9. November 1919

Matthäus 18,21-35 (I)

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Matthäus 18,21-35 (I)
[Da trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft muß ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist’s genug siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Darum ist das Himmelreich gleich einem König, der mit seinen Knechten rechnen wollte. Und als er anfing zu rechnen, kam ihm einer vor, der war ihm zehntausend Pfund schuldig. Da er’s nun nicht hatte, zu bezahlen, hieß der Herr verkaufen ihn und sein Weib und seine Kinder und alles, was er hatte, und bezahlen. Da fiel der Knecht nieder und betete ihn an und sprach: Herr, habe Geduld mit mir, ich will dir’s alles bezahlen. Da jammerte den Herrn des Knechtes, und er ließ ihn los, und die Schuld erließ er ihm auch. Da ging derselbe Knecht hinaus und fand einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Groschen schuldig; und er griff ihn an und würgte ihn und sprach: Bezahle mir, was du mir schuldig bist! Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Habe Geduld mit mir; ich will dir’s alles bezahlen. Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis daß er bezahlte, was er schuldig war. Da aber seine Mitknechte solches sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten vor ihren Herrn alles, was sich begeben hatte. Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du Schalksknecht, alle diese Schuld habe ich dir erlassen, dieweil du mich batest; solltest du denn dich nicht auch erbarmen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? Und sein Herr ward zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis daß er bezahlte alles, was er ihm schuldig war. Also wird euch mein himmlischer Vater auch tun, so ihr nicht vergebet von eurem Herzen, ein jeglicher seinem Bruder seine Fehler.]

1. Die Vergebung müßten wir verstehen. Nicht nur gelegentlich daran denken, daß es eine Vergebung gibt, sondern die Vergebung verstehen, wie wir alle unsere Arbeit verstehen, damit umzugehen wissen, davon Bescheid geben können. Nicht nur gelegentlich zu ihr flüchten vor den dunklen Wogen unserer Selbstgerechtigkeit, sondern uns anklammern daran auf allen unseren Wegen, daß das die Hauptsache ist: es gibt eine Vergebung. Nicht nur ab und zu einmal sich vergeben lassen und selber vergeben, wenn gar keine andere Möglichkeit mehr ist, wie man eben in großer Verlegenheit etwas abhebt von dem, was man auf der Seite hat, sondern frisch und fröhlich leben von der Vergebung und vom Vergeben, wie ein reicher Mann es sich leisten |382 kann, zu geben von seinem Reichtum. Vergebung - das ist Leben, Gotteserkenntnis, Christentum - das ist das Eine, auf das wir mit allen unseren Zeitgenossen eigentlich warten, Trost und Rat und Hilfe, die wir einander schuldig sind, neue Kraft für uns selbst, aufzufahren mit Flügeln wie die Adler [Jes. 40,31], gnädig bedeckte Vergangenheit, klare, lebendige Gegenwart, unausdenkbar große, verheißungsreiche Zukunft. Warum leben wir nicht in der Vergebung, aus der Vergebung heraus? Das Himmelreich ist gleich einem Könige, der mit seinen Knechten rechnen wollte und dann - doch nicht rechnete, sondern - ließ ihn los, und die Schuld erließ er ihm auch. Das Himmelreich ist die Vergebung. Warum ist uns das Leben so rätselhaft schwer? warum unsere Gotteserkenntnis so dünn und unfruchtbar? unser Christentum so ohne Glanz und Wirkung? Warum seufzen wir mit Millionen vergeblich und immer vergeblich: Hüter, ist die Nacht bald hin [Jes. 21,11]?, bleiben uns gegenseitig das Beste schuldig, was wir einander sein und leisten sollten, fühlen uns so hoffnungslos müde? Warum klagt unser bisheriges Leben gegen uns, warum entrinnt uns Augenblick um Augenblick so merkwürdig unverstanden und ungenützt, warum können wir uns die Zukunft kaum anders denken, denn als immer größere Verwirrung und Auflösung, Tod für den Einzelnen, Untergang des Abendlandes, wie jüngst ein kluger Mann geschrieben1, für das Ganze unseres Lebens? Es ist ganz offenkundig: wir sind offenbar in dem Gefängnis, in das der Schalksknecht geworfen wurde, der seinem Könige so ungleich war, der vom Rechnen nicht lassen und ins Schuldenerlassen nicht hineinkommen konnte. Wir leben an der Vergebung vorbei. Darum gelingt es uns nicht. Darum will es noch nicht Tag werden. Denn ohne Vergebung kein Himmelreich. Oder sind wir am Ende doch nicht ganz ohne Vergebung? Ist sie am Ende die tiefste, mächtigste Tatsache unseres Lebens, die uns nur verborgen ist und darum nicht recht zur Geltung kommt? Leben wir am Ende heimlich von der Vergebung als von der einzigen Nahrung, die es überhaupt gibt, und käme es nur darauf an, einmal bewußt und stark und freudig davon zu leben, um alsbald der Lichter und Kräfte des Himmelreichs teilhaftig zu werden?

