28. Dezember 1919

Matthäus 2,1-12

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Matthäus 2,1-12
[Da Jesus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande, zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen die Weisen vom Morgenland gen Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten. Da das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm das ganze Jerusalem. Und ließ versammeln alle Hohenpriester und Schriftgelehrten unter dem Volk und erforschte von ihnen, wo Christus sollte geboren werden. Und sie sagten ihm: Zu Bethlehem im jüdischen Lande; denn also steht geschrieben durch den Propheten: «Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Juda’s; denn aus dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein Herr sei.» Da berief Herodes die Weisen heimlich und erlernte mit Fleiß von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und wies sie gen Bethlehem und sprach: Ziehet hin und forschet fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, daß ich auch komme und es anbete. Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen hin, bis daß er kam und stand oben über, da das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und Gott befahl ihnen im Traum, daß sie nicht sollten wieder zu Herodes lenken; und sie zogen durch einen andern Weg wieder in ihr Land.]

1. Heute, am letzten Sonntag des Jahres, wollen wir es uns noch einmal sagen lassen, daß der Weg ins Reich Gottes für uns alle, für alle Menschen offen und gangbar ist. Über dem Vielen, das man im Lauf eines Jahres denkt und hört und sieht, kommt man leicht in Gefahr, das zu vergessen, und dann gibt es kein gutes Ende und keinen guten Anfang. Man wird müde, man erlebt Enttäuschungen, man hat auf alle Fälle das Gefühl, in einem schweren Kampf zu stehen, in dem man arm an Helfern und reich an Feinden ist. Und da wird man dann leicht innerlich hart, auch wenn man auf Gott vertraut und ihm leben möchte. Man kommt in eine Stimmung von Einsamkeit und Leiden hinein. Man wird mißtrauisch gegen viele Menschen, auch mißtrauisch gegen sich selbst. Man sieht das wahre Leben, den Weg Gottes auf Erden, als eine fast unerreichbar hohe Sache an, die wohl nur für Wenige be|445stimmt ist, und von diesen Wenigen möchte man bald Andere, bald sich selbst mit einer gewissen traurigen Geringschätzung ausschließen. Man übersieht die großen, reichen Möglichkeiten für das Reich Gottes, die doch eigentlich für Alle und beständig und überall vorhanden sind. Man überhört den Ton von der Freude, die noch allem Volk widerfahren soll [vgl. Lk. 2,10]. Man denkt zu viel daran, daß wir Menschen, die Anderen und wir selbst, nicht die Rechten sind für das Reich Gottes, das zu uns kommen will, und man denkt zu wenig an Gott, auch wenn man sehr viel an ihn denkt. Und das alles ist nicht gut. In Gott ist und von Gott her [kommt] zu uns immer viel mehr Freiheit, Wachheit und Offenheit, als wir sehen, und das ist’s, was wir uns heute noch einmal gegenseitig sagen wollen.

2. Die Weisen aus dem Morgenlande waren ja auch noch gar nicht die Rechten, um die Botschaft von der Geburt des Heilands in die Gottesstadt Jerusalem zu bringen. Sie waren ja nicht dabei gewesen und wußten eigentlich überhaupt nichts davon. Sie konnten nichts rühmen von großen Werken und Taten Gottes, die sie erlebt und erfahren hatten; von Gott kam in der Frage, die sie nach Jerusalem brachten, überhaupt nichts vor. Es war auch niemand zu ihnen gekommen, um sie zu bekehren, wie etwa heute die Heiden von den Missionaren oder Weltleute durch Bußprediger bekehrt werden; sie waren immer noch Heiden und Weltleute, als sie nach Jerusalem kamen. Eine sehr seltsame Vorstellung, zu der sie auf ebenso seltsamem Weg gekommen waren, hatte sie aus weiter Ferne hieher geführt, und als sie dann nach Bethlehem kamen, war Alles ganz anders, als sie sich vorgestellt hatten. Sie verdienten eigentlich nicht einmal den Namen Weise; wenigstens würden wir Leute, die sich von Berufs wegen mit Sterndeutung und Wahrsagerei abgeben, nicht gerade Weise, sondern eher Abergläubische und Betrüger heißen. Und schließlich war das, was sie nach Jerusalem brachten, ja eben keine stolze, starke Gewißheit, sondern nur eine Frage: Wo ist der neugeborene König der Juden? Sie erwarteten ganz demütig und verlegen, daß dort ungefähr jedermann wisse, was sie suchten. Sie meinten nicht etwas zu bringen, sondern etwas zu holen.|

