Psalm 118,14-18
1. Ich denke, es ist wohl kein Einziges unter uns, das sich getrauen würde, die eben gehörten Worte in den Mund zu nehmen und in seinem eigenen Namen auszusprechen. Und wenn schon Eines wäre, das das wagte, ich wollte es nicht darum beneiden; denn es wäre in einer argen Täuschung begriffen. «Der Herr ist meine Macht und mein Psalm und mein Heil.» «Die Rechte des Herrn behält den Sieg.» «Ich werde nicht sterben, sondern leben», das kann niemand in seinem eigenen Namen nachsprechen. Wenn wir die Worte da in der Bibel ein wenig genauer ansehen, müssen wir eigentlich sofort merken, daß sie auch da nicht so gemeint sind, als wollte da Einer in seinem eigenen Namen von seiner persönlichen Erfahrung, von seinem persönlichen Zustand reden. Ja, er redet von sich selber; meine Macht, mein Psalm, mein Heil!, sagt er ja und: ich werde nicht sterben!, und doch eigentlich nicht von sich selber. Sondern in sich selber hat er ein anderes Ich, einen anderen Menschen entdeckt, und in dessen Namen, nicht in seinem eigenen, sagt er so große Dinge. Wenn wir in unserem eigenen Namen reden wollten, von unseren persönlichen Erfahrungen und Zuständen, dann müßten wir alle ehrlicherweise gerade das Gegenteil bekennen von dem, was da steht. In größter Schwachheit steh’ ich da vor Gott!, müßten wir dann bekennen, kein Psalm ist mein Denken und Reden, sondern ein wirres Stottern und Krächzen, das Gott keine Ehre und den Menschen keine Freude macht, nicht Heil, sondern Unheil ist das ewige Schwanken da in meiner Seele, wenig Glaubwürdiges finde und sehe ich da in meinem Leben von den Siegen Gottes, und wenn ich etwas Sicheres weiß, so ist es das, daß jetzt schon meine Gesundheit, meine Glieder, meine Kräf|427te, meine Erfolge den Todeskeim in sich tragen und daß ich meinem Sterbetag entgegengehe, an dem es sich unerbittlich zeigen wird, wer und was ich bin. Wenn wir doch den anderen Menschen in uns entdecken würden und in seinem Namen ehrlich von Kraft und Sieg und Leben reden dürften!
2. Und so geht es uns auch, wenn wir die Botschaft der Bibel von der kräftigen, erlösenden, segnenden Gegenwart Gottes, die Botschaft vom Heiland des Herrn, der zu uns Menschen gekommen ist und kommen will, auf unser heutiges Menschheitsleben anwenden wollen. Wir können sie ehrlicherweise nirgends einfach anwenden. Es wäre auch wieder Täuschung und nichts als Täuschung, wenn da und dort eine Gruppe, eine Kirche, eine Partei, ein Kreis sich rühmen wollte: da, da bei uns ist sie, die Gegenwart, die Erfüllung, die Hilfe, das Leben Gottes unter den Menschen, und wir würden eine Irrfahrt ohne Erfolg antreten, wenn wir diese Auserwählten in der Nähe oder in der Ferne suchen würden. Die Erde ist heute mehr als je eine Stätte der Ohnmacht, der Verwirrung, der Mißerfolge, des Sterbens. Fremd und unglaublich tönt die Adventsbotschaft: die Rechte des Herrn behält den Sieg! neben dem, was wir in der Zeitung lesen von dem, was in der Menschheit tatsächlich geschieht. Es müßte denn sein, daß in der Menschheit verborgen, wie in jedem einzelnen Menschen, noch eine andere Menschheit lebt, unsichtbar, ungreifbar, nirgends hervortretend in den Völkern, den Kirchen, den Parteien, eine Gemeinschaft für sich hinter und über allen sichtbaren Gemeinschaften, ein Menschheitsleben, das ungestört von allem Unrecht und Jammer des gewöhnlichen Menschheitslebens sein eigenes Dasein führt. Es müßte denn sein, daß diese andere, diese verborgene Menschheit auch heute, gerade heute hören und sagen dürfte, was die Bibel uns da als Adventsbotschaft sagen will. O im Namen unserer Familie, unserer Gemeinde, unseres Volkes, im Namen unserer Kirche, im Namen der Partei oder Richtung, der wir angehören, heiße sie, wie sie wolle, dürfen wir ehrlich nicht so reden, wie in unserem Text geredet ist. Aber wie wäre es, wenn wir über alles Unsrige und Eigene hinwegsehen und die andere Menschheit in der Menschheit entdecken und dann in ihrem Namen es hören und selber bekennen dürften: Die Rechte des Herrn behält den Sieg!