383 2. Was ist denn das: Vergebung? Etwas Königliches, antwortet unser Gleichnis. Das Werk eines Großen, Starken. Nicht Allen ist vergeben, und nicht Alle können vergeben, sondern die, denen es gegeben ist. Vergebung ist eine Freiheit, es sind aber nicht Alle frei. Vergebung ist nicht selbstverständlich, sie muß verstanden werden. Man muß König sein, um so große Schuld erlassen zu können. Vergebung ist die Macht Gottes gegen das Böse. Wir Menschen alle leiden am Bösen. Das Böse läßt uns nicht leben, nimmt uns den Atem. Das Böse ist immer zuerst auf dem Platz. Es hängt sich auch an unsere Rechtschaffenheit, Frömmigkeit, Liebe, es durchdringt sie von innen. Es zieht uns alle und Alles, was wir denken und tun, immer wieder in seinen Kreis. Da kann Keiner aus der Reihe tanzen, nicht Einer [vgl. Ps. 14,3 par.]. Auch unsere Kinder sind nicht unschuldig, wie man oft meint, sondern schuldig. Die hohen Berge von Gerechtigkeit, die Einzelne auftürmen können, mögen ein paar tausend Meter höher sein als die sie umgebenden Täler, aber Erde sind auch sie. Wir können heute mit Vielen unserer Zeitgenossen vorwärts streben (und wollen es tun!) oder mit vielen Anderen zurückhalten, und das mag da und dort auch nötig sein, aber wir bewegen uns vorwärts oder rückwärts im Kreis herum, etwas Neues kann daraus nicht werden. Wir können nicht heran an die 10 000 Pfund, die wir schuldig sind. Wir können nichts tun gegen das Böse, es ist uns zu groß, wir können nur leiden darunter, daß es in uns und den Anderen und in der Welt so groß ist. Versteht mich recht: Wir können freilich etwas tun. Wir können Entschlüsse fassen und Hoffnungen haben, wir können warten und eilen2, wir können stille sein und stürmen, wir können beten und arbeiten. Aber es fragt sich, ob mit dem allem etwas getan ist gegen das Böse. Es kann immer sein, und es ist fast immer so, daß das alles nur die Zuckungen und Seufzer sind, durch die der Kranke bekundet, daß er krank ist, nicht die helfenden Hände des Arztes, die den Kranken gesund machen. Mit unsrer Macht ist nichts getan3, auch mit unserem guten Willen nicht. Es braucht die Macht und den guten Willen des Königs, um die große Schuld zu erlassen. Gott allein tut etwas gegen das Böse. |384 Er, er allein hat Macht gegen das Böse. Wenn es unsereins4 gelingt, da etwas Wirkliches zu tun, dann tun wir es, weil Gott es tut, weil Gott uns seine Macht gegeben hat. Aber das ist ein Ereignis, eine Entdeckung, eine Revolution, ein Wunder, wenn in die Zeit hinein, in der das Böse herrscht, aus der Ewigkeit die Macht des Guten hineingestellt wird und wenn dann in unserem Wollen und Laufen wirklich etwas mitläuft von dieser Macht. Wir können dieses Wunder nicht umgehen und tun, als ob es auch sonst ginge. Es geht tatsächlich sonst nicht. |

