Jesaja 48,18
1. Der Mensch ist nicht so arm, nicht so schwach, nicht so unbedeutend, wie es scheint. Er braucht kein trüber Gast zu sein auf einer dunklen Erde.1 Die Welt, sie muß kein Jammertal sein. Der Mensch, jeder Mensch, er hat eigentlich ganz unerhörte Aussichten und Möglichkeiten. Die ganze Menschheit, sie steht unmittelbar vor den Pforten größter Wunder und Herrlichkeiten. Was wir das Menschenleben nennen, es ist ja eigentlich nur sein Vordergrund; würden wir durch diesen Vordergrund, vor dem wir oft so ratlos und verständnislos dastehen, hindurchsehen und des großen Hintergrunds gewahr werden, der all unser Tun und Leiden umfaßt, so würden wir sehen, wie das Ganze in einem mächtigen, durchdringenden Licht steht. Alles, was ist und geschieht, es liegt vor uns wie ein Buch in einer fremden Sprache. Störrisch und erschreckend sehen uns die unbekannten Worte an. Was ist das, das Leben? Was geschieht da eigentlich mit mir, um mich herum, in der großen, weiten Menschenwelt und Naturwelt? Ja, wir müßten nur lesen lernen, so würden wir sehen, wie Alles, ausnahmslos Alles, etwas bedeutet, und wir würden in Entsetzen und aus dem Entsetzen in lauten Jubel geraten, wenn wir sehen würden, was eigentlich Alles bedeutet. Bilder und Gleichnisse sind die Ereignisse unseres Lebens und der Weltgeschichte, unsere Arbeit und unsere Freuden, unser Leiden und unser Kämpfen, unsere Gedanken und Meinungen, Bilder und Gleichnisse, von einem großen Meister uns vor Augen gemalt. Und nicht wahr, je tiefer sie uns ergreifen und bewegen und aufwühlen, je ernster das Leben an uns herantritt und |409 uns in Anspruch nimmt, um so deutlicher ahnen wir, daß sie alle etwas meinen, etwas zu uns sagen wollen. O daß wir aus der Wahrheit wären, wie der Meister, der sie uns zeigt, selber die Wahrheit ist, damit wir in den Bildern immer die Wahrheit sehen und inmitten all der schönen und traurigen Lebensbilder, die uns umgeben und erfüllen, immer auch in der Wahrheit leben könnten!
2. Friede und Gerechtigkeit! haben wir in unserem Text gelesen. Friede wie ein Wasserstrom und Gerechtigkeit wie Meereswellen! Wenn es doch Gott selbst uns geben würde, in aufrichtigem Verständnis für seine Weisheit und seinen Willen und in herzlicher, vertrauender Liebe zueinander die Adventsbotschaft zu hören! Wie heißt sie denn, die Adventsbotschaft? Was kann sie anders heißen, als daß wir eben in der Wahrheit leben sollen und die Wahrheit in uns. Das ist Friede und Gerechtigkeit. Alles Andere genügt nicht. Alles, was bloß die Namen Friede und Gerechtigkeit trägt, genügt nicht. Die Wahrheit will erscheinen und das, was jetzt bloß diese Namen trägt, umgeben [?], erfüllen. Sieh, du hast eine gewisse Ruhe erreicht in deiner Seele, und das ist recht, und du nennst diese Ruhe deinen Frieden, den du erlangt habest. Aber nun möchte die Wahrheit erscheinen und diese Ruhe deiner Seele umwandeln, daß sie nicht bloß Friede heißt, sondern wirklicher Friede wird. Du bist zu einem gewissen Gleichgewicht gekommen zwischen dir und deiner Frau, zwischen dir und deinem Mann, zwischen dir und deinen Hausgenossen und Nachbarn, und das ist gut, und das nennt ihr Frieden. Aber nun möchte die Wahrheit erscheinen und aus diesem Gleichgewicht wirklichen Frieden machen. Wir haben in unserer Gemeinde und in unserem Volk zwischen den Zeiten der Aufregung und des Kampfes der Interessen und Standpunkte doch auch immer ganze Monate und Vierteljahre Pause, in