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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Matthäus 18,21-35 (II)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 18,21-35 (II), 16. November 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39048 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Matthäus 18,21-35 (II)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Predigt: Mt 18,21-35 (II), 16. November 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1932">KBA 1475</ref>. </bibl>
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          <head><idno>493</idno></head>
          <dateline> <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag, den
            <date when="1919-11-16">16. November 1919</date>
            </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.21 Mt.18.35">Matthäus 18,21-35</ref>
              <span><idno>II</idno></span>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <div type="main">
            <p><hi rend="italic">1.</hi>  «Die Schuld erließ er ihm.» Das ist die königliche Tat Gottes. Diese Tat verstehen <hi rend="italic">heißt Gott verstehen</hi>, die Welt verstehen, sich selbst verstehen. Was ist denn diese Tat Anderes, als daß Gott <hi rend="italic">uns</hi> versteht, trotz der <hi rend="italic">Finsternis</hi>, mit der wir uns umgeben, trotz der <hi rend="italic">fremden Gesichter</hi>, die wir ihm machen, trotz der großen <hi rend="italic">Ferne von ihm</hi>, in der wir uns befinden. Gott versteht uns. Er sieht durch Alles hindurch in den tiefsten <hi rend="italic">Grund</hi> unserer Seele, er sieht, wie wir’s <hi rend="italic">meinen</hi>, er sieht, daß der ganze Widerspruch gegen ihn, in dem wir uns befinden, <hi rend="italic">eine Not</hi> ist, unter der wir leiden. Das ist <hi rend="italic">das Wort</hi>, das Gott uns in Christus gesagt hat: Ich verstehe euch! Und indem Gott uns versteht, <hi rend="italic">verstehen wir auch ihn</hi> und durch ihn die Welt und uns selbst.</p>
            <p>«Die Schuld erließ er ihm.» Wenn wir uns das sagen lassen, dann fangen wir an, <hi rend="italic">Gott lieb zu haben.</hi> Denn wenn wir uns sagen lassen, daß es ein <hi rend="italic">Werk Gottes</hi> ist, ein Wunder, eine Revolution, größer als Alles, was wir sonst so nennen, wenn der eiserne Ring des Bösen, in dem wir schmachten, gesprengt wird, anerkennen wir, daß wir gegen Gott allezeit Unrecht haben. <hi rend="italic">Wir von uns aus</hi> hätten den Ring nicht gesprengt, weder durch unsere Macht noch durch unseren guten Willen. <hi rend="italic">Macht von oben</hi>, guter Wille von oben tut es. Solange wir immer noch denken, es ginge auch <hi rend="italic">anders</hi>, solange wir mit dem Schuldner im Gleichnis rufen: ich will das alles bezahlen!, haben wir Gott noch nicht lieb, könnten es sehr gut ohne ihn machen. Es ist die <hi rend="italic">schwierigste Gefangenschaft</hi>, die man sich denken kann: ein Mensch, der so auf irgend eine Höhe von Tugend oder Frömmigkeit oder Fortschrittsglauben setzt und Gott nicht lieb und nicht nötig hat. Aus dieser Gefangenschaft werden wir <hi rend="italic">gründlich erlöst</hi>, wenn wir es uns sagen lassen, daß Gott allein Macht hat gegen das Böse; Gott aber hat sie und braucht sie!</p>
            <p>«Die Schuld erließ er ihm.» Seht, damit <hi rend="italic">kommen wir auf festen Boden</hi> mit Gott. Wenn wir darauf angewiesen wären, durch Bekehrungen, die wir durchmachen, und Fortschritte, die wir erzielen, allmählich aus dem Bösen in das Gute <hi rend="italic">hinüberzukommen</hi>, allmählich unser Leben aus einem bösen in ein gutes <hi rend="italic">umzuwandeln</hi>, allmählich in <pb ed="pga" xml:id="p391"/> der Welt den Sieg des Guten über das Böse zu <hi rend="italic">erreichen</hi>, wir kämen aus der Unsicherheit nie heraus. Wir würden arg <hi rend="italic">hin und her schwanken</hi> zwischen schwärmerischer Hoffnung und tiefer Verzweiflung, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt<note xml:id="n01">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1552"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Egmont</hi>, 3. Aufzug, «Klärchens Lied» (Schlußzeilen)</bibl>: 
              <q rend="block">
                <lg>
                  <l>Himmelhoch jauchzend,</l> 
                  <l>Zum Tode betrübt -</l> 
                  <l>Glücklich allein</l> 
                  <l>Ist die Seele, die liebt.</l></lg></q></note>. 