Ich hatte vor einigen Wochen ein Gespräch mit einem tüchtigen und angesehenen Mann in Zofingen über den Sinn des Neuen Testaments. Der erschrak schon nach wenigen Worten und sagte mir: Wenn man die Dinge ansehen wollte, wie Jesus sie ansah, müßte sich ja die ganze Welt umkehren! Ich konnte ihm nur antworten: Ja, in der Tat, da müßte sich die ganze Welt umkehren, nicht mehr und nicht weniger. Das gerade ist der Sinn des Neuen Testaments, daß es keinen Sieg über das Böse gibt in der Welt, sondern nur indem sich die ganze Welt umkehrt. Die Vergebung allein sprengt die Ketten des Bösen. Die Vergebung allein macht das Leben möglich. Die Vergebung allein bringt uns wirklich weiter. Die Vergebung ist aber ein Werk von oben, nicht von unten. Die Vergebung wirft Alles um, wenn sie kommt, sonst ist sie nicht Vergebung. Also nicht nur das Böse, sondern auch unser Gutes, unsere Entschlüsse, Hoffnungen, Gewohnheiten, Gerechtigkeiten und Religionen. Die Vergebung ist auch für den klügsten, sichersten, gottinnigsten Menschen eine Überraschung, eine Beschämung. Die Vergebung stellt ausnahmslos alle menschlichen Standpunkte und Ordnungen vor die Notwendigkeit, daß Alles neu werden muß. Die Vergebung bringt alle Eisklumpen, zwischen denen wir jetzt leben, zum Schmelzen. Wir können uns das kaum ausdenken. Wir können uns eben Jesus kaum ausdenken. Denn das ist ja eben Jesus. Nicht der beste, frömmste Mensch in der Welt. Sondern der Sohn Gottes, der die Welt überwindet [vgl. Joh. 16,33]. Die Macht von oben, die Macht Gottes, die den Kreis des Bösen, der für uns immer geschlossen ist, sprengt. Die Macht Gottes, die alle Menschen beugt, um alle Menschen aufzurichten. Die Macht Gottes, die einen neuen Anfang macht. Das ist Jesus, der gekreuzigte und auferstandene Hei|385land, die Wende der Zeiten, das königliche Wort der Vergebung. Keine Entwicklung führt uns aus dem Bösen heraus, kein Fortschritt führt uns in das Gute, das wahre Gute, das Gott tut, hinein. Keine Brücke führt von hier nach dort. Aber «da jammerte den Herrn desselbigen Knechtes und ließ ihn los, und die Schuld erließ er ihm auch». Amen, so ist’s und dabei bleibt’s. Gott hat’s gesprochen, das kann man nicht fassen, das kann man nur glauben. Aber warum sollten wir nicht glauben? Wir sehnen uns jedenfalls alle danach, glauben zu können. Und indem wir uns danach sehnen, glauben wir schon. Wir glauben, lieber Herr, hilf unserem Unglauben [vgl. Mk. 9,24]!, nicht wahr, so steht’s. Auf die Größe und Masse unseres Glaubens kommt es wahrlich nicht an. Ganz ohne Glauben ist niemand von uns. Und darum auch nicht ganz ohne die Macht gegen das Böse, die Gott hat und gibt. Denn das Licht des Heilands leuchtet uns nicht umsonst.

3. Vergeben heißt nicht Vergessen. Das Böse in unserem Leben, das wir tun und leiden, setzt sich ja aus tausend und tausend Einzelheiten zusammen. Aus einer langen Reihe von Trägheiten, Unaufrichtigkeiten, Eigennützigkeiten, Lieblosigkeiten und Überhebungen baut sich allmählich unser Leben auf, eins immer ans andere sich anschließend, und bekommt schließlich die Bezeichnung böse. So ist auch in jedem einzelnen Augenblick unseres Lebens ein Zusammenhang von Kurzsichtigkeit, Eitelkeit, Übereilung, Nachlässigkeit und Härte, und wenn wir aufrichtig sind, erkennen wir diesen Zusammenhang und nennen ihn böse, auch in den sogenannten guten Stunden, die wir haben. So ist auch das Böse in der Welt ein Meer von bösen Einzelheiten. Es ist grauenvoll, darüber nachzudenken, wieviel solche Einzelheiten es gegeben hat in den Kriegs- und Revolutionsjahren, aus denen wir kommen, z. B. an die Leiden der Kriegsgefangenen, an die Leiden, die in den großen Städten Deutschlands und Österreichs durchgemacht worden sind und noch werden, an das ungeheure Netz des Bösen, das sich zusammenziehen mußte, als der Krieg ausbrach, an die Greuel, die einzig in Rußland zuerst von oben und nachher folgerichtig auch von unten verübt worden sind. Alle diese Einzelheiten in uns und in der Welt sind nicht vergessen. Es ist Alles vor Gott. Was wir Böses tun und wenn es nur in Gedanken wäre, das hat seine Wirkung - den Schaden, den wir anrichten, die Lüge, die wir |386 stark machen, die Tränen, die wir verursachen, das Murren und die Verzweiflung, die unsertwegen in den Herzen sind, die Kälte, die wir um uns her verbreiten, Gott sieht und hört Alles, und wenn unsere Härte, unser Übermut, unsere Faulheit noch so verborgen und von uns selbst längst vergessen wären. Was der Mensch sät, das muß er ernten [Gal. 6,7]. Es gibt vor Gott auch keine Kleinigkeiten. Die sogenannten Kleinigkeiten, böse, abweisende Gesichter, die wir machen, schlecht angebrachte Scherzworte, die wir uns leisten, kleine Rachen und Triumphe, die wir uns gestatten, sind vielleicht in ihrer Wirkung und vor Gott schlimmer als das, was wir für unsere große Sünde halten. Denken wir daran: es zählt Alles. Die große Schuld des Schalksknechts setzt sich ja sicher auch aus lauter einzelnen Nachlässigkeiten und Veruntreuungen zusammen. Alle miteinander bildeten die große Schuld der 10 000 Pfund, die er nicht bezahlen konnte. |

