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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Psalm 139,7-12</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Psalm 139,7-12, 23. November 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39049 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 407.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39049</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Psalm 139,7-12</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">407</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">48</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Ps 139,7-12, 23. November 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1933">KBA 1476</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-11-23">23. November 1919</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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      <div type="sermon">
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        <div type="opener">
          <head><idno>494</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag,
            den <date when="1919-11-23">23. November 1919</date><note xml:id="n01">In dieser Predigt
              finden sich neben den gewohnten Unterstreichungen mit Tinte, Bleistift und blauem
              Farbstift auch sehr viele Unterstreichungen mit rotem Farbstift, die nicht
              wiedergegeben werden können.</note>
          </dateline>

          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.139.7 Ps.139.12">Psalm 139,7-12</ref>
              <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Wo soll ich hin gehen vor deinem Geist, und wo
                  soll ich hin fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da.
                  Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der
                  Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst
                  führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken! so
                  muß die Nacht auch Licht um mich sein. Denn auch Finsternis nicht finster ist bei
                  dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht.]
                </hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <div type="main">
          <p>
            <hi rend="italic">1.</hi> «Wo soll ich hin gehen vor deinem Geist, und wo soll ich hin
            fliehen vor deinem Angesicht?» Könnte man heute, mehrere tausend Jahre, nachdem dieser
            Psalm geschrieben wurde, etwas Richtigeres und Tieferes sagen über die Lage des
            Menschen? <hi rend="italic">Er ist auf der Flucht vor Gott.</hi> Wie der Prophet <persName ref="kbga-actors-2208">Jona</persName>,
            von dem es heißt: und <persName ref="kbga-actors-2208">Jona</persName> floh vor dem Herrn [<ref type="can" subtype="bible" target="Jona.1.3">Jona 1,3</ref>]. Er floh, <hi rend="italic">um nicht gehorchen zu
              müssen.</hi> Gott <hi rend="italic">will etwas</hi> vom Menschen. Gottes Geist, Gottes
            Angesicht, wie es hier heißt, sie zeigen ihm eine Notwendigkeit, ein Gebot, eine
            Forderung. Er aber möchte sich dieser Forderung <hi rend="italic">entziehen:</hi> Es ist
            mir zu groß, sagt er, und ich bin zu klein! Es ist mir zu stark, sagt er, und ich bin zu
            schwach! Es ist mir zu himmlisch, sagt er, und ich bin zu irdisch! In Wahrheit aber
            denkt er: ich will meinen eigenen Willen behalten, ich will mein Herz nicht hingeben.
            Weil er aber Gottes Geist <hi rend="italic">nicht direkt widerstehen</hi> kann, weil er
            nicht ungehorsam vor Gott stehen kann, läuft er irgend wohin, wo er die Forderung
            vermeintlich <hi rend="italic">nicht mehr hört.</hi> Wie schon <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und <persName ref="kbga-actors-2841">Eva</persName> im Paradies
              <hi rend="italic">sich versteckten</hi>, weil sie nicht in ihrem Ungehorsam dastehen
            konnten vor Gott [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.8">Gen. 3,8</ref>]. Da wurde
            der <hi rend="italic">Knoten zusammengezogen</hi>, an dessen Lösung wir uns noch immer
            die Finger verbrennen. Von da an konnten sich die Menschen nicht mehr ehrlich <hi rend="italic">in die Augen</hi> schauen. Von da an konnte es ihnen <hi rend="italic">nie mehr ganz wohl sein</hi> bei dem, was sie dachten, sagten und taten, weil ja doch
            Alles, was von da an geschah, etwas Anderes war als das, was eigentlich hätte geschehen
            sollen. Von da an wurde Religion nötig <pb ed="pga" xml:id="p399"/> und Moral. <hi rend="italic">Von da an gab es</hi> eine Zivilisation, einen Staat, eine Kirche, eine
            Wissenschaft, eine Gesellschaftsordnung. Das war die Gründungsfeier aller Irrenhäuser,
            Zuchthäuser, Krankenhäuser, Totenhäuser; denn in solchen Häusern muß der Mensch zuletzt
            wohnen, da er sich angeblich zu klein, zu schwach, zu irdisch fühlt, um im Hause Gottes