Und trotz alledem waren sie die Rechten. Wußten, was man in der Gottesstadt nicht wußte. Hatten in den Sternen gelesen, was den Ge|446lehrten in Jerusalem bei allem Bibellesen nicht aufgegangen war. Hatten durch die Mittel ihrer Gaukelkunst gefunden, was der Geist Gottes den Frömmsten nicht anvertraut hatte. Waren unbekehrt und doch von Gott gerufen und Gott gehorsam. Waren Weltleute und doch Gottes Boten. Wußten nichts und wußten doch Alles. Waren die Letzten und doch die Ersten. Das ist gut. Das soll uns warnen und das kann uns trösten. Warnen, wenn etwas in uns hart werden will gegen Andere, die wir im Schatten der Torheit ihren Weg gehen sehen. Und trösten dann, wenn auch etwas in uns gegen uns selbst hart werden möchte, weil wir uns selbst im Schatten fühlen. Dieses Im-Schatten-Sein ist freilich eine sehr ernste Tatsache. Ernst, aber nicht ewig. Licht und Schatten haben keine eigene Macht. Das Leuchten der Sonne aber hat Macht, im nächsten Augenblick dort Licht zu schaffen, wo eben noch Schatten war. Und vielleicht ist dann Schatten, wo eben noch Licht war. Wir sollten die Frage, ob Andere, ob wir selbst die Rechten sind, nicht so ernst nehmen, wie wir es in besorgten, müden Stunden gerne tun. Die Härte, die dabei immer in uns ist, ist nicht aus Gott. In Gott ist die Freiheit, jeden Augenblick zu Jedem von uns zu sagen: Du bist gerade der Rechte, du bist gerade recht, so wie du bist, ich habe dich dazu gemacht, und mir mußt du so dienen, und nun wag es, ohne links und rechts zu sehen, ohne dich zu rühmen und ohne dich zu fürchten! Vielleicht hat er das schon zu uns gesagt, vielleicht zu dir, der du jetzt so viel über dich selbst zu seufzen hast, vielleicht auch zu dem Anderen, über den du immer seufzen mußt! Es ist vielleicht von euch nicht gehört, noch nicht verstanden, noch nicht befolgt. Den Propheten gegenüber z. B. war das Reden Gottes immer viel früher als ihr Hören, und nachher mußten sie sich gestehen, daß sie eigentlich schon lange gehört hatten und nur nicht hören, nicht verstehen, nicht gehorchen wollten. Eines Tages aber stand nach allem Warten von Seiten Gottes und der Menschen doch ein Prophet da, wie aus dem Nichts geschaffen, ein Mose, ein Jeremia, ein Jona. Licht, wo eben noch Schatten gewesen, Sonnenlicht, nicht Menschenlicht, sondern Gotteslicht. So ist eines Tages der Zug der Weisen aus dem Morgenland aufgebrochen, um den Heiland zu sehen und anzubeten, den sie nicht kannten, aus der Ferne, aus der Fremde, aus dem Heidentum, aus dem Nichts, nur aus der Freiheit Gottes, der an keine Unterschiede von Guten und Bösen, Klugen und Törichten, Gläubigen und Ungläubi|447gen gebunden ist, sondern immer wieder wählt, wen er will. Wenn wir an diese schrankenlose göttliche Freiheit denken, lernen wir es, weiser [?] zu denken.

