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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Matthäus 18,21-35 (I)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 18,21-35 (I), 9. November 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39047 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 397.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Matthäus 18,21-35 (I)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">397</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 18,21-35 (I), 9. November 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1931">KBA 1474</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-11-09">9. November 1919</date>
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          <head><idno>492</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag, den <date when="1919-11-09">9. November 1919</date>
          </dateline>


          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.21 Mt.18.35">Matthäus 18,21-35</ref>
              <span><idno>I</idno></span>
              <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Da trat <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> zu ihm und sprach: Herr, wie oft
                  muß ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist’s genug siebenmal?
                  Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.
                  Darum ist das Himmelreich gleich einem König, der mit seinen Knechten rechnen
                  wollte. Und als er anfing zu rechnen, kam ihm einer vor, der war ihm zehntausend
                  Pfund schuldig. Da er’s nun nicht hatte, zu bezahlen, hieß der Herr verkaufen ihn
                  und sein Weib und seine Kinder und alles, was er hatte, und bezahlen. Da fiel der
                  Knecht nieder und betete ihn an und sprach: Herr, habe Geduld mit mir, ich will
                  dir’s alles bezahlen. Da jammerte den Herrn des Knechtes, und er ließ ihn los, und
                  die Schuld erließ er ihm auch. Da ging derselbe Knecht hinaus und fand einen
                  seiner Mitknechte, der war ihm hundert Groschen schuldig; und er griff ihn an und
                  würgte ihn und sprach: Bezahle mir, was du mir schuldig bist! Da fiel sein
                  Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Habe Geduld mit mir; ich will dir’s alles
                  bezahlen. Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis
                  daß er bezahlte, was er schuldig war. Da aber seine Mitknechte solches sahen,
                  wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten vor ihren Herrn alles, was sich
                  begeben hatte. Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du
                  Schalksknecht, alle diese Schuld habe ich dir erlassen, dieweil du mich batest;
                  solltest du denn dich nicht auch erbarmen über deinen Mitknecht, wie ich mich über
                  dich erbarmt habe? Und sein Herr ward zornig und überantwortete ihn den Peinigern,
                  bis daß er bezahlte alles, was er ihm schuldig war. Also wird euch mein
                  himmlischer Vater auch tun, so ihr nicht vergebet von eurem Herzen, ein jeglicher
                  seinem Bruder seine Fehler.]
                </hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <div type="main">
          <p>
            <hi rend="italic">1.</hi>
            <hi rend="italic">Die Vergebung</hi> müßten wir verstehen. Nicht nur gelegentlich daran
            denken, daß es eine Vergebung gibt, sondern <hi rend="italic">die Vergebung
              verstehen</hi>, wie wir alle unsere Arbeit verstehen, damit umzugehen wissen, davon
            Bescheid geben können. Nicht nur gelegentlich zu ihr flüchten vor den dunklen Wogen
            unserer Selbstgerechtigkeit, sondern <hi rend="italic">uns anklammern daran</hi> auf
            allen unseren Wegen, daß das die Hauptsache ist: es gibt eine Vergebung. Nicht nur ab
            und zu einmal sich vergeben lassen und selber vergeben, wenn gar keine andere
            Möglichkeit mehr ist, wie man eben in großer Verlegenheit etwas abhebt von dem, was man
            auf der Seite hat, sondern frisch und fröhlich <hi rend="italic">leben von der
              Vergebung</hi> und vom Vergeben, wie ein reicher Mann es sich leisten <pb ed="pga" xml:id="p382"/> kann, zu geben von seinem Reichtum. Vergebung - <hi rend="italic">das
              ist Leben</hi>, Gotteserkenntnis, Christentum - das ist <hi rend="italic">das
              Eine</hi>, auf das wir mit allen unseren Zeitgenossen eigentlich warten, <hi rend="italic">Trost und Rat und Hilfe</hi>, die wir einander schuldig sind, <hi rend="italic">neue Kraft</hi> für uns selbst, aufzufahren mit Flügeln wie die Adler
              [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.40.31">Jes. 40,31</ref>], gnädig bedeckte <hi rend="italic">Vergangenheit</hi>, klare, lebendige <hi rend="italic">Gegenwart</hi>,
            unausdenkbar große, verheißungsreiche <hi rend="italic">Zukunft.</hi>
            <hi rend="italic">Warum leben wir nicht</hi> in der Vergebung, aus der Vergebung heraus?