            zu wohnen. Durch den Menschen kam <hi rend="italic">die Sünde</hi> in die Welt. Die
            Sünde besteht darin, daß er, da er nicht ungehorsam sein <hi rend="italic">kann</hi> und
            nicht gehorsam sein will, die Flucht ergreift. Und durch die Sünde kam der <hi rend="italic">Tod</hi> in die Welt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12">Röm. 5,12</ref>]. Tod ist all das entlehnte, unwahre, unnatürliche, künstliche
            Ersatz-Leben, das wir irgendwo in der Ferne von Gott zu führen suchen. Das, was wir den
            leiblichen Tod nennen, drückt diesem Ersatz-Leben <hi rend="italic">den Stempel</hi>
            auf. Auf dem Stempel steht geschrieben: Das scheint frei und ist doch unfrei! Das
            scheint beständig und ist doch
            vergänglich! Das scheint etwas zu sein und ist doch nichts! Alles Vergängliche ist nur
            ein Gleichnis!<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-1624"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust
                II</hi>, V.12104f. (5. Akt, Bergschluchten)</bibl>.</note> Stirb, Mensch, du hast
            das falsche Los gezogen! <hi rend="italic">Der Mensch auf der Flucht vor Gott</hi>, bald
            im <hi rend="italic">Guten</hi>, bald im Bösen, bald in seiner <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi>, bald in seiner Ungerechtigkeit, bald in seinem vollen <hi rend="italic">Vorwärtsstürmen</hi>, bald in seinem trägen Liegenbleiben - aber immer
            auf der Flucht vor Gott, immer auf der Flucht. Die Flucht vor Gott <hi rend="italic">erklärt Alles.</hi> O wenn wir es uns einmal erklären <hi rend="italic">lassen</hi>
            wollten!</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Wenn uns doch jemand die Hand auf die
            Schulter legen und <hi rend="italic">uns einmal sagen könnte,</hi> was wir <hi rend="italic">eigentlich tun!</hi>
            <hi rend="italic">Dem Hitzigen</hi>, Eifrigen, Leidenschaftlichen, der mit geballter
            Faust und gerunzelter Stirn durchs Leben stürmt: du hast etwas Leeres hinter dir, eine
            ungelöste Frage, eine unerledigte Aufgabe, und du weißt es, darum stürmst du so heftig,
            du bist auf der Flucht vor Gott! <hi rend="italic">Dem Trägen</hi>, Schläfrigen,
            Gleichgültigen: du fürchtest dich einfach, die Augen zu öffnen und das Leben anzusehen,
            wie es ist, denn du weißt, daß du erschrecken müßtest vor dem, was du sehen würdest, du
            bist auf der Flucht vor Gott! <hi rend="italic">Dem Schwätzer</hi> und Plauderer: du
            redest so viel, weil du weißt, daß du noch nie ein wahres, wichtiges Wort gesprochen
            hast, und um diesen Mangel zu verdecken, lässest du die Mühle unablässig leer laufen.
              <hi rend="italic">Dem Schweigsamen</hi>, der niemand ein rechtes Wort gönnen mag: <pb ed="pga" xml:id="p400"/> du weißt, daß, was du eigentlich sagen müßtest und was du
            eigentlich zu sagen hättest, dich selbst und vielleicht nicht nur dich selbst angreifen
            und verurteilen würde. Du schweigst aus Vorsicht vor der Wahrheit. Dem <hi rend="italic">Leichtsinnigen:</hi> du tust, als ob Alles in Ordnung wäre, weil du vergessen
            möchtest, was du doch eben nicht vergessen kannst: die verborgene und doch durchaus
            nicht verborgene Unordnung deines Lebens. Dem <hi rend="italic">Trübsinnigen:</hi> du
            verdeckst dir mit deinem Jammer über das, was du nicht kannst und was dir nicht
            beschieden ist, den viel größeren Jammer über das, was gerade du durchaus könntest und
            was gerade dir durchaus beschieden wäre, wenn du es über dich brächtest, danach zu
            greifen.</p>
          <p>Wer wird <hi rend="italic">uns aufgelösten, widerspruchsvollen Menschen von heute
              helfen</hi>, uns selbst zu verstehen? Hier <hi rend="italic">die blinde Wut der
              Einen</hi>, die an allem Festen rütteln, alles Stehende niederwerfen, alles Geordnete
            verwirren möchten, als ob die Weisheit erst mit ihnen geboren sei [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.12.2">Hiob 12,2</ref>], als ob die Weltgeschichte erst heute
            anfinge, als ob es sich ums Zerstören handle in einer Stunde, wo Gott sich nun
            vielleicht auch neu [?] zum Bauen anschickt. Dort die ebenso <hi rend="italic">blinde
              Wut der Anderen</hi> gegen Alles, was auch nur die
            entfernteste Ähnlichkeit hat mit der allerdings furchtbaren Schneeschmelze, die sich
            jetzt im Osten unseres Erdteils vollzieht<note xml:id="n03">Das Bild von der
              Schneeschmelze läßt vermuten, daß <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an
              die seit Dezember 1917 in Gang befindliche entschädigungslose Enteignung des
              Großgrundbesitzes einschließlich der Güter der Kirchen und der Klöster in der
                <placeName ref="kbga-places-1425">Sowjetunion</placeName> denkt.</note>, als ob es
            sich darum handle, zu erhalten, was vergehen muß zu einer Stunde, wo Gott sichtlich ein
