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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Lukas 3,1-6</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Lukas 3,1-6, 14. Dezember 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39051 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 425.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Lukas 3,1-6</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">425</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Lk 3,1-6 (3. Advent), 14. Dezember 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1935">KBA 1478</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-12-14">14. Dezember 1919</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <head><idno>496</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag, den <date when="1919-12-14">14. Dezember
              1919</date><note xml:id="n01">Am Sonntag, <date when="1919-12-07">7. Dezember</date> besuchte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> zum
              Gottesdienst, zur Kinderlehre und zum Gespräch. Wer in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> predigte, ist nicht
              ersichtlich (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw. Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p356#p356">S. 356</ref></bibl>).</note>
          </dateline>
          <head type="event">III. Advent</head>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.3.1 Lk.3.6">Lukas 3,1-6</ref>
              <quote><hi rend="italic" resp="kb">[In dem fünfzehnten Jahr des Kaisertums Kaisers
                  <persName ref="kbga-actors-5786">Tiberius</persName>, da <persName ref="kbga-actors-2239">Pontius Pilatus</persName> Landpfleger in <placeName ref="kbga-places-1064">Judäa</placeName> war und <persName ref="kbga-actors-6511">Herodes</persName> ein Vierfürst in
                  <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> und sein Bruder <persName ref="kbga-actors-2238">Philippus</persName> ein Vierfürst in <placeName ref="kbga-places-1479">Ituräa</placeName> und in der Gegend
                  <placeName ref="kbga-places-1480">Trachonitis</placeName> und <persName ref="kbga-actors-10435">Lysanias</persName> ein Vierfürst zu <placeName ref="kbga-places-1481">Abilene</placeName>, da <persName ref="kbga-actors-10436">Hannas</persName> und <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName>
                  Hohepriester waren: da geschah der Befehl Gottes zu <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>, des <persName ref="kbga-actors-6493">Zacharias</persName> Sohn,
                  in der Wüste. Und er kam in alle Gegend um den <placeName ref="kbga-places-926">Jordan</placeName> und predigte die Taufe der
                  Buße zur Vergebung der Sünden, wie geschrieben steht in dem Buch der Reden
                  <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja’s</persName>, des Propheten, der da sagt: «Es ist eine Stimme eines Predigers in der
                  Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und machet seine Steige richtig! Alle Täler
                  sollen voll werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was
                  krumm ist, soll richtig werden, und was uneben ist, soll schlichter Weg werden.
                  Und alles Fleisch wird den Heiland Gottes sehen».] 
                </hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <div type="main">
          <p><hi rend="italic">1.</hi>
            <hi rend="italic">Das Große und Bedeutende</hi> in unserem Text liegt in der Art, wie da
            Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinander verschlungen sind in der Person <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes
            des Täufers</persName>. Ruhig und gründlich wird da die <hi rend="italic">Gegenwart</hi>
            betrachtet, die <hi rend="italic">Zukunft</hi> aber, nach der man fragen möchte, wird
            sofort klar durch die <hi rend="italic">Vergangenheit</hi>, die in die Gegenwart
            hineintritt und zeigt, wo Alles hinaus will. <hi rend="italic">Einst und jetzt</hi> sind
            ja nicht getrennte Dinge in <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes dem Täufer</persName>. Er steht mitten in seiner <hi rend="italic">Gegenwart.</hi> Aber wie er dasteht, ist er doch nichts Anderes als die
            lebendige, erfüllte <hi rend="italic">Vergangenheit</hi>, von der geschrieben steht. <hi rend="italic">Die Zeit rückwärts</hi>, die ihn vom Jetzigen trennt, ist aufgehoben.
            Das Einst ist in ihm Jetzt geworden. Darum ist auch <hi rend="italic">die Zeit
              vorwärts</hi> für ihn kein Hindernis. Er <hi rend="italic">sieht durch sie
              hindurch</hi>, er <hi rend="italic">schreitet</hi> in die kommende Zeit hinein. Sein
              <hi rend="italic">Blick</hi> und sein <hi rend="italic">Wesen</hi> ist auf die Zukunft
            gerichtet, und sein <hi rend="italic">Wort</hi> ist Wort für die Zukunft.</p>
          <p>Eben darum ist dieser Text ein <hi rend="italic">rechter Adventstext</hi> und <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes
            der Täufer</persName>, wie er uns da geschildert wird, der rechte Adventsmensch. <pb ed="pga" xml:id="p417"/> Das gerade <hi rend="italic">suchen wir</hi> und haben wir nötig.
