14. Dezember 1919

Lukas 3,1-6

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III. Advent
Lukas 3,1-6
[In dem fünfzehnten Jahr des Kaisertums Kaisers Tiberius, da Pontius Pilatus Landpfleger in Judäa war und Herodes ein Vierfürst in Galiläa und sein Bruder Philippus ein Vierfürst in Ituräa und in der Gegend Trachonitis und Lysanias ein Vierfürst zu Abilene, da Hannas und Kaiphas Hohepriester waren: da geschah der Befehl Gottes zu Johannes, des Zacharias Sohn, in der Wüste. Und er kam in alle Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, wie geschrieben steht in dem Buch der Reden Jesaja’s, des Propheten, der da sagt: «Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und machet seine Steige richtig! Alle Täler sollen voll werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll richtig werden, und was uneben ist, soll schlichter Weg werden. Und alles Fleisch wird den Heiland Gottes sehen».]

1. Das Große und Bedeutende in unserem Text liegt in der Art, wie da Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinander verschlungen sind in der Person Johannes des Täufers. Ruhig und gründlich wird da die Gegenwart betrachtet, die Zukunft aber, nach der man fragen möchte, wird sofort klar durch die Vergangenheit, die in die Gegenwart hineintritt und zeigt, wo Alles hinaus will. Einst und jetzt sind ja nicht getrennte Dinge in Johannes dem Täufer. Er steht mitten in seiner Gegenwart. Aber wie er dasteht, ist er doch nichts Anderes als die lebendige, erfüllte Vergangenheit, von der geschrieben steht. Die Zeit rückwärts, die ihn vom Jetzigen trennt, ist aufgehoben. Das Einst ist in ihm Jetzt geworden. Darum ist auch die Zeit vorwärts für ihn kein Hindernis. Er sieht durch sie hindurch, er schreitet in die kommende Zeit hinein. Sein Blick und sein Wesen ist auf die Zukunft gerichtet, und sein Wort ist Wort für die Zukunft.

Eben darum ist dieser Text ein rechter Adventstext und Johannes der Täufer, wie er uns da geschildert wird, der rechte Adventsmensch. |417 Das gerade suchen wir und haben wir nötig. Advent heißt ja Zukunft. Wir sollten auch in die Zukunft hineinschauen und hineinschreiten können mit festen Schritten. Wir sollten wissen, was wir zu denken und zu tun haben in den kommenden Zeiten. Aber dazu müssen wir neben Johannes den Täufer treten und mit ihm eins werden in der Aufhebung der Zeit. Denn die Zukunft ist kein getrenntes Ding für sich, sondern sie ist immer die Erfüllung der Vergangenheit. Die lebendig gewordene Vergangenheit, die in die Gegenwart hineintritt und aus der Gegenwart gleichsam herausspringt als Zukunft. Wenn in unserem Heute unser Gestern zu Ehren kommt, dann haben wir auch ein Morgen und wissen, wie wir ihm entgegengehen sollen.

2. Die Gegenwart kommt in unserem Text, wie es sich gehört, zuerst zu Wort. Das, was jetzt ist, empfinden wir ja immer am stärksten. Was den Augenblick, den wir jetzt leben, erfüllt, das beschäftigt, das erfreut, das bedrückt uns, das müssen wir verstehen. Nur die Gelehrten in ihren Büchern machen es anders, fangen immer mit der alten Geschichte an, als ob man verstehen könnte, was gestern, was vor 100 und 1000 Jahren gewesen ist, wenn man nicht einen lebendigen Sinn hat für das, was heute ist. Es gibt aber auch Ungelehrte, die immer zuerst rückwärts schauen, in ihre Jugendzeit, in die gute alte Zeit und Alles von dort aus wehmütig und anklagend betrachten. Das ist ein Krankheitszeichen, ein Zeichen, daß man kein Heute hat, keinen festen Grund unter den Füßen, ein Zeichen, daß wir nicht in Bewegung sind. Wenn wir gesund sind, dann leben wir zunächst immer ganz fest im Augenblick, im Heute, mit aller Verlegenheit, die uns dieses Heute bereitet, aber auch mit aller Hoffnung, die es in sich schließt.

