. Ich denke, es ist wohl kein Einziges unter uns, das sich getrauen würde, die eben gehörten Worte in den Mund zu nehmen und in seinem eigenen Namen auszusprechen. Und wenn schon Eines wäre, das das wagte, ich wollte es nicht darum beneiden; denn es wäre in einer argen Täuschung begriffen. «Der Herr ist meine Macht und mein Psalm und mein Heil.» «Die Rechte des Herrn behält den Sieg.» «Ich werde nicht sterben, sondern leben», das kann niemand in seinem eigenen Namen nachsprechen. Wenn wir die Worte da in der Bibel ein wenig genauer ansehen, müssen wir eigentlich sofort merken, daß sie auch da nicht so gemeint sind, als wollte da Einer in seinem eigenen Namen von seiner persönlichen Erfahrung, von seinem persönlichen Zustand reden. Ja, er redet von sich selber; meine Macht, mein Psalm, mein Heil!, sagt er ja und: ich werde nicht sterben!, und doch eigentlich nicht von sich selber. Sondern in sich selber hat er ein anderes Ich, einen anderen Menschen entdeckt, und in dessen Namen, nicht in seinem eigenen, sagt er so große Dinge. Wenn wir in unserem eigenen Namen reden wollten, von unseren persönlichen Erfahrungen und Zuständen, dann müßten wir alle ehrlicherweise gerade das Gegenteil bekennen von dem, was da steht. In größter Schwachheit steh’ ich da vor Gott!, müßten wir dann bekennen, kein Psalm ist mein Denken und Reden, sondern ein wirres Stottern und Krächzen, das Gott keine Ehre und den Menschen keine Freude macht, nicht Heil, sondern Unheil ist das ewige Schwanken da in meiner Seele, wenig Glaubwürdiges finde und sehe ich da in meinem Leben von den Siegen Gottes, und wenn ich etwas Sicheres weiß, so ist es das, daß jetzt schon meine Gesundheit, meine Glieder, meine Kräf|427te, meine Erfolge den Todeskeim in sich tragen und daß ich meinem Sterbetag entgegengehe, an dem es sich unerbittlich zeigen wird, wer und was ich bin. Wenn wir doch den anderen Menschen in uns entdecken würden und in seinem Namen ehrlich von Kraft und Sieg und Leben reden dürften!

2. Und so geht es uns auch, wenn wir die Botschaft der Bibel von der kräftigen, erlösenden, segnenden Gegenwart Gottes, die Botschaft vom Heiland des Herrn, der zu uns Menschen gekommen ist und kommen will, auf unser heutiges Menschheitsleben anwenden wollen. Wir können sie ehrlicherweise nirgends einfach anwenden. Es wäre auch wieder Täuschung und nichts als Täuschung, wenn da und dort eine Gruppe, eine Kirche, eine Partei, ein Kreis sich rühmen wollte: da, da bei uns ist sie, die Gegenwart, die Erfüllung, die Hilfe, das Leben Gottes unter den Menschen, und wir würden eine Irrfahrt ohne Erfolg antreten, wenn wir diese Auserwählten in der Nähe oder in der Ferne suchen würden. Die Erde ist heute mehr als je eine Stätte der Ohnmacht, der Verwirrung, der Mißerfolge, des Sterbens. Fremd und unglaublich tönt die Adventsbotschaft: die Rechte des Herrn behält den Sieg! neben dem, was wir in der Zeitung lesen von dem, was in der Menschheit tatsächlich geschieht. Es müßte denn sein, daß in der Menschheit verborgen, wie in jedem einzelnen Menschen, noch eine andere Menschheit lebt, unsichtbar, ungreifbar, nirgends hervortretend in den Völkern, den Kirchen, den Parteien, eine Gemeinschaft für sich hinter und über allen sichtbaren Gemeinschaften, ein Menschheitsleben, das ungestört von allem Unrecht und Jammer des gewöhnlichen Menschheitslebens sein eigenes Dasein führt. Es müßte denn sein, daß diese andere, diese verborgene Menschheit auch heute, gerade heute hören und sagen dürfte, was die Bibel uns da als Adventsbotschaft sagen will. O im Namen unserer Familie, unserer Gemeinde, unseres Volkes, im Namen unserer Kirche, im Namen der Partei oder Richtung, der wir angehören, heiße sie, wie sie wolle, dürfen wir ehrlich nicht so reden, wie in unserem Text geredet ist. Aber wie wäre es, wenn wir über alles Unsrige und Eigene hinwegsehen und die andere Menschheit in der Menschheit entdecken und dann in ihrem Namen es hören und selber bekennen dürften: Die Rechte des Herrn behält den Sieg!