            Advent heißt ja <hi rend="italic">Zukunft.</hi> Wir <hi rend="italic">sollten auch</hi>
            in die Zukunft hineinschauen und hineinschreiten können mit festen Schritten. Wir <hi rend="italic">sollten wissen</hi>, was wir zu denken und zu tun haben in den kommenden
            Zeiten. Aber dazu <hi rend="italic">müssen wir neben</hi> <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes den Täufer</persName> treten und
            mit ihm eins werden in der Aufhebung der Zeit. Denn die Zukunft ist <hi rend="italic">kein getrenntes Ding</hi> für sich, sondern sie ist immer die <hi rend="italic">Erfüllung der Vergangenheit.</hi> Die lebendig gewordene Vergangenheit, die in die
            Gegenwart <hi rend="italic">hinein</hi>tritt und aus der Gegenwart gleichsam <hi rend="italic">heraus</hi>springt als Zukunft. Wenn in unserem <hi rend="italic">Heute</hi> unser <hi rend="italic">Gestern</hi> zu Ehren kommt, dann haben wir auch
            ein <hi rend="italic">Morgen</hi> und wissen, wie wir ihm entgegengehen sollen.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi>
            <hi rend="italic">Die Gegenwart</hi> kommt in unserem Text, wie es sich gehört, zuerst
            zu Wort. Das, <hi rend="italic">was jetzt ist</hi>, empfinden wir ja immer am stärksten.
            Was den <hi rend="italic">Augenblick</hi>, den wir jetzt leben, erfüllt, das
            beschäftigt, das erfreut, das bedrückt uns, das müssen wir verstehen. Nur die Gelehrten
            in ihren Büchern machen es anders, fangen immer mit der alten Geschichte
               an, als ob man verstehen könnte, was
            gestern, was vor 100 und 1000 Jahren gewesen ist, wenn man nicht einen lebendigen Sinn
            hat für das, was heute ist. Es gibt aber auch Ungelehrte, die immer zuerst rückwärts
            schauen, in ihre Jugendzeit, in die gute alte Zeit und Alles von dort aus wehmütig und
            anklagend betrachten. Das ist ein <hi rend="italic">Krankheitszeichen</hi>, ein Zeichen,
            daß man kein Heute hat, keinen festen Grund unter den Füßen, ein Zeichen, daß wir nicht
            in Bewegung sind. Wenn wir <hi rend="italic">gesund sind</hi>, dann leben wir zunächst
            immer ganz fest im Augenblick, im Heute, mit aller Verlegenheit, die uns dieses Heute
            bereitet, aber auch mit aller Hoffnung, die es in sich schließt.</p>
          <p>Vom Heute aus müssen wir dann vorwärtsschauen und vorwärtskommen ins Morgen, <hi rend="italic">in die Zukunft</hi> hinein. Lebendige Menschen sind immer <hi rend="italic">Zukunftsmenschen.</hi> Sie schauen ganz ernst und tief und ruhig in die
              <hi rend="italic">Gegenwart</hi> hinein und siehe [?] da, das Wesen der Gegenwart ist
            nichts Anderes als das <hi rend="italic">Samenkörnlein</hi> der Zukunft. In dem, was
            ist, schlummert schon das, was <hi rend="italic">werden will.</hi> Und an <hi rend="italic">diesem Werdenden</hi> freuen sie sich nun, das hüten und pflegen sie,
            seiner Entfaltung und Enthüllung ist nun ihr Leben gewidmet.</p>
          <p>Aber wenn es ihnen damit ernst ist, dann geschieht ihnen etwas Merkwürdiges. <hi rend="italic">Nicht allein</hi>, nicht verlassen, nicht hilflos stehen sie in <pb ed="pga" xml:id="p418"/> der Gegenwart vor der Zukunft, die noch nicht da ist, sondern
            nun ist auf einmal etwas scheinbar ganz <hi rend="italic">Verschwundenes</hi> bei und
            mit ihnen, die <hi rend="italic">Vergangenheit.</hi> Was gewesen ist, es <hi rend="italic">ist nicht tot</hi>, nicht historisch, nicht eine goldene Jugendzeit,
            nicht eine gute alte Zeit, die nicht mehr wiederkehrt. Sie erinnern sich seiner wieder.
