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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Jesaja 48,18</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Jesaja 48,18, 30. November 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39050 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 415.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Jesaja 48,18</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">415</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jes 48,18 (1. Advent), 30. November 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1934">KBA 1477</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-11-30">30. November 1919</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <head><idno>495</idno></head>
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            <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, den <date when="1919-01-01">1</date>
          </dateline>
          <head type="event">I. Advent</head>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.48.18">Jesaja 48,18</ref>
              <quote><hi rend="italic" resp="kb">[O daß du auf meine Gebote merktest, so würde dein
                  Friede sein wie ein Wasserstrom und deine Gerechtigkeit wie
                Meereswellen.]</hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <div type="main">
          <p><hi rend="italic">1.</hi> Der Mensch <hi rend="italic">ist nicht so arm</hi>, nicht so
            schwach, nicht so unbedeutend, wie es scheint. Er braucht kein trüber Gast zu sein auf
            einer dunklen Erde.<note xml:id="n01">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2404"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goeth</persName>e, <hi rend="italic">Westöstlicher Diwan</hi> I,18, «Selige Sehnsucht», Strophe 5</bibl>: <q rend="block">
                <lg>
                  <l>Und so lang du das nicht hast,</l>
                  <l>Dieses: Stirb und werde!</l>
                  <l>Bist du nur ein trüber Gast</l>
                  <l>Auf der dunklen Erde.</l>
                </lg></q></note> Die Welt, sie muß kein Jammertal sein. Der Mensch, jeder Mensch, er
            hat eigentlich ganz unerhörte Aussichten und Möglichkeiten. Die ganze Menschheit, sie
            steht unmittelbar vor den Pforten größter Wunder und Herrlichkeiten. Was wir das
            Menschenleben nennen, es ist ja eigentlich nur sein <hi rend="italic">Vordergrund;</hi>
            würden wir durch diesen Vordergrund, vor dem wir oft so ratlos und verständnislos
            dastehen, hindurchsehen und des großen Hintergrunds gewahr werden, der all unser Tun und
            Leiden umfaßt, so würden wir sehen, wie das Ganze in einem mächtigen, durchdringenden
            Licht steht. Alles, was ist und geschieht, es liegt vor uns wie ein <hi rend="italic">Buch in einer fremden Sprache.</hi> Störrisch und erschreckend sehen uns die
            unbekannten Worte an. Was ist das, das Leben? Was geschieht da eigentlich mit mir, um
            mich herum, in der großen, weiten Menschenwelt und Naturwelt? Ja, wir müßten nur lesen
            lernen, so würden wir sehen, wie Alles, ausnahmslos Alles, etwas bedeutet, und wir
            würden in Entsetzen und aus dem Entsetzen in lauten Jubel geraten, wenn wir sehen
            würden, was eigentlich Alles bedeutet. <hi rend="italic">Bilder und Gleichnisse</hi>
            sind die Ereignisse unseres Lebens und der Weltgeschichte, unsere Arbeit und unsere
            Freuden, unser Leiden und unser Kämpfen, unsere Gedanken und Meinungen, Bilder und
            Gleichnisse, von einem großen Meister uns vor Augen gemalt. Und nicht wahr, je tiefer
            sie uns ergreifen und bewegen und aufwühlen, je ernster das Leben an uns herantritt und
              <pb ed="pga" xml:id="p409"/> uns in Anspruch nimmt, um so deutlicher ahnen wir, daß
            sie alle etwas meinen, etwas zu uns sagen wollen. O daß wir aus der Wahrheit wären, wie
            der Meister, der sie uns zeigt, selber die Wahrheit ist, damit wir in den Bildern immer
            die Wahrheit sehen und inmitten all der schönen und traurigen Lebensbilder, die uns
            umgeben und erfüllen, immer auch in der Wahrheit leben könnten!</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p><hi rend="italic">2.</hi> Friede und Gerechtigkeit! haben wir in unserem Text gelesen.