Vom Heute aus müssen wir dann vorwärtsschauen und vorwärtskommen ins Morgen, in die Zukunft hinein. Lebendige Menschen sind immer Zukunftsmenschen. Sie schauen ganz ernst und tief und ruhig in die Gegenwart hinein und siehe [?] da, das Wesen der Gegenwart ist nichts Anderes als das Samenkörnlein der Zukunft. In dem, was ist, schlummert schon das, was werden will. Und an diesem Werdenden freuen sie sich nun, das hüten und pflegen sie, seiner Entfaltung und Enthüllung ist nun ihr Leben gewidmet.

Aber wenn es ihnen damit ernst ist, dann geschieht ihnen etwas Merkwürdiges. Nicht allein, nicht verlassen, nicht hilflos stehen sie in |418 der Gegenwart vor der Zukunft, die noch nicht da ist, sondern nun ist auf einmal etwas scheinbar ganz Verschwundenes bei und mit ihnen, die Vergangenheit. Was gewesen ist, es ist nicht tot, nicht historisch, nicht eine goldene Jugendzeit, nicht eine gute alte Zeit, die nicht mehr wiederkehrt. Sie erinnern sich seiner wieder. Nein, es selbst stellt sich wieder ein. Es wird ihnen lebendig, bedeutungsvoll, es kommt ihnen zu Hilfe. Sieh, sagt ihnen ihr Gestern, ich bin nichts Anderes als das, was du heute erkannt und verstanden hast, ich bin nichts Anderes als das Morgen, dessen du wartest. Ich bin, ich war, ich werde sein. Dein Alter soll sein wie deine Jugend [Dtn. 33,25]! Wage es nur mit mir! Ich habe dich geleitet, und ich werde dich leiten! Die harte Schale der Vergangenheit bricht auf, und die Frucht, die sie uns bietet, ist ein Unterpfand für die Zukunft.

Das war die große Lebenskunde der Menschen, die das Neue Testament geschrieben haben, daß sich ihnen Alles: Gegenwärtiges, Künftiges und Einstiges so miteinander verband. Sie verstanden ihre Gegenwart so gut, sie schauten ihrem Heute auf den Grund und lebten es von Grund aus, und wenn sie sich dann fragten: Was nun? Wie soll es nun weiter gehen?, dann wurde ihnen das Vergangene lebendig, das gar nicht vergangen ist, und wenn es längst gewesen wäre, es erlöste sie von allem Zweifel und wurde ihre Kraft und ihre Parole für die Zukunft. Darum ist ihnen die Gestalt Johannes des Täufers so wichtig gewesen.

3.   Die Gegenwart hieß in der Zeit, von der unser Text redet, zunächst einfach Kaiser Tiberius, Landpfleger Pontius Pilatus, Vierfürsten Herodes, Philippus, Lysanias, Hohepriester Hannas und Kaiphas. Ein unerfreuliches Bild. Eine böse Gegenwart. Jeder einzelne dieser Namen bedeutete Gewalt und Unrecht, Lüge und Torheit. Alle diese Namen miteinander bedeuteten: In der Welt ist’s dunkel!2 Macht geht vor Recht!3 Geld regiert die Welt!4 Das Volk Gottes liegt am Boden |419 und wird nicht mehr aufstehen; es ist gar nicht mehr das Volk Gottes, denn das Licht, das es einst trug, ist längst verloschen. Etwa wie wenn man heute sagen würde: Wilson, Clemenceau, Lloyd George, Lenin, Tirpitz und Ludendorff und wenn man dann an die Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit der Kirche, des sogenannten Christentums denken wollte. Unerfreuliches Bild, böse Gegenwart auch heute. Eine solche Gegenwart war die Gegenwart Johannes des Täufers. Aber nun bedenkt, was das heißt: «Im 15. Jahr des Kaisers Tiberius geschah das Wort Gottes zu Johannes, des Zacharias Sohn, in der Wüste.» Also gab es da auch eine andere Gegenwart als das, was jedermann dafür hielt, mitten in dem großen, offenkundigen Jetzt der Kaiser, Landpfleger … noch ein verborgenes Jetzt. Und dort stand Johannes. Das war allerdings nicht in den Fürstenpalästen und auf den Marktplätzen und in den Tempeln, wo scheinbar das volle Leben der Gegenwart sich abspielte. Das war in der Wüste, und niemand war dabei, der es miterleben und dann erzählen konnte. Nur nachher wurde man dessen gewahr, aus den Wirkungen, die dieses stille Ereignis in der Wüste hatte, daß da noch eine besondere Gegenwart in der Gegenwart vorhanden gewesen war. Seht, wie merkwürdig, daß die Gegenwart nach dieser Beschreibung gleichsam einen doppelten Boden hat. Da oben auf der Oberfläche, da steht der Mensch unter Millionen anderer Menschen in der Welt drin und ist ein Kind seiner Zeit, und auf dieser Oberfläche sieht es fast immer trübe und verworren und hoffnungslos aus, und wenn es auch auf dieser Weltoberfläche neben den Kaisern und anderen großen Herren immer auch Hohepriester und Kirchen und Kapellen gegeben hat, so ändert das leider doch gar nichts an dem ganzen, dem traurigen Bild. Da unten aber, in der Tiefe, «in der Wüste», da steht derselbe Mensch einsam vor Gott, und Gottes Wort geschieht zu ihm. Und wenn wir auch noch nicht wissen, was das für ein Wort Gottes ist, das da geschieht zu ihm, wo niemand es hört als er allein - das kann man doch schon wissen, die Gegenwart des Menschen da in der Tiefe, dort wo er nicht mehr ein Kind seiner Zeit ist, sondern einfach ein Mensch, eine freie, offene Seele - diese Gegenwart ist eine ganz andere als die da droben. Da ist jetzt schon wahr, was droben noch unbegreiflich ist. Da ist jetzt schon gestürzt, was droben noch in Macht und Herrlichkeit steht. Da ist jetzt schon erledigt, was droben noch 1000 Fragen sind, da ist jetzt schon alt, was droben noch das Neueste vom Neuen ist. |