            Neues will werden lassen. Hier der Taumelkelch der blutigen [?] <hi rend="italic">dritten Internationale</hi> und dort der bekannte Schlaftrunk des <hi rend="italic">Pariser Völkerbundes</hi><note xml:id="n04">Um die im März 1919 in <placeName ref="kbga-places-42">Moskau</placeName> auf Betreiben <persName ref="kbga-actors-243">Lenins</persName> gegründete <hi rend="italic"><orgName ref="kbga-actors-10100">Dritte Internationale</orgName></hi>
              (Kommunistische Internationale: «Komintern») kam es 1919 zu erbitterten
              Auseinandersetzungen in der <orgName ref="kbga-actors-6132">Sozialdemokratischen
                Partei der Schweiz</orgName>: Nachdem ein außerordentlicher Parteitag im Februar
              1919 eine Wiederaufrichtung der <orgName ref="kbga-actors-10085">II. Internationale</orgName> abgelehnt hatte, befürwortete der
              Parteivorstand im Juli 1919 den Anschluß an die <orgName ref="kbga-actors-10100">III.
                Internationale</orgName> und sprach sich gleichzeitig gegen den Beitritt der
                <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> zum <hi rend="italic"><orgName ref="kbga-actors-8266">Völkerbund</orgName></hi> aus, dessen Verfassung im April von der <orgName ref="kbga-actors-9861">Pariser Friedenskonferenz</orgName>
              angenommen worden war. Ein weiterer außerordentlicher Parteitag im August 1919
              beschloß den 195Beitritt der <orgName ref="kbga-actors-6132">SPS</orgName> zur III.
              Internationale im Sinne der Solidarität des Proletariats und den Kampf gegen den
              Beitritt der Schweiz zum <orgName ref="kbga-actors-8266">Völkerbund</orgName>, der als Vertretung der imperialistischen
              Interessen der Großmächte angesehen wurde. In einer Urabstimmung der Partei im
              September 1919 wurde der Beitritt der Partei zur III. Internationale jedoch klar
              verworfen. <persName ref="kbga-actors-330">L. Ragaz</persName>, der sich führend gegen
              den Beitritt engagiert hatte, sah darin «in allererster Linie einen Protest gegen alle
              leninistischen Gewaltmethoden und Revolutionsdogmen». Die Haltung der <orgName ref="kbga-actors-6132">SPS</orgName> gegenüber dem <orgName ref="kbga-actors-8266">Völkerbund</orgName> blieb freilich
              weitgehend ablehnend. Nachdem am <date when="1919-11-21">21.11.1919</date> das
              <orgName ref="kbga-actors-10434">Schweizer Parlament</orgName> den Beitritt der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> zum <orgName ref="kbga-actors-8266">Völkerbund</orgName> unter Vorbehalt beschlossen hatte, kämpfte die
                <orgName ref="kbga-actors-6132">SPS</orgName> bis zur Volksabstimmung im <date when="1920-05">Mai 1920</date>
              mehrheitlich für die Ablehnung des Beitritts. Siehe <bibl corresp="kbga-bibls-3449">M. Mattmüller, <hi rend="italic">Leonhard Ragaz und der religiöse Sozialismus. Eine
                  Biographie</hi>, Bd. II, Zürich 1968, S. 502-523.535–547</bibl>.</note>. Hier und
            dort Lüge, Ersatz-Leben, Flucht vor der Wirklichkeit. <pb ed="pga" xml:id="p401"/> Hier
            und dort <hi rend="italic">der böse Traum</hi> des Menschen, der es vorzieht zu
            schlafen, statt in Gott zu wachen. Warum <hi rend="italic">merken</hi> wir den Betrug
            nicht? Warum finden wir <hi rend="italic">die Kraft</hi> nicht, nach der einen wie nach
            der anderen Seite einmütig und energisch Nein zu sagen?</p>
          <p>Und wer wird <hi rend="italic">zu der heutigen Christenheit reden</hi>, daß sie einmal
            erkennt, wie die Dinge eigentlich stehen? Wir wollen gewiß den <hi rend="italic">Ernst
              und die Wahrhaftigkeit</hi>, die gerade in den frommen Kreisen unseres Volkes lebendig
            sind, nicht verkennen.<note xml:id="n05"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> notierte sich hier zwischen den Zeilen das Stichwort «Bibel», an
              Hand dessen er den Gedanken offenbar weiter ausführen wollte.</note> Aber wer gibt
            diesen Kreisen das Recht, die <hi rend="italic">Welt zu verurteilen?</hi> Sind sie etwa
            nicht auch Welt, nicht mitschuldig daran, daß die Welt ist, wie sie heute ist? Wer gibt
            ihnen das Recht, gefühlvoll von einer kommenden <hi rend="italic">Christenverfolgung</hi> zu phantasieren [?], wo die Frage noch sehr unsicher ist, ob
            denn das bisherige Christentum ein Salz und Licht der Erde gewesen und so der Verfolgung
            um der Gerechtigkeit willen würdig geworden ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.10">Mt. 5,10</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.13 Mt.5.14">13f.</ref>]? Wer
            gibt ihnen das Recht zu der Annahme, daß sie die sein werden, die nach den Verheißungen
            der Offenbarung <persName ref="kbga-actors-2297">Johannis</persName> <hi rend="italic">schließlich triumphieren</hi> werden [vgl.