428 3. Seht, das ist’s ja, was wir wissen müssen, wenn uns die Adventsbotschaft erreichen soll, wenn wir Weihnacht feiern wollen, wenn die in Jesus gestiftete und erklärte Gemeinschaft zwischen Gott und uns Menschen in Kraft treten soll. Wir müssen wissen, daß ein anderer, ein unsichtbarer Mensch, eine andere unsichtbare Menschheit ist, ebenso gewiß, nein, noch viel gewisser als das Sichtbare, das wir jetzt Mensch und Menschheit heißen.

Das war das Große an den Vätern und Propheten des Alten Testaments, von denen wir überhaupt gar nicht genug lernen können, daß sie das so gut wußten, daß ihr ganzes Leben so stark von diesem Unsichtbaren bestimmt war. Sie glaubten nicht bloß an das Unsichtbare, wie wir wohl sagen, sondern ließen sich von ihm lenken und leiten, sie stellten sich unter seine Befehle und Ordnungen. Sie glaubten nicht bloß so im Allgemeinen an allerlei unsichtbare Ordnungen und Verhältnisse, wie es heute Manche wieder unternehmen, sondern das, wovon sie sich leiten ließen, war ganz klar und bestimmt der andere, der verborgene Mensch in ihnen selbst und die andere, die verborgene Menschheit in der Welt. Sie machten auch keine Kunst und Wissenschaft aus diesem ihrem Verkehr mit dem Unsichtbaren, sondern er war ohne alle Umstände und Feierlichkeiten einfach ihr unmittelbares, praktisches Leben. Wir können es durch das ganze Alte Testament hin verfolgen, von Abraham bis zu David und von Elias bis zum Prediger Salomo, wie diese Menschen alle so scharf getrennt haben zwischen dem, was sie bei sich selbst und in der Menschheit sahen, und dem anderen Menschen, der anderen Menschheit, die unsichtbar dahinter verborgen ist, und wie sie es dann gewagt haben, ihr eigenes Leben und das ganze Menschheitsleben ganz fest mit diesem Unsichtbaren zu verbinden, Alles auf dieses Andere zu beziehen und abzustellen, von diesem Anderen aus zu denken und - wie es in unserem Text geschieht - im Namen dieses Anderen zu reden. Als eine ganz unbegreifliche Kühnheit müssen wir dieses Verhalten bezeichnen. Es gibt ein merkwürdiges Kapitel in der Bibel, ich meine das 11. Kapitel des Hebräerbriefs, da wird die ganze Geschichte des Alten Testaments dargestellt als eine lange Reihe von lauter Kühnheiten. Die Kühnheit der alttestamentlichen Menschen bestand darin, daß sie alle es wagten und unternahmen, das Unsichtbare als die größere Wahrheit gelten zu lassen. Wo blieb dann ihm gegenüber die Schwachheit |429 und Unvollkommenheit ihrer eigenen Natur, die menschliche Sünde und das menschliche Leid, die ganze hoffnungslose Verwirrung und Unsinnigkeit des Menschheitslebens? Nun, das alles war auch für sie sehr ernsthaft vorhanden, sie übersahen es keineswegs, und es fiel vor ihrem Glauben keineswegs in Nichts zusammen. Sie waren genau solche Menschen wie wir in derselben dunklen Welt, in der auch wir leben.|