            Nein, es selbst <hi rend="italic">stellt sich wieder ein.</hi> Es wird ihnen lebendig,
            bedeutungsvoll, es kommt ihnen <hi rend="italic">zu Hilfe.</hi> Sieh, sagt ihnen ihr
            Gestern, <hi rend="italic">ich bin nichts Anderes</hi> als das, was du heute erkannt und
            verstanden hast, ich bin nichts Anderes als das Morgen, dessen du wartest. <hi rend="italic">Ich bin</hi>, ich war, ich werde sein. <hi rend="italic">Dein Alter</hi>
            soll sein wie deine Jugend [<ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.33.25">Dtn. 33,25</ref>]! <hi rend="italic">Wage es nur</hi> mit mir! Ich <hi rend="italic">habe dich geleitet</hi>, und ich werde dich leiten! Die <hi rend="italic">harte
              Schale</hi> der Vergangenheit bricht auf, und die Frucht, die sie uns bietet, ist ein
            Unterpfand für die Zukunft.</p>
          <p>Das war <hi rend="italic">die große Lebenskunde</hi> der Menschen, die das Neue
            Testament geschrieben haben, daß sich ihnen Alles: Gegenwärtiges, Künftiges und
            Einstiges so miteinander verband. Sie verstanden ihre <hi rend="italic">Gegenwart</hi>
            so gut, sie schauten ihrem Heute auf den Grund und lebten es von Grund aus, und wenn sie
            sich dann fragten: <hi rend="italic">Was nun?</hi> Wie soll es nun weiter gehen?, dann
            wurde ihnen das <hi rend="italic">Vergangene</hi> lebendig, das gar nicht vergangen ist,
               und wenn es längst gewesen wäre, es
              <hi rend="italic">erlöste sie</hi> von allem Zweifel und wurde ihre <hi rend="italic">Kraft</hi> und ihre Parole für die Zukunft. Darum ist ihnen die <hi rend="italic">Gestalt <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes des Täufers</persName></hi> so wichtig gewesen.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi>   <hi rend="italic">Die Gegenwart</hi> hieß
            in der Zeit, von der unser Text redet, <hi rend="italic">zunächst einfach <persName ref="kbga-actors-5786">Kaiser
              Tiberius</persName></hi>, Landpfleger <persName ref="kbga-actors-2239">Pontius Pilatus</persName>, Vierfürsten <persName ref="kbga-actors-6511">Herodes</persName>, <persName ref="kbga-actors-2238">Philippus</persName>, <persName ref="kbga-actors-10435">Lysanias</persName>,
            Hohepriester <persName ref="kbga-actors-10436">Hannas</persName> und <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName>. Ein unerfreuliches Bild. Eine böse Gegenwart. Jeder <hi rend="italic">einzelne</hi> dieser Namen bedeutete Gewalt und Unrecht, Lüge und
            Torheit. Alle diese Namen <hi rend="italic">miteinander</hi> bedeuteten: In der Welt
            ist’s dunkel!<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5426"><persName ref="kbga-actors-984">G. Frei</persName> (1851-1901): «In der Welt ist’s dunkel,
              leuchten müssen wir, du in deiner Ecke, ich in meiner hier», in: P. Zauleck, <hi rend="italic">Deutsches Kindergesangbuch</hi>, Gütersloh o. J., Nr. 227</bibl>.</note> Macht
            geht vor Recht!<note xml:id="n03">Zu Unrecht <persName ref="kbga-actors-500">Bismarck</persName> zugeschriebenes Schlagwort; vgl.
              darüber <bibl corresp="kbga-bibls-2429">Büchmann, S. 728f.</bibl></note> Geld regiert die Welt!<note xml:id="n04">Vgl.
              <bibl corresp="kbga-bibls-5427"><persName ref="kbga-actors-3456">Publilius Syrus</persName>: «<foreign xml:lang="lat">Pecunia una regimen est rerum omnium</foreign>» (<hi rend="italic">Sentenzen</hi> 364)</bibl>.</note> Das Volk Gottes liegt am Boden <pb ed="pga" xml:id="p419"/> und wird nicht mehr aufstehen; es ist gar nicht mehr das Volk Gottes,
            denn das Licht, das es einst trug, ist längst verloschen. Etwa wie wenn man <hi rend="italic">heute sagen würde:</hi> <persName ref="kbga-actors-841">Wilson</persName>, <persName ref="kbga-actors-6603">Clemenceau</persName>, <persName ref="kbga-actors-672">Lloyd George</persName>, <persName ref="kbga-actors-243">Lenin</persName>, <persName ref="kbga-actors-806">Tirpitz</persName>
            und <persName ref="kbga-actors-673">Ludendorff</persName> und wenn man dann an die Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit der Kirche, des
            sogenannten Christentums denken wollte. Unerfreuliches Bild, böse Gegenwart auch heute.