              z. B. <ref type="can" subtype="bible" target="Aok.7.9 Apk.7.17">Apk. 7,9-17</ref>]? Ist das alles
            nicht auch eine Flucht vor Gott, um so schlimmer, wenn sie sich unter der Parole: Näher,
            mein Gott zu dir!<note xml:id="n06"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-302">«Näher,
                mein Gott, zu Dir»: Übersetzung des Liedes «Nearer, my God, to Thee» von <persName ref="kbga-actors-9335">Sarah F.
                Adams</persName> (1805-1848) durch Erhardt Fr. Wunderlich (1830-1895), z. B. in: Reichs-Lieder,
                Nr. 444</bibl>.</note> vollzieht?</p>
          <p>Wer wird <hi rend="italic">uns Kirchgänger einmal fragen</hi>, daß wir’s hören und
            antworten müssen: <hi rend="italic">Was wollt ihr</hi> hier? Sucht ihr Gott <hi rend="italic">hier</hi>, weil ihr ihn <pb ed="pga" xml:id="p402"/> sonst nicht suchen
            wollt? in der <hi rend="italic">Kirche</hi>, weil ihr ihm zu Hause aus dem Wege geht? am
              <hi rend="italic">Sonntag</hi>, weil ihr am Werktag nicht für ihn zu haben seid? Und
            wer wird <hi rend="italic">die Anderen</hi>, die Nichtkirchgänger, einmal fragen, daß
            sie hören und antworten müssen, ob sie nicht darum <hi rend="italic">zu Hause
              bleiben</hi>, darum so schön von der <hi rend="italic">Erbauung in der Natur</hi>
            reden, darum so laut ihr <hi rend="italic">«Tue recht und scheue niemand!»</hi><note xml:id="n07">Vgl. oben <ref target="../volume/39/p200#fn_n02" type="pub">S. 200, Anm.2</ref>.</note> beteuern, weil sie genau wissen, daß es
            sich hier in der Kirche um die große Forderung handelt, der man nicht entgehen kann,
            wenn man sie vernimmt? Ist nicht das Eine und das Andere die Flucht vor Gott, in der wir
            alle begriffen sind?</p>
          <p>An einem Punkt aber muß es <hi rend="italic">uns allen klar werden</hi>, was wir
            eigentlich tun: Wenn es <hi rend="italic">in unserem Herzen</hi>, in unseren Gedanken,
            in unserem Gewissen, in unserer inneren
            Welt nicht steht, wie es soll, dann <hi rend="italic">flüchten wir uns</hi> zur Arbeit,
            dann suchen wir in eifriger Tätigkeit und Geschäftigkeit das Unangenehme, das Bewußtsein
            unseres unerlösten Zustandes <hi rend="italic">zu vergessen</hi>, dann suchen wir in
            äußeren Erfolgen <hi rend="italic">den Ersatz</hi> für unsere innere Niederlage. Wenn es
            uns aber <hi rend="italic">äußerlich nicht gut</hi> geht, wenn wir sehen, daß unser
            Wissen und unsere Kraft einfach <hi rend="italic">nicht genügt</hi>, um zu tun, was
            eigentlich unsere Pflicht wäre, wenn <hi rend="italic">unser Gewissen</hi> uns da
            draußen verurteilt, dann wenden wir uns <hi rend="italic">nach innen</hi>, dann suchen
            wir <hi rend="italic">im Geist</hi>, im Reich der Gedanken und Gefühle Erholung und
            Vergessen, dann suchen wir uns damit <hi rend="italic">zu beruhigen</hi> und zu
            erfreuen, daß es ja eine unsichtbare Welt, eine Welt des Herzens gibt. <hi rend="italic">Ist es etwa nicht so?</hi> Treten wir nicht beständig <hi rend="italic">von einem
              Bein</hi> aufs andere, immer in <hi rend="italic">Verlegenheit</hi>, immer auf dem <hi rend="italic">Rückzug</hi> vor der Wahrheit, immer <hi rend="italic">gerade dort</hi>
            interessiert und lebhaft, wo wir uns vor Gott in Sicherheit wähnen, jetzt im <hi rend="italic">Inneren</hi>, wo uns das Äußere wichtig sein sollte, jetzt im <hi rend="italic">Äußeren</hi>, wo es uns um das Innere ernst werden müßte, <hi rend="italic">nur nie da</hi>, wo wir Gott Red und Antwort stehen sollten?</p>
          <p>O diese merkwürdige <hi rend="italic">Gewandtheit des Menschen!</hi> Immer unterwegs,
