23. November 1919

Psalm 139,7-12

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Psalm 139,7-12
[Wo soll ich hin gehen vor deinem Geist, und wo soll ich hin fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken! so muß die Nacht auch Licht um mich sein. Denn auch Finsternis nicht finster ist bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht.]

1. «Wo soll ich hin gehen vor deinem Geist, und wo soll ich hin fliehen vor deinem Angesicht?» Könnte man heute, mehrere tausend Jahre, nachdem dieser Psalm geschrieben wurde, etwas Richtigeres und Tieferes sagen über die Lage des Menschen? Er ist auf der Flucht vor Gott. Wie der Prophet Jona, von dem es heißt: und Jona floh vor dem Herrn [Jona 1,3]. Er floh, um nicht gehorchen zu müssen. Gott will etwas vom Menschen. Gottes Geist, Gottes Angesicht, wie es hier heißt, sie zeigen ihm eine Notwendigkeit, ein Gebot, eine Forderung. Er aber möchte sich dieser Forderung entziehen: Es ist mir zu groß, sagt er, und ich bin zu klein! Es ist mir zu stark, sagt er, und ich bin zu schwach! Es ist mir zu himmlisch, sagt er, und ich bin zu irdisch! In Wahrheit aber denkt er: ich will meinen eigenen Willen behalten, ich will mein Herz nicht hingeben. Weil er aber Gottes Geist nicht direkt widerstehen kann, weil er nicht ungehorsam vor Gott stehen kann, läuft er irgend wohin, wo er die Forderung vermeintlich nicht mehr hört. Wie schon Adam und Eva im Paradies sich versteckten, weil sie nicht in ihrem Ungehorsam dastehen konnten vor Gott [Gen. 3,8]. Da wurde der Knoten zusammengezogen, an dessen Lösung wir uns noch immer die Finger verbrennen. Von da an konnten sich die Menschen nicht mehr ehrlich in die Augen schauen. Von da an konnte es ihnen nie mehr ganz wohl sein bei dem, was sie dachten, sagten und taten, weil ja doch Alles, was von da an geschah, etwas Anderes war als das, was eigentlich hätte geschehen sollen. Von da an wurde Religion nötig |399 und Moral. Von da an gab es eine Zivilisation, einen Staat, eine Kirche, eine Wissenschaft, eine Gesellschaftsordnung. Das war die Gründungsfeier aller Irrenhäuser, Zuchthäuser, Krankenhäuser, Totenhäuser; denn in solchen Häusern muß der Mensch zuletzt wohnen, da er sich angeblich zu klein, zu schwach, zu irdisch fühlt, um im Hause Gottes zu wohnen. Durch den Menschen kam die Sünde in die Welt. Die Sünde besteht darin, daß er, da er nicht ungehorsam sein kann und nicht gehorsam sein will, die Flucht ergreift. Und durch die Sünde kam der Tod in die Welt [vgl. Röm. 5,12]. Tod ist all das entlehnte, unwahre, unnatürliche, künstliche Ersatz-Leben, das wir irgendwo in der Ferne von Gott zu führen suchen. Das, was wir den leiblichen Tod nennen, drückt diesem Ersatz-Leben den Stempel auf. Auf dem Stempel steht geschrieben: Das scheint frei und ist doch unfrei! Das scheint beständig und ist doch vergänglich! Das scheint etwas zu sein und ist doch nichts! Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis!2 Stirb, Mensch, du hast das falsche Los gezogen! Der Mensch auf der Flucht vor Gott, bald im Guten, bald im Bösen, bald in seiner Gerechtigkeit, bald in seiner Ungerechtigkeit, bald in seinem vollen Vorwärtsstürmen, bald in seinem trägen Liegenbleiben - aber immer auf der Flucht vor Gott, immer auf der Flucht. Die Flucht vor Gott erklärt Alles. O wenn wir es uns einmal erklären lassen wollten!