            Eine solche Gegenwart war die <hi rend="italic">Gegenwart <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes des Täufers</persName>.</hi>
            Aber nun bedenkt, <hi rend="italic">was das heißt:</hi> «Im 15. Jahr des Kaisers
            <persName ref="kbga-actors-5786">Tiberius</persName> geschah das Wort Gottes zu <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>, des <persName ref="kbga-actors-6493">Zacharias</persName> Sohn, in der Wüste.» Also
            gab es da auch eine <hi rend="italic">andere Gegenwart</hi> als das, was jedermann dafür
            hielt, mitten in dem großen, offenkundigen Jetzt der Kaiser, Landpfleger … noch ein <hi rend="italic">verborgenes Jetzt.</hi> Und dort stand <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>. Das war allerdings <hi rend="italic">nicht in den Fürstenpalästen</hi> und auf den Marktplätzen und in den
            Tempeln, wo scheinbar das volle Leben der Gegenwart sich abspielte. Das war <hi rend="italic">in der Wüste</hi>, und <hi rend="italic">niemand</hi> war dabei, der es
            miterleben und dann erzählen konnte. <hi rend="italic">Nur nachher</hi> wurde man dessen
            gewahr, aus den Wirkungen, die dieses stille Ereignis in der Wüste hatte, daß da noch
            eine besondere Gegenwart in der Gegenwart vorhanden gewesen war. Seht, wie merkwürdig,
            daß die Gegenwart nach dieser Beschreibung gleichsam <hi rend="italic">einen doppelten
              Boden</hi> hat. <hi rend="italic">Da oben</hi> auf der <hi rend="italic">Oberfläche</hi>, da steht der Mensch unter Millionen anderer Menschen in der Welt
            drin und ist ein <hi rend="italic">Kind seiner Zeit</hi>, und auf dieser Oberfläche
            sieht es fast immer trübe und verworren und <hi rend="italic">hoffnungslos</hi> aus, und
            wenn es auch auf dieser Weltoberfläche neben den Kaisern und anderen großen Herren immer
            auch Hohepriester und Kirchen und Kapellen gegeben hat, so ändert das leider doch gar
            nichts an dem ganzen, dem traurigen Bild. <hi rend="italic">Da unten</hi> aber, in der
            Tiefe, «in der Wüste», da steht derselbe Mensch <hi rend="italic">einsam vor Gott</hi>,
            und Gottes Wort geschieht zu ihm. Und wenn wir auch noch nicht wissen, was das für ein
            Wort Gottes ist, das da geschieht zu ihm, wo niemand es hört als er allein - das
               kann man doch schon wissen, <hi rend="italic">die</hi> Gegenwart des Menschen da in der Tiefe, dort wo er nicht mehr
            ein Kind seiner Zeit ist, sondern <hi rend="italic">einfach ein Mensch</hi>, eine freie,
            offene Seele - diese Gegenwart ist <hi rend="italic">eine ganz andere</hi> als die da
            droben. Da ist <hi rend="italic">jetzt schon wahr</hi>, was droben noch unbegreiflich
            ist. Da ist <hi rend="italic">jetzt schon gestürzt</hi>, was droben noch in Macht und
            Herrlichkeit steht. Da ist <hi rend="italic">jetzt schon erledigt</hi>, was droben noch
            1000 Fragen sind, da ist <hi rend="italic">jetzt schon alt</hi>, was droben noch das
            Neueste vom Neuen ist. |</p>
          <p><pb ed="pga" xml:id="p420" rend="noPipe"/> Daß wir es doch wagen würden, <hi rend="italic">radikal in der Gegenwart zu leben!</hi> Aber radikal, nicht nur
            oberflächlich. Es gibt <hi rend="italic">nicht nur Weltgeschichte</hi> und
            Lebensgeschichten, es gibt in der Weltgeschichte und in allen Lebensgeschichten auch
            Gottesgeschichte. Du brauchst <hi rend="italic">nicht bloß <persName ref="kbga-actors-5786">Tiberius</persName></hi> zu sein oder
            <persName ref="kbga-actors-2239">Pontius Pilatus</persName> oder einer von den Millionen, die damals mit ihnen aßen und tranken und
            morgen tot waren [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.32">1.Kor. 15,32</ref>] und mit ihnen die oberflächliche Gegenwart bildeten. Du brauchst
            dich <hi rend="italic">nicht darauf zu beschränken</hi>, mit <persName ref="kbga-actors-6511">Herodes</persName> zu sündigen und mit
            den Hohenpriestern zu andächteln. Du kannst auch mit <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> in die Wüste gehen. <hi rend="italic">Die Wüste</hi>, die innere Abgeschiedenheit, bei der doch die Augen ganz
            offen sind für Alles, was da oben vorgeht, und die Füße ganz bereit, jetzt hierhin und
            jetzt dorthin zu eilen, wenn es sein muß, die <hi rend="italic">Freiheit und Offenheit
              der Seele</hi> für das Wort Gottes, das zu ihr geschehen will, ist auch Gegenwart. Ja,