3. Es ist nicht zu verkennen, daß die Bibel im Alten und Neuen Testament eine gewisse Vorliebe hat für Gestalten von der Art dieser Weisen aus dem Morgenland. So hören wir in der Geschichte Abrahams von dem König Melchisedek von Salem, der nicht zum Volk der Beschneidung gehört und doch den Abraham, den Vater der Gläubigen, segnet, von ihm den Zehnten empfängt, als ob er sein Herr wäre, und ein Priester des Allerhöchsten genannt wird [Gen. 14,18-20]. Als das Volk Israel an die Grenze Kanaans kam, da wurde es von dem moabitischen Zauberer Bileam, der ihm fluchen sollte, mit einer Verheißung empfangen, so schön und groß, wie sie nur je von einem gläubigen Gottesmann ausgesprochen worden ist [Num. 22-24]. Und eine Tochter aus demselben heidnischen Volk, Ruth, wurde auf dieselbe unerklärliche Weise zur Ahnherrin des ganzen königlichen Davidshauses [Ruth 4,13-17]. Aus dem Neuen Testament könnten wir an Gestalten wie an den Hauptmann von Kapernaum denken, von dem Jesus gesagt, solchen Glauben habe er in Israel nicht gefunden [Mt. 8,10 par.], oder an den anderen Hauptmann Cornelius von Cäsarea, dem der Apostel Petrus fast gegen seinen Willen das Evangelium verkündigen und die Taufe erteilen mußte [Act 10]. Es müssen offenbar immer wieder solche Neulinge auftreten gegenüber dem Reiche Gottes, die dann den Eingeborenen auf einen Schlag weit voraus sind. Wie zur Erinnerung, daß es mit dem Eingeboren- und Eingebürgertsein offenbar nicht getan ist und daß doch niemand, der sich draußen fühlt, sich darum als ausgeschlossen fühlen müsse. Das Reich Christi ist ein Haus, aber ein Haus mit offenen Türen und Fenstern nach allen Seiten. Wie ja auch das himmlische Jerusalem in der Offenbarung beschrieben wird als eine Stadt mit je drei Toren nach Norden, nach Süden, nach Osten, nach Westen, und diese zwölf Tore sind Tag und Nacht unverschlossen [Apk. 21,10-13.25]! Der Eingang ist also zu jeder Zeit und von allen Seiten leicht zu finden.

Wir sollten vielleicht gerade heute viel mehr an diese Seite der Bibel denken, an die göttliche Freiheit und Weitherzigkeit, an das Wort des Paulus, daß Gott nicht nur der Juden Gott, sondern auch der Heiden |448 Gott ist [Röm. 3,29], Das ist etwas ganz Anderes als die sogenannte Toleranz, wo man einander einfach laufen [?] und machen läßt. Es ist nicht Alles eins. Es ist ein Unterschied, ob wir von Gott berufen sind oder nicht, ob wir den Heiland sehen oder nicht sehen. Aber die Unterschiede und Gegensätze, die da bestehen, sind nicht so hart, nicht so starr, wie wir denken. Sie sind gegenüber den Unterschieden, die wir immer machen möchten, beweglich und veränderlich. Es sind eben die Unterschiede, die Gott selbst macht, und Gott ist lebendig, er geht weiter. Er wählt. Er beruft. Er setzt ein. Und er wählt immer neu. Es soll niemand denken, er sei für ewig draußen, und wenn er sich noch so draußen fühlte. Es soll aber auch niemand denken, daß er für ewig drinnen sei. Er muß vielleicht ganz neu erwählt werden wie die Weisen aus dem Morgenlande, um ganz neu hineinzukommen. Das wird heute klarer als je. Wir können z. B. den Unterschied, der uns von den Katholiken trennt, immer weniger ernst nehmen; wir sehen ihn, aber wir wissen: es kommt auf etwas Anderes an. Es will auf dem ganzen religiösen und geistigen Gebiet nirgends mehr recht gelingen, die Menschen zu großen, geschlossenen Gruppen und Parteien zusammenzuballen. Es ist da Alles in Auflösung, es gibt immer neue Unterschiede in den Unterschieden, es muß jeder seinen eigenen Weg suchen. Es ist, wie wenn das Andere: das Sich-Zusammentun und Voneinander-Ausschließen nicht mehr sein sollte. Es ist, wie wenn alle Besonderheiten ihren Wert und ihren Ernst verlieren sollten gegenüber dem Einen, was not tut [vgl. Lk. 10,42], von dem heute unter allerlei Volk und allerlei Zunge die Rede ist. Wir können das bedauern. Wir können uns dagegen wehren. Es ist möglich, daß wir vielleicht in eine Zeit gehen, in der die Kirchen und Sekten und Parteien mit ihrem Sich-Zusammentun und Sich-Ausschließen noch einmal große Bedeutung bekommen. Wir können aber auch zur Erkenntnis kommen, daß es von jeher gegeben hat und immer mehr geben wird eine göttliche Berufung, ein Suchen des Heilands auch außerhalb der Mauern, in denen wir uns befanden und befinden müssen. Das himmlische Jerusalem mit den zwölf Pforten nach allen Seiten ist noch nicht da, aber es kommt, es kündigt sich an nach der Auflösung und Zerrissenheit unserer Zeit. Wir wollen uns selbst, unserer jetzigen Erkenntnis treu sein, wir wollen keine anderen Wege gehen als die, die wir wirklich gehen müssen. Wir wollen uns selbst und die Anderen |449 prüfen, wiefern in ihnen und in uns etwas ist, was auf diese kommende vielseitige Einheit hinweist. Wir wollen aber aufmerksam und offen sein. Es könnten ja immer Melchisedek, Bileam oder Ruth oder die Weisen aus dem Morgenland sein, wer uns da aus der Ferne, aus der Fremde, aus dem Nichts heraus begegnet und uns doch die Botschaft von der Geburt des Heilands mit sich bringt. Und das nicht aus Nachsicht und Duldung gegen die Menschen, sondern gerade im eifrigsten Gedenken an Gott, aber eben im Gedanken an Gottes Freiheit. Wieviel eifriger, wieviel hoffnungsvoller könnten wir in die Zukunft sehen, wenn wir besser und mehr daran denken würden!