Aber da war die große Wendung in seiner Geschichte, daß er nun diese ganze große Summe gerade nicht bezahlen mußte. Es wurde unerbittlich gerechnet und gerechnet, bis die bitterböse Summe dastand schwarz auf weiß, und dann wurde auf einmal nicht mehr gerechnet, nicht weil der Knecht bezahlen konnte, das war ja lauter Einbildung, wenn er meinte, er könne das, sondern weil der König der König war und nicht mehr rechnen wollte: er ließ ihn los, und die Schuld erließ er ihm auch! Das ist die Vergebung. Vergeben heißt aufheben, bewegen, hinwegtragen: Alles, das Ganze in allen seinen Einzelheiten miteinander. Nichts wird vergessen, nichts übersehen, es ist Alles beieinander. Es kommt Alles aus der gleichen Quelle, und es strömt Alles demselben Meer zu: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an [Gen. 8,21]! Wir sind gerichtet, wir sind verloren. Es könnte ja auch uns einfallen, mit jenem Knecht zu rufen: Habe Geduld mit mir, ich will es dir Alles bezahlen! Wir wollen versuchen uns [mit] immer neuer Buße und Heiligung und im Großen durch unentwegten Fortschritt auf der Bahn der Entwicklung aus dem Sumpf, in dem wir uns befinden, herauszuhelfen! Habe Geduld mit uns, wir werden das unendlich hohe Ziel in unendlich ferner Zeit doch einmal erreichen! Solche Rede wäre in unserem Mund nicht weniger töricht als im Munde jenes Knechts. Denn unsere Schuld ist wie die seinige unendlich. Wir werden nicht fertig damit. Was geschehen ist, ist geschehen und schreit |387 gegen uns. Was ich getan habe, das habe ich getan, und es klagt gegen mich. Es gibt keine Buße, durch die wir uns vom Bösen losmachen, und es gibt keinen Fortschritt, durch den wir über das Böse hinauskommen können. Es folgt uns und wird uns folgen, und wir sind verloren, wenn es beim Rechnen bleiben soll. |

Aber in Gott ist noch eine andere Möglichkeit. Gott kann sein Urteil über uns wenden vom Gericht zur Gnade, weil er Gott ist, weil er die Macht dazu hat! Gott kann über uns sprechen: Es werde Licht!, und es wird Licht, wie am ersten Schöpfungstage [Gen. 1,3]. Gott kann die Toten rufen, daß sie leben, und dem, was nicht ist, daß es sei [Röm. 4,17], und wenn Gott spricht, so geschieht es, er gebietet, so stehet es da [Ps. 33,9]. Gott kann durch all das böse Dichten und Trachten des menschlichen Herzens hindurch in dieses seltsame Menschenherz selbst hineinsehen und sehen, daß es trotz Allen und Allem in seiner ganzen Sünde und Schande doch ihm gehört, sein entweihter und zerstörter Tempel ist, hindurchhören durch all das wüste Geschwätz und Gelärm, das wir machen, und hören das verborgene Ja in uns, ohne das wir doch nicht so empörerisch [?] Nein sagen könnten, hören den Ruf der Sehnsucht in uns, den wir immer versteckt haben, die Stimme der Aufrichtigkeit, die wir immer betäubten, den Schrei der inneren Not, den wir immerfort erwürgten, weil wir uns selbst nicht verstanden. Ja, Gott sieht und hört das in uns, was wir selbst nicht sehen und hören, und was Gott sieht und hört, das ist, das ist Wahrheit, mehr Wahrheit als alles Andere, was sonst leider wahr ist. Gott versteht uns, versteht sie, die Zöllner und Sünder, die Atheisten und die frommen Heuchler, die bösen Militaristen und Kapitalisten und die bösen Bolschewisten und uns Mittelmenschen alle damit. Die Unterschiede zwischen uns sind so groß nicht, wie wir denken. Wir sind ja alle Menschen, Menschen! Menschen mit 10 000 Pfund Schulden, mit böser Vergangenheit und bösem Gewissen, aber auch mit einem Herzen, dessen bestes Teil darin besteht, daß ihm etwas fehlt, Gott selbst. Gott weiß, wie wir alle es meinen, wir mit unseren Nerven und Instinkten und unterbewußten Trieben, wir mit unserer Streitsucht und Spottlust, wir mit unserem Übermut und unserer Verzagtheit, Gott weiß es, und noch einmal sage ich: was Gott weiß, das ist, das ist die sicherste Tatsache unseres Lebens, sicherer als alles Andere. Es ist eine neue Macht, in deren Gewalt wir kommen, wenn Gott uns |388 sieht und hört und versteht im Grund unseres Wesens. Nicht wir sind von unten her an das Gute herangekommen, sondern das Gute ist von oben her an uns herangekommen. Der Anfang eines total neuen Lebens wird da gesetzt und gepflanzt, der das Alte auf die Seite drängt, zerbricht und ersetzt. Es ist der Keim einer neuen, vom Bösen erlösten Menschheit, der da ins Erdreich eingesetzt wird. Und das geschieht uns nicht einmal, das ist nicht ein Erlebnis neben anderen Erlebnissen, das ist Gottes Haltung überhaupt, das ist Gottes Bedeutung [?] für uns und unser Leben, daß wir so von ihm gesehen, gehört, verstanden werden und daß es so bei aller Größe des Bösen immer wieder einen neuen Lebensanfang und Weltanfang gibt von ihm her. |