Aber sie wagten es, darüber hinwegzusehen auf die größere Wahrheit des unsichtbaren Menschen, der unsichtbaren Menschheit. «Er sah nicht an seinen eigenen erstorbenen Leib», sagt Paulus von Abraham, «sondern er ward stark im Glauben und gab Gott die Ehre» [Röm. 4,19f.]. Und so konnte es von Mose heißen: Er sah nicht an die Macht des Pharao und die Torheit Israels, das rote Meer und das Heer der Amalekiter [vgl. Hebr. 11,27.29; Ex. 17,9]. Und von Samuel: er sah nicht, was vor Augen war, das Alter und die Kraft der älteren Söhne des Isai [vgl. 1.Sam. 16,7]. Und von Jeremia und Hiob: sie [?] sahen nicht an ihr von Gott zerstörtes Lebensglück, den Jammer, in dem sie als von Gott gezeichnete innerlich und äußerlich dastehen mußten [vgl. Hiob 1,21; Jer. 20,7-13]. Und vom Prediger Salomo: er sah nicht an den täuschenden Glanz seines vornehmen und gebildeten Lebens [Pred. 1,16f.; 2,1-11]. Und von so vielen Propheten und Psalmsängern: sie sahen nicht an die Gottlosigkeit ihres Volkes und der Heiden, den Mangel an Schönheit und Gestalt des Gottesknechts [Jes. 53,2]. Darin lag ihre Kühnheit und ihr Wagnis, daß sie nicht ansahen den Menschen und die Menschheit, wie sie vor Augen sind, weder im Guten noch auch im Bösen, sie ließen sich weder durch sein Böses Furcht noch durch sein Gutes Respekt einflößen. Sie ließen sich, wenn sie sich selbst und die Menschen anschauten, nicht aufhalten, nicht irre machen, nicht ablenken durch Nebensachen. Sie schauten hindurch bis auf den Grund. Sie schauten den Grund des Menschen in Gott, das ist ja der andere, der unsichtbare Mensch, die unsichtbare Menschheit: der in Gott gegründete Mensch. Sie schauten, wie der Mensch nichts ist vor Gott und Alles durch Gott, wie Gott ihn aufrichtet und stürzt. Sie schauten, wie an ihm, an ihm allein sich Alles entscheidet, wie er, er allein die Macht ist im Leben und in der Geschichte. Sie schauten, wie ohne Gott alles eitel ist, alles ganz eitel [Pred. 1,2 u. ö.]. Sie schauten, wie durch Gott das Leid der Menschen |430 ebenso gewendet, wie ihre Freude in Leid gewendet, die Herrlichkeiten der Geschichte zunichte gemacht und ihre schrecklichste Tiefe in Herrlichkeit verwandelt, Sünde vergeben und Gerechtigkeit mit Schande bedeckt werden kann. Sie schauten die Gebundenheit der Menschen an Gott, die Wege, die er sie gehen läßt, das Schicksal, das er ihnen bereitet, seine Gnade und sein Gericht als das Bewegende und Entscheidende im Menschenleben und in der Weltgeschichte. |

Darum warteten sie nicht umsonst auf den Heiland, auf die volle Gegenwart Gottes, auf die Erscheinung seiner Größe und Kraft. Darum lebten sie in dieser Gegenwart, darum zeugten sie von seiner Herrlichkeit und befanden sich doch in keiner Täuschung und Überhebung, denn sie redeten ja nie von sich selbst, nie von dem, was vor Augen ist, sondern immer von dem Einen, Unsichtbaren, das sie schauten, von dem unsichtbaren, in Gott gegründeten Menschen, den sie wußten. Darum konnte am Ende des Alten Testaments das Neue Testament anfangen. Darum konnte es nach der Adventszeit Weihnachtszeit werden. Denn was ist das Neue Testament anderes als die Erfüllung, die sofort da ist, wo es mit der Verheißung wirklich Ernst wird? Was ist die Weihnachtszeit anderes als die gegenwärtige Gotteszeit, Gnadenzeit, Freudenzeit, Siegeszeit für Alles, was Odem hat, die anbricht, sobald es nur erst Adventszeit, Zeit des Glaubens, der Kühnheit, des Schauens geworden ist unter den Menschen? Wer ist Christus, das Kind in Bethlehem, anderes als der andere, der unsichtbare Mensch, der in Gott, in Gott allein gegründete Mensch, auf den die Väter hoffend sahen1, den sie wußten? «Abraham freute sich, da er meinen Tag sah» [Joh. 8,56], er und die Anderen alle. Im Dunkel von Menschentagen wie den unsrigen, aber im Licht des Christustages, des Weihnachtstages sind auch die Worte unseres Textes geredet: Der Herr ist meine Macht [und mein Psalm und mein Heil]. Ja, wie wollte der Psalmsänger das von sich selbst sagen? und wie von der Menschheit, die man sieht, wie sie wandelt in Finsternis und Schatten des Todes [vgl. Lk. 1,79]? Und doch sagt er’s ja von sich selber und doch von der Menschheit, aber von dem neuen Ich, von dem neuen, dem anderen Menschen, der in die Welt gegeben ist, weil Gott die Welt lieb |431 hat [vgl. Joh. 3,16]. Er schaut diesen neuen Menschen. Er weiß den Christus. Darum scheut er sich nicht, so zu reden. Er glaubt, darum redet er auch [vgl. Ps. 116,10].