         Nun aber bedeutet das Erlassen der Schuld, daß <hi rend="italic">das Neue</hi>, das von Gott kommt, gar nicht die Fortsetzung des Alten ist, sondern <hi rend="italic">etwas ganz Neues.</hi> Unsere Schuld wird nicht gestundet, sondern durchgestrichen. Unser Leben wird nicht verbessert, sondern es gibt einen <hi rend="italic">neuen Lebensanfang.</hi> Und die Welt wird nicht verbessert, sondern <hi rend="italic">umgekehrt.</hi> Die Gotteswelt bricht an.</p>
        <p><hi rend="italic">Das ist die Vergebung.</hi> Der Sinn des Neuen Testaments und der Sinn unseres Daseins. Wir sind von Gott <hi rend="italic">verstanden</hi> und können selber verstehen. Gott hat <hi rend="italic">Macht gegen das Böse</hi>, und wir können ihn lieb haben. Es gibt eine <hi rend="italic">neue Schöpfung</hi> des Menschen und der Welt, und darum können wir hoffen. <hi rend="italic">Das ist Christus.</hi> Das ist sein Dienst und Werk, daß er den Sinn Gottes klar und unzweideutig hervorgestellt hat auf der Erde. Der Sinn Gottes heißt Vergebung. <hi rend="italic">Nicht als Lehre</hi> und nicht durch sein Beispiel hat er die Vergebung hervorgestellt, sondern <hi rend="italic">als Ereignis</hi> kam sie daher in ihm, als Leben, als Wahrheit, als Wirklichkeit kam sie in ihm zu Allen, die offen sind für die Wirklichkeit: Gott <hi rend="italic">versteht</hi> euch! Gott <hi rend="italic">siegt</hi> über das Böse! Gott <hi rend="italic">macht</hi> Alles neu! <hi rend="italic">Jesu Tugend und Jesu Frömmigkeit</hi> könnten uns das nicht sagen. Auch die höchste Tugend und die größte Frömmigkeit sind im Ring des Bösen, gehören zur alten Welt, sind von unten, nicht von oben. Zur Verkündigung der Vergebung braucht’s <hi rend="italic">Gotteswirklichkeit</hi>, Auferstehung, wie sie die Jünger am Ostermorgen erlebt haben, Licht vom Himmel, wie es <persName ref="kbga-actors-313">Saulus</persName> vor <placeName ref="kbga-places-946">Damaskus</placeName> gesehen hat [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.3">Act. 9,3</ref>]. Hören müssen wir und sehen. Jesus Christus <hi rend="italic">zerreißt der Wahrheit von Gott den Schleier</hi>, in den sie gehüllt war. Es zeigt sich, wie sie ist. Das ist eine <hi rend="italic">unerhörte Wendung.</hi> Das ist bis auf den heutigen Tag eine Umkehrung aller üblichen Lebensansichten und <pb ed="pga" xml:id="p392"/> Weltanschauungen, ein Strich durch alle Künste der Moral und der Erziehung. Wir können uns nicht genug vorhalten, daß bei dem, was das Neue Testament uns zu sagen hat, <hi rend="italic">Grund gelegt wird</hi>, nicht weitergebaut wird auf alten Gründen, sondern neuer Grund gelegt. So ihr nicht <hi rend="italic">von Neuem geboren werdet</hi>, könnt ihr nicht in das Reich Gottes kommen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.3">Joh. 3,3</ref>]! Die <hi rend="italic">verborgene Gotteswahrheit</hi> aber, die da zum Vorschein kommt und unser Grundstein, unsere neue Geburt werden soll, heißt eben Vergebung. «Die Schuld erließ er ihm.»</p> <!-- leerzeile -->
        <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Und auf diesen Boden der Freiheit müssen wir uns nun miteinander stellen.</p>
        <p><hi rend="italic">Miteinander!</hi> Also <hi rend="italic">nicht einsam</hi>, sondern gemeinsam. Wir können die Vergebung <hi rend="italic">nicht nur</hi> auf uns selbst beziehen. 