2. Wenn uns doch jemand die Hand auf die Schulter legen und uns einmal sagen könnte, was wir eigentlich tun! Dem Hitzigen, Eifrigen, Leidenschaftlichen, der mit geballter Faust und gerunzelter Stirn durchs Leben stürmt: du hast etwas Leeres hinter dir, eine ungelöste Frage, eine unerledigte Aufgabe, und du weißt es, darum stürmst du so heftig, du bist auf der Flucht vor Gott! Dem Trägen, Schläfrigen, Gleichgültigen: du fürchtest dich einfach, die Augen zu öffnen und das Leben anzusehen, wie es ist, denn du weißt, daß du erschrecken müßtest vor dem, was du sehen würdest, du bist auf der Flucht vor Gott! Dem Schwätzer und Plauderer: du redest so viel, weil du weißt, daß du noch nie ein wahres, wichtiges Wort gesprochen hast, und um diesen Mangel zu verdecken, lässest du die Mühle unablässig leer laufen. Dem Schweigsamen, der niemand ein rechtes Wort gönnen mag: |400 du weißt, daß, was du eigentlich sagen müßtest und was du eigentlich zu sagen hättest, dich selbst und vielleicht nicht nur dich selbst angreifen und verurteilen würde. Du schweigst aus Vorsicht vor der Wahrheit. Dem Leichtsinnigen: du tust, als ob Alles in Ordnung wäre, weil du vergessen möchtest, was du doch eben nicht vergessen kannst: die verborgene und doch durchaus nicht verborgene Unordnung deines Lebens. Dem Trübsinnigen: du verdeckst dir mit deinem Jammer über das, was du nicht kannst und was dir nicht beschieden ist, den viel größeren Jammer über das, was gerade du durchaus könntest und was gerade dir durchaus beschieden wäre, wenn du es über dich brächtest, danach zu greifen.

Wer wird uns aufgelösten, widerspruchsvollen Menschen von heute helfen, uns selbst zu verstehen? Hier die blinde Wut der Einen, die an allem Festen rütteln, alles Stehende niederwerfen, alles Geordnete verwirren möchten, als ob die Weisheit erst mit ihnen geboren sei [vgl. Hiob 12,2], als ob die Weltgeschichte erst heute anfinge, als ob es sich ums Zerstören handle in einer Stunde, wo Gott sich nun vielleicht auch neu [?] zum Bauen anschickt. Dort die ebenso blinde Wut der Anderen gegen Alles, was auch nur die entfernteste Ähnlichkeit hat mit der allerdings furchtbaren Schneeschmelze, die sich jetzt im Osten unseres Erdteils vollzieht3, als ob es sich darum handle, zu erhalten, was vergehen muß zu einer Stunde, wo Gott sichtlich ein Neues will werden lassen. Hier der Taumelkelch der blutigen [?] dritten Internationale und dort der bekannte Schlaftrunk des Pariser Völkerbundes4. Hier und dort Lüge, Ersatz-Leben, Flucht vor der Wirklichkeit. |401 Hier und dort der böse Traum des Menschen, der es vorzieht zu schlafen, statt in Gott zu wachen. Warum merken wir den Betrug nicht? Warum finden wir die Kraft nicht, nach der einen wie nach der anderen Seite einmütig und energisch Nein zu sagen?

Und wer wird zu der heutigen Christenheit reden, daß sie einmal erkennt, wie die Dinge eigentlich stehen? Wir wollen gewiß den Ernst und die Wahrhaftigkeit, die gerade in den frommen Kreisen unseres Volkes lebendig sind, nicht verkennen.5 Aber wer gibt diesen Kreisen das Recht, die Welt zu verurteilen? Sind sie etwa nicht auch Welt, nicht mitschuldig daran, daß die Welt ist, wie sie heute ist? Wer gibt ihnen das Recht, gefühlvoll von einer kommenden Christenverfolgung zu phantasieren [?], wo die Frage noch sehr unsicher ist, ob denn das bisherige Christentum ein Salz und Licht der Erde gewesen und so der Verfolgung um der Gerechtigkeit willen würdig geworden ist [vgl. Mt. 5,10.13f.]? Wer gibt ihnen das Recht zu der Annahme, daß sie die sein werden, die nach den Verheißungen der Offenbarung Johannis schließlich triumphieren werden [vgl. z. B. Apk. 7,9-17]? Ist das alles nicht auch eine Flucht vor Gott, um so schlimmer, wenn sie sich unter der Parole: Näher, mein Gott zu dir!6 vollzieht?

Wer wird uns Kirchgänger einmal fragen, daß wir’s hören und antworten müssen: Was wollt ihr hier? Sucht ihr Gott hier, weil ihr ihn |402 sonst nicht suchen wollt? in der Kirche, weil ihr ihm zu Hause aus dem Wege geht? am Sonntag, weil ihr am Werktag nicht für ihn zu haben seid? Und wer wird die Anderen, die Nichtkirchgänger, einmal fragen, daß sie hören und antworten müssen, ob sie nicht darum zu Hause bleiben, darum so schön von der Erbauung in der Natur reden, darum so laut ihr «Tue recht und scheue niemand!»7 beteuern, weil sie genau wissen, daß es sich hier in der Kirche um die große Forderung handelt, der man nicht entgehen kann, wenn man sie vernimmt? Ist nicht das Eine und das Andere die Flucht vor Gott, in der wir alle begriffen sind?