4. Liebe Freunde! Warum sollten wir nicht wissen? Warum sollten wir nur die Wahl haben, entweder trübsinnig das Leben und uns selbst anzusehen, wie wir sind, oder dann mehr oder weniger phantastisch zu reden und zu träumen viel [?] von künftigen besseren Tagen? Gibt es kein Drittes? Ist das der Mensch, den wir erblicken, wenn wir uns selbst mit unseren Tugenden und Fehlern, in unserer Größe und in unserer Zerrissenheit anstarren? Ist das die Menschheit, die wir erblicken, wenn wir in die Zeitung hineinstarren? Warum sollten wir nicht neben die alttestamentlichen Menschen treten und mit ihnen aus bloß Sehenden zu Schauenden werden? Ja, zu Leuten, die es lernen wollen, hindurchzuschauen durch den Spiegel und durch die Zeitung, auf den Grund zu schauen, zu schauen den in Gott gegründeten Menschen, Christus, gestern und heute derselbe und in Ewigkeit [vgl. Hebr. 13,8]? Wir wollen doch nicht etwa meinen, es sei damals leichter gewesen als heute. Es braucht immer Kühnheit dazu, das Unsichtbare ernster zu nehmen als das Sichtbare, nicht nur in Gedanken, sondern mit dem Gehorsam des Lebens. Es war immer ein Schritt, ein Ereignis, eine Geschichte im Leben des Menschen und der Menschheit, wenn Christus entdeckt wurde, der Mensch von oben, der uns in die Gemeinschaft Gottes bringt. Zum Sehen wird man geboren, hat Goethe gesagt, zum Schauen aber bestellt2, ausgesondert [Jer. 1,5], von neuem geboren, wie es in der Bibel heißt [Joh. 3,3.5]. Die Gerechten, d. h. die ins Unsichtbare schauen, sie kommen in Hütten, wörtlich in Zelten zu leben, wie wir in unserem Text lesen; d. h. sie werden zunächst zu Menschen, die unterwegs sind, die keine Heimat haben, die von Zufriedenheit und Ruhe, von Sicherheit und Erfolg nichts, aber auch gar nichts wissen. Wenn wir sehen wollen, wie das ist, brauchen wir bloß das Leben Abrahams oder Jeremias anzusehen oder das Buch des Predigers Salomo zu lesen oder noch einmal Hebräer 11. Immer un|432terwegs, heißt es da, immer erschüttert und beunruhigt, immer Alles und Alles in Frage gestellt. Nicht in den wohlverwahrten Häusern, sondern in den Hütten, in den Zelten der Gerechten singt man mit Freuden vom Sieg.|

Weiter: es gehört zu diesem Schauen immer auch das gewisse Gezüchtigtwerden, von dem unser Text auch redet. Weh mir, ich vergehe!, hat Jesaja ausgerufen, denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth gesehen mit meinen Augen [Jes. 6,5]! Und Paulus hat geradezu von einem Sterben geredet, das über uns kommt, wenn wir auf den Tod Christi getauft werden [Röm. 6,3-9]. Es ist eben eine Strafe, ein Verderben, das über den sichtbaren Menschen kommt, wenn der unsichtbare von Tag zu Tag wächst [vgl. 2.Kor. 4,16]. Jener muß sich dann schämen, klein werden, sich zurückziehen. Erst jetzt, wenn dieses andere Ich mit uns zu reden beginnt, wird uns ja unsere Sünde klar, und wie klein und erbärmlich wird uns daneben unser Wissen und Können, unsere Moral und unsere Bildung, vor allem unser bißchen Christentum. Es kommt Alles, Alles an uns nun wie in eine zersetzende, auflösende Säure, nichts kann bestehen, nichts mehr hält uns, an nichts mehr können wir glauben als eben an den unsichtbaren Menschen, der aus Gott geboren ist, an Christus, der allein uns gemacht ist von Gott zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung [1.Kor. 1,30]. Also so ist es immer gewesen, und indem wir das alles auf uns nehmen, tun wir nichts Schwereres, als die Menschen immer getan haben, wenn es aus dem Alten hinüberging ins Neue Testament, aus der Adventszeit in die Weihnachtszeit. Der Weg ist immer schmal und die Pforte ist immer eng gewesen [vgl. Mt. 7,14].