420 Daß wir es doch wagen würden, radikal in der Gegenwart zu leben! Aber radikal, nicht nur oberflächlich. Es gibt nicht nur Weltgeschichte und Lebensgeschichten, es gibt in der Weltgeschichte und in allen Lebensgeschichten auch Gottesgeschichte. Du brauchst nicht bloß Tiberius zu sein oder Pontius Pilatus oder einer von den Millionen, die damals mit ihnen aßen und tranken und morgen tot waren [vgl. 1.Kor. 15,32] und mit ihnen die oberflächliche Gegenwart bildeten. Du brauchst dich nicht darauf zu beschränken, mit Herodes zu sündigen und mit den Hohenpriestern zu andächteln. Du kannst auch mit Johannes in die Wüste gehen. Die Wüste, die innere Abgeschiedenheit, bei der doch die Augen ganz offen sind für Alles, was da oben vorgeht, und die Füße ganz bereit, jetzt hierhin und jetzt dorthin zu eilen, wenn es sein muß, die Freiheit und Offenheit der Seele für das Wort Gottes, das zu ihr geschehen will, ist auch Gegenwart. Ja, noch mehr, hier ist die wahre, die lebendige Gegenwart. Johannes in der Wüste lebte stärker in der Gegenwart als der Kaiser von Rom in seinen Zirkuslogen [?]. Dort in der Tiefe, wo der Mensch ganz erfüllt vom Jammer, von den Fragen und Aufgaben seiner Zeit, aber ohne etwas zu wissen, ohne etwas zu wollen, ohne schon 1000 Pläne und Absichten in der Tasche zu haben, gleichsam nackt vor Gott steht, da ist der Sinn der Gegenwart, da ist das Herz einer Zeit, da ist das Licht, während die Weltvorgänge und Lebensvorgänge nur Schattenbilder sind. Da ist nicht Bild und Gleichnis, sondern Wesen und Wahrheit. Wir würden staunen, wenn da Johannes, der zweifellos verborgen noch in unserer Gegenwart lebt, seinen Mund auftun und reden und uns sagen könnte, was das unerfreuliche Bild, das unsere Augen sehen, bedeutet. Warum kann er nicht reden? Warum verstehen wir unsere Zeit nicht? Weil wir viel zu wenig in unserer Zeit leben. In der Zeitung ja, aber in der Zeit nicht. Gegenwartsmenschen sind uns heute not, Menschen mit Fragen ohne Antworten, Menschen mit Sorgen ohne Trost und Beschwichtigungen, Menschen, die suchen und sich noch nicht zurecht gefunden haben, Menschen, bei denen sich etwas geöffnet und noch nicht wieder verschlossen hat, Menschen, zu denen Gottes Wort geschehen kann.

