Matthäus 18,21-35 (II)
1. «Die Schuld erließ er ihm.» Das ist die königliche Tat Gottes. Diese Tat verstehen heißt Gott verstehen, die Welt verstehen, sich selbst verstehen. Was ist denn diese Tat Anderes, als daß Gott uns versteht, trotz der Finsternis, mit der wir uns umgeben, trotz der fremden Gesichter, die wir ihm machen, trotz der großen Ferne von ihm, in der wir uns befinden. Gott versteht uns. Er sieht durch Alles hindurch in den tiefsten Grund unserer Seele, er sieht, wie wir’s meinen, er sieht, daß der ganze Widerspruch gegen ihn, in dem wir uns befinden, eine Not ist, unter der wir leiden. Das ist das Wort, das Gott uns in Christus gesagt hat: Ich verstehe euch! Und indem Gott uns versteht, verstehen wir auch ihn und durch ihn die Welt und uns selbst.
«Die Schuld erließ er ihm.» Wenn wir uns das sagen lassen, dann fangen wir an, Gott lieb zu haben. Denn wenn wir uns sagen lassen, daß es ein Werk Gottes ist, ein Wunder, eine Revolution, größer als Alles, was wir sonst so nennen, wenn der eiserne Ring des Bösen, in dem wir schmachten, gesprengt wird, anerkennen wir, daß wir gegen Gott allezeit Unrecht haben. Wir von uns aus hätten den Ring nicht gesprengt, weder durch unsere Macht noch durch unseren guten Willen. Macht von oben, guter Wille von oben tut es. Solange wir immer noch denken, es ginge auch anders, solange wir mit dem Schuldner im Gleichnis rufen: ich will das alles bezahlen!, haben wir Gott noch nicht lieb, könnten es sehr gut ohne ihn machen. Es ist die schwierigste Gefangenschaft, die man sich denken kann: ein Mensch, der so auf irgend eine Höhe von Tugend oder Frömmigkeit oder Fortschrittsglauben setzt und Gott nicht lieb und nicht nötig hat. Aus dieser Gefangenschaft werden wir gründlich erlöst, wenn wir es uns sagen lassen, daß Gott allein Macht hat gegen das Böse; Gott aber hat sie und braucht sie!
«Die Schuld erließ er ihm.» Seht, damit kommen wir auf festen Boden mit Gott. Wenn wir darauf angewiesen wären, durch Bekehrungen, die wir durchmachen, und Fortschritte, die wir erzielen, allmählich aus dem Bösen in das Gute hinüberzukommen, allmählich unser Leben aus einem bösen in ein gutes umzuwandeln, allmählich in |391 der Welt den Sieg des Guten über das Böse zu erreichen, wir kämen aus der Unsicherheit nie heraus. Wir würden arg hin und her schwanken zwischen schwärmerischer Hoffnung und tiefer Verzweiflung, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt1. Nun aber bedeutet das Erlassen der Schuld, daß das Neue, das von Gott kommt, gar nicht die Fortsetzung des Alten ist, sondern etwas ganz Neues. Unsere Schuld wird nicht gestundet, sondern durchgestrichen. Unser Leben wird nicht verbessert, sondern es gibt einen neuen Lebensanfang. Und die Welt wird nicht verbessert, sondern umgekehrt. Die Gotteswelt bricht an.
Das ist die Vergebung. Der Sinn des Neuen Testaments und der Sinn unseres Daseins. Wir sind von Gott verstanden und können selber verstehen. Gott hat Macht gegen das Böse, und wir können ihn lieb haben. Es gibt eine neue Schöpfung des Menschen und der Welt, und darum können wir hoffen. Das ist Christus. Das ist sein Dienst und Werk, daß er den Sinn Gottes klar und unzweideutig hervorgestellt hat auf der Erde. Der Sinn Gottes heißt Vergebung. Nicht als Lehre und nicht durch sein Beispiel hat er die Vergebung hervorgestellt, sondern als Ereignis kam sie daher in ihm, als Leben, als Wahrheit, als Wirklichkeit kam sie in ihm zu Allen, die offen sind für die Wirklichkeit: Gott versteht euch! Gott siegt über das Böse! Gott macht Alles neu! Jesu Tugend und Jesu Frömmigkeit könnten uns das nicht sagen. Auch die höchste Tugend und die größte Frömmigkeit sind im Ring des Bösen, gehören zur alten Welt, sind von unten, nicht von oben. Zur Verkündigung der Vergebung braucht’s Gotteswirklichkeit, Auferstehung, wie sie die Jünger am Ostermorgen erlebt haben, Licht vom Himmel, wie es
2. Und auf diesen Boden der Freiheit müssen wir uns nun miteinander stellen.
Miteinander! Also nicht einsam, sondern gemeinsam. Wir können die Vergebung nicht nur auf uns selbst beziehen.