5. Es fragt sich doch nur, ob uns nicht eigentlich Alles darauf hinweist, Alles darauf hindrängt, gerade diesen schmalen Weg und diese enge Pforte zu betreten. Ist’s uns am Ende nicht auch [?] leichter und natürlicher, neben die Väter des alten Bundes zu treten und mit ihnen kühn zu sein, mit ihnen in Zelten zu leben, mit ihnen gezüchtigt zu werden, als das zu sein, was wir jetzt sind? Was soll die scheue Vorsicht, mit der wir es jetzt vermeiden, den Schritt ins Unsichtbare zu tun, die bequeme Ruhe, in der wir es vermeiden, die Wanderung nach der unsichtbaren Heimat aufzunehmen, das ungestörte In-den-Tag-hinein-Leben, in dem wir der Züchtigung Gottes auszuweichen mei|433nen? Gelingt es uns etwa? Sind wir nicht alle gelegentlich kühn, ohne es zu wollen, sind wir nicht alle im Grunde unruhig und heimatlos? Müssen wir nicht alle Strafe leiden? Können wir es etwa verhindern, daß Christus lebt und daß wir die Wirkungen zu spüren bekommen? Und möchten wir nicht alle neben die Männer des alten Bundes treten dürfen auch in dem, was sie dann sagen dürfen, nicht in ihrem eigenen Namen, sondern im Namen des Christus, der verborgen hinter ihnen stand? Wie gerne möchten wir, daß es in unserem Leben hieße: meine Macht, mein Psalm, mein Heil! Wie dünn ist die Wand, die uns trennt von dem, was wir möchten, von den drei Wörtlein «Der Herr ist» meine Macht[, mein Psalm, mein Heil!] Wie gerne sähen wir es in der Welt mit ihren Kriegen und Revolutionen verwirklicht: Die Rechte des Herren behält den Sieg [; die Rechte des Herrn ist erhöht, die Rechte des Herrn behält den Sieg!] Moseund Jesaja und Jeremia, Lutherund Calvinhaben es gesehen. Sollen wir blind sein, daß wir es nicht sehen können? Wie gerne möchten wir es in die lange Todesnacht unseres Daseins, in das Dasein der ganzen seufzenden Kreatur [vgl. Röm. 8,22] hineinstellen: Ich werde nicht sterben[, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen]. Ein Freiheitskämpfer des alten Genf, Philibert Berthelier3, ein weltlich gesinnter Politiker und Lebemensch, hat eine Stunde vor seiner Hinrichtung diese Worte an die Wand seines Kerkers geschrieben. Wie kam er nur dazu? Wie war es nur möglich? Sollten wir wirklich nicht dazu kommen, diese Worte in großen Buchstaben auch an die Wand unseres Kerkers zu schreiben? Der Herr züchtigt mich [wohl, aber er gibt mich dem Tode nicht]. Ja wirklich: wir sind dem Tode gegeben. Christus aber lebt; sollte es kein Durchbrechen, kein Entdecken, kein Kleinwerden geben für uns: Ihr sollt auch leben [Joh. 14,19]!

Seht doch, wie das Unsichtbare, der schmale Weg und die enge Pforte uns ruft, wie es Advent und Weihnacht werden will, wie der in |434 Gott gegründete Mensch, die neue Menschheit, Christus erscheinen will! Ist’s denn ein Fremder, der uns ruft?, können wir zaudern, ob wir ihm folgen wollen? Stehen wir nicht schon auf dem Seil, auf dem er uns herüberziehen will? Ist’s nicht unsere eigene Stimme, die Stimme, die Gott unseren Herzen und den Herzen aller Menschen gegeben hat, die ihm längst schon geantwortet hat:

Das ewge Licht geht da herein,
Gibt der Welt ein neuen Schein;
Es leucht wohl mitten in der Nacht
Und uns des Lichtes Kinder macht.4
Lieder:
  • Nr. 214 «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von M. Luther, Strophen 1.4.5 (RG [1998] 83,1.4.5; EG 299,1.4.5; jeweils mit geringen Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 85 «Macht hoch die Tür» von G. Weissel, Strophen 1.5 (RG [1998] 363,1.5; EG 1,1.5; jeweils mit geringen Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Aus Strophe 5 des Liedes Nr.100 «Dies ist der Tag, den Gott gemacht» von Chr. F. Gellert (RG [1998] 408; EG 42) 🎵.↩
2
Faust II, V.11288f. (5. Akt, Tiefe Nacht) 📖:
Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt …
↩
3
Nachdem Herzog Karl III. von Savoyen im April 1519 Genf besetzt hatte und Bischof Johann von Savoyen am 19.8.1519 nach Genf zurückgekehrt war, wurde Philibert Berthelier d. ä. am 23.8.1519 hingerichtet. Seine Inschrift: «Non moriar sed vivo et narrabo opera Domini». Vgl. Fr. W. Kampschulte, Johann Calvin. Seine Kirche und sein Staat in Genf, 2 Bde., Leipzig 1869/1899, Bd. I, S. 51f 📖. Barth hatte kurz zuvor beide Bände Kampschultes gelesen (Bw. Th. I, S. 357 📖).↩
4
Strophe 4 von Luthers Weihnachtslied «Gelobet seist du, Jesu Christ» (RG [1998] 392; EG 23; das Lied fehlt in GERS [1891]) 🎵.↩