4. Zu Johannes konnte es geschehen. Und darum sah er eine Zukunft vor sich und ging ihr entgegen. Freilich eine ganz ungewöhnliche Zu|421kunft, höchst verschieden von den Zukünften, an die wohl noch der Kaiser, Herodes und die Hohepriester dachten. Eine Aufgabe, ein Programm, eine Erwartung, eine Hoffnung, die sich mit keiner anderen auch nur von ferne vergleichen läßt. Es fehlt ja auch unserer Zeit nicht an Zukunftsbestrebungen und Zukunftserwartungen. Aber sie sind sehr anders als die, die Johannes aus der Wüste mitbringt, sie stammen nicht aus dem Worte Gottes, das in ganz freien, offenen Seelen geschehen ist. Sie haben alle so etwas Tiberiushaftes und Herodesmäßiges oder auch Hohepriesterliches an sich. Darum sind sie auch so phantastisch. Darum widersprechen sie sich gegenseitig. Darum muß immer wieder eine der anderen das Feld räumen. Weil wir heute keine radikalen Gegenwartsmenschen haben, fehlt es uns auch an radikalen Zukunftsmenschen. Und weil Johannes heute nicht reden kann von dem, was ist, kann er auch nicht reden von dem, was sein wird. Dort konnte er reden davon und hat davon geredet. Das, was er nur sah und dem er entgegenging, das, was er zu sagen hatte, als er aus der Wüste zurückkam unter die Menschen und von ihnen gefragt wurde: Was nun? Was bringst du uns mit aus der Wüste, du merkwürdiger Gegenwartskünder5 ?, das faßte er zusammen in das eine Wort: Vergebung der Sünden! Bedenkt, was das sagen will! Wie das wirken würde, wenn man das all den Zukunftsplänen für Staat und Gesellschaft, Kirche und Schule, die heute durch die Luft schwirren, entgegenstellen wollte als den Zukunftsplan Johannes des Täufers: Nein, nicht das alles, sondern - Vergebung der Sünden! Wir spüren schon, nicht wahr, diesen Plan kann man nicht neben andere stellen, nicht mit ihnen vergleichen. Er steht außer Konkurrenz. Er kann nur der Anfang und das Ende und der Sinn aller anderen Pläne sein, sonst ist er gar nichts. Vergebung der Sünden! Das ist ja eine ganz neue, ganz andere Betrachtung des Menschen. Der Mensch ohne das Böse, freilich auch ohne all das Gute, das er jetzt so krampfhaft denkt und tut. Die Vergebung hebt ja Beides auf, das Böse und das Gute damit, sie stellt den Menschen wieder an den Anfang, sie gibt ihn sich selbst, sie gibt ihn Gott zurück. Aber was heißt das: der Mensch, Gott wieder zurückgegeben, nicht mehr ein Sünder, nicht mehr ein Gerechter, der Mensch freigesprochen, indem er an Gott gebunden wird? Was heißt das: dieser erlöste, dieser ganz andere Mensch?|

422 Was heißt das, wenn man das auf die Zukunft der Menschheit anwendet? Das heißt offenbar etwas für alle Zukunft Unmögliches, Undenkbares, etwas, was auch die radikalste Fortschrittpartei und die eifrigste Missionsgesellschaft nicht auf ihrem Programm zu nennen wagt. Und doch ist gerade das das Programm Johannes des Täufers gewesen! Es gibt offenbar nicht nur eine doppelte Gegenwart, sondern auch eine doppelte Zukunft. Die eine Zukunftserwartung rechnet mit dem Möglichen, mit Entwicklung, Verbesserung, Erziehung und allmählichem Fortschritt. Die andere Zukunftserwartung rechnet in der Tat mit dem Unmöglichen, mit der Vergebung der Sünden, mit dem Reiche Gottes, mit dem Heiland. Wir müssen Beides zunächst scharf auseinanderhalten, denn Beides hat zunächst gar nichts miteinander zu tun, sowenig als das Kaiserleben in Rom mit dem Johannesleben in der Wüste etwas zu tun hatte. Der Reichsgottesglaube stammt eben in der Tat aus der Wüste, aus der Einsamkeit des Menschen vor Gott, während der christliche oder weltliche Fortschrittsglaube aus dem Wissen und Wollen und Vorhaben des Oberflächenmenschen stammt. Wir sind alle Beides, Tiberius und ein ganz klein wenig Johannes, Oberflächenmensch und ein ganz klein wenig Wüstenmensch und Tiefenmensch. Es sind aber zwei verschiedene Quellen, die da fließen in uns, und zwei verschiedene Zukunftserwartungen, die daraus hervorgehen. |