            immer auf der Fahrt, nur <hi rend="italic">nie zu Hause.</hi> Jetzt auffahrend gen
            Himmel, jetzt niederfahrend zur Hölle, jetzt gen Osten und jetzt gen Westen, <hi rend="italic">nur nie dort</hi>, wo Gott steht und uns fragt: <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, wo bist du [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.9">Gen. 3,9</ref>]?, <hi rend="italic">nur nie
              dort</hi>, wo sein Geist uns bewegen, sein Angesicht [uns] erleuchten möchte! <hi rend="italic">Was tun</hi> wir? Wir fliehen vor Gott.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><pb ed="pga" xml:id="p403" rend="noPipe"/>
            <hi rend="italic">3.</hi> Aber <hi rend="italic">nicht wahr, wir können ja nicht.</hi>
            Es gelingt uns, und es <hi rend="italic">gelingt uns doch eigentlich nicht.</hi> Fliehen
            können wir, aber <hi rend="italic">entfliehen</hi> nimmermehr. Wir sind gewandt, aber
            Gott ist <hi rend="italic">lebendig.</hi> Wir kehren ihm den Rücken, aber er ist <hi rend="italic">hinter uns</hi> und vor uns. Wir können ihn vergessen, aber wir können
              <hi rend="italic">uns selbst nicht</hi> vergessen, und wir selbst sind Gottes<note xml:id="n08">Vgl. oben <ref target="../volume/39/p206#fn_n01" type="pub">S. 206, Anm.1</ref>.</note>. Wir sind frei, aber wir können <hi rend="italic">nicht von der Freiheit frei</hi> werden, und die Freiheit ist Gottes
            Werk und Gabe. Wir eilen, aber <hi rend="italic">Gott eilt uns voran.</hi> Wir warten,
            aber Gott <hi rend="italic">geht hinter uns</hi>, und je länger wir warten, um so
            sicherer sind wir ihm verfallen. Wir streben einem Ziel und Ende entgegen, aber das <hi rend="italic">Ende ist in Gottes Händen.</hi> Wir kehren zum Anfang zurück, aber eben
              <hi rend="italic">in Gott haben wir</hi> ja immer angefangen.</p>
          <p><hi rend="italic">Gottes Wesen und Tun</hi> ist eben ein Ganzes. Und so ist <hi rend="italic">die Bibel</hi> mit ihrem ganzen Meer von Erkenntnissen ein Ganzes. Und
            so ist <hi rend="italic">das Leben</hi> mit seinen Fragen, Notwendigkeiten und Aufgaben
            ein Ganzes. Und so ist <hi rend="italic">die Wahrheit</hi> ein Ganzes. Und so bilden <hi rend="italic">Vergangenes</hi> und Zukünftiges, 
            <hi rend="italic">Inneres</hi> und Äußeres, <hi rend="italic">Körper</hi> und Seele, <hi rend="italic">Zeit</hi> und Ewigkeit zusammen ein Ganzes. Nun <hi rend="italic">gibt
              es freilich</hi> in diesem Ganzen einzelne Teile und Seiten und Möglichkeiten, wie es
            ja auch ein Rechts und Links gibt, ein Oben und Unten, wie die Erde einen Nordpol und
            einen Südpol hat. Es gibt <hi rend="italic">innerhalb dieses Ganzen</hi> einen Himmel
            und eine Hölle, es gibt die Morgenröte im Osten und das äußerste Meer im Westen, wie es
            in unserem Text heißt. Es gibt also <hi rend="italic">Gutes und Böses</hi>, Licht und
            Finsternis, Revolution und Reaktion, Glaube und Unglaube. Aber <hi rend="italic">in
              Allem, was ist</hi>, ist auch immer das Ganze, und <hi rend="italic">bei Allem, was
              wir denken</hi> und tun, können wir aus diesem Ganzen nicht herausbrechen. |</p>
          <p><hi rend="italic">Wenn wir das merken würden</hi>, so würden wir Gott die Ehre geben
            und nicht in die Gegensätze hineingeraten. Wir hätten <hi rend="italic">weder das Böse
              nötig</hi> noch das Gute. Wir wären <hi rend="italic">weder Fromme</hi> noch
            Atheisten. Wir müßten <hi rend="italic">weder verleugnen</hi> [?] noch beweisen [?]. Wir
            müßten weder unsere kleine <hi rend="italic">Blendlaterne</hi> brauchen noch in der