              <hi rend="italic">Das Himmelreich</hi> ist gleich einem Könige, der mit seinen
            Knechten rechnen wollte und dann - doch nicht rechnete, sondern - ließ ihn los, und die
            Schuld erließ er ihm auch. Das Himmelreich ist die Vergebung. <hi rend="italic">Warum
              ist uns das Leben</hi> so rätselhaft schwer? warum unsere <hi rend="italic">Gotteserkenntnis</hi> so dünn und unfruchtbar? unser <hi rend="italic">Christentum</hi> so ohne Glanz und Wirkung? Warum <hi rend="italic">seufzen wir</hi>
            mit Millionen vergeblich und immer vergeblich: Hüter, ist die Nacht bald hin [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.21.11">Jes. 21,11</ref>]?, bleiben uns gegenseitig <hi rend="italic">das Beste schuldig</hi>, was wir einander sein und leisten sollten,
            fühlen uns so hoffnungslos müde? Warum klagt unser <hi rend="italic">bisheriges
              Leben</hi> gegen uns, warum entrinnt uns Augenblick um Augenblick so merkwürdig
            unverstanden und ungenützt, warum können wir uns die <hi rend="italic">Zukunft</hi> kaum
            anders denken, denn als immer größere Verwirrung und Auflösung, Tod für den Einzelnen,
            Untergang des Abendlandes, wie jüngst ein kluger Mann geschrieben<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-4990"><persName ref="kbga-actors-780">Oswald Spengler</persName>, <hi rend="italic">Der Untergang des Abendlandes. Umriss einer
                Morphologie der Weltgeschichte</hi>, Bd.1: <hi rend="italic">Gestalt und
                Wirklichkeit</hi>, München 1918</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-1917">Bd.2 erschien 1922; Neuausgabe in einem Band Zürich
              1980</bibl>).</note>, für das Ganze unseres Lebens? Es ist ganz offenkundig: wir sind
            offenbar in dem <hi rend="italic">Gefängnis</hi>, in das der Schalksknecht geworfen
            wurde, der seinem Könige so ungleich war, der vom Rechnen nicht lassen und ins
            Schuldenerlassen nicht hineinkommen konnte. Wir leben <hi rend="italic">an der Vergebung
              vorbei.</hi> Darum gelingt es uns nicht. Darum will es noch
            nicht Tag werden. Denn ohne Vergebung
            kein Himmelreich. Oder sind wir am Ende <hi rend="italic">doch nicht ganz</hi> ohne
            Vergebung? Ist sie am Ende die tiefste, mächtigste <hi rend="italic">Tatsache unseres
              Lebens</hi>, die uns nur verborgen ist und darum nicht recht zur Geltung kommt? <hi rend="italic">Leben wir am Ende</hi> heimlich von der Vergebung als von der einzigen
            Nahrung, die es überhaupt gibt, und käme es nur darauf an, einmal bewußt und stark und
            freudig davon zu leben, um alsbald der Lichter und Kräfte des Himmelreichs teilhaftig zu
            werden?</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><pb ed="pga" xml:id="p383" rend="noPipe"/>
            <hi rend="italic">2.</hi> Was ist denn das: Vergebung? <hi rend="italic">Etwas
              Königliches</hi>, antwortet unser Gleichnis. Das Werk eines Großen, Starken. <hi rend="italic">Nicht Allen</hi> ist vergeben, und nicht Alle können vergeben, sondern