        Dazu ist sie etwas viel zu Großes, Umfassendes. <anchor type="note" xml:id="fn-2"/><hi rend="italic">Was uns selbst betrifft</hi>, also den einzelnen Menschen, so sind wir dazu da, <hi rend="italic">zu hören</hi>, zu verstehen, uns sagen zu lassen, was Gott uns sagen will. Meine und deine Seele, sie sollen <hi rend="italic">Orte werden</hi>, wo Gottes Wort und Tat und Verheißung in Christus einen fruchtbaren Boden findet. Die göttliche Vergebung geht nicht in die leere Luft hinaus, sondern sie will in solche <hi rend="italic">Seelen hinein</hi>gehen, 
        die sie auf- und annehmen und in denen sie lebendig werden kann. Da in mir und in dir soll das <hi rend="italic">Feuer angezündet</hi> werden, von dem Jesus gesagt hat, er wollte, es brennete schon [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.12.49">Lk. 12,49</ref>]. Darum hat Gott eine solche besondere, liebevolle <hi rend="italic">Aufmerksamkeit</hi> für jede einzelne Menschenseele als solche, und darum ist es eine so entscheidend wichtige Frage, daß wir unsere Seele <hi rend="italic">erretten</hi>, und darum müssen wir in aller Stille jedes für sich immer wieder <hi rend="italic">daran arbeiten</hi>, den Glauben zu lernen.<note xml:id="n2" target="fn-2" n="2">
        Der Passus ist von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in eckige Klammern gesetzt.</note> 
        Aber gerade wenn wir es lernen zu glauben, lernen wir es auch: <hi rend="italic">miteinander! </hi>Wer in der Vergebung steht, weiß, daß er <hi rend="italic">nicht allein steht</hi>, nicht für sich steht. Mit der Vergebung kann man <hi rend="italic">nicht in eine Ecke</hi> laufen, um sich dort daran zu erfreuen. Man kann sich auch nicht damit <hi rend="italic">vor einen Spiegel</hi> setzen und denken: wie wohl steht es mir doch an, sie zu haben. Man kann auch <hi rend="italic">nicht ein lautes Rufen</hi> damit machen an Andere: Ich, ich habe Vergebung! Vergebung ist ja eine <hi rend="sans-serif">neue Weltordnung.</hi> Vergebung drängt und treibt darum sofort aus der einzelnen Seele <hi rend="italic">nach außen</hi>, überall, überall müßte Vergebung sein. Vergebung <pb ed="pga" xml:id="p393"/> ist eine <hi rend="italic">lebendige, tätige Kraft</hi>, die, wie sie zu uns gekommen ist, auch wieder von uns ausgehen möchte. Vergebung ist eine <hi rend="italic">neue Gemeinschaft</hi> unter uns Menschen, z. B. zwischen ungleichartigen Geschwistern, zwischen Vätern und Söhnen, zwischen Müttern und Töchtern, zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, zwischen Erziehern und Kindern, zwischen zwei Nachbarn, zwischen politischen Gegnern, kurz <hi rend="italic">immer gerade zwischen</hi> solchen Menschen, [die] sich irgendwie fern und gegenüberstehen, die sich nicht recht verstehen, nicht recht lieb haben, keinen gemeinsamen Boden finden. Daß <hi rend="italic">da andere Menschen</hi> Gemeinschaft haben miteinander, dazu braucht es keine Vergebung. Es ist ja auch nichts so Neues und Wichtiges. Die Vergebung ist für <hi rend="italic">das Neue und Wichtige</hi>, daß die Menschen, die sich fern stehen, in Gemeinschaft miteinander kommen. <hi rend="italic">Das ist’s</hi>, was zur Ehre Gottes geschehen muß. Denn zwischen solchen Menschen steht offenbar immer ein Stück von der <hi rend="italic">Finsternis</hi> des Bösen, die Gott überwinden will durch die Vergebung. Also müssen wir uns dazu hergeben, die Vergebung, die wir selbst haben, <hi rend="italic">gerade auf solche</hi> uns gegenüberstehende Menschen anzuwenden. Wir haben diese Menschen <hi rend="italic">nötig und sie uns</hi>, die Vergebung muß ihren <hi rend="italic">Lauf nehmen</hi> können. Also müssen wir, wenn wir neutestamentliche Leute, Jünger Jesu sein wollen, <hi rend="italic">sehr offen und weit und bereit</hi> sein für solche gegenüberstehende Menschen. Es wird ja wohl keinem von uns an solchen fehlen.</p>