denen eine gewisse Beschwichtigung und Annäherung stattzufinden scheint, und wir wollen froh sein darüber und pflegen das dann Frieden zu nennen. Aber nun möchte die Wahrheit erscheinen und aus der Beschwichtigung einen wirklichen Frieden machen. Wir stehen jetzt in der Welt in der Zeit des Kriegsendes, der Verhandlungen, der Verträge, des Wiederbeginns des Völkerverkehrs, und wir atmen erlöst auf und nennen das, was jetzt kommt, Frieden. Aber nun möchte die Wahrheit erscheinen und das Kriegsende umkehren in den Anfang wirklichen Friedens. |
410 Und so steht es auch mit unserer Gerechtigkeit. Du bist rechtschaffen, du glaubst an Gott, du tust deine Pflicht gegen deinen Nächsten und gegen die Anderen, du gibst dir Mühe, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Wohl dir! Und das alles möchtest du deine Gerechtigkeit heißen. Die Wahrheit aber möchte erscheinen und das, was du so heißest, umkehren in wirkliche Gerechtigkeit. Die verschiedenen Stände und Parteien, die heute unter uns streiten, sie vertreten alle mehr oder weniger etwas Berechtigtes, Billiges, Natürliches, etwas, dem man Gehör schenken muß, wenn man nicht ganz taub ist, und das ist ihre Gerechtigkeit. Aber das genügt nicht, die Wahrheit möchte erscheinen und aus der bloßen Berechtigung, die alle auf ihre Weise haben, wirkliche Gerechtigkeit schaffen. Vom Sieg der Gerechtigkeit auch in der Völkerwelt ist nun viel die Rede gewesen, und es ist ganz unverkennbar, was für ein tiefes Sehnen und viel ernstes Wollen heute in der Menschheit vorhanden ist, diesen Sieg herbeizuführen und für alle Zukunft zu befestigen. Aber was dafür schon geschehen ist, das genügt nicht, die Wahrheit möchte erscheinen und den angeblichen Sieg der Gerechtigkeit zu einem wirklichen werden lassen. |
Es genügt eben nirgends, das, was wir Frieden und Gerechtigkeit
heißen. Es heißt nur so, es ist nicht, was es heißt. Es ist Alles Vordergrund ohne
Hintergrund, leere [?] Worte ohne Bedeutung, Bilder und Gleichnisse, die noch keinen
Sinn haben. Es ist nicht nur wenig, so daß man denken könnte, wir würden es schon
erreichen können, wenn wir nur tüchtige Fortschritte machen, sondern es ist immer noch
etwas ganz Anderes als das, was damit gemeint ist, es steht dem, was damit gemeint ist,
geradezu hindernd im Wege. Es müßte umgekehrt werden durch die Wahrheit, damit es das
würde, was es heißt. Seht, das ist die Unruhe unseres Herzens,
die Unruhe unseres Lebens und unserer Verhältnisse, die Unruhe der ganzen heutigen
Menschheit, daß die Namen Friede und Gerechtigkeit und ihre Wahrheit immer noch etwas so
gänzlich Getrenntes sind, daß diese Namen die Wahrheit nicht aussprechen, sondern
verbergen - nicht bestärken [?], sondern verhüllen - nicht leuchten lassen, sondern
verfinstern. Und das ist die Adventsbotschaft, daß sich das
umkehren will. Das Leben im Leben will erscheinen. Die Wahrheit will hineinfahren in
das, was bloß diese Namen trägt. Das Verborgene will offenbar werden. Die |411 paar Regentröpflein von Frieden, die der dürstenden Erde so gar nicht
genügen, die so schnell wieder verdunsten, sie sollen zum Wasserstrom werden. Das kleine
übelriechende, unangenehme Sümpflein von Gerechtigkeit, in dem wir uns jetzt befinden,
zu bewegten, abgrundtiefen Meereswellen. Gott will sich Ehre machen auf Erden wie im
Himmel. Christus will zu uns kommen, der Menschensohn, der die Antwort ist auf unsere
Unruhe. Wer ihn sieht, der sieht den Vater [vgl.