            noch mehr, hier ist die wahre, <hi rend="italic">die lebendige Gegenwart.</hi> <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>
            in der Wüste lebte stärker in der Gegenwart als der Kaiser von <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> in seinen
            Zirkuslogen [?]. <hi rend="italic">Dort in der Tiefe</hi>, wo der Mensch <hi rend="italic">ganz erfüllt</hi> vom Jammer, von den Fragen und Aufgaben seiner Zeit,
            aber <hi rend="italic">ohne etwas zu wissen</hi>, ohne etwas zu wollen, ohne schon 1000
            Pläne und Absichten in der Tasche zu haben, gleichsam nackt vor Gott steht, da ist der
              <hi rend="italic">Sinn der Gegenwart</hi>, da ist das Herz einer Zeit, da ist das
            Licht, während die Weltvorgänge und Lebensvorgänge nur Schattenbilder sind. Da ist nicht
            Bild und Gleichnis, sondern <hi rend="italic">Wesen und Wahrheit.</hi> Wir <hi rend="italic">würden staunen</hi>, wenn da <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>, der zweifellos verborgen noch in
            unserer Gegenwart lebt, seinen Mund auftun und reden und uns sagen könnte, was das
            unerfreuliche Bild, das unsere Augen sehen, bedeutet. <hi rend="italic">Warum kann er
              nicht reden?</hi>
            <hi rend="italic">Warum verstehen wir unsere Zeit nicht?</hi> Weil wir viel zu wenig in
            unserer Zeit leben. In der Zeitung ja, aber in der Zeit nicht. <hi rend="italic">Gegenwartsmenschen</hi> sind uns heute not, Menschen mit <hi rend="italic">Fragen</hi> ohne Antworten, Menschen mit <hi rend="italic">Sorgen</hi> ohne Trost und
            Beschwichtigungen, Menschen, die <hi rend="italic">suchen</hi> und sich noch nicht
            zurecht gefunden haben, Menschen, bei denen sich etwas <hi rend="italic">geöffnet</hi>
            und noch nicht  wieder verschlossen hat,
            Menschen, zu denen <hi rend="italic">Gottes Wort geschehen kann.</hi></p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Zu <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> <hi rend="italic">konnte</hi>
            es geschehen. Und darum sah er eine <hi rend="italic">Zukunft</hi> vor sich und ging ihr
            entgegen. Freilich eine ganz <hi rend="italic">ungewöhnliche Zu<pb ed="pga" xml:id="p421" break="no"/>kunft</hi>, höchst verschieden von den Zukünften, an die
            wohl noch der Kaiser, <persName ref="kbga-actors-6511">Herodes</persName> und die Hohepriester dachten. Eine <hi rend="italic">Aufgabe</hi>, ein Programm, eine Erwartung, eine Hoffnung, die sich mit keiner
            anderen auch nur von ferne vergleichen läßt. Es fehlt ja auch unserer Zeit nicht an <hi rend="italic">Zukunftsbestrebungen</hi> und Zukunftserwartungen. Aber sie sind sehr
            anders als die, die <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> aus der Wüste mitbringt, sie stammen <hi rend="italic">nicht aus dem Worte Gottes</hi>, das in ganz freien, offenen Seelen geschehen ist.
            Sie haben alle so etwas <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-5786">Tiberius</persName>haftes</hi> und <persName ref="kbga-actors-6511">Herodes</persName>mäßiges oder
            auch Hohepriesterliches an sich. Darum sind sie auch so <hi rend="italic">phantastisch.</hi> Darum <hi rend="italic">widersprechen</hi> sie sich gegenseitig.
            Darum muß immer wieder eine der anderen das <hi rend="italic">Feld räumen.</hi> Weil wir
            heute keine radikalen Gegenwartsmenschen haben, <hi rend="italic">fehlt es uns auch an
              radikalen Zukunftsmenschen.</hi> Und weil <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> heute nicht reden kann von dem, was
            ist, kann er auch nicht <hi rend="italic">reden von dem, was sein wird.</hi> Dort konnte
            er reden davon und <hi rend="italic">hat davon</hi>
            <hi rend="italic">geredet.</hi> Das, was er nur sah und dem er entgegenging, das, was er
              <hi rend="italic">zu sagen hatte</hi>, als er aus der Wüste zurückkam unter die
            Menschen und von ihnen gefragt wurde: Was nun? Was bringst du uns mit aus der Wüste, du
            merkwürdiger Gegenwartskünder<note xml:id="n05">Könnte auch «Gegenwartsbruder»
              heißen.</note> ?, das faßte er zusammen in das eine Wort: <hi rend="italic">Vergebung
              der Sünden!</hi> Bedenkt, was das sagen will! Wie das wirken würde, wenn man das all
            den Zukunftsplänen für Staat und Gesellschaft, Kirche und Schule, die heute durch die