Aber es ist doch ein Zusammenhang da zwischen diesen beiden Erwartungen. Das sieht man gerade heute ganz deutlich. Überall da, wo die Fortschrittshoffnungen der Menschen wirklich groß und lebendig sind, da steckt eben tatsächlich etwas von der Reichsgotteshoffnung dahinter, da müssen es die Menschen wagen, ob sie es wollen oder nicht, an einen ganz anderen Menschen zu glauben, an einen Menschen, der eine Einsicht, eine Liebe, ein Rechtsgefühl hat, das wir jetzt eigentlich nirgends wahrnehmen. Da muß man es wagen, die Menschen zum vornherein [?] in einem ganz anderen Licht zu betrachten, da muß man es wagen, nicht nur mit der natürlichen Entwicklung und mit Erziehungskräften, sondern mit dem Unmöglichen, mit dem Wunder zu rechnen, daß es ganz andere Menschen geben könnte, als es bis jetzt gegeben hat und als wir alle sind. Ohne dieses Stücklein Reichsgottesglaube wäre der Fortschrittsglaube längst am Boden, und wo dieser Reichsgottesglaube den Menschen verloren |423 geht, wo sie gar nicht mehr mit dem Unmöglichen, mit dem Unerhörten, mit dem Unendlichen rechnen, da ist tatsächlich auch der Fortschrittsglaube längst am Boden. Aller Mut, alle Zuversicht, alle Kraft, die wir in der Erziehung, in der Wissenschaft, in der Politik und vielleicht mit der Zeit auch wieder in der Kirche lebendig werden sehen, sie stammen aus der Wüste, aus dem Worte Gottes, das zum Menschen geschieht, wo es geschehen kann. Ohne den Zukunftsplan Johannes des Täufers, ohne die Vergebung der Sünden, ohne die Erwartung des Heilands kommen wir alle keinen Schritt vorwärts. |

Wir haben aber diesen Zukunftsplan in uns. Wenn wir ihn doch auch ganz anders um uns hätten! Wenn es uns doch bewußter wäre, um was es eigentlich geht bei unserem Hoffen und Planen, was wir eigentlich meinen bei unserem Eifer für unsere Arbeit und für die Verbesserung unserer Zustände, für Mission und Kirche, für freisinnigen oder sozialen Fortschritt! Wenn wir doch Buße getan, d. h. ein Umdenken vollzogen hätten, durchgebrochen wären zu der Erkenntnis, daß Gott es ist, den wir mit unserem Wollen und Laufen eigentlich meinen, dem wir aber auch gehorsam werden müssen, wenn das, was wir meinen, wirklich werden soll. Wieviel Enttäuschungen und Irrtümer und Mißgriffe könnten wir uns ersparen, wenn wir mit Johannes aus der Wüste kämen und von da aus in die Zukunft sehen und gehen würden! Wieviel kräftigeren Schwung hätte unser Eifer und unsere Erwartung, wenn es uns ganz bis ins Herz hinein klar wäre: nicht um meine Einsicht und mein Wollen handelt es sich im Grunde, da bleibt ja doch gerade das Beste immer unmöglich, sondern um das Kommen des Heilands in die Welt, um die Auferstehung, um die Verwandlung des Verweslichen ins Unverwesliche [vgl. 1.Kor. 15,42], um den neuen Himmel und die neue Erde [Jes. 65,17], um den Tag des Menschensohns [Lk. 17,22.26]. Wenn doch der verborgene Johannes heute hervorträte und uns allen sagen würde, was wir eigentlich meinen und was uns nötig ist, damit es nicht beim bloßen Meinen bleibt!