            <p><hi rend="italic">Auf den Boden der Freiheit</hi> müssen wir mit ihnen gehen. Darin liegt sehr Vieles. Vergebung ist das Freieste, was es überhaupt gibt. Zunächst einmal darin, <hi rend="italic">daß sie ganz aus unserer eigenen Freiheit heraus kommt.</hi> Niemand kann uns <hi rend="italic">zwingen</hi> dazu. Auch wir selbst können uns nicht dazu zwingen. Wir können uns allenfalls dazu zwingen, freundliche Gesichter zu machen und versöhnliche Worte zu brauchen. Aber das ist nichts. Das ist nicht Vergebung. Vergeben können wir nur ganz <hi rend="italic">aus uns selbst heraus</hi>, dadurch daß in uns selbst etwas ganz <hi rend="italic">Neues</hi> geschieht, eine <hi rend="italic">Fessel springt</hi>, die uns immer gehalten hat. Wie ja eben die Vergebung überhaupt etwas ganz Neues ist, die Erschaffung einer neuen Welt sozusagen, ein göttliches Wunder. Dieses Wunder geschieht in uns, wenn wir vergeben können. Du <hi rend="italic">versuchst es</hi>, einen Menschen zu verstehen, lieb zu haben, an ihn zu glauben, und bist dir selbst ein <hi rend="italic">Rätsel</hi>, daß du es kannst. Aber du kannst es, du selbst und niemand anders, du bist frei und vergibst. |</p> 
            <p><pb ed="pga" xml:id="p394" rend="noPipe"/> Die Vergebung ist auch darin eine Freiheit, <hi rend="italic">daß sie uns selbst frei macht,</hi> nämlich frei <hi rend="italic">von dem Bösen</hi>, das dem Menschen dir gegenüber anhaftet. Solange wir nicht vergeben können, sind wir durch das Böse, das der Andere an sich hat, wie <hi rend="italic">gebunden.</hi> Wir müssen immer daran <hi rend="italic">denken.</hi> Wir müssen ihm laut oder still immer <hi rend="italic">antworten.</hi> Man muß sich nach dem Gegner <hi rend="italic">richten!</hi>, sagt man im Krieg und in der Politik. Das ist ein sehr gefährlicher Grundsatz. Man <hi rend="italic">lebt dabei</hi> eigentlich vom Bösen des Anderen. Es wird zu einem <hi rend="italic">Bestandteil</hi> des eigenen Lebens. Man wäre <hi rend="italic">ganz leer</hi> und verwirrt, wenn das Böse an dem Menschen da drüben plötzlich nicht mehr da wäre, nachdem man sich so lange darüber aufgehalten und daran gewöhnt hat. Es ginge uns wie einem, der lange an einer Tür gedrückt hat, und nun geht sie plötzlich von innen auf, und er stößt ins Leere und fällt auf die Nase. Das ist ein krankhafter, finsterer, <hi rend="italic">unfreier Zustand.</hi> Wenn wir vergeben, so heißt das, daß wir <hi rend="italic">unabhängig</hi> werden von dem Bösen, das dem da drüben anhaftet. Wir wollen es gar nicht mehr damit zu tun haben, sondern <hi rend="italic">mit ihm selbst.</hi> Wir können ja sein Böses <hi rend="italic">immer noch hassen</hi> und verabscheuen, aber das ist sozusagen selbstverständlich, nicht mehr so überaus wichtig. Wir können es in aller Ruhe und Überlegenheit tun. <anchor type="note" xml:id="fn-3"/>Es geht uns auch da im kleinen <hi rend="italic">wie Gott selbst.</hi> Auch Gott selbst ist ja ohne die Vergebung gleichsam <hi rend="italic">gebunden durch das Böse, das in der Welt geschieht.</hi> Das sehen wir im ganzen Alten Testament. Gott muß sich da immer <hi rend="italic">richten</hi> nach der Unvollkommenheit der Menschen, sein wahres Wesen ist <hi rend="italic">verborgen</hi> hinter den Wolken der Sünde, hinter den Bluttaten der Richter und der Könige, hinter dem Zorn des <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName> [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.18.40">1.Kön. 18,40</ref>], hinter den Gerichtsworten der Propheten und hinter den steinernen Mauern und Opferdämpfen des Tempels. Indem Gott vergibt, macht er sich <hi rend="italic">frei</hi>, er <hi rend="italic">richtet sich nicht</hi> mehr nach dem Gegner, er zeigt sich, wie er ist, und geht seinen <hi rend="italic">eignen Weg.</hi><note xml:id="n03" target="fn-3" n="3">Der Passus ist von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in eckige Klammern gesetzt.</note> <hi rend="italic">Wir</hi> dürfen auch unseren eignen Weg gehen, unabhängig vom Gegner, wenn wir in der Vergebung stehen. |</p>