            Luft schwirren, <hi rend="italic">entgegenstellen</hi> wollte als den Zukunftsplan
            <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes des Täufers</persName>: Nein, nicht das alles, sondern - Vergebung der Sünden! Wir spüren
            schon, nicht wahr, diesen Plan kann man nicht neben andere stellen, nicht mit ihnen
            vergleichen. Er steht <hi rend="italic">außer Konkurrenz.</hi> Er kann nur der <hi rend="italic">Anfang und das Ende und der Sinn</hi> aller anderen Pläne sein, sonst
            ist er gar nichts. Vergebung der Sünden! Das ist ja eine ganz neue, ganz <hi rend="italic">andere Betrachtung</hi> des Menschen. Der Mensch <hi rend="italic">ohne
              das Böse</hi>, freilich auch ohne all das Gute, das er jetzt so krampfhaft denkt und
            tut. Die Vergebung <hi rend="italic">hebt ja Beides</hi> auf, das Böse und das Gute
            damit, sie stellt den Menschen <hi rend="italic">wieder an den Anfang</hi>, sie gibt ihn
            sich selbst, sie gibt ihn Gott zurück. <hi rend="italic">Aber was heißt das:</hi> der
            Mensch, Gott wieder <hi rend="italic">zurückgegeben</hi>, <hi rend="italic">nicht
              mehr</hi> ein Sünder, nicht mehr ein Gerechter, der Mensch <hi rend="italic">freigesprochen</hi>, indem er an Gott gebunden wird? Was heißt das: <hi rend="italic">dieser erlöste</hi>, dieser ganz andere Mensch?|</p>
          <p><pb ed="pga" xml:id="p422" rend="noPipe"/> Was heißt das, wenn man das auf die <hi rend="italic">Zukunft</hi> der Menschheit anwendet? Das heißt offenbar etwas für alle Zukunft <hi rend="italic">Unmögliches</hi>, Undenkbares, etwas, was auch die radikalste Fortschrittpartei und
            die eifrigste Missionsgesellschaft <hi rend="italic">nicht auf ihrem Programm</hi> zu
            nennen wagt. Und doch ist <hi rend="italic">gerade das</hi> das Programm <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes des
            Täufers</persName> gewesen! Es gibt offenbar nicht nur eine doppelte Gegenwart, sondern auch eine
              <hi rend="italic">doppelte Zukunft.</hi> Die eine Zukunftserwartung rechnet <hi rend="italic">mit dem Möglichen</hi>, mit Entwicklung, Verbesserung, Erziehung und
            allmählichem Fortschritt. Die andere Zukunftserwartung rechnet in der Tat <hi rend="italic">mit dem Unmöglichen</hi>, mit der Vergebung der Sünden, mit dem Reiche
            Gottes, mit dem Heiland. Wir müssen Beides zunächst <hi rend="italic">scharf
              auseinanderhalten</hi>, denn Beides hat zunächst gar nichts miteinander zu tun,
            sowenig als das Kaiserleben in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> mit dem Johannesleben in der Wüste etwas zu tun
            hatte. Der Reichsgottesglaube stammt eben in der Tat <hi rend="italic">aus der
              Wüste</hi>, aus der Einsamkeit des Menschen vor Gott, während der christliche oder
            weltliche Fortschrittsglaube <hi rend="italic">aus dem Wissen und Wollen und
              Vorhaben</hi> des Oberflächenmenschen stammt. <hi rend="italic">Wir sind alle
              Beides</hi>, <persName ref="kbga-actors-5786">Tiberius</persName> und ein ganz klein wenig <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>, Oberflächenmensch und ein
            ganz klein wenig Wüstenmensch und Tiefenmensch. Es sind aber <hi rend="italic">zwei
              verschiedene</hi> Quellen, die da fließen in uns, und <hi rend="italic">zwei
              verschiedene Zukunft</hi>serwartungen, die daraus hervorgehen. |</p>
          <p>Aber es ist doch <hi rend="italic">ein Zusammenhang</hi> da zwischen diesen beiden
            Erwartungen. Das sieht man gerade heute ganz deutlich. Überall da, wo die
            Fortschrittshoffnungen der Menschen wirklich <hi rend="italic">groß und lebendig</hi>
            sind, da steckt eben tatsächlich etwas von der <hi rend="italic">Reichsgotteshoffnung</hi> dahinter, da müssen es die Menschen wagen, ob sie es wollen
            oder nicht, an einen <hi rend="italic">ganz anderen Menschen</hi> zu glauben, an einen
            Menschen, der <hi rend="italic">eine Einsicht</hi>, eine Liebe, ein Rechtsgefühl hat,
            das wir jetzt eigentlich nirgends wahrnehmen. Da muß man es wagen, die Menschen zum
            vornherein [?] in einem ganz <hi rend="italic">anderen Licht</hi> zu betrachten, da muß
            man es wagen, nicht nur mit der natürlichen Entwicklung und mit Erziehungskräften,
            sondern mit dem <hi rend="italic">Unmöglichen</hi>, mit dem Wunder zu rechnen, daß es
            ganz andere Menschen geben könnte, als es bis jetzt gegeben hat und als wir alle sind.