            Friede wie ein Wasserstrom und Gerechtigkeit wie Meereswellen! Wenn es doch Gott selbst
            uns geben würde, in aufrichtigem Verständnis für seine Weisheit und seinen Willen und in
            herzlicher, vertrauender Liebe 
            zueinander die Adventsbotschaft zu hören! Wie heißt sie denn, die Adventsbotschaft? Was
            kann sie anders heißen, als daß wir eben in der Wahrheit leben sollen und die Wahrheit
            in uns. Das ist Friede und Gerechtigkeit. Alles Andere genügt nicht. Alles, was bloß die
            Namen Friede und Gerechtigkeit trägt, genügt nicht. Die Wahrheit will erscheinen und
            das, was jetzt bloß diese Namen trägt, umgeben [?], erfüllen. Sieh, du hast <hi rend="italic">eine gewisse Ruhe</hi> erreicht in deiner Seele, und das ist recht, und
            du nennst diese Ruhe deinen Frieden, den du erlangt habest. Aber nun möchte die Wahrheit
            erscheinen und diese Ruhe deiner Seele umwandeln, daß sie nicht bloß Friede heißt,
            sondern wirklicher Friede wird. Du bist zu einem <hi rend="italic">gewissen
              Gleichgewicht</hi> gekommen zwischen dir und deiner Frau, zwischen dir und deinem
            Mann, zwischen dir und deinen Hausgenossen und Nachbarn, und das ist gut, und das nennt
            ihr Frieden. Aber nun möchte die Wahrheit erscheinen und aus diesem Gleichgewicht
            wirklichen Frieden machen. Wir haben in unserer Gemeinde und in unserem Volk zwischen
            den Zeiten der Aufregung und des Kampfes der Interessen und Standpunkte doch auch immer
            ganze Monate und Vierteljahre Pause, in denen eine <hi rend="italic">gewisse
              Beschwichtigung</hi> und Annäherung stattzufinden scheint, und wir wollen froh sein
            darüber und pflegen das dann Frieden zu nennen. Aber nun möchte die Wahrheit erscheinen
            und aus der Beschwichtigung einen wirklichen Frieden machen. Wir stehen jetzt in der
            Welt in der Zeit des <hi rend="italic">Kriegsendes</hi>, der Verhandlungen, der
            Verträge, des Wiederbeginns des Völkerverkehrs, und wir atmen erlöst auf und nennen das,
            was jetzt kommt, Frieden. Aber nun möchte die Wahrheit erscheinen und das Kriegsende
            umkehren in den Anfang wirklichen Friedens. |</p>
          <p><pb ed="pga" xml:id="p410" rend="noPipe"/> Und so steht es auch mit unserer
            Gerechtigkeit. <hi rend="italic">Du bist rechtschaffen</hi>, du glaubst an Gott, du tust
            deine Pflicht gegen deinen Nächsten und gegen die Anderen, du gibst dir Mühe, nach
            bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Wohl dir! Und das alles möchtest du deine
            Gerechtigkeit heißen. Die Wahrheit aber möchte erscheinen und das, was du so heißest,
            umkehren in wirkliche Gerechtigkeit. Die verschiedenen Stände und Parteien, die heute
            unter uns streiten, sie vertreten alle mehr oder weniger <hi rend="italic">etwas
              Berechtigtes</hi>, Billiges, Natürliches, etwas, dem man Gehör schenken muß, wenn man
            nicht ganz taub ist, und das ist ihre Gerechtigkeit. Aber das genügt nicht, die Wahrheit
            möchte erscheinen und aus der bloßen Berechtigung, die alle auf ihre Weise haben,
            wirkliche Gerechtigkeit schaffen. Vom <hi rend="italic">Sieg der Gerechtigkeit</hi> auch
            in der Völkerwelt ist nun viel die Rede gewesen, und es ist ganz unverkennbar, was für
            ein tiefes Sehnen und viel ernstes
            Wollen heute in der Menschheit vorhanden ist, diesen Sieg herbeizuführen und für alle
            Zukunft zu befestigen. Aber was dafür schon geschehen ist, das genügt nicht, die
            Wahrheit möchte erscheinen und den angeblichen Sieg der Gerechtigkeit zu einem