Dazu ist sie etwas viel zu Großes, Umfassendes. 2-Was uns selbst betrifft, also den einzelnen Menschen, so sind wir dazu da, zu hören, zu verstehen, uns sagen zu lassen, was Gott uns sagen will. Meine und deine Seele, sie sollen Orte werden, wo Gottes Wort und Tat und Verheißung in Christus einen fruchtbaren Boden findet. Die göttliche Vergebung geht nicht in die leere Luft hinaus, sondern sie will in solche Seelen hineingehen,
die sie auf- und annehmen und in denen sie lebendig werden kann. Da in mir und in dir soll das Feuer angezündet werden, von dem Jesus gesagt hat, er wollte, es brennete schon [
Auf den Boden der Freiheit müssen wir mit ihnen gehen. Darin liegt sehr Vieles. Vergebung ist das Freieste, was es überhaupt gibt. Zunächst einmal darin, daß sie ganz aus unserer eigenen Freiheit heraus kommt. Niemand kann uns zwingen dazu. Auch wir selbst können uns nicht dazu zwingen. Wir können uns allenfalls dazu zwingen, freundliche Gesichter zu machen und versöhnliche Worte zu brauchen. Aber das ist nichts. Das ist nicht Vergebung. Vergeben können wir nur ganz aus uns selbst heraus, dadurch daß in uns selbst etwas ganz Neues geschieht, eine Fessel springt, die uns immer gehalten hat. Wie ja eben die Vergebung überhaupt etwas ganz Neues ist, die Erschaffung einer neuen Welt sozusagen, ein göttliches Wunder. Dieses Wunder geschieht in uns, wenn wir vergeben können. Du versuchst es, einen Menschen zu verstehen, lieb zu haben, an ihn zu glauben, und bist dir selbst ein Rätsel, daß du es kannst. Aber du kannst es, du selbst und niemand anders, du bist frei und vergibst. |
394 Die Vergebung ist auch darin eine Freiheit, daß sie uns selbst frei macht, nämlich frei von dem Bösen, das dem Menschen dir gegenüber anhaftet. Solange wir nicht vergeben können, sind wir durch das Böse, das der Andere an sich hat, wie gebunden. Wir müssen immer daran denken. Wir müssen ihm laut oder still immer antworten. Man muß sich nach dem Gegner richten!, sagt man im Krieg und in der Politik. Das ist ein sehr gefährlicher Grundsatz. Man lebt dabei eigentlich vom Bösen des Anderen. Es wird zu einem Bestandteil des eigenen Lebens. Man wäre ganz leer und verwirrt, wenn das Böse an dem Menschen da drüben plötzlich nicht mehr da wäre, nachdem man sich so lange darüber aufgehalten und daran gewöhnt hat. Es ginge uns wie einem, der lange an einer Tür gedrückt hat, und nun geht sie plötzlich von innen auf, und er stößt ins Leere und fällt auf die Nase. Das ist ein krankhafter, finsterer, unfreier Zustand. Wenn wir vergeben, so heißt das, daß wir unabhängig werden von dem Bösen, das dem da drüben anhaftet. Wir wollen es gar nicht mehr damit zu tun haben, sondern mit ihm selbst. Wir können ja sein Böses immer noch hassen und verabscheuen, aber das ist sozusagen selbstverständlich, nicht mehr so überaus wichtig. Wir können es in aller Ruhe und Überlegenheit tun. 3-Es geht uns auch da im kleinen wie Gott selbst. Auch Gott selbst ist ja ohne die Vergebung gleichsam gebunden durch das Böse, das in der Welt geschieht. Das sehen wir im ganzen Alten Testament. Gott muß sich da immer richten nach der Unvollkommenheit der Menschen, sein wahres Wesen ist verborgen hinter den Wolken der Sünde, hinter den Bluttaten der Richter und der Könige, hinter dem Zorn des
Die dritte Freiheit der Vergebung gilt dem Gegner. Einander vergeben heißt einander frei machen. Das besteht vor allem darin, daß man frei von einander denkt. Daß man aufhört, miteinander zu rechnen und zu rechten, die Einzelheiten des Bösen aneinander zu betrachten |395 und dann zu erwägen, ob es noch langt zum Verstehen und Liebhaben. Wie oft muß ich meinem Bruder vergeben? Ist’s genug siebenmal? Und dann, wenn’s nicht mehr langt, ihn verurteilen und strafen, d. h. dem Bösen das Böse entgegensetzen. Das heißt einander gefangen nehmen. Wir alle schmachten in solchen Gefangenschaften. Man rechnet immer mit uns, nicht wahr? Man sucht mit scharfem Blick unsere Fehler, man redet darüber, man läßt es uns mit einer gewissen Lust merken, daß wir mehr als siebenmal gesündigt haben, man ist fertig mit uns. Und das tut uns weh. Das bessert und hilft uns nicht. Das macht uns zwar verlegen, aber auch trotzig. Jetzt beharren wir erst recht. Aber so machen wir es auch Anderen. 