4. Wie es geht, wenn man nicht daran denkt, das sehen wir in unserer Geschichte an Herodes und den Leuten von Jerusalem. Wir wollen nicht lange von ihnen reden. Wie der König Herodes erschrak, weil er nichts Anderes fürchtete, als daß dieser neugeborene König der Juden ihn vom Thron stürzen werde. Wie das ganze Jerusalem mit ihm Angst bekam, weil sie offenbar von diesem Ereignis, das sie so lange erwartet, um das sie so lange gebetet, ganz schreckliche Dinge erwarteten. Wie die Schriftgelehrten in ihren Büchern blätterten und ganz genau sagen konnten, wo Christus geboren werden müsse, nur daß sie gar nicht darauf gefaßt waren, daß er wirklich geboren werde oder sogar schon geboren sein könnte. Wie Herodes dann seine klugen Pläne faßte, um des gefährlichen Kindes habhaft zu werden, und wie man ihm zuletzt den Weg zeigte, den man selbst nicht ging. Warum nur diese ganze Verwirrung? Weil sie alle, vom unfrommen König bis zu den frommen Schriftgelehrten bis zu den Gleichgiltigen auf der Straße nicht weich, sondern hart dachten. Weil sie nicht an die göttliche Freiheit dachten. An Gott dachten sie alle. Aber daß es mit Gott Ernst werden könnte - das ist doch die göttliche Freiheit -, daß die Verheißungen in Erfüllung gehen, der Heiland erscheinen, der Tag Gottes anbrechen, die Heiden nach Jerusalem kommen könnten, wie geschrieben stand [vgl. Jes. 60,3-15 u. ö.], daran dachten sie nicht. Es war ihnen genug, daß es geschrieben stand, genug, sich daran zu erbauen, darüber zu studieren, daran zu glauben, darum zu beten. Und nun geschah es mit einem Mal. Und da war es ihnen etwas ganz Neues, Unerwartetes, Unglaubliches und Unerwünschtes. Ja, Gott in den Büchern, Gott in der Kirche, Gott in den Gedanken - aber Gott im |450 Leben, Gott in Gestalt der dringenden, verlegenen Frage: Wo ist [der neugeborene König der Juden?] Wo ist das Heil, das euch verheißen ist und von dessen Erfüllung wir wissen? Diese Frage im Munde von unbekannten Fremden, die gar nichts von Gottesmännern an sich hatten, - Gott in Gestalt der Tatsache: diese könnten am Ende in Wahrheit wissen, was bei uns nur Glaube ist, das war unheimlich, das war fürchterlich. Selbstverständlich, daß sie den Fremden nicht trauten, sie konnten und wollten ihnen nicht trauen, sie durften ja nicht im Rechte sein, es durfte ja nicht möglich sein, und darum ließen sie sie ihres Weges ziehen, als ob ihre Sache nicht ihre eigene Sache gewesen wäre. Sie trauten aber auch sich selbst nicht, ihr ganzes Verhältnis zu Gott wurde ihnen auf einmal bedenklich, als sie durch die Frage der heidnischen Gaukler erfuhren, daß Gott am Ende wirklich Gott sein könnte, und darum fürchteten sie sich und versuchte es Herodes, dem rollenden Rad in die Speichen zu greifen. Sie waren offenbar selber auch nicht die Rechten. Es ist die Haltung von Menschen, die zu sicher waren und darum nie versanken in Unsicherheit, die zu hart gewesen und darum nie zerschlagen [?] wurden. So kommt man zurück, so kommt man aufs Nebengeleise und bleibt stehen, wenn man nicht offen und aufmerksam ist, wenn man den Gedanken an Gottes Freiheit vergessen hat.