            wirklichen werden lassen. |</p>
          <p><hi rend="italic">Es genügt eben nirgends</hi>, das, was wir Frieden und Gerechtigkeit
            heißen. Es heißt nur so, es ist nicht, was es heißt. Es ist Alles Vordergrund ohne
            Hintergrund, leere [?] Worte ohne Bedeutung, Bilder und Gleichnisse, die noch keinen
            Sinn haben. Es ist nicht nur wenig, so daß man denken könnte, wir würden es schon
            erreichen können, wenn wir nur tüchtige Fortschritte machen, sondern es ist immer noch
            etwas ganz Anderes als das, was damit gemeint ist, es steht dem, was damit gemeint ist,
            geradezu hindernd im Wege. Es müßte umgekehrt werden durch die Wahrheit, damit es das
            würde, was es heißt. Seht, das ist <hi rend="italic">die Unruhe</hi> unseres Herzens,
            die Unruhe unseres Lebens und unserer Verhältnisse, die Unruhe der ganzen heutigen
            Menschheit, daß die Namen Friede und Gerechtigkeit und ihre Wahrheit immer noch etwas so
            gänzlich Getrenntes sind, daß diese Namen die Wahrheit nicht aussprechen, sondern
            verbergen - nicht bestärken [?], sondern verhüllen - nicht leuchten lassen, sondern
            verfinstern. Und das ist <hi rend="italic">die Adventsbotschaft</hi>, daß sich das
            umkehren will. Das Leben im Leben will erscheinen. Die Wahrheit will hineinfahren in
            das, was bloß diese Namen trägt. Das Verborgene will offenbar werden. Die <pb ed="pga" xml:id="p411"/> paar Regentröpflein von Frieden, die der dürstenden Erde so gar nicht
            genügen, die so schnell wieder verdunsten, sie sollen zum Wasserstrom werden. Das kleine
            übelriechende, unangenehme Sümpflein von Gerechtigkeit, in dem wir uns jetzt befinden,
            zu bewegten, abgrundtiefen Meereswellen. Gott will sich Ehre machen auf Erden wie im
            Himmel. Christus will zu uns kommen, der Menschensohn, der die Antwort ist auf unsere
            Unruhe. Wer ihn sieht, der sieht den Vater [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.9">Joh. 14,9</ref>]. Der sieht die Wahrheit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.6">Joh. 14,6</ref>].</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi>
            <hi rend="italic">Dein</hi> Friede!, <hi rend="italic">Deine</hi> Gerechtigkeit! heißt’s
            in unserem Text. Und es ist, wie wenn sich mit diesem «dein» die Adventsbotschaft von
            dem, was werden und kommen soll, von der Wahrheit, die erscheinen will, tief in uns
            hineinbohren möchte, um uns nicht mehr loszulassen. Um <hi rend="italic">deine
              Angelegenheit</hi>, Mensch, handelt es sich. In dir soll’s werden! Aus dir heraus
            soll’s kommen! Bei dir soll’s erscheinen! Nur nicht so schüchtern, als ob die Wahrheit
            nicht deine Sache wäre! Nur nicht so verlegen, als ob du zu unweise und ungeschickt
            wärest, um Anteil zu haben an diesem 
            Werden und Kommen! Nur nicht so fremd getan, als ob dir der Wille Gottes, der aus dem
            Verborgenen hervorbrechen will, wirklich etwas Unbekanntes wäre, als ob er wirklich ohne
            dich geschehen müßte oder könnte. Um <hi rend="italic">das Kommen Jesu</hi>, des
            Menschensohns, handelt es sich, da bist du auch dabei. Ja, von oben kommt er, während
            wir da [?] jetzt von unten sind. Von der anderen Seite des Lebens, während wir jetzt
            immer nur auf dieser unserer Seite des Lebens, im Vordergrund, in den Bildern und
            Gleichnissen stehen. Morgenglanz der Ewigkeit ist er, Licht vom unerschaffnen
              Lichte<note xml:id="n02">Eingangslied, s. unten.</note>, während wir jetzt gefangen