            <p>Die dritte Freiheit der Vergebung gilt dem Gegner. Einander vergeben heißt <hi rend="italic">einander frei machen.</hi> Das besteht vor allem darin, daß man frei von einander <hi rend="italic">denkt.</hi> Daß man aufhört, miteinander <hi rend="italic">zu rechnen und zu rechten</hi>, die Einzelheiten des Bösen aneinander zu betrachten <pb ed="pga" xml:id="p395"/> und dann zu erwägen, <hi rend="italic">ob es noch langt</hi> zum Verstehen und Liebhaben. Wie oft muß ich meinem Bruder vergeben? Ist’s genug siebenmal? Und dann, wenn’s nicht mehr langt, ihn <hi rend="italic">verurteilen</hi> und strafen, d. h. dem Bösen das Böse entgegensetzen. Das heißt einander gefangen nehmen. <hi rend="italic">Wir alle schmachten</hi> in solchen Gefangenschaften. Man rechnet immer mit uns, nicht wahr? Man sucht mit scharfem Blick unsere Fehler, man redet darüber, man läßt es uns mit einer gewissen Lust merken, daß wir mehr als siebenmal gesündigt haben, man ist fertig mit uns. Und das tut uns weh. Das bessert und hilft uns nicht. Das macht uns zwar verlegen, aber auch trotzig. Jetzt beharren wir erst recht. Aber so machen wir es <hi rend="italic">auch Anderen.</hi> 99% vom Bösen, das die Bösen tun, kommt davon her, daß die Guten so gewaltig mit ihnen rechnen und richten, statt ihnen zu vergeben. Vergeben heißt <hi rend="italic">aufs Ganze gehen</hi>, nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal, überhaupt nicht mehr zählen, überhaupt nicht mehr die Einzelheiten so festnageln. <hi rend="italic">Das Ganze ist der Mensch</hi>, der lebendige Mensch da drüben, vielleicht in einer sehr armen [?] Haut, aber eben darin ein lebendiger Mensch, der <hi rend="italic">in großer Not ist</hi> und irgendwie noch eine Hoffnung hat. Als solcher will er verstanden sein, lieb gehabt sein, getragen sein. Er wartet darauf, daß wir <hi rend="italic">anerkennen</hi>, wie er es meint, nicht wie es herauskommt. Wenn das, was er meint, einmal anerkannt wäre, würde leicht und bald auch etwas anderes herauskommen. Es mag uns dieses Anerkennen <hi rend="italic">schwer fallen</hi>, aber doch wohl nicht schwerer, als es Gott fallen muß, zu anerkennen, wie wir es meinen. Jünger Jesu <hi rend="italic">verbreiten nicht Gerichtsluft</hi> um sich her, sondern Freiheitsluft, nicht Winterluft, in der die Bösen erst recht gefrieren, sondern Frühlingsluft, in der sie  auftauen. |</p>
            <p>Die vierte Freiheit in der Vergebung ist eine Freiheit <hi rend="italic">zwischen uns und dem Gegner.</hi> Es handelt sich zunächst gar <hi rend="italic">nicht darum</hi>, daß man einander <hi rend="italic">entgegenkommt</hi>, sich einander anpaßt und auf diese Weise miteinander auszukommen sucht. Man kann dem Anderen vergeben und dabei <hi rend="italic">ganz fest</hi> auf seinem Standpunkt und bei seiner Meinung verharren. Das Vergeben soll wahrhaftig nicht darin bestehen, daß wir <hi rend="italic">weich und lappig</hi><note xml:id="n04">= wie ein Waschlappen.</note> werden in dem, was wir für recht erkannt haben. Die Vergebung macht uns <hi rend="italic">in uns selbst fest</hi> und nicht lappig. Man muß <pb ed="pga" xml:id="p396"/> eben auch immer damit rechnen, daß <hi rend="italic">der Andere</hi>, dadurch daß wir ihm vergeben, zunächst <hi rend="italic">keineswegs anders</hi> wird. Auch er steht fest auf seiner törichten und verkehrten Sache. Wir haben eben alle gar harte Köpfe, z. T. soll es so sein, z. T. wäre es besser, wenn sie nicht so hart wären. Da stehen wir uns dann scheinbar nach wie vor <hi rend="italic">nutzlos und unfruchtbar gegenüber</hi>, ohne daß sich hüben und drüben etwas verändern kann. Wir sollen uns auch dazu <hi rend="italic">die Freiheit lassen.</hi></p>