An einem Punkt aber muß es uns allen klar werden, was wir eigentlich tun: Wenn es in unserem Herzen, in unseren Gedanken, in unserem Gewissen, in unserer inneren Welt nicht steht, wie es soll, dann flüchten wir uns zur Arbeit, dann suchen wir in eifriger Tätigkeit und Geschäftigkeit das Unangenehme, das Bewußtsein unseres unerlösten Zustandes zu vergessen, dann suchen wir in äußeren Erfolgen den Ersatz für unsere innere Niederlage. Wenn es uns aber äußerlich nicht gut geht, wenn wir sehen, daß unser Wissen und unsere Kraft einfach nicht genügt, um zu tun, was eigentlich unsere Pflicht wäre, wenn unser Gewissen uns da draußen verurteilt, dann wenden wir uns nach innen, dann suchen wir im Geist, im Reich der Gedanken und Gefühle Erholung und Vergessen, dann suchen wir uns damit zu beruhigen und zu erfreuen, daß es ja eine unsichtbare Welt, eine Welt des Herzens gibt. Ist es etwa nicht so? Treten wir nicht beständig von einem Bein aufs andere, immer in Verlegenheit, immer auf dem Rückzug vor der Wahrheit, immer gerade dort interessiert und lebhaft, wo wir uns vor Gott in Sicherheit wähnen, jetzt im Inneren, wo uns das Äußere wichtig sein sollte, jetzt im Äußeren, wo es uns um das Innere ernst werden müßte, nur nie da, wo wir Gott Red und Antwort stehen sollten?

O diese merkwürdige Gewandtheit des Menschen! Immer unterwegs, immer auf der Fahrt, nur nie zu Hause. Jetzt auffahrend gen Himmel, jetzt niederfahrend zur Hölle, jetzt gen Osten und jetzt gen Westen, nur nie dort, wo Gott steht und uns fragt: Adam, wo bist du [Gen. 3,9]?, nur nie dort, wo sein Geist uns bewegen, sein Angesicht [uns] erleuchten möchte! Was tun wir? Wir fliehen vor Gott.

403 3. Aber nicht wahr, wir können ja nicht. Es gelingt uns, und es gelingt uns doch eigentlich nicht. Fliehen können wir, aber entfliehen nimmermehr. Wir sind gewandt, aber Gott ist lebendig. Wir kehren ihm den Rücken, aber er ist hinter uns und vor uns. Wir können ihn vergessen, aber wir können uns selbst nicht vergessen, und wir selbst sind Gottes8. Wir sind frei, aber wir können nicht von der Freiheit frei werden, und die Freiheit ist Gottes Werk und Gabe. Wir eilen, aber Gott eilt uns voran. Wir warten, aber Gott geht hinter uns, und je länger wir warten, um so sicherer sind wir ihm verfallen. Wir streben einem Ziel und Ende entgegen, aber das Ende ist in Gottes Händen. Wir kehren zum Anfang zurück, aber eben in Gott haben wir ja immer angefangen.

Gottes Wesen und Tun ist eben ein Ganzes. Und so ist die Bibel mit ihrem ganzen Meer von Erkenntnissen ein Ganzes. Und so ist das Leben mit seinen Fragen, Notwendigkeiten und Aufgaben ein Ganzes. Und so ist die Wahrheit ein Ganzes. Und so bilden Vergangenes und Zukünftiges, Inneres und Äußeres, Körper und Seele, Zeit und Ewigkeit zusammen ein Ganzes. Nun gibt es freilich in diesem Ganzen einzelne Teile und Seiten und Möglichkeiten, wie es ja auch ein Rechts und Links gibt, ein Oben und Unten, wie die Erde einen Nordpol und einen Südpol hat. Es gibt innerhalb dieses Ganzen einen Himmel und eine Hölle, es gibt die Morgenröte im Osten und das äußerste Meer im Westen, wie es in unserem Text heißt. Es gibt also Gutes und Böses, Licht und Finsternis, Revolution und Reaktion, Glaube und Unglaube. Aber in Allem, was ist, ist auch immer das Ganze, und bei Allem, was wir denken und tun, können wir aus diesem Ganzen nicht herausbrechen. |