            sind in der Zeit, während es von uns immer wieder heißen muß: Ich liebte das geschaffne
              Licht<note xml:id="n03">Aus <bibl type="song" corresp="kbga-songs-68">Strophe 4 des Liedes 241 «Ich will dich lieben, meine
              Stärke» von <persName ref="kbga-actors-864">J. Scheffler</persName> (RG [1998] 682; EG 400)</bibl>.</note>. Der Sohn des Einen, des
            Vaters, ist er voller Gnade und Wahrheit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref>], während wir alle Söhne und Töchter von vielen Vätern
            sind, aus vielen Quellen und Ursprüngen zusammengesetzt und darum dem Irrtum und dem
            Fall immer aufs neue ausgesetzt. Aber <hi rend="italic">warum</hi> [anders] <hi rend="italic">hat er sich</hi> den Menschensohn genannt als darum, weil in ihm auch
            das er<pb ed="pga" xml:id="p412" break="no"/>scheinen will, was auch in uns von oben
            ist, von der anderen Seite, aus der Ewigkeit, aus dem unerschaffnen Lichte, aus dem
            einen Vater, Quell und Ursprung. <hi rend="italic">Wozu kommt er</hi> zu uns als dazu,
            um uns zu sagen, wer wir sind, weil wir es vergessen haben, um aus uns herauszuholen,
            was wir eigentlich sind, weil es verschüttet ist. Wozu wird Gott Mensch als dazu, um uns
            in das Licht der Wahrheit zu stellen, in unsere eigene Wahrheit zu stellen; wäre sie
            nicht unsere eigene Wahrheit, wäre es nicht so, daß wir hier tatsächlich in das Licht
            unserer eigenen Wahrheit gestellt würden, wie hätte ein menschliches Hirn den ungeheuren
            Gedanken, daß Gott Mensch wird, fassen können?|</p>
          <p>Was will er anders von uns, als daß wir uns selbst erkennen, nicht unsere Torheit und
            Beschränktheit, wie eine dürftige Weltweisheit es von uns verlangt, sondern unsere
            Wahrheit, den Grund, auf dem wir stehen, die Wurzel, aus der wir wachsen, die Heimat,
            aus der wir kommen und nach der wir gehen. Keine ferne, fremde Geschichte, kein
            seltsames himmlisches Ereignis ist gemeint in der Adventsbotschaft, sondern <hi rend="italic">der Mensch, du selber</hi>, <hi rend="italic">dein</hi> Leben, <hi rend="italic">die</hi> Welt, in der du, gerade <hi rend="italic">du</hi> auf deine
            Weise Mittelpunkt bist. <hi rend="italic">Du</hi> leidest Not. <hi rend="italic">Du</hi>
            hast täglich und stündlich die bitteren Folgen zu tragen, wenn jetzt Alles immer nur
            Friede und Gerechtigkeit heißt und nicht ist. <hi rend="italic">Du</hi> bist in tiefer
            Unruhe, weil du immer im Stillen und manchmal auch laut seufzen mußt: das alles ist’s ja
            nicht, das meine ich gar nicht, das genügt mir nicht, weil es immer nur Abbild, nicht
            Wahrheit ist. <hi rend="italic">Du</hi> bist manchmal erschüttert wie von einem Erdbeben
            und möchtest manchmal jauchzen wie ein Kind, wenn es je einmal ernst werden will mit
            wirklichem Frieden, wirklicher 
            Gerechtigkeit hinter dem dunklen Vorhang deines Lebens, etwa in einer stillen Stunde, wo
            deine Seele reden kann, oder in einem guten Gespräch oder vielleicht mitten in schwerem
            Leid, das du durchzumachen hast, oder in einem harten Kampf, den du zu kämpfen hast. Du,
              <hi rend="italic">du</hi> bist der Ort, die Stätte, der Schauplatz, wo offenbar die
            Wahrheit erscheinen will. <hi rend="italic">Deine</hi> Tür ist offenbar die Tür, an der
            Jesus anklopft [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.3.20">Apk. 3,20</ref>). <hi rend="italic">Du</hi> bist gemeint, wenn es heißt, daß Gottes Wille geschehen soll auf
            Erden wie im Himmel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>].