            die, denen es gegeben ist. Vergebung ist eine <hi rend="italic">Freiheit</hi>, es sind
            aber nicht Alle frei. Vergebung ist nicht selbstverständlich, sie muß <hi rend="italic">verstanden</hi> werden. Man muß <hi rend="italic">König sein</hi>, um so große Schuld
            erlassen zu können. Vergebung ist die <hi rend="italic">Macht Gottes</hi> gegen das
            Böse. Wir Menschen alle <hi rend="italic">leiden am Bösen.</hi> Das Böse läßt uns <hi rend="italic">nicht leben</hi>, nimmt uns den Atem. Das Böse ist immer <hi rend="italic">zuerst</hi> auf dem Platz. Es <hi rend="italic">hängt sich auch</hi> an
            unsere Rechtschaffenheit, Frömmigkeit, Liebe, es durchdringt sie von innen. Es <hi rend="italic">zieht uns alle</hi> und Alles, was wir denken und tun, immer wieder in
            seinen Kreis. Da <hi rend="italic">kann Keiner</hi> aus der Reihe tanzen, nicht Einer
            [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.14.3">Ps. 14,3</ref> par.]. Auch <hi rend="italic">unsere Kinder</hi> sind nicht unschuldig, wie man oft meint, sondern
            schuldig. Die <hi rend="italic">hohen Berge</hi> von Gerechtigkeit, die Einzelne
            auftürmen können, mögen ein paar tausend Meter höher sein als die sie umgebenden Täler,
            aber Erde sind auch sie. Wir können heute mit Vielen unserer Zeitgenossen <hi rend="italic">vorwärts streben</hi> (und wollen es tun!) oder mit vielen Anderen <hi rend="italic">zurückhalten</hi>, und das mag da und dort auch nötig sein, aber wir
            bewegen uns vorwärts oder rückwärts im Kreis herum, etwas Neues kann daraus nicht
            werden. Wir <hi rend="italic">können nicht heran</hi> an die 10 000 Pfund, die wir
            schuldig sind. Wir können <hi rend="italic">nichts tun gegen das Böse</hi>, es ist uns
            zu groß, wir können nur leiden darunter, daß es in uns und den Anderen und in der Welt
            so groß ist. Versteht mich recht: Wir können freilich etwas tun. Wir können <hi rend="italic">Entschlüsse fassen</hi> und Hoffnungen haben, wir können <hi rend="italic">warten</hi> und eilen<note xml:id="n02">Vgl. oben <ref target="../volume/39/p180#fn_n05" type="pub">S. 180, Anm.5</ref>.</note>,
            wir können <hi rend="italic">stille sein</hi> und stürmen, wir können <hi rend="italic">beten</hi> und arbeiten. Aber es fragt sich, ob mit dem allem <hi rend="italic">etwas
              getan ist</hi> gegen das Böse. Es kann immer sein, und es ist fast immer so, daß das
            alles nur die <hi rend="italic">Zuckungen und Seufzer</hi> sind, durch die der Kranke
            bekundet, daß er krank ist, nicht die helfenden Hände des Arztes, die den Kranken gesund
            machen. <hi rend="italic">Mit unsrer Macht</hi> ist nichts getan<note xml:id="n03"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-59"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, «Ein feste Burg ist unser Gott», Strophe 2 (GERS [1891] 157; RG [1998] 32;
              EG 362)</bibl>.</note>, auch mit unserem guten Willen nicht. Es braucht die Macht und den
            guten Willen des Königs, um die große Schuld  zu erlassen. Gott <hi rend="italic">allein tut etwas</hi> gegen das Böse.