            <p><anchor type="note" xml:id="fn-5"/>Zwischen <hi rend="italic">Gott und uns</hi> steht es ja ebenso. Man weist ja immer wieder mit einem gewissen Recht darauf hin, daß in den 1900 Jahren seit Christus eigentlich <hi rend="italic">nicht eben viel anders geworden sei</hi> in der Welt. Die Menschheit hat eben auch harte Köpfe. Gott läßt ihr die Freiheit dazu und vergibt trotzdem. Das Werk Gottes geht ja <hi rend="italic">trotzdem weiter;</hi> es ist ein <hi rend="italic">ewiges Haus</hi>, das da gebaut wird, und Gott <hi rend="italic">hat Zeit</hi>, unterdessen auf uns zu warten. Umsonst ist gar nichts von dem, was er sagt und tut in Christus.<note xml:id="n05" target="fn-5" n="5">Der Passus ist von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in eckige Klammern gesetzt.</note></p>
            <p>An dieses Trotzdem müssen wir auch <hi rend="italic">untereinander</hi> glauben. Die Hauptsache ist wirklich nicht die, daß der Eine oder Andere von <hi rend="italic">seinem Platze weicht</hi><note xml:id="n06"><ref corresp="A">Mskr.</ref> «weichen»; Korrektur vom Hrsg.</note>. Oft darf das geradezu gar nicht sein. Die Hauptsache ist, daß Gnade über die Menschen kommt, auch wenn sie gegeneinander stehen und stehen bleiben. Es gibt eine <hi rend="italic">Gemeinschaft im Gegensatz</hi>, die für das Reich Gottes wertvoller ist als die Gemeinschaft eines raschen Friedensschlusses. Die Gemeinschaft besteht dann in der gemeinsamen Quelle, aus der man hüben und drüben trinkt. Es wäre an vielen Orten [?] gut, wenn man sich das eingestehen würde, daß ja <hi rend="italic">gar nicht durchaus das, was man Frieden nennt</hi>, sein muß. Die Vergebung kann es auch ohne Frieden machen, weil sie <hi rend="italic">Gotteswerk</hi>, nicht Menschenwerk ist.</p>
            <p><hi rend="italic">Wir müssen</hi> aber diesen Boden der Freiheit betreten. Das ist <hi rend="italic">das Letzte</hi>, was wir uns sagen wollen. Es darf uns <hi rend="italic">nicht gehen</hi> wie dem Schalksknecht, der darum ein Schalksknecht war, weil er seinem König und sich selbst untreu wurde und mit seinem Mitknecht anders umging, als der König mit ihm umgegangen war. Das ist eine <hi rend="italic">ganz absurde</hi>, <hi rend="italic">unmögliche Geschichte</hi>, die uns nicht passieren darf. Da hört eben das Himmelreich auf, wenn wir die Vergebung haben und ver<pb ed="pga" xml:id="p397" break="no"/>leugnen. Das war ein aufgehobener Finger gegen <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> mit seiner Frage wegen der sieben Sünden seines Bruders. Wir möchten <hi rend="italic">alle nicht zurück</hi>, nicht wahr, auch wenn wir noch nicht weit vorwärts gekommen sind. Seht, wie stark uns Jesus <hi rend="italic">den Rückweg versperrt</hi>, indem er uns sagt, daß es ohne Vergeben keine Vergebung gibt. Er hat ein <hi rend="italic">starkes Zutrauen zu der Macht der Vergebung</hi>, daß er nichts Anderes von uns erwartet, als daß wir in ihr stehen und stehen bleiben; nun bewegt sind und weiterbewegt werden. Wir <hi rend="italic">müssen</hi> den Boden der Freiheit betreten, weil es nicht möglich ist, daß das Reich Gottes umsonst nahe herbeigekommen ist.</p> <!-- leerzeile --> 
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              <bibl corresp="kbga-songs-11" type="song"> Nr. 174 «Gott ist gegenwärtig» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName>, Strophen 1.2.4 (RG [1998] 162,1-3; EG 165,1.2.4; jeweils mit geringen Textabweichungen)</bibl>
              <bibl corresp="kbga-songs-15" type="song">Nr. 142 «Jesus Christus herrscht als König» von <persName ref="kbga-actors-2192">Ph. Fr. Hiller</persName>, Strophen 1.2.4 (RG [1998] 492,1.3b.4b.6; EG 123,1.3b.4b.7; jeweils mit Textabweichungen)</bibl> 
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