Wenn wir das merken würden, so würden wir Gott die Ehre geben und nicht in die Gegensätze hineingeraten. Wir hätten weder das Böse nötig noch das Gute. Wir wären weder Fromme noch Atheisten. Wir müßten weder verleugnen [?] noch beweisen [?]. Wir müßten weder unsere kleine Blendlaterne brauchen noch in der Finsternis umherstolpern. Wir müßten nicht immer teilen, trennen, absondern, wir würden uns beugen vor dem großen Gottesgebot, das der wahre Sinn der Bibel und der Sinn des Lebens ist, und dabei würden wir selbst |404 etwas Ganzes, unser Denken ein ganzes Denken, unser Reden ein ganzes Reden, unser Tun ein ganzes Tun. Wir würden auch untereinander nicht so getrennt sein, du in deinem Loch sitzend und ich in dem meinen, sondern wir würden uns erkennen und verstehen, daß wir das Gleiche meinen, wir hätten Vergebung von Gott und Vergebung füreinander, wir wären einig, eine einige Menschheit, ein ganzes Wesen, wie Gott ein einiger, ganzer Gott ist. Ach daß wir’s merken würden, daß Gott ein einiger Gott ist [vgl. Mk. 12,29] und was es für eine Gottlosigkeit ist, so in den Einzelheiten zu leben, wie wir es tun. |

Das merken wir nun freilich eben nicht. Wir sind ja eben auf der Flucht vor Gott, und darum reißen wir ein Stücklein heraus aus der Bibel oder ein Stücklein aus dem Leben oder ein Stücklein aus der Wahrheit, irgend so ein Stücklein, das uns gerade gefällt, weil wir denken: da werde ich vor Gott in Sicherheit sein, da wird es nicht ganz ernst werden, da kann ich mir die Verlegenheit ersparen, Gott Rede und Antwort stehen zu müssen. Nun bauen wir uns unseren Babelsturm von Gerechtigkeit und graben uns unsere Schlammgrube von Bosheit und Torheit. Nun tun wir heute, als ob der Himmel auf der Erde wäre, und morgen, als ob wir mitten in der Hölle lebten. Nun müssen die Einen rufen: Auf das Innere kommt Alles an! und die Anderen: Nein, es hängt Alles an den wüsten9 Verhältnissen. Nun wird hier der Idealismus verkündigt und dort der Materialismus. Nun muß es Weltleute geben und Christen, als ob die Weltleute nicht Christen sein müßten und die Christen Weltleute im stärksten Sinn des Wortes. Nun muß die Schule den Religionsunterricht fein säuberlich an die Kirche abgeben, als ob die Kirche und die Schule im Ernst eine verschiedene Aufgabe haben könnten.10 Nun muß es Parteien geben und Standpunkte, Meinungen und Abgrenzungen und infolgedessen |405 finstere, hölzerne Gesichter von hüben und drüben. Nun muß die Welt die zerfahrene, gegensätzliche Welt werden, die sie heute ist, und wir mitten drin die zerrissenen, von tausend Unterschieden bewegten Menschen, die wir sind. Wir merken’s nicht, daß es das nicht gibt, solche Bibelstücklein, Lebensstücklein, Wahrheitsstücklein, wir merken das Ganze nicht, das bei den Einzelnen ist und das den Einzelnen den Sinn gibt. Wir merken es nicht, weil wir vor Gott auf der Flucht sind. Die Sünde kam in die Welt und durch die Sünde der Tod [Röm. 5,12]. |