3.
Dein Friede!, Deine Gerechtigkeit! heißt’s
in unserem Text. Und es ist, wie wenn sich mit diesem «dein» die Adventsbotschaft von
dem, was werden und kommen soll, von der Wahrheit, die erscheinen will, tief in uns
hineinbohren möchte, um uns nicht mehr loszulassen. Um deine
Angelegenheit, Mensch, handelt es sich. In dir soll’s werden! Aus dir heraus
soll’s kommen! Bei dir soll’s erscheinen! Nur nicht so schüchtern, als ob die Wahrheit
nicht deine Sache wäre! Nur nicht so verlegen, als ob du zu unweise und ungeschickt
wärest, um Anteil zu haben an diesem
Werden und Kommen! Nur nicht so fremd getan, als ob dir der Wille Gottes, der aus dem
Verborgenen hervorbrechen will, wirklich etwas Unbekanntes wäre, als ob er wirklich ohne
dich geschehen müßte oder könnte. Um das Kommen Jesu, des
Menschensohns, handelt es sich, da bist du auch dabei. Ja, von oben kommt er, während
wir da [?] jetzt von unten sind. Von der anderen Seite des Lebens, während wir jetzt
immer nur auf dieser unserer Seite des Lebens, im Vordergrund, in den Bildern und
Gleichnissen stehen. Morgenglanz der Ewigkeit ist er, Licht vom unerschaffnen
Lichte2, während wir jetzt gefangen
sind in der Zeit, während es von uns immer wieder heißen muß: Ich liebte das geschaffne
Licht3. Der Sohn des Einen, des
Vaters, ist er voller Gnade und Wahrheit [vgl.
Was will er anders von uns, als daß wir uns selbst erkennen, nicht unsere Torheit und
Beschränktheit, wie eine dürftige Weltweisheit es von uns verlangt, sondern unsere
Wahrheit, den Grund, auf dem wir stehen, die Wurzel, aus der wir wachsen, die Heimat,
aus der wir kommen und nach der wir gehen. Keine ferne, fremde Geschichte, kein
seltsames himmlisches Ereignis ist gemeint in der Adventsbotschaft, sondern der Mensch, du selber, dein Leben, die Welt, in der du, gerade du auf deine
Weise Mittelpunkt bist. Du leidest Not. Du
hast täglich und stündlich die bitteren Folgen zu tragen, wenn jetzt Alles immer nur
Friede und Gerechtigkeit heißt und nicht ist. Du bist in tiefer
Unruhe, weil du immer im Stillen und manchmal auch laut seufzen mußt: das alles ist’s ja
nicht, das meine ich gar nicht, das genügt mir nicht, weil es immer nur Abbild, nicht
Wahrheit ist. Du bist manchmal erschüttert wie von einem Erdbeben
und möchtest manchmal jauchzen wie ein Kind, wenn es je einmal ernst werden will mit
wirklichem Frieden, wirklicher
Gerechtigkeit hinter dem dunklen Vorhang deines Lebens, etwa in einer stillen Stunde, wo
deine Seele reden kann, oder in einem guten Gespräch oder vielleicht mitten in schwerem
Leid, das du durchzumachen hast, oder in einem harten Kampf, den du zu kämpfen hast. Du,
du bist der Ort, die Stätte, der Schauplatz, wo offenbar die
Wahrheit erscheinen will. Deine Tür ist offenbar die Tür, an der
Jesus anklopft [vgl.
4. O daß du auf meine Gebote merktest! Da
stehen wir vor der engen Pforte. Das
ist
- Nr. 43 «Morgenglanz der Ewigkeit» von
Chr. Knorr von Rosenroth , Strophen 1-3 (RG [1998] 572,1-3; EG 450,1-3) - Nr. 87 «Auf, auf, ihr Reichsgenossen» von
J. Rist , Strophen 1-3 (GERS [1952] 105,1.2.4; EKG 8,1.2.5; jeweils mit Textabweichungen)