              <pb ed="pga" xml:id="p384"/> Er, er allein hat Macht gegen das Böse. Wenn es <hi rend="italic">unsereins</hi><note xml:id="n04">= unsereinem.</note>
            <hi rend="italic">gelingt</hi>, da etwas Wirkliches zu tun, dann tun wir es, weil Gott
            es tut, weil Gott uns seine Macht gegeben hat. Aber <hi rend="italic">das ist ein
              Ereignis</hi>, eine Entdeckung, eine Revolution, ein Wunder, wenn <hi rend="italic">in
              die Zeit hinein</hi>, in der das Böse herrscht, aus der Ewigkeit die Macht des Guten
              <hi rend="italic">hineingestellt</hi> wird und wenn dann in unserem Wollen und Laufen
            wirklich etwas <hi rend="italic">mitläuft</hi> von dieser Macht. Wir können dieses
            Wunder <hi rend="italic">nicht umgehen</hi> und tun, als ob es auch sonst ginge. Es geht
            tatsächlich sonst nicht. |</p>
          <p>Ich hatte vor einigen Wochen ein Gespräch mit einem tüchtigen und angesehenen Mann in
            <placeName ref="kbga-places-360">Zofingen</placeName> über den <hi rend="italic">Sinn des Neuen Testaments.</hi> Der erschrak schon
            nach wenigen Worten und sagte mir: Wenn man die Dinge ansehen wollte, wie Jesus sie
            ansah, müßte sich ja die ganze Welt umkehren! Ich konnte ihm nur antworten: Ja, in der
            Tat, da müßte sich die ganze Welt umkehren, nicht mehr und nicht weniger. Das gerade ist
            der Sinn des Neuen Testaments, daß es <hi rend="italic">keinen Sieg über das Böse gibt
              in der Welt</hi>, sondern nur indem sich die ganze Welt umkehrt. <hi rend="italic">Die
              Vergebung allein</hi> sprengt die Ketten des Bösen. Die Vergebung allein macht das
            Leben möglich. Die Vergebung allein bringt uns wirklich weiter. Die Vergebung ist aber
            ein <hi rend="italic">Werk von oben</hi>, nicht von unten. Die Vergebung <hi rend="italic">wirft Alles um</hi>, wenn sie kommt, sonst ist sie nicht Vergebung. Also
            nicht nur das Böse, sondern <hi rend="italic">auch unser Gutes</hi>, unsere Entschlüsse,
            Hoffnungen, Gewohnheiten, Gerechtigkeiten und Religionen. Die Vergebung ist auch für den
            klügsten, sichersten, gottinnigsten Menschen <hi rend="italic">eine Überraschung</hi>,
            eine Beschämung. Die Vergebung stellt ausnahmslos <hi rend="italic">alle menschlichen
              Standpunkte</hi> und Ordnungen vor die Notwendigkeit, daß Alles neu werden muß. Die
            Vergebung bringt <hi rend="italic">alle Eisklumpen</hi>, zwischen denen wir jetzt leben,
            zum Schmelzen. Wir können uns das <hi rend="italic">kaum ausdenken.</hi> Wir können uns
            eben Jesus kaum ausdenken. Denn <hi rend="italic">das ist ja eben Jesus.</hi> Nicht der
            beste, frömmste Mensch in der Welt. Sondern der <hi rend="italic">Sohn Gottes</hi>, der
            die Welt überwindet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16.33">Joh. 16,33</ref>].