Seht, das ist die Vergebung: daß Gott immer wieder das Ganze zusammennimmt, nicht um weiter mit uns zu rechnen und zu rechten, sondern um es zu heben, zu bewegen, hinwegzutragen. Das ist die Vergebung, daß immer wieder dieser unser Anfang in Gott durchbricht, daß Gott es aus uns hervorholt, was wir eigentlich und im tiefsten Grunde sind. Wenn wir unser Böses vergessen und übersehen wollen, wenn wir es unerledigt hinter uns zurücklassen, dann werden wir nicht davon erlöst. Die Vergebung aber, die Wendung, die Gott selbst macht gegen das böse Ganze unseres Lebens hin, die erlöst uns. Gott ist stärker als das Böse. Er kann neue Menschen machen und tut es. Es jammerte den Herrn! Weil er der Herr ist, ist seine Barmherzigkeit kein schwaches Mitleid, sondern starke, befreiende Tat. Wir müssen ihn nur tun lassen. Dann tut er’s. Dann kehrt sich die Welt um. Dann kommen wir auf neuen Boden zu stehen. Obwohl unsere Sünde blutrot ist [Jes. 1,18]. Obwohl wir armen Menschen von heutzutage in einer geradezu furchtbaren inneren Auflösung unseren Weg sehen und gehen. Vielleicht gerade darum, gerade heute! Die Not ist zum Höchsten gestiegen. Ich hebe aber meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt [Ps. 121,1]. Nur in keiner Gottverlassenheit der Seele und der Zeit dieses Aufheben unserer Augen vergessen! Nur nicht stecken bleiben und auch Andere nicht stecken lassen im Bösen!|

Wir wollen am nächsten Sonntag Weiteres hören aus diesem Gleichnis. Nur noch eins: In Christus ist alles das Wahrheit, was wir heute hörten. Denn um unserer Sünde willen ist er dahingegeben und um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt [Röm. 4,25]. Er hat uns |389 Gottes Gedanken, die Vergebung und ihre Macht verkündigt. Wer aus der Wahrheit ist, der hört seine Stimme [Joh. 18,37].

Lieder5:
  • Nr. 241 «Ich will dich lieben, meine Stärke» vonJ. Scheffler (RG [1998] 682; EG 400) 🎵
  • Nr. 129 «Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin» von L. Lorenzen (RG [1998] 483; EG 114) 🎵

Sachfußnoten

1
Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes. Umriss einer Morphologie der Weltgeschichte, Bd.1: Gestalt und Wirklichkeit, München 1918 📖 (Bd.2 erschien 1922; Neuausgabe in einem Band Zürich 1980 📖).↩
2
Vgl. oben S. 180, Anm.5.↩
3
M. Luther, «Ein feste Burg ist unser Gott», Strophe 2 (GERS [1891] 157; RG [1998] 32; EG 362) 🎵.↩
4
= unsereinem.↩
5
Strophenangaben fehlen.↩