Aber ob wir’s merken oder nicht merken, Gott ist doch ein einiger Gott. Schließ du nur die Augen zu vor ihm, es ist dafür gesorgt, daß du seiner auch bei geschlossenen Augen gewahr werden mußt. Widersprich ihm nur, es ist dafür gesorgt, daß du ihm um so stärker recht geben mußt, je heftiger du ihm widersprichst. Wähle du nur so ein Wahrheitsstücklein nach deinem Gefallen, es ist dafür gesorgt, daß durch das eine gewählte Stücklein die ganze Wahrheit bei dir eindringt, dich überfällt und beunruhigt auf Leben oder Tod. Wir leben nicht in einer zufälligen Welt und nicht in unserer eigenen Welt, sondern in der Welt, in der Gott durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten seinen Schöpferwillen kundgetan hat, in der Welt, in der Gott bereits Sieger ist. Warum kommen wir alle nicht zur Ruhe, ob wir nun da oder dort hinauslaufen? Warum muß sich alles Böse rächen [?] in denen, die es tun, und warum lohnt sich das Gute nicht in denen, die wissen, daß sie gut sind? Warum gibt es keinen wirklichen Unglauben, aber auch keinen siegreichen Glauben unter uns? Warum kommt die Menschheit nicht zur Ruhe in ihren Bewegungen und Bestrebungen, nachdem doch eigentlich Alles, auch das, was heute geschieht, längst dagewesen ist, nachdem Alles schon versucht worden ist im Guten und im Bösen, mit den Mächten des Lichts und der Finsternis? Warum muß es immer aufs neue versucht werden, jetzt so und jetzt so? Warum ruft immer wieder ein Gegensatz den anderen? Warum müssen wir immer wieder wechseln, jetzt hier ansetzen und jetzt dort, jetzt der inneren Stimme lauschen, die in uns redet, jetzt zu äußerem Tun uns rufen lassen, das von uns verlangt ist? Warum sind alle Fragen, alle Rätsel, alle Aufgaben, denen wir uns entziehen möchten, in immer neuer Form immer wieder da? Warum können wir nicht ein für allemal uns zur Ruhe setzen bei dem, was uns gefällt, und ein |406 für allemal fertig sein mit dem, was uns nicht gefällt? Warum müssen wir immer wieder auch an das [?] Andere denken, uns darüber ärgern, ihm widersprechen und widerstreben? Es ist nur zu [?] offenkundig, wir können aus dem Ganzen nicht herausbrechen, wenn wir lange wollten. Auch das Einzelne redet eben immer vom Ganzen, strebt dem Ganzen zu, und wir müssen mit, ob wir wollen oder nicht. Wir müssen mit, weil auch in uns etwas zum Ganzen strebt. Wir müssen mit, weil wir Gottes sind. Gott aber ist ein einiger Gott, und es sind keine Götter neben ihm. Wo soll ich hin gehen [vor deinem Geist, und wo soll ich hin fliehen vor deinem Angesicht?] Flieh nur vor Gott; indem du fliehst, erfährst du’s, daß du nicht entfliehen kannst, denn Gott geht mit dir; du würdest nicht fliehen, wenn Gott nicht mit dir wäre. Verbirg dich nur in der Finsternis irgend einer Gottlosigkeit; indem du dich verbirgst, trägst du das Licht hinein in die Finsternis, denn Gott geht mit dir; du würdest dich nicht verbergen wollen, wenn Gott nicht so gewaltig mit dir ginge!

4. Man meint gewöhnlich, diese Psalmworte von der Allgegenwart Gottes mit Furcht und Zittern lesen zu müssen. Und es ist wahr: Es liegt ein schweres Gericht darin, daß wir so vor Gott fliehen möchten und doch nicht können. Du sündigst und strafst dich selbst, du ziehst das falsche Los und mußt ernten, was du gesät hast [vgl. Gal. 6,7], und bei dem allem erreichst du deinen Zweck doch nicht: Gott geht doch mit dir, sein Geist bewegt dich doch, sein Angesicht leuchtet dir trotzdem, du mußt ihm immer noch und überall, wie du’s auch versuchen mußt, Rede und Antwort stehen. Ja, das ist furchtbar. Aber wir können dabei nicht stehen bleiben. Es ist Gottes mächtige Gnade, in der wir stehen, und die lebendige Hoffnung, die er uns gibt, daß wir unseren Zweck nicht erreichen. Das wäre furchtbar, wenn wir Gott entfliehen könnten, wenn es uns möglich wäre, zu verharren in unseren Gegensätzen und Löchern, in die wir uns verlieren, wenn wir uns beruhigen könnten in unserer Gottlosigkeit, wenn die Unruhe in der Weltgeschichte plötzlich aufhören würde. Daß das alles nicht möglich ist, das ist uns das Zeugnis von Gottes großer Güte gegen uns. Er läßt uns nicht fallen. Er hat Gedanken des Friedens über uns und nicht des Leides [Jer. 29,11]. Wir erkennen darin das Regiment des Heilands unter den Sündern, die große Vergebung, von der die Welt getragen |407 ist, das Geheimnis einer göttlichen Zukunft, deren Licht hell auf unsere Gegenwart fällt. Möchten wir dankbar sein für das, was wir erkennen können. Gott ist größer als unser Herz [1.Joh. 3,20]. Aber unser Herz ist unruhig in uns, bis daß es ruht in ihm.11 Ihm, dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist sei Preis und Anbetung von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Lieder:
  • Nr. 247 «Allgenugsam Wesen» von G. Tersteegen, Strophen 1-3 (RG [1998] 661,1-3; EKG 270,1-3; jeweils mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 23 «O Höchster, deine Gütigkeit» Psalm 36, Zürich 1886 nach älteren Übertragungen, Strophen 1. 2 (RG [1998] 27,1.2) 🎵