            Die <hi rend="italic">Macht von oben</hi>, die Macht Gottes, die den Kreis des Bösen,
            der für uns immer geschlossen ist, sprengt. Die Macht Gottes, die <hi rend="italic">alle
              Menschen beugt</hi>, um alle Menschen aufzurichten. Die Macht Gottes, die einen <hi rend="italic">neuen Anfang</hi> macht. Das ist Jesus, der gekreuzigte und
            auferstandene <hi rend="italic">Hei<pb ed="pga" xml:id="p385" break="no"/>land</hi>, die
              <hi rend="italic">Wende</hi> der Zeiten, das königliche <hi rend="italic">Wort</hi>
            der Vergebung. Keine <hi rend="italic">Entwicklung</hi> führt uns aus dem Bösen heraus,
            kein <hi rend="italic">Fortschritt</hi> führt uns in das Gute, das wahre Gute, das Gott
            tut, hinein. <hi rend="italic">Keine Brücke</hi> führt von hier nach dort. Aber «da
            jammerte den Herrn desselbigen Knechtes und ließ ihn los, und die Schuld
             erließ er ihm auch». Amen, so ist’s
            und dabei bleibt’s. <hi rend="italic">Gott hat’s gesprochen</hi>, das kann man nicht
            fassen, das kann man nur <hi rend="italic">glauben.</hi> Aber warum sollten wir nicht
            glauben? Wir <hi rend="italic">sehnen uns</hi> jedenfalls alle danach, glauben zu
            können. Und indem wir uns danach sehnen, <hi rend="italic">glauben wir schon.</hi> Wir
            glauben, lieber Herr, hilf unserem Unglauben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.9.24">Mk. 9,24</ref>]!, nicht wahr, so steht’s. Auf die <hi rend="italic">Größe
              und Masse</hi> unseres Glaubens kommt es wahrlich nicht an. Ganz ohne Glauben ist
            niemand von uns. Und darum auch <hi rend="italic">nicht ganz ohne die Macht</hi> gegen
            das Böse, die Gott hat und gibt. Denn das <hi rend="italic">Licht des Heilands</hi>
            leuchtet uns nicht umsonst.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Vergeben <hi rend="italic">heißt nicht
              Vergessen.</hi> Das Böse in unserem Leben, das wir tun und leiden, setzt sich ja aus
            tausend und tausend <hi rend="italic">Einzelheiten</hi> zusammen. Aus einer langen Reihe
            von Trägheiten, Unaufrichtigkeiten, Eigennützigkeiten, Lieblosigkeiten und Überhebungen
              <hi rend="italic">baut sich allmählich unser Leben</hi> auf, eins immer ans andere
            sich anschließend, und bekommt schließlich die Bezeichnung böse. So ist auch in <hi rend="italic">jedem einzelnen Augenblick</hi> unseres Lebens ein Zusammenhang von
            Kurzsichtigkeit, Eitelkeit, Übereilung, Nachlässigkeit und Härte, und wenn wir
            aufrichtig sind, erkennen wir diesen Zusammenhang und nennen ihn böse, auch in den
            sogenannten guten Stunden, die wir haben. So ist auch <hi rend="italic">das Böse in der
              Welt</hi> ein Meer von bösen Einzelheiten. Es ist grauenvoll, darüber nachzudenken,
            wieviel solche Einzelheiten es gegeben hat in den Kriegs- und Revolutionsjahren, aus
            denen wir kommen, z. B. an die Leiden der Kriegsgefangenen, an die Leiden, die in den
            großen Städten <placeName ref="kbga-places-151">Deutschlands</placeName> und <placeName ref="kbga-places-380">Österreichs</placeName> durchgemacht worden sind und noch werden, an
            das ungeheure Netz des Bösen, das sich zusammenziehen mußte, als der Krieg ausbrach, an
            die Greuel, die einzig in <placeName ref="kbga-places-297">Rußland</placeName> zuerst von oben und nachher folgerichtig auch von
            unten verübt worden sind. Alle diese Einzelheiten in uns und in der Welt sind <hi rend="italic">nicht vergessen.</hi> Es ist Alles vor Gott. Was wir Böses tun und wenn