              <hi rend="italic">Du</hi> mußt hören, was es heißt, daß es Gottes Wille ist, daß allen
            Menschen geholfen werde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.2.4">1.Tim. 2,4</ref>]. Du mußt begreifen und erkennen, was es heißt, daß Gott allein
            helfen kann. Bei <hi rend="italic">dir</hi> ist die Möglichkeit, daß es geschieht, durch
            Gott allein <pb ed="pga" xml:id="p413"/> geschieht. <hi rend="italic">Du</hi> hast die
            Aufgabe, es geschehen zu lassen, alle Hindernisse, die diesem Geschehen im Wege stehen,
            aus dem Weg zu räumen. <hi rend="italic">Nur kein Ausweichen</hi> und Sich-Zurückziehen,
            als ob du abwartend zuschauen könntest, wie die Verheißung in Erfüllung geht. Wenn du
            zuschaust, so verstehst du die Verheißung gar nicht, sie wird dir dann notwendig als zu
            groß und schön vorkommen. Wenn du zuschaust, geht sie sicher nicht in Erfüllung. Den
            Zuschauern ist nichts verheißen, nur den Mitarbeitern, den Mitsuchenden, Mitfragenden,
            den Mitverlegenen [?] und Mithoffenden. Wenn du Jesus verstehen willst<note xml:id="n04"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: «wollen»; <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat in diesem Satz zweimal ein «wir» in ein «du» verwandelt,
              ohne auch die Verbform zu korrigieren.</note>, so kommt Alles darauf an, daß du dieses
            «Mit» verstehst. Nicht wahr, bei all den Unvollkommenheiten, Unerfreulichkeiten,
            Unerlöstheiten unseres jetzigen Lebens, da verstehst du’s ja eigentlich gut genug: ach
            ja, ich bin in der Klemme, im Engpaß. Eine Zeitlang mochtest du vielleicht auch das von
            dir abwehren und so denken und leben, als mache es <hi rend="italic">dir</hi> nichts
            aus, daß die Wahrheit noch nicht erschienen ist. Aber nicht wahr, dann überfällt es dich
            ja nur um so heftiger und schrecklicher, daß du nicht Zuschauer sein kannst, daß du mit
            mußt, daß die große Frage des Lebens wirklich deine eigenste Frage ist. Seht, von da aus
            mußt du vielleicht durchstoßen und merken, daß auch die große Antwort des Lebens, des
            Lebens, von dem die Bibel zeugt, deine eigenste Antwort ist, merken, daß sich das alles
            auf dich bezieht, daß du von dir aus gar keine andere Antwort geben kannst, wenn du nur
            dir selber einmal treu wärest. <hi rend="italic">Dein</hi> Friede soll sein wie ein
            Wasserstrom und <hi rend="italic">deine</hi> Gerechtigkeit wie Meereswellen. Dein Friede
            und deine Gerechtigkeit oder was du jetzt so heißest, ist das Samenkorn, das sterben
            muß, damit Gott ihm einen neuen Leib gebe, wie er will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.36 1.Kor.15.38">1.Kor. 15,36-38</ref>].</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> O daß du auf meine Gebote merktest! Da
            stehen wir vor der engen Pforte. Das
            ist <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes der Täufer</persName>, die Stimme des Predigers in der Wüste [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.3">Mk. 1,3</ref> par.]. <hi rend="italic">Meine</hi> Gebote,
            Gottes Gebote und <hi rend="italic">dein</hi> Friede, <hi rend="italic">deine</hi>
            Gerechtigkeit mit ihrer großen Verheißung, das bezieht sich aufeinander, das sieht [?]