428 3. Seht, das ist’s ja, was wir wissen müssen, wenn uns die Adventsbotschaft erreichen soll, wenn wir Weihnacht feiern wollen, wenn die in Jesus gestiftete und erklärte Gemeinschaft zwischen Gott und uns Menschen in Kraft treten soll. Wir müssen wissen, daß ein anderer, ein unsichtbarer Mensch, eine andere unsichtbare Menschheit ist, ebenso gewiß, nein, noch viel gewisser als das Sichtbare, das wir jetzt Mensch und Menschheit heißen.
Das war das Große an den Vätern und Propheten des Alten
Testaments, von denen wir überhaupt gar nicht genug lernen können, daß sie das so
gut wußten, daß ihr ganzes Leben so stark von diesem Unsichtbaren bestimmt war. Sie glaubten nicht bloß an das Unsichtbare, wie wir wohl sagen, sondern ließen sich von ihm
lenken und leiten, sie stellten sich unter seine Befehle und Ordnungen. Sie glaubten
nicht bloß so im Allgemeinen an allerlei unsichtbare Ordnungen
und Verhältnisse, wie es heute Manche wieder unternehmen, sondern das, wovon sie sich
leiten ließen, war ganz klar und bestimmt der andere, der verborgene Mensch in ihnen
selbst und die andere, die verborgene Menschheit in der Welt. Sie machten auch keine Kunst und Wissenschaft aus diesem ihrem Verkehr mit dem
Unsichtbaren, sondern er war ohne alle Umstände und Feierlichkeiten einfach ihr
unmittelbares, praktisches Leben. Wir können es durch das ganze Alte Testament hin
verfolgen, von
Aber sie wagten es, darüber hinwegzusehen auf die größere
Wahrheit des unsichtbaren Menschen, der unsichtbaren Menschheit. «Er sah nicht an seinen
eigenen erstorbenen Leib», sagt
Darum warteten sie nicht umsonst auf den Heiland, auf die volle
Gegenwart Gottes, auf die Erscheinung seiner Größe und Kraft. Darum lebten sie in dieser Gegenwart, darum zeugten sie von
seiner Herrlichkeit und befanden sich doch in keiner Täuschung und Überhebung, denn sie
redeten ja nie von sich selbst, nie von dem, was vor Augen ist, sondern immer von dem
Einen, Unsichtbaren, das sie schauten, von dem unsichtbaren, in
Gott gegründeten Menschen, den sie wußten. Darum konnte am Ende
des Alten Testaments das Neue Testament anfangen. Darum konnte es
nach der Adventszeit Weihnachtszeit werden. Denn was ist das Neue Testament anderes als die Erfüllung,
die sofort da ist, wo es mit der Verheißung wirklich Ernst wird? Was ist die Weihnachtszeit anderes als die gegenwärtige Gotteszeit, Gnadenzeit,
Freudenzeit, Siegeszeit für Alles, was Odem hat, die anbricht, sobald es nur erst
Adventszeit, Zeit des Glaubens, der Kühnheit, des Schauens geworden ist unter den
Menschen? Wer ist Christus, das Kind in
4. Liebe Freunde! Warum
sollten wir nicht wissen? Warum sollten wir nur die Wahl haben, entweder
trübsinnig das Leben und uns selbst anzusehen, wie wir sind, oder
dann mehr oder weniger phantastisch zu reden und zu träumen viel [?] von künftigen besseren Tagen? Gibt es kein
Drittes?