            es nur in Gedanken wäre, das hat seine <hi rend="italic">Wirkung</hi> - den <hi rend="italic">Schaden</hi>, den wir anrichten, die <hi rend="italic">Lüge</hi>, die
            wir <pb ed="pga" xml:id="p386"/> stark machen, die <hi rend="italic">Tränen</hi>, die
            wir verursachen, das <hi rend="italic">Murren</hi> und die Verzweiflung, die unsertwegen
            in den Herzen sind, die <hi rend="italic">Kälte</hi>, die wir um uns her verbreiten,
            Gott sieht und hört Alles, und wenn unsere Härte, unser Übermut, unsere Faulheit noch so
            verborgen und von uns selbst längst vergessen wären. Was <hi rend="italic">der Mensch
              sät</hi>, das muß er ernten [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>]. Es gibt vor Gott <hi rend="italic">auch keine Kleinigkeiten.</hi> Die
            sogenannten Kleinigkeiten, böse, abweisende Gesichter, die wir machen, schlecht
            angebrachte Scherzworte, die wir uns leisten, kleine Rachen und Triumphe, die wir uns
            gestatten, sind vielleicht in ihrer
            Wirkung und vor Gott schlimmer als das, was wir für unsere große Sünde halten. Denken
            wir daran: <hi rend="italic">es zählt Alles.</hi> Die große Schuld des Schalksknechts
            setzt sich ja sicher auch aus lauter einzelnen Nachlässigkeiten und Veruntreuungen
            zusammen. Alle <hi rend="italic">miteinander</hi> bildeten die große Schuld der 10 000
            Pfund, die er nicht bezahlen konnte. |</p>
          <p>Aber <hi rend="italic">da war die große Wendung</hi> in seiner Geschichte, daß er nun
            diese ganze große Summe gerade <hi rend="italic">nicht bezahlen</hi> mußte. Es wurde
            unerbittlich gerechnet und gerechnet, bis die bitterböse Summe dastand schwarz auf weiß,
            und dann wurde auf einmal <hi rend="italic">nicht mehr gerechnet</hi>, nicht weil der
            Knecht bezahlen konnte, das war ja lauter Einbildung, wenn er meinte, er könne das,
            sondern <hi rend="italic">weil der König der König war</hi> und nicht mehr rechnen
            wollte: er ließ ihn los, und die Schuld erließ er ihm auch! Das ist die Vergebung.
            Vergeben heißt <hi rend="italic">aufheben</hi>, <hi rend="italic">bewegen,
              hinwegtragen:</hi> Alles, das Ganze in allen seinen Einzelheiten miteinander. <hi rend="italic">Nichts wird vergessen</hi>, nichts übersehen, es ist Alles beieinander.
            Es kommt Alles aus der gleichen Quelle, und es strömt Alles demselben Meer zu: Das
            Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.8.21">Gen. 8,21</ref>]! <hi rend="italic">Wir sind
            gerichtet</hi>, wir sind verloren. Es könnte ja auch uns einfallen, mit jenem Knecht zu
            rufen: <hi rend="italic">Habe Geduld mit mir</hi>, ich will es dir Alles bezahlen! Wir
            wollen versuchen uns [mit] immer neuer Buße und Heiligung und im Großen durch
            unentwegten Fortschritt auf der Bahn der Entwicklung aus dem Sumpf, in dem wir uns
            befinden, herauszuhelfen! Habe Geduld mit uns, wir werden das unendlich hohe Ziel in
            unendlich ferner Zeit doch einmal erreichen! Solche Rede wäre in unserem Mund <hi rend="italic">nicht weniger töricht</hi> als im Munde jenes Knechts. Denn unsere
            Schuld ist wie die seinige <hi rend="italic">unendlich.</hi> Wir werden <hi rend="italic">nicht fertig</hi> damit. Was <hi rend="italic">geschehen</hi> ist, ist
            geschehen und schreit <pb ed="pga" xml:id="p387"/> gegen uns. Was ich <hi rend="italic">getan habe</hi>, das habe ich getan, und es klagt gegen mich. Es gibt <hi rend="italic">keine Buße</hi>, durch die wir uns vom Bösen losmachen, und es gibt