            einander an, eins kann nicht sein ohne das andere. Wir kennen ja viele Gebote, die zehn
            Gebote des Alten Te<pb ed="pga" xml:id="p414" break="no"/>staments und die Gebote der
            Bergpredigt, die Gebote der Vernunft und des Geistes jedes Einzelnen und die Gebote, die
            die heutige Zeit mit ihren immer ernsteren Anforderungen an uns alle richtet. Willst du
            ins Leben eingehen, so halte die Gebote! Man könnte mit dem reichen Jüngling fragen:
            Welche Gebote [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.17 Mt.19.18">Mt. 19,17f.</ref>]? Aber nicht
            darum handelt es sich, zu merken: welches Gebot von den vielen Geboten muß ich ausführen
            und halten, damit es bei mir Tag wird? Und nicht dann wäre uns geholfen, wenn wir sagen
            könnten: Das habe ich Alles gehalten von meiner Jugend an!, selbst wenn wir es sagen
            könnten. Denn auch dann müßten wir ja fortfahren mit dem reichen Jüngling: Was fehlt mir
            noch [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.20">Mt. 19,20</ref>]? Es fehlt uns ja immer
            noch, und wenn Alles ausgeführt und gehalten wäre, wir stehen ja immer noch im Dunkel,
            im Vordergrund, in den Bildern und Gleichnissen. Das wissen wir um so besser, je ernster
            es uns mit dem Ausführen und Halten wäre. Es handelt sich eben darum, zu merken, <hi rend="italic">wer</hi> da eigentlich gebietet, zu merken: es sind <hi rend="italic">meine</hi> Gebote, <hi rend="italic">Gottes</hi> Gebote, die alten und die neuen, die
            kleinen und die großen. Die Gebote dessen, der nicht Vieles von uns will, sondern Eines.
            Der uns nicht etwas gebietet, nicht dies und das, sondern Alles. Der nicht unser Auge
            oder unsere Hand oder unser Herz will, sondern uns selbst. Der sich nicht mit unserem
            Denken und Reden begnügt und nicht einmal mit unserem Tun, sondern der in unserer
            Freiheit regieren will, dem wir erst dann gehorchen, wenn wir nur noch Eines wollen,
            wenn uns Alles zum Gottesgebot geworden ist, wenn wir selbst gehorchen, wenn unsere
            Seele in voller Freiheit gehorcht. Das ist’s, was dem Herrn den Weg bereitet, das
            allein. Daran ist der reiche Jüngling gescheitert, daran allein. Und daran werden wir
            gesund werden, daran allein. Es ist nicht die Gesundheit selbst, dieses Merken, wie
            <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes der Täufer</persName> mit seinem Ruf nicht Christus selbst war [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.20">Joh. 1,20</ref>], es ist aber der unumgängliche Weg zur
            Gesundheit. O daß du merktest! O daß wir merkten, merkten, daß wir vor Gott allezeit
            Unrecht haben, merkten, daß Friede und Gerechtigkeit sein Werk sind und bei uns nur
            wirklich werden durch das Erscheinen <hi rend="italic">seiner</hi> Wahrheit. Wenn wir
            ihm alle Recht geben, dann bekommt [er] auch in allem die Macht. Dann schwindet der
            Schein [?]. Dann vergeht das Vergängliche. Dann brechen unsere Bande. Dann bekommt das
            Weizenkorn, indem es stirbt, einen neuen Leib [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.12.24">Joh. 12,24]</ref>. Wenn es Adventszeit wird, Zeit des <pb ed="pga" xml:id="p415"/> Wartens auf den ewigen Frieden, auf die ewige Gerechtigkeit, dann kann
            es Weihnachtszeit werden, Erfüllungszeit, Jesuszeit.</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-57" type="song"> Nr. 43 «Morgenglanz der Ewigkeit» von
              <persName ref="kbga-actors-2060">Chr. Knorr von Rosenroth</persName>, Strophen 1-3 (RG [1998] 572,1-3; EG 450,1-3)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-130" type="song">Nr. 87 «Auf, auf, ihr Reichsgenossen» von
              <persName ref="kbga-actors-1395">J. Rist</persName>, Strophen 1-3 (GERS [1952] 105,1.2.4; EKG 8,1.2.5; jeweils mit
              Textabweichungen)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