Ist das der Mensch, den wir erblicken, wenn wir uns selbst mit
unseren Tugenden und Fehlern, in unserer Größe und in unserer Zerrissenheit anstarren?
Ist das die Menschheit, die wir erblicken, wenn wir in die
Zeitung hineinstarren? Warum sollten wir nicht neben die
alttestamentlichen Menschen treten und mit ihnen aus bloß Sehenden zu Schauenden
werden? Ja, zu Leuten, die es lernen wollen, hindurchzuschauen
durch den Spiegel und durch die Zeitung, auf den Grund zu
schauen, zu schauen den in Gott gegründeten Menschen, Christus,
gestern und heute derselbe und in Ewigkeit [vgl.
Weiter: es gehört zu diesem Schauen immer auch das gewisse
Gezüchtigtwerden, von dem unser Text auch redet. Weh mir, ich
vergehe!, hat
5. Es fragt sich doch nur, ob uns nicht
eigentlich Alles darauf hinweist, Alles darauf hindrängt, gerade
diesen schmalen Weg und diese enge Pforte zu betreten. Ist’s uns am Ende nicht auch [?]
leichter und natürlicher, neben die Väter des alten Bundes zu
treten und mit ihnen kühn zu sein,
mit ihnen in Zelten zu leben, mit ihnen gezüchtigt zu werden, als das
zu sein, was wir jetzt sind? Was soll die scheue Vorsicht, mit
der wir es jetzt vermeiden, den Schritt ins Unsichtbare zu tun, die bequeme Ruhe, in der wir es vermeiden, die Wanderung nach der unsichtbaren
Heimat aufzunehmen, das ungestörte In-den-Tag-hinein-Leben, in
dem wir der Züchtigung Gottes auszuweichen mei|433nen? Gelingt es uns etwa? Sind wir nicht alle gelegentlich
kühn, ohne es zu wollen, sind wir nicht alle im Grunde unruhig und heimatlos? Müssen wir
nicht alle Strafe leiden? Können wir es etwa verhindern, daß Christus
lebt und daß wir die Wirkungen zu spüren bekommen? Und möchten wir nicht alle
neben die Männer des alten Bundes treten dürfen auch in dem, was sie
dann sagen dürfen, nicht in ihrem eigenen Namen, sondern im Namen des Christus,
der verborgen hinter ihnen stand? Wie gerne möchten wir, daß es in unserem Leben hieße:
meine Macht, mein Psalm, mein Heil! Wie dünn ist die Wand, die
uns trennt von dem, was wir möchten, von den drei Wörtlein «Der Herr ist» meine Macht[,
mein Psalm, mein Heil!] Wie gerne sähen wir es in der Welt mit ihren Kriegen und
Revolutionen verwirklicht: Die Rechte des Herren behält den Sieg
[; die Rechte des Herrn ist erhöht, die Rechte des Herrn behält den Sieg!] M
Seht doch, wie das Unsichtbare, der schmale Weg und die enge Pforte uns ruft, wie es Advent und Weihnacht werden will, wie der in |434 Gott gegründete Mensch, die neue Menschheit, Christus erscheinen will! Ist’s denn ein Fremder, der uns ruft?, können wir zaudern, ob wir ihm folgen wollen? Stehen wir nicht schon auf dem Seil, auf dem er uns herüberziehen will? Ist’s nicht unsere eigene Stimme, die Stimme, die Gott unseren Herzen und den Herzen aller Menschen gegeben hat, die ihm längst schon geantwortet hat:
- Nr. 214 «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von
M. Luther , Strophen 1.4.5 (RG [1998] 83,1.4.5; EG 299,1.4.5; jeweils mit geringen Textabweichungen) - Nr. 85 «Macht hoch die Tür» von
G. Weissel , Strophen 1.5 (RG [1998] 363,1.5; EG 1,1.5; jeweils mit geringen Textabweichungen)