            Ohne dieses <hi rend="italic">Stücklein Reichsgottesglaube</hi> wäre der
            Fortschrittsglaube längst am Boden, und wo dieser Reichsgottesglaube den Menschen
            verloren <pb ed="pga" xml:id="p423"/> geht, wo sie gar nicht mehr mit dem Unmöglichen,
            mit dem Unerhörten, mit dem Unendlichen rechnen, da ist tatsächlich auch der
            Fortschrittsglaube längst am Boden. <hi rend="italic">Aller Mut</hi>, alle Zuversicht,
            alle Kraft, die wir in der Erziehung, in der Wissenschaft, in der Politik und vielleicht
            mit der Zeit auch wieder in der Kirche lebendig werden sehen, sie stammen
             aus der Wüste, aus dem Worte Gottes,
            das zum Menschen geschieht, wo es geschehen kann. <hi rend="italic">Ohne den
              Zukunftsplan <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes des Täufers</persName></hi>, ohne die Vergebung der Sünden, ohne die
            Erwartung des Heilands kommen wir alle keinen Schritt vorwärts. |</p>
          <p>Wir haben aber diesen Zukunftsplan <hi rend="italic">in uns.</hi>
            <hi rend="italic">Wenn wir ihn doch auch ganz anders</hi> um uns hätten! Wenn es uns
            doch <hi rend="italic">bewußter wäre</hi>, um was es eigentlich <hi rend="italic">geht</hi> bei unserem Hoffen und Planen, was wir eigentlich <hi rend="italic">meinen</hi> bei unserem Eifer für unsere Arbeit und für die Verbesserung unserer
            Zustände, für Mission und Kirche, für freisinnigen oder sozialen Fortschritt! Wenn wir
            doch <hi rend="italic">Buße getan</hi>, d. h. ein Umdenken vollzogen hätten,
            durchgebrochen wären zu der Erkenntnis, <hi rend="italic">daß Gott es ist</hi>, den wir
            mit unserem Wollen und Laufen eigentlich meinen, dem wir aber auch gehorsam werden
            müssen, wenn das, was wir meinen, wirklich werden soll. Wieviel Enttäuschungen und
            Irrtümer und Mißgriffe könnten wir uns <hi rend="italic">ersparen</hi>, wenn wir mit
            <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> aus der Wüste kämen und von da aus in die Zukunft sehen und gehen würden!
            Wieviel <hi rend="italic">kräftigeren Schwung</hi> hätte unser Eifer und unsere
            Erwartung, wenn es uns ganz bis ins Herz hinein klar wäre: nicht um meine Einsicht und
            mein Wollen handelt es sich im Grunde, da bleibt ja doch gerade das Beste immer
            unmöglich, sondern um das Kommen des Heilands in die Welt, um die Auferstehung, um die
            Verwandlung des Verweslichen ins Unverwesliche [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.42">1.Kor. 15,42</ref>], um den neuen Himmel und die neue Erde [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.65.17">Jes. 65,17</ref>], um den Tag des Menschensohns [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.22">Lk. 17,22</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.26">26</ref>]. Wenn doch der verborgene <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> heute <hi rend="italic">hervor</hi>träte und uns allen sagen würde, was wir eigentlich meinen und was uns
            nötig ist, damit es nicht beim bloßen Meinen bleibt!</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">5.</hi> Bei <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes dem Täufer</persName> ist es nach dem
            Urteil seiner Zeitgenossen <hi rend="italic">nicht beim bloßen Meinen</hi> geblieben.