            keinen Fortschritt, durch den wir über das Böse hinauskommen können. <hi rend="italic">Es folgt uns</hi> und wird uns folgen, und wir sind verloren, wenn es beim Rechnen
            bleiben soll. |</p>
          <p>Aber <hi rend="italic">in Gott ist noch eine andere Möglichkeit.</hi> Gott kann sein
            Urteil über uns <hi rend="italic">wenden vom Gericht zur Gnade</hi>, weil er Gott ist,
            weil er die Macht dazu hat! Gott kann über uns sprechen: <hi rend="italic">Es werde
              Licht!</hi>, und es wird Licht, wie am ersten Schöpfungstage [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.3">Gen. 1,3</ref>]. Gott <hi rend="italic">kann die Toten
              rufen</hi>, daß sie leben, und dem, was nicht ist, daß es sei [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.17">Röm. 4,17</ref>], und wenn Gott spricht, so geschieht es,
            er gebietet, so stehet es da [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.33.9">Ps. 33,9</ref>]. Gott kann durch all das böse Dichten und Trachten des
            menschlichen Herzens <hi rend="italic">hindurch</hi> in dieses seltsame Menschenherz selbst hineinsehen und
            sehen, daß es trotz Allen und Allem in seiner ganzen Sünde und Schande doch ihm gehört,
            sein entweihter und zerstörter Tempel ist, <hi rend="italic">hindurchhören</hi> durch
            all das wüste Geschwätz und Gelärm, das wir machen, und hören das verborgene Ja in uns,
            ohne das wir doch nicht so empörerisch [?] Nein sagen könnten, hören den Ruf der
            Sehnsucht in uns, den wir immer versteckt haben, die Stimme der Aufrichtigkeit, die wir
            immer betäubten, den Schrei der inneren Not, den wir immerfort erwürgten, weil wir uns
            selbst nicht verstanden. Ja, Gott <hi rend="italic">sieht und hört das in uns</hi>, was
            wir selbst nicht sehen und hören, und was Gott sieht und hört, <hi rend="italic">das
              ist</hi>, das ist Wahrheit, mehr Wahrheit als alles Andere, was sonst leider wahr ist.
              <hi rend="italic">Gott versteht uns</hi>, versteht sie, die Zöllner und Sünder, die
            Atheisten und die frommen Heuchler, die bösen Militaristen und Kapitalisten und die
            bösen <orgName ref="kbga-actors-8745">Bolschewisten</orgName> und uns Mittelmenschen alle damit. <hi rend="italic">Die
              Unterschiede</hi> zwischen uns sind so groß nicht, wie wir denken. Wir sind ja alle
            Menschen, Menschen! Menschen mit 10 000 Pfund Schulden, mit böser Vergangenheit und
            bösem Gewissen, aber auch mit einem <hi rend="italic">Herzen</hi>, dessen bestes Teil
            darin besteht, daß ihm etwas fehlt, Gott selbst. Gott weiß, <hi rend="italic">wie wir
              alle es meinen</hi>, wir mit unseren Nerven und Instinkten und unterbewußten Trieben,
            wir mit unserer Streitsucht und Spottlust, wir mit unserem Übermut und unserer
            Verzagtheit, Gott weiß es, und noch einmal sage ich: was Gott weiß, <hi rend="italic">das ist</hi>, das ist die sicherste Tatsache unseres Lebens, sicherer als alles
            Andere. Es ist <hi rend="italic">eine neue Macht</hi>, in deren Gewalt wir kommen, wenn
            Gott uns <pb ed="pga" xml:id="p388"/> sieht und hört und versteht im Grund unseres
            Wesens. Nicht wir sind von unten her an das Gute herangekommen, sondern <hi rend="italic">das Gute ist von oben her</hi> an uns herangekommen. <hi rend="italic">Der Anfang</hi> eines total neuen Lebens wird da gesetzt und gepflanzt, der das Alte
            auf die Seite drängt, zerbricht und ersetzt. Es ist <hi rend="italic">der Keim</hi>
            einer neuen, vom Bösen erlösten Menschheit, der da ins Erdreich eingesetzt wird. Und <hi rend="italic">das geschieht uns nicht einmal</hi>, das ist nicht ein Erlebnis neben