99% vom Bösen, das die Bösen tun, kommt davon her, daß die Guten so gewaltig mit ihnen rechnen und richten, statt ihnen zu vergeben. Vergeben heißt aufs Ganze gehen, nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal, überhaupt nicht mehr zählen, überhaupt nicht mehr die Einzelheiten so festnageln. Das Ganze ist der Mensch, der lebendige Mensch da drüben, vielleicht in einer sehr armen [?] Haut, aber eben darin ein lebendiger Mensch, der in großer Not ist und irgendwie noch eine Hoffnung hat. Als solcher will er verstanden sein, lieb gehabt sein, getragen sein. Er wartet darauf, daß wir anerkennen, wie er es meint, nicht wie es herauskommt. Wenn das, was er meint, einmal anerkannt wäre, würde leicht und bald auch etwas anderes herauskommen. Es mag uns dieses Anerkennen schwer fallen, aber doch wohl nicht schwerer, als es Gott fallen muß, zu anerkennen, wie wir es meinen. Jünger Jesu verbreiten nicht Gerichtsluft um sich her, sondern Freiheitsluft, nicht Winterluft, in der die Bösen erst recht gefrieren, sondern Frühlingsluft, in der sie auftauen. |
Die vierte Freiheit in der Vergebung ist eine Freiheit zwischen uns und dem Gegner. Es handelt sich zunächst gar nicht darum, daß man einander entgegenkommt, sich einander anpaßt und auf diese Weise miteinander auszukommen sucht. Man kann dem Anderen vergeben und dabei ganz fest auf seinem Standpunkt und bei seiner Meinung verharren. Das Vergeben soll wahrhaftig nicht darin bestehen, daß wir weich und lappig4 werden in dem, was wir für recht erkannt haben. Die Vergebung macht uns in uns selbst fest und nicht lappig. Man muß |396 eben auch immer damit rechnen, daß der Andere, dadurch daß wir ihm vergeben, zunächst keineswegs anders wird. Auch er steht fest auf seiner törichten und verkehrten Sache. Wir haben eben alle gar harte Köpfe, z. T. soll es so sein, z. T. wäre es besser, wenn sie nicht so hart wären. Da stehen wir uns dann scheinbar nach wie vor nutzlos und unfruchtbar gegenüber, ohne daß sich hüben und drüben etwas verändern kann. Wir sollen uns auch dazu die Freiheit lassen.
5-Zwischen Gott und uns steht es ja ebenso. Man weist ja immer wieder mit einem gewissen Recht darauf hin, daß in den 1900 Jahren seit Christus eigentlich nicht eben viel anders geworden sei in der Welt. Die Menschheit hat eben auch harte Köpfe. Gott läßt ihr die Freiheit dazu und vergibt trotzdem. Das Werk Gottes geht ja trotzdem weiter; es ist ein ewiges Haus, das da gebaut wird, und Gott hat Zeit, unterdessen auf uns zu warten. Umsonst ist gar nichts von dem, was er sagt und tut in Christus.-5
An dieses Trotzdem müssen wir auch untereinander glauben. Die Hauptsache ist wirklich nicht die, daß der Eine oder Andere von seinem Platze weicht6. Oft darf das geradezu gar nicht sein. Die Hauptsache ist, daß Gnade über die Menschen kommt, auch wenn sie gegeneinander stehen und stehen bleiben. Es gibt eine Gemeinschaft im Gegensatz, die für das Reich Gottes wertvoller ist als die Gemeinschaft eines raschen Friedensschlusses. Die Gemeinschaft besteht dann in der gemeinsamen Quelle, aus der man hüben und drüben trinkt. Es wäre an vielen Orten [?] gut, wenn man sich das eingestehen würde, daß ja gar nicht durchaus das, was man Frieden nennt, sein muß. Die Vergebung kann es auch ohne Frieden machen, weil sie Gotteswerk, nicht Menschenwerk ist.
Wir müssen aber diesen Boden der Freiheit betreten. Das ist das Letzte, was wir uns sagen wollen. Es darf uns nicht gehen wie dem Schalksknecht, der darum ein Schalksknecht war, weil er seinem König und sich selbst untreu wurde und mit seinem Mitknecht anders umging, als der König mit ihm umgegangen war. Das ist eine ganz absurde, unmögliche Geschichte, die uns nicht passieren darf. Da hört eben das Himmelreich auf, wenn wir die Vergebung haben und ver|397leugnen. Das war ein aufgehobener Finger gegen
- Nr. 174 «Gott ist gegenwärtig» von
G. Tersteegen , Strophen 1.2.4 (RG [1998] 162,1-3; EG 165,1.2.4; jeweils mit geringen Textabweichungen) - Nr. 142 «Jesus Christus herrscht als König» von
Ph. Fr. Hiller , Strophen 1.2.4 (RG [1998] 492,1.3b.4b.6; EG 123,1.3b.4b.7; jeweils mit Textabweichungen)