            Wer so wartet und hofft wie er, der <hi rend="italic">sieht dann auch.</hi> <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>
            bekam zu sehen. Er sah den <hi rend="italic">Tag</hi> anbrechen, von dessen Kommen er in
            der Wüste geredet. Er sah <pb ed="pga" xml:id="p424"/>
            <hi rend="italic">den anderen Menschen</hi>, den neuen Menschen, den Menschen ohne Sünde
            und ohne Gerechtigkeit, den mit Gott geeinigten Menschen. Er sah das <hi rend="italic">Lamm Gottes</hi>, welches der Welt Sünde trägt [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.29">Joh. 1,29</ref>]. Er sah die <hi rend="italic">Vergebung der Sünden</hi>
            eine Macht werden auf Erden. So steht er <hi rend="italic">auf der Grenze zweier
              Welten:</hi> Im <hi rend="italic">Fragen</hi> und doch schon im Antworten, im <hi rend="italic">Suchen</hi> und doch schon im Finden, im <hi rend="italic">Anklopfen</hi> und doch schon vor der offenen Tür [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.7">Mt. 7,7</ref> par.], in der <hi rend="italic">Erwartung</hi> und doch schon in der Erfüllung. Und da sahen seine Zeitgenossen auf
            einen Schlag die ganze <hi rend="italic">Vergangenheit</hi> in diesem Mann lebendig
            werden. Das <hi rend="italic">Alte Testament ging wie von selbst auf</hi>, und sie
             verstanden es; das ist’s, was
            geschrieben steht in dem alten Buch: Es ist eine Stimme [eines Predigers in der Wüste] …
            Das, was diesem Mann <hi rend="italic">geschehen ist</hi> in der Wüste und was er dann
              <hi rend="italic">getan hat</hi> unter den Menschen, <hi rend="italic">das</hi> ist
            die Bibel. <hi rend="italic">Das ist <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName></hi>, <persName ref="kbga-actors-2198">Isaak</persName> und <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName>, das ist <persName ref="kbga-actors-2897">Joseph</persName>, <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName>
            und <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName>, das ist <persName ref="kbga-actors-2147">Amos</persName>, <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> und <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName>. <hi rend="italic">So ist’s gemeint</hi> in
            den alten Rätselbuchstaben: Bereitet dem Herrn den Weg!|</p>
          <p>Es gibt ja auch eine <hi rend="italic">doppelte Vergangenheit: eine tote</hi>,
            sinnlose, unzusammenhängende Vergangenheit. Da sind alle die <hi rend="italic">Sprüche</hi> und Geschichten der Bibel nur seltsame Meinungen und Ereignisse, ihre
              <hi rend="italic">Gestalten</hi> auffallende religiöse Persönlichkeiten. Da muß man
            sich krampfhaft <hi rend="italic">anstrengen</hi>, um in diesem Buch etwas Sinnvolles
            und Brauchbares zu finden, und schließlich bleibt Einem doch nichts übrig. Da sind <persName ref="kbga-actors-555">Franz
            von Assisi</persName> oder <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> oder Pfarrer <persName ref="kbga-actors-47">Blumhardt</persName> entweder <hi rend="italic">Heilige</hi>,
            die man verhimmelt, oder seltsame <hi rend="italic">Fanatiker</hi>, über die man die
            Achseln zuckt. Die <hi rend="italic">lebendige</hi> Vergangenheit aber wirkt unmittelbar
            in die <hi rend="italic">Gegenwart</hi> und Zukunft hinein. Da heißt’s: sie sind
            gestorben und <hi rend="italic">leben noch!</hi> Da versteht man, daß alle diese
            Lebendigen solche <hi rend="italic">freien, offenen Seelen</hi> vor Gott gewesen sind
            und daß ihre Größe darin bestand, daß sie irgendwo wieder ein <hi rend="italic">solches
              Fenster</hi> öffneten gegen das Reich Gottes, gegen das Unmögliche und Unendliche hin.
            Da sieht man sie alle als <hi rend="italic">Wegbereiter</hi> für den Heiland und ist
            ihnen <hi rend="italic">dankbar</hi>, daß sie neben einen treten, wie wenn sie heute da
            wären. Ja, auch <hi rend="italic">Vergangenheitsmenschen</hi> sollten wir heute wieder
            werden. Man redet zwar heute viel von Geschichte und gräbt immer neue vergangene Dinge
            aus. Aber in Wahrheit gleichen die heutigen Geschichtsforscher den Totengräbern, die nur
            die alten Särge und Leichen wieder ans Licht bringen, um sie schaudernd alsbald wieder
              zu<pb ed="pga" xml:id="p425" break="no"/>zudecken. <hi rend="italic">Lebendig</hi>
            wäre die Geschichte nur den lebendigen Menschen. Nur die lebendige Geschichte wird uns
            zu einem <hi rend="italic">Zeugnis</hi> und zu einer Kraft für die Zukunft. <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes der
            Täufer</persName> war <hi rend="italic">eins mit der Geschichte.</hi> Er war <hi rend="italic">selber Geschichte.</hi> «Alles Fleisch wird den Heiland Gottes sehen.» Das ist <hi rend="italic">das Alte Testament</hi> in kürzesten Worten. Das war das Leben des
            <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>: Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit zugleich. Wenn es doch auch <hi rend="italic">unser Leben</hi> würde! Christus können wir nicht werden und sollen es
            gar nicht, aber <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes der Täufer</persName>, der Christus den Weg bereitet.
            
          </p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head> Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-128" type="song"> Nr. 89 «Nun jauchzet all, ihr Frommen» von
              <persName ref="kbga-actors-1401">M. Schirmer</persName>, Strophen 1.3.4 (RG [1998] 365,1.4.5; EG 9,1.4.5; jeweils mit
              Textabweichungen)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-38" type="song">Nr. 99 «Jauchzet, ihr Himmel» von
              <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName>, Strophen 1.2.4 (RG [1998] 404,1.2.4; EG 41,1.2.4)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