            Finsternis umherstolpern. Wir müßten <hi rend="italic">nicht immer teilen</hi>, trennen,
            absondern, wir würden <hi rend="italic">uns beugen</hi> vor dem großen Gottesgebot, das
            der wahre Sinn der Bibel und der Sinn des Lebens ist, und dabei würden wir <hi rend="italic">selbst <pb ed="pga" xml:id="p404"/> etwas Ganzes</hi>, unser Denken ein
            ganzes Denken, unser Reden ein ganzes Reden, unser Tun ein ganzes Tun. Wir würden auch
              <hi rend="italic">untereinander nicht so getrennt</hi> sein, du in deinem Loch sitzend
            und ich in dem meinen, sondern wir würden uns erkennen und verstehen, daß wir das
            Gleiche meinen, wir hätten <hi rend="italic">Vergebung</hi> von Gott und Vergebung
            füreinander, wir <hi rend="italic">wären einig</hi>, eine einige Menschheit, ein ganzes
            Wesen, wie Gott ein einiger, ganzer Gott ist. Ach daß wir’s merken würden, daß <hi rend="italic">Gott ein einiger Gott</hi> ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.29">Mk. 12,29</ref>] und was es für eine Gottlosigkeit ist, so in <hi rend="italic">den Einzelheiten zu leben</hi>, wie wir es tun. |</p>
          <p><hi rend="italic">Das merken wir nun freilich eben nicht.</hi> Wir sind ja eben auf der
              <hi rend="italic">Flucht vor Gott</hi>, und darum reißen wir <hi rend="italic">ein
              Stücklein heraus</hi> aus der Bibel oder ein Stücklein aus dem Leben oder ein
            Stücklein aus der Wahrheit, irgend so ein Stücklein, das uns gerade gefällt, weil wir
            denken: da werde ich vor Gott in Sicherheit sein, da wird es nicht ganz ernst werden, da
            kann ich mir die <hi rend="italic">Verlegenheit ersparen</hi>, Gott Rede und Antwort
            stehen zu müssen. Nun bauen wir uns unseren <hi rend="italic">Babelsturm</hi> von
            Gerechtigkeit und graben uns unsere <hi rend="italic">Schlammgrube</hi> von Bosheit und
            Torheit. Nun tun wir heute, als ob der <hi rend="italic">Himmel auf der Erde</hi> wäre,
            und morgen, als ob wir mitten in der <hi rend="italic">Hölle</hi> lebten. Nun müssen die
            Einen rufen: <hi rend="italic">Auf das Innere</hi> kommt Alles an! und die Anderen:
            Nein, es hängt Alles an den wüsten<note xml:id="n09">= schlimmen.</note>
            <hi rend="italic">Verhältnissen.</hi> Nun wird hier der <hi rend="italic">Idealismus</hi> verkündigt und dort der Materialismus. Nun muß es <hi rend="italic">Weltleute</hi> geben und <hi rend="italic">Christen</hi>, als ob die
               Weltleute nicht Christen sein müßten
            und die Christen Weltleute im stärksten Sinn des Wortes. Nun muß die <hi rend="italic">Schule den Religionsunterricht</hi> fein säuberlich an die Kirche abgeben, als ob die
            Kirche und die Schule im Ernst eine verschiedene Aufgabe haben könnten.<note xml:id="n10">Zu den Auseinandersetzungen, die im 19. Jahrhundert in den Schulen im
                <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> zur Ersetzung des kirchlichen
              durch einen konfessionslosen bzw. interkonfessionellen Religionsunterricht führten,
              vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-215">Vortr. u.  kl. Arb. 1909-1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p719#p719">S. 719f.</ref></bibl> Zur
              aktuellen Lage in dieser Sache schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am <date when="1919-11-11">11. November 1919</date> an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>: «Heute war ich an der Synode. Das Boot
              ‹Religionsunterricht› trieb kieloben dem Strande zu: mit fast allen gegen circa 10
              Pfarrerstimmen siegte der Interkonfessionelle. … Die Sache war irgendwie ein