5. An den Weisen aus dem Morgenland selbst kann man das Andere sehen, wie es ist, wenn Gott seine Freiheit braucht. «Wir haben seinen Stern gesehen». Das ist das Einzige, was sie vom Heiland wissen, eigentlich nichts von ihm, nur etwas Unbestimmtes von einem König der Juden, der geboren werden solle. Aber der Stern genügte. Als sie Jerusalem hinter sich hatten, sahen sie ihn wieder und «wurden hoch erfreut». Er war ihnen das Zeichen, daß sie sich aufmachen, hingehen und anbeten mußten, und sie gehorchten ihm. Die Schriftgelehrten in Jerusalem hatten viel bessere Zeichen in ihren Bibeln und gehorchten ihnen nicht. Es kommt nicht darauf an, welches Zeichen uns den Befehl zum Aufbruch gibt. Dem Fischer Petrus ist sein Netz voller Fische zum Zeichen geworden [Lk. 5,1-11], daß die Wende der Zeiten nahe sei, das [?] Neue zu tun, wie sich’s gehörte, im Neuen [?]. Es kommt nur darauf an, daß der Mensch, wenn er ein solches Zeichen bekommt, gehorcht und aufbricht. Ein Stern ist ein kleiner Punkt am Himmel, |451 man muß gut aufmerken, um zu merken, da ist ein neuer Stern, was hat der zu bedeuten? Wenn ein solcher kleiner neuer Punkt einem Menschen aufgeht in seinem Leben, vielleicht eine scheinbar ganz nebensächliche Frage oder Sorge, wenn der ihm auf einmal so groß und wichtig wird, daß er merkt: da hängt nun Alles davon ab, daß ich dem nachgehe, daß ich da Antwort bekomme, wenn sein Leben nur eine Suche und Frage wird nach dem Einen, was sich ihm da angezeigt hat, seht, dann braucht Gott seine Freiheit.

Sollte das so etwas Seltsames sein?

Sollte das nicht uns allen möglich sein?

Sollte sich daraus nicht Alles ergeben: das Suchen, das Finden, das Darbringen, das Anbeten?

Wenn uns ein solcher Stern aufgeht, dann wissen wir, daß wir erwählt sind. In diesem Wissen wollen wir ruhen [?] und gehen.

Lieder:
  • Nr. 101 «Werde Licht, du Volk der Heiden» von J. Fr. Mudre (1736-1810), Strophen 1.2.4 🎵
  • Nr. 237 «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von Ph. Nicolai, Strophen 1. 7 (RG [1998] 653,1.7; EG 70,1.7; jeweils mit Textabweichungen) 🎵