5. Bei Johannes dem Täufer ist es nach dem Urteil seiner Zeitgenossen nicht beim bloßen Meinen geblieben. Wer so wartet und hofft wie er, der sieht dann auch. Johannes bekam zu sehen. Er sah den Tag anbrechen, von dessen Kommen er in der Wüste geredet. Er sah |424 den anderen Menschen, den neuen Menschen, den Menschen ohne Sünde und ohne Gerechtigkeit, den mit Gott geeinigten Menschen. Er sah das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt [Joh. 1,29]. Er sah die Vergebung der Sünden eine Macht werden auf Erden. So steht er auf der Grenze zweier Welten: Im Fragen und doch schon im Antworten, im Suchen und doch schon im Finden, im Anklopfen und doch schon vor der offenen Tür [vgl. Mt. 7,7 par.], in der Erwartung und doch schon in der Erfüllung. Und da sahen seine Zeitgenossen auf einen Schlag die ganze Vergangenheit in diesem Mann lebendig werden. Das Alte Testament ging wie von selbst auf, und sie verstanden es; das ist’s, was geschrieben steht in dem alten Buch: Es ist eine Stimme [eines Predigers in der Wüste] … Das, was diesem Mann geschehen ist in der Wüste und was er dann getan hat unter den Menschen, das ist die Bibel. Das ist Abraham, Isaak und Jakob, das ist Joseph, Mose und David, das ist Amos, Jesaja und Jeremia. So ist’s gemeint in den alten Rätselbuchstaben: Bereitet dem Herrn den Weg!|

Es gibt ja auch eine doppelte Vergangenheit: eine tote, sinnlose, unzusammenhängende Vergangenheit. Da sind alle die Sprüche und Geschichten der Bibel nur seltsame Meinungen und Ereignisse, ihre Gestalten auffallende religiöse Persönlichkeiten. Da muß man sich krampfhaft anstrengen, um in diesem Buch etwas Sinnvolles und Brauchbares zu finden, und schließlich bleibt Einem doch nichts übrig. Da sind Franz von Assisi oder Calvin oder Pfarrer Blumhardt entweder Heilige, die man verhimmelt, oder seltsame Fanatiker, über die man die Achseln zuckt. Die lebendige Vergangenheit aber wirkt unmittelbar in die Gegenwart und Zukunft hinein. Da heißt’s: sie sind gestorben und leben noch! Da versteht man, daß alle diese Lebendigen solche freien, offenen Seelen vor Gott gewesen sind und daß ihre Größe darin bestand, daß sie irgendwo wieder ein solches Fenster öffneten gegen das Reich Gottes, gegen das Unmögliche und Unendliche hin. Da sieht man sie alle als Wegbereiter für den Heiland und ist ihnen dankbar, daß sie neben einen treten, wie wenn sie heute da wären. Ja, auch Vergangenheitsmenschen sollten wir heute wieder werden. Man redet zwar heute viel von Geschichte und gräbt immer neue vergangene Dinge aus. Aber in Wahrheit gleichen die heutigen Geschichtsforscher den Totengräbern, die nur die alten Särge und Leichen wieder ans Licht bringen, um sie schaudernd alsbald wieder zu|425zudecken. Lebendig wäre die Geschichte nur den lebendigen Menschen. Nur die lebendige Geschichte wird uns zu einem Zeugnis und zu einer Kraft für die Zukunft. Johannes der Täufer war eins mit der Geschichte. Er war selber Geschichte. «Alles Fleisch wird den Heiland Gottes sehen.» Das ist das Alte Testament in kürzesten Worten. Das war das Leben des Johannes: Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit zugleich. Wenn es doch auch unser Leben würde! Christus können wir nicht werden und sollen es gar nicht, aber Johannes der Täufer, der Christus den Weg bereitet.

Lieder:
  • Nr. 89 «Nun jauchzet all, ihr Frommen» von M. Schirmer, Strophen 1.3.4 (RG [1998] 365,1.4.5; EG 9,1.4.5; jeweils mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 99 «Jauchzet, ihr Himmel» von G. Tersteegen, Strophen 1.2.4 (RG [1998] 404,1.2.4; EG 41,1.2.4) 🎵

Sachfußnoten

1
Am Sonntag, 7. Dezember besuchte Barth Thurneysen zum Gottesdienst, zur Kinderlehre und zum Gespräch. Wer in Safenwil predigte, ist nicht ersichtlich (Bw. Th. I, S. 356 📖).↩
2
Vgl. G. Frei (1851-1901): «In der Welt ist’s dunkel, leuchten müssen wir, du in deiner Ecke, ich in meiner hier», in: P. Zauleck, Deutsches Kindergesangbuch, Gütersloh o. J., Nr. 227 📖.↩
3
Zu Unrecht Bismarck zugeschriebenes Schlagwort; vgl. darüber Büchmann, S. 728f. 📖↩
4
Vgl. Publilius Syrus: «Pecunia una regimen est rerum omnium» (Sentenzen 364) 📖.↩
5
Könnte auch «Gegenwartsbruder» heißen.↩