              Gleichnis, denn die Freisinnigen beherrschten schlechterdings die Szene» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw. Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p351#p351">S. 351</ref></bibl>).</note> Nun muß es <hi rend="italic">Parteien geben</hi> und Standpunkte, Meinungen und Abgrenzungen und
            infolgedessen <pb ed="pga" xml:id="p405"/> finstere, hölzerne Gesichter von hüben und
            drüben. Nun muß die Welt <hi rend="italic">die zerfahrene, gegensätzliche Welt</hi>
            werden, die sie heute ist, und <hi rend="italic">wir mitten drin die zerrissenen</hi>,
            von tausend Unterschieden bewegten Menschen, die wir sind. Wir merken’s nicht, daß es
              <hi rend="italic">das nicht gibt</hi>, solche Bibelstücklein, Lebensstücklein,
            Wahrheitsstücklein, wir merken <hi rend="italic">das Ganze nicht</hi>, das bei den
            Einzelnen ist und das den Einzelnen den Sinn gibt. Wir merken es nicht, <hi rend="italic">weil wir vor Gott auf der Flucht</hi> sind. <hi rend="italic">Die
              Sünde</hi> kam in die Welt und durch die Sünde der Tod [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.12">Röm. 5,12</ref>]. |</p>
          <p>Aber <hi rend="italic">ob wir’s merken oder nicht merken</hi>, <hi rend="italic">Gott
              ist doch</hi> ein einiger Gott. Schließ du nur die <hi rend="italic">Augen zu vor
              ihm</hi>, es ist dafür gesorgt, daß du seiner auch bei geschlossenen Augen gewahr
            werden mußt. <hi rend="italic">Widersprich ihm</hi> nur, es ist dafür gesorgt, daß du
            ihm um so stärker recht geben mußt, je heftiger du ihm widersprichst. <hi rend="italic">Wähle du nur so</hi> ein Wahrheitsstücklein nach deinem Gefallen, es ist dafür
            gesorgt, daß durch das eine gewählte Stücklein die ganze Wahrheit bei dir eindringt,
            dich überfällt und beunruhigt auf Leben oder Tod. Wir <hi rend="italic">leben nicht in
              einer zufälligen Welt</hi> und nicht in unserer eigenen Welt, sondern in der Welt, in
            der Gott durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten seinen Schöpferwillen
            kundgetan hat, in der Welt, in der Gott bereits Sieger ist. Warum <hi rend="italic">kommen wir alle nicht zur Ruhe</hi>, ob wir nun da oder dort hinauslaufen? Warum <hi rend="italic">muß sich alles Böse rächen</hi> [?] in denen, die es tun, und warum
            lohnt sich das Gute nicht in denen, die wissen, daß sie gut sind? Warum gibt es <hi rend="italic">keinen wirklichen Unglauben</hi>, aber auch keinen siegreichen Glauben
            unter uns? Warum <hi rend="italic">kommt die Menschheit nicht zur Ruhe</hi> in ihren
            Bewegungen und Bestrebungen, nachdem doch eigentlich Alles, auch das, was heute
            geschieht, längst dagewesen ist, nachdem Alles schon versucht worden ist im Guten und im
            Bösen, mit den Mächten des Lichts und der Finsternis? Warum muß es <hi rend="italic">immer aufs neue versucht werden</hi>, jetzt so und jetzt so? Warum ruft immer wieder
              <hi rend="italic">ein Gegensatz den anderen?</hi> Warum müssen wir immer wieder
            wechseln, jetzt hier ansetzen und jetzt dort, jetzt der inneren Stimme lauschen, die in
            uns redet, jetzt zu äußerem Tun uns rufen lassen, das von uns verlangt ist? Warum sind
              <hi rend="italic">alle Fragen</hi>, alle Rätsel, alle Aufgaben, denen wir uns
            entziehen möchten, in immer neuer Form immer wieder da? Warum können wir nicht ein für
            allemal uns zur Ruhe setzen bei dem,
            was uns gefällt, und ein <pb ed="pga" xml:id="p406"/> für allemal fertig sein mit dem,
            was uns nicht gefällt? Warum müssen wir immer wieder <hi rend="italic">auch an das [?]