Sachfußnoten

1
In dieser Predigt finden sich neben den gewohnten Unterstreichungen mit Tinte, Bleistift und blauem Farbstift auch sehr viele Unterstreichungen mit rotem Farbstift, die nicht wiedergegeben werden können.↩
2
J. W. von Goethe, Faust II, V.12104f. (5. Akt, Bergschluchten) 📖.↩
3
Das Bild von der Schneeschmelze läßt vermuten, daß Barth an die seit Dezember 1917 in Gang befindliche entschädigungslose Enteignung des Großgrundbesitzes einschließlich der Güter der Kirchen und der Klöster in der Sowjetunion denkt.↩
4
Um die im März 1919 in Moskau auf Betreiben Lenins gegründete Dritte Internationale (Kommunistische Internationale: «Komintern») kam es 1919 zu erbitterten Auseinandersetzungen in der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz: Nachdem ein außerordentlicher Parteitag im Februar 1919 eine Wiederaufrichtung der II. Internationale abgelehnt hatte, befürwortete der Parteivorstand im Juli 1919 den Anschluß an die III. Internationale und sprach sich gleichzeitig gegen den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund aus, dessen Verfassung im April von der Pariser Friedenskonferenz angenommen worden war. Ein weiterer außerordentlicher Parteitag im August 1919 beschloß den 195Beitritt der SPS zur III. Internationale im Sinne der Solidarität des Proletariats und den Kampf gegen den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund, der als Vertretung der imperialistischen Interessen der Großmächte angesehen wurde. In einer Urabstimmung der Partei im September 1919 wurde der Beitritt der Partei zur III. Internationale jedoch klar verworfen. L. Ragaz, der sich führend gegen den Beitritt engagiert hatte, sah darin «in allererster Linie einen Protest gegen alle leninistischen Gewaltmethoden und Revolutionsdogmen». Die Haltung der SPS gegenüber dem Völkerbund blieb freilich weitgehend ablehnend. Nachdem am 21.11.1919 das Schweizer Parlament den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund unter Vorbehalt beschlossen hatte, kämpfte die SPS bis zur Volksabstimmung im Mai 1920 mehrheitlich für die Ablehnung des Beitritts. Siehe M. Mattmüller, Leonhard Ragaz und der religiöse Sozialismus. Eine Biographie, Bd. II, Zürich 1968, S. 502-523.535–547 📖.↩
5
Barth notierte sich hier zwischen den Zeilen das Stichwort «Bibel», an Hand dessen er den Gedanken offenbar weiter ausführen wollte.↩
6
«Näher, mein Gott, zu Dir»: Übersetzung des Liedes «Nearer, my God, to Thee» von Sarah F. Adams (1805-1848) durch Erhardt Fr. Wunderlich (1830-1895), z. B. in: Reichs-Lieder, Nr. 444 🎵.↩
7
Vgl. oben S. 200, Anm.2.↩
8
Vgl. oben S. 206, Anm.1.↩
9
= schlimmen.↩
10
Zu den Auseinandersetzungen, die im 19. Jahrhundert in den Schulen im Aargau zur Ersetzung des kirchlichen durch einen konfessionslosen bzw. interkonfessionellen Religionsunterricht führten, vgl. Vortr. u.  kl. Arb. 1909-1914, S. 719f. 📖 Zur aktuellen Lage in dieser Sache schrieb Barth am 11. November 1919 an Thurneysen: «Heute war ich an der Synode. Das Boot ‹Religionsunterricht› trieb kieloben dem Strande zu: mit fast allen gegen circa 10 Pfarrerstimmen siegte der Interkonfessionelle. … Die Sache war irgendwie ein Gleichnis, denn die Freisinnigen beherrschten schlechterdings die Szene» (Bw. Th. I, S. 351 📖).↩
11
Vgl. oben S. 208, Anm.2.↩