            anderen Erlebnissen, das ist Gottes <hi rend="italic">Haltung</hi> überhaupt, das ist
            Gottes <hi rend="italic">Bedeutung</hi> [?] für uns und unser Leben, daß wir so von ihm
              <hi rend="italic">gesehen, gehört, verstanden</hi> werden und daß es so bei aller
            Größe des Bösen immer wieder einen neuen <hi rend="italic">Lebensanfang</hi> und
            Weltanfang gibt von ihm her. |</p>
          <p>Seht, das ist die Vergebung: daß Gott immer wieder <hi rend="italic">das Ganze
              zusammennimmt</hi>, nicht um weiter mit uns zu rechnen und zu rechten, sondern um es
            zu heben, zu bewegen, hinwegzutragen. Das ist die Vergebung, daß immer wieder dieser <hi rend="italic">unser Anfang in Gott durchbricht</hi>, daß Gott es aus
            uns hervorholt, was wir eigentlich
            und im tiefsten Grunde sind. Wenn wir unser Böses vergessen und übersehen wollen, wenn
            wir es unerledigt hinter uns zurücklassen, dann werden wir nicht davon erlöst. Die
            Vergebung aber, die <hi rend="italic">Wendung, die Gott selbst macht</hi> gegen das böse
            Ganze unseres Lebens hin, die <hi rend="italic">erlöst</hi> uns. <hi rend="italic">Gott
              ist stärker</hi> als das Böse. Er kann <hi rend="italic">neue Menschen</hi> machen und
            tut es. Es <hi rend="italic">jammerte</hi> den Herrn! Weil er der Herr ist, ist seine
            Barmherzigkeit kein schwaches Mitleid, sondern <hi rend="italic">starke, befreiende
              Tat.</hi> Wir müssen ihn nur <hi rend="italic">tun lassen.</hi> Dann tut er’s. Dann
            kehrt sich die Welt um. Dann kommen wir auf neuen Boden zu stehen. Obwohl unsere <hi rend="italic">Sünde blutrot</hi> ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.1.18">Jes. 1,18</ref>]. Obwohl wir armen Menschen von heutzutage in einer geradezu
            furchtbaren <hi rend="italic">inneren Auflösung</hi> unseren Weg sehen und gehen.
            Vielleicht <hi rend="italic">gerade</hi> darum, gerade heute! Die Not ist zum Höchsten
            gestiegen. Ich <hi rend="italic">hebe aber meine Augen auf</hi> zu den Bergen, von
            welchen mir Hilfe kommt [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.121.1">Ps. 121,1</ref>].
              <hi rend="italic">Nur in keiner Gottverlassenheit</hi> der Seele und der Zeit dieses
            Aufheben unserer Augen vergessen! <hi rend="italic">Nur nicht stecken</hi> bleiben und
            auch Andere nicht stecken lassen im Bösen!|</p>
          <p>Wir wollen am nächsten Sonntag Weiteres hören aus diesem Gleichnis. Nur noch eins: In
            Christus ist alles das Wahrheit, was wir heute hörten. Denn um unserer Sünde willen ist
            er dahingegeben und um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.25">Röm. 4,25</ref>]. Er hat uns <pb ed="pga" xml:id="p389"/>
            Gottes Gedanken, die <hi rend="italic">Vergebung</hi> und ihre <hi rend="italic">Macht</hi> verkündigt. Wer aus der Wahrheit ist, der <hi rend="italic">hört</hi>
            seine Stimme [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.18.37">Joh. 18,37</ref>].</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder<note xml:id="n05">Strophenangaben fehlen.</note>:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-68" type="song"> Nr. 241 «Ich will dich lieben, meine Stärke»
              von<persName ref="kbga-actors-864"> J. Scheffler</persName> (RG [1998] 682; EG 400)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-10" type="song">Nr. 129 «Wach auf, mein Herz, die Nacht ist
              hin» von <persName ref="kbga-actors-8761">L. Lorenzen</persName> (RG [1998] 483; EG 114)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