              Andere denken</hi>, uns darüber ärgern, ihm widersprechen und widerstreben? Es ist nur
            zu [?] offenkundig, wir können <hi rend="italic">aus dem Ganzen nicht
            herausbrechen</hi>, wenn wir lange wollten. <hi rend="italic">Auch das Einzelne</hi>
            redet eben immer vom Ganzen, strebt dem Ganzen zu, und wir müssen mit, ob wir wollen
            oder nicht. Wir müssen mit, weil <hi rend="italic">auch in uns etwas zum Ganzen
              strebt.</hi> Wir müssen mit, weil wir <hi rend="italic">Gottes sind.</hi> Gott aber
            ist ein einiger Gott, und es sind keine Götter neben ihm. Wo soll ich hin gehen [vor
            deinem Geist, und wo soll ich hin fliehen vor deinem Angesicht?] <hi rend="italic">Flieh
              nur</hi> vor Gott; indem du fliehst, erfährst du’s, daß du nicht entfliehen kannst,
            denn Gott geht mit dir; du würdest nicht fliehen, wenn Gott nicht mit dir wäre. <hi rend="italic">Verbirg dich nur</hi> in der Finsternis irgend einer Gottlosigkeit;
            indem du dich verbirgst, trägst du das Licht hinein in die Finsternis, denn Gott geht
            mit dir; du würdest dich nicht verbergen wollen, wenn Gott nicht so gewaltig mit dir
            ginge!</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Man meint gewöhnlich, diese Psalmworte von
            der Allgegenwart Gottes <hi rend="italic">mit Furcht und Zittern</hi> lesen zu müssen.
            Und es ist wahr: Es liegt <hi rend="italic">ein schweres Gericht</hi> darin, daß wir so
            vor Gott fliehen möchten und doch nicht können. Du <hi rend="italic">sündigst</hi> und
              <hi rend="italic">strafst</hi> dich selbst, du ziehst das falsche Los und mußt ernten,
            was du gesät hast [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>], und
            bei dem allem <hi rend="italic">erreichst du deinen Zweck doch nicht:</hi> Gott geht
            doch mit dir, sein Geist bewegt dich doch, sein Angesicht leuchtet dir trotzdem, du mußt
            ihm immer noch und überall, wie du’s auch versuchen mußt, Rede und Antwort stehen. Ja,
            das ist furchtbar. Aber wir können dabei nicht stehen bleiben. Es ist <hi rend="italic">Gottes mächtige Gnade</hi>, in der wir stehen, und die lebendige Hoffnung, die er uns
            gibt, daß wir unseren Zweck nicht erreichen. <hi rend="italic">Das</hi> wäre furchtbar,
            wenn wir Gott entfliehen könnten, wenn es uns <hi rend="italic">möglich</hi> wäre, zu
            verharren in unseren Gegensätzen und Löchern, in die wir uns verlieren, wenn wir uns <hi rend="italic">beruhigen</hi> könnten in unserer Gottlosigkeit, wenn die Unruhe in der
            Weltgeschichte plötzlich <hi rend="italic">aufhören</hi> würde. Daß das alles <hi rend="italic">nicht</hi> möglich ist, das ist uns das Zeugnis von Gottes <hi rend="italic">großer Güte gegen uns.</hi> Er läßt uns <hi rend="italic">nicht
              fallen.</hi> Er hat <hi rend="italic">Gedanken des Friedens</hi> über uns und nicht
            des Leides [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.29.11">Jer. 29,11</ref>]. Wir erkennen
            darin das <hi rend="italic">Regiment des Heilands</hi> unter den Sündern, die große <hi rend="italic">Vergebung</hi>, von der die Welt getragen <pb ed="pga" xml:id="p407"/>
            ist, das Geheimnis einer <hi rend="italic">göttlichen Zukunft</hi>, deren Licht hell auf
            unsere Gegenwart fällt. Möchten wir <hi rend="italic">dankbar sein</hi> für das, was wir
            erkennen können. <hi rend="italic">Gott ist größer</hi> als unser Herz
             [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.20">1.Joh. 3,20</ref>]. Aber unser Herz ist <hi rend="italic">unruhig in
                uns</hi>, bis daß es ruht in ihm.<note xml:id="n11">Vgl. oben <ref target="../volume/39/p208#fn_n02" type="pub">S. 208, Anm.2</ref>.</note>
            Ihm, dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist sei Preis und Anbetung von Ewigkeit
            zu Ewigkeit!</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-107" type="song"> Nr. 247 «Allgenugsam Wesen» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName>,
              Strophen 1-3 (RG [1998] 661,1-3; EKG 270,1-3; jeweils mit Textabweichungen)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-112" type="song">Nr. 23 «O Höchster, deine Gütigkeit» Psalm 36,
              Zürich 1886 nach älteren Übertragungen, Strophen 1. 2 (RG [1998